Cover

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Mein Name ist Riley und ich bin die Frau eines Hunters.

Einer aus Fleisch und Muskeln bestehenden Kampfmaschine, die dazu ausgebildet wurde, den Feind mit bloßen Händen zu zerreißen.

Ein tödliches Geschöpf, faszinierend und erschreckend zugleich.


Hier möchte ich euch meine Geschichte erzählen.

 

  

 

 

 

1. Kapitel

 

 


Er starrte mir auf die Brüste, während er mit mir sprach. Das übliche Gerede, von wegen, ich solle mich etwas erkenntlicher zeigen, dafür, dass er mir eine Arbeit gab und ich nicht auf der Straße leben musste. Dass es sich um einen miesen Job in einer Bar handelte, wo mich die betrunkenen Besucher regelmäßig betatschten oder mir widerliche Angebote unterbreiteten, interessierte ihn natürlich überhaupt nicht. Ich bekam jede Woche Geld von ihm und das war in unserer Welt von großem Wert. Einer Welt, geprägt von Armut, Hunger und Gewalt. Die meisten Menschen hatten kein Zuhause, zogen umher wie Nomaden oder lebten auf der Straße, bis der nächste Winter sie unter seiner samtenen Schneedecke begrub und dahinraffte.

Es gab nur wenige Orte, an denen die Finsternis noch nicht vorrangig herrschte: die Empire. Dort lebten die Privilegierten, geschützt von hohen, undurchdringlichen Mauern. Entweder hatte man Glück und wurde in diese höhere Gesellschaft hineingeboren oder man lebte außerhalb der Mauern im Umland und kämpfte sich von einem Tag in den nächsten.

Ich hatte kein Glück gehabt, denn ich kam außerhalb der Mauern zur Welt. Aber damals war es noch nicht so schlimm gewesen, und so konnte ich eine halbwegs friedliche Kindheit mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester in einer Siedlung verbringen. Bis diese eines Tages von einer Gruppe überrannt und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

Als einzige Überlebende, hatte ich entkommen können und war seitdem quer durch das Land gezogen. Vor einem knappen Jahr traf ich schließlich auf Karen und Danika, die mich bei sich aufnahmen und mich ihrem widerlichen Arbeitgeber vorstellten. Seitdem stand ich jeden Abend hinter dem morschen Tresen der Spelunke und versorgte die armselige Kundschaft mit billigem Alkohol. Dafür bekam ich ein regelmäßiges Einkommen und Sicherheit. Und deshalb musste ich mich erkenntlich zeigen. Auf welche Weise, das hatte mein Chef bisher noch nicht deutlich klargemacht.

Und wofür das Ganze? Nun, das musste ich wohl erst noch herausfinden. Denn momentan wusste ich nicht, wofür ich mich von Tag zu Tag durchkämpfte. Das Leben schien nicht besser zu werden, sondern nur trister, dunkler und hoffnungsloser. Jeder Tag war ein weiteres dunkles Kapitel, das ich aufschlug, nicht wissend, wann ich beim letzten ankommen würde.

»Besorg dir endlich anständige Kleidung, damit die Kundschaft auch was zu gucken hat«, sagte Baris und holte mich aus den Gedanken und Erinnerungen und damit zurück in das kleine, verdreckte Hinterzimmer, in dem wir beide standen und ich mir seine wöchentliche Predigt anhören musste.

Jedes Mal, wenn er nach vorne in den Hauptbereich der Spelunke kam, um mich zu einem Dienstgespräch zu holen, lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Ich konnte Baris nicht ausstehen - wahrscheinlich konnte das niemand - , aber ich durfte mir das nicht zu sehr anmerken lassen, denn auch wenn der Job ziemlich mies war, brauchte ich ihn und das Geld. Er verschaffte mir ein Dach über dem Kopf, und das war im tristen Umland wirklich Gold wert.

Nach seinen abfälligen Worten schaute ich an mir herunter und runzelte die Stirn. »Was stimmt denn nicht mit meiner Kleidung?«, fragte ich ihn, auch wenn ich die Antwort bereits ahnte.

»Zu viel Stoff. Männer wollen Haut sehen, dann zahlen sie mehr. Du willst doch dein Gehalt weiterhin bekommen, oder?«

Männer können mich mal am Arsch lecken. Und du auch!, entgegnete ich in Gedanken, hielt jedoch den Mund und nickte. »Schön, dann besorge ich mir demnächst etwas Neues zum Anziehen«, gab ich mich gefügig.

»Ich könnte dir bei der Wahl helfen«, schlug Baris nun mit einem anzüglichen Lächeln vor und strich mit zwei Fingern über meinen Oberarm.

Ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um ihm nicht ins Gesicht zu springen oder mich zu übergeben. Stattdessen trat ich einen Schritt zurück und öffnete die Tür. »Danke für das Angebot, aber ich komme prima allein zurecht.«

»Noch zierst du dich, mein hübsches Täubchen, aber ich weiß genau, was in deinem verdorbenen Kopf vor sich geht.«

»Nein, tust du nicht«, entgegnete ich mit einem gezwungenen Lächeln und schlüpfte schnell aus dem Hinterzimmer. »Ich gehe jetzt wieder an die Arbeit«, rief ich dabei.

Schnell hastete ich zurück hinter den Bartresen und atmete tief durch, um das aufsteigende Übelkeitsgefühl zu verdrängen. Danika, die zusammen mit mir Dienst hatte, musterte mich besorgt.

»Alles in Ordnung, Riley?«, fragte sie leise, damit die Gäste nichts mitbekamen.

»Er hat schon wieder diese Andeutungen gemacht«, erwiderte ich und stützte mich an der Spüle ab, während ich kurz die Augen schloss und tief Luft holte.

»Baris ist ein notgeiler Lüstling, aber er hat bloß eine große Klappe und nichts dahinter«, versuchte sie mich zu beruhigen.

»Bist du sicher?« Ich füllte ein Glas mit kaltem Wasser und trank es in einem Zug. So gelassen wie ich mich eben im Hinterzimmer gegeben hatte, war ich gar nicht. Es ekelte mich wahnsinnig an, wenn Baris so mit mir umging, aber ich zeigte es ihm nicht. Ich hoffte, dass er diese Annäherungen bald sein ließ, wenn er merkte, dass ich nicht darauf einging.

»Na klar. Er lässt hier und dort ein paar nervige Sprüche ab, aber sobald es ernst werden sollte, würde er sofort den Schwanz einziehen«, meinte Danika überzeugt.

»Das hoffe ich für ihn. Denn sollte er es wirklich irgendwann darauf anlegen und seinen Schwanz nicht einziehen, wird er Bekanntschaft mit meinem Knie machen. Eine sehr unschöne, schmerzhafte Bekanntschaft.«

Sie kicherte und zwinkerte mir mit einem Auge zu, bevor sie sich an einen Gast wandte, der wild mit der Hand herumwedelte und damit unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte.

»Schon gut, schon gut. Was kann ich Ihnen -« Danika stockte mitten im Satz, und als ich ihrem Blick folgte, erkannte ich den Grund dafür. Am Tresen standen zwei großgewachsene, breitschultrige Männer in Kampfmontur. Schwarze Lederjacken, schwarze Hosen und schwarze Stiefel. Und wenn das nicht schon furchterregend genug war, trugen sie auch noch ihre Waffen offensichtlich zur Schau.

Hunter.

Ich hatte die Krieger, die im Auftrag der Empire-Elite im Umland für Recht und Ordnung sorgten, bereits des Öfteren aus der Ferne gesehen. Doch jetzt, wo sie nur knapp zwei Meter von mir entfernt standen, wirkten sie noch machtvoller und bedrohlicher. Sehr beeindruckend.

»Wir nehmen zwei Whiskey«, sagte derjenige, der eben mit den Fingern geschnipst hatte. Seine dunklen Augen glitten von Danika zu mir, verharrten kurz auf meinem Gesicht und wandten ihren Blick schließlich seinem Begleiter zu.

Die Finger meiner Freundin zitterten leicht, als sie zwei Gläser mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit füllte und den beiden Huntern reichte. Das großzügige Trinkgeld stopfte sie in ihre Bauchtasche und warf mir einen fragenden Blick zu. Wir dachten wohl beide dasselbe: Was zum Teufel machten die Krieger hier in unserer trostlosen Spelunke? Es gab im Umland genug Hunter-Bars, in denen sie für ihre Getränke nicht einmal bezahlen mussten und wo willige Frauen arbeiteten, die nicht nur den Getränkeservice anboten, sondern auch ihre Körper. Was also führte die beiden hierher zu uns?

Während wir weiter unserer Arbeit nachgingen, bemerkte ich, dass der Hunter, der bestellt hatte, mich immer wieder von der Seite musterte. Das machte mich ziemlich nervös, auch wenn ich mir nach außen hin nichts anmerken ließ.

»Wie heißt du?«, fragte er plötzlich, und obwohl ich erst so tun wollte, als hätte ich ihn nicht gehört, entschied ich mich dagegen und teilte ihm meinen Namen mit.

Man hörte viel über die Hunter. Dass sie stark und erbarmungslos waren; dass sie einen Menschen mit ihren bloßen Händen töten konnten. Ich hatte garantiert nicht vor, mich mit einem von ihnen anzulegen. Sollte er doch meinen Namen kennen, das war mir egal.

»Ich bin Nikk«, fuhr er fort und hob sein mittlerweile leeres Glas an. »Schenkst du mir noch einen ein?«

»Natürlich.« Ich wischte meine feuchten Hände an einem Tuch ab und griff nach der Whiskey-Flasche. Zum Glück zitterten meine Finger nicht, als ich sein Glas wieder auffüllte, auch wenn ich sehr nervös war. Sein Blick war ziemlich aufdringlich.

»Du bist hübsch, Riley«, sagte Nikk unvermittelt und nahm einen großen Schluck von dem neu eingeschenkten Whiskey. »Was machst du an einem Ort wie diesem?«

»Arbeiten«, erwiderte ich schlicht. Auf sein Kompliment ging ich nicht ein. Schönheit war in meiner Welt bedeutungslos. Für mich sogar behindernd, denn sie lockte Verehrer an, die ich nicht haben wollte. So wie scheinbar auch den Hunter.

»Ja, das sehe ich, aber wieso ausgerechnet hier? Es gibt andere Bars, wo du viel besser hineinpassen würdest.«

»Wollen Sie mir etwa meine beste Bedienung abwerben, Sir?«, erschien plötzlich Baris neben mir und lachte ein ziemlich künstliches Lachen, das stark nach einem von zu viel Alkohol und Zigarren herrührenden Husten klang.

»Möchtest du denn abgeworben werden, Riley?«, richtete Nikk seine Frage an mich und seine dunklen Augen nahmen meinen Blick gefangen.

Ich verstand nicht, was das hier werden sollte, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich auf keinen Fall auf das Angebot des Hunters eingehen sollte, auch wenn Baris ein Widerling war und ich meinen Job hasste. »Nein, ich bin zufrieden mit meiner Arbeit hier«, erwiderte ich deshalb so aufrichtig wie möglich.

»Zu schade. Aber vielleicht änderst du ja deine Meinung noch.«

»Ich denke nicht, Sir.«

»Das werden wir schon noch sehen.« Er trank den Whiskey in einem letzten Zug aus und stellte das Glas zurück auf den Tresen. Dann nickte er seinem Begleiter knapp zu und verließ mit ihm zusammen die Bar.

»Eingebildeter Fatzke«, knurrte Baris neben mir und ließ seine Finger mit einem unschönen Geräusch knacken. »Ich hab zwar gesagt, dass du den Kunden schöne Augen machen sollst, Riley, aber keine falschen Hoffnungen.«

»Ich habe überhaupt nichts davon getan«, verteidigte ich mich sofort.

»Ja, ja, geh jetzt wieder an die Arbeit.«

Baris verschwand im Hinterzimmer und ich trat seufzend zu Danika, die das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet hatte.

»Was hatte das zu bedeuten?«, fragte sie nun und runzelte ihre Stirn, was mein ungutes Gefühl nur noch verstärkte.

»Keine Ahnung«, erwiderte ich und strich mir die losen Strähnen aus der Stirn.

Danikas Blick folgte meiner Bewegung. »Dein Ansatz ist kaum zu sehen«, murmelte sie und grübelte weiter. »Glaubst du, der Hunter hat es trotzdem bemerkt?«

Mein von Natur aus weißblondes Haar färbte ich mir nun schon seit einem Jahr in einem hässlichen Rotbraun. Laut Gerüchten, die überall kursierten, wurden Frauen mit hellem Haar von den privilegierten Männern gesammelt, als wären sie irgendwelche seltenen Kunstwerke. Vielleicht traf das Wort >selten< sogar exakt zu, denn außer meiner Schwester und mir kannte ich kein weibliches Wesen mit dieser Haarfarbe. Und wenn ich doch einer blonden Frau begegnete, dann stellte sich die Haarfarbe als nicht echt heraus.

»Wir müssen deinen Ansatz vorsichtshalber nachfärben«, fuhr Danika im Flüsterton fort.

»Ja, du hast Recht«, bestätigte ich nickend und drängte die aufsteigenden Sorgen beiseite. Ich durfte mich jetzt nicht verrückt machen. Wahrscheinlich hatte das Interesse des Hunters bloß darin bestanden, mich für sein Vergnügen anzuwerben. Das war schließlich nicht verboten, solange er auch ein Nein akzeptierte.

 

 


Die nächsten Abende verbrachte ich in angespannter Erwartung. Jedes Mal, wenn die Tür der Bar aufging, hielt ich den Atem an und entließ die Luft erst aus meinen Lungen, als ich unter den Ankömmlingen keinen Hunter erblickte. Und schließlich kam ich zu der Ansicht, dass ich viel zu viel in Nikks Worte hineininterpretiert hatte. Also nahm mein Leben wieder seinen gewohnten Lauf. Karen, Danika und ich blieben tagsüber in unserer kleinen Wohnung, wo wir uns vor den Gefahren, die überall lauerten, sicher fühlten, und abends wurden wir von Baris' Sicherheitsleuten abgeholt und zur Arbeit gefahren.

Oft kam ich mir vor wie eine Maschine, die funktionierte, aber nicht lebendig war. Mein Leben war seit knapp einem Jahr zur Routine geworden. Und manchmal - ganz selten - vermisste ich sogar das Leben, das ich davor geführt hatte. Zwar war es hart und unerbittlich gewesen, aber es hatte mich auch belebt. Der ständige Kampf ums Überleben hatte mich auf Trab gehalten, ich sah darin einen Sinn, indem ich jeden Tag von Neuem darum kämpfte, am Leben zu bleiben. Die einzige Freude, die ich jetzt noch empfand, bestand darin, einmal im Monat zusammen mit den anderen Frauen aus dem relativ sicheren Nord-Quarter im Umland in ein Einkaufszentrum vor den Toren des Empire zu fahren und mir dort Lebensmittel und Kleidung zu besorgen. Ansonsten waren wir gefangen in unseren vier Wänden oder mussten für einen Kerl schuften, den wir aufrichtig hassten.

»Aufwachen!« Karen schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht und grinste mich mit ihrem einnehmenden Lächeln an. Ihr feuerrotes Haar kringelte sich in wilden Locken um ihren Kopf und verlieh ihren nahezu perfekten Gesichtszügen etwas Abstraktes, was ich von Anfang an bewundert hatte. »Da ist jemand, der nach dir fragt.«

»Nach mir?« Ein Blick auf die andere Seite des Tresens ließ mich erstarren. »Verdammt.«

»Ich schätze, der Gute hat doch noch nicht aufgegeben.« Sie zuckte mit den Schultern und deutete mit einem Nicken auf den großgewachsenen Gast.

Ich straffte meine Schultern und trat zu ihm. »Was darf ich Ihnen bringen, Sir?«, fragte ich freundlich.

»Hallo, Riley. Wie geht es dir?«, entgegnete Nikk, ohne auf meine Frage einzugehen.

»Gut, danke der Nachfrage.«

»Schön. Hast du mich vermisst?«

»Dafür kenne ich Sie nicht gut genug«, wich ich diplomatisch aus.

Er lachte und seine dunklen Augen funkelten ganz schön Furcht einflößend. »Ich möchte dir eine Frage stellen, Riley.«

Nervös deutete ich ihm mit einem Nicken an, dass er fortfahren sollte.

»Wenn du die Chance hättest, hier herauszukommen, würdest du sie nutzen?«

Ich schluckte. Nahezu jede Nacht lag ich nach der Arbeit in meinem schmalen Bett und fragte mich, ob es irgendeine Möglichkeit gab, dem elenden Leben im Umland zu entkommen. Seit Jahren hegte ich die Hoffnung, dass es eines Tages besser werden würde, auch wenn es nicht danach aussah, und jetzt stand dieser gefährliche Mann vor mir und bot mir etwas an, an das ich nicht mehr zu glauben wagte.

»Kommt darauf an, wie die Bedingungen aussehen«, erwiderte ich schließlich mit belegter Stimme.

Nikks Mundwinkel verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. »Die sind gar nicht mal so übel«, sagte er geheimnisvoll und strich sich mit den Fingern über das kantige Kinn.

»Und das bedeutet?«, hakte ich nach, auch wenn mir eine innere Stimme riet, das Thema nicht weiter zu vertiefen.

»Ein besseres Leben, keine widerlichen Kerle, die ihre dreckigen Finger nach dir ausstrecken, Sicherheit.«

»Die Bedingungen, Sir«, wiederholte ich eindringlich. Das, was er da aufzählte, klang ja schön und gut, aber welchen Preis musste ich dafür zahlen? Wie hoch war er?

»Eine einzige Bedingung«, sagte Nikk und beugte sich ein Stück weiter zu mir vor. »Werde meine Geliebte.«

 

 


»Also, ich würde da nicht lange überlegen und zugreifen«, verkündete Karen ihre Meinung, als wir am nächsten Tag zu dritt am Küchentisch saßen und frühstückten.

Ich hatte Nikk am Vorabend keine Antwort auf seine Frage gegeben und war jeder weiteren Konversation ausgewichen, aber das bedeutete nicht, dass ich nicht länger über das, was er gesagt hatte, nachdachte. Seit Stunden tat ich nichts anderes mehr. In meinem Kopf wog ich Pro und Contra gegeneinander ab - und kam zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

»Du würdest einfach mit dem Hunter abhauen und uns hier zurücklassen?«, fragte Danika bestürzt nach und musterte Karen mit gerunzelter Stirn.

»Natürlich nicht. Ich würde ihn schnell um meinen Finger wickeln und dafür sorgen, dass er euch ebenfalls aus dem Elend hier herausholt«, fügte unsere Freundin sogleich hinzu.

»Und wie?«, wollte Danika nun wissen. Ich hätte auch gerne eine Antwort darauf gehabt.

»Wie ich ihn um den Finger wickeln würde?«

»Ja. Du weißt doch, was man über die Geliebten der Hunter erzählt. Sie bleiben nur für eine bestimmte Zeit und werden anschließend wie gebrauchte Ware weggeworfen.«

»Dann muss Riley sich eben unersetzbar machen«, sagte Karen so überzeugt, als wäre das ein Kinderspiel. »Hunter sind vielleicht knallhart, aber nicht komplett gefühlsfrei. Wenn dieser ... äh, Nikk ... sich in Riley verguckt, lässt er sie bestimmt nicht einfach wieder gehen. Und dann kann sie ihn sicher davon überzeugen, auch ihren Freundinnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Vielleicht in einem der Hunter-Hauptquartiere. Dort soll es unglaublich schön sein, habe ich gehört.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wie soll ich ihn denn dazu bringen, sich in mich zu vergucken? Ich kenne ihn doch überhaupt nicht.«

»Dann lernst du ihn eben kennen, findest heraus, was er mag, wie er tickt. Und schwupps«, sie schnipste mit den Fingern, »hast du ihn um den Finger gewickelt.«

»Dir ist doch bewusst, dass die Realität nicht aus albernen Liebesmärchen besteht, oder?«, meldete sich Danika wieder zu Wort. »Die Hunter wollen ihre Geliebten vögeln, nicht heiraten.«

Bei diesen Worten verzog ich das Gesicht. Wenn ich mir vorstellte, mit einem Mann wie Nikk ins Bett zu gehen ... Verdammt, diese Vorstellung sollte mich mehr verängstigen, als sie es tat! Sie war gar nicht so abstoßend, wie ich zunächst gedacht hatte. Dennoch kam es natürlich nicht in Frage, dass ich mich einfach so als willige Liebessklavin darbot.

»Das eine schließt das andere ja nicht automatisch aus«, entgegnete Karen lächelnd. »Sie verbringt ein paar nette Stunden mit ihm und schleicht sich nach und nach in sein Herz.« 

»Das ist eine verdammt naive Vorstellung«, warf ich ein. »Wir haben schon so viele Geschichten über die Hunter und ihre Geliebten gehört. Selbst wenn da mehr als bloße körperliche Anziehung vorhanden sein sollte – Hunter haben ihr Leben dem Schutz des Empire verpflichtet. Sie können ihre Aufgaben nicht einfach vernachlässigen und einen auf fröhliche Familie mit Frau und Kindern machen.«

Karen lehnte sich zurück gegen die Stuhllehne und zuckte resigniert mit den Schultern. »Fein. Ich wollte dir ja bloß ein wenig Mut zusprechen. Du hast die Chance, hier herauszukommen, Riley. Und meiner Meinung nach wärst du ganz schön dumm, diese Chance nicht zu ergreifen. Aber es liegt allein bei dir, was du draus machst.«

2. Kapitel

 



Die Stunden bis zum Abend verbrachte ich damit, mir ihre Worte immer und immer wieder durch den Kopf gehen zu lassen. Ein Teil von mir, der größere Teil, lehnte es komplett ab, auch nur daran zu denken, das Angebot des Hunters anzunehmen. Aber der andere Teil, so klein er auch sein mochte, sehnte sich danach, diesem ständigen Kampf ums Überleben und der stets präsenten Hoffnungslosigkeit im Umland zu entkommen. Und wäre es nur für eine befristete Zeit.

»Hör auf, zu träumen«, ermahnte ich mich selbst, schüttelte den Gedanken ab und machte mich für die Arbeit fertig.

Nikk befand sich bereits in der Bar, als Danika und ich dort zusammen mit Baris' Leibwächtern eintrafen. Ich grüßte ihn höflich, wich seinem Blick jedoch permanent aus, während ich meiner Arbeit nachging. Die ganze Zeit focht ich dabei einen inneren Kampf aus, in dem es darum ging, die richtige Entscheidung zu treffen. Falls es überhaupt eine richtige Entscheidung gab. Egal, welchen Weg ich wählte, er würde Gutes und Schlechtes mit sich bringen.

»Du wirst es nicht bereuen«, flüsterte plötzlich eine Stimme in mein Ohr und ich schreckte auf, als ich bemerkte, dass Nikk neben mir stand. »Wovor hast du Angst, Riley? Dass es dir zu sehr gefallen könnte?«

Ich trat einen Schritt von ihm weg, um die Distanz zwischen uns zu vergrößern. »Ich habe keine Angst«, sagte ich mit fester Stimme und war froh, dass ich wirklich überzeugend klang. »Ich steige bloß nicht mit jedem dahergekommenen Kerl ins Bett.«

Seine Lippen kräuselten sich wieder zu diesem selbstgefälligen Lächeln, das viele Frauen sicher sehr anziehend fanden. Auch in mir löste es ein aufregendes Kribbeln aus, aber bloß weil mein Körper auf seine Reize reagierte, bedeutete das nicht, dass ich mich Hals über Kopf in seine Arme stürzen würde. Nein, so naiv war ich nicht, dafür hatte ich bereits zu viel Grauen und Schrecken erlebt. Und von Huntern hielt ich grundsätzlich nicht besonders viel. Vielleicht noch weniger als von den Männern im Umland, die mir wenigstens einigermaßen vertraut waren.

»Im Klartext heißt das: Du möchtest mich erst einmal näher kennenlernen. Richtig?«, fragte Nikk im nächsten Moment.

»Zumindest wäre das ein Anfang.«

»Leider habe ich nicht die Zeit für romantische Verabredungen. Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, Riley.«

»Das ist mir bewusst. Sie sind ein Hunter, Sir. Und aus irgendeiner Laune heraus haben Sie beschlossen, mich zu umwerben. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil Ihnen ein wenig langweilig war oder weil Sie irgendetwas an mir entdeckt haben, das Ihnen gefällt. Ist ja auch egal, Sie haben sich nun mal in den Kopf gesetzt, mich zu Ihrer Geliebten zu machen. Aber bevor ich auch nur darüber nachdenke, mit zu Ihnen zu kommen, würde ich gerne mehr über Sie erfahren.«

»Gut. Was möchtest du wissen?« Er stützte sich mit einem Arm an der Wand in meinem Rücken ab und schaute mich auffordernd an.

Etwas überrumpelt, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er sich auf mein Frage-und-Antwort-Spiel einlassen würde, begann ich zu stottern: »Ähm ... naja, zuallererst ... würde ich gerne wissen, was genau Sie von mir ... beziehungsweise von einer Geliebten erwarten.«

»Ich muss dich aber doch nicht aufklären, oder?«, hakte er belustigt nach.

Ich verdrängte die aufkeimende Scham und reckte mein Kinn. »Nein, das ist nicht nötig, Sir. Ich bin bereits aufgeklärt.«

»Gut. Dann müsstest du ja wissen, was ich von dir erwarte. Gewisse körperliche Dienste. Sex. Heiße Spiele auf kühlen Laken. Und wenn du wünschst, kann ich auch noch weiter ins Detail gehen.«

»Nein, nein, das ist ausführlich genug«, unterbrach ich ihn hastig und schaute mich um, ob uns auch ja niemand belauschte. Danika war fleißig dabei, die wenigen Tische abzuwischen, und die drei Typen am Tresen waren bereits viel zu betrunken, um etwas mitzubekommen. Gott sei Dank!

»Hast du noch mehr Fragen, Riley?«, lenkte der Hunter meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

»Ich habe unzählige Fragen«, sagte ich und blies die Wangen auf.

»Zu schade, dass uns für das Geplauder keine Zeit mehr bleibt. Aber ich komme morgen Abend wieder«, versprach er.

»Ich dachte, Sie sind ein schwer beschäftigter Mann«, entgegnete ich herausfordernd. »Und doch haben Sie Zeit, ihre Abende in einer Bar zu verbringen und Fragen zu beantworten.«

»Hm.« Er lächelte und strich mit einem Finger über meine Unterlippe. »Diese Zeit nehme ich mir, weil ich dich will.«

Ein angenehmer Schauer rieselte meinen Rücken herab. Ich trat einen Schritt zur Seite, um seiner Berührung, die mich viel zu sehr aufwühlte, zu entkommen. »Na, dann sehen wir uns wohl morgen Abend wieder.« Ich nickte ihm knapp zu und huschte davon. Erst als er aus der Tür trat, wich die Spannung aus meinem Körper.

 



Nachdem die letzten Gäste gegangen waren, räumten Danika und ich den Laden auf und holten anschließend unseren Wochenlohn bei Baris ab.

»Riley, ich muss noch mit dir sprechen«, sagte dieser mit einem Blick auf seine Leibwächter. »Deine Freundin kann schon mal nach Hause fahren, du kommst später nach.«

Ich schluckte und schaute wenig begeistert in Danikas skeptische Miene. »Ich warte«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es ist ein privates Gespräch«, blaffte Baris sie an. »Und wenn du deinen Job behalten willst, solltest du das tun, was ich dir sage. Fahr nach Hause, ich sorge dafür, dass Riley später heil ankommt.«

»Schon okay.« Ich gab Danika mit einem Nicken zu verstehen, dass sie gehen sollte. Auf keinen Fall wollte ich, dass sie wegen mir ihren Job verlor. Und mit Baris würde ich schon fertig werden … Irgendwie.

Zögernd drehte sie sich um und ließ sich von den beiden muskelbepackten Leibwächtern hinaus begleiten.

Sobald sich die Tür hinter ihnen schloss, ging in meinem Inneren jeder Alarmknopf an. Ich trat ein paar Schritte zurück, um den Abstand zwischen Baris und mir zu vergrößern, und gab mich nach außen hin so gelassen wie möglich. »Worüber möchtest du sprechen?«, fragte ich ihn in einem lockeren Ton.

»Dieser Hunter macht dir hübsche Augen, nicht wahr?«, begann mein Chef und zog jedes einzelne Wort in die Länge.

Aha, darum ging es also. Er sah es nicht gerne, wenn jemand in seinen Gewässern fischte. »Er ist interessiert, aber ich nicht«, erwiderte ich sachlich. »Keine Sorge, du musst dir keine neue Bedienung suchen.«

»Wie überaus beruhigend.« Baris trat zu mir und ich wich automatisch zurück. »Ach, Täubchen, jetzt zier dich doch nicht so.« Seine Finger glitten über meinen Arm.

»Lass das!«, zischte ich ihm zu und machte einen weiteren Satz von ihm weg. »Oder ich überlege es mir vielleicht doch noch anders und nehme das Angebot des Hunters an.«

»Tust du das, ja?« Er lachte höhnisch und entblößte dabei seine vergoldeten Zahnkronen. »Wird er dich auch noch wollen, wenn ich dich bereits besudelt habe?«

Baris preschte vor und schnappte nach meinem Arm, da ich jedoch seine Bewegung schnell registriert hatte, duckte ich mich weg und griff nach den Beinen eines Hockers, um diesen hoch zu wuchten und gegen meinen Angreifer zu stoßen. Panik und Angst trieben meinen Adrenalinspiegel in die Höhe und verliehen mir ungeahnte Kräfte. Als Baris mit einem wütenden Knurren auf mich zuflog, sprang ich über den Tresen, griff mir eine Flasche aus dem Spirituosenschrank und schlug sie ihm hart auf den Kopf, sodass ein Teil davon in lauter Glassplitter zerbrach.

»Du verdammtes Miststück!«, stieß Baris aus und schwankte benommen. Entsetzt starrte ich die Platzwunde auf seinem kahl rasierten Schädel an, aus der nun feine Blutrinnsale sickerten. »Das wirst du mir büßen!«

Mein Arm schnellte erneut nach vorne und ich befand mich in einer Art Trance: Ich konnte sehen, wie meine Hand die abgebrochene Flasche in Baris' Brust rammte, eigentlich eine sehr schnelle und brutale Bewegung, doch in diesem Augenblick lief sie wie in Zeitlupe ab. Er schrie auf vor Schmerz und riss seine Augen weit auf. Aus seiner Brust spritzte Blut und benetzte meine weiße Bluse und meine Unterarme wie eine dunkelrote Fontäne.

»Oh, mein Gott!« Als hätte ich mich verbrannt, ließ ich abrupt von meiner tödlichen Waffe ab, die in seiner Brust stecken blieb, und stolperte nach hinten, fiel über den umgekippten Hocker und richtete mich hastig wieder auf, um aus der Bar zu rennen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter mir her.

Du hast ihn umgebracht!, hämmerte es in meinem Kopf auf mich ein, während ich orientierungslos durch die dunklen Straßen lief und meine Lunge vor Anstrengung brannte.

Mörderin!

Meine Sicht verschwamm von den Tränen, die mir in die Augen stiegen. Ich stolperte, lief weiter, bekam kaum noch Luft und blieb schließlich stehen, vornüber gebeugt, die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt und hustend, während ich gleichzeitig nach Luft schnappte.

Er wird wieder, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Solche Verletzungen können heilen.

Ach wirklich? Bist du ein Arzt, um das beurteilen zu können?

Schluchzend ließ ich mich auf die Knie sinken und vergrub mein tränennasses Gesicht in beiden Händen. Mein Körper wurde von einem Weinkrampf durchgeschüttelt, bis ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte und zur Seite auf die schmutzige, feuchte Straße sank.

Erst als ich ein Rascheln und gleich darauf Schritte vernahm, erwachte ich aus der Schockstarre und richtete mich hastig auf. Nur wenige Meter von mir entfernt schleppte sich eine gebeugte Gestalt auf mich zu. Im ersten Augenblick dachte ich, es wäre der verletzte Baris, doch dann sah ich, dass es sich um einen alten Mann mit schütterem Haar und zahnlosem Mund handelte. Er murmelte etwas, das ich nicht verstand, und streckte eine Hand aus mit völlig verdreckten Händen und langen, dunklen Fingernägeln.

Panisch machte ich ein paar Schritte zurück, drehte mich um und lief weiter, obwohl meine Beine und Knie sich wie aus Beton anfühlten. Ich wusste nicht, wo ich mich befand, und deshalb musste ich mich schnell in Sicherheit bringen. Schon am Tage waren die Straßen ein gefährliches Terrain, in der Nacht grenzte es an Selbstmord, sich hinauszuwagen.

Der alte Mann von eben hätte mir wahrscheinlich nichts getan und wollte bloß betteln, aber ich konnte mir nicht erlauben, zu lange an einer Stelle zu verharren. Man musste stets in Bewegung bleiben, wenn man nicht in ernste Schwierigkeiten geraten wollte. Und diesmal hatte ich keine Alkoholflasche zur Hand, um mich zu verteidigen.

Baris' schmerzverzerrtes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Es kam mir beinahe so vor, als könnte ich den kupfernen Geruch des Blutes riechen.

Mühsam drängte ich diese Bilder beiseite und konzentrierte mich auf die Umgebung. Ich befand mich mitten in der Stadt, oder besser gesagt: Mitten in den Ruinen, die einst vor sehr, sehr langer Zeit eine Stadt dargestellt hatten. Mittlerweile waren die Häuser völlig zerfallen, überall stapelten sich Müll- und Geröllberge, es war dreckig und kalt und diejenigen, die hier noch lebten, mussten wirklich hart im Nehmen sein. Oder kurz vor ihrem Ende stehen, wie der alte Mann in der Gasse.

Als ich keine Kraft mehr hatte, weiterzurennen, drückte ich mich in einen Hauseingang und atmete tief durch, um meinen Herzschlag auf Normaltempo herunterzudrosseln. Plötzlich hörte ich Schreie und dann Schüsse. Erschrocken schlug ich mir eine Hand vor den Mund, um keine lauten Geräusche zu verursachen. Weg hier!, war mein einziger Gedanke.

So gefährlich die Nacht war, sie gab mir auch Schutz. Wie ein Schatten huschte ich aus dem Hauseingang und lief in die entgegengesetzte Richtung, aus der die Schreie und Schüsse gekommen waren. Die Ruinen und Baracken um mich herum wirkten im Dunkeln noch bedrohlicher; in den Fenstern, die in den Steinmauern wie die dunklen Augen eines Totenschädels wirkten, glaubte ich, finstere Gestalten, die mich beobachteten, ausmachen zu können. Stünde ich nicht so unter Adrenalin, wäre ich wie gelähmt gewesen vor Angst und Panik.

Ich erreichte einen Waldrand und schlüpfte zwischen die Bäume. Zu spät stellte ich fest, dass es keine gute Idee gewesen war, diesen Fluchtweg zu wählen, denn prompt verfing ich mich in einer aus dem Boden herausragenden Wurzel und fiel der Länge nach hin. Instinktiv schlang ich die Arme um meinen Kopf, um ihn vor dem Aufprall zu schützen, doch auf diese Weise wurden meine Ellbogen und zusätzlich auch noch mein rechter Knöchel in Mitleidenschaft gezogen.

Der Schmerz zog bis ins Schienbein, als ich mich wieder aufrappelte. »Verdammt«, zischte ich und biss die Zähne fest aufeinander. Ich humpelte bis zum nächsten Baumstamm und stützte mich mit einer Hand ab, während ich mit der anderen über meinen verletzten Fuß tastete. »Das ist alles bloß deine Schuld!«, richtete ich in unbestimmte Richtung und verspürte neben der Hilflosigkeit und Verzweiflung auch Wut auf Baris. Hätte er mich nicht bedrängt und mir eine Heidenangst eingejagt, wäre ich jetzt bereits zu Hause und alles wäre in Ordnung. Doch stattdessen musste ich mich in einem dunklen Wald mit einem verstauchten Knöchel herumschlagen und hatte keinen Schimmer, wo ich mich befand. Nicht zu vergessen die Angst vor den Gestalten, die sich in der Finsternis herumtrieben und denen ich ausgeliefert war wie ein Festmahl auf dem Präsentierteller.

Nach kurzem Überlegen zog ich mir die blutbespritzte Bluse aus, dessen schwarzes Muster in der Dunkelheit grotesk aussah, und verband meinen rechten Fuß notdürftig mit dem feuchten Stoff. Es half nicht wirklich, aber allein der Wille und das Bemühen ließen mich wieder vorwärts kommen.

Wohin?, fragte ich mich, während ich von einem Baum zum nächsten humpelte. Ich fror und zitterte, was jedoch nicht nur an der Kälte lag, sondern auch an den furchterregenden Geräuschen um mich herum. Der Wald und seine Bewohner. Hier war ich der Eindringling; ein Störenfried, den man nicht dahaben wollte. Den man notfalls vernichten musste.

»Ich will hier auch nicht sein«, murmelte ich vor mich hin und blieb abrupt stehen, als hinter mir ein Knurren ertönte. Die Angst kroch mir bis ins Mark bei diesem Geräusch. Wilde Hunde. Ein Bellen bestätigte meine Vermutung.

Ich schrie auf und lief los; meinen verstauchten Knöchel hatte ich in diesem Moment völlig ausgeblendet. Doch mein Fuß erinnerte sich gut an seine Misere und knickte prompt erneut weg. Ich fiel hin, schürfte mir die Knie auf und tastete den Boden nach etwas ab, womit ich mich verteidigen konnte.

Bewaffnet mit einem relativ stabilen Ast, fuhr ich herum und schlug aus, um die Angreifer, deren geschmeidige Schatten um mich herum huschten, zu vertreiben. »Lasst mich in Ruhe!«, rief ich dabei und gab mir alle Mühe, meine Stimme bedrohlich klingen zu lassen. »Verzieht euch! Kusch! Weg mit euch!«

Ein scharfer Schmerz durchzuckte meine Schulter, als sich spitze Zähne hineinbohrten. Ich schrie erneut, kämpfte, brüllte und verlor schließlich das Bewusstsein.

Wie durch einen dichten Nebel nahm ich erneut Schüsse wahr, dann folgten eilige Schritte und leise Stimmen. Starke Arme fuhren unter meinen Körper und hoben mich vom Boden auf.

»Sie ist verletzt. Boss, wir müssen sie zum Stützpunkt bringen.«

Ich blinzelte mit letzter Kraft und sah drei hochgewachsene Gestalten, eine davon hielt mich in den Armen. Eine raue Hand legte sich um mein Kinn und drehte meinen Kopf zur Seite.

»Sie ist bei Bewusstsein«, stellte eine weitere Stimme fest und ein dunkles Augenpaar fixierte mein Gesicht. »Verstehst du mich, Mädchen?«

Ich nickte und brachte ein kaum hörbares »Ja« heraus.

»Wir nehmen dich jetzt mit. Du bist in Sicherheit.«

Erleichtert lehnte ich mich an die Brust desjenigen, der mich hielt, und spürte kühles Leder an meiner Wange.

Hunter-Leder, war mein letzter Gedanke, bevor ich die Augen schloss und mich der Erschöpfung hingab. 

 



Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer Pritsche, eingehüllt in einen wärmenden Schlafsack. Hastig richtete ich mich auf und zuckte sofort zusammen, als mein Körper an jeder nur erdenklichen Stelle mit einem ziehenden Schmerz auf meine abrupte Bewegung antwortete. Langsam ließ ich mich wieder nach hinten sinken und tastete vorsichtig an mir herum, um herauszufinden, inwieweit ich verletzt war.

Meine Schulter brannte und war verbunden, ebenso meine Ellbogen und beide Knie, der rechte Fuß steckte in einer harten Schale. Ich fühlte mich, als hätte ich unzählige Schlachten hinter mir.

Zu meiner Linken raschelte es, und als ich den Kopf drehte, sah ich, wie ein riesiger Mann das Zelt betrat. »Du bist wach«, stellte er fest, griff sich einen aufklappbaren Stuhl, der neben dem Zelteingang stand, und platzierte ihn neben der Pritsche, auf der ich lag. »Wie fühlst du dich?«

Ich konnte sofort sehen, dass es sich um einen Hunter handelte, auch wenn er nicht die gewohnte Kampfmontur der Krieger trug. Sein gestählter Körper steckte in einer schwarzen Hose und einem kurzärmeligen, grauen T-Shirt. Die nackten Unterarme waren von kräftigen Adern durchzogen und übersät mit den Hunter-Zeichen. Dunkle Tinte, die unter die Haut gespritzt worden war, wie ich mehrmals aus vereinzelten Erzählungen herausgehört hatte.

»Beschissen«, erwiderte ich nicht gerade damenhaft und seufzte, weil allein das Sprechen mich schon so sehr anstrengte. »Wo befinde ich mich hier, Sir?«

»Auf einem Hunter-Stützpunkt«, klärte er mich auf und setzte sich auf den Stuhl. Seine Augen fixierten mein Gesicht und ich erkannte plötzlich in ihm denjenigen wieder, der mich bereits im Wald auf diese Weise gemustert hatte. Mein Retter. »Wir mussten deine Wunden desinfizieren und verarzten, sonst hätten sie sich entzündet und du hättest sicher eine tödliche Infektion davongetragen.«

Ich verzog das Gesicht bei diesem Gedanken. Am meisten störte mich jedoch, dass mich jemand entkleidet hatte, während ich bewusstlos gewesen war. »Danke«, sagte ich schließlich und tastete erneut nach meiner brennenden Schulter. Sofort kam mir die Erinnerung an die wilden Hunde in den Sinn. »Ich wurde gebissen.«

»Ja«, bestätigte der Hunter mit einem Nicken. »Aber die Bisswunde ist glücklicherweise nicht tief und wird schnell heilen. Dein Fuß dagegen wird etwas mehr Zeit benötigen, bis du ihn wieder ohne große Vorsicht beanspruchen kannst.«

»Und sonst bin ich in Ordnung?«

»Sag du es mir. Hast du Kopfschmerzen oder ist dir schwindelig? Übelkeit?«

Ich dachte kurz nach und schüttelte vorsichtig den Kopf. »Nein, Sir.«

»Das ist gut. Keine Gehirnerschütterung.« Er stand auf, trat zu mir und rückte meine Beine ein wenig zur Seite, um jetzt auf der Pritsche Platz zu nehmen. Dann beugte er sich vor und umfasste mein Kinn, während er mit der anderen Hand eine winzige Taschenlampe hochhielt und mir in die Augen leuchtete. Ich blinzelte sofort los und er forderte mich mit sanfter Bestimmtheit auf, still zu halten. »Keine Pupillenerweiterung. Sehr gut«, murmelte er, eher zu sich selbst.

»Werde ich es überleben?« Ich konnte nicht verhindern, dass meine Äußerung leicht sarkastisch klang.

Sein Mundwinkel hob sich zu einem Beinahe-Lächeln. »Das hoffen wir doch.« Er packte die Taschenlampe wieder weg und setzte sich zurück auf den Stuhl. »So, und jetzt beantwortest du mir noch ein paar Fragen. In Ordnung?«

Meine Antwort darauf war ein zögerndes Nicken.

»Wie ist dein Name?«, legte er auch schon los.

»Riley. Riley McDermont«, sagte ich geradeheraus. Wieso sollte ich ihn belügen? Er hatte mir geholfen und er war ein Hunter. Mit ihm wollte ich es mir nicht verscherzen.

Im Nachhinein konnte ich nicht sagen, ob ich es mir bloß einbildete, aber in seinen Augen flackerte etwas auf, als ich ihm meinen Namen nannte. Erkenntnis, war mein erster Gedanke. Doch sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos, also tat ich diesen Gedanken gleich wieder ab. Ich hatte den Hunter nie zuvor gesehen, woher sollte er mich also kennen?

»Wie alt bist du, Riley?«, fuhr er ruhig fort.

»Das weiß ich nicht genau. Laut meiner Rechnung bin ich einundzwanzig.« Nachdem unsere Siedlung überfallen worden war und ich fliehen musste, hatte ich keinen meiner Geburtstage mehr gefeiert und konnte deshalb kein genaues Alter bestimmen. »Vielleicht auch älter, aber nicht viel«, fügte ich nachdenklich hinzu.

»Das reicht als Antwort. Wo kommst du her?«

Diesmal dauerte mein Zögern so lange, dass er sich vorbeugte und sein Blick nun eindringlicher wurde. Ich wand mich ein wenig unter der Eindringlichkeit und antwortete: »Ich lebe im Nord-Quarter nicht weit vom Fluss entfernt.«

»Allein?«

»Nein, mit zwei Freundinnen.«

»Wo?«

»Was meinen Sie mit wo, Sir?«

»Habt ihr eine sichere Unterkunft?«, fügte er hinzu.

»Ja. Wir bezahlen für unsere Sicherheit.«

»Gehst du einer Tätigkeit nach?«

Ich sah Baris' schmerzverzerrtes Gesicht vor mir, seine weit aufgerissenen Augen ... und dann fiel mir auch meine blutbespritzte Bluse ein. Sofort begannen meine Hände zu zittern. »Ich ...« Ich konnte ihm nicht verraten, was ich getan hatte. Wenn der Hunter erfuhr, dass ich einen Geschäftsmann ermordet hatte, und sei es nur aus Selbstschutz, würde ich dafür sicher bestraft werden. »Nein, ich nicht«, log ich deshalb. »Nur meine beiden Freundinnen. Sie haben mich vor einem Jahr bei sich aufgenommen und versorgen mich seitdem.«

»Du sagst nicht die Wahrheit«, stellte er daraufhin fest und verengte seine Augen.

Meine Hände zitterten noch stärker und ich klemmte sie zwischen meine Oberschenkel. »Nein, Sir«, gab ich bedrückt zu.

Der Hunter sagte eine Weile nichts und starrte mich weiterhin aus seinen hellen Augen an, was mich beinahe um den Verstand brachte. Was ging in ihm vor? Überlegte er sich bereits eine Strafe?

»Ich kann in deinem Gesicht lesen, Riley«, setzte er schließlich erneut an. »Und es verrät mir, dass du etwas verschweigst. Wieso?«

Ich saß in der Falle. Wie ein gefangenes Tier im Käfig ließ ich meinen Blick ruhelos durch die Umgebung kreisen und nach einem Fluchtweg suchen. Doch wie sollte ich einem Hunter, der für den Kampf und für die Verfolgung ausgebildet war, entkommen? Ich hatte nicht den Hauch einer Chance.

»Was ängstigt dich so sehr, dass du am ganzen Körper zitterst?«, fuhr er fort und runzelte die Stirn. »Vor wem bist du weggelaufen?«

»Ich ... bin nicht ... weggelaufen«, flocht ich mein Lügengebilde stotternd weiter, obwohl mir klar war, dass er mir kein Wort glaubte. Seufzend ließ ich den Kopf auf die Brust sinken und schloss die Augen. »Es war Notwehr«, flüsterte ich leise und dachte an die Ereignisse des Vorabends zurück. Mit einem Mal stand ich wieder in der Bar und forderte Baris auf, mich in Ruhe zu lassen, kurz bevor das Unglück seinen Lauf nahm. »Mein Chef, er ... er hat mich bedrängt. Ich hatte Angst und habe mich gewehrt. Ich habe ihm eine Flasche auf dem Kopf zerschlagen. Und ...« Nervös leckte ich mir über die trockenen Lippen. »Und sie ihm in die Brust gerammt. Dann bin ich einfach losgelaufen. Ich weiß nicht, wie schwer ich ihn verletzt habe.« Oder umgebracht.

»Schon gut, nicht aufregen.« Ich spürte, wie sich eine warme Hand auf meine unverletzte Schulter legte, und öffnete die Augen.

»Ich wollte ihn nicht umbringen«, beteuerte ich und richtete mich noch ein Stück auf, ignorierte dabei den Schmerz, der in meinem Körper wütete.

»Ich glaube dir«, sagte der Hunter mit einem angedeuteten Nicken und drückte meine Schulter sanft. »Aber du wirst mir den Namen deines Chefs nennen müssen, damit wir herausfinden können, wie schwer er verletzt ist.«

Ich gab alles, was ich über Baris wusste, an den Krieger weiter und war erstaunt, wie erleichtert ich mich nach dieser Beichte fühlte. Die Last der Schuld ruhte nun nicht mehr allzu schwer auf mir. Und der Hunter schien mir wirklich zu glauben, dass ich Baris nicht hatte umbringen wollen, sondern mich lediglich gewehrt hatte.

»Wir haben es fast geschafft«, sagte er schließlich und steckte das Gerät, auf dem er sich eben Namen und Adresse notiert hatte, zurück in seine Hosentasche. »Nur noch ein paar Fragen, dann kannst du dich weiter ausruhen.«

Doch dazu kamen wir nicht, denn im nächsten Moment wurde der Zelteingang aufgezogen und eine mir nur allzu bekannte Gestalt steckte den Kopf durch den Spalt.

»Nikk?«, entfuhr es mir sogleich überrascht.
   Er schaute mich flüchtig an, trat herein und salutierte vor dem Hunter, der neben mir saß. »Boss, ich bitte um Erlaubnis, mich der Frau annehmen zu dürfen.«

Boss? Der Mann, der so freundlich und verständnisvoll mit mir gesprochen hatte, war der Anführer der gefährlichsten Männer des ganzen Landes? Und dabei schien er selbst kaum älter als Nikk zu sein. Ich hatte mir den Anführer der Hunter immer anders vorgestellt. Härter, gefährlicher, Angst einflößend.

»Revera, was machst du hier?«, entgegnete der diensthöhere Hunter nun und stand auf. Die Sanftheit war aus seinem Blick verschwunden und auch seine Haltung zeugte von Härte und Überlegenheit. Ja, so kam er meiner Vorstellung schon näher. »Du bist für den Außenposten eingeteilt, wenn ich mich nicht irre?« Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er sich nie irrte.

»Montana hat Riley wiedererkannt und mich benachrichtigt. Er ist für mich am Außenposten eingesprungen, Boss«, erklärte Nikk.

»Und wer hat diese Anweisung erteilt?«

Nikk wirkte kurz verlegen, doch dann reckte er sein Kinn beinahe trotzig nach oben. »Riley ist meine Geliebte, Boss. Ich bin hier, um mich um sie zu kümmern. Daher habe ich diese Anweisung selbst erteilt.«

Wie bitte?

Beide Augenpaare waren nun auf mich gerichtet, und ich hatte Mühe, Nikk keine wüsten Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Er konnte doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg etwas bestimmen und mir somit meine Entscheidung abnehmen!

»Du bist die Geliebte eines Hunters?«, wollte der Anführer nun von mir wissen.

»Ich habe mich noch gar nicht entschieden«, erwiderte ich mühsam beherrscht und kämpfte mich aus dem Schlafsack hervor, wobei ich darauf achtete, dass nicht zu viele Einblicke auf meinen halbnackten Körper gewährt wurden.

»Muss ich das hier verstehen?« Der Anführer, dessen Namen ich nicht kannte, heftete seinen strengen Blick jetzt auf Nikk. »Wir haben keine Zeit für Spiele. Du wirst sie nicht zu deiner Geliebten nehmen, wenn sie es nicht möchte.«

»Ich habe sie gefragt und sie wollte es sich überlegen«, entgegnete Nikk und sein markanter Kiefer spannte sich an.

»Wie es aussieht, hat sie es noch nicht getan. Und jetzt geh zurück auf deinen Posten. Solltest du noch einmal auf die Idee kommen, dich meinen Anweisungen zu widersetzen, wird das Folgen haben.«

»Verstanden, Boss«, presste Nikk mühsam hervor, salutierte und verließ das Zelt.

Ich starrte auf den breiten Rücken des Anführers und wusste nicht, wie ich mich nun verhalten sollte. Wieso war Nikk hergekommen und hatte Anspruch auf mich erhoben? Ich schämte mich dafür, auch wenn ich nicht einmal sagen konnte, warum.

»Du musst dich ausruhen«, sagte der Hunter-Anführer schließlich, drückte mich behutsam zurück auf die Pritsche und ging hinaus.

Vor Schmerz aufstöhnend, suchte ich mir eine bequemere Liegeposition und schloss die Augen. Die Erschöpfung nach meinen gestrigen Kämpfen hatte mich immer noch fest im Griff und ich hieß die heilende Schwärze des Schlafs willkommen.

3. Kapitel

 

 


Als ich das nächste Mal wach wurde, war es draußen wieder dunkel, wie ich durch die Stoffwände des Zeltes feststellen konnte. Demnach musste ich eine halbe Ewigkeit geschlafen haben, und das trotz der nicht sehr bequemen Pritsche erstaunlich gut.

Ich entdeckte bereitgelegte Kleidung auf dem Stuhl und zog mir eilig die schwarze Hose und das schwarze Langarmshirt an. Die Kleidungstücke konnten unmöglich von einem Hunter stammen, denn sie passten mir. Vielleicht trug ich ja die Sachen einer Geliebten.

Gewöhn dich lieber daran, erklang es in meinem Kopf. Du solltest Nikks Angebot annehmen.

Ich verzog das Gesicht. Dieser Gedanke schien gar nicht mehr so abwegig zu sein wie noch am Tage zuvor, denn immerhin hatte ich meinem Chef eine Flasche in die Brust gerammt. Damit war ich sicher meinen Job los. Und falls Baris es nicht überlebt hatte, würde ich dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn nicht von einem Hunter, so doch zumindest von Baris' Männern.

Der Eingang des Zeltes bewegte sich und ich richtete mich mühsam auf, als der Anführer hereinkam.

»Du bist wach. Gut«, stellte er fest und trat zu einem Tisch auf der anderen Seite. Er schaute auf einen beschriebenen Zettel und nickte. »Die Untersuchung deines Blutes ergab nichts Auffälliges. Alles im normalen Bereich.«

Blutuntersuchung? Wann war das geschehen?

»Kannst du laufen?«, fuhr er fort und schaute auf meinen rechten Fuß.

»Mit diesem ... Ding dran wahrscheinlich nicht«, erwiderte ich und trat vorsichtig auf. Es tat noch weh, aber nicht mehr so sehr wie am Abend zuvor. Ich kam sogar ein paar Schritte vorwärts, ohne zusammenzuzucken. »Was ist das? Ein Wundermittel?«

»Ein spezielles Gel, das beschädigtes Knochenmaterial wiederherstellt«, klärte er mich auf und ging vor mir in die Hocke. Seine Finger tasteten an meinem Fuß herum und ich zuckte leicht zusammen. »Und eine Gipsschale, die den Fuß stützt, bis alles vollständig verheilt ist.«

»Ein Wundermittel also. Das sagte ich doch.«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. Er wirkte so ... normal und absolut nicht wie das Oberhaupt einer gefährlichen Kampftruppe. Hätte ich nicht mitbekommen, dass er auch einen autoritären und sehr strengen Ton anschlagen konnte, würde ich wohl nicht glauben, dass er wirklich der Anführer der Hunter war.

Aber was wusste ich denn schon über die Hunter? Nur das, was man so über sie hörte. Sie sollten gefühlskalt und unerbittlich sein; ihre Befehle befolgen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und das traf nicht gerade auf den Mann vor mir zu. Er schien besonnen und gerecht zu handeln. Prinzipien zu haben. Auch Nikk hatte keinen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Zumindest nicht bis zu seinem überheblichen Auftritt vor einigen Stunden.

»Wir haben deinen Chef gefunden«, sprach das Oberhaupt in meine Gedanken hinein und richtete sich wieder zu seiner vollständigen Größe auf. Er überragte mich um gut zwei Köpfe.

Ich verspannte mich augenblicklich und wartete auf die Worte, die mir verkündeten, dass ich einen Menschen umgebracht hatte.

»Er lebt«, fuhr er fort und ich atmete hörbar aus. »Du hast ihn schlimm erwischt, aber er hat es überlebt und wird momentan versorgt.«

»Hier?«, fragte ich nach und verspannte mich noch mehr.

»Nein, in einem Lazarett im östlichen Quarter.«

»Und wo befinde ich mich hier? Wenn ich fragen darf, Sir.«

»Auf einem Hunter-Stützpunkt im Norden«, erklärte er. »Wir haben dich auf einer unserer Patrouillen im Wald gefunden.«

»Ach, richtig. Als mich die wilden Hunde angegriffen haben«, bestätigte ich und schauderte leicht bei der Erinnerung daran, wie ich von den bellenden und schnappenden Tieren angegriffen wurde. »Und ihr habt sie erschossen«, fuhr ich fort.

»Ja. Sie hätten dich sonst zu Tode gebissen.«

»Ich weiß. Das sollte kein Vorwurf sein.« Es war nicht meine erste Bekanntschaft mit wilden Tieren. Auf meiner jahrelangen Flucht durch das Land war ich bereits das ein oder andere Mal dieser Gefahr begegnet und hatte ebenfalls nur überlebt, indem ich sie ausgeschaltet hatte oder rechtzeitig geflohen war. »Ich möchte Ihnen dafür danken, Sir. Für die Hilfe und die medizinische Versorgung«, fügte ich hinzu.

Er nahm meinen Dank mit einem knappen Nicken an. »Bist du hungrig?«, schob er hinterher.

Automatisch legte ich mir eine Hand auf den Bauch, und als hätte dieser nur auf seine Frage gewartet, ließ er ein leises Knurren verlauten. »Ja, Sir.«

»Ich lasse dir etwas bringen. Bleib im Zelt.«

Ich schaute ihm nach, als er hinausschlüpfte, und fragte mich, was nun geschehen würde. Baris war nicht tot, also erwartete mich auch keine Strafe, denn seine Verletzung rührte nur daher, dass ich mich gewehrt hatte. Aber ich bezweifelte, dass er mich nach diesem Abend noch in seiner Bar arbeiten lassen würde. Wie sollte ich jetzt Geld verdienen, um den Schutz, den Karen, Danika und ich in unserem Zuhause erhielten, sowie das Essen bezahlen zu können? Ich brauchte neue Arbeit, doch an eine Stelle zu kommen war schwierig, vor allem, wenn Baris mich bei den anderen Geschäftsmännern anschwärzen sollte. Und das würde er, da brauchte ich mir gar keine falschen Hoffnungen zu machen. Vielleicht wollte er auch Rache nehmen ...

»Du sitzt ganz schön in der Scheiße«, murmelte ich und ließ mich auf die Pritsche sinken, weil das Stehen allmählich zu anstrengend wurde. Mit den Fingern fuhr ich durch mein zerzaustes Haar und versuchte, ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen. Es fühlte sich verklebt und verknotet an und ich fragte mich, wie ich wohl aussah nach meiner abenteuerlichen Flucht. »Das ist doch vollkommen egal«, beantwortete ich mir diese Frage gleich selbst und ließ die Hände wieder sinken.

Der Zelteingang bewegte sich und ein anderer Hunter, den ich zuvor noch nicht gesehen hatte, trat mit einem Tablett in den Händen herein. Er trug die Kampfmontur der Truppen, jedoch keine Waffen, was ich als beruhigend empfand. Waffen machten mir Angst.

»Zimmerservice«, sagte er und zwinkerte mir mit einem Auge zu, als er den Stuhl zu mir heranschob und das Tablett darauf abstellte. Sofort stieg mir der köstliche Duft in die Nase und ließ meinen Bauch erneut knurren. »Hau rein, Mädel.«

»Danke«, erwiderte ich zögernd lächelnd und schnappte mir das Besteck. Ich hatte keine Ahnung, was da vor mir auf dem Teller lag. Es sah aus wie ein wildes Durcheinander. Aber ich hatte solchen Hunger, dass es mir vollkommen egal war, und so schob ich mir eine Gabel nach der anderen in den Mund und seufzte erleichtert, weil es so gut schmeckte.

»Gesunder Appetit«, stellte der Hunter grinsend fest. »Gut, dann kommst du schnell wieder auf die Beine.«

Ich fragte mich, wieso er nicht ging, nachdem er mir das Essen gebracht hatte. Wahrscheinlich wartete er, bis ich fertig war, um das Geschirr wieder mitzunehmen.

»Mehr?« Mit einem belustigten Gesichtsausdruck deutete er auf den leergegessenen Teller.

Ich wollte die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren und schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, Sir«, erwiderte ich höflich. Es konnte nicht schaden, sich auf guten Fuß mit den Huntern zu stellen, bis sie mich wieder gehen ließen.

»Hier ist noch eine Flasche Wasser für dich.« Er reichte mir die Plastikflasche, die er die ganze Zeit in seiner Hand gehalten hatte, und nahm das Tablett. »One kommt gleich wieder zu dir, um noch ein paar Dinge zu besprechen.«

»One?«

»Ja. Der Boss«, fügte der Hunter mit einem weiteren Augenzwinkern hinzu und verließ das Zelt.

Der Hunter-Anführer hieß One? Wirklich? Oder war das bloß ein Titel?

Ich zuckte mit den Schultern. Es war unwichtig, wie das Oberhaupt der Truppe hieß. Viel wichtiger war die Frage: Was wollte er noch mit mir besprechen? Wieso ließ man mich nicht einfach wieder gehen, jetzt, wo ich einigermaßen stabil war?

Angespannt blieb ich auf der Pritsche sitzen und wartete darauf, was als nächstes geschah.

Der Anführer erschien nur wenige Augenblicke, nachdem ich gegessen hatte, diesmal in seiner vollen Kampfmontur: schwarze Hose, schwarze Lederjacke, schwere Stiefel und ein beachtliches Arsenal an Waffen. Hinter seinem dunklen Schopf konnte ich eine Schwertklinge herausragen sehen, um die Beine spannten Gürtel mit jeweils einem Messer und einer Pistole.

»Ich bringe dich zurück«, verkündete er und stellte sich vor mich. In seinen Händen hielt er eine schwarze Weste. »Zieh das an. Der Weg könnte gefährlich werden.«

Etwas umständlich schlüpfte ich in das Kleidungsstück, das mir schwer am Leibe hing. »Ich kann also einfach wieder nach Hause gehen?«, hakte ich dabei skeptisch nach.

»Wenn du das möchtest, ja«, bestätigte er und half mir, die Weste zu schließen.

»Wenn ich es möchte? Was wäre denn die Alternative?«

»Du kannst auch die Geliebte eines Hunters werden«, sagte er und ich glaubte zu sehen, dass sich sein Kiefer bei dieser Aussage anspannte. War das Missbilligung? Hielt er nicht viel von Frauen, die ihren Körper zur Verfügung stellten? Er selbst nahm doch sicher auch solche Dienste in Anspruch. »Einer meiner Männer hat dir ein Angebot gemacht«, fuhr er fort und seine Miene war wieder vollständig neutral. »Nimmst du es an, dann bleibst du.«

»Hier?«

»Vorübergehend. In ein paar Tagen bringen wir dich dann ins Hauptquartier.« Er drehte sich um und griff in einen Sack, den er ebenfalls mitgebracht hatte. Aus diesem zog er ein Paar schwarze, stabile Stiefel. Eindeutig Frauengröße. Dann war ich sicher nicht die erste Frau in einem Hunter-Stützpunkt. »Wie geht es deinem Fuß?«, wollte der Anführer einen Moment später wissen.

»Ähm ... besser, Sir.« Ich trat vorsichtig auf und untermalte meine Aussage mit einem Nicken. »Ich spüre fast keinen Schmerz mehr.«

»Gut, dann muss ich dich nicht tragen.«

Tragen? Ich konnte nicht verhindern, dass mir bei dieser Vorstellung etwas wärmer wurde. Mein Körper reagierte auf das herbe Testosteron, das der große Krieger verströmte. Fast instinktiv glitt mein Blick über seine beeindruckende Statur und ich schluckte. Schnell schaute ich zur Seite und atmete tief durch. Ein Überschuss weiblicher Hormone war mir im Moment wirklich nicht willkommen!

»Setz dich hin.«

Ich leistete seiner Anweisung Folge und beobachtete seine Hände dabei, wie sie mir die Stiefel anzogen. Bei meinem verletzten Fuß wurden sie ganz vorsichtig. Und diese sanften Hände konnten Menschen einfach so töten? Im Moment war es schwer, das zu glauben, doch ich zweifelte keine Sekunde daran.

»Sie sind ein wenig zu groß, aber das müsste gehen«, bemerkte der Anführer und richtete sich wieder auf. »Schau, ob du in ihnen laufen kannst.«

Ich machte ein paar Schritte und nickte. »Das ist in Ordnung, Sir.«

»Gut. Dann sollten wir aufbrechen.« Er trat zum Zelteingang und drehte sich noch einmal zu mir um. »Es sei denn, du hast es dir anders überlegt und möchtest als Nikk Reveras Geliebte bleiben?«

Etwas in mir, was ich nicht näher bestimmen konnte, wollte wirklich bleiben, aber ich schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Ich möchte zurück zu meinen Freundinnen.«

Er schaute mich noch einen Augenblick lang an und wandte sich schließlich wieder ab, um den Eingang zu öffnen und hinauszutreten. Ich folgte ihm und sah mich nach allen Seiten um, sobald wir das Zelt verlassen hatten. Es war recht dunkel, sodass ich nur die Umrisse der anderen Zelte ausmachen konnte. Es waren sieben an der Zahl, das, in dem ich mich aufgehalten hatte, eingeschlossen. Hier und dort konnte ich kleine Grüppchen von schwarz gekleideten Huntern ausmachen, die sich leise unterhielten oder ihre Waffen luden.

Das Oberhaupt der Truppe bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, zu ihm aufzuschließen, da ich in meiner Neugier ein wenig zurückgefallen war.

»Kellegha«, sagte er plötzlich, und der Mann, der mir vorhin das Essen gebracht hatte, trat aus einer Ecke zu ihm. »Du hast das Kommando, bis ich zurück bin«, fuhr der Anführer fort und gab ihm noch einige weitere Befehle, die ich nicht verstand.

Wir gingen weiter, und nachdem er mich zu einer abgelegenen Stelle gebracht hatte, wo ich mein notdürftiges Geschäft erledigen konnte, kamen wir schließlich zu einer Umzäunung, die durch ein Tor getrennt wurde. Dort standen zwei weitere Hunter, jeweils ein Gewehr in den Händen.

Wachposten.

Der Anführer richtete ein paar Worte an sie, bevor das Tor geöffnet wurde und wir den Stützpunkt verließen. Nur wenige Meter entfernt stand ein Fahrzeug mit großen Rädern, die mir sicher bis unter die Brust reichten. Es war schwarz und glänzte leicht im silbrigen Schein des Mondlichts.

Mein Begleiter öffnete die Tür und deutete auf eine halbrunde Schale zwischen den Rädern. »Steig ein. Hier kannst du deinen Fuß abstützen.«

Ich setzte meinen unverletzten Fuß in die Schale und hielt mich oben an dem Sitz fest, um mich hochzuhieven. Da spürte ich seine Hände an meiner Taille, die mich sanft hochdrückten. Ich zuckte leicht zusammen und hoffte, dass er es nicht bemerkte. Die Berührung war mir nicht unangenehm, das nicht, aber ich war den Huntern gegenüber immer noch vorsichtig und skeptisch, auch wenn man mich bisher wirklich gut behandelt hatte.

Als ich mich gesetzt hatte, schloss er die Tür mit einem leisen >Rumms< und ging um den Wagen herum. Fasziniert ließ ich meinen Blick über das Innere und die verschiedenen Dinge gleiten, die ich nicht benennen konnte. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Auf der anderen Seite ging die Tür auf und der Anführer schwang sich auf den Sitz neben mir. Vor ihm befand sich ein merkwürdig geformtes Rad, nach dem er nun fasste. Er bewegte seine Finger und gleich darauf ertönte ein lautes Geräusch.

»Du musst dich anschnallen«, sagte er und griff nach etwas hinter mir, um es mir anschließend über die Brust bis zur Hüfte zu ziehen. »Der Gurt dient deiner Sicherheit«, erklärte er dabei.

»Bin ich denn in diesem Fahrzeug nicht sicher, Sir?«, erwiderte ich darauf.

»Ich bin ein guter Fahrer und beherrsche meinen Wagen, aber auf die Außenwelt habe ich keinen Einfluss. Es kann immer etwas Unvorhergesehenes geschehen, und dafür ist der Anschnallgurt da.«

Das klang vernünftig und ich nickte, um ihm zu zeigen, dass ich verstanden hatte.

Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und als es an Geschwindigkeit zunahm, breitete sich ein aufregendes Kribbeln in meinem Bauch aus. Im Wagen war es nun beinahe so dunkel wie draußen, nur hier und dort blinkten einzelne Knöpfe oder Zahlen auf. Ich lehnte mich zurück in den Sitz und schaute raus auf die vorbeiziehenden Silhouetten der Bäume, die die leere Straße säumten.

Der Hunter neben mir schwieg fortwährend, nachdem er mich nach der genauen Adresse gefragt hatte, und so döste ich schließlich weg.

Ich verlor mich in einem Traum, den ich schon Ewigkeiten nicht mehr geträumt hatte.

Ich war wieder fünfzehn Jahre alt und der Tag begann wie jeder andere davor. Malenne und ich machten uns für die Schule fertig: Während meine ein Jahr ältere Schwester ihr langes Haar durchbürstete, flocht ich meine weißblonden Locken zu zwei Zöpfen. Wir waren allein in dem kleinen Haus, unser Vater war bereits in der Fabrik und arbeitete, Mama längst in der Schule, um ihren Unterricht vorzubereiten.

Ich sah meine Schwester durch den leicht beschlagenen Spiegel an und erwiderte ihr breites Lächeln, das sie mir zuwarf. Doch plötzlich veränderte sich ihre Mimik. Ihr schönes, herzförmiges Gesicht begann, an einigen Stellen schwarz zu werden. Sie schrie auf vor Schmerz und ging im nächsten Moment in Flammen auf.

»Riley!«

Die Stimme des Hunter-Anführers ließ mich ruckartig hochfahren. Verwirrt sah ich mich um und atmete erleichtert aus, als ich feststellte, dass es nur ein Traum gewesen war. Auch wenn der Inhalt eine meiner schrecklichsten Erinnerungen darstellte, denn meine Schwester war damals während des Angriffs auf die Siedlung zusammen mit unseren Eltern in unserem Haus verbrannt.

Ich ließ mich zurück gegen die Lehne sinken und verlangsamte meine viel zu schnelle Atmung, während ich mir vereinzelte Strähnen aus dem Gesicht strich.

»Ein schlechter Traum?«, erkundigte sich der Hunter neben mir.

»Nicht der Rede wert, Sir«, entgegnete ich ausweichend.

»Wer ist Malenne?«

Ich zuckte zusammen, als er den Namen meiner Schwester erwähnte. Anscheinend hatte ich ihn im Schlaf laut gesagt. »Nicht so wichtig«, wiederholte ich leise und richtete meinen Blick nach draußen. Den Traum und die Erinnerung verdrängte ich schnell wieder. »Wie lange brauchen wir noch?«

»Wir sind bereits im Quarter. Nur noch ein paar Minuten.«

Kurz darauf hielten wir vor einem der wenigen Häuserblocks, die noch nicht der Zerstörung zum Opfer gefallen waren.

»Sind wir hier richtig?«, wollte der Hunter wissen.

Ich verengte meine Augen, um besser sehen zu können, und nickte. »Ja, Sir.«

»Ich begleite dich hinein.«

Wir stiegen aus dem Wagen - diesmal schaffte ich es ohne Hilfe - und begaben uns zum Eingang des Gebäudes.

Das Hunter-Oberhaupt blieb vor mir stehen und streckte einen Arm zur Seite aus, um mich am Weitergehen zu hindern. »Moment. Ist es üblich, dass die Eingangstür unverschlossen ist?«

Ich schüttelte langsam den Kopf und sah mich zu dem kleinen Häuschen um, in dem normalerweise zwei Männer saßen, die Wache hielten. »Nein«, erwiderte ich und in meiner Brust wurde es plötzlich eng, sodass meine Atmung stockte. Karen, Danika ...

»Du bleibst hinter mir«, ordnete der Hunter an. »Direkt hinter mir, Riley, und keine Geräusche. Hast du das verstanden?«

»Ja, Sir.« Ich presste mich an seinen Rücken und zögerte nur kurz, bevor ich meine Finger in seiner Lederjacke vergrub. Zu dem Schwert in der Scheide hielt ich dennoch bewusst Abstand.

Mit langsamen, bedachten Schritten und gezogener Waffe betrat er das Gebäude und holte etwas aus seiner Brusttasche hervor. Ich erkannte eine schwarze Brille und wunderte mich darüber, dass er sie mitten in der Nacht aufsetzte. Ich wollte ihn schon danach fragen, als mir einfiel, dass ich ja keine Geräusche machen durfte. Also hielt ich den Mund und kämpfte innerlich mit der Angst, die sich in mir breit machte.

Eine Stufe nach der anderen nehmend und dabei dicht an die Wand gedrückt, begaben wir uns nach oben. Im letzten Stockwerk angekommen, deutete ich auf eine der beiden Türen und nickte, um ihm zu symbolisieren, dass es sich um die Wohnung handelte, in der ich lebte.

Der Anführer legte sich einen Finger auf die Lippen und schob mich hinter seinen Rücken. Ich spürte die kalte Betonwand selbst durch die Weste und fror bereits innerlich, weil mich eine schlimme Vorahnung beschlich, als ich sah, dass unsere Wohnungstür ebenfalls unverschlossen war.

Bitte nicht, flehte ich im Stillen, sobald der Hunter die Tür langsam öffnete und mit gestreckter Waffe hineinschlüpfte. Ich folgte ihm schnell und presste mir eine Hand auf den Mund, um nicht aufzuschreien, als ich das Chaos im Inneren sah. Obwohl es dunkel war, konnte ich erkennen, dass jedes Möbelstück und jegliches Inventar zerstreut herumlagen.

Mein Beschützer schloss die Tür hinter mir und drückte mich in eine Ecke, um anschließend nachzusehen, ob sich noch jemand in den Zimmern befand. In der Zeit stand ich wie erstarrt da und betete im Stillen zu einem Gott, an den ich nicht glaubte. Als One wenige Minuten später zurückkehrte, hatte er eine Taschenlampe eingeschaltet. An seiner versteinerten Miene sah ich, dass er etwas gefunden haben musste, das ihm nicht gefallen hatte.

»Diejenigen, die hier eingedrungen sind, sind nicht mehr da«, verkündete er ruhig. »Du sagtest, dass du hier mit zwei Freundinnen lebst.«

»Ja, Sir«, bestätigte ich zögernd. »Sind die beiden ...« Die Worte in meinem Kopf kamen einfach nicht über meine Lippen. »Verletzt?«, fügte ich stattdessen hinzu.

»In einem der Schlafzimmer befindet sich eine tote Frau«, fuhr er fort und legte mir eine Hand auf die Schulter. Ihm musste mein heftiges Zittern aufgefallen sein, denn er beugte sich vor und schaute mich sehr eindringlich an. »Ich vermute, dass es sich um eine deiner Freundinnen handelt.«

»Ich muss sie sehen«, hauchte ich und spürte, wie mein Magen sich zu einem eiskalten Klumpen formte. »Ich muss wissen, ob es ... ob es eine meiner Freundinnen ist.«

»Bist du sicher?«

Ich antwortete mit einem heftigen Nicken und löste mich von der Wand in meinem Rücken, um ein paar Schritte hinein in die Wohnung zu machen. Mein Kopf platzte beinahe vor lauter Gedanken. Ich wollte nicht glauben, dass das hier tatsächlich geschah, und suchte fieberhaft nach einer Erklärung. Karen oder Danika ... tot? Das konnte doch nicht wahr sein! Dort musste eine andere tote Frau sein.

Es war wahr. Ich sah den leblosen Körper bereits aus dem Wohnzimmer. Er lag direkt vor der geöffneten Tür zum Schlafzimmer. Ich musste nicht näher treten, um zu erkennen, dass es sich dabei um Karen handelte. Um meine Freundin Karen. Ihr wirres Haar verriet sie, genauso wie der leere Blick aus ihren dunklen Augen, die vom Mondlicht, das durch das Fenster drang, angeschienen wurden.

»Scheiße.« Ich presste mir eine Hand auf den Mund und drehte mich weg, stieß dabei gegen die Brust des Hunters.

»Sie wurde erschossen«, sagte er und sein tiefes Timbre vibrierte in seiner Brust, gegen die ich mich instinktiv gelehnt hatte, um dem Anblick meiner ermordeten Freundin zu entkommen.

»Erschossen?«, hakte ich kaum hörbar nach, denn ich hatte gesehen, dass Karen vollständig nackt gewesen war. »Wieso zieht man jemanden aus, um ihn zu erschießen?«

»Komm, wir gehen wieder.« Ohne auf meine Frage einzugehen, legte er mir einen Arm um die Schultern und führte mich aus dem Wohnzimmer. Bevor wir die Wohnung verließen, schob er mich erneut hinter seinen Rücken und wies mich an, keine Geräusche zu machen und hinter ihm zu bleiben.

Erst als wir zurück in seinem Wagen saßen und er den Motor startete, brachen in mir alle Dämme und die Tränen flossen über meine Wangen. Ich versuchte, leise zu weinen, aber hin und wieder entfuhr mir ein Schluchzen, das sich nicht mehr zurückhalten ließ.

Wer hatte Karen das angetan? Und wieso? Wo war Danika? Ging es ihr gut? War sie verletzt oder ... auch tot?

Diese Fragen brannten sich in meine Gedanken und ließen mir keine Ruhe. Ich verstand einfach nicht, wie sich mein Leben innerhalb von zwei Tagen so drastisch hatte verändern können. Es war beinahe so wie damals, als die Rebellen unsere Siedlung überfallen hatten. Von einem Moment auf den anderen war alles vorbei.

»Es tut mir Leid, Riley«, vernahm ich die Stimme des Anführers neben mir. »Ich werde gleich morgen mit einem Trupp wieder hinfahren und überprüfen, was geschehen ist.«

»Ihr müsst Danika finden«, brachte ich kaum hörbar hervor. »Meine andere Freundin. Sie war ... nicht dort.«

»Wir werden es versuchen, aber du musst damit rechnen, dass es sie ebenfalls erwischt hat«, sagte er geradeheraus, ohne mir falsche Hoffnungen zu machen. Und dafür war ich ihm dankbar, denn das Leben hatte mich schon oft gelehrt, vom Schlimmsten auszugehen und sich nicht in falsche Trugbilder zu verrennen.

Ich nickte knapp und zog mir den Ärmel über die Hand, um die Tränen und den Rotz wegzuwischen. Es war mir egal, dass es unappetitlich aussah. Ich fühlte eine Leere in mir, die ich mit Gleichgültigkeit auszufüllen versuchte. Es war besser, nichts zu empfinden, als den schweren Verlust eines geliebten Menschen. Wie oft würde ich diese Prozedur noch durchmachen müssen?

Den Rest der Fahrt zum Hunter-Stützpunkt verbrachten wir schweigend und ich nutzte diese Zeit, um eine Mauer in mir zu errichten, die mich vor jedem weiteren Schicksalsschlag schützen sollte. Bis vor einem Jahr noch war ich als menschliche Hülle ohne tiefe Gefühle durchs Land gezogen, dann traf ich auf Karen und Danika. Sie hatten mich bei sich aufgenommen und meine Schutzmauer zum Einstürzen gebracht; hatten mich wieder empfänglich für Gefühle wie Freundschaft und Zuneigung gemacht. Und jetzt waren sie nicht mehr da. Ich musste also schleunigst zusehen, dass ich mich wieder gegen die grausame Außenwelt verschloss, um nicht noch weiter verletzt zu werden.

Der Anführer der Hunter stoppte den Wagen wieder dort, wo wir vor einigen Stunden eingestiegen waren. Ich wischte mir noch einmal über die Wangen, die zwar mittlerweile getrocknet waren, aber sehr spannten, und hüpfte nach draußen, als er die Tür öffnete.

»Du bleibst erst einmal hier«, sagte er auf dem Weg zum Tor und rief den Wachen dahinter etwas zu. Wir gingen hinein und ich folgte ihm mit gesenktem Blick, bis er schließlich vor einem Zelt stehen blieb. »Warte hier.«

Er blieb nicht lange weg und kehrte zurück mit einem Schlafsack in den Händen. Ich registrierte nur nebenbei, dass er seine Waffen abgelegt hatte. Dann öffnete er den Zelteingang und bedeutete mir mit einem Nicken, hineinzutreten.

Ich sah sofort, dass es sich um ein anderes Zelt handelte als das, in dem ich mich bei meinem ersten Aufenthalt im Stützpunkt aufgehalten hatte. Die Pritsche war größer und auch der Tisch stand an einer anderen Stelle.

Das Hunter-Oberhaupt trat zu der Pritsche und tauschte den Schlafsack, der darauf lag, gegen den, den er mitgebracht hatte. »Du kannst hier schlafen«, sagte er dabei und rollte den größeren Schlafsack zusammen.

»Ich möchte niemandem den Platz wegnehmen«, wandte ich leise ein, auch wenn ich in diesem Augenblick nichts lieber tun wollte, als mich hinzulegen und alles um mich herum auszublenden.

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Das ist mein Zelt und ich habe heute Nacht Wache«, erklärte er und schlug den Schlafsack auf. »Komm, ich helfe dir aus den Stiefeln.«

Ich setzte mich und schloss die Augen, während er meine Füße aus dem festen Schuhwerk befreite. Mühsam kämpfte ich weiter gegen die Trauer, die immer wieder ihre gierigen Finger nach mir ausstreckte. Hinter meinen Augenlidern kribbelte es bereits, aber ich wollte nicht noch einmal weinen. Ich musste es irgendwie schaffen, mich vor allem und jedem abzuschirmen. Ich wollte diese ganzen schrecklichen Gefühle wieder loswerden, um überhaupt funktionieren zu können.

»Riley, wie geht es deinem Fuß?«, holte die Stimme des Hunters mich zurück in das Hier und Jetzt.

»Alles in Ordnung«, sagte ich und befreite mich umständlich aus der Weste.

Seine blauen Augen richteten sich auf mein Gesicht und die Eindringlichkeit in seinem Blick ließ mich den meinen senken. »Und wie geht es dir?«, wollte er im Anschluss wissen.

»Darüber möchte ich nicht reden und nicht nachdenken. Danke«, fügte ich hinzu und zog meine Knie hoch, nachdem er mich aus den Stiefeln befreit hatte. »Für alles.« Ich schlüpfte in den Schlafsack, deckte mich zu und drehte mich auf die andere Seite, sodass mein Blick nun auf die Wand gerichtet war. Ich hörte, wie er kurz darauf das Zelt verließ, und atmete erleichtert aus, als ich endlich allein war.

Erneut wollten die Tränen sich an die Oberfläche kämpfen, aber ich presste meine Augenlider fest zusammen und drängte sie mit aller Macht zurück. Zu weinen, würde mir jetzt auch nicht weiterhelfen. Viel wichtiger war es, an meiner inneren Stärke und Stabilität zu arbeiten, anstatt in Trauer zu versinken. Ich musste einen Schnitt machen und dieses Kapitel meines Lebens abschließen. Ein Kapitel, in dem ich nach so vielen Jahren der Einsamkeit wieder eine Art Zuhause und Menschen, die mir etwas bedeuteten, gehabt hatte. Es lag nun hinter mir. Es war vorbei. Ein neuer Abschnitt begann und ich wusste nicht, was er enthielt. Deshalb musste ich mich auf alles Mögliche vorbereiten. Für Trauer war da eindeutig kein Platz.

»Jetzt bist du wieder auf dich allein gestellt«, flüsterte ich der stabilen Zeltwand entgegen und atmete noch einmal tief ein und wieder aus, bis ich sicher war, dass ich meine Gefühle unter Kontrolle hatte. Dann schloss ich die Augen und ließ mich von der Schwärze in ihre friedlichen Arme ziehen.

4. Kapitel

 

 


Ich wachte schweißgebadet auf und wusste instinktiv, dass ich erneut einen Alptraum gehabt haben musste. Glücklicherweise konnte ich mich nicht an den Inhalt erinnern. Schlimme Träume waren mir nicht neu, und ich war dankbar, dass ich mich mittlerweile an sie gewöhnt hatte, sodass sie mich nicht mehr komplett beeinträchtigten. Nur noch ganz selten warf ein Traum mich aus der Bahn, dann, wenn die Erinnerungen besonders intensiv hervortraten, die Bilder gestochen scharf und zum Greifen nah waren.

Schnell schälte ich mich aus dem Schlafsack und strich mir das wirre Haar aus dem Gesicht. Es war feucht und klebte mir an Stirn und Wangen. Ich stand auf und orientierte mich kurz in der Umgebung. Es dämmerte draußen, wie ich durch die Stoffwände feststellen konnte, und hin und wieder waren Stimmen zu vernehmen.

Was sollte ich nun tun?

Meine Frage wurde mit dem Aufreißen des Eingangs beantwortet. Das Oberhaupt der Hunter betrat das Zelt und nickte mir knapp zu. »Hunger?«, fragte er und ging zum Tisch, auf dem er seinen Waffengürtel ablegte.

»Nein, Sir«, erwiderte ich, denn nach den Ereignissen der letzten Stunden war mir der Appetit erst einmal vergangen. »Nur Durst.«

Er griff unter den Tisch und förderte eine Flasche Wasser zutage. Diese warf er mir zu und ich fing sie geschickt auf.

»Danke.«

»Ich muss ein wenig schlafen«, sagte der Hunter und schlüpfte aus seiner Lederjacke. »Ich bin seit knapp zwei Tagen wach und mein Körper braucht Ruhe, um richtig funktionieren zu können. Kann ich mich darauf verlassen, dass du keinen Unsinn anstellst, während ich mich hinlege?«

Ich nickte zögernd. Er wollte schlafen ... und was sollte ich in der Zeit tun?

»Die Waffen sind für dich tabu«, fuhr er fort und hantierte noch einen Augenblick an der silberglänzenden Pistole in seinen Händen. »Und du verlässt das Zelt nicht. Da draußen sind zu viele Kerle, die schon eine Weile keine Frau mehr gesehen haben. Mach es ihnen nicht unnötig schwer. Verstanden, Riley?«

»Ja, Sir.« Ich nickte und riss die Augen auf, als er sich plötzlich sein schwarzes Shirt über den Kopf auszog.

Was zum ...?

Schnell wandte ich meinen Blick ab und betrachtete die kahle Zeltwand. Mein Herz stolperte und meine Atmung schien ebenfalls von dem Bild, das sich mir eben geboten hatte, durcheinander geraten zu sein.

Straffe Muskeln und Sehnen, die sich unter der goldbraunen Haut deutlich abzeichneten. Dieser Anblick hatte mir regelrecht die Sprache verschlagen. Hunter waren allesamt von beeindruckender Statur, aber einen von ihnen mit freiem Oberkörper so nah zu sehen ... das musste man erst einmal verarbeiten!

Hinter mir raschelte es, dann war ein leises Seufzen zu hören und kurze Zeit später ein gleichmäßiges, beruhigendes Atmen.

Ich presste meine Lippen aufeinander und drehte mich langsam um, darauf bedacht, keinen Mucks von mir zu geben.

Er schlief. Der Schlafsack bewegte sich in einem trägen Tempo auf und ab, dort, wo sich seine Brust befand. Ich entdeckte den Schlafsack, in dem ich die Nacht verbracht hatte, vor der Pritsche. Seiner war länger und breiter, er musste immerhin auch eine viel größere Person beherbergen.

Was sollte ich nun tun?

Ihn im Schlaf zu beobachten, kam mir viel zu intim vor, auch wenn ich mir ganz kurz gestattete, ihn genauer zu betrachten. Jetzt, wo seine Gesichtszüge entspannt waren, wirkte er sehr anziehend. Vielleicht sogar schön, auf irgendeine merkwürdige Weise, denn schön war nun wirklich keine passende Bezeichnung für einen Hunter. Seine dunklen Augenbrauen hoben sich deutlich von der helleren Haut ab und die dichten Wimpern warfen lange Schatten über seine Wangen.

Moment, Moment!, unterbrach ich mich selbst in Gedanken. Das war nicht die Richtung, die ich gedanklich anstreben wollte. Garantiert nicht! Mein Leben war von einem Tag auf den anderen aus den Fugen geraten, ich musste mich auf meine ungewisse Zukunft konzentrieren und mich nicht von albernen Gedankengängen über das Aussehen eines Hunters ablenken lassen.

Ich wandte meinen Blick ab von dem schlafenden Mann und setzte mich auf den Stuhl vor dem Tisch. Und da blieb ich für eine sehr lange Weile still sitzen, bis mir der Hintern wehtat und ich kurz davor war, vor lauter Nichtstun die Wände hochzugehen. Immer wieder glitten meine Augen über den glänzenden Stahlmantel der Pistole. Obwohl ich Waffen nicht mochte, übte diese hier einen gewissen Reiz auf mich aus. Ich durfte sie schließlich nicht anfassen ...

Ein Schielen zur Seite verriet mir, dass der Anführer weiterhin seelenruhig schlummerte. Seine Atmung war mittlerweile lauter geworden, er hatte sich zur Seite gedreht und entblößte damit seinen nackten Rücken.

Ich wollte ihn nicht anstarren, aber ich konnte für einen kurzen Moment meinen Blick nicht von der ebenmäßigen Haut abwenden, die an vereinzelten Stellen von Narben unterbrochen wurde. Wie Striemen verteilten sie sich über seinen gesamten Rücken und ich fragte mich, wer ihm diese Wunden zugefügt hatte. Und warum.

Das geht dich nichts an, wies ich mich selbst zurecht und heftete meine Augen wieder auf die Waffe. Zögernd streckte ich eine Hand aus und streifte sie mit den Fingerspitzen. Kühl, glatt ... tödlich. Ich hatte nicht wenige Menschen durch dieses Mordwerkzeug sterben sehen. Meistens irgendwelche Fremden; arme Leute aus dem Umland, die sich gegenseitig bekriegten, weil die Verzweiflung ihnen den letzten Rest an Verstand und Menschlichkeit geraubt hatte. Und nun war auch meine Freundin von einer solchen Waffe getötet worden.

Ich schaute noch einmal zum Hunter, überzeugte mich davon, dass er immer noch schlief, und nahm die Waffe in die Hand. Sie war schwerer, als sie aussah, fühlte sich fremd an. Ich hatte noch nie zuvor eine Pistole gehalten, auch wenn ich wusste, dass Danika eine besessen hatte.

Danika.

Langsam streckte ich den Arm aus und griff auch mit der zweiten Hand zu, um sie zu stabilisieren. Ich zielte auf die Zeltwand und sah dabei ein verschwommenes Gesicht vor mir. Das Gesicht des Mörders meiner Familie. Und meiner Freundinnen. Es war unscharf, nicht zu identifizieren, dennoch verhöhnte es mich.

»Finger weg von den Waffen.«

Eine Hand packte meine Arme an den Handgelenken und entwendete die Pistole blitzschnell und geschickt aus meinem Griff.

»Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt.« Der Hunter stand über mich gebeugt da und warf mir einen strengen Blick zu.

»Es tut mir leid, Sir«, beeilte ich mich zu sagen und rückte weg, als sein warmer Körper mich berührte.

»Abgesehen davon, dass ich dich nicht kenne und nicht weiß, wozu du fähig bist, könntest du dich leicht selbst verletzen«, fuhr er fort und schob die Pistole zurück in den Gürtel. »Waffen sind keine Spielzeuge.«

»Das weiß ich!«, entgegnete ich trotzig, weil es mich ärgerte, dass ich mir bei seinen Worten dumm vorkam. »Glauben Sie mir, Sir, das weiß ich nur zu gut. Ich hasse diese Dinger. Sie bringen nur Leid und Tod.« Meine Finger zitterten.

»Du hast Angst vor ihnen«, stellte er daraufhin fest. »Und das solltest du. Es ist eine gesunde Reaktion.«

»Ich habe viele Menschen durch sie sterben sehen«, sagte ich leise und senkte den Blick, weil meine Augen sich auf gleicher Höhe befanden wie sein Schritt. Und darauf wollte ich nun wirklich nicht starren!

»Das passiert, wenn Waffen in falsche Hände geraten.« Der Hunter griff hinter mich und nahm das schwarze Shirt mit den langen Ärmeln, das über der Stuhllehne hing, um es sich wieder anzuziehen.

Erleichtert darüber, dass er nicht mehr halbnackt vor mir stand, schaute ich wieder nach oben in sein Gesicht. »Es tut mir leid, dass ich Ihre Anweisung missachtet habe«, entschuldigte ich mich noch einmal. »Herumzusitzen und nichts zu tun, das macht mich nervös und unruhig.«

»Das verstehe ich. Aber in Zukunft solltest du darauf achten, meine Anweisungen zu befolgen. Das müssen alle.«

»Ja, Sir.«

In Zukunft? Was meinte er damit?

Bevor ich ihn danach fragen konnte, wie es nun weitergehen sollte, wurde gegen den Eingang geklopft. Dann ertönte eine Stimme, die mir äußerst bekannt vorkam.

»Boss? Revera hier. Bitte um Erlaubnis, eintreten zu dürfen.«

Es war Nikk. Ich hatte ihn bereits völlig vergessen.

»Komm rein.« One warf mir noch einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte, und wandte sich an den Hunter, der ins Zelt trat.

Nikk grüßte mich mit einem schmallippigen Nicken und salutierte vor seinem Befehlshaber. »Montana und ich sind eben eingetroffen.«

»Gut. Wir brechen gleich zu einer neuen Mission auf. Sammle Kerr und Statan ein. Wir treffen uns in fünf Minuten vor dem Tor.«

»Verstanden, Boss.« Nikk wollte sich zum Gehen abwenden, hielt jedoch inne und schaute noch einmal zu mir. »Geht es dir gut, Riley? Ich habe das von deiner Freundin gehört. Mein Beileid.«

»Ich bin okay«, erwiderte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wollte kein Mitleid, von niemandem. Am besten man verschonte mich damit, denn so konnte ich die Erinnerung leichter verdrängen.

»Überlege es dir und bleib bei mir«, ließ er im nächsten Atemzug verlauten.

»Revera, ich habe dir eine Anweisung erteilt«, fuhr sein Boss ihm ins Wort.

»Bin schon dabei.« Nikk warf mir einen letzten Blick zu, salutierte und verschwand.

Der Anführer der Hunter schlüpfte in seine Jacke und legte den Waffengurt um. »Du solltest dir sein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen lassen«, sagte er dabei. »Im Hunter-Hauptquartier wärst du sicher.«

»Ich müsste dafür bloß Leib und Seele verkaufen«, bemerkte ich spitz, auch wenn meine Gedanken bereits rotierten und ich mir wirklich überlegte, ob Nikks Angebot nicht die Lösung für meine momentan ungewisse Zukunftsaussicht war.

»Geliebte sind keine Sklavinnen«, entgegnete der Hunter ruhig. »Sie sind kostbar und werden auch dementsprechend behandelt. Du bekommst ein Heim, Versorgung und die Möglichkeit, dich zu bilden.«

Bei dem letzten Wort wurde ich hellhörig. »Bildung?«, hakte ich nach.

»Ja«, bestätigte er nickend. »Wenn du es wünschst, kannst du dich in deiner Freizeit weiterbilden. Dafür stehen geschulte Lehrkräfte zur Verfügung.«

Als Kind wollte ich immer in die Fußstapfen meiner Mutter treten und Lehrerin werden. Von klein auf hatte ich mich für die wenigen Bücher, die uns zur Verfügung gestanden hatten, interessiert und jede freie Minute damit verbracht, sie in- und auswendig zu lernen. Und ständig war ich meiner Mutter mit meinem Wissensdurst auf die Nerven gegangen, auch wenn sie sich nie etwas davon anmerken lassen und jede meiner Fragen so gut sie konnte beantwortet hatte.

Es bestand also die Chance, dass ich wieder Zugang zu Büchern und zu einer Schule bekam? Diese Aussicht verdrängte jeden Zweifel in mir und ließ mich vor freudiger Erwartung erzittern.

»Überlege es dir, Riley«, sagte das Hunter-Oberhaupt noch einmal und trat zum Zelteingang. »Dein Aufenthalt hier ist nur vorübergehend, bis deine Wunden verheilt sind. Du bestimmst, wie es danach weitergeht. Kehrst du zurück in dein altes Leben oder schlägst du einen neuen Weg ein? Überlege es dir gut, dein Fuß sollte bis morgen früh wieder stabil genug sein, sodass du ohne Schale laufen kannst. Nutze die Zeit bis dahin zum Nachdenken.«

»Kann ich auch bei Ihnen bleiben, Sir? Ihre Geliebte sein?« Die Frage war heraus, bevor ich überhaupt wusste, dass meine Gedanken diese Richtung eingeschlagen hatten.

Seine Miene verfinsterte sich für einen Moment, bevor sie wieder ausdruckslos wurde. »Ich habe bereits eine Geliebte«, erwiderte er ruhig. »Bleib im Zelt. Gleich bringt dir jemand etwas zu essen.« Mit dieser letzten Anweisung trat er hinaus.

Beschämt hielt ich mir die Hände an die glühenden Wangen. Wieso hatte ich das gesagt? Wo war dieses Bedürfnis, an seiner Seite zu bleiben, hergekommen? Wahrscheinlich hatte mich meine verzweifelte Lage in eine viel zu empfängliche Situation getrieben. Er hatte sich um mich gekümmert, als es mir schlecht ging, und ich hatte unbewusst Vertrauen zu ihm entwickelt. Aber das war noch lange kein Grund, mich ihm auf diese peinliche Weise darzubieten. Nicht er hatte mich gefragt, ob ich seine Geliebte werden wollte, sondern Nikk. Und an den sollte ich mich halten.

»Nikk«, murmelte ich vor mich hin und lief in dem kleinen Raum auf und ab. Sollte ich sein Angebot annehmen und ihm meinen Körper zur Verfügung stellen? Die Aussicht auf ein sicheres Heim, aber vor allem auf die Möglichkeit, sich weiterzubilden, war verdammt verlockend. Und erst recht nach den Ereignissen der vergangenen Nacht. Ich sehnte mich nach Ruhe und Frieden. Nach einem Neuanfang. Wo sollte ich denn auch sonst hin? Karen war tot, Danika wahrscheinlich ebenfalls und ich hatte keinen Schimmer, was da vorgefallen war. Die Person, die in unsere Wohnung eingebrochen war und dieses fürchterliche Chaos hinterlassen hatte, war immer noch da draußen. Wartete vielleicht auf mich. Die Option, in mein altes Leben zurückzukehren, bestand demzufolge nicht. Es blieben nur noch die Möglichkeiten, ohne Ziel umherzuwandern und darauf zu hoffen, dass ich den Tag überlebte, oder die Geliebte eines Hunters zu werden.

Das Rascheln am Zelteingang deutete einen weiteren Besucher an. Der Hunter, der mir am Vortag etwas zu essen gebracht hatte, erschien erneut mit einem Tablett in der Hand und seinem entwaffnenden Grinsen. Kellegha hatte das Oberhaupt ihn genannt.

»So, hau ordentlich rein, kleine Lady«, sagte er, nachdem er das Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte. »Und diesmal verlange ruhig Nachschlag, wenn du willst.«

»Was ist das?«, fragte ich und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie unappetitlich ich die Pampe auf dem Teller fand.

»Hausgemachte Lasagne«, erklärte er schmunzelnd. »Schmeckt besser, als es aussieht.«

»Essen ist Essen.« Ich atmete geräuschvoll durch und griff nach der Gabel. Der erste Bissen explodierte regelrecht in meinem Mund und ich riss erstaunt die Augen auf. »Wow, das ist wirklich verdammt lecker!«, brachte ich ungeniert hervor.

Der Hunter lachte kehlig. »Sage ich doch. Und ich habe dir sogar Nachtisch mitgebracht.« Er zog die silberne Folie von dem zweiten, kleineren Teller und wackelte mit den Augenbrauen. »Pudding.«

»Das hat ... meine Mom früher immer gemacht. Ich habe es schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen.« Bei der Erinnerung daran presste ich meine Lippen fest aufeinander und sammelte mich wieder. Keine Gefühlsduseleien mehr! »Vielen Dank, Kellegha«, fügte ich mit fester Stimme hinzu und hoffte, dass er es mir nicht übel nahm, weil ich ihn so unförmlich ansprach. Aber dieser gut gelaunte Hunter strahlte etwas Nettes und Vertrauenswürdiges aus, sodass ich nicht anders konnte.

»Arron«, entgegnete er mit einem Augenzwinkern. »Das ist mein Vorname.«

»Oh, verstehe. Ihr nennt euch gegenseitig bei eurem Nachnamen, nicht wahr?«

»Das hat sich in den Truppen etabliert, ja«, bestätigte er.

Ich nahm noch einen Bissen von der Lasagne und kaute bedächtig. »Darf ich fragen, wie euer Anführer heißt? Oder ist das streng geheim?«

»Der Mistkerl hat sich nicht vorgestellt, war ja klar!« Arron ließ erneut sein bebendes Lachen verlauten und ich war erschrocken, dass er seinen Boss eben als Mistkerl betitelt hatte. »Er heißt Taleon. Taleon One«, fügte der gut gelaunte Riese im nächsten Atemzug hinzu. »Aber du solltest ihn lieber nicht beim Vornamen ansprechen. Er besteht auf dieses ganze Gesieze und die Höflichkeitsformen, weißt du. Das verschafft ihm Autorität – und die braucht er auch, wenn er einen Haufen testosterongeladener Männer unter Kontrolle halten will.«

Ich nickte und versicherte ihm damit, dass ich verstanden hatte. Taleon One. Ein interessanter Name ... der mich natürlich nicht weiter kümmerte. Aber diese letzte Neugier bezüglich des Hunter-Anführers konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Doch fortan würde ich mich hüten, weiter in die Privatsphäre dieses Mannes einzudringen. Ich hatte mich vorhin schon genügend blamiert.

»Nachschlag?«, fragte Arron, nachdem ich meinen Teller bis auf den letzten Bissen leergemacht und auch den Pudding verschlungen hatte.

»Nein, mein Hunger ist gestillt«, erwiderte ich lächelnd und lehnte mich zurück. »Aber es gibt noch andere, ganz dringende Bedürfnisse, die ebenfalls gestillt werden müssen.« Ich verzog qualvoll das Gesicht, als sich meine Blase mit einem heftigen Druck meldete, und presste die Oberschenkel fest zusammen.

Er zeigte erneut seine etwas schiefen Zähne und nickte. »Dann folge mir mal unauffällig.«




Die Stunden im Zelt zogen sich hin und bald schon fühlte ich mich wie ein eingesperrtes Tier, das vor lauter Verzweiflung den Verstand verlor.

Ich musste etwas tun ... hier raus ... mich beschäftigen ... wenigstens den Himmel sehen.

Ein letztes Zögern, dann trat ich zum Zelteingang und schob ihn Stück für Stück auf. Sofort fiel mein Blick auf die zwei Hunter, die nur wenige Meter von mir entfernt dastanden und sich mit ernsten Mienen unterhielten.

Ob sie mich wohl erschießen würden, wenn ich die Anweisung ihres Anführers missachtete und das Zelt auf eigenen Wunsch verließ? Andererseits - ich war nicht ihre Gefangene! Und so trat ich hinaus und hob die Hände, als sich ihre Blicke auf mich richteten.

»Ich brauche Luft«, erklärte ich und blieb stehen. »Ich weiß, ich soll im Zelt bleiben, aber ich werde da drin verrückt ohne Beschäftigung.«

»Riley.« Hinter mir erschien Arron und ich atmete erleichtert aus, als ich seine Stimme hörte.

Ich drehte mich zu ihm um und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Bitte nimm es mir nicht übel, dass ich es keine Sekunde länger dort drin ausgehalten habe. Ich ... Kann ich nicht irgendetwas tun? Egal was. Meinetwegen wasche ich eure Sachen oder putze. Was auch immer. Gib mir irgendeine Aufgabe, bitte!«

Er nickte verständnisvoll und winkte mich mit einer Kopfbewegung zu sich. »Wir finden schon etwas, womit wir dich beschäftigen können. Komm mit.«

»Gott sei Dank.« Die Anspannung wich augenblicklich aus meinem Körper, als ich lächelnd zu ihm trat.

»Wahrscheinlich wünschst du dir jetzt, das Zelt nicht verlassen zu haben«, bemerkte Arron mit einem mitfühlenden Lächeln kurze Zeit später.

Wir befanden uns hinter einem der anderen Zelte und ich starrte mit vor Entsetzen und Ekel geweiteten Augen auf die erlegten Hasen, die in einer Reihe zu seinen Füßen lagen.

»Hast du einen schwachen Magen?«, wollte er wissen und ging in die Hocke.

»Ich ...« Reiß dich zusammen!, ermahnte ich mich selbst, weil ich vor ihm nicht als verweichlichte Frau dastehen wollte. »Was soll ich tun?«

Arron erklärte mir, was nun mit den Hasen geschehen würde, und ich hatte unglaublich große Mühe, mich bei seinen Worten nicht zu übergeben. Wir befanden uns mitten im Wald und die großen Männer brauchten Nahrung. Fleisch. Ich selbst hatte bereits das ein oder andere Mal ein wildes Tier erlegen müssen, um nicht zu verhungern. Doch das lag über ein Jahr zurück und mein Empfinden, was das Ausweiden betraf, hatte sich in der Zeit ganz schön sensibilisiert.

»Bist du sicher, dass du das hinbekommst?«, wollte der Hunter noch einmal wissen und musterte mich prüfend.

»Ich schaffe das schon«, erwiderte ich und nickte fest. Dann griff ich nach dem Messer, das er mir hinhielt, und drängte jegliche Emotionen beiseite, um mich meiner Aufgabe zu widmen.

Als wir eine geschlagene Weile später fertig waren, klopfte Arron mir auf die Schulter und lächelte breit. »Du hast Mumm, Riley. Das war nicht das erste Mal, dass du ein Tier ausgenommen hast, nicht wahr?«

»Ich bin jahrelang durchs Land gezogen, ohne ein Dach über dem Kopf zu haben, und musste zusehen, wie ich überlebte«, sagte ich leise und fragte mich, ob mir dieses Schicksal erneut blühte, jetzt, wo ich nicht in mein Leben mit Danika und Karen zurückkehren konnte.

»Jahrelang?«, hakte der Hunter nach und nickte anerkennend. »Dann musst du wirklich etwas auf dem Kasten haben, wenn du so lange überlebt hast.«

Ich ging nicht weiter darauf ein, denn ich sprach nicht gern über diese schwere Zeit. Zum Glück drängte Arron nicht darauf und lotste mich stattdessen zu einem Kanister mit Wasser, wo wir uns die Hände wuschen.

»One und die anderen müssten bald zurück sein«, sagte er anschließend und schaute gen Himmel. »Die Sonne geht unter und wir handhaben unsere Missionen lieber bei Tageslicht, wenn es sich einrichten lässt.«

Mir fiel auf, dass er den Anführer nie als Boss betitelte, und ich fragte mich, ob die beiden sich näher standen. Ich hatte das Gefühl, dass Arron hier ebenfalls etwas zu sagen hatte, denn sonst würde er mich sicher nicht einfach herumführen und sich damit dem Befehl des Anführers indirekt widersetzen dürfen.

»Ich bringe dich zurück ins Zelt. Komm.«

Ich folgte ihm und bemerkte, dass die Hunter, an denen wir vorbeikamen, mich interessiert musterten. Ich konnte es ihnen nicht verübeln, denn immerhin war ich die einzige Frau weit und breit. Und ganz plötzlich befiel mich eine Angst, die vorher nicht dagewesen war.

Ich war eine Frau inmitten von zahlreichen kräftigen Männern. Vollkommen wehrlos, ihnen ausgeliefert.

Sie werden dir nichts tun, beruhigte ich mich selbst, konnte es jedoch nicht verhindern, dass meine Finger zitterten. One wird es nicht zulassen. Und Arron ebenfalls nicht.

Aber was wusste ich schon? Man hörte überall Geschichten über die Armee des Empire. Die Hunter waren tödlich und unerbittlich, sie folgten ihren eigenen Gesetzen. Sie bräuchten sich keine Sorgen um Konsequenzen zu machen, wenn mir in ihrer Obhut etwas geschah. Sie waren das Gesetz hier draußen.

Wenn sie vorgehabt hätten, dir etwas anzutun, hätten sie es längst getan. Dieser Gedanke beruhigte mich. Ja, es gab keinen Grund, sich vor dem Anführer oder vor den anderen zu fürchten. Bisher hatte man mich sehr gut und freundlich behandelt. Bloß weil Gerüchte etwas anderes besagten, mussten sie nicht auf jedermann zutreffen. Es gab sicher Hunter da draußen, die ihre Machtposition für niederträchtige Taten missbrauchten, aber weder Taleon One noch Arron Kellegha gehörten zu ihnen. Ich vertraute darauf, auch wenn ich mir dumm und naiv dabei vorkam. Mir blieb schließlich nichts anderes übrig. Eine Flucht unter so vielen wachen Augen würde mir kaum gelingen.

Im Zelt angekommen, setzte ich mich auf die Pritsche und warf meinem Begleiter ein dankbares Lächeln zu. »Danke, dass du mich mitgenommen hast.«

»Ich bin froh, dass du nicht umgekippt bist oder mir vor die Füße gekotzt hast.«

Ich lachte und erschrak selbst über diesen ungewohnten Laut. In meinem Leben gab es nicht viele Momente, die mich erheiterten. In der Zeit mit Karen und Danika hatte ich mich hin und wieder solchen Gefühlsausbrüchen hingegeben, aber meine Freundinnen waren nicht mehr da und ich sollte mich an diesen heiteren Klang meiner Stimme nicht zu sehr gewöhnen.

»Wenn du noch etwas brauchst, gib Bescheid«, holte mich Arrons nächster Satz aus den Gedanken. »Ich bleibe in der Nähe, bis One wieder zurück ist.«

»Danke«, sagte ich noch einmal und schaute ihm nach, als er das Zelt verließ. 

Wieder allein, schlüpfte ich mühsam aus den Stiefeln und legte mich in den Schlafsack. Das ist nicht meiner, stellte ich sofort fest, als ich den Geruch des Hunters darin vernahm. Eine ganz eigene Note, herb und irgendwie ... beruhigend. Ich ignorierte die Stimme, die mir sagte, dass ich die Schlafsäcke tauschen sollte, und schloss stattdessen die Augen. Obwohl ich an diesem Tag nicht viel getan hatte, war ich völlig ausgelaugt und brauchte nicht lange, um einzuschlafen.


»Riley, geh ins Haus.«

Verwirrt starre ich meinen Vater an. Sein Gesicht, das sonst immer lächelt, ist so ernst, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

»Papa, was ist denn los? Wieso schreien die Menschen so?«, will ich wissen und klammere mich ängstlich an seine Hand.

Von überall her ertönt Gebrüll und vermischt sich mit Hilferufen. Mein Vater beugt sich zu mir herab und schaut mich eindringlich an. »Geh ins Haus und versteck dich. Und bleib dort, verstanden? Komm unter keinen Umständen heraus. Verstehst du das, Riley?«

»Papa, du machst mir Angst!«

»Geh ins Haus!«

»Papa...«
    ...
    ... Papa?

5. Kapitel

 

 


Ich fuhr hoch und spürte sofort, dass ich wieder schweißgebadet war. Die Erinnerung an den Traum ließ mein Herz so stark pochen, dass ich fürchtete, es würde mir jeden Augenblick aus der Brust springen. Verdammt, die Erinnerung war diesmal intensiver als sonst gewesen! Ich glaubte, die Flammen des ausbrechenden Feuers auf meiner Haut zu spüren.

»Alles in Ordnung. Du bist in Sicherheit.«

Die beruhigende Stimme des Hunter-Oberhaupts drang nach und nach zu mir und vertrieb die letzten Traumfetzen, die noch hartnäckig an mir hafteten.

Ich schaute zur Seite und nickte, während ich mir das schweißnasse Haar hinter die Ohren strich.

»Hier, trink etwas.«

Er reichte mir eine Flasche Wasser und ich setzte sie so gierig an, dass es überschwappte und meine bereits feuchte Kleidung weiter durchnässte.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich sofort und wischte mir über den Mund und den Hals.

»Du solltest dich umziehen.« Im nächsten Augenblick hielt er mir ein schwarzes Kleidungsstück hin und drehte sich um.

Ich stellte die Flasche nach unten und zog mir hastig das nasse Shirt über den Kopf aus. Dann schlüpfte ich in Windeseile in das trockene, saubere Oberteil und setzte die Flasche erneut an, diesmal vorsichtig und gesittet.

Der Hunter drehte sich wieder zu mir herum und nahm auf der Kante der Pritsche Platz. Sein Blick ruhte auf meinem Gesicht und seine Stirn war leicht gerunzelt.

»Wurden du und deine Freundinnen von jemandem bedroht?«, wollte er im nächsten Moment wissen.

Ich zuckte leicht zusammen, als er die beiden erwähnte, und schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Nicht, dass ich wüsste.«

»Du sagtest, dein Chef hätte dich bedrängt, sodass du dich wehren musstest. Hat er oder jemand sonst auch deine Freundinnen bedrängt?«

Bei der Erinnerung an Baris und den letzten Abend in der Bar wurde mir ganz kalt. »Unser Chef ... er war ein widerlicher Kerl, aber er hat uns nicht allzu schlecht behandelt. Zumindest nicht bis zum besagten Abend. Glauben Sie, dass er dahinter steckt?«

»Ich kann es nicht komplett ausschließen. Aber wahrscheinlich nicht, bisher führt keine Spur zu ihm. Ich werde eine kleine Gruppe abrufen, die morgen wieder hinfährt und weiter nachforscht.« Sein Blick verließ mein Gesicht und richtete sich auf die Zeltwand. Er dachte nach und wirkte dabei höchst konzentriert; jeder Muskel in seinem Gesicht schien angespannt zu sein. Kurz darauf kehrten seine Augen zurück zu mir. »Hast du dich entschieden, Riley?«

Ich brauchte einen Moment, um den Themenwechsel zu realisieren und seine Frage zu verstehen. Und dann nickte ich. »Ich möchte bei ... Nikk bleiben.« Die Entscheidung fiel genau in diesem Augenblick, denn ich wollte nicht wieder da raus und ziellos durch das Land streifen, mit der Ungewissheit, ob ich es bis in den nächsten Tag schaffen würde oder nicht. Und mit dem Wissen, dass jemand meine Freundinnen auf dem Gewissen hatte und womöglich auch hinter mir her war.

»Bist du dir sicher?«, hakte das Oberhaupt nach und musterte mich prüfend.

»Ja, Sir.« Ich senkte den Blick, als mir wieder einfiel, dass ich ihn vor Stunden gefragt hatte, ob ich nicht seine Geliebte werden konnte.

»Gut. Dann bringe ich dich jetzt zu ihm.« Er erhob sich und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, mich richtig hinzusetzen. Dann nahm er mir den Gips vom Fuß ab.

Kurz darauf verließen wir sein Zelt und ich konnte nicht verhindern, dass mich ein bedrückendes Gefühl befiel. Plötzlich zweifelte ich an meiner Entscheidung und fragte mich, ob ich das Richtige getan hatte. Gleichzeitig war da ein unerwünschtes Verlangen in mir, bei ihm zu bleiben. Obwohl ich ihn überhaupt nicht kannte, vertraute ich ihm. Würde es mir mit Nikk genauso ergehen? Oder machte ich gerade einen riesigen Fehler?

Wir kamen zu einem der hintersten Zelte und der Anführer kündigte uns laut an, bevor wir hineintraten.

»Riley.« Nikk saß auf einer der beiden Pritschen, die sich jeweils links und rechts an der Zeltwand befanden. Auf der anderen hockte ein zweiter Hunter, den ich nach genauerem Hinsehen wiedererkannte. Er war zusammen mit Nikk in Baris‘ Bar gewesen, als sie zum ersten Mal dort aufgetaucht waren.

»Montana, nimm deine Sachen«, sagte One neben mir und unterstrich seine Worte mit einer auffordernden Kopfbewegung. »Du schläfst heute in einem anderen Zelt.«

»Verstanden, Boss.« Der Hunter mit der dunkelbraunen Haut stand auf und faltete seinen Schlafsack zusammen. Falls es ihm etwas ausmachte, dass er gehen musste, so ließ er es sich nicht anmerken.

»Du hast dich entschieden«, bemerkte Nikk und sprang ebenfalls auf die Füße. Sein breites Grinsen schmeichelte mir, bewirkte sogar, dass sich meine Mundwinkel ein wenig nach oben verzogen.

»Revera, du solltest sie ganz genau darüber aufklären, was sie erwartet«, wies sein Boss ihn an. »Morgen früh kannst du sie ins Hauptquartier bringen.«

»Verstanden, Boss.« Nikk wandte seinen Blick nicht von mir ab und in seinen Augen blitzte es verheißungsvoll.

Mir wurde ein wenig mulmig. Konnte ich das wirklich tun? Konnte ich mich diesem Mann hingeben, um in Sicherheit zu sein?

Ich dachte an die unzähligen Nächte, die ich draußen in der Kälte und voller Angst verbracht hatte, und seufzte leise. Ja, das konnte ich. Es gab Schlimmeres, als das Bett mit einem Hunter zu teilen. Viel Schlimmeres. Einiges davon hatte ich bereits erlebt und wollte es nicht wieder tun. Die körperliche Liebe war gegen all die Grausamkeit, die im Umland herrschte, ein wahrer Segen, selbst wenn ich dabei etwas von meinem Stolz und meiner Würde ablegen musste.

»Gut. Melde dich bei mir ab, bevor ihr aufbrecht.« Der Hunter-Anführer bedachte mich mit einem letzten Blick, nickte knapp und verließ das Zelt. »Beeil dich, Montana«, rief er dabei über die Schulter.

Ich blieb etwas unsicher auf meinem Platz stehen und beobachtete den dunkelhäutigen Hunter, der sich seinen Schlafsack griff und mit der anderen Hand einen Beutel. »Viel Spaß euch beiden«, sagte er an seinen Kameraden gewandt, lächelte mir kurz zu und folgte seinem Befehlshaber.

»Komm her.« Nikk trat zu der nun freien Pritsche und winkte mich heran. Er nahm mir den mitgebrachten Schlafsack ab und breitete ihn darauf aus. »Machen wir es uns ein wenig bequemer, dann kann ich dir alles erzählen, was du wissen musst.«

Es uns ein wenig bequemer machen? Mit einem skeptischen Gesichtsausdruck ließ ich mich auf sein aufforderndes Klopfen hin auf der Pritsche nieder.

»Schau nicht so finster«, sagte er lächelnd und nahm neben mir Platz. »Ich beiße nicht, und wenn, dann nur ganz sanft.«

Dieser plumpe Spruch ließ mich die Augen verdrehen, aber er löste auch ein wenig die Anspannung in meinen Schultern. Nikk war eben Nikk. Bereits bei seinen Besuchen in der Bar war er um keinen direkten Spruch verlegen gewesen. Ich konnte damit umgehen, sogar besser als mit einem verschlossenen Charakter, bei dem ich nicht wusste, woran ich war.

Nikk wollte mich als seine Geliebte, ich sollte ihm seine körperlichen Bedürfnisse stillen und durfte im Gegenzug bei ihm bleiben. Das verstand ich und das würde ich hinbekommen. Der körperliche Geschlechtsakt war mir nämlich vertraut, hatte ich doch in manch einsamen und eiskalten Nächten Schutz in den Armen eines Mannes gesucht. Es würde mich einiges an Überwindung kosten, diesen intimen Moment mit dem beinahe völlig fremden Hunter zu teilen, aber darüber konnte ich hinwegsehen. Hierbei ging es um meine Zukunft, um meine Sicherheit. Und um die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Das war mehr als ich irgendwo sonst bekommen würde.

»Okay, hast du irgendwelche Fragen?« Nikks braune Augen glitzerten und ich hatte das Gefühl, diese Situation würde ihn amüsieren.

»Du willst doch nicht etwa jetzt sofort loslegen?«, entgegnete ich und verzog das Gesicht.

»Nein. Wir legen los, wenn du soweit bist. Jetzt beantworte ich dir erst einmal deine Fragen. Du möchtest sicher wissen, was dich erwartet.«

»Ja, das würde mir weiterhelfen.«

Er lehnte sich entspannt zurück und stützte sich auf einem Arm ab. »Okay. Morgen bringe ich dich erst einmal ins Hauptquartier. Unser Einsatz hier ist noch nicht beendet, was bedeutet, dass ich anschließend wieder hierher zurückkehren muss. In meiner Abwesenheit kannst du dich schon mal eingewöhnen. In der Zeit wirst du auch untersucht und auf meine Rückkehr vorbereitet.«

Das klang doch einigermaßen beruhigend. Ich hätte also noch eine Weile Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen, die Geliebte eines Hunters zu sein.

»Nach dem Einsatz haben wir ein paar Tage Urlaub«, fuhr Nikk fort und ließ seine Augen über meinen Körper gleiten. »Und diesen möchte ich nicht allein verbringen, wenn du verstehst.«

Ich schluckte unauffällig, seine eindringlichen Blicke machten mich etwas nervös. »Und ... stehe ich dir in dieser Zeit rund um die Uhr zur Verfügung?«, hakte ich mit belegter Stimme nach und räusperte mich schnell.

»Das hoffe ich doch«, sagte er und lachte. »Aber jetzt schau doch nicht so entsetzt. Ich werde dafür sorgen, dass es dir gefällt. Du bist nicht meine Gefangene, Riley. Du bist die Frau, die mir die einsamen Stunden versüßen soll. Und ich werde mich dafür entsprechend revanchieren, versprochen.«

Seine Worte schickten mir ein angenehmes Kribbeln über den Rücken. Ich war schon so lange nicht mehr mit einem Mann zusammen gewesen. Und auch wenn ich den männlichen Geschöpfen von Grund auf misstraute, konnte ich dem Geschlechtsakt durchaus etwas abgewinnen. Diese intime Nähe gefiel mir, vorausgesetzt, sie beruhte auf beidseitigem Einverständnis und geschah nicht unter Zwang.

»Komm her.« Nikk setzte sich aufrecht hin und klopfte auf seinen Schoß. »Wir können ja mal schauen, ob es funkt.«

Ich atmete einmal tief durch und überbrückte den Abstand zwischen uns. Ich hatte mich entschieden, mit ihm zu gehen, und jetzt gab es kein Zurück mehr. Außerdem war er ein durchaus ansehnlicher Mann, der eine verführerische Aura ausstrahlte. Vielleicht würde es mir gefallen, ihm näher zu kommen. Das konnte ich nur herausfinden, wenn ich es probierte.

»Du kaufst die Katze im Sack, Hunter«, sagte ich und ließ mich nach einem letzten Zögern auf seinen Schoß sinken. Nach außen hin gab ich mich ruhig, doch meine Nervosität stieg mit jedem Augenblick, der verstrich. »Vielleicht bin ich nicht das, was du suchst.«

»Das werden wir sehen.« Nikks braune Augen wurden noch einen Ton dunkler, als er mit den Fingern über meinen Hals fuhr und sie in meine wirren Locken gleiten ließ. Ein leichtes Ziehen brachte meine Kopfhaut zum Kribbeln. »Du wirkst so, als hättest du bereits die ein oder andere Erfahrung mit Männern gesammelt«, stellte er fest. »Oder irre ich mich?«

»Ich bin nicht unschuldig, falls du das meinst«, erwiderte ich und war froh, dass meine Stimme fest klang. Wenn ich mich ihm schon darbot, dann mit Stolz und Würde und nicht wie ein kleines, ängstliches Mädchen. Das widerspenstige Stimmchen in mir, das sich mit diesem Gedanken immer noch nicht anfreunden konnte und dagegen protestierte, sperrte ich weg. Weit weg zu meiner Trauer um meine beiden Freundinnen und zu der Verzweiflung, die mich letztendlich in die Arme des Hunters getrieben hatte. Ich wollte nicht mehr so viel nachdenken und mich einfach meinem Schicksal überlassen. Alles war besser, als ziellos im Umland umher zu irren, wo an jeder Ecke Gefahr und Tod lauerten.

»Sehr schön«, ließ Nikk nach meiner Aussage hin verlauten und strich mit seinen Händen meine Arme herunter. Sie glitten rüber auf meine Hüfte, wo er mich sanft packte und mich so platzierte, dass ich rittlings auf ihm zum Sitzen kam. Die Beule, die in seinem Schritt prangte, war nicht zu übersehen. Und auch mein Schoß empfand in dieser Position eine gewisse Hitze. Oder zumindest ein leichtes Aufglühen.

»Das gefällt dir«, stellte Nikk fest und fuhr mit seinen Fingerspitzen über meine Seiten. Es kitzelte und ich wand mich ein wenig hin und her. »Mir gefällt es auch, Riley. Du gefällst mir.«

Die Worte waren schmeichelhaft, aber ich ging nicht auf sie ein. Auch wenn mein Körper positiv auf ihn und seine Berührungen reagierte – das hier war so etwas wie ein Geschäft. Ich bot ihm meine Dienste, er würde mir im Gegenzug ein sicheres Heim gewähren. Für mich waren wir Geschäftspartner, keine Liebenden. Vielleicht würde sich das im Verlauf unserer gemeinsamen Zeit ändern, aber ich bezweifelte es, denn ich wollte keine Gefühle für den Hunter entwickeln. Wozu auch? Immerhin war die Zeit mit ihm begrenzt. Er würde mich nur so lange dabehalten, bis er meiner überdrüssig wurde.

Nikk deutete einen Stoß mit seinem Becken an und holte mich damit zurück ins Geschehen. »Das mit uns, es wird funktionieren«, sagte er überzeugt und packte mit beiden Händen meine Gesäßbacken. Es war eine besitzergreifende Geste und sie ließ mich nicht kalt. Nein, im Gegenteil, mir wurde nun ziemlich warm. »Wir werden viel Spaß miteinander haben. Ich kann es kaum erwarten, bis die Mission zu Ende ist. Verdammt, ich würde dich am liebsten jetzt sofort vögeln, aber Sex ist hier tabu. One ist so ein Spießer.«

Bei der Erwähnung des Anführers verschwand die Hitze aus meinem Körper und auf einmal kam mir die Situation – ich auf Nikks Schoß, die große Beule in seiner Hose – falsch vor. Langsam, ohne ihn mit meiner plötzlichen Eile zu kränken, kletterte ich von seinen festen Oberschenkeln und brachte wieder Abstand zwischen uns.

»Es ist ganz gut, dass wir noch ein bisschen Zeit haben, um einander kennenzulernen«, sagte ich. »Ich werfe nämlich sämtliche meiner Prinzipien über Bord, weil ich dein Angebot angenommen habe«, fügte ich offen heraus hinzu. »Und ich möchte wissen, dass ich das für einen anständigen Kerl tue.«

Nikks Mund nahm wieder den höhnischen Zug an, der ihm einen gewissen Charme verlieh. »Anständig? Das ist nicht gerade die Eigenschaft, mit der man mich beschreiben würde.«

Das glaubte ich ihm auch ohne weitere Beteuerungen. »Solange du mich respektierst, kannst du so unanständig sein wie du willst.«

»Das tue ich«, versicherte er mit einem nachdrücklichen Nicken. »Wir alle respektieren die Frauen, die wir in unser Bett holen. Du hast ein falsches Bild davon, was eine Geliebte ist, Riley. Aber keine Sorge, du wirst bald schon deine Meinung revidieren.«

 

 


Am nächsten Morgen brachen wir in aller Frühe auf und ich war Nikk dankbar dafür, dass er ununterbrochen vor sich hin plapperte und mir keinen Raum für weitere intensive Gedankengänge ließ. Ich hatte bereits die halbe Nacht wach gelegen und mir immer wieder versichert, dass ich das Richtige tat, bis ich mich endgültig davon überzeugt hatte.

»Du bist so ruhig, Riley«, sprach Nikk mich schließlich direkt an. »Wahrscheinlich spinnst du dir in deinem hübschen Köpfchen alle möglichen Horrorszenarien zusammen. Habe ich Recht?«

»Nein, eigentlich denke ich im Moment an gar nichts Konkretes«, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

»Nicht einmal an mich?«

»Wieso sollte ich an dich denken, wenn du direkt neben mir sitzt?«

»Du bist eine harte Nuss, Baby«, sagte er lachend und griff nach meiner linken Hand, die auf meinem Oberschenkel ruhte. »Aber ich mag Herausforderungen. Und ich werde dich schon knacken.«

Was auch immer, dachte ich und ließ ihn weiterreden. Je länger wir fuhren, desto schwerer fiel es mir, die aufkeimende Nervosität zu verdrängen. Was würde mich im Hunter-Hauptquartier erwarten? Wie waren die wirklichen Lebensbedingungen dort? Diese und andere Fragen kreisten in den kurzen Pausen, in denen Nikk kein Wort von sich gab, in meinem Kopf herum.

Nach vielen Stunden erreichten wir eine breite, von Schutzwällen umgebene Straße, die direkt auf ein riesiges Tor zuführte. »Home sweet home«, murmelte Nikk und grinste breit. »Wir sind gleich da.«

Ich gab mir keine Mühe, mein Staunen zu verbergen. Mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund, der sich zu einem O verzog, legte ich den Kopf in den Nacken und starrte das imposante Gebäude an, das sich direkt an das breite Tor anschloss. Es war so gewaltig, dass mich sein Anblick beinahe erdrückte.

»Sind wir hier im ... Empire?«, fragte ich schließlich, als ich meine Stimme wiederfand.

»Nein, das ist das Hunter-Hauptquartier«, erwiderte Nikk und ich sah aus dem Augenwinkel, dass er mich amüsiert musterte.

»Es ist so gigantisch.«

»Wir sind viele und brauchen dementsprechend viel Platz.«

Am Tor angekommen, trat ein bewaffneter Hunter zum Fahrerfenster und wechselte ein paar Worte mit Nikk. Kurz darauf stieg mein Begleiter aus und sie setzten ihre Unterhaltung draußen fort, sodass ich nichts mehr davon mitbekam. Immer wieder glitt der Blick der Wache zu mir und musterte mich abschätzig. Erst nach unzähligen Minuten, in denen mir der Schweiß ausbrach, setzte sich Nikk wieder ans Steuer und wir durften passieren.

»Bevor ich es vergesse - du wirst dich noch einigen medizinischen Untersuchungen unterziehen müssen«, sagte er und fuhr den Wagen im Schritttempo zu einem weiteren Tor. »Hier wird hoher Wert auf Sicherheit gelegt und wir müssen sichergehen, dass du keine ansteckenden Krankheiten hast.«

»Ich bin gesund«, erwiderte ich daraufhin.

»Das sind die Vorschriften, Riley. Keine Sorge, wir haben hier sehr fähiges Personal. Es wird schnell gehen und nicht wehtun. Reine Routine.«

»In Ordnung.« Ich nickte und konzentrierte mich wieder auf das Bild, das sich mir außerhalb des Wagens bot.

Nachdem wir auch den zweiten Wachtposten hinter uns gelassen hatten, fuhren wir durch einen Tunnel und gelangten schließlich ins Innere des Hunter-Hauptquartiers. Ich konnte all die Eindrücke, die auf mich einprasselten, gar nicht richtig erfassen. Das hier war eine andere Welt. Eine Welt, die ich nicht kannte, voll von faszinierenden Bauten und Technologien. Wunderschön, gigantisch und geschützt.

In der Schule war uns einiges über das Empire und die Privilegierten, die darin lebten, berichtet worden, aber ich hatte mir nicht im Traum vorstellen können, wie es wirklich war, ein solches Leben zu führen.

Doch in diesem Moment, als ich mit dem Hunter durch das Hauptquartier fuhr und so vieles sah, wofür ich nicht einmal einen Namen kannte, vermischten sich Fantasie und Realität und nahmen mich auf in dieser Traumwelt.

»Die Geliebten der Hunter leben im jeweiligen Abschnitt, in dem auch ihre Männer untergebracht sind. Du wirst dein eigenes kleines Reich haben, das an meine Suite grenzt«, erklärte Nikk während unserer Fahrt.

»Suite?«

»Ja, ist so ähnlich wie eine Wohnung, nur viel größer.«

»Und wieso bleibe ich nicht einfach bei dir?«

»Das wirst du wahrscheinlich«, entgegnete er mit seinem breiten Dauergrinsen. »Solange du willst, Baby. Aber falls du doch mal die Schnauze voll von mir haben solltest, hast du einen Rückzugsort. Und während meiner Außenmissionen eine eigene Bleibe.«

Das klang gut. Ich würde den sogenannten Rückzugsort wohl öfter in Anspruch nehmen, als Nikk vermutete. Er schien sehr davon überzeugt zu sein, dass ich ihm schon bald regelrecht verfallen wäre. Na, wenn er sich da mal nicht irrte ...

Nach einer Weile machten wir Halt vor einem eckigen, komplett verglasten Gebäude. Es war hoch und schmal, erinnerte mich ein wenig an einen Turm.

»Hier lebst du?«, fragte ich und schaute an der Glasfassade hoch. Einfach nur ... wow!

»Ich und viele andere aus meiner Truppe«, bestätigte Nikk und drückte auf irgendwelchen Knöpfen an dem Lenkrad des Wagens herum. »Und jetzt auch du und all die anderen Frauen.«

»Hier sind noch mehr Frauen?«

Er bedachte mich mit einem Blick, der mich leicht wütend werden ließ, weil ich mir danach so dämlich vorkam.

»Riley, natürlich sind hier noch mehr Frauen«, fügte er im nächsten Moment freundlicher hinzu. »Wir haben alle unsere Bedürfnisse. Glaub mir, du wirst keinen Hunter finden, der sich nicht eine Geliebte herholt. Oder mehrere.«

»Mehrere?«, entkam es mir leicht schrill, was ihn zum Lachen brachte.

»Ja, ich fände es auch zu anstrengend. Aber diese Art von körperlicher Betätigung ist ein guter Ausgleich zu unseren Missionen. Und viele meiner Kameraden bekommen einfach nicht genug von Frauen.«

Sex war eine Handelsware, das wusste ich bereits. Aber dass ein Hunter sich gleich mehrere Geliebte hielt, die ihm allesamt zu Diensten stehen mussten, war mir neu. Wie sich diese Frauen wohl fühlten, wenn sie genau wussten, dass sie ihrem Hunter nicht allein zur Verfügung standen? Vielleicht war es gar nicht so übel, wenn man nicht allein war. Immerhin konnte man sich dann mit den anderen austauschen.

Nikk fuhr den Wagen in eine Tiefgarage, wie er es nannte. Dort stellte er ihn neben einigen anderen glänzenden Fahrzeugen ab. »Ich bringe dich noch rauf, dann muss ich wieder zurück«, erklärte er und half mir, auszusteigen.

»Muss ich in deiner Abwesenheit die ganze Zeit in ... meinem kleinen Reich bleiben?«, wollte ich wissen, als wir vor einer aus dunkelgrauem Metall bestehenden Tür stehen blieben.

»Nein, im Gegenteil. Euch Frauen stehen hier unzählige Möglichkeiten der Beschäftigung zur Verfügung.« Die Türen glitten auseinander und enthüllten einen viereckigen, verspiegelten Raum. »Das ist ein Fahrstuhl«, klärte Nikk mich auf, der sah, dass ich zögerte, bevor ich ihm hinein folgte. »Damit fahren wir nach oben in meine Etage.«

Beeindruckend. Ich stellte mich neben ihn und griff seinen ersten Satz wieder auf. »Und welche Möglichkeiten sind das? Eine Schule?« Ich konnte es kaum noch erwarten, mich der Weiterbildung zu widmen. Immerhin war das der Grund gewesen, wieso ich mich dazu entschieden hatte, bei Nikk zu bleiben. Das und die weniger verlockende Alternative, die da lautete: Im Umland umherwandern und jeden Tag um mein Leben kämpfen.

»Wir bezeichnen es als Universität«, entgegnete der Hunter lächelnd. »Aber dich wird doch eher der Schönheitssalon interessieren.«

»Nein«, sagte ich schlicht.

»Frisör? Wellnessbereich? Spa? Die Einkaufspassage?«, schlug er weiter vor.

»Das meiste davon kenne ich nicht einmal.«

»Dort kannst du dich verwöhnen lassen. Das volle Schönheitsprogramm. Danach fühlst du dich und siehst auch aus wie ein neuer Mensch.«

»Wozu? Du hast dich doch für mich entschieden, so wie ich jetzt bin. Wieso soll ich mich ändern?« Ich zog meine Augenbraue skeptisch hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Hey, das wollte ich damit nicht sagen«, wehrte Nikk mit erhobenen Händen ab. »Ich finde die Vorstellung, dass du nicht auf diesen ganzen Beauty-Quatsch stehst, sogar sehr angenehm. Aber die meisten Frauen fahren eben auf dieses Programm total ab.«

»Nun, mir ist es vollkommen egal. Ich möchte viel lieber lernen.« Das Wort zerging mir regelrecht auf der Zunge und brachte so viele wunderbare Erinnerungen an meine Schulzeit mit sich. Und an meine Mutter, die Lehrerin aus Leidenschaft gewesen war. Diese Erinnerung verdrängte ich jedoch sofort wieder, weil sie mich traurig machte.

Nikk zuckte mit den breiten Schultern. »Wie du willst. Deine Freizeit kannst du dir nach Lust und Laune gestalten. Sobald du die ärztlichen Untersuchungen hinter dich gebracht hast, kannst du dich in den offenen Bereichen frei bewegen.«

Der Fahrstuhl hielt und öffnete seine Türen, damit wir aussteigen konnten. Vor uns erstreckte sich ein langer, schmaler Flur, von dem drei weitere Türen abgingen. Nikk ging voran und ich folgte ihm, als er auch schon vor einer der Türen stehen blieb. Aus seiner Hosentasche holte er einen winzigen Knopf hervor und hielt ihn an eine kleine Tafel direkt neben dem Türrahmen. Es piepte leise und dann erschienen weitere Knöpfe, die er in einer scheinbar willkürlichen Reihenfolge drückte.

»Gib mir deinen Zeigefinger«, forderte er mich anschließend auf. Ich reichte ihm meine Hand und er hielt die Kuppe meines Zeigefingers an das glatte Feld. »Das System hat sich deinen Abdruck gespeichert. Damit kannst du die Tür öffnen und schließen.«

»Oh. So etwas ist möglich?«

»Baby, du wirst noch sehr viel Spaß mit unseren Technologien haben«, erwiderte er belustig und zwinkerte mir mit einem Auge zu.

Gleich darauf betraten wir ein großes Zimmer, in dem sich ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle befanden. »Das alles ist für mich?«, fragte ich sofort und starrte auf das breite Bettgestell.

»Ja, das ist dein Schlafzimmer.« Er ging zu einer weiteren Tür, die sich neben dem Tisch befand, und öffnete sie. »Hier hast du noch einen kleinen Wohnbereich und ein angrenzendes Badezimmer.«

Ich stellte mich hinter ihn und lugte hinein. »Ist das ... ein Fernseher?«, fragte ich und deutete an die Wand gegenüber, an der eine schwarze, glänzende Scheibe hing. »Ich habe davon gehört, aber ich wusste nicht, dass es so etwas wirklich gibt.«

Nikk trat zu einem niedrigen Tischchen und griff sich das schmale Ding, das darauf lag. Er drückte darauf herum und sofort flackerte die Scheibe auf und zeigte eine Frau, die mit einem älteren Mann sprach. »Hauptsächlich Unterhaltungsprogramm. Das ist die Fernbedienung, mit ihr kannst du umschalten, lauter oder leiser machen, zwei Filme gleichzeitig gucken.« Er hielt mir das schmale Ding entgegen und ich griff zögernd danach. »Mit der Zeit werde ich dir alles beibringen, aber jetzt muss ich wieder zurück zu meiner Truppe. Ich schicke gleich jemanden zu dir, der dir die grundlegenden Dinge erklärt und dich zu den ärztlichen Untersuchungen begleitet.«

»In Ordnung«, erwiderte ich nickend, drückte einen der vielen Knöpfe auf der Fernbedienung und schaute begeistert dabei zu, wie sich das Bild auf der Scheibe veränderte.

Nikk trat zu mir, umfasste mein Kinn mit den Fingern und beugte sich ein wenig vor. »Und sobald ich zurück bin, machen wir dort weiter, wo wir gestern Abend aufgehört haben.«

Ich schluckte mein Unbehagen herunter. »Verstanden«, griff ich das Zustimmungswort der Hunter auf und nickte.

»Sehr schön. Bis bald, Riley.« Er drückte seine Lippen flüchtig auf meine und verschwand durch die Tür.

Die nächsten Minuten war ich so vertieft darin, das fremdartige Spielzeug in meinen Händen auszutesten, dass ich das Klopfen an der Tür zunächst nicht wahrnahm. Erst als es lauter und drängender wurde, riss ich mich aus meiner Faszination und trat ins Schlafzimmer.

»Ja?«, fragte ich und suchte nach der Türklinke, als mir wieder einfiel, dass ich die Türen mit meinem Zeigefinger öffnen konnte.

»Hier ist Rose«, erklang es von der anderen Seite. »Mr. Revera schickt mich.«

Ich hielt meinen Zeigefinger an die Metalltafel neben dem Rahmen und die Tür glitt zur Seite. Vor mir stand nun eine ältere Frau in einem dunkelgrauen Anzug. Ihr schwarzes Haar war zu einem strengen Knoten zusammengebunden und ihre braunen Augen stachen regelrecht aus dem blassen Gesicht hervor.

»Bitte begleiten Sie mich zu unserer Krankenstation«, sagte sie, und laut ihrer ernsten Miene war das sicher keine Bitte, sondern eine Aufforderung.

»Ja, sicher.« Ich straffte meine Schultern und trat hinaus auf den Flur.

6. Kapitel

 



Wie Nikk es mir vorhergesagt hatte, verliefen die ärztlichen Untersuchungen recht schnell und waren kaum unangenehm. Nur die Blutabnahme war etwas schmerzhaft, und als ich mich ausziehen und auf einen hohen Stuhl mit Halterungen für die Beine setzen sollte, wäre ich am liebsten geflohen. Aber die Ärztin, die mich untenrum untersuchte, war freundlich und erklärte mir haarklein, was sie da tat, sodass ich mich schnell wieder beruhigte.

Als ich fertig war, brachte Rose mich zurück in mein Zimmer und erklärte mir dabei, an welche Regeln ich mich zu halten hatte, solange ich mich als Geliebte eines Hunters im Hauptquartier aufhielt. Ich versuchte, mir alles zu merken, und kam ein wenig durcheinander, weil es viel zu viel auf einmal war. Glücklicherweise überreichte Rose mir eine Mappe, in der alle Regeln ausführlich aufgelistet waren.

»Für den Fall, dass Sie lesen können«, schob sie noch hinterher. »Ansonsten dürfen Sie mich gerne ansprechen, falls sie Fragen haben.«

»Ich kann lesen!«, erwiderte ich daraufhin und konnte nicht verhindern, dass ich leicht pikiert klang. Mir war bewusst, dass die Bildung bei den Menschen im Umland meist sehr rar ausfiel. Nicht jeder hatte das Privileg gehabt, zur Schule zu gehen, weshalb Roses Nachfrage auch verständlich war. Dennoch nahm ich es ihr übel.

»Das ist gut«, sagte sie, ohne auf meinen beleidigten Ton einzugehen. »Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, lasse ich Sie jetzt wieder allein.«

»Eins noch - wo ist die Uni... äh ... Universität? Ich möchte sie gerne besuchen.«

»Die Vorlesungen finden innerhalb der Werktage statt. Eine Liste hängt direkt im Haupteingang des Gebäudes. Schauen Sie in die Mappe, dort steht alles noch einmal ausführlich und mit einer Wegbeschreibung.«

»Ah, okay. Also kann ich da einfach hin?«, hakte ich nach und blätterte bereits durch die abgehefteten Papiere.

»Natürlich. Die Universität steht allen Interessenten zur Verfügung. Warten Sie noch bis morgen früh, bis Ihre Untersuchungsergebnisse da sind. Wenn die Ärzte ihr Okay geben, können Sie Ihr neues Leben hier beginnen.«

Nachdem Rose wieder gegangen war, setzte ich mich mit der Mappe aufs Bett und verbrachte die nächsten Stunden damit, jedes Detail darin aufzusaugen und zu verinnerlichen. Ich war angenehm überrascht von den zahlreichen Möglichkeiten, die einer Geliebten hier geboten wurden, und musste meine Meinung über diesen Dienst wohl von Grund auf ändern.

Ja, ich würde meinen Körper einem Hunter zur Verfügung stellen, aber im Gegenzug konnte ich ein Leben führen, von dem ich nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Ein Leben, das voll von wundervollen Dingen zu sein schien.

Ich legte die Mappe zur Seite, lehnte mich zurück, bis mein Rücken das Kissen berührte, und starrte zur Decke. Der letzte Abend mit Karen und Danika kam mir in den Sinn und damit auch das Gespräch, welches wir geführt hatten. Ich drängte den Schmerz über den Verlust meiner Freundinnen schnell beiseite und erinnerte mich an die Worte, die Karen gesagt hatte: Wickele ihn um den Finger. Mach dich unersetzbar.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich es tun sollte, aber ich wusste, dass ich es tun musste. Denn ich wollte hier bleiben. Allein der Gedanke, wieder hinaus in die grausame Welt des Umlands zu gehen, schürte in mir eine Verzweiflung, die mir die Brust zudrückte und das Atmen erschwerte.

Wie konnte ich Nikk dazu bringen, sich in mich zu verlieben? Oder ihn zumindest so weit zu umgarnen, dass er mich nicht durch eine andere Frau ersetzte. Dass er nicht genug von mir bekam.

»Er will deinen Körper«, murmelte ich vor mich hin und richtete mich ein wenig auf, um an mir herunterzuschauen. Ich trug immer noch die Kleidung, die mir der Anführer am Vortag gegeben hatte. »Das ist dein Kapital. Du musst ihn pflegen.«

Langsam glitt ich vom Bett und ging rüber in das Badezimmer, das an den Wohnbereich grenzte. Es war unglaublich! Sauber, glänzend und mit Dingen ausgestattet, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Ich brauchte eine Weile, um herauszufinden, wie ich die Wanne, die auf einer kleinen Erhebung mitten im Raum stand, mit Wasser füllen konnte. Das glitzernde, saubere Nass lief aus einem schmalen Rohr hinein und ließ sich mit einem Knopf regulieren.

»Wow«, flüsterte ich immer wieder ehrfurchtsvoll, während ich all die anderen Dinge ausprobierte und mich schließlich entkleidete, um in die Wanne zu steigen.

Himmlisch, war das Wort, das durch meinen Kopf kreiste, als das warme Wasser meinen Körper sanft umspülte.

Vielleicht träumte ich das alles nur? Befand ich mich wirklich im Hunter-Hauptquartier in einer großen Wanne und genoss die wohlige Wärme und den wohltuenden Duft, den das Wasser verströmte? Oder spielte mir mein Verstand einen Streich? Lag es wirklich erst wenige Tage zurück, als ich vor meinem am Boden liegenden, blutenden Chef geflohen war und von wilden Hunden angegriffen wurde?

Und das Chaos in meiner alten Wohnung ... der leblose Körper meiner Freundin. Hatte ich all das wirklich gesehen? Wie konnte sich mein Leben innerhalb von wenigen Tagen so grundlegend ändern? Durfte ich endlich aufatmen? Konnte ich die Grausamkeiten der vergangenen Jahre, Wochen und Tage hinter mir lassen? Ein neues Leben beginnen, hier im Hunter-Hauptquartier.

»Vergiss das Vergangene einfach«, sprach ich mir selbst zu und legte allen Nachdruck in meine Stimme, um mich davon zu überzeugen. Ich musste die Bilder und Erinnerungen an all das Grausame, das ich erlebt hatte, ganz weit wegschließen. Endgültig! Vergangenes konnte man nicht ungeschehen machen, das hatte ich bereits früh gelernt. Entweder ging man daran kaputt oder man schloss es aus und lebte weiter. Vor sechs Jahren war ich beinahe an dem, was geschehen war, kaputt gegangen, aber letztendlich hatte ich einen Überlebenswillen entwickelt, der mich bis hierher gebracht hatte, und dafür hatte ich mich innerlich von jeglicher Schwäche abgrenzen müssen. Trauer und Bedauern waren einer kühlen Akzeptanz gewichen; Zuneigung meist präziser Berechnung. Wer leben wollte, musste hart sein. Und wenn ich ein neues Leben hier im Hunter-Hauptquartier beginnen und es auch behalten wollte, musste ich geschickt vorgehen und meinen Gönner für mich gewinnen.

Während ich in der Wanne lag und meinen vor kurzem in Mitleidenschaft gezogenen Körper, der mittlerweile kaum noch etwas von den Verletzungen aufwies, entspannte, machte ich mir einen Plan zurecht, wie ich Nikk um meinen Finger wickeln könnte. Und es würde funktionieren. Es musste!

 



Am nächsten Morgen holte Rose mich erneut ab und brachte mich in die Krankenstation, wo mir mitgeteilt wurde, dass ich gesund war, allerdings auch etwas unterernährt. Ich bekam Vitaminpräparate, die ich täglich mit dem Essen einnehmen sollte, und zusätzlich noch eine Spritze, die mich vor einer Empfängnis schützen würde.

Anschließend wurde ich von Rose zu einem Gebäude mit abgerundetem Dach aus Glas geleitet. Sie blieb vor einer Doppeltür stehen und deutete auf ein Schild über dem Rahmen. »Das ist die Cafeteria. Hier können Sie zu jeder Tageszeit etwas zu essen oder zu trinken bekommen. Sie können hier zusammen mit den anderen Damen speisen oder das Essen mit auf Ihr Zimmer nehmen.«

»Okay.« Ich nickte und spähte durch die Glasscheibe hinein, konnte jedoch kaum etwas erkennen.

»So, hiermit überreiche ich Ihnen noch Ihren Ausweis und dann sind Sie auf sich allein gestellt. Wenn Sie weitere Fragen haben, finden Sie mich im Personalgebäude. Das befindet sich direkt neben der Krankenstation.« Rose griff in eine Tasche ihres Oberteils und förderte eine Karte zutage. »Tragen Sie den Ausweis immer bei sich. Wenn ein Hunter oder Mitarbeiter Sie auffordert, sich auszuweisen, können Sie ihn vorzeigen. Das ist wichtig, vergessen Sie das nicht.«

»Verstanden«, bestätigte ich mit einem weiteren Nicken und nahm das stabile Kärtchen, mit meinem Namen und einem Bild von mir darauf, entgegen.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging davon.

Ich schaute der älteren Frau nach, bis sie um eine Ecke bog, und richtete meinen Blick anschließend wieder auf die verglaste Doppeltür. »Na, dann mal rein ins Vergnügen«, murmelte ich und griff nach der glänzenden Türklinke.

Leise Musik drang in meine Ohren, als ich die Cafeteria betreten hatte. Verwirrt schaute ich mich nach allen Seiten um, konnte aber nicht ausmachen, wo sie herkam. Doch ich genoss die fröhlichen Klänge in vollen Zügen. Wie lange war es her, dass ich so etwas vernommen hatte?

Früher hatte mein Vater ein Instrument gespielt, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern konnte, und Malenne und ich hatten ihm dabei fasziniert gelauscht.

Ich drängte die Erinnerung fort und begab mich tiefer hinein in das Gebäude. Nur wenige Meter weiter gelangte ich zu einem offenen, vom Tageslicht durchfluteten Raum, in dem verteilt Tische und Stühle standen. Erstaunt über die vielen Frauen, die in kleinen und größeren Gruppen zusammensaßen, blieb ich unschlüssig stehen. Dann registrierte ich, dass nicht wenige von ihnen blondes Haar hatten. Ob das echt war?

Und während ich noch überlegte, was ich jetzt tun sollte, kam eine der Frauen – eine große Schönheit mit langen, schwarzen Locken und wippenden Hüften – auf mich zu und lächelte mich freundlich an.

»Hallo, Riley.«

Verwirrt trat ich einen Schritt zurück. Woher kannte sie meinen Namen?

»Du fragst dich sicher, woher ich deinen Namen kenne«, fuhr sie auch schon fort, als hätte sie meine Gedanken erraten. Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter. »Nun, mein Verlobter hat ihn mir verraten«, fügte sie mit einem geheimnisvollen Zwinkern hinzu.

Ihr Verlobter? Etwa einer der Hunter aus dem Stützpunkt?

»Du hast ihn im Außenstützpunkt kennengelernt. Arron Kellegha. Sagt dir der Name etwas?«

Vor mir stand Arrons Verlobte? Aber wie war das möglich? Hunter hatten Geliebte für einen bestimmten Zeitraum, das wusste ich, doch ich hatte geglaubt, dass es keine festeren Bindungen zwischen ihnen und den Frauen gab.

Mein Gesicht musste Bände sprechen, denn auch diesen Gedanken erriet die Schönheit vor mir. »Ich bin eine kleine Berühmtheit hier«, fügte sie leise hinzu und wirkte sehr amüsiert darüber. »Plötzlich wollen alle meine Freundinnen sein und schleimen mir die Ohren voll.« Sie griff nach meiner Hand und deutete mit einer Kopfbewegung in eine Richtung. »Du hast sicher unzählige Fragen. Komm, setzen wir uns. Arron hat mich kontaktiert und mich gebeten, dir ein wenig unter die Arme zu greifen.«

»Arron hat dich kontaktiert? Wie?«, war der erste Satz, den ich nach ihrem kurzen Monolog hervorbrachte.

»Die Masten, die überall in der Nähe des Hauptquartiers und der Stützpunkte verteilt stehen. Du hast sie sicher schon öfter gesehen.« Auf mein Nicken hin fuhr sie fort. »Sie übertragen die Kommunikation auf weite Entfernung. Keine Sorge, mit der Zeit wirst du jede Menge dazulernen. Ich habe auch Monate gebraucht, bis ich alles verstanden hatte.«

»Monate ... Wie lange bist du schon hier?« Ich bemerkte, dass die anderen Frauen uns beobachteten, während wir den Raum durchquerten.

»Zwei Jahre«, erwiderte sie schmunzelnd.

»So lange? Wow.«

»Ich weiß. Eigentlich ist der Aufenthalt einer Geliebten auf höchstens sechs Monate begrenzt, aber mein Verlobter wollte mich einfach nicht wieder gehen lassen.« Sie zwinkerte mir erneut zu und blieb schließlich vor einem langen Tisch stehen, auf dem sich unzählige verschiedene Speisen stapelten. »Greif zu, danach setzen wir uns und reden in Ruhe weiter.«

Ich nahm mir einen Teller und belegte ihn mit köstlich duftenden Brotscheiben und Aufschnitt.

»Probiere unbedingt den Karamell-Cappuccino«, sagte Arrons Verlobte und zeigte auf ein Gerät mit vielen Knöpfen. »Der ist verdammt lecker.« Sie nahm einen Becher und stellte ihn auf eine Ablage. Dann drückte sie zwei Knöpfe und ich beobachtete fasziniert, wie ein schmaler brauner Strahl aus dem kleinen Röhrchen über dem Becher herausschoss. Anschließend lotste sie mich zu einem freien Tisch direkt am Fenster und nahm mir gegenüber Platz. »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt«, fiel ihr auf und sie klatschte eine Hand an ihre von feinen Löckchen bedeckte Stirn. »Savannah Ramirez. Aber Sava reicht vollkommen.«

»Okay. Ich bin Riley, wie du bereits weißt. Riley McDermont.«

»Die unerschrockene Riley«, merkte sie an und grinste breit. »Arron hat mir erzählt, dass du die armen Häschen ausgenommen hast, ohne eine Miene zu verziehen.«

»Wieso habt ihr über mich gesprochen?« Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen, auch wenn sie etwas schroff rüberkam.

»Anscheinend hast du Eindruck bei meinem Verlobten hinterlassen. Deshalb bat er mich, dir bei der Eingewöhnung hier zu helfen. Nikk ist doch derjenige, der dich zu seiner Geliebten gemacht hat, nicht wahr?«

Ich nickte und biss in die warme Brothälfte in meiner Hand. Mein Gott, schmeckte das gut!

»Viel Spaß«, fuhr sie schmunzelnd fort. »Dieser Kerl ist ein wahrer Wildfang.«

»Hm?«, machte ich kauend.

»Er ist ziemlich wild.«

Ich schluckte schnell das Brot runter und runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«

»Große Klappe, sehr direkt, ungestüm«, zählte sie auf und zuckte mit den Schultern. »Er wird dich ganz schön auf Trab halten.«

Dieser Gedanke gefiel mir nicht. Sollte ich nun damit rechnen, dass ich kaum aus dem Bett kam, wenn Nikk zugegen war?

»Aber wer unschuldige Häschen ausnehmen kann, wird doch locker mit einem wilden Kerl fertig«, fuhr Savannah fort und lachte leise.

Bei diesen Worten musste ich die Augen verdrehen und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Glaub mir, ich habe schon schlimmere Dinge getan«, bemerkte ich und widmete mich wieder dem Brot in meiner Hand.

»Wer hat das nicht?« Für einen kurzen Moment wurde ihr hübsches Gesicht ganz ernst, bevor es wieder den unbekümmerten Ausdruck annahm. »Also, iss auf und danach führe ich dich ein wenig rum.«

Savannah begleitete mich durch das Quartier und blieb hier und dort stehen, um mir etwas zu erklären oder meine Fragen zu beantworten. Bald hatten wir alle unwichtigen Gebäude - Wellnesscenter, Einkaufspassage, Frisörsalon - abgeklappert und näherten uns der Universität.

»Hast du etwas dagegen, wenn wir hineingehen?«, fragte ich, als wir vor den hohen Toren des imposanten Gebäudes standen.

»Nein, ich halte mich sehr gerne in der Uni auf«, erwiderte sie lächelnd und trat zu der Wache am Tordurchgang. Sie zeigte dem Hunter ihren Ausweis und ich tat es ihr nach.

Im Inneren schaute ich mir erst einmal die breite Tafel direkt am Eingang an und ließ mir von Savannah erzählen, welche Kurse sie bereits besucht hatte.

»Mittlerweile weiß ich alles, was sie hier lehren. Der Reiz daran ist leider verlorengegangen«, beendete sie ihren kurzen Monolog.

»Sind es immer die gleichen Kurse, auch über die Jahre hinweg?«, fragte ich nach.

»Ja, leider.« Sie schaute sich um und senkte ihre Stimme. »Man möchte ja auch nicht, dass eine einfache Geliebte zu viel weiß«, fügte sie hinzu. »Hier wird gelehrt, was wir wissen dürfen, nicht mehr. Und auch die Bücher, die du in der öffentlichen Bibliothek findest, beinhalten nur das, was man uns wissen lassen möchte. Aber das ist bei weitem nicht alles, was es zu wissen gibt - wenn du verstehst, was ich meine.«

Ich nickte, um ihr zu zeigen, dass ich es verstand. Natürlich wollten die Privilegierten nicht, dass die Menschen aus dem Umland zu klug wurden. Zu gebildet. Dieses Privileg behielten sie ausschließlich für sich. Und obwohl mir dieses Wissen einen kleinen Dämpfer verpasste, konnte es meine Freude über die Aussicht auf das Lernen nicht trüben. Ich freute mich selbst über die kleinste Krumme, die man mir hier zuwarf.

»Und kann ich die Vorlesungen einfach so besuchen?«, fragte ich schließlich nach, während ich die Angebote noch einmal durchging.

»Am Empfang gibt es Listen, auf denen du dich eintragen kannst.« Savannah deutete auf einen Tisch auf der anderen Seite der großen Eingangshalle. »Neben den Vorlesungen gibt es auch Kurse, an denen wir teilnehmen können. Viel Auswahl, damit die Geliebten sich in Abwesenheit ihrer Männer nicht langweilen. Aber die meisten verbringen ihre Zeit lieber im Spa oder in den Geschäften. Ich habe heute auch noch einen Termin beim Frisör. Du kannst mich gerne begleiten, falls du deinen Ansatz nachfärben möchtest.«

Erschrocken fasste ich mir ins Haar. »Sieht man den etwa schon wieder?«, flüsterte ich.

»Naja, wenn du dein hellblondes Haar braun färbst, sieht man selbst die wenigen nachgewachsenen Millimeter, wenn man genau hinschaut.« Sie lächelte und griff mit beiden Händen nach meinen Strähnen. »Hier im Hauptquartier brauchst du dir deswegen keine Sorgen machen. Ich weiß, dass im Umland Frauen mit blondem Haar oft gegen ihren Willen mitgenommen und an reiche Privilegierte verkauft werden, aber hier passiert so etwas nicht. Du hast doch in der Cafeteria gesehen, dass viele andere Geliebte blond sind. Die meisten nicht von Natur aus, aber die ein oder andere hat hier zu ihren Wurzeln zurückgefunden. Und du kannst das ruhigen Gewissens auch tun.«

Erleichterung durchflutete mich nach ihren Worten. Es war eine mühsame Angelegenheit, ständig dafür zu sorgen, dass niemand meine wirkliche Haarfarbe zu sehen bekam. Und im Umland war es nicht einfach gewesen, an Färbemittel heranzukommen. In den ersten Jahren nach meiner Flucht hatte ich mir sogar das Haar vollständig entfernt, um nicht entlarvt zu werden. Die Aussicht darauf, so auszusehen, wie die Natur mich geschaffen hatte, war mehr als verlockend.

»Na, kommst du mit?« Savannahs Lächeln verriet, dass sie meine Antwort bereits ahnte.

Nur kurze Zeit später befanden wir uns auf dem Weg zum Frisörsalon. Wir waren direkt losgegangen, nachdem ich mich für einige Kurse eingeschrieben hatte, und ich konnte meinen Blick nicht von der unglaublich schönen Umgebung abwenden. Überall standen Bäume mit riesigen, hellgrünen Blättern, bunte Blumen säumten die Straßen und Wege, die Häuser bestanden aus weißem strahlenden Stein und silbernem Metall. Es wirkte so ... friedlich. Wenn man hier lebte, vergaß man sicher leicht das Elend, das sich vor den Toren und Mauern abspielte.

Und ich wollte auch vergessen. Vergessen, wie viel Leid und Trauer mir in meinem bisherigen jungen Leben widerfahren war. Selbst wenn es nur für höchsten sechs Monate andauern würde, ich wollte diese Zeit bis zum Letzten ausschöpfen. Und ich wollte dafür sorgen, dass Nikk mich nicht wieder fortschickte. Das war neben dem Lernen mein oberstes Ziel.

»Hallo, Ladys!«, grüßte Savannah in die überschaubare Frauenrunde, die sich im Frisörsalon befand. »Ich habe ein neues Gesicht mitgebracht - Riley. Sie ist Nikks neue Geliebte.«

Sechs Augenpaare waren auf mich gerichtet und musterten mich abschätzig. Ich sah zwei ältere Frauen in ähnlicher Aufmachung und nahm an, dass es sich dabei um das Personal des Salons handelte. Die vier anderen mussten ebenfalls Geliebte sein.

Ich wurde höflich, aber distanziert begrüßt. Dann nahm Savannah auf einem der drehbaren Stühle Platz und ich setzte mich auf einen herangezogenen Stuhl neben ihr hin. Sie unterhielt sich mit ihrer Frisörin über belanglose Dinge und ich lauschte ihnen, um jede Kleinigkeit, die von Bedeutung sein könnte, aufzuschnappen. So erfuhr ich auch, dass eine Geliebte vor kurzem hinausgeworfen worden war, weil sie ihren Hunter mit einem seiner Kameraden hintergangen hatte. Hier herrschte also eine Art von >Treue<. Ich fragte mich, ob es auch andersrum galt. Oder durften Hunter tun, was sie wollten, und wurden dafür nicht zur Rechenschaft herangezogen?

»Und was machen wir mit dir?«, wandte sich die Frisörin eine Weile später an mich, als sie mit Savannahs Haarpracht fertig war.

»Ähm ...«

»Sie möchte ihre Naturhaarfarbe zurück«, half Arrons Verlobte mir aus.

Wir tauschten die Plätze und ich beobachtete das Treiben der fähigen Finger in meinen gewellten Strähnen. Es dauerte eine mir schier nie enden wollende Ewigkeit, bis die Folien, mit denen mir eine dickflüssige Salbe in das gesamte Haar aufgetragen worden war, wieder entfernt wurden. Anschließend nahm die Frisörin einen Fön zur Hand und blies mein nasses Haar in Windeseile trocken.

Ich starrte in den Spiegel und brauchte einen Augenblick, um mich an das Gesicht, das mir entgegenblickte, zu gewöhnen. Wie viel eine Haarfarbe doch ausmachen konnte! Plötzlich sah ich das Ebenbild meiner Mutter vor mir.

»Besser. Viel, viel besser.« Savannah hatte sich hinter mich gestellt und zwinkerte mir durch den Spiegel zu.

Wir verließen den Salon und sie deutete mit einem Kopfnicken in eine Richtung. »Dort hinten ist der Wellnessbereich. Ich wette mit dir, dass es noch Körperstellen an dir gibt, die eine dringende Überholung benötigen.«

»Was meinst du damit?«, fragte ich verwirrt nach.

»Körperbehaarung«, sagte sie daraufhin grinsend. »Vertrau mir. Nach einem Waxing fühlst du dich wie neu geboren.«

»Waxing?«

»Komm einfach mit.« Sie griff nach meinem Arm und zog mich in die angedeutete Richtung.

Ich schrie auf vor Schmerz, als eine Weile darauf der erste Streifen von meiner Haut am Unterschenkel abgezogen wurde. »Sava, wie konntest du mir das bloß antun?«, richtete ich die Worte an meine Begleiterin, die in einem Sessel am anderen Ende des kleinen Raumes saß und in einer Modezeitschrift, wie sie es genannt hatte, las.

»Keine Sorge, das Endergebnis macht die Qualen wieder wett. Danach ist deine Haut glatt wie ein Babypopo. Und Nikk wird es auch zu schätzen wissen, vertrau mir.«

Ich schloss die Augen und presste meine Lippen fest zusammen, während ich diese schmerzhafte Prozedur über mich ergehen ließ. Selbst meine Intimzone und die Kuhlen unter meinen Armen wurden nicht ausgelassen. Im Anschluss bekam ich noch ein Gel aufgetragen, das den Schmerz in wenigen Minuten wieder linderte.

»Und?«, fragte Savannah, als ich mich wieder anziehen durfte. »Fühlt sich doch super an, oder?«

»Ich habe nichts gegen Körperbehaarung«, entgegnete ich und konnte ihre Begeisterung nicht wirklich teilen.

»Ja, aber es ist viel hygienischer. Und Männer stehen drauf, glaub mir. Es gibt kaum eine Geliebte, die nicht haarfrei an den richtigen Stellen ist. Keine Sorge, diese Prozedur musst du bloß alle sechs Wochen über dich ergehen lassen. In der Zwischenzeit hast du Ruhe.«

Unser Weg führte uns erneut in die Cafeteria, weil wir beide Hunger bekommen hatten.

»Oh, welch hoher Besuch«, verkündete Savannah im Flüsterton, und als ich ihrem Blick folgte, sah ich eine etwas ältere Frau mit feuerrotem Haar am Buffet stehen.

»Wer ist das?«, wollte ich daraufhin wissen.

»Jemand, der sich für viel zu wichtig hält. Die Geliebte des Anführers. Anessa Lampert.«

Nun war meine Neugier vollständig geweckt, ohne dass ich es verhindern konnte. Das war also die Geliebte des Hunters, dem ich mich in einem schwachen Moment angeboten hatte. Sie war ... beeindruckend. Nicht schön im klassischen Sinne, aber ihre selbstbewusste Ausstrahlung und anmutige Haltung verliehen ihr etwas Besonderes. Und dieses auffällige Haar.

»Es kommt selten vor, dass sie ihr Reich verlässt«, fuhr Savannah fort und lotste mich zur anderen Seite der aufgereihten Tische. »Sie gibt sich nicht gerne mit dem Fußvolk ab, wenn du verstehst. Bloß weil One sie vögelt, glaubt sie, etwas Besseres als alle anderen zu sein. Aber wenn er sie in ein paar Wochen mit einem Dankeschön vor die Tür setzt, wird sie schon merken, dass ihre Hoffnung auf einen Ring vergeblich ist.«

»Du magst sie nicht besonders, was?«, stellte ich unnötigerweise fest.

»Ich mag es nicht, wie sie sich über alle anderen erhebt. Sie hat bereits einige nette Mädels zum Heulen gebracht. Und sie erwartet, dass man den Boden küsst, auf dem sie vorüberschreitet. Ich mochte ihre Vorgängerin viel lieber. Die hat sich wenigstens nicht wie eine verkappte Königin aufgeführt.«

Wir bedienten uns am Buffet und steuerten einen der freien Tische an. Ich blickte noch einmal über meine Schulter und sah, wie Anessa Lampert die Cafeteria in Begleitung von zwei weiteren Frauen wieder verließ.

»Vielleicht hat sie ja einen guten Grund, zu glauben, dass der Anführer sie hier behält, selbst wenn ihre Zeit bereits um ist«, bemerkte ich beiläufig und richtete meine Aufmerksamkeit auf den Teller vor mir.

»Niemals. One ist nicht der Typ für feste Bindungen.«

»Hast du denn geglaubt, dass Arron um deine Hand anhalten würde, als du hergekommen bist?«

»Nein, aber Arron und Taleon kannst du auch nicht miteinander vergleichen. Mein Verlobter ist kein Eisklotz, was Gefühle betrifft. Er ist ein sanfter Riese, dessen butterweicher Kern unter seiner harten Hülle sofort dahinschmilzt, wenn er mich ansieht«, sagte sie mit einem verschmitzten Grinsend auf den vollen Lippen. »One würde niemals zulassen, dass eine Frau so viel Macht über ihn hat. Glaub mir, ich kenne ihn gut genug, um das zu wissen.«

Es fiel mir schwer, einen Eisklotz ohne Gefühle in dem Oberhaupt zu sehen. Immerhin war er sehr nett und anständig zu mir gewesen. »Du kennst ihn?«, hakte ich deshalb nach.

Zum ersten Mal sah ich, dass sie verlegen wirkte. Savannah wand sich regelrecht auf ihrem Stuhl hin und her. »Naja, Arron und er ...« Sie seufzte und verengte ihre Augen zu Schlitzen. »Du darfst damit auf keinen Fall hausieren gehen, klar? Sonst bekommst du Ärger mit mir! Arron und Taleon kennen sich schon sehr lange. Noch aus einer Zeit, bevor One zum Anführer aufgestiegen ist. Sie sind sehr gute Freunde, aber er darf keinen der Hunter großartig bevorzugen, weshalb sie ihre Freundschaft auch nicht wirklich sichtbar für andere machen. Aber in ihrer freien Zeit sind sie oft zusammen. Ich weiß sicher mehr über One, als ihm lieb ist.«

Meine Vermutung wurde bestätigt. Im Stützpunkt hatte ich angenommen, Arron hätte durchaus etwas zu sagen, und so war es wohl auch. Deswegen hatte er sich in Abwesenheit des Anführers um mich gekümmert - One vertraute ihm, weil sie sich nahe standen, und übergab ihm das Kommando, wenn er fort musste.

»Naja, wie auch immer. Ich bin froh, wenn Anessa wieder weg ist.« Savannah leerte ihren Teller und wartete, bis auch ich aufgegessen hatte.

»Und ich bin froh, dass du hier bist«, sagte sie später, als wir auf dem Rückweg zu meiner vorübergehenden Unterkunft waren. »Ich denke, wir kommen gut miteinander aus. Mir gefällt deine zurückhaltende, aber unverfälschte Art. Du weißt gar nicht, wie nervig es ist, wenn dir Leute nur das sagen, was du ihrer Meinung nach hören willst. Seit bekannt wurde, dass Arron um meine Hand angehalten hat, sind plötzlich alle daran interessiert, mit mir befreundet zu sein. Vorher war ich nur die nervige Frau mit der zu lauten Lache, jetzt bin ich etwas Besonderes.«

»Was erhoffen sie sich denn davon?«, fragte ich nach.

»Wahrscheinlich glauben sie, dass ich irgendetwas zu sagen hätte, was völliger Quatsch ist. Sicher, meine Meinung ist für Arron wichtig, aber darüber hinaus habe ich keinerlei Bestimmungsrechte. Ich muss mich genauso wie alle anderen an die Regeln halten. Und alle Entscheidungen werden vom Oberhaupt oder seinem Vertreter getroffen. One könnte mich sogar einfach rausschmeißen, wenn ich irgendwelchen Unsinn anstellen sollte.«

»Aber das würde er doch nicht tun, oder?«

»Wenn ich nicht nach den Regeln spiele, dann ja.«

»Aber Arron würde das doch nicht zulassen«, beharrte ich weiter.

»Ihm bliebe keine andere Wahl«, erwiderte Savannah mit einem milden Lächeln. »Die Regeln werden aufgestellt, um befolgt zu werden. Wer sich nicht daran hält, hat hier nichts zu suchen. Also komm bloß nicht auf irgendwelche falschen Gedanken, Riley. Das schöne Leben hier kann innerhalb von wenigen Sekunden wieder vorbei sein.«

»Hm.« Ich nickte, als Zeichen, dass ich verstanden hatte. Wenn die Regeln hier wirklich so streng befolgt wurden, musste ich sie mir wohl noch öfter durchlesen, um sie vollständig zu verinnerlichen.

7. Kapitel

 



Die nächsten Tage verbrachte ich damit, meinen Wissensdurst zu stillen. Jeden Vormittag besuchte ich eine andere Vorlesung und begab mich anschließend in die Bibliothek, wo ich mich von einem Buch ins nächste wühlte und mich so tief in die Literatur vergrub, dass ich erst wieder herauskam, als eine der Aufsichtspersonen mir mitteilte, dass sie nun abschließen würde und ich gehen müsste.

»Du bist ja noch schlimmer als ich«, verkündete Savannah, als wir am vierten Nachmittag nach meiner Ankunft zusammen in dem kleinen Park, der sich hinter der Einkaufspassage befand, saßen. »Ich habe am Anfang auch meine Nase in alle möglichen Bücher gesteckt, aber ich habe auch all die anderen Beschäftigungsmöglichkeiten ausprobiert. Willst du dir nicht wenigstens ein paar nette Dessous besorgen? Übermorgen kommt die Truppe zurück.«

»Wenn du mir erklärst, was Dessous sind, denke ich vielleicht darüber nach«, erwiderte ich und überlegte, wie ich mich am besten auf Nikks Rückkehr vorbereiten sollte. Zwei Tage blieben mir noch, um meinen Plan, ihn um den Finger zu wickeln, auszutüfteln. Sehr weit war ich bisher noch nicht gekommen.

»Sexy Unterwäsche«, klärte Savannah mich auf. »Eine neue Garderobe könnte dir auch nicht schaden. Du trägst die Standardkleidung aus deinem Schrank, die wirklich nichts hermacht. Auch wenn du hübsch bist, könnte es nicht schaden, deinem Hunter visuell etwas mehr zu bieten, als die graue Kluft da.« Ihr Finger deutete auf das langärmelige Shirt und die graue Jeans, die ich trug.

Ein schönes Äußeres, um Nikk zu bezirzen - das sollte ich mir merken. Auch wenn ich keinerlei Lust danach verspürte, mich für ihn hübsch zu machen, und meine Zeit lieber anderen Dingen widmen wollte, konnte ich Savannahs Rat nicht außer Acht lassen.

Ich stand auf und deutete auf das Gebäude hinter uns, in dem sich die Geschäfte mit einer großen Auswahl an Kleidung befanden. »Hast du Lust, mich zu begleiten?«

»Shoppen? Sicher doch«, erwiderte sie grinsend und erhob sich ebenfalls. »Wenn du mir freie Hand lässt.«

»Ich bin keine Anziehpuppe«, wandte ich mit gerunzelter Stirn ein. Es kam mir manchmal so vor, als würde Savannah sich oft langweilen, was sicher verständlich war, wenn man bereits seit mehreren Jahren hier lebte und alles in- und auswendig kannte, aber ich war nicht hier, um für ihre persönliche Unterhaltung zu sorgen.

»Ich weiß. Sorry«, sagte sie daraufhin und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Komm. Wenn du meinen Rat willst, bekommst du ihn, ansonsten halte ich die Klappe.«

Später am Abend kehrte ich mit viel zu vielen Tüten zurück in mein Schlafzimmer. Essen und Kleidung standen uns kostenfrei zur Verfügung, weshalb ich gleich reichlich zugegriffen hatte, um mir jede weitere Einkaufstour für den Rest meiner hiesigen Zeit zu ersparen.

Natürlich war es ein berauschendes Erlebnis gewesen, durch die zahlreichen Geschäfte zu schlendern und sich nach Lust und Laune zu bedienen, ohne dafür einen Cent auszugeben, ohne Eile und ohne Hast, aber damit wollte ich nicht zu viel Zeit verschwenden. Es gab Wichtigeres, das ich in Angriff nehmen musste.

Nikks Eroberung zum Beispiel. Wie stellte ich es nun an, nicht nur seinen Unterleib anzuregen, sondern auch sein Herz? Wie machte ich mich unersetzbar? Vielleicht hätte ich Savannah um einen Rat bitten sollen, doch sie hatte mir bereits bei unserer ersten Begegnung unmissverständlich klargemacht, dass sie nicht viel von den Frauen hielt, die sie mit diesem Thema behelligten. Nein, diese Aufgabe musste ich allein bewältigen.

Ich wühlte mich durch die mitgebrachten Tüten und fand schließlich die verschiedenen Dessous. Mit spitzen Fingern hielt ich die kaum vorhandenen Stofffetzen hoch und rümpfte die Nase. Es sah gut aus, keine Frage, aber nicht sonderlich bequem.

Ohne weiter zu überlegen, zog ich mich aus und schlüpfte in das Unterteil der tiefroten Kombination. Sofort hatte ich das Gefühl, der dünne Stoff würde zwischen meinen Pobacken in meine Spalte ritzen.

Und das fanden Männer erregend? Zwei überquellende Gesäßbacken?

»Verdammt«, murmelte ich vor mich hin und zupfte an dem kaum vorhandenen Leibchen herum, ohne damit etwas bewirken zu können. Letztendlich kniff ich die Pobacken zusammen - im wahrsten Sinne des Wortes - und fügte mich meinem Schicksal. Wenn ich hier bleiben wollte, musste ich auch weniger angenehme Dinge auf mich nehmen. Es war ja nicht so, als hätte ich nicht bereits zuvor weitaus Unangenehmeres durchgestanden.

Nachdem ich die Dessous durchprobiert hatte, stopfte ich sie in eine der Schubladen des Kleiderschranks, hängte auch den Rest der neu erworbenen Sachen auf und begab mich anschließend ins Bad, um die Wanne mit dem duftenden Wasser aus dem Stahlhahn zu füllen.

Dieses Privileg hatte ich in den vergangenen Tagen eindeutig zu schätzen gelernt! Es gab nichts, das entspannender war, als sich in das wohlig-warme Nass zu legen und die Augen zu schließen.

Nach einigen Minuten, in denen ich ruhig dagelegen hatte, ließ ich die Finger meiner rechten Hand über meinen Bauch tänzeln und schob sie tiefer in Richtung des Zentrums, von dem ich wusste, dass es mir schöne Gefühle verschaffen konnte, wenn es stimuliert wurde. Ich war keine geübte Liebhaberin und ich wollte nicht, dass mein Vorhaben, Nikk zu bezirzen, an meiner Unwissenheit scheiterte. Deshalb entschloss ich mich dazu, mir selbst ein wenig Unterricht zu geben.

Was gefiel mir also?

Ich berührte mich an verschiedenen Punkten meiner intimen Zone und stellte schnell fest, wo ich am empfindlichsten war, welcher Druck mir Hitze in den Schoß schießen ließ und was mir nicht gefiel. Nach einiger Zeit war ich bereits stark erregt und spürte, dass sich ein schöner Druck in meinem Inneren aufbaute. Meine Haut spannte und fühlte sich zu eng an, meine Atmung beschleunigte und stockte, je länger ich mich selbst streichelte. Es war unglaublich, mich auf diese Weise zu berühren.

»Wow!« Mit einem Keuchen und weit aufgerissenen Augen richtete ich mich auf und spürte, wie mein Körper erzitterte und mich tiefe Erleichterung durchflutete.

Was war das? Was war geschehen?

Als ich mich wieder beruhigt hatte, dachte ich an meine wenigen intimen Erlebnisse mit einem Mann zurück und überlegte, ob ich je so intensiv dabei empfunden hatte wie eben. Wahrscheinlich nicht, denn ich konnte mich nicht daran erinnern.

Ich hob meine Hände aus dem Wasser und betrachtete sie eingehend. Wenn ich mir selbst so viel Lust verschaffen konnte, dann würde ich meine Finger doch sicher auch bei Nikk so einsetzen können, dass es ihn schier von den Füßen holte. Ich musste nur noch herausfinden, worauf er am stärksten reagierte, und es zu meinem Vorteil nutzen.

 

 

Zwei Tage später war ich sehr nervös. Und man konnte es mir ansehen. Meine Finger hielten nicht still und auch mein Hintern konnte nicht ruhig auf dem Stuhl verharren.

Ich saß, wie jeden Tag, in der Bibliothek und starrte auf die geschriebenen Worte vor mir, die ich jedoch nicht erfassen konnte, so sehr ich mich auch bemühte. Meine Gedanken drehten sich um die Rückkehr der Hunter-Truppe, die unmittelbar bevorstand. Ich versuchte, mich auf Nikk zu freuen, aber es wollte mir nicht gelingen. In wenigen Stunden würde ich ihm als Geliebte zur Verfügung stehen müssen und ich wollte es nicht versauen. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich es völlig vermasseln würde, weil ich noch nicht bereit dafür war.

»Hi.«

Ich schaute zur Seite und erblickte eine junge Frau mit kurzem, glattem Haar und unnatürlich langen Wimpern.

»Hi«, erwiderte ich den Gruß zögernd. Seit ich hier angekommen war, musterten die anderen Geliebten mich zwar neugierig oder auch abfällig, aber keine, bis auf Savannah, hatte mich bisher angesprochen. Und das hatte mir auch ganz gut gepasst. Ich suchte nicht nach Freundinnen. Ich wollte bloß in Sicherheit sein und meine Zeit am liebsten nur hier bei den gut riechenden Büchern verbringen, die Nase tief zwischen den Seiten vergraben - wenn ich nicht in den Armen eines Hunters lag.

»Ich heiße Frella.« Unaufgefordert nahm sie mir gegenüber Platz. »Du bist oft hier.«

»Es gefällt mir hier«, entgegnete ich wortkarg und hoffte, dass mein Desinteresse ihr zeigte, dass ich keine große Lust auf eine Unterhaltung hatte. Ich wollte mich viel lieber in meiner Nervosität suhlen.

»Wieso kommst du nicht zu unseren Kaffeetreffen?«, fuhr sie auch schon fort und schien nicht zu bemerken, dass sie störte. Vielleicht war es ihr auch einfach egal. »Da kann man so schön quatschen und Erfahrungsberichte austauschen.«

»Dafür interessiere ich mich nicht«, gab ich zurück.

»Hältst du dich für eine dieser Intellektuellen?« Sie deutete mit einer abfälligen Kopfbewegung auf das Buch in meinen Händen. »Lass dir einen Rat geben: Das ist nicht das, wonach die Hunter suchen. Sie wollen ficken, nicht mit dir über irgendwelches Geschreibsel philosophieren.«

»Aha. Danke, das merke ich mir.« Unbeeindruckt starrte ich ihr entgegen, bis sie den Wink endlich verstand und sich erhob.

»Wie auch immer. Du solltest dich besser mit uns anderen gut stellen, sonst wird die Zeit hier nicht besonders angenehm.«

War das eine Drohung? Mit gerunzelter Stirn schaute ich ihr nach und zuckte schließlich mit den Schultern. Selbst wenn - ich würde schon mit irgendwelchen kratzbürstigen Frauen fertig werden. Man überlebte schließlich nicht sechs Jahre im Umland, ohne sich ein dickeres Fell angelegt zu haben.

Eine Weile später verließ ich die Bibliothek und machte mich auf den Weg zur Cafeteria. Ich wollte noch schnell etwas essen, bevor ich mich in mein Reich zurückzog und auf Nikks Ankunft wartete.

Während ich die große Halle durchquerte, spürte ich erneut vereinzelte Blicke auf mir. Wahrscheinlich brauchten die anderen Geliebten etwas Zeit, um sich an die Neue im Bunde zu gewöhnen. Ich war ihnen wohl nicht geheuer, weil ich keine Gesellschaft suchte und lieber für mich blieb.

»Hallo, Blondie.« Breit grinsend trat Savannah zu mir. Diesen Spitznamen verwendete sie am liebsten und hörte nicht darauf, wenn ich sie darum bat, mich bei meinem richtigen Namen zu nennen. »Ich kann's kaum erwarten, bis mein Süßer wieder da ist. Mit so einem Hunter-Entzug ist wirklich nicht zu spaßen! Pass bloß auf, dass du dich nicht verguckst, das passiert hier ganz schnell, wenn man erst einmal mit einem der Krieger das Bett geteilt hat.«

»Das wird mir schon nicht passieren«, erwiderte ich ruhig und befüllte meinen Teller mit Nudeln und einer roten Soße, die ich besonders gern mochte.

»So sicher bist du dir?«

»Zumindest so sicher, dass ich körperliche Leidenschaft nicht mit Liebe verwechseln werde.«

»Dein Wort in Gottes Ohr. Ich frage dich in ein paar Wochen noch einmal. Du wärst nicht die erste Unnahbare, die sich bekehren lässt«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu und ich fragte mich, ob es ihr selbst so ergangen war. War sie damals ins Hauptquartier gekommen und hatte sich fest vorgenommen, keine tieferen Gefühle zu entwickeln, nur um sich später in Arron zu verlieben? Ein wenig romantisch war das ja schon, was ich zugeben musste.

Wir aßen wie so oft zusammen an einem Tisch und Savannah erklärte mir, dass die Hunter-Ankunft in der großen Wartehalle stattfinden würde und dass damit auch ein großes Wiedersehensfest verbunden war.

»Gesang, Getränke und viele wollüstige Weiber«, beendete sie ihren kurzen Monolog mit belustigter Miene. »Das wird witzig. Ich werde mir das Spektakel ein Stündchen anschauen, bevor ich Arron nach Strich und Faden vernasche.«

Savannah machte keinen Hehl aus ihrer geringschätzigen Meinung über die anderen Geliebten und ich fragte mich automatisch, was sie wohl über mich dachte oder sagte, wenn ich nicht zugegen war. Vielleicht liebte sie es einfach, über alles und jeden zu tratschen, egal, welches Publikum ihr dabei zuhörte.

Nachdem wir unser Mittagessen beendet hatten, begaben wir uns zu der Wartehalle, in der sich bereits mehrere Grüppchen der wartenden Frauen gebildet hatten. Ich sah, dass der riesige Raum hübsch dekoriert worden war und dass Personal hin und her wuselte, um die Geliebten mit Getränken und kleinen Häppchen zu versorgen.

»Hast du schon einmal Alkohol getrunken?«, erkundigte sich Savannah, als wir Platz genommen hatten.

»Ich habe vorher in einer Bar gearbeitet - also ja.«

»Etwa in einer der Hunter-Bars?«, hakte sie überrascht nach.

»Nein«, verneinte ich kopfschüttelnd. »In einer armseligen Spelunke mit einem noch armseligeren Besitzer.« Mehr würde ich ihr nicht verraten. Dieser Lebensabschnitt lag hinter mir und war abgeschlossen.

»Viele der Frauen hier kommen aus solchen Hunter-Bars«, erzählte Savannah und hob eine Hand, um dem Personal zu verstehen zu geben, dass sie ebenfalls einen Wunsch hatte. »Ich habe noch keine dieser Bars von innen gesehen, aber was man so darüber hört ... Puh! Da geht es nicht gerade gesittet zu. Ich bin froh, dass Arron diese Etablissements auf seinen Außenmissionen meidet. Wäre es anders, hätte ich seinen Antrag wohl nicht angenommen. Ich möchte ihn mit keiner anderen Frau teilen!«

Ein älterer Herr mit Schürze erschien vor uns und erkundigte sich nach unseren Getränkewünschen. Da ich einen kühlen Kopf bewahren wollte, verzichtete ich auf den Alkohol und bestellte mir bloß ein Wasser mit Sprudel.

»Du musst ein wenig lockerer werden, Riley«, sagte Savannah, nachdem der Kerl davongeeilt war. »Männer wollen keinen Stock im Bett. Sie wollen Feuer und Tabubrüche. Du hast dich dafür entschieden, die Geliebte eines Hunters zu werden, dafür musst du deine Prinzipien über Bord werfen. Hab ein wenig Spaß, das wird dich nicht umbringen.«

Was wusste sie schon über meine Prinzipien? Aber in einem Punkt hatte sie recht – ich musste lockerer werden, meine Nervosität besiegen und Nikk in unserer ersten gemeinsamen Nacht umhauen. Wie ich das anstellen sollte ... Nun, das musste ich noch herausfinden.

Als ich nichts weiter erwiderte, mischte sich Savannah in eins der Gespräche um uns herum. Ich nippte an meinem Wasser und ging im Kopf noch einmal meinen Plan durch, während einzelne Satzfetzen in mein Gehör drangen, die mich aber nicht weiter interessierten.

Und dann wurde es plötzlich schlagartig still. Die Anspannung im Raum war beinahe mit Händen zu greifen und trug nicht gerade dazu bei, dass sich meine Nervosität legte. Ganz im Gegenteil.

»Sie sind da!«, erklang es aus mehreren Ecken, bevor die breiten Eingangstüren zur Seite glitten und die angekommenen Hunter die Wartehalle betraten.

Savannah stürmte davon und die anderen Geliebten taten es ihr nach. Ich hörte Jubelschreie, freudige Ausrufe und raues Lachen, während ich mich selbst aufrichtete und in der Menge nach dem mir vertrauten Hunter-Gesicht meines Auserwählten suchte.

»Wow, Babe«, erklang es hinter mir und ich fuhr herum. Nikk stand da, mit seinem unverkennbaren Grinsen im Gesicht, und musterte mich ungeniert. »Ich hätte dich beinahe nicht wiedererkannt. Blond?«

Automatisch griff ich mir ins Haar. Das hatte ich ja völlig vergessen.

»Gefällt mir. Und auch dein heißes Outfit.« Er trat näher und bedeutete mir mit einem Winken, in seine leicht ausgebreiteten Arme zu kommen.

Obwohl mir solche überschwänglichen Begrüßungsszenen nahezu zuwider waren, fügte ich mich und tat das, was von mir erwartet wurde. Schließlich wollte ich ihn um den Finger wickeln und da wäre es keine Hilfe, wenn ich mich unzulänglich verhielt.

»Hey, Revera!« Unsere Umarmung wurde von dem Hunter mit der dunkelbraunen Haut - Montana - unterbrochen. »One will noch einmal mit deiner Braut sprechen. Jetzt.«

Verwirrt blickte ich in Nikks Gesicht, das ebenfalls nicht begeistert wirkte. »Was soll das denn?«, fragte er, mehr zu sich selbst, und nahm meine Hand, um mich durch die Menge zu ziehen.

Wir gelangten zu den Türen und ich sah den Anführer und seine Geliebte davor stehen und miteinander reden. Als sein Blick auf uns fiel, nickte er ihr noch einmal zu und kam uns entgegen.

»Boss -«

»Nicht jetzt, Revera«, wurde Nikk von dem Oberhaupt unterbrochen. »Riley, folge mir.«

Ich wollte etwas sagen, doch der große Hunter ging bereits voran zu den Türen und sein Blick über die Schulter ließ mich verstummen. Ich tat, wie mir geheißen wurde, und verließ mit ihm zusammen die Halle.

Er brachte mich in ein anderes Gebäude und anschließend in ein Zimmer, das hauptsächlich von einem gewaltigen Schreibtisch und Bücherregalen an den Wänden eingenommen wurde.

»Setz dich.«

Ich ließ mich auf den einzigen Stuhl vor dem massiven Metalltisch sinken und hatte Mühe, meine durcheinandergewirbelten Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Angst und Nervosität waren keine gute Mischung.

Er griff in eine der Taschen seiner Lederjacke und holte ein gefaltetes Blatt Papier hervor, das er mir hinhielt. »Lies das.«

Mit zittrigen Fingern faltete ich das Blatt auseinander und überflog die Zeilen darauf:

 

Riley!

Ich hoffe so sehr das es dir gut geht.  
Man hat uns überfalen und ich bin gefloen.
Karen hat es nicht geschaft.
Wen du diesen Brief findest kom zu mir!
Baris Freund hat mir einen Unterschlupf gewärt.
Ich warte auf dich.

Dani


»Sie lebt noch!«, äußerte ich meinen ersten Gedanken laut. »Meine Freundin - sie ist am Leben!«

»Das wissen wir nicht«, bremste der Hunter meine aufkeimende Euphorie. »Vielleicht möchte man dich bloß dorthin locken.« Mit dem Finger tippte er auf die Adresse, die Danika am unteren Rand hingekritzelt hatte.

Um meine Fassung bemüht, biss ich auf meiner Unterlippe herum. »Aber wer soll es denn auf mich abgesehen haben? Ich verstehe das nicht. Ich besitze nichts, habe keine Feinde, bis auf meinen ehemaligen Chef, dem ich eine Flasche in die Brust gerammt habe.« Zum Ende des Satzes hin wurde meine Stimme leiser. »Sie sagten doch, Sie hätten ihn überprüft.«

»Das haben wir. Auch nachdem du bereits hierher gebracht worden bist. Bisher führt keine Spur zu ihm. Den Zettel fanden wir in eurer verwüsteten Wohnung. Aber am ersten Tag war er noch nicht dort gewesen, das weiß ich. Er wurde erst später hinterlegt.«

»Dann könnte Danika wirklich noch am Leben sein«, überlegte ich, mehr für mich selbst, und las die Zeilen noch einmal durch. »Und jetzt sucht sie mich.«

»Konnte deine Freundin lesen und schreiben?«

Ich nickte. »Ja. Nicht fehlerfrei, wie man sieht, aber sie kann es.« Erst dann fiel mir auf, dass er in der Vergangenheitsform von ihr gesprochen hatte. Skeptisch hob ich den Blick vom Blatt in meiner Hand und richtete ihn auf sein Gesicht. »Sie glauben nicht, dass sie noch lebt. Nicht wahr, Sir?«

»Ich schließe es nicht aus«, erwiderte er sachlich. »Aber ich würde keine voreiligen Schlüsse ziehen. In letzter Zeit gab es immer öfter Überfälle auf die gesicherten Wohnungen. Und dabei wurden üblicherweise keine Lebenden zurückgelassen.«

Ich schluckte bei der Erinnerung an Karens leblosen Körper auf dem Boden. »Es gab bereits Überfälle auf gesicherte Wohnungen?«

»Ja. Ein Teil unserer Mission war es, herauszufinden, wer dahinter steckt. Bisher haben wir keine brauchbaren Spuren. Allerdings vermute ich, dass das hier eher persönlich sein könnte«, fuhr er fort, trat zu mir und nahm mir den Zettel aus der Hand.

»Wieso?«, wollte ich wissen und eine unangenehme Kälte kroch mir in die Knochen. Wer hatte einen Grund, auf diese grausame Weise persönlich zu werden?

»Wir haben einige Indizien gefunden, die darauf schließen lassen«, erklärte das Hunter-Oberhaupt vage. »Deshalb ist es auch wichtig, dass du mir alle Fragen so wahrheitsgemäß wie nur möglich beantwortest. Alles, was du aus welchen Gründen auch immer weglässt, könnte verheerende Auswirkungen mit sich ziehen.« Er lehnte sich gegen den Schreibtisch und sah von oben auf mich herab.

Und ich fühlte mich wirklich eingeschüchtert, so sehr ich auch versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Er brauchte sich keine Gedanken um seine Autorität zu machen - die hatte er definitiv.

»Ich nehme an, dass das deine richtige Haarfarbe ist«, stellte er kurz darauf fest und schaute auf meinen Schopf.

»Ja, Sir. Zumindest glaube ich das. Ich färbe oder entferne mir seit Jahren die Haare und weiß nicht mehr so genau, wie sie wirklich aussehen.«

Er registrierte diese Aussage mit einem knappen Nicken und fuhr fort: »Du wirkst gebildet, Riley. Wie lange bist du zur Schule gegangen?«

»Zehn Jahre«, gab ich offen heraus zu. Er wollte die Wahrheit wissen und ich spürte instinktiv, dass er jede Unwahrheit sofort entlarven könnte. Außerdem wollte ich unbedingt, dass der Mörder von Karen gefasst wurde, und dafür musste ich mit ihm zusammenarbeiten. Ohne Vorbehalte, auch wenn ich sie hatte.

»In einer Siedlung, nehme ich an«, schlussfolgerte One.

»Ja, Sir.« Ein kurzes Zögern, dann fügte ich hinzu: »Meine Mutter war Lehrerin. Sie hat mich auch zu Hause unterrichtet, bevor ich offiziell zur Schule gehen durfte.«

»Und dein Vater?«

»Er arbeitete in einer Fabrik. Ich weiß nicht, was genau er dort machte.« Ich schluckte den Kloß, der bei den Erinnerungen in meinem Hals entstand, mühsam herunter.

»Und wo sind deine Eltern jetzt?«

Wenn ich nicht so beschäftigt mit meinem aufgebrachten Gemüt gewesen wäre, hätte ich vielleicht bemerkt, wie eindringlich sein Blick bei dieser Frage wurde. So aber atmete ich bloß tief durch und antwortete: »Sie sind tot. Sie und meine Schwester. Und alle anderen, die in der Siedlung gelebt hatten. Wir wurden von einer Rebellengruppe überfallen.«

»Von einer Rebellengruppe«, wiederholte One leise.

»Wollen Sie noch weitere Einzelheiten, Sir?«, fragte ich ihn daraufhin mit einem wütenden Blitzen in den Augen. Ich konnte nicht verhindern, dass die Erwähnung dieses unendlich grausamen Ereignisses mich vollkommen aufwühlte. »Es ist sechs Jahre her, ich war noch ein halbes Kind ... und überall war Feuer und Rauch, Schreie, Gebrüll und Schüsse. Es roch nach verbranntem Fleisch. Ich werde diesen Geruch und die Geräusche nie vergessen!«

»In Ordnung, beruhige dich, Riley.« Er beugte sich vor und legte mir eine Hand auf die Schulter.

Es überraschte mich selbst, aber diese Geste wirkte sich wirklich beruhigend auf mich aus. Ich zuckte nicht unter seiner Berührung zusammen, sondern atmete erleichtert aus.

»Verzeihung, Sir. Darüber zu sprechen ... fällt mir sehr schwer«, gab ich mit gesenktem Kopf zu.

»Das verstehe ich. Erzähl mir, was danach passiert ist. Lass dir Zeit dabei.«

Er nahm seine Hand wieder fort und ich schaute auf.

»Ich bin ... gerannt. Tagelang nur gerannt.« Bilder, die ich so lange so mühsam verdrängt hatte, kämpften sich an die Oberfläche und überfluteten mich nahezu mit ihren Erinnerungen. Ich sah mich verwilderte Waldwege entlangrennen, verlassene Ortschaften durchqueren und dabei die ganze Zeit mit Angst und Verzweiflung kämpfen. Und mit einem erdrückenden Verlust: dem Verlust meiner Familie und vieler Freunde und Bekannter. Dieser Abschnitt meines Lebens war so düster, so traurig und endlos hoffnungslos gewesen, dass ich mich im Nachhinein oft selbst fragte, wie ich es überleben konnte. Woher ich die Kraft genommen hatte, nicht aufzugeben. Nicht zu sterben.

»Wie bist du zurechtgekommen?«, holte die Stimme des Hunters mich zurück in die Wirklichkeit.

»Anfangs schlecht«, sagte ich leise und richtete meinen Blick auf eines der Bücherregale. »Ich war oft davor, einfach aufzugeben. Aber mein Überlebenswille war wohl zu groß. Und dann habe ich einfach nur noch funktioniert; tagein, tagaus darum gekämpft, zu überleben. Instinkt, so nennt man das doch, oder? Instinktiv habe ich um mein Überleben gekämpft.«

Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass er nickte. »Wie lange bist du durch das Land gezogen, bevor du deine Freundinnen getroffen hast und von ihnen aufgenommen wurdest?«

»Das kann ich nicht genau bestimmen. Etwa fünf, vielleicht sechs Jahre. Hier und dort habe ich für ein paar Nächte Unterschlupf bekommen, aber die meiste Zeit verbrachte ich im Freien oder in alten, verlassenen Häusern, bis die nächsten Streuner kamen und ich fliehen musste.« Meine Arme wurden von einer sichtbaren Gänsehaut bedeckt, während ich darüber sprach. Beinahe glaubte ich, die Kälte in den unendlich langen Winternächten wieder spüren zu können.

»Bist du in dieser Zeit jemandem begegnet, der dir in Erinnerung geblieben ist?«

Ich drehte meinen Kopf wieder zu ihm und runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das, Sir?«

Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere und stützte sich mit den Händen rechts und links auf der Schreibtischkante ab. »Warst du stets allein oder hat dich jemand begleitet? Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Und eine junge Frau ist ein willkommenes Ziel für den Abschaum da draußen. Vielleicht hat dir jemand Schutz geboten? Für einen längeren Zeitraum.«

»Nein, ich war meist für mich allein«, erwiderte ich wahrheitsgemäß. »Bis auf einige sehr harte Nächte im Winter, die ich … mit einem Mann verbracht habe, war ich stets auf mich allein gestellt.«

»Wer war dieser Mann?«, wollte der Anführer wissen und ich spürte, dass mir Hitze in die Wangen kroch, als ich darauf antwortete.

»Es waren drei. Sie hatten eine Unterkunft und ich ... bin für ein paar Nächte mit ihnen dort geblieben.«

»Drei Männer?« Seine Augen weiteten sich leicht.

Als ich merkte, wie meine Auskunft bei ihm angekommen sein musste, schüttelte ich hastig den Kopf. »Nicht auf einmal!«, berichtigte ich mich japsend. »Auf drei Winter verteilt. Immer nur einer!« Verflucht, war das peinlich! Was musste er bloß von mir denken?

»Erinnerst du dich noch an die Namen und Orte?«

»Nein«, nuschelte ich und hatte Mühe, seinem Blick standzuhalten. »Wie gesagt, ich blieb bloß ein paar Nächte und zog dann weiter. Ich habe auch niemandem meinen richtigen Namen genannt.«

»Aber Riley McDermont ist dein richtiger Name, nicht wahr?«

»Ja, Sir.«

»Wie hieß dein Vater?«

Verwirrt über diese Frage runzelte ich die Stirn. »Wieso ist das wichtig, Sir? Er ist tot.«

»Beantworte mir bitte die Frage. Danach bringe ich dich zurück.«

Ich zögerte noch kurz, bevor ich nickte. »Reos. Er hieß Reos McDermont.«

Ich glaubte, den Anführer schlucken zu sehen, als ich ihm den Namen meines Vaters nannte, aber wahrscheinlich bildete ich mir das bloß ein, denn er sagte nichts weiter dazu und brachte mich stattdessen zurück zu Nikk und den anderen.

8. Kapitel

 

 


Das Gespräch mit dem Oberhaupt hatte mich mächtig aufgewühlt, aber ich ließ es mir nach außen hin nicht anmerken, während ich zusammen mit Nikk, seinen Kameraden und deren Geliebten in der Wartehalle saß und die Rückkehr der Krieger feierte. Savannah war schon längst mit ihrem Verlobten verschwunden und ich konnte an Nikks verheißungsvollen Blicken erkennen, dass er sich in Kürze ebenfalls mit mir zurückziehen wollte. Ich zögerte es jedoch noch so weit wie möglich hinaus und legte dafür sogar meine sonst zurückhaltende Weise ab und beteiligte mich an den Gesprächen.

Nikks Hand ruhte fortwährend auf meinem Oberschenkel und seine Finger streichelten mich. Es fühlte sich ... ganz okay an, vielleicht sogar leicht erregend, aber in Gedanken war ich woanders und musste mich schließlich dazu zwingen, mich auf meine jetzige Aufgabe zu konzentrieren. Und die lautete: Nikk um den Finger wickeln, sein Herz erobern, meine Sicherheit gewährleisten.

Als wir uns auf den Weg in seine Suite machten, wurde ich sehr nervös. Es war eine Sache, sich im Kopf einen Plan zurechtzulegen, eine andere war es jedoch, diesen Plan auch umzusetzen.

Ich tat schließlich etwas, was ich mir in den einsamen Jahren im Umland antrainiert hatte: Ich überließ einfach meinem Körper und seinen Instinkten das Kommando; verließ mich darauf, dass dieser schon wissen würde, was zu tun war.

Kaum hatten Nikk und ich seinen Wohnbereich betreten, drückte er mich sanft gegen die nun geschlossene Tür und küsste mich leidenschaftlich. »Verdammt, bin ich scharf auf dich!«, verkündete er dabei an meinen Lippen. »Sag, wenn es zu schnell geht, Riley. Ich möchte dich nicht gleich zu Beginn überrumpeln.«

Ich nickte und erwiderte den Kuss. Ich wollte es einfach schnell hinter mich bringen. Meine Hände wanderten etwas orientierungslos über die straffen Muskeln seines Körpers und ich war froh, als sich ein freudiges Prickeln in meiner Körpermitte ausbreitete. Wenn ich das hier genießen konnte, würde es mir leichter fallen, mich ihm hinzugeben. Mein Körper reagierte schon mal auf ihn, was nur positiv war.

Nikks Zähne zupften leicht an meiner Unterlippe, während seine Finger sich unter meinen Rock schoben und die Haut dort streichelten. »Komm mit«, sagte er und führte mich in sein großes Schlafzimmer, wie ich kurz darauf feststellte. Es war fast doppelt so groß wie meins und das Bett ... Nun, darin hätten sicher mehrere Hunter und ihre Geliebten Platz finden können.

»Dir ist klar, was jetzt geschieht?«, erkundigte sich Nikk und ließ meine Hand los, um sich seinen schwarzen Pullover über den Kopf abzustreifen. 

Ich nickte und beobachtete das Muskelspiel seiner durchtrainierten Arme und der Brustpartie. Der Anblick, der sich mir hier bot, war durchaus verführerisch. Wahrscheinlich sahen alle Hunter unter ihrer Kleidung so heiß aus. Sie mussten sich in Form halten und enorme Kräfte haben, um ihre Aufgaben zu bewältigen. Und das zeigte sich auch an ihren beeindruckenden Muskeln. Kurz dachte ich an den Moment zurück, als One sich vor mir entblößt hatte, doch dieses Bild verdrängte ich schnell wieder. Es hatte hier nichts zu suchen.

»Gefällt dir, was du siehst?«, wollte Nikk grinsend wissen und trat wieder zu mir.

»Ja«, gab ich wahrheitsgemäß zurück. Sein Äußeres war wirklich sehr ansehnlich. 

»Gut. Und jetzt bin ich mit Auspacken dran.« Seine warmen Hände strichen meinen Rock hoch und zogen mir schließlich das Kleid über den Kopf aus. Er stieß einen Pfiff aus, als er meine Dessous darunter sah. Als ich das Glitzern in seinen dunklen Augen wahrnahm, war ich froh, auf Savannahs Rat gehört und mir die Unterwäsche besorgt zu haben. Wenn Nikk gefiel, was ich ihm bot, könnte ich ihn vielleicht auch dazu bringen, nie wieder darauf verzichten zu wollen.

Er ließ sich nicht viel Zeit dabei, mich vollständig zu entkleiden. Ich war schneller nackt, als ich gucken konnte, und befand mich gleich darauf mit dem Rücken auf dem kühlen Bettüberzug. 

»Sorry, wenn ich etwas zu forsch bin«, murmelte er mit den Lippen an meiner Haut. »Ich will dich, Riley.«

»Dann nimm mich«, erwiderte ich. Meine Stimme klang verführerisch und überhaupt nicht nach mir. Ich war selbst erstaunt, wie gut es mir gelang, ihm etwas vorzumachen. Oder war das hier gar nicht alles gespielt? Ich genoss es, von ihm begehrt zu werden. Es war ein schönes Gefühl und verlieh mir eine gewisse Art von Macht. Wenigstens für einige Augenblicke.

»Das werde ich. Oh, ja.«

Nach kurzer Zeit musste ich zugeben, dass Nikk wirklich verstand, was er da mit meinem Körper anstellte. Er fand schnell die Punkte, die mich stimulierten und mir eine wohlige Gänsehaut bescherten. Und seine Finger ... Nun, seine Finger verweilten zwischen meinen Schenkeln und streichelten mich dort sehr geschickt. Es fühlte sich unglaublich an! Ich erlebte wieder dieses erschütternde Gefühl, wie ich es mir selbst in der Badewanne bereitet hatte. Doch diesmal wurde es von ihm ausgelöst.

»Es wird wehtun«, flüsterte Nikk, als er wieder hochkam und über mir kniete. »Du bist verdammt eng. Ich werde dich so gut wie möglich vorbereiten, aber es wird trotzdem wehtun.«

»Mach einfach«, forderte ich ihn auf und hatte Mühe, meine Gedanken zu sortieren. Ich hatte nicht erwartet, dass es sich so gut anfühlen würde, mit ihm zusammen zu sein, und ich war wahnsinnig erleichtert, dass es so war. Es machte mir meine Aufgaben als Geliebte um einiges angenehmer.

Das Grinsen auf seinen Lippen enthielt weitere Versprechen der Wonne. »Ich bin überrascht, Riley. Ich hatte angenommen, dass du dich noch ein wenig zieren würdest. Aber so gefällt es mir gleich noch viel besser.« Er unterstrich seine Worte, indem er mit zwei Fingern sanft über meine Spalte strich, was mich erzittern ließ.

Ich hatte wirklich vergessen, wie gut es sich anfühlte, auf diese Weise mit einem Mann zusammen zu sein. Und da Nikk bereits sehr viel Erfahrung in diesem Bereich hatte, wusste er genau, wie er meine Erinnerungen auffrischen konnte.

»Wie lange wurdest du schon nicht mehr gevögelt, Riley?«, fragte er in lockendem Ton und ließ nun einen Finger in meine Öffnung gleiten. 

Ich biss auf meine Unterlippe, als sich ein aufregendes Ziehen in meinem unteren Leib bemerkbar machte, und schluckte, weil mein Hals sich so trocken anfühlte. »Lange«, erwiderte ich gedämpft.

»Das merke ich. Deine süße Pussy ist verdammt empfindlich.«

Das Wort Pussy kannte ich nicht, aber ich war mir sicher, dass er mein Geschlecht damit meinte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass er so mit mir sprach, aber ihn schien es anzumachen, also ließ ich ihn gewähren.

Ich stöhnte leise, als er einen zweiten Finger in mich schob und seine blitzenden Augen sich auf das Geschehen dort unten richteten. Meine innere Barriere löste sich mit jedem sanften Stoß weiter auf und mein Geist verschmolz wieder mit meinem Körper. Das hier war viel zu gut, um es nicht in vollen Zügen genießen zu können. Ich hob mein Becken und ließ es um seine Finger kreisen. 

»Ja, Baby, so ist es gut.« Nikks Stimme wurde tiefer und rauer. »Das gefällt dir, nicht wahr? Du bist so heiß, Riley. So heiß und gierig.« 

Ja, das war ich wohl. Und ich schämte mich nicht für die Lust, die mich überraschend befallen hatte. Ich wollte nur noch, dass er die Anspannung in meinem Inneren endlich löste. Egal wie. »Mach doch etwas, Nikk!«, forderte ich ihn deshalb auf und drückte meinen Rücken durch.

»Du bist gleich soweit«, entgegnete er und schob einen Arm unter mich, um mich anzuheben. Seine Finger bewegten sich schneller und härter. Dann zog er sie heraus und kurz darauf spürte ich, wie er mit etwas anderem in mich eindrang. Sein Penis. Groß, heiß, pulsierend. Er dehnte mich so sehr, dass es wirklich kurz wehtat, aber dieser Schmerz war nicht schlimm. 

»Geht's?«, fragte Nikk und sein Oberarm spannte sich an, als er sich zu beiden Seiten neben meinem Körper abstützte. 

»Ja«, bestätigte ich nickend und biss mir auf die Unterlippe, als der Schmerz sich langsam in ein süßes Ziehen verwandelte.

»Das hier ist eine ganz schön enge Angelegenheit«, stieß er lächelnd aus, doch dann wurden seine Gesichtszüge kantiger und härter und ich sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich zu beherrschen. Ich war ihm dankbar für diese Selbstbeherrschung, denn er hätte mich ebenso gut einfach nehmen können, ohne mich erst darauf vorzubereiten. Nur wäre es dann sicher nicht so angenehm geworden, wie es jetzt war.

Ich legte Nikk eine Hand in den Nacken, zog seinen Kopf zu mir herunter und verschloss seine Lippen mit meinen. Er war ein guter Küsser. Und ein guter Liebhaber, wie ich schnell feststellte, als er sich in mir zu bewegen begann. Seine warme Haut rieb über meine und seine Brustwarzen reizten meine und ließen sie ganz hart werden, während seine Stöße schneller wurden.

Es dauerte nicht lange, bis sich erneut pulsierende Wellen in meinem unteren Leib ausbreiteten und mich dazu brachten, meine Finger in seine Schultern zu krallen, um irgendwo Halt finden zu können.

Nikk stöhnte, als ich sein Glied in meinem Höhepunkt fest umklammerte, und seine dunkle Haut war überzogen von einem feinen Schweißfilm. »Du fühlst dich so gut an, Riley«, stieß er aus und verlagerte sein Gewicht noch einmal, bevor er weiter in mich pumpte. »Ich werde ... heftig kommen.«

Und dann spürte ich auch schon, wie sich etwas brennend heiß in mir ergoss, während er einen rauen Laut ausstieß und leicht hinabsackte. Instinktiv legte ich meine Arme um ihn und streichelte über seine kräftigen Schulterblätter, bis seine und meine Atmung sich wieder gleichmäßig anhörten.

Nikk schaute auf und begegnete meinem Blick. »Alles in Ordnung bei dir?« 

»Ja«, bestätigte ich nickend. »Und bei dir?«

Er lachte leise und rollte sich von mir herunter, um  auf dem Rücken direkt neben mir liegen zu bleiben. »Das habe ich wirklich gebraucht, Baby«, sagte er und strich sich mit einer Hand über das Gesicht. 

Ich drehte mich auf die Seite und ignorierte die Scham darüber, dass ich immer noch nackt war. Während wir uns vereint hatten, war mir das egal gewesen, doch jetzt störte mich diese Tatsache etwas. »Wieso hast du es dir nicht woanders geholt?«, fragte ich schließlich. »Wenn du es so sehr brauchst. Die Frauen aus den Hunter-Bars sind doch dafür da.«

Nikks Kopf drehte sich in meine Richtung. »Das habe ich«, sagte er frei heraus. »Aber seit ich weiß, dass du hier auf mich wartest, habe ich mich für dich aufgespart. Jeden einzelnen Tropfen.«

»Wie großzügig«, bemerkte ich und verdrehte die Augen, weil mir natürlich bewusst war, dass er Unsinn sprach. Für mich aufgespart? Wohl kaum.

Nikk richtete sich ein wenig auf und wandte sich mir nun mit seinem ganzen mächtigen Körper zu. »Ich möchte ehrlich zu dir sein, Riley. Wenn unsere Missionen lange dauern, besuche ich die Hunter-Bars, um mir Erleichterung zu verschaffen. Aber in dieser Zeit schütze ich mich. Du brauchst also keine Angst zu haben, dass ich dich mit irgendetwas anstecke. Bei jeder Rückkehr werden wir durchgecheckt. Auch die Frauen, die in den Bars arbeiten, werden regelmäßig untersucht.«

Ich dachte kurz über seine Worte nach und nickte. »In Ordnung.« Es störte mich nicht, wenn Nikk auch mit anderen Frauen zusammen sein würde, in der Zeit, in der ich seine Geliebte war.

»Keine Eifersucht?«, hakte er nach und schaute mich prüfend an.

»Nein«, erwiderte ich aufrichtig. »Ich weiß, wo mein Platz ist. Hier. Und hier werde ich dir doch hoffentlich genügen.« Vielleicht auch irgendwann mehr als nur genügen.

»Oh, da bin ich mir sicher.« Mit einem breiten Grinsen drückte er mich zurück auf den Rücken.

»Du ... willst wieder?«, fragte ich irritiert und spürte, wie etwas Hartes gegen meinen Oberschenkel stieß. 

Damit war meine Frage wohl beantwortet.




In den nächsten Tagen kam ich kaum aus dem Bett. Savannahs Worte bewahrheiteten sich und ich stellte schnell fest, dass dieser Hunter wild und unersättlich war.

»Du siehst ziemlich erschöpft aus«, sprach mich Arrons Verlobte bei einem meiner wenigen Besuche in der Cafeteria an. »Nikk hält dich ganz schön auf Trab, nicht wahr?«

Ich nickte seufzend. »Hört das auch irgendwann wieder auf?«, wollte ich leise wissen, damit niemand etwas von unserem Gespräch mitbekam.

Sie lachte amüsiert. »Sei doch froh, dass er so scharf auf dich ist. Andere Frauen hier beklagen sich darüber, dass sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.«

»Aber ich ...« Verlegen strich ich mir über den Nacken. »Ich bin vollkommen fertig«, gab ich schließlich leise zu.

»Geh ins Spa und gönne dir etwas Entspannung. Das hilft, glaub mir.«

Ich befolgte ihren Rat und suchte im Anschluss an mein Mittagessen das große, helle Gebäude mit dem Namen Spa auf. Dort bestaunte ich erst einmal die Architektur samt ihrer Säulen und bogenförmigen Fenster aus hellblauem Glas, das durch die eindringenden Sonnenstrahlen wunderschön glitzerte.

»Welche Behandlung wünschen Sie, Miss?«, erkundigte sich die ganz in Weiß gekleidete Dame hinter dem Empfang.

»Ich weiß nicht genau«, erwiderte ich vage und schaute auf die Liste, die an einer der Säulen neben dem gebogenen Tisch hing. »Vielleicht eine Massage?«

»Eine sehr gute Entscheidung. Wollen Sie das ganze Paket?«

»Was bedeutet das?«

Sie lächelte nachsichtig. »Massage, Gesichtsbehandlung, Maniküre, Pediküre.«

»In Ordnung«, wandte ich schnell ein, bevor sie noch mehr Dinge aufzählte, die ich nicht einordnen konnte. »Das ganze Paket.«

Als ich drei Stunden später das Gebäude wieder verließ, fühlte ich mich wie ein neuer Mensch und revidierte meine Meinung über solche Schönheitssalons. Es gab durchaus Aktivitäten, denen ich mich lieber widmete, als meinem Äußeren, aber die Dienste im Spa würde ich in Zukunft doch gerne wieder in Anspruch nehmen. Ich wusste nicht, wann ich mich das letzte Mal so rundum wohl gefühlt hatte, wie während der Behandlung. Wahrscheinlich noch nie.

»Hallo, Riley.«

Ich drehte mich überrascht um, als ich Arrons Stimme hinter mir vernahm. »Hallo, Arron«, grüßte ich zurück und stellte fest, dass ich mich wirklich freute, ihn zu sehen.

»Du kommst wohl von einem Besuch im Spa«, stellte er fest. »Hast du dich schon eingelebt?«

»Ja, so gut ich eben kann.« Und so lange Nikk auf meine Dienste verzichtet, fügte ich in Gedanken hinzu.

»Schön. Folge mir bitte.«

Zögernd schloss ich zu ihm auf, als er losmarschierte. »Ähm ... verrätst du mir auch das Ziel?«

»One möchte mit dir sprechen.«

Oh. Sofort tauchte Danikas Brief vor meinem inneren Auge auf. Hatte der Anführer der Hunter mehr über das, was meinen Freundinnen zugestoßen war, herausgefunden? Und ... wollte ich es überhaupt wissen? War es nicht besser, damit endgültig abzuschließen und nach vorne zu schauen; die Erinnerung an meine Freundinnen dort zu begraben, wo ich auch alles andere Schlimme und Traurige begrub, damit es mich nicht zerriss? 

Nein, beantwortete ich die Frage gleich selbst. Ich musste wissen, was passiert war!

»Wieso schickt er dich, um mich zu holen?«, fragte ich, um mich von meinen Gedanken abzulenken.

»Damit es nicht so viel Aufsehen erregt«, antwortete Arron geradeheraus. »Frauen reden gern, wie du sicher weißt. Wenn One sich mit einer Geliebten, die nicht seine ist, öfter unterhält, kommen die wildesten Gerüchte auf. Das möchte er vermeiden.«

»Verstehe.« Der Anführer wollte nicht, dass seine Geliebte etwas missverstand. Anscheinend war sie eifersüchtiger, was ihren Hunter betraf, als ich es bei Nikk war. Mich störte es nicht einmal, wenn er sich mit anderen Frauen vergnügen würde. Vielleicht war ich einfach nicht fähig dazu, Gefühle wie Eifersucht zu empfinden.

Arron brachte mich zu dem Raum, in dem ich bereits das letzte Gespräch mit dem Oberhaupt geführt hatte. Er klopfte kurz an und trat mit mir im Gefolge hinein. Dann nickte er mir lächelnd zu und verschwand wieder.

»Einen Augenblick, Riley.« Der Hunter-Anführer stand hinter seinem Schreibtisch, die Arme vor der breiten Brust verschränkt, den Kopf leicht gesenkt. Ich verstand nicht, was er da tat, bis ich den kurz aufleuchtenden Knopf in seinem Ohr bemerkte und das leise Gemurmel, das scheinbar daraus kam.

»Sie haben meine Befehle erhalten«, fuhr mein Gegenüber fort und griff nach dem Knopf. »Machen Sie sich an die Arbeit.« Er zog das schwarze Ding aus seinem Ohr und legte es auf den Schreibtisch vor sich. Dann schaute er mich an. »Wie geht es dir?«

»Ganz gut.« Ich fragte mich, ob er wusste, wie sehr Nikk meine Dienste in Anspruch nahm, und diese Frage deshalb stellte, oder ob er bloß höflich sein wollte.

»Dein Fuß sollte mittlerweile vollständig verheilt sein.«

»Ja, Sir. Meinem Fuß geht es gut.«

Der riesige Hunter kam hinter seinem Schreibtisch hervor und blieb direkt vor mir stehen, seine hellen Augen fortwährend auf mein Gesicht gerichtet. Es machte mich nervös. »Riley, kennst du einen Mann namens Alexis Silva?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Wer ist das?«

»Jemand, von dem man sich fernhalten sollte. Denk noch einmal nach. Ist dir dieser Name schon einmal begegnet? Früher, als du noch bei deinen Eltern gelebt hast.«

Ich forschte in meinen Erinnerungen nach dem Namen, fand ihn jedoch nirgendwo. »Nein, Sir«, wiederholte ich deshalb. »Ich höre ihn heute zum ersten Mal.«

»In Ordnung.«

»Wieso fragen Sie mich danach?«, äußerte ich, als ich sah, dass der Anführer sich wieder abwenden wollte. »Wieso glauben Sie, ich könnte diesen Mann kennen?«

Sein Blick war auf die Wand hinter mir gerichtet, doch es schien mir, als würde er viel weiter in die Vergangenheit reichen. »Dein Vater kannte ihn«, sagte der Hunter schließlich und dieser Satz ließ mich einen Schritt zurücktaumeln. 

»Mein Vater? Wie können Sie das wissen?«

»Der Name deines Vaters steht in unseren Verzeichnissen. Und er wird im Zusammenhang mit Alexis Silva erwähnt.«

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er mir da eröffnete. »Was sind das für Verzeichnisse?«, wollte ich schließlich wissen. 

»Es steht dir nicht zu, mehr darüber zu wissen«, entgegnete der Anführer sachlich.

»Wenn mein Vater darin erwähnt wird, steht es mir zu, verdammt nochmal!«, entfuhr es mir und ich legte mir schnell eine Hand über den Mund. »Verzeihung, Sir«, schob ich sofort hinterher. »Ich wollte nicht ...«

»Du bist aufgebracht, das verstehe ich, aber in diesem Ton redet niemand mit mir. Hast du das verstanden?« Er sprach ruhig, doch allein seine hohe Gestalt und die Härte in seinen Augen reichten aus, um mich einzuschüchtern.

»Ja, Sir«, presste ich hervor.

»Gut. Ich begleite dich hinaus.« Er trat zur Tür und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, den Raum zu verlassen. »Du erwähnst unser Gespräch mit keinem Wort jemand anderem gegenüber.«

»Verstanden, Sir.«

Kurz darauf stand ich draußen auf der Straße und wusste nicht, was ich tun oder gar denken sollte. Die Hunter hatten meinen Vater in ihrem Verzeichnis und darin sollte er irgendetwas mit einem Alexis Silva zu schaffen gehabt haben. Was bedeutete das? Inwiefern beeinflusste es mich? Und wieso war es so wichtig für das Hunter-Oberhaupt, ob ich den Mann kannte? 

Mit langsamen, schweren Schritten machte ich mich auf den Weg zu meinem kleinen Reich. Ich hoffte, dass Nikk nicht anwesend war, denn in meinem Kopf herrschte ein solches Chaos, dass ich mich jetzt unmöglich auf ihn und seine Bedürfnisse hätte konzentrieren können.

Leider wurden meine Hoffnungen nicht erhört, denn kaum betrat ich mein Schlafzimmer, da ging auch schon die Verbindungstür auf und Nikk schritt mit einem Grinsen, das ich bereits zu gut kannte, herein. 

»Na, wo bist du gewesen?«, erkundigte er sich gut gelaunt und kam zu mir, um mich an der Hand mit sich zum Bett zu ziehen.

»Nikk, ich ... Können wir heute eine Pause machen? Ich kann nicht mehr!«, gab ich zögernd zu und schaute ihn flehend an. 

»Du musst doch gar nichts tun, außer es zu genießen«, erwiderte er und drückte mich nach hinten.

Ich stemmte mich mit den Händen gegen seine Brust. »Bitte, Nikk. Ich kann heute nicht.«

Er ließ widerwillig von mir ab und runzelte die Stirn. »Was ist los, Riley? Sprich mit mir, wenn dich etwas bedrückt.«

Ich richtete mich langsam auf und seufzte. »Es ist nichts, ich bin bloß körperlich völlig ausgelaugt. Ich brauche etwas Ruhe. Du bist sehr fordernd.«

»Das ist deine Schuld. Ich fahre eben auf dich ab.«

Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und nickte. »Bloß einen Abend und eine Nacht Ruhe. Ich muss mich erholen. Kannst du mir das gewähren?«

»Schön.« Er nickte, aber seine Miene drückte aus, dass ihm der Gedanke, heute auf Sex verzichten zu müssen, überhaupt nicht gefiel. »Einen Abend und eine Nacht. Morgen will ich dich wieder für mich haben. Vergiss nicht, wieso du hier bist, Riley.«

»Das werde ich nicht«, erwiderte ich gepresst. Ich bin das Stück Fleisch, an dem du dich nach Belieben bedienst. Wie könnte ich das vergessen?

Sobald Nikk gegangen war, schlüpfte ich aus meiner Kleidung, kroch unter die himmlisch weiche Decke meines Bettes und zog sie mir bis zum Kinn hoch. Ich war völlig durcheinander, in meinem Inneren herrschte ein verwirrendes Gefühlschaos. Ich dachte an das Gespräch mit dem Oberhaupt und an die unzähligen Fragen, die es bei mir hinterlassen hatte. Neugier und Angst vermischten sich und machten mich unruhig. Und auch Nikks Worte hatten ihre Spuren in mir hinterlassen. Ich merkte, wie Trotz und Widerstand sich an die Oberfläche kämpften. Niemand sollte mich wie einen beliebigen Gegenstand behandeln, auch wenn ich mich hier verkaufte! 

Ich beschloss, erst einmal ein wenig zu schlafen, bevor ich noch etwas tat, was ich im Nachhinein bereuen würde, und drehte mich auf die andere Seite. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich die Stimmen in meinem Kopf endlich zum Schweigen gebracht hatte und in einen unruhigen Schlaf fiel.


»Du bist aber ein hübsches Kind. Wie heißt du?«

Der Mann vor mir ist im Alter meines Vaters. Seine Augen schimmern in einem flüssigen Silber und bilden einen eindrucksvollen Kontrast zu seinem rabenschwarzen Haar.

»Wer bist du?«, entgegne ich und verschränke die Arme vor der Brust. Ich habe diesen Mann noch nie zuvor gesehen, aber jetzt steht er in unserem Haus.

Er lächelt und entblößt zwei Reihen vergilbter Zähne. »Ah, die kindliche Neugier ist eine Gabe, die wir im hohen Alter viel zu schnell ablegen. Behalte sie dir bei, kleines Mädchen.«

»Lex, lass sie in Ruhe.« Meine Mutter erscheint in der Küchentür und greift nach meiner Hand. »Reos wird jeden Augenblick hier sein. Du kannst im Wohnzimmer auf ihn warten.« Und an mich gewandt fügt sie hinzu: »Komm mit, Riley. Dein Papa muss ein wichtiges Gespräch führen. Wir wollen ihn doch nicht stören.«



Ich wachte auf und schaute mich verwirrt um. War das bloß ein Traum gewesen oder eine Erinnerung, die sich aus dem Unterbewusstsein herausgekämpft hatte? Und was sollte ich mit dieser Erinnerung anfangen?

Ich stand auf, ging ins Badezimmer und spritzte mir etwas Wasser ins Gesicht. Mit einem Waschlappen fuhr ich über meinen verschwitzten Nacken. Als ich mich wieder aufrichtete und in den Spiegel über dem Waschbecken blickte, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag.

Alexis Silva. 

Lex.

Ich kannte den Mann, nach dem das Hunter-Oberhaupt mich gefragt hatte. Und dieser Mann war nicht nur einmal in unserem Haus gewesen. Bevor die Rebellen unsere Siedlung überfallen hatten, war er mehrere Male zu Besuch gekommen und hatte mit meinem Vater gesprochen. Und meine Mutter hatte ihn nicht gemocht.

9. Kapitel

 


Alexis Silva.

War das wirklich der Mann, der uns damals zu Hause besucht hatte? Wollte mir mein Unterbewusstsein das vermitteln, indem es mir diesen Traum geschickt hatte? Vielleicht war das auch gar kein Traum gewesen, sondern eine richtige Erinnerung, etwas, das sich vor vielen Jahren so ereignet hatte.

Ich wusste es nicht. Und ich war mir nicht sicher, ob ich mit dieser Vermutung zu dem Oberhaupt der Hunter gehen musste oder es einfach für mich behalten und vergessen sollte. Was würde geschehen, wenn One erfuhr, dass ein Mann namens Lex, was eine mögliche Ableitung des Namens Alexis war, des Öfteren mit meinem Vater gesprochen hatte? Wie würde sich das auf mich und meine Situation hier auswirken? Konnte ich mich darauf verlassen, dass man mir glaubte, wenn ich sagte, dass ich keine Ahnung hatte, in welchem Verhältnis mein Vater zu dem Mann gestanden hatte? Oder würde man mich notfalls mit Gewalt dazu bringen, die Informationen, die ich nicht besaß, preiszugeben?

Seufzend richtete ich mich aus dem warmen, wohlduftenden Wasser auf und stieg aus der Badewanne. Ich schaute auf mein immer noch glattes Geschlecht. Wie Savannah vorausgesagt hatte, hatte man scheinbar wirklich erst einmal Ruhe für mindestens sechs Wochen nach der schmerzhaften Prozedur des Waxing. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, keinerlei Haare mehr an unerwünschten Zonen des Körpers zu haben, und es gefiel mir sogar.

Und Nikk auch. Er hatte es mir mehrere Male gesagt. Und noch viele andere Dinge, die mir die Röte in die Wangen getrieben und mein Blut zum Kochen gebracht hatten. 

Dennoch wurde mir ganz flau im Magen, wenn ich daran dachte, dass er bald schon wieder mit mir schlafen wollen würde. Ich genoss den Sex, keine Frage, aber nicht in solchem Ausmaße. Ich war keine Maschine, meine Energie und Kraft waren begrenzt. Und im Moment herrschte ein Chaos in meinen Gedanken, das ich erst einmal sortieren musste, bevor ich mich wieder darauf konzentrieren konnte, Nikks Wünsche zu erfüllen und ihn dabei zu erobern.

Ich stockte in der Bewegung und fragte mich, ob ich das überhaupt noch wollte. In den vergangenen Tagen waren Dinge geschehen, die mich an meinem Vorhaben zweifeln ließen. Nikks fordernde Art, die mich auslaugte, seine Bemerkung darüber, dass ich bloß hier war, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, mein angekratztes Selbstwertgefühl, Danikas Brief, der vielleicht gar nicht von ihr stammte und mich in eine Falle locken sollte. 

Und das Wissen um meinen Vater und Alexis Silva. Was verbarg sich dahinter? Ich hatte Angst vor der Wahrheit und wollte es gleichzeitig unbedingt herausfinden. Ich konnte kaum noch an etwas anderes denken. Immer wieder sah ich das verschwommene Gesicht des Mannes, der mir im Traum erschienen war, vor meinen Augen und grübelte.

Schließlich zog ich mich an und machte mich auf den Weg zur Cafeteria. Dort angekommen, suchte ich den großen Raum nach Savannahs auffälliger Gestalt ab, konnte ihren Lockenkopf jedoch nirgendwo entdecken.

Etwas enttäuscht setzte ich mich an einen der hinteren Tische und aß schweigend. Als sich plötzlich ein Schatten über mich legte, schaute ich auf und sah in die kühlen Augen einer anderen Geliebten. Es war die Frau, die mich vor einigen Tagen in der Bibliothek aufgesucht hatte. Ihren Namen hatte ich bereits wieder vergessen.

»Setz dich zu uns«, sagte sie und deutete auf einen Tisch, an dem vier weitere Geliebte saßen.

»Warum?«, erwiderte ich skeptisch. Ich verspürte keinerlei Verlangen danach, mich mit ihnen auszutauschen. Außerdem ging es niemanden etwas an, was mir momentan durch den Kopf ging.

»Weil ich es sage«, beharrte sie jedoch weiter.

Ich schnaubte und wandte mich wieder ab. Für wen hielt sie sich eigentlich? 

»Hältst du dich für etwas Besseres, Riley?« Sie sprach meinen Namen so abfällig aus, dass es regelrecht an eine Beleidigung grenzte. »Weil du eine seltene Haarfarbe hast? Oder so zügellos im Bett bist?«

Obwohl ich es zu verhindern versuchte, breitete sich Wut in mir aus. Wieso konnten sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? »Du weißt gar nichts von mir«, entgegnete ich bemüht ruhig.

»Meinst du? Nun, dann wird es dich sicher schockieren, wenn ich dir verrate, dass dein Hunter ganz schön freizügig mit euren Bettgeschichten hausieren geht.«

Ich erstarrte. Was wollte sie damit sagen? Langsam drehte ich mich wieder zu ihr um und verengte die Augen.

»Ja, Riley, dein Nikk hat es nicht so mit der Privatsphäre und ist nicht so stumm wie du. Wir alle wissen, welches Früchtchen in dir steckt. Also tu uns den Gefallen und spiel hier nicht die unschuldige Intellektuelle, die es nicht nötig hat, mit uns zu reden. Steh zu dem, was du bist. Eine Hure

Meine Hände zitterten vor Wut und ich ballte sie unter dem Tisch zu Fäusten. In einem Punkt hatte diese fiese Frau recht - ich verkaufte mich und meinen Körper; tauschte die einzigen Güter, die ich besaß, gegen ein sicheres Heim, gegen Essen und Bildung. Dennoch hatte sie nicht das Recht, mich auf diese Weise zu beleidigen! Immerhin tat sie genau dasselbe.

»Lass gut sein, Frella«, erklang es von irgendwoher.

»Nein. Ich spreche nur das aus, was alle denken«, erwiderte Frella trotzig. »Sie stolziert hier herum, spricht mit niemandem und glaubt, sie ist besser als wir anderen. Dabei macht sie nichts anderes, als wir es tun. Sie heuchelt Stolz und Würde, und macht hinter verschlossenen Türen die Beine breiter als jede andere von uns. Das ist widerlich!«

Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und eilte aus der Cafeteria. Eigentlich sollten mir die Beleidigungen dieser fiesen Schlange ganz gleich sein, doch das waren sie nicht. Sie hatten mich gekränkt und machten es mir unmöglich, sie zu ignorieren.

Nikk sprach über mich und das, was wir taten? Schilderte er unsere gemeinsamen Erlebnisse wirklich vor allen anderen? Wusste jeder darüber Bescheid, auf welche Weise ich mich ihm hingab? Es fühlte sich an, als hätte ich nicht nur mit Nikk geschlafen, sondern auch mit allen anderen, denen er davon berichtet hatte.

Mein Gott, war das beschämend! 

Natürlich war mir bewusst, dass alle wussten, welche Aufgaben ich als Geliebte erfüllte, dennoch wollte ich nicht, dass Nikk diese privaten Dinge einfach vor anderen aussprach. Das war ... respektlos. Und das bewies mir, dass er mich überhaupt nicht achtete. Er respektierte mich nicht, obwohl er es behauptet hatte. Für ihn war ich bloß ein Spielzeug, mit dem er sich die freie Zeit vertrieb. Ein schöner Körper, den er nach Belieben besudelte - und später darüber mit anderen sprach. Vielleicht machte er sich sogar über mich lustig.

Die Wut auf ihn und auch auf mich selbst, weil ich so mit mir umgehen ließ, wuchs und wuchs, breitete sich in mir aus und löschte jeden rationalen Gedanken aus. Wie Gift fraß sie sich durch meinen Körper und lähmte mich beinahe.

Ich wollte nur noch weg. Weg von diesem sicheren Ort, der mehr war, als ich mir je erträumt hatte, und weg von dem Mann, der mich im Bett begehrte, aber vor allen anderen als zügellose Hure darstellte. Weg von der Ungewissheit, welche Auswirkungen die Tatsache, dass mein Vater in den Verzeichnissen der Hunter stand, auf mich haben konnte. Weg, einfach nur weg!

Während ich ziellos durch die Straßen, die jedes Gebäude voneinander trennten, rannte, versuchte ich, mich wieder zu beruhigen. Ich redete mir ein, dass es nicht so schlimm sei, was ich eben erfahren hatte. Männer sprachen eben über solche Intimitäten, sollten sie doch! Aber es half nicht. Die Wut in mir garte, hatte mein gesamtes Inneres erfasst und ließ mich nicht wieder los. 

Ich war mehr als eine Hure, verflucht noch mal! Und auch wenn ich mich hier auf gewisse Weise verkaufte, konnte ich wohl erwarten, dass man mich trotz dessen mit Respekt behandelte – zumindest nicht hinter meinem Rücken mit anderen über mich herzog! Das tat Nikk scheinbar und diese Erkenntnis ließ mich letztendlich eine Entscheidung treffen, die schwerwiegender nicht sein konnte.

Ich wollte gehen.

Ich würde so dumm sein und meinem Stolz und meiner Würde den Vortritt vor Sicherheit lassen. Ich konnte nicht hier bleiben und mich selbst verachten. Das würde mich in den Wahnsinn treiben! Allein daran zu denken, zu Nikk zurückzukehren und mich wieder von ihm nehmen zu lassen, nur damit er anschließend vor anderen damit herumprahlte, verursachte mir ein Übelkeitsgefühl, das mich hart schlucken ließ.

Mit erhobenem Kinn machte ich mich auf dem Weg zu dem Gebäude, von dem ich in Erinnerung hatte, dass sich dort das Arbeitszimmer des Oberhaupts befand. An der breiten Eingangstür traf ich auf einen Hunter, der den Eingang bewachte, und sagte ihm, dass ich dringend mit Taleon One sprechen musste. Er kontrollierte meinen Ausweis und ließ mich hinein. Vor lauter Anspannung zitternd, trat ich zum Empfang und teilte der Dame dahinter ebenfalls mein Anliegen mit.

»Ich werde fragen, ob er Zeit für Sie hat«, erwiderte sie und griff zu dem Gerät, von dem ich wusste, dass es ein Telefon war. 

Während sie sprach, knetete ich an meinen Fingern und überlegte erneut, ob ich meine Entscheidung nicht lieber überdenken sollte. Wieso ließ ich die Worte der anderen Geliebten so nah an mich ran? Wollte ich wirklich wieder zurück in den Albtraum, der überall außerhalb der Mauern lauerte? Waren Stolz und Würde wichtiger als ein sicheres Zuhause?

Hier ist es nicht sicher, ertönte plötzlich eine Stimme in meinem Hinterkopf. Ich konnte sie nicht einordnen. Ich wusste nur, dass sie etwas aussprach, das mir schon seit heute Morgen durch den Kopf kreiste. Seit dem Moment, als ich mir der Bedeutung meines Traums bewusst geworden war.

Alexis Silva.

Mein Vater.

Ones Interesse an dem, was ich wusste, oder von dem ich behauptete, es nicht zu wissen.

Ich hatte das beklemmende Gefühl, er verheimlichte mir etwas Grundlegendes. Und Geheimnisse bedeuteten meist nichts Gutes. Wie lange konnte ich mich noch hinter meiner vermeintlichen Unwissenheit verstecken? Was würde geschehen, wenn er herausfand, dass ich ihm nicht länger die Wahrheit sagte und mehr wusste, als ich ihm stets weismachte?

»Sie können zu seinem Büro, Miss McDermont«, holte die Stimme der Empfangsdame mich aus den Gedanken und sie stand auf, um mich den Flur hinunter zu begleiten.

Mit wild klopfendem Herzen trat ich ein und straffte die Schultern, um mir wenigstens äußerlich nicht anmerken zu lassen, welcher Aufruhr in meinem Inneren herrschte.

»Riley, was führt dich zu mir?«, wollte das Oberhaupt sogleich wissen und entließ die Frau vom Empfang mit einem Nicken.

»Ich möchte gehen«, sagte ich schnell, bevor ich es mir doch noch anders überlegen konnte. Bevor die Angst mich komplett lähmte und ich kein Wort mehr herausbekam. »Ich möchte das Hunter-Hauptquartier verlassen. Heute. Jetzt.«

Wenn ihn mein Entschluss überraschte, so ließ er sich das zumindest nicht anmerken. »Ist etwas geschehen?«, erkundigte er sich stattdessen und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Nichts Weltbewegendes«, entgegnete ich nicht wahrheitsgemäß. »Aber mir ist klar geworden, dass das hier nicht der Ort ist, wo ich hingehöre.«

Sein Blick haftete eine Weile regungslos auf meinem Gesicht und ich musste all meine Kraft aufbringen, unter der Eindringlichkeit nicht nachzugeben und ihm alles haargenau zu erzählen, was mich beschäftigte. »Und wo gehörst du hin?«, wollte er schließlich ruhig wissen.

Ich schluckte. »Das weiß ich nicht, Sir. Aber hierher noch weniger als anderswohin.«

One stieß einen Seufzer aus und erhob sich. »Ist es wegen deiner Freundin? Ich kann dir versichern, dass wir dieser Sache nachgehen -«

»Nein, Sir«, unterbrach ich ihn und biss mir schuldbewusst auf die Unterlippe, weil ich mir sicher war, dass er Unterbrechungen nicht mochte. Aber ich musste ihn schnell davon überzeugen, dass er mich gehen lassen sollte. »Natürlich werde ich versuchen, sie zu finden, aber das ist nicht der Grund, wieso ich gehen möchte.«

»Riley, du bist hier sicher. Wieso möchtest du diese Sicherheit aufgeben?«

Ich runzelte verwirrt die Stirn. Versuchte er etwa, mich zum Bleiben zu überreden? Wieso interessierte es ihn, was mit mir geschah? Ich war doch bloß eine Geliebte von vielen, die kamen und gingen. Oder etwa nicht? Wahrscheinlich wollte er mich hier behalten, um mehr über meinen Vater und die Verbindung zu Alexis Silva aus mir herauszubekommen. Wieso zum Teufel war das so wichtig? Ich brauchte Antworten auf all die Fragen, die sich seit gestern durch meine Gedanken fraßen. Doch diese Antworten würde ich hier nicht bekommen, das hatte er mir deutlich gemacht. Also musste ich sie woanders suchen.

»Sir, ich bin keine Gefangene«, sagte ich schließlich nachdrücklich. »Ich bin freiwillig hier und jetzt möchte ich gehen. Bitte.«

Sein Gesicht drückte aus, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel; sein Mund wirkte verkniffen und er hatte die Augenbrauen zusammengezogen. Aber er nickte. »Wir fahren zusammen«, sagte er schließlich.

»Was meinen Sie damit? Wohin?«

»Wir suchen deine Freundin. Ich möchte mit eigenen Augen sehen, dass du nicht blindlings in eine Falle tappst.«

Obwohl mich der Gedanke, ihn zum Schutz bei mir zu haben, sehr beruhigte, schüttelte ich den Kopf. Ich vertraute dem Oberhaupt der Hunter nicht. Seit Karen ermordet worden und Danika verschwunden war, vertraute ich niemandem mehr. Erst Recht niemandem, der meinen Vater aus mir unbekannten Gründen in seinen Verzeichnissen führte und es mir nicht erklären wollte.

»Riley, dir bleibt keine andere Wahl«, äußerte One schließlich und beugte sich ein wenig vor. »Du gehst mit mir oder du gehst gar nicht.«

»Was?« Entsetzt starrte ich in seine entschlossene Miene. Er würde mich nicht gehen lassen, wenn ich nicht mit ihm ging? »Das können Sie nicht machen! Ich bin nicht Ihre Gefangene!« Blitzschnell sprang ich auf die Füße und flitzte zur Tür. Aber er war schneller. Mit einem Keuchen prallte ich gegen seine Brust und taumelte zurück, bis er mich am Handgelenk packte.

»Beruhige dich.«

»Loslassen!« Ich zerrte an meiner Hand und verzog schmerzhaft das Gesicht. Panik sensibilisierte all meine Sinne und Instinkte, die nur noch auf eins fokussiert waren: Flucht. 

»Ruhig!«, forderte er mich auf und sein bis dahin ruhiges Gesicht nahm einen wilden Zug an. 

Angst floss durch meine Adern und ich schaute mich nach allen Seiten um, suchte den Raum ab, obwohl ich nicht einmal wusste, was ich zu finden erhoffte. Ich kämpfte gegen diese immense physische Stärke, die er und sein stoischer Körper beinhalteten, auch wenn mir bewusst war, dass ich nicht die geringste Chance gegen ihn hatte. Mein wilder Herzschlag schien meine Brust zu zersprengen und in meinen Ohren rauschte das Blut. Erst als er mir eine Hand über den Mund legte, wurde mir bewusst, dass ich wie am Spieß geschrien hatte.

»Verflucht, beruhige dich!«, fuhr One mich an und nahm mich mit den Armen in einen Käfig, sodass ich mich nicht länger bewegen und gegen ihn ankämpfen konnte. Das schürte meine Panik nur noch weiter. »Ich will dir nicht wehtun, Riley, aber du lässt mir allmählich keine andere Wahl«, fuhr er fort und funkelte mich wütend an. »Hör endlich auf, gegen mich anzukämpfen!«

Ich starrte hoch in sein Gesicht und atmete gierig durch die Nase, weil er mir immer noch den Mund zuhielt. Das Gefühl, völlig hilflos und ihm ausgeliefert zu sein, trieb mir Tränen in die Augen. Ich versuchte, sie mühsam zurückzuhalten, aber sie quollen über und rollten meine Wangen hinab.

»Nein.« Das Oberhaupt schien noch wütender zu werden. »Nicht weinen!«, befahl er barsch, ließ mich los und wandte sich ab.

Ich sank auf die Knie und verbarg mein Gesicht in den Händen, während mein Körper von einem Weinkrampf durchgeschüttelt wurde. All die aufgestauten Gefühle der vergangenen Stunden und Tage, vielleicht auch Wochen und Jahre, brachen aus mir heraus und fluteten meine Finger mit warmen, salzigen Tränen.

»Verdammt, Mädchen, hör auf zu weinen«, hörte ich die leicht verzweifelte Stimme des Hunters und spürte gleich darauf seine Hände auf meinen Schultern. Er richtete mich auf und zog mich ohne große Anstrengung auf die Füße. 

Ich vergrub mein Gesicht in dem kühlen Stoff seines Hemdes und presste die Augen fest zusammen. Sein harter, angespannter Körper spendete mir mit seiner stoischen Haltung keinen Trost, dennoch klammerte ich mich an ihm fest, bis der Tränenfluss versiegt war. 

Panik und Angst wurden sogleich von einem brennenden Schamgefühl abgelöst. Es war mir sehr unangenehm, was eben geschehen war. Hastig ließ ich von ihm ab und wich zurück, bis ich die harten Reihen eines Regals im Rücken spürte. Ich wandte mein Gesicht ab, damit er es nicht sehen konnte, und drängte die Tränen zurück.

»Geht's jetzt wieder?«, fragte One und ich antwortete mit einem Nicken, während ich undamenhaft die Nase hochzog und mir mit dem Ärmel darüber wischte.

»In Ordnung.« Er klang erleichtert. »Und jetzt besprechen wir ganz in Ruhe, wie es weitergeht. Einverstanden?«

Hatte ich denn eine andere Wahl? Wohl kaum. Ich wischte mir über Wangen und Augen und wartete, bis er fortfuhr.

»Ich muss dich das noch einmal fragen, Riley. Willst du das Hauptquartier wirklich verlassen? Ich verstehe, dass dich irgendetwas aufgewühlt hat, aber du solltest noch einmal gründlich darüber nachdenken, ob du nicht zu voreilig handelst.«

Ich holte zitternd Atem und drehte mich zu ihm. »Ich habe mich entschieden und ich bleibe dabei«, sagte ich mit möglichst fester Stimme. Nachdem, was hier eben geschehen war, konnte ich erst recht nicht bleiben. Das Gefühl, hilflos und jemandem völlig ausgeliefert zu sein, war schlimmer als die Hoffnungslosigkeit, die ich im Umland empfunden hatte. Nein, ich wollte lieber dort draußen kämpfen und frei sein, als hier drin gefangen und abhängig von dem Gemüt der Hunter.

One nickte bedächtig und fuhr sich mit einer Hand über das angespannte Gesicht. »Gut. Wir brechen morgen auf.«

»Ich muss jetzt gehen!«, entgegnete ich eindringlich. »Ich bleibe keine weitere Nacht hier.«

»Riley, was ist geschehen? Hat Revera etwas getan, was du nicht wolltest?« Seine wachsamen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als er zu seinem Schreibtisch trat.

»Nein.«

»Wieso hast du es plötzlich so eilig, von hier fortzukommen?«, bohrte er weiter.

»Ich habe meine Gründe. Und ich habe Rechte!«, fügte ich hinzu, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt irgendwelche Rechte hatte. Wer war ich denn schon? Eine einfache Frau aus dem Umland. Wertlos und entbehrlich. »Ich will gehen. Sie können mich nicht hier einsperren.«

»Ich möchte verstehen, wieso du so handelst«, entgegnete das Oberhaupt und lehnte sich gegen die Schreibtischkante. Obwohl er wieder vollkommen ruhig und beherrscht wirkte, konnte ich erkennen, dass er immer noch angespannt war; jederzeit bereit, mir den Weg zu versperren, wenn ich wieder fliehen wollte. »Und ich muss die Abreise vorbereiten.«

»Warum interessiert es Sie überhaupt, ob ich in Sicherheit bin, sobald ich das Hauptquartier verlasse?«, wollte ich wissen und überlegte gleichzeitig, was ich ihm erzählen konnte, damit er meine Motive nicht länger hinterfragte und mich gehen ließ. »Sorgen Sie für jede Frau, die das Hauptquartier verlässt? Jede Ex-Geliebte?«

»Ich sorge zumindest dafür, dass sie nicht blindlings in eine mögliche Falle tappt«, erwiderte er daraufhin. 

»Ich habe sechs Jahre ganz allein überlebt - ich kann selbst auf mich aufpassen!«, stellte ich etwas überheblich fest. 

»So wie an dem Abend, als wir dich im Wald gefunden haben?«

Verärgert presste ich die Lippen zusammen. Was sollte ich auch dazu sagen? Hätten sie mich an dem Abend nicht vor den wilden Hunden gerettet, wäre ich jetzt nicht hier. Und vielleicht wäre es auch besser so.

»Hör zu, Riley.« Der Hunter stieß sich vom Schreibtisch ab und kam langsam auf mich zu. Sofort verspannte ich mich und nahm eine defensive Haltung ein. »Ich bringe dich zu deiner Freundin und schaue mir die Situation dort an. Wenn alles in Ordnung ist, dann gehe ich wieder und überlasse dich dir selbst.«

»Und wenn nicht?«, wollte ich wissen und verschränkte die Arme vor der Brust, als er nur wenige Schritte von mir entfernt stehen blieb. 

»Das klären wir, wenn es soweit ist.«

Ich wollte wieder aufbegehren, hielt mich jedoch zurück. Mir war bewusst, dass er nicht mit sich verhandeln lassen würde. Sobald er mich aus dem Hauptquartier gebracht hatte, würde ich schon einen Weg finden, um ihm zu entkommen. Dort draußen im Umland kannte ich mich aus. Es gab Verstecke und Fluchtmöglichkeiten, von denen er mich nicht fernhalten konnte. Er war ein Hunter, schnell und geschickt, aber ich hatte trotzdem die Hoffnung, ihn dort irgendwie überlisten zu können. Und an diese Hoffnung klammerte ich mich. Sie war alles, was mir jetzt noch geblieben war.

»In Ordnung«, sagte ich schließlich und ließ die Anspannung aus meinem Körper entweichen. »Ich warte hier, bis Sie alles für die Abfahrt geklärt haben.«

»Hier? Die ganze Nacht?«, hakte One mit gerunzelter Stirn nach. »Das geht nicht, Riley.«

»Dann eben auf der Sitzbank am Empfang«, wandte ich schulterzuckend ein. 

»Das ist doch albern.«

»Ist mir egal. Ich bleibe hier und warte, bis wir aufbrechen können. Und wenn Sie mich dazu zwingen, in meinen Bereich zu gehen und die Nacht dort zu verbringen, werde ich mich mit Händen und Füßen wehren, bis Sie die Gewalt, die Sie angeblich nicht anwenden wollen, anwenden müssen. Und dann werde ich weiterkämpfen, bis Sie mich wie einen tollwütigen, wilden Hund erschießen.« Ich reckte mein Kinn und starrte ihm furchtlos entgegen, auch wenn mein Herz mir bis zum Hals klopfte und ich meine Hände zu Fäusten ballte, um ihr Zittern zu verbergen. Mir war bewusst, dass ich mich weit aus dem Fenster lehnte, aber ich meinte jedes einzelne Wort todernst. Ich war nicht seine Gefangene und würde mir meinen Willen nicht nehmen lassen. Nicht noch einmal. Nie wieder! Mein Kampfwille war erwacht und ich hielt mit aller Kraft an ihm fest.

»Wie du willst«, gab der Anführer schließlich nach und ich atmete erleichtert aus. »Du kannst am Empfang bleiben, bis ich alles für die Abreise organisiert habe. Ich werde Nikk deine Entscheidung mitteilen. Oder möchtest du das selbst erledigen?«

Ich wollte kopfschüttelnd ablehnen, entschied mich jedoch in letzter Sekunde dagegen. Wenn ich schon ging, dann ganz sicher nicht als Feigling. Auch wenn Nikk sich wie ein Mistkerl verhalten hatte, verdiente er wenigstens einen Abschiedsgruß. Immerhin hatte er mir für eine kurze Zeit die Illusion eines sicheren Lebens gegeben. 

»Geh zu Nikk, verabschiede dich«, wies One mich an. »Pack ein paar Anziehsachen ein, die du mitnehmen möchtest. Ich sorge für den Rest.«

Mit einem Nicken wandte ich mich ab und wurde von ihm hinausbegleitet. Am Empfang sprach er kurz mit der Dame dahinter, rief anschließend einen der Hunter, der hier Wache hielt, herbei und befahl ihm, mich zu begleiten. Ich wusste nicht, ob er befürchtete, dass ich womöglich einen vergeblichen Fluchtversuch starten könnte, oder ob er es wegen Nikk tat. Auf jeden Fall war es mir ganz recht so, denn ich hatte definitiv etwas Bedenken. Nicht, dass ich Nikk zutraute, dass er mir etwas antat, aber ich wollte auch kein Risiko eingehen.

Vor der Tür zu meinen nun ehemaligen Zimmern angekommen, blieb ich stehen und atmete tief durch. Ich konnte meinen schnellen Herzschlag nicht beruhigen, tat jedoch mein Bestes, um mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, und trat hinein. Der Hunter, den das Oberhaupt mit mir geschickt hatte, blieb neben der Tür stehen und starrte geradeaus. Er wirkte beinahe wie eine Statue, völlig fokussiert auf seine Aufgabe, ohne sich durch mich oder sonst etwas ablenken zu lassen.

Schnell packte ich ein paar Sachen zusammen und beschränkte mich dabei auf die graue Standardkleidung, weil mir alles andere viel zu abwegig für das Leben im Umland erschien. Seufzend hielt ich in der Bewegung inne, als mir wieder bewusst wurde, welchen folgenschweren Entschluss ich gefasst hatte. Es war hirnrissig, das sichere Heim aufzugeben, aber gleichzeitig verspürte ich ein seltsames, erleichterndes Gefühl in der Brust. Draußen wäre ich wenigstens wieder frei; keine Gefangene der Lust und der Triebe eines Hunters, kein Stück Fleisch, an dem man sich nach Belieben bediente. Bloß eine Frau, die um das Überleben kämpfte. Mit Würde und einem restlichen Fünkchen Ehrgefühl.

Ja, ich würde wieder in die grausame Welt im Umland hinaustreten, aber wenigstens wusste ich dabei, was mich erwartete. Hier im Hunter-Hauptquartier galten eigene Gesetze. Ich hielt den Anführer für einen geradlinigen Mann, aber ich vertraute ihm nicht und wusste nichts über die Geheimnisse, die er verbarg. Mein Vater stand in den Verzeichnissen der Hunter und den Grund dafür würde ich nicht von One erfahren. Im Hauptquartier zu bleiben, war ein zu großes Risiko für mich.

»Was machst du da?«

Ich zuckte zusammen, als Nikks Stimme hinter mir erklang. Mit wild klopfendem Herzen drehte ich mich zu ihm um und hoffte, dass er mein Zittern nicht bemerkte. »Ich packe«, sagte ich ruhig und hielt zum Beweis das Kleidungsstück in meinen Händen hoch. »Ich verlasse das Hauptquartier.«

Nikks Miene zeigte deutlich seine Verwirrung. »Ist das ein Scherz?«, fragte er schließlich und schien erst jetzt den anderen Hunter im Raum zu bemerken. Mit wenigen Schritten war er bei ihm und erkundigte sich nach dem Geschehen. Anschließend wandte er sich wieder an mich. »Riley, was zum Teufel soll das?«

»Es steht mir frei, zu gehen.« Furchtlos, auch wenn es in mir anders aussah, reckte ich mein Kinn. »Und genau das werde ich tun. Du musst dir eine andere Geliebte suchen. Am besten eine, die es erträgt, wenn du mit allen anderen über sie herziehst«, fügte ich in spitzem Ton hinzu, weil ich es mir nicht verkneifen konnte.

»Wovon sprichst du?« Nikk trat zu mir und streckte die Hand nach mir aus, was mich zurückweichen ließ. Der andere Hunter hinter ihm ließ ein Räuspern verlauten. Daraufhin senkte Nikk seine Arme wieder und presste die Lippen fest zusammen. »Du machst einen Fehler, Riley«, äußerte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Dort draußen gibt es keinen Schutz für eine junge Frau wie dich.«

Er erzählte mir nichts Neues, dennoch musste ich bei seinen Worten hart schlucken. »Ich komme schon zurecht«, erwiderte ich und klang nun nicht mehr so sicher wie zuvor noch. 

»Überlege es dir. Hier hast du alles, was du brauchst. Was auch immer dich so aufgeregt hat - es lässt sich sicher aus der Welt schaffen.«

Langsam schüttelte ich den Kopf und beugte mich runter, um die Tasche, die ich eben gepackt hatte, aufzuheben. »Leb wohl, Nikk.« Mit diesen Worten ging ich an ihm vorbei und verließ das Zimmer, ohne mich noch einmal umzusehen. Der Hunter, den One mit mir geschickt hatte, folgte mir. Wortlos nahm er mir die Tasche ab und schulterte sie. Im Fahrstuhl lehnte ich mich gegen die kühle Wand und schloss für einen Moment die Augen.

Vorbei. Ich hatte es getan. Und obwohl ich weiterhin glaubte, dass es die richtige Entscheidung war, konnte ich nicht verhindern, dass sich Bedauern und leichte Wehmut zu meinen Gefühlen mischten. Und Angst. Nach über zwei Wochen in der Sicherheit des Hauptquartiers und nach einem Jahr in der Wohnung meiner Freundinnen würde ich nun wieder zurück ins Umland kehren, ohne zu wissen, was mich dort erwartete.

Das Zittern meines Körpers ließ sich trotz aller Bemühungen nicht vertreiben. Ich war erleichtert, als wir in das Gebäude zurückkehrten, in dem sich Ones Arbeitszimmer befand, und ich mich auf die Bank am Empfang setzen konnte. Noch ein paar Minuten länger und meine wackeligen Beine wären unter mir weggebrochen.

10. Kapitel

 

 


»Riley, wach auf.«

Blinzelnd öffnete ich die Augen und schaute in das ernst dreinblickende Gesicht von Taleon One, dem Anführer der Hunter. Ich war auf der Bank eingeschlafen und zur Seite gesackt. Jetzt richtete ich mich auf und massierte meinen schmerzenden Nacken.

»Wir brechen auf«, sagte er und hielt mir eine Weste hin, wie ich sie schon auf dem Stützpunkt der Hunter getragen hatte. 

Ich stand auf und schlüpfte durch die Ärmelöffnungen, während er nach meiner Tasche griff und voran zum Ausgang ging. Hastig folgte ich ihm und erblickte zwei weitere Hunter, sowie zwei Fahrzeuge auf der Straße vor dem Gebäude. One hielt mir die Beifahrertür des vorderen Wagens auf und half mir hinein. Anschließend verstaute er meine Tasche hinten und kletterte auf den Sitz neben mir. Im Spiegel an der Seite konnte ich sehen, dass die beiden anderen Hunter das hintere Fahrzeug bestiegen. Wir würden nicht allein fahren. All die Fluchtversuche, die ich mir im Kopf zurechtgebastelt hatte, waren somit unbrauchbar geworden, denn gleich drei Huntern entkommen zu können, war wohl kaum möglich. Verdammt!

»Schnall dich an«, befahl der Anführer und startete den Motor. 

Ich legte den schweren Gurt um und kämpfte innerlich mit der Verzweiflung, die mich plötzlich befallen hatte. Wir würden gleich das Hauptquartier verlassen. Kein sicheres Heim mehr, keine Bildungsmöglichkeiten, keine Savannah, die vielleicht zu einer Freundin hätte werden können. All das hatte ich freiwillig aufgegeben. Ich atmete tief durch, um die Panik, die mit der Verzweiflung kam, niederzukämpfen. 

Deine Entscheidung war richtig. Du kannst niemandem vertrauen, redete ich mir gut zu, während wir durch die Straßen fuhren. Danika wartet dort draußen auf dich. Zusammen könnt ihr euch irgendwo ein neues Leben aufbauen. Ein Leben, in dem du mehr bist, als ein Spielzeug und eine Gefangene.

Es half kaum. Ich hatte das Gefühl, jemand drückte meinen Brustkorb zusammen und ich bekäme keine Luft mehr. 

»Alles in Ordnung?« Der Hunter neben mir warf mir einen prüfenden Blick zu.

»Ja, Sir«, erwiderte ich und nickte schnell. Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme viel zu hoch und schrill. 

»Das glaube ich dir nicht.« One griff zu einem kleinen Gerät und drückte auf einen Knopf. Dann hielt er es an seinen Mund und sprach hinein. »Wir halten kurz an.« Im nächsten Moment fuhr er an die Seite und der Wagen blieb stehen. 

»Mir geht es gut!«, versicherte ich ihm und schaute mich unruhig um. »Fahren Sie weiter, Sir.«

»Schau mich an, Riley.« Seine Stimme war ruhig, aber es war ein unmissverständlicher Befehl, also tat ich es mit all der Überzeugungskraft, die ich aufbringen konnte. »Du kannst deine Entscheidung immer noch rückgängig machen«, fuhr er fort und seine hellen Augen bohrten sich eindringlich in meine. 

»Nein.« In mir kämpfte die Vernunft und versuchte, mich zum Bleiben zu bewegen. Aber ein innerer Instinkt - derjenige, der mich in all den vergangenen Jahren von einem Tag in den nächsten gebracht hatte - behielt weiterhin die Oberhand und zwang mich, an meinem Entschluss festzuhalten. »Bitte, fahren Sie weiter, Sir. Ich werde meine Meinung nicht ändern.«

Sein Blick ruhte noch unendlich lange Sekunden auf meinem Gesicht, bevor er nickte und den Wagen wieder auf die Straße lenkte. Erleichtert ließ ich mich zurück in den Sitz sinken und ermahnte mich, ihm keinen weiteren Grund zum Zweifeln an meinem Entschluss zu geben.

Als wir kurze Zeit später das Hunter-Hauptquartier verließen, starrte ich in den Seitenspiegel und sah die große, beeindruckende Unterkunft hinter uns immer kleiner werden. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Es kam mir beinahe so vor, als wäre ich aus einem friedlichen, unglaublichen Traum erwacht und würde nun in die Realität zurückkehren. Und diese bestand nicht aus großen Betten, duftendem Badewasser, Komfort und einer Universität. Sie war dunkel, düster und gefährlich. Vertraut. Keine Illusion. Furcht einflößend, aber berechenbar. Etwas, das ich fürchtete, aber auch kannte. 

Das Panikgefühl klang langsam ab und es gelang mir schließlich, es ganz zu verdrängen. Ich konnte wieder klar denken und nutzte die Zeit, in der wir schweigend weiterfuhren, um mir einen neuen Plan zurechtzulegen. Das Hunter-Oberhaupt würde mich zu Danika bringen und sich davon überzeugen, dass es keine Falle war, in die man mich locken wollte. Ich konnte nur hoffen, dass der Brief, den One in der verwüsteten Wohnung gefunden hatte, wirklich von meiner Freundin stammte. Doch für den Fall, dass dies nicht eintraf, musste ich mir etwas überlegen. Denn wenn Danika nicht mehr am Leben war, war ich fortan wieder komplett auf mich allein gestellt. Kein schöner Gedanke, aber ich hatte ja noch etwas Zeit, um mich damit abzufinden.

Draußen war es bereits dunkel geworden und der Hunter neben mir hatte bisher kein weiteres Wort gesagt. Wir fuhren nun schon seit Stunden und ich hatte längst den Überblick über die Umgebung verloren. Doch allzu weit konnte es nicht mehr sein, denn Nikk und ich waren auf der Hinfahrt zum Hauptquartier nicht viel länger unterwegs gewesen. Und durch den Brief wusste ich, dass Danika sich bei einem Freund von Baris aufhielt. Eine Tatsache, die mir Magenschmerzen bereitete. Immerhin konnte ich mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich meinem ehemaligen Chef eine Flasche in die Brust gerammt hatte. Auf jeden Fall mussten Danika und ich möglichst schnell von Baris und seinen Männern wegkommen! Danach würden wir uns woanders ein neues Leben aufbauen.

Der Anführer neben mir griff erneut zu dem Gerät, mit dem er sich mit seinen Männern verständigte, und teilte ihnen mit, dass wir halten würden. 

»Sind wir da?«, fragte ich und rutschte unruhig auf meinem Sitz herum.

»Bald.« One fuhr an die Seite und brachte den Wagen zum Stehen. »Du bleibst sitzen. Ich bin gleich wieder da.«

»Aber ...« Weiter kam ich nicht, denn er war bereits ausgestiegen. Nur schemenhaft konnte ich seine Umrisse in der Dunkelheit ausmachen, als er zu dem anderen Fahrzeug trat und sich mit den Huntern darin besprach. Unzählige Minuten vergingen, bis er zurückkehrte und aus dem Gepäckraum des Wagens etwas herausholte. Anschließend  verließ er die Straße und trat auf die mit hohem Gras bewachsene Ebene zu unserer Rechten. Einer seiner Männer gesellte sich zu ihm.

»Was machen sie da bloß?«, murmelte ich vor mich hin und drückte mein Gesicht ans Fenster, um etwas erkennen zu können. Es dauerte nicht lange, bis ich sah, dass sie ein Zelt aufbauten. Ohne zu überlegen, schnallte ich mich ab und sprang aus dem Wagen. »Wieso halten wir?«, rief ich in die Richtung des Oberhaupts und des anderen Hunters.

»Ich habe gesagt, du sollst im Wagen bleiben«, herrschte One mich sogleich an.

»Aber ...«

»In den Wagen, Riley!«

Ich zuckte zurück und hievte mich mühsam wieder auf den Sitz. Wütend schlug ich die Tür zu und ballte meine Hände zu Fäusten. Was bildete sich dieser herrische Tyrann eigentlich ein? War es denn so schwer, mir seine Pläne mitzuteilen? Wahrscheinlich war ich für ihn bloß eine dumme Hure, die ihren Mund halten und Befehle befolgen sollte. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir wünschte, als Mann geboren worden zu sein. Wir Frauen waren in dieser Welt unterlegen und den Launen des stärkeren Geschlechts ausgesetzt. Ich wusste, dass es früher, vor sehr langer Zeit, anders gewesen war. Das hatte ich in einem Buch, das meine Mutter damals in unserem Haus versteckt hatte, gelesen. Aber in den vergangenen Jahrzehnten hatte sich das scheinbar drastisch verändert.

Mama ...

Seufzend vergrub ich das Gesicht in den Händen und blinzelte, um die Tränen, die in meinen Augen brannten, zurückzuhalten. Es gelang mir und ich beruhigte mich rechtzeitig, bevor One die Tür öffnete und mich anwies, mit ihm zu kommen.

»Es wird bald dunkel. Wir fahren erst weiter, sobald es wieder dämmert«, erklärte er und führte mich zu dem Zelt, das er und der andere Hunter aufgebaut hatten. »In der Dunkelheit ist es zu gefährlich und wir könnten in einen Hinterhalt geraten.« Wir betraten das Zelt und One entzündete eine kleine Lampe. »Ruh dich ein paar Stunden aus, meine Männer und ich halten Wache.«

Fröstelnd zog ich mir die Ärmel über die Hände und schaute zu dem Schlafsack auf dem Boden. Ich war müde und mir war kalt, weshalb ich ohne Protest zustimmte und schnell hineinschlüpfte. Ich kuschelte mich in die wohlige Wärme und beobachtete den Hunter-Anführer, der auf einem Hocker Platz nahm und leise in das schwarze Gerät in seiner Hand hineinsprach. Seine leise Stimme lullte mich ein und bevor ich mich versah, war ich eingeschlafen.



Dumpfe Stimmen erwecken meine Aufmerksamkeit und locken mich aus dem Zimmer, das Malenne und ich uns teilen. Ein Blick zum Bett meiner Schwester verrät mir, dass sie noch tief und fest schläft. Leise schlüpfe ich aus meinem Bett und tapse barfuß zur Tür. Vorsichtig öffne ich sie und luge durch den Spalt, doch auf dem Flur ist nichts zu sehen. Aber ich erkenne, dass die Stimmen zu meinen Eltern gehören. Ihr Schlafzimmer liegt am Ende des Flurs. Ich schaue noch einmal zu meiner Schwester und schlüpfe schnell aus dem kleinen Raum.

Schleichend und darauf achtend, dass ich keins der quietschenden Bretter betrete, begebe ich mich zur Tür meiner Eltern. Von Neugier und Angst getrieben, lehne ich mein Ohr gegen das kühle Holz. Noch nie zuvor habe ich vernommen, dass sie sich gestritten hätten.

»...Wahnsinn. Das ist Wahnsinn, Reos!« Die Stimme meiner Mutter ist hoch und panisch. »Das kannst du nicht tun! Wir haben zwei Töchter.«

»Genau deshalb muss ich es tun«, entgegnet mein Vater und klingt verzweifelt. »Du weißt, dass die Unruhen im Umland immer lauter und gewaltiger werden. Die Menschen hungern und die Unzufriedenheit treibt sie in die Verzweiflung. Lex hat einen Plan.«

»Ich vertraue ihm nicht, Reos.«

»Er ist unsere einzige Hoffnung, Lanja.«

Ich begreife nicht, worüber meine Eltern da sprechen, aber die Panik und die Verzweiflung in ihren Stimmen machen mich unruhig. 

»Lanja, wir müssen fort«,  sagt mein Vater, woraufhin das Schluchzen meiner Mutter ertönt. »Lex wird uns und den Kindern einen Unterschlupf gewähren. Wir müssen ihm vertrauen.«


»Aufwachen, Riley.« Ein Rütteln an meiner Schulter und die tiefe Stimme des Anführers rissen mich aus dem Traum, der mir eine weitere Erinnerung beschert hatte.

Ich richtete mich auf und strich mir die feuchten Strähnen aus dem Gesicht. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und die restlichen Fetzen des Traums hafteten noch einen Augenblick an mir, bevor ich sie abschütteln konnte.

»Alles in Ordnung?« One hockte neben dem Schlafsack und musterte mich mit gerunzelter Stirn.

»Ja, ja, alles in Ordnung, Sir«, versicherte ich ihm und verließ die wohlige Wärme. Außerhalb des Schlafsacks war es so kalt, dass ich instinktiv die Arme um mich schlang.

»Hier, zieh das an.« Das Oberhaupt der Hunter ging zu einer Tasche, die neben dem Hocker lag, und holte einen schwarzen Pullover hervor. 

Hastig schlüpfte ich in die Ärmel und zog die Weste über. Mir war immer noch kalt, aber ich verbarg es, so gut ich konnte. 

»Wir fahren bald weiter«, sagte One und zog eine Pistole aus dem Gürtel um seine Hüfte. »Ich möchte, dass du dich mit dieser Waffe hier vertraut machst.« Er trat zu mir und drückte den kühlen Griff in meine zittrigen Finger. »Du wirst dich hier im Umland verteidigen müssen, Riley«, fuhr er fort und schloss meine Finger fest darum. »Ich erkläre dir die Grundbegriffe und zeige dir, wie man eine Waffe richtig hält und mit ihr schießt.«

Obwohl die Angst vor diesem mörderischen Ding in meinen Händen mich fest im Griff hatte, nickte ich und leckte mir über die trockenen Lippen. Der Hunter trat neben mich und schaute mir über die Schulter. Leise und ruhig zählte er die Begriffe auf und wies mich an, meine Arme auszustrecken. »Halte deine Ellbogen leicht gebeugt, aber fest auf dein Ziel ausgerichtet.« Er griff nach meinen Schultern und rückte sie gerade, zeigte mir, wie ich die Pistole sicher in den Händen hielt, und erklärte, worauf ich mich beim Schießen konzentrieren musste. 

Ich hatte Mühe, ihm zu folgen, aber ich versuchte, so viel wie möglich davon im Kopf zu behalten. Außerdem irritierte mich das Herzklopfen, das laut in meinen Ohren hämmerte, als er dicht hinter mich trat, mit den Armen um mich griff und meine Hände, die die Pistole hielten, fest umfasste. Während er ein Szenario ausmalte, in dem ich Gebrauch von der Waffe machen musste, spürte ich seinen festen, stahlharten Körper an meinem Rücken und seinen warmen Atem, der mein Ohr streifte und mir eine Gänsehaut bescherte.

Erleichtert atmete ich aus, als er die Übung schließlich beendete und die Pistole zurück in die Halterung an seinem Gürtel schob. In meinem Kopf kreisten die Gedanken, während ich mich darum bemühte, das plötzliche Durcheinander in meinem Inneren zu sortieren.

Kurz darauf verließen wir das Zelt und One brachte mich zum Wagen, in dem ich wieder warten musste, bis er und einer der anderen Hunter das Zelt abgebaut hatten und wir weiterfahren konnten. Die Sonne ging bereits am Horizont auf und ihre sanften Strahlen fluteten durch die Äste der weit entfernten Baumkronen eines Waldes.

One setzte sich neben mich, startete den Wagen und wartete, bis ich mich angeschnallt hatte, bevor er losfuhr. »In einer Stunde sind wir da«, bemerkte er beiläufig und strich sich über das schattige Kinn, das von dunklen Bartstoppeln übersät war. Er sah müde aus, aber das war ja auch kein Wunder, wenn er die ganze Nacht aufgeblieben war. Vielleicht auch schon die Nacht davor.

Ich richtete meinen Blick nach vorne und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. Dann hielt ich in der Bewegung inne und stieß zischend die Luft aus. »Oh, nein!«, entfuhr es mir leicht panisch.

»Was ist los?«, erklang es sogleich alarmiert neben mir. 

»Meine Haare ... meine Haarfarbe!«, stammelte ich und zog die blonden Strähnen nach vorne. »Ich kann doch nicht ... So kann ich nicht rumlaufen!«

»Beruhige dich. Ich habe Färbemittel dabei.«

Erleichtert ließ ich mich nach hinten sinken und schloss die Augen. »Gott sei Dank.« Allein daran zu denken, mit meinem hellen Haar wie ein blinkender Zielpunkt im Umland herumzuirren, verursachte mir Übelkeit. Es würde auch so schon schwer genug werden.

»Außerdem sind das bloß Gerüchte, Riley«, bemerkte der Hunter. 

»Die meisten Gerüchte sind wahr«, entgegnete ich leise. 

»Jede Frau kann sich heutzutage die Haare färben und erblonden. Die Besonderheit dieser Haarfarbe ist längst verloren gegangen.«

»Mag sein, aber ich möchte nichts riskieren.«

Darauf erwiderte er nichts weiter und wir verbrachten den Rest der Fahrt in einvernehmlichem Schweigen.

Schließlich bog der Anführer den Wagen in einen breiten Waldweg ab und sprach durch das Gerät zu seinen Männern. »Haltet ein wenig Abstand und sichert  die Umgebung.«

Wir gelangten zu einem recht großen Haus, das zwischen den lichten Baumreihen stand, als One fortfuhr: »Samson und ich gehen hinein, du passt auf das Mädchen auf, solange wir das Gebäude durchsuchen.«

Der Wagen hielt etwa zehn Meter von den brüchigen Mauern des Hauses entfernt. One griff an seinen Gürtel und hielt mir die Pistole hin. »Für alle Fälle«, sagte er dabei. »Vergiss nicht, sie zu entsichern, wenn du schießen musst. Aber komm nicht auf irgendwelche dummen Ideen, Riley«, fügte er am Ende warnen hinzu. »Guerz da draußen ist dir weitaus überlegen und er hat strikte Anweisungen, die er befolgen wird, solltest du etwas Unüberlegtes tun.«

Ich nickte und schob die Pistole unter den Bund meiner Hose. Der kalte Stahl drückte unangenehm auf meine warme Haut und ließ mich erschaudern.

Wir stiegen aus und ich schaute zum Haus, als One und seine Männer sich noch einmal besprachen. Anschließend blieb ich mit Guerz, wie der Anführer den Hunter genannt hatte, draußen zwischen den beiden Wagen, während die beiden anderen in gebeugter Haltung zum Haus liefen und schließlich darin verschwanden.

»Bleib unten«, wies mich der dunkelhäutige Hunter neben mir an und ging selbst in die Hocke. Er nahm ein langes Gewehr zur Hand und schaute sich in alle Richtungen um. Die beiden Wagen boten uns einen recht guten Schutz, dennoch bekam ich große Angst, wenn ich daran dachte, dass das hier tatsächlich ein Hinterhalt sein könnte.

Ich bemühte mich, meine schnelle Atmung unter Kontrolle zu bringen, und konzentrierte mich auf jedes Geräusch, das aus der Umgebung kam. Bis auf einzelne Vogellaute war nichts zu vernehmen, was mich sehr erleichterte. Wenn sich jemand tatsächlich nähern sollte, würden wir das mitbekommen. 

Eine schier unendliche Weile verging, bevor die Tür des Hauses aufging und One herauskam. Die Erleichterung, die mich bei seinem unversehrten Anblick überkam, war gigantisch. Doch erst als ich die Person sah, die ihm folgte, sprang ich mit einem kleinen Aufschrei auf und lief ihnen entgegen.

»Riley!« Danika fiel mir in die Arme und drückte mich so  fest, dass mir beinahe die Luft wegblieb. Sie weinte und schluchzte und flüsterte mir ununterbrochen »Ich bin so froh, dich zu sehen« ins Ohr.

»Schon gut«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Alles wird wieder gut.«

Daraufhin weinte sie noch lauter und schüttelte den Kopf, bis der Mann, den ich bisher kaum wahrgenommen hatte und der neben One stand, ihr etwas zuzischte. Ich sah über ihre Schulter zu ihm und war irritiert über die Wut und den Hass in seinen dunklen, kalten Augen. Hatte Baris ihn geschickt, um sich an mir zu rächen?, war mein erster Gedanke.

»Dani, was ist denn los?« Ich umfasste das tränenüberströmte Gesicht meiner Freundin mit den Händen und musterte sie mit gerunzelter Stirn.

»Es war so schrecklich, Riley. Sie haben die anderen -« 

Ein Zischen, ein Windzug, der mein Haar aufwirbelte; der Bruchteil einer Sekunde, dann war meine Freundin tot. Ein gezielter Schuss in ihre Schläfe, der ihren Kopf und gleich darauf ihren gesamten Körper nach hinten riss. 

»Dani!«, schrie ich auf, spürte, wie zwei Hände mich packten, mit sich zogen und zwischen die beiden Fahrzeuge warfen.

»Bleib unten!«, befahl der Hunter-Anführer, zog eine Waffe und schoss zwischen die Bäume.

Ich verstand nicht, was hier geschah, sah nur den leblosen Körper meiner Freundin, ihre toten Augen, die in meine Richtung starrten.

Ein Schluchzen, das aus meiner Kehle stammte, vermischte sich mit den Schusssalven, die um mich herum ertönten. Instinktiv hob ich die Arme über meinen Kopf und presste mein Gesicht in den Boden. Ich schmeckte Erde und Dreck, zusammen mit meinen salzigen Tränen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich mich aus meiner Starre lösen und umschauen konnte.

Erschrocken zog ich die Luft ein, als ich nur zwei oder drei Meter vor mir entfernt einen weiteren leblosen Körper auf dem Boden entdeckte. Guerz. Wie Danika hatte man ihn mit einem gezielten Kopfschuss niedergestreckt. Panik und riesige Angst ergriffen mich, als ich mich zur Seite rollte und mit dem Rücken gegen den Wagen aufsetzte. Mein ganzer Körper schmerzte von dem Fall, als One mich aus der Schusslinie geschleudert hatte. Ich sah zur Seite und stellte erleichtert fest, dass er noch am Leben war und neben mir hockte, während er seine Waffe durchlud.

Ich streckte eine Hand nach ihm aus und berührte seinen Oberarm, wollte mich davon überzeugen, dass er wirklich da war und ich ihn nicht herbeifantasierte.

Er warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er die Pistole wieder in Richtung Wald richtete. »Bleib unten, Riley. Es sind nicht viele, aber sie verstecken sich. Das war ein verdammter Hinterhalt!«

»Es tut mir so leid«, murmelte ich, von Schuldgefühlen überwältigt. Ich zog meine Hand wieder zurück und keuchte auf, als ich Blut auf meinen Fingerspitzen entdeckte. »Du wurdest angeschossen!« 

»Bleib unten!«, zischte er noch einmal, als ich zu ihm wollte. Seine Stimme ging in drei weiteren Schüssen unter, woraufhin ein ganzes Kanon an Geräuschen aus dem Wald erscholl. 

Ich zuckte zusammen und hielt mir die Ohren zu. Die Angst fraß sich durch meine Eingeweide und ließ die Säure aus meinem Magen aufsteigen. Ich beugte mich zur Seite und erbrach den wenigen Inhalt mit einem heftigen Würgen auf den Boden. Während mein Magen weiter krampfte, atmete ich tief durch und hielt mich mühsam davon ab, wieder zu würgen.

»Ich habe keine Munition mehr«, verkündete One und duckte sich. Er schaute in die Richtung, in der Guerz lag, und presste die Lippen fest zusammen. Dann legte er sich auf den Boden und kroch zu ihm rüber.

Panisch sah ich ihm dabei zu, wie er den Schutz des Fahrzeugs verließ, um an das Gewehr seines Gefolgsmanns zu gelangen, und betete, dass ihm nichts geschah. Neue Schüsse ertönten und ich presste mir eine Hand auf den Mund, um nicht aufzuschreien, als einer davon nur wenige Zentimeter neben Ones Bein in die Erde schlug. Schnell rollte er sich wieder zurück und krachte mit dem Rücken direkt neben mir gegen den Wagen. In den Händen hielt er das Gewehr.

»Verfluchte Scheiße!«, stieß er aus und atmete geräuschvoll durch. »Verdammte, riesige Scheiße!« So unbeherrscht hatte ich ihn bisher noch nicht erlebt, aber wir hatten ja auch noch nicht unter Beschuss gestanden und mussten um unser Leben fürchten. 

Mit aller Macht kämpfte ich die Angst und Panik, die mich lähmten, herunter und zog die Pistole, die er mir gegeben hatte, aus dem Bund meiner Hose. »Ich ... helfe dir«, brachte ich stammelnd hervor und nickte so überzeugend wie möglich. Meine Hände schwitzten und meine Finger zitterten sichtbar. 

»Nein, du bleibst unten«, erwiderte One bestimmend. »Ich will nicht auch noch dein Hirn von dem Jeep abkratzen.«

Geschockt über diese Worte musste ich hart schlucken. »Wenn ... wenn sie merken, dass du ... nicht allein bist, werden sie vielleicht aufgeben«, fuhr ich fort und drehte mich zur Seite, um ihn anzusehen.

»Die geben nicht so schnell auf.«

»Einen Versuch ist es wert. Wir gehen doch sowieso drauf.« Ich versuchte zu lächeln, spürte aber wie mir eine Träne über die Wange kullerte. Hastig wischte ich sie fort und forderte den Hunter-Anführer auf, mir zu sagen, wohin ich zielen sollte.

Nach einem letzten Zögern gab er nach, schnappte sich einen spitzen Stein und malte einen Umriss des Waldstücks. Dabei erklärte er mir, aus welchen Richtungen die Schüsse kamen. »Halte deinen Kopf unten und schieß in diese Richtungen«, fügte er am Ende hinzu und schaute mich sehr eindringlich an. »Hast du verstanden, Riley? Kopf hinter dem Jeep lassen! Sobald sie dich sehen, hast du eine Kugel zwischen den Augen.«

Ich nickte, krabbelte zum einen Ende des Wagens und holte tief Luft. Dann spannte ich den Hahn, entsicherte die Pistole, streckte meine Arme vor und schoss. Der Rückstoß war heftig, aber da ich darauf vorbereitet gewesen war, konnte ich mein Gleichgewicht halten. Am anderen Flügel des Wagens hockte One und stimmte gleich darauf mit ein. Wir feuerten, bis wir keine Kugeln mehr hatten, und krochen dann zurück zur Mitte, wo wir uns wieder gegen die Türen lehnten. 

»Wo ist eigentlich der andere?«, fragte ich, von einem heftigen Adrenalinstoß völlig aufgedreht und unruhig. »Samson?«

»Liegt vor der Treppe zum Haus«, erwiderte One und bewegte vorsichtig seine verletzte Schulter. 

»Oh, Gott!«, entfuhr es mir. Alle tot – und wir auch bald. »Wie ... wie konnte das passieren? Wieso haben wir die Schützen im Wald nicht bemerkt?«

»Sie waren vor uns hier und haben sich versteckt. Ich weiß nicht, wie sie davon erfahren haben, dass wir herkommen, aber ich werde es herausfinden.«

Ich schaute in sein entschlossenes Gesicht und fragte mich, wie er etwas herausfinden wollte, wenn er nicht mehr am Leben war. Und plötzlich überkam mich tiefe Trauer, wenn ich daran dachte, dass Taleon One sterben würde. Wegen mir. Ich biss mir auf die Unterlippe und senkte den Blick. Wenn ich nicht darauf bestanden hätte, das Hauptquartier der Hunter zu verlassen, wären Guerz und Samson noch am Leben. Und ihr Anführer nicht in höllischer Gefahr. 

»Es tut mir so leid, dass ich dich hierher gebracht habe, Taleon«, murmelte ich leise und es war mir egal, dass ich ihn beim Vornamen nannte und duzte. Wen interessierten schon irgendwelche Förmlichkeiten, wenn man sowieso sterben musste? »Es tut mir leid.«

»Hey.« Mit den Fingern umfasste er mein Kinn und hob es an, damit ich ihn wieder ansah. »Hör auf, dich zu verabschieden. Wir werden nicht sterben.«

Ich wollte ihm so gerne glauben, aber selbst er, der starke, mörderische Hunter, konnte nicht allein gegen all die Schützen da draußen ankämpfen. 

»Hör doch hin, Riley. Sie verschwinden.«

»Was?« Angespannt hob ich meinen Kopf ein wenig an und vernahm tatsächlich eilige Schritte, die sich von uns entfernten. »Aber ... wieso?«

»Vielleicht ist ihnen ebenfalls die Munition ausgegangen«, überlegte er und drehte sich zur Seite, um am Wagen vorbei zu spähen. »Für einen fairen Kampf ohne Waffen sind sie zu feige. Unser Glück. Wir warten noch eine Weile, ich will nicht schon wieder in einen Hinterhalt geraten.« One lehnte sich zurück gegen den Wagen und schob seine schwarze Lederjacke samt Pullover ein wenig nach unten, um sich die Wunde in seiner Schulter genauer anzusehen. »Die Kugel ist durchgegangen«, stellte er schließlich erleichtert fest. 

Mir wurde erneut übel, als ich das dunkle, blutige Loch in seiner goldbraunen Haut sah. »Das muss doch sicher genäht werden«, versuchte ich, etwas Bedeutendes zu sagen, und kämpfte gegen die Übelkeit an. Mein Gott, ich hatte schon Schlimmeres gesehen! Stell dich nicht so zimperlich an, Riley!, ermahnte ich mich selbst.

»Ich habe einen Verbandskasten im Wagen. Dort ist alles drin, was ich brauche. Aber für eine richtige Versorgung der Wunde haben wir jetzt keine Zeit. Wir müssen hier verschwinden.« Er schlüpfte aus der Jacke und zog sich den Pullover über den Kopf aus. Der Anblick seines nackten Oberkörpers raubte mir, wie schon beim ersten Mal, als ich ihn so gesehen hatte, den Atem. Mein Gott, dieser Mann bestand nur aus straffer Haut, Sehnen und harten Muskeln. Aber, verflucht noch mal, das hier war sicher nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn so gierig anzustarren!

Ich riss mich aus den Gedanken los und griff nach dem Stück des Pullovers, das er eben abgetrennt hatte, und half ihm dabei, es um seine Schulter zu binden und damit die Blutung zu stoppen. 

»Wir müssen los. Die Reifen der Wagen sind völlig zerschossen, und sie zu wechseln würde lange dauern und wäre zu gefährlich.« One richtete sich zu seiner vollen Größe auf und duckte sich sofort wieder. Keine weiteren Schüsse ertönten, also waren unsere Angreifer tatsächlich weg. Ansonsten hätten sie diese Gelegenheit sicher genutzt, um den Hunter auszuschalten. 

»In Ordnung«, fuhr er fort und trat zum Gepäckraum. »Wir nehmen alles, was wir tragen können. Zu Fuß sind wir tagelang unterwegs, wenn wir nur bei Tageslicht laufen. Außerdem müssen wir aufpassen, dass man uns nicht folgt.«

Ich trat zu ihm und wartete, bis er sich einen neuen Pullover übergezogen hatte, dann nahm ich zwei Taschen, die nicht zu schwer waren, und schulterte sie. Als ich sah, dass One seine verletzte Schulter mit einem riesigen Seesack, den er sich überstreifte, belastete, biss ich mir auf die Lippe. Das musste höllisch wehtun! Aber er verzog nicht einmal eine Miene. Ich fragte mich, ob Hunter überhaupt Schmerzen empfinden konnten.

»Warte. Samson hatte noch zwei Waffen bei sich.« Mit schnellen Schritten lief er zu dem getöteten Kameraden im Hauseingang und nahm ihm die Waffen ab.

Ich nutzte diese Zeit, um zu Danika zu treten. »Es tut mir leid, dass du da hineingeraten bist«, murmelte ich mit einem schweren Kloß im Hals und ging in die Hocke. »Leb wohl, Dani.« Ich schloss ihre Augen, wischte mir die Tränen weg und ging zu One, der mich mit unergründlicher Miene musterte. »Lass uns aufbrechen«, sagte ich entschlossen, auch wenn meine Stimme zitterte.

»Ja.« Er drehte sich um und wir liefen los.

11. Kapitel




Wir liefen so lange, bis ich meine Füße nicht mehr spürte und One eine längere Pause anordnete. Erleichtert sackte ich auf den Boden und lehnte mich an einen Baumstamm. Eine Biene summte hinter mir auf und erschreckte mich fast zu Tode.

»Du bist ganz schön fertig, nicht wahr?«, erkundigte sich der Hunter und stellte das Gepäck, welches er trug, zu seinen Füßen ab. Dann massierte er seine verbundene Schulter und verzog das Gesicht.

Ich nickte widerstrebend. »Tut mir leid.«

»Hör auf, dich für alles zu entschuldigen«, sagte er und klang leicht gereizt. »Es ist nicht deine Schuld, was geschehen ist. Wir wissen nicht, wieso man uns angegriffen hat. Vielleicht waren du und deine Freundin bloß der Köder für meine Männer und mich.« Er holte eine Flasche Wasser aus dem Rucksack und hielt sie mir hin. »Trink. Du darfst nicht dehydrieren.«

Ich trank das Wasser mit gierigen und hastigen Schlucken und spritzte mir einen kleinen Rest ins Gesicht. Obwohl es hier draußen nicht gerade warm war, schwitzte ich durch das Laufen aus allen Poren und verlor dadurch jede Menge Flüssigkeit.

One setzte sich nun ebenfalls hin und kramte in dem Verbandskasten vor sich herum. »Kannst du nähen?«, wollte er dabei von mir wissen. Ich verneinte. »Dann wirst du das jetzt lernen«, fuhr er fort und holte das benötigte Zeug hervor. »Wirst du das schaffen, Riley?«, fragte er und zog sich den Pullover aus, der im Bereich seiner verletzten Schulter eine dunkle Verfärbung aufwies. »Ich komme hinten nicht ran, da brauche ich deine Hilfe.«

Allein der Gedanke daran, ihm die Nadel ins Fleisch zu jagen, ließ meinen Magen zum wiederholten Male rebellieren, doch ich nickte so überzeugend ich konnte und krabbelte zu ihm rüber. 

»Schau hin, wie ich es mache, und dann wiederholst du es genauso auf der anderen Seite.« Mit geübten Fingern bereitete er die Nadel vor, desinfizierte sie und setzte sie anschließend an. 

Als die Nadel seine goldbraune Haut durchbohrte, drehte sich mir der Magen um und ich schluckte mühsam, um mich nicht zu übergeben. Das hier war noch schlimmer, als die toten Hasen auszunehmen. Ich konnte mich kaum auf Ones Stimme konzentrieren, die mir die Handgriffe erklärte, starrte bloß auf seine Finger, die das spitze Werkzeug durch sein mit Blut beschmiertes Fleisch trieben. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtröpfchen, aber ansonsten ließ er sich nichts von dem Schmerz, den er definitiv verspüren musste, anmerken.

»Jetzt bist du dran«, sagte er schließlich und reichte mir die Nadel. »Bekommst du das hin, Riley?«, fügte er mit ernster Miene hinzu. 

»Ja«, hauchte ich und räusperte mich sogleich, um mit festerer Stimme hinzuzufügen: »Ja, das bekomme ich hin.«  Ich wollte nicht, dass er mich für schwach oder unfähig hielt. Und ich wollte auch nicht, dass sich die Wunde entzündete und ihn dahinraffte. Ich nahm die Nadel entgegen, rückte weiter, bis ich schräg hinter ihm saß, und atmete tief durch, bevor ich sie mit zittrigen Fingern in seine Haut bohrte. 

Der Geruch des Blutes war unerträglich, also atmete ich durch den Mund und stellte erleichtert fest, dass es mit jedem Stich leichter wurde. Ich schloss seine Wunde und aus einem Reflex heraus drückte ich meine Lippen auf die unversehrte Haut daneben, was mich sogleich erschrocken zurückweichen ließ.

Wieso hatte ich das getan? Ich konnte es mir selbst nicht erklären, ich hoffte nur, dass One von dem Schmerz so betäubt war, dass er nichts davon mitbekommen hatte.

Mit erhitzten Wangen nahm ich den Tupfer entgegen, den er mir reichte. Darauf hatte er etwas Salbe aufgetragen, die ich nun über die genähte Wunde verteilte.

»Danke«, sagte One, sobald ich fertig war. »Das hast du gut gemacht.«

Ich nahm sein Lob mit einem Nicken an und setzte mich wieder an den Baum. 

»Wir sollten deine Kratzer und Schürfwunden ebenfalls desinfizieren, damit sich nichts entzündet.« Er stand auf und stellte den Verbandskasten vor mir ab. »Zeig mal deine Hände und Knie.«

Bei dem Fall vorhin, als One mich aus der Schusslinie gezogen hatte, hatte ich einiges abbekommen. Er ließ einen Tupfer über meine Handinnenflächen gleiten und widmete sich anschließend meinen Knien und Schienbeinen. Ich zuckte jedes Mal leicht zusammen, weil es im ersten Moment brannte und ziepte. Als er fertig war, verstaute er das Verbandzeug wieder in einer der Taschen und holte etwas zu essen aus dem Rucksack.

Die nächsten Minuten aßen wir schweigend und ich erlaubte mir, ein letztes Mal an Danika zu denken, bevor ich die Erinnerungen an sie ganz tief in mir verschloss. In diesem Moment wusste ich nicht, wie es nun weitergehen würde. One wollte zurück zum Hauptquartier und ich musste mir überlegen, ob ich mit ihm kommen oder meinen eigenen Weg einschlagen sollte. Einen Weg in eine unbekannte Richtung.

Aber was blieb mir sonst übrig? Ich wollte nicht zurück zu Nikk und wieder zu seinem Spielzeug werden. Das konnte ich nicht. Außerdem bezweifelte ich, dass er mich zurücknehmen würde. Es gab unzählige Frauen, die meinen Platz mit Vergnügen ersetzen wollten.

Und dann waren da noch die ganzen Fragen, die meinen Vater und seine Verbindung zu Alexis Silva sowie die Verzeichnisse der Hunter betrafen. Wie sollte ich Antworten darauf erhalten? Von wem? Wo?

»Wie geht es jetzt weiter?«, fasste ich schließlich meine Gedanken in einer Frage zusammen und wandte mich an den Hunter-Anführer, der mir gegenüber saß.

»Das Wichtigste ist, dass wir zum Hauptquartier gelangen«, erwiderte er, nachdem er aufgekaut hatte. »Und dann finde ich heraus, wer uns in den Hinterhalt gelockt hat.«

»Und wie wirst du das tun?« Es war nicht mehr merkwürdig, ihn zu duzen, und er schien auch nichts dagegen zu haben. Vielleicht hatte uns diese Nahtod-Erfahrung auf merkwürdige Weise einander näher gebracht. Oder wenigstens halbwegs auf Augenhöhe.

»Ich habe meine Mittel und Wege«, sagte One. Er griff nach seinem Pullover und zog ihn wieder über. »Jetzt muss ich mich ein wenig ausruhen, meine Wunde wird schneller heilen, wenn ich schlafe. Dann erlange ich auch meine vollständige Kraft zurück. Du behältst die Umgebung im Auge. Wenn dir irgendetwas Merkwürdiges auffallen sollte – egal was – , dann weckst du mich. Verstanden, Riley?«

Ich nickte und griff nach der Handfeuerwaffe, die er mir hinhielt.

One rollte einen Schlafsack aus und legte sich hinein. Er schloss die Augen und ich wartete, bis seine Atemzüge einen regelmäßigen, tiefen Rhythmus einnahmen. Dann richtete ich meinen Blick auf sein Gesicht und erlaubte mir, seine schönen Züge zu betrachten. Dass er mir eine tödliche Waffe überreichte und die Augen schloss, zeigte, dass er mir vertraute. Immerhin hätte ich nun die Möglichkeiten, zu fliehen oder ihn zu erschießen. Bei diesem Gedanken verspürte ich ein unangenehmes Ziehen in der Brust, also schaute ich schnell in eine andere Richtung und konzentrierte mich stattdessen auf jegliche Geräusche oder Bewegungen, die zu vernehmen waren. Auf keinen Fall wollte ich, dass wir beide erneut einem Angriff ausgesetzt wären.

Nach einer Weile stand ich auf und vertrat mir etwas die Beine. Ich entdeckte ein paar Vögel und beobachtete sie, bis sie wegflogen. Anschließend kehrte ich zurück zu meinem Platz und betrachtete die Waffe in meinen Händen. Überrascht stellte ich fest, dass ich keine Angst mehr bei ihrem Anblick verspürte. Nein, sie gab mir sogar Sicherheit. Oder rührte dieses Gefühl doch von dem Hunter her, der nur wenige Meter neben mir schlief? Ich vertraute darauf, dass One mich beschützen konnte. Und ich verspürte plötzlich das drängende Bedürfnis, auch ihn vor jeglicher Gefahr zu verteidigen. Wenn nötig, mit meinem Leben.

Ich schüttelte diesen Gedanken ab und stand wieder auf, um ein paar Zielübungen zu machen. Falls wir tatsächlich verfolgt wurden, wollte ich keine Last für den Hunter sein, sondern ein hilfreicher Kamerad, der zielen, schießen und auch treffen konnte; auf den Verlass war.

One wachte auf, als ich gerade dabei war, mich auf die Äste eines Baums zu hieven.

»Was tust du da?«, fragte er mit kratziger Stimme, und ich geriet aus dem Gleichgewicht und rutschte beinahe ab.  Mühsam zog ich mich wieder rauf und schaffte es, mich rittlings auf den stabilen, dicken Ast zu setzen.

»Ich wollte sehen, ob ich das noch kann«, erwiderte ich und schaute zu ihm runter. »Früher habe ich manchmal auf Bäumen geschlafen, wenn ich keinen anderen Unterschlupf finden konnte. Anscheinend verlernt man es nicht, auch wenn man eine Zeit lang ein anderes, ruhigeres Leben führt.«

Er musterte mich schweigend und wandte sich schließlich ab, um aus dem Schlafsack zu schlüpfen und ihn wieder zusammenzurollen. »Wir müssen weiter«, ließ er dabei verlauten. »Da du auf Bäumen herumklettern kannst, nehme ich an, dass du fit genug für den nächsten Marsch bist.«

War das eine Anspielung darauf, dass ich zuvor schlapp gemacht hatte? Es ärgerte mich, dass er das ins Lächerliche zog. Ich stieg vom Ast ab und trat zu ihm, um meine Sachen zu nehmen. »Tut mir leid, dass meine Kondition nicht mit deinen Superkräften mithalten kann«, brummte ich in seine Richtung. 

»Wieso bist du beleidigt?«, entgegnete der Hunter und setzte eine Flasche an die Lippen, um daraus zu trinken.

»Ich bin nicht beleidigt. Ich bemühe mich wirklich, dir keine Last zu sein, trotzdem bin ich es anscheinend. Vielleicht sollten wir einfach ... getrennt weitergehen«, schlug ich im nächsten Moment vor und bereute es sofort. Ich wollte nicht, dass sich unsere Wege trennten, und hatte nun Angst, dass er diesem Vorschlag zustimmen würde.

»Keine gute Idee, meinst du nicht?« 

Ich ließ mir nicht anmerken, wie erleichtert ich über seine Worte war. Stattdessen provozierte ich ihn weiter. »Interessiert es dich überhaupt, was ich dazu sage?«, fragte ich herausfordernd. »Ich muss mich doch sowieso deinem Willen beugen. Du befiehlst und ich gehorche. Meine Meinung ist doch vollkommen unwichtig.« Ich wusste nicht einmal, wieso ich mich gerade so aufführte. Wahrscheinlich, weil ich mir insgeheim wünschte, dass ich mehr für ihn war, als ein Anhängsel, wegen dem sein Leben beinahe beendet worden war und das er nun an der Backe hatte. Er sollte mich respektieren!

»Was auch immer dich gerade ärgert - schieb es auf. Wir haben jetzt keine Zeit dafür.« One schulterte sein Gepäck und ging an mir vorbei, um tiefer in den Wald, an dessen Rand wir Rast gemacht hatten, zu gelangen.

Ich schaute ihm nach und verdrängte die Enttäuschung darüber, dass er sich nicht mit mir auseinandersetzen wollte. Schließlich hatte er Recht - dafür blieb keine Zeit, wir mussten weiter. So schnell ich konnte, folgte ich ihm und achtete darauf, in seine Fußabdrücke zu treten, so wie er es mir zuvor geraten hatte. Ich verspürte kein Verlangen danach, eine Tierfalle zu übersehen oder über eine verborgene Wurzel zu stolpern und mir den Fuß zu verletzen.

Eine geschlagene Weile zogen wir schweigend weiter und ich merkte, wie die Erschöpfung sich erneut in meinen Gliedern einnistete, doch diesmal hielt ich den Mund und beschwor mich, so lange weiterzugehen, bis ich absolut nicht mehr konnte. Das Zittern meiner Knie ignorierte ich und biss die Zähne fest zusammen, als eine Blase an meiner Ferse aufplatzte und der Schmerz bis hinauf in mein Bein zog, sobald sie gegen den Stiefel rieb.

Aber irgendwann kapitulierte mein Körper, indem er lauter Punkte vor meinen Augen tanzen ließ und mich ausknockte. 

 


Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Schlafsack und starrte an die Wand desselben Zeltes, in dem ich die Nacht zuvor verbracht hatte. One musste es aufgebaut und mich hineingelegt haben. 

Vorsichtig richtete ich mich auf und schälte mich aus dem warmen Inneren. Mein Blick fiel auf meine nackten Füße und die Pflaster, die meine Fersen und Knöchel zierten. Sofort vernahm ich den Schmerz wieder, wenn auch in abgeschwächter Form. Auch mein Kopf dröhnte leicht. Ich wollte gar nicht wissen, wie lange ich weg gewesen war und dem Hunter-Oberhaupt damit wertvolle Zeit gestohlen hatte.

Seufzend stand ich auf und suchte nach den Stiefeln, die One mir ausgezogen haben musste. Ich fand sie zwischen den Taschen und Säcken, schnürte sie fest zu, verzog dabei schmerzhaft das Gesicht und verließ humpelnd das Zelt. One war nirgendwo zu sehen und ich bekam ein wenig Panik, bis ich ihn schließlich einige Meter weiter zwischen den Bäumen auftauchen sah.

Er blieb vor mir stehen und schaute mich mit einem mahnenden Gesichtsausdruck an. »Das nächste Mal sagst du gefälligst Bescheid, bevor du ohnmächtig vor Schmerz und Erschöpfung wirst. Hast du das verstanden?«

Ich senkte verlegen den Blick und ballte die Hände zu Fäusten. »Ich wollte doch nur keine Zeit mehr verlieren und dir keine Last sein.«

»Stell dich nicht so dumm, Riley«, entgegnete er barsch. »Ich erwarte nicht, dass du mit mir mithältst, sondern mir Bescheid gibst, bevor deine Kräfte dich vollständig verlassen und du umfällst. Dein Kopf ist übrigens nur knapp neben einem Stein im Gras gelandet. Wenn du draufgehen willst, dann erspare mir den Rest der Wanderung und steck dir gleich die Pistole in den Mund. Ich kann deine Launen wirklich nicht gebrauchen.«

Erschrocken über die Kälte und Härte in seiner Stimme wich ich zurück und konnte nicht verhindern, dass meine Sicht durch aufsteigende Tränen verschwamm. Wieso war er so gemein und verletzend? Ich hatte mich doch nur darum bemüht, ihm nicht noch mehr zur Last zu fallen. Aber egal, was ich tat, ich machte es doch nur falsch. Meine Mühe war ihm einen Dreck wert! Ohne mich war er besser dran – und ich ohne ihn. War das nicht mein Ziel gewesen, als wir das Hauptquartier verlassen hatten? Vor dem Hunter zu fliehen und mich wieder allein durchzuschlagen. Genau das würde ich jetzt tun!

Mit einer schnellen Bewegung drehte ich mich um und humpelte wieder ins Zelt, um die beiden Taschen, die ich mitgenommen hatte, aufzuheben. Ich würde gehen. Ich ertrug es keine Minute länger bei dieser herzlosen Maschine, auch wenn seine Nähe Sicherheit bedeutete.

»Was soll das werden?«, fragte One, als ich aus dem Zelt gehumpelt kam und an ihm vorbeiging. »Hey. Stehen bleiben!«, befahl er, als ich nicht auf seine Frage antwortete und einfach weiterlief. »Verdammt, warum seid ihr Frauen nur so kompliziert?«, fluchte er vor sich hin und holte mich im Handumdrehen ein.

»Ich gehe!«, fuhr ich ihn ungehalten an. »Dann musst du auch meine Launen nicht mehr ertragen.«

»Hör auf mit dem Unsinn.«

»Unsinn? Ich reiße mir den Arsch auf, um wenigstens einigermaßen mit dir mithalten zu können. Aber ich bin keine verfluchte Maschine! Ich habe nicht deine Kondition, deine Stärke und Kraft. Ich bemühe mich wirklich, dir keine große Last zu sein, aber du siehst bloß ein dummes, kleines Mädchen, das herumzickt oder in Ohnmacht fällt. Wieso lässt du mich nicht einfach gehen? Oder soll ich mir die Pistole in den Mund stecken, wie du es eben gesagt hast? Wäre das besser?«

»Riley, halt einfach den Mund.« Seine blauen Augen funkelten mich an und als er die Hände nach mir ausstreckte, schlug ich sie weg. 

Ich wich zurück, griff nach der Waffe in meinem Hosenbund und zielte auf ihn. »Lass mich in Ruhe, Hunter!«, rief ich mit zittriger Stimme. Auch meine Finger zitterten. Ich wirkte nicht halb so überzeugend, wie ich gerne wollte.

One hob die Hände leicht an und trat einen Schritt zurück. »Erschieß mich«, sagte er ruhig. Vollkommen ungerührt. »Das ist deine einzige Chance, denn wenn du es nicht tust, werde ich dir in den nächsten Sekunden die Pistole abnehmen und dich notfalls festbinden, falls du wieder weglaufen solltest.«

Kaum hatte er ausgesprochen, war er neben mir, entwendete blitzschnell die Waffe und hob mich hoch, um mich zurück zum Zelt zu tragen. Ich schrie und fluchte, schlug auf ihn ein und brach schließlich in Tränen aus, weil ich wieder diese Hilflosigkeit verspürte, wie vor zwei Tagen in seinem Arbeitszimmer. Er war ein Hunter, ich hatte nicht den Hauch einer Chance gegen ihn. Und das machte mir wieder einmal deutlich, an welcher Stelle ich in dieser Welt stand – ganz tief unter ihm.

»Nicht schon wieder«, seufzte One, setzte mich auf dem Schlafsack ab und wartete geduldig, bis mein Anfall vorüber war und die Schluchzer langsam verebbten. Dann ging er vor mir in die Hocke und hob mein Kinn mit den Fingern an, damit ich ihn ansah. »Entschuldige«, sagte er, ließ wieder von mir ab und erhob sich.

Ein einziges Wort und doch reichte es, um mich ein wenig zu besänftigen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sich entschuldigen würde. Und ich war mir ziemlich sicher, dass es auch nicht zu seinen üblichen Gepflogenheiten gehörte, um Verzeihung zu bitten. 

»Du bist stark, Riley«, fuhr er fort und entfernte sich ein paar Schritte. »Und mutig. Aber du musst deine Emotionen unter Kontrolle bekommen, sonst bringen sie dich ins Grab. Wenn du weiter überleben willst, musst du härter werden. Lass niemanden zu nah an dich ran, sei berechnend und behalte stets die Oberhand, auch wenn es so aussieht, als würdest du es nicht tun. Lass dich nicht von deinen Gefühlen kontrollieren, kontrolliere sie.«

»Ich weiß«, stimmte ich ihm leise zu und zog meine Knie an die Brust, um sie mit den Armen zu umfassen. »Ich bemühe mich, glaub mir. Bevor ich Danika und Karen getroffen habe, hatte ich mich im Griff. Aber der Umgang mit ihnen hat mich erweichen lassen, mich für Gefühle und Emotionen der schwachen Art empfänglich gemacht. Ich brauche etwas Zeit, um zurück in den Panzer zu finden.« 

Er nickte, verstand mich. »Es wird bald dunkel«, wechselte er das Thema und beugte sich zu einer der Taschen. »Ich habe um uns herum in einiger Entfernung Bewegungsmelder angebracht. Wir bleiben die Nacht über hier.« 

Ich ließ meine Knie los, um die Dose entgegen zu nehmen, die er aus dem Proviantvorrat herausgeholt hatte und mir hinstreckte. 

»Erzähl mir, wieso mein Vater in euren Verzeichnissen steht«, forderte ich ihn schließlich auf, nachdem wir minutenlang schweigend dagesessen und gegessen hatten.

One aß seelenruhig weiter und ich glaubte schon, er würde gar nicht mehr antworten, als er doch zu sprechen begann: »Du bist nicht befugt, solche Informationen zu erhalten.«

»Mir ist scheißegal, ob ich befugt bin oder nicht«, sagte ich daraufhin verärgert. »Irgendetwas passiert hier und ich bin mittendrin. Ich brauche Antworten, Taleon!«, fügte ich eindringlich hinzu und hoffte, er würde das verstehen.

»Ich passe auf dich auf«, entgegnete er bloß und aß weiter.

»Ich würde auch gerne auf mich selbst aufpassen können. Bitte, sag mir, was du über meinen Vater weißt. Wieso steht er in euren Verzeichnissen? Und wer ist Alexis Silva? Welche Verbindung besteht zwischen ihm und meinem Vater?«

Ich bekam keine einzige Antwort und gab es letztendlich auf, ihn danach zu fragen. Wütend und enttäuscht widmete ich mich wieder vollständig dem Inhalt der Dose und bemühte mich, meine Emotionen unter Kontrolle zu bekommen. One zu fragen, war eine Sackgasse. Ich musste mir etwas anderes überlegen. Und das würde ich tun. Jetzt wollte ich es mehr denn je!

Wir aßen schweigend auf, anschließend gingen wir abwechselnd auf die Toilette und One brachte meine Taschen herein, die er in einer Ecke des Zeltes ablegte.

»Es wird kalt in der Nacht hier im Nordquarter«, sagte er schließlich und zog sich Pullover, Stiefel und Hose aus.

Ich wandte den Blick ab und zwang mein Herz dazu, gefälligst langsamer zu schlagen. Das war doch lächerlich, wie stark ich auf ihn reagierte!

»Wir schlafen zusammen im Schlafsack. Zieh dich aus, dann staut sich die Wärme darin.«

Ich wollte dagegen protestieren und etwas anderes vorschlagen, doch dann fielen mir seine Worte von vorhin ein. Du musst deine Emotionen unter Kontrolle bekommen. Und auch meine aufgewühlten Gefühle. Das bedeutete, dass ich den Schlafsack mit ihm teilen würde, ohne auszuflippen. Ich musste es mir selbst beweisen. Das konnte ich. Es ging nur darum, nebeneinander zu schlafen, ich hatte schon wesentlich intimere Dinge getan.

Sobald ich aus meiner Kleidung geschlüpft war, kroch ich in den Schlafsack und drehte ihm den Rücken zu. Als ich kurz darauf seinen stahlharten, warmen Körper in meinem Rücken spürte, kämpfte ich mit den verschiedensten Gefühlen, die regelrecht in mir explodierten. Das stärkste davon war wohl Begehren. Und es erschreckte mich, wie intensiv dieses Gefühl war. Es erschütterte mich regelrecht, dass ich ihn so sehr wollte, und ich tat mein Bestes, damit dieses Verlangen wieder verschwand.

Vergeblich. Es zerrte an mir und brachte mich dazu, so weit wie in dem engen Schlafsack nur möglich von ihm wegzurücken, als hätte der Hunter eine ansteckende Krankheit.

Lass die Nacht ganz schnell vorbeigehen, flehte ich stumm und schloss die Augen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich endlich eingeschlafen war.

 



Ich wachte auf und war allein. Einen Moment starrte ich nach oben und befreite mich von den letzten Fetzen eines unschönen Traums. Dann richtete ich mich auf, zog mich an und trat zu One nach draußen. Er stand mit entblößtem Oberkörper vor dem Zelt, hatte die Augen geschlossen und die Arme vor der Brust verschränkt. Ich blieb neben ihm stehen und wartete, bis er sich mir zuwandte, doch er rührte sich weiterhin nicht und wirkte beinahe wie eine Statue. 

»Was machst du da?«, fragte ich schließlich, als ich es nicht länger aushielt und meine Neugier siegte, aber er antwortete nicht. Erst nach ein paar Minuten öffnete er die Augen und wandte sich mir zu. 

»Das nennt sich Meditation. Bei Gelegenheit erkläre ich es dir.«

Ich nickte. »Wie geht es deiner Schulter?«, wollte ich wissen, als mein Blick auf seinen Verband fiel.

»Sie heilt. Spätestens morgen werde ich sie wieder uneingeschränkt bewegen können«, erwiderte er und ging ins Zelt. »Wir müssen aufbrechen. Hilf mir, das Zelt abzubauen.«

»Moment mal. Morgen soll deine Schulter wieder verheilt sein?« Ich folgte ihm und schüttelte ungläubig den Kopf. »Du wurdest angeschossen! Das ist unmöglich.«

»Erinnerst du dich noch an deine Fußverletzung?« , entgegnete er und trug die Taschen nach draußen. »Unsere Medizin ist sehr fortgeschritten, Riley. Du hast es selbst erlebt.«

Ich stieß ein Schnauben aus. »Das Wundermittel.« Natürlich erinnerte ich mich daran, dass er und seine Männer mich vor den wilden Hunden gerettet hatten. Und an meinen umgeknickten Fuß, der nur wenige Tage später bereits wieder verheilt gewesen war. Ich dachte auch an all die Technologien, mit denen ich im Hunter-Hauptquartier Bekanntschaft gemacht hatte. Und schließlich fielen mir die vielen heruntergekommenen Gegenden im Umland ein; all die Menschen, die hungerten und litten. Starben.

»Ihr habt so viel«, murmelte ich leise. »Wieso gebt ihr nichts an die Leute hier draußen ab? Wieso benutzt ihr nicht eure fortgeschrittene Medizin, um den Kranken zu helfen?«

Ich glaubte, einen Anflug von Schuld und Reue in Ones Gesicht zu erblicken, doch es wurde sofort wieder ausdruckslos und verschlossen, sodass ich mich fragte, ob ich mir das nicht bloß eingebildet hatte.

»Auf manche Fragen gibt es keine befriedigenden Antworten«, sagte er bloß und wies mich an, ihm zur Hand zu gehen.

»Findest du es denn richtig, wie es in der Welt zugeht?« Es wäre sicher ratsamer, nicht weiter nachzubohren, aber ich wollte wissen, was er darüber dachte. Ob er wirklich so kalt und abgehärtet war, wie er sich die meiste Zeit gab. »Dass die Privilegierten Reichtum im Überfluss haben und die Menschen aus dem Umland täglich ums Überleben kämpfen. Ist das in deinen Augen richtig?«

»Was ich darüber denke, ist nicht von Bedeutung. Wir haben unsere Rollen und wir spielen sie. Und jetzt geh mir nicht auf die Nerven, sondern zeige dich nützlich.«

Ich brodelte innerlich, weil er so mit mir sprach, ermahnte mich jedoch, meine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich würde seine Gemeinheiten nicht zu nah an mich ranlassen! 

Gemeinsam bauten wir das Zelt ab und machten uns weiter auf den Weg in Richtung Hunter-Hauptquartier. 

»Woher weißt du überhaupt, wo wir hin müssen?«, fragte ich eine Weile später, in der wir schweigend weitergelaufen waren.  

»Guter Orientierungssinn«, antwortete One. »Allerdings vermute ich, dass wir doch länger als gedacht unterwegs sein werden, denn ich halte mich lieber von der Straße, auf der wir zuvor mit den Jeeps gefahren sind, fern.«

»Weil dort womöglich die Schützen aus dem Wald lauern«, fuhr ich an seiner Stelle fort und nickte. »Glaubst du, die waren hinter dir und deinen Männern her? Oder doch hinter mir?« Diese Frage hatte ich mir immer wieder gestellt und kam auf keine Antwort. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wer hinter mir her sein könnte und wieso.

»Das werde ich herausfinden.« Ones Stimme klang ernst und wie ein düsteres Versprechen. »Auf jeden Fall werden sie zur Rechenschaft gezogen.« Er blieb stehen und drehte sich zu mir herum. »Falls du irgendetwas weißt, Riley ...«

»Nein«, versicherte ich ihm sogleich und schüttelte den Kopf. »Ich wüsste nicht, wer hinter mir her sein könnte. Wirklich nicht.« Vor meinem inneren Auge erschien das Bild meines Vaters. Und das leicht verschwommene Gesicht des Besuchers, der sich Lex genannt hatte. Aber die beiden konnten sicher nicht dahinter stecken. Mein Vater war tot und Lex … Nun, den kannte ich doch gar nicht wirklich.

Ones helle Augen verengten sich leicht. »Wieso habe ich das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst?«

Weil du ein verflucht guter Beobachter bist, entgegnete ich in Gedanken. Oder ich bin viel zu leicht zu durchschauen. Ich schaute ihm möglichst offen entgegen. »Ich will genauso wie du, dass die Mörder meiner Freundin zur Rechenschaft gezogen werden. Ich habe keine Ahnung, wer sich solche große Mühe geben würde, um mich in seine Finger zu bekommen. Und ich hoffe, dass du herausfinden wirst, wer dahinter steckt.«

Glücklicherweise beließ er es nun dabei und ging weiter. Ich folgte ihm und überlegte, ob ich immer noch das Richtige tat, indem ich ihm den Inhalt meiner Träume und die damit einhergehenden Vermutungen verschwieg. Aber obwohl ich dem Hunter-Anführer mein Leben anvertrauen würde, hütete ich mich davor, ihm auch in jeder anderen Hinsicht zu vertrauen. Viel wichtiger war doch sowieso, dass ich mir einen Plan zurechtlegte, wie es nun weitergehen sollte. Was hatte One mit mir vor? Er wollte mich mit zurück ins Hauptquartier nehmen, und was dann? Bei wem sollte ich dort bleiben? Zu welchem Zweck?

Bevor ich ihm diesbezüglich eine Frage stellen konnte, gelangten wir zu einem breiten Flussarm und der Hunter blieb am Ufer stehen. Er ging in die Hocke und betrachtete die glänzende Oberfläche mit gerunzelter Stirn. »Das Wasser ist verschmutzt«, stellte er schließlich fest.

»So wie beinahe jeder andere Fluss im Umland«, fügte ich hinzu und trat neben ihn. »Meine Mutter hat immer gesagt, die Empire würden ihren ganzen Müll in unseren Flüssen entsorgen, deshalb wurde es auch immer schwieriger, an sauberes Trinkwasser zu gelangen.«

One erhob sich und ging wortlos weiter.

Ich lief ihm hinterher und fuhr fort: »Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern, aber ich weiß noch ganz genau, wie traurig ich war, als die ersten Menschen aus unserer Siedlung frühzeitig starben, weil es nicht genug zu essen und zu trinken gab. Die Flüsse verschmutzten, das Nutzvieh verendete, mehr Krankheiten brachen aus. Es geschah in den Wochen vor dem Überfall. Damals verstand ich es noch nicht richtig, aber mit der Zeit lernte ich immer mehr dazu. Die wahren Monster sind nicht die verzweifelten Menschen im Umland, die sich gegenseitig umbringen, weil sie nicht weiter wissen, das seid ihr. Ihr, die euch für besser und wertvoller haltet und hinter euren Mauern und Waffen versteckt«, redete ich mich weiter und weiter in Rage, konnte mich einfach nicht stoppen. »Ihr habt mehr, als ihr braucht, aber ihr wollt nichts abgeben. Stattdessen schaut ihr seelenruhig dabei zu, wie außerhalb der Mauern alles zerstört wird.«

One blieb so abrupt stehen, dass ich in ihn hineinlief. Mit einem wütenden Gesichtsausdruck fuhr er zu mir herum. »Was zum Teufel willst du von mir, Riley?«, fragte er und funkelte mich herausfordernd an. »Soll ich es bedauern, dass so viele Menschen hier draußen sterben? Bei Gott, es vergeht kein Tag, an dem ich es nicht tue! Aber ich kann es nicht ändern. Verstehst du das? Ich habe meine Aufgaben und Richtlinien, an die ich mich halten muss. Ich bin bloß eine von unzähligen Schachfiguren in diesem perfiden Machtspiel, das wir als Leben bezeichnen. Ich hasse es, aber ich habe keine andere Wahl. Genauso wenig wie du und all die Menschen hier draußen. Die Welt ist, wie sie ist, und wir müssen uns damit abfinden.«

Seine aufrichtige Verzweiflung und das Bedauern in seinen blauen Augen schüttelten die Wut, die mich erfasst hatte, ab. Es tat mir leid, ihm diese gemeinen Worte entgegen geschleudert zu haben. Ohne nachzudenken, schlang ich meine Arme um seine Taille und drückte mich an ihn. »Tut mir leid«, entschuldigte ich mich. Mal wieder.

Kurz, so glaubte ich, erwiderte er meine Umarmung, doch dann schob er mich grob von sich und drehte mir den Rücken zu. »Lass diesen Unsinn«, zischte er dabei. »Wir haben noch einen langen Weg vor uns und keine Zeit für das ganze Gerede. Tu uns einen Gefallen und bekomme endlich deine Emotionen in den Griff, sonst lasse ich dich hier draußen stehen.«

Ich spürte, wie meine Augen kribbelten und sich wieder mal Tränen androhten, drängte sie erfolgreich zurück und folgte ihm eilig.

Es kostete mich jede Menge Kraft, den Aufruhr in meinem Inneren wieder zu besänftigen. Am liebsten hätte ich geschrien und getobt und ihn dazu aufgefordert, sich mit mir auseinander zu setzen; ihn gewaltsam gezwungen, mehr von den Emotionen, die er scheinbar so sehr hasste oder fürchtete, zu zeigen. Aber ich tat es nicht. Wieso auch? Es würde nichts ändern. Ich würde mich bloß aufregen und wertvolle Energie verschwenden. Energie, die ich dringend dafür benötigte, mit ihm Schritt zu halten und nicht wieder schlapp zu machen.

Während meine Füße hohes Gras durchstreiften und teilten, dachte ich über die Worte nach, die der Hunter gesagt hatte. Wir alle waren Schachfiguren in einem Spiel, gelenkt von Menschen, die fortwährend nach Macht strebten. Sie bestimmten, wer ein gutes und sorgenfreies Leben führte – und wer elendig verendete. Sie wiesen an und sorgten dafür, dass ihre Befehle ausgeführt wurden. Wer sie waren, das wusste ich nicht, aber ich hasste sie aus tiefstem Herzen für das, was sie so vielen armen Seelen im Umland antaten. Und auch wenn der Hunter es nicht direkt gesagt hatte, schien es ihm nicht anders zu gehen. Er konnte es bloß besser verstecken; hatte seine Gefühle eindeutig unter Kontrolle. Ich sollte zusehen, dass ich es ihm gleichtat.

12. Kapitel

 



Als wir das nächste Mal hielten, begann es zu regnen. One fing das Wasser mit Plastikbeuteln auf, die er an vereinzelten Ästen eines Baums befestigte. Er hatte seit unserer kleinen Auseinandersetzung kein Wort mehr mit mir gesprochen und ich suchte ebenfalls kein weiteres Gespräch. Wenn er neben einer stummen menschlichen Hülle herlaufen wollte, die ihm nicht auf den Geist ging, würde ich ihm diesen Wunsch erfüllen. 

Nachdem wir das Zelt aufgebaut hatten - wobei ich ihm ohne eine Aufforderung seinerseits half - schlüpfte ich hinein und tauschte meine durchnässte Kleidung gegen trockene, während er die Bewegungsmelder wieder in der Umgebung verteilte. Als er sich kurze Zeit später zu mir gesellt hatte, aßen wir schweigend und anschließend verbrachte ich die Stunden bis zur Dämmerung damit, seine Anwesenheit so gut wie möglich zu ignorieren. Er machte es mir leicht, denn er tat dasselbe mit mir.

Als es draußen dunkel war, breitete One den Schlafsack aus und zog sich aus, wie am Abend zuvor. Ich fragte mich, ob er überhaupt noch wollen würde, dass ich bei ihm schlief, da öffnete er bereits den Reißverschluss des Schlafsacks und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, hineinzuschlüpfen. Ich entledigte mich meiner Kleidung und folgte seiner Aufforderung. 

In der tiefschwarzen Dunkelheit lag ich da und starrte vor mich hin, als ich plötzlich eine warme Hand spürte, die sich auf meine Hüfte legte und nach oben strich.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals; ich hielt die Luft an und stieß sie zischend wieder aus, als Ones große, raue Hand nach vorne fuhr und die empfindliche Haut unter meinem Bauchnabel berührte.

»Sag, wenn du es nicht möchtest«, murmelte er an meinem Ohr und streichelte mich weiter, ließ seine Fingerspitzen nach oben gleiten, wo sie den Rand meines kurzen Schlafhemdchens nachfuhren.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Die letzten Stunden hatte er mich wie Luft behandelt und mit Nichtbeachtung gestraft und jetzt wollte er ... wollte er ... ja, was überhaupt? Mich verführen?

Ohne dass ich es verhindern konnte, drückte ich mich näher an ihn, spürte seine Lenden an meinem Po. Während mein Kopf zu verarbeiten versuchte, was hier gerade geschah, hatte mein Körper ein Eigenleben entwickelt und gab sich den Berührungen, die sich so gut anfühlten, einfach hin. Ich spürte deutlich, dass der Hunter hinter mir erregt war, und konnte nicht fassen, dass ich es war, die er so offensichtlich wollte. 

Seine Hand fand den Weg unter mein Hemd zu meiner Brust und begann sie sanft zu liebkosen. Geschickte Finger rieben über meine kleinen, aufgerichteten Brustwarzen und entlockten mir ein wohliges Stöhnen. Dasselbe Spiel wiederholten sie auch mit der anderen, sodass ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich begriff nicht, wieso ich so stark auf One und seine Berührungen reagierte, wieso sie mir schier den Verstand raubten, aber das würde ich zu einem anderen Zeitpunkt erörtern müssen. In diesem Moment war es nicht möglich. Dieser Moment gehörte ganz allein den wundervollen Empfindungen, die mich in einen regelrechten Rausch zogen.

Ich drehte mich auf den Rücken, um ihm besseren Zugang zu gewähren. In der Dunkelheit konnte ich die Konturen seines Gesichts ausmachen, als er sich über mich rollte, meine Beine auseinander schob und sich zwischen meinen Schenkeln platzierte. Sein maskuliner Geruch, seine Wärme und Stärke hüllten mich ein, und obwohl ich mich wieder in einer Situation befand, in der ich ihm komplett ausgeliefert war, verspürte ich diesmal keine Angst oder Panik. Ich fühlte mich sicher und geborgen. Behütet, beschützt und begehrt.

Meine Lippen bebten leicht, als er seinen Mund auf mein Schlüsselbein drückte und sein raues Kinn über meine empfindliche Haut kratzte. Ich öffnete die Lippen und seufzte leise. Ein unbeschreibliches Kribbeln breitete sich durch meinen gesamten Körper aus und mündete irgendwo zwischen meinem Schoß und Bauchnabel zu einem höchst empfindlichen Knoten.

Seine Erektion drückte hart und sehr warm gegen meine intimste Stelle. Als er sein Becken zu bewegen begann und sich an mir rieb, bog ich den Rücken durch und krallte mich in seinen Oberarmen fest, weil die unglaublichsten Gefühle auf mich einströmten. Ich spürte eine intensive Spannung in meiner Körpermitte, die mit jeder Bewegung seinerseits weiter anwuchs. Mir wurde bewusst, dass ich kurz vor einem Höhepunkt stand und ich erkannte meine Stimme kaum wieder, als ich One darum bat, mich zu erlösen. Sie war so fordernd und fest, dabei fühlte ich mich doch innerlich, als würde ich jeden Augenblick zerfließen! 

Er richtete sich auf und befreite mich von meinen letzten Kleidungsstücken, die er in eine Ecke des Zelts warf. Anschließend zog er auch sich komplett aus, und ich bedauerte es, dass ich ihn in der Dunkelheit nicht so sehen konnte. Es wäre bestimmt ein unvergesslicher Anblick gewesen.

Dafür spürte ich ihn umso mehr. Alle meine anderen Sinne waren in der Dunkelheit geschärft. Ich roch unsere Erregung, deren Duft sich vermischte; fühlte seine rauen Hände, die über meine Seiten strichen, hinunter zu meinem haarfreien Schambereich glitten und mich dort erkundeten. Seine Finger drangen in mich ein und lösten die Anspannung mit wenigen geschickten Stößen. Meinen intensiven Höhepunkt schrie ich in die Nacht hinaus und hatte das Gefühl, er würde gar nicht mehr enden.

»Jetzt kannst du mich aufnehmen«, flüsterte One, schob seine Arme unter mich und drang langsam in mich ein.

Ich keuchte auf, weil er so groß war und die Dehnung, die er mit seinem Glied verursachte, mir den Atem raubte.

»Lass mich rein, Riley«, bat er mit heiserer Stimme und ließ seine Lippen über meinen Hals gleiten, berührte die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr und biss leicht in meine Schulter.

Überrascht stellte ich fest, dass erneut Lust und Begehren in mir aufflammten. Nie hätte ich mir erträumen lassen, mit dem Hunter-Oberhaupt intim zu werden, doch hier lagen wir und er bat mich um Einlass.

Ein aufregendes Triumphgefühl durchzog meinen Körper in kleinen Wellen und erweckte die Leidenschaft zu neuem Leben. Ich spreizte meine Schenkel noch ein wenig weiter auseinander und gab mich ihm mit allem, was ich hatte, hin. Das Stöhnen, das tief aus seiner Kehle kam, als er mich vollständig ausgefüllt hatte, überflutete mich mit lauter Freudenschauern.  

Seine Stöße waren zu Beginn langsam und vorsichtig, doch dann beschleunigte One das Tempo, nahm mich fest und präzise, trieb mich in einen Strudel aus roher Lust und tausenden Versprechen und ließ mich schließlich fliegen. Ich kam noch einmal, lauter und heftiger als zuvor, krallte meine Finger in seine muskulösen Pobacken und erzitterte erneut, als ich spürte, wie er sich mit einem brennend-heißen Strahl in mir ergoss.




Ich wachte allein auf und brauchte einen Moment, um mich zu orientieren und daran zu erinnern, was in der vergangenen Nacht geschehen war. Wenn das verräterische Ziehen in meinem Schoß nicht gewesen wäre, hätte ich diese Erinnerungen als einen wirren Traum abgetan. Doch so wusste ich, dass ich nicht geträumt hatte. Es war real.

»Mein Gott«, flüsterte ich erstickt und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Ich hatte aus heiterem Himmel mit One geschlafen ... und ich spürte eine Verbindung zu ihm, die ich mir nicht erklären konnte, die mich jedoch in Angst versetzte, weil sie so intensiv war und mich schier überwältigte.

Wie sollte ich mich ihm gegenüber verhalten? Was würde er jetzt tun? Warum hatte er diese Nähe zu mir gesucht? Würde er mir das erklären?

Obwohl sich alles in mir vor Furcht dagegen sträubte, stand ich auf, zog mich an und verließ das Zelt, um ihn zu suchen. Er stand nicht weit entfernt und füllte die Trinkflaschen mit dem Regenwasser, das die Plastiksäcke aufgefangen hatten. Sein Anblick ließ mich innehalten und mein Herz wild und erfreut lospoltern. Auch wenn ich dieses Gefühl in mir nicht kannte, wusste ich instinktiv, dass es nichts Gutes bedeutete. Es machte mich wahnsinnig verwundbar.

»Hilf mir mal«, sagte er plötzlich, ohne sich zu mir umzudrehen. »Füll die Flaschen mit dem Wasser, ich muss das Zelt abbauen, damit wir aufbrechen können.«

Leicht überrumpelt machte ich ein paar Schritte auf ihn zu und suchte seinen Blick, aber er ging einfach an mir vorbei und widmete sich ganz seiner Aufgabe. Enttäuscht darüber, dass er das, was zwischen uns geschehen war, scheinbar für so unwichtig hielt, dass er es nicht einmal erwähnte, ging ich in die Hocke und tat das, worum er mich gebeten hatte. Oder eher gesagt: was er mir befohlen hatte. One bat nicht, er wies an und es musste erledigt werden. Und wenn ich geglaubt hatte, dass sich nach der vergangenen Nacht etwas geändert hatte, war ich ganz schön dumm und naiv. Sex war in der Welt der Hunter nichts Besonderes. Sie aßen, sie tranken, sie kämpften und sie ... fickten, wie es die gemeine Geliebte im Hauptquartier ausgedrückt hatte. One hatte eins seiner Bedürfnisse an mir gestillt, weil ich eben da gewesen war. Wenn ich da mehr hineininterpretierte, war ich selbst schuld an der Enttäuschung, die auf diese Erkenntnis folgte.

Bekomme deine Emotionen unter Kontrolle, sagte ich mir immer und immer wieder, während ich die Flaschen füllte und das verräterische Ziehen zwischen meinen Beinen so gut wie möglich ignorierte.

Kurze Zeit später brachen wir wieder auf und ich folgte dem Hunter-Anführer mit gesenktem Kopf. Ich wollte ihn nicht ansehen und damit unweigerlich Erinnerungen heraufbeschwören. Mühsam kämpfte ich den Aufruhr in mir nieder und konzentrierte mich darauf, mit One Schritt zu halten. Gleichzeitig feilte ich an meinem Plan weiter. Nach den Ereignissen des vergangenen Abends war es mir zuwider, mit ihm zurück zum Hauptquartier zu kehren. Dort würde er Nachforschungen zu dem Angriff anstellen und sich in seiner freien Zeit mit seiner Geliebten vergnügen. Und ich ... ich würde meine Zeit damit verschwenden, Enttäuschung und womöglich sogar noch Eifersucht zu empfinden. Zumindest nahm ich an, dass es sich bei dem, was ich allein bei dem Gedanken an die rothaarige Frau an der Seite des Oberhaupts empfand, um Eifersucht handelte. Ich hatte es bisher nicht gekannt, jedoch bereits einiges darüber gehört. Und es fühlte sich nicht gut an. Ich hasste diese Empfindung bereits jetzt schon und wollte sie schnell wieder loswerden.

Doch abgesehen von den unerwünschten Gefühlen brauchte ich unbedingt mehr Informationen über die Verzeichnisse der Hunter, in denen etwas über meinen Vater stand. Ich musste alles daran setzen, an diese Informationen zu gelangen! Selbst wenn ich dafür durch die Gefühls-Hölle ging. Was war mir denn auch sonst geblieben? Nichts. Keine Freundinnen, kein Zuhause, keine Perspektiven. Nur das Ziel, die Geheimnisse, die meinen Vater umwoben, zu enthüllen. Und diese Geheimnisse verbargen sich irgendwo im Hauptquartier.

Nach mehreren Stunden, in denen wir schweigend unseren Weg gegangen waren, machten wir eine Pause in einem alten, kaum noch vorhandenen Gebäude. Beinahe alle Wände waren eingerissen und die Böden von Schmutz, Staub und Geröll bedeckt.

Ich erinnerte mich an einen Winter, in dem mir nichts anderes übrig geblieben war, als in solch einer ähnlichen Unterkunft vergeblich Schutz vor Schnee und Kälte zu suchen. In diesem Winter war ich beinahe erfroren. Nur in letzter Minute hatten mich ein Mann und sein Hund gefunden und gerettet. Ein paar Wochen später verlor ich diese beiden Gefährten, als sie von grausamen Banditen überfallen worden waren, während ich im Versteck wartete und schließlich um mein Leben rannte. So war es immer – ich verlor diejenigen, die mir wichtig waren. Früher oder später war ich wieder auf mich allein gestellt.

»Hey.« Ones Stimme holte mich aus den Gedanken. Er stand neben mir und hielt mir etwas zu essen hin. »Ich rede mit dir.«

»Wirklich? Ich schätze, dann muss ich mich geehrt fühlen.« Ich wollte nicht sarkastisch sein - wollte überhaupt keine emotionale Reaktion zeigen – aber mein Mund war wieder einmal zu schnell. Und vielleicht verlangte ein Teil von mir auch nach einer Auseinandersetzung. Der Teil, der von ihm verletzt worden war.

»Dafür haben wir keine Zeit, Riley«, entgegnete One gereizt. 

»Nicht? Bist du etwa nicht fähig, stundenlang zu laufen und gleichzeitig deinen Mund zu bewegen und mit mir zu sprechen? Sei doch einfach ehrlich. Zeit haben wir genug, aber es interessiert dich einen Scheißdreck, wie ich mich fühle. Deshalb meidest du jede Konversation von vornherein.« Ich nahm die eingelegten Früchte, drehte ihm den Rücken zu und entfernte mich ein paar Meter. Der Boden war noch feucht vom Regen, doch das war mir egal. Ich setzte mich hin, ignorierte die Nässe und würgte die Nahrung herunter, obwohl ich keinerlei Appetit verspürte.

Gerade als ich wieder aufstehen wollte, nahm One neben mir Platz. »In Ordnung. Reden wir. Aber es wird dir womöglich nicht gefallen, was ich zu sagen habe«, sagte er.

Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, und das lag nicht an den eingelegten Früchten, die ich eben heruntergewürgt hatte. Ich ahnte instinktiv, was er mir sagen würde, und so kam es schließlich auch.

»Zwischen uns hat sich nichts geändert, Riley. Dir muss klar sein, dass ich dir gestern Abend keine Versprechungen gemacht habe. Wir befinden uns in einer angespannten Situation und ich habe einen Großteil dazu beigetragen, dass wir diese Anspannung zusammen abbauen, das gebe ich zu. Ich kann es nicht rückgängig machen, also müssen wir einen Weg finden, wie wir am besten damit umgehen.« Er schaute mich nur flüchtig an und sprach eher zu dem Gebüsch, das sich vor unseren Füßen befand. 

»Hab schon verstanden«, beeilte ich mich zu sagen, bevor er fortfuhr und das beklemmende Gefühl, das mir die Luft abschnürte, noch verstärkte. »Ich kann damit umgehen, dass es ... keine Bedeutung hatte. Du hast Recht - wir sollten unsere Zeit nicht mit unnützem Gerede verschwenden. Wir sollten so schnell wie möglich zum Hauptquartier zurückkehren.« Ich stand auf und brachte Abstand zwischen uns. So einsichtig wie ich mich nach außen gab, war ich innerlich überhaupt nicht. Im Inneren schrie und wütete ich, warf diesem eiskalten Hunter wüste Beschimpfungen an den Kopf und verfluchte mich selbst, weil ich trotz seiner lieblosen Art nicht aufhören konnte, an unsere Intimitäten zu denken. Es kam mir beinahe so vor, als würde ich ihn immer noch in mir spüren, und das machte mich wahnsinnig.

Kurz darauf gingen wir weiter und ich zog mich komplett zurück, sprach kein Wort mit meinem Begleiter, obwohl er ab und zu etwas verlauten ließ. Belanglosigkeiten wie den Namen einer Pflanze, die am Wegesrand wuchs und giftig war.

Was sollte ich schon dazu sagen? Wow, toll, dass du so viel über Flora und Fauna weißt, Taleon. Du bist ja so belesen. Wohl kaum. Ich zeigte keine Reaktion und war froh, als er ebenfalls wieder komplett verstummte.

Als es schließlich langsam dunkel wurde, fanden wir eine Art Höhle und One beschloss, dass wir die Nacht dort im Zelt verbringen würden. Allein beim Gedanken daran, erneut zu ihm in den Schlafsack zu schlüpfen, überschlug sich mein Mageninhalt. Gleichzeitig nahm ich wahr, wie mein Körper vor Erwartung ganz unruhig wurde. Ihm schien es völlig gleich zu sein, ob er bloß benutzt wurde, er genoss einfach die Nähe und die Berührungen, die der gefühlskalte Hunter ihm bescherte.

Wir aßen schweigend und wir schwiegen auch, als wir uns für die Nacht fertig machten. Selbst als ich neben One im Schlafsack lag, war immer noch kein Laut zu vernehmen, bis auf die unheimlichen Geräusche der Nacht außerhalb von unserem Versteck. 

Ich war unruhig und konnte kaum still liegen bleiben. In meinen Brüsten baute sich eine süße Schwere auf und in meinem Schoß verspürte ich ein sehnsuchtsvolles Ziehen. Meine Sinne spielten mir einen Streich, indem sie mir den Geruch und die Wärme des Hunters hinter mir allzu deutlich präsentierten. Ich wurde beinahe verrückt, so groß war das Verlangen, ihn wie am Abend zuvor zu berühren und von ihm berührt zu werden. Ich kämpfte dagegen an, aber ich scheiterte kläglich.

Als seine große Hand mich plötzlich an der Schulter packte und auf den Rücken drehte, damit er sich auf mich legen konnte, seufzte ich erleichtert auf. Diesmal ließ er sich nicht so viel Zeit damit, meinen Körper zu erkunden, sondern riss die wenigen Kleidungsstücke, die ich noch trug, grob herunter und schob seine langen Finger tief in mich hinein. Erst einen, dann zwei … und als der dritte dazustieß, drückte ich die Fersen in den Boden und schrie meine Erleichterung heraus.

Seine Finger wurden sogleich von seiner mächtigen Härte abgelöst, und ich grub meine kurzen Nägel in seine Oberarme, um mich festzuhalten, während er in einem schnellen Tempo in mich stieß. Wieder und wieder. Sein tiefes Stöhnen vermischte sich mit meinem, genauso wie der Schweiß, der von seiner breiten Brust auf meine hinabperlte. Ich leckte über seine salzige Haut, wusste nicht, wieso ich es tat, war viel zu berauscht von den Empfindungen, die mich durchströmten, um überhaupt klar denken zu können. In diesem Augenblick gab es nur den Hunter über mir und in mir, der mich mit seinen rauen Stößen unaufhaltsam einem gigantischen Höhepunkt entgegen trieb.

One legte seinen Kopf in den Nacken, streckte die Arme durch, sodass jede einzelne Ader brutal hervortrat, und stieß einen Laut aus, der tief in meinem Schoß widerhallte. Er kam heftig und lange und die Flut seines Samens bewirkte, dass auch meine Anspannung sich in einem unbeschreiblich intensiven Gefühl, das meinen gesamten Körper durchströmte, auflöste.

Sein Oberkörper sank auf mich herab, er schob die Arme unter meinen Rücken und vergrub das Gesicht an meiner schweißnassen Brust. Ich strich mit den Fingern über seinen feuchten Nacken und berührte sein dunkles, kurzes Haar. Gedankenverloren spielte ich mit einzelnen Strähnen und lauschte seinen unregelmäßigen Atemzügen, bis sie sich langsam beruhigten. Er schlief ein, so wie er dalag, immer noch halb in mir. Sein Körper wurde im Schlaf schwerer und ich hatte etwas Mühe, Luft zu bekommen. Aber ich brachte es nicht übers Herz, ihn von mir zu drängen, viel zu sehr genoss ich diese Nähe.

Eine Weile lag ich so da und strich ihm durch die Haare, dachte über Dinge nach, die sich nie bewahrheiten würden, bis die Müdigkeit meine Augenlider ganz schwer machte und sie schließlich zufallen ließ. Mit einem zärtlichen Gefühl in der Brust, das ich für den Hunter empfand, schlief ich ein. 



In der Nacht wurde ich von lauten Geräuschen geweckt. Blitzschnell richtete ich mich auf und stellte fest, dass One bereits auf den Füßen war und sich anzog. Auf meinem Körper breitete sich eine unangenehme Gänsehaut aus, als ich das Knurren außerhalb der Zeltwände vernahm.

»Wilde Hunde?«, stieß ich erschrocken aus und strampelte mich aus dem Schlafsack.

»Wahrscheinlich«, entgegnete One und überprüfte die Munition in seiner Waffe. »Zieh dich an. Wir müssen schnell weg. Bleib hinter mir und versuche, so viele wie möglich zu treffen.« Er drückte mir die Pistole in die Hände und öffnete eine der Taschen, aus der er etwas hervorholte. In der Dunkelheit konnte ich es nicht erkennen.

Meine Finger zitterten, während ich in meine Sachen schlüpfte. Die Angst vor den wilden Tieren hatte mich fest im Griff. Das Knurren wurde immer lauter und wilder, vermischte sich mit vereinzeltem Heulen und ließ mich beinahe erstarren, so sehr fürchtete ich mich vor dem, was gleich geschehen würde.

Wir hatten keine Chance, hier heil herauszukommen. Die Munition war begrenzt und der Hunter allein konnte kein so großes Rudel bekämpfen. In meinen Augen sammelten sich Tränen, wenn ich daran dachte, dass wir in den nächsten Minuten auf grausamste Weise sterben würden. Ich wollte nicht, dass One starb. Und ich wollte ebenfalls weiterleben!

Die Wände rissen und ich schrie erstickt auf, als dunkle, windige Leiber hereinströmten. Panisch hob ich die Arme hoch und schoss, wobei ich darauf achtete, nicht in die Richtung zu feuern, in der der Hunter stand. Das laute Knurren und Geifern vermischte sich mit schrillem Winseln, als die ersten wilden Hunde zu Boden fielen und sich in ihrer Qual wanden. Ich erkannte Ones Umriss und wimmerte, als ich ihn mit seinem gesamten Körper kämpfen sah. Meine Munition war mittlerweile aufgebraucht, also konnte ich nichts weiter tun, als hilflos dabei zuzusehen, wie er sich bemühte, die Hunde von mir fern zu halten.

Verzweifelt ging ich in die Knie und suchte den Boden nach irgendetwas ab, das ich als Waffe gebrauchen konnte. Mein Schrei ging in den Geräuschen um mich herum unter, als sich spitze Zähne in meine Ferse gruben. Ich trat und fuchtelte mit den Armen, verdrängte den Schmerz, der plötzlich überall durch meinen Körper zog, bis ich keine Kraft mehr hatte. Gerade als ich vor Erschöpfung aufgeben wollte, wurde es immer stiller um uns herum. Nur noch vereinzelt erklang ein Winseln von den auf dem Boden verteilten Leibern. Ich spürte Hände, die mich hochzogen, und lehnte mich gegen One, weil meine Beine mich nicht mehr halten konnten. Unbeholfen schlang ich meine Arme um ihn und dankte jeder höheren Macht, weil er noch am Leben war.

Und plötzlich erklangen neue Geräusche: Schritte, laute Rufe, Motoren. Ich sah große und kleine Lichter, Umrisse von großen Körpern, die auf uns zuliefen. 

Man hat uns gefunden.

Bevor ich One danach fragen konnte, ob wir nun endgültig erledigt oder gerettet werden würden, übermannte mich die Erschöpfung und ich versank in einem dunklen Nichts.

 

 


Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem sauberen, weichen Bett und starrte rauf zur weißen Zimmerdecke. Ein Blick genügte und mir war klar, dass ich mich in der Krankenstation des Hauptquartiers der Hunter befand. Erleichtert schloss ich die Augen und blieb noch einen Moment liegen, bevor ich mich schließlich aufsetzte und schmerzhaft das Gesicht verzog, weil mir alles wehtat.

Bilder des Angriffs der wilden Hunde strömten auf mich ein und ließen mich frösteln. Wir hatten überlebt - wieder mal. Anscheinend war ich ein Magnet für Gefahren, denn wie ließ es sich sonst erklären, dass ich in letzter Zeit so oft um mein Leben hatte kämpfen müssen. Und jedes Mal zog ich jemanden mit hinein. Ich wollte gar nicht zählen, wie viele Menschen bereits ihr Leben gelassen hatten, weil sie bei mir gewesen waren.

Meine bedrückenden Gedanken wurden von der Ärztin unterbrochen, die soeben den Raum betrat. Sie nickte mir mit einem freundlichen Lächeln zu und fragte, ob ich starke Schmerzen hätte und noch Tabletten dagegen einnehmen wollte.

»Nein, es geht schon«, erwiderte ich aufrichtig. Die Bisswunden, die sich über meinen halben Körper verteilten, brannten zwar, aber es war auszuhalten. »Ich möchte mich einfach nur ... sauber machen. Meine Zähne putzen, duschen.«

»Natürlich. Lassen Sie mich eben schnell die Pflaster und Verbände bedecken, damit Sie sich ungehindert waschen können.«

Ich zog mich aus und ließ die Ärztin ihre Arbeit machen. Anschließend verließ sie den Raum wieder und ich begab mich in das angrenzende Badezimmer, um mich in die kleine Duschkabine zu stellen und den Schmutz und Dreck der vergangenen Tage abzuwaschen. Immer wieder kamen Erinnerungen an all die Ereignisse in dieser Zeit hoch. Ich sah meine tote Freundin, die Pistole in meinen Händen, die schnellen, dunklen Leiber der wilden Hunde ... und One. Wie er über mir lag und seine Hüften gegen meine trieb. 

War das wirklich alles geschehen? Mein verwundeter Körper war ein Beweis dafür, auch wenn es mir wie ein bizarrer Traum vorkam. Und wie sollte es nun weitergehen? Würde man mich im Hauptquartier bleiben lassen?

Ich hüllte mich in ein Handtuch, trocknete mich vorsichtig ab und war dankbar dafür, dass man mir frische Kleidung bereitgelegt hatte, die ich anschließend überstreifen konnte. Sie war mir etwas zu groß und hing an mir herunter, aber das störte mich nicht. In gewisser Weise war sie wie ein zusätzlicher Schutz, den ich um mich aufbaute.

Es klopfte an der Tür und auf meine Aufforderung hin betrat One das Krankenzimmer. Bei seinem Anblick begann mein Herz einen Takt schneller zu klopfen und ich schwankte zwischen Erleichterung, weil er scheinbar keine ernsthaften Schäden davongetragen hatte und bloß ein paar Verbände trug, und einer Befangenheit, die ich seit Neuestem in seiner Nähe empfand und die mich störte.

»Wie geht es dir?«, fragte er und blieb ein paar Schritte entfernt von dem Bett, auf dem ich saß, stehen.

»Ganz okay«, erwiderte ich und bemühte mich um eine gelassene Haltung, was in einem peinlichen Herumgezappele endete. Also ließ ich die Bemühungen sein und verschränkte einfach die Hände im Schoß. »Wir haben ganz schön Glück gehabt.«

»Ja. Die Bisswunden mussten sofort versorgt werden, damit sie sich nicht entzünden oder Krankheiten übertragen. Der Rettungstrupp kam gerade rechtzeitig«, bestätigte er und trat noch einen Schritt näher. »Du bekommst gleich etwas zu essen, danach solltest du dich weiter ausruhen. Eine Nacht bleibst du hier zur Beobachtung, morgen sehen wir weiter.« 

Ich nickte und fragte mich, was nun mit mir geschehen würde. Wenn es nach den Regeln ging, wurden Frauen hier nur geduldet, wenn sie einer Tätigkeit nachgingen oder sich als Geliebte für einen Hunter anboten. Wenn One nicht seine eigene Regelung brechen wollte, musste er mich fortschicken. Obwohl ich das für richtig hielt, tat der Gedanke daran auf einmal ganz schön weh. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, wohin ich gehen sollte. Die letzten Tage hatten bewiesen, wie hart und gefährlich das Leben im Umland war. Nach einem Jahr, in dem ich recht sicher in Karens und Danikas Wohnung gelebt hatte, und nach den zwei Wochen im Hauptquartier würde mir die Umstellung garantiert verdammt schwer fallen. 

Außerdem war da noch meine Mission, mehr über meinen Vater herauszufinden. Und ich war mir sicher, dass die ersten Schritte in diese Richtung hier im Hauptquartier getan werden mussten. Die Verzeichnisse. Ich musste sie finden!

»In Ordnung. Den Rest klären wir dann morgen.« One drehte sich um und ging zur Tür.

»Taleon«, rief ich ihn zurück, als er die Hand auf die Klinke gelegt hatte. »Danke«, sagte ich, als er seinen Kopf in meine Richtung drehte. »Danke, dass du mir da draußen den Arsch gerettet hast. Mehrere Male.«

Er nahm meinen Dank mit einem Nicken entgegen und wurde plötzlich ganz ernst. »Eins noch, Riley. Es heißt: Sir. Zwischen uns hat sich nichts geändert. Vergiss das nicht.« Und mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Ich saß da und fühlte mich, als hätte er mir einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Ja, natürlich war mir bewusst, dass sich im Grunde nichts zwischen uns geändert hatte, auch wenn wir uns in den vergangenen Tagen auf die ein oder andere Weise näher gekommen waren. One war das Oberhaupt, ich ein einfaches Mädchen - er musste seine Autorität wahren, ich musste mich unterordnen. Dennoch verletzte es mich, dass er sich nun so verhielt, als hätten wir nicht mehrere Tage Seite an Seite verbracht, Munition und Essen geteilt ... und das Bett. Oder den Schlafsack, wenn man es genau nahm.

Bekomme deine Emotionen unter Kontrolle!, erinnerte ich mich an das, was er vor zwei Tagen zu mir gesagt hatte. Irgendwie musste ich es doch schaffen, allzu tiefe und hinderliche Gefühle nicht mehr zu mir durchdringen zu lassen. Und das würde ich. Seine abweisende Haltung machte es mir einfacher.

Es klopfte erneut an der Tür und diesmal brachte mir eine ältere Frau ein Tablett mit Essen und einer Flasche Wasser darauf. Ich war hungrig und schlang den Salat und das Steak gierig herunter, spülte mit dem Wasser nach und wischte mir mit dem Handrücken über den Mund.

Anschließend legte ich mich zurück in das warme Bett und rollte mich in die Decke ein, um die Außenwelt komplett auszuschließen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis ich eingeschlafen war und von einem Albtraum, der unzählige Erinnerungen vermischte, geplagt wurde.

13. Kapitel

 


Ich saß auf dem Bett, hatte die Knie angezogen, meine Arme um sie geschlungen und das Kinn auf ihnen gebettet, als der Hunter-Anführer am nächsten Morgen mit mir darüber sprach, wie es nun weitergehen würde.

Ich konnte ihn nicht ansehen – es wühlte mich noch zu sehr auf – und richtete meinen Blick auf meine nackten Füße, während ich immer wieder ein Nicken andeutete oder mit einem »Ja, Sir« antwortete, wenn er eine Antwort wollte. Es überraschte mich, dass er mir mitteilte, dass ich erst einmal im Hauptquartier bleiben konnte. 

»Brechen Sie damit nicht irgendwelche Regeln, Sir?«, fragte ich leise und eigentlich interessierte es mich auch überhaupt nicht, ob es so war oder nicht. Ich würde einfach das tun, was er sagte, um mir mehr Zeit für meinen neuen Plan zu verschaffen.

»Das soll nicht deine Sorge sein«, entgegnete One auch schon in gewohnt autoritärer Art.

»Ja, verstanden. Wenn wir dann fertig wären ... Ich muss dringend auf Toilette«, fügte ich murmelnd hinzu.

Mit einer ungeduldigen Kopfbewegung deutete er zum angrenzenden Bad. »Beeil dich, wir haben noch ein paar Dinge zu besprechen.«

Ich verschwand in dem kleinen Raum und biss mir auf die Unterlippe, als ein schmerzhaftes Brennen meinen Toilettengang begleitete. Vielleicht hatte One mich innen verletzt, als er ... als wir ... Ich schob den Gedanken beiseite und ignorierte den Schmerz, wusch anschließend meine Hände und spritzte mir etwas Wasser ins Gesicht, bevor ich zurück zu meinem Bett ging und darauf Platz nahm.

»Alles in Ordnung?«, wollte das Oberhaupt wissen und ich antwortete mit einem erneuten Nicken, ohne ihn anzusehen. »Sieh mich an und beantworte meine Frage, Riley«, forderte er mich prompt auf und ich gehorchte, nach außen hin gefasst, innerlich verletzt und wütend.

»Alles in Ordnung, Sir. Was müssen wir noch besprechen?«

Er musterte mich noch einmal eindringlich und fuhr schließlich fort: »Ich brauche alle Informationen über deine Freundinnen. Mit wem hatten sie Kontakt? War irgendjemand bei euch zu Besuch? Haben sie sich merkwürdig verhalten? Hatten sie Freunde, Liebhaber, die auf irgendeine Weise aufgefallen waren?«

»Ich habe ein Jahr mit ihnen zusammengewohnt und kann mich an keinen Mann erinnern, der länger als ein paar Tage blieb«, sagte ich und zuckte mit den Achseln. »Freundschaften oder Partnerschaften sind im Umland eher selten, Sir. Nun, wahrscheinlich nicht nur im Umland. Ich frage mich, ob so etwas überhaupt noch existiert in dieser Welt«, fügte ich hinzu und bereute es sogleich, weil ich dabei viel zu verbittert klang. »Aber um auf Ihre Fragen zurückzukommen: Nein, ich kann mich an keine Namen oder besondere Vorkommnisse erinnern. Wir standen uns relativ nahe, aber ich kannte die beiden nicht lange genug, um beurteilen zu können, ob etwas merkwürdig an ihrem Verhalten war.«

»Und was ist mit dir? Warst du im letzten Jahr mit jemandem zusammen?«, schob One gleich die nächste Frage hinterher.

Ich verkrampfte leicht, weil ich sofort das Bild von ihm und mir vor Augen hatte. »Nein. Wenn man Nikk nicht dazuzählt.« Und dich, du Mistkerl. Das sagte ich natürlich nicht laut.

»Wie hast du Karen und Danika kennengelernt?«

Mit den Fingern strich ich über die Decke und dachte zurück an die Zeit, in der zuerst Karen und schließlich ihre Freundin wie ein heller Hoffnungsschimmer in meinem dunklen Leben erschienen waren.

»Es war ein Zufall. Ich war tagelang unterwegs, kurz vor dem Verhungern, und habe die Bar entdeckt, in der ich später auch gearbeitet habe. Es war mitten in der Nacht und ich sah, wie Karen von zwei großen Männern zu einem Wagen geführt wurde. Zuerst wollte ich versuchen, ihr zu helfen, weil ich annahm, dass man sie unfreiwillig mitnahm, aber dann sah ich, dass sie sich ungezwungen mit den Kerlen unterhielt und blieb im Hintergrund. Ich ... ich ernährte mich von den Abfällen, die ich in den Tonnen hinter der Bar fand.« Es war mir unangenehm, das zu erzählen, also fuhr ich schnell fort: »An den nächsten Abenden beobachtete ich Karen oder Danika, wie sie zur Bar kamen und gingen, immer in Begleitung der Aufpasser. Und dann kam Karen eines Abends allein raus, um zerbrochene Glasflaschen wegzuwerfen, da habe ich sie angesprochen. Sie bot an, mir zu helfen, und ich beschloss, dass ich lange genug völlig allein und vereinsamt durch das Umland geirrt war. Eine Woche später zog ich bei ihnen ein und begann, für Baris zu arbeiten. Bis zu dem Abend, an dem er mich belästigte. Den Rest kennst du - kennen Sie. Entschuldigung, Sir.« Die Entschuldigung kam mir kaum über die Lippen, aber ich würgte sie mühsam hervor, denn er hatte deutlich gemacht, dass es kein vertrautes Du mehr zwischen uns gab, und daran musste ich mich halten.

Der Hunter blieb eine Weile still und schien über meine Erzählung nachzudenken. Ich nutze diesen Augenblick, um ihn verstohlen von der Seite zu betrachten. Ich konnte nicht genau sagen, wieso ich ihn auf einmal mit anderen Augen sah und auf welche Weise. Er erschien mir plötzlich nicht mehr wie das autoritäre Oberhaupt, fern und ungreifbar, obwohl er genau das war: unerreichbar. Es hatte zwischen uns einige Momente der Verbundenheit gegeben, aber diese lagen nun in der Vergangenheit. Jetzt war er wieder der Anführer der gefährlichen Empire-Armee und ich war nicht einmal mehr der Körper, an dem er seine Bedürfnisse stillte. Das würde eine andere übernehmen. Ich war nur noch ein Problem, das es zu lösen galt.

»In Ordnung. Du solltest dich wieder ausruhen.« One erhob sich und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Ich fühlte mich schlecht, und das lag nicht an den Schmerzen, die mein Körper an vereinzelten Stellen aufwies. Ich kam mir blöd vor. Und ja, auch betrogen, obwohl mir nichts versprochen worden war. Wieso fühlte ich mich so? One war nicht der Erste, der mich bloß für seine körperlichen Bedürfnisse benutzt hatte. Hunter – und Männer allgemein – waren eben nicht zu tieferen Empfindungen fähig. Und auch ich hatte kein Verlangen danach. Für mich zählte bloß, zu überleben. Und momentan war meine Zukunft völlig ungewiss.

Zum einen musste geklärt werden, ob der Angriff an der Hütte mir oder One und seinen Männern gegolten hatte. Und dann war da noch die Tatsache, dass mein Vater in den Verzeichnissen der Hunter stand. Wieso? Und wie war die Verbindung zu Alexis Silva? Wie passte ich da rein? Passte ich überhaupt da rein? Gehörte ich irgendwohin? Zu jemandem? Zu etwas? Wer war Riley McDermont in dieser Welt?

Meine Gedanken wurden durch neuen Besuch unterbrochen. Es war Nikk, der nach kurzem Anklopfen ins Zimmer kam. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er nach mir sehen würde, und zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

»Wie geht es dir?«, fragte er, nachdem er ans Bett getreten war.

»Super«, erwiderte ich lahm und drehte meinen Kopf von ihm weg. »Wieso bist du hier?«

»Bin ich nicht willkommen?«

Nein, lag mir auf der Zunge, aber ich schwieg bloß und zuckte mit den Schultern.

»Du willst also wissen, wieso ich hier bin?« Er trat auf die andere Seite des Bettes, damit ich ihn nun ansehen musste. »Komm zu mir zurück.«

Mit gerunzelter Stirn musterte ich sein Gesicht. Er wirkte aufrichtig, als er diese Worte äußerte. »Du willst mich wieder als Geliebte haben?«, hakte ich dennoch nach.

»Na klar! Es hat doch gut bei uns gepasst. Und ich habe keine Lust, mich nach einer neuen Frau umzuschauen.« Nikk setzte sich neben mich auf die Bettkante. »Du warst sauer auf mich, weil irgendeine andere Geliebte dir etwas erzählt hat, was nicht stimmt. Klären wir das und machen weiter, wo wir aufgehört haben.«

Ich schnaubte. Klar, für ihn war das so einfach. Ein bisschen Streit, ein paar Zickereien, ein paar lahme Worte – und schon konnte man wieder zusammen in die Kiste hüpfen. Wieso auch nicht? Hunter wollten eben nur das Eine von ihren Geliebten und von Frauen allgemein. Ich wusste es, also durfte ich es ihnen auch nicht übel nehmen, wenn sie es unverblümt äußerten.

»Also, was sagst du?«, hakte Nikk nach und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Es ist schon alles geregelt. Wenn du willst, kannst du bei mir bleiben. Und was die Gerüchte betrifft – hör einfach nicht drauf. Hier wird viel geredet, über alles und jeden. Ihr Frauen tratscht eben gerne.«

»Wir Frauen? Ich mache so etwas nicht«, entgegnete ich.

»Ja, du bist auch speziell«, sagte er grinsend. »Und das gefällt mir. Außerdem hatten wir grandiosen Sex.«

»Den hättest du auch mit einer anderen. Du weißt eben, was du tust.«

Daraufhin wurde Nikks Lächeln noch breiter. »Bleib einfach bei mir, Riley. Dort draußen ist es zu gefährlich für eine hübsche Frau. Für Frauen allgemein.«

»Für jeden«, wandte ich ein. »Dort draußen ist es für jeden gefährlich.«

»Dann sollte mein Angebot umso verlockender sein.«

Ich nickte zögernd. Ja, das Hunter-Hauptquartier mit all seinen Angeboten für die Geliebten war definitiv ein Hauptgewinn. Jede andere Frau da draußen hätte keine Sekunde gezögert, aber ich … ich tat es, auch wenn sich in meinem Kopf bereits ein Plan geformt hatte, der mein Bleiben im Hauptquartier voraussetzte.

»Überlege es dir. Mein Angebot steht, aber du solltest dich bald entscheiden, weil du sonst gehen musst«, sagte Nikk schließlich und holte mich aus den Gedanken.

»Das mache ich«, versicherte ich ihm.

»Gut. Ich komme morgen wieder vorbei. Du bist bestimmt erschöpft.« Er richtete sich auf und trat zur Tür. »Gute Besserung, Riley.«

Sobald er gegangen war, stand ich auf und schleppte mich noch einmal aufs Klo. Der Schmerz beim Pinkeln schien mit jedem Mal schlimmer zu werden und ich biss die Zähne fest zusammen, um nicht aufzuschreien. Als ich mich wieder erhob, tanzten lauter Punkte vor meinen Augen herum. Ich stütze mich am Waschbecken ab und drängte die aufsteigenden Tränen zurück. Tief ein- und ausatmend, blieb ich ein paar Minuten so stehen, bis das Brennen und Ziepen wieder erträglicher wurde, und kehrte zurück ins Zimmer, um mich hinzulegen und die Decke über meinen Kopf zu ziehen.

Ich dachte über Nikks Angebot nach, gab es jedoch bald auf, eine Entscheidung zu treffen, als der Schmerz in meinem Schoß wieder stärker wurde. Mir brach der Schweiß aus allen Poren aus und ich begann unkontrolliert zu zittern. Mit letzter Kraft schaffte ich es noch, den Alarmknopf zu drücken, bevor ich das Bewusstsein verlor.




Als ich aufwachte, war es dunkel im Raum, nur vereinzelte Knöpfe an den Geräten um mich herum leuchteten und piepsten leise. Ich fühlte mich noch sehr benebelt und mein Mund war staubtrocken, sodass mir das Schlucken schwer fiel.

Vorsichtig richtete ich mich auf und hielt inne, als mir schwindelig wurde. Mit einem Seufzer lehnte ich mich wieder zurück und schloss die Augen. Was war denn geschehen? Wieso fühlte ich mich so hundeelend?

Kurz darauf betrat jemand das Zimmer. Ich blinzelte und erkannte eine ältere Pflegeschwester. »Wie fühlen Sie sich?«, fragte sie mich freundlich.

»Was ist mit mir passiert?«, entgegnete ich und leckte mir über die staubtrockenen Lippen.

»Ihr Körper hat schlapp gemacht«, erklärte sie langsam. »Sie haben eine Wunde im Inneren ihrer Scheide, die sich entzündet hat. Wir haben Ihnen starke Medikamente verabreicht, weshalb Sie sich jetzt so benebelt fühlen.«

»Muss ich sterben?«

Sie lächelte mitfühlend. »Nein, Miss. Die Medikamente werden dafür sorgen, dass die Wunde bald heilt.«

»Okay.« Ich schloss die Augen wieder und brauchte nur wenige Sekunden, bis ich zurück in die äußerst willkommene Bewusstlosigkeit glitt.

Das nächste Mal, als ich die Augen öffnete, befand sich das Hunter-Oberhaupt bei mir im Zimmer. Er stand mit verschränkten Armen am Fenster, durch das helles Sonnenlicht hereinschien. Ich wusste nicht, wie er es merkte, dass ich wach war, aber er drehte sich sofort um und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.

»Wie geht es dir?«, wollte er wissen.

»Ich lebe«, erwiderte ich murmelnd und schaute weg.

»Sag mir, Riley«, er trat auf mich zu und blieb neben dem Bett stehen, »hätten wir dich sterben lassen sollen?«

Mein Kopf ruckte abrupt zur Seite, damit ich ihn wieder ansehen konnte. »Was soll das heißen?«

»Willst du überhaupt leben?«, präzisierte er seine Frage und stützte die Hände auf der Bettkante ab.

»Natürlich will ich leben!«, entgegnete ich sofort. »Was ist das für eine blöde Frage?«, fügte ich hinzu und wurde mir im selben Moment bewusst, mit wem ich da überhaupt sprach. Ich räusperte mich. »Entschuldigung, Sir«, presste ich sogleich hervor.

»Wenn du leben willst, dann hör auf, dich wie ein beleidigtes Kind zu benehmen, und gib Bescheid, wenn du starke Schmerzen hast«, sagte der Hunter streng.

»Ich bin kein Kind. Das sollten Sie wohl am besten wissen«, konnte ich mir am Ende nicht verkneifen.

»Ja, das weiß ich. Und ich weiß, dass du wütend auf mich bist. Aber für diese Wut ist hier kein Platz. Schau mich an!«

Ich reckte mein Kinn und starrte ihm ins Gesicht.

»Komm drüber weg.«

»Wo drüber? Sie können es ja nicht einmal aussprechen!« Mir war bewusst, dass ich zu weit ging, aber ich konnte mich einfach nicht stoppen. Ich wollte eine Auseinandersetzung! Ich wollte, dass er mit mir über das sprach, was zwischen uns geschehen war. Er sollte, verdammt nochmal, zeigen, dass es ihn nicht völlig kalt ließ, auch wenn es das tat.

»Das reicht, Riley«, sagte One ruhig und vollkommen gefasst, aber ich sah ein kurzes Zucken um seine Mundwinkel. »Ich lasse dich jetzt wieder schlafen. Gestern war Nikk bei dir. Nimm sein Angebot an, ansonsten musst du das Hauptquartier verlassen, sobald du wieder gesund bist.«

Ich sah ihm nach, als er das Zimmer verließ, und schluckte die Bitterkeit herunter, die mich befiel. Er hätte mir deutlicher nicht machen können, dass es zwischen uns keinerlei Verbindung mehr gab. Er selbst würde bei seiner Geliebten bleiben, und im Gegenzug ermunterte er mich sogar dazu, wieder die Geliebte eines anderen Hunters zu werden. Das war ein endgültiger Abschluss des Kapitels Riley und Taleon, das nie richtig begonnen hatte.

»Was hast du denn auch erwartet?«, fragte ich mich selbst. »Was zum Teufel hast du erwartet?«  

Ich wusste zumindest, was ich insgeheim gehofft hatte, aber das würde ich nie im Leben vor mir selbst zugeben!

Ich drückte auf den Alarmknopf, und als eine Schwester zu mir kam, bat ich sie um etwas, das mir beim Schlafen helfen würde. Sie injizierte eine Flüssigkeit in das Ding, das in meinem Handrücken steckte, und bereits ein paar Minuten später begann es zu wirken.




»Du wolltest mich sprechen?« Nikk setzte sich auf die Bettkante, als er am nächsten Tag bei mir erschien, und sah mich mit einem unbeschwerten Grinsen an.

»Richtig.« Ich bemühte mich, sein Lächeln zu erwidern. »Wenn dein Angebot noch steht, würde ich es gerne annehmen«, fügte ich schnell hinzu, bevor ich es mir doch noch anders überlegte. In den vergangenen Stunden hatte ich meinen Plan weiter ausgefeilt und wollte ihn nun in die Tat umsetzen. Erster Schritt: Zurück zu Nikk kehren und sein Vertrauen gewinnen.

»Und wie es steht!«, erwiderte dieser auch schon und deutete auf seinen Schoß.

Ich verdrehte die Augen, musste aber wirklich kurz lachen. So war Nikk eben – direkt, versaut und hoffentlich auch leicht zu manipulieren, wenn ich es geschickt anstellte.

»Gut, dann würde ich gerne wieder zu dir zurückkommen«, sagte ich entschlossen.

»Alles klar. Deine Sachen sind noch in der Wohnung neben meiner. Sobald du hier raus bist, ziehst du dort wieder ein.«

»Danke.« Ich legte meine Hand auf seine und strich mit den Fingerspitzen über seine Knöchel.

»Kein Problem. Immerhin habe ich auch etwas davon«, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Ja, genau, er hatte wieder einen willigen Körper, den er für seine Triebe benutzen konnte. Ich als Mensch zählte überhaupt nicht. Aber gut, immerhin hatte ich nun auch vor, Nikk zu benutzen. Ich wollte mir sein Vertrauen erschleichen und dann versuchen, mehr über meinen Vater und die Verbindung zu dem ominösen Alexis Silva herauszufinden. Das war der einzige Grund, wieso ich diese Farce weiterhin mitmachen wollte. Sobald ich bekam, was ich mir erhoffte, würde ich hier endgültig verschwinden!

Nikk blieb noch ein paar Minuten bei mir und erzählte etwas, an das ich mich später nicht mehr erinnern konnte. Nachdem er gegangen war, aß ich das mir gebrachte Mittagessen und ließ mir anschließend von der Schwester ins Bad helfen.

Es tat nicht mehr so sehr weh, mein kleines Geschäft zu verrichten, dennoch erinnerte mich der Schmerz weiterhin an etwas, das ich unbedingt ganz schnell wieder vergessen wollte. Das ich vergessen musste, um weitermachen zu können.

Die Tage im Krankenzimmer zogen sich dahin und zerrten an meinen Nerven. Ich war heilfroh, als die Ärztin schließlich verkündete, dass ich am nächsten Morgen gehen dürfte.

Zu meiner Überraschung holte Nikk mich gegen Mittag ab und brachte sogar einen Blumenstrauß mit.

»Äh … was soll das denn?«, fragte ich ihn verwirrt, als er mir die Rosen reichte.

»Ihr Frauen mögt doch Blumen, oder?«, entgegnete er daraufhin achselzuckend. »Mir wurde geraten, dir welche zu schenken.«

Ich schüttelte lächelnd den Kopf und legte die Blumen auf das Krankenbett. Vielleicht würde eine der Schwestern sich darüber freuen. »Bleib einfach so, wie du bist, Nikk«, richtete ich an den Hunter und hakte mich bei ihm ein. »So gefällst du mir am besten.«

»Genau das wollte ich von dir hören, Baby.« Er löste seinen Arm aus meinem Griff und legte ihn stattdessen um meine Schultern. »Mir hätte gleich klar sein müssen, dass du nicht auf solchen Weiberkram stehst. Also, Riley, wie wird es jetzt weitergehen? Ich hoffe, du lässt dich nicht noch einmal von irgendjemandem dazu bringen, mir den Laufpass zu geben.«

»Nein, ich weiß jetzt, woran ich bei dir bin.«

»Ja? Also keine Zickereien mehr?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Mir ist bewusst, welches Glück ich habe, hier im Hauptquartier bleiben zu dürfen. Das möchte ich nicht noch einmal riskieren. Und außerdem ...«, ich stellte mich auf die Zehenspitzen und fügte flüsternd hinzu, »bist du wahnsinnig gut im Bett. Ich hätte es nicht besser erwischen können.«

In den nächsten Stunden sagte ich noch mehr Dinge, von denen ich glaubte, dass Nikk sie hören wollte. Und ich befriedigte ihn, obwohl ich mich bei weitem nicht fit genug dafür fühlte und aufgrund der ärztlichen Anweisung auch nicht mit ihm schlafen durfte. Dabei unterdrückte ich jede aufsteigende Emotion und funktionierte einfach nur noch mechanisch.

Als Nikk endlich genug von mir hatte und zufrieden vor sich hin schlummerte, war ich mir sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, meinen Plan erfolgreich durchzuführen. Ich musste es nur schaffen, den Ekel vor dem, was ich dafür tun musste, nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

 

 

»Willkommen zurück, Blondie!« Savannah lächelte, als wir uns ein paar Tage später vor der Cafeteria begegneten.

Ich verdrehte die Augen, weil sie diesen Spitznamen benutzte, und erwiderte ihr Lächeln. Es erstaunte mich selbst, aber ich freute mich wirklich, sie zu sehen. Nach den drei Tagen, in denen Nikk mich kaum in Ruhe gelassen hatte, war ihr Gesicht eine willkommene Abwechslung zu seinem.

»Hi«, grüßte ich zurück und blieb stehen.

»Schön, dass es dir wieder besser geht. Hab gehört, es war ganz schön knapp da draußen«, fuhr Sava leiser fort und hakte sich bei mir ein. »Ich bin froh, dass dir nichts Schlimmeres zugestoßen ist. Arron war ziemlich fertig, als wir davon erfuhren, dass man euch in einen Hinterhalt gelockt hatte und ihr beide verschwunden wart. Gott sei Dank hat der Suchtrupp euch gefunden!«

»Leider haben wir es nicht alle da raus geschafft«, entgegnete ich und verdränge das Bild von Danika, das vor meinem inneren Auge aufblitzte.

»Ja.« Sie nickte nachdenklich. »Aber wenigstens ihr beide. Ich möchte gar nicht wissen, was hier nun los wäre, wenn One es nicht geschafft hätte.«

Bei diesen Worten zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Eine Welt ohne One schien mir völlig unmöglich. Ja, er hatte mich abserviert und mir deutlich klargemacht, dass uns absolut nichts verband, und er benahm sich wie ein gefühlskalter Unmensch, dennoch wünschte ich ihm nichts Übles. Im Gegenteil.

»Können wir bitte über etwas anderes sprechen?«, bat ich Sava schnell, um nicht mehr über all das, was passiert war, nachdenken zu müssen.

»Oh, ja, sicher. Sorry, ich wollte dich nicht aufregen. Es tut mir leid, was mit deiner Freundin passiert ist. Aber jetzt sage ich kein Wort mehr dazu, versprochen.«

Wir holten uns in der Cafeteria etwas zu essen und setzten uns anschließend draußen auf eine Bank in der Nähe der Universität hin.

»Nikk hat dich also zurückgenommen«, begann Sava ein neues Gespräch und schaute mich neugierig an. »Bist du froh darüber?«

»Sehr«, antwortete ich und konzentrierte mich auf mein Sandwich, damit mein Gesicht nichts anderes verriet.

»Was war da überhaupt los bei euch? Arron hat angedeutet, du hättest das Hauptquartier ganz verlassen wollen.«

Savannahs Neugier war ein Fluch! Ich zuckte mit den Achseln und gab mich ganz unbekümmert. »Ich hatte einen schwachen Moment. Frella hat da etwas gesagt, was mich durcheinander gebracht hat, deshalb wollte ich gehen. Aber das ist vorbei. Ich bin mir ganz sicher, dass ich hier bei Nikk bleiben möchte«, log ich weiter und hoffte, dass ich überzeugend klang. Auch wenn ich in Sava so etwas wie eine Freundin sah, konnte ich ihr nicht anvertrauen, was ich wirklich vorhatte. Ich konnte niemandem vertrauen, außer mir selbst.

»Frella ist ein Miststück«, wandte Sava daraufhin ein. »Sie ist neidisch auf jede und sucht überall Streit. Lass dich bloß nicht von ihr provozieren. Sie legt es darauf an, überall Unruhe zu stiften, und erträgt es nicht, wenn andere glücklich sind. Ihr Hunter hält es auch nur mit ihr aus, weil sie alles tut, was er von ihr verlangt, und ihn sonst in Ruhe lässt.«

Ich nickte und hoffte, sie würde das Thema Nikk oder Frella wieder fallen lassen. Aber leider war Sava wie so oft in Plapperlaune und philosophierte weiter über Nikks und meine Beziehung. Am Ende schaffte sie es sogar, meine Aussagen so hinzubiegen, dass ich plötzlich jemand war, der sich in seinen Hunter verknallt hatte. Ich ließ sie in dem Glauben, ich würde so für Nikk empfinden. So forschte sie zumindest nicht in eine andere Richtung.

Zu meinem Bedauern wurde ich an diesem Abend noch einmal zu One gerufen. Zumindest redete ich mir ein, dass ich ihm auf keinen Fall begegnen wollte. Aber ein Teil von mir sah es anders, was ich jedoch geschickt zu unterdrücken vermochte. 

Ich schaffte es, mich nach außen hin gelassen zu geben, als ich One in seinem Büro gegenüber stand. Monoton beantwortete ich seine Fragen nach meinem Gesundheitszustand und lehnte ab, als er mir anbot, mich zu setzen. »Nikk wartet auf mich, ich kann nicht lange bleiben«, sagte ich stattdessen. »Was wollten Sie mit mir besprechen, Sir?«

»Wir haben eine neue Spur, was die Ermordung deiner Freundinnen betrifft.« One lehnte sich gegen eins der Regale hinter seinem Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich dachte, du würdest das wissen wollen.«

Ein Adrenalinstoß erfasste mich und ich machte einen Schritt nach vorne. »Welche Spur?«

»Einen Namen. Luc Roma. Sagt er dir etwas?«

Ich dachte kurz nach und schüttelte den Kopf. »Wer ist das?«

»Ein Kleinkrimineller. Wir haben seine Fingerabdrücke in unserem System. Und wir haben sie in dem Haus, in dem Danika gefangen gehalten wurde, gefunden. Er wird jetzt gesucht.«

»Man hat sie dort gefangen gehalten?«, hakte ich entsetzt nach. Ich hatte angenommen, sie wäre dort bis zu unserem Auftauchen freiwillig und sicher gewesen. »Über einen längeren Zeitraum?«

»Ja. Die Spuren in einem Zimmer dort deuten darauf hin.«

Ich sah auf den Boden und atmete tief durch. »Man hat ihr etwas Schlimmes angetan, nicht wahr?« Es fiel mir nicht leicht, die Worte zu äußern, aber ich wollte es wissen. Ich wollte alles wissen! Ich wollte wissen, was man meiner Freundin angetan hatte und wer es getan hatte. Und ich wollte mich eines Tages dafür rächen. In mir begann ein Hass zu gären, den ich bewusst unter der Oberfläche verborgen hielt und langsam nährte.

One bestätigte meine Vermutung. »Es sieht ganz danach aus.«

»Was hat man ihr angetan?« Als er nicht antwortete, trat ich an ihn heran und schaute entschlossen zu ihm hoch. »Sagen Sie es mir, Sir!«

»Wir werden uns darum kümmern, Riley.« Er löste den Knoten seiner Arme und machte einen Schritt zur Seite, von mir weg.

»Ich will wissen, was man ihr angetan hat!«, wiederholte ich störrisch und ballte meine Hände zu Fäusten.

One musterte mich einen Augenblick schweigend, dann erzählte er es mir, ohne etwas zu beschönigen. Als er fertig war, beugte ich mich über einen Abfalleimer und übergab mich. Der Hunter half mir wieder auf die Füße und reichte mir ein Taschentuch und eine Flasche Wasser.

Ich fühlte mich elend, aber ich zwang mich dazu, keine einzige Träne zu vergießen. Ich würde nicht weinen und stattdessen meine Emotionen beherrschen. Das konnte ich.

»Sie sagen mir doch, wenn Sie herausgefunden haben, wo dieser Luc Roma sich aufhält?«, richtete ich schließlich an das Oberhaupt.

»Sobald wir ihn finden, wird er verhört und bestraft, wenn sich der Verdacht gegen ihn bestätigt.«

»Wie wird er bestraft?«

One schien nicht erfreut über meine Fragerei, aber er antwortete, wofür ich ihm dankbar war. »Hart. Er wird für seine Taten büßen, womöglich mit seinem Leben. Du hast mein Wort, Riley.«

Ich nickte und schmiss das benutzte Taschentuch in den Abfalleimer. »Tut mir leid für … das da«, deutete ich mit einem Finger darauf.

»Mach dir deshalb keine Gedanken. Bist du in Ordnung?«

»Nein, aber ich komme schon darüber hinweg. Sagen Sie mir einfach nur, wenn Sie dieses Schwein gefunden haben. Ich will …« Ich biss mir auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. »Ist es möglich, dass ich ihn sehe, wenn Sie ihn geschnappt haben?«, fragte ich und schaute auf.

»Nein«, erwiderte er.

»Bitte!«

»Riley, das geht nicht.«

»Bitte, Sir.« Ich trat zu ihm und registrierte verwundert, dass er leicht zurückwich, als wäre ihm meine Nähe unangenehm. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, was das zu bedeuten hatte, wies er meine Bitte schroff ab und befahl mir, jetzt zu gehen.

Kurz darauf stolperte ich durch die Straßen und hatte Mühe, meine Fassung zu bewahren. Als ich in meiner Wohnung ankam, klopfte Nikk nur kurze Zeit später an. Obwohl ich nichts und niemanden sehen und allein mit meinen Rachegedanken sein wollte, wies ich ihn nicht ab und ließ mich von ihm verführen. Ich stöhnte und streichelte ihn routiniert, gab vor, unbändige Lust zu empfinden, während ich krampfhaft das aufkeimende Ekelgefühl erstickte.

Als Nikk fertig war, bestellte er etwas zu essen und bot mir an, noch bei ihm zu bleiben. Ich tat es, und ich lachte über seine Witze, schaute mit ihm eine Fernsehshow, über die ich im Nachhinein nichts hätte sagen können, weil ich mich kaum darauf konzentrierte. Ich massierte Nikk, befriedigte ihn noch einmal und begann ein beiläufiges Gespräch, während er langsam wegdämmerte.

Nach und nach bekam ich so Abend für Abend heraus, wie das System der Wache hier im Empire aufgebaut war und funktionierte. Weil ich meine eigentlichen Motive nicht verraten wollte, wechselte ich das Thema immer wieder zwischendurch. Und wenn Nikk doch mal misstrauisch über meine Neugier zu werden schien, schob ich mich unter seine Decke und lenkte ihn mit meinem Körper ab.

Sobald ich mir sicher war, dass er fest und tief schlief, schlich ich auf Zehenspitzen durch seine Suite und suchte nach etwas, das mir bei meinem Plan behilflich sein konnte. Leider fand ich nichts, was mir weiterhalf, aber ich hatte Zeit. Jeder noch so kleine Schritt war bereits ein Erfolg.

14. Kapitel

 

 


Die Bank in der Nähe der Bibliothek bot mir einen guten Platz, um ein Buch zu lesen und die Umgebung unauffällig zu beobachten, als mich jemand plötzlich beim Vornamen ansprach. Überrascht schaute ich auf und sah direkt in das Gesicht von Anessa, Ones Geliebter.

»Ich möchte mit dir sprechen«, sagte sie und schaute auf mich herab.

»Okay.« Ich ließ mir meine Verwirrung nicht anmerken und rückte ein Stück zur Seite.

»Nicht hier. Komm mit.« Sie wandte sich ab und ging los.

»Nein.« Schön und gut, dass der Hunter, mit dem sie das Bett teilte, hier das Sagen hatte, aber ich würde mich garantiert nicht deswegen auch ihr unterordnen! »Wenn du mit mir sprechen möchtest, kannst du es auch hier tun.«

Sie blieb stehen und betrachtete mich mit leicht gerümpfter Nase. Anscheinend war sie es nicht gewohnt, dass man ihr etwas abschlug. Ich fragte mich, wie sie es mit dem Anführer aushielt, der auf mich nicht den Eindruck machte, ein Mann zu sein, der sich anderen beugte. Doch vielleicht war er anders bei ihr. Dieser Gedanke versetzte mir einen Stich, sodass ich ihn schnell wieder verdrängte.

»Schön. Dann eben so.« Anessa nahm neben mir Platz und drehte sich mir zu. »Ich weiß nicht, wer du bist, und es interessiert mich auch nicht im Entferntesten. Aber du hast meinen Mann in Gefahr gebracht, und das sehe ich nicht gerne.«

»Deinen Mann?«, entfuhr es mir, ohne dass ich es verhindern konnte. »Wo ist der Ring an deinem Finger?«

Ihre grünen Augen verengten sich. »Meine Beziehung zu Taleon One geht dich nichts an. Und ich bin auch nicht deswegen hier. Mir geht es darum, dass du aufhörst, ihn mit deinen Problemen zu behelligen. Er hat auch so schon genug zu tun. Lass ihn in Ruhe, sonst bekommst du wirkliche Probleme.« Nach dieser Drohung erhob sie sich wieder und stolzierte davon.

Ich schaute ihr nach und schnaubte. Die hielt sich eindeutig für etwas Besseres! In mir regten sich Verärgerung und Trotz. Am liebsten wäre ich sofort zu One gerannt und hätte ihn mit meinen Problemen behelligt. Oder noch besser: ihr nachgelaufen, um ihr zu erzählen, was zwischen ihrem tollen Mann und mir gelaufen war.

Natürlich tat ich nichts davon und beruhigte mich stattdessen wieder. Mich ging die Beziehung der beiden nichts an. Ich hatte eigene Sorgen. Ich musste endlich mehr über meinen Vater und die Verzeichnisse herausfinden. Und ich wollte hier so bald wie möglich verschwinden!

»Hi, Blondie!« Savannah erschien kurz darauf und nahm neben mir Platz. »Wieder am Lesen, was?« Ihr breites Lächeln war entwaffnend und eine willkommene Abwechslung zu Anessas abweisender Miene.

»Kennst mich ja.« Ich schlug das Buch zu und packte es in meine Tasche.

»Was hast du heute noch vor?«, fragte sie im nächsten Moment.

»Das Übliche.« Mich von Nikk begatten lassen.

»Wie wär’s, wenn du heute zu Arron und mir kommst. Ich koche etwas Schönes, wir machen uns einen netten Abend. Hast du Lust?«

Eigentlich wollte ich wieder daran arbeiten, mehr über das Sicherheitssystem hier im Hauptquartier aus Nikk herauszubekommen, aber vielleicht wusste ja auch Sava das ein oder andere darüber und würde es mir nebenbei erzählen?

»Klingt gut«, erwiderte ich nickend. »Wann soll ich da sein?«

»Um sechs. Und zieh dir etwas Schickes an.«

»Warum?«

»Weil ich mich auch schick machen werde. Das macht Spaß, probiere es aus.« Sie zwinkerte mir mit einem Auge zu.

»Ja, vielleicht.« Ich hatte wirklich keine Lust, meine Zeit mit einer Modenschau zu verschwenden.

»Super! Ich muss dann noch ein wenig einkaufen gehen.« Sava stand auf und schaute zu mir runter. »Kommst du mit?«

»Nee, ich wollte … mir noch ein Buch ausleihen«, schwindelte ich und deutete auf die Bibliothek hinter mir.

»Okay. Dann bis später. Das wird sicher lustig.«

»Ja, bis später.«

Sava ging davon und ich stand ebenfalls auf, um mich in Richtung des großen Gebäudes zu begeben. Aber ich betrat es nicht, sondern spazierte weiter, tat so, als würde ich bloß ein wenig Luft schnappen, während ich meinen Blick in jede Ecke huschen ließ und mir einprägte, wo es geeignete Versteckmöglichkeiten gab. Ich war eher klein und zierlich, was sicher von Vorteil dabei war. Wenn ich also nachts hier herumschleichen würde, könnte ich dort vor den Wachen unentdeckt bleiben.

Plötzlich wurde ich von hinten angerempelt, sodass mir die Tasche herunterfiel.

»Ups«, erklang es sogleich neben mir. »Du warst wohl im Weg.«

Ich blickte in Frellas grinsendes Gesicht und verdrängte den Wunsch, ihr das falsche Grinsen grob wegzuwischen. »Sorry«, sagte ich stattdessen und beugte mich hinab. »Ich hatte deine ausladenden Hüften nicht mit eingeplant, während ich diesen vier Meter breiten Weg entlangging. War meine Schuld.«

Ihr Grinsen verblasste. Stattdessen holte sie aus und trat meine Tasche weg.

»Hey, lass das, du -« Ich schluckte die Beleidigung herunter und hob die Tasche auf, wobei ich ihr einen wütenden Blick zuwarf.

»Da gehörst du hin. Auf den Boden«, sagte sie noch, bevor sie weiterging.

Ich atmete ein paar Mal tief durch, um mich zu beruhigen. Frella war es nicht wert, dass ich meine Energie für sie verschwendete. Ich würde ihr den Gefallen nicht tun, auf ihre Provokationen einzugehen, und womöglich Ärger dafür zu bekommen.

»Nur noch ein Weilchen, dann hast du es geschafft«, sprach ich mir selbst zu und stand wieder auf. Ich würde mich von niemandem von meinem Ziel abbringen lassen. Erst recht nicht von irgendeiner dahergelaufenen Frau, die es aus mir schleierhaften Gründen auf mich abgesehen hatte.

Ich ging zurück in meinen Wohnbereich, wo ich wieder das Buch herausholte und darin weiterlas. Es beschrieb einige chemische Elemente, die ich allesamt unter Namen aus dem alltäglichen Gebrauch kannte. Es war sehr interessant und lies mich kurz sogar vergessen, wo ich mich befand und warum.

Das Lesevergnügen wurde durch Nikks Auftauchen gestört. Wie alle anderen Hunter hatte er zuvor in einem riesigen Außenbereich trainiert. Das Training war wichtig, damit die Männer fit und stark blieben.

»Kommst mit duschen?«, bot Nikk grinsend an.

»Ich bin mit Sava verabredet«, entgegnete ich kopfschüttelnd und versuchte, bedauernd zu wirken. »Ein andermal sehr gerne.«

»Was habt ihr beiden vor?«, fragte er, war aber bereits auf dem Weg zur Verbindungstür, die zu seiner Suite führte.

»Sie kocht etwas, dann quatschen wir … Weiberkram.«

»Alles klar. Bleib aber nicht so lange, damit ich heute noch etwas von dir habe.«

»Okay«, beugte ich mich seinem Willen. Scheinbar konnte nicht einmal das harte Training ihn davon abhalten, mit mir zusätzlich auch noch durch das Bett zu toben. Dabei hatte ich gehofft, wenigstens heute etwas Ruhe zu haben.

»Bald hast du es geschafft«, murmelte ich, sobald Nikk verschwunden war. »Halte noch ein wenig durch. Das schaffst du, Riley!«

Ich legte das ausgeliehene Buch zur Seite und öffnete den Kleiderschrank, um mir etwas zum Anziehen auszusuchen. Savannah hatte gemeint, es wäre ein Spaß, sich schick zu machen. Für mich war es das nicht, aber wenigstens konnte ich mich damit wieder etwas von meinen unschönen Gedanken ablenken und mir gleichzeitig überlegen, wie ich der Verlobten von Arron Informationen entlocken könnte, ohne dass sie Verdacht schöpfte.

Ich zog ein schlichtes, schwarzes Kleid mit einem knielangen Rock und kurzen Ärmeln heraus, hielt es mir an den Körper und warf es aufs Bett. Dann kramte ich noch blickdichte und ebenfalls schwarze Strumpfhosen aus einer Schublade und schlüpfte aus der Kleidung, die ich anhatte. Nikk würde dieses sexy Outfit sicher gefallen …

Vor meinem inneren Auge tauchte Ones Bild auf, aber ich verdrängte es gleich wieder. Er hatte mir deutlich gemacht, woran ich bei ihm war. Und ich würde mich garantiert nicht zum Idioten machen, indem ich ihm nachtrauerte. Nein, ich konnte froh sein, sobald ich dem ganzen Theater hier endlich entkommen war!

 

 


»Riley, du siehst toll aus! Komm rein.«

Ich trat in Savas Suite und versteifte mich leicht, als sie mich unvermittelt umarmte. Das kam völlig unerwartet. Mit einem zögernden Lächeln bedankte ich mich für ihr Kompliment, sobald sie mich wieder losließ.

»Findest du nicht, dass ich es etwas mit dem Make-up übertrieben habe?«, hakte ich dann nach und berührte meine Wange.

»Vielleicht ein bisschen.« Sie zeigte einen Millimeter-Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Es ist das erste Mal, dass ich mich geschminkt habe.«

Sie lächelte nachsichtig und zwinkerte mir mit einem Auge zu. »Komm mal mit. Ich zeige dir, wie man es etwas dezenter gestalten kann.«

Ich folgte ihr in ein gigantisches Badezimmer, das aus goldbraunen Fliesen, viel glänzendem Stahl und vereinzelten Blumenkübeln bestand.

»Wow!«, hauchte ich ehrfurchtsvoll und sah mich um. »Und ich dachte, mein Bad wäre schon nicht von dieser Welt.«

Sava grinste amüsiert. »Ich habe auch lange gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Manchmal kneife ich mich auch heute noch, weil ich glaube, dass alles bloß ein Traum ist.«

»Es ist ein Traum«, murmelte ich und dachte daran, dass ich meinen Traum bald schon wieder platzen lassen würde.

»Ich zeige dir jetzt, wie du mit Make-up am besten umgehen solltest.« Sie trat zu dem großen Spiegel an einer Wand und zog eine Schublade aus der Kommode darunter heraus. »Denn oft ist weniger mehr.«

Ich trat neben sie und ließ mir von ihr erklären, welche Farben zu meinem Typ passten und wie man einen Lidstrich zog, ohne im Nachhinein wie ein Waschbär auszusehen. Überrascht stellte ich fest, dass es mir wirklich Spaß machte, mit Sava über solche belanglosen Dinge zu reden. Kurzzeitig konnte ich alle Sorgen vergessen und nur noch eine junge Frau sein, die zusammen mit ihrer … Freundin über Schminke sprach.

Schließlich entfernte sie mein selbst aufgetragenes Make-up und schminkte mich einmal neu. Es sah um Meilen besser aus als mein Werk zuvor.

»Darf ich auch an deine Haare ran?«, fragte Sava schließlich.

»Was stimmt denn mit denen nicht?«, entgegnete ich und drehte meinen Kopf nach links und rechts, während ich mich im Spiegel anschaute.

»Der Pferdeschwanz ist viel zu fest gebunden. In zwei Stunden bekommst du Kopfschmerzen davon.« Sie löste das Haargummi und fuhr mir mit einer Bürste kurz durch die Wellen. »Lass sie offen, das sieht hübsch aus.«

»Okay.« Ich zuckte mit den Achseln.

»Ich gehe nicht mehr oft aus, deshalb mache ich mir hin und wieder ein besonderen Abend zu Hause«, fuhr Sava fort und öffnete eine weitere Schublade. »Hier im Hauptquartier gibt es auch eine Tanzbar, wie du sicher bereits gesehen hast, dort bin ich früher öfter hingegangen. Es ist ganz schön da, Musik, Tanz, Ausgelassenheit. Aber die Mädels nerven nur noch.« Dieser Aussage folgte ein tiefes Seufzen. »Es wird nur noch gelästert oder über die Ausstattung der Liebhaber debattiert. Und selbst das ist noch angenehmer als die Fragerei nach meinen Hochzeitsplänen.«

»Dann frage ich dich lieber nicht, wann es so weit ist«, wandte ich scherzend ein.

Sie schenkte mir ein Lächeln durch den Spiegel. »Wir wissen es selbst noch nicht. Die Behörden im Empire lassen sich da ganz schön viel Zeit.«

»Die Behörden im Empire?«, hakte ich neugierig nach. Ich wusste so wenig über die Empire, kannte bloß das aus den früheren Lehrbüchern oder vom Hörensagen.

Sava trat von der Kommode weg und zupfte noch an meinen Haaren herum. »Hunter dürfen eigentlich nicht heiraten. Zumindest nicht außerhalb des Empire«, erzählte sie dabei leise. »Wir brauchen also das Einverständnis der Behörden.«

»Gibt es denn Hunter, die mit Frauen aus dem Empire verheiratet sind?«

»Jede Menge!«, bestätigte Sava nickend. »Was ziemlich bescheuert ist, wenn du mich fragst. Immerhin sehen die Frauen ihre Männer so gut wie nie, und umgekehrt. Stattdessen vergnügen sich die Hunter mit Geliebten oder Frauen aus den Hunter-Bars.«

»Wozu heiraten sie dann überhaupt?«

»Da fragst du die Falsche. Ich sage ja, es ist total bescheuert. Vielleicht dient es der reinen Fortpflanzung. Sie setzen ihren Frauen einen Braten in die Röhre und verabschieden sich, um keine Verantwortung zu übernehmen.«

Ich machte große Augen. »Die Hunter haben auch noch Kinder?«

Sava zuckte mit den Schultern. »Kann doch sein. Immerhin müssen die Privilegierten ja irgendwie ihren Fortbestand sichern. Und Hunter haben gute Gene. Sie sind stark, werden im Grunde nie krank und die meisten sind auch noch recht intelligent.«

Ich brauchte einen Augenblick, um diese Neuigkeiten zu verarbeiten. »Und«, setzte ich schließlich an und hoffte, dass sie mich nicht für viel zu neugierig hielt, »kennst du hier jemanden, der verheiratet ist? Und Kinder hat?«

»Ein paar vom Namen her, aber mit denen habe ich noch nie etwas persönlich zu tun gehabt«, erwidere sie, und ich spürte regelrecht, wie mir ein Stein vom Herzen fiel, auch wenn ich nicht zugeben wollte, wieso das so war.

»Komm, gehen wir in die Küche«, sagte Sava im nächsten Moment und ging voran. »Ich muss zugeben, ich habe nicht alles selber gekocht, aber das Hühnchen ist von mir, das schwöre ich!«

Ein sehr appetitlicher Geruch stieg mir in die Nase und ich atmete ihn tief ein, während sie mich durch einen großen Wohnbereich und um eine Ecke herum in die angrenzende Küche führte.

»Wer soll das alles essen?«, fragte ich erstaunt, als ich die vielen Schüsseln und mit Häppchen beladenen Teller erblickte.

»Ich habe einen sehr hungrigen Verlobten«, erwiderte Sava belustigt und öffnete den Backofen.

»Arron isst mit?«, hakte ich nach und wusste nicht, wie ich es finden sollte, als sie bejahte. Einerseits mochte ich den sanften Riesen, doch andererseits konnte ich seine Verlobte wohl schlecht in seiner Anwesenheit ausfragen.

Im nächsten Moment fluchte Sava los, als ihr die Kelle aus der Hand in eine Schüssel fiel und großzügig dunkle Soße über ihr mintgrünes Kleid verteilte. »Ich muss mich schnell umziehen«, verkündete sie schließlich und bat mich, die Servierplatte anzurichten.

Sobald Sava gegangen war, holte ich das unglaublich gut duftende Hühnchen aus dem Ofen und legte es auf den großen Teller, den sie bereitgestellt hatte. Ich bewunderte Sava für ihre Kochkünste, denn ich selbst hatte keine. Nun, wenn man davon absah, erlegte kleine Tiere aus dem Wald auf einen Spieß zu stecken und über einem Feuer zu braten. Während ich bei Karen und Danika gelebt hatte, hatten wir uns von fertigen Gerichten ernährt, die uns Baris‘ Männer stets gebracht hatten.

Ich verdrängte den Gedanken an meine ermordeten Freundinnen schnell wieder und widmete mich meiner Aufgabe. Dann vernahm ich plötzlich Geräusche im angrenzenden Wohnbereich und hielt in der Bewegung inne, als auch Stimmen zu hören waren. Arron und … Ich erstarrte. Die andere Stimme gehörte One. Was machte er hier? Was hatte das zu bedeuten?

So leise wie möglich machte ich ein paar Schritte zur Abbiegung, um die beiden besser zu verstehen, und hielt die Luft an.

»Es beschäftigt dich immer noch, das sehe ich doch.« Arron. Ich erkannte die Stimme des freundlichen Hunters auf Anhieb.

»Ich habe keine Zeit dafür, wir haben wichtigere Dinge zu erledigen.« Das war One, und das kleine Fünkchen Hoffnung, ich hätte mich getäuscht, verflog sofort. Stattdessen raste mein Herz los.

»Wir haben immer etwas zu erledigen, Mann. Gönn dir doch mal einen Moment der Ruhe und genieße das Essen meiner Frau, ohne dabei deinen nächsten Schachzug zu planen. Du hast bereits alles in die Wege geleitet und dafür gesorgt, dass die Kleine hier in Sicherheit bleibt. Viel mehr kannst du jetzt nicht tun.«

Ich runzelte die Stirn und fragte mich, ob ich mit die Kleine gemeint war. Hatte One dafür gesorgt, dass ich das Hauptquartier nicht verließ? Aber wie? Es war Nikk gewesen, der mir ein neues Angebot gemacht hatte. Oder sprachen die beiden über jemand anderen? Begierig nach mehr Informationen spitzte ich meine Ohren, doch das Gespräch der Hunter wurde durch Savannah unterbrochen, die zu ihnen gestoßen war.

Verdammt, dachte ich und kehrte zurück in die Küche, um meine Aufgabe schnell zu erledigen, bevor Sava hier war. Sie erschient nur kurze Zeit später neben mir und nickte anerkennend, als sie die Servierplatte sah.

»Gut gemacht, sieht lecker aus. Dann lass uns mal schnell den Tisch decken, die Männer sind hungrig.«

»Die Männer?«, hakte ich nach und gab vor, nichts von dem Auftauchen der beiden Hunter mitbekommen zu haben. »Heißt das, wir essen nicht nur zu dritt?«

»Arron hat Taleon mitgebracht. Das stört dich doch nicht, oder?« Sava nahm einen Stapel Teller und bedeutete mir mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen.

»Nein«, erwiderte ich und hoffte, dass ich überzeugend klang. »Ich hätte nur nicht gedacht, dass das Oberhaupt hier isst.« Wir bogen um eine weitere Ecke und gelangten in ein großes Esszimmer.

»Er isst oft mit uns zusammen. Ich habe ja die heimliche Vermutung, dass er auf diese Weise etwas Zeit schindet, um nicht zu Madame Anessa zu gehen. Aber das würde er nie zugeben.«

»Das glaubst du?«, fragte ich möglichst beiläufig und half ihr beim Tischdecken. Lass gut sein, ermahnte mich eine innere Stimme der Vernunft, aber ich konnte nicht. Da war einfach der Drang, an Informationen über Taleon und seine Geliebte zu gelangen, auch wenn diese mir nicht guttun würden.

»Tief im Inneren glaube ich daran, dass Taleon die Hexe auch nicht leiden kann, ja«, gab Sava lachend zurück. »Ich kann es kaum erwarten, dass er sie endlich in den Wind schießt! Ihre Gnadenfrist läuft bald ab.«

Ich wollte sie noch etwas fragen, doch da näherten sich die Stimmen der beiden Hunter dem Esszimmer und ich verstummte. Arron betrat als erster den Raum, gefolgt vom Oberhaupt. Ich wandte den Blick ab und gab mich äußerst beschäftigt mit meiner Aufgabe, die Servietten neben die Teller zu stellen.

»Hallo, Riley«, begrüßte Savannahs Verlobter mich einen Augenblick später. »Ich wusste gar nicht, dass wir heute Besuch haben.«

Ich warf Sava einen kurzen Seitenblick zu und drehte mich dann in seine Richtung. »Mir war auch nicht bewusst, dass Sava und ich nicht alleine essen«, erwiderte ich, und diese Antwort war eher an den anderen Hunter im Raum gerichtet. One sollte auf keinen Fall glauben, ich würde bewusst seine Nähe suchen. »Aber es ist schön, dich zu sehen«, fügte ich hinzu, damit Arron nicht dachte, ich hätte etwas gegen seine Gesellschaft. »Hallo, Sir«, begrüßte ich auch das Oberhaupt, um nicht unhöflich zu wirken. Er antworte mit einem knappen Nicken, schaute mich nicht länger als nötig an, was ich bedauerte. Ich hätte zu gerne gewusst, was er davon hielt, dass ich hier war. Falls sein Gesicht überhaupt etwas verraten würde, er ließ eher selten zu, dass man ihm irgendeine Emotion ansah.

»Nehmt Platz, das Essen kommt gleich«, ließ Sava verlauten und ich folgte ihr zurück in die Küche, aus der wir nun die Servierplatte und die weiteren Köstlichkeiten, die sie zubereitet oder besorgt hatte, in das Esszimmer rüber trugen.

Unbehaglich setzte ich mich neben One, nachdem Sava den Platz neben ihrem Verlobten eingenommen hatte. Ich hätte mich natürlich auch auf einen Stuhl möglichst weit weg von ihm setzen können, aber das hätte sicher etwas merkwürdig auf die anderen gewirkt. Und etwas Positives hatte es auch – so musste ich ihm zumindest nicht ins Gesicht schauen.

Ich schwieg die meiste Zeit und widmete mich dem Essen, während Arron und Sava das Gespräch am Laufen hielten. Mein Herz wurde etwas schwer, als ich wahrnahm, wie vertraut und liebevoll die beiden miteinander umgingen. Es gab, wie ich nun deutlich vor mir sah, auch Hunter, die tiefere Gefühle zuließen und sie nicht als etwas Negatives erachteten.

Überrascht war ich, als ich hörte, wie One in Gegenwart seines Freundes aufzutauen schien und sich mit ihm über irgendeine neue Kampftechnik, die er demnächst erproben wollte, unterhielt. Dabei wirkte er so … zugänglich. Richtig gesellig. Und ich ertappte mich schließlich dabei, wie ich an seinen Lippen hing, während er darüber berichtete. Es war mir regelrecht peinlich, dass er erneut eine Welle an unwillkommenen Emotionen in mir hochbranden ließ, und es machte mich wütend, wie schwach mich der Hunter machte.

Deshalb war ich auch wahnsinnig erleichtert, als wir alle aufgegessen hatten und Sava und ich den Tisch abräumten, während die beiden Männer in Arrons Arbeitszimmer verschwanden.

»Ich bin so voll«, verkündete Sava und blies die Wangen auf, wobei sie sich auf den Bauch klopfte.

»Es war sehr lecker«, lobte ich ihre Kochkünste zum wiederholten Male. »Wenn ich so kochen könnte ...«

»Ich kann’s dir beibringen«, bot sie an. »Es ist gar nicht so schwer, wenn man ein Rezept und die benötigten Zutaten hat. Wenn du magst, kannst du wieder vorbeikommen und wir kochen zusammen.«

»Ich werde es mir überlegen«, entgegnete ich lächelnd. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich wahrscheinlich nicht auf ihr Angebot zurückkommen würde. Immerhin nahm Nikk meine Dienste sehr oft in Anspruch, und wenn ich doch mal frei hatte, setzte ich alles daran, endlich mit meiner eigentlichen Mission hier voranzukommen.

»Velen Dank für deine Einladung, Sava«, sagte ich schließlich, sobald wir fertig waren. »Ich muss jetzt los, Nikk wartet auf mich.«

»Der kriegt einfach nicht genug, was?«, erwiderte sie daraufhin schmunzelnd.

An der Eingangstür schlüpfte ich in meine Schuhe und keuchte überrascht auf, als Sava mich schon wieder umarmte. »Es war schön, dich hier zu haben, Riley«, sagte sie dabei. »Ich würde mich sehr freuen, wenn du noch mal vorbeikommst.«

Ich erwiderte ihr Lächeln und bemühte mich, mir das Unbehagen, das ich bei ihrer Umarmung verspürt hatte, nicht anmerken zu lassen. Nach dem Verlust von Danika und Karen fiel es mir schwer, mich auf eine neue, tiefere Freundschaft einzulassen. Und außerdem würde ich hier verschwinden, sobald ich erst einmal meine Informationen erhalten hatte. Für eine Freundschaft zwischen Sava und mir gab es einfach keinen Platz, was mir ein leises Gefühl des Bedauerns bescherte.

»Ich begleite dich«, erklang es plötzlich neben uns und One öffnete die Eingangstür hinter meinem Rücken.

Ich ließ mir nicht anmerken, wie wenig begeistert ich von seiner Idee war, und nickte.

Er verabschiedete sich von Savannah, wartete, bis ich die Suite verlassen hatte, und folgte mir.

Mein Herz raste, als ich ihm zum Fahrstuhl nachlief. Ich war sehr nervös, gab mir aber die größte Mühe, es mir nach außen hin nicht anmerken zu lassen. Erst als die beiden Stahltüren geschlossen waren und wir nach unten fuhren, wandte er sich mir zu.

»Solche zufälligen Begegnungen sollten wir in Zukunft vermeiden«, sagte er mit ernster Miene.

»Sava hat mich eingeladen. Ich wusste ja nicht, dass du – dass Sie ebenfalls anwesend sein würden«, verteidigte ich mich und ignorierte das unschöne Gefühl in meiner Brust, das er mit seiner Äußerung ausgelöst hatte. War ich ihm wirklich so zuwider, dass er nicht einmal wenige Stunden in meiner Nähe ertrug?

»Jetzt weißt du es. Ich kann nicht beeinflussen, mit wem du dich anfreundest, es ist deine Entscheidung. Aber ein solches Abendessen wird nicht noch einmal stattfinden.« Die Türen öffneten sich, nachdem der Fahrstuhl zum Stehen gekommen war, und One trat hinaus. »Hast du das verstanden, Riley?«, wollte er dabei noch von mir wissen.

»Ja, Sir«, bestätigte ich mühsam. Ich verstand nicht, wieso er auf einmal so abweisend mir gegenüber war. Immerhin klebte ich nicht an ihm und suchte auch nicht bewusst seine Nähe. Ich hielt Abstand, so gut ich eben konnte, machte mir keine falschen Hoffnungen und verwendete das, was zwischen uns passiert war, nicht gegen ihn. Ich hatte seine abweisende Behandlung nicht verdient!

»Den restlichen Weg schaffe ich allein, Sir«, sagte ich, als wir das Gebäude verlassen hatten. »Einen schönen Abend noch.« Ich beschleunigte meine Schritte und war froh, dass er mir nicht folgte.

In meinem Wohnbereich angekommen, atmete ich erst einmal tief durch und sammelte mich innerlich, bevor ich meine Kleidung wechselte. Kaum war ich in eine bequeme Freizeithose geschlüpft, klopfte es an der Verbindungstür und Nikk kam herein. Ich hielt ihm zugute, dass er sich zuerst nach dem Abend bei Sava erkundigte, bevor er das einforderte, weswegen er zu mir gekommen war.

Als ich Stunden später endlich meine Ruhe hatte, hatte in meinem Kopf nur noch ein einziger Gedanke Platz: Ich muss hier weg. So schnell wie möglich. Ich ertrug es nicht viel länger, ein Spielzeug oder ein unwillkommener Gast zu sein.




In der nächsten Woche observierte ich das Verhalten der Wachen bis ins kleinste Detail, während ich nach außen hin so tat, als würde ich viel spazieren gehen oder ein Buch auf einer der überall herumstehenden Bank lesen. Später machte ich mir Notizen in ein kleines Büchlein, das ich in einem der Läden erworben hatte und das ich unter der Matratze meines Bettes versteckte.

Und dann war ich endlich soweit, mein angesammeltes Wissen dazu zu verwenden, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Noch am selben Abend wollte ich losziehen und in der privaten Bibliothek, deren Zutritt für uns Geliebte verboten war, nach den Verzeichnissen der Hunter suchen. Ich wusste, dass Nikk eine Schlüsselkarte hatte, die laut seiner eigenen Aussage nahezu alle Türen öffnen konnte, und diese wollte ich ihm nachher entwenden, sobald er eingeschlafen war.

Ein letztes Mal suchte ich die Einkaufspassage auf, um mir neue Dessous zu kaufen – ich würde später alle Register ziehen, um Nikk zu befriedigen und ihn in einen zufriedenen Schlaf zu schicken. Doch als ich in dem Laden, in dem die Dessous verkauft wurden, auf Frella traf, bereute ich diesen Beschluss sofort. Diese eingebildete Ziege hatte mir noch gefehlt!

»Sieh an, wen haben wir denn da?«, ließ sie auch schon verlauten, als sie mich erblickte. »Brauchst du neue Unterwäsche für deinen Göttergatten?«

Ich ignorierte sie und brachte möglichst viel Abstand zwischen uns, indem ich die hinterste Ecke des Ladens ansteuerte, aber Frella war wohl auf Krawall aus und folgte mir.

»Wie wäre es mit nuttigen Strapsen? Darauf steht Nikk besonders, wie ich weiß.« Sie holte ein Set aus einem Regal und warf es mir auf den Kopf.

Ich kochte innerlich und sah plötzlich äußerst brutale Fantasien vor mir, wie ich diesem Miststück den Mund stopfen könnte. Aber ich beschränkte mich nur darauf, mich kurz zu vergewissern, dass uns niemand sah, und sie dann blitzschnell zu packen und gegen eine Wand zu drücken.

»Lass mich in Ruhe, sonst zeige ich dir, wie man kleine, unschuldige Häschen ausnimmt. An deinem eigenen Leibe, wenn du verstehst«, zischte ich ihr zu und registrierte zufrieden, dass ihr wütender Blick ins Ängstliche wechselte. Ich ließ sie wieder los, schnappte mir Dessous aus türkiser Seide und ging zur Kasse, wo mein Ausweis kurz eingescannt wurde. Als ich kurze Zeit später den Laden wieder verließ, hatte ich ein Lächeln auf den Lippen.

15. Kapitel

 

 


Nikk schlief. Endlich hatte er genug gehabt und von mir abgelassen, viel länger hätte ich seinen kaum stillbaren Hunger nicht ausgehalten.

So leise wie möglich tauschte ich die neuen Dessous gegen bequeme Unterwäsche und schlüpfte in eine schwarze Hose und einen ebenfalls schwarzen Pullover. Mein Haar, das im Dunkeln wie ein Signal leuchten würde, stopfte ich unter eine Mütze und zog auch die Kapuze des Pullovers drüber. Dann schlich ich zu Nikks Hose und suchte die Taschen nach seiner Schlüsselkarte ab. Mittlerweile wusste ich, dass er sie stets bei sich trug. Sobald ich sie hatte, schlich ich auf Zehenspitzen aus der Suite und begab mich über das Treppenhaus nach unten.

Den Blick stets auf die Armbanduhr gerichtet, die ich Nikk ebenfalls entwendet hatte, passierte ich die ersten beiden Wachen, die pünktlich ihre Runde vor dem Haus drehten. In einer kleinen Abschottung des nächsten Gebäudes blieb ich im Schatten stehen und wartete geduldig auf die nächsten Hunter, die nur wenige Meter von mir entfernt einen Weg entlang gingen. Es erstaunte mich selbst, dass meine Notizen so präzise waren und wirklich alles so ablief, wie ich es mir ausgerechnet hatte. Keine der Wachen fiel aus ihrer Rolle, jeder tat das, was er jeden Abend tat. Scheinbar folgten sie ihren Befehlen haargenau, ohne auch nur einen Millimeter abzuweichen.

Gut für mich!

Nach ein paar Minuten verließ ich mein Versteck und lief in gebückter Haltung zum nächsten. Nur wenige Sekunden später tauchten auch schon die Wachen auf und gingen ihres Weges. Auf diese Weise gelangte ich schließlich zu dem Gebäude, in dem sich die Bibliothek befand, zu der ich sonst keinen Zutritt hatte. Vor ein paar Tagen hatte ich herausgefunden, dass das Personal mit einer Schlüsselkarte hineingelangte. Und jetzt konnte ich nur hoffen, dass es mit der von Nikk ebenfalls möglich war.

Nachdem die beiden Hunter, die hier Wache hielten, vorbeigegangen waren, schlüpfte ich aus der Nische, in der ich mich verborgen gehalten hatte, und schlich zum Eingang. Ich wusste, dass ich genau 4,35 Minuten hatte, bevor die beiden wieder auftauchen würden, also musste ich mich beeilen.

Mit zittrigen Fingern zog ich die Karte durch den Schlitz des dafür zuständigen Geräts und gab Nikks Geheimzahl ein, die ich mir ebenfalls vor Kurzem erschlichen hatte, als ich ihn dabei beobachtete, wie er eine Tür öffnete. Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer, als ein grüner Knopf aufleuchtete und ich die Tür öffnen konnte.

»Oh, danke, danke, danke«, murmelte ich und schlüpfte schnell hinein, da die Wachen jeden Augenblick auftauchen würden. Ich lehnte mich gegen eine Wand und atmete tief durch. Geschafft! Ich war drin, ich hatte es tatsächlich geschafft. Mich durchflutete eine tiefe Erleichterung, da ich eigentlich nicht damit gerechnet hatte, dass es wirklich auf Anhieb gelingen würde.

Mit einem Lächeln auf den Lippen begab ich mich kurz darauf weiter hinein in die Räume der privaten Bibliothek. Es war stockdunkel hier drin und ich stieß ein paar Mal gegen die herumstehenden Möbel. Da ich nicht wusste, wo ich überhaupt zu suchen anfangen sollte, tastete ich erst einmal die Regale ab und holte jedes Buch heraus, um es kurz mit dem Ziffernblatt der Uhr anzuleuchten. Jede Menge interessante Titel sprangen mir entgegen und ich bedauerte es, dass ich keine Zeit hatte, mir einige davon näher anzusehen.

Ich musste etwas finden, das nach den Verzeichnissen der Hunter aussah!

Mit den ausgestreckten Armen voran ging ich in den nächsten Raum und überlegte, ob ich das Licht anmachen konnte, da es hier keine Fenster gab und es somit auch nicht nach draußen scheinen würde. Doch noch bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, vernahm ich ein Geräusch. Es war ganz leise und hatte sich nach einem Klicken angehört. Mein Herz begann zu rasen, während ich mich an die Wand drückte und in die Hocke sank. Auf allen Vieren kroch ich zur Seite und stieß dabei gegen einen Tisch oder Stuhl, der in der Stille ein ohrenbetäubendes Geräusch von sich gab.

»Nicht bewegen!«, erklang es plötzlich hinter mir.

Mir gefror das Blut in den Adern und ich erstarrte.

»Langsam aufstehen und die Hände so heben, dass ich sie sehen kann«, kam der nächste Befehl und jetzt erkannte ich auch die Stimme. Das Herz sank mir in die Hose.

»Nicht … nicht schießen«, murmelte ich und kam dabei langsam auf die Füße. Ich hob meine Arme. »Bitte, nicht schießen.«

»Riley? Mädchen, was machst du denn hier?« Schritte traten zu mir heran, dann erkannte ich die großen Umrisse des Hunters. »Trägst du etwas bei dir, das du als Waffe verwenden könntest?«

»Nein.«

»Ich muss das überprüfen.«

Während Arron mich vorsichtig abtastete, überlegte ich fieberhaft, wie ich aus dieser Situation herauskommen könnte. Man hatte mich erwischt und das würde sicher Konsequenzen mit sich ziehen. Womöglich schlimme Konsequenzen.

»Ich nehme an, das ist Reveras Schlüsselkarte«, sagte Savas Verlobter, sobald er diese in meiner Hosentasche gefunden hatte. »Weiß er, dass du hier bist? Hat er dir die Karte gegeben?«

»Nein«, gab ich wahrheitsgemäß zurück.

»Dann hast du sie also gestohlen.« Ich hörte ein tiefes Seufzen. »Du hast mich in eine wirklich unangenehme Lage gebracht, Riley«, fuhr Arron fort und schob seine Pistole zurück in die Halterung an seinem Gürtel. »Dir ist der Zutritt zu dieser Bibliothek untersagt. Dass du einem Hunter die Schlüsselkarte entwendest und nachts hierher kommst, ist ein grober Regelverstoß.«

Ich schluckte schwer. »Kannst du … kannst du mich nicht einfach laufen lassen?«, fragte ich ihn mit dem letzten Fünkchen Hoffnung, das ich noch in mir hatte. »Ich … ich verlasse das Quartier und komme nie wieder hierher zurück, ich schwöre es!«

Er seufzte erneut. »Tut mir leid, das kann ich nicht tun. Ich werde dich jetzt zu One bringen.«

Panik erfasste mich, und als hätte Arron geahnt, dass ich gleich etwas Dummes tun würde, schnappte er meine Hände und befestigte sie auf meinem Rücken zusammen. Ich spürte kühles Metall an den Handgelenken und die Panik in mir wuchs ins Unermessliche.

Mein Gott, was würde denn jetzt geschehen? Wie bestrafte man einen groben Regelverstoß?

»Das hier bereitet mir keine Freude, Riley«, ließ Arron noch einmal verlauten, dann umfasste er meinen Oberarm und führte mich mit sich.

Mir fiel auf, dass wir die Bibliothek nicht durch den Haupteingang, sondern durch eine Hintertür verließen. Ich schaute mich nach allen Seiten um, aber ich machte mir erst gar nicht die Illusion, dass ich dem Hunter entkommen könnte. Und selbst wenn – um die Ecke lauerte die nächste Wache, die eine rennende Person wahrscheinlich auch notfalls mit Gewalt aufhalten würde.

»Was passiert jetzt mit mir?«, fragte ich Arron leise und meine Stimme zitterte leicht.

»Das habe nicht ich zu entscheiden«, erwiderte er und schenkte mir ein kurzes bedauerndes Lächeln.

Und dieses Lächeln war genau das, was plötzlich mein schlechtes Gewissen entfachte. Arron war die ganze Zeit nett zu mir gewesen – und nun war er derjenige, der mich bei einem Regelverstoß erwischt hatte. Er musste schwer enttäuscht von mir sein. Und ich selbst war es auch. Wie hatte ich nur einen Moment glauben können, mit meinem Plan durchzukommen? Die Hunter waren doch nicht dumm! Sie hatten Sicherheitssysteme, von denen ich wahrscheinlich noch nicht einmal etwas ahnte. Wie sonst war es möglich gewesen, dass man mich so schnell entdeckt hatte? Ich bräuchte wahrscheinlich mehrere Monate der intensiven Recherche, bis ich alle notwendigen Informationen zusammen gebracht hätte, aber der Ekel vor mir selbst und dem, was ich für meinen Aufenthalt im Hauptquartier tun musste - meine gottverfluchten Emotionen und Gefühle – hatten mir im Weg gestanden. Ich war zu voreilig und naiv gewesen. Und jetzt würde ich dafür bestraft werden.

Arron führte mich in den hintersten Bereich des Hauptquartiers und ich sah, dass er etwas aus seiner Brusttasche holte, was er sich in das rechte Ohr steckte. Kurz darauf begann er mit jemandem zu sprechen und mein Herzschlag beschleunigte sich noch weiter, sobald ich erfasst hatte, dass er One mitteilte, was geschehen war.

Mir rauschte das Blut in den Ohren, wenn ich daran dachte, dass ich gleich auf ihn treffen würde. Wie sollte ich ihm mein Verhalten erklären? Sollte ich es ihm überhaupt erklären? War es nicht klüger, schnell eine Ausrede zu erfinden? Oder gleich ganz zu schweigen, um mich nicht selbst zu belasten.

Als wir um eine Ecke bogen, sah ich in der Ferne einen Wagen vor einem hohen Gebäude stehen. Ich erkannte den roten Schopf von Ones Geliebten, die in diesen Wagen stieg, und ihn selbst, der die Tür hinter ihr zuschlug. Die Gewissheit, dass sie bis eben zusammen gewesen waren, erfasste mich mit einem heftigen Stoß, und ich blieb abrupt stehen, als wäre ich gegen eine Mauer gelaufen.

»Komm schon, Riley, mach es nicht noch komplizierter«, bemerkte Arron neben mir und zog mich mit sanfter Gewalt weiter. »One hat auch Regeln, an die er sich halten muss, und du machst es ihm wirklich sehr schwer, dich hier zu behalten.«

»Dann schickt mich fort«, wandte ich flehend ein. »Ich schwöre bei meinem Leben, dass ich nie wieder zurückkehren werde. Und ich werde niemandem darüber erzählen, dass ich hier war!«

»Wie gesagt, das habe ich nicht zu entscheiden.«

Der Wagen, samt Anessa, fuhr davon und der Blick des Oberhaupts wanderte sogleich in unsere Richtung. Ich begann noch mehr zu schwitzen; plötzlich war es unerträglich heiß unter dem Pullover und der Kapuze. Ich spürte die kleinen Schweißperlen, die meinen Rücken hinabliefen, und erzitterte.

Wir blieben vor One stehen und ich starrte auf den Boden, während das Oberhaupt mit Arron sprach.

»Sichere die Videoaufnahmen und das Protokoll«, wies er ihn an. »Sorge dafür, dass Camell und Bortho nichts gesehen haben. Ab hier übernehme ich.«

»Verstanden.« Arron ließ meinen Oberarm los und ging weg.

Ich hatte große Angst, hochzuschauen, tat es aber trotzdem. Ones Miene war unergründlich, ich konnte in ihr nichts über mein jetziges Schicksal lesen, und das machte mir noch mehr Angst.

»Folge mir«, sagte er schließlich. »Keine Dummheiten.«

Eine Kopfbewegung seinerseits wies mich an, in welche Richtung ich gehen musste. Er blieb dicht hinter mir, ohne mich zu berühren, und ich war dankbar dafür.

One brachte mich zu einem niedrigen Gebäude mit abgedunkelten Fenstern, sprach kurz mit den Wachen, die vor der Tür standen, und führte mich schließlich hinein. Durch einen grell erleuchteten Gang gelangten wir zu einer weiteren Tür, die One öffnete und mir aufhielt. Im Inneren des Raums befanden sich nur ein Tisch, zwei Stühle und ein breiter Spiegel an einer Wand.

»Setz dich hin.«

Ich nahm auf einem der Stühle Platz und beugte mich etwas vor, damit meine auf dem Rücken verbundenen Hände nicht störten. Mittlerweile krampfte eine Schulter aufgrund der verdrehten Haltung meiner Arme. Im nächsten Moment löste One die metallenen Fesseln, und ich atmete erleichtert aus.

Er legte die beiden silbernen Ringe vor mir auf den Tisch hin und trat ein paar Schritte weg. »Für wen arbeitest du?«

Verwirrt hob ich den Kopf und runzelte die Stirn. »Für niemanden«, antwortete ich.

»Ich frage dich noch einmal, Riley: Für wen arbeitest du?«, wiederholte er eindringlicher.

»Für niemanden!«, sagte ich nun etwas lauter. »Ich weiß nicht einmal, was Sie damit meinen.«

»Wieso hast du dich in die private Bibliothek geschlichen?«, schoss er die nächste Frage ab. »Was wolltest du dort? Wonach hast du gesucht?«

Ich presste die Lippen aufeinander und schluckte schwer. Im Moment wusste ich nicht, ob ich ihm die Wahrheit erzählen sollte. »Nichts Besonderes. Die Bücher lesen, die wir nicht lesen dürfen«, log ich deshalb.

Erschrocken wich ich zurück, als er beide Hände auf den Tisch vor mir knallte und sich zu mir beugte. »Verarsch mich nicht!« Die Ausdruckslosigkeit war aus seinem Gesicht verschwunden, er sah wütend und sehr Furcht einflößend aus. »Ich frage dich ein letztes Mal: Für wen arbeitest du? Wer gab dir den Befehl, dich ins Hauptquartier zu schleusen und hier herumzuschnüffeln? Sag es mir, dann wird deine Strafe milder ausfallen.«

»Niemand!« Ich wich noch weiter vor ihm zurück und spürte, dass die Angst mich beinahe lähmte. »Das war meine eigene Idee. Ich wollte … Ich wollte doch nur …« Meine Stimme brach und die Sicht verschleierte von den aufsteigenden Tränen. »Ich wollte doch nur mehr über meinen Vater herausfinden«, brachte ich flüsternd hervor. »Ich habe nach den Verzeichnissen gesucht. Ich wollte nur wissen, was darin über meinen Vater steht. Das ist die Wahrheit, das schwöre ich! Niemand gab mir irgendwelche Befehle, ich habe ganz allein entschieden, so zu handeln.« Ich wischte die Tränen von meine Wangen und zog die Nase hoch.

One musterte mich noch einen unendlich langen Augenblick, dann richtete er sich auf und wandte sich ab.

Viel zu viele Gefühle brachen wie eine Welle über mir zusammen. Angst, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung und Resignation. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Nicht nur mit den körperlichen, auf einmal verspürte ich das immense Verlangen, mich einfach nur noch hinzulegen und liegen zu bleiben. Für immer.

»Was soll ich nur mit dir machen, Riley?«, meldete sich One wieder zu Wort, blieb aber weiterhin von mir abgewandt.

»Ich weiß es nicht, Sir«, murmelte ich und beugte mich vor, um meine Elenbogen auf den Tisch zu stützen und mein Gesicht in den Händen zu vergraben. »Und so langsam … ist es mir auch egal.« Meine Tränen flossen und ich ließ es zu, bemühte mich jedoch, keine Laute von mir zu geben.

Irgendwann versiegte dieser Quell, ohne dass One auch nur ein Wort von sich gegeben hatte. Ich rieb meine Wangen trocken und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, damit er nicht sehen konnte, wie verquollen es war.

»Werde ich bestraft?«, fand ich schließlich den Mut, ihm die Frage zu stellen, die mir auf der Seele brannte.

»Ja«, kam es ohne Verzögerung zurück. »Du bleibst erst einmal hier, bis über deine Strafe entschieden wurde.«

»Hier?« Ich sah mich in dem Raum um. Wie lange würde eine solche Entscheidung dauern?

»Komm mit.« One öffnete die Tür und wartete, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte. Er führte mich erneut durch den Gang zu einem anderen Zimmer. In diesem befanden sich eine Pritsche, samt Decke, eine Toilette und ein kleines Waschbecken. Ansonsten war es kahl und trist. Wahrscheinlich kamen hier die Verbrecher unter - und ich war jetzt eine von ihnen.

»Du solltest dich ausruhen. Morgen sprechen wir weiter.« Kaum hatte er diese Worte gesagt, war er fort und ich allein in dem dunklen Raum. Nur ein kleiner Lichtstrahl drang durch das schmale Gitterfenster, das sich oben in der Tür befand.

Ich legte die Arme um mich und kämpfte mühsam darum, nicht noch einmal in Tränen auszubrechen. Hier in diesem winzigen Raum gefangen zu sein, dieses beklemmende Gefühl schürte meine Verzweiflung. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie es nun weitergehen würde. Ich wusste nicht, was mit denjenigen geschah, die einen groben Regelverstoß begangen hatten. Ich konnte nur hoffen, dass man mich einfach aus dem Hauptquartier fortschickte. Doch auch diese Hoffnung war nur minimal, denn dafür war mein Verstoß wohl zu schwerwiegend gewesen. One wusste nicht, welche Informationen ich in der kurzen Zeit in der Bibliothek gesammelt hatte. Vielleicht gab es dort Dinge, die nie an die Öffentlichkeit gelangen durften, was bedeutete, dass ich nun eine Gefahr darstellte.

»Oh, Gott!«, stieß ich aus und tastete mich zur Pritsche hin. Ich nahm die Decke und wickelte sie um mich, weil ich heftig zu zittern begann. Aber es half nicht. Ich konnte die Kälte nicht aus meinem Inneren vertreiben. Ich fror fürchterlich und rollte mich zu einer Kugel zusammen.

Meine Gedanken überschlugen sich. Plötzlich waren da lauter Bilder, die mir zeigten, was mit mir geschehen würde, eins grausamer als das andere. Vor Angst und Verzweiflung bekam ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, und richtete mich hastig wieder auf. Ich stolperte zur Tür und klopfte dagegen, während ich viel zu hastig nach Luft schnappte und dabei doch nicht genügend Sauerstoff bekam.

»Hilfe!«, krächzte ich und klopfte noch ein wenig fester.

»Was ist da drin los?«, erklang es kurz darauf von der anderen Seite.

»Ich … keine Luft!«

Die Tür wurde geöffnet und ein Hunter, den ich nicht kannte, musterte mich mit gerunzelter Stirn. »Setz dich mal hin und leg deinen Kopf zwischen die Knie«, wies er mich schließlich an und ich gehorchte. »Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Du musst dich beruhigen, das ist eine Panikattacke.«

Ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern konzentrierte mich auf das Atmen, wie er es mir befohlen hatte. Nach und nach schaffte ich es tatsächlich, wieder normal Luft zu holen.

»Geht’s wieder?«, erkundigte sich der Hunter.

Ich nickte und behielt meinen Kopf weiterhin zwischen den Knien.

»Ich bringe dir eine Flasche Wasser.« Er schloss die Tür und tauchte kurze Zeit später mit der versprochenen Flasche wieder auf.

»Danke.« Ich nahm die Flasche entgegen und trank langsam.

»Du solltest schlafen«, wies der Hunter mich erneut an. »Dann vergeht die Zeit schneller.«

Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte, legte ich mich auf die Pritsche und deckte mich zu. Doch an Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Die Ungewissheit über meine Zukunft ließ mir keine Ruhe. Immer wieder setzte ich mich auf, um meinen Kopf zwischen die Knie zu senken und mich durch das Ein- und Ausatmen zu beruhigen, wenn ich erneut das Gefühl verspürte, nicht genug Luft zu bekommen.

Ich war erleichtert, als die Angst und Panik schließlich von einem heftigen Wutgefühl vertrieben wurden. Wie konnte One mich nur in diesem beengten Raum, allein mit der Ungewissheit zurücklassen? Das war grausam!

Ich hatte gegen die Regeln verstoßen, einen großen Fehler begangen, ihn und die anderen hintergangen – aber ich war immer noch ein Mensch. Ein Mensch mit Gefühlen. Mit Emotionen, die er so sehr verabscheute. Eine Frau, um die er sich gesorgt und der er das Leben gerettet hatte. Mit der er geschlafen hatte.

Er war grausam! Ich verabscheute ihn mit all den verletzten Gefühlen, die ich verspürte. Mit meiner Angst, mit meiner Verzweiflung, mit meiner Hoffnungslosigkeit und mit der Wut. Mit all den Emotionen, die er selbst nicht zuließ, vielleicht nicht zulassen wollte oder konnte. Aber ich konnte es und ich tat es, und es half mir, nicht den Verstand zu verlieren, in all den Stunden, die er mich in dem winzigen Raum allein ließ.

 Irgendwann wurde ich durch das Öffnen der Tür geweckt. Langsam richtete ich mich auf und strich meine zerwühlten Haare nach hinten.

»Hier ist etwas zu essen.« Der Hunter, der mir bereits in der Nacht bei meiner Panikattacke geholfen hatte, stellte ein Tablett auf dem Boden vor dem Bett ab. »In einer halben Stunde wirst du abgeholt.«

»Und dann?«, hakte ich nach. »Was geschieht dann?«, wiederholte ich, als er nicht antwortete.

»Ich weiß es nicht. Und jetzt iss.«

Er ging wieder und ich beugte mich hinab, um nach dem Tablett zu greifen. Mitten in der Bewegung hielt ich inne und richtete mich wieder auf. Ich würde nichts essen. Aus Protest und Trotz. Wenn ich schon so geringschätzig behandelt und wie ein wildes Tier weggesperrt wurde, dann verdiente ich auch die Nahrung nicht.

Ich ließ das Essen stehen und erledigte meine Morgentoilette. Dann streckte ich meine Glieder, weil ich völlig verspannt war. Die fast schlaflose Nacht auf der Pritsche, das beengte Gefühl in diesem winzigen Raum, der ganze Stress – das alles ging mir an die Nieren! Und ich musste all meine Kraft auftreiben, nicht wieder in Panik zu geraten, wenn ich daran dachte, wie meine Bestrafung für den Regelverstoß aussehen könnte.

Erneut kam mir die Überlegung, ob mir eine Flucht gelingen könnte, aber ich verwarf sie schnell wieder. Es war unmöglich, den Huntern zu entkommen. Ich besaß zu wenige Informationen, war nicht stark und schnell genug und würde mir dadurch nur noch mehr Ärger einhandeln. Vielleicht würde man mich auch notgedrungen erschießen? Würde One das zulassen?

Er hat auch dafür gesorgt, dass du hier eingesperrt wirst, erinnerte ich mich selbst. Es war endlich an der Zeit, mich von meiner naiven Hoffnung, ich sei ihm doch nicht völlig unbedeutend, zu verabschieden! Er hatte mich im Hauptquartier behalten, weil er dachte, ich könne ihm bei der Lösung seines Falls helfen. Und jetzt vermutete er, ich würde für jemand anderen arbeiten und ihn ausspionieren wollen. Damit war ich keine Hilfe mehr, sondern eine Bedrohung. Was taten Hunter mit Bedrohungen?

Die Tür wurde erneut geöffnet und One betrat den winzigen Raum. Sein Blick fiel auf das unangerührte Essen und heftete sich dann an mich. »Wieso hast du nichts gegessen?«

Ich zuckte mit den Schultern und verschränkte die Arme vor der Brust. »Werde ich jetzt bestraft?«, fragte ich anstelle einer Antwort und spannte mich an. Mit aller Kraft, die ich auftreiben konnte, wappnete ich mich innerlich gegen alles, was nun von dem Hunter kommen mochte.

»Ja«, erwiderte er auch schon und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, mit ihm zu kommen.

One führte mich in den Raum, in dem ich am Abend zuvor bereits von ihm verhört worden war. Ich nahm auf demselben Stuhl Platz und schob meine zittrigen Finger zwischen die Oberschenkel, während er mir gegenüber an der Wand stehen blieb.

»Du wirst angeklagt und wegen Diebstahls und des unbefugten Eindringens in private Räumlichkeiten verurteilt. Und gegen dich besteht der Verdacht der Spionage und des Verrats«, begann One und richtete seinen gnadenlosen Blick starr auf mich. »Die Strafe darauf lautet: Gefängnis.«

»Ge… Gefängnis?«, wiederholte ich stotternd. Ich hatte bereits das ein oder andere über die Gefängnisse gehört und darunter war nichts Gutes gewesen. Ganz im Gegenteil. Diese Orte sollten schlimmer als die Hölle selbst sein.

»Ja. Für mindestens ein Jahr«, fügte One hinzu und machte einen Schritt in meine Richtung. »Weißt du, was ein Gefängnis ist?«

»Dort werden Verbrecher eingesperrt«, flüsterte ich und presste meine Hände fest zusammen. Ich fühlte mich elend. Mein Magen rebellierte, und das lag nicht nur daran, dass ich das Essen verweigert hatte. Die Angst vor dem Gefängnis hatte mich fest im Griff.

»Richtig. Verbrecher aller Art. Abtrünnige Menschen, die sich nicht an Regeln und Gesetze halten. Und solche, auf die die Bezeichnung Mensch nicht einmal zutrifft.«

Ich schluckte schwer. »Aber ich … ich habe doch niemandem wehgetan! Oder spioniert. Ich wollte nur wissen, wer mein Vater war«, brachte ich mühsam hervor.

»Wolltest du das?«

»Ja!«, beteuerte ich und beugte mich vor. »Ich arbeite für niemanden. Ich bin kein Spion oder Verräter!«

»Und ich muss wohl auf dein Wort vertrauen? Es ist also nicht so, dass die ganzen Zufälle, die dich hierher geführt haben, vielleicht gar keine Zufälle waren. Und vielleicht heißt du ja gar nicht Riley McDermont und hast diesen Namen ganz bewusst gewählt.«

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Ich bin keine Lügnerin, Sir! Ich schwöre es!« Ich stützte meine Hände auf den Tisch und stand auf. »Ich heiße Riley McDermont und mein Vater war Reos McDermont. Meine Mutter hieß Lanja und meine Schwester Malenne. Wir haben in einer Siedlung gelebt, meine Mutter war Lehrerin, mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet. Malenne und ich gingen zur Schule …«

»Das sind Informationen, die dir auch jemand gegeben haben könnte«, entgegnete One unbeeindruckt.

»Aber wer denn? Und wieso ausgerechnet diese Informationen?«

»Sag du es mir.«

Verzweifelt, weil er mir nicht glaubte und mich für eine Spionin oder sonst etwas hielt, ging ich im Raum auf und ab. Wie sollte ich ihm beweisen, dass ich wirklich Riley McDermont war?

»Können … können Sie es nicht irgendwie überprüfen?«, wandte ich mich schließlich wieder an ihn. »Sie haben doch die unglaublichsten Technologien hier. Es muss doch möglich sein, zu überprüfen, dass ich die Tochter von Reos McDermont bin!«

Das Oberhaupt dachte einen Augenblick nach, dann nickte er. »Es gibt durchaus eine Möglichkeit. Aber dies benötigt seine Zeit. Bis wir das Ergebnis haben, werden Wochen vergehen.«

»Und diese Zeit muss ich im Gefängnis verbringen«, mutmaßte ich.

»Ja«, bestätigte One. »Im Gefängnis … oder an meiner Seite.«

Ich brauchte einen langen Augenblick, bis sein zweiter Satz in meine Gedanken, die sich bereits um die Hölle im Gefängnis drehten, durchgedrungen war und ich ihn erfassen konnte. Verwirrt schaute ich den Hunter an. »Wie meinen Sie das, an Ihrer Seite?«

»Du bleibst hier. Bei mir. In meiner Nähe.«

Meinte er damit das, was ich dachte? »Als Ihre … Geliebte?« Ich konnte es kaum aussprechen, so schwer fiel es mir, den Sinngehalt zu begreifen.

»Die Entscheidung liegt bei dir, Riley.« One trat zur Tür. »Entweder das Gefängnis oder ich. Wähle das kleinere Übel für dich.«

»Aber … aber ist das denn einfach möglich? Können Sie meine Strafe einfach aussetzen?« Ich hatte geglaubt, die Hunter wären an ihre Regeln und Gesetze gebunden – ausnahmslos. Und nun das? Hatte er als Oberhaupt mehr Rechte als andere?

»Ich kann deine Auslieferung hinauszögern und eventuell eine mildere Strafe verhängen, wenn sich der Verdacht der Spionage und des Verrats nicht bestätigt«, erklärte One.

»Das wird er nicht«, versicherte ich ihm. »Wie sieht die Strafe aus, wenn Sie sich sicher sind, dass ich die Wahrheit sage?«

»Drei Monate Gefängnis, wegen Diebstahls und unbefugten Betretens von privaten Räumlichkeiten.«

Neun Monate weniger. »Okay«, sagte ich schnell. »Lassen Sie mich bitte beweisen, dass ich keine Spionin oder Verräterin bin. Hier … an Ihrer Seite.« Allein der Gedanke, seine Geliebte zu werden, brachte mich völlig durcheinander, deshalb tat ich mein Bestes, ihn in den Hintergrund zu drängen. Ich würde später darüber nachdenken, was es für mich – für meine Gefühle – bedeutete, die nächsten Wochen an seiner Seite zu verbringen. Aber jetzt musste ich die Chance, meine Strafe zu verringern, ergreifen!

»Dann soll es so sein.« One öffnete die Tür und schloss sie hinter sich wieder. Ich blieb allein und komplett durcheinander zurück.

Du wirst seine Geliebte, erklang es immer wieder in meinem Kopf. Ich wehrte mich gegen die Dimensionen, die dieser Gedanke bald schon annehmen würde, doch nach einiger Zeit gab ich ihm nach.

Nervosität und Angst fraßen sich durch meinen Bauch, sobald ich mir vorstellte, die nächsten Wochen an Ones Seite zu verbringen. Und Freude. Ein unpassendes Gefühl, das ich unbedingt eindämmen musste. Der Hunter hatte mir diesen Vorschlag aus bestimmten Gründen gemacht, nicht weil er so versessen darauf war, das Bett mit mir zu teilen. Wahrscheinlich wollte er mich in seiner Nähe haben, um mich im Auge zu behalten. Er hielt mich für den Feind. Ich musste ihn davon überzeugen, dass ich keiner war.

Arron betrat den Raum und durchbrach damit meine Gedanken. »Du kommst jetzt mit mir mit, Riley«, sagte er und hielt die Tür für mich auf.

»Wo bringst du mich hin?«, fragte ich und flehte innerlich, dass ich nicht zurück in die kleine Zelle, in der ich die Nacht verbracht hatte, musste.

»In dein neues Reich«, erwiderte Arron und ging neben mir her den grell erleuchteten Gang entlang.

»In mein neues Reich«, wiederholte ich murmelnd und mein Magen überschlug sich. Es würde also tatsächlich geschehen. Bis eben hatte ich es wohl noch nicht ganz geglaubt, aber jetzt führte Arron mich in meine neuen Räumlichkeiten. Ich spürte regelrecht, wie mir der Schweiß ausbrach.

Als wir beide das Gebäude durch einen Hintereingang verlassen hatten, stiegen wir in einen schwarzen Wagen mit abgedunkelten Fenstern. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten und endete in einer Tiefgarage. Es ging weiter im Fahrstuhl bis ins oberste Stockwerk des Hauses. Und als wir schließlich einen Wohnraum betraten, der meinem vorherigen bei Nikk ähnelte, nahm ich all meinen Mut zusammen und wandte mich an Arron.

»Es tut mir leid, dass ich dich so enttäuscht habe, Arron«, sprach ich das aus, was mir schon seit dem vergangenen Abend durch den Kopf ging, wenn er nicht mit anderen Gedanken vollgestopft war. »Ich schwöre dir, ich bin keine Spionin oder Verräterin. Zumindest nicht für jemanden außerhalb, der euch schaden möchte. Ich habe wirklich nur nach Informationen über meinen Vater gesucht, aus freien Stücken heraus. Ich weiß kaum etwas über ihn. Ich war an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiter wusste. Und deshalb habe ich mir dieses Ziel gesetzt, mehr über ihn herauszufinden, um wenigstens etwas vor Augen zu haben, wonach ich streben konnte.«

Der Hunter nickte langsam, sein Blick zeigte aufrichtiges Verständnis. »Ich hoffe wirklich sehr, dass wir uns nicht in dir getäuscht haben, Riley«, sagte er.

»Das habt ihr nicht«, bekräftigte ich.

»Wir werden sehen. Du bleibst erst einmal hier. Deine Sachen wurden bereits hergebracht. One wird dir später erklären, wie es weitergeht.«

»Verstanden.«

Arron warf mir noch einen letzten Blick zu, dann verließ er die Wohnung. Ich schloss die Augen und atmete tief durch, ließ die Erleichterung mich durchfluten. Ich war der winzigen Zelle und dem Gefängnis entkommen – vorerst. Ich musste One unbedingt beweisen, dass ich keine Gefahr für ihn oder die anderen Hunter darstellte. Zwar hatte er gesagt, ich müsse trotzdem noch für drei Monate ins Gefängnis für den Diebstahl und das unbefugte Betreten der Bibliothek, aber vielleicht konnte ich diese Strafe durch eine andere ersetzen. Und wenn nicht, dann waren drei Monate besser als ein Jahr oder länger!

Ich löste mich aus meiner Starre und suchte nach dem Badezimmer, um mir den Schweiß der vergangenen Stunden vom Körper zu waschen.

Sobald ich fertig war, zog ich die graue Standardkleidung an und setzte mich an das große Fenster im Wohnbereich. Der Blick daraus reichte weit und zeigte mir, dass ich mich hier immer noch im nördlichsten Bereich des Hauptquartiers befand, weit weg von den Gebäuden, die ich in meiner bisherigen Zeit aufgesucht hatte.

Ob One hier lebte?

Ich presste meine Nase an die Scheibe und versuchte, einen Blick in die anderen Fenster dieses Hauses zu erhaschen, konnte jedoch nichts erkennen.

Wie lange musste ich wohl warten, bis er zu mir kam?

Bei diesem Gedanken rannte ein Schauer meinen Rücken hinab. Ich war jetzt seine Geliebte. Was bedeutete das für mich? Wie würde es sein … ihm wieder so nahe zu kommen, wie während unserer Zeit im Umland. In den letzten Wochen hatte er mich stets gemieden und konnte mich kaum in seiner Nähe dulden – wieso hatte er mir jetzt dieses Angebot gemacht? Misstraute er mir so sehr, dass es für ihn die einzige Möglichkeit darstellte, mich nicht aus den Augen zu lassen? Glaubte er womöglich, auf diese Weise herausfinden zu können, ob ich eine Spionin war oder nicht?

Das erschien mir am wahrscheinlichsten, denn ich machte mir keine falschen Hoffnungen mehr, er würde vielleicht auch … etwas fühlen. One fühlte nichts, was er nicht fühlen wollte. Und dass er mich nicht wollte, hatte er mir oft genug zu verstehen gegeben.

16. Kapitel

 

 


Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, aus dem Fenster zu sehen und die Sonne dabei zu beobachten, wie sie einen langsamen Kreis über dem Hauptquartier zog und dann hinter den Mauern versank.

Erst als es draußen dunkel war, tauchte One bei mir auf. Ohne anzuklopfen betrat er den Wohnbereich und warf mir ein kleines Heftchen hin. Ich erkannte meine Notizen, die ich in der letzten Woche geschrieben hatte.

»Du hast dich nicht ungeschickt angestellt«, sagte er dabei. »Beeindruckend, wie präzise du die Zeiten berechnet hast. Wer hat dir das beigebracht?«

»Niemand«, erwiderte ich mit einem Kopfschütteln. »Ich wollte einfach nur nicht erwischt werden, also habe ich die Wachen beobachtet und mir alles aufgeschrieben. Dabei habe ich erkannt, dass es ein wiederholendes Muster ist und habe das für meinen Plan genutzt. Sir …« Ich stand auf und machte einen Schritt auf ihn zu. Dabei bemerkte ich, dass er sich komplett anspannte, also blieb ich stehen. »Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich wollte wirklich nur wissen, wieso mein Vater in Ihren Verzeichnissen aufgelistet ist. Ich hatte keine andere Perspektive mehr.« Vielleicht würde er mir glauben, wenn ich vollkommen ehrlich zu ihm war. Lügen half mir nicht mehr weiter. »Ich wusste nicht, wohin ich sollte, hatte kein Ziel vor Augen - bis auf das. Ich habe nur das Angebot von Nikk angenommen, um mir einen Zugang zu den Verzeichnissen zu erschleichen. Das wirft sicher kein gutes Licht auf mich, aber es steckte auch keine böse Absicht einem Hunter oder jemandem sonst gegenüber dahinter.«

One blickte mir mit ausdrucksloser Miene entgegen. »Ich werde herausfinden, ob das stimmt«, sagte er dann.

»Tun Sie das, Sir.«

»Du bleibst solange hier und verlässt die Wohnung nicht, bis ich es dir erlaube. Essen kannst du dir bestellen, dann wird es geliefert. Verstanden?«

»Ja, Sir.«

Er nahm mir das Heft aus der Hand, wandte sich ab und ging zur Tür.

»Das war es?«, entfuhr es mir, was ihn innehalten ließ. »Ich meine … also, wenn ich jetzt Ihre Geliebte bin … wollen Sie dann nicht …« Ich wand mich um eine direkte Frage herum und spürte, dass meine Wangen ganz warm wurden. Mein Gott, wieso hatte ich das überhaupt angesprochen?

»Für diesen Dienst habe ich meine andere Geliebte«, entgegnete das Oberhaupt schlicht und verließ die Wohnung.

Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen. Ein Faushieb in den Bauch wäre nicht unangenehmer gewesen. Wie konnte ich auch nur vergessen haben, dass es da noch eine andere Frau gab? Eine rothaarige Schönheit, die von One behauptete, er sei ihr Mann. Die herumstolzierte, als würde sie bereits einen Ring am Finger tragen. Mit ihr würde er weiterhin das Bett teilen, während ich hier herumsitzen und auf seine weiteren Anweisungen warten musste.

Mühsam drängte ich die Wut zurück, die in mir aufglühte. Das war jetzt mein Schicksal, ich konnte es akzeptieren oder ins Gefängnis gehen. Und ich bezweifelte, dass die Hölle dort angenehmer war als diejenige, die sich während meiner Zeit hier entwickeln würde. Ich musste das Beste aus dem machen, was mich nun als Ones Geliebte erwartete – wenn man es überhaupt so bezeichnen konnte, da er diesen Dienst ja nicht in Anspruch nehmen wollte. Und ich musste ihn von meiner Unschuld überzeugen. Das waren die Aufgaben, die ich in Angriff nehmen würde. Mein verletzter Stolz und die unerwiderten Gefühle hatten hier keinen Platz.

 

 


Zwei Tage vergingen, bevor One wieder bei mir auftauchte. Tage, in denen ich damit beschäftigt war, mit den Gedankenströmen, die mich ständig mitrissen, fertigzuwerden. Unzählige Stunden, in denen ich aus dem Fenster oder an die Wand starrte und mich fragte, wieso One mir das Angebot, bei ihm zu bleiben, gemacht hatte. Er brauchte mich nicht für die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Ich verstand nicht, wieso er mich nicht einfach ins Gefängnis bringen ließ. Aber ich war ihm dankbar dafür. Auch wenn ich mich eingesperrt fühlte, weil ich die Wohnung nicht verlassen durfte, war es allemal besser, hier gefangen zu sein, als in einer kahlen Zelle.

»Meine Männer und ich brechen bald zu einer Außenmission auf«, informierte mich One, nachdem er den Wohnbereich betreten hatte. »Ich kann nicht sagen, wie lange wir fortbleiben werden. In dieser Zeit ist es dir weiterhin untersagt, die Wohnung zu verlassen.«

Ich unterdrückte ein bedauerndes Seufzen und nickte stattdessen. »Verstanden, Sir.«

»Du darfst jedoch Besuch empfangen«, fuhr er fort, und ich horchte auf. »Wenn du wünschst, wird Savannah dir Gesellschaft leisten.«

»Ja, sehr gern!«, sagte ich sofort und nickte noch einmal.

»Eine Stunde am Tag, nicht länger.«

»Das wäre schön.« Die Aussicht, für eine Stunde nicht allein zu sein, klang sehr gut. Ich wusste selbst nicht, wieso ich das Alleinsein auf einmal so sehr fürchtete. Früher war ich oft wochenlang allein durch das Umland gezogen, hatte die Einsamkeit sogar gesucht. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich mich jetzt an einem Ort befand, an dem ich nicht über mich und mein Handeln bestimmen durfte. Nicht mehr. Fortan war ich eine Gefangene, auf die Gunst und Güte des Anführers angewiesen.

Dieser warf mir noch einen letzten, unergründlichen Blick zu und ging. In meiner Brust ziepte es. Das Bild seiner Rückansicht brannte sich in meine Gedanken. In den nächsten Tagen oder Wochen, in denen die Hunter auf Außenmission unterwegs waren, wäre es das, was mir als erstes in den Sinn käme, wenn ich an One dachte. Und das würde ich. So oft ich es mir auch vornahm, ich bekam ihn nicht aus meinem Kopf. Und ich verstand das nicht. Wieso fühlte ich so für ihn? Er war abweisend, kalt. Er mied mich, so weit er konnte. Er hatte mit mir geschlafen, zweimal, und es anschließend einfach abgetan, mir geraten, darüber hinwegzukommen. Und das sollte ich … aber ich konnte nicht, so sehr ich es versuchte.

Ich schob diese Gedanken beiseite, weil sie mich frustrierten, und drehte mich wieder der Fensterscheibe zu, aus der ich bis zu Ones Auftauchen stundenlang gestarrt hatte. Mit großer Mühe schaffte ich es, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.

Doch nur kurze Zeit später klopfte es an der Tür und ich richtete mich hastig auf. Sava trat auf meine Aufforderung hin ein und ihr freundliches Lächeln hatte eine merkwürdige Wirkung auf mich – mir schossen die Tränen in die Augen. Ich wischte sie weg und versteifte mich, als Arrons Verlobte ihre Arme um mich schloss.

»Was machst du denn bloß für Sachen, Riley?«, fragte sie dabei sanft.

»Hat Arron es dir erzählt?« Ich war überrascht, dass jemand außer dem Oberhaupt und einigen weiteren Huntern wusste, was geschehen war.

»Mmh.« Ich spürte, dass sie nickte. 

Langsam schob ich sie von mir und hoffte, dass sie es mir nicht übel nahm, aber den engen Körperkontakt konnte ich nur kurz zulassen, länger ertrug ich es nicht, auch wenn ich froh war, sie zu sehen. »Du denkst jetzt bestimmt schlecht von mir. Danke, dass du trotzdem hergekommen bist« , sagte ich dabei.

»Ich denke überhaupt nicht schlecht über dich«, entgegnete Sava. »Ich habe Arron und Taleon sogar den Vorschlag gemacht, dich zu besuchen.«

»Wirklich?«, hakte ich verwundert nach.

»Ja. Ich glaube dir nämlich«, bestätigte sie mit einem Nicken. »Auch wenn du kaum etwas über dich preisgibst und lieber für dich bleibst, bin ich mir sicher, dass du keine Spionin oder Verräterin bist.«

»Das bin ich auch nicht«, pflichtete ich ihr so überzeugend wie möglich bei. 

»Trotzdem werden sie das genau überprüfen müssen«, fuhr Sava fort und nahm neben mir Platz. »In letzter Zeit sind einige Dinge geschehen, die Taleon Kopfzerbrechen bereiten. Er muss einfach herausfinden, ob es hier im Hauptquartier jemanden gibt, der es nicht gut mit ihm meint.«

»Du meinst, hier läuft wirklich ein Spion und Verräter rum?« Jetzt begriff ich auch, wieso das Oberhaupt mich beim ersten Verhör so hart angepackt hatte. Wenn dieser Verdacht bereits bestand, dann hatte ich mit meiner Aktion natürlich sein Misstrauen erregt.

»Zumindest hat Taleon diesen Gedanken stets im Hinterkopf«, bestätigte Sava nun auch. »Wie sonst hätte man euch da draußen in eine Falle locken können? Diese Information ist von innen nach außen gedrungen.«

Ich nickte und dachte über ihre Worte nach. »Zu welcher Mission sind sie denn jetzt aufgebrochen?«, wollte ich schließlich wissen.

»Das hat man mir nicht erzählt«, erwiderte sie. »Die Missionen bleiben geheim, bis die Hunter wieder zurückkehren.«

»Dann weißt du wohl auch nicht, wann sie wieder zurück sein werden«, stellte ich fest. Es machte mich irgendwie ganz unruhig, wenn ich daran dachte, dass One da draußen in Gefahr sein könnte. Und wenn er sogar Feinde in seinen eigenen Reihen zu haben schien, wie sah es erst im Umland aus? Sicher, man hatte Respekt und Angst vor den Huntern, aber viele Menschen waren ihnen auch nicht wohlgesonnen und hätten sie am liebsten tot gesehen. 

»Nein, aber ich weiß, dass ich bis dahin jede Nacht stundenlang wach liegen werde«, wandte Sava ein, und obwohl sie lächelte, konnte ich die Sorge um ihren Verlobten deutlich in ihrem Blick sehen.

Vielleicht war das, was mich so unruhig machte, ihren Gefühlen ähnlich. Ich machte mir Sorgen, dass One etwas zustoßen könnte. Ich mochte wütend auf ihn und enttäuscht von ihm sein, aber ich wollte nicht, dass ihm etwas Schlimmes zustieß.

»Meine Stunde ist bald um. Soll ich dir morgen vielleicht etwas mitbringen?« 

Ich war froh, dass Sava das Thema wechselte und mich damit von den beunruhigenden Gedanken ablenkte. 

»Ein Kartenspiel wäre ganz schön. Mir fällt bald die Decke auf den Kopf.«

 



In den nächsten Tagen kam Sava jeden Nachmittag für eine Stunde zu mir. Sie brachte Karten mit oder Zeitschriften, die ich nicht las, weil darin nur langweilige Artikel über Mode standen. Als ich sie bat, mir doch lieber ein Buch mitzubringen, erfuhr ich, dass es mir nicht gestattet war.

»Das ist wohl die Strafe für meine Neugier«, entgegnete ich daraufhin.

»Sie hätte schlimmer ausfallen können«, bemerkte Sava mit einem tröstenden Lächeln.

»Ich weiß. Ein Jahr Gefängnis.« Ich verkrampfte mich bei diesem Gedanken. »Wenigstens verkürzt sich die Strafe auf drei Monate, sobald One herausgefunden hat, dass ich die Wahrheit sage.«

Sava beugte sich zu mir vor und senkte die Stimme. »Vielleicht kannst du auch die drei Monate abwenden«, flüsterte sie kaum hörbar.

»Wie meinst du das?«, hakte ich verwirrt nach.

»Ich glaube, dass Taleon dich mag, sonst hätte er dich nicht um jeden Preis hier behalten«, fuhr sie fort, und ich konnte nur verständnislos den Kopf schütteln. »Irgendetwas bewegt ihn ja dazu, für deine Sicherheit zu sorgen.«

»Ich glaube nicht, dass ...«, setzte ich an und wurde von Sava unterbrochen, indem sie sich den Zeigefinger auf die Lippen legte und mir damit bedeutete, leiser zu sprechen. Mit gerunzelter Stirn schaute ich mich um. Wer sollte uns denn hier hören? Es war doch niemand anwesend – bis auf uns beide.

»Vertraue mir einfach«, sagte sie im Flüsterton. »Ich bin mir sicher, du kannst Taleon davon überzeugen, dich nicht ins Gefängnis zu schicken, wenn du es geschickt anstellst.« 

Nun unterbrach ich sie, bevor sie weitersprechen konnte. »Lassen wir das einfach. Glaub mir, ich habe in letzter Zeit schon genug dumme Pläne gehabt und falsche Entscheidungen getroffen – und das hört sich nach einer weiteren an. Ich werde mich nicht in etwas verrennen, was von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.« Es überraschte mich, dass sie überhaupt in diese Richtung dachte. Sie war doch so wenig begeistert von den Frauen gewesen, die sich einen festen Platz an der Seite ihres Hunters erschleichen wollten und sich deshalb einen Rat bei ihr einholten. Und jetzt gab sie mir einen Rat von sich aus? Wieso?

»In Ordnung«, willigte Sava ein, aber ich konnte ihr ansehen, dass sie am liebsten noch mehr zu diesem Thema gesagt hätte.

Ich verstand nicht, wie sie darauf kam, One würde mich mögen. Übersah ich etwas? Welchen Preis sollte er wohl zahlen, um mich hier zu behalten? Er tat es, weil er seine eigenen Ziele verfolgte. Ziele, die ich nicht kannte. Er behielt mich nicht hier, weil er mich mochte. Vielleicht vermutete Sava das, weil sie nichts von dem wusste, was bereits zwischen dem Hunter und mir geschehen war. Dass er mir so nah gekommen war – um mich anschließend von sich zu stoßen und mich zu behandeln, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Der Hunter war gar nicht fähig, andere Gefühle für mich zuzulassen!

Ich schüttelte die anstrengenden Gedanken ab und konzentrierte mich vollständig auf das Kartenspiel, das wir eben begonnen hatten.

Doch nachdem Sava mich kurze Zeit später verlassen hatte, war ich wieder allein mit meinem kreisenden Kopf, deren Gedanken sich immer wieder in den Vordergrund drängten. Sie machten mich wahnsinnig, und ich war wütend auf Arrons Verlobte, weil sie ihre Bemerkungen vorhin hatte erwähnen müssen. Nun fragte ich mich trotz aller Gegenwehr, wie sie darauf kam, ob sie etwas sah, was ich nicht sehen konnte. Es war wirklich albern, überhaupt in diese Richtung zu überlegen. Und doch war da ein leises Stimmchen, das unaufhörlich vor sich hin flüsterte ...

 

 


»Morgen kommen die Hunter zurück«, erzählte Savannah, als wir zwei Tage später wieder zusammensaßen. Mittlerweile war eine gute Woche vergangen, seit die Männer zu ihrer Mission aufgebrochen waren, und die Sorgen um ihr Wohlbefinden wuchsen stetig. »Die Mädels sind mal wieder völlig aus dem Häuschen.«

Auch ich spürte, wie große Aufregung mein Inneres erfasste, gab mich aber nach außen hin ganz ruhig. »Waren sie erfolgreich?«, fragte ich bloß.

»Arron hat mir berichtet, dass sie ein paar Leute festgenommen haben. Wieso, das weiß ich nicht, hat er nicht gesagt. Darf er nicht.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich weiter. Konnte es sein, dass darunter auch Luc Roma war, der in Verbindung mit Danikas Gefangenschaft und dem Angriff im Wald stand? »Ich bin froh, dass niemandem ein Leid geschehen ist«, sagte ich, während meine Gedanken nun neue Bilder produzierten. Ich sah meine Freundin, ihre toten, leeren Augen und einen Mann, dessen Gesicht im Dunkeln lag. Er beugte sich über Danikas toten Körper … Automatisch ballte ich meine Hände zu Fäusten.

»Hey, nicht sauer sein, weil du bei der Ankunft nicht dabei sein darfst«, unterbrach Savas Stimme meine düsteren Vorstellungen von dem Monster, das ich nicht kannte. »Sobald Taleon sich davon überzeugt hat, dass du die Wahrheit sagst, darfst du auch wieder hier raus und dich frei bewegen.«

»Nein, dann werde ich ins Gefängnis gebracht«, entgegnete ich und kämpfte gegen die Angst, die mich jedes Mal befiel, wenn ich daran dachte.

Auf Savas Lippen erschien ein Lächeln. »Das glaube ich nicht.«

»Du täuschst dich.« Ich wollte das leidige Thema nicht erneut auf den Tisch bringen, deshalb stand ich auf und ging ins Badezimmer. Dort ließ ich etwas kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und beruhigte meinen inneren Aufruhr.

Als ich zurück in den Wohnbereich kehrte, entschuldigte sich Sava und versprach mir, kein Wort mehr darüber zu verlieren. Stattdessen erzählte sie mir, dass Frella sich mal wieder von ihrer besten Seite gezeigt und eine der anderen Geliebten zum Weinen gebracht hatte.

»Wie ist es möglich, dass sie dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wird?«, hakte ich kopfschüttelnd nach.

»Weil sich niemand über sie bei den Huntern beschwert«, entgegnete Arrons Verlobte und zuckte mit einer Schulter. »Sie ist in Anessas Gefolgschaft, deshalb meint sie, sich alles erlauben zu dürfen. Und das haben die anderen wohl akzeptiert.«

Bei der Erwähnung von Ones richtiger Geliebten hatte ich das Gefühl, mir würde sich der Magen umdrehen. Auf einmal sah ich den Vorteil, hier in der Wohnung eingesperrt zu sein. So musste ich zumindest die Frau nicht sehen, mit der One sein Bett teilte. 

»Hat Anessa hier etwa wirklich mehr zu sagen als andere?«, wollte ich wissen und runzelte die Stirn. Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Oberhaupt ihr gestattete, ihre Position auf negative Weise auszunutzen. Er war ein fairer Mann. Aber vielleicht interessierte es ihn auch gar nicht, was seine Geliebte in ihrer Freizeit tat? Oder … war sie ihm so wichtig, dass er ihr alles durchgehen ließ? Wenn dem so war, wusste sie überhaupt, welches Angebot ihr Mann mir gemacht hatte? Auch wenn er meine Dienste nicht in Anspruch nahm, war es ihr doch sicher nicht recht, dass ich hier an seiner Seite bleiben durfte. 

»Riley, hey, hörst du mir überhaupt zu?« Sava wedelte mit einer Hand vor meinem Auge herum.

Ich schüttele den Kopf und damit meine letzten Gedanken ab. »Entschuldige, was hast du gesagt?«

»Ich habe gesagt, dass Anessa hier überhaupt nicht mehr zu sagen hat als andere«, wiederholte sie. »Sie glaubt es bloß.«

»Naja, vielleicht hat sie auch einen guten Grund dafür.«

»Ach, Unsinn! In wenigen Wochen läuft ihre Zeit ab und dann heißt es: Adiós, Königin Anessa!«

In wenigen Wochen … Wäre ich dann noch hier oder bereits im Gefängnis? Wie viel Zeit blieb mir noch, bis meine Unschuld bewiesen oder widerlegt worden wäre?

»Theoretisch bräuchte Taleon dann eine neue Frau, die ihm das Bett vorwärmt«, überlegte Sava weiter, und ich warf ihr einen warnenden Blick zu, damit sie bloß die Klappe hielt und nicht erneut mit dem Thema begann.

Lachend stand sie auf und hob abwehrend die Hände. »Schon gut, schon gut, ich höre ja auf! Aber lass mich dir noch etwas sagen, ja?« Sie beugte sich zu mir vor und schob mein Haar zur Seite, um an mein Ohr zu gelangen. »Du bist die erste Frau, die es geschafft hat, in diese Wohnung zu gelangen. One hat keine seiner bisherigen Geliebten so nah an seiner Suite leben lassen. Niemand lebte hier in diesem Gebäude, außer ihm. Und jetzt bist du hier. Meinst du nicht, dass es etwas zu bedeuten hat?« 

Sava richtete sich wieder auf und zwinkerte mir noch einmal zu. »Morgen werde ich damit beschäftigt sein, Arron zu zeigen, wie sehr ich ihn vermisst habe, deshalb sehen wir uns erst übermorgen. Lass den Kopf nicht hängen, Riley. Glaube an dich.«

Nachdem sie gegangen war, kreisten ihre geflüsterten Worte unaufhörlich durch meine Gedanken. Stimmte es, was Arrons Verlobte mir da offenbart hatte? War ich wirklich die Erste, die in diesem Gebäude leben durfte? Und wenn ja – hatte das etwas zu bedeuten?

»Was versuchst du da bloß, Sava?«, murmelte ich vor mich hin und seufzte schwer. Wieso brachte sie mich mit jedem neuen Besuch noch mehr durcheinander? Was bezweckte sie damit, was wollte sie damit erreichen?

Ich wollte dieses Chaos in meinem Kopf nicht! Ich wollte einfach nur in Ruhe meine Zeit absitzen, meine Unschuld beweisen und dann das Gefängnis überleben. Das waren die drei Ziele, die ich verfolgte. Für irgendwelche Andeutungen und Spekulationen – oder gar falsche Hoffnungen – gab es keinen Platz. Sie sollte mich damit ein für alle Mal in Ruhe lassen!

17. Kapitel

 

 


Ich saß am Fenster und schaute raus in die Richtung, in der ich die Ankunftshalle vermutete. Die Hunter waren wahrscheinlich bereits zurückgekehrt. Meine Brust wurde ganz eng, wenn ich mir vorstellte, wie One von Anessa willkommen geheißen wurde. Ich zwang mich dazu, mir diese Bilder bis ins letzte Detail auszumalen: Wie die beiden sich in der Öffentlichkeit dezent über das Wiedersehen freuten und hinter verschlossenen Türen wie wilde Tiere übereinander herfielen. Ich tat es, um die Gedanken, die Sava mit ihren Andeutungen in meinen Kopf gepflanzt hatte, auszumerzen. Seit sie am vergangenen Abend gegangen war, hatte ich keine ruhige Minute mehr gehabt. Ich musste endlich jegliche naiven Hoffnungen zerstören!

Mit einem Seufzer wandte ich mich vom Fenster ab und stand auf, um ins Bad zu gehen. Ich ließ die Wanne voll Wasser laufen und legte mich hinein. Langsam ließ ich mich tiefer sinken, bis die sanften Wellen sich über mir zu einem Kuss vereinten. Ich blieb so lange unter Wasser, bis meine Lunge brannte, und tauchte wieder auf. Gierig atmete ich ein, schloss die Augen und wiederholte es noch einmal.

Plötzlich wurde ich an den Oberarmen gepackt und nach oben gezogen.

»Bist du verrückt geworden?«, fuhr One mich mit zornfunkelnden Augen an, als ich meine öffnete. Er war mir so nah, dass ich die kleinen grünen Punkte in seiner blauen Iris erkennen konnte. »Wolltest du dich umbringen?«

»Nein!«, entgegnete ich außer Atem. »Das mache ich, um … um mich zu beruhigen.«

Er ließ mich abrupt los und wandte sich mit einem scheinbar angewiderten Gesichtsausdruck ab. Erst da wurde ich mir meiner Nacktheit bewusst und zog schnell die Knie vor die Brust.

»Ist … Ihnen mein Anblick so zuwider, Sir?«, fragte ich leise und sah ihn dabei nicht an. Ich konnte nicht. Wollte nicht sehen, was sein Gesicht womöglich noch offenbaren würde. Wieso war es nicht so ausdruckslos wie sonst immer, wieso zeigte er mir auf einmal, wie wenig ihm mein Anblick zusagte?

One entfuhr ein Laut, der nach einem Schnauben klang. Er murmelte etwas vor sich hin und mein Verstand ließ mich »Wenn’s nur so wäre« darin erkennen. Doch da stand er bereits auf und trat zur Tür. »Zieh dich an, ich muss mit dir sprechen«, wies er mich dabei laut an und verließ das Zimmer.

Ich lehnte meine Stirn gegen meine Knie und gab meinem Herzen einen Moment, um sich zu beruhigen. Das plötzliche Auftauchen des Oberhaupts hatte es zum Rasen gebracht. Sein Anblick hatte unzählige Gefühle in mir hervorgerufen, die ich nun allesamt wieder zurückdrängen musste. Dann stieg ich aus der Wanne und hüllte mich in einen Bademantel. Es war mir unangenehm, so zu One zu treten, aber ich hatte keine frische Kleidung mitgenommen und meine alte war bereits in dem Schacht gelandet, in den die Schmutzwäsche gehörte und aus dem ich sie nicht mehr herausbekommen konnte.

Ich fasste mich noch einmal innerlich, dann trat ich aus dem Bad in den Wohnbereich. One stand am Fenster und schaute hinaus. Er drehte sich nicht um, auch wenn er mich gehört haben musste. Ich nahm auf der Kante des Sofas Platz und räusperte mich leise, falls ihm mein Auftauchen doch entgangen war. »Sie wollten mit mir sprechen, Sir?«

»Ja. Ich habe eine Aufgabe für dich. Morgen früh hole ich dich ab, damit du dir etwas anguckst und identifizierst.«

Ich starrte auf seinen breiten Rücken, der immer noch in der Lederjacke der Hunter-Uniform steckte, und runzelte die Stirn. War er gleich nach seiner Rückkehr hergekommen? »Identifizieren?«, wiederholte ich schließlich fragend.

»Wir haben Papiere gefunden. Ich vermute, sie stammen von deiner Freundin«, erklärte er. »Von Karen Mill, wenn ich mich nicht täusche.«

»Von Karen?«, wunderte ich mich laut und hatte Mühe, nicht aufzuspringen und zu ihm zu gehen. Ich konnte nur hoffen, dass er mir die Antworten auch ohne mein Drängen geben würde. »Welche Papiere?«

»Korrespondenz, Briefe. Sie befanden sich in Luc Romas‘ Besitz. Ihr Inhalt … wird dir nicht gefallen.«

»Wie meinen Sie das, Sir?«, hakte ich noch einmal nach.

»Sie hat euch verraten«, erwiderte er nach einer kurzen Pause, in der ich meine Finger in das Sofa krallte, um mich davon abzuhalten, in die Höhe zu schießen. »Sie wollte dich und deine andere Freundin gegen ein besseres Leben eintauschen. Dafür hat sie euch an Luc Roma und seine Männer verraten und verkauft.«

Ich erstarrte und brauchte einen Augenblick, um den Sinngehalt seiner Worte zu begreifen.

»Karen Mill wurde am selben Tag, an dem wir dich im Wald gefunden haben, ermordet«, fuhr er auch schon fort. »Die Männer kamen an jenem Abend vorbei, um dich und deine andere Freundin zu holen. Wahrscheinlich hat ihnen nicht gefallen, dass eine der versprochenen Frauen nicht anwesend war. Entweder wollten sie als Ersatz Karen Mill selbst mitnehmen und sie wehrte sich, sodass es zu ihrer Ermordung kam, oder sie haben ihre Wut über dein Fehlen an ihr ausgelassen. Ich tendiere zur zweiten Möglichkeit. Wie deine andere Freundin entkommen konnte, haben wir nicht herausfinden können. Aber es ist ihr geglückt und sie ist zu eurem ehemaligen Chef geflohen. Der hat sie dann in die Hütte im Wald bringen lassen. Allerdings stecken weder er noch Luc Roma hinter dem Angriff auf meine Männer und mich, der später erfolgte. Wir haben beide diesbezüglich gründlich überprüft.«

Ich nickte langsam, während ich die Informationen aufnahm, die er mir offenbarte, und gleichzeitig damit fertigwerden musste, dass Karen Danika und mich verraten hatte.

»Das bedeutet, ein Dritter muss etwas von unserem Aufbruch dorthin erfahren und für seine eigenen Pläne genutzt haben. Jetzt frage ich mich natürlich, wie diese Person davon erfahren haben konnte«, fügte One hinzu. 

»Nicht von mir«, sagte ich sofort und schaute zu ihm. »Sir, ich habe nichts damit zu tun!«

»Es ist schon ein ziemlich großer Zufall, dass du so plötzlich das Hauptquartier verlassen wolltest, und kaum sind wir unterwegs, geraten wir in einen Hinterhalt.«

»Ich hatte meine Gründe, wieso ich fort wollte!«, fuhr ich ihm ins Wort und sprang auf. »Und das waren keine, die Sie und Ihre Männer in eine Falle locken sollten.«

»Und als der Angriff nicht ganz gelungen ist, bist du mit mir zurück ins Hauptquartier gekehrt und hier geblieben«, äußerte er seine Beschuldigungen weiter, ohne mir zuzuhören. »Du hast einem Hunter die Schlüsselkarte entwendet und bist in ein verbotenes Gebäude eingedrungen.« One drehte sich zu mir um, und ich zuckte leicht zurück, als ich seine Furcht einflößende Miene sah.

»Weil ich mehr über meinen Vater herausfinden wollte!«, hielt ich dagegen und ballte die Hände zu Fäusten. »Sir, Sie haben mir doch eben erst erzählt, dass meine Freundin mich hintergehen und an irgendwelche Männer verkaufen wollte. Nur durch einen Zufall bin ich an diesem Abend bei Ihnen im Außenstützpunkt gelandet, anstatt in der Wohnung, wo ich wahrscheinlich von Luc Romas Gefolgschaft verschleppt worden wäre. Hätte Baris mich nicht belästigt, wäre ich jetzt nicht hier. Doch dadurch habe ich Sie und Nikk getroffen und bin an seiner Seite geblieben, weil ich nicht wusste, wohin ich sonst gehen sollte. Karen war tot, Danika verschwunden. Mir blieben nicht viele Optionen, finden Sie nicht? Meinen Sie wirklich, ich hätte all das geplant? Mit wem soll ich mich denn gegen Sie verbündet haben? Und wie sollte ich all diese Zufälle so genau berechnet haben? Das ist doch gar nicht möglich! Wie hätte ich überhaupt Informationen von hier nach draußen schleusen sollen? Ich war die ganze Zeit damit beschäftigt, das Geschehene zu verdrängen und das Leben im Hauptquartier anzunehmen. Sie können doch nicht wirklich glauben, dass ich eine Spionin bin. Das bin ich nicht!«

»Wieso wolltest du das Hauptquartier so plötzlich verlassen, von einem Moment auf den anderen?«, wollte One von mir wissen.

»Weil …« Ich holte tief Luft. »Weil ich mich selbst dafür gehasst habe, was aus mir geworden war. Eine Hure. Ich konnte meinen Anblick kaum noch ertragen. Nikks fordernde Art kaum noch aushalten. Und dann hat eine andere Geliebte etwas gesagt, was mich letztendlich diese Entscheidung treffen ließ. Ich wollte nur noch weg, meine Freundin finden und mit ihr zusammen irgendwohin gehen, wo wir uns ein neues Leben aufbauen könnten. Und als sie dann vor meinen Augen getötet worden war … Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Ich habe mich an die Idee geklammert, mehr über meinen Vater herauszufinden, weil mir nichts anderes geblieben war. Deshalb bin ich mit Ihnen zurück ins Hauptquartier gekehrt und hier geblieben. Mittlerweile bereue ich diese Entscheidung zutiefst, aber ich kann sie nicht rückgängig machen«, fügte ich am Ende verbittert hinzu. »Das ist die Wahrheit, Sir. Ich bin Riley McDermont, keine Lügnerin, Spionin oder Verräterin. Ein einfaches Mädchen, das ums Überleben kämpft. Ich habe Fehler gemacht … große Fehler. Aber wer ist schon fehlerfrei? Etwa Sie, Sir? Haben Sie noch nie etwas getan, was Sie im Nachhinein bereut oder sogar bedauert haben?«

Ich glaubte, kurz etwas in seinem Blick aufflackern zu sehen, aber er wandte sich wieder von mir ab und somit wusste ich nicht, ob ich es mir nicht doch bloß eingebildet hatte.

»Ich hole dich morgen früh um acht ab«, sagte One und trat zur Tür. Meine Frage würde er mir wohl nicht beantworten.

»Sir?«, rief ich ihn zurück, bevor er die Wohnung verließ. »Ich bin froh, dass Sie heil wieder zurückgekommen sind.«

Er erwiderte nichts darauf, nickte bloß knapp und ging.

Seufzend ließ ich mich zurück auf das Sofa sinken und schloss die Augen. Zu meinem eh schon überfüllten Kopf gesellten sich nun auch die neuen Informationen über Karen und ihren Verrat dazu. Was sollte ich davon halten? Ich konnte kaum glauben, dass meine Freundin so etwas getan hatte. Ich erinnerte mich zurück an unser letztes langes Gespräch, als es um das Angebot von Nikk gegangen war. Da hatte sie bereits verlauten lassen, dass sie nicht zögern würde, um dem Leben im Umland zu entkommen. Scheinbar hatte sie auch keine Skrupel gehabt, Danika und mich dafür an wildfremde Männer, die sogar zu Mord fähig waren, auszuliefern.

Ich schüttelte heftig den Kopf und wollte an gar nichts mehr denken. Wenn ich es nicht endlich schaffte, all diese Gedanken loszuwerden, würde ich bald meinen Verstand verlieren!

In dieser Nacht bekam ich kaum ein Auge zu. Entweder grübelte ich erneut über Karen nach oder ich malte mir aus, wie One und Anessa miteinander schliefen. Beides machte mich wahnsinnig. Die ganze Zeit in dieser Wohnung eingesperrt zu sein, machte mich verrückt.

»Ich flippe aus!«, rief ich der Decke zu, an die ich nun seit Stunden starrte, und sprang aus dem Bett.

Ich tigerte von einem Raum in den nächsten und wieder zurück, ohne Rast zu finden. Als draußen langsam die Sonne aufging, war ich vollkommen fertig. Ich setzte mich auf das Sofa, vergrub das Gesicht in den Händen und ließ meinen Tränen der Hoffnungslosigkeit freien Lauf.

Irgendwann musste ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn ich wurde von One mit einem Rütteln an der Schulter geweckt.

»Steh auf«, sagte er nicht gerade freundlich. »Zieh dich an, wir müssen los.«

Ich strich mir das wirre Haar aus dem Gesicht und stöhnte leise, weil mein Kopf schmerzte.

»Was ist los?«, fragte das Oberhaupt sogleich und klang alarmiert. »Bist du verletzt?«

Verwirrt schaute ich zu ihm hoch. Sorgte er sich etwa um mich? Wieso war er in dem einen Moment so unfreundlich, nur um dann bei dem kleinsten Klagelaut meinerseits nach meinem Befinden zu fragen? Dieser Mann verwirrte mich unermesslich! 

»Ich konnte nicht schlafen«, erwiderte ich schließlich leise. »Mir tut der Kopf weh, sonst nichts.«

»Es wird nicht lange dauern, dann kannst du dich noch einmal hinlegen.«

Ich nickte und stand auf. One wandte sich ab und trat zum Fenster. Ich hatte das Gefühl, er würde meinen Anblick nicht ertragen, und sah an mir herunter. Ich trug eine schlichte Schlafhose und ein Hemdchen mit sehr dünnen Trägern. Sah ich darin wirklich so schlimm aus?

Verletzt und beschämt verzog ich mich ins Schlafzimmer und schlüpfte eilig in die graue Standardkleidung und einen Pullover, während ich jeden weiteren Gedanken an das Verhalten des Hunters von mir schob.

Sobald ich wieder herauskam, verließen wir die Wohnung und ich verspürte einen kleinen Anflug von Freude, weil ich endlich nach draußen kam. Im Aufzug stellte One sich so weit wie möglich von mir weg und ich fragte mich erneut, was ich ihm denn bloß getan hatte, dass er mich so offensichtlich abwies. Am liebsten hätte ich die direkte Konfrontation gesucht und ihn darauf angesprochen, aber ich wollte das Ganze nicht noch komplizierter machen. Irgendwie würde ich seine verletzende Art schon überstehen, bis er mich fortschickte. Und wenn ich erst einmal das Gefängnis überlebt hatte, würde ich ganz von vorne beginnen. Irgendwo. Irgendwie …

Ich schluckte schwer. Ich konnte nur hoffen, dass ich die Kraft finden würde, weiterzumachen. Ich hatte den Verlust meiner Familie und Freunde überlebt, ich würde auch die Schicksalsschläge der vergangenen Zeit irgendwie verkraften können. Daran musste ich glauben!

In einem Wagen mit verdunkelten Fenstern fuhren One und ich zu einem Gebäude, in dem ich bisher noch nicht gewesen war. Ich hätte ihm gerne ein paar Fragen gestellt zu den Räumlichkeiten, die wir passierten, aber ich hielt mich zurück. Er ertrug meine Nähe ja so schon kaum, da brauchte er nicht auch noch eine lästige Fragerei meinerseits.

Schließlich betraten wir ein Büro und ich musste auf einem Stuhl Platz nehmen, während der Hunter sich mir gegenüber niederließ. Zwischen uns stand ein Tisch und über diesen schob er nun einzelne Papiere zu mir rüber.

»Schau dir die Briefe an und sag mir, ob es die Handschrift deiner Freundin sein könnte«, sagte er dabei in sachlichem Tonfall.

Ich betrachtete die gekritzelten Worte, nahm dabei den Inhalt auf. One hatte Recht gehabt – er gefiel mir überhaupt nicht. Er zeigte mir deutlich, dass Karen eine skrupellose Verräterin gewesen war.

»Ich denke schon«, murmelte ich schließlich und schob die Briefe zurück zu ihm. »Ich kann nicht hundertprozentig sagen, dass es Karens Handschrift ist, aber es klingt nach ihr. Und unterschrieben ist es mit K. M.« 

Wie konntest du uns nur so verraten, Karen?, dachte ich bedauernd. »Was geschieht nun mit Luc Roma?«, wollte ich anschließend wissen. »War er dabei, als Karen ermordet wurde?« Ich senkte den Blick auf die Tischplatte und versuchte, die Bilder von ihrem nackten, leblosen Körper zu vertreiben.

»Nein. Aber er ist derjenige, der den Auftrag gab, dich und deine Freundin zu verschleppen. Und er hat noch mehr Dreck am Stecken.«

»Er wird also bestraft«, schlussfolgerte ich.

»Ja. Sobald wir alle Informationen aus ihm herausbekommen haben, die wir brauchen, wird er hingerichtet«, äußerte mein Gegenüber frei heraus, ohne etwas zu beschönigen.

»Hingerichtet«, griff ich sein letztes Wort auf und nickte. »Gut. Ich hoffe, das Schwein schmort in der Hölle.« 

One legte die Papiere weg und stand auf. »Damit ist der Fall deiner Freundinnen so gut wie abgeschlossen. Ich hoffe, dass auch du damit abschließen kannst.«

»Mir bleibt ja nichts anderes übrig«, entgegnete ich. 

»Richtig.«

»Dann hoffe ich, dass auch Sie bald meinen Fall abschließen können«, bemerkte ich noch und schielte zu ihm rüber.

Er nickte steif. »Das hoffe ich auch.«

»Wie lange wird es denn dauern, bis Sie wissen, ob ich die Tochter von Reos McDermont bin?«, traute ich mich noch eine Frage zu stellen, die mir bereits so oft durch den Kopf geisterte.

»Nicht mehr lange. Die Ergebnisse müssten nächste Woche da sein.«     

Noch eine Woche. Ich konnte nur hoffen, dass ihnen kein Fehler unterlief, der mir ein Jahr im Gefängnis einbringen würde. Drei Monate konnte ich mit letzter Kraft sicher noch überstehen, aber ein Jahr wäre mein Untergang.

»Ich bringe dich wieder zurück«, durchbrach Ones Stimme meine Gedanken.

Widerwillig, weil ich nicht zurück in die Einsamkeit wollte, verließ ich das Büro und folgte ihm zu dem Wagen, in dem wir auch hierher gefahren waren. Ich wollte nicht zurück in die Wohnung, aber mir blieb nichts anderes übrig. Und es war bei weitem besser, als jetzt schon im Gefängnis zu schmoren.

Sobald wir den Wohnbereich betreten hatten, wandte One sich an mich. »Savannahs Besuch fällt fortan aus«, sagte er streng.

»Was? Warum?«, hakte ich völlig überrumpelt von dieser Neuigkeit nach.

»Sie hat sich nicht so verhalten, wie sie sich verhalten sollte. Und deshalb wird sie dich auch nicht mehr besuchen.«

Was meinte er damit? Wie sollte sie sich denn verhalten haben? Und wie konnte er das überhaupt beurteilen? »Ich verstehe nicht. Sie -«

»Das musst du auch nicht verstehen«, fuhr One mir ins Wort. »Du musst es nur hinnehmen.«

Er drehte sich zur Tür um und ich handelte, ohne nachzudenken, stürmte nach vorne und versperrte ihm den Weg nach draußen. »Bitte, lassen Sie mich nicht wieder tagelang allein, Sir«, sagte ich flehend und fügte flüsternd hinzu: »Ich verliere den Verstand.«

»Geh mir aus dem Weg, Riley«, forderte der Hunter mit angespanntem Kiefer. 

»Warum haben Sie mich zu Ihrer Geliebten gemacht, wenn Sie scheinbar nicht einmal meine Nähe dulden können?«, drängte ich weiter nach einer Antwort und versuchte damit gleichzeitig, ihn am Weggehen zu hindern, damit er mich nicht allein mit meinen Gedanken zurückließ.

»Wenn ich hier länger bleibe, werde ich dir wehtun«, presste One zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und seine ganze Körperhaltung zeigte deutlich, dass er sich schwer beherrschen musste. Ich verstand nicht, warum er so angespannt war. Und was er mit seinen Worten meinte.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, aber ich rührte mich nicht. »Wieso sagen Sie so etwas?«, hauchte ich kaum hörbar. Obwohl er mir Angst machte, war da noch etwas anderes, was mich genau an dieser Stelle ausharren ließ. Der Hunter übte einen so starken Sog auf mich aus, dass ich mich nur mit größter Anstrengung davon abhalten konnte, meine Hände nach ihm auszustrecken. Er war Furcht einflößend, und gleichzeitig faszinierte er mich so sehr, wie nichts und niemand anderes, das ich kannte.

»Weil es die Wahrheit ist«, erwiderte er schließlich auf meine gehauchte Frage hin und packte mich mit sanftem Druck an den Oberarmen, um mich zur Seite zu schieben. »Du würdest dir bloß falsche Hoffnungen machen, wenn ich bliebe.«

»Gehen Sie trotzdem nicht«, bat ich ihn noch einmal. »Ich mache mir überhaupt keine Hoffnungen, ich will einfach nur nicht allein sein. Bitte, Sir, bleiben Sie noch ein wenig bei mir.« 

Aber da öffnete er bereits die Tür und schloss sie eilig hinter sich, nachdem er hinaus getreten war.

Ich ließ mich an der Wand nach unten sinken und vergrub das Gesicht in den Händen, während mein Körper von lautlosen Schluchzern durchgeschüttelt wurde.

 

 


Ich war auf dem Boden neben der Tür eingeschlafen und erwachte, als mein Körper vollkommen steif und durchgefroren aufgrund dieser Position geworden war. Langsam richtete ich mich auf und ging ins Schlafzimmer, wo ich mich ins Bett legte und unter der Decke verkroch, um mich meinen Gedanken hinzugeben. Jetzt, da Savannah mich nicht länger besuchen durfte, war ich wieder mit ihnen allein gefangen.

Schlagartig richtete ich mich auf, als ein Geistesblitz meinen Verstand durchzuckte. Wieso hatte One ihr verboten, zu mir zu kommen? – Weil sie sich nicht so verhalten hatte, wie sie sollte. Doch woher wusste er überhaupt, was in seiner Abwesenheit hier geschehen war und wie Sava sich verhalten hatte? Hatte er es mitbekommen? Und wie war das möglich?

Ich erinnerte mich an Savas Geflüster, als sie bei mir gewesen war, stieg aus dem Bett und ging wieder in den Wohnbereich. Während ich so tat, als würde ich wie so oft ziellos umherirren, suchte ich den Raum nach etwas ab, das mir merkwürdig erschien.

Nach langer Suche fand ich schließlich etwas in dem Regal gegenüber vom Fenster. Es war eine aus Holz geschnitzte Figur, die einem Vogel ähnelte und deren Augen aus der Entfernung unterschiedlich aussahen. Das eine Auge war ebenfalls aus Holz, während das andere aus Glas zu sein schien. Weil ich es mir näher ansehen wollte, zog ich einen Stuhl an das Regal heran und stellte mich auf ihn. Ich streckte mich auf beiden Zehenspitzen hoch und erreichte die Figur gerade mal mit den Fingern. Ohne groß zu überlegen, stellte ich einen Fuß auf die Lehne des Stuhls, um noch ein wenig höher zu kommen, da begann es unter mir zu wackeln. 

»Scheiße!«, stieß ich aus und klammerte mich automatisch an dem Fach fest, als ich den Halt unter meinen Füßen verlor. Im nächsten Moment kippte auch das Regal um und begrub mich unter sich.

Ich verlor sofort das Bewusstsein, als mein Kopf hart auf dem Boden aufschlug.

18. Kapitel

 

 


Die Dunkelheit, die sich über mich gelegt hatte, verzog sich nicht. Ich spürte, dass ich wach war, aber ich konnte meine Augen nicht öffnen, so sehr ich mich auch anstrengte. Dann vernahm ich dumpfe Stimmen nicht weit von mir entfernt.

»Was willst du jetzt mit ihr machen?«

»Ich habe keinen blassen Schimmer.«

Waren das One und Arron? Hörte ich die beiden wirklich oder bildete ich es mir nur ein?

»Sie ist ganz schön fertig, aber das merkst du ja selbst«, fuhr Arrons Stimme fort.

»Ich bin ja nicht blind«, entgegnete One.

»Dann lass endlich gut sein. Du hast das Mädchen genug isoliert und verrückt gemacht. Wir wissen doch beide, dass sie keine Spionin ist, sonst hätten wir längst eindeutige Hinweise gefunden.«

Ein tiefes Seufzen erklang.

»Es fällt dir schwer, sie gehen zu lassen, ich versteh’s, Mann! Aber sie hält hier nicht mehr lange durch, wenn du sie weiterhin wegsperrst, mag sie noch so stark sein. Das Alleinsein und isoliert zu werden bringt sie früher oder später um. Schau sie doch an. Sie hatte Glück, dass sie sich nicht das Genick gebrochen hat.«

»Soll ich sie ins Gefängnis schicken? Das wird sie auch früher oder später umbringen!«

»Dann mach sie zu deiner Geliebten und behalte sie hier. Zu deiner richtigen Geliebten, die nicht eingesperrt werden muss. Anessas Zeit ist bald um, du wirst Ersatz brauchen.«

»Das ist nicht so einfach.«

»Spann zur Not Revera wieder ein.«

»Nein.«

»Weil du es nicht ertra-«

Arron wurde mitten im Satz unterbrochen. Ich hörte, dass eine Ärztin zu den beiden Huntern getreten war und ihnen etwas mitteilte, was ich nicht verstehen konnte. Aber es ging um mich und meinen Gesundheitszustand.

»In den nächsten Stunden müsste sie aufwachen«, schloss sie ihren Bericht schließlich.

»Und Sie sind sicher, dass sie über den Berg ist?«, hakte Arron nach.

»Ja. Die Schwellung des Gehirns ist zurückgegangen, bevor die Verletzung zu größeren Schäden führen konnte. Miss McDermont wird wieder vollständig gesund.«

Schwellung des Gehirns? In meinem Kopf? Die Erinnerung an den Sturz kam zurück und ich spürte, wie alle meine Muskeln sich anspannten.

»Ich möchte sofort informiert werden, sobald sie wach ist«, wies One einen Moment später an.

»Selbstverständlich, Sir.«

Ich hörte, dass sich Schritte entfernten, dann war nur noch das Piepen der Maschinen um mich herum zu vernehmen. Ich versuchte noch einmal, die Augen zu öffnen oder mich zu bewegen, aber es gelang mir nicht. Angst durchflutete meinen steifen Körper, doch ich zwang mich, an die Worte der Ärztin zu denken. Sie hatte gesagt, ich würde wieder vollständig gesund. Darauf musste ich vertrauen.

Das monotone Piepen um mich herum ließ mich wieder wegdämmern. Das nächste Mal, als ich zu mir kam, konnte ich die Augen blinzelnd öffnen. Meine Sicht war noch verschwommen, aber ich war erleichtert, dass ich überhaupt aus der Dunkelheit entkommen konnte.

Langsam bewegte ich meine Finger, um zu überprüfen, ob ich auch das hinbekäme. Es gelang mir.

»Sie sind ja schon wach, Miss.« Eine ältere Frau mit ergrautem Haar trat zu mir ans Bett. Ich hatte sie zuvor nicht bemerkt und zuckte leicht zusammen. »Wie fühlen Sie sich?«, fragte sie und notierte etwas auf dem flachen Gerät in ihrer Hand.

»Erschöpft«, krächzte ich und verzog das Gesicht, weil mein Hals schmerzte.

»Das liegt an den Medikamenten«, erwiderte sie. »Wir hatten Sie für ein paar Tage in ein künstliches Koma versetzt.«

»Künstliches ... Koma?«, hakte ich nach.

»Eine Langzeitnarkose. Ein kontrollierter Tiefschlaf, damit Ihr Körper sich nach dem Sturz und den schweren Verletzungen ohne äußere Stressfaktoren und Schmerzen erholen konnte. Sobald die Medikamente vollständig aus Ihrer Blutbahn sind, wird es Ihnen nach und nach besser gehen.«

Ich nickte und spürte, dass meine Augen wieder zufielen. Das Gefühl der Erschöpfung war einfach zu stark.

»Ruhen Sie sich aus, Miss McDermont. In ein paar Tagen haben Sie es überstanden.«

 



Beim nächsten Erwachen stand One neben meinem Bett. Ich dachte sofort an das Gespräch zwischen ihm und Arron, das ich belauscht hatte, und fragte mich, ob es wirklich so stattgefunden hatte oder ob es bloß ein Traum während des Komas gewesen war.

»Wollen Sie mich wieder fragen, ob ich mich umbringen wollte?«, richtete ich meine krächzenden Worte an das Oberhaupt und räusperte mich.

»Wolltest du das?«, entgegnete er daraufhin, klang zu meiner Verwunderung jedoch überhaupt nicht wütend, wie ich es erwartet hatte.

»Nein. Ich war nur neugierig.«

»Deine Neugier hat dich schon einmal in große Schwierigkeiten gebracht«, wandte er ein.

»Und wahrscheinlich wird sie das auch immer wieder tun.«

Er schwieg kurz, bevor er die nächste Frage stellte: »Hast du etwas Interessantes oben im Regal gefunden?«

Ich senkte den Blick und biss mir schuldbewusst auf die Unterlippe.

»Es war dumm und leichtsinnig, auf den Stuhl zu klettern«, fuhr er fort und hob mein Kinn mit den Fingern an, damit ich ihn ansah. Augenblicklich zog er seine Hand wieder zurück. »Ich hätte dich für schlauer gehalten.«

»Einsamkeit … und Hoffnungslosigkeit machen eben dumm und leichtsinnig«, erwiderte ich leise.

»Im Gefängnis wärst du nicht besser dran.«

»Ich habe das Gefängnis noch vor mir, also werde ich das bald schon selbst herausfinden können.« Ich heftete meinen Blick auf sein Gesicht und beobachtete ihn ganz genau. Arron hatte gemeint, es würde One schwer fallen, mich fortzuschicken, doch davon konnte ich nichts erkennen. Seine Miene blieb ausdruckslos, meine Worte schienen ihn nicht zu kümmern. Enttäuscht wandte ich den Blick wieder ab. Savannah hatte Unrecht gehabt – One würde mich nicht vor dem Gefängnis bewahren.

»Du wirst eine Hure sein«, sagte er plötzlich. »So hast du dich doch bezeichnet, wenn ich mich richtig erinnere. Du wirst deinen Anblick nicht ertragen können.«

Langsam drehte ich meine Augen wieder in seine Richtung. Er sah mir direkt ins Gesicht, nicht mehr ausdruckslos, sondern wütend.

»Wenn du hier bei mir bleibst, wirst du wieder die Hure sein, die du nicht sein möchtest. Ich werde nur zu dir kommen, um körperliche Befriedigung zu suchen.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich.

»Wirst du damit leben können?«, hakte er nach. Ich verstand nicht, wieso er so wütend war.

»Ist das nicht besser als das Gefängnis, Sir?«, entgegnete ich leise und hatte Mühe, seinem eindringlichen Blick standzuhalten.

»Das musst du für dich entscheiden. Ich mache dir keine Versprechungen, Riley. Wenn du falsche Hoffnungen hegst und darunter leidest, bist du selbst schuld. Ich sage dir offen heraus, wie das Ganze ablaufen wird. Ich komme zu dir, ihn nehme dich und dann gehe ich wieder. Im Gegenzug darfst du ganz offiziell im Hauptquartier bleiben und musst nicht ins Gefängnis. Somit erkaufst du dir deine Freiheit mit deinem Körper. Das muss dir vollständig klar sein.«

Ich versuchte erst gar nicht, die Gefühle, die in mir tobten, zu sortieren. Das war unmöglich. Stattdessen konzentrierte ich mich allein auf das, was der Hunter sagte. »Dann werde ich nicht in der Wohnung eingesperrt sein?«, hakte ich nach.

»Vorerst bleibst du hier auf der Krankenstation«, erwiderte er. »Sobald du vollständig genesen bist, wirst du in die Wohnung zurückkehren. Und es steht dir frei, sie zu bestimmten Zeiten zu verlassen.«

Also keine Gefangene mehr, lediglich eine Hure. Seine Hure. »Was ist mit Ihrer anderen Geliebten?«, stellte ich die Frage, die mir als nächstes in den Sinn kam.

»Sie muss in wenigen Tagen das Hauptquartier verlassen, ihre Zeit ist um.«

»Dann bin ich der Ersatz für sie?« Wie Arron es ihm geraten hatte.

»Wenn du dich dafür entscheidest«, bestätigte er mit einem Nicken.

»Ich nehme an, Sie konnten sich davon überzeugen, dass ich die Wahrheit sage und wirklich Riley McDermont bin. Sonst würden Sie mir dieses Angebot wohl nicht machen.«

One erwiderte nichts darauf, deutete stattdessen ein weiteres Nicken an.

»Wenn ich hierbleibe … und Ihnen eine gute Geliebte bin, die keine Schwierigkeiten macht, erlassen Sie mir die Strafe für die Entwendung der Schlüsselkarte und das Eindringen in die Bibliothek. Ich muss nicht ins Gefängnis?«, fasste ich noch einmal zusammen.

»Korrekt«, bestätigte er.

»Und sobald meine Zeit hier abgelaufen ist, darf ich einfach gehen?«

»Das sehen wir, wenn es soweit ist. Keine Schwierigkeiten zu machen, dürfte dir nicht so leicht fallen.«

Ich überhörte die Anspielung. »Alles, was ich für meine Freiheit tun muss, ist also, mich an die Regeln zu halten und … meinen Körper für die Befriedigung Ihrer Bedürfnisse bereitzustellen?«, hakte ich noch einmal so sachlich wie möglich nach, obwohl es mir wahnsinnig schwer fiel, es auszusprechen.

Zum ersten Mal wandte One seinen Blick von meinem Gesicht ab und starrte an die Wand hinter mir. »Wenn du gehorchst und keine Schwierigkeiten machst, wird die Zeit für uns beide angenehm«, sagte er und wirkte dabei äußerst angespannt.

»Obwohl Sie meine Nähe kaum ertragen? Wie wollen Sie mit mir -«

»Du stellst zu viele Fragen«, unterbrach der Hunter mich barsch und drehte sich um, um zur Tür zu gehen. »Entweder bleibst du hier zu meinen Bedingungen oder du musst fort. Ins Gefängnis. Entscheide dich.«

»Ich habe mich doch bereits entschieden«, wandte ich ein, bevor er das Zimmer verließ. »Nach Ihrem Verhör. Da hatte ich schon angenommen, dass Sie … etwas von mir einfordern würden. Und ich bin damit einverstanden.« Auch wenn ich damit meinen Stolz und meine Würde mit Füßen trat. Wenigstens kann ich auf diese Weise dem Gefängnis entkommen, rechtfertigte ich vor mir selbst. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ein Teil von mir regelrecht danach gierte, dem eiskalten Hunter wieder nahe zu sein, zu welchen Bedingungen auch immer. Für diesen Teil schämte ich mich zutiefst.

»Dann soll es so sein«, sagte One und trat durch die Tür.

Ich starrte ihm nach und versuchte, aus diesem Mann schlau zu werden. Es gelang mir nicht. Er verwirrte mich mit seinen widersprüchlichen Handlungen – mit seinem ganzen Dasein!

»Worauf lässt du dich da nur ein?«, fragte ich mich selbst und hatte keine befriedigende Antwort darauf.

 



In den nächsten Tagen wurden die Medikamente, die durch mein Blut strömten, nach und nach abgesetzt. Ich fühlte mich viel wacher, allerdings spürte ich nun auch die Schmerzen, die zuvor betäubt worden waren. Vor allem mein Kopf und mein Rücken hatten durch den Sturz etwas abbekommen und bereiteten mir große Schwierigkeiten.

Als die Ärztin schließlich den Verband abnahm, der sich um meinen Kopf zog, entfuhr mir ein schmerzhaftes Stöhnen.

»Seien Sie vorsichtig«, erklang es neben uns, wo One an der Wand gelehnt dastand.

Ich sah zu ihm, aber er hatte seinen Blick starr auf die Frau gerichtet, die mich umsorgte.

»Das bin ich, Sir«, erwiderte die Ärztin, und ein Schmunzeln legte sich auf ihre Lippen. »Keine Sorge, Ihr Mädchen hat es gleich geschafft.«

Während One nun eine noch finstere Miene aufsetzte, wurde mir ganz warm ums Herz. Ihr Mädchen. Ich wollte mich wirklich nicht irgendwelchen romantischen Vorstellungen oder naiven Hoffnungen hingeben, aber für einen kurzen Moment konnte ich mich nicht dagegen wehren. Immerhin machte der Hunter sich offensichtlich Sorgen um mich, also war ich ihm nicht völlig egal.

»So, fertig«, verkündete die Frau Doktor schließlich und trat von mir weg. »Wir behalten Sie noch eine Nacht hier, Miss McDermont, und dann können Sie morgen die Krankenstation verlassen, wenn keine plötzlichen Komplikationen auftreten.«

»Es können noch Komplikationen auftreten?«, meldete sich One wieder zu Wort.

»Unwahrscheinlich«, erwiderte sie und drehte sich zu ihm. »Aber nach einer so schweren Verletzung kann man es nicht hundertprozentig ausschließen. Deshalb soll Miss McDermont das Notfallarmband auch nach ihrer Entlassung noch ein paar Tage anbehalten.«

Ich blickte zu meinem linken Handgelenk und betrachtete den schmalen Metallring, der Alarm schlagen würde, sollte sich mein Zustand plötzlich verschlechtern.

»Gut. Dann lasse ich Sie beide jetzt allein.« Die Ärztin schenkte mir noch ein freundliches Lächeln und verließ den Raum.

»Danke, dass Sie sich um mich kümmern«, richtete ich an den Hunter, bevor eine unangenehme Stille zwischen uns entstand. »Das ist nicht selbstverständlich.«

Er nickte knapp und stieß sich von der Wand ab. »Ich bin morgen unterwegs«, sagte er auf dem Weg zur Tür. »Ich schicke jemanden, der dich abholt und in die Wohnung bringt.«

»Okay.«

»Brauchst du noch etwas?«

Jemanden, der nicht sofort die Flucht ergreift, sobald er allein mit mir in einem Raum ist. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank.«

»Dann sehen wir uns morgen. Es gibt einiges zu besprechen, jetzt, wo du meine Geliebte bist.«

Nachdem er den Raum im Eilschritt verlassen hatte, starrte ich an die Wand und versuchte zum wiederholten Male, das merkwürdige Verhalten des Hunters zu ergründen. Was war denn nur los mit diesem Mann? Wie würde unsere … Vereinigung aussehen, wenn er es kaum aushielt, mit mir allein zu sein? Mir fehlte es an Vorstellungskraft, um mir ausmalen zu können, wie die nächste Zeit an der Seite von Taleon One, als seine richtige Geliebte, aussehen sollte. Aber ich würde es schon bald am eigenen Leibe erfahren dürfen.




Am nächsten Morgen wurde ich von einem Hunter abgeholt, dessen Bekanntschaft ich zuvor noch nicht gemacht hatte. Er brachte mich in die Wohnung, in der ich vor meinem Sturz gefangen gehalten worden war.

»Ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie erst einmal hier bleiben und nicht raus gehen sollen. Der Boss wird Sie bald aufsuchen«, verkündete er dann.

Ich nickte, um zu zeigen, dass ich verstanden hatte. Nachdem er wieder gegangen war, setzte mich ans Fenster und starrte nach draußen.

One würde mich also bald schon aufsuchen. Um einiges zu besprechen, wie er mir am Vortag mitgeteilt hatte. Wahrscheinlich wollte er mir noch einmal klarmachen, dass ich mir keine falschen Hoffnungen von meinem Aufenthalt als seine Geliebte machen sollte. Aber da brauchte er sich nicht zu fürchten, ich tat ja jetzt schon alles Mögliche, um mir keine Luftschlösser zu bauen.

Mit jeder Minute, die verstrich, stieg meine Nervosität. Als es schließlich an der Tür klopfte, war ich bis zum Äußersten angespannt.

Ich öffnete die Tür und trat einen Schritt zurück, als plötzlich Anessa sich grob an mir vorbei in die Wohnung drängte. Mit gerunzelter Stirn beobachtete ich sie dabei, wie sie ihre Augen über die Möbel und Gegenstände wandern ließ, bevor sie sie auf mich richtete.

»Ich nehme an, du hast die letzten Wochen, in denen man dich nicht mehr zu Gesicht bekam, hier verbracht«, sagte sie schließlich.

Ich schloss die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das stimmt«, gab ich offen heraus zu. Wieso sollte ich es auch leugnen? Wenn es sie störte, war das nicht mein Problem.

»Wer bist du?«, fragte sie mit verengten Augen. »Was hast du gegen Taleon in der Hand?«

»Gar nichts«, erwiderte ich verwirrt.

»Wieso macht er so ein Aufsehen um dich?«, fuhr sie fort und machte einen Schritt auf mich zu.

Ich schüttelte den Kopf, wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Wer den Hunter-Anführer durchschauen könnte, hätte einen Preis verdient!

»Du kannst mit diesem Mann nicht umgehen.« Anessas grüne Augen funkelten mich missbilligend an. »Ein kleines Mädchen wie du kann ihm niemals gerecht werden!«

»Du bist doch nur wütend, weil du gehen musst, ohne den erhofften Ring an deinem Finger«, sagte ich und reckte mein Kinn. Ich würde mich nicht von dieser Frau einschüchtern lassen!

»Früher oder später wird er diese Entscheidung bereuen, sobald ihm klargeworden ist, dass eine wie du ihm nichts zu bieten hat. Und dann kommt er zu mir zurück. Du armseliges Ding wirst ihn niemals halten können. Und eins verspreche ich dir – deine Zeit hier wird die Hölle sein.« Anessa rümpfte die Nase, schenkte mir einen letzten Blick, als wolle sie mich zerquetschen, und verließ die Wohnung mit einem lauten Knallen der Tür.

Ich atmete erleichtert aus, als sie endlich weg war, und setzte mich zurück ans Fenster. Das Auftauchen von Ones Noch-Geliebten hatte mich durcheinander gebracht, aber ich wollte mich nicht von ihren Worten zusätzlich verunsichern lassen. Mir stand noch ein Gespräch bevor, das bereits all meine Nerven aufzehrte. Wahrscheinlich war Anessa bloß hergekommen, um Dampf abzulassen, weil sie gehen musste. Ich brauchte sie nicht, um zu wissen, dass ich One niemals gerecht werden konnte, das war mir auch so stets bewusst.

Und dennoch – er hatte mich zu seiner richtigen Geliebten gemacht und vor dem Gefängnis bewahrt. Es schien ihm wichtig zu sein, dass ich dort nicht verendete. Und auch wenn ich mir jegliche Hoffnungen verbot, schimmerten immer wieder solche Überlegungen durch die Wand, mit der ich sie abschirmte.

Eine weitere Stunde verging, bevor One zu mir kam und mich von der unendlich erscheinenden Warterei erlöste.

»Wie geht es dir?«, erkundigte er sich und blieb neben der Tür stehen.

»Gut«, erwiderte ich und drehte mich zu ihm.

»Keine nachhaltigen Beschwerden?«

»Mir ist ein wenig schwindelig und ich habe Kopfschmerzen, aber es ist noch erträglich.«

Er nickte knapp und richtete seinen Blick für einen Moment aus dem Fenster hinter mir, bevor er wieder mich ansah. »Wir warten noch ein paar Tage, bis du dich besser fühlst.«

Mir war sofort klar, was er damit meinte, und mein Herz begann zu rasen.

»Dir steht es ab morgen frei, die Wohnung zu verlassen«, fuhr er fort und wirkte dabei etwas angespannt. »Allerdings wirst du eine zusätzliche Regel beachten, während du dich außerhalb aufhältst. Alles, was zwischen uns in diesen Räumen besprochen wird oder geschieht, dringt nicht nach außen. Du wirst mit niemandem über mich sprechen. Kein Wort. Hast du das verstanden, Riley?«

»Ja, Sir«, bestätigte ich mit einem Nicken. »Das hatte ich auch so nicht vor.«

»Damit ist auch Savannah gemeint«, fügte One im nächsten Moment hinzu.

Automatisch wanderte mein Blick zu dem Regal, das vor zwei Wochen auf mich gefallen war. Es stand wieder an der Wand mir gegenüber, die vogelähnliche Figur war jedoch verschwunden.

»Woher wussten Sie, wie Sava sich während ihres Besuchs hier verhalten hat?«, richtete ich wieder an den Hunter. »Haben Sie uns beobachtet?«, hakte ich nach, als er nicht antwortete.

»Du bist zu neugierig, Riley«, sagte er daraufhin schlicht.

»Ist das schlecht?«

»Ja. Es bringt dir zu viel Ärger ein.« One kam zu mir rüber und gab mir eine kleine Dose aus Plastik. »Nimm abends eine Tablette, damit du ruhig schlafen kannst. In ein paar Tagen müssten der Schwindel und die Kopfschmerzen vergangen sein.«

Er ging zurück zur Tür und verließ mich ohne ein weiteres Wort. Ich spürte, dass die Anspannung, die mich die ganze Zeit während seiner Anwesenheit im Griff gehabt hatte, aus meinem Körper wich. Meine Schultern sackten hinab und ich lehnte mich zurück gegen den breiten Fensterrahmen.

Das Gespräch war angenehmer gewesen, als ich es erwartet hatte. One hatte nur eine einzige neue Bedingung geäußert: Ich durfte mit anderen nicht über ihn sprechen. Etwas, das ich sowieso nicht vorgehabt hatte. Es war nicht meine Art, über das, was mich beschäftigte, mit anderen Frauen zu tratschen, auch wenn ich durchaus Gefallen daran gehabt hatte, mich mit Savannah auszutauschen. Wahrscheinlich würde sie selbst am meisten Schwierigkeiten mit der neuen Regel haben.




Bereits in aller Frühe am nächsten Morgen machte ich von meiner neugewonnenen Freiheit Gebrauch und verließ die Wohnung. Als draußen die ersten Sonnenstrahlen auf mein Gesicht fielen, schloss ich die Augen und lächelte in mich hinein. Es fühlte sich herrlich an!

Ein paar Minuten blieb ich einfach so stehen und genoss die Wärme, während ich die Blicke der Hunter, die das Gebäude bewachten, ignorierte. Dann machte ich einen Spaziergang und achtete darauf, nicht die Wege anzutreten, auf denen sich die anderen Geliebten aufhielten.

»Riley!«, ertönte es plötzlich hinter mir, und als ich mich umdrehte, sah ich Savannah auf mich zukommen. Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Ich habe schon gehört, dass du nun doch länger im Hauptquartier bleibst.«

»Von Arron?«, hakte ich nach.

»Ja. Und von ein paar anderen Mädels. Im Moment sind die heißesten Gerüchte über dich im Umlauf.«

Ich verzog das Gesicht. »Über mich? Wieso?«

»Du bist die neue Geliebte vom Anführer! Die meisten haben geglaubt, er würde Anessa länger dabehalten, und jetzt hat er sie fortgeschickt und Nikk die Geliebte ausgespannt, um sie für sich zu behalten. Das ist ein kleiner Skandal!«, fügte sie mit einem belustigten Augenzwinkern hinzu.

Ich konnte ihre Freude über diesen Skandal nicht teilen. Im Gegenteil – mir war diese ganze Aufmerksamkeit überhaupt nicht recht!

»Ich habe dir doch gesagt, er lässt dich nicht einfach gehen«, fuhr Sava mit gesenkter Stimme fort.

Ich sah mich kurz um, bevor ich etwas darauf erwiderte. »Du wusstest, dass man uns beobachtet, nicht wahr? Deshalb hast du auch während deiner Besuche geflüstert, wenn es um dieses Thema ging.«

Sie nickte. »Ich habe es geahnt. Eigentlich dachte ich, ich wäre vorsichtig genug gewesen, aber ich hatte mich geirrt. Nach meinem letzten Besuch bei dir musste ich mir einiges von Taleon anhören. Und was zeigt uns das? Ich hatte mit allem recht!«

»Wir sollten nicht mehr darüber sprechen«, wandte ich schnell ein, bevor sie noch mehr von sich gab, und dachte dabei an die neue Regel, die One mir auferlegt hatte. Kein Wort über ihn mit anderen!

Sava betrachtete mich einen Moment eingehend und nickte dann. »Er hat es dir verboten, habe ich recht?«

Verlegen blickte ich zur Seite.

»Gibt dir das nicht zu denken, Riley?«, hakte sie nun weiter nach. »Wenn du ganz genau über alles, was ich gesagt habe, und über sein Verhalten nachdenkst, dann musst du doch merken, dass One -«

»Savannah.«

Ich zuckte zusammen, als neben uns eine weitere Stimme ertönte. Doch Sava lächelte bloß und drehte sich zu ihrem Verlobten um.

»Hallo, Riley«, begrüßte mich Arron, als er uns erreicht hatte. »Es freut mich, dass du wieder wohlauf bist.« Dann wandte er sich erneut an Sava. »Begleitest du mich, Liebes?«

»Natürlich«, entgegnete sie und hakte sich bei ihm ein. »Bis bald, Riley«, verabschiedete sie sich noch mit einem Augenzwinkern von mir, bevor die beiden davon gingen.

Ich sah ihnen nach und hörte Savas Worte immer und immer wieder in meinem Kopf. Es fiel mir schwer, ihre Andeutungen zu ignorieren. Immerhin war ich nicht blöd und hatte selbst schon bemerkt, wie widersprüchlich One sich benahm. Wie kaltherzig er einerseits mir gegenüber war, und sich gleichzeitig stets um mich sorgte. Er hatte mit mir geschlafen. Zweimal. Hatte mich mit seinem Leben beschützt, mir so oft den Hintern gerettet ... und dennoch vermittelte er mir seit unserer Rückkehr in das Hauptquartier, dass ihm meine Nähe zuwider war. Das verwirrte mich und ich wünschte mir, Savannah könnte mir erklären, was das zu bedeuten hatte. Sie schien One besser zu durchschauen als ich. Und ihm war das wohl überhaupt nicht recht, was es für mich umso verlockender machte.

Mach keine Schwierigkeiten!, hörte ich eine innere Stimme sagen und biss mir schuldbewusst auf die Unterlippe. Ich musste mich an die Regeln halten, sonst würde One die Geduld mit mir endgültig verlieren.

Also schob ich meine Überlegungen vehement beiseite und nahm mir fest vor, fortan zu gehorchen. 

19. Kapitel

 

 


One kam erst nach drei Tagen wieder zu mir. In diesen Tagen war ich nur selten außerhalb der Wohnung gewesen, weil ich mich einerseits vor den Gerüchten und Blicken der anderen fürchtete und andererseits auch nicht Sava begegnen wollte, um nicht in Versuchung zu geraten, mit ihr über One zu sprechen. Ich hatte mir fest vorgenommen, keine Schwierigkeiten mehr zu machen, und daran wollte ich mich halten.

Als One nun vor mir stand, sagte er eine lange Weile nichts, sondern schaute mich lediglich mit nachdenklich gerunzelter Stirn an, während er seine Lippen fest aufeinander presste.

Ich wurde wahnsinnig nervös, gab mich nach außen hin jedoch so gelassen und ruhig wie nur möglich. »Alles in Ordnung, Sir?«, fragte ich ihn schließlich vorsichtig.

»Zieh dich aus und lege dich ins Bett«, entgegnete er und deutete mit dem Kinn zur Schlafzimmertür.

Ich schluckte schwer, erhob mich langsam von meinem Platz am Fenster und griff nach dem Saum meiner Bluse, um sie über den Kopf auszuziehen. Dabei zwang ich mich innerlich, den Kopf auszuschalten und einfach nur seine Anweisungen zu befolgen.

»Nicht hier«, unterbrach er mein Tun streng und deutete noch einmal zur Tür. »Im Zimmer.«

»Weil Sie meinen Anblick bei Licht nicht ertragen?«, hakte ich nach und gab mir Mühe, es nicht allzu persönlich zu nehmen.

»Herrgott, tu einfach das, was ich dir sage!«, fuhr er mich verärgert an. »Es ist auch so schon schwer genug.«

Zu meiner Scham gesellte sich nach diesen Worten auch Wut, aber ich schluckte beides herunter und ging eilig ins Schlafzimmer. Dort entledigte ich mich meiner restlichen Kleidung und legte mich aufs Bett. Ich zitterte am ganzen Körper, auch wenn es angenehm warm im Zimmer war.

Es verging eine Ewigkeit, in der ich vor Nervosität beinahe platzte, bevor One zu mir kam. Mit abgewandtem Blick begann nun auch er, sich zu entkleiden. In meinem Bauch kribbelte es heftig. Im Gegensatz zu ihm konnte ich meinen Blick nicht von ihm abwenden. Mein Mund wurde regelrecht trocken, als die harten Muskeln unter der goldbraunen Haut zum Vorschein kamen. Ich hätte ihn ewig einfach nur anstarren können, ohne je genug zu bekommen.

Als One vollständig entkleidet war, wäre ich am liebsten geflohen. Gleichzeitig konnte ich es kaum noch erwarten, dass er endlich zu mir kam.

Die Matratze sank leicht ein, als er schließlich meine Beine mit seinen Händen auseinander schob und dazwischen Platz nahm. Seine Augen waren die ganze Zeit auf mein Gesicht gerichtet. Ich streckte meine Arme nach ihm aus, da umfasste er meine Handgelenke und schob meine Hände über meinem Kopf zusammen.

»Lass sie hier oben«, befahl er dabei. »Du wirst mich nicht berühren. Weder mit deinen Händen, noch mit deinen Lippen. Verstanden?«

Ich nickte und heftete meinen Blick auf seine durchtrainierte Brust, weil ich seine wütenden Augen nicht länger sehen wollte. Seine Muskeln wurden von einem männlichen Haarwuchs überzogen, und obwohl das Zimmer lediglich vom schwachen Licht beleuchtet wurde, das durch die schweren Vorhänge am Fenster drang, erkannte ich vereinzelte Narben und dunkle Schattierungen der Hunter-Zeichen auf seinem Oberkörper. Alles in mir schrie danach, sie mit den Fingerspitzen nachzufahren, aber ich zwang mich dazu, die Hände über dem Kopf zu lassen, wie er es mir befohlen hatte.

One wirkte etwas unschlüssig und ich fragte mich zum wiederholten Male, wieso es ihm so schwer fiel, meine Nähe zu ertragen. Er hatte doch bereits mit mir geschlafen …

Meine Gedanken wurden fortgewischt, als er eine Hand zu meinem Geschlecht führte und mich dort zunächst langsam und vorsichtig streichelte und schließlich den Rhythmus änderte und mich dazu brachte, die Fersen in die Matratze zu drücken.

Dann nahm er seine Hand weg und drang in mich ein. Ich stöhnte und konnte mich gerade noch beherrschen, meine Arme nicht um seinen Hals zu schlingen. Er stieß in mich, präzise und stetig, aber an dem Akt war nichts Leidenschaftliches. Der Hunter befriedigte lediglich sein Bedürfnis. Dabei sah er mich nicht einmal an, sondern vergrub sein Gesicht an meiner Schulter. Als er fertig war, ließ er von mir ab, zog sich eilig an und ging.

Ich fühlte mich benutzt und wertlos, während ich noch liegen blieb und mich dazu zwang, nicht in Tränen auszubrechen. Er hat dir gesagt, wie es ablaufen wird, erinnerte ich mich selbst. Du bist seine Hure, nicht mehr und nicht weniger. Wenn du dir falsche Hoffnungen machst und im Nachhinein enttäuscht bist, ist es deine eigene Schuld!

Nach einer Weile stand ich auf, ging ins Bad und wusch den Besuch des Hunters von mir ab. Als ich anschließend in den Spiegel sah, erblickte ich darin eine Frau, die den kleinen Rest ihrer Würde und ihres Stolzes mühsam festzuhalten versuchte – und dabei kläglich scheiterte.

»Reiß dich zusammen!«, zischte ich ihr zu. Das Gefängnis wäre weitaus schlimmer, als die Hure eines gefühlskalten Hunters zu sein. Und wenn ich endlich aufhören könnte, winzig kleine Hoffnungsschimmer zu sehen, die jedes Mal von One zerstört wurden, wenn er zu mir kam, würde ich zumindest etwas Positives aus der Zeit, die ich im Hauptquartier blieb, für mich herausschlagen. Sechs Monate Sicherheit und Luxus, den ich danach nie wieder haben könnte. Das war besser, als in Enttäuschung, Wut und Trauer zu versinken.



One kam alle zwei Tage zu mir, um sein Bedürfnis zu stillen, und mir schien es, als würde er sich mit jedem weiteren Mal mehr von mir distanzieren. Er nahm zwar meinen Körper, vögelte ihn, aber er ließ stets meine Seele außen vor, sperrte sie mit aller Macht aus, indem er mich nie ansah, nie zärtlich berührte – oder sich von mir berühren ließ.

Und dann, als er mich das vierte Mal für seine Triebe benutzte, wurde ich von solcher Wut übermannt, dass ich mich nicht länger zusammenreißen und beherrschen konnte. Mit beiden Händen griff ich nach seinem Gesicht, beugte mich vor und drückte meine Lippen fest und wütend auf seine.

Ich hatte erwartet, dass er mich sofort von sich stoßen würde, und genau deshalb war ich nicht vorbereitet auf die Heftigkeit, mit der One plötzlich meinen Kuss erwiderte. Seine rauen Hände fuhren grob in mein Haar und umfassten meinen Kopf, zogen schmerzhaft an einzelnen Strähnen, während er meine Lippen fast schon brutal teilte und meinen Mund mit einem Hunger eroberte, der mir schier den Atem raubte. Seine Zunge strich über meine, neckte und lockte sie. Ihm entfuhr ein leises Stöhnen, das ich begierig aufsaugte, um ihn anschließend weiter zu küssen, mich an ihn zu drücken und seine unerwartete Leidenschaft zu genießen. Ich bekam nicht genug von ihr, wollte mehr, mehr, mehr!

Als er von mir abließ, damit wir beide wieder Luft bekamen, gönnte ich ihm nur einen kurzen Moment Pause, bevor ich mich wieder auf seine wundervollen Lippen stürzte. Doch diesmal spürte ich den Widerstand, den er bei unserem ersten Kuss noch nicht gegen mich verwendet hatte. Er wollte sich von mir lösen, aber ich ließ es nicht zu, biss in seine Unterlippe und schlang meine Arme fest um seinen Hals. Es war mir egal, dass ich dafür Ärger bekommen würde, ich wollte einfach nur noch einmal von ihm geküsst werden, so wie er es eben getan hatte.

»Riley!«, stieß er wütend aus. Sein gesamter steinharter Körper spannte sich noch mehr an. In seinem Blick lag eine Warnung, aber auch etwas anderes ... Flehen.

Ich verdrängte die Angst, die mich kurz durchzuckte, und verschloss seinen Mund ein weiteres Mal mit meinem. Zärtlich knabberte ich an seiner Unterlippe, während ich ihn weiterhin fest umklammert hielt, bat um Einlass und seufzte zufrieden, als er mir diesen gewährte.

Dass er wütend auf mich war, merkte ich nun an der Art, wie er meinen Mund gefangen nahm. Es waren rohe Begierde und pure Wildheit, die ihn leiteten – und ich liebte es!

Als er sich diesmal in mir zu bewegen begann, war jegliche Distanz verschwunden. Seine langen, intensiven Stöße brachten mich im Handumdrehen zum Erzittern, während seine Lippen meine verließen und eine heiße Spür über meinen Hals zogen. Er biss mir fest, aber nicht schmerzhaft in Hals und Schulter, leckte über meine schweißnasse Haut und kehrte zurück zu meinem Mund.

Ich war wie von Sinnen, als er mich wieder küsste. Und wieder. Plötzlich waren seine Lippen überall, während er sie mir all die vergangenen Male stets vollkommen verweigert hatte. Ich konnte mein Glück kaum fassen, war berauscht von all den Empfindungen, die mich durchströmten, während meine gierigen Finger seine feuchte Haut kneteten, ihn streichelten, sich haltsuchend in seine kräftigen Pobacken gruben.

Ein Höhepunkt jagte den nächsten, während der Hunter mich unter sich begrub, und ich bekam nicht einmal mit, wie ich irgendwann vor Erschöpfung einschlief.

 



Als ich am nächsten Morgen erwachte, war One nicht mehr da, und mein wunderbar ermatteter Körper machte mir deutlich, dass ich die vergangene Nacht nicht einfach nur geträumt hatte. Auf meinen Lippen lag ein glückliches Lächeln, doch ich wusste auch, dass es mir wieder vergehen würde, sobald ich auf den Hunter traf.

Ich hatte gegen seine Anweisung verstoßen – und dafür so viel Leidenschaft beim Sex erhalten, dass ich mich sogar jetzt noch gesättigt von ihr fühlte. Etwas, was One mich zuvor nicht fühlen lassen wollte. Und wieso? Darauf wusste ich keine Antwort, aber so war es. Und dabei könnte unser Sex doch immer so sein, wie in der vergangenen Nacht. Warum wollte er das nicht zulassen?

Seufzend richtete ich mich auf und genoss den süßen Schmerz, der meine Glieder durchzuckte. Im Badezimmer offenbarte mir der Spiegel die leicht zu sehenden Biss- und Kratzspuren an meiner Schulter, meinem Hals und überall dort, wo Ones Bartstoppeln mich markiert hatten. Mit den Fingern strich ich darüber und spürte ein heftiges Kribbeln im Unterleib, als ich daran zurückdachte, wie der Hunter mich genommen hatte.

Auch auf meinen Hüften sah ich seine leichten Abdrücke, die sich dunkler verfärbt hatten. Während meiner Ekstase hatte ich nicht mitbekommen, wie fest er zugepackt hatte, und jetzt verspürte ich eine seltsame Freude darüber, dass ich den Beweis seiner zügellosen Leidenschaft auf meiner Haut trug. Am liebsten hätte ich sie dort eingebrannt.

Ich duschte schnell und zog mich an, um die Wohnung zu verlassen. In meinem Kopf hatte sich ein Vorhaben gemeldet, das ich nun in die Tat umsetzen wollte. Ich würde One direkt darauf ansprechen, was zwischen uns geschehen war. Ich würde ihm sagen, dass ich diese Art von Sex von ihm wollte. Und ich würde nicht eher ruhen, bis er mir erklärt hatte, wieso es, wenn es nach ihm ging, nicht möglich sein sollte. Ich hatte gespürt, wie sehr er mich wollte – mein Gott, ich fühlte es auch jetzt noch! – wieso kämpfte er so hart dagegen an? Mittlerweile bezweifelte ich, dass ich ihn anwiderte, dafür war seine Gier nach mir in der vergangenen Nacht zu stark gewesen.

Draußen angekommen, begab ich mich geradewegs zu dem Gebäude, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Da es noch recht früh am Morgen war, begegnete ich nur den Huntern, die ihre Runden drehten, von den anderen Geliebten war weit und breit nichts zu sehen. Mein Herz klopfte heftig, als ich schließlich den Empfang erreichte, doch dort wurde mir mitgeteilt, dass One gar nicht da sei.

»Und wissen Sie, wo er sich aufhält?«, hakte ich nach, aber die ältere Dame schüttelte den Kopf.

»Nein, tut mir leid, Miss.«

»Vielen Dank.« Enttäuscht verließ ich das Gebäude wieder und blieb draußen unschlüssig stehen. Wo mochte er jetzt sein? Wie könnte ich ihn finden?

Sobald ich die Wachen erblickte, die als nächstes in meiner Nähe auftauchten, lief ich zu ihnen und fragte die beiden Männer nach ihrem Boss.

»Wahrscheinlich beim Training«, erwiderte einer von ihnen. »Gibt es ein Problem?«

»Ich muss dringend mit ihm sprechen. Wie gelange ich zu ihm?«, hakte ich nach.

Daraufhin schnaubte er belustigt. »Überhaupt nicht, Lady. Beim Training habt ihr Frauen nichts zu suchen.«

»Aber es ist wichtig!«

»Dann muss es warten, bis der Boss fertig ist. Geh und lass dich schminken oder so. In einer Stunde ist das Training zu Ende.«

Am liebsten hätte ich ihn für seinen herablassenden Ton zurechtgewiesen, aber ich verkniff es mir mit aller Macht. Das hier war ein Hunter und ich sollte mich nicht mit ihm anlegen.

»Ja, Sir«, presste ich stattdessen hervor und wandte mich von den beiden ab. Resignierend ging ich weiter und huschte schnell in eine verdeckte Ecke, als ich Frella und zwei weitere Frauen erblickte. Auf eine Begegnung mit dieser grässlichen Person konnte ich gut und gerne verzichten, auch wenn es mich doch interessierte, wie sie nach unserer letzten Begegnung im Dessous-Laden auf mich reagieren würde. Hatte ich ihr deutlich genug zu verstehen gegeben, dass sie mich in Ruhe lassen sollte?

»Was machst du denn da?«, erklang es plötzlich hinter mir und ich zuckte heftig zusammen.

Mit wild galoppierendem Herzen drehte ich mich zu Savannah um und atmete in einem Stoß aus. »Du hast mich zu Tode erschrocken!«

»Sorry. Versteckst du dich vor jemandem?«

Ich kam aus der Ecke hervor und zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Lust, den anderen Geliebten zu begegnen.«

»Bin auch ich damit gemeint?«, hakte sie grinsend nach.

»Bis jetzt noch nicht.«

»Was muss ich tun, um die unerschrockene Riley zu verärgern?«, wollte sie wissen und setzte eine düstere Miene auf.

»Das ist schon mal ein guter Anfang«, entgegnete ich und deutete mit dem Finger auf ihr Gesicht.

Lachend schlug sie meine Hand weg und hakte sich bei mir ein. »Gehen wir zusammen etwas frühstücken?«

Obwohl mein Magen bereits vor Hunger laut protestierte, schüttelte ich den Kopf. »Ich bin wirklich noch nicht soweit, mich den Blicken zu stellen«, gab ich ehrlich zu.

»Hast du Angst vor den Weibern?«

»Nein. Ich bin einfach nicht gut in so etwas.«

»In was?«, hakte Sava nach.

»In diesem … Zickenkrieg«, griff ich ein Wort auf, das ich mal von Danika aufgeschnappt hatte, und verspürte einen leisen Stich, als ich an meine Freundin dachte.

Zum Glück holte Arrons Verlobte mich schnell aus dieser Erinnerung. »Du bist schlauer als nahezu jede von ihnen. Es wäre ein Kinderspiel für dich, Frella oder sonst wem eine reinzuwürgen.«

»Aber sie sind so gemein. Richtig fies. Damit komme ich nicht so gut zurecht.«

»Im Ernst? Du bist die Geliebte von Taleon, der sich fest vorgenommen hat, dich in deine Schranken zu weisen, und da hast du Schiss vor Frellas geistig unterentwickeltem Mundwerk?«

Als sie One erwähnte, fuhr ein Adrenalinstoß durch meinen Körper. Ich brauchte einen Moment, bis auch der Inhalt ihrer Aussage zu mir durchgedrungen war. Mit gerunzelter Stirn schaute ich sie an. »Er möchte mich in meine Schranken weisen?«

»Meine Güte, Riley, du kapierst ja wirklich gar nichts.« Sava schüttelte lächelnd den Kopf und zog mich mit sich. »Wir gehen zu mir. Dort können wir in Ruhe frühstücken und über Themen reden, die eigentlich verboten sind«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.

Die Stimme der Vernunft in mir riet mir davon ab, mit Savannah zu gehen, aber ich war so neugierig und wollte endlich ein wenig Licht ins Dunkle, das den widersprüchlichen Hunter umgab, bringen. Deshalb schob ich jeden Zweifel daran beiseite und folgte ihr zu ihrer und Arrons Suite.

»Weißt du eigentlich, wo die Hunter jeden Morgen trainieren?«, erkundigte ich mich auf dem Weg dorthin.

»Auf einem Gelände außerhalb der Mauern. Ich war noch nie dort, da Frauen der Zutritt verboten ist«, erwiderte sie.

»Warum gibt es eigentlich keine weiblichen Hunter?«, wunderte ich mich laut.

»Weil man uns Frauen für zu schwach hält.« Sava verdrehte die Augen und stieß ein Schnauben aus. »In dieser Welt haben wir eben nichts zu sagen. Nirgendwo.«

»Aber so war es nicht immer«, wandte ich leise ein. »Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem stand, dass früher, vor langer Zeit, Frauen dieselben Rechte hatten wie Männer.«

»Wo hast du dieses Buch gelesen?«, hakte sie neugierig nach und ich bereute sofort, so viel über mich und meine Vergangenheit preisgegeben zu haben. Auch wenn ich Arrons Verlobte mittlerweile recht gern mochte, wollte ich stets auf der Hut bleiben und niemandem alles von mir anvertrauen.

»Ach, das weiß ich gar nicht mehr so genau«, winkte ich deshalb ab. »Vielleicht habe ich es auch einfach nur irgendwo aufgeschnappt.«

Ich merkte, dass Sava mir einen Seitenblick zuwarf, aber sie sagte nichts mehr dazu.

In der Suite angekommen, musste ich sofort an das Abendessen bei Sava und Arron denken. Es schien Ewigkeiten her zu sein und dennoch erinnerte ich mich ganz genau an das, was One damals zu mir gesagt hatte. Er hatte mir klargemacht, dass ein zufälliges Treffen, wie das an jenem Abend, nicht wieder vorkommen sollte. Und jetzt war ich seine Geliebte. Seine Hure, wenn es nach ihm ging. Er wollte mich in meine Schranken weisen, wie Sava es ausgedrückt hatte.

»Kannst du schon mal den Tisch decken? Ich hole die Lebensmittel«, unterbrach diese nun meine Gedanken. »Wo das Geschirr ist, weißt du ja.«

Ich nickte und ging in das Esszimmer, in dem wir vor einigen Wochen zu Abend gegessen hatten. Während ich den Tisch für Sava und mich deckte, strömten Bilder der vergangenen Nacht auf mich ein. Ich sah One über mir, fühlte seine rauen Hände, schmeckte seine salzige Haut. Er hatte jegliche Distanz aufgegeben, mich mit seiner Leidenschaft überwältigt und war dann gegangen. Für wenige Stunden waren wir uns so nah gewesen, wie nie zuvor, und ich spürte, dass ich das wieder wollte.

Der Hunter hatte mich vollständig eingenommen. Er machte mich wütend, rasend, er enttäuschte mich und tat mir weh – und dennoch sehnte ich mich nach ihm, so sehr, dass es schon beinahe körperlich schmerzte, wenn er nicht bei mir war.

Ich wollte nicht seine Hure sein, nicht einmal seine Geliebte, sondern seine Frau! Ich wollte zu ihm gehören, ohne Einschränkungen. Und ich wusste, wie albern dieser Wunsch war. Unmöglich.

»Was geht bloß in deinem hübschen Köpfchen vor?«

Mir entfuhr ein leiser Schrei, als Sava erneut unvermittelt hinter mir auftauchte. »Sag mal, möchtest du mich umbringen?«, fragte ich und legte mir eine Hand auf die Brust, unter der mein Herz mal wieder Höchstleistungen vollbrachte.

»Es ist nicht meine Schuld, dass du ständig in Gedanken versinkst und niemanden um dich herum wahrnimmst«, entgegnete sie. »Wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, du bist ziemlich beschäftigt mit demjenigen, der die Bissspur an deinem Hals hinterlassen hat.«

Automatisch strich ich mit den Fingern über die Stelle, die One im Eifer seiner Leidenschaft verursacht hatte.

»Er hat dich ganz schön hart rangenommen, kann das sein?«, fuhr Sava fragend fort.

Ich haderte noch einen Augenblick mit mir selbst, dann platzte es regelrecht aus mir heraus: »Ich habe ihn dazu gedrängt! Vorher ist er nur zu mir gekommen, um mir unmissverständlich klarzumachen, dass ich bloß ein Körper bin, an dem er seine Bedürfnisse stillt. Aber gestern … Er hatte mir verboten, ihn zu berühren oder zu küssen, und ich habe es einfach getan. Und dann gab es kein Halten mehr. Er ist über mich hergefallen, wie … wie …«

»Ein wildes Tier?«, bot Sava grinsend an.

Ich nickte und spürte, dass meine Wangen brannten. »Ich habe so etwas noch nie erlebt.« Nicht einmal während unserer Flucht hatte One mich so genommen, wie in dieser Nacht. »Er war noch nie so … leidenschaftlich.«

Savas Grinsen wurde zu einem beinahe schon liebevollen Lächeln. »Er kämpft gegen dich an und er verliert.«

»Wieso kämpft er gegen mich an?«, hakte ich verwirrt nach.

»Weil Gefühle in seinen Augen etwas Schlechtes sind. Sie machen ihn schwach. Und wenn es etwas gibt, was Taleon nicht ertragen kann, dann ist es, eine Schwachstelle zu haben. Das ist verständlich. Er ist der Anführer der Hunter, er darf nicht angreifbar sein. Und wenn er dich zu nah an sich ranlässt, könnte man das früher oder später gegen ihn verwenden.«

Das, was Sava da sagte, machte Sinn. Plötzlich sah ich Ones Verhalten mit anderen Augen. Und doch konnte ich nicht glauben, dass ich ihm tatsächlich so gefährlich werden würde. Dass er wirklich so tiefe Gefühle für mich entwickeln könnte.

»Empfindest du etwas für ihn?«, hakte Sava nach.

Ich senkte den Blick und nickte. »Mehr, als ich sollte.«

»Dann kämpfe um ihn, er ist es wert. Ich kenne Taleon seit zwei Jahren und weiß, dass er wahrscheinlich der schwierigste Mensch ist, den man sich nur vorstellen kann. Aber wenn er jemanden liebt, dann liebt er ohne Bedingungen.«

»Ich glaube nicht, dass er überhaupt in der Lage ist, jemanden zu lieben«, wandte ich ein und hoffte gleichzeitig, dass ich mich irrte.

»Nimm dir die Freundschaft von Arron und ihm als Beispiel. Wenn ich nicht selbst mit eigenen Auge gesehen hätte, wie nah sich die beiden stehen, würde ich das auch nicht glauben. Aber so ist es. Er würde für Arron töten, und umgekehrt ist es genauso.«

»Kann ihm das nicht auch gefährlich werden?«

Sava lachte. »Hast du meinen Verlobten eigentlich schon mal genau angeguckt? Wer würde sich freiwillig mit ihm anlegen?«

Jetzt musste auch ich lächeln. »Er ist ein Bär von einem Mann«, bestätigte ich.

»Ganz genau. Und er -«

Sava wurde von einem Geräusch unterbrochen. Es war die Tür, die ins Schloss fiel, und gleich darauf die Stimme von Arron, die durch die Suite schallte. »Savannah? Liebes, wo bist du? Ich muss gleich wieder los, komm her und verabschiede dich.«

Sava legte sich einen Finger auf die Lippen und bedeutete mir, leise zu sein. Dann verließ sie das Esszimmer und ich hörte, wie sie ihren Verlobten begrüßte.

»Wo musst du denn hin?«, fragte sie anschließend. Sie mussten nicht weit entfernt vom Esszimmer stehen, denn ich hörte jedes Wort.

»Keine Ahnung. One hat heute eine Laune … Mann, Mann, Mann! Er hat uns da draußen auf dem Feld herumgescheucht, als wäre der Leibhaftige hinter uns her. Und jetzt hat er eine kleine Truppe für eine Außenmission zusammengestellt. In zehn Minuten brechen wir auf.«

»Sei vorsichtig«, ermahnte Sava ihn und dann hörte ich, dass sie sich küssten.

Kurz darauf ging Arron wieder und seine Verlobte kehrte zu mir zurück. »Ich frage mich, wer für Taleons Laune verantwortlich ist«, bemerkte sie mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen.

 Während des Frühstücks war ich sehr abwesend und in Gedanken versunken, weil ich so viele neue Informationen verarbeiten musste, die mit vielen meiner vorherigen Ansichten nicht mehr zu vereinbaren waren. Das entging Sava natürlich nicht.

»Sprich mit mir Riley«, forderte sie mich auf. »Ich weiß ganz genau, dass du jetzt total durcheinander bist.«

»Bin ich«, bestätigte ich nickend. »Ich weiß einfach nicht … Ich frage mich, ob ich wirklich um ihn kämpfen sollte. Wenn er es doch scheinbar mit aller Macht verhindern möchte, dass ich ihm zu nahe komme, wäre es nicht völlig selbstsüchtig, ihn dazu zu drängen? Ich möchte nicht, dass One etwas zustößt, bloß weil er … etwas für mich empfindet.«

»Dafür ist es schon etwas zu spät«, wandte sie ein und ich runzelte verwirrt die Stirn. »Er empfindet längst etwas für dich«, verdeutlichte sie im nächsten Moment. »Und ich bezweifle stark, dass er das einfach so wieder abstellen kann.«

Mein Herz klopfte wild, ich konnte das einfach nicht fassen. Sie klang so überzeugt, aber für mich war es einfach unbegreiflich, dass One tatsächlich etwas für mich empfinden könnte.

»Und was deine Sorge um ihn betrifft - ich bin mir sicher, dass ihn sein Kampf gegen dich bereits beeinträchtigt«, fuhr Sava fort. »Normalerweise plant er seine Missionen gründlich voraus, bevor er sie antritt. Dass er heute Hals über Kopf aufgebrochen ist … Nun, den Grund dafür können wir uns denken. Die Nacht mit dir hat ihn ganz schön aufgewühlt. Wir können nur beten, dass ihm diese Flucht nicht zum Verhängnis wird. Ihm und Arron«, fügte sie am Ende leise hinzu.

Ich spürte, dass ich von Angst und Sorge um die beiden Hunter gepackt wurde. »Was soll ich denn tun?«, fragte ich Sava schließlich geradeheraus.

Sie lächelte milde. »Wenn ich dir einen tollen Rat geben könnte, würde ich es tun. Ich wünsche mir natürlich, dass es gut für euch beide ausgeht. Dass Taleon sich endlich ergibt und hinnimmt, dass du etwas in ihm berührst, und dass du dein Glück mit ihm findest. Aber ich kann dir leider nicht sagen, wie du das genau anstellen sollst. Auch wenn ich Taleon ein wenig kenne und einschätzen kann, weiß ich nicht, wie er auf bestimmte Situationen reagieren würde.«

Seufzend fuhr ich mir mit den Händen über das Gesicht.

»Mach es einfach wie bisher und handle spontan«, wandte Sava noch einmal ein. »Und behalte dabei stets im Hinterkopf, dass er dich umso härter von sich stößt, je näher du an ihn herankommst. Je gemeiner er zu dir ist, desto dünner wird die Mauer, die er um sich errichtet hat, um dich fernzuhalten.«

Ich prägte mir diese Sätze ein und wiederholte sie immer wieder still für mich. Auch später, nachdem ich gegangen und in meine Wohnung zurückgekehrt war.

Wie gewohnt saß ich für den Rest des Tages am Fenster, schaute hinaus und sortierte meine Gedanken. Spontan zu handeln, hatte mir schon oft Schwierigkeiten eingebracht, vielleicht sollte ich mir doch lieber etwas überlegen. Andererseits waren all meine Pläne bisher gescheitert, sodass auch diese Option mich nicht wirklich überzeugen konnte.

Am Ende meiner stundenlangen Überlegungen war ich genauso ratlos wie zuvor. Und so entschied ich mich, erst einmal auf Ones Rückkehr zu warten und seine Reaktion auf die vergangene Nacht zu sehen. Je nachdem würde ich dann entscheiden, wie es weitergehen sollte.

 

20. Kapitel

 

 


Ein Tag verging und dann noch einer. Ich besuchte Sava, um mich abzulenken, aber sie war nervös und besorgt um ihren Verlobten, sodass wir einander eher weiter in unserer Nervosität anstachelten, anstatt uns gegenseitig davon abzulenken. Also ging ich wieder. Und begegnete auf dem Weg in meine Wohnung Frella und drei weiteren Geliebten.

Als Frella mich sah, verengten sich ihre Augen. Sie steuerte direkt auf mich zu und meine Hoffnung, unser letztes Aufeinandertreffen hätte Früchte getragen, verflog sogleich. Sie war auf Ärger aus, das war nicht zu übersehen.

»Wen haben wir denn da?«, ließ sie auch schon verlauten. Es war deutlich, dass sie mehr zu ihrem Publikum, als zu mir sprach. Und sie genoss diese eigens inszenierte Show. »Die neue Geliebte vom Anführer. Wenn das nicht eine Ehre ist!«

Die Mädels um sie herum kicherten. Ich verdrehte bloß die Augen. Musste das jetzt wirklich sein? Hatten sie nichts anderes zu tun? Als ich weitergehen wollte, versperrten sie mir den Weg.

»Lasst mich einfach in Ruhe«, sagte ich genervt.

»Wir wollen dir doch bloß gratulieren«, entgegnete Frella mit einem scheinheiligen Lächeln. »Du hast dich von einem einfachen Hunter zum Boss hochgeschlafen. Das verdient größte Anerkennung!«

Ich ignorierte die Stichelei und wollte die vier Grazien umrunden, doch sie rückten wie eine eingeschworene Einheit zur Seite und versperrten mir erneut den Weg.

Allmählich wurde ich wütend. Mein Kopf war bereits voll von zehrenden Gedanken und Sorgen um One und jetzt kam auch noch Frella mit ihrem Gefolge und ging mir auf die Nerven. »Lasst mich durch!«, zischte ich ihnen zu, aber sie grinsten bloß und kicherten erneut, während sie sich verschwörerische Blicke zuwarfen.

»Ich habe dich gewarnt«, richtete ich an Frella und stieß sie kräftig an den Schultern, sodass sie nach hinten stolperte. Damit hatte sie nicht gerechnet, das sah ich deutlich an ihrem verwunderten Gesichtsausdruck. Auch die anderen Mädels wirkten auf einmal etwas unsicher. Wahrscheinlich hatten sie absolut nicht bedacht, dass ich auf sie losgehen würde, wo sie doch in der Überzahl waren.

Plötzlich griff eine von ihnen in mein Haar und zerrte mich von Frella weg. Der Schmerz zog durch meine Kopfhaut und ließ das Adrenalin durch meinen Körper rasen. Instinktiv packte ich ihr Handgelenk und drehte ihren Arm, bis sie laut aufschrie.

»Sie ist ja verrückt!«, erklang es neben mir. »Lass Candice los, du Verrückte!«

»Was geht hier vor?«

Ich ließ die Hand von Candice los, als ich die Stimme erkannte, die hinter uns erklang. Meine Angreiferin begann sogleich zu schluchzen und wich von mir zurück.

»Riley?« Nikk trat neben mich und sah mich streng an. »Was ist hier los?«

»Nichts. Bloß ein Missverständnis«, erwiderte ich mit neutraler Miene. Ich hatte wirklich, wirklich keine Lust auf zusätzlichen Ärger, bloß weil diese Weiber sich vorgenommen hatten, mir das Leben schwer zu machen.

Er sah zu den anderen Geliebten, die meine Aussage mehr oder weniger bestätigten, indem sie entweder nickten oder ihre Blicke abwandten.

»Dann hoffen wir, dass solche Missverständnisse in Zukunft nicht mehr vorkommen werden«, sagte Nikk und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, mit ihm zu kommen.

Sobald wir uns ein paar Meter entfernt hatten, setzte er sein gewohntes Grinsen auf. »Legst du dich etwa mit den Kampfzicken an, Riley?«, fragte er belustigt.

Ich seufzte erleichter, weil er scheinbar keinen Ärger machen wollte. »Irgendwie scheint es sie bereits zu stören, dass ich atme«, bemerkte ich genervt.

»Ach, das packst du doch locker, die haben keine Chance gegen dich. Wie geht es dir sonst?«, wechselte er plötzlich das Thema.

Ich sah ihn von der Seite an. »Gut«, erwiderte ich zögernd. »Bist du gar nicht sauer, dass ich … ähm …«

»Dass du mich gegen den Boss eingetauscht hast?«, schlug er vor und lachte. »Als hättest du eine andere Wahl gehabt! Ich habe keine Ahnung, was One da im Schilde führt, aber es wird schon seine Richtigkeit haben«, fügte er hinzu.

Ich war überrascht, dass er es so leicht abtat. Dann fiel mir etwas ein, was ich bei dem belauschten Gespräch zwischen One und Arron aufgeschnappt hatte. »Als One und ich aus dem Umland zurückgekehrt sind ... Kann es sein, dass du mich bloß zurückgenommen hast, weil du musstest?«

»Sagen wir es mal so: Ich wurde äußerst eindringlich darum gebeten, dir ein neues Angebot zu machen«, entgegnete er mit einem Augenzwinkern.

»Vom Boss?«, hakte ich nach.

»Vom Boss«, bestätigte Nikk mit einem Nicken. »Wieso er dich nicht gleich zu seiner Geliebten gemacht hat, ist mir schleierhaft, aber wie gesagt: Er hat seine Gründe. Die akzeptiere ich, auch wenn ich im Moment auf den guten, alten Handjob zurückgreifen muss.«

»Handjob?«

Er machte eine eindeutige Bewegung mit der Hand, was mich dazu brachte, vor Verlegenheit zu kichern. Augenblicklich kam ich mir albern vor und ließ es schnell wieder sein. Gleichzeitig war ich erstaunt, wie ungezwungen ich mit Nikk umgehen konnte, obwohl wir uns vor wenigen Wochen noch das Bett geteilt hatten und ich mittlerweile die Geliebte eines anderen war.

»Du findest sicher bald Ersatz für deine Hand«, sagte ich schließlich lächelnd. Schon seltsam, in seiner Gegenwart fiel es mir nicht schwer, zu lächeln. Obwohl ich Nikk während unseres Zusammenseins manchmal sogar regelrecht verachtet hatte, weil er so fordernd gewesen war, verspürte ich jetzt keinerlei Groll gegen ihn. Er war eben Nikk. Ein Kerl, der nahezu immer nur grinste und gute Laune verbreitete – wenn er einen nicht ins Bett zerrte. Ich hatte ihn akzeptiert, und vielleicht mochte ich ihn sogar ein wenig, weil er so unkompliziert war.

»Nächste Woche sind wir wieder im Umland, da suche ich mir ein Mädchen, das nicht so viele Probleme macht«, erwiderte er nun auf meine Aussage hin und zwinkerte mit einem Auge. »Wird nicht einfach, so ein hübsches Ding wie dich zu finden, aber ich schätze auch andere Vorzüge.«

»Hübsches Ding.« Ich schnaubte. Ja, mehr war ich für ihn wohl auch nie gewesen.

»Hey, du weißt doch, wie ich es meine.« Nikk stieß mich freundschaftlich mit dem Ellbogen an und schenkte mir ein weiteres Augenzwinkern.

Ich wollte gerade etwas sagen, als neben uns ein Wagen mit verdunkelten Scheiben hielt und die Beifahrertür aufgestoßen wurde. »Steig ein, Riley«, ertönte es aus dem Inneren und mein Herz machte einen Hüpfer.

»Danke für deine Hilfe vorhin«, richtete ich noch murmelnd an Nikk, bevor ich auf den Beifahrersitz glitt. »Hallo, Sir«, grüßte ich One und hörte selbst, dass meine Stimme leicht zitterte.

Er nickte knapp und beugte sich über mich. »Revera, bist du nicht am Tor eingeteilt?«, fragte er Nikk, während er die Tür schloss.

»Bin schon auf dem Weg, Boss!«, hörte ich noch Nikks dumpfe Stimme, dann nahm ich nichts mehr außerhalb des Wagens wahr.

Bei dieser plötzlichen Nähe – seine Wärme und sein wunderbarer Geruch hüllten mich vollkommen ein – vergaß ich sogar, Luft zu holen. Erst als ich die Wunde an Ones Augenbraue erblickte, konnte ich mich aus meiner Starre lösen und griff nach seinem Gesicht.

Er zuckte augenblicklich vor mir zurück und sah mich wütend an. »Was soll das?«

»Sie wurden verletzt!«, erwiderte ich und tat mein Bestes, den Aufruhr in mir zu besänftigen. Da waren Freude und Erleichterung, weil er zurück war, aber auch Enttäuschung, weil er sich so benahm, wie ich es vermutet hatte: Abweisend und kühl wie eh und je.

»Das ist nicht deine Angelegenheit«, brummte er nun und fuhr los.

»Doch, ist es«, beharrte ich mit heftig klopfendem Herzen. »Ihre Gesundheit ist sehr wohl meine Angelegenheit.«

»Treib es nicht zu weit, Riley.«

»Was soll ich nicht zu weit treiben? Sie können mir nicht verbieten, mich um Sie zu sorgen!« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verbarg das Zittern meiner Hände. Mein Gott, ihm so nah in diesem Wagen zu sein, ließ mich kaum still halten. Ich wollte ihn berühren, weil ich ihn so vermisst hatte, ihn anschreien, weil er mich schon wieder von sich stieß. Am liebsten wäre ich auf seinen Schoß geklettert und mit ihm verschmolzen.

One erwiderte nichts mehr auf meine letzte Bemerkung und fuhr den Wagen stillschweigend in die Tiefgarage des Gebäudes, in dem er lebte und in dem sich auch meine Wohnung befand.

Er schwieg auch, als wir zum Fahrstuhl gingen und nach oben fuhren. »Geh in deine Wohnung und bleib dort, bis ich zu dir komme«, wies er mich schließlich an, als die Türen sich öffneten. »Zieh dir einen Rock an.«

»Einen Rock?«, hakte ich verwirrt nach. »Wieso?«

Doch da dämmerte es mir auch schon – so musste ich mich nicht nackt ausziehen und er konnte mich trotzdem nehmen.

»Und obenrum, Sir?«, spie ich wütend aus. »Soll ich mir eine Jacke anziehen und eine Tüte über den Kopf stülpen?«

»Ich mache keine Scherze, Riley«, zischte One wütend.

»Ich auch nicht«, hielt ich dagegen. »Ich würde gerne wissen, wie ich es Ihnen leichter machen kann, mich weiterhin von sich zu stoßen und dabei trotzdem in meiner Nähe zu sein.« Ich wusste, dass ich mich weit aus dem Fenster lehnte, aber das war mir in diesem Moment egal. Alle guten Vorsätze, die ich mir in den vergangenen Tagen gesetzt hatte, waren von meiner Enttäuschung und Wut verdrängt worden. Jetzt wollte ich den Hunter vor mir einfach nur herausfordern. Ihn, verdammt nochmal, dazu bringen, aus seiner Haut zu fahren!

»Geh und tu, was ich dir gesagt habe!«, stieß One noch einmal wütend aus und schob mich nicht gerade sanft aus dem Fahrstuhl.

Ich drehte mich um und lief zu meiner Wohnung. Sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, lehnte ich mich dagegen und schloss die Augen. Es tat mir furchtbar weh, wie er mich behandelte, obwohl wir uns vor zwei Tagen so nah gekommen waren, aber ich erinnerte mich an Savas Worte und konnte sein Verhalten nun viel besser begreifen. Er schützte sich, und je härter er mich von sich stieß, desto näher war ich an ihn herangekommen.

»Ich hoffe, du bist es wert, Taleon One«, murmelte ich vor mich hin, während ich ins Schlafzimmer ging und mir dort einen Rock aus dem Schrank heraussuchte. Dann schlüpfte ich aus meiner Hose und zog ihn an. Obenrum blieb ich in dem Langarmshirt, das ich bereits trug. In diesem gewöhnungsbedürftigen Outfit setzte ich mich auf meinen Platz am Fenster und wartete.

Die Sonne ging schließlich unter und der Hunter ließ sich jede Menge Zeit. Gerade als ich mich fragte, ob er es sich anders überlegt hatte und doch nicht auftauchen würde, war er da.

»Geh ins Bett«, sagte er. Ruhig, kühl, völlig distanziert.

Ich sah ihn nicht an, als ich an ihm vorbei ins Schlafzimmer ging und mich aufs Bett legte. Erst als er mir gefolgt war und ich die Schnur in seinen Händen erblickte, bröckelte meine ruhige Fassade.

»Was haben Sie damit vor, Sir?«, wollte ich wissen.

»Ich binde deine Hände fest«, erwiderte er und trat auch schon zu mir.

»Und was ist mit meinem Mund? Wollen Sie ihn vielleicht zukleben?«

One presste die Lippen aufeinander und griff nach meinem Handgelenk.

»Hat es Ihnen nicht gefallen? Unser Zusammensein vor zwei Tagen … hat es Ihnen nicht gefallen, Sir?« Ich suchte seinen Blick, aber er starrte stur auf meine Hände. »Mir hat es gefallen«, fuhr ich unbeirrt fort. »Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, wie sehr. Dafür gibt es keine Worte. Aber ich könnte es Ihnen zeigen.«

»Halt den Mund«, zischte er leise und drängte mich zurück, damit er meine Hand am Bettpfosten festmachen konnte.

»Ich habe Sie gespürt … überall! Sie waren einfach überall. Auf mir, in mir … Es war wundervoll.« Vor allem, als Sie mein Herz berührten.

Sein gesamter Körper war angespannt bis zum Äußersten, während seine Finger leicht zitterten. Ich nutzte den Moment, als er nach meinem anderen Handgelenk greifen wollte, und schlang den freien Arm um seinen Hals.

»Ich will Sie wieder spüren«, flüsterte ich an seinen Lippen, die er so fest aufeinander presste, dass sein Kiefer hart hervortrat. »Bitte.« Langsam fuhr ich mit meiner Unterlippe über seine. »Bitte, Taleon.«

Ich keuchte auf, als sich seine Finger schmerzhaft in meine Hüften gruben, gleichzeitig sah ich etwas in seinen Augen, das mich innerlich aufatmen ließ – Resignation. Er gab auf, legte seine Waffen nieder. Dann drückte er seinen Mund auf meinen und küsste mich. Noch gieriger, noch leidenschaftlicher, noch wütender als vor zwei Tagen. 

Seine Hand griff in mein Haar und bog meinen Kopf zurück, während seine Lippen über mein Kinn strichen und seine kurzen Bartstoppeln meine Haut zusätzlich reizten. Er leckte über meine Halsschlagader, während er seine andere Hand unter meinen Rock gleiten ließ. Seine Finger schoben sich unter meinen Slip, streichelten mich, brachten mich zum Stöhnen.

Ich hielt One weiterhin mit einem Arm umklammert, während ich an meiner anderen Hand zerrte, die an den Bettpfosten gebunden war. Mein Handgelenk schmerzte, aber ich vergaß es sofort, als der Hunter mich zurück aufs Bett legte und mich mit seinem wunderbar schweren Gewicht bedeckte. Dann schob er sich hoch, befreite mich von der Fessel und fuhr mit seinen Lippen sanft über die hellroten Abdrücke, die sie hinterlassen hatte.

In meiner Brust zog sich bei diesem Anblick etwas zusammen. Ich wurde von unzähligen Gefühlen übermannt, die mich beflügelten und mir gleichzeitig Tränen in die Augen trieben. Mit beiden Händen zog ich Taleons Gesicht wieder zu mir heran und küsste ihn. Langsam, ehrfürchtig. Ich wollte ihn spüren lassen, was ich empfand. Als er meinen Kuss auf dieselbe Weise erwiderte, hatte ich Mühe, nicht loszuweinen.

Er hatte nicht nur mich von den Fesseln befreit, die er mir zwangsweise angelegt hatte, sondern auch sich. Endlich durfte ich den Mann sehen, den er all die Zeit mit aller Macht vor mir zurückgehalten hatte.

Als er sich plötzlich von mir löste und aufstand, hatte ich das Gefühl, unendlich tief auf den Boden zu fallen. Doch im nächsten Moment zog er mich hoch in seine Arme und trug mich aus dem Schlafzimmer und weiter aus der Wohnung.

»Wo bringst du mich hin?«, fragte ich, als One um eine Ecke bog und eine breite Tür mit seinem Daumen öffnete, den er auf die kleine, schwarze Fläche an der Wand legte.

»Zu mir«, erwiderte er knapp und ließ mich wieder runter auf die Füße, sobald wir durch die Tür getreten waren.

»Zu dir? In deine Suite?« Mein Herz klopfte aufgeregt. Er nahm mich mit in sein persönliches Reich? Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Über uns schaltete sich eine Lampe an und ich sah mich sofort neugierig um. Wir befanden uns in einem schmalen Flur, der lediglich eine dunkle Kommode enthielt. Die Wände waren dunkelgrau und kahl, es wirkte nicht gerade einladend.

Bevor ich darüber nachdenken konnte, was das über den Bewohner aussagte, legte One eine Hand in mein Kreuz und führte mich weiter hinein. Ich schaute hoch in sein Gesicht, war überrascht, dass er mich von sich aus berührte. Seine Züge wirkten angespannt, aber nicht mehr so sehr, wie eben noch in meinem Schlafzimmer, als er mich ans Bett fesseln wollte. Und das machte mir Hoffnung – neben der Tatsache, dass er mich mit zu sich genommen hatte.

Durch die nächste Tür gelangten wir in einen großen Wohnbereich, was ich gleich feststellte, als gedimmtes Licht an den Wänden links und rechts den Raum erhellte. Hier beherrschten immer noch dunkle Grautöne und tiefstes Schwarz das Gesamtbild, aber wenigstens wurde es hin und wieder durch warme orange Akzente durchbrochen und drohte mich nicht zu erdrücken.

Ich sah erneut hoch in das Gesicht des Hunters und fragte mich, ob es ihm sehr schwer fiel, mich bis hierher vordringen zu lassen. Er hatte mich so lange Zeit von sich gedrängt, sich vor mir abgeschirmt ... Lag das nun hinter uns? Hatte er den Kampf gegen mich aufgegeben? Ich hoffte es so sehr und fürchtete mich gleichzeitig vor dem Augenblick, in dem er seine Mauern wieder hochfahren würde.

»Komm weiter«, drängte One schließlich, ohne meinen Blick ein einziges Mal zu erwidern.

Der nächste Raum, den wir betraten, war sein Schlafzimmer. Das gigantische Bett gegenüber sprang mir sofort ins Auge und ließ mich zittrig Luft holen. Das dunkelbraune Holz, die schwarzen Bezüge … alles wirkte so düster und abgeschottet, wie der Mann, der darin schlief.

One nahm seine Hand fort, die er die ganze Zeit auf meinem Rücken gelassen hatte, und trat zu einem – ebenfalls dunkelbraunen – Schrank. Er öffnete eine der Türen, kramte kurz darin herum und reichte mir schließlich ein graues Kleidungsstück. »Zieh das an«, sagte er dabei.

Verwirrt sah ich an mir herunter und bemerkte überrascht, dass mein eigenes Langarmshirt einen langen Riss an der Seite aufwies. Das musste One gewesen sein, als er sich für einen Moment vergessen hatte.

»Hier vor dir?«, hakte ich schließlich nach.

»Du kannst auch ins Bad gehen, wenn du dich nicht vor mir umziehen möchtest«, entgegnete er.

»Möchtest du, dass ich ins Bad gehe?« Das Herz schlug mir bis zum Hals, während ich ihn dabei beobachtete, wie er mit sich selbst um eine Antwort rang.

»Nein«, sagte One schließlich und setzte sich auf die vordere Kante des Bettes.

Ich jubelte innerlich, bekam aber weiche Knie, als er seinen Blick direkt auf mich richtete und mir dabei zusah, wie ich aus meinem lädierten Shirt schlüpfte und seins überzog. Es war viel zu groß und ich versank regelrecht darin.

»Zieh den Rock aus«, kam sogleich die nächste Anweisung.

Ich tat es. Der Saum des Shirts streifte meine Knie, während Ones Blick auch den Rest meines Körpers berührte.

»Darf ich zu dir kommen?«, fragte ich. Meine Hände fuchtelten nervös in der Luft herum, weil ich nicht wusste, was ich mit ihnen anfangen sollte.

»Gleich.« Er verlagerte sein Gewicht, während er sich nach vorne beugte und seine Ellbogen auf den Oberschenkeln abstützte. Die Finger verschränkte er dabei vor sich. »Worüber hast du vorhin mit Revera gesprochen?«

Verwirrt über diese plötzliche Frage, runzelte ich die Stirn. »Er … hat mir aus einer misslichen Lage geholfen«, erwiderte ich schließlich und verschwieg ihm bewusst den Inhalt den Gesprächs.

»Aus welcher misslichen Lage?«, hakte One weiter nach.

»Wieso möchtest du -«

»Antworte einfach«, fuhr er mir ins Wort und forderte mich mit einem Nicken auf.

»Ein paar andere Frauen haben mich bedrängt, er ging dazwischen«, gab ich schließlich nach und fragte mich, wieso er das unbedingt wissen wollte.

»Haben sie dir etwas getan?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber ich habe einer von ihnen wehgetan, als ich mich gegen sie wehrte«, fügte ich ehrlich hinzu.

»Candice. Ihr Handgelenk musste behandelt werden«, bestätigte One, und leider konnte ich aus seiner Miene nicht lesen, was er davon hielt. Machte ihn das wütend?

Schuldbewusst senkte ich den Blick und strich mir über den Unterarm. »Bekomme ich jetzt Ärger deswegen?«

»Glaubst du, dass du eine Strafe verdient hättest?«, entgegnete er.

Ich schaute wieder auf und zuckte mit den Schultern. »Wenn es falsch ist, sich zu wehren, dann wohl ja.«

Er sagte einen langen Augenblick lang nichts, dann richtete er sich wieder auf und lockte mich mit einem Finger zu sich. »Komm her, Riley.«

Ich machte ein paar unsichere Schritte auf ihn zu und spürte, wie Aufregung und Vorfreude durch meine Adern kribbelten.

»Du hast ihn angelächelt«, gab er im nächsten Moment leise von sich. »Worüber habt ihr gesprochen?«

Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass er wieder von Nikk sprach, und überlegte, wie lange er uns beobachtet haben mochte, bevor er mir den Befehl gegeben hatte, in seinen Wagen zu steigen.

»Ich weiß es nicht mehr«, erwiderte ich zögernd.

»Doch, das weißt du«, beharrte er. »Sag es mir. Worüber habt ihr gesprochen? Wie … hat er dich zum Lächeln gebracht?«

Ich sah, dass er seine Hände zu Fäusten ballte, und schüttelte den Kopf. »Über nichts Besonderes. Es ist einfach seine Art. Er ist unkompliziert und gesellig. Er ist eben Nikk. Ich habe ihn gern.«

»Möchtest du zu ihm zurück?«

»Was? Nein, auf gar keinen Fall!«, sagte ich mit Nachdruck. »Ich will nicht zu Nikk zurück. Ich will bei dir bleiben.«

»Obwohl ich dich nicht zum Lächeln bringe? Eher im Gegenteil«, fügte er am Ende leise hinzu.

»Ja, auch dann.« Ich machte noch einen Schritt nach vorne und legte meine Hände auf seine Fäuste, strich dabei sanft über seine verkrampften Finger. »Das, was ich bei dir fühle, ist so viel -«

»Du sollst nicht so für mich fühlen!«, fuhr One mir ins Wort und seine Miene wurde abweisend. »Ich habe dir ausdrücklich gesagt, dass du dir keine Hoffnungen in Bezug auf mich machen sollst!«

Unsicher wich ich zurück. »Ich … kann das doch nicht einfach abstellen.«

»Du bringst uns beide in eine schwierige Lage, verstehst du das nicht?«

»Aber -«

»Kein Aber! Tiefe Gefühle sind tödlich.«

Ich schüttelte, völlig überrumpelt von dem, was nun geschah, den Kopf. Wusste nicht, was ich sagen sollte. Wir waren so weit gekommen – er hatte mich geküsst, sich mir geöffnet, mich in seine Suite gebracht – und jetzt zog er sich wieder zurück. Ich konnte ihm förmlich ansehen, wie er seine Schutzmauern hochzog und mich wieder ausschloss. Innerhalb weniger Sekunden war der Fortschritt, den wir erreicht hatten, verschwunden.

»Bitte, tu das nicht«, wisperte ich leise und streckte eine Hand nach ihm aus.

Ehe ich mich versah, war er auf den Beinen und floh vor mir zur Tür. »Das war ein Fehler.«

»Nein, das, was du jetzt tust, ist ein Fehler!« Verzweiflung überkam mich, als ich so deutlich sah, wie er mir wieder vollkommen entglitt. Gleichzeitig bewog mich seine plötzliche Flucht dazu, nicht aufzugeben. Ich hatte nichts zu verlieren, bis auf ihn, und deshalb musste ich mit allen Mitteln um ihn kämpfen.

»Du wirst jetzt gehen, Riley«, sagte er im nächsten Moment.

»Nein.« Ich setzte mich aufs Bett und schaute ihn herausfordernd an. »Ich bleibe.«

Seine Augen verengten sich. »Ich werde dich, wenn nötig, gewaltsam zurück in deine Wohnung bringen«, drohte er.

»Dann tu das doch. Aber dafür musst du mich anfassen. Und wir wissen beide, dass du -« Ich kam nicht weiter, denn schon stand er direkt vor mir und verschlug mir die Sprache, indem er mich wütend anfunkelte. All meine Zuversicht, ihn wieder umstimmen zu können, war verschwunden und ich fragt mich, ob ich nun zu weit gegangen war.

»Fordere mich nicht heraus, Riley«, zischte One leise. »Du wirst verlieren.«

Ich schluckte schwer und reckte mein Kinn mit aller Anstrengung nach oben, um ihm direkt ins Gesicht blicken zu können. Ich würde alles auf eine Karte setzen, und wenn ich dann verlor … Nun, darüber würde ich nachdenken, wenn es soweit war. Jetzt konnte ich nur darauf hoffen und vertrauen, dass Sava sich nicht geirrt hatte. Dass mein Gefühl mich nicht täuschte.

»Wenn du mich jetzt fortbringst ...«, begann ich stammelnd und räusperte mich. »Wenn du mich jetzt wegschickst oder zurück in meine Wohnung bringst, dann gehe ich. Ins Gefängnis. Wenn du nicht endlich aufhörst, mich wie einen Spielball hin und her zu schießen, wie es dir gerade passt, dann bleibe ich nicht hier! Ich sitze meine Strafe lieber im Gefängnis ab, als hier.« Mir klopfte das Herz bis zum Hals und mein Magen verkrampfte sich vor lauter Furcht, aber ich gab mir alle Mühe, nach außen hin entschlossen zu wirken. Alles oder nichts, das war die letzte Chance für uns. Ich flehte innerlich, dass er mich nicht gehen lassen würde. Nicht konnte. Ich brauchte eine Bestätigung, mochte sie noch so klein sein, dass der Kampf um ihn nicht vergebene Mühe war.

»Sei nicht so dumm, Riley.« One schnaubte und schüttelte den Kopf. »Das, was du über das Gefängnis zu wissen glaubst, wird nicht ansatzweise der harten Realität gerecht.«

»Ich habe schon Schlimmeres überlebt«, entgegnete ich und mir wurde beinahe schlecht vor Angst, auch wenn ich es weiterhin nicht zeigte.

»Glaubst du, damit kannst du mich erpressen?«, fragte der Hunter mit leiser, lauernder Stimme.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich will dich nicht erpressen. Aber so kann es einfach nicht weitergehen. Ich leide … und dir geht es nicht anders. Tiefe Gefühle sind in deinen Augen tödlich, aber krampfhaft unterdrückte nicht weniger gefährlich.« Ich berührte die Wunde an seiner Schläfe und er zuckte zurück. Seufzend ließ ich meine Hand wieder sinken. »Wieso hast du solche Angst vor mir? Ich würde dir niemals absichtlich wehtun.«

One presste seine Lippen hart aufeinander und wandte sich ab. »Was genau erwartest du jetzt von mir, Riley?«, fragte er einen Augenblick später. »Dass ich dir fortan Gefühle vorspiele, bloß weil du welche für mich hegst?«

»Wären sie wirklich nur vorgespielt?«, hakte ich vorsichtig nach. Ich war erleichtert, dass er das Gespräch nicht abbrach und mich fortschickte. Vielleicht konnte ich ihn mit Vernunft überzeugen, uns eine Chance zu geben. Ihm aufzeigen, was er nicht sehen wollte, was aber vorhanden war. »Du sorgst dich um mich, du begehrst mich«, fuhr ich deshalb fort. »Und ich glaube, dass du auch eifersüchtig bist, sonst hättest du mich nicht wegen Nikk ausgefragt.« Ich wartete, ob er etwas dazu sagen würde, aber er hatte mir den Rücken zugedreht und schwieg beharrlich.

»Irre ich mich?«, fragte ich schließlich, nachdem etwas Zeit verstrichen war, ohne dass etwas von ihm kam. »Wenn ich mich irre, wieso fällt es dir dann so schwer, mich gehen zu lassen?«

»Es fällt mir schwer, weil ich kein Unmensch bin«, erwiderte er darauf. »Das Gefängnis würde dich früher oder später vernichten.«

»Also behältst du mich hier und übernimmst diese Aufgabe lieber selbst, wenn auch langsamer?« Ich seufzte und legte mich nach hinten auf den Rücken. Mir fiel nichts mehr ein, was ich noch sagen könnte, um ihn zu überzeugen. Hatten Sava und ich uns vielleicht doch geirrt?

Und behalte dabei stets im Hinterkopf, dass er dich umso härter von sich stößt, je näher du an ihn herankommst. Je gemeiner er zu dir ist, desto dünner wird die Mauer, die er um sich errichtet hat, um dich fernzuhalten, hörte ich Savannahs Worte und zwang mich, auf sie zu vertrauen.

»Ich bin müde, Taleon. Es erschöpft mich, dieses Hin und Her«, sagte ich leise. »Kommst du jetzt zu mir ins Bett?«

»Geh in deine Wohnung«, beharrte er immer noch, klang aber nicht mehr so bestimmend.

»Du hast mich hergebracht. Entweder wendest du jetzt die notwendige Gewalt an, mit der du mir bereits gedroht hast, und bringst mich zurück oder du legst dich zu mir und wir haben noch einmal eine wundervolle Nacht zusammen. Was wählst du, Hunter?«

»Das hier ist kein Spiel, Riley!«, zischte er mahnend.

»Nein, ist es nicht«, bestätigte ich und drehte mich auf die Seite, um meinen Kopf abzustützen und ihn anzusehen. Er hatte sich mir wieder zugewandt und eine undurchschaubare Miene aufgesetzt. »Wie lange willst du noch gegen mich ankämpfen?«

»So lange es nötig ist.«

»Und ich gebe nicht auf, so lange es nötig ist«, wandte ich ein und richtete mich auf. Langsam streckte ich meine Arme nach ihm aus. »Komm zu mir. Bitte.« Es war mir egal, dass ich schon wieder bettelte – ich kämpfte mit allen Mitteln, die ich hatte. Und ich sah in seinem resignierenden Blick, dass es allmählich Erfolg zeigte. »Komm zu mir, Taleon. Ich möchte dich bei mir haben.«

One griff über seine Schulter nach hinten und zog sich den schwarzen Pullover über den Kopf aus.

Ich stand auf und trat zu ihm, ließ meine Hände ehrfürchtig über seine steinharten Bauchmuskeln gleiten, die unter meiner Berührung leicht zuckten. Dass er es zuließ … mich wieder in seine unmittelbare Nähe ließ, beflügelte mich. Ich konnte sehen, dass er immer noch mit sich kämpfte, und handelte schnell, bevor er sich wieder zurückzog.

Meine Hände fuhren hoch über seine definierte Brust, durch die weichen Härchen, über die blassen Narben. Ihm entfuhr ein Zischen, das mich aufschauen ließ.

»Tue ich dir weh?«, fragte ich flüsternd.

»Nein«, erwiderte er genauso leise und griff in meine Kniekehlen, um mich hochzuheben.

Ich hielt mich an seinen kräftigen Schultern fest und umfasste schließlich sein Gesicht. Langsam beugte ich mich vor und küsste ihn. Erst die Unterlippe, dann seinen wundervollen Mund. Da war kein Widerstand mehr, nicht mal ein kleines bisschen. Sein Aufbegehren eben hatte ich erfolgreich bekämpft – und das würde ich so oft tun, bis er endlich aufhörte, gegen mich anzukämpfen.

One legte mich aufs Bett und küsste mich weiter, während seine Hände unter den Saum des großen Shirts, das ich trug, glitten und es über meinen Körper nach oben streiften. Jeder Zentimeter Haut, den er freilegte, wurde berührt. Zuerst mit seinen rauen Fingerkuppen und dann mit seinen weichen, warmen Lippen.

Ich erzitterte und bekam überall Gänsehaut, genoss die Gefühle, die er in mir auslöste, die unzähligen Schmetterlinge in meinem Bauch, die wild flatterten. Wie sanft und ehrfürchtig der große Hunter auf einmal war! Ich fühlte mich so klein und zerbrechlich in dem riesigen Bett, aber ich wusste zugleich, dass er mich behütete. Nirgendwo gab es mehr Sicherheit, als in seinen Armen.

Als One diesmal mit mir schlief, ließ er sich sehr viel Zeit dabei. Er bereitete mich sorgfältig vor, indem er mich streichelte, bis ich vor Verlangen beinahe zerging, und trieb mich langsam, aber nicht weniger intensiv als beim letzten Mal einem wundervollen Höhepunkt entgegen. Hastig wischte ich die Tränen weg, die mir dabei über die Wangen liefen, und umklammerte ihn noch ein wenig fester.

Nachdem auch er den Gipfel höchster Lust erklommen hatte, senkte er sein Gesicht auf meine Brust und schob seine Arme unter mich, um sein Gewicht etwas abzumildern. Es vergingen Minuten, in denen er tief durchatmete, und ich strich ihm dabei die ganze Zeit über seinen feuchten Nacken. Sofort kamen mir die Erinnerungen an die Nacht im Zelt in den Sinn, bevor uns die wilden Hunde angegriffen hatten. Wochen waren seitdem vergangen. Wochen, in denen so viel geschehen war, und trotzdem waren wir wieder in dem wunderschönen, intimen Augenblick  angekommen wie damals.

Ones Atemzüge wurden langsamer und gleichmäßiger, sein Gewicht schwerer. Er schlief erneut auf mir ein und mein Herz schwoll an vor lauter Zuneigung. Der Abend war emotional anstrengend und nervenaufreibend gewesen, aber allein für diesen kostbaren Moment hatte sich das Kämpfen mehr als nur gelohnt.

 

21. Kapitel

 

 


Am nächsten Morgen wachte ich allein auf. Ich ignorierte die Enttäuschung darüber und schälte mich aus dem Bett. Dann hob ich Ones Shirt, das er mir am Vorabend gegeben hatte, vom Boden auf und zog es mir über. Es roch leider nicht nach ihm, da er es noch nicht getragen hatte, dennoch verspürte ich sofort eine Verbindung zu ihm, als es meine Haut berührte.

Ich verließ das Schlafzimmer und suchte die anderen Räume nach ihm ab, aber er war nicht da. Meine Enttäuschung wurde größer, also wollte ich zurück in meine Wohnung kehren, doch ich bekam die Tür nicht auf, da das Fingerabdruck-Schaltfeld nicht auf meine Finger reagierte.

»Na super!«

Wenn ich schon in Ones Suite gefangen war, konnte ich wenigstens etwas über den Bewohner selbst erfahren.

Die dunkle, praktische Einrichtung verriet mir nichts Neues: One war die meiste Zeit von einer düsteren, geheimnisvollen Aura umgeben, die sich in den schwarzen und dunkelbraunen Möbeln widerspiegelte. Außer wenn er sich doch mal öffnete. Ich seufzte und dachte an die vergangene Nacht zurück. Ich konnte seine Lippen und Hände immer noch auf mir spüren, seine Bartstoppeln, die über meine hochempfindliche Haut kratzten.

Im Badezimmer öffnete ich die glänzend-schwarzen Schränke und durchsuchte sie, auch wenn sich das sicher nicht schickte. Darin fand ich zumindest etwas Persönliches: Waschgel. Und es verriet mir, wieso One so wundervoll roch – abgesehen von seinem ganz eigenen Duft, den ich nicht mit Worten beschreiben konnte. Ich schnupperte an der Plastikflasche und kam mir ziemlich albern dabei vor, also stellte ich das Gel wieder in den Schrank und kehrte zurück ins Schlafzimmer. Obwohl das Bett ohne den Hunter darin mich überhaupt nicht lockte mit seiner finsteren Aufmachung, legte ich mich hinein und starrte hoch zur Decke.

Die ganze Zeit fragte ich mich, wie es jetzt weitergehen würde. War One mitten in der Nacht erneut vor mir geflohen? Oder erst heute Morgen? Hatte er seine Mauern wieder aufgestellt, nachdem ich sie ein zweites Mal niedergetrampelt hatte? Wie hoch und stabil waren sie jetzt?

»Und wenn schon«, murmelte ich vor mich hin. »Dann reiße ich sie eben noch ein drittes Mal runter.«

Ein Geräusch riss mich aus den Gedanken und ich richtete mich abrupt auf. Mit den Fingern versuchte ich das wilde Haarnest auf meinem Kopf etwas zu glätten, als auch schon One das Schlafzimmer betrat. Mein Herz begann sofort aufgeregt zu pochen. Er trug seine Kampfmontur und sah aufregend gefährlich darin aus. Ich sog seinen Anblick regelrecht auf.

»Du bist wach«, stellte er fest, während er seine Waffen ablegte.

»Schon lange«, erwiderte ich und trat zu ihm. »Hast du trainiert?«

Ein knappes Nicken war die Antwort.

»Bringst du mir etwas bei?« Auf seinen fragenden Blick hin fügte ich hinzu: »Das Kämpfen, meine ich. Bringst du mir etwas bei?«

»Wozu? Du bist hier in Sicherheit«, entgegnete er ausweichend.

»Im Moment ja, aber irgendwann … muss ich gehen und dann könnte es von großer Hilfe sein, zu wissen, wie man richtig kämpft.« Ich beobachtete seine Miene ganz genau, als ich das sagte, und zu meiner Freude wurde sie etwas düsterer. Missfiel es ihm, dass ich nach einem halben Jahr gehen müsste? Würde er das verhindern? Ich hoffte es. »Und«, setzte ich erneut an, »du brauchst dir keine Sorgen mehr um mich zu machen, weil ich mich auch allein wehren könnte.«

Sein Kiefer mahlte; in mir keimte Hoffnung auf, dass er jeden Moment nachgeben würde, doch da schüttelte One den Kopf. »Es ist zu gefährlich, du könntest dich dabei verletzen.«

»Ich bin nicht aus Glas«, wandte ich ein.

»Und ich bin in der Lage, dir mit einem einzigen Griff sämtliche Knochen zu brechen«, sagte er und verstaute seine Waffen in einer Schublade des Kleiderschranks.

Mein Blick haftete an seinen großen Händen, den langen Fingern – und plötzlich wallte großes Verlangen in mir auf. Ja, der Hunter wäre in der Lage, mich innerhalb kürzester Zeit auszuschalten, aber seine starken Händen konnten auch andere, wundervolle Dinge mit mir anstellen. Ich wusste instinktiv, dass One mir nie absichtlich körperlich wehtun würde. Die leichten blauen Flecken, die er in höchster leidenschaftlicher Ekstase hinterlassen hatte, trug ich nur zu gerne auf meiner Haut.

»Soll ich dich massieren?«, schlug ich im nächsten Moment vor. »Nach dem harten Training könnten deine Muskeln etwas Entspannung vertragen, oder?«

»Dafür haben wir Personal«, entgegnete One, aber ich sah, wie er eine Hand zur Faust ballte, so, als müsste er um Selbstbeherrschung ringen. Auch wenn er mich scheinbar in seiner Nähe duldete, gab er den Kampf gegen mich weiterhin nicht auf.

»Ich könnte doch diese Aufgabe fortan übernehmen«, schlug ich vor. »Es würde mir Freude bereiten und dir auch.«

Der Hunter ließ ein Schnauben verlauten, aber ich sah die flüchtige Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen, bevor er sich abwandte. Das brachte mich ebenfalls zum Lächeln, doch sein nächster Satz wischte es sogleich fort.

»Ich habe jetzt keine Zeit dafür«, sagte er streng. »Es gibt Aufgaben, die ich erledigen muss und die ich nicht aufschieben werde für eine Massage

»Vielleicht könnte ich dir ja bei den Aufgaben helfen?«

»Nein«, unterbrach er mich und sein Tonfall machte deutlich, dass er nicht mit sich verhandeln lassen würde. »Du musst jetzt gehen, Riley.«

Ich beließ es dabei, auch wenn ich Angst hatte, dass er sich erneut viel zu weit von mir zurückziehen würde und wir ganz von vorne beginnen müssten. Aber ihn zu sehr zu bedrängen, hätte wohl einen ähnlichen Effekt. Ich musste ihm ein wenig Luft zum Atmen lassen, so schwer es mir auch fiel.

One brachte mich zurück zu meiner Wohnung, und als er sich umdrehen wollte, um ohne ein weiteres Wort wieder zu gehen, hielt ich ihn am Arm zurück und stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen.

Da war er, der Widerstand, den wir am Vorabend erfolgreich bekämpft hatten und der mir nun wieder aufzeigte, dass es ein langer, harter Kampf werden würde. Ich fuhr mit den Händen in Ones Haar und drückte meinen Mund noch fester gegen seinen, bis ich den Widerstand erneut brach.

Im nächsten Moment landete ich mit dem Rücken an der Wand, während er meine Lippen teilte. Sein stahlharter Körper drückte sich dabei fest gegen meinen und schickte die unglaublichsten Impulse durch meine Adern. Es war ein wilder Kuss, durchdrungen von kaum kontrollierbarer Leidenschaft, von rohem Hunger und gierigem Verlangen. Selbst als One mich bereits wieder losgelassen hatte und mit den Worten »Verdammte Hexerei« davonging, stand ich noch an die Wand gelehnt da und atmete schwer.

Erst nach einigen Minuten trugen mich meine wackeligen Beine in meine Wohnung, wo ich mich aus Ones Shirt schälte und in das eingelassene wohlduftende Wasser sank.

Der Kampf um den Hunter würde mir alles abverlangen, das spürte ich. Dieses Hin und Her ging mir jetzt schon an die Substanz. Aber ich würde nicht aufgeben, denn Taleon One war jede nervenaufreibende Sekunde wert.




»Ich habe gehört, du hättest Candice die Hand gebrochen.« Savas Augen funkelten, als sie sich neben mich auf die Bank setzte.

Vor einer Stunde war ich zu einem Spaziergang aufgebrochen und hatte mir schließlich eine Pause abseits vom Geschehen gegönnt. Anscheinend nicht weit genug weg, denn Arrons Verlobte hatte mich gefunden.

»Ich glaube nicht, dass ich ihr die Hand gebrochen habe«, entgegnete ich mit einem müden Lächeln.

»Was ist wirklich passiert?«

»Frella hat es aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund auf mich abgesehen und gleich ein paar ihrer Freundinnen dafür eingespannt«, erzählte ich Sava. »Sie haben mir aufgelauert und ich habe mich gegen sie gewehrt.«

»Gut so. Und was Frella betrifft: Die führt sicher nur das aus, was Anessa ihr aufgetragen hat, bevor sie ging.«

Mit gerunzelter Stirn drehte ich mich zu ihr. »Du glaubst, dahinter steckt Ones Ex-Geliebte?« An die rothaarige Frau zu denken, fühlte sich nicht so toll an. Eifersucht war keine schöne Empfindung.

»Da bin ich mir sicher. Sie hat Frella aufgetragen, dir das Leben schwer zu machen, und das Miststück übernimmt diese Aufgabe mit dem größten Vergnügen.«

Seufzend lehnte ich meinen Kopf zurück gegen die Lehne der Bank. »Wieso müssen Frauen nur so gehässig sein?«, murmelte ich.

Das brachte Sava zum Lachen. »Das liegt in unseren Genen, Süße. Und glaub mir, auch Männer verteidigen ihr Revier, aber eben auf andere Weise.« Grinsend deutete sie mit dem Finger auf meinen Hals und den immer noch leicht sichtbaren Bissabdruck. »Was zum Teufel macht er mit dir?«

Verlegen zog ich den Kragen meines Shirts höher.

»Solche Spuren habe ich an Anessa oder ihren Vorgängerinnen nie gesehen«, fuhr sie fort und ihre Augen blitzten begeistert. »Wow, ich hätte nie erwartet, dass One überhaupt dazu fähig ist, die Kontrolle so dermaßen zu verlieren. Ich muss meine Frage umformulieren: Was zum Teufel machst du mit dem armen Kerl?«

Meine Wangen glühten. »Ich kämpfe um ihn«, flüsterte ich.

»Und scheinbar mit Erfolg«, wandte Sava ebenso leise ein. »Bleib unbedingt am Ball.«

»Er wehrt sich weiterhin mit aller Macht.«

»Natürlich tut er das. Er ist Taleon One, der sich vor jeglichen Gefühlen abschottet, als wären sie eine tödliche Krankheit.« Sie verdrehte die Augen. »Das wird der härteste Kampf deines Lebens, glaub mir. Aber er wird sich lohnen.« Zur Untermauerung ihrer Aussage hielt sie eine Hand hoch und wackelte mit ihrem beringten Finger.

Ich schüttelte den Kopf. »Daran will ich überhaupt nicht denken.«

»Wieso nicht? Willst du keinen Ring und stattdessen in einem halben Jahr von hier fortgehen?«

Nein, das wollte ich nicht. Aber nur weil One in meiner Gegenwart immer öfter seine Abwehr aufgab, bedeutete das nicht, dass er mich zu seiner Frau machen würde. Auch wenn ein kleiner, verborgener Teil von mir darauf hoffte.

»Mir reicht es schon, wenn er mich nicht endgültig von sich stößt«, erwiderte ich schließlich.

»Du solltest dir höhere Ziele setzen, Riley«, wandte Sava daraufhin ein. »Ich bin mir sicher, du könntest sie erreichen.«



One kam an diesem Abend nicht mehr zu mir. Ich wartete und wartete, hoffte und wurde schließlich sogar leicht wütend auf ihn. Er fing wieder damit an, mich von sich zu drängen und auszuschließen. Wir waren so weit gekommen, ich hatte gesehen und gespürt, dass er sich mir wirklich geöffnet hatte, auf seine ganz eigene Weise. Wenn wir uns nahe waren, ließ er seinen wunderbaren Körper die Worte aussprechen, die er selbst nicht sagen konnte. Er berührte mich so, wie ich es wollte - wie ich es mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Und dann zog er sich wieder zurück, stieß mich fort, enttäuschte mich.

Der Kampf um ihn würde nicht leicht werden, das hatte ich von Anfang an gewusst, und dennoch wünschte ich mir, dass er mir wenigstens ein wenig dabei entgegen kam. Dass wenigstens etwas von ihm zurückkommen würde. Ich erwartete keine Liebeserklärungen, nicht einmal im Traum tat ich das, mir würde schon ein winziges Zeichen reichen, dass er meine Mühe anerkannte. Dass er sich auch etwas Mühe gab.

Zum wiederholten Mal dachte ich darüber nach, ob dieser Kampf sich wirklich am Ende auszahlen würde. Was wollte ich damit erreichen, mich in seine Nähe zu drängen? Ihn regelrecht zu zwingen, sich mit mir auseinander zu setzen. Ich strebte keinen Ring am Finger an, diesen Beweis brauchte ich nicht. Ich wollte einfach nur bei ihm sein, in der Nähe dieses verschlossenen, meist abweisenden Hunters. Und ich brauchte eine Bestätigung, er würde auch meine Nähe suchen. Wohin das Ganze uns führen sollte, darüber machte ich mir keine großen Gedanken, ich wollte einfach nur bei ihm sein. Aber er ließ mich nicht, zog sich von mir zurück, und das machte mich fertig.

In dieser Nacht fand ich nur sehr schwer in den Schlaf. Die meiste Zeit wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Mein Magen knurrte, da ich fast den ganzen Tag nichts gegessen hatte, und ließ mir ebenfalls keine Ruhe. Kurz überlegte ich, mir noch etwas zu essen kommen zu lassen, verwarf diesen Gedanken jedoch wieder. Vor allem, weil ich nicht wusste, ob um diese Zeit überhaupt noch jemand in der Cafeteria war, um meine Bestellung anzunehmen, und ich wollte niemanden dafür aus dem Bett holen.

Irgendwann fiel ich doch in einen unruhigen Schlaf. In meinen Träumen vermischte sich die Gegenwart mit der Vergangenheit. Ich sah mich darin, wie ich One hinterher lief, während er sich mit eiligen Schritten von mir entfernte, und plötzlich verschwand er in einem gewaltigen Flammenmeer, das ihn vollständig verschluckte. Auf einmal befand ich mich in der Siedlung - in meiner Siedlung, in der meine Familie und alle Freunde und Bekannte während eines Angriffs der Rebellen ausgelöscht worden waren. Doch diesmal waren es nicht meine Eltern und meine Schwester, die ich in dem brennenden Haus, das wir bewohnt hatten, sah – es war das Hunter-Oberhaupt. Er blickte über die Schulter zu mir, während sein Gesicht langsam verkohlte.

Schreiend und schweißgebadet fuhr ich aus dem Schlaf hoch, mein Herz raste, meine Atmung ging unkontrolliert. Ich strich mir die feuchten Haare aus dem Gesicht und stand auf, um ins Bad zu gehen und mir eiskaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Nach und nach löste der Albtraum seinen klammernden Griff von mir und verzog sich, während ich mehrere Minuten brauchte, um wieder ruhig und normal atmen zu können. Nur noch mein Spiegelbild zeigte mir, dass ich in dieser Nacht erneut von meinen schlimmsten Erinnerungen heimgesucht worden war. Und diesmal hatten sie sich auf grausame Weise mit meinen aktuellen Ängsten vermischt. Mit der Angst, One zu verlieren.

Ich wandte mich vom Spiegel ab, strich noch einmal meine wirren Haare aus dem Gesicht und ging zurück ins Schlafzimmer, um mich von den nassgeschwitzten Sachen zu befreien. Kaum war ich in frische – und vor allem trockene – Kleidung geschlüpft, bekam ich Besuch. Es überraschte mich, dass One diesmal klopfte, bevor er die Wohnung betrat. Mein Herz freute sich über alle Maßen, es hüpfte aufgeregt, als ich ihn sah. Doch nach außen hin gab ich mich ruhig und gelassen, zeigte dem Hunter nicht, wie sehr mich sein Anblick beflügelte. Und auch seine Miene blieb ein Rätsel, das ich nicht lösen konnte. Sie war ausdruckslos.

»Guten Morgen«, begrüßte ich ihn, was er mit seinem gewohnt knappen Nicken erwiderte.

»Du musst Hunger haben«, sagte er einen Moment später, und erst da sah ich die Tüte, die er in seiner Hand hielt. »Ich weiß, dass du gestern kaum etwas zu dir genommen hast. Gibt es einen Grund, wieso du die Nahrungsaufnahme verweigerst?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich hatte einfach nur keinen Appetit«, erwiderte ich.

»Nächstes Mal solltest du trotzdem etwas essen. Dein Körper braucht Nährstoffe, um richtig funktionieren zu können. Hier.« Er reichte mir die Tüte und ich nahm sie mit einem vorsichtigen Lächeln entgegen.

»Danke.« Ein Blick hinein verriet mir, dass One mir mein Lieblingsfrühstück gebracht hatte. Buttercroissants mit Marmelade. Ob er nun gewusst hatte, dass ich dieses Gebäck so sehr mochte, oder ob es geraten war – allein diese fürsorgliche Geste zählte. Er sorgte sich um mich, auch wenn er meine Gesellschaft in der vergangenen Nacht gemieden hatte. Das fühlte sich schön an.

»Du kannst jetzt in Ruhe frühstücken«, sagte er schließlich und ging zur Tür. »In einer Stunde hole ich dich ab.«

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. »Und was passiert dann?«, fragte ich nach.

»Das wirst du sehen, wenn es soweit ist.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ mich wieder.

Ich starrte einen Augenblick lang auf die geschlossene Tür und setzte mich schließlich auf meinen Platz am Fenster. Dann nahm ich ein Croissant aus der Tüte und schlang es gierig herunter.

 


Nervös saß ich neben One in dem großen, schwarzen Wagen. Allmählich wurde mir klar, dass wir auf der Straße waren, die aus dem Hauptquartier führte. Er hatte doch nicht vor …

»Bringst du mich jetzt ins Gefängnis?«, fragte ich und bemühte mich, keine Panik aufkommen zu lassen.

»Nein«, erwiderte er und warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Du wolltest etwas von mir lernen, richtig?«

»Aber du hast doch gesagt, es sei zu gefährlich«, wandte ich überrascht und erfreut ein.

»Ich finde, du solltest in der Lage sein, dich verteidigen zu können. Das bringe ich dir bei. Nicht alles auf einmal, aber nach und nach.«

Mein Herz hüpfte aufgeregt. Er wollte mir tatsächlich beibringen, wie man richtig kämpfte? Daran hatte ich gar nicht mehr geglaubt nach seiner Ansage, umso mehr freute ich mich darüber, dass er es sich anders überlegt hatte.

Wir hielten vor einem großen Gebäude mit einem flachen, schwarzen Dach, kaum dass wir das Hauptquartier verlassen hatten, und One führte mich hinein. Mit großen Augen sah ich mich um und zuckte leicht zusammen, als eine Salve von Schüssen ertönte.

»Heute lernst du, wie man richtig schießt«, sagte One neben mir, öffnete eine schwere Tür und wartete, bis ich hinein gegangen war, um mir zu folgen. »Ich habe dir bereits ein paar grundlegenden Informationen gegeben, als wir draußen waren. Heute kannst du üben, wie man richtig zielt.«

Der Raum, den wir betraten, war in mehrere abgetrennte Bereiche eingeteilt. Ich sah drei Hunter, die auf weit entfernte Zielscheiben schossen, und zuckte jedes Mal zusammen, als es laut knallte.

One führte mich zu der hintersten Kabine und ging noch einmal davon, um mit einer Pistole und Lärmschützern zurückzukommen. Dann zeigte er mir noch einmal, wie ich die Schusswaffe halten musste und wohin ich zielen sollte, und trat beiseite, um mir Platz zu machen.

Meine Finger schwitzten leicht, als ich das kühle Metall von mir streckte und eine runde Scheibe mit einem großen Kreis in der Mitte anvisierte. Ich atmete einmal tief durch und schoss. Der Rückstoß ließ mich zwei Schritte zurücktaumeln.

»Stemme deine Füße fest in den Boden. Versuche den Rückstoß mit den Armen auszubalancieren«, sagte One hinter mir.

Beim dritten Schuss gelang es mir, ruhig auf der Stelle stehen zu bleiben. Ich traf jedes Ziel und wurde von einem euphorischen Gefühl erfasst.

»Und jetzt wirst du mehrere Zielscheiben gleichzeitig auftauchen sehen«, meldete sich One wieder zu Wort. »Versuche, nur die runden zu treffen. Konzentriere dich.«

Mit der Zeit stellte ich fest, dass mir das Schießen Spaß machte, und erschrak ein wenig darüber. Ich hatte mich stets vor den tödlichen Handfeuerwaffen gefürchtet, sie regelrecht gehasst ... und jetzt stand ich hier, hielt eine davon in den Händen und verspürte ein seltsames Machtgefühl, das mein Herz aufgeregt rasen lies.

»Das reicht«, sagte ich und reichte die Pistole hastig an One weiter. »Können wir etwas anderes machen?«

Er musterte mich kurz mit gerunzelter Stirn und nickte schließlich. »Du kannst noch ein paar Griffe lernen, um dich verteidigen zu können, wenn dich jemand angreift.«

Wir verließen die Kabine und gelangten durch eine Tür in einen anderen Raum. Es überraschte und erfreute mich, dass One keine Berührungsängste mehr zu haben schien, denn er fasste mich ohne zu zögern an, während er mir vorführte, was ich machen sollte, wenn ich angegriffen wurde. Zunächst konzentrierte ich mich nur auf seine Finger auf mir, auf das wunderschöne Gefühl, das sie mir bescherten, doch bald schon überwog der Drang, mehr zu lernen. Irgendwann, sobald ich wieder auf mich allein gestellt war, wollte ich in der Lage sein, jeden, der mir schaden wollte, so effektiv wie möglich abzuwehren. Und gab es dafür einen besseren Lehrer als das Oberhaupt der gefährlichsten Männer der Welt?

»Für heute hast du genug«, beendete One schließlich das Verteidigungs-Training.

Schwer atmend stützte ich mich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab und nickte. So gerne ich noch weitergemacht hätte - ich war mit den Kräften am Ende. Meine Muskeln schmerzten bereits und würden es wahrscheinlich noch in den nächsten Tagen tun, aber das nahm ich mit Freude in Kauf, denn ich hatte das Training mit One sehr genossen. Und ich hatte Wichtiges dazugelernt.

Zurück in meiner Wohnung ließ ich duftendes Wasser in die Wanne ein und entspannte mich darin mit geschlossenen Augen. Ich fragte mich, ob One heute Abend zu mir kommen würde, und hoffte es, auch wenn ich nach dem Training sehr erschöpft war.

Als ich mich eine Weile später umzog, klopfte es an der Tür. Ich öffnete und erblickte Savannahs grinsendes Gesicht. »Du kannst dich nicht ewig in deiner Wohnung verkriechen«, sagte sie und schüttelte tadelnd den Kopf. »Komm, wir machen uns einen schönen Tag zusammen.«

»Ich bin müde«, entgegnete ich.

»Habe schon mitbekommen, dass du heute einen Ausflug gemacht hast. Was für ein Privileg!« Sie zwinkerte mir zu. »Komm, wir gehen ins Spa und lassen uns dort richtig verwöhnen. Du wirst sehen, das belebt deine müden Glieder.«

Letztendlich gab ich nach und ging mit Sava mit. Ich mied die Blicke der anderen Geliebten, denen wir begegneten, und atmete erst erleichtert aus, als wir in dem großen Wellness-Gebäude angekommen waren und von einer Angestellten in einen privaten Bereich geführt wurden.

»Mit der Zeit gewöhnst du dich an die neidischen und neugierigen Blicke«, sagte Arrons Verlobte.

»Ich verstehe einfach nicht, was sie von mir wollen«, murmelte ich und zog meine Kleidung, abgesehen von der Unterwäsche, aus.

»Na, sie wollen natürlich an deiner Stelle sein. Und Frella tut bloß das, was sie immer tut - ätzend sein. Sollte sie dabei zu weit gehen, wird Taleon schon ein Machtwort sprechen.«

»Ich möchte ihn da nicht mit reinziehen.«

»Er zieht sich ganz von allein da mit rein«, wandte sie ein. »Glaub mir, One ist bestens über alles informiert, was dich betrifft. Eigentlich würde es mich wundern, wenn Frella dich noch einmal bedrängen sollte, denn die hat nach dem letzten Mal sicher ordentlich Anschiss bekommen.«

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. »Sie hat Ärger bekommen?« Ich dachte an den Anfang des Gesprächs mit One in seiner Suite zurück, als er mich auf den Vorfall angesprochen hatte. Es hatte sich eher so angehört, als würde ich dafür noch Ärger bekommen.

»Natürlich hat er ihr kräftig auf die Finger geklopft«, bestätigte Sava nun. »Auch wenn du es noch nicht wahrhaben willst, du hast bereits mehr Macht als jede andere hier. Ich weiß nicht, wie du es angestellt hast, Riley, aber du bist jetzt die Frau an der Seite des Hunter-Anführers und er hat einen Narren an dir gefressen. Er wird nicht zulassen, dass dir jemand Schaden zufügt.«

Ihre Worte bescherten mir ein warmes Gefühl in der Brust, auch wenn ich den Inhalt immer noch nicht ganz glauben konnte. Da gab es Zeichen und Hinweise, ja, aber One kämpfte weiterhin gegen mich an, das wusste ich auch. Vielleicht würde er seinen Kampf ja irgendwann gewinnen?

Während der Massage, die wir beide kurz darauf von zwei Angestellten erhielten, sprachen wir nicht mehr miteinander. Ich entspannte mich unter den fachkundigen Händen so sehr, dass ich sogar einschlief. Geweckt wurde ich von Savas belustigter Stimme, als die Massage zu Ende war.

»Hat dich One heute so fertig gemacht?«, erkundigte sie sich auf dem Weg zur Gesichtsbehandlung.

»Das Training war anstrengend, ja«, bestätigte ich. »Aber ich fühle mich schon viel besser.«

»So eine Massage bewirkt wahre Wunder, nicht wahr?«

»Oh ja!«

Wir nahmen auf jeweils einem bequemen Stuhl Platz und schon erschienen zwei andere Angestellte des Spas und machten sich an die Arbeit, unsere Gesichter mit wohlduftenden Masken zu bedecken.

»Wenn Arron wieder unterwegs ist, werde ich jeden Tag hier verbringen«, hörte ich Sava neben mir sagen und öffnete ein Auge, um zu ihr zu schauen. »Ich bin immer so angespannt, wenn er und die anderen da draußen sind.«

»Wann sind sie denn wieder unterwegs?«, hakte ich nach.

»Übermorgen geht es los. Hat One dir nichts erzählt?«

»Nein.« In meinem Magen wurde es flau, wenn ich daran dachte, dass der Hunter schon so bald wieder zu einer Außen-Mission aufbrechen würde.

»Schweigsam wie immer. Nun ja, spätestens vor dem Aufbruch hätte er es sicher getan.«

»Und weißt du auch, wie lange diese Mission dauern wird?«, wollte ich wissen.

»Nein, leider nicht. Wir werden also wieder ständig angespannt sein. Du kannst mich gerne jeden Tag hierher begleiten«, fügte Sava lächelnd hinzu.

»Vielleicht komme ich auf dieses Angebot zurück.« Allein in meinen vier Wänden würde ich wahrscheinlich verrückt vor Sorge um One werden.

Nach dem Spa-Besuch begleitete Sava mich noch ein Stück. »Genieße die letzten beiden Nächte mit deinem Hunter«, sagte sie zum Abschied und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Wenn er überhaupt bei mir auftauchen sollte, entgegnete ich in Gedanken und begab mich nach oben.

Und dort wartete ich wieder, wie so oft in letzter Zeit. Wartete darauf, dass mein Hunter zu mir kam. Aber das geschah nicht und so schlief ich schließlich allein auf dem Sofa im Wohnbereich ein. 

22. Kapitel

 

 


Ich wachte auf, als die Sonne draußen gerade dabei war, aufzugehen. Sanfte Strahlen fluteten durch das Fenster herein und kitzelten in meinem Gesicht. Langsam richtete ich mich auf und streckte meine steifen Glieder. Ein paar Minuten betrachtete ich das Natur-Schauspiel hinter dem Fenster, stand dann auf und ging ins Bad. Ich duschte, putzte mir die Zähne und zog mich um. Dann atmete ich ein paar Mal tief durch, fasste all meinen Mut zusammen und verließ die Wohnung, um zu Ones Suite zu gehen.

Mein Herz raste, als ich an die Tür klopfte. One öffnete nur in T-Shirt und Shorts. Ich musste ihn geweckt haben, denn er wirkte noch etwas zerzaust.

»Alles in Ordnung?«, fragte er mit vom Schlaf noch rauer Stimme.

»Nein«, erwiderte ich und sah, dass er schlagartig vollkommen wach war.

»Ist etwas passiert?« Seine Augen flogen blitzschnell über meinen Körper.

»Du tust es schon wieder«, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Verwirrung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Was tue ich schon wieder?«

»Du ziehst dich von mir zurück. Und das verstehe ich nicht.«

»Ich habe jetzt keine Zeit dafür«, entgegnete er verstimmt.

»Dann nimm dir die Zeit.« Es überraschte mich selbst, dass ich so beharrlich klang und es auch wirklich so meinte - ich wollte mich jetzt mit ihm unterhalten und ich würde mich nicht einfach so abweisen lassen!

»Riley, morgen brechen wir zu einer wichtigen Mission auf, ich habe andere Dinge im Kopf. Geh zurück in deine Wohnung.«

Er wollte sich abwenden und die Tür schließen, aber ich schlüpfte schnell durch den Spalt und ließ mich nicht von seinem bösen Blick einschüchtern. »Ich würde die restliche Zeit, die du noch hier bist, gerne mit dir verbringen«, sagte ich leise und lächelte vorsichtig. »Möchtest du das nicht?«

Seine harte Miene wurde etwas weicher. »Ich werde nicht mit dir schlafen, Riley. Vor einer Kampf-Mission müssen wir enthaltsam sein, da das Testosteron im Körper wichtig für einen Kampf ist.«

»Ihr werdet kämpfen müssen?«, hakte ich besorgt nach.

»Ja. Bei dieser Mission wird es nicht zu vermeiden sein«, bestätigte One mit einem Nicken. »Du musst jetzt gehen.«

»Ich möchte bleiben.« Ich legte meine Hand auf seinen Bizeps und spürte sofort, wie er sich anspannte. »Du musst nicht mit mir schlafen. Wir können doch einfach nur ... zusammen sein.«

One schnaubte. »Und wie stellst du dir das vor? Hör auf zu träumen, Riley. Wir sind kein Paar. Ich komme zu dir, um mir etwas zu holen -«

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und drückte meine Lippen auf seine. Ganz instinktiv, ohne über meine Handlung nachzudenken. Meine Finger glitten sanft über seine rauen Wangen, während ich seinen Widerstand wegküsste. Plötzlich schlang sich ein Arm um meine Taille und drückte mich fest an seine Brust. One seufzte leise und erwiderte endlich das Flehen meiner Lippen. Seine großen Hände legten sich besitzergreifend auf meinen Rücken und ich versank förmlich in dem Käfig seiner Arme.

Langsam streckte ich eine Hand aus und schloss die Tür, ohne dabei den Kuss zu unterbrechen. Erst als mir der Atem ausging, löste ich mich von dem Hunter und schaute hoch in sein schönes Gesicht. »Ich möchte gerne bleiben«, wiederholte ich noch einmal und diesmal nickte er, was mir ein bisher nicht bekanntes Gefühl bescherte. Ich spürte, wie eine Art von Macht mich durchströmte. War es das, was Sava gemeint hatte, als sie behauptete, ich hätte mehr Macht als jede andere? Es fühlte sich berauschend an.

One ging voran in den Wohnbereich. »Nimm Platz«, sagte er und ich setzte mich auf das Sofa. »Ich lasse etwas zu essen kommen.« Mit diesen Worten verschwand er in seinem Schlafzimmer.

Ich lehnte mich zurück und zog die Füße unter den Po, um eine bequemere Position einzunehmen. Ein paar Minuten später kam One wieder. Nun trug er eine dunkle Hose und ein Shirt mit langen Ärmeln.

»Setz dich zu mir. Bitte«, sagte ich, als ich sah, dass er auf dem Sessel mir gegenüber Platz nehmen wollte. Er zögerte, kam jedoch meiner Bitte nach. Sobald er neben mir saß, rückte ich zu ihm auf und suchte ganz bewusst seine unmittelbare Nähe.

Wie nicht anders zu erwarten, war Ones Körper vollkommen angespannt, als ich mich an ihn lehnte. Vorsichtig griff ich nach seiner Hand und wollte unsere Finger verschränken, doch er zog sie schnell wieder weg und stand auf.

»Das funktioniert nicht, Riley. Geh jetzt.«

»Aber -«

»Kein Aber«, fuhr er mir ins Wort und schüttelte mahnend den Kopf. »Schraub deine Hoffnungen wieder runter. Das, was du dir wünschst, wird nicht geschehen. Du bist meine Geliebte, nicht mehr und nicht weniger. Ich dulde dich in meiner Nähe, wenn ich es für richtig halte. Im Moment ist es nicht richtig, deshalb wirst du jetzt gehen. Das ist mein Ernst.«

Enttäuschung durchflutete mich, aber ich gab mir Mühe, mich nicht von ihr einnehmen zu lassen. One war wieder in seiner abweisenden Phase, das behielt ich im Hinterkopf. Es brauchte eben viel mehr Zeit, bis ich seine errichteten Mauern endgültig überwunden hatte, und bis dahin würde ich mir noch öfter solche verletzenden Worte anhören müssen.

Ich erhob mich und ließ mich von ihm zur Tür begleiten. »Verabschiedest du dich wenigstens richtig von mir, bevor du morgen zu der Mission aufbrichst?«, fragte ich murmelnd.

»Wir brechen mitten in der Nacht auf.« One sah mich nicht an.

Ich nickte langsam. »Dann verabschiede dich jetzt.«

Mit klopfendem Herzen wartete ich darauf, was er als nächstes tun würde. Ich sah den Kampf, den er mit sich selbst führte, wollte ihm zu Hilfe kommen, indem ich wieder mal die Initiative ergriff - aber ich tat es nicht. Ein Teil von mir wollte unbedingt sehen, dass er sich für mich entschied. Auch wenn er sich danach wieder entfernen würde, brauchte ich wenigstens ein Zeichen, einen Beweis, dass wir uns trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse in eine gemeinsame Richtung bewegten.

Ich bekam kein Zeichen. One stand einfach nur da, eine Hand an der geöffneten Tür, die andere zu einer Faust geballt, und starrte an mir vorbei in den Gang. Mit einem Seufzen, das meine Enttäuschung mit eine Schwall Luft herausließ, stellte ich mich auf die Zehenspitzen, drückte dem Hunter einen Kuss auf die Wange und ging. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurde mein Herz schwerer und die Angst, dass ich den Kampf am Ende doch verlieren würde, größer.

Wie so oft dachte ich an Savas Worte, an alles, was sie mir gesagt hatte, doch diesmal schafften sie es nicht, mir neuen Mut zu machen.



Es wurde bereits dunkel draußen, als ich wach wurde, das konnte ich erkennen, da ich in einer äußerst unbequemen Position am Fenster eingeschlafen war. Und dann sah ich auch, was mich geweckt hatte. Oder besser gesagt: wer. One stand neben mir und hatte mich leicht an der Schulter gerüttelt.

»Geh ins Bett, Riley«, sagte er leise.

»Brichst du jetzt auf?«, entgegnete ich und rieb mir über das Gesicht. Mir tat jeder Knochen weh, weil ich stundenlang zusammengekrümmt dagelegen und nach draußen gestarrt hatte.

»Ja, es geht bald los. Komm, ich bringe dich rüber.« Im nächsten Moment nahm er mich hoch und trug mich ins Schlafzimmer.

Ich nutzte die Gelegenheit und schlang meine Arme um seinen Hals, während meine Lippen seine suchten. Da spürte ich auch schon die Matratze unter mir und dass ich losgelassen wurde.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich automatisch, als ich Ones mahnenden Gesichtsausdruck sah. Doch dann schüttelte ich den Kopf. »Nein, es tut mir überhaupt nicht leid!«, korrigierte ich mich sogleich. »Jeden Moment wirst du verschwinden und dich in Gefahr begeben, während ich hier zurückbleibe, mir alle Fingernägel abkaue und jede Minute damit verbringen werde, an dich zu denken und mir Sorgen zu machen. Ich weiß auch, dass du das alles nicht hören willst, aber ich sage es dir trotzdem. Und ich wäre dir wirklich dankbar, wenn du ein einziges Mal vergisst, dass du mich auf Distanz halten musst, und dich stattdessen richtig von mir verabschiedest. Nur ein einziges Mal. Ist das denn wirklich so schwer?«

Ich rechnete nicht damit, dass meine Worte wirklich etwas bewirken würden, deshalb war ich auch sehr überrascht, als er plötzlich mein Gesicht umfasste und mich küsste. Sehr lange und sehr intensiv. Das war der Abschied, auf den ich die ganze Zeit gehofft hatte. Und es machte mich wahnsinnig glücklich, dass One endlich über seinen Schatten gesprungen war.

Nach einer mir viel zu kurz erscheinenden Weile löste er sich wieder von mir und seine Brust hob und senkte sich genauso schnell wie meine.

»Schlaf dich ordentlich aus«, sagte der Hunter mit rauer Stimme und ging zur Tür. »In ein paar Tagen sind wir wieder zurück.«

Ich hörte, dass er die Wohnung verließ, und stand wieder auf, um in den Wohnbereich zu gehen und mich auf meinen Platz am Fenster zu setzen. Von hier aus konnte ich das Dach der Halle sehen, aus der die Hunter bald zu ihrer Mission aufbrechen würden. Vielleicht konnte ich so noch einen Blick auf sie erhaschen. Auf ihn.

 



»Wenn du nicht allein sein möchtest, kannst du noch mit zu mir kommen und wir machen uns etwas zu essen«, schlug Sava vor, nachdem wir das Spa verlassen hatten.

Ich hatte den halben Tag mit ihr darin verbracht, um nicht alleine mit meinen Gedanken und den Bildern in meinem Kopf zu sein. One und seine Truppe waren erst einen Tag unterwegs und ich wurde beinahe verrückt, wenn ich daran dachte, dass er womöglich jetzt gerade mit jemandem kämpfte. Um Leben und Tod.

»Riley? Hast du mich gehört?«

Ich verdrängte den Gedanken an One und seinen Kampf und nickte. »Ja, hört sich gut an. Wenn es okay ist, komme ich jetzt schon mit.«

»Sicher. Glaub mir, ich weiß ganz genau, wie du dich fühlst. Man sollte meinen, ich sei mittlerweile daran gewöhnt, weil ich es schon oft durchmachen musste, aber ich bezweifle, dass man sich je daran gewöhnen könnte. Sobald Arron aus dem Tor geht, sitze ich wie auf heißen Kohlen.«

»Nein, wahrscheinlich gewöhnt man sich nie dran«, bestätigte ich seufzend.

In der Suite von Arron und Savannah gingen wir gleich in die Küche, wo Sava die Türen des Kühlschranks öffnete und mich fragte, worauf ich Lust hätte.

»Käse«, sagte ich und deutete auf eine abgedeckte Platte.

»Und einen schönen Wein dazu?«

»Wein? Lieber nicht. Ich mag Alkohol nicht besonders.«

»Ach, komm schon! Ein Gläschen Wein hat noch niemandem geschadet.« Sie zwinkerte mir zu und verschwand durch eine Tür. Kurz darauf kam sie mit einer edel aussehenden Flasche zurück, die sie mir lächelnd präsentierte. »Ein leichter, fruchtiger Weißwein. Du wirst ihn mögen. Nimm schon mal Platz im Wohnzimmer, ich bringe gleich alles dorthin.«

Der Abend wurde sehr angenehm und dank Savas sprudelnder Art auch noch fröhlich. Sie lenkte mich hervorragend von allen Gedanken und Sorgen ab, wofür ich ihr wirklich dankbar war. Doch irgendwann wurde ich so müde, dass ich kaum noch die Augen offen halten konnte.

»Ich denke, ich sollte langsam ins Bett gehen«, murmelte ich mit schwerer Zunge.

»Vielleicht hättest du wirklich bei einem Glas Wein bleiben sollen«, bemerkte Sava schmunzelnd. »Trink noch ordentlich Wasser, damit du morgen nicht mit einem dicken Kopf aufwachst.«

»Mmh ...« Mir war leicht schwindelig, sodass ich etwas schwankte, als ich aufstand.

»Komm, ich begleite dich«, wandte Sava daraufhin ein und hakte mich unter. »Meine Güte, Riley, du verträgst ja wirklich gar nichts.«

Draußen war es frisch und der Nebel in meinem Kopf klärte sich etwas auf. Doch sobald ich in meiner Wohnung ankam, wurde mir erneut schwummerig. Ich war nicht an Alkohol gewöhnt und hätte es wirklich langsamer angehen sollen, aber der Wein hatte so gut geschmeckt und mir kurzzeitig etwas von meinen Sorgen genommen, sodass ich ordentlich zugelangt hatte.

Ich schaffte es gerade noch so, meine Kleidung gegen Schlafsachen einzutauschen, als der Nebel in meinem Kopf auf einmal noch dichter wurde. Mit letzter Kraft krabbelte ich ins Bett und schloss erleichtert die Augen.

...

»Pass auf ihren Kopf auf!«

»Dann trag du sie doch!«

»Die fünfzig Kilo kriegst du nicht gestemmt? Gib schon her, du Schlappschwanz!«

»Leute unter Drogen sind immer schwerer, weißt du doch! Sonst hätte ich sie locker hunderte Kilometer tragen können.«

...

»Wenn jemand das mitbekommt, sind wir alle am Arsch!«

»Niemand wird das mitbekommen, wir haben alles bis ins kleinste Detail geplant. Noch zehn Meter, dann ist die Kleine draußen und unsere Aufgabe ist so gut wie erledigt.«

»Bist du sicher, dass du hier bleiben willst?«

»Sie kann nicht einfach mit uns abhauen, Mann! Wir brauchen weiterhin Leute, die uns über das, was hier vorgeht, informieren. Sie bleibt hier.«

...

Langsam verzog sich der Nebel aus meinem Kopf und entließ mich aus dem merkwürdigen Traum mit seinen Satzfetzen, die keinen Sinn ergaben. Ein dumpfes Pochen meldete sich in meinen Schläfen und ließ mich aufstöhnen.

»Nie wieder Wein«, murmelte ich und öffnete die Augen. Sofort stellte ich fest, dass es noch dunkel war - und mein Bett bewegte sich holpernd. »Was ...?« Als ich mich aufrichten wollte, gelang es mir nicht, da ich an Armen und Beinen scheinbar gefesselt war, denn ich konnte sie nicht bewegen.

Mein Herz begann zu rasen, während ich meinen Kopf hin und her drehte und herauszufinden versuchte, wo ich mich befand und was hier vor sich ging. Es war so dunkel, dass ich absolut nichts sehen konnte, aber ich erahnte allmählich, dass ich mich in einem Fahrzeug befinden musste. Und es fuhr. Schnell.

Panisch begann ich an meinen Armen zu zerren, was lediglich dazu führte, dass sich das, was mich fesselte, in meine Handgelenke bohrte und starke Schmerzen verursachte.

Was war hier los? Was geschah denn nur? Wer hatte mich in diesen Wagen gebracht?

Ich versuchte meine viel zu schnelle Atmung zu beruhigen und sammelte die Puzzleteile meines wirren Traums zusammen. Wenn ich das nun nicht geträumt hatte ... zu wem gehörten die Stimmen, die ich gehört hatte? Wer hatte mich in diesen Wagen getragen? Und wer hatte mich unter Drogen gesetzt?

Das Rumpeln unter mir hörte langsam auf. Der Wagen musste angehalten haben. Ich verkrampfte mich und ballte die Hände zu Fäusten, als ich Schritte vernahm. Plötzlich wurde vor meinen Füßen eine Doppeltür geöffnet und das Licht, das hereinflutete, blendete mich und tat in meinen Augen weh.

»Unsere Prinzessin ist aufgewacht«, erklang gleich darauf eine tiefe Männerstimme. »Dann kann sie wenigstens selbst laufen und du musst sie nicht wieder tragen, du Schlappschwanz.«

»Halt's Maul, Mann!«, kam es von einer weiteren Person zurück. »Wir haben nicht so viel Zeit, beeil dich!«

Ich blinzelte und erkannte zwei dunkle Schatten vor dem hellen Sonnenlicht. Das Pochen in meinen Schläfen wurde sogleich stärker und ich wandte das Gesicht von der Sonne ab.

»Pass auf, dass sie dir nicht entwischt, wenn du die Fesseln lockerst«, sagte die tiefe Männerstimme.

»Dafür bist du ja da«, kam es von dem anderen Kerl zurück. »Wenn die Maus flieht, fängst du sie einfach wieder ein.«

Der Boden unter mir bewegte sich leicht, als einer der beiden in den Wagen stieg. Vorsichtig öffnete ich die Augen wieder und beobachtete ihn mit heftig klopfendem Herzen.

»Morgen, Mäuschen«, begrüßte mich kurz darauf ein breit grinsendes Gesicht. Das Gesicht eines Hunters, den ich schon einige Male im Hauptquartier gesehen hatte. Nur sein Name fiel mir nicht ein.

»Wo ... bin ich?«, fragte ich und meine Zunge fühlte sich dabei an, als wäre sie taub.

»Irgendwo im Nirgendwo, Süße. Das Luxusleben ist vorbei.« Der Hunter griff nach meinen Handgelenken und löste die Fesseln. »Es gibt eine einfache Regel, die du befolgen musst«, sagte er dabei. »Tu das, was wir dir sagen, und es gibt keine Probleme. Solltest du versuchen zu fliehen, fangen wir dich wieder ein und werden dafür sorgen, dass du nicht mehr laufen kannst. Verstanden?«

Ich schluckte schwer und nickte. »Warum tut ihr das?«

»Wir haben unsere Gründe.«

»Hey, quatsch nicht so viel und mach sie los. Die Übergabe findet in einer Stunde statt und wir sind eh schon spät dran«, erklang es von der Tür her.

Kurz darauf wurde ich aus dem Wagen gehoben und in einen anderen gesetzt. Die beiden Hunter blieben noch einen Moment draußen stehen und sprachen miteinander, bevor einer von ihnen sich schließlich ans Steuer setzte. Es war der größere, der mit der tiefen Stimme und den kalten Augen.

»Anschnallen, Prinzessin«, wies er mich an. »Und nur damit du es weißt: Ich sage alles nur einmal. Deine Aufgabe ist es, zu gehorchen. Wir sollen dich zwar unversehrt übergeben, aber ich bin ein Meister darin, keine großen Spuren zu hinterlassen.« Seine dunklen Augen bestätigten seine Worte. Sie waren keine leeren Versprechungen, er meinte alles so, wie er es sagte.

Mit zittrigen Fingern legte ich den Gurt um und atmete tief durch, um die  Panik, die immer weiter in mir anschwoll, nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ich musste meinen Kopf klären und herausfinden, was vor sich ging. Wieso hatten die beiden Hunter mich aus dem Hauptquartier gebracht und an wen wollten sie mich übergeben?

Wir fuhren los und ich richtete meinen Blick nach draußen, um mir die Umgebung einzuprägen, auch wenn ich nicht wusste, ob mir das überhaupt von Nutzen sein würde. Wie sollte ich entkommen? Ich saß neben einem Hunter, der zu allem bereit war. Sollte mir eine Flucht gelingen - und das war stark zu bezweifeln - könnte er mich im Handumdrehen wieder einfangen. Und mich womöglich dafür bestrafen, das ich den Versuch überhaupt gewagt hatte.

Bäume, hohe Gräser und verfallene Gebäude zogen am Fenster vorbei und ich fragte mich die ganze Zeit, wie weit wir bereits vom Hauptquartier entfernt waren. Wie lange war ich bewusstlos gewesen? Wohin brachte mich der Hunter? Was erwartete mich dort?

Ich dachte an One und daran, dass es bei meiner Entführung womöglich um ihn ging. Wollte man durch mich an das Oberhaupt der Hunter herankommen? Wie war es überhaupt möglich gewesen, mich aus dem streng bewachten Hauptquartier zu bekommen? Selbst das Gebäude, in dem sich meine Wohnung befand, wurde bewacht. Steckten da vielleicht mehr Leute mit drin, als bloß die beiden, die ich bisher gesehen hatte? Wie viele Feinde hatte One in seinen eigenen Reihen?

Langsam drehte ich meinen Kopf in die Richtung des Hunters am Steuer. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber das war nicht weiter verwunderlich, denn das Hauptquartier war groß und ich kannte bei weitem nicht alle Gesichter.

»Können Sie mir sagen, was jetzt mit mir geschehen wird?«, fand ich schließlich den Mut, meine Frage laut zu äußern.

»Könnte ich«, entgegnete er, ohne mich anzusehen. »Mache ich aber nicht. Es würde dir sowieso nicht weiterhelfen.«

»Ich möchte einfach nur verstehen ...«

»Und ich möchte, dass du die Klappe hältst. Bekommst du das hin oder soll ich nachhelfen?«

Verängstigt schloss ich den Mund und presste die Lippen fest aufeinander. Mit diesem Kerl sollte ich mich nicht anlegen, das spürte ich instinktiv. Er würde keinen Augenblick zögern, mir zu demonstrieren, dass seine Worte keine leeren Drohungen waren. Und wahrscheinlich würde ihm das sogar gefallen.

Ich wandte mich wieder ab und starrte nach draußen, während meine Gedanken rasten. Hier war etwas ziemlich Übles im Gange und ich wusste nicht, wie ich es verhindern sollte. Ob ich es überhaupt verhindern konnte.

Nach einer Weile bogen wir von der Straße ab, auf der wir die ganze Zeit gefahren waren. Der Wagen hielt auf einer schmalen Lichtung mitten im dichten Wald. Der Hunter neben mir stieg aus, umrundete das Fahrzeug und öffnete meine Tür. Er packte mich grob am Oberarm und zog mich heraus.

Wir gingen über einen kleinen Pfad tiefer in den Wald und ich begann am ganzen Körper zu zittern, weil mir lauter schreckliche Vorstellungen durch den Kopf geisterten, was als nächstes geschehen würde. Und dann sah ich zwei weitere Männer, die wenige Meter von uns entfernt dastanden. Sie waren ganz in Schwarz gekleidet, trugen die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und Waffen an ihren Gürteln.

Sind das auch Hunter?, fragt ich mich, als wir vor ihnen stehen blieben.

»Du bist zu spät«, erklang es aus einer der beiden Kapuzen.

»Ich weiß. Es gab ein paar kleine Schwierigkeiten, aber ich bin hier, oder nicht?«, erwiderte mein Entführer.

»Das ist sie also?«, meldete sich nun der andere Kapuzenträger zu Wort und hob leicht den Kopf, sodass ich sein beschattetes Gesicht erblicken konnte, während er mich abschätzig musterte. Der Mann war älter als die Hunter, hatte einen Vollbart und eine auffällige Zeichnung im Gesicht. Seine Augen waren dunkel wie die Nacht.

»Das ist die Kleine, die euch den Boss ans Messer liefern wird«, sagte der Hunter neben mir und bestätigte damit meine Vermutung, bei der Entführung ginge es um One. »Ihr Name ist Riley.«

»Riley«, wiederholte der Mann mit der Zeichnung und nickte knapp. Dann wandte er sich an die Person neben sich. »Entferne ihren Chip.«

Bevor ich fragen konnte, was er damit meinte, wurde ich auch schon an den Armen gepackt und festgehalten. Ich schrie auf, als man mir das Shirt herunterzog, und brüllte vor Schmerz, als sich etwas in die Haut meiner Schulter bohrte. Mir wurde sogar kurz schwarz vor Augen und ich sackte nach unten.

Über mir wurden noch vereinzelte Sätze ausgetauscht, dann hob mich jemand hoch und ich wurde eine kurze Strecke getragen, bevor ich erneut in einen Wagen verfrachtet wurde.

Der Mann mit der Zeichnung schob meinen Kopf in den Nacken und drückte mir etwas in den Mund. Ich schluckte krampfhaft, hustete und legte mich schließlich auf der Rückbank ausgestreckt hin. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sich eine schwere Müdigkeit über mich legte und mich in eine furchteinflößende Schwärze zog.

23. Kapitel

 

 


Ich erwachte in einem dunklen Raum. Panisch fuhr ich hoch, ignorierte das Pochen in meinen Schläfen und stellte erleichtert fest, dass ich diesmal zumindest nicht gefesselt war. Vorsichtig tastete ich mit den Händen herum und registrierte, dass ich auf einer harten Matratze lag und die Wand zu meiner Linken sich nach fester, leicht feuchter Erde anfühlte.

Vorsichtig stand ich auf und tastete mich an der Wand entlang einmal herum. Der Raum war winzig und bis auf die Matratze befand sich darin nur noch ein Gegenstand, der mich von seiner Form her an einen niedrigen Topf erinnerte. Es gab keine Tür, was das beklemmende Gefühl in mir nur noch verstärkte. Wo war ich hier denn bloß gelandet?

Ich setzte mich wieder auf die Matratze und umschlang meine Knie mit den Armen. Nach und nach kehrten die Erinnerungen an meine Entführung zurück. Mit den Fingern fuhr ich vorsichtig über meine Schulter, auf der nun ein Pflaster befestigt war. Was hatte der Mann mit der Gesichtszeichnung damit gemeint, dass man mir den Chip entfernen sollte? Was war ein Chip und wer hatte ihn mir unter die Haut getan? Oder besaß jeder Mensch so etwas von vornherein?

Seufzend ließ ich die Hand wieder sinken, als die Wunde unter dem Pflaster unangenehm ziepte. Mir war bewusst, dass der richtige Schmerz vorübergehend betäubt war und bald wieder zurückkehren würde. 

»Hallo?«, fragte ich schließlich vorsichtig in den dunklen, leeren Raum hinein. »Kann mich jemand hören?«

Ich bekam keine Antwort und die tiefe Verzweiflung über mein unbekanntes Schicksal trieb mir die Tränen in die Augen. Doch die Angst um One und den Plan, den man hinter seinem Rücken schmiedete, war viel schlimmer. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht so dumm war, sich von den Leuten, die mich gefangen hielten, in eine Falle locken zu lassen.

Ich hörte Geräusche, vielleicht Schritte, und richtete mich verwirrt auf. Wo kamen sie her? Mein Blick glitt schließlich zur Decke und da sah ich einen winzigen Spalt, durch den etwas Licht schimmerte. Da war also der Ausgang aus diesem Loch!

Plötzlich ertönte ein schriller Laut und ich schloss die Augen, als der Spalt immer größer wurde und das Licht mich blendete. Blinzelnd gewöhnte ich mich langsam an die Helligkeit und sah schließlich, dass eine Leiter zu mir heruntergelassen worden war.

»Steig rauf!«, ertönte im nächsten Moment ein Befehl.

Hastig richtete ich mich auf und kletterte hoch. Ich wollte keine Sekunde länger in der Dunkelheit verbringen, mochte mich sonst was dort oben erwarten.

Es waren der Mann mit der Zeichnung im Gesicht, sowie eine weitere kleinere Gestalt, auf die ich traf, sobald ich aus der Öffnung kroch.

»Dreh dich um«, kam der nächste Befehl und ich tat es.

Einen Augenblick später wurde meine Schulter entblößt und ich spürte, dass etwas kleines, dünnes durch meine glücklicherweise immer noch leicht betäubte Haut stach. 

»Was ist das ... ein Chip?«, fragte ich und duckte mich instinktiv, weil ich nicht wusste, wie der Mann hinter mir auf Fragen reagieren würde.

»Wir wollen doch nicht, dass One und seine Männer plötzlich hier auftauchen, nicht wahr?«, entgegnete er und bedeckte meine Schulter wieder mit dem Shirt, das ich trug. »Der Chip hätte ihnen deine Koordinaten verraten. Du wusstest nicht, dass du ihn hast, nehme ich an.«

»Nein«, bestätigte ich mit einem knappen Kopfschütteln und drehte mich zu ihm herum. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie sich die kleine Gestalt bewegte und die Spritze, die der Mann ihr hinhielt, entgegen nahm. Sofort griff ich mir in den Nacken. »Was haben Sie mir da gegeben?«

»Etwas gegen die Schmerzen. Wir haben dir ein Stück Fleisch herausgeschnitten, ohne das Mittel würdest du kaum stehen können.«

Ich musterte sein Gesicht; die Zeichnung, die an einen Vogel erinnerte, die dunklen Augen, die auf mir ruhten. »Ist es Ihnen nicht egal, ob ich Schmerzen habe?«, äußerte ich schließlich den Gedanken, der mir im Kopf kreiste.

»Wieso sollte es?«, entgegnete er daraufhin. »Ich bin nicht der Böse, Riley. Du solltest in Zukunft lieber zweimal darüber nachdenken, mit wem du dir das Bett teilst.« Nach dieser verwirrenden Aussage drehte er sich um und ging zu einer Tür, die ich bisher nicht bemerkt hatte. »Steig wieder hinab. Du bekommst gleich etwas zu essen.«

Widerwillig ging ich zur Leiter und begab mich wieder nach unten. Im Loch dachte ich fortwährend an das, was der Mann mir gesagt hatte. War das eine Anspielung auf One gewesen? - Wahrscheinlich, denn er war sicher informiert darüber, dass ich dessen Geliebte war. Immerhin hatte man mich aus einem bestimmten Grund aus dem Hauptquartier entführt: Man wollte One damit locken. Aber was hatte der Mann damit gemeint, er sei nicht der Böse und ich solle zweimal überlegen, mit wem ich in Zukunft das Bett teile?

Ich schüttelte den Kopf. Wieso hörte ich jemandem, der mich in einem winzigen Loch gefangen hielt, überhaupt zu? Er war der Böse! Er und alle, die mit ihm unter einer Decke steckten und ein Komplott gegen One schmiedeten.

Kurze Zeit später wurde mir etwas zu essen gebracht. Ich schlang es gierig herunter, weil mein Magen bereits vor Leere schmerzte. Anschließend legte ich mich auf die Matratze und starrte hoch zu der winzigen Ritze, die die einzige kaum wahrnehmbare Lichtquelle in dem Loch bildete. Ich dachte viel nach und weinte immer wieder, wenn Angst und Sorge mich übermannten. Dann schlief ich endlich ein.




Geweckt wurde ich von dem lauten Geräusch, das das Öffnen der Luke über mir begleitete. Ich kam eilig auf die Füße und wartete auf eine Anweisung, doch stattdessen kletterte bloß jemand zu mir herunter. Ich erkannte die kleinere Gestalt vom Vortag. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, reichte sie mir einen Stapel Kleidung.

»Danke«, sagte ich und nahm die sauberen Sachen entgegen.

Die vermummte Person nickte und wandte sich wieder ab. Doch dann hielt sie in der Bewegung inne und drehte sich wieder zu mir. Schmale Finger strichen die Kapuze herunter und ich wich überrascht zurück, als das Gesicht eines Jungen zum Vorschein kam. Er konnte nicht älter als fünfzehn sein.

»Kennst du sie?«, fragte er flüsternd und ich konnte nur verwirrt den Kopf schütteln, weil ich die Frage nicht verstand.

»Wen?«, wollte ich von ihm wissen. 

»Meine Schwester. Savannah. Kennst du sie?«

»Savannah?«, wiederholte ich und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er da sagte. »Savannah ist deine Schwester?«

Plötzlich sah ich Arrons Verlobte und mich in ihrem Wohnzimmer, wie wir einen Film schauten, lachten, aßen und Wein tranken. Wein, der mir so schnell zu Kopf gestiegen war und mich wahnsinnig müde gemacht hatte. Wenn der Junge die Wahrheit sagte und Sava seine Schwester war, dann ...

»Sibir, was machst du so lange da unten? , ertönte eine raue Stimme aus der Öffnung. »Schwing deinen dürren Arsch wieder hier rauf!«

Der Junge zog sich hastig die Kapuze ins Gesicht und klettere über die Leiter nach oben. Ich fühlte mich wie gelähmt, während ich ihm hinterher starrte. Zählte ich eins und eins richtig zusammen? Hatte Sava etwas mit meiner Entführung zu tun gehabt? War sie der Spion? Sie und die anderen, die ihr geholfen hatten? 

Tiefe Enttäuschung durchflutete mich bei diesem Gedanken. Ich hatte mich so sehr in ihr getäuscht! Sie war zu einer Freundin geworden, zu einer Vertrauten ... und dann hatte sie mich verraten. Mich und One. Und ihren Verlobten, den gutmütigen Riesen. Oder steckte Arron mit ihr unter einer Decke? Hinterging er seinen Freund, genauso wie seine Verlobte mich und alle anderen hintergangen hatte? War er ein Helfer oder ein Betrogener?

»Gott!«, stieß ich aus und hielt mir eine Hand vor den Mund. Das, was da vor sich ging, war noch schlimmer, als bisher angenommen. Man hatte mich entführt und wollte One damit in eine Falle locken. Und der Feind war direkt in seiner Nähe, ohne dass er wusste, um wen es sich dabei handelte. Wie sollte ich ihn bloß davor warnen? Wie konnte ich ihm helfen?

Wie ein eingesperrtes Tier lief ich in dem winzigen Raum auf und ab, während ich krampfhaft überlegte, wie ich entkommen könnte, um One zu warnen. Es schien mir unmöglich. Ich saß in einem verdammten Loch fest und wusste nicht einmal, wo. Vielleicht befand ich mich unzählige Kilometer vom Hauptquartier entfernt. Irgendwo im Nirgendwo. Selbst wenn mir eine Flucht gelingen würde, was ich stark bezweifelte, wüsste ich nicht, wohin ich fliehen sollte.

Ich konnte One nicht warnen, ihn nicht retten.

Die Verzweiflung und Ausweglosigkeit ließen mich die Haare raufen. Und dann überkam mich unbändige Wut, weil ich mich so hilflos fühlte. 

»Lasst mich hier raus!«, schrie ich der Decke entgegen und sprang hoch, um die Öffnung vergeblich erreichen zu wollen. »Lasst mich raus!«




Ich musste eingeschlafen sein, denn ich wurde von einem Rütteln an der Schulter wieder geweckt. Während ich mich langsam aufrichtete, stellte ich fest, dass ich auf dem Boden geschlafen hatte. Mein Hals schmerzte, weil ich zuvor aus vollem Halse geschrien hatte, und meine Fingernägel waren allesamt abgebrochen oder eingerissen, da ich versucht hatte, an den Wänden hochzuklettern. Alles vergeblich.

Neben mir stand ein Mann ganz in Schwarz und mit einer Kapuze auf dem Kopf. Ich hatte ihn bisher noch nicht gesehen, erkannte auch die Stimme nicht.

»Klettere hoch«, forderte er mich auf und ich gehorchte.

Oben erblickte ich eine runde Wanne, aus der sanfte Dampffäden aufstiegen. 

»Du kannst dich waschen«, erklang es hinter mir.

»Lassen Sie mich allein?«, entgegnete ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich drehe mich um.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und drehte mir den Rücken zu.

Ich stieg aus meiner Kleidung und ließ den Mann dabei keine Sekunde aus den Augen. Vorsichtig kletterte ich in die Wanne und zischte leise, als die Wunden an meinen Fingerkuppen brannten.

»Alles in Ordnung?«, fragte mein Bewacher.

»Ja. Nicht umdrehen!«

»Beeil dich, wir haben nicht den ganzen Tag dafür Zeit.«

Ich wusch mich schnell, aber ordentlich. Und ich rechnete es den Leuten hoch an, dass sie es mir zumindest ermöglichten, mich sauber zu halten, wenn sie mich schon in ein dunkles Loch sperrten. Das linderte jedoch nicht meine Wut darüber. Wenn ich irgendwie gekonnt hätte, hätte ich mir meine Freiheit auch auf brutale Weise erkämpft. Jeden einzelnen von ihnen - wie viele es auch sein mochten - hätte ich dabei außer Gefecht gesetzt. Aber ich konnte nicht. Ich war nicht stark genug. Wenn One bloß ein wenig mehr Zeit gehabt hätte, um mir etwas beizubringen, vielleicht wäre mir dann irgendwie das Unmögliche gelungen.

Ein leises, bedauerndes Seufzen entkam meinen Lippen, als ich an den Hunter dachte. Würde ich ihn je wiedersehen? Ich wusste nicht, was man gegen ihn geplant hatte, aber ich war mir sicher, dass es etwas ganz Schlimmes war. Und ich sollte der Köder dafür sein.

»Bitte, folge mir nicht, Taleon«, murmelte ich und schloss die Augen. Mühsam drängte ich die aufsteigenden Tränen zurück.

»Bist du endlich fertig? , fragte der Mann auf der anderen Seite des Raums.

»Ja, einen Moment noch«, erwiderte ich und stieg aus der Wanne. Schnell wickelte ich mich in das bereitgelegte Handtuch und trocknete mich hastig ab, um anschließend saubere, ebenfalls bereitgelegte Kleidung anzuziehen.

Sobald ich fertig war, drehte mein Bewacher sich zu mir herum und deutete auf die Öffnung im Boden. »Steig wieder hinab.«

»Dürfte ich vielleicht auch hier bleiben? Bitte!«, flehte ich, weil ich nicht wieder da runter in die beengende Dunkelheit wollte. 

»Nein. Geh runter. Jetzt!«

Er sprach ruhig, aber in seiner Stimme lag eine Warnung. Ich biss die Zähne aufeinander und stieg auf die erste Sprosse der Leiter, um mich meinem düsteren Schicksal zu ergeben.

Kaum hatten meine Füße den Boden berührt, wurde die Leiter wieder raufgezogen und die Luke geschlossen. Ich sank auf den Boden und vergrub mein Gesicht in den Händen, während warme Tränen meine Finger benetzten.

Ich konnte nicht sagen, wie lange ich so dasaß und meine Verzweiflung aus mir fließen ließ. Irgendwann ertönte wieder das mittlerweile bekannte schrille Geräusch und ich hörte, dass jemand zu mir hinabstieg. 

Langsam schaute ich auf und erkannte die kleine Gestalt. »Hey! , rief ich ihr zu, als ich sah, dass sie bloß ein Tablett abstellte und dann wieder hochklettern wollte. »Hey, warte!«

»Ich darf nicht mit dir reden«, erwiderte der Junge im Flüsterton.

»Warum nicht? Ich ... ich könnte dir etwas über deine Schwester erzählen.«

Er zögerte, das konnte ich erkennen, doch dann setzte er eilig einen Fuß vor den anderen und verschwand über die Leiter nach oben.

»Verdammt!«, stieß ich aus und kam hoch, um mir das Tablett zu holen. Während ich mich dazu zwang, etwas zu essen, überlegte ich, wie ich Savas Bruder zum Sprechen bringen könnte. Ich wollte unbedingt mehr über das erfahren, was geplant wurde, und vielleicht konnte er etwas dazu berichten.




Nach und nach verlor ich mein Zeitgefühl, je länger ich in dem dunklen Loch gefangen war. Ich wusste nicht, wie viele Tage seit meiner Entführung vergangen waren, vielleicht auch Wochen, Monate, Jahre ... Jeden einzelnen Gedanken hatte ich so oft gedacht, dass sie allesamt irgendwann ineinander verschwammen und ein unübersichtliches Ganzes bildeten. Nachdem die Hoffnung, mit Savannahs Bruder zu sprechen, verflogen war, weil er nicht mehr bei mir auftauchte, lag oder saß ich nur noch da und existierte. Ich konnte nicht einmal mehr weinen, weil ich jedes Gefühl - ob Trauer, Wut oder Verzweiflung - bereits unzählige Male durchlebt hatte. Ich war abgestumpft, fühlte mich wie betäubt. Und ich wünschte mir sogar, zu sterben.

Als sich die Luke über mir öffnete, schaute ich nicht einmal mehr auf. Widerstandslos ließ ich mich von einer vermummten Gestalt auf die Beine ziehen.

»Du musst dich waschen«, ertönte eine Stimme, die ich bereits kannte, weil der Mann, zu der sie gehörte, mich jedes Mal abholte, wenn ich nach oben in die Wanne durfte. 

Mechanisch erklomm ich die Leiter und zog mich aus, ohne mich vorher zu vergewissern, ob mein Bewacher noch hinschaute. Es interessierte mich nicht. Mir war alles egal.

Sobald ich fertig war, trocknete ich mich ab, zog mich an und trat zu der Öffnung im Boden. Gerade als ich wieder hinabsteigen wollte, hörte ich ein seltsames Geräusch hinter mir. Es klang wie ein Keuchen. Ich drehte mich um und sah, dass Savas Bruder neben dem Mann stand, der mich bewachen sollte, und eine lange Eisenstange in den Händen hielt, während dieser bewusstlos am Boden lag.

»Schnell!«, rief der Junge mir zu und seine großen Augen blickten panisch umher. »Wir müssen hier weg! Komm mit!«

Ein Gefühl, als wäre ich aus einem wochenlangen Schlaf erwacht, fuhr durch meinen Körper und weckte meine Lebensgeister. Ich nickte entschlossen, trat zu ihm und folgte ihm durch die Tür.

Wir liefen lautlos durch einen dunklen Gang, und jedes Mal, wenn eine Wache auftauchte, lotste der Junge mich in ein Versteck, damit wir unentdeckt blieben.

»Das wird jetzt schwierig«, flüsterte er schließlich und deutete auf eine Tür, die gleich von mehreren Männern bewacht wurde. »Ich locke so viele wie möglich von ihnen weg, die anderen müssen wir irgendwie erledigen.« Er drückte mir die Eisenstange in die Hand und bedeutete mir noch einmal mit dem Zeigefinger auf den Lippen, dass ich leise sein sollte. Dann trat er aus unserem Versteck und ging auf die Wachmänner zu.

»Schnell! Sol braucht Hilfe, das Mädchen ist entkommen!«, hörte ich ihn rufen. Dann erklangen aufgeregte Stimmen und schnelle Schritte.

Langsam und vorsichtig blickte ich um die Ecke und sah, dass nur noch zwei Männer an der Tür standen - und sie hatten mir den Rücken zugedreht. Auf Zehenspitzen schlich ich an sie heran und schwang die Eisenstange, um diese einem der beiden gegen den Hinterkopf zu donnern. Das Geräusch, das daraufhin ertönte, ging mir durch Mark und Bein. Als sich der andere Kerl zu mir umdrehte und nach einer Waffe griff, stieß ich ihm die Stange in die Brust und packte den Griff der Pistole. Für einen Moment setzte etwas in mir aus, denn ich richtete die Mündung auf das Herz des Mannes und drückte ab. Ohne mit der Wimper zu zucken. 

In meinen Ohren klingelte es, als der Schuss durch den Gang hallte, und ich hatte das Gefühl, in die Knie zu gehen. Mit schmerzverzogenem Gesicht hielt ich mir die Ohren zu und spürte, dass jemand an meinem Oberarm zerrte.

»Wir müssen weg!«, rief der Junge neben mir. »Komm schon, wir müssen sofort hier raus, bevor die anderen kommen!«

Stolpernd folgte ich ihm durch die Tür nach draußen und war erleichtert, dass meine Beine gehorchten, obwohl in meinem Kopf momentan das reinste Chaos herrschte. Während wir um unser Leben rannten, hörte ich in meinen Gedanken lauter Schusssalven. Sie alle formten einen einzigen Satz: Du hast ihn umgebracht.

Ich war jetzt eine Mörderin, die ein Leben vorsätzlich ausgelöscht hatte, ohne zu zögern.

Meine Lunge brannte, aber das interessierte mich nicht. Ich lief hinter dem Jungen her und tat mein Bestes, die fürchterlichen Bilder aus meinem Kopf zu vertreiben; den anklagenden Blicken der toten Augen zu entkommen. Weit von ihnen wegzurennen.

Sibir, wie er sich mir vorgestellt hatte, blieb schließlich stehen und stützte seine Hände auf den Oberschenkeln ab, während er gierig Luft holte. Ich tat es ihm nach und spürte plötzlich, wie mein Magen rebellierte. Bitterer Inhalt verteilte sich über die hohen Gräser neben mir, als ich mich zur Seite beugte und würgte.

»Trink etwas.« Sibir hielt mir eine kleine Flasche hin und ich nahm sie entgegen. 

Während ich hastig schluckte, bemerkte ich seine besorgten Blicke von der Seite. »Mir geht es gut«, erwiderte ich auf seine unausgesprochene Frage hin und gab ihm das Wasser zurück.

»Du musstest es tun«, sagte er leise. »Du musstest ihn erschießen, sonst hätte er uns erschossen.«

Ich nickte zögernd und wandte den Blick ab. Auch wenn ich wusste, dass er Recht hatte, kam ich einfach nicht darüber hinweg, wie ... leicht es mir gefallen war, die Wache zu beseitigen. Ich hatte keine Sekunde gezögert, sondern die Pistole gleich auf das Herz des Mannes gerichtet und abgedrückt. Mir war beinahe so, als würde ich den ohrenbetäubend lauten Schuss erneut hören, den Geruch des Todes wahrnehmen.

»Wir müssen uns ein Versteck für die Nacht suchen«, holte Sibirs Stimme mich aus der grauenhaften Erinnerung. »Hier draußen gibt es gefährliche Tiere.«

»Ich weiß«, erwiderte ich und riss mich zusammen. Mit meinem schlechten Gewissen wollte ich mich nicht auseinandersetzen. Ich hatte das getan, was nötig gewesen war, um zu überleben. Und jetzt gab es wichtigere Aufgaben zu erledigen, als mir den Kopf über das Geschehene zu zerbrechen.

Wir gingen weiter und gelangten schließlich zu einer Art Höhle, die ich nicht gleich sah, weil sie hinter langen Blättern verborgen lag. Erst als Sibir diese zur Seite schob, erkannte ich den dunklen Eingang und schluckte hart. Ich war so lange in einem winzigen Loch gefangen gewesen, sollte ich wirklich in diese Höhle steigen? Andererseits ... was blieb mir übrig? Hier draußen bleiben und von wilden Tieren gefressen werden?

In der Höhle war es feucht und kühl, aber durch vereinzelte Löcher in den Wänden glücklicherweise nicht so finster. Ich setzte mich auf einen großen, flachen Stein und zog die Knie an. Sibir hockte nur wenige Schritte von mir entfernt auf dem Boden und kramte in seinem kleinen Rucksack herum.

»Ich habe nur ein paar Konservendosen dabei«, sagte er und holte zwei davon hervor. »Die werden nicht so lange reichen. Morgen sollten wir versuchen, einen Vogel oder Hasen zu fangen.«

Ich musterte ihn mit gerunzelter Stirn und stellte ihm schließlich eine der Fragen, die mir durch den Kopf kreisten: »Wieso hast du mir geholfen?«

Er hielt in der Bewegung inne und leckte sich über die Lippen. »Weil sie gelogen haben. Die Männer«, fügte er erklärend hinzu. »Sie hatten meiner Schwester gesagt, sie würden uns freilassen, wenn sie ihre Anweisungen befolgen würde. Aber gestern habe ich zwei von ihnen belauscht ... Sie hatten nie vor, mich freizulassen, sobald Sava ihre Aufgaben erledigt hätte. Sie wollten mich umbringen. Dich auch. Und die Hunter.«

Ich schluckte schwer. »Wie lauteten Savas Anweisungen?«, wollte ich von ihm wissen.

Sibir reichte mir eine Dose und zog ein kleines Messer aus seiner Hosentasche. »Sie musste es schaffen, im Hauptquartier der Hunter zu bleiben. Das hat sie. Sie sollte ihr Vertrauen gewinnen und eine Schwachstelle finden. Etwas oder jemanden, der das Oberhaupt in die Falle der Männer locken sollte.«  

»Mich«, stellte ich fest, woraufhin er nickte.

»Ich war über zwei Jahre bei Nite und seinen Männern -«

»Nite?«, fuhr ich ihm ins Wort.

»Ja. Der Anführer mit dem Tattoo im Gesicht«, erklärte Sibir. »Er und seine Männer haben Sava und mich damals aus unserem Dorf mitgenommen, als es angegriffen wurde. Meine Schwester sollte dann unsere Freiheit verdienen. Sie hat sich als Geliebte ins Hauptquartier geschleust und Nite mit Informationen versorgt. Er hat dem Anführer der Hunter schon viele Fallen gestellt, aber er konnte ihn nie besiegen. Mit dir als Druckmittel wollte er es endlich schaffen.«

Während ich diese Informationen verarbeitete, stocherte ich in dem eingelegten Gemüse herum. »Weißt du, was Nite mit mir vorhatte?«

Sibir schüttelte den Kopf und kaute mit dicken Backen auf. »Nicht genau. Savannah hat durchsickern lassen, dass du dem Anführer wichtig bist«, erwiderte er schließlich. »Nite wollte ihn zu einem Ort locken, wo sie ihn ... beseitigen wollten.«

»Und wenn er nicht gekommen wäre?«, wandte ich leise ein.

»Savannah war sich sicher, dass er nach dir suchen würde, und bisher hatte sie sich nie mit den Informationen geirrt. Glaubst du nicht, dass er gekommen wäre?«, fragte Sibir und schaute mich an.

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schon.« Ich wünschte mir, dass ich One so wichtig war, und gleichzeitig hoffte ich das Gegenteil, damit er sich nicht wegen mir in Gefahr brachte.

»Es ist egal, ob er gekommen wäre oder nicht. Nite und seine Männer hätten dich so oder so nicht am Leben gelassen. Und mich auch nicht.«

»Er ist also doch der Böse«, stellte ich murmelnd fest.

»Er hat mich nie schlecht behandelt«, sagte Sibir daraufhin und sah nachdenklich zu Boden. »Manchmal war er sogar nett. Ich dachte wirklich, er würde sein Wort halten, sobald sie den Hunter-Anführer erledigt hätten. Aber ich habe mich getäuscht.«

Die nächsten Minuten aßen wir schweigend weiter und ich ließ mir die neuen Informationen noch einmal durch den Kopf gehen. Sava war also tatsächlich die Verräterin in Ones Reihen. Doch zumindest hatte sie einen guten Grund für den großen Verrat - ihren Bruder. Ihr war keine andere Wahl geblieben, als Nites Befehle zu befolgen, wenn sie sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Obwohl ich immer noch enttäuscht von ihr war, konnte ich sie zumindest verstehen. Wer wusste schon, wie ich gehandelt hätte, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre und Malenne hätte beschützen müssen?

»Weißt du, wo wir hier sind, Sibir?«, wandte ich mich nach einer Weile wieder an meinen jungen Begleiter, der doch ziemlich erwachsen für sein Alter wirkte. Wahrscheinlich hatte ihn das schwere Leben so geformt.

»Nein. Ich war die meiste Zeit im Inneren gefangen und durfte so gut wie nie nach draußen«, erwiderte er.

»Dann weißt du wahrscheinlich auch nicht, wie wir zum Hauptquartier kommen«, stellte ich seufzend fest.

Sibir schüttelte den Kopf und richtete sich auf. »Das Wichtigste ist, dass wir nicht lange an einer Stelle bleiben. Nites Männer suchen uns bestimmt. Und wenn sie uns finden ...« Er beendete den Satz nicht, aber ich konnte schon erahnen, was er nicht aussprach, und eine unangenehme Gänsehaut überzog meine Arme.

24. Kapitel

 

 


In dieser Nacht fand ich nicht in den Schlaf. Mir machte die Kälte sehr zu schaffen. Ich fror und zitterte und Sibir ging es ähnlich, wie ich nach einem Blick in seine Richtung feststellte. Wir beide waren nicht geeignet für die Nächte hier draußen angezogen. Und dann meldete sich auch noch der Schmerz in meiner Schulter. Da ich keine Spritzen mehr dagegen bekam, die Wunde jedoch noch nicht verheilt war, tat es weh. Nicht zu sehr, aber doch genug, um mir den Schlaf zusätzlich zu rauben.

»Kannst du auch nicht schlafen?«, kam es plötzlich flüsternd aus Sibirs Richtung. »Ist zu kalt, oder?«

»Mmh«, bestätigte ich mit klappernden Zähnen und kuschelte mich noch tiefer in das Oberteil, das ich trug. Ich fror erbärmlich.

»Morgen suchen wir uns trockenes Holz und machen ein Feuer«, fuhr er fort und richtete sich ein wenig auf, wie ich an seinen Umrissen in der Dunkelheit erkennen konnte. »Ich weiß, wie das geht. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt.«

Er klang so euphorisch, dass es mich zum Lächeln brachte. »Das ist gut«, erwiderte ich. »Ich weiß es nämlich nicht.« Was nicht stimmte, denn während der Jahre, in denen ich durch das Umland gezogen war, hatte ich es mir selbst beigebracht. Aber ich wollte ihm diese Aufgabe überlassen, denn er schien sich darauf zu freuen. Und etwas sagte mir, dass er in den vergangenen Jahren nicht viel Freude erlebt hatte.

Eine Weile blieb es wieder still, dann meldete Sibir sich erneut zu Wort: »Ähm ... Riley, würdest du ... dich neben mich legen? Vielleicht wird es dann wärmer.«

Sofort musste ich an die Nächte mit One im Schlafsack denken und mein Herz wurde ganz schwer und wehmütig. Ich vermisste ihn so sehr ... und ich hatte furchtbare Angst um ihn. »Wir sollten es probieren«, sagte ich und stand auf, um zu ihm zu gehen.

Es half nicht viel, als Sibir und ich uns aneinander drückten, aber zumindest spendeten wir dem jeweils anderen ein wenig Wärme.

»Riley, erzählst du mir etwas über meine Schwester?«, erklang es kurz darauf erneut leise neben mir. »Ich habe sie so lange nicht gesehen.«

Ich überlegte kurz und drehte meinen Kopf schließlich in Sibirs Richtung. »Sie war sehr nett zu mir, von Anfang an. Und sie hat mir sehr geholfen, auch wenn ein Großteil ihrer Bemühungen wohl dem Zweck diente, ihre Pläne zu schmieden. Ich habe sie gemocht.«

»Und die anderen? Haben sie sie gut behandelt?«

»Ja. Es geht ihr sehr gut dort. Und es gibt eine Person, die sie sehr liebt.« Ich dachte an Arron und seufzte leise. Wenn er nicht mit Savannah unter einer Decke steckte, würde ihr Verrat ihn sehr hart treffen.

»Ich vermisse sie«, murmelte Sibir und klang so, als würde er weinen.

Instinktiv griff ich nach seiner Hand und drückte sie. »Bald wirst du sie wiedersehen. Alles wird gut.« 

Ich wusste nicht, ob wir es bis zum Hauptquartier schaffen würden und was uns dort erwartete, aber ich hoffte auf einen guten Ausgang für alle, auch wenn ich nicht wirklich daran glaubte.




Am nächsten Morgen brachen wir in aller Frühe auf und legten eine lange Strecke zurück, bevor wir das erste Mal Halt machten und uns etwas ausruhten. Sibir bastelte eine Tierfalle aus Stöcken und langen Gräsern und ich schaute ihm interessiert dabei zu.

»Wo hast du das gelernt?«, fragte ich schließlich.

»Das hat mir mein Vater beigebracht«, erwiderte er und seine Miene wurde für einen kurzen Moment traurig, bis die Erinnerung schließlich von Wut überdeckt wurde. »Bevor er getötet wurde.«

»Das tut mir leid, Sibir.« Ich legte eine Hand auf seine schmale Schulter und drückte sie leicht. 

»Nite hat immer behauptet, dass es Hunter gewesen sind,  die meinen Vater umgebracht haben«, fuhr er fort und schaute mir ins Gesicht. »Deshalb war ich wütend auf sie und wollte, dass Nite und die anderen die Hunter beseitigen.«

Ich nickte langsam und nahm meine Hand wieder weg. »Was hat deine Meinung geändert?« 

»Das Gespräch, das ich belauscht habe. Ich bin immer noch wütend auf die Hunter, aber ich traue Nite und seinen Männern nicht mehr. Kein bisschen.«

»Vielleicht waren es gar nicht Hunter, die deinen Vater umgebracht haben«, wandte ich vorsichtig ein. »Er könnte gelogen haben.«

»Er hat immer gesagt, Hunter sind die Bösen«, erwiderte Sibir daraufhin. »Ich habe viele schlimme Geschichten über sie gehört, auch vorher schon.«

»Ich auch. Und dann habe ich einige von ihnen besser kennengelernt.« Ones Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf und die Sehnsucht in meinem Herzen schwoll an. »Der Anführer, den Nite in eine Falle locken möchte, ist ein guter Mann.«

»Das sagst du doch nur, weil du mit ihm das Bett geteilt hast«, entgegnete Savas Bruder grinsend und erinnerte mich auf einmal ganz stark an seine Schwester.

Ich lächelte verlegen. »Nein, das sage ich, weil es stimmt. Er hat mir das Leben gerettet, mehrmals. Und er hat mich gut behandelt. Fair.« Wenn er nicht gerade gegen mich ankämpfte.

»Liebst du ihn?«

Ich wich Sibirs Blick aus und wand mich um eine Antwort, bis ich schließlich ergeben seufzte. »Mein Herz schlägt für ihn.«

»Und wird er kommen, um dich zu retten?«

»Vielleicht. Auf jeden Fall müssen wir ihn warnen. Er darf Nite und seinen Männern nicht in die Falle gehen!«

Sibir nickte und erhob sich mit der Tierfalle in der Hand. »Ich fange uns jetzt etwas zu essen. Danach laufen wir weiter. Irgendwann werden wir schon jemanden treffen, der uns weiterhelfen kann.«

Wir fingen einen großen Hasen, den wir über einem kleinen Feuer brieten und anschließend gierig aßen. Danach ging unser Weg weiter. Wir liefen stundenlang mit vereinzelten kurzen Pausen, in denen wir zu dem Fluss, an dem wir uns orientierten, hinabstiegen und nach Stellen suchten, die sauber aussahen, um von ihnen zu trinken.

Auf einmal blieb Sibir stehen und bedeutete mir mit einer Handbewegung, ebenfalls anzuhalten. Er duckte sich und ich tat es ihm nach.

»Da sind Hütten«, flüsterte er mir zu und zeigte durch die hohen Gräser in eine Richtung. »Und Menschen.«

Ich spähte an ihm vorbei und erblickte zwei Häuser aus Lehm und Holz. Vor ihnen standen einige zerlumpte Gestalten, Frauen oder Männer, das konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen.

»Glaubst du, die gehören zu Nite?«, fragte ich Sibir leise.

»Ich weiß nicht. Lass uns näher rangehen.« Mit langsamen, vorsichtigen Schritten ging er weiter und ich folgte ihm. »Du bleibst hier«, sagte er schließlich und blieb erneut stehen. »Ich gehe zu ihnen und finde heraus, ob sie zu Nite gehören.«

»Was? Nein!«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Das ist zu gefährlich.«

»Ich bin schnell. Wenn ich merke, dass das keine guten Leute sind, laufe ich weg. Die werden mich nicht kriegen, keine Sorge.«

Mir gefiel sein Plan nicht, aber ich sah ihm an, dass er felsenfest entschlossen war, den Helden zu spielen. »Pass auf dich auf, Sibir«, sagte ich ihm noch eindringlich, dann war er bereits im nächsten dichten Gebüsch verschwunden. Angespannt schaute ich aus meinem Versteck zu den Hütten und wartete, was als nächstes geschah.

Nach ein paar Minuten tauchte der Junge nur wenige Meter von den Häusern entfernt auf und ging mit erhobenen Händen auf die Gestalten davor zu. Ich verstand nicht, was Sibir sagte und was die Menschen ihm erwiderten, aber nach einer Weile nahm er die Arme wieder runter und drehte sich in meine Richtung.

»Du kannst ruhig herkommen«, rief er und winkte mich heran.

Ich zögerte noch einen Moment, dann trat ich aus meinem Versteck und lief zu ihm und den Bewohnern der Hütten.

»Sie kennen Nite und seine Männer«, erklärte Sibir lächelnd. »Und sie verachten sie.«

Hinter ihm kam ein älterer Mann näher und verbeugte sich leicht. »Mein Name ist Jon. Seid willkommen hier in unserem kleinen Dorf. Wir können euch für eine Nacht Unterschlupf gewähren, aber morgen müsst ihr weiterziehen. Wenn Nite und seine Männer hinter euch her sind, möchten wir ihnen nicht im Wege stehen.«

Ich nickte. »Vielen Dank.«

»Martha!«, rief Jon über seine Schulter. »Bereite unseren Gästen etwas zu essen zu. Sie sollen heute Abend in meiner Hütte speisen.«

Sibir und ich wurden freundlich empfangen und gut behandelt. Ich hatte nicht erwartet, hier draußen auf ein kleines Völkchen solch netter und zivilisierter Menschen zu treffen. Zwar beäugte uns der ein oder andere skeptisch, aber niemand äußerte seinen Unmut über uns laut. Wir bekamen ein ordentliches Abendessen vorgesetzt, während Jon uns Geschichten über Nite und seine Männer erzählte.

»Jeden Monat kommen sie hier vorbei und treiben Lebensmittel und Geld ein. Sie nehmen uns fast alles weg, was wir haben, aber wenigstens lassen sie uns danach in Ruhe. Dasselbe machen sie mit den anderen Dörfern, die hier überall verstreut liegen.«

»Aber wieso dürfen sie das?«, fragte ich und schüttelte den Kopf. »Könnt ihr nicht ... etwas tun? Hilfe rufen?«

»Es interessiert niemanden«, entgegnete Jon mit einem traurigen Lächeln. »Die Leute im Empire, ihre Armee, sie scheren sich einen Dreck um uns. Die Menschen im Umland sind ihnen völlig egal. Es wäre ihnen nur Recht, wenn wir hier allesamt verrecken würden.«

Der Hass in seiner Stimme war nicht zu überhören und ließ mich schwer schlucken. »Aber die Hunter«, setzte ich schließlich an und legte mir im Kopf zurecht, was ich sagen wollte. »Sie sorgen doch für Recht und Ordnung hier im Umland. Sie sind unsere Gesetzeshüter.«

»Gesetzeshüter? Von wegen!«, entgegnete Jon schnaubend. »Sie machen ihre eigenen Gesetze. Da sind mir Nite und seine Männer lieber. Bei denen weiß ich wenigstens, woran ich bin.«

»Habt ihr denn schon schlimme Erfahrungen mit den Huntern gemacht?«, hakte ich weiter nach. In mir regte sich ein Widerstand. Ich wollte nicht glauben, dass One und die anderen Hunter schlechtere Menschen als Nite und sein Gefolge waren. Er hatte Verräter unter seinen Leuten, ja, aber der Rest ... Nein, die Hunter waren nicht die Bösen! 

»Wir alle haben schon schlimme Erfahrungen mit den Huntern gemacht«, erwiderte Jon auf meine Frage hin. »Was glaubst du denn, wieso es Männer wie Nite gibt? Sie werden in der Ungerechtigkeit dieser Welt geboren und schließen sich zusammen, um gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen. Und dafür ist ihnen jedes Mittel Recht.«

»Aber sie bestehlen euch! Ist das gerecht?«, sagte ich aufgeregt.

»Ich sehe schon, du bist den Huntern wohlgesonnen«, bemerkte mein Gegenüber. »Als schöne Frau ist man allerdings auch mehr wert als ein einfacher Mann oder ein altes Weib. Ich habe meine Meinung und ich werde nicht von ihr abweichen, bloß weil du etwas anderes behauptest.« 

»Ich möchte dir meine Meinung nicht aufzwingen, Jon. Ich versuche nur, zu verstehen. Ich habe schon viele Geschichten über die Hunter gehört. Meist keine guten. Aber ich habe sie auch kennengelernt. Und sie waren stets freundlich zu mir, haben mich gut behandelt.«

»Wie gesagt - du bist eine hübsche Frau«, wandte er lächelnd ein. »Zu dir waren sie freundlich. Uns andere treten sie mit Füßen. Aber wir wollen uns jetzt doch nicht darüber streiten. Ihr seid heute Abend meine Gäste, lasst uns in Ruhe essen und trinken, ohne Groll und Wut. Prost.« Er hielt sein Glas hoch und nahm einen großen Schluck.

Später, als es bereits dunkel war, verließen Sibir und ich Jons Hütte und wurden von einem Mann zu einer anderen geleitet. Sobald wir allein waren, ließ sich Savas Bruder auf eine der bereitgelegten Decken fallen und schloss die Augen. 

»So gut habe ich schon ewig nicht mehr gegessen. Ich hatte schon vergessen, wie gut gebratene Kartoffeln schmecken«, murmelte er mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

»Mmh«, bestätigte ich und dachte immer noch über das, was Jon gesagt hatte, nach. Ich teilte seine Meinung nicht, doch ich merkte auch, dass meine vorherige Überzeugung, was die Hunter betraf, leicht ins Schwanken geriet. Sie wurden von den meisten Menschen im Umland gefürchtet und gehasst, und das hatte sicher seine Gründe. Wenn ich nun nicht das Glück gehabt hätte, One und seine Männer auf meinem Wege kennenzulernen ... wie würde ich über sie denken? Immerhin hatte ich bis vor einiger Zeit auch das geglaubt, was ich über die Hunter gehört hatte. Wie wäre meine Begegnung mit ihnen verlaufen, wenn ich keine hübsche Frau, wie es Jon ausgedrückt hatte, gewesen wäre? Hätte man mich trotzdem gerettet und sich fürsorglich um mich gekümmert? Hätte man mich gut und fair behandelt? Die Antwort darauf fand ich in dieser Nacht nicht.

 

 


Im Morgengrauen brachen Sibir und ich wieder auf. Jon gab uns noch etwas Proviant mit und zwei Messer. Diese würden zwar nichts gegen Pistolen ausrichten können, aber im Nahkampf waren sie sicher von Nutzen. Eine noch größere Hilfe war die Auskunft, in welche Richtung wir uns begeben mussten, um in das Quarter zu gelangen, in dem sich das Hauptquartier der Hunter befand. Uns stand wohl ein wochenlanger Marsch bevor.

»Dir ist schon klar, dass ich nicht einfach mit dir ins Hauptquartier spazieren kann«, sagte Sibir, nachdem wir eine Zeit lang still nebeneinanderher gegangen waren. »Die wissen doch sofort, dass meine Schwester etwas mit deiner Entführung zu tun hat, wenn herauskommt, wer ich bin.«

»Was ja auch der Wahrheit entspricht«, wandte ich ein. »Sava hat mich ausgeliefert.«

»Sie hat es für mich getan, das weißt du. Ihr blieb keine andere Wahl. Wir hatten schon jeden verloren, Savannah wollte nicht auch noch mich verlieren. Nite tat mir nichts, solange sie gehorchte. Hätte sie nicht gehorcht, hätte er mich dafür bestraft.«

Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und brachte ihn zum Stehen. »Ich bin nicht wütend auf deine Schwester«, sagte ich in ruhigem Ton. »Ich verstehe sie.« Und das tat ich wirklich. Ich hätte alles dafür getan, um Malenne das Leben zu retten. Wenn sie noch am Leben gewesen wäre.

»Du bist ein guter Mensch, Riley.« Sibir schenkte mir ein Lächeln über die Schulter.

»Nein, das bin ich nicht«, erwiderte ich und dachte an den Mann, den ich vor zwei Tagen umgebracht hatte. An das Leben, das vor meinen Augen aus seinen gewichen war. Taten gute Menschen so etwas?

»Doch, das bist du«, mischte sich Sibirs Stimme in die unschöne Erinnerung. »Ich habe in den letzten Jahren so viele schlechte Menschen gesehen, ich kann die Guten von ihnen unterscheiden.«

Diese Aussage brachte mich zum Lächeln. »Du wirkst manchmal so weise. Und dabei kannst du doch gar nicht älter als fünfzehn sein.«

»Ich weiß nicht, wie alt ich bin«, entgegnete er darauf und zuckte mit den schmalen Schultern. »An meinen letzten Geburtstag kann ich mich kaum erinnern.«

»Ich mich an meinen auch nicht. Aber es muss etwa sechs oder sieben Jahre her sein«, erzählte ich ihm und sah die Bilder von mir in einem blumenbedruckten Kleid, wie ich in unserem damaligen Haus in der Küche am Tisch saß und die Kerzen auf einem Kuchen ausblies. Neben mir meine Schwester, sie hielt meine Hand und lachte begeistert. Schnell schüttelte ich die Bilder wieder ab, als ein schmerzhafter Stich meine Brust durchfuhr.

»Dann bist du ja steinalt«, bemerkte Sibir scherzend und ich gab mir Mühe, auf sein Feixen einzugehen.

»Scheintot.«

»Kannst du überhaupt noch laufen, alte Frau?«

»Ich gebe mir -«

Ein lauter Schuss unterbrach mich. Instinktiv ging ich in Deckung und schlug die Arme über dem Kopf zusammen.

»Sibir, duck dich!«, zischte ich meinem Begleiter zu, als ich sah, dass er immer noch stand. »Sib ... ir.« Ich blickte hoch und kam ins Stottern, als ich den sich langsam ausbreitenden roten Fleck auf seiner Brust entdeckte. »Mein Gott!«

»Riley ... lauf!«, stieß er röchelnd aus und fiel schließlich zu Boden.

Ich krabbelte zu ihm und rüttelte an seinen Schultern. »Sibir? Sibir! Nein, nein, nein ...« Das Entsetzen, das mich erfasste, ließ meine Finger eiskalt werden und erzittern. »Sibir ...«

Er regte sich nicht. Und er atmete auch nicht mehr. Ich stand unter Schock, konnte mich nicht rühren, keinen klaren Gedanken mehr fassen. Mein Verstand erfasste einfach nicht, dass ein junger Mensch so brutal aus dem Leben gerissen worden war, von einem Moment auf den anderen. Erst als ich schnelle Schritte vernahm, wurde mir wieder bewusst, dass jemand uns angegriffen hatte. Schweren Herzens ließ ich von Sibir ab und krabbelte in das nächste Gebüsch. Spitze Äste bohrten sich in mein Haut, aber das ignorierte ich. Ich verdrängte den Gedanken an den toten Jungen und konzentrierte mich nur noch darauf, zu entkommen. Das war ich ihm schuldig, denn er hatte sein Leben riskiert, um meins zu retten.

Dann hörte ich Stimmen hinter mir. Diejenigen, die Sibir erschossen hatten, waren bei seinem leblosen Körper angelangt. Sie waren so laut, dass die Geräusche, die ich bei meiner Flucht verursachte, völlig untergingen. Und so gelang es mir schließlich, genügend Abstand zwischen die Männer und mich zu bringen, sodass ich mich wieder aufrichten und losrennen konnte.

Ich lief ohne Pause, bis mich die Kräfte verließen und ich hinfiel und es nicht mehr schaffte, aufzustehen. Kurz verlor ich sogar das Bewusstsein, und als ich schließlich wieder blinzelnd zu mir kam, tauchte über mir ein verschwommenes Gesicht auf.

»Nein«, murmelte ich mit schwerer Zunge. »Bitte, tut mir nichts ...«

»Ich werde dir nichts tun«, vernahm ich eine seltsam schwammig klingende Stimme. »Was ist mit dir passiert?«

Ich brauchte noch einige Minuten, bis ich vollständig wach war. Augenblicklich begann mein Magen zu rebellieren und ich spuckte den wenigen Inhalt meines Frühstücks in einem Schwall zur Seite.

»Alles klar, das haben wir gleich.« Der Kerl, der neben mir hockte, war nicht viel älter als ich. Er verzog das Gesicht, während ich kotzte, und hielt mir anschließend eine Flasche hin. »Trink etwas. Das vertreibt den üblen Geschmack.«

Mit zittrigen Fingern nahm ich das Wasser entgegen und trank davon. Lange behielt ich es nicht bei mir und spuckte es sofort wieder aus.

»Okay, das sollten wir lieber lassen.« Er nahm mir die Flasche wieder ab und betrachtete mich mit gerunzelter Stirn. »Ich bin Logan«, stellte er sich schließlich vor. »Und wer bist du?«

»Ist doch egal.« Ich richtete mich schwerfällig auf und stützte mich an einem schmalen Baumstamm direkt hinter mir ab. Das Atmen fiel mir schwer, meine Brust fühlte sich zu eng an.

»Du willst es mir nicht verraten, kein Problem«, sagte Logan daraufhin und kam ebenfalls vollständig auf die Füße. Er überragte mich um zwei Köpfe, war jedoch viel zu schlank, um ein Hunter zu sein, das sah ich sofort. »Aber ich kann dir helfen. Du bist auf der Flucht, nehme ich an?«, fügte er hinzu.

»Woher weißt du das?« Gehetzt schaute ich mich um, ob meine Verfolger in der Nähe waren.

»Daran.« Er deutete auf mich. »Du hast Angst. Und an dem Umstand, dass du vor Erschöpfung zusammengebrochen bist. Wie lange bist du gerannt?«

»Keine Ahnung.« Mühsam machte ich einen Schritt und stellte fest, dass ich noch viel zu geschwächt war, um weiterlaufen zu können.

»Dein Körper zumindest denkt, dass es zu viel war«, bemerkte Logan.

»Bist du immer so ein Klugscheißer?«, fragte ich gereizt.

»Kann schon sein. Hier.« Er hielt mir erneut die Wasserflasche hin. »Versuch es nochmal. Du musst völlig dehydriert sein.«

Ich nahm ein paar vorsichtige Schlucke und war erleichtert, dass ich das Wasser diesmal bei mir behalten konnte. »Danke«, sagte ich schließlich.

»Kein Problem. Verrätst du mir jetzt deinen Namen?«

»Erst sagst du mir, wo du herkommst und was du hier tust«, entgegnete ich und ließ mich langsam wieder auf den Boden sinken. 

»Ich komme aus dem Osten und war auf dem Weg nach Westen, als ich gesehen habe, wie du umgefallen bist. Also bin ich zu dir gelaufen und habe nachgesehen, ob du noch lebst.«

Ich musterte sein Gesicht, um einer möglichen Lüge auf die Schliche zu kommen, sah aber nichts, was mir verdächtig erschien. Es war gut möglich, dass er die Wahrheit sagte.

»Wieso bist du alleine unterwegs? Und wo kommst du her?«, wollte ich noch wissen.

»Moment«, entgegnete er daraufhin grinsend. »Erstmal bist du dran mit Fragen beantworten. Also, wie ist dein Name?«

»Riley«, verriet ich ihm schließlich. Ich hoffte, dass er mir weiterhelfen würde, deshalb war es nicht so schlecht, wenn er ein wenig Vertrauen zu mir fasste. 

»Freut mich, Riley«, sagte Logan und streckte mir eine Hand hin. Ich schüttelte sie zögernd. »Und vor wem läufst du nun davon?«

»Vor ... Nite.«

Sein Gesicht wurde schlagartig ernst. »Vor Nite?«, hakte er nach. »Was hast du verbrochen?«

»Du kennst ihn also? Wie ... wieso glaubst du, ich hätte etwas verbrochen?«, fragte ich verwundert.

»Weil er kein Mann ist, der grundlos Frauen hinterher jagt.«

»Dann kennst du ihn scheinbar nicht gut genug«, zischte ich und kam eilig auf die Füße. Obwohl sich mein Kopf leicht drehte, wollte ich schnell weg von diesem Kerl, der mit dem Mann, der mich in einem winzigen dunklen Loch eingesperrt hatte, sympathisierte. 

»Hey, wo willst du hin?«, rief Logan mir nach, als ich humpelnd von ihm weglief. 

»Lass mich in Ruhe!« Ich griff mir einen langen Ast, den ich auf dem Boden erblickte, und schwang ihn drohend in seine Richtung. »Keinen Schritt weiter, oder ich ...« Ich töte dich, lag mir auf der Zunge und ich erschrak darüber, wie leicht mir diese Worte über die Lippen kommen wollten. Zu was für einem Menschen war ich bloß geworden?

»Riley, du musst keine Angst vor mir haben«, sprach Logan beruhigend auf mich ein und hob beschwichtigend beide Hände an. »Ich werde dich nicht zu Nite bringen.«

»Dieser Mann ist böse! Er hat ... er ... Oh, Gott!« Sibir. Ich hatte ihn kurzzeitig völlig vergessen, die grausame Erinnerung im Schock weit von mir gedrängt - und jetzt strömten die Bilder seines leblosen Körpers nur so auf mich ein. Der Ast fiel mir aus der Hand und ich sank auf die Knie. »Er hat ein Kind erschossen«, flüsterte ich erstickt und spürte, wie mir Tränen über die Wangen rollten. Ich konnte kaum begreifen, dass Sibir wirklich tot war. Einfach so aus dem Leben gerissen, weil er mir geholfen hatte. Wie war das möglich? Wieso war das geschehen?

Logan setzte sich vorsichtig neben mich und ich spürte seinen eindringlichen Blick auf meinem Gesicht. »Was ist passiert, Riley?«

Ich schüttelte den Kopf, ein Schluchzen drang aus meinen Lippen. Als er plötzlich seine Arme um mich legte, stieß ich ihn fort.

»Schon gut. Tut mir leid. Ich wollte dich nur trösten«, entschuldigte er sich sogleich und hielt nun genügend Abstand.

»Ich kenne dich überhaupt nicht!«, entgegnete ich wütend, wobei sich meine Wut wohl eher gegen diejenigen richtete, die Sibir auf dem Gewissen hatten, und nicht direkte gegen ihn. »Und ich will keine Hilfe von jemandem, der etwas mit Nite zu tun hat!«

»Ich habe nichts mit Nite zu tun«, verteidigte sich Logan. »Ich respektiere ihn bloß.«

»Noch schlimmer. Du respektierst einen Mörder.«

»Hast du gesehen, dass er ein Kind getötet hat?«

»Der Junge wurde vor meinen Augen erschossen«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und wischte mir mit einer wütenden Bewegung die Tränen von den Wangen. »Er war gerade mal fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.« Ich atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Ich musste die Fassung bewahren und einen Weg zu One finden. Dann konnte ich mich mit dem sinnlosen Mord an Sibir auseinandersetzen. Bis dahin war es nur hinderlich, mich von meinen Gefühlen übermannen zu lassen. Verdammt, ich musste mich dringend zusammenreißen und durfte nicht aufgeben, auch wenn ein Teil von mir gerade nichts anderes tun wollte, als resigniert zu Boden zu gehen und liegen zu bleiben.

Logan schluckte. »Das ... das tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass Nite zu so etwas fähig ist.«

»Er hat mich tagelang in einem winzigen Loch eingesperrt«, fuhr ich fort. »Und er will jemanden umbringen, der mir viel bedeutet.«

»Bist du dir da sicher?«

»Ja! Ich wurde entführt, um diese Person in eine Falle zu locken. Wenn du so einen Menschen respektierst, dann kann ich gut und gerne auf deine Hilfe verzichten.« Ich hob den Ast wieder auf und ging weiter. Kurz darauf hörte ich, dass Logan mir hinterher kam. 

»Nite hat mich und meine Leute immer fair behandelt«, sagte er und schloss zu mir auf. »Ich wusste nicht, dass er auch andere Seiten hat. Dass er einen Jungen erschossen hat ... Das ist furchtbar! Nicht zu verzeihen. Ich möchte dir gerne helfen, Riley.«

»Dann sag mir, wie ich in den Norden gelange. Zum Hunter-Hauptquartier.«

»Moment, Moment.« Er blieb stehen und hielt mich am Oberarm zurück. Als ich ein Knurren verlauten ließ, ließ er mich sofort wieder los. »Du willst zu den Huntern? Sag bloß, du bist eine ihrer Huren?«, fragte er nun.

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Ach, einer Hure willst du also nicht helfen?«

»So habe ich das nicht gemeint.« Verlegen strich er sich über den Hinterkopf. »Tut mir leid, wenn ich dich beleidigt habe.«

»Du hast mich nicht beleidigt, du hast Recht - ich bin eine Hure. Wenn das ein Problem für dich ist, dann kannst du gehen.«

»Nein, ich ...« Er wurde ganz rot im Gesicht vor Scham, was meine Wut über seine respektlose Ausdrucksweise etwas abklingen ließ. »Ich helfe dir trotzdem, wenn du möchtest«, bot er an.

»Weißt du, wie ich dorthin komme?«, fragte ich etwas weniger feindselig. Alleine war ich hier draußen so gut wie verloren. Wenn Logan wirklich helfen wollte, musste ich es annehmen, um so schnell wie möglich zu One zu gelangen.

»Ich weiß nicht, wo das Hauptquartier ist, aber ich kenne den Weg in den Norden. Allerdings müsste ich vorher noch einmal bei einem Freund vorbeischauen. Du kannst mitkommen oder irgendwo auf mich warten.«

»Was ist das für ein Freund? Einer wie Nite?«

Logan verdrehte lächelnd die Augen. »Ein weiser alter Mann, der dir einiges erzählen könnte. Er lebt allein, tief im Wald verborgen. Der Marsch dauert anderthalb Tage.«

»Und du kennst dich in der Umgebung aus? Wir werden uns nicht verlaufen oder von wilden Tieren gefressen werden?«

»Ich kenne ein paar gute Verstecke und habe genug Proviant dabei.« Er deutete auf den Rucksack auf seinem Rücken. »Und für die wilden Tiere nehmen wir einfach diese Mordswaffe da.« Diesmal zeigte er auf den Ast in meiner Hand.

Jetzt verdrehte ich die Augen. »Sehr witzig.«

»Keine Sorge, ich weiß, wo die gefährlichen Tiere sich nachts herumtreiben. Wir werden diese Gegenden nicht passieren. Also, kommst du mit?«

»Ja. Aber wenn ich doch noch das Gefühl bekomme, dass du nicht ehrlich bist und ich dir nicht trauen kann, werde ich nicht zögern, dir die Mordswaffe ins Auge zu rammen!« Zur Untermauerung stieß ich den Ast kurz in seine Richtung.

»Du musst ganz schön hart im Nehmen sein«, entgegnete er mit angehobenen Händen. »Ich werde mich nicht mit dir anlegen.« Um seine Lippen spielte ein belustigtes Lächeln, was wieder die Wut in mir schürte. Nahm dieser Kerl mich etwa nicht ernst?

»Fordere mich nicht heraus!«, zischte ich noch einmal, drehte mich dann um und stapfte los.

»Hey, Riley«, erklang es kurz darauf hinter mir. »Falsche Richtung.«

Mit einem Schnauben machte ich noch einmal kehrt und folgte ihm, wobei ich sein dämliches Grinsen geflissentlich ignorierte.

25. Kapitel

 

 


»Hältst du auch irgendwann den Mund?«, fragte ich, nachdem Logan es tatsächlich geschafft hatte, während unseres langen Marschs beinahe ohne Unterbrechung zu reden. Er sprach über die Bäume, Pflanzen, Dörfer, die wir passierten. Ja, sogar über den riesigen Haufen Scheiße, der am Wegesrand gelegen hatte! Meine Ohren klingelten bereits. Doch tief im Inneren war ich ihm auch dankbar, weil er mich mit seinem Gequatsche von anderen, deprimierenden Gedanken ablenkte. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht mehr an Sibir zu denken, aber es war schwer. Trauer und Schuldgefühle warteten nur darauf, über mich herzufallen, sobald ich nicht aufpasste und es zuließ.

»Ich rede gerne«, erwiderte Logan  auf meine Frage hin unbekümmert.

»Darauf wäre ich nicht gekommen ...«

»Ach, Riley, du kannst ruhig aufhören, die Harte zu spielen.«

Ich blieb abrupt stehen und drehte mich zu ihm. »Ich spiele hier überhaupt nichts! Bis vor zwei Tagen war ich noch in einem finsteren Loch gefangen, aus dem mich ein Junge befreit hat, der jetzt tot ist. Verzeih mir, dass mich der stinkende Scheißhaufen da hinten nicht interessiert!«, spie ich verachtend aus.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Logan mit einem zerknirschten Lächeln. »Ich wollte dich bloß ablenken.«

»Das ist nicht nötig«, sagte ich, auch wenn ich eigentlich anderer Meinung war.

»Du hast Schlimmes hinter dir, wieso nimmst du es nicht einfach an, wenn dir jemand freundlich gesinnt ist?«

»Weil du vielleicht der nächste bist, der vor meinen Augen erschossen wird«, entgegnete ich emotionslos. »Und ich habe keine Lust, dich vorher ins Herz zu schließen.« Damit ging ich weiter.

Nach einer Weile gelangten wir zu dem Versteck, in dem wir über Nacht bleiben würden. Es war eine von Menschenhand errichtete Höhle, dessen Eingang sogar von einer abschließbaren Tür bedeckt wurde.

»Hast du das hier gebaut?«, fragte ich meinen Begleiter.

»Ich und ein paar andere.« Logan legte seinen großen Rucksack ab und atmete geräuschvoll aus. »Ich bin fix und alle. Hast du was dagegen, wenn ich meinen Pullover ausziehe? Hier drin ist es ganz schön warm. Ich glaube, irgendwo tiefer in dem Gestein hinter uns befindet sich eine heiße Quelle, die das alles hier erwärmt.«

Jetzt spürte auch ich, dass die Temperatur in der Höhle viel höher war als draußen. Gleichgültig zuckte ich mit den Achseln. »Du bist nicht der erste Mann, den ich oben ohne sehe. Wir Huren sind da nicht so zimperlich«, konnte ich mir nicht verkneifen.

Logan seufzte. »Ich möchte mich noch einmal für meine blöde Wortwahl entschuldigen, Riley«, sagte er und schaute mich an. »Ich weiß nur das, was man hier draußen über die Hunter und ihre Frauen erzählt. Wenn du keine Hure bist, dann habe ich dich damit beleidigt. Das tut mir leid.«

Ich nahm die Entschuldigung mit einem Nicken entgegen und wandte mich ab, als er seinen Pullover und das Shirt darunter auszog. Mir selbst war auch ganz schön warm geworden, aber unter meinem Shirt trug ich nichts. Und auch wenn mir Logan bisher als anständiger junger Mann erschien, abgesehen von einigen verbalen Patzern, wollte ich garantiert nicht die Hüllen vor ihm fallen lassen.

»Worauf hast du Lust?«, erklang es kurz darauf hinter mir. »Eingelegte Tomaten? Bohneneintopf, trockenes Brot?«

»Gib mir einfach das, was du in der Hand hast«, entgegnete ich und streckte ihm meine Hand hin.

Wir aßen relativ schweigend, hin und wieder merkte Logan etwas an, aber zum Glück war sein Mund zu sehr mit dem Kauen beschäftigt, sodass ich wenigstens etwas Ruhe hatte.

Anschließend verließ Logan noch einmal die Höhle und kam eine Weile später mit aufgefüllten Flaschen Wasser wieder zurück. »Nicht weit entfernt gibt es einen sauberen kleinen See«, erzählte er und reichte mir eine der Flaschen. »Wusstest du, dass die Empire ihren Müll in unseren Gewässern entsorgen?«

»Ja, das weiß ich«, antwortete ich und spürte, wie die altbekannte Wut darüber in mir aufwallte.

»Ganz schöne Arschlöcher sind das, wenn du mich fragst«, fuhr er fort und setzte sich mir gegenüber hin. »Haben uns eh schon in die Hölle verdammt und vergiften auch noch unser Wasser!«

»Wir können es nicht ändern«, wandte ich murmelnd ein, auch wenn ich mich am liebsten zusammen mit ihm über die Menschen im Empire ausgelassen hätte. Aber ich hatte nicht gelogen, als ich Logan gesagt hatte, dass ich ihn nicht ins Herz schließen wollte. Doch wenn ich mehr Zeit mit diesem Kauz verbrachte und auch noch feststellte, dass wir derselben Meinung waren, würde das früher oder später geschehen. Das musste ich verhindern. »Ich bin müde. Es wäre schön, wenn du mich jetzt schlafen lässt«, sagte ich deshalb und drehte ihm den Rücken zu.

»Anders ausgedrückt: Halt jetzt deine Klappe, Logan«, entgegnete er hinter mir und brachte mich damit zum Lächeln.

Ich zog meine Mundwinkel sofort wieder nach unten. Erst vor einigen Stunden hatte ich Sibir verloren, der mir nach so kurzer Zeit bereits ans Herz gewachsen war. Logans und mein Weg würde sich auch bald wieder trennen und deshalb tat ich uns beiden einen Gefallen, wenn ich ihn auf Distanz hielt. 




Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war Logan bereits auf den Beinen. Nur in Jeans und mit entblößtem Oberkörper hockte er nicht weit von mir entfernt am Boden und kramte in seinem Rucksack herum. Ich starrte auf seinen Rücken, die leicht hervorstehenden Rippen an den Seiten und die vereinzelten Narben. So unbekümmert und fröhlich er sich auch stets gab - auch er hatte eine Geschichte, die nicht nur schöne Kapitel enthielt. Ich empfand so etwas wie Bewunderung, dass er sich trotzdessen sein aufgeschlossenes Gemüt bewahrt hatte. Ich selbst hatte mich nach all den harten Schicksalsschlägen sehr verändert und könnte nie wieder so unbeschwert sein wie zuvor.

Langsam richtete ich mich auf und lüftete mein vom Schweiß am Körper klebendes Shirt. »Wo ist der saubere See?«, fragte ich Logan. »Ich würde mich gerne etwas waschen.«

»Ich bringe dich gleich hin«, erwiderte er und warf mir über die Schulter einen kurzen Blick zu. Nachdem er drei Konservendosen aus seinem Gepäck gekramt hatte, stand er auf und griff nach seinem Pullover.

»Wo kommen die Narben her?« Der Satz war heraus, bevor ich es verhindern konnte. Verdammt!, dachte ich und biss mir auf die Lippe. Sein Schicksal sollte mich nicht interessieren.

Logan zog sich langsam den Pullover über den Kopf an und schenkte mir sein gewohntes Lächeln. Aber ich sah, dass es nicht echt war. »Ich habe ein aufregendes Leben hinter mir«, sagte er schlicht.

Ich nickte und trat zu der Tür am Höhleneingang. Wir gingen nach draußen und durch das dichte Gebüsch tiefer in den Wald hinein. Logan blieb die meiste Zeit still, was mich wunderte. Wahrscheinlich hatte ihn meine Frage aufgewühlt und unschöne Erinnerungen an sein aufregendes Leben hervorgeholt. Ich verspürte den Wunsch, etwas zu sagen, ihn vielleicht zu trösten, aber ich tat es nicht. Immerhin hatte ich mir doch die ganze Zeit gewünscht, dass er endlich den Mund hielt.

Wir gelangten zu einem kleinen See mitten im Wald, der aus einem Felsengebilde entsprang. Ich hockte mich am Ufer hin, schob meine Hände in das kühle Nass und wusch mein Gesicht.

»Ich gehe dann mal ein bisschen spazieren«, sagte Logan hinter mir. »Ruf mich, wenn du fertig bist.«

Sobald er weg war, zog ich mein Shirt aus und wusch mir den Schweiß vom Körper. Während ich das tat, betrachtete ich die Umgebung und war erstaunt, wie schön und friedlich es hier aussah. Das Wasser schimmerte in einem klaren Grün-Blau und am Uferrand wuchsen saftiggrüne hohe Gräser und vereinzelt farbige Blüten. Das war eine wundervolle Abwechslung zu dem sonstigen wilden Gestrüpp, den schimmeligen Bäumen und den verfallenen Gebäuden, die man sonst im Umland sah.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich Logan erst bemerkte, als er neben mich trat. »Ich gucke nicht hin«, sagte er und hielt sich eine Hand über die Augen. 

»Was machst du denn schon hier?«, fragte ich aufgebracht und zog mir schnell das Shirt wieder an.

»Ich habe dich gerufen, du hast nicht geantwortet, da habe ich mir Sorgen gemacht.«

Ich stand auf und rückte das Shirt zurecht, das mir feucht am Körper klebte. »Ich hoffe für dich, du hast nicht heimlich gespannert«, zischte ich ihm zu.

Er ließ seine Hand sinken und grinste. »Ich habe zwar noch nie mit einer Frau geschlafen, aber solche Dinger da habe ich schon mal gesehen.« Mit einem Finger zeigte er auf meine Brüste. »Nicht bei dir«, fügte er hastig hinzu. »Ich schwöre, ich habe nicht gespannert.«

Überrascht zog ich meine Augenbrauen hoch. »Du hast noch nie mit einer Frau geschlafen? Das ist doch ein Scherz!«

Verlegen strich er sich über den Hinterkopf. »Lach mich nicht aus, ja? Es ist mir auch so schon peinlich genug.«

»Wie alt bist du, Logan?«

»Nächsten Monat werde ich zwanzig.«

»Wirklich? Ich hatte dich älter eingeschätzt.«

»Geht vielen so«, wandte er schulterzuckend ein. »Ich bin sehr groß für mein Alter. Und wirke älter.«

»Und du hattest noch nie eine Freundin?«, hakte ich nach. Es überraschte mich. Er sah nicht schlecht aus und war hilfsbereit. Eine willkommene Abwechslung zu den sonstigen Männern hier im Umland, die Frauen nicht gerade wertschätzten.

»Keine, mit der ... es zur Sache ging.« Seine Wangen färbten sich leicht rosa und ich wandte mich ab, um mein Lächeln zu verstecken. 

Ich wollte ihn nicht auslachen oder mich über ihn lustig machen, ich fand es sogar irgendwie niedlich. »Wir sollten aufbrechen«, sagte ich und wechselte das Thema. Immerhin musste ich weiterhin Distanz zu ihm wahren, da war es eher hinderlich, wenn ich Sympathien für ihn entwickelte. Und mir schien es, als wäre es ein Leichtes, diesen Kauz gern zu haben, wenn man es zuließ.

Wir marschierten mehrere Stunden am Stück, bis Logan schließlich stehen blieb. Er drehte sich zu mir um und erklärte mir, dass ich nun hier warten sollte, während er zu seinem Freund ging und ihm mitteilte, dass er noch jemanden dabei hatte.

»Okay«, erwiderte ich daraufhin und nahm auf einem großen Stein Platz. »Und wie lange soll ich warten, bevor ich dir hinterher gehe und nach dem Rechten sehe, falls du nicht zurückkommen solltest?«

»Ich werde zurückkommen«, versicherte er mit einem nachdrücklichen Nicken. »Mein Freund stellt keine Gefahr dar. In spätestens einer halben Stunde bin ich wieder hier und hole dich ab. Bleib einfach sitzen und ... halte dich von den giftigen Pflanzen fern.«

»Giftige Pflanzen?«, hakte ich nach und schaute mich um.

»Ja, die wachsen hier überall. Fass einfach nichts an, dann kann nichts passieren.« 

Ich schaute Logan nach, als er zwischen den verwilderten Sträuchern verschwand, und machte es mir so bequem wie möglich, ohne die Pflanzen um mich herum zu berühren. Unzählige Insekten flogen an mir vorbei und summten laut. Mittlerweile hatte die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht und die langsam stauende Hitze brachte mich zum Schwitzen. Immer wieder kitzelte mich etwas im Nacken oder an anderen Stellen und ich musste mich wirklich beherrschen, auf dem Platz sitzen zu bleiben und nicht aufzuspringen.

Dann tauchte Logan endlich aus dem dichten Gestrüpp auf und bedeutete mir mit einem Winken, zu ihm zu kommen. 

»Rachat freut sich schon auf dich«, sagte er, während er mich zwischen den Bäumen hindurch führte. »Außer mir besucht ihn kaum noch jemand. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er sich diesen Ort hier zum Leben ausgesucht hat, weil er keine Menschen sehen möchte.«

»Und woher kennst du ihn?«, hakte ich nach.

»Er ist mein Onkel. Vor ein paar Jahren hat er in derselben Siedlung wie meine Mutter und ich gelebt, dann ... ist er gegangen.«

Ich konnte heraushören, dass es darüber noch einiges mehr zu erzählen gab, fragte aber nicht weiter nach. Wozu auch? Logan und sein Onkel interessierten mich nicht. Ich wollte das hier schnell hinter mich bringen und dann weiterziehen, um nach Norden zu gelangen.

Nach einer Weile kamen wir auf eine kleine Lichtung heraus und ich erblickte ein beeindruckendes Häuschen, das sich in den Kronen dreier gigantischer Bäume befand.

»Wow!«, entfuhr es mir sogleich. »Hat dein Onkel das etwa selbst errichtet?«

»Ich habe ihm geholfen«, berichtete Logan und grinste stolz. »Hat uns mehrere Monate harter Arbeit und unzählige Liter Schweiß gekostet, aber es hat sich gelohnt. Komm!«

Er führte mich zu einer in die Stämme eingebauten Treppe und streckte mir eine Hand hin. »Da oben kann es ganz schön wackelig werden«, fügte er erklärend hinzu. »Wenn du runterfällst, brichst du dir alle Knochen.«

Zögernd legte ich meine Hand in seine und folgte ihm über die gewundenen Stufen. Auf halber Höhe wurde mir leicht schwindelig und ich klammerte mich nun auch mit der anderen Hand an Logans Arm fest. 

»Keine Angst, ich lasse dich nicht fallen«, sagte er und lächelte zu mir runter. 

»Das rate ich dir auch!«, brummte ich mit wild klopfendem Herzen und hielt meinen Blick starr auf ihn gerichtet, um ja nicht nach unten zu sehen. 

Und dann waren wir endlich oben auf einer Art Terrasse vor der Eingangstür angelangt. Ich ließ von Logan ab und hielt mich stattdessen an dem Geländer fest, während ich erleichtert durchatmete. Doch dann überkam mich ein schrecklicher Gedanke und ich riss die Augen auf.

»Das Haus stürzt doch nicht ab, oder?«, fragte ich ängstlich. Ja, ich hatte bereits die ein oder andere Nacht auf Bäumen verbracht, aber nie in solch einer schwindelerregenden Höhe. Vor ihr hatte ich nicht nur großen Respekt, sondern auch Angst.

»In den letzten Jahren ist es das zumindest nicht«, erwiderte Logan schulterzuckend und grinste. Scheinbar amüsierte ihn meine aufkeimende Panik. Als ich ihn wütend anfunkelte, hob er beide Hände. »Keine Angst, Riley. Das Haus ist sicher. Und wir bleiben auch nur eine Nacht hier.«

Ich nickte langsam und folgte ihm schließlich hinein, als er die Tür öffnete. Das Innere des Hauses war ein unglaubliches Kunstwerk! Überall schlängelten sich Äste der Bäume, auf denen es stand, durch die Wände und um das Mobiliar. Ich schaute mich neugierig um und zuckte leicht zusammen, als plötzlich das Gesicht eines älteren Mannes vor mir auftauchte. Seine blassblauen Augen waren auf mich gerichtet, ihr Ausdruck verriet mir nicht, ob er mir wohlgesonnen war oder nicht.

»Riley, das ist Rachat«, erklang Logans Stimme neben mir. »Rachat, das ist Riley.«

»Das Hunter-Mädchen.« Die Stimme des Mannes war sehr tief und rau. 

»Ich habe ihm erzählt, dass du ins Hauptquartier möchtest«, flüsterte Logan mir zu.

»Ja, ich gehöre zu einem Hunter«, bestätigte ich an seinen Onkel gewandt.

»Zu wem?«, wollte dieser wissen.

»Wie meinen Sie das?«

»Wie ist der Name des Hunters?«

»Das ist unwichtig«, entgegnete ich. Ich würde mich hüten, einem Fremden zu viel über mich zu verraten. 

»Ich stelle nie unwichtige Fragen, Riley«, sagte Rachat daraufhin und bedeutete uns mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.

Er führte uns in einen Raum, der wohl eine Küche darstellen sollte. Ich konnte nur staunen, als ich die Stühle sah, die in die Äste eingearbeitet worden waren. Es gab keinen richtigen Tisch, aber dafür eine breite, abgeschliffene Holzfläche.

»Möchtest du einen Tee, Riley?«, fragte Rachat und stellte sich vor eine kleine Feuerstelle, die von großen Steinen umrundet war.

»Nein, danke.« Nicht, dass er mir noch eine der Giftpflanzen von draußen vorsetzen würde ...

»Logan?«

»Gerne.« Logan nahm auf einem der Stühle Platz und klopfte auf den anderen daneben. »Du kannst dich ruhig zu mir setzen.«

»Ja, Riley, setz dich hin«, pflichtete sein Onkel ihm bei. »Ihr habt einen langen Marsch hinter euch und solltet euch ausruhen.« Er reichte Logan einen dampfenden Becher und nahm uns gegenüber Platz. 

Ich setzte mich und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich konnte nicht genau sagen wieso, aber Rachat war mir auf Anhieb unsympathisch. Vielleicht lag es daran, dass er mich so von oben herab musterte. Er schien irgendein Problem mit mir zu haben.

»Du bist also auf der Flucht vor Nite und seinem Gefolge«, sagte er einen Moment später und nippte an seinem Tee.

Ich warf Logan einen Blick zu. »Ich nehme an, das hast du ihm auch erzählt?«

Er zuckte wie so oft mit den Achseln.

»Ja, ich bin vor Nite geflohen«, bestätigte ich wieder an Rachat gewandt. 

»Und du behauptest, er habe ein Kind erschossen?«, fuhr mein Gegenüber fort und ich verspannte mich sofort, als Sibirs Bild vor meinem inneren Auge auftauchte.

»Ich«, setzte ich an und musste noch einmal tief Luft holen. »Ich weiß nicht, ob es Nite selbst gewesen ist oder einer seiner Männer. Aber ja, der Junge, der mich bis vor Kurzem noch begleitet hat, ist jetzt tot. Erschossen«, fügte ich am Ende leise hinzu und schluckte schwer. Mühsam drängte ich die Bilder zurück.

»Das tut mir leid, Riley«, sagte Rachat im nächsten Moment und untermauerte seine Worte mit einem langsamen Nicken, während er an seinem Becher nippte. »Ich nehme an, Nite hat in euch eine große Gefahr gesehen.«

»Und das gibt ihm das Recht, einen Jungen einfach zu erschießen?«, fragte ich aufgebracht.

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Nein, aber mit Ihrer Aussage angedeutet.«

»Es war lediglich eine Feststellung«, hielt er weiterhin dagegen und schenkte mir ein Lächeln, das mich wohl beruhigen sollte, aber eher dafür sorgte, dass ich mich noch mehr aufregte. 

Wieso zum Teufel hatten die Menschen, denen wir bisher begegnet waren, so viel Verständnis für den Mann mit der Zeichnung im Gesicht? Er war der Böse, der Frauen in ein Loch sperrte und Kinder erschoss, verdammt nochmal!

»Riley«, sagte Rachat nach einem Augenblick der Stille. »Ich möchte dir etwas erzählen. Und ich nehme an, es wird dir nicht gefallen. Bist du bereit dafür, die Wahrheit zu hören?«

Ich musterte ihn mit gerunzelter Stirn. »Welche Wahrheit?«

»Über das Leben hier draußen. Über die Männer, vor denen du fliehst, und über die Hunter, zu denen du unterwegs bist.«

Auf diese Aussage hin meldeten sich zwei Gefühlsregungen in mir - Neugier und Angst. Angst, etwas zu erfahren, das die zart aufkeimenden Zweifel in mir weiter bestärken könnte. 

»Ich bin bereit«, erwiderte ich nach einem kurzen Zögern und reckte mein Kinn. Ich wollte seine Wahrheit hören und mir erst dann Gedanken darüber machen, ob sie zu meiner passte.

»Gut.« Rachat nahm noch einen Schluck von seinem Tee und erhob sich. »Logan, geh und hol mir noch ein paar Duranablüten«, richtete er an seinen Neffen, den ich kurzzeitig völlig vergessen hatte.

»Klar.« Logan stand ebenfalls auf und sah mich mit einem unergründlichen Blick an. »Bis gleich, Riley.«

Ich nickte und sah ihm nach, als er den Raum verließ. Wusste er, was nun auf mich zukam? War sein Blick eine Warnung gewesen, mich innerlich gut zu wappnen? Nervös schob ich meine Hände zwischen die Oberschenkel und starrte auf Rachats leicht gekrümmten Rücken, als dieser sich noch einen Tee zubereitete. Mit dem dampfenden Becher in den dürren Fingern drehte er sich wieder zu mir. 

»Nun, wo beginne ich denn am besten?«

26. Kapitel

 

 


»Riley, wo bist du aufgewachsen?«, fragte Rachat, als er wieder mir gegenüber Platz genommen hatte. 

Nach kurzem Zögern, weil ich mit mir haderte, ob ich ihm mehr über mich preisgeben wollte, antwortete ich ihm: »In einer Siedlung.«

»Mit deiner Familie, nehme ich an.«

»Ja.« Ich wandte den Blick ab. Es fiel mir schwer, mit ihm darüber zu sprechen. Wahrscheinlich würde ich das nie ganz unbefangen können, mit niemandem.

»Und wo sind sie jetzt? Wo ist deine Familie, Riley?«

In meinem Hals wurde es eng. »Sie sind alle tot«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Aber ich wüsste nicht, inwiefern es Sie etwas angeht, was mit meiner Familie geschehen ist.«

»Wahrscheinlich geht es mich nichts an, aber zumindest kann ich dir sagen, wer für den Tod deiner Familie verantwortlich ist«, entgegnete Rachat und verlagerte sein Gewicht auf die linke Seite.

»Es waren Rebellengruppen, die unsere Siedlung überfallen haben«, sagte ich und spürte sofort den altbekannten Hass auf diese Menschen in mir aufsteigen.

»Rebellengruppen«, sprach Rachat mir nach und nickte nachdenklich. »Ja, das hat man damals herumerzählt«, bestätigte er und erhob sich. Seine Hand fuhr über seinen Oberschenkel und er verzog das Gesicht, während er ein paar Schritte tat. »Mein Bein macht mir ganz schön zu schaffen. Ich kann nicht lange sitzen oder stehen.«

Am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass mich sein Bein nicht interessierte, aber ich wollte nicht unhöflich sein. Also wartete ich schweigend ab, bis er fortfuhr.

»Ich verrate dir, wer damals die Siedlungen angegriffen hat.« Nach einer kurzen Pause kam er zurück zu mir und sein eindringlicher Blick machte mich noch nervöser, als ich eh schon war. »Es waren keine sogenannten Rebellengruppen, die unzählige Menschenleben auf dem Gewissen haben, sondern Hunter. Auf Befehl der Empire-Regierung haben sie eine Reinigung vorgenommen.«

Die Hunter sollten vorsätzlich unschuldige Menschen umgebracht haben? Verwirrt schüttelte ich den Kopf. »Reinigung? Was soll das bedeuten?«

»Man wollte das Umland von den letzten noch verbliebenen gebildeten Menschen befreien«, erwiderte Rachat und seine Miene nahm einen angewiderten Gesichtsausdruck an. »Sie waren den Privilegierten ein Dorn im Auge, also hat man sich einen Haufen Fakten zusammengesponnen, um diese grausamen Taten rechtfertigen zu können. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, solltest du einen guten Freund von mir aufsuchen. Er hat einiges darüber zu berichten. Er kann dir die Augen über deine Hunter öffnen.«

»Und woher soll ich wissen, dass es die Wahrheit ist, was Sie da erzählen? Oder ihr Freund«, wandte ich murmelnd ein. Ein Großteil von mir wehrte sich vehement dagegen, diese neue Sichtweise auf die damaligen Überfälle zu eröffnen. Denn wenn ich es täte, müsste ich mich auch mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass One etwas damit zu tun gehabt haben könnte. War er dazu fähig, unschuldige Menschen zu ermorden, weil man es ihm befohlen hatte? Ich schluckte und verdrängte diesen Gedanken schnell wieder.

»Du musst selbst entscheiden, was du glaubst und was nicht«, entgegnete Rachat auf meine Frage hin. »Du kannst auch weiterhin deine Augen davor verschließen, zu deinem Hunter zurückkehren und mit Personen zusammenleben, die womöglich deine Familie auf dem Gewissen haben.«

Mein Magen verkrampfte sich unangenehm.

»Ich verstehe, dass du dich dagegen sträubst, mir zu glauben«, fuhr er fort und machte erneut ein paar Schritte durch den Raum. »Wahrscheinlich hast du schon eine Weile mit deinem Hunter verbracht und Gefühle für ihn entwickelt. Und er wird dich sicher auch nicht schlecht behandelt haben, charmant und aufmerksam gewesen sein. Ja, die Hunter verstehen es, euch Frauen die Köpfe zu verdrehen, sodass ihr bald schon nicht mehr sehen wollt, dass sie euch bloß benutzen. Ihr dient einem Zweck und in dieser Zeit seid ihr auch wertvoll für sie. Aber was kommt danach? Nachdem eure Zeit im Hauptquartier abgelaufen ist. Man schickt euch fort, zurück ins Umland. In eure ungewisse Zukunft, voll von Leid und Gefahren. Dann seid ihr den Huntern scheißegal und sie suchen sich neue Spielzeuge.«

Ich wollte nichts mehr hören, meine Ohren vor dem verschließen, was ich im Grunde selbst bereits gewusst, aber seit Kurzem verdrängt hatte. Die Zeit im Hunter-Hauptquartier war von vornherein begrenzt. Die Frauen blieben für sechs Monate dort und mussten anschließend wieder gehen. Und ich bildete da keine Ausnahme, auch wenn Savannah es in letzter Zeit geschafft hatte, in mir ein zartes Pflänzchen der Hoffnung zu säen und mich glauben zu lassen, ich könnte für One mehr sein, als bloß eine Geliebte. Doch wahrscheinlicher war, dass sie das alles bloß gesagt hatte, um mich noch weiter in seine Arme zu drängen. Vielleicht war ich ihm wichtig, vielleicht suchte er nach mir und lief blindlings in eine Falle. Aber vielleicht hatte Sava sich auch getäuscht. Und ich mich auch, als ich zu sehen glaubte, One würde sich mir gegenüber ein wenig öffnen und mich hinter seine Mauern lassen. Im Grunde kannte ich den Mann, mit dem ich das Bett geteilt hatte, kaum.

»Ich sehe, du denkst angestrengt nach«, meldete sich Rachat nach einer Weile wieder zu Wort. »Das ist gut, Riley. Die Dinge sind sehr komplex und vielschichtig. Du bist vor Nite geflohen, weil du ihn für einen bösen Mann hältst, ich dagegen bewundere ihn und seinen Mut, gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt vorzugehen.«

»Indem er einen Jungen erschießt?«, wandte ich leise ein. »Das bewundern Sie?«

»Nein, das ist natürlich ein Vorgehen, das ich nicht gutheiße. Aber er wird seine Gründe haben, so zu handeln. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich es für richtig halte, doch ich kann diese Gründe verstehen. Er kämpft schon seit Jahren für seine Ziele. Er und viele andere Männer hier im Umland. Manchmal müssen sie Unsägliches tun, um ihre Ziele zu erreichen.«

»Kein Ziel kann eine Rechtfertigung dafür sein, einen unschuldigen Jungen zu erschießen.«

»Niemand ist unschuldig, Riley«, sagte Rachat schlicht. »Jeder von uns hat dunkle Flecken in seinem Lebenslauf. Oder irre ich mich da?«

Ich senkte den Blick und presste die Lippen fest aufeinander. Dem konnte ich nicht widersprechen und dennoch - was sollte Sibir schon so Schlimmes verbrochen haben, um den Tod zu verdienen? Er war noch ein halbes Kind, das die letzten Jahre seines Lebens bei Männern verbringen musste, die ihn von seiner Schwester entrissen hatten und diese fortan bedrohten.

»Da du nicht antwortest, nehme ich an, dass du auch einige unschöne Kapitel in deiner Vergangenheit vorzuweisen hast«, sprach Rachat weiter. »Und auch ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, aber ich kann es nicht mehr ändern. Ich akzeptiere es.«

»Wollen Sie damit sagen, ich soll es einfach akzeptieren, dass man den Jungen umgebracht hat?«, fragte ich ungläubig und schüttelte den Kopf.

»Was bleibt dir anderes übrig? Rache nehmen? Dann bist du auch nicht besser als Nite und sein Gefolge.«

»Ihnen geht es also nur um Rache?«

»Ja«, bestätigte Rachat nickend. »Ich kenne die Ziele nicht im Detail, aber ich habe vieles gehört und mitbekommen. Nite und jeder, der hinter ihm steht, möchte die Armee der Empire - die Hunter - schwächen. Das versucht er schon seit Jahren, aber bisher ist es ihm nur mäßig gelungen. Doch seit einiger Zeit sind Gerüchte im Umlauf, die besagen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er den richtigen Schachzug macht.«

Ich dachte an One und daran, dass er in eine Falle gelockt werden sollte. »Und Sie stehen hinter Nite? Hinter allem, was er tut?«, wollte ich von Rachat wissen. »Haben Sie Beweise dafür, dass es stimmt, was über die Hunter behauptet wird? Oder glauben Sie einfach das, was man Ihnen erzählt?«

Er lächelte milde und breitete die Arme aus. »Schau dich um, mein Kind. Schau dir an, wie die Menschen hier draußen leben. Ist das nicht Beweis genug?«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Hunter sorgen für Recht und Ordnung.«

»Tun sie das? Für welches Recht und welche Ordnung? Welche Rechte haben wir hier draußen? Wo ist die Ordnung?«

Als ich nicht antwortete, trat Rachat zu mir und legte mir eine Hand auf die Schulter, was mich leicht zusammenzucken ließ, weil er die Stelle traf, die noch nicht vollständig verheilt war.

»Verschließe nicht deine Augen, Riley«, sagte er.  »Lass deine Sicht nicht von Gefühlen trüben. Du bist doch eine von uns, ein Kind aus dem Umland. An wessen Seite wirst du kämpfen, wenn es hart auf hart kommt?«

»Kämpfen? Wieso kämpfen?«, hakte ich verwirrt nach.

»Weil es das ist, was Nite und diejenigen, die hinter ihm stehen, anstreben. Am Ende wird es zu einem Kampf kommen, um Leben und Tod.«

Das war es, was Nite anstrebte? Ein Kampf gegen die Empire-Armee? War er denn verrückt? Wie konnte er glauben, auch nur die geringste Chance gegen One und die anderen Hunter zu haben?

»Er weiht sie alle dem Tode«, murmelte ich kopfschüttelnd. 

»Du weißt noch so vieles nicht, Riley«, wandte Rachat daraufhin ein und nahm seine Hand wieder weg. »Aber du kannst mehr erfahren, wenn du möchtest.«

»Noch mehr?« Ich hatte jetzt schon genug mit dem zu kämpfen, was ich bisher gehört hatte. Nichts davon wollte ich glauben, aber seine Worte hatten sich in meinem Kopf eingenistet und ich wusste, dass ich sie nicht einfach ignorieren können würde. Wie auch? So viele Jahre war ich im Umland unterwegs gewesen, hatte das Leid und Elend am eigenen Leibe erfahren. Ich verstand zu gut, dass die Menschen hier draußen wütend waren. Aber ich weigerte mich, die Hunter - allen voran ihren Anführer - dafür verantwortlich zu machen. Das ließ mein Herz einfach nicht zu, auch wenn mein Verstand bereits infiziert war mit dem, was Rachat ihm eingeflößt hatte.

Bevor Rachat auf meine Frage antworten konnte, kehrte Logan zurück und reichte seinem Onkel ein Bündel Blumen mit orange-gelben Blüten. »Das sind die Richtigen, oder?«

»Ja. Danke, mein Junge.«

Ich wich Logans Blick aus, als dieser sich zu mir wandte. Wusste er all das, was Rachat mir eben erzählt hatte? Was hielt er davon? Wahrscheinlich glaubte er jedes Wort, das aus dem Mund seines Onkels kam. Und wieso auch nicht? Er kannte ja nur das, was er hier draußen erlebte. Er wusste nichts von Ones fürsorglicher Seite, von seinem Drang, mich zu beschützen. Zu helfen.

Er ist nicht der Böse, sagte ich mir selbst und nahm mir fest vor, nichts anderes zu glauben. Ich musste zu ihm zurückkehren und ihn warnen. Vor dem Sturm, der sich hier draußen aufbaute, vor den Verrätern, die sich ganz in seiner Nähe aufhielten. 

»Alles klar?«, fragte Logan, als er sich neben mich gesetzt hatte.

»Ich bin müde«, erwiderte ich und gab mir Mühe, mir nach außen hin nichts von dem Aufruhr in meinem Inneren anmerken zu lassen. »Kann ich mich irgendwo hinlegen?«

»Ich mache gleich etwas zu essen«, wandte Rachat ein. 

»Vielleicht später.« Ich stand auf und sah mich unschlüssig um.

»Ich zeige dir, wo du schlafen kannst«, bot Logan sogleich an und tauschte noch einen Blick mit seinem Onkel aus, bevor er voranging.

Ich folgte ihm etwas skeptisch, weil ich das Gefühl hatte, die beiden würden etwas im Schilde führen. Sie tauschten sich ohne Worte aus und ich verstand nicht, worüber. Vielleicht sollte ich einfach von hier verschwinden ... Leider hatte ich keine Ahnung, wo ich war, und obwohl ich Logan weiterhin nicht  traute - und seinem Onkel noch weniger - war er momentan meine einzige Hilfe hier draußen. Meine einzige Hoffnung, in den Norden zu gelangen.

»Das, was Rachat dir erzählt hat ...«, setzte Logan an und ich unterbrach ihn mit einem Kopfschütteln. 

»Ich möchte nicht darüber reden. Ihr habt eure Ansichten, ich meine. Belassen wir es dabei.«

»Das sind keine Ansichten, sondern Tatsachen«, entgegnete er daraufhin.

»Was auch immer«, wich ich erneut aus. »Zeigst du mir jetzt, wo ich mich hinlegen kann?«

»Klar.« Logan öffnete eine Tür auf der rechten Seite und ließ mich hineintreten. »Du kannst sogar abschließen, falls du uns misstraust«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

»Gut zu wissen.« Ich schloss die Tür ohne ein weiteres Wort und drehte den Schlüssel herum. Dann lehnte ich mich mit dem Rücken dagegen und atmete tief durch.

Die Gedanken in meinem Kopf kreisten und ich wusste, dass es sehr schwer werden würde, sie zum Verstummen zu bringen. Rachat hatte ganze Arbeit geleistet und mir einen Floh ins Ohr gesetzt. Ich wollte ihm nicht glauben, wehrte mich mit aller Macht dagegen, konnte aber nicht verhindern, dass ein Teil von mir unbedingt wissen wollte, was es da noch zu erfahren gab. Wenn Logan behauptete, dass es Tatsachen waren, dann musste es dafür doch auch Beweise geben. Und wenn es Beweise gab, dann musste ich mich damit auseinandersetzen, dass nicht irgendwelche Rebellengruppen meine Familie auf dem Gewissen hatten, sondern Hunter.

»Gott!«, stieß ich erschöpft aus und massierte mir die Schläfen, hinter denen es unangenehm pochte.

Ich sah mich in dem kleinen Raum um und hatte diesmal nicht einmal ein Auge für die Schönheit des Kunstwerks, das Logan und sein Onkel errichtet hatten. Ich setzte mich auf das schmale Bett, das an der gegenüberliegenden Wand stand, und ließ mich nach hinten sinken. Dann schloss ich die Augen und bemühte mich, an nichts zu denken, bis ich endlich einschlief.

 



Zu meinem Erstaunen schlief ich bis zum nächsten Morgen durch. Logan weckte mich und hielt mir einen Teller mit frisch gebackenem Brot hin, nachdem ich ihn hereingelassen hatte. Ich schlang es runter, als hätte ich seit Wochen nichts mehr gegessen, und es war mir egal, dass er mich dabei beobachtete.

»Beeindruckend«, sagte er kurze Zeit später grinsend.

»Ich möchte los«, entgegnete ich, ohne darauf einzugehen. »Falls du noch hier bleiben willst, ziehe ich allein los. Sag mir einfach, wo ich lang muss.«

Logan dachte einen Moment nach und musterte mich dabei eindringlich, was mir sehr unangenehm war. Ich stand auf, strich meine zerknitterte Kleidung glatt und massierte meinen verspannten Nacken. »Entscheide dich«, forderte ich ihn auf.    

»Ich packe uns noch etwas zu essen ein, dann können wir aufbrechen«, erwiderte er schließlich.

»Gut.« Ich folgte ihm aus dem Zimmer in die Küche, wo Rachat mit einem Becher Tee in der Hand stand.

»Guten Morgen, Riley«, begrüßte er mich, was ich mit einem knappen Nicken erwiderte. Seine Gesellschaft wurde mir mit jeder Minute, die verstrich, unangenehmer. Er hatte mir nichts getan, eher im Gegenteil, immerhin hatte er mir Essen und Trinken und einen Schlafplatz geboten, dennoch wollte ich schnell weg von dem Mann, der Dinge wusste, die ich am liebsten wieder aus meinem Kopf gestrichen hätte.

»Wir brechen gleich auf«, richtete Logan an seinen Onkel. »Ich nehme mir etwas Proviant aus dem Lager, in Ordnung?«

»Natürlich.«

Logan verschwand durch eine Tür und ich verschränkte die Arme vor der Brust, sobald Rachat und ich allein waren. Als ich sah, dass er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, kam ich ihm zuvor. »Ich möchte nichts mehr hören. Bitte, lassen Sie es gut sein.«

Daraufhin schüttelte er lächelnd den Kopf. »Die Wahrheit holt uns alle eines Tages ein, Riley. Ich wünsche dir, dass dein Erwachen nicht allzu schlimm wird.«

Ich ging nicht auf diese Aussage ein und wandte demonstrativ den Kopf ab. Dabei kämpfte ich mit aller Macht dagegen an, dass seine Worte erneut meine Gedanken vergifteten. Stattdessen konzentrierte ich mich auf mein Ziel: Zu One zurückzukehren und ihn vor allen zu warnen, die ihm schaden wollten. Das würde ich tun und nichts anderes.

Sobald Logan wieder da war, bedankte ich mich schnell bei Rachat für seine Gastfreundschaft und verließ eilig das wunderschöne Baumhaus.

 Nachdem wir mehrere Stunden am Stück gegangen waren, ordnete Logan die erste Pause an und gab mir etwas aus seinem Rucksack zu essen. Die meiste Zeit während unseres Marsches hatte er geschwiegen, und auch jetzt kaute er ohne zu reden. Ich wusste nicht, ob ich froh über seine plötzliche Schweigsamkeit sein sollte oder versuchen, ihn zum Erzählen zu bewegen, um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken. Letztendlich sagte ich nichts und konzentrierte mich darauf, mir mein Ziel stet vor Augen zu halten und mich nicht an Rachats Enthüllungen zu erinnern.

Die Nacht verbrachten wir in einer Art Höhle, die sich in einem dicken Baumstamm befand. Es war sehr eng darin, da wir jedoch abwechselnd Wache hielten, war es annehmbar.

Bereits sehr früh am nächsten Morgen brachen wir nach einem bescheidenen Frühstück auf und ich machte mich damit vertraut, dass es erneut ein schweigsamer Marsch werden würde, doch da richtete Logan auch schon seine erste Frage an mich: »Was wirst du tun, wenn du bei den Huntern angelangt bist? Ihnen von Nite erzählen? Von meinem Onkel … und mir?«

Ich warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. »Ich werde versuchen, ihrem Anführer das Leben zu retten. Dafür werde ich ihm einiges über das, was ich hier draußen erfahren habe, erzählen müssen. Aber keine Sorge, ich erwähne dich und deinen Onkel nicht, auch wenn ihr einen Kindermöder bewundert.«

»Hey, das habe ich nie gesagt«, entgegnete Logan kopfschüttelnd.

»Du respektierst ihn, das kommt dem nahe.«

»Du kannst dir nicht alles so zurechtlegen, wie es dir passt, Riley.« Er blieb sehen und schaute mich mit gerunzelter Stirn an. »Wie wirst du denken, wenn du morgen herausfindest, dass Rachat dich nicht belogen hat und deine geliebten Hunter deine Familie auf dem Gewissen haben?«

Ich antwortete nicht und ging weiter. Darüber würde ich nicht mit ihm diskutieren. Und ich würde auch nicht daran denken!

»Du glaubst meinem Onkel nicht, ich weiß«, fuhr Logan hinter mir fort, »aber er denkt sich das alles nicht aus. Was glaubst du, wieso er ganz alleine in dem Baumhaus lebt? Hat er dir erzählt, was mit seiner Frau passiert ist? Mit meiner Tante.«

»Ich will nichts mehr über eure Wahrheit hören!«, unterbrach ich ihn zischend.

»Warum nicht? Weil du dann deine Wahrheit überdenken müsstest?«

Ich blieb abrupt stehen und drehte mich zu ihm herum. »Noch ein Wort und ich mache dich fertig!«, drohte ich mit dem ausgestreckten Ast in meiner Hand.

Logan hob abwehrend die Hände. »Schon gut. Ich halte den Mund.«

»Das hoffe ich sehr. Und solltest du doch noch einmal davon anfangen – eine zweite Warnung gibt es nicht.« Ich wandte mich wieder ab und ging weiter. Mit aller Macht wehrte ich dabei jeden aufkommenden Gedanken ab.

Nach einer Weile erreichten wir ein weiteres kleines Dörfchen, das sich hinter hohen Gräsern und Sträuchern befand. Ich hatte gar nicht gewusst, dass es scheinbar mehrere solche Gemeinschaften hier draußen gab. Während der Jahre, die ich allein herumgeirrt war, hatte ich nur vereinzelt Menschen getroffen, und die meisten von ihnen waren keine guten Zeitgenossen gewesen.

»Wir sollten über Nacht hier bleiben«, sagte Logan neben mir.

»Und wenn sie uns gar nicht hier haben wollen?«, entgegnete ich und umfasste den Ast, den ich als provisorische Waffe benutzte, fester. »Ich möchte nichts riskieren.«

»Keine Sorge, ich weiß, wo die Dörfer liegen, denen man lieber fern bleiben sollte. Das hier gehört nicht dazu. Komm mit, Riley.« Er ging voran zu zwei Männern, die eine Art Eingang bewachten. Sie sprachen kurz miteinander und blickten anschließend zu mir rüber.

»Wir können eine Nacht bleiben«, rief Logan mir zu und setzte seinen Rucksack kurz ab, um sich zu strecken. 

Zögernd trat ich zu ihm und erwiderte den Gruß der beiden Männer. »Treibt euer wundervoller Nite auch hier jeden Monat alle Habseligkeiten ein?«, fragte ich Logan leise, als einer von ihnen uns weiter hinein führte.

»Die meisten Dörfer unterstützen ihn freiwillig«, erwiderte Logan.

»Und wenn sie es nicht tun? Erschießt er ihre Kinder?«

»Riley …«

»Schon gut, vergiss es einfach. Wo führt der Kerl uns hin?«

»Zu ihrem Anführer.«

»Hat jeder hier draußen einen Anführer?«, wunderte ich mich laut.

»Für die meisten ist es einfacher, wenn sie jemandem folgen können, anstatt auf sich allein gestellt zu sein«, erklärte Logan schulterzuckend.

»Und wem folgst du?«, wollte ich von ihm wissen.

»Ich bin meist auf mich allein gestellt«, entgegnete er daraufhin grinsend. Es war das erste Lächeln, seit wir das Haus seines Onkels verlassen hatten. Und seltsamerweise merkte ich, dass ich es schon vermisst hatte, auch wenn ich mir die ganze Zeit einredete, sein Schweigen wäre mir lieber.

Der Kerl vor uns blieb vor einem kleinen Häuschen stehen und klopfte an die Tür. Einen Moment später öffnete ein älterer Mann mit langen Haaren und ebenso langem, ergrautem Bart und musterte uns eindringlich.

»Gäste?«, fragte er mit tiefer Stimme.

»Wir sind auf der Durchreise und wären dankbar, wenn wir eine Nacht hier bleiben könnten«, sagte Logan freundlich.

»Wir haben keine Doppelbetten mehr.«

Als mir bewusst wurde, was er damit meinte, schüttelte ich schnell den Kopf. »Er ist nicht mein …«

»Wir sind nicht …«, setzte Logan gleichzeitig an und schüttelte ebenfalls den Kopf. »Wir schlafen getrennt. Gerne auch auf dem Boden, solange wir ein Dach über dem Kopf haben.«

»In Ordnung«, bestätigte unser Gegenüber. »Kommt mit.«

Wir folgten dem leicht gebeugten Greis quer durch das kleine Dörfchen und ich ließ meinen Blick neugierig über die Häuser und die vereinzelten Menschen gleiten. Es wirkte sehr verwahrlost und ich erkannte sofort, dass die Bewohner nicht genug zu essen haben mussten, denn sie waren allesamt sehr dünn und sahen krank aus.

»Wir können euch nichts zu essen anbieten«, sagte auch schon der Anführer, wie zur Bestätigung, und blieb vor einer verfallenen Hütte stehen. 

»Das verstehen wir«, erwiderte Logan und bedankte sich mit einem Nicken.

»Macht nichts kaputt«, kam es noch von dem Älteren, dann wandte er sich ab und ging davon.

Ich betrachtete die kleine Hütte, die jeden Moment auseinanderfallen könnte. »Was sollen wir denn hier noch kaputt machen? Meinst du nicht, wir wären unter freiem Himmel sicherer als hier drin?«

»Wahrscheinlich schon.« Logan fasste an eins der Bretter, das sofort abfiel, und verzog das Gesicht. »Ich gehe und frage nach ein paar Decken, dann schlafen wir hier draußen«, fügte er hinzu und marschierte los.

Ich ging in die Hocke und achtete darauf, möglichst weit von der Bruchbude entfernt zu bleiben, falls sie plötzlich einstürzen sollte. Während ich auf Logans Rückkehr wartete, beobachtete ich drei spielende Kinder nicht weit von mir entfernt. Ihre spindeldürren Beine guckten unter verdreckten Shorts hervor und wirkten so, als würden sie jeden Moment wegknicken, weil sie kaum das auferlegte Gewicht tragen konnten. Doch die beiden Jungen und das Mädchen lachten unbeschwert und schienen sich ihrer aussichtslosen Situation überhaupt nicht bewusst zu sein.

Noch nicht, dachte ich traurig. Aber irgendwann wird sie die bittere Realität einholen und ihnen jegliche Freude nehmen.

Kurze Zeit später kehrte Logan mit zwei Decken zurück. Als er sie vor mir ablegte, stieg ein unangenehmer modriger Geruch zu mir hoch und ich verzog das Gesicht.

»Ich weiß, die Verlockung, sich darunter zu legen, ist nicht besonders groß, aber hier werden wir nichts Besseres finden«, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Ach, was soll‘s«, entgegnete ich und nahm mir eine der Decken, um sie über mir auszubreiten. Der Gestank wurde beinahe unerträglich und ich schob sie wieder von mir. »Ich bleibe einfach wach und wärme mich anders«, fügte ich hinzu und stand auf.

»Sei doch nicht so anspruchsvoll, Riley«, bemerkte Logan und breitete die andere Decke aus. Ein paar Sekunden hielt er mutig durch, doch dann siegte auch sein Ekel und er warf die Decke zur Seite. »Wer braucht schon Schlaf, hm?« Er kratzte sich am Kopf und schaute sich um. »Bin gleich wieder da.«

»Wo willst du hin? , rief ich ihm nach, als er sich entfernte.

»Vielleicht hat einer der Einwohner ja doch noch etwas für uns übrig. Ich bin bald wieder zurück.«

Ich setzte mich wieder hin und legte meine Stirn auf den Knien ab. Sobald Logan wieder zurück war, würde ich ihm vorschlagen, weiterzugehen. Da wir in dieser Nacht sowieso keinen Schlaf finden würden, könnten wir die Zeit bis dahin auch sinnvoller nutzen und unseren langen Weg fortsetzen. Ich musste endlich ins Hauptquartier gelangen und One warnen!

Als Logan eine ganze Weile nicht zurückkam, begann ich, mir Sorgen zu machen. War ihm etwas zugestoßen? Hatte er sich womöglich abgesetzt und war allein weitergezogen? – Nein, das traute ich ihm nicht zu. Er mochte vielleicht nicht meine Ansichten über die Hunter teilen, aber bisher war er mir aufrichtig erschienen. Und seine Absicht, mir zu helfen, war ehrlich, sonst hätte er mich längst meinem Schicksal überlassen können.

Gerade als ich mich auf die Suche nach ihm machen wollte, sah ich Logan plötzlich hinter zwei Häuschen auftauchen. Aber er war nicht allein. Zwei großgewachsene Männer folgten ihm dicht auf dem Fuß. Als sie bei mir ankamen, konnte ich an Logans Miene erkennen, dass etwas nicht stimmte.

»Riley, wir müssen los«, sagte er und schaute über seine Schulter. »Die beiden nehmen uns mit.«

Ich runzelte die Stirn. »Nehmen uns wohin mit?«, hakte ich nach.

»Zu unserem Lager«, antwortete einer der beiden Hünen. Seine eisblauen Augen waren starr auf mich gerichtet. »Unser Anführer möchte sich mit dir unterhalten.«

»Euer Anführer? Wer …« Ich schluckte. Gehörten die beiden zu Nite? Hatten sie mich gefunden? Hastig schaute ich mich nach allen Seiten um.

»Schon gut, Riley«, sagte Logan und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Sie gehören nicht zu Nite«, fügte er hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen.

»Zu wem gehören sie dann?«, wollte ich wissen.

»Zu jemandem, der unbedingt mit dir sprechen möchte.«

Ich musterte Logans Gesicht und dann dämmerte mir etwas. »Du hast das geplant«, stellte ich fest. »Du hast mich gezielt hierher geführt, habe ich Recht?«

Er wirkte leicht verlegen. »Ja«, erwiderte er schließlich ehrlich.

»Und wenn ich mich weigere, mit euch zu kommen? Was wollt ihr dann tun? Mich fesseln und gegen meinen Willen mitnehmen?«

Logan blickte zur Seite. »Ich möchte dich bitten, dich nicht zu weigern. Ich glaube, du solltest dir anhören, was ihr Anführer zu sagen hat.«

»Ich habe schon genug von Rachat gehört«, wandte ich ein. »Ich habe keinen Bedarf, noch mehr Schlechtes über die Hunter zu hören, was eurer Meinung nach der Wahrheit entspricht.«

»Riley, die beiden Männer hier ...« Logan deutete über seine Schultern. »Sie waren auch einmal Hunter.«

Ich betrachtete die hohen Staturen und die Berge von Muskeln und runzelte die Stirn. »Waren?«

»Sie haben das Hauptquartier freiwillig verlassen«, fuhr er fort. »Sie haben sich ihrem neuen Anführer freiwillig angeschlossen. Weil sie auf der richtigen Seite stehen wollen.«

»Unser alter Anführer ist kein schlechter Kerl, aber er kämpft für die falschen Leute«, meldete sich einer der beiden ehemaligen Hunter zu Wort. 

»Hör dir an, was ihr neuer Anführer zu sagen hat, Riley«, beschwor Logan mich erneut, während ich noch zu begreifen versuchte, was sich da vor mir abspielte. »Ich verspreche dir, dass wir danach sofort weiterziehen, wenn es noch dein Wunsch sein wird. Aber du solltest es dir zumindest anhören.«

»Wie lange wird es dauern?«, fragte ich. Ich wusste selbst nicht genau, wieso ich mich darauf einließ. Ich hätte losrennen und allein den Weg ins Hauptquartier suchen sollen, aber ein Teil von mir war neugierig und wollte erfahren, warum die beiden Hunter, die ihren alten Anführer für keinen schlechten Menschen hielten, sich nun gegen ihn richteten. Was bewog sie dazu?

»Das Lager ist nur einen Tag Fußmarsch von hier entfernt«, erklärte Logan. »Aber wir schaffen es in ein paar Stunden, denn die beiden haben einen Wagen«, fügte er lächelnd hinzu. Er schien sich wirklich darauf zu freuen, mit den beiden Ex-Huntern mitzugehen.

Ich erwiderte das Lächeln nicht. »Ich komme mit, weil mir scheinbar keine andere Wahl bleibt, aber solltest du mich noch einmal hereinlegen, mache ich dich fertig, Logan!«

Sein Lächeln wurde leicht unsicher. »Ich hintergehe dich nicht, Riley, ich öffne dir die Augen.«

Darauf erwiderte ich nichts und folgte ihm und den beiden riesigen Männern. Wahrscheinlich war es dumm und leichtsinnig, aber welche Wahl hatte ich sonst? Würden sie mich einfach gehen lassen? Wahrscheinlich nicht. Immerhin schienen sie sehr erpicht darauf zu sein, dass ich mit diesem allwissenden Anführer sprach. Und es konnte von Vorteil sein, zu erfahren, was hier draußen geschah; welche Intrigen gegen One und die Hunter, die an seiner Seite kämpften, geschmiedet wurden.

Ich tue es für One, redete ich mir ein, doch gleichzeitig war mir bewusst, dass ich es auch für mich tat. Vor allem für mich, denn mein Wissensdrang schob sich immer weiter in den Vordergrund. Ich konnte ihn nicht länger unterdrücken.

Wir verließen die schmalen Straßen des Dorfes und gelangten zu einem recht großen Fahrzeug. Scheinbar waren die Ex-Hunter ganz gut ausgestattet. Sie trugen ja auch Waffen bei sich, was ich während des Marsches festgestellt hatte.

»Kennst du ihren neuen Anführer?«, fragte ich Logan leise, der neben mir ging.

»Ich habe ihn noch nie getroffen, aber mein Onkel hat mir viel über ihn erzählt«, erwiderte er genauso leise.

»Ist er auch ein ehemaliger Hunter?«

»Nein, aber er hat mal für die Regierung im Empire gearbeitet.«

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. »Wirklich?«

»Ja. Er wird dir bestimmt etwas darüber erzählen.«

»Und du vertraust ihm und den beiden Männern?« Ich deutete mit dem Kinn zu den beiden Hünen vor uns, die soeben den Wagen erreicht hatten.

»Mein Onkel kennt Lex schon viele Jahre, er -«

Ich blieb abrupt stehen und hielt Logan am Arm zurück. »Lex?«, hakte ich nach und mein Herzschlag beschleunigte sich. »Der Anführer heißt Lex?«

»Ja. Kennst du ihn?«

Ich schüttelte den Kopf und ließ Logan wieder los. »Nein. Ich habe noch nie von ihm gehört.«

Logan runzelte die Stirn und wandte sich wieder ab. »In ein paar Stunden wird sich das ändern«, murmelte er und ging weiter.

Ich löste mich aus meiner kurzen Starre und lief ihm hinterher. Wir beide nahmen hinten auf der Rückbank Platz und ich sah aus dem Fenster, als der Ex-Hunter am Steuer den Wagen über eine holprige Straße lenkte.

Lex. War es wirklich möglich, dass es sich dabei um Alexis Silva handelte? Um den Mann, den mein Vater gekannt hatte und der in den Verzeichnissen der Hunter vermerkt war.

Vor Aufregung und Furcht begannen meine Hände zu schwitzen. Ich wischte sie an meiner Hose ab und schob sie zwischen meine Oberschenkel. In einigen Stunden würde ich es erfahren.

27. Kapitel

 

 


Während wir fuhren, dämmerte ich immer wieder weg, auch wenn ich mich mit aller Macht darum bemühte, wach zu bleiben und mir die Umgebung bestmöglich einzuprägen. Doch die Müdigkeit war einfach zu hartnäckig; ich war viel zu erschöpft von dem Marsch am Morgen und fast dem gesamten Nachmittag. Ein Blick in Logans Richtung bestätigte mir, dass er seiner Erschöpfung erlegen war. Er schlief und schnarchte leise vor sich hin.

Die beiden Ex-Hunter vorne sprachen kein Wort miteinander, aber ich merkte, dass sie immer wieder Blicke austauschten und damit wahrscheinlich auf stumme Weise kommunizierten. Die ganze Zeit fragte ich mich, ob es richtig gewesen war, mit ihnen zu kommen, und letztendlich kam ich zu dem Ergebnis, dass ich es musste. Dass ich herausfinden musste, ob ihr Anführer wirklich Alexis Silva war.

Würde ich endlich dem Mann begegnen, um den One so ein großes Geheimnis gemacht hatte? Wer war er? Durch Logan wusste ich nun, dass Lex einst für das Empire gearbeitet hatte, und jetzt arbeitete er gegen die Elite. Gegen die Hunter. Was hatte er bloß vor? Glaubte er wirklich, ihm könne ein Krieg gegen die Armee des Empire gelingen? Er konnte doch nicht wirklich so naiv sein… Er wusste doch, dass es viele Hunter gab. Dass sie mächtige Waffen hatten und unglaubliche Kräfte. Er konnte unmöglich gewinnen, auch wenn er einige ehemalige Hunter an seiner Seite hatte. Was bewegte ihn also zu dem Schritt, einen Krieg zu wagen? Ich wollte es herausfinden. Ich musste es einfach wissen.

Als es bereits finstere Nacht war, hielten wir endlich an. Nervös sah ich mich um, konnte jedoch kaum etwas in dem Schwarz um uns herum erkennen.

»Wo sind wir hier?«, richtete ich meine Frage an die beiden Ex-Hunter.

»Wir sind bald da«, erwiderte einer von ihnen unbestimmt.

Sie stiegen aus und ich rüttelte Logan an der Schulter wach.

»Hm… Sind wir schon da?«, murmelte er noch völlig verschlafen.

»Ja. Beeil dich.« Ich öffnete die Tür zu meiner Linken und glitt vom Sitz.

»Folgt uns und bleibt auf dem Weg, den auch wir nehmen«, sagte der größere der beiden Männer.

Sie drehten sich um und gingen in eine Richtung voran. Ich beeilte mich, um mit ihnen Schritt zu halten. Logan war direkt hinter mir. Der Weg, den wir nahmen, war sehr uneben. Ich stolperte mehrere Male und wurde von Logan davor bewahrt, hinzufallen. Nach einer Weile gelangten wir zu einer weniger bewachsenen Fläche, die vom vollen Mond, der hoch am Nachthimmel stand, erleuchtet wurde. Ich sah eine Mauer nur wenige Meter vor uns. Sie war sehr hoch und sah auch äußerst stabil aus.

Die beiden Ex-Hunter gingen nach rechts und umrundeten sie ein gutes Stück. Schließlich trafen wir auf weitere Männer. Sehr viele Männer. Sie standen vor einem breiten Tor und richteten etwas in ihren Händen in unsere Richtung. Im Mondschein erkannte ich, dass es sich um große Gewehre handelte.

»Wir sind es«, rief einer unserer beiden Begleiter. »Nicht schießen. Wir haben Rachats Neffen und das Mädchen mitgebracht.«

»Rachats Neffen und das Mädchen?«, kam es von einem der bewaffneten Männer zurück. »Ihr wart aber schnell.« Er trat zur Seite und machte uns den Weg durch das Tor frei.

Ich setzte eine abweisende Miene auf, während wir die Wachen passierten. Dabei fragte ich mich, ob es sich bei ihnen auch um ehemalige Hunter handelte. Zumindest waren die meisten von ihnen riesig und muskulös, so wie die beiden, die uns hierher gebracht hatten.

Von wie vielen Männern war One bloß verraten worden? Warum? Ich verstand es einfach nicht. Ich hatte nie miterlebt, dass er seine Leute schlecht oder ungerecht behandelte. Und hatten sie nicht allesamt einst für das Empire gekämpft? Was war geschehen, dass sie sich gegen ihren einstigen Befehlshaber gestellt hatten?

Durch das Tor gelangten wir schließlich hinter die Mauer. Vereinzelte kleine Lampen leuchteten auf und erhellten uns den Weg. Schließlich sah ich einige hohe Zelte, die zu beiden Seiten des Weges aufgereiht standen. Dazwischen erblickte ich weitere Männer, die unseren beiden Begleitern Grüße zuriefen.

Vor dem größten Zelt am anderen Ende der Mauer blieben wir schließlich stehen. Einer der beiden Ex-Hunter drehte sich zu uns herum.

»Wir müssen euch nach Waffen durchsuchen«, verkündete er.

Logan trat einen Schritt nach vorne und streckte beide Arme von sich. »Nur zu«, sagte er.

Ich beobachtete mit großem Unmut, wie der Hüne ihn überall abtastete. So wollte ich nicht berührt werden, aber mir war auch klar, dass die beiden mich nicht zu ihrem Anführer lassen würden, solange sie sich nicht ganz sicher waren, dass ich nichts bei mir trug, was diesem schaden könnte.

Mit einem resignierten Seufzer streckte auch ich beide Arme zur Seite aus und ließ mich abtasten. Der Ex-Hunter nahm mir den Ast ab, den ich bei mir getragen hatte, und wandte sich dem Eingang des Zeltes zu.

»Wir werden keine Sekunde zögern, euch kalt zu machen, solltet ihr etwas tun, was Lex gefährden könnte«, sagte er streng.

»Wir sind hier, um zu reden«, entgegnete Logan daraufhin. »Wir werden nichts Dummes versuchen.«

Ich bestätigte seine Worte mit einem Nicken und folgte dann den beiden Ex-Huntern und Logan hinein ins Innere. Es war in mehrere Bereiche eingeteilt, wir mussten erst einen langen, schmalen Gang passieren, bevor wir schließlich in den hintersten Teil gelangten, in dem sich ein großer Schreibtisch befand. Dahinter stand ein Stuhl mit hoher Lehne und auf diesem Stuhl thronte ein Mann, der uns entgegen blickte. Das musste Lex sein. Er war schon älter, hatte dichtes, pechschwarzes Haar und sehr helle blaue Augen. Sein kantiges Gesicht wurde von vereinzelten Narben geziert, eine große erstreckte sich über seine linke Wange und die Oberlippe.

»Willkommen«, sagte er mit einer Stimme, die mir eine unangenehme Gänsehaut bescherte. Mein Herz raste und ich verschränkte instinktiv die Arme vor der Brust. »Ich bin Lex«, fügte er hinzu und schob den Stuhl ein Stück zurück. »Hallo Logan, dein Onkel hat mir schon viel über dich erzählt«, richtete er an Logan und lächelte.

Dieser erwiderte sein Lächeln. »Ich hoffe, es war nur Gutes.«

»Natürlich nur Gutes«, bestätigte Lex mit einem tiefen Lachen. »Er ist sehr stolz auf dich.« Dann richtete sich sein stechender Blick auf mich. »Und wer bist du?«

»Riley«, erwiderte ich nach kurzem Zögern und schaute ihm möglichst furchtlos entgegen, auch wenn es in meinem Inneren anders aussah. Ich spürte eine merkwürdige Unruhe. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber der Mann strahlte etwas aus, das mir gehörig Respekt verschaffte.

»Riley … und weiter?«, hakte er nach.

»Ist das wichtig?«, entgegnete ich abweisend. »Immerhin haben Sie mir auch nicht Ihren vollständigen Namen genannt.«

Sein Lächeln wurde ein wenig breiter. »Du hast Recht. Entschuldige. Mein Name ist Alexis Silva, aber Lex reicht vollkommen. Und wie ist dein vollständiger Name, Riley?«

Ich schluckte schwer. Er war es! Vor mir saß tatsächlich der Mann, von dem One gesprochen hatte. Derjenige, der zusammen mit meinem Vater in den Verzeichnissen der Hunter vermerkt worden war.

»Riley… McDermont«, sagte ich schließlich und achtete ganz genau auf seinen Gesichtsausdruck. Da leuchtete eindeutig etwas in seinen hellen Augen auf!

»Was für eine Überraschung«, ließ Lex im nächsten Moment verlauten und trat hinter seinem Schreibtisch hervor. »Herzlich Willkommen, Riley McDermont. Ich freue mich, dich hier zu sehen.«

»Sie kannten meinen Vater, habe ich Recht?«, entfuhr es mir auch schon. Ich wollte keine weitere Zeit verschwenden und gleich auf den Punkt kommen. Ich musste endlich wissen, welche Verbindung zwischen den beiden bestanden hatte. »Sie haben uns damals in unserem Haus besucht. Kurz bevor unsere Siedlung überfallen worden war.«

Er blieb direkt vor mir stehen und musterte mich eingehend, bevor er nickte. »Das ist richtig, Riley. Ich habe euch damals in eurem Haus besucht. Du warst noch sehr jung, ich habe nicht damit gerechnet, dass du dich noch an mich erinnern würdest.«

»Aber ich erinnere mich«, wandte ich ein. »Und ich möchte wissen, was Sie mit meinem Vater zu tun hatten.«

»Wie ich sehe, hast du dir deine Neugierde bewahrt«, sagte Lex lächelnd und drehte sich anschließend zu Logan. »Junger Mann, ich würde gerne alleine mit Riley sprechen. Du kannst derweil etwas essen und dich ausruhen.« Er hob eine Hand und gab den beiden Ex-Huntern, die sich hinter uns befanden, ein Zeichen. »Führt ihn in die Kantine.«

Logan sah zu mir. »Ist das in Ordnung, Riley?«

Ich nickte, auch wenn ich eigentlich nicht mit Lex allein bleiben wollte. Aber das hier war meine Chance, endlich zu erfahren, was One mir nicht erzählen wollte, und ich würde diese Chance ergreifen.

Nachdem Logan und die beiden ehemaligen Hunter gegangen waren, drehte sich Lex wieder mir zu. »Du bist groß geworden, Riley«, begann er und musterte mich ausgiebig. »Und dazu auch noch eine wunderschöne junge Frau. Du erinnerst mich sehr an deine Mutter.«

Ich schluckte erneut und reckte mein Kinn. »Erzählen Sie mir jetzt endlich, was Sie mit meinem Vater zu schaffen hatten?«

»Aber sicher.« Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zurück hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Dann deutete er mit dem Kopf nach links, wo sich ein kleines Sofa befand. »Nimm Platz.«

»Ich stehe lieber«, entgegnete ich kopfschüttelnd und rührte mich keinen Zentimeter.

»Riley.« Lex legte beide Ellbogen locker auf den Schreibtisch. »Nimm bitte Platz. Ich empfinde es als unhöflich, wenn du stehen musst, während ich sitze.«

Da ich nicht weiter darüber diskutieren wollte, ging ich zu dem Sofa rüber und ließ mich darauf sinken.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte Lex.

»Nein. Ich möchte endlich Antworten haben. Bitte, halten Sie mich nicht länger hin. Ich habe noch andere wichtige Aufgaben zu erledigen – und Sie sicher auch.« Da meine Finger vor Aufregung leicht zitterten, schob ich sie zwischen meine Oberschenkel, um das zu verbergen.

»Du möchtest also wissen, in welchem Verhältnis ich zu deinem Vater stand?«, begann er nun von vorne und ich nickte auffordernd. »Dein Vater war damals ein sehr guter Freund von mir«, fuhr er fort und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Auch deine Mutter, dich und deine Schwester habe ich sehr gemocht. Ich wollte euch helfen.«

Ich verkrampfte mich. »Uns helfen?«, wiederholte ich murmelnd. »Sie haben also gewusst, dass die Rebellen unsere Siedlung überfallen würden?«

»Ich habe vermutet, dass eure Siedlung die nächste auf der Liste war«, bestätigte er. »Und ich habe deinen Vater davor gewarnt. Doch am Anfang wollte er mir überhaupt nicht zuhören. Und später, als er mir doch zu glauben begann, hat deine Mutter ihm reingeredet.«

Ich erinnerte mich an meinen Traum zurück, in dem ich gehört hatte, wie meine Mutter meinen Vater beschworen hatte, Lex nicht zu vertrauen.

»Leider Gottes ist am Ende das eingetroffen, wovor ich deinen Vater gewarnt hatte«, fuhr Lex fort. »Mein aufrichtiges Beileid, Riley. Dein Verlust war … Kein Kind sollte so etwas miterleben.«

Ich wandte meinen Blick von ihm ab und versuchte, das Kribbeln hinter meinen Augenlidern wegzublinzeln. Auf keinen Fall würde ich vor dem Mann losheulen!

»Wenn Sie den Überfall vorausgeahnt haben, dann müssen Sie auch wissen, wer dafür verantwortlich gewesen ist«, sagte ich und presste meine Lippen aufeinander. Ich hatte Angst vor seiner Antwort und hoffte gleichzeitig, er würde nicht das wiederholen, was Logans Onkel mir offenbart hatte.

»Ja, das weiß ich«, bestätigte Lex auch schon im nächsten Moment. »Und mein Freund Rachat hat es dir bereits erzählt, Riley. Es waren Hunter. Sie führten die Befehle der Empire-Regierung aus. Zu dieser Zeit wurden viele Siedlungen von den Huntern ausgelöscht. Es gab nur wenige Überlebende. Dass du es geschafft hast, ist ein Wunder. Wo hast du all die Jahre verbracht, Riley? Wie hast du überlebt?«

»Das ist nicht wichtig«, entgegnete ich, während ich seine Worte verdaute, und schluckte krampfhaft an dem Kloß in meinem Hals herum.

»Verrate es mir trotzdem«, bat Lex.

Ich schüttelte den Kopf. »Zuerst möchte ich haargenau wissen, was sich damals ereignet hat. Erzählen Sie mir alles, was Sie über die damaligen Überfälle wissen, jedes kleinste Detail.«

Er legte seine Unterarme auf den Lehnen des Stuhls ab und verschränkte die Finger ineinander. »Ich nehme an, dass du wissen möchtest, ob eine bestimmte Person an den Überfällen beteiligt gewesen ist.« Auf meinen überraschten Blick hin fügte Lex hinzu: »Ich bin darüber informiert, dass du einige Zeit im Hunter-Hauptquartier gelebt hast, und ich vermute, dass du gerne herausfinden möchtest, ob der Mann, mit dem du das Bett geteilt hast, der Mörder deiner Familie ist. Nicht wahr, Riley?«

»Erzählen Sie mir einfach, was damals geschehen ist«, presste ich mühsam hervor und wich seinem bohrenden Blick aus. »Und dann entscheide ich, ob ich Ihnen glaube.« Alles in mir sträubte sich dagegen, mehr zu hören, aber ich musste es wissen. Lex war ein Freund meines Vaters gewesen und hatte laut seiner Worte versucht, ihn vor dem Überfall zu warnen. Vielleicht war er die Person, der ich glauben konnte … auch wenn ich es nicht wollte. Er schien sehr viel zu wissen. Vollkommen angespannt starrte ich ihm entgegen, als er seinen Mund erneut öffnete.

»Das ist eine längere und unschöne Geschichte, Riley. Möchtest du dich nicht zuerst ausruhen und etwas stärken? Es ist schon sehr spät und ihr habt einen langen Weg hinter euch.«

»Nein, ich möchte es jetzt hören«, beharrte ich. »Ich habe nicht vor, länger als nötig hier zu bleiben.«

»Ich bezweifle, dass du deinen Weg zum Hauptquartier fortsetzen möchtest, sobald du weißt, dass ich die Wahrheit sage.«

»Diese Entscheidung sollten Sie mir überlassen«, hielt ich dagegen.

»In Ordnung.« Lex nickte und stand auf. Er ging um seinen Schreibtisch herum und nahm auf der Kante Platz. »Du musst wissen, dass ich vor vielen Jahren im Empire gelebt und für die Regierung gearbeitet habe«, begann er. »Jahrzehntelang hat diese die vermehrten Bildungen von Gruppierungen im Umland geduldet. Man existierte nebeneinander her. Doch irgendwann begannen die Dörfer zu wachsen und die Menschen sich zu bilden. Das ist ein natürlicher Instinkt. Wir Menschen können nur schwer an einer Stelle verharren, wir wollen immer weiter hoch hinaus. Und je mehr solcher gebildeten Menschen im Umland zusammen gelebt hatten, desto gefährlicher wurde es für die Elite im Empire. Dumme Leute kann man leicht kontrollieren und lenken, kluge beginnen irgendwann nach Höherem zu streben und sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Also hatte man schließlich damit begonnen, eine Art Reinigung in den großen Siedlungen durchzuführen. Und dabei war es vollkommen unwichtig, wen man ausradierte. Frauen, Kinder, alte Leute …« Er seufzte schwer und schüttelte den Kopf. »Ich musste das alles hilflos mit ansehen. Irgendwann ertrug ich es nicht mehr, es widerte mich an. Ich floh zusammen mit einem Freund aus dem Empire und versuchte, so viele Menschen wie möglich vor dem, was auf sie zukam, zu warnen. Ich konnte jedoch nicht einfach so im Umland herumlaufen, da ich gesucht wurde, deshalb musste ich mich oft wochenlang verstecken und stillschweigend ertragen, dass weiter unschuldige Leben ausgelöscht wurden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das für mich war, Riley.« Lex schüttelte noch einmal den Kopf und ballte eine Hand zur Faust. »Irgendwann traf ich deinen Vater. Er hörte mir zu, auch wenn er mir zu Beginn noch nicht glaubte. Und wie du ja jetzt weißt, konnte ich deine Familie und die Siedlung, in der ihr gelebt hattet, nicht vor der Zerstörung bewahren. Als ich davon erfuhr, dass man sie ebenfalls beseitigt hatte ... Es hat mich ganz schön fertig gemacht, Riley. Und eine lange Zeit war ich wirklich versucht, einfach aufzugeben. Es schien so, als würde ich niemanden retten können. Die Hunter waren zu mächtig. Es waren zu viele.«

»Gibt es einen Beweis, dass es Hunter gewesen sind, die die Siedlungen angegriffen hatten?«, unterbrach ich ihn und krallte meine Finger in das Sofa unter mir.

»Es gibt mein Wort und das der Überlebenden, sowie vieler anderer Menschen im Umland, die es mitbekommen hatten«, erwiderte er. »Ich kann verstehen, dass es dir sehr schwer fällt, mir zu glauben, aber es ist die Wahrheit. Während du im Hauptquartier warst, hast du sicher auch den Anführer der Truppen getroffen. Nicht wahr, Riley?«

Ich starrte ihn geschockt an. Wieso stellte er diese Frage?

Meine Reaktion entging ihm nicht. Seine dunklen Augenbrauen zogen sich verwirrt in der Mitte zusammen, dann schossen sie hoch zum Haaransatz. »Oh. Oh, Riley, das ist ja … wirklich furchtbar. Du warst mit dem Anführer der Hunter zusammen, ist das richtig?«

»Er hat mich immer gut behandelt«, sagte ich mit zittriger Stimme. »Mir das Leben gerettet, mich beschützt.«

»Taleon One hat viele der Angriffe auf die Siedlungen angeführt«, entgegnete Lex und trat einen Schritt auf mich zu. »Ich kenne One, Riley. Er war damals noch nicht das Oberhaupt der Armee, aber er hatte unter allen die vielversprechendsten Aufstiegschancen. Er musste sich beweisen und das tat er, indem er die Befehle der Regierung ausführte. Ach, Kind, es wird dir nicht gefallen, was ich dir nun sagen werde. One war einer der Hunter, der damals eure Siedlung überfallen hatte. Er war einer derjenigen, die all die unschuldigen Menschen … die Kinder … zum Tode verurteilt hatte. Und kurz darauf wurde er zum Anführer.«

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr meine Brust. Ich schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht.« Das konnte unmöglich der Wahrheit entsprechen! Taleon war kein Mörder. Er hätte niemals unschuldige Menschen – unschuldige Kinder -  kaltherzig hingerichtet. Dazu war er nicht fähig.

»Es tut mir leid, Riley«, sagte Lex mit einem bedauernden Gesichtsausdruck. »Aber es ist die Wahrheit.«

»Nein, ist es nicht!«, beharrte ich vehement und sprang vom Sofa auf. »Sie lügen! Sie sind ein Lügner … Ein Blender!«

»Nein, das ist er nicht«, erklang es plötzlich hinter mir.

Ich hielt in der Bewegung inne und erstarrte. Ein Schock durchfuhr meinen gesamten Körper. Langsam drehte ich meinen Kopf in die Richtung, aus der diese Aussage gekommen war, und konnte nicht glauben, wen ich dort stehen sah. Plötzlich begann das Blut in meinen Ohren laut zu rauschen. Mir wurde schwindelig, alles um mich herum drehte sich. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte jedoch kein Wort hervor. Nein, das konnte einfach nicht wahr sein! Das war unmöglich, lag außerhalb jeglicher Vorstellungskraft.

»Er hat Recht«, wiederholte der Geist hinter mir. »Er hat Recht, Kleines.«

Es war zu viel. Vor meinen Augen begannen lauter Punkte zu tanzen, während der Druck auf meinen Kopf immer unerträglicher wurde. Ich sackte zurück aufs Sofa und war dankbar dafür, dass mein Kreislauf schlapp machte.

 

 


Blinzelnd kam ich wieder zu mir. Dumpfe Stimmen drangen an meine Ohren. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und erblickte zwei verschwommene Gestalten. Stöhnend schloss ich meine Augen noch einmal ganz fest und öffnete sie wieder, bis meine Sicht endlich klarer wurde. Und da erfasste mein Blick wieder den Geist. Ich hatte es also nicht bloß geträumt, er war tatsächlich erschienen.

Mit einem erschrockenen Laut richtete ich mich auf und wich zurück. Lex und der Mann, der unmöglich derjenige sein konnte, den mir meine Augen weiszumachen versuchten, schauten zu mir.

»Riley«, sagte das vertraute Gesicht, von dem ich nicht geglaubt hatte, es jemals wiederzusehen. »Keine Angst, Kleines.« Die Person, die mich so stark an meinen Vater erinnerte, streckte eine Hand nach mir aus. »Du bist hier sicher. Niemand wird dir etwas tun, mein Kind.«

»Aber … Wie … Das …«, stammelte ich zusammenhangslos und schüttelte immer wieder den Kopf. »Ich … verstehe es nicht. Du … du bist doch tot.« Ich sah das brennende Haus, in dem meine gesamte Familie ums Leben gekommen war, vor meinem inneren Auge auftauchen. Hörte die Schreie, roch den Gestank von verbranntem Holz und Fleisch. »Du bist tot.«

»Nein, das bin ich nicht«, entgegnete er. »Ich habe auch geglaubt, dass du nicht mehr am Leben bist.« Vorsichtig setzte er sich auf die Kante des Sofas. »Ich kann es kaum glauben, dich hier vor mir zu sehen.« Vertraute graublaue Augen blickten mich erstaunt an. Sie schimmerten vor ungeweinten Tränen, die sich an die Oberfläche drängen wollten.

»Mama … Malenne« , murmelte ich. »Sind sie auch hier?«

Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein, Kleines. Die beiden haben es nicht geschafft.«

Tränen kullerten über meine Wangen und ich wischte sie automatisch weg. Ich konnte es immer noch nicht ganz begreifen, dass da tatsächlich mein totgeglaubter Vater vor mir saß. Ich hörte seine dunkle Stimme, sah das geliebte Gesicht und vernahm sogar seinen vertrauten Geruch - aber ich konnte es einfach nicht begreifen.

Langsam und vorsichtig streckte ich eine Hand aus und berührte die ledrige Haut seiner Wange. Es fühlte sich echt an. Er war echt, kein Hirngespinst. Er saß hier vor mir, atmete und ... lebte.

»Du bist es wirklich«, flüsterte ich kaum hörbar, und im nächsten Moment preschte ich nach vorne und stürzte mich in die Arme meines geliebten Vaters, von dem ich geglaubt hatte, ihn im Feuer verloren zu haben. »Papa«, entkam es mir mit einem Schluchzen. »Papa«, wimmerte ich immer wieder, während ich mich fest an ihn drückte.

»Mein kleines Mädchen. Mein geliebtes kleines Mädchen«, hörte ich ihn ebenfalls mit vor Tränen erstickter Stimme murmeln. »Es ist wie ein Wunder, Riley. Es ist ein Wunder, dass ich dich zurück habe.«

Wir lagen uns eine lange Weile in den Armen. Ich weinte, bis mir die Augen furchtbar brannten und meine Haut überall im Gesicht spannte. Schließlich richtete ich mich wieder auf und schaute meinem Vater ins Gesicht. »Wie hast du überlebt?«, fragte ich ihn.

»Jemand hat mich aus dem Haus gezogen und in Sicherheit gebracht«, erwiderte er und strich mir vereinzelte Haarsträhnen hinter die Ohren. »Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem Versteck im Wald. Allein. Ich habe immer wieder mein Bewusstsein verloren, und als ich schließlich vollkommen wach war, bin ich zurück zu unserer Siedlung gegangen. Es gab nichts mehr zu retten. Niemanden«, fügte er leise hinzu und wischte sich über die tränennassen Wangen. »Ich dachte, ich hätte euch alle verloren …«

»Das dachte ich auch«, wisperte ich und umfasste seine Hände. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du noch am Leben bist.«

»Ich lebe und jetzt sind wir wieder zusammen, Riley«, entgegnete er und drückte meine Hände.

Ich lehnte mich wieder gegen seine Brust und schloss die Augen, während ich den vertrauten Geruch einatmete. Eine Weile genoss ich einfach nur das Gefühl, von meinem Vater im Arm gehalten zu werden, doch dann drangen langsam die Erinnerungen an das Gespräch mit Lex wieder in mein Bewusstsein und ich schaute mich um. Er war verschwunden, hatte uns scheinbar einen privaten Moment des Wiedersehens gegönnt.

Ich schluckte schwer und wandte mich wieder an meinen Vater. »Papa, ist es wirklich wahr, dass … Taleon One an dem Angriff auf unsere Siedlung beteiligt gewesen war?«

Seine blaugrauen Augen musterten mich, dann nickte er. »Wir haben eine Menge Nachforschungen angestellt und eindeutige Beweise zusammengetragen. Er – und viele andere Hunter – haben die Reinigungen durchgeführt. Ich kann mich sogar noch an sein Gesicht erinnern, zwischen all den anderen, als sie unsere Häuser – unsere Leben – zerstörten.«

Ich schloss die Augen und spürte, wie sich erneut Tränen an die Oberfläche drängten. Meine letzte Hoffnung, Lex und auch Rachat hätten nicht die Wahrheit gesagt, erlosch und hinterließ eine unglaublich schmerzvolle Leere.

»Was verbindet dich mit diesem Mann, Riley?«, fragte mein Vater und strich mit seinen Daumen über meine Wangen.

»Er hat mir das Leben gerettet«, erwiderte ich und schluchzte. »Mehrmals. Ich … habe eine Zeit lang mit ihm gelebt.«

»Und du hast ihn ins Herz geschlossen«, stellte er daraufhin seufzend fest und umarmte mich ein wenig fester.

»Ich kann nicht glauben, dass er dazu fähig war. Er hat mir nie wehgetan.« Zumindest nicht physisch. Und die seelischen Verletzungen hatten daher gerührt, dass er mich nicht zu nah an sich heranlassen wollte, weil er … Ich schüttelte den Kopf, um nicht daran zu denken, dass er womöglich etwas für mich empfunden hatte. Das war nicht mehr wichtig. Er war dafür verantwortlich, dass so viele Menschen ihr Leben verloren hatten, und er hatte mir meine Mutter und meine Schwester genommen. Er hatte gewusst, wer ich war, und mich die ganze Zeit belogen. Ich fühlte mich benutzt und beschmutzt. Ein irrationales schlechtes Gewissen Malenne und meiner Mutter gegenüber ergriff mich, weil ich mit dem Mann geschlafen hatte, durch dessen Hand sie gestorben waren. Ich hatte ihn in mein Herz gelassen …

»Du brauchst jetzt Ruhe, Kleines«, sagte mein Vater und half mir auf die Füße. »Ich zeige dir, wo du schlafen kannst, und morgen können wir weitersprechen. Du hast sicher noch viele Fragen.«

Ich wollte nichts mehr wissen und am liebsten alles vergessen, was ich erfahren hatte, aber das konnte ich nicht. Fortan musste ich mit diesem Wissen leben. Mit dem Verrat des Menschen, der in den letzten Wochen zu meinem Zuhause geworden war. Zu dem ersten, das ich nach so vielen Jahren der Einsamkeit und des Verlorenseins gehabt hatte.

Mein Vater brachte mich in ein Zelt, in dem sich ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch befanden. »Du kannst heute Nacht in meinem Bett schlafen«, sagte er und schob die Decke zurück. »Komm, Kleines, ruh dich ordentlich aus. Du musst mit deinen Kräften völlig am Ende sein.«

Das war ich, sowohl körperlich als auch emotional. Angezogen kroch ich unter die Decke und umschlang mich mit den Armen. Mir tat alles weh, vor allem mein Herz. Es blutete regelrecht aus.

»Wenn du nicht einschlafen kannst, sag mir Bescheid, dann gebe ich dir etwas, was dir helfen wird.«

Ich nickte mechanisch und drehte meinem Vater den Rücken zu. Sobald er gegangen war, kämpfte ich nicht länger gegen die Tränen an und schluchzte los. Ich weinte, bis ich vollkommen ausgetrocknet war und zu erschöpft, um noch länger wach zu bleiben.

28. Kapitel

 

 


Am nächsten Morgen brachte mein Vater mir etwas zu essen, aber ich bekam nur wenige Bissen herunter und kroch anschließend wieder ins Bett.

Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, die überwältigenden Emotionen, die mich fest im Griff hatten, zu bewältigen. Ein Teil von mir wollte absolut nicht akzeptieren, dass One die Gräueltaten, die man ihm vorwarf, begangen hatte. Und dieser Teil suchte fieberhaft nach einer Erklärung, die ihn entlastete. Vielleicht war er gezwungen worden? Vielleicht hatte er keine andere Wahl gehabt? Doch der rational denkende Part von mir zeigte mir deutlich auf, dass es keine Rechtfertigung für das Morden unschuldiger Menschen gab. Nichts konnte das aufwiegen!

Irgendwann gelang es mir schließlich, mich soweit aufzurappeln, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, auseinander zu brechen. Die nächste Mahlzeit, die mein Vater mir brachte, aß ich sogar auf, auch wenn es mir sehr viel Mühe bereitete. Aber ich musste wieder zu Kräften kommen. Ich musste alles dafür tun, diesen erneuten niederschmetternden Schicksalsschlag zu überwinden. Immerhin hatte ich nun meinen Vater wieder. Er war nicht tot, wie ich all die Jahre geglaubt hatte. Ich war nicht mehr allein, sondern ein Teil einer kleinen Familie. Hatte ich mir nicht genau das in all den Jahren, in denen ich allein im Umland umher gewandert war, gewünscht?

»Du siehst schon etwas besser aus, Kleines«, sagte mein Vater und betrachtete mich mit einem liebevollen Lächeln.

»Ich fühle mich auch besser«, log ich, weil ich ihn nicht beunruhigen wollte. Und ich wollte auch nicht, dass er dachte, ich würde so lange einem Mann nachtrauern, der seine Frau und seine andere Tochter auf dem Gewissen hatte. Dass ich es tat, belastete mich schon schwer genug. Ich sollte wütend auf One sein, ihn verachten und hassen … Doch jedes Mal, wenn mich die Wut packte, verrauchte sie auch ganz schnell wieder und hinterließ nur Platz für schmerzende Leere und Enttäuschung.

»Das ist schön. Ich habe dein Lächeln so sehr vermisst, es wäre schön, es bald wieder zu sehen.«

»Erzähl mir über Lex‘ Pläne«, forderte ich meinen Vater im nächsten Moment auf, um von mir abzulenken. »Was hat er vor?«

Sein Lächeln verschwand und er schaute mich mit ernstem Gesichtsausdruck an. »Das hat noch Zeit, Riley.«

»Ich möchte es aber jetzt wissen. Ihm muss doch bewusst sein, dass er keine Chance in einem Kampf gegen die Hunter hat. Will er all die Männer, die ihm folgen, in den sicheren Tod führen?«

»Sobald du wieder vollständig auf den Beinen bist, wird Lex dir selbst von seinen Plänen erzählen«, erwiderte mein Vater. »Es ist kompliziert. Sehr kompliziert.«

»Und du unterstützt ihn darin?«, hakte ich weiter nach, weil etwas in mir erpicht auf Antworten drängte.

»Vollkommen. Ich bin mir sicher, auch du wirst es bald schon verstehen. Aber es hat Zeit, Riley. Du machst im Moment genug durch.«

Ich nickte langsam. Wenn mein Vater diesem Mann traute, dann wollte ich es auch versuchen. Was blieb mir anderes übrig? Meinen Plan, zurück ins Hauptquartier zu kehren, konnte ich nun verwerfen. Das Blatt hatte sich gewendet und es war das eingetroffen, was ich am Vortag noch nicht für möglich gehalten hätte – ich hatte den Glauben an One, und somit auch an die Hunter, verloren. Und obwohl ich noch nicht daran denken wollte, musste ich mich irgendwann damit befassen, ob ich im Kampf auf der Seite von Lex und meinem Vater stehen würde, wenn es galt, sich für eine Seite entscheiden zu müssen.

»Da draußen ist ein netter junger Mann, der dich gerne besuchen möchte«, durchbrach die Stimme meines Vaters diesen bitteren Gedanken. »Logan. Er scheint dich zu mögen.«

»Er ist ein komischer Kauz«, entgegnete ich und verdrehte die Augen. Dann stand ich auf und deutete auf mein  durchgeschwitztes Shirt. »Kann ich mich irgendwo waschen und etwas Sauberes anziehen?«

»Natürlich. Ich bringe dich zu den Waschräumen. Und neue Kleidung habe ich dir bereits besorgt.« Er deutete auf den Stuhl zu seiner Rechten, auf dem sich ein kleiner Stapel Wäsche befand. »Komm, ich führe dich hin.«

Draußen erblickte ich Logan, der am Wegesrand saß und vor sich hin starrte. Als er uns hörte, richtete er sich auf und schaute mich neugierig an.

»Ich muss mich erstmal waschen, bevor ich die Fragen, die du mir ganz sicher stellen wirst, beantworten kann«, fuhr ich ihm ins Wort, als er den Mund öffnete, um etwas zu sagen.

»Ja, richtig. Ich warte dann einfach hier«, erwiderte er und ging erneut in die Hocke.

»Weißt du, ich habe noch so viel zu tun«, merkte mein Vater an und schaute zu Logan. »Zeigst du Riley bitte die Waschräume?«

»Klar!«, willigte der sogleich ein und war im Nu wieder auf den Beinen. »Folge mir«, richtete er an mich und ging voran.

Ich warf meinem Vater noch einen Blick zu, dann lief ich ihm nach. Es wäre mir lieber gewesen, mein Vater hätte mich begleitet, aber der dachte anscheinend, Logans Gesellschaft würde mir gut tun.

»Es ist ganz schön krass, dass du deinen Vater hier getroffen hast«, bemerkte dieser auch schon und schaute mich begeistert an. »Du musst doch bestimmt völlig aus dem Häuschen sein!«

»Ja«, erwiderte ich mit ausdrucksloser Miene. Ich war froh, überglücklich ... doch die Freude wurde von anderen Dingen überschattet.

»Und Lex scheint ein cooler Kerl zu sein«, fuhr Logan fort. Ihm fiel entweder nicht auf, dass ich seine Begeisterung nicht teilte, oder er überging es einfach. »Ich durfte heute Morgen sogar an den Schießübungen teilnehmen. Vielleicht machst du ja auch bald mit, wenn es dir wieder besser geht. Ich habe dort einige Frauen gesehen, die ganz schön was auf dem Kasten hatten. Das ist doch etwas für dich, oder?«

»Hier sind auch Frauen?«, hakte ich mit gerunzelter Stirn nach.

»Ja. Und jede von ihnen konnte mit den Waffen umgehen, als hätten sie nie etwas anderes getan, außer zu schießen.«

Ich nahm diese Information schweigend an und war froh, als wir endlich die Waschräume erreicht hatten und ich wieder allein war. Unter dem warmen Strahl der Dusche ließ ich mich auf den Boden sinken, umfasste meine Beine und bettete mein Kinn auf die Knie. Ohne dass ich es verhindern konnte, tauchten Bilder von One vor meinem inneren Auge auf. Ich sah die Szene, als ich seine verletzte Schulter genäht hatte, und dann die Erinnerung daran, dass er sich vor mich gestellt hatte, als die wilden Hunde uns im Zelt angegriffen hatten und er mich mit seinem Leben verteidigte. Konnte so jemand unschuldige Menschen töten? War er dazu fähig?

»Hör auf damit«, zischte ich und wischte mir grob über die Augen, die mal wieder gefährlich kribbelten und neue Tränen ankündigten. »Er ist nicht der Mann, für den du ihn gehalten hast. Komm endlich darüber hinweg!«

Aber ich schaffte es nicht und bekam erneut einen Weinkrampf. »Du bist wirklich erbärmlich«, murmelte ich vor mich hin und ließ meine Tränen von dem warmen Wasser fortspülen. »Verliebt in den Mörder deiner Mutter und deiner Schwester. Kann man noch tiefer sinken?«

Als ich später die Waschräume wieder verließ, stand Logan vor der Tür und wartete auf mich.

»Hast du dich jetzt zu meinem Schatten auserkoren?«, fragte ich ihn gereizt. Es war nicht fair, meine schlechte Laune an ihm auszulassen, das war mir bewusst, aber ich fand im Moment einfach keine freundlichen Worte. Für niemanden. Ich war endlos traurig, enttäuscht und wütend. Auf alles und jeden. Am meisten auf mich selbst.

»Ich dachte, ich führe dich noch ein wenig herum«, entgegnete er und strich sich verlegen über den Hinterkopf.

»Nicht heute. Ich finde den Weg zu meinem Vater schon allein.« Ich ließ Logan stehen und eilte mit gesenktem Kopf zum Zelt meines Vaters. Dort setzte ich mich auf die Bettkante und strich mir mit den Händen über das Gesicht.

Ich musste mich unbedingt wieder einbekommen, aber ich wusste einfach nicht, wie ich es anstellen sollte. Wie flickte man ein gottverdammtes Herz zusammen, das in tausende Teile zerbrochen war? Ich wusste es nicht mehr. Das letzte Mal, als ich mich so verloren gefühlt hatte, lag schon viele Jahre zurück. Und ich hatte gehofft, nach dem Verlust meiner Familie und Freunde nie wieder so etwas durchmachen zu müssen.

 Obwohl ich in dieser Nacht kaum Schlaf fand, stand ich am nächsten Morgen sehr früh auf und machte mich auf die Suche nach meinem Vater, der laut eigener Aussage bei jemandem in meiner Nähe untergekommen war, solange ich sein Bett beanspruchte.

Ich fand ihn drei Zelte weiter, nachdem ich einen Mann, dem ich begegnete, nach ihm gefragt hatte. Mit verschlafenem Gesichtsausdruck begrüßte mein Vater mich und fragte, ob alles in Ordnung sei.

»Ich möchte nicht länger im Zelt herumsitzen und mich selbst bedauern«, erwiderte ich daraufhin. »Gestern hat Logan mir erzählt, dass er an Schießübungen teilnehmen durfte. Ist es möglich, dass ich mir das auch mal anschaue?«

»Sicher, aber es ist noch viel zu früh.« Er trat aus dem Zelt und bedeutete mir, ihm zu folgen. »Hast du Hunger, Riley? Wir können ja schon mal etwas essen gehen.«

Er führte mich zu einem großen Zelt, in dem sich Holztische und Stühle befanden. »Das ist unsere Kantine«, erklärte er und ging weiter in einen abgeschirmten Bereich, wo das Essen zubereitet wurde. »Hast du Lust auf Rührei? Es ist zwar aus Eipulver, aber man merkt den Unterschied zu richtigen Eiern kaum.«

»Ich esse, was du mir gibst. Ich bin nicht anspruchsvoll«, entgegnete ich und nahm auf einem Stuhl Platz.

»Das ist die richtige Einstellung, Kleines. Hier draußen müssen wir unsere Ansprüche eben zurückschrauben.«

Während er mit einer Pfanne über einer Gasflamme hantierte, erkundigte ich mich erneut nach Lex und seinen Plänen. »Erzähl mir wenigstens ein bisschen davon.« Als ich sein Zögern bemerkte, fügte ich hinzu: »Ich werde schon nicht zu den Huntern rennen und ihnen davon berichten.«

Mein Vater seufzte. »Es tut mir leid, wenn ich dir den Eindruck vermittelt habe, ich würde dir nicht trauen. Aber ich sehe, wie viel dir der Hunter-Anführer bedeutet haben muss, und ich weiß nicht, ob du schon bereit bist, alles darüber zu erfahren.«

»Werdet ihr versuchen, ihn umzubringen?« Diese Worte auszusprechen, fiel mir wahnsinnig schwer, aber ich gab mir größe Mühe, nach außen hin möglichst gelassen zu wirken.

»Es führt leider kein Weg an einem Kampf um Leben und Tod vorbei.«

Ich nickte langsam und räusperte mich, weil es in meinem Hals ganz eng wurde, als ich daran dachte, One könnte sterben. Und wenn er überlebte, dann würde es womöglich meinen Vater erwischen und viele andere Männer und Frauen. So oder so – dieser Kampf, den Lex anstrebte, würde zu herben Verlusten führen.

»Das ist Wahnsinn«, murmelte ich und schüttelte den Kopf. »Lex ist wahnsinnig.«

»Nein, er glaubt bloß fest daran, dass es eines Tages besser für uns Menschen hier draußen wird.«

»Nach einem Kampf gegen die Hunter? Der Mann träumt zu viel!«

Mein Vater schenkte mir ein nachsichtiges Lächeln und gab mir einen Teller mit Rührei belegt. »Du wirst deine Meinung ändern, wenn du erst einmal mit ihm gesprochen hast.«

Das glaubte ich nicht, sagte aber nichts weiter dazu und aß stattdessen mein Ei. Nach und nach begann sich die Kantine zu füllen. Vereinzelte Grüppchen von Männern kamen herein und machten sich etwas zu essen. Und dann sah ich auch zwei Frauen, die sich zu ihnen gesellten.

»Ihr habt hier auch Kämpferinnen?«, fragte ich meinen Vater.

»Bei uns ist jeder willkommen, der an unserer Seite stehen möchte«, erwiderte er.

»Und sie werden auch gleichberechtigt behandelt?«

»Natürlich! Bei uns gibt es keine festgelegte Rangfolge, jeder Mensch ist gleich und zählt genauso viel wie sein Nebenmann. Oder Frau«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

»Aber Lex ist doch der Anführer«, wunderte ich mich laut. »Also hat er mehr zu sagen, als die anderen.«

»Man braucht immer jemanden, der die Menschen zusammenhält. Aber er nutzt diese Position nicht aus. Wir stehen alle hinter seinem Wort und seinen Anweisungen, niemand wird zu etwas gezwungen. Jeder, der hier ist, folgt ihm aus freien Stücken.«

Ich konnte die Bewunderung für Lex deutlich aus seinen Worten heraushören. Mein Vater schien ihm blind zu folgen. Doch in mir war immer noch ein Widerwillen vorhanden, diesem Mann einfach zu vertrauen. Und ich glaubte, es lag daran, dass ein Teil von mir weiterhin einen Weg suchte, One und die Hunter nicht als die Bösen dastehen zu lassen. Aber ich kannte Alexis Silva auch noch zu wenig, um mir ein endgültiges Urteil über ihn bilden zu können. Waren seine Ziele wirklich so löblich, wie es den Anschein hatte? Wollte er bloß die Ungerechtigkeiten dieser Welt beseitigen? Und wieso war das nur möglich, wenn er zuvor die Hunter beseitigte?

Nach dem Essen gingen wir zurück zum Zelt und ich unterdrückte ein Stöhnen, als ich Logan vor dem Eingang sitzen sah.

»Hallo, junger Mann«, begrüßte mein Vater ihn freundlich und schaute zu mir. »Die Schießübungen beginnen in einer halben Stunde. Da Logan bereits gestern daran teilgenommen hat, kann er dir den Weg dorthin zeigen. Ich kläre das derweil mit Lex.«

»Wir brauchen also seine Erlaubnis«, entgegnete ich.

»Er weiß einfach nur gerne Bescheid, was hier im Lager vor sich geht. Bald kannst du dann selbst mit ihm sprechen, wenn du möchtest.«

»Ja, das möchte ich«, bestätigte ich. Ich wollte mir mein eigenes Urteil über den ach so tollen Alexis Silva bilden.

Mein Vater ging davon und ich wandte mich an Logan. »Okay, dann zeig mir mal, was man hier so machen kann.«

Logan führte mich ein wenig herum und erklärte mir, wo sich was befand – Krankenstation, Waffenkammer, das Zelt von irgendeinem Kerl, gegen den er in der vergangenen Nacht im Poker verloren hatte.

»Du hast dir aber schnell neue Freunde gefunden«, bemerkte ich.

»Es sind ja auch alle richtig gut drauf«, entgegnete er grinsend. »Mir wurde sogar schon angeboten, hier zu bleiben.«

»Und, nimmst du das Angebot an?«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Heute Abend soll ich erst einmal zu Lex kommen, weil er mit mir sprechen möchte.«

»Aha.«

»Du scheinst nicht so begeistert von ihm zu sein.«

»Ich kenne ihn überhaupt nicht«, entgegnete ich. »Und ich traue grundsätzlich niemandem, bevor ich ihn nicht richtig kenne. Damit bin ich immer gut zurechtgekommen.«

»Dann traust du mir also auch nicht«, schlussfolgerte Logan.

»Du hast mich schon einmal hereingelegt! Ich werde mich hüten, dir zu trauen«, gab ich geradeheraus zurück.

»Aber durch mich hast du deinen Vater wiedergefunden«, wandte er mit einem siegessicheren Lächeln ein. »Dafür verdiene ich ein kleines bisschen Anerkennung.«

Ich verdrehte die Augen und ging nicht weiter darauf ein. Ja, Logan hatte mich unbewusst zu meinem Vater geführt, aber auch zu einer Wahrheit, die mir fortan großen Kummer bescherte.

»Da hinten ist der Ausgang, durch den wir zum Trainingsgelände gelangen«, sagte er schließlich und deutete in eine Richtung.

Vor dem kleinen Tor standen vier große Männer, jeweils ein Gewehr in den Händen. Logan trat zu ihnen und schien einen von ihnen bereits zu kennen, denn er erklärte ihm nur kurz etwas, dann durften wir auch schon hinaus.

Nach einem kurzen Marsch gelangten wir zu einer großflächigen Wiese. »Das da ist Aljona.« Logan zeigte auf eine Frau, die am anderen Ende der freien Fläche stand und mit etwas Spitzem hantierte. Ihr blonder, geflochtener Zopf glänzte hell in der aufsteigenden Sonne. »Sie ist der Hammer!«

Ich schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. »Bist du verknallt?«

»Was? Nein!« Seine Wangen färbten sich leicht rot. »Ich find es einfach nur bewundernswert, wie sie mit ihren Pistolen umgeht.«

»Mit ihren Pistolen, ja, klar«, zog ich ihn weiter auf und musste sogar kurz auflachen, als er sich stotternd herausredete. Eins musste man Logan ja lassen – er war vielleicht nervig, aber er schaffte es zumindest, mich ein wenig aufzumuntern, damit ich mich nicht mehr kreuzelend fühlte.

»Hey, ihr beiden!«, kam im nächsten Moment ein Ruf von der anderen Seite des Feldes. »Was macht ihr da?«

»Komm mit.« Logan zog mich an der Hand über das plattgetretene Gras zu der jungen Frau. »Hi, Aljona«, begrüßte er sie in seiner gewohnt offenen Art. »Das hier ist Riley. Sie ist -«

»Die Tochter von Reos«, beendete Aljona seinen Satz. »Ich habe schon von dir gehört«, richtete sie anschließend an mich. 

»Ich wusste gar nicht, dass ich schon so berühmt bin«, wandte ich ein.

»Du bist von den Toten auferstanden. Wenn das keine Sensation ist, was dann?« Lächelnd lud sie die Waffe in ihren Hände durch. »Und ihr seid jetzt hier, weil ihr schießen lernen möchtet?«, wollte sie von uns wissen.

»Wir würden gerne etwas üben, wenn du nichts dagegen hast«, bestätigte Logan.

»Hast Freude daran gefunden, was?« Sie griff in eine Kiste neben ihren Füßen und gab ihm eine kleine Pistole. »Soll ich dir noch einmal erklären, wie das geht?«

»Nein, ich habe mir alles gemerkt«, entgegnete er und machte ein paar Schritte zur Seite. »Heute versuche ich es mal mit einem etwas weiter entfernten Ziel.«

»Was ist mit dir?«, fragte Aljona nun mich und hielt mir ebenfalls eine kleine Handfeuerwaffe hin. »Willst du sie mal halten?«

»Es ist nicht mein erstes Mal«, sagte ich und nahm ihr die Waffe ab. »Wo sind die Ziele?«

»Dort drüben.« Sie zeigte in eine Richtung, als auch schon der erste Schuss von Logan ertönte.

»Ihr habt ja ganz schön viel Vertrauen in Leute, die ihr kaum kennt«, bemerkte ich. »Was willst du tun, wenn ich die Waffe jetzt auf dich richte?«

»Probiere es doch mal aus«, forderte sie mich mit einem breiten Lächeln auf. Als ich es nicht tat, fügte sie hinzu: »Die Kugeln, mit denen die Waffen hier draußen geladen sind, tun vielleicht weh, aber sie können niemanden umbringen. Und außerdem bin ich schnell.« Kaum hatte sie das ausgesprochen, hatten ihre flinken Finger mir auch schon die Waffe aus den Händen entwendet.

Ich starrte sie anerkennend an. »Wo hast du das gelernt?«

»Von einem Kameraden. Es ist gar nicht so schwer. Soll ich es dir beibringen?«

In den nächsten Stunden saugte ich alles auf, was Aljona mir vorführte. Auch als Logan gegangen war, um zu Mittag zu essen, blieben wir beide auf dem Trainingsgelände und ich bettelte um mehr. Es tat mir gut und lenkte mich von den quälenden Gedanken ab. Mit dem Erlernen der Kampftechniken, die Aljona erstaunlich gut beherrschte, bekam ich einen neuen Fokus, auf den ich mich konzentrieren konnte. Und als ich am späten Nachmittag ins Zelt meines Vaters kehrte, war ich so erschöpft, dass ich sofort einschlief, kaum dass mein Kopf das Kissen berührte. 

 



Auch am nächsten Vormittag stand ich erneut neben Aljona auf dem Feld und trainierte bis zur Erschöpfung. Ich brauchte das, konnte gar nicht mehr aufhören, all meine Energie auszuschöpfen.

»Für heute reicht es, Riley«, sagte sie schließlich und atmete tief durch. »Ich bewundere deinen Ehrgeiz, aber du ackerst dich noch zu Tode.«

Ich erwiderte nichts darauf, hätte am liebsten weitergemacht. Immer weiter.

»Was treibt dich an?«, wollte sie nun wissen. »Du bist wütend, das sehe ich. Worauf?«

»Auf diese ganze beschissene Welt«, zischte ich leise.

»Verstehe. An diesem Punkt stand ich auch einmal. Es ist gefährlich. Du solltest zusehen, dass du aus der Dunkelheit, in der du dich befindest, herauskommst, bevor sie dich verschlingt.«

»Und wie soll ich das anstellen?«, entgegnete ich.

»Halte dich an dem fest, was du hast. Deinen Vater zum Beispiel. Ihr habt euch beide wiedergefunden. Das ist etwas, was nicht vielen hier draußen widerfährt. Dafür solltest du sehr dankbar sein.«

Betreten senkte ich den Blick. Sie hatte Recht. Ich hatte meinen Vater zurückbekommen, und anstatt mich darüber zu freuen, trauerte ich dem Mann nach, der überhaupt dafür verantwortlich war, dass ich ihn erst verloren hatte!

»Komm, wir gehen wieder zurück und essen was. Morgen zeige ich dir etwas Neues.«

Ich folgte Aljona zum Tor und dachte weiterhin über ihre Worte nach, als eine der Wachen mich ansprach.

»Du bist doch Riley, oder?« Auf mein Nicken hin fuhr er fort: »Dann kannst du mir jetzt mal folgen.«

Verwirrt runzelte ich die Stirn. »Wohin folgen?«

»Heute Morgen haben wir nicht weit von hier entfernt ein paar ungebetene Besucher aufgegriffen«, erzählte er mit einem belustigten Grinsen. »Hunter. Lex meinte, ich solle dich zu ihnen führen, damit du uns sagen kannst, ob du sie erkennst.«

Mein Herz begann zu rasen. »Hunter?«, hauchte ich ergriffen. 

»Einige mussten wir erledigen, aber drei haben wir hierher gebracht. Komm mit und schau selbst.«

Eine eisige Faust umklammerte meine Brust, als ich dem Kerl hinterher ging. Wen hatten sie gefangen genommen? Und wen hatten sie … erledigt? Ich wollte nicht einmal daran denken, dass es ihn erwischt hatte und er jetzt tot irgendwo herumlag.

»Hier lang.« Der große Mann öffnete eine schwere Tür und wir betraten einen schmalen, dunklen Gang, der zu einer Treppe führte. Über diese gelangten wir in einen Kerker und schließlich zu einer weiteren Tür, die streng bewacht wurde.

Mir wurde ganz flau im Magen, als wir nach kurzer Unterhaltung passieren durften. Jeden Moment würde ich mich übergeben …

Und dann sah ich sie, die drei Hunter. Sie knieten gefesselt an der gegenüberliegenden Wand und man hatte ihnen Säcke über die Köpfe gestülpt. Im diffusen Licht hier unten konnte ich erkennen, dass ihre Kleidung völlig zerfetzt war, überall von Blut durchtränkt. Schnitte und andere Wunden zierten ihre Arme und Oberkörper.

Ich schluckte hart, als mein Blick auf den Mann fiel, der ganz links saß. Ich erkannte ihn sofort, auch wenn ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Aber die Hunter-Zeichnungen, die Statur und die Haltung verrieten ihn.

»Dann schauen wir mal, wen wir hier haben«, erklang es neben mir und mein Begleiter machte einen Schritt nach vorne.

29. Kapitel

 

 

Ich holte erschrocken Luft, als ich das vermutete Gesicht erkannte, sobald der Sack ihm vom Kopf gezogen worden war. Nikk starrte mir nicht minder geschockt entgegen. Eins seiner Augen war zugeschwollen, über dem anderen war eine Wunde an seiner Augenbraue aufgeplatzt und hatte seine Wange mit Blut bedeckt, das mittlerweile getrocknet war.

Der Mann, der mich in den Kerker geführt hatte, nahm auch den anderen Gefangenen die Säcke vom Kopf, doch bis auf Nikk kannte ich keinen der Hunter persönlich.

»Und, was sagst du, Mädel?«, wollte mein Begleiter wissen. »Kennst du die Burschen hier?«

Ich zögerte. »Ich weiß nicht so genau. Vielleicht bin ich ihnen mal im Hauptquartier begegnet, aber ich könnte es nicht beschwören«, hielt ich mich bedeckt, ohne sagen zu können, wieso ich es tat. Es war wohl immer noch diese hartnäckige Hoffnung in mir, die daran festhielt, dass es eine Erklärung gab, die die Hunter nicht als die Bösen hinstellte. Und deshalb wollte ich sie nicht verraten.

»Zu schade«, bemerkte der Kerl und bedeckte die Köpfe wieder. »Wir hatten gehofft, du könntest uns etwas über sie verraten. Aus ihren Mündern bekommen wir nichts heraus.« Er bedeutete mir, ihm wieder aus dem Raum zu folgen. »Ich bringe dich jetzt zu Lex«, sagte er dabei. »Der möchte noch etwas mit dir besprechen.«

Ich nickte und widerstand dem Drang, mich noch einmal nach den Huntern umzudrehen. Nikk so zu sehen, ohne sein typisches Grinsen auf den Lippen, mit all den Wunden und Verletzungen, fühlte sich merkwürdig an. Falsch. Ich verspürte großes Mitleid mit ihm, auch wenn ich mir gleichzeitig sagte, dass ich es nicht sollte. Vielleicht war er damals auch an den Reinigungen der Siedlungen beteiligt gewesen. Sein Schicksal ging mich nichts mehr an. Und doch wurde mir das Herz ganz schwer, wenn ich daran dachte, dass er vielleicht bald schon nicht mehr leben würde.

Als wir bei Lex ankamen, ließ der Mann vom Wachtposten uns sogleich allein. Auf Lex‘ Bitte hin nahm ich Platz und wies mich selbst an, ruhig zu bleiben, auch wenn ich ihn am liebsten gefragt hätte, ob One irgendwo da draußen lag, da er nicht gefangen genommen worden war. Schwerverletzt … oder schlimmer.

»Und, kannst du mir etwas über die Männer, die sich da unten befinden, sagen?«, wollte Lex schließlich von mir wissen und schaute mich prüfend an.

Ob er es erkennen würde, wenn ich ihn belog? Ich wollte es nicht riskieren, sein Misstrauen zu schüren, also nickte ich. »Einen von ihnen habe ich oft im Hauptquartier gesehen, die anderen beiden kenne ich nicht.«

»Wie heißt der, den du erkannt hast?«

»Nikk. Wir haben ein paar Mal miteinander gesprochen.« Das schlechte Gewissen, das bei der Erwähnung des Namens in mir aufwallte, drängte ich schnell zurück.

»Welcher ist es?«, hakte Lex nach.

»Der Dunkelhaarige mit dem Drachen-Zeichen auf der linken Seite seines Halses. Er … war immer nett zu mir«, fügte ich noch hinzu, in der leisen Hoffnung, sein Schicksal damit vielleicht etwas abmildern zu können. Ich wusste nicht, was Lex und seine Männer mit den Gefangenen vorhatten, aber ich bezweifelte, dass sie sie einfach wieder laufen lassen würden.

Lex musterte mich noch einen Augenblick schweigend, dann nickte er. »Das muss schwer für dich sein, Riley. Und es wird nicht einfacher.« Er erhob sich von seinem Stuhl und trat um den Schreibtisch herum. »Wir konnten noch einen von ihnen erwischen.«

Mein gesamter Körper spannte sich an und ich musste mich zwingen, sitzen zu bleiben.

»Er wurde dabei schwer verletzt und wir mussten ihn behandeln, damit er nicht stirbt. Ich denke, du weißt, von wem die Rede ist.«

»Oh, Gott …« Mir schnürte sich die Kehle zu. »Wieso … habt ihr ihn am Leben gelassen? Ich dachte, es ist euer Ziel, den Anführer … zu beseitigen.« Die Worte auszusprechen, fühlte sich an, als würde ich mir selbst in die Haut schneiden. Es tat furchtbar weh.

»Wir brauchen ihn noch«, erwiderte Lex mit ernster Miene. »Er hat Informationen, die uns von Nutzen sein werden.«

»Und die er niemals freiwillig hergeben wird«, fügte ich flüsternd hinzu und schloss die Augen, weil mir die Tränen kamen. Nicht ein klitzekleines Fünckchen Hass verspürte ich für den Mann, der meine ehemalige Siedlung auf dem Gewissen hatte, lediglich große Trauer, da er nur noch am Leben war, weil man Informationen aus ihm herausbekommen wollte. Mit Gewalt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass One diese einfach so preisgeben würde.

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und zuckte zusammen. »Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst, Riley. Aber es geht nicht anders. Taleon One ist der Anführer der Hunter. Und wenn wir den Kampf gegen die Ungerechtigkeit gewinnen wollen, müssen wir gnadenlos sein.«

Ich wollte etwas sagen, hielt meinen Mund jedoch fest verschlossen, da mir klar war, dass ich losschluchzen würde, sobald ich ihn öffnete. Also stand ich auf, nickte Lex noch einmal zu und ging ohne ein Wort an ihm vorbei aus seinem Reich. Ich schaffte es gerade noch in das Zelt meines Vaters, bevor ich weinend auf dem Bett zusammenbrach.

Als mein Vater mich später fand, war ich vollkommen am Ende. Er schien zu wissen, was geschehen war, denn er fragte gar nicht erst, sondern nahm mich in den Arm und hielt mich fest, bis ich keine einzige Träne mehr weinen konnte.

»Sie werden ihm wehtun«, murmelte ich bloß. »Und irgendwann, wenn sie bekommen haben, was sie wollen, werden sie ihn umbringen.«

Auch dazu sagte mein Vater nichts, woraus ich entnahm, dass ich Recht hatte. Mir tat alles weh, und für einen Moment verspürte ich sogar den Wunsch, ebenfalls zu sterben. Eine Welt ohne Taleon One erschien mir vollkommen sinnlos. Sogar noch sinnloser als die Verbrechen, die er begangen hatte.

»Ich bringe dir etwas zur Beruhigung«, sagte mein Vater schließlich und entließ mich vorsichtig aus seinen Armen. 

Ich lehnte nicht ab, war sogar froh, dem Schmerz, der jede Faser meines Körpers erfasst hatte, für eine Weile entkommen zu können. Ich wollte nichts mehr fühlen, nicht mehr denken … nichts mehr. 

Kurz darauf kehrte er zurück und reichte mir etwas zu trinken und eine Tablette, die ich gierig herunterschlang. »Es wird vorbeigehen«, murmelte er, nachdem er mich zugedeckt hatte, und strich mir über den Kopf. »Irgendwann wird alles wieder gut.«

Ich glaubte nicht daran, nickte jedoch, wandte ihm den Rücken zu und wartete darauf, dass die Tablette endlich ihre Wirkung zeigte.

 



Als ich wieder wach wurde, fühlte ich mich noch ziemlich ermattet, aber ich musste eine ganze Weile geschlafen haben, denn von draußen hörte ich die Vögel zwitschern, die einen neuen Morgen ankündigten. Ich schälte mich unter der Decke hervor, ignorierte das dumpfe Pochen in meinen Schläfen und zog mir frische Kleidung an. Dann trat ich aus dem Zelt und blickte mich um. Die Sonne war eben erst aufgegangen und die meisten Menschen, die sich im Lager befanden, schliefen noch. Lediglich die Wachen befanden sich an ihren Posten und achteten sorgsam darauf, dass wir nicht überrascht wurden.

Lautlos ging ich über die schmalen Wege zu dem Tor, durch das man zum Trainingsgelände gelangen konnte. Dort wurde ich natürlich von den bewaffneten Männern gestoppt.

»Du bist viel zu früh dran«, sagte einer von ihnen, als ich erklärte, ich wolle schießen üben. »Warte, bis Aljona hier ist.«

»Ich brauche ihre Hilfe nicht, ich komme allein zurecht«, entgegnete ich trotzig. Ich musste mich irgendwie ablenken, um nicht verrückt vor Sorge und Kummer zu werden, und das Training erschien mir als einzige Möglichkeit.

»Mann, wir haben keine Zeit dafür. Geh einfach wieder ins Bett und warte, Mädel.« Als er nach meinem Arm greifen wollte, setzte etwas in mir aus und ich wandte das an, was Aljona mir gezeigt hatte. Da er wohl nicht damit gerechnet hatte, gelang es mir sogar, ihm die Waffe zu entwenden. Doch schon im nächsten Augenblick wurde ich von seinen Kollegen außer Gefecht gesetzt und landete äußerst unsanft auf dem feuchten Boden.

Während ich noch hustete und nach Luft schnappte, packte man mich bereits und brachte mich zu Lex.

»In Ordnung, du kannst wieder zurück an deinen Posten«, wies dieser den Kerl an, der mich zu ihm geführt hatte, nachdem der ihm erzählt hatte, was geschehen war. Anschließend wandte er sich an mich. 

»Ich wollte bloß trainieren«, sagte ich und fasste mir an den Rücken, der an vereinzelten Stellen ganz schön wehtat. 

»Das Training beginnt später, du warst viel zu früh dran. Wir haben hier Regeln, an die sich jeder halten muss, Riley.« Lex trat um mich herum und griff nach dem Saum meines Shirts. »Lass mich mal sehen.« 

Zögernd ließ ich ihn gewähren und spannte mich an, als seine kalten Finger auf meine Haut trafen. In mir regte sich etwas heftig gegen seine Berührungen. Ich wollte sie nicht und etrug sie nur mit viel Mühe.

»Du bekommst eine Salbe gegen die blauen Flecken.« Er strich mein Shirt wieder herunter und stellte sich vor mich. »Im Moment ist es nicht einfach für dich, daher lasse ich dir dein Fehlverhalten einmal durchgehen. Doch solltest du noch einmal jemanden aus dem Lager mit einer Waffe bedrohen, wird das Konsequenzen haben«, fügte er mit strenger Miene hinzu.

»Ich habe ihn nicht bedroht!«, entgegnete ich. »Ich … wollte nur nicht von ihm angefasst werden. Die Männer haben total überreagiert, ich hätte schon niemanden erschossen.«

»Das ist wohl Auslegungssache«, meinte Lex und bedeutete mir, ihm zu folgen. »Dennoch solltest du dir meine Worte gut merken. Bei uns wird niemand aus den eigenen Reihen mit der Waffe anvisiert – es sei denn, er stellt eine Gefahr für das Wohl anderer dar.«

»Verstanden«, murmelte ich und verbarg die Wut, die immer noch in mir tobte. Ich hatte kein Recht, wütend auf Lex oder auf die anderen zu sein, und dennoch war ich es. Aus einem ganz bestimmten Grund. Und über eben diesen wollte ich nicht nachdenken und mich von ihm ablenken, weil ich funktionieren musste. So lange, bis ich es überwinden würde und wieder atmen konnte, ohne das Gefühl zu haben, jeden Moment an meinem Kummer zu ersticken.

Lex führte mich dorthin, wo sich die Krankenstation befand, wie ich bald schon erkannte. Augenblicklich blieb ich stehen und mein Herz raste auf Hochtouren.

»Komm weiter«, wies er mich sogleich an.

»Was … soll ich hier?«, brachte ich kaum hörbar hervor.

»Ich möchte dir die Salbe für deine blauen Flecken geben«, erwiderte er und ein wissendes Lächeln zierte seine Lippen. »Er ist nicht hier«, fügte er hinzu. »Dieses Risiko würde ich niemals eingehen, auch wenn er noch so schwer verletzt ist. Taleon One ist nicht einfach so zum Anführer ernannt worden. Mir ist selten jemand begegnet, der so viel Kraft in sich vereint hat. Er könnte noch viele meiner Männer ausschalten, selbst wenn sein Leben an einem seidenen Faden hinge. Wir hatten Glück, dass er und sein Gefolge in einen Hinterhalt geraten sind, sonst hätten wir sie wohl niemals ergreifen können.«

Ich schluckte schwer. »Wo … ist er dann?«

»Gut verwahrt. Aber ich verrate dir lieber nicht, wo, sonst ziehst du womöglich los und bedrohst den nächsten meiner Männer«, entgegnete Lex schmunzelnd.

Ich fand das alles überhaupt nicht so amüsant wie er und wandte mich ab, um weiterzugehen. »Ich bin nicht auf Ones Seite«, sagte ich dabei, auch wenn ein Teil von mir dringlich darauf pochte, ihn zu sehen und ihm zu helfen. »Ich habe nicht vergessen, was Sie und mein Vater mir über ihn erzählt haben.«

»Und dennoch weinst du um ihn«, wandte Lex ein. 

»Ich komme darüber hinweg, ich brauche nur ein wenig Zeit. Und das Training hilft mir, daher wollte ich auch unbedingt raus.«

»Das verstehe ich. Und ich möchte dir auch dabei helfen, darüber hinwegzukommen. Lass mich zuerst mit Aljona reden, dann können wir eine Ausnahme machen und das Training für dich früher ansetzen. Es ist mir nur recht, wenn du deine Wut und Enttäuschung sinnvoll kanalisierst und sie nicht willkürlich gegen jemanden richtest.«

Wir kamen in ein Zelt, in dem mehrere Liegen und sogar medizinische Geräte standen. Lex ging zu einem der Schränke, während ich mich umsah und dabei fragte, wo sie all das herhatten. Ich hatte immer gedacht, so etwas gäbe es nur im Empire – oder eben im Hunter-Hauptquartier. Wahrscheinlich hatte es jemand aus eben diesem geschmuggelt.

Kurz darauf reichte Lex mir eine kleine Tube. »Gehe sparsam mit der Salbe um. Es ist nicht leicht, sich dieses kleine Zaubermittel zu beschaffen.«

»Und wie stellt ihr das an?«, hakte ich nach.

»Alles mit der Zeit, Riley. Ich bringe dich erst einmal zurück zum Zelt deines Vaters und spreche dann mit Aljona.«

Ich nickte langsam. Der Zwischenfall von vorhin hatte sein Misstrauen geweckt. Er würde sich hüten, mir weitere Informationen preiszugeben, bevor er sich nicht ganz sicher war, dass ich auf seiner Seite stand. Denn das tat ich noch bei weitem nicht, das merkte ich selbst ganz deutlich. Und im Moment wusste ich auch nicht, ob ich es wollte. Konnte ich jemals an der Seite des Mannes kämpfen, der denjenigen quälen und letztendlich umbringen würde, der mir trotz aller Tatsachen immer noch so viel bedeutete? Es schien mir unmöglich.

Zurück im Zelt meines Vaters trug ich die Salbe auf die Stellen auf, die schmerzten, und wartete, bis sie eingewirkt war. Dann zog ich mich wieder an und ging noch einmal nach draußen. Diesmal, um Logan zu suchen. Vielleicht konnte er mich ein wenig ablenken, bis ich das Training mit Aljona beginnen durfte.

Ich fand ihn in der Kantine, die sich langsam mit hungrigen Menschen zu füllen begann. Als er mich sah, lächelte er erfreut und winkte mich zu sich heran. Ich setzte mich auf den freien Stuhl neben ihm und bedankte mich, als er mir einen Teller mit Rührei reichte. Während ich dieses ohne Appetit herunterschluckte, hörte ich Logan bei seinen Erzählungen zu, die, wie so oft, vor beinahe kindlicher Begeisterung sprühten. Doch irgendwann drifteten meine Gedanken ab und fabrizierten ein Bild, das meine Brust ganz eng werden ließ.

Ich sah One in einem dunklen Raum liegen, angekettet und schwer verletzt, gerade noch so am Leben gehalten, damit er und die wichtigen Informationen, die er besaß, nicht verloren gingen. Ob man bald schon damit beginnen würde, sie aus ihm herauszuquetschen? Und wenn er dennoch nicht sprach … welche unsäglichen Handlungen würden folgen, damit er es tat? Wie weit würden Lex und seine Männer gehen?

Ich spürte, wie mein Magen zu rebellieren begann, sprang hastig auf und stürzte aus dem Zelt, um mich draußen in ein Gebüsch zu übergeben. 

 

 


»Okay, okay, das reicht jetzt, Riley.« Lachend löste Aljona sich aus meinem Griff und ließ sich auf den Boden sinken. 

Soeben hatte ich sie zum ersten Mal in einem Nahkampf besiegt, nachdem sie mir zuvor die Griffe gezeigt hatte, die man dazu anwendete, sich gegen einen überlegeneren Angreifer zu wehren. Seit den frühen Morgenstunden trainierten wir nun draußen auf dem Feld, doch ich hatte immer noch nicht meine gesamte Energie verbraucht. Und das musste ich tun, wenn ich sie nicht anderweitig verwenden wollte. Wie zum Beispiel dafür, mich in den Wahnsinn zu grübeln und so lange nachzudenken, bis ich verrückt wurde. In meinen freien Minuten tat ich weiterhin nichts anderes. Ich dachte immerzu an One und daran, dass er nur knapp dem Tode entkommen war, nur um jetzt gequält zu werden, weil man Informationen aus ihm herausbekommen wollte. Und ich dachte auch an Nikk, der zusammen mit den beiden anderen Huntern im Keller gefangen gehalten wurde und dem man womöglich Ähnliches antat. Davon bekam ich manchmal solche heftigen Bauchschmerzen, dass ich mich übergeben musste. Und genau deshalb war ich so erpicht auf das körperliche Training draußen. Es lenkte mich ab und gab mir den Fokus, den ich brauchte, um nicht an meinen Gedanken zu zergehen.

Ich stützte mich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab und atmete ein paar Mal tief durch. »Lass uns nach einer kleinen Pause gleich weitermachen«, sagte ich dann, woraufhin Aljona den Kopf schüttelte.

»Nein, für heute haben wir beide definitiv genug. Du darfst nicht zu weit über deine Grenzen hinausgehen, Riley. Dir nützt das ganze Wissen und Geschick nichts, wenn du nicht auch deine Muskeln angemessen behandelst und versorgst. Ernährung spielt dabei eine große Rolle, ebenso gezieltes Muskeltraining. Eiweiß ist besonders wichtig, denn sonst übersäuern deine Muskeln. Wir haben einige Präparate, die du einnehmen kannst, denn über die Ernährung hier ist eine optimale Menge nur schwer zu erreichen. Ich bringe dir nachher etwas zusätzliches Eiweiß vorbei.«

»Danke. Das habe ich gar nicht gewusst.«

»Man lernt eben nie aus.« Aljona lächelte. »Okay, lass uns wieder zurückgehen. Du hast dich hier draußen erstaunlich gut geschlagen. So langsam weiß ich gar nicht mehr, was ich dir noch beibringen soll. Du hast bereits all mein Wissen aufgesaugt, wie ein gieriger, ausgetrockneter Schwamm. Wenn du nun auch noch deine Muskeln richtig trainierst und ihnen das gibst, was sie benötigen, wirst du mich bald platt machen«, fügte sie lachend hinzu.

Wir gingen zurück ins Lager und ich schaute unauffällig zu dem Gebäude, unter dem sich der Keller befand. Ich fragte mich, ob Nikk überhaupt noch lebte. Oder hatte man bereits keine Verwendung mehr für ihn gefunden und ihn beseitigt? Dieser Gedanke tat weh, denn Nikk hatte mir schon auf eine Weise das Leben gerettet, indem er mich damals mit ins Hunter-Hauptquartier genommen hatte. Ich wollte nicht, dass er zu Tode gefoltert wurde oder anderweitig starb. Er war doch kein schlechter Mensch. In der Zeit, in der ich mit ihm zusammen gewesen war, hatte er mich stets gut behandelt. Vielleicht nicht mit dem größten Respekt, und er hatte mich nur für sein Vergnügen benutzt, aber er war nie schlecht zu mir gewesen. Ich hatte ihn gemocht. Er verdiente etwas anderes als einen grausamen Tod, hier in irgendeinem düsteren Kellerverließ. 

Als nächstes überlegte ich, ob One auch dort irgendwo gefangen gehalten wurde. Schon öfter hatte ich darüber nachgedacht, Aljona danach zu fragen, und mich jedes Mal dagegen entschieden. Ich mochte sie, sie war nett, aber ich vertraute ihr nicht. Und ich wusste, sobald sie mir misstraute, würde sie Lex davon erzählen, dass ich sie nach den Huntern ausfragte. Und das wollte ich nicht, denn nach außen hin versuchte ich gerade, allen weiszumachen, dass es mir besser ging; dass ich allmählich über die Gefühle hinwegkam, die ich für den Hunter-Anführer empfand. Ich weinte nur noch, wenn ich ganz allein war, nachts im Bett. Ansonsten zeigte ich keinerlei Gefühlsregungen, was wahrscheinlich auch daran lag, dass ich mich innerlich wie tot fühlte. Ich war im Inneren in eine Art Starre verfallen: Ich funktionierte nur noch mechanisch, außer in den Augenblicken, wenn ich im Bett lag und weinte. Da fühlte ich. Großen Schmerz. Tiefes Bedauern.

An einer Abbiegung verabschiedete ich mich von Aljona und ging allein weiter. Ich nahm mir frische Kleidung aus dem Zelt meines Vaters und duschte mich in den Waschräumen ab. Als ich wieder herauskam, stand Logan vor mir. Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht.

»Na, bist du endlich zurück?«, fragte er. »Hier haben schon einige Wetten laufen, wann du vor Erschöpfung umfällst und nicht mehr aufstehst.«

»Die werden sie verlieren«, entgegnete ich. 

Er musterte mich bewundernd, was mir etwas unangenehm war. Ich wandte mich ab und ging weiter. Logan folgte mir sofort.

»Und was hast du jetzt vor?«, wollte er wissen.

»Ich hole mir erst einmal etwas zu essen. Ist überhaupt noch etwas übrig geblieben oder habt ihr alles weggefuttert?«

»Da ist noch eine Menge übrig«, erwiderte er. »Ich bin es gar nicht gewohnt, jeden Tag so viele gute Mahlzeiten einnehmen zu können. Meistens musste ich mir mein Essen selbst jagen, und mir scheint, die Tiere im Wald werden immer geschickter. Manchmal musste ich tagelang am Stück ohne richtige Nahrung auskommen, bis ich zu Hause bei meiner Mutter war. Sie findet immer irgendetwas zu essen für mich.«

»Wenn es hier doch so viel zu essen gibt, wieso verteilen sie es nicht an die hungernden Menschen in den Dörfern? Sie könnten Männer wie Nite auffordern, mit ihren Raubzügen außerhalb aufzuhören«, überlegte ich laut.

»Naja …« Logan kratzte sich am Hinterkopf. »Das, was Nite in den Dörfern eintreibt, bringt er meist hierher.«

Ich blieb stehen und schaute ihn überrascht an. »Woher weißt du das?«

»Ich habe es mitbekommen. Darüber haben sich hier ein paar Leute unterhalten.«

Ich konnte nur den Kopf schütteln. »Also ist Nite bloß ein Handlanger von Lex. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber ich bin nicht darauf gekommen«, murmelte ich vor mich hin. »Sie rauben die ganzen armen Leute aus, um ihre Kämpfer zu ernähren. Und das tarnen sie dann als Kampf für die Gerechtigkeit.«

»So darfst du das nicht sehen, Riley«, merkte Logan an.

»Nicht?«, fragte ich und zog beide Augenbrauen hoch. »Wieso nicht? Genau das tun sie doch. Sie nehmen den Hungernden das wenige Essen weg, um sich hier ernähren zu können. Das ist doch keine Gerechtigkeit.« 

»Ja, aber sie machen es aus einem bestimmten Grund«, wandte er ein und schaute sich um. »Wieso siehst du denn einfach nicht, dass sie die richtigen Ziele verfolgen? Ich weiß, du bist immer noch traurig wegen deinem Hunter -«

»Ich bin nicht traurig wegen irgendeinem Hunter«, unterbrach ich ihn forsch. »Er hat viele Leute auf dem Gewissen. Ich habe gar nichts mehr mit ihm zu tun. Er ist für mich gestorben.« Es schmerzte sehr, diese Worte auszusprechen, dennoch tat ich es, ohne mit der Wimper zu zucken. Für jemanden, der nicht in mich hineinschauen konnte, musste es echt aussehen. »Doch nur, weil ich nichts mehr für die Hunter empfinde, heißt es nicht, dass ich alles gutheiße, was Lex und seine Männer tun. Ich finde es nun mal nicht richtig, wenn man anderen das Essen wegnimmt, um sich selbst zu ernähren.«

»Obwohl es dem Großen und Ganzen dient?«, warf Logan ein. 

»Selbst dann nicht. Immerhin wollen sie doch, dass es den Menschen hier im Umland besser geht. Aber sie verschlimmern ihre Situation mit ihren Eintreibungen. Das erscheint mir nicht richtig.«

Er dachte über meine Worte nach, das konnte ich sehen. »Naja, vielleicht hast du nicht Unrecht«, murmelte er dabei. 

»Hör mal, ich sage ja nicht, dass Lex und die anderen schlecht sind«, ruderte ich etwas zurück. »Ich überlege bloß, wie man es besser machen könnte. Im Grunde möchte ich genau dasselbe wie sie: die Ungerechtigkeiten im Umland beseitigen. Aber ich würde es lieber in einer Weise tun, die keine zusätzlichen Ungerechtigkeiten verursacht. Verstehst du?«

»Ja, das verstehe ich schon«, bestätigte er nickend. »Vielleicht könntest du mit Lex darüber reden? Ihm deine Vorschläge mitteilen. Ich glaube, er würde dir zuhören. Immerhin bist du die Tochter von Reos. Und von Reos hält er sehr viel, das habe ich öfter mitbekommen.«

Ja, ich hatte auch schon mitbekommen, dass da ein enges Band zwischen meinem Vater und Lex bestand. Und das war auch der Grund, wieso ich nicht meinen Vater nach One oder Nikk fragte. Ich vertraute auch ihm nicht - und dieser Gedanke schmerzte. Da hatte ich meinen Vater nach so vielen Jahren zurückbekommen, und dennoch existierte eine scheinbar unüberbrückbare Distanz zwischen uns. 

»Wollen wir Karten spielen?«, schlug Logan einen Moment später vor und kramte einen Stapel Karten aus seiner Hosentasche. »Ich habe gestern einen neuen Trick gelernt, den kann ich dir zeigen. Du wirst staunen!«

Ich war froh über den Themenwechsel, willigte ein und folgte ihm, nachdem ich mir etwas zu essen besorgt hatte, zu seinem Zelt. 

»Wie lange bleibst du eigentlich noch hier im Lager?«, fragte ich ihn dabei. »Oder nimmst du das Angebot an und bleibst langfristig?«

»Ich denke darüber nach«, erwiderte Logan. »Wahrscheinlich werde ich bleiben. Es gefällt mir hier und ich habe schon Freunde gefunden. Außerdem möchte ich dich nur ungerne hier allein lassen.«

»Ich brauche keinen Aufpasser«, wandte ich schnaubend ein.

»Das meine ich nicht. Wahrscheinlich könntest du sogar besser auf mich aufpassen, als ich auf dich. Ich …« Er zögerte, bevor er fortfuhr. »Ich bin einfach gerne in deiner Nähe«, sagte er schließlich und zuckte mit den Schultern. 

Daraufhin runzelte ich die Stirn. Es gefiel mir nicht, was er da sagte. Es hörte sich ja beinahe so an, als würde er etwas für mich empfinden. Das konnte ich wirklich nicht gebrauchen. Logan war kein schlechter Kerl, und er war nützlich, wenn es darum ging, mich abzulenken, aber wenn er hoffte, dass zwischen uns mal mehr laufen könnte, würde ich ihn enttäuschen. Selbst wenn ich irgendwann über One hinwegkommen sollte, wäre Logan nicht der Mann, auf den ich mich einlassen würde. Ich würde mich auf niemanden einlassen. Nie wieder. 

»Quatsch nicht so einen Mist und zeig mir deinen blöden Kartentrick«, lenkte ich schließlich auch von diesem Thema ab.

Nach ein paar Stunden verließ ich das Zelt von Logan wieder und machte mich auf den Weg zu dem von meinem Vater. Dabei traf ich auf Aljona, die mir die angekündigten Eiweiß-Präparate brachte.

»Nimm täglich die angegebene Menge ein und mache zusätzlich richtiges Muskeltraining, wie ich es dir gesagt habe«, fügte sie noch hinzu, als sie mir die Dose reichte. »Dann wirst du vielleicht bald schon einen der Kerle hier im Armdrücken besiegen können. Ich würde das auf jeden Fall zu gerne sehen. Bisher bin ich die einzige Frau im Lager, die das geschafft hat. Und glaub mir, diese Genugtuung, die du danach verspürst, ist jede Anstrengung und Mühe wert.«

Lächelnd bedankte ich mich bei ihr und setzte meinen Weg fort. Vor dem Zelt passte mich mein Vater ab und bat mich, mit ihm zu kommen. »Lex möchte mit dir sprechen«, erklärte er dabei.

Ich spürte, wie in mir sofort der Widerwillen aufglomm, sobald ich diesen Namen hörte. Doch nach außen hin nickte ich bloß und folgte meinem Vater. Er führte mich zu Lex‘ Arbeitsraum, wo dieser an seinem Schreibtisch thronte. Mit einem Lächeln begrüßte er mich und nickte meinem Vater zu, woraufhin er uns allein ließ.

»Wie geht es dir, Riley?«, erkundigte sich Lex, sobald ich mich gesetzt hatte.

»Gut«, erwiderte ich und nahm eine vollkommen entspannte Haltung ein. »Das Training wirkt Wunder. Am liebsten würde ich den ganzen Tag draußen auf dem Feld verbringen.«

Er nickte. »Aljona hat mir schon erzählt, wie wild du darauf bist, alles von ihr zu lernen. Es freut mich, dass du einen Weg gefunden hast, um mit dem, was geschehen ist, umzugehen.«

»Es überrascht mich selbst, dass es mir so leicht fällt, die Tatsachen zu akzeptieren. Ich hatte damit gerechnet, dass ich viel härter und vor allem länger darunter leiden würde«, log ich ihm vor und klang zu meiner Erleichterung völlig aufrichtig.

»Du bist ein starker Charakter, Riley. Das habe ich gleich gesehen«, wandte Lex mit einem wohlwollenden Lächeln ein. »Und genau solche Menschen wie dich kann ich hier an meiner Seite gebrauchen. Ich freue mich schon darauf, dich in alles einzuweihen, sobald du bereit dazu bist.«

Ich war zufrieden. Er sollte ruhig glauben, dass ich mich bereits auf seine Seite schlug, auch wenn es nicht stimmte. Noch war ich nicht bereit dazu, auch wenn ich nach außen hin vorgab, es zu sein.

Am liebsten hätte ich mich nach Nikk und den anderen Huntern erkundigt; hätte Lex ausgefragt, was man ihnen antat und was man noch mit ihnen vorhatte. Doch ich schluckte diesen Drang mühsam herunter. Auch wenn er mir mittlerweile wieder etwas zu vertrauen schien, musste ich die Beziehung zwischen uns weiter ausbauen, bevor ich ihm Fragen dieser Art stellen konnte. Sonst würde er daraus andere Schlüsse ziehen. Die richtigen Schlüsse. Dass ich mich um das Wohl der Gefangenen sorgte, nicht einfach nur neugierig war. Und das wollte ich nicht. Ich wollte, dass er mir vertraute und glaubte, dass ich gegen die Hunter war und vollkommen auf seiner Seite stand - damit er mich in seine Pläne einweihte. Mir haarklein erzählte, was hier vor sich ging, was er noch vorhatte. Und ich wollte mich einbringen, eventuell etwas mitbestimmen, wenn mir seine Pläne missfielen. Doch bis dahin war es noch ein langer Weg. Ein harter Weg, den ich mir erkämpfen musste. Ein Weg voller Widerwillen und Hass auf das, was ich dafür tun musste. Aber was blieb mir sonst übrig? Irgendeinen Weg musste ich einschlagen, auf der Stelle treten oder mich irgendwo verkriechen und bemitleiden, kam nicht infrage. Daran würde ich zugrunde gehen und das wollte ich nicht. Ich hatte so viele Jahre gekämpft und ich würde es weiterhin tun, bis zu meinem letzten Atemzug. Vielleicht lag dieser große Wille, zu leben, einfach in meiner Natur und ich konnte nichts dagegen machen, sondern mich lediglich diesem Drang beugen. Auf welche Weise auch immer.

Kurz darauf verabschiedete sich Lex von mir und teilte mir damit unmissverständlich mit, dass ich nun wieder gehen sollte. Ich fragte mich, wozu dieser kurze Besuch überhaupt nötig gewesen war, während ich zum Zelt meines Vaters ging. Wahrscheinlich wollte er bloß überprüfen, wie weit ich damit war, über One hinwegzukommen. Ich konnte nur hoffen, dass ich ihn davon überzeugt hatte, dass es mir mittlerweile besser ging. Lex hatte hier das Sagen und war derjenige, dessen Vertrauen ich gewinnen musste. Das war mein momentanes Ziel. 

»Hast du schon gehört? Er ist endlich aufgewacht«, vernahm ich Stimmengemurmel von irgendwoher und blieb stehen. Langsam schlich ich mich in die Richtung, aus der es kam.

»Hat Lex ihn schon vernommen?«, wollte nun eine andere Stimme wissen.

»Keine Ahnung, aber wenn Lex mich lässt, quetsche ich schon die nötigen Informationen aus ihm heraus!«

»Der macht dich doch noch in seinem halbtoten Zustand fertig, du Lauch!«

»Nicht, wenn er angekettet ist und drei Männer eine Waffe gegen seinen Kopf richten.«

Es folgte wieherndes Gelächter, was mich dazu brachte, die Hände zu Fäusten zu ballen. Ich biss die Zähne aufeinander, drehte mich um und ging zum Zelt meines Vaters.

30. Kapitel

 

 


Liegestütze, Kniebeugen, Training mit kleinen Hanteln – ich hatte mir Aljonas Worte zu Herzen genommen, um meine Muskeln präzise aufzubauen, und beschäftigte mich in den nächsten Tagen ausgiebig damit. 

»Du bist ganz schön fleißig«, sagte mein Vater, als er das Zelt betrat und mich auf dem Boden entdeckte.

Ich beendete die letzten Sit-ups und stand auf. »Welchen Nutzen habe ich für euch, wenn ich nicht stark genug bin?«, entgegnete ich schließlich.

Er musterte mich einen Moment lang und nickte. »Ich bin froh und erleichtert, dass du dich für unsere Seite entschieden hast, Riley.«

Ich nickte und wischte mir die Stirn mit einem Handtuch ab. »Ich habe mich für die Gerechtigkeit entschieden und gegen den Mann, der meine halbe Familie auf dem Gewissen hat.«

Vielleicht war diese Aussage nicht einmal gelogen, auch wenn weiterhin tiefe Gefühle für One in mir vorhanden waren. Zumindest hatte ich mittlerweile aufgehört, mich jede Nacht in den Schlaf zu weinen. Das einzige, was ich jetzt noch wollte, war, von ihm direkt zu hören, dass er damals an den Reinigungen beteiligt gewesen war. An der Beseitigung meiner Siedlung. Das würde mir dabei helfen, einen richtigen Schlussstrich zu ziehen und mit diesem Kapitel abzuschließen. Doch das würde nicht automatisch bedeuten, dass ich mich ohne Bedenken Lex anschloss. Zuerst musste ich herausfinden, was genau er wirklich vorhatte, und dann würde ich entscheiden, ob ich mich an seinem Kampf beteiligte oder nicht. Aber das musste mein Vater nicht so genau wissen, er sollte ruhig glauben, dass ich mittlerweile auf seiner und Lex' Seite stand.

»Du hättest nicht all die Jahre allein im Umland überlebt, wenn du nicht sehr stark wärst«, merkte der nun an, als ich erneut zu Boden ging und mich in die Position für Liegestütze brachte. »Mir vorzustellen, wie du ganz allein da draußen herumirrst, tagelang nichts zu essen hast, keinen sicheren Schlafplatz …« Er schüttelte den Kopf. »Diese Vorstellung verfolgt mich seit dem Augenblick, als ich dich in Lex‘ Arbeitszimmer habe stehen sehen.«

»Ich habe es überlebt«, wandte ich ein, sobald ich meinen ersten Satz beendet hatte. »Und ich bin dadurch stärker geworden. Man entdeckt seine Stärken erst in solchen Extremsituationen.«

»Ja, das ist richtig«, bestätigte er nickend. »Ich sehe eine unglaubliche Stärke in dir ruhen und wüten. Das ist bewundernswert. Für mich warst du immer nur mein kleiner, blonder Engel mit den großen, neugierigen Augen. Wenn ich dich jetzt anschaue, sehe ich eine mutige junge Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht. Ich bin sehr stolz auf dich, Kind.«

Ich machte die Liegestütze zu Ende und richtete mich dann wieder auf. »Danke, Papa.« Ein warmes Gefühl durchzog meine Brust. »Es bedeutet mir viel, was du da sagst.« Und das tat es wirklich. Auch wenn weiterhin eine gewisse Distanz zwischen uns herrschte, war mir seine Meinung wichtig.

»Es ist die Wahrheit. Ich bin unheimlich stolz auf dich. Und Lex ist es auch. Er sieht, wie viel Mühe du dir gibst, um deinen Platz bei uns zu finden.«

Ich schluckte unauffällig und ließ meinen Vater weitersprechen. Ich hoffte, durch ihn erfahren zu können, ob es mir endlich gelungen war, Lex' Vertrauen zu gewinnen.

»Du kannst uns eine sehr große Hilfe sein, Riley«, sagte er schließlich. »Möchtest du helfen?«

»Natürlich möchte ich helfen«, bestätigte ich voller Entschlossenheit.

»Gut. Denn genau jetzt benötigen wir deine Hilfe ganz dringend.« Er trat auf mich zu und legte seine Hände auf meine Schultern. »Der Anführer der Hunter spricht nicht mit uns. Lex hat schon einiges probiert, um ihn zum Reden zu bewegen, aber nichts davon hat Wirkung gezeigt. Der Bursche ist zäh.«

Ich verspannte mich, als ich das hörte. Sofort tauchten Bilder vor meinem inneren Auge auf, die mir allerlei Grausamkeiten aufzeigten und die ich nur mühsam wieder verdrängen konnte. 

»Und jetzt wollt ihr, dass ich mein Glück versuche?«, hakte ich nach und gab mein Bestes, vollkommen ruhig zu klingen und mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich diese Information bewegte.

»Ja. Würdest du das tun?«

In meinem Inneren wuchs der Aufruhr, doch ich reckte bloß mein Kinn und schaute meinen Vater entschlossen an. »Wenn ihr mir genug vertraut, dann werde ich es versuchen.«

Er legte mir beide Hände an die Wangen und lächelte. »Wir vertrauen dir, Riley. Wir glauben an dich und daran, dass du auf der richtigen Seite stehst. Heute Abend möchte Lex alles ausführlich mit dir besprechen. Und vielleicht können wir mit deiner Hilfe bald schon einen großen Erfolg für uns verbuchen.«

»Ich werde euch nicht enttäuschen«, sagte ich daraufhin und ignorierte mein heftiges Herzklopfen, wenn ich daran dachte, dass ich bald schon One wiedersehen könnte.

Mein Vater wartete, bis ich mein Training beendet hatte, dann gingen wir zusammen etwas essen. Dabei gesellte sich Logan zu uns und ich stellte – nicht zum ersten Mal – fest, dass mein Vater tatsächlich versuchte, ihn und mich einander näher zu bringen. Was erhoffte er sich bloß davon? Dachte er vielleicht, ich wurde die störenden Gefühle für den Hunter-Anführer schneller los, wenn ich mich mit einem anderen Kerl ablenkte? Am liebsten hätte ich die beiden zusammengestaucht, doch ich verkniff es mir. Womöglich war es gar nicht so schlecht, wenn mein Vater dachte, ich würde mich auf Logan einlassen. Dennoch widerstrebte es mir, mich in irgendeiner Hinsicht tatsächlich an Logan heranzumachen und mit seinen Gefühlen zu spielen. Ich war zwar bereit, einiges auf mich zu nehmen, um meine Ziele zu erreichen, aber ein paar Skrupel waren mir noch geblieben. Einem jungen Kerl vorsätzlich das Herz zu brechen, kam nicht infrage. Zumindest noch nicht. Ich konnte nicht sagen, ob die Verzweiflung mich nicht doch noch irgendwann dazu bewegen würde.

Nach dem Frühstück traf ich mich mit Aljona draußen auf dem Feld. Diesmal waren noch einige Männer aus dem Lager mit dabei, denn Aljona wollte mein sonstiges Training etwas erschweren und damit auch steigern. Gegen sie kam ich mittlerweile ganz gut an, deshalb erhöhte sie nun den Schwierigkeitsgrad. 

Als ich tatsächlich gegen einen der riesigen Typen in einem Zweikampf antreten sollte, regte sich etwas in mir. Ich wollte gegen ihn kämpfen. Ich wollte meine Grenzen an ihm ausloten. Und ich wollte ihm wehtun, denn vielleicht war er einer derjenigen, die One wehtaten. Oder Nikk.

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, setzte er mich innerhalb von wenigen Minuten außer Gefecht. Das machte mich so wütend, dass ich prompt wieder auf die Beine kam und auf ihn losging. Das Adrenalin, das wild in meinen Adern rauschte, verlieh mir zusätzliche Kräfte, und es gelang mir sogar, ihm einen Kinnhaken zu verpassen. 

»Nicht schlecht, Mädchen«, sagte er daraufhin und rieb sich über den Kiefer. »Aber noch einmal triffst du nicht.«

»Das werden wir ja sehen«, entgegnete ich und funkelte ihn herausfordernd an.

Er behielt Recht – ich landete keinen Treffer mehr, kassierte jedoch einiges ein. Als ich später ins Zelt meines Vaters zurückkehrte, musste ich die Wundersalbe für die blauen Flecken benutzen, die sich allmählich auf meiner Haut abzeichneten. Ich rieb die Stellen vorsichtig ein und dabei kam die Erinnerung an die Bisswunden, die One mir im Rausch größter Leidenschaft verpasst hatte, hoch. Male, die ich voller Stolz getragen hatte. Ein heftiges Kribbeln erfasste mein Inneres, Sehnsucht wallte in mir auf. Und Verlangen. 

Mit einem tiefen Seufzer schloss ich die Augen. Ich konnte den Hunter einfach nicht vergessen. Die Erinnerungen an solche Momente drängten sich mir immer wieder auf und stürzten mich ins Gefühlschaos. Und genau deshalb musste ich ihn wenigstens noch einmal sehen und mit ihm sprechen. Ich wollte aus seinem Mund hören, dass er dafür verantwortlich war, dass ich meine Mutter und Schwester verloren hatte. Ich brauchte diese Bestätigung, um mich vollkommen auf den Hass auf ihn konzentrieren zu können und alles andere auszublenden.

Da ich nach dem Training ziemlich erschöpft war, legte ich mich hin, um mich auszuruhen, bevor das Gespräch mit Lex stattfinden sollte. Ich konnte es kaum noch erwarten und gleichzeitig fürchtete ich mich davor. Ich hoffte, er würde mir endlich etwas sagen, was ich noch nicht wusste. Ich wollte alles über seine Pläne erfahren. Erst dann würde ich das tun, wovor es mir seit dem Gespräch mit meinem Vater graute. Ich würde zu One gehen und versuchen, die nötigen Informationen für Lex zu beschaffen. Gleichzeitig würde ich auch meine eigenen Ziele verfolgen und ihm die Frage stellen, die mir auf der Seele brannte. Warum? Warum hast du all diese Menschen umgebracht? Meine Mutter und meine Schwester. Wie konntest du das nur tun?

Doch zuerst musste ich mich innerlich sammeln, damit ich dieser Begegnung entgegentreten konnte. Damit ich nicht plötzlich zusammenbrach, sobald ich den Hunter vor mir sah. Allein der Gedanke, nach der verstrichenen Zeit – nach all den neuerworbenen Informationen – vor ihm zu stehen und in seine Augen zu blicken, machte mich schier wahnsinnig. Im Moment konnte ich nicht sagen, wie ich darauf reagieren würde. Deshalb musste ich mir eine angemessene Reaktion zusammenbasteln und eintrichtern, bis ich sie beherrschte. Weder Lex noch One durften wissen, wie es tatsächlich in mir aussah. Sie sollten das glauben, was ich sie glauben lassen wollte.

Während ich mit geschlossenen Augen auf dem Bett lag, legte ich mir im Kopf einen Plan zurecht. Dabei musste ich jede noch so kleine Einzelheit bedenken, alles abwägen und haarklein durchstrukturieren. Auf diese Weise bereitete ich mich auf das Treffen mit Lex und auf das wahrscheinlich danach folgende mit One vor. Hin und wieder stand ich auf und ging in dem kleinen Raum auf und ab, raufte mir die Haare und legte mich wieder hin. Wie zum Teufel sollte ich dem Mann gegenübertreten, von dem ich wusste, dass er meine Mutter und Schwester, sowie unzählige weitere Leute auf dem Gewissen hatte? Was war die angemessene Reaktion darauf? Gab es überhaupt eine? Konnte ich sie ausführen?

Ich atmete tief durch, ballte die Hände zu Fäusten und nickte mir selbst zu. Ich musste es irgendwie schaffen. Und ich würde es schaffen. Mir blieb nichts anderes übrig.

Als mein Vater abends zu mir kam und mir mitteilte, dass Lex nun Zeit für mich hätte, hatte ich mich gefasst. Ich war bereit, weil ich keine andere Wahl hatte.

Lex empfing mich nicht mit dem Lächeln, das er sonst für mich übrig hatte, sondern mit ernster Miene. Nachdem mein Vater uns allein gelassen hatte, setzte ich mich auf das Sofa und schaute ihm genauso ernst entgegen.

»Reos hat dir bereits mitgeteilt, was ich mir von dir erhoffe«, eröffnete er das Gespräch ohne Umschweife. 

»Ja«, bestätigte ich mit einem Nicken. »Ihr kommt bei dem Anführer nicht weiter, deshalb benötigt ihr meine Hilfe.«

»Wir haben schon wichtige Informationen von unseren Kontaktmännern erhalten, die sich im Hauptquartier befinden, doch die reichen noch nicht aus, um bei dem bevorstehenden Kampf die Oberhand zu gewinnen«, erklärte Lex.

»Und Sie glauben, dass ich Ihnen das Nötige dafür beschaffen kann?«, hakte ich nach. Es überraschte mich, dass er das dachte. Aber es war mir nur recht, denn so kam ich meinem Ziel näher.

»Was glaubst du denn, Riley?«, entgegnete er und lächelte diesmal.

Ich reckte mein Kinn und nickte. »Ich glaube, dass Sie mit Ihrer Vermutung richtig liegen.«

»Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände übereinander. »Ich denke, du bist jetzt soweit. Du bist dort angekommen, wo du hingehörst. An meiner Seite.«

Ich nickte und erwiderte seinen eindringlichen Blick, ohne einmal abzuweichen. »Ich stehe auf der Seite der Gerechtigkeit. Und ich möchte alles über Ihre Pläne erfahren.«

»Das wirst du auch noch. Im Moment reicht es, wenn du weißt, dass wir sehr viele Menschen auf unserer Seite haben. Sie sind überall im Umland verteilt, leben in ähnlichen Lagern wie unserem hier oder in anderen Verstecken. Es sind alles Leute, die unsere Ansichten und Vorstellungen teilen und an meiner Seite kämpfen wollen. Auf der Seite der Gerechtigkeit, wie du eben so schön formuliert hast. Und wir haben auch viele Hunter auf unserer Seite. Nicht nur aus dem Hauptquartier im Norden, sondern überall auf der Welt verteilt. Unser Netzwerk weitet sich täglich aus. Sie alle haben es satt, ihre Seelen für die Machenschaften der Empire-Regierungen zu opfern. Nein, sie wollen gegen diese Leute antreten. Es fehlt nicht mehr viel, dann kann unser Kampf beginnen.« Lex erhob sich und legte seine Hände flach auf seinen Schreibtisch. »Das, was wir jetzt noch wissen müssen, ist ein Code. Beziehungsweise mehrere Codes. Diese Zahlenkombinationen werden für Waffen verwendet, die jeden Aufstand, der außer Kontrolle gerät, innerhalb von wenigen Minuten dem Erdboden gleich machen können. Das bedeutet: Wenn ich mit meinen Leuten in den Kampf ziehe und wir diese Waffen nicht zuvor ausschalten, wird man uns schnell vernichten. Zwei der drei Codes konnten wir bereits in Erfahrung bringen, doch einer fehlt uns noch. Taleon One kennt diesen Code. Sobald wir ihn haben, werden wir den Kampf gewinnen.«

»Was sind das für Waffen?«, wollte ich wissen und verarbeitete diese neuen Informationen.

»Es sind Raketen und Bomben«, erwiderte Lex. »Atomwaffen. Etwas, das unsere schöne Welt schon einmal ins kaum übersichtliche Chaos gestürzt hat.«

»Atomwaffen?«, wiederholte ich mit gerunzelter Stirn. »Davon habe ich noch nie etwas gehört.«

»Nein, natürlich nicht. Solche Informationen gehen nicht im Umland hausieren, Riley«, wandte er lächelnd ein. »Aber ich weiß, dass es diese Waffen gibt. Und ich weiß, welchen gigantischen Schaden sie anrichten können. Glaube mir, so etwas möchtest du nicht erleben.«

»Dann erzählen Sie es mir«, forderte ich ihn auf. »Ich möchte alles darüber wissen. Jetzt! Und dann werde ich Ihnen helfen, ich gebe Ihnen mein Wort.« 

»Die Welt war nicht immer so, wie sie jetzt ist, Riley«, begann Lex und setzte sich langsam wieder hin. »Früher, vor vielen, vielen Jahrzehnten war sie anders. Nicht, was die Ungerechtigkeiten oder die Kluft zwischen Arm und Reich betrifft, aber zumindest hatten doch viele die Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. Privilegierte und Nicht-Privilegierte lebten näher aneinander, als wir es heute kennen. Es gab keine Empire, die sich mit ihren hohen Mauern und Dächern vom Rest der Welt abschirmten und jeden hinter den Mauern verdammten. Große Städte und Dörfer existierten überall, die Welt war wunderschön. Nicht in allen Ecken, aber im Großen und Ganzen betrachtet war sie es. Lediglich ihre Ressourcen waren begrenzt, während die Menschen sich immer weiter vermehrten und ausbreiteten. Es gab Nationen, die in ihrer Gier nach Macht und Reichtum über die Grenzen hinausschossen. Zuerst begannen kleine Kriege, die man noch gut mit fadenscheinigen Erklärungen rechtfertigen konnte. Diejenigen, die unterdrückt wurden, versuchten dagegen anzukämpfen. Aber sie konnten nicht gewinnen. Nicht gegen all die Waffen und Technologien. Nicht gegen den Wunsch der Unterdrücker, alles und jeden zu beherrschen. Und letztendlich kam es zu größeren Kämpfen und Gefechten, bis eine Gruppe der Reichsten und Mächtigsten sich dazu entschloss, die Anzahl der Menschen auf diesem Planeten drastisch zu reduzieren. Still und heimlich begann man mit dem Bau der Empire. Mauern wurden errichtet und es wurde stark selektiert, wer das Privileg bekam, im Schutze dieser Mauern weiterleben zu dürfen. Sobald die Empire errichtet und ausgiebig getestet worden waren, begann man damit, die Gefechte immer weiter ausarten zu lassen, bis das Land außerhalb der Empire vollkommen dem Erdboden gleichgemacht worden war. Dabei haben die sogenannten Atomwaffen eine sehr große Rolle gespielt. Du musst wissen, so eine Atombombe zerstört einfach alles in ihrem Umkreis. Flora, Fauna, jegliches Leben. Diejenigen, die es dennoch überlebt hatten, litten an den Folgeschäden der Strahlung. Missbildungen, Krankheiten. Ich habe einmal Bilder gesehen …« Er schüttelte den Kopf. »Die werde ich nie vergessen, Riley.«

»Also haben die Vorfahren derjenigen, die heute in den Empire leben, vor langer Zeit sämtliches Leben im Umland vorsätzlich ausgelöscht?«, hakte ich ungläubig nach.

»Ganz genau. Das war an Grausamkeit kaum zu übertreffen, was damals auf der Welt vor sich ging. Viele Menschen hatten die Kriege kommen sehen und vor ihnen gewarnt, aber die Masse konnte das nicht glauben. In vielen Ländern gab es hochgebildete und aufgeklärte Menschen, aber sie waren eitel und hielten es nicht für möglich, dass es tatsächlich zu einem Krieg in ihrer zivilisierten Mitte kommen würde. Sie dachten, sie wären sicher … Und schließlich mussten die meisten von ihnen ihre Leben lassen, als es eskalierte und plötzlich die Atombomben flogen. Währenddessen haben die Privilegierten in den Empire hinter den sicheren Mauern gestanden und sich das Spektakel seelenruhig angeschaut. Die Strahlung, die die Bomben hinterlassen haben, ist auch heute noch an vielen Orten so hoch, dass dort menschliches Leben kaum möglich ist. Die meisten Flüsse sind verseucht, und diejenigen, die sich im Laufe der Zeit erholen konnten, wurden nach und nach von den Abfällen der Empire ebenfalls unbenutzbar gemacht. Während die Leute hinter den Mauern also in Sicherheit und mit allerlei Privilegien leben, ist die Bevölkerung im Umland zurück ins Steinzeitalter katapultiert worden. Erst mit der Zeit konnte sich hier draußen wieder ein einigermaßen normales Leben entwickeln. Der Mensch kann nicht an einer Stelle verharren, das habe ich dir ja bereits erzählt. Die Siedlungen waren ein unglaublicher Fortschritt, Bildung und Aufklärung fanden außerhalb der Mauern statt, und deshalb mussten sie weg. Man braucht niemanden im Umland, der einem irgendwann gefährlich werden könnte.«

»Wie kann es dann sein, dass es solche Lager gibt?«, fragte ich und deutete um mich herum. »Wissen die Leute im Empire nichts davon? Oder die Hunter?«

»Nichts Genaues. Durch unsere Kontaktleute sind wir stets darüber informiert, was hinter den Mauern vor sich geht. Sobald eine Mission startet, die uns gefährlich werden könnte, ziehen wir uns zurück und verstecken uns, bis die Luft wieder rein ist.«

»Clever«, murmelte ich und nickte anerkennend.

Lex lächelte, wurde dann aber wieder ernst. »Die Welt kann besser werden, Riley. Wir können sie besser machen.«

»Indem ihr neue Kriege anfangt? Ist das wirklich die Lösung?«

Er antwortete nicht sofort, stand auf und kam zu mir. »Es wird Verluste geben, das ist richtig. Aber welche andere Wahl bleibt uns, Riley? Das hier draußen ist doch kein richtiges Leben. Welche Perspektiven und Optionen eröffnen sich denn uns, wenn sich nichts ändert? Hm?«

Ich senkte den Blick und schluckte. Unrecht hatte er nicht …

»Krankheiten, Armut, Tod. Wenn ich für ein besseres Leben diejenigen opfern muss, die dafür verantwortlich sind, dass es hier draußen kaum erträglich ist, dann nehme ich das gerne in Kauf!«, fuhr Lex fort und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Ich will Gerechtigkeit. Und die bekomme ich nicht einfach so. Was willst du? Was erwartest du von deinem Leben, Riley?«

»Keine Ahnung …«

»Dann setze dir Ziele. Setze dir hohe Ziele, auch wenn sie dir jetzt noch unerreichbar erscheinen. Du willst nicht mehr herumirren und dich nachts verstecken, nicht wahr? Du willst ein sicheres Zuhause, Nahrung, sauberes Trinkwasser, Bildung. Unterbrich mich, wenn ich mich irre.«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie irren sich nicht.«

»Gut«, fuhr er lächelnd fort, bevor sein Gesichtsausdruck wieder ernst wurde. »Vielleicht willst du auch Vergeltung?«

Ich spannte mich an und blickte zur Seite, direkt in seine grauen Augen. »Rache?«

»Oder so. Diejenigen, die für den Tod deiner Mutter und Schwester, sowie deiner Freunde und Bekannten verantwortlich sind, könnten ihre gerechte Strafe für ihre Taten erhalten. Wäre das verkehrt?« 

Meine Hände ballten sich automatisch zu Fäusten. »Nein.«

»Nein. Es wäre nur gerecht. Denk in Ruhe über meine Worte nach.« Er drückte noch einmal meine Schulter und stand dann auf. »Morgen früh möchte ich, dass du mich begleitest. Zu Taleon One. Es sei denn, du bist noch nicht bereit dafür ...?«

Sein eindringlicher Blick durchbohrte mich regelrecht und ich hatte wahnsinnig große Mühe, ihm standzuhalten. Aber es gelang mir. »Ich bin bereit. Ich möchte helfen.«

Kurz darauf kehrte ich zurück zum Zelt meines Vaters und setzte mich aufs Bett. Mein Kopf war voll von dem, was ich von Lex erfahren hatte. Er platzte beinahe, so viele Gedanken schwirrten darin herum. Ich musste sie sortieren und verarbeiten. Das, was ich erfahren hatte, war einfach nur schrecklich! Doch im Vordergrund stand erst einmal der morgige Besuch, auf diesen musste ich mich konzentrieren. Nach dem Gespräch mit Lex war das noch schwerer als zuvor. Vergeltung, Rache … Ich wollte es! Aber wie sollte ich sie an One üben? Wie sollte ich es schaffen, ihn für das, was er getan hatte, zu bestrafen? Könnte ich das? Allein die Vorstellung, ihn in ein paar Stunden womöglich schwerverletzt zu sehen, bereitete mir Magenschmerzen. So heftige, dass ich trotz der Müdigkeit nicht einschlafen konnte. 

Dementsprechend fertig war ich, als mein Vater mich am nächsten Morgen aus dem Bett holte. Während ich duschte, sammelte ich mich innerlich so gut ich konnte, ging noch einmal meine Pläne bezüglich der Reaktion auf One durch und verinnerlichte sie zum wiederholten Male. Ich konnte nur hoffen, dass es funktionieren würde und niemand etwas bemerkte, was ich nicht preisgeben wollte.

Anschließend begab ich mich zu Lex, der in seinem Arbeitsraum auf mich wartete. Er empfing mich mit einem wohlwollenden Lächeln, das ich nicht erwiderte. Wenn ich mich zu locker und gelassen gab, würde er sicherlich Verdacht schöpfen. Nein, einige natürliche Gefühlsregungen wegen des bevorstehenden Treffens konnten nicht verkehrt sein.

»Bist du bereit, Riley?«, wollte Lex wissen und trat zu mir.

»Ja«, erwiderte ich nickend.

»Du bist sicher sehr nervös.«

»Man begegnet nicht jeden Tag dem Mörder seiner Mutter und Schwester.« Ich schluckte unauffällig.

»Nein, Gott sei Dank nicht.« Lex bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen.

Wir verließen das große Zelt und begaben uns zu einem der Tore, die nach draußen führten. Ich schaute mich um und sah, dass wir von einigen Männern begleitet wurden, die uns in kurzer Entfernung folgten.

»Der Anführer ist nicht im Lager?«, hakte ich nach.

»Nein. Ich habe dir ja bereits erklärt, dass ich kein Risiko eingehen möchte. Wir haben noch einen kleinen Bunker in der Nähe, dort ist er sicher verwahrt.«

Ich spürte, dass sich mein Herzschlag mit jedem Schritt beschleunigte und die Nervosität stetig wuchs. Ich begann zu schwitzen, obwohl es noch recht kühl war am frühen Morgen. 

»Haben Sie sich überlegt, wie ich den Code aus ihm herausbekommen soll?«, wollte ich von Lex wissen und lenkte mich gleichzeitig von meinen Gefühlen ab.

Er blieb stehen und schenkte mir ein Lächeln, das mir mein Verstand als bösartig vorgaukelte. Oder war es vielleicht wirklich bösartig? »Ich habe mir durchaus überlegt, wie du das anstellen könntest«, sagte er im nächsten Moment und wirkte wieder völlig ernst. »Wir haben es mit Gewalt probiert und das hat nicht funktioniert. Das erwartet er. Darauf wurde er in intensiven Übungen vorbereitet. Du sollst dir sein Vertrauen erschleichen, Riley.«

Ich schluckte schwer. »Ich bezweifle, dass er -«

»Zweifle nicht an dir«, unterbrach er mich. »Behalte immer im Kopf, dass du damit vielen Menschen das Leben retten wirst.«

Und es vielen anderen nehmen werde, setzte ich in Gedanken fort.

»Du darfst ihm nicht erzählen, was genau wir vorhaben«, fuhr Lex fort. 

»Es wird schwer, sein Vertrauen zu gewinnen, wenn ich ihm nichts sagen darf. Vielleicht könnte ich ihn damit auf unsere Seite ziehen?«

»Den Mörder deiner Mutter und Schwester?«, hakte er nach. »Möchtest du das etwa, an der Seite dieses Mannes kämpfen?«

Ich biss die Zähne aufeinander und schüttelte den Kopf. »Ich weiß sonst nicht, wie ich an den Code kommen könnte«, wandte ich ein.

»Dir wird etwas einfallen, ich habe vollstes Vertrauen in dich, Riley. Und wenn es dir nicht gelingt, werden wir uns etwas anderes einfallen lassen. Aber im Moment bis du unsere einzige Hoffnung.«

Wir gingen weiter und meine Nervosität wuchs ins Unermessliche. Ich musste mit so vielen Dingen auf einmal fertig werden - das Wiedersehen mit One, meine Gefühle und nun auch die Bürde, die Lex mir auferlegte. Wie zum Teufel sollte ich das schaffen? Was dachte Lex sich dabei? Und was hatte ich mir bloß dabei gedacht, auf dieses Treffen zu pochen? Ich war doch überhaupt noch nicht soweit! Der Plan, den ich mir zurechtgelegt hatte ... An diesen konnte ich mich nicht einmal mehr erinnern!

»Wir sind da.« Lex hielt vor einer mit dichtem Blattwerk bewachsenen Wand und öffnete eine Tür, die ich auf den ersten Blick nicht erkennen konnte. 

Über eine Treppe gelangten wir nach unten zu einer weiteren Tür, die von zwei Männern bewacht wurde. Hinter dieser eröffnete sich uns ein schmaler, dunkler Gang, der von vereinzelten Lichtern an der Wand erleuchtet wurde.

Und dann blieb Lex vor einer letzten Tür stehen, die sehr schwer und massiv aussah. Ich wischte meine schweißnassen Hände an der Hose ab, während mir das Herz bis zum Hals klopfte. Auch mein Magen begann zu rebellieren.

Lex musterte mich prüfend. »Taleon One befindet sich hinter dieser Tür. Er ist angekettet und wird von mehreren Männern bewacht. Du brauchst dir also keine Sorgen um deine Sicherheit zu machen.«

Die Zeit begann plötzlich viel zu schnell voranzuschreiten. Im Handumdrehen hatte Lex einen Schlüssel hervorgeholt und ihn in das Schloss der Tür gesteckt. Ein ohrenbetäubend lautes Quietschen ertönte und ich widerstand nur mit Mühe dem Drang, mir die Ohren zuzuhalten. Auf einmal war jedes einzelne Geräusch viel zu laut – Lex‘ Stimme, die zu jemandem im Raum dahinter sprach, meine abgehackte Atmung, mein rasendes Herz. 

Dann blickte Lex zu mir und nickte mir auffordernd zu. Mit zittrigen Knien machte ich die ersten Schritte hinein und konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken, als mein Blick auf den Mann fiel, der an der gegenüberliegenden Wand in Ketten hing. Meine Brust zog sich beinahe schon schmerzhaft zusammen, als ich die Wunden an seinen Armen und auf seinem nackten Oberkörper registrierte. Sein Kopf hing schlaff herunter und sein nasses Haar bedeckte sein Gesicht.

»Ist er …«, flüsterte ich erstickt und hielt inne, als One den Kopf anhob und mir direkt in die Augen sah. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand eine Faust mit voller Kraft in die Brust gerammt. Ich keuchte und wich zurück.

Seine Augen … Für einen Moment hatten Ungläubigkeit und Überraschung in ihnen gestanden. Ein zarter Hoffnungsschimmer war kurz aufgeglommen und gleich wieder erloschen. Jetzt blickten sie mir ausdruckslos entgegen. Vollkommen leer.

Der Mann vor mir war gebrochen, und in mir zerbrach auch etwas erneut in unzählige Teile. 

»Ich kann das nicht«, murmelte ich und drehte mich um. Panisch floh ich aus den Raum in den schmalen Gang, stieß mit einem der Männer, die uns begleiteten, zusammen und fiel rückwärts auf meinen Hintern. Meine Sicht verschwamm, als sich Tränen an die Oberfläche drängten und letztendlich über meine Wangen liefen. Der Riese über mir streckte mir eine Hand hin und half mir zurück auf die Füße.

»Riley«, erklang es hinter mir. 

Ich drehte mich zu Lex um und schüttelte den Kopf. »Ich kann das nicht«, wiederholte ich noch einmal. »Ich habe mich geirrt.«

»Doch, du kannst es!«, entgegnete er mit entschlossenem Blick. »Du bist stark. Geh da rein und beweise dich. Tu es für all diejenigen, die dieser Mann da drin auf dem Gewissen hat! Befreie dich von ihm. Du schaffst das, das weiß ich!«

Ich ballte meine Hände zu Fäusten und atmete tief durch, schüttelte aber weiterhin den Kopf.

»Mach schon, Riley! Er hat deine Mutter und deine Schwester auf dem Gewissen«, sprach Lex weiter auf mich ein und legte seine zentnerschweren Hände fest auf meine Schultern. »Das schuldest du ihnen, verdammt nochmal!«

»Was soll ich denn tun?«, brach es mit einem Schluchzen aus mir heraus. »Was erwarten Sie von mir?«

»Ich erwarte, dass du endlich erkennst, dass dieser Mann da drin ein Monster ist. Er hat unzählige Menschen kaltblütig ermordet, darunter auch deine Mutter, deine Schwester und eure Freunde und Bekannte. Und dennoch empfindest du so viel für ihn. Das ist eine Schande, Riley. Deine Mutter würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie es sehen könnte!«

Etwas setzte in mir aus. Mit einem Knurren stieß ich Lex beiseite, rannte zurück in den Raum und zu dem Hunter. Mit der rechten Hand holte ich aus und verpasste ihm eine Ohrfeige. Und noch eine, bis mir die Haut an der Innenfläche höllisch brannte.

»Du hast sie umgebracht!«, spuckte ich ihm dabei ins Gesicht. »Du verfluchter Mörder! Ich hasse dich!« Diesmal nahm ich die andere Hand und schlug wieder zu. Immer wieder, wie im Rausch. Erst als mich die Kraft verließ, sank ich zu Boden und betrachtete meine Handflächen, die voller Blut waren. Mein eigenes und das von One.

Das war zu viel. »Oh Gott, was habe ich getan?«, wisperte ich und schüttelte abermals den Kopf. In meinen Ohren rauschte es laut. »Was habe ich bloß getan ...«

31. Kapitel

 

 


Was habe ich bloß getan ...

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter und zuckte zusammen.

»Riley.« Lex' Stimme holte mich aus dem dumpfen Strudel der Schuldgefühle, in dem ich mich befand.

Blinzelnd sah ich geradeaus auf das Gesicht des Hunters, das deutliche Spuren meiner Attacke trug. Durch seine geschwollenen Augen sah er mich an. Beinahe ... verständnisvoll. Wieso war da kein Hass in seinem Blick? Keine Wut. Nur Verständnis.

»Es tut mir leid«, wisperte ich kaum hörbar.

»Komm jetzt mit, Riley«, ergriff Lex erneut das Wort und fasste nach meinem Arm, um mich auf die Füße zu ziehen.

Ich schüttelte seine Hand ab und preschte nach vorne, um Ones Wangen vorsichtig zu berühren. Meinen gewaltigen Ausbruch in den weiteren Wunden zu sehen, die ich ihm nun zugefügt hatte, tat mir höllisch weh. Ich spürte seinen Schmerz wie meinen eigenen. Es zerriss mich. »Ich wollte das nicht«, murmelt ich betroffen und voller Hass auf mich selbst. »Ich -«

Vier Hände ergriffen meine Arme und zerrten mich von dem Hunter weg. 

»Lasst sie los!«, knurrte One und zerrte mit für seinen Zustand erstaunlicher Kraft an den Ketten, die seine Arme an der Wand festhielten. 

Ich wurde aus dem Raum in den Gang geschoben und fand mich vor Lex wieder. Wütend funkelte ich ihn an. »Was soll das? Lasst mich los!«

»Genau das wollte ich dich auch eben fragen – was sollte das, Riley?«, entgegnete Lex mit ernster Miene. »Du entschuldigst dich bei dem Mann, der deine Mutter und Schwester ermordet hat?«

»Aber … ich wollte ihm doch nicht wehtun! Nicht auf diese Weise. Ich … Sie! Sie haben mich dazu verleitet!«, fuhr ich ihn an und zerrte an meinen Armen, die immer noch festgehalten wurden. 

»Du hast das Richtige getan, und jetzt beruhige dich wieder!«, sagte Lex streng.

»Das Richtige? Inwiefern bin ich besser als er oder Sie, wenn ich jemandem so viel Gewalt antue? Das ist grausam. So bin ich nicht! Das da drin war nicht ich!«

»Doch, so bist du, wenn du es sein musst.« Lex umfasste meinen Kopf und fixierte ihn. »Du hast das Richtige getan, Riley. Bestrafe dich nicht für etwas, was ganz natürlich ist. Das Verlangen nach Vergeltung und Rache. Die kleinen Wunden, die du ihm zugefügt hast, hat er wahrscheinlich nicht einmal gespürt. Und es ist nichts im Vergleich zu dem, was dieser Mann auf dem Gewissen hat!«

Ich schüttelte den Kopf, wollte das alles nicht hören, nicht glauben. In mir kämpften zwei Seiten gegeneinander. Die eine, die von Lex' Worten genährt wurde, und die andere, die sich durch die in mir vorhandenen Gefühle für One am Leben erhielt. 

»Du musst dich ausruhen«, fuhr Lex fort und ließ von mir ab. Er nickte den Männern, die mich festhielten, knapp zu, woraufhin sie ebenfalls ihre Hände fortzogen. »Ich bringe dich zurück, dann kannst du dich ein wenig hinlegen. Gib dir etwas Zeit. Du bist so stark, Riley. Das ist bewundernswert. Und das, was da drin passiert ist …« Er deutete auf die nun verschlossene Tür, was mich schwer schlucken ließ. »Es wird dich noch stärker machen. Habe Vertrauen in dich und in mich. In uns alle. Wir werden die Welt besser machen.« Er nahm mich sanft bei der Hand und führte mich aus dem Bunker. »Du bist uns eine unglaublich große Hilfe, mein Mädchen.« 

Im nächsten Moment nahm ich ein Pieksen in meinem Oberarm wahr. Ich blickte nach unten und mein Kopf begann sich zu drehen. »Was …«, murmelte ich mit schwerer Zunge.

»Du wirst jetzt ein bisschen schlafen, Riley«, sagte Lex lächelnd. Sein Gesicht verschwamm zu einer fürchterlichen Fratze. »Danach fühlst du dich viel besser, vertrau mir.«

Mir fielen die Augen zu, dann spürte ich, wie ich den Halt unter den Füßen verlor. Die Schwärze umhüllte mich und lockte mich mit wundervollen Versprechungen von Ruhe und Frieden.

»Brauchen wir sie nicht noch da drin, Lex?«, hörte ich eine dumpfe Stimme von irgendwoher.

»Alles zu seiner Zeit, Mike. Ich habe gesehen, was ich sehen musste. Sie wird uns den Code beschaffen, da bin ich mir ganz sicher.«

 



Ich blinzelte und rollte meinen Kopf von einer zur anderen Seite. Viel zu grelles Licht blendete mich und ich schloss mit schmerzverzogenem Mund die Augen.

»Kleines?«

Verwirrt öffnete ich sie wieder und sah das Gesicht meines Vaters über mir. »Papa? Was ist … passiert?«

»Du bist umgekippt. Das alles war zu viel für dich.« Er strich mir über die Stirn. »Ich hätte wissen müssen, dass du noch nicht bereit dazu bist.«

»Bereit? Wofür bereit?« Kaum hatten die Worte meine Lippen verlassen, sah ich auch schon vereinzelte Bilder vor meinem inneren Auge auftauchen. 

Lex und ich im Bunker, One an der Wand in Ketten … meine Hände, die ihn schlugen.

Ich senkte meinen Blick und betrachtete die weißen Verbände, die meine Hände bedeckten. »Oh, Gott«, murmelte ich und biss mir auf die Lippe. »Ich habe es wirklich getan. Es war kein böser Traum.«

»Lex hat mir erzählt, was passiert ist.« Mein Vater hob mein Kinn an und betrachtete mich mitfühlend. »Es tut ihm leid, dass er dich so weit getrieben hat.«

»Ach, ja?« Ich konzentrierte mich darauf, mir alles, was Lex zu mir gesagt hatte, noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Langsam kamen die Erinnerungen wieder und regten großes Misstrauen in mir. Vor allem die leicht verzerrten Satzfetzen, die ich gehört hatte, bevor ich das Bewusstsein verlor. »Du glaubst nicht, dass er es gewollt hatte?«, hakte ich nach. »Dass er das nicht von Anfang an so geplant hatte?«

»Natürlich nicht. Wir brauchen deine Hilfe, das ist richtig, aber deine Gesundheit steht im Vordergrund. Du hast in letzter Zeit sehr viel trainiert und dich wohl etwas übernommen. Wir hätten mit dem Treffen noch ein wenig warten sollen.«

Ich musterte sein Gesicht und fragte mich, ob das Bedauern in seinem Blick echt war. Im Moment zweifelte ich an allem und jedem. Ich misstraute Lex und seinen Plänen, ebenso der Aufrichtigkeit meines Vaters. Was wurde hier gespielt? Tat es Lex wirklich leid, dass er mich dazu getrieben hatte, meine Fassung vollkommen zu verlieren? War mein Vater tatsächlich so sehr um meine Gesundheit besorgt, wie er vorgab? Ich konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, was stimmte und was nicht.

Seufzend fasste ich mir an die pochenden Schläfen. »Ich bin immer noch total fertig«, murmelte ich und drehte ihm den Rücken zu. »Lass mich bitte etwas schlafen.«

»Natürlich, Kleines. Ruh dich aus, das brauchst du.« Ich spürte seine Hand an meinem Kopf, dann hörte ich seine Schritte, die das Zelt verließen.

Sobald er weg war, atmete ich erleichtert aus und drehte mich wieder auf den Rücken. Mit kreisenden Bewegungen massierte ich meine Stirn, hinter der sich ein dumpfer Schmerz meldete. Bewusst begab ich mich gedanklich auf eine kurze Zeitreise zurück zu dem Augenblick, als ich aus dem Raum, in dem One gefangen gehalten wurde, stürzte. Zu dem Moment, als noch kein Blut von ihm an meinen Händen klebte. Was genau war danach geschehen? Wie hatte Lex es geschafft, mich so weit zu treiben, dass ich wieder hineinging und das tat, was ich nun so schrecklich bereute? Er hatte Dinge gesagt … meine Mutter und Schwester erwähnt … mich regelrecht aufgehetzt. Jedes Verständnis, das er zuvor stets gezeigt hatte, war auf einmal verschwunden. Er hatte mich bis zum Äußersten gereizt. Und er hatte gewollt, dass ich mich vergaß und etwas so Grausames tat! 

Aber wieso? Wie sollte ihm das bei seinen Plänen weiterhelfen?

Ich habe gesehen, was ich sehen musste. Sie wird uns den Code beschaffen, da bin ich mir ganz sicher.

Das waren die Worte, die ich gehört hatte, bevor alles um mich herum schwarz geworden war.

Was hatte Lex gesehen? Wie sollte ich ihm den Code beschaffen? Indem ich gewalttätig wurde? Glaubte er wirklich, das würde etwas bringen? Und was wichtiger war – dachte er tatsächlich, ich würde so etwas noch einmal tun? One wieder schlagen.

Er hat es schon einmal geschafft, dich in Rage zu versetzen, erklang es in meinem Kopf und ließ mich diesen sogleich heftig schütteln.

»Das wird ihm nie wieder gelingen!«, sagte ich voller Überzeugung und ballte die Hände so fest, dass meine Fingernägel sich schmerzhaft in den Verband bohrten. 

Die Bilder von One und den Wunden, die ich ihm zugefügt hatte, tauchten vor mir auf und ließen mich aufschluchzen. Es tat mir in der Seele weh, mich daran zu erinnern. Ich konnte einfach nicht fassen, dass ich tatsächlich dazu in der Lage gewesen war, ihm weitere Schmerzen zu bereiten, obwohl er bereits so viel durchlitten haben musste. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt in einem regelrechten Rausch befunden … und das machte mir nun höllische Angst. Wer war diese Person gewesen, die den angeketteten Mann, den sie zu lieben glaubte, ununterbrochen geschlagen hatte? Das konnte doch unmöglich ich gewesen sein! Ich hatte ihn nicht einmal zu Wort kommen lassen. Ihm keine Chance gegeben, sich zu erklären. Und dabei war das doch mein Ziel gewesen! Ich hatte Lex blind vertraut und ihn die Fäden ziehen lassen. Ich hatte mich völlig verloren.

Siedendheiße Wut packte mich und ich sprang vom Bett auf, um in dem kleinen Zelt auf und ab zu gehen. Am liebsten wäre ich zu Lex gerannt und hätte ihn zur Rede gestellt, aber ich gab diesem Drang nicht nach. Ich musste mich beherrschen und wieder unter Kontrolle bringen. Ich hatte Angst, dass er mich womöglich sonst erneut zu etwas verleiten könnte, was ich eigentlich nicht wollte. Lex war ein guter Redner, schien stets die richtigen Worte zu finden. So viele Leute folgten ihm, glaubten an ihn und bewunderten ihn. Auch ich hatte alles, was er mir am vergangenen Abend über die Empire und Privilegierten erzählt hatte, aufgesaugt wie ein vertrockneter Schwamm. Ebenso seine Erzählung über die Reinigungen der Siedlungen. Nichts davon hatte ich genügend hinterfragt. Ich hatte ihm geglaubt. Ihm und meinem Vater. Aber was, wenn sie beide nicht die Wahrheit sagten? Konnte das sein?

Ich setzte mich auf die Bettkante und legte meinen Kopf stöhnend in die Hände. Ich wusste einfach nicht, was ich noch glauben sollte. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und geflohen – vor Lex, vor meinem Vater, vor ihren Plänen; weit weggelaufen und nie wieder zurückgekommen. Aber etwas hielt mich zurück. Jemand.

»Taleon«, flüsterte ich und spürte, dass mir eine Träne über die Wange kullerte.

Selbst nach meinem brutalen Ausbruch hatte er noch versucht, mich zu beschützen, als die Wachen mich an den Armen gepackt hatten. War er wirklich der Böse? Das Monster, wie Lex ihn genannt hatte. Der Teil von mir, der so hartnäckig an One festhielt, bekämpfte vehement die Zweifel, die Lex und mein Vater so großzügig gestreut hatten. Ich wollte es nicht mehr glauben.

»Ich muss es herausfinden«, sagte ich und wischte mir über die tränennassen Wangen. Ich musste wissen, was One dazu zu sagen hatte. Diesen kleinen Vertrauensbonus schuldete ich ihm, nach allem, was er für mich getan hatte!

Entschlossen stand ich auf, zog hastig das Shirt aus, an dem vereinzelt Blutflecken prangten, und schmiss es in eine Ecke. Dann zerrte ich mir ein sauberes über und verließ das Zelt. 

Mit schnellen Schritten begab ich mich zu Lex‘ Arbeitsraum und wartete, bis die Wachen ihn über meinen Besuch informiert und sein Einverständnis eingeholt hatten, mich hinein zu lassen.

»Hallo, Riley«, begrüßte er mich lächelnd, als ich schließlich vor ihm stand. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dich heute noch zu sehen. Geht es dir wieder besser?«

Die Wut, die weiterhin in mir loderte und sich nicht verbergen ließ, nutzte ich, um ihm eine Lüge aufzutischen. »Ich bin so verdammt wütend, dass ich wie ein kleines Mädchen das Bewusstsein verloren habe!«, spie ich aus. Mir war beinahe so, als würde ich immer noch das Pieksen in meinem Oberarm spüren. Ich hatte nicht schlapp gemacht, da war ich mir sicher. Er musste mir etwas verabreicht haben, was mich bewusstlos werden ließ. Tat so etwas jemand, dem ich vertrauen konnte? Mich hinterrücks betäuben?

»Die Begegnung war sehr emotional für dich, da kann das schon mal passieren«, entgegnete Lex und lehnte sich zurück. Er hielt also daran fest, dass ich schlapp gemacht hatte und erwähnte nicht einmal, dass er nachgeholfen hatte. Was sagte das über ihn aus? Hielt er es für unnötig? Oder belog er mich, weil es ihm besser in den Kram passte? »Und ich habe dich zu sehr gedrängt. Das tut mir leid, Riley«, fügte er schließlich hinzu.

»Das hätten Sie nicht tun sollen, ja. Aber es ist nun mal passiert. Ich komme darüber hinweg.« Nie im Leben würde ich die Bilder dieses grausamen Aktes vergessen können! Niemals würde ich verzeihen, zu was er mich getrieben hatte!

»Das wirst du«, bestätigte er nickend. »Wie ich bereits oft gesagt habe – du bist sehr stark. Und bald wirst du auch sehen, dass das, was geschehen ist, dir geholfen hat.«

Ja, das hat es, erwiderte ich in Gedanken. Es hat mir die Augen geöffnet. Es hat mir geholfen, einiges jetzt klarer zu sehen, das Misstrauen, das sich immer wieder in mir gemeldet hatte, richtig zuzulassen.

»Wir alle müssen manchmal Dinge tun, die wir nicht wollen«, fuhr Lex fort. »Das schließt auch mich mit ein. Glaub mir, Riley, es ist mir nicht leicht gefallen, dich heute Morgen so hart zu bedrängen. Aber es war wichtig. Für dich und für mich.«

»Für Sie?«, wollte ich mit gerunzelter Stirn wissen. »Habe ich damit nicht Ihren Plan, das Vertrauen des Anführers zu gewinnen, vereitelt? Wie soll er mir jetzt noch vertrauen?«

»Das überlasse mal schön mir«, sagte er und zog erneut beide Mundwinkel auseinander. Sein Lächeln verursachte mir eine unangenehme Gänsehaut. »Wie sieht es aus, Riley? Wärst du bereit, noch einmal zu ihm zu gehen?«

Ich versteifte mich. »Jetzt?«

»Aber nein, Kind. Ich glaube nicht, dass du jetzt schon bereit dazu bist. Gönne dir ein paar Tage Erholung, lass deine Energie beim Training raus, und wenn du der Meinung bist, dass du dich vollständig unter Kontrolle hast, kommst du zu mir und ich erzähle dir von meinem neuen Plan. Wie klingt das?«

»Sie glauben also immer noch, dass ich Ihnen eine Hilfe sein werde?«, hakte ich skeptisch nach.

»Oh, davon bin ich felsenfest überzeugt. Habe Vertrauen in dich, Riley. Du hast mir jetzt schon sehr geholfen.«

Als ich kurze Zeit später das Hauptzelt wieder verließ, wurde ich von einem merkwürdigen Unwohlsein begleitet. Was hatte Lex als nächstes geplant? Wieso war er so überzeugt davon, dass ich ihm den Code liefern würde?  

Ich habe gesehen, was ich sehen musste.

Ich dachte noch einmal zurück an die Ereignisse im Bunker und blieb abrupt stehen, als mir etwas in den Sinn kam, was ich zuvor nicht bedacht hatte.

Ja, Lex hatte etwas gesehen. Nicht nur meinen Ausraster und meinen Gefühlsausbruch, sondern auch Ones Reaktionen darauf. Sein Aufbegehren, als man mich gepackt hatte, um mich aus dem Raum zu schleifen. Lex war nun nicht mehr nur bewusst, was ich für den Hunter empfand, für ihn könnte es so aussehen, als würde der Anführer diese Gefühle erwidern.

Er wird seine Gefühle gegen ihn verwenden. Diese Erkenntnis ließ mich erzittern. Ich war mir jetzt schon sicher, dass mir Lex‘ neuer Plan nicht gefallen würde. 

 

 


In den nächsten Tagen wurde ich von einer ständigen Nervosität und auch Angst begleitet. In mir machte sich eine unschöne Vorahnung breit und ließ mir keine Ruhe. Jedes Mal, wenn irgendwo der Name Lex fiel, zuckte ich unwillkürlich zusammen. Nach dem Vorfall im Bunker konnte ich den Mann, den so viele bewunderten und dem sie alle blind folgten, kaum noch in meiner Nähe ertragen. Mir fielen immer mehr Dinge auf, die ich an ihm nicht mochte. Wie er mich ansah, wie er Worte verdrehte und sie damit zu seinem Vorteil nutzte. Vielleicht hatte auch meine Mutter ein ähnliches Gefühl bei ihm gehabt und ihm deshalb stets misstraut? Ich dachte an meinen Traum zurück, an ihre Warnung, die sie ausgestoßen hatte, und fragte mich immer wieder, ob Lex derjenige war, für den er sich ausgab. Steckte hinter seinen Plänen wirklich nur die Absicht, die Ungerechtigkeiten zu beseitigen? Und wie viele Leben wollte er dafür opfern? Wenn Männer wie Nite, die Dörfer ausraubten und Kinder töteten, mit ihm zusammenarbeiteten, konnte dabei doch kaum etwas wirklich Gutes herauskommen.

»Du bist so nachdenklich in letzter Zeit.«

Ich schreckte auf, als Logans Stimme neben mir erklang. »Gott, habe ich mich erschrocken! Musst du dich so anschleichen?«, entgegnete ich und boxte ihm gegen den Arm.

»Ich habe zweimal deinen Namen gesagt, aber du hast nicht reagiert.« Er musterte mich prüfend. »Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Ja, sicher«, log ich und bemühte mich um ein Lächeln. 

»Wirklich? Ich meine, ich würde es verstehen, wenn du total durcheinander bist, weil man die Hunter gefangen hält und demnächst hinrichten möchte.«

Erschrocken riss ich die Augen auf. »Hinrichten? Was meinst du damit? Wann?«

»Äh … das weiß ich nicht. Ich habe nur mitbekommen, dass man sie nicht länger braucht und -«

Ich ließ ihn nicht ausreden und wandte mich ab, um mit eiligen Schritten zu meinem Vater zu laufen. Glücklicherweise fand ich ihn allein in seinem Zelt vor.

»Ist es wahr?«, begann ich ohne Umschweife, während ich noch tief Luft holte. »Die Gefangenen sollen hingerichtet werden?«

Er blickte verwundert auf und seine Miene wurde ernst, sobald ich die Frage gestellt hatte. »Ja, ich habe auch erst vorhin davon erfahren.«

»Aber es sind Menschen! Was haben sie euch getan?«

»Riley -«

»Nein, Papa! Du musst doch selbst sehen, dass das nicht richtig ist«, unterbrach ich ihn kopfschüttelnd. »Ihr könnt doch nicht einfach so diese Männer hinrichten, bloß weil ihr keine Verwendung mehr für sie habt!« Im Geiste sah ich Nikks breites Grinsen vor mir, hörte seine Stimme, die stets seine Lebensfreude gezeigt hatte. Und dann sah ich One. Wollten sie auch ihn beseitigen? Hatte Lex bereits bekommen, was er wollte?

»Wir können sie nicht einfach gehen lassen«, wandte mein Vater ein und seufzte bedauernd. »Kleines, du musst allmählich eine Seite wählen, auf der du stehen willst. Ich weiß -«

»Du weißt gar nichts!«, fuhr ich ihm erneut ins Wort. »Zwei der Männer, die ihr hinrichten wollt, haben mir das Leben gerettet. Sie haben mich ins Hauptquartier geholt, damit ich nicht im Umland verende. Haben mir ein Zuhause gegeben, Essen, Kleidung. Du solltest ihnen danken, dass sie dein Kind vor dem Tod bewahrt haben, nicht dabei zusehen, wie man sie kaltblütig tötet!«

»Ich soll dem Mann, der meine Frau und meine andere Tochter umgebracht hat, danken?«, entgegnete er mit einem wütenden Schnauben. »Hast du das etwa vergessen, Riley? Hast du verdrängt, was er getan hat?«

»Nein. Wie könnte ich, wenn ihr mich andauernd daran erinnert? Aber ich kenne ihn! Er ist kein schlechter Mensch, Papa. Es muss einen Grund dafür geben, dass er so etwas getan hat. Falls er es getan hat« , fügte ich am Ende murmelnd hinzu.

»Er hat es getan. Ich habe ihn mit eignen Augen gesehen, bevor ich damals im Feuer ohnmächtig geworden bin. Er war in unserem Haus, Riley. Dieses Gesicht werde ich nie vergessen.«

Entmutigt ließ ich die Schultern hängen. »Ich möchte doch nur wissen, warum.«

»Er hat seine Befehle befolgt. Das haben sie alle.« Langsam kam mein Vater auf mich zu und legte mir die Hände an die Wangen, um meinen Kopf leicht anzuheben. »Ich weiß, dass die Gefühle, die du immer noch für diesen Mann empfindest, deine Sicht trüben. Aber irgendwann wirst du es verstehen. Er ist der Mörder deiner Mutter und Schwester. Und vieler anderer.«

»Ich muss es aus seinem Mund hören! Bitte, hilf mir dabei, noch einmal mit ihm zu sprechen. Allein.« Ich schaute hoch in die Augen meines Vaters, die meinen so sehr ähnelten. »Bitte, Papa. Taleon One hat mir das Leben gerettet. Mehrmals. Er hat sich um mich gekümmert und war gut zu mir. Wie soll ich ihn für einen kaltblütigen Mörder halten, wenn ich es nicht von ihm selbst höre? Das kann ich nicht.«

Ich konnte sehen, dass er schwer mit sich selbst haderte, doch dann nickte er. »Ich werde mit Lex sprechen.«

»Danke.«

»Bist du auch wirklich bereit dafür?«, hakte er noch einmal nach. »Das letzte Treffen ist für euch beide nicht gut ausgegangen.«

Ich schluckte, als ich mich an meinen wütenden Ausbruch erinnerte. »Solange ich allein mit ihm sprechen darf und niemand mich aufhetzt.«

»Lex wollte dich nicht aufhetzen, Riley.«

»Doch, genau das war von Anfang an sein Ziel gewesen.« Bevor mein Vater noch etwas einwenden konnte schüttelte ich den Kopf. »Lass uns nicht darüber diskutieren. Ich will nur ein Gespräch mit dem Anführer, danach werde ich mich endgültig für eure Seite entscheiden und Lex helfen, den Code zu beschaffen.«

»In Ordnung.« Er ließ mich wieder los und trat zum Eingang des Zeltes. »Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde ihn darum bitten.«

»Und Papa … sag ihm bitte nicht, wieso ich den Hunter wirklich sprechen möchte. Sag ihm einfach, ich hätte mich wieder gefasst und würde ihm helfen wollen.«

»Riley, es gefällt mir nicht, welche Richtung das Ganze annimmt.«

»Ich bin doch im Grunde schon auf eurer Seite«, log ich möglichst aufrichtig. »Ihr könnt mir vertrauen, dass ich nichts tun werde, was euch schaden könnte. Wirklich, Papa. Ich brauche einfach nur die Gewissheit ... die Worte aus seinem Mund. Ich muss es von ihm hören!«

»Ich spreche mit Lex.«

Nachdem er gegangen war atmete ich tief durch. Die Neuigkeit, dass man die Hunter hinrichten wollte, hatte mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich war schon vorher unglaublich nervös gewesen, aber jetzt bekam ich regelrecht Panik. Was konnte ich tun, um Nikk zu helfen? Ich wollte etwas tun, denn er hatte den Tod einfach nicht verdient. Und One ... Was sollte mit ihm geschehen? Die Hilflosigkeit, die mich ergriff, machte mich wahnsinnig.

Um keine Dummheiten aus reiner Verzweiflung heraus zu begehen, verließ ich das Lager, um draußen zu trainieren. Mir war es nur recht, dass ich dabei an einen Kerl geriet, der sich dazu bereit erklärte, mit mir zu kämpfen. Er wieherte jedes Mal wie ein dämliches Pferd, wenn er mich zu Boden beförderte – bis es mir gelang, ihm einen ordentlichen Schlag zu verpassen, sodass er taumelnd auf dem Hintern landete.

Triumphierend grinste ich ihn an. »Wer ist jetzt der Loser?«

»Reines Glück, du Angeberin«, entgegnete er und spuckte zur Seite auf den Boden.

»Sie hat dich fertig gemacht, Jack, sieh es ein und mach dich nicht noch zusätzlich lächerlich.« Aljona gesellte sich zu uns und klopfte mir auf die Schulter. »Gut gemacht, Riley. Er hat eine Abreibung verdient, weil er ständig das Maul aufreißt.«

»Du hast aber auch ein recht großes Maul, wenn du meinen Schwanz lutschen kannst, ohne dich zu übergeben.« Jack grinste fies.

Aljonas Gesichtsausdruck wurde eisig. »Du mieses Arschloch!« Sie sprang auf ihn und drückte ihn zu Boden.

»Das muss dir doch nicht peinlich sein, Süße«, stocherte Jack weiter in der Wunde herum, während er ihre Schläge mühsam abwehrte. »Jeder weiß Bescheid, dass ich dich geknallt habe.«

»Das war bloß ein Mitleids-Fick, du Arschloch!«

Entsetzt sah ich dabei zu, wie die beiden einander in einen richtigen Kampf verwickelten, bei dem die Fäuste brutal flogen. Gerade als ich jemanden holen wollte, der mir dabei half, Schlimmeres zu verhindern, fiel mein Blick auf ein aufklappbares Messer, das einem von ihnen aus der Tasche gefallen sein musste. Darauf bedacht, den Streithähnen nicht in die Quere zu kommen, hob ich es auf und steckte es schnell ein. Dann lief ich los und sagte den Wachen Bescheid. Anschließend zog ich mich unauffällig zurück, bevor noch jemand das Fehlen des Messers bemerken und bei mir danach suchen würde.

»Riley, da bist du ja.« Im Zelt wurde ich von meinem Vater empfangen. »Ich habe mit Lex gesprochen. Er wird dich morgen zum Bunker bringen.«

Mein Herz klopfte aufgeregt - und das nicht nur von dem Sprint, den ich zurückgelegt hatte. »Okay.«

Seine graublauen Augen schauten mich sehr ernst an. »Ich hoffe wirklich, dass du danach damit abschließen kannst. Wir brauchen dich auf unserer Seite. Du bist meine Tochter, Riley. Es bricht mir das Herz, zu sehen, wie viel du für den Mann empfindest, der meine Frau und mein anderes Kind auf dem Gewissen hat.«

Betreten senkte ich den Blick. »Es tut mir leid, Papa.« Und das tat es wirklich. Aber ich brauchte Gewissheit, bevor ich One verdammte und seinem grausamen Schicksal überließ.

»Mir auch, Kleines, mir auch.«

Er ging wieder und ich machte mich daran, ein Versteck für das Messer zu finden, während ich mit meinen zwiegespaltenen Gedanken kämpfte. Falls Aljona oder Jack hier heute noch auftauchen sollten, um danach zu suchen, durften sie es nicht finden.

Anschließend holte ich mir etwas zu essen und wartete darauf, dass die Zeit verstrich. An Schlaf war nicht einmal zu denken, zu sehr beschäftigte ich mich mit dem, was geschehen könnte. Deshalb nutzte ich die schlaflosen Stunden dafür, mich mit dem Messer, das ich mir… geborgt hatte, vertraut zu machen. Ich hatte das dumpfe Gefühl, ich würde es bald schon brauchen.

 

 


In den frühen Morgenstunden nickte ich schließlich ein und wurde nur kurze Zeit später von meinem Vater wieder geweckt. »Du solltest gut frühstücken«, sagte er. »Lex fürchtet, dass du sonst womöglich wieder umkippen könntest.«

Automatisch fasste ich mir an den Oberarm. »Da muss er sich keine Sorgen machen, diesmal passe ich auf mich auf.« Und drehe ihm nicht den Rücken zu, beendete ich den Satz in Gedanken.

»Gut. Ich will dich nicht noch einmal verlieren.«

Darauf erwiderte ich nichts, denn ich konnte absolut nicht sagen, was auf das baldige Treffen folgen würde. Sollte One mir Lex‘ Geschichte in dieser Form bestätigen, könnte ich ihm unmöglich vergeben, was er getan hatte. Genauso wenig könnte ich im Lager bleiben und dabei zusehen, wie man ihn und die anderen hinrichtete. Und sollte ich von ihm erfahren, dass Lex und auch mein Vater mich belogen haben, würde ich ebenfalls fortgehen müssen. Fliehen! Zusammen mit One. So oder so – mein Vater würde mich wieder verlieren. Diese Gewissheit tat weh. Ich hatte nicht einmal die Hoffnung, dass er mit mir zusammen fortgehen würde, dafür war er Lex gegenüber zu loyal. Er würde ihn über mich stellen, da war ich mir sicher. Und das schmerzte gleich noch viel mehr.

Aber damit konnte ich mich nicht länger auseinandersetzen. Vor mir lag ein Treffen, das bereits all meine Aufmerksamkeit einforderte. Ich wollte nicht, dass es erneut in einer Katastrophe endete, wie beim letzten Mal. Deshalb durfte Lex auch nicht in meiner Nähe sein, wenn ich auf One traf. Ich traute diesem Mann keinen Meter weit.

Nach einem ausgiebigen Frühstück, das ich beinahe gewaltsam herunterschlang, begaben wir uns zu Lex. Ich musste all meine Kraft aufbringen, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr mich sein Anblick mittlerweile anwiderte. Sein Lächeln schien mich zu verhöhnen und ich glaubte ihm kein einziges Wort, das seinen Mund verließ. Selbst wenn sich das, was er über One sagte, als Wahrheit herausstellen sollte, missfiel mir immer mehr von dem, was er plante. Ich hatte auch einen gewissen Hass auf das Empire und die Ungerechtigkeiten im Umland, aber ich wollte keinen Krieg führen, der unzählige Menschenleben kosten würde. Das war einfach nicht richtig. Was käme danach? Würden die Leute aus dem Umland die Plätze der Privilegierten einnehmen? Und dann würde alles wieder von vorne beginnen? Das war doch nicht richtig. Damit würden sich die Probleme nicht lösen lassen.

Als mein Vater wieder ging und ich allein mit Lex zurückblieb, konnte ich nicht verhindern, dass ich mich am ganzen Körper anspannte. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen mit Argusaugen und rechnete in jeder Sekunde damit, dass er etwas tun würde, was ich nicht wollte.

»Dein Vater hat mich in deinem Namen um ein weiteres Treffen gebeten«, begann er schließlich. »Ohne meine Anwesenheit. Willst du mir den Grund dafür nennen?«

»Ich möchte nicht, dass sich Ähnliches wie beim letzten Mal wiederholt«, erwiderte ich und hielt seinem prüfenden Blick stand. »Sie wollen, dass ich Ihnen den Code beschaffe? Dann lassen Sie mich das auf meine Weise tun. Oder vertrauen Sie mir nicht genug?«

»Natürlich vertraue ich darauf, dass du mir den Code beschaffst, mein Mädchen. Ich könnte mir auch schon vorstellen, wie du das tust.«

Ich schluckte unauffällig. »Ach ja?«

»Du hast mir gar nicht erzählt, wie viel du dem Hunter-Anführer bedeutest«, fuhr Lex fort und lächelte breit. »Das hat mich überrascht. Und erfreut. Ich denke, auf diesem Wege wirst du deine Aufgabe hervorragend erfüllen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie haben mehr gesehen, als vorhanden ist.«

»Oh, das glaube ich nicht. Ich habe genug gesehen. Und da du so überzeugt bist, mir den Code auf deine Weise beschaffen zu können, wirst du sicher bereits in diese Richtung gedacht haben.« 

»Könnten Sie auch etwas präziser werden?«

»Du bist doch ein schlaues Mädchen, Riley. Überlege mal. Wenn der Hunter so tiefe Gefühle für dich hegt, wird er auf dich hören. Und wenn nicht, dann helfe ich nach.«

»Wie?«, hakte ich nach, und das mulmige Gefühl in mir wurde stärker.

»Das wirst du zu gegebener Zeit erfahren. Aber zuerst lasse ich es dich auf deine Weise versuchen. Bist du wirklich bereit dafür?«

Ich nickte. Obwohl ich mehr darüber erfahren wollte, was Lex da für neue Pläne geschmiedet hatte, bohrte ich nicht weiter nach. Ich musste endlich mit One sprechen. 

»Gut. Viel Zeit bleibt dir nicht, und du wirst auch nicht ganz allein mit ihm sein. Die Wachen bleiben im Raum. Auch zu deiner Sicherheit.« Lex kam hinter seinem Schreibtisch hervor und ging voran. »Kein Wort über das, was du hier erfahren hast. Das ist mir sehr ernst, Riley. Verstößt du dagegen, wird es Folgen haben. Keine angenehmen, weder für dich noch für mich.«

»Ich werde ihm nichts darüber erzählen«, willigte ich ein. Vorerst nicht. Ich musste erst abwarten, was als nächstes geschah.

»Nun gut. Du hast ein paar Minuten, nicht länger.« Vor dem Bunker übergab mich Lex an einen der Wachmänner. »Viel Erfolg, Riley.«

Ich ignorierte den unangenehmen Schauer, der mir über den Rücken lief, und folgte der Wache. Zusammen mit ihr betrat ich schließlich den Raum, in dem One angekettet dastand. Ihn erneut so zu sehen, war grausam, aber ich riss mich mit aller Macht zusammen und ließ mir nach außen hin nicht anmerken, wie sehr mich sein Anblick aus dem Gleichgewicht brachte. Er hatte die Augen geschlossen. Wahrscheinlich schlief er oder war vollkommen erschöpft von dem, was er hier durchmachen musste. Ich wollte nicht einmal genauer darüber nachdenken, was man ihm antat. Das würde mich umbringen.

»Taleon?«, flüsterte ich, als ich vor ihm stand, und berührte vorsichtig seine Wange.

»Kein Geflüster«, erklang es sogleich hinter mir. »Und keine Berührungen.«

Ich biss die Zähne fest zusammen, um nichts Ausfallendes zu erwidern, und senkte meine Hand. One öffnete die Augen und richtete sich ein wenig auf. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich nach und nach die neuen Verletzungen an ihm registrierte.

»Ich habe nicht viel Zeit«, fuhr ich fort und schaute ihn eindringlich an. Meine Organe spielten verrückt, da nun das folgen würde, wovor ich mich so sehr fürchtete. »Ich … Du musst mir sagen, ob du … Hast du … damals meine Siedlung überfallen?«

Er leckte sich über die rissigen Lippen, und noch bevor er antwortete, konnte ich in seinem Blick sehen, dass es die Wahrheit war. »Ja.«

Meine letzte Hoffnung verpuffte und hinterließ einen Stich, der sich brutal in mein Herz bohrte. Die entstandene Wunde blutete heftig. Ich presste die Lippen aufeinander und spürte, wie mir die Tränen kamen.

»Es tut mir leid, Riley«, murmelte er und auch seine Augen flehten mich an, ihm zu vergeben. »Aber ich wurde getäuscht. Wir alle wurden ge -«

»Das reicht jetzt«, kam es plötzlich von der Tür her. Lex erschien im Raum und nickte den Wachen zu, woraufhin einer der Männer One mit seinem Gewehr in den Bauch schlug, sodass dieser hustend nach vorne sank.

»Hör auf!«, kreischte ich und sprang, ohne nachzudenken, auf den Riesen. Mit meinen Fingernägeln fuhr ich ihm über das Gesicht und keuchte auf vor Schmerz, als er mich mit einem festen Stoß abwehrte. Ich taumelte zurück und wurde von Lex aufgefangen.

»So, genug gespielt. Jetzt kommen wir zu meinem eigentlichen Anliegen«, sagte er und legte einen Arm schraubstockartig um meinen Oberkörper, während er mich zu One drehte. »Du nennst mir den Code, Hunter, und ich sorge dafür, dass deine Kleine hier weiteratmet. Ansonsten …«

Ich spürte etwas Kühles an meiner Schläfe und schluckte hart. Ich musste nicht erst hinsehen, um zu wissen, dass Lex mir eine Waffe an den Kopf hielt.

32. Kapitel

 

 


»Ich wusste, dass dir nicht zu trauen ist«, zischte ich und spürte nackte Panik in mir aufsteigen. Mein Blick glitt zu One, der uns mit wütenden Augen beobachtete, während er sich nach dem Schlag langsam wieder aufrichtete.

»Sei jetzt still, Riley«, entgegnete Lex. »Also, Taleon One, wirst du mir endlich sagen, was ich hören möchte? Oder soll ich die Wände hier zusätzlich zu deinem Blut mit dem Hirn deiner Kleinen dekorieren?« 

Ich konnte sehen, wie One mit sich selbst haderte. Die Adern an seinen Armen traten deutlich hervor, weil er mit aller Kraft an den Ketten zog. Neben Wut war da auch noch Angst, die ich in seinem Blick kurz aufblitzen sah. Ich hatte den mächtigen Hunter noch nie ängstlich gesehen, also musste das hier verdammt ernst sein. 

»Tu es nicht, Taleon!«, mischte ich mich ein. Ich konnte unmöglich zulassen, dass Lex an den Code für die Atomwaffen geriet. Er hatte jetzt sein wahres Gesicht gezeigt, ich wollte nicht wissen, was er anstellen würde, wenn er noch mehr Macht bekäme.

Eine schwere Hand legte sich über meinen Mund. »Dass du auch nie das tust, was man dir sagt. Ich sollte dich auf der Stelle erschießen, damit tue ich der Welt einen großen Gefallen, Riley«, sagte Lex und ich hörte sein widerliches Grinsen in seiner Stimme.

»Du warst schon immer ein hinterhältiger Bastard, Silva«, stieß One im nächsten Moment aus und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. 

»Ich bezeichne mich lieber als intelligent und einnehmend. Die Menschen glauben an meine Vorstellungen von einer besseren Welt. Ihr hattet lange genug die Privilegien auf eurer Seite, Hunter.«

»Dir geht es überhaupt nicht darum, irgendwelche Ungerechtigkeiten zu beseitigen, das wissen wir beide. Du willst die Welt ins Chaos stürzen, damit du -«

»Genug geplaudert«, unterbrach Lex ihn und ich vernahm ein leises Klicken. Er hatte die Waffe entsichert. »Den Code. Jetzt.«

Mit großer Anstrengung schaffte ich es, meinen Kopf zu schütteln und One damit zu symbolisieren, seinen Mund weiterhin zu halten. Sobald Lex den Code hätte, wären wir beide verloren. Er hätte keinen Nutzen mehr für den Hunter und ich wäre eine Gefahr, die er unmöglich frei herumlaufen lassen könnte. Er würde uns beide beseitigen und einen Kampf beginnen, der unmöglich für irgendjemanden gut enden konnte.

»Ich verliere die Geduld, Hunter. Drei, zwei …«

»Lass sie los! Ich will eine Garantie, dass ihr nichts passiert. Und dann … bekommst du den Code.«

Ich riss erschrocken die Augen auf. Er konnte doch unmöglich glauben, dass einer Versicherung aus Lex‘ Mund zu trauen war! Heftig begann ich mich gegen den Griff um mich herum zu wehren, als plötzlich eine Frage von der Tür her erklang.

»Was ist hier los? Lex, was tust du da?« Mein Vater trat zu uns und schaute den Mann, dem er blind vertraute, ungläubig an. Dann sah er die Waffe.

»Reos, ich erkläre es dir später«, entgegnete Lex leise, aber eindringlich. 

»Lass sofort meine Tochter los! Wolltest du sie erschießen?«

Die Hand, die auf meinem Mund lag, wurde fortgenommen. Ebenso verschwand auch der kühle Stahlmantel von meiner Schläfe. »Es ist nicht so, wie es aussieht«, sagte Lex in völlig ruhigem Ton. »Ich hatte nicht vor, deiner Tochter etwas anzutun, Reos. Es sollte lediglich so aussehen, damit der Hunter mir den Code verrät. Sie war zu keinem Zeitpunkt in wirklicher Gefahr.«

»Glaub ihm kein Wort, Papa.« Ich griff unauffällig zum Bund meiner Hose. Im Kopf hatte ich innerhalb weniger Sekunden einen Plan gefasst, den ich jetzt in die Tat umsetzen würde. Ich konnte nur hoffen, dass es mir gelang. »Er ist nicht der Mann, der er vorgibt zu sein.« Ich ertastete den Griff des Messers, das ich heute Morgen verborgen mitgenommen hatte. So schnell es mir möglich war, zog ich es hervor und setzte die Klinge an Lex‘ Hals, direkt über die Schlagader. Neben mir richteten die Wachen ihre Gewehre auf mich und ich huschte schnell hinter Lex. »Sag ihnen, sie sollen ihre Finger still halten«, zischte ich ihm zu, während ich die Pistole aus seiner Hand entwendete.

»Du machst einen großen Fehler, Riley«, kam es zurück.

Ich drückte die Mündung der nun entsicherten Waffe in seinen Rücken und die Klinge etwas fester an seinen Hals. »Wenn sie mich erschießen, nehme ich dich mit, das schwöre ich dir.«

»Schon gut. Nicht schießen«, richtete Lex an seine Männer. 

»Riley, das ist nicht der richtige Weg«, meldete sich nun auch mein Vater wieder zu Wort und schüttelte den Kopf.

»Lass mich los und wir reden in Ruhe darüber«, pflichtete Lex ihm sogleich bei. 

»Du hast genug geredet und mir bereits zu viel Gift eingeflößt«, erwiderte ich hasserfüllt. »Sag deinen Männern, sie sollen den Hunter losmachen.«

Lex schnaubte. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass ihr beide eine Chance habt zu entkommen? Mach es nicht noch schlimmer, Mädchen.«

Ich ließ die Klinge des Messers leicht in sein Fleisch schneiden. »Ich habe nichts zu verlieren, Lex«, flüsterte ich ihm dabei zu. »Lieber sterbe ich, als hier zu bleiben und dabei zuzusehen, wie du gewinnst. Und dich nehme ich mit, damit tue ich der Welt einen großen Gefallen«, griff ich seine Worte von vorhin auf. »Also? Ich verliere langsam die Geduld. Drei, zwei …«

»Macht ihn los!«, kam auch schon der nächste Befehl an die Wachen.

Ungeduldig sah ich dabei zu, wie zwei von ihnen One von den Ketten befreiten, doch ich vergaß dabei nicht, Lex in jeder Sekunde genauestens zu beobachten. Und ich war vollkommen bereit, ihn zu erschießen sowie seinen Hals aufzuschlitzen, sollte er versuchen, mich zu überlisten. Das hier war kein Spiel mehr, da hatte Lex recht, es ging um das Leben von One und mir.

»Kleines, bitte. Tu das nicht.« Mein Vater trat langsam auf mich zu und ich stoppte ihn mit einem entschlossenen Blick.

»Ich habe keine andere Wahl. Und wenn du klug bist, wirst du dich ebenfalls von Lex abwenden.« Ich trat einen Schritt zurück und richtete die Pistole nun auf Lex‘ Hinterkopf. Dann sah ich zu One, der große Mühe hatte, sich ohne die Ketten auf den Beinen zu halten. »Schaffst du es?«

Er nickte und stolperte rüber zu mir. 

»Los, wir gehen jetzt nach draußen«, sagte ich zu Lex und drängte ihn voran, während ich mich bedeckt hinter seinem Rücken hielt. »Sollten deine Männer auf One oder mich schießen, wirst du sterben.«

»Riley … Kleines.«

Ich blickte noch einmal zu meinem Vater und schluckte schwer. »Es war schön, dich wiederzusehen, Papa. Ich hoffe vom ganzen Herzen, dass wir es eines Tages unter anderen Umständen wieder tun. Aber hier kann ich nicht bleiben. Das, was ihr vorhabt, ist nicht richtig.« Damit wandte ich mich ab und schubste Lex, damit er weiterging.

»Was dagegen, wenn ich mir dein Maschinengewehr ausleihe? Nur zur Sicherheit.« One streckte eine Hand zu einer der Wachen aus. Auf Lex‘ Nicken hin reichte ihm diese die Waffe.

Wir verließen den Raum und ich spannte mich jedes Mal an, wenn wir einem bewaffneten Kerl begegneten. Doch mit Lex als Geisel, dessen Leben auf dem Spiel stand, traute sich scheinbar keiner, etwas zu versuchen, um uns zu stoppen. Wir gelangten ohne Weiteres aus dem Bunker. 

Draußen wandte ich mich noch einmal an Lex. »Schicke einen Mann los, um uns ein Fahrzeug zu besorgen. Proviant und medizinische Versorgung inbegriffen. Wenn er es jemandem erzählt und sie hier auftauchen, wirst du als unser Schutzschild herhalten. Mal sehen, wie viele Kugeln dein Körper abwehren kann.«

»Du wirst das hier bitter bereuen, Riley«, entgegnete er zischend. »Selbst wenn euch die Flucht gelingt, werdet ihr diesen Krieg verlieren. Das verspreche ich dir.«

»Du bist nicht mehr in der Position, Drohungen auszustoßen.« Ich drückte die Pistole fest an seinen Hinterkopf. »Ein Fahrzeug. Jetzt! Wenn er in fünf Minuten nicht zurück ist, können sie dein Hirn von den Wänden neben uns kratzen.«

Lex winkte einen der Männer, die vor dem Eingang zum Bunker standen und uns mit anvisierten Gewehren beobachteten, heran und befahl ihm, schnell ein Fahrzeug zu besorgen, ohne jemandem zu verraten, was hier draußen vor sich ging. Mir war klar, dass er es höchstwahrscheinlich dennoch tun würde, aber im Moment hatten wir die Oberhand und konnten uns zumindest einen Vorsprung erkämpfen.

Wenige Minuten später kam der Kerl in einem großen Fahrzeug zurück und reichte One die Schlüssel. 

»Du kommst mit uns mit«, sagte ich an Lex gewandt und drängte ihn zur Hintertür. »Wenn uns niemand folgt, lassen wir dich nach ein paar zurückgelegten Kilometern gehen.«

»Und das soll ich dir glauben?«

»Hast du eine andere Wahl?«

Der Hass, der in seinen hellen Augen stand, verursachte ein mulmiges Gefühl in mir, aber nach außen hin blieb ich ruhig und gefasst. Wir hatten es fast geschafft. Ich konnte nur hoffen, dass Lex sein Leben wichtiger war als alles andere, sodass er sich fügen würde.

Und das tat er schließlich. Nachdem One überprüft hatte, ob sich Proviant und ein Verbandskasten im Fahrzeug befanden, startete er den Wagen und Lex rutschte auf die Rückbank. Ich nahm neben ihm Platz und richtete die Waffe auf ihn. Ich atmete erst wieder auf, als ich den Bunker nur noch ganz klein in der Entfernung wahrnahm.

»Dir ist doch bewusst, dass wir ihn nicht einfach laufen lassen können, oder?« One warf mir über die Schulter einen kurzen Blick zu.

»Wenn ich nicht bald zurückkehre, werden sie euch folgen«, wandte Lex ein und ich glaubte, einen Anflug von Angst in seinen Augen zu sehen. Doch der war schnell wieder verschwunden. »Lasst mich gehen, das verschafft euch mehr Zeit.«

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Lex gehen zu lassen würde bedeuten, dass er weiterhin irgendwo da draußen war und seine fiesen Pläne schmiedete. Aber ihn kaltblütig zu erschießen … War ich dann überhaupt noch besser als er?

»Ich kann das nicht«, flüsterte ich, auch wenn ein Teil von mir darauf drängte, diesen bösartigen Mann zu beseitigen, der es geschafft hatte, so viele Leute – darunter auch meinen Vater – um sich zu scharen, sie zu verblenden und freiwillig in den Tod zu schicken. »Vielleicht könnten wir ihn mitnehmen. Ins Gefängnis bringen.«

»Wir würden ein zu großes Risiko eingehen«, entgegnete One. »Wir bräuchten Tage, vielleicht Wochen, um zum Hauptquartier zu gelangen. Mit dem Wagen. Der Sprit reicht höchstens noch für ein paar Stunden. Danach müssen wir zu Fuß weiter. Durch meine Verletzungen werde ich zu Beginn keine allzu große Hilfe sein – im Gegenteil. Ich bin auf dich angewiesen, Riley. Wenn Silva in unserer Nähe bleibt …«

»Könnte ich euch nachts die Kehlen aufschlitzen«, beendete Lex den Satz und grinste.

»Wir würden dich knebeln und fesseln«, zischte ich ihm wütend zu. 

»Dennoch wäre er ein ständiges Risiko«, meldete sich One erneut. »Glaub mir, ich würde ihn liebend gern mitnehmen und verhören. Aber deine Sicherheit geht vor. Ich riskiere es nicht, ihn in deiner Nähe zu haben, wenn ich nicht richtig auf dich aufpassen kann.«

»Wie rührend.«

Nach dieser spitzen Bemerkung schlug ich Lex ins Gesicht. Es passierte ganz automatisch und erschrak mich sogar selbst.

Seine Augen begannen zu glänzen. »Ich habe gleich gesehen, was in dir steckt, Riley. Wir sind uns gar nicht so unähnlich, wie du glaubst. Mit der Zeit wirst du das selbst feststellen.«

»Wir sind uns überhaupt nicht ähnlich!«, fuhr ich ihn an.

»Am liebsten würdest du mir eine Kugel zwischen die Augen jagen, habe ich Recht? Ein Teil von dir sehnt sich danach, mir wehzutun - und Schlimmeres.«

»Hör nicht hin, Riley«, kam es von vorne. »Er spielt mit deinem Verstand. Das kann er am besten.«

»Ich weiß.« Wütend, weil ich ihm erneut auf den Leim ging, griff ich mir an die Schläfen und massierte sie. Ein unbedachter Zug – im nächsten Moment griff Lex mich an. Mit seiner geballten Masse drückte er mich gegen die Wagentür und griff nach der Waffe.

Ich vernahm noch das Quietschen der Reifen, bevor ich mich vollständig darauf konzentrierte, dass Lex die Pistole nicht zu fassen bekam. Sein anderer Unterarm lag auf meinem Hals und drückte mir die Luft ab. Er war zu schwer und zu stark, ich bekam furchtbare Panik, als ich nicht atmen und ihn nicht abschütteln konnte. 

»Wir sehen uns wieder, Riley«, flüsterte er mir noch ins Ohr, dann ließ er von mir ab, stieß die Wagentür auf und sprang über mich hinweg hinaus.

Gierig schnappte ich nach Luft und füllte meine Lunge wieder mit Sauerstoff. Nur langsam registrierte ich, dass wir angehalten hatten. One erschien vor mir und strich mir über das Gesicht.

»Bist du in Ordnung?«, fragte er besorgt.

»Ist er …«

»Er ist weg, ja.«

»Scheiße!« Langsam richtete ich mich auf und starrte meine leere Hand an. »Er hat die Pistole.«

»Das ist jetzt egal. Wir müssen schnell weiter, bevor er mit einer Kavallerie anrückt.« One musterte mich noch einmal prüfend und half mir anschließend aus dem Wagen.

Ich stieg vorne wieder ein. »Was ist mit deinen Wunden? Sollten wir sie nicht erst einmal versorgen?«, fragte ich ihn, als er sich ans Steuer setzte.

»Später. Wir fahren, bis der Tank leer ist. Danach verstecken wir den Wagen und gehen zu Fuß weiter.«

»Kennst du den Weg?« 

»Nicht genau, aber wir müssen nach Norden. Das bekomme ich hin.«

Ich nickte langsam und fasste mir an den Hals, der von Lex‘ Angriff immer noch schmerzte. So viele Gedanken rasten durch meinen Kopf, dass ich keinen einzigen davon richtig fassen konnte. Erst nach ein paar Minuten formte sich ein Bild vor meinem inneren Auge.

»Nikk«, murmelte ich leise. »Sie werden ihn und die anderen hinrichten. Und mein Vater … Wir haben sie alle zurückgelassen.«

»Nikk kannte das Risiko, als wir aufgebrochen sind«, entgegnete One. »Dein Vater hat sich für dieses Leben entschieden«

»Er hatte keine andere Wahl. Nicht, nachdem er alles verloren hatte.«

Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und seufzte. »Es tut mir leid, Riley. Ich habe Dinge getan, die kann ich mir selbst nicht verzeihen. Ich werde dir alles erzählen, sobald wir in Sicherheit sind.« 

Ich versteifte mich. Die Tatsache, dass One an den Reinigungen der Siedlungen beteiligt gewesen war, hatte ich in der Aufregung der vergangenen Stunden komplett verdrängt. Jetzt stand dieses Thema wieder im Raum und brachte das schmerzhafte Ziehen in meiner Brust zurück. Ohne zu überlegen, hatte ich mich für eine Flucht mit ihm entschieden. Ich durfte jetzt nicht an dieser Entscheidung zweifeln!

»Okay«, murmelte ich leise. 

Er streckte eine Hand nach mir aus, zog sie aber gleich wieder zurück, ohne mich berührt zu haben. »Auch wenn du mir nicht vergeben wirst … kannst du es hoffentlich verstehen.«

Wir fuhren eine sehr lange Zeit schweigend weiter und ich starrte überwiegend aus dem Fenster, darauf bedacht, meine Gedanken im Zaum zu halten. Es war so viel geschehen, was ich verarbeiten musste. Allem voran die Anwesenheit des Mannes neben mir, der trotz allem, was ich wusste, mein Herz rasen ließ. Ich wollte meine Hand ausstrecken und ihn berühren, ihm noch näher sein … und gleichzeitig erschien mir der Abstand zwischen uns viel zu klein. One war an der Beseitigung meiner Siedlung beteiligt gewesen, er hatte so viele Menschen auf dem Gewissen, meine Mutter und Schwester inbegriffen. Und das einzige, was mich davon abhielt, meine Wut darüber an ihm auszulassen, war die Hoffnung, dass seine Erklärung den Schmerz in mir ein wenig lindern würde. Ich wollte seine Wahrheit hören. Ich musste! Und ich konnte nicht darüber nachdenken, was passieren würde, wenn sie mich nicht überzeugen würde. Dann gäbe es keine Zukunft für den Hunter und mich.

»Der Sprit wird bald leer sein«, erklang plötzlich Ones Stimme neben mir und ich zuckte leicht zusammen. »Ich werde dich gleich rauslassen, dann musst du dich verstecken, während ich den Wagen entsorge. Ich fahre ihn noch ein paar Kilometer weiter, falls er ein eingebautes Ortungssystem hat, und komme anschließend zu dir zurück.«

»Wie willst du das anstellen in deiner Verfassung?«, hakte ich besorgt nach.

»Ich schaffe es schon.«

»Lass mich das machen. Zeig mir, wie man den Wagen fährt und ich -«

»Nein, wir wissen nicht, ob da draußen nicht bereits Silvas Männer lauern. Es ist zu gefährlich für dich.«

»Und für dich etwa nicht? Du bist schwer verletzt, Taleon«, erinnerte ich ihn noch einmal. »Wie willst du gegen sie ankommen? Ich habe uns aus dem Bunker gebracht, ich bekomme das schon hin!«

Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu und ich konnte sehen, dass es ihm wahnsinnig schwer fiel, sich meinem Willen zu beugen. Aber meine Argumente überzeugten ihn letztendlich, und als wir anhielten, tauschten wir die Plätze und One erklärte mir, wie ich das Fahrzeug bedienen musste. 

»Wir haben nicht so viel Zeit«, sagte ich schließlich, als er von vorne beginnen wollte, und startete den Motor. »Ich fahre noch mindestens fünf Kilometer weiter, suche eine Abbiegung und verstecke dort den Wagen. Danach komme ich zurück, aber nicht auf der Straße, sondern halte mich bedeckt am Rand«, fasste ich kurz zusammen.

»Es gefällt mir nicht, Riley.« One schüttelte den Kopf und sein Kiefer trat deutlich hervor, als er die Zähne fest aufeinander biss.

»Ich schaffe es. Vertraue mir einfach.« Zögernd griff ich rüber und drückte vorsichtig seine Finger, dessen Knöchel allesamt von dunkelbraunem Schorf überzogen waren. 

Er beobachtete diese Geste mit gerunzelter Stirn, dann drehte er seine Hand mit der Innenfläche nach oben und verschränkte unsere Finger miteinander. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als er mich anschließend ansah, und ich glaubte, denselben Kampf in seinen Augen zu sehen, den auch ich die ganze Zeit im Inneren führte. Gefangen in der Angst, ihn zu berühren, und gleichzeitig zerfressen von immenser Sehnsucht, ihm ganz nah zu sein.

»Ich bin bald wieder hier«, murmelte ich mit belegter Stimme und legte meine Hand zurück aufs Steuerrad. 

Nachdem One ausgestiegen war und die Sachen aus dem Kofferraum geholt hatte, ließ ich den Wagen losrollen und drückte schließlich kräftig auf das Gaspedal. Es dauerte lange, bis ich mich einigermaßen an das Fahrgefühl gewöhnt hatte, und da zeigte mir der Kilometerstand auch schon an, dass ich demnächst abbiegen sollte. Leider sah ich nichts, wohin ich auch abbiegen konnte, also fuhr ich weiter, bis ich endlich einen Seitenweg erspähte. 

»Scheiße!«, fluchte ich, als ich die Kontrolle über das viel zu große Fahrzeug verlor, sobald ich nach rechts drehte. Es driftete von dem schmalen Weg ab und landete in einem zum Glück nicht sehr tiefen Graben. Da ich angeschnallt war, stieß ich mich nur leicht an der Stirn an. Mühsam stemmte ich mich schließlich nach draußen, kletterte aus dem Graben und lief los, darauf bedacht, von der Straße aus nicht gesehen zu werden. 

Ich brauchte eine Ewigkeit, bis ich endlich die Stelle erreichte, an der One auf mich wartete. Ohne zu überlegen, stürzte ich mich in seine Arme und umarmte ihn fest. Ich konnte nicht anders, ignorierte alle Zweifel und Bedenken und verspürte große Erleichterung, dass ich wieder bei ihm war. Für einen kurzen Moment gestattete ich uns beiden diese Nähe, nach so langer Zeit, nach all den Qualen.

One keuchte leise, hielt mich aber fest an sich gedrückt.

»Tut mir leid«, flüsterte ich, nachdem ich mich langsam wieder von ihm gelöst hatte. Mein stürmischer Angriff hatte ihm sicher zusätzlich wehgetan, doch er schüttelte bloß den Kopf.

»Wir müssen los«, sagte er gleich darauf und nahm den Rucksack mit dem Proviant, während ich den Verbandskasten ergriff.

Wir liefen viel zu lange, bevor ich One endlich überreden konnte, eine Pause zu machen. Er ließ sich auf den Boden sinken und schloss die Augen.

»Ich sollte dich jetzt verarzten«, sagte ich und kniete mich neben ihn. »Taleon?«, hakte ich nach, als er nicht reagierte. »Taleon!« Panisch fasste ich nach seinem Gesicht und klopfte ihm leicht gegen die Wange. »Bitte, sprich mit mir … Kannst du mich hören?« Erleichtert stellte ich kurz darauf fest, dass er noch atmete. Wahrscheinlich war er vor Erschöpfung bewusstlos geworden.

Ich holte eine Flasche Wasser aus dem Rucksack und ließ ein paar Tropfen in seinen Mund laufen. Dann nahm ich den Verbandskasten und begann damit, seine Wunden zu desinfizieren. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass er sein Bewusstsein verloren hatte, während ich ihn verarztete. So spürte er den Schmerz hoffentlich nicht.

Nachdem ich mit Ones Gesicht fertig war, wandte ich mich schwer schluckend seinem Oberkörper zu.

»Gott, was haben sie dir bloß angetan?«, murmelte ich vor mich hin und säuberte die unzähligen Schnittwunden am Hals und an den Schultern. »Es tut mir so leid, Taleon.«

»Das muss … es nicht«, kam es brüchig zurück und ich schaute auf in Ones leicht geöffnete Augen.

»Du bist wieder wach!«, stellte ich erleichtert fest.

»Bin ich ohnmächtig geworden?«

»Ja. Du brauchst ganz dringend Erholung. Schlaf, Ruhe ...«

»Nein, wir sind noch nicht weit genug vom Bunker entfernt«, erwiderte er kopfschüttelnd und richtete sich ein wenig auf. Wie gewohnt ließ er sich nicht anmerken, dass er höllische Schmerzen haben musste. »Gib mir ein Pad, dann geht es schneller.«

Er begann nun ebenfalls, seine Wunden zu desinfizieren. Mir wurde ganz flau im Magen, als ich an einen besonders tiefen Schnitt auf seinem Rücken geriet, der nur provisorisch genäht worden war und so aussah, als hätte er sich bereits entzündet. Die Haut drumherum glühte regelrecht.

»Hier hinten ist eine entzündete Wunde«, berichtete ich ihm und atmete gegen die Übelkeit an, die mich erfasste. »Ich glaube, ich müsste die schlechte Naht auftrennen und …«

»Tu es.« One reichte mir eine Nadel, bevor ich den Satz beendet hatte.

»Okay. Ich brauche nur einen Moment.« Ich sprang auf die Füße und machte ein paar Schritte zur Seite, um mich zu übergeben. Anschließend wischte ich mir über den Mund und atmete tief durch.  

»Riley.«

Ich kam wieder zu ihm und seufzte leise, als er mich an der Hand näher an sich zog. 

»Du bist sehr tapfer. Das, was du im Bunker getan hast … und jetzt …«

»Ich hatte keine andere Wahl«, erwiderte ich flüsternd, weil sein intensiver Blick mir die Stimme zu rauben schien.

»Du hattest eine Menge Entscheidungsmöglichkeiten. Du hast dich für mich entschieden.«

»Und du? Hättest du ihm wirklich den Code genannt, wenn er dir versichert hätte, dass mir nichts passiert?« Mein Herz klopfte heftig. Hätte er wirklich so viel riskiert, um mich zu retten?

»Es wäre unglaublich dumm gewesen, aber ja. Ich hätte es getan. Ich hatte auch keine andere Wahl.« 

»Du hattest eine Menge Entscheidungsmöglichkeiten«, wiederholte ich seine Worte.

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen. Er ließ meine Hand wieder los und deutete über seine Schulter. »Bist du bereit, die Wunde zu nähen?«

Ich nickte, doch dann hielt ich noch einmal inne. Ich wollte noch etwas von ihm wissen. »Wieso hättest du es getan, Taleon?«, fragte ich leise. »Das Leben so vieler Menschen riskiert, um meins zu retten.«

Er schaute mich nicht an, richtete seinen Blick auf den Boden, während er mir seinen Rücken halb zudrehte. »Tiefe Gefühle sind tödlich, das habe ich dir doch schon einmal gesagt«, vernahm ich schließlich kaum hörbar. »Du musst jetzt nähen, damit wir weiter können.«

Ich schluckte. Bedeuteten seine Worte das, was ich glaubte? Hatte ich sein Murmeln richtig verstanden? Mit zittrigen Fingern und wild pochendem Herzen setzte ich das kleine Messer an seine gerötete Haut und atmete noch einmal tief durch, bevor ich die alte Naht auftrennte. Mir wurde immer wieder speiübel, während ich die Wunde öffnete und wieder schloss, aber ich übergab mich erst wieder, als ich damit fertig war.

One reichte mir die Wasserflasche und ich trank ein paar Schlucke. Anschließend versorgte ich die anderen Verletzungen, die zum Glück weniger übel aussahen.

»Bist du sicher, dass du wieder weitergehen kannst?«, hakte ich nach, als er sich schließlich mühsam erhob.

»Wir müssen ein Versteck für die Nacht finden«, entgegnete er und schulterte den Rucksack, wobei er kurz das Gesicht verzog.

»Ich könnte die Sachen tragen«, bot ich sofort an. 

»Es geht schon. Komm.«

Ich diskutierte nicht mit ihm, denn ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er darauf bestehen würde, nicht als kompletter Schwächling dazustehen, auch wenn ihm das in seiner Verfassung definitiv zustand.

Wir liefen eine gute Strecke und es begann bereits zu dämmern, als wir schließlich etwas Schutz unter dichtem Blattwerk eines Baumes fanden, dessen Äste bis zum Boden reichten und den Stamm umrundeten.

Erschöpft ließ ich mich auf den Boden sinken und schloss für einen Moment die Augen.

»Die Nächte hier im Süden sind etwas wärmer«, erklang Ones Stimme neben mir. »Aber je weiter wir in den Norden vordringen, desto härter wird es, die Nacht zu überstehen.«

»Vielleicht finden wir ein Dorf und können uns dort dickere Kleidung erfragen.« Ich schaute auf seinen nackten Oberkörper, der zum Großteil vom Verband bedeckt war. »Oder wenigstens etwas für dich zum Anziehen.«

»Damit riskieren wir, eine deutliche Spur für unsere Verfolger zu hinterlassen.«

»Aber wenigstens erfrieren wir nicht.«

Er nickte langsam und griff in den Rucksack, um für uns beide etwas zu essen herauszuholen. Bis auf unsere Kaugeräusche war anschließend nichts mehr zu hören. Während ich die eingelegten Früchte in meinen Mund schob, dachte ich erneut an Ones Worte zurück.

Tiefe Gefühle sind tödlich.

Hatte er damit gemeint, dass er so viel für mich empfand, um das Leben unzähliger Menschen zu riskieren, damit mir nichts geschah? Dass er überhaupt etwas für mich empfand, versetzte mich in helle Aufregung. Doch dann war da auch noch die Tatsache, dass unsere Schicksale seit vielen Jahren miteinander verwoben waren und der Ursprung in fürchterlichen Geschehnissen lag.

»Erzähl mir, was damals passiert ist«, forderte ich ihn im nächsten Moment auf. »Ich muss es wissen!«

Er schaute mich kurz an, nickte und stellte die leergegessene Dose zur Seite. »Als ich den Namen Alexis Silva zum ersten Mal hörte, befand ich mich in der Ausbildung zum Hunter«, begann er gleich darauf und lehnte sich zurück gegen den Stamm des Baumes. »Er hat früher für die Regierung des hiesigen Empire gearbeitet, war ein enger Berater derjenigen, die das Sagen hatten, und auch dafür zuständig, militärische Operationen im Umland zu planen. Er hat uns alle glauben lassen, dass sich hier draußen Gruppen von Aufständischen bilden, die das Ziel verfolgen, das Empire anzugreifen. Zusammen mit anderen hat er Beweise gefälscht und glaubwürdige Zeugen rekrutiert, die seine Aussagen bestätigten. Gleichzeitig hat er sich auch draußen im Umland mit den Menschen in Verbindung gesetzt, ihre Ängste und ihren Hass auf das Empire vergrößert. Er hat an beiden Fronten operiert, beide Seiten gegeneinander aufgehetzt. Und schließlich hat er es geschafft, dass die Regierung Hunter-Truppen losgeschickt hat, um die Gefahren, die sich im Umland formierten, zu beseitigen.« Sein Blick richtete sich auf den Boden. »Ich war in der Truppe, die deine Siedlung angriff. Wir wussten nicht, dass dort ganz normale Familien lebten, Kinder …«

Ich zog meine Knie an, legte das Kinn ab und schloss die Augen, während er weitersprach.

»Silva hatte es geschafft, dass wir völlig überzeugt davon waren, schwer bewaffnete Rebellen in den Siedlungen vorzufinden. Um den Vorteil auf unserer Seite zu haben, griffen wir sofort an, ohne vorher das Gespräch zu suchen.«

Ich hörte das laute Knallen und die Schreie, als befände ich mich wieder dort. Instinktiv zuckte ich zusammen.

»Erst als alles in Schutt und Asche lag, sahen wir, was wir getan hatten. Ich lief über die Straßen, auf der Suche nach dem eliminierten Feind. Doch alles, was ich fand, waren leblose, zum Teil verbrannte Körper von unschuldigen Menschen. Von Kindern.«

Langsam wischte ich mir die Tränen weg, die mir über die Wangen liefen, und vertrieb die Bilder, die seine Geschichte hervorgerufen hatte, mit aller Macht aus meinem Kopf.

»An meinen Händen klebt das Blut viel zu vieler Unschuldiger, Riley. Etwas, womit ich für den Rest meines Lebens klarkommen muss. Die meiste Zeit verdränge ich diese Erinnerungen. Wir alle, die an diesen Missionen beteiligt gewesen sind, haben gelernt, sie zu verdrängen. Die ersten Wochen danach hatte ich fürchterliche Albträume, aber das Empire hat gewisse Mittel, um sie zu beseitigen. Es sind chemische Prozesse im Hirn, die sich mit der richtigen Technik kontrollieren lassen.«

»Sie haben deine Albträume einfach ausgelöscht?«, hakte ich ungläubig nach.

»Ja. Ich wäre sonst nicht mehr funktionsfähig gewesen«, bestätigte er nickend. »Alle paar Monate bekomme ich ein Mittel gespritzt, das mein Unterbewusstsein in der Hinsicht kontrolliert. Wir Hunter brauchen den wenigen Schlaf, den wir bekommen. Albträume sind da hinderlich, also werden sie von vornherein unterbunden.«

»Gott …« Ich musste das, was er mir da erzählt hatte, erst einmal verarbeiten. Alles, was er mir offenbarte. Dafür würde ich viel Zeit benötigen. »Lex ist wahnsinnig«, murmelte ich vor mich hin. 

»Du hast ja keine Ahnung«, wandte One ein. »Meine Narben … Früher war die Ausbildung der Hunter sehr fragwürdig. Silva hatte sie zusammen mit anderen Militärexperten, die heute nicht mehr für das Empire arbeiten, geleitet. Sie beinhaltete unter anderem Folter, um uns abzuhärten. Damit wir im Falle einer Ergreifung durch den Feind auf keinen Fall wichtige Informationen ausplaudern würden.« Er stieß ein kurzes Lachen aus, das eher nach einem Schnauben klang. »Ich schätze, damit hat er sich ins eigene Fleisch geschnitten. Er hat den Code nicht aus mir herausbekommen.«

Ich schluckte hart und ließ meinen Blick über seinen Oberkörper wandern. »Das tut mir so leid, Taleon. Was sie dir angetan haben …«

Er schüttelte den Kopf. »Das liegt jetzt hinter mir.«

»Und es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe«, fügte ich wispernd hinzu, bevor mir die Stimme versagte und in ein Schluchzen überging. Ich schlug die Hände vors Gesicht und wurde von einem Weinkrampf durchgeschüttelt. Dann spürte ich, wie sich zwei Arme um mich legten. One zog mich an seine Brust und hielt mich fest, während ich seine Verbände durchnässte.

»Ich verstehe, warum du es getan hast«, murmelte er an meiner Stirn. »Ich habe deine Familie und andere unschuldige Menschen auf dem Gewissen.«

Ich verkrampfte mich, als er das so offen aussprach. Doch dann sagte ich mir, dass er es nicht getan hätte, wenn er gewusst hätte, dass man ihn und die anderen hereingelegt hatte. Daran musste ich mich festhalten!

»Ich weiß nicht, ob es dir hilft«, setzte One einen Augenblick später wieder an, »aber ich war derjenige, der deinen Vater aus dem brennenden Haus gezogen hat, als ich sah, dass er noch lebte.«

Ich richtete mich langsam auf und runzelte die Stirn. »Du hast meinen Vater gerettet?« 

»Ich habe ihn im Wald versteckt und wollte abwarten, bis unsere Untersuchungen abgeschlossen waren. Zu dem Zeitpunkt habe ich niemandem um mich herum vertraut und daher auch niemandem von einem Überlebenden erzählt. Aber als ich zurückkam, war er nicht mehr da. Und später fanden wir Hinweise darauf, dass er mit Silva in Verbindung stand. Der war bereits aus dem Empire geflohen und im Umland untergetaucht. Wir haben ihn jahrelang gesucht, überall, aber wir konnten ihn nicht finden. Er ist ein Meister darin, seine Spuren zu verwischen. Ich war ganz schön überrascht, als ich mich auf einmal in seiner Gefangenschaft wiederfand.«

»Wie konnten seine Leute euch überhaupt schnappen?« 

»Ein Hinterhalt. Wir sind einer Spur gefolgt, die uns zu dir führen sollte, aber als -«

»Ihr habt mich gesucht?«

One hob einen Mundwinkel. »Ich habe jeden gottverfluchten Stein umgedreht. Das hast du wohl nicht erwartet …«

»Nein«, gestand ich ehrlich und verspürte ein warmes Gefühl in der Brust. Nite und seine Leute waren überzeugt gewesen, dass der Hunter-Anführer mir nachkommen würde, aber ich hatte es nie wirklich geglaubt, wenn auch im Stillen gehofft, dass ich ihm so wichtig war. »Du hast mir nicht gerade das Gefühl gegeben, dass ich dir wichtig bin.«

»Ich weiß. Ich bin ein Meister darin … Menschen von mir zu stoßen, die … mir …« Seine Stimme wurde zum Ende hin etwas schleppend und er verstummte plötzlich. Auch seine Lider wirkten so, als wären sie zu schwer. Schließlich fielen ihm die Augen zu und die Hände, mit denen er mich eben noch am Rücken gehalten hatte, rutschten zur Seite auf den Boden. 

Ich überprüfte seine Atmung und lehnte mein Ohr gegen seine Brust, um auch nach seinem Herzschlag zu hören. Scheinbar hatte ihn die Erschöpfung erneut übermannt. 

Vorsichtig strich ich ihm die wirren Haare aus dem Gesicht und beugte mich vor, um ihm einen Kuss auf den Mund zu drücken. In der letzten Stunde hatte ich viel erfahren, das mich fortan sehr beschäftigen würde. Doch das Wichtigste war, dass Ones Version der Geschichte mir aufgezeigt hatte, dass er kein kaltblütiger Mörder war, der einfach unschuldigen Menschen das Leben nahm. Und ich glaubte ihm. Er war genauso ein Opfer wie jeder, der in die Nähe von Alexis Silva geriet. Dieser Mann war schlimmer als eine Plage oder Seuche. Und ich würde den Huntern helfen, ihn endlich zu schnappen und seine Pläne zu durchkreuzen!

 

33. Kapitel

 

 


Ich betrachtete Ones Gesicht, als er schlief und seine verhärteten Züge sich nach und nach entspannten. Er schien wirklich nicht zu träumen, denn danach blieb sein Gesicht völlig ausdruckslos. War das nun ein Segen? Bei dem, was er erlebt hatte, wahrscheinlich schon. Wie oft hatte ich mir gewünscht, den Albträumen, die mich immer mal wieder heimsuchten, entkommen zu können? Aber dann müsste ich auch auf alle anderen Träume verzichten, auf die guten und schönen. Das wäre ein herber Verlust, denn in ihnen sah ich wenigstens noch meine stetig verblassenden Erinnerungen an meine Mutter und Schwester und an die schönen Zeiten, die uns nicht vergönnt gewesen waren.

Seufzend wandte ich meinen Blick von One ab, schlüpfte aus meinem Pullover und legte ihn über seinen nackten, bandagierten Oberkörper. Dann verließ ich unser Versteck und suchte die Umgebung nach Stöckern ab, um daraus Fallen zu bauen, so wie ich es bei Logan gesehen hatte. Dabei musste ich an den jungen Mann denken und fragte mich, was aus ihm wohl werden würde. Er war begeistert von Lex und dem Lager gewesen, hatte sich in seiner gewohnt offenen Art in dieses neue Abenteuer gestürzt. Ich konnte nur hoffen, dass er sich nicht zu sehr blenden und von Lex in einen blutigen Krieg ziehen ließ. Es wäre schade um ihn, denn er war wirklich kein schlechter Kerl, bloß genauso verblendet wie alle anderen.

Mein nächster Gedanke galt Nikk. Für ihn sah ich nur wenig Hoffnung und das deprimierte mich. Er hatte den grausamen Tod, den Lex ihm aller Wahrscheinlichkeit nach bringen würde, nicht verdient. Er war bloß in diese Situation gelangt, weil er zusammen mit One und den anderen Huntern nach mir gesucht hatte. Das Schuldgefühl, das in mir wütete, war bleischwer und zog mich ganz schön runter. Deshalb drängte ich diesen Gedanken auch schnell wieder von mir und konzentrierte mich auf die fast fertige Falle in meinen Händen.

Es gelang mir für kurze Zeit, meinen Kopf komplett abzuschalten, doch bald schon holte mich das ein, was unvermeidlich war. Ones Teil der ganzen traurigen Geschichte, die er mir erzählt hatte. Ich glaubte ihm, denn ich wusste, wozu Lex imstande war. Dennoch gab es da ein leises Stimmchen in mir, das mir immer wieder zuflüsterte, dass ich mit dem Mörder meiner Mutter und Schwester zusammen war und trotz der erfahrenen Wahrheit sehr viel für ihn empfand. Vielleicht sogar noch mehr als zuvor. Dieses Stimmchen brachte ich damit zum Schweigen, dass ich mir sagte, One wäre ebenfalls nur ein Opfer der grausamen Umstände. Der wahre Feind war Lex! Und ich hielt mich mit aller Macht an meinem stetig wachsenden Hass auf diesen Mann fest, nährte ihn, indem ich an all die Opfer von damals und an die neuen der Zukunft dachte. Lex wollte einen Krieg und würde nicht von seinen Plänen abweichen, da war ich mir sicher. Deshalb mussten wir alles daran setzen, ihn zu stoppen.

One schlief sehr lange. Ich ging zwischendurch immer mal wieder zu ihm, kontrollierte seine Atmung und seinen Herzschlag, achtete aber darauf, ihn nicht zu wecken. Er brauchte die Erholung ganz dringend, wenn wir den langen und beschwerlichen Weg zum Hauptquartier überstehen wollten. Ich konnte nur hoffen, dass wir in unserem Versteck für die Nacht sicher waren. Ob ich mich mehr vor den wilden Tieren oder vor Lex und seinen Männern fürchtete, vermochte ich nicht zu sagen.

Als es schließlich dunkel wurde, überprüfte ich noch einmal die Fallen, die ich um unser Versteck herum aufgestellt hatte, und legte mich anschließend neben One hin. Obwohl es hier im Süden wirklich nicht so kalt war, fror ich etwas und kuschelte mich ganz fest an ihn ran. Mir entkam ein leiser, erschrockener Laut, als er plötzlich einen Arm um mich legte. Doch dann spürte ich die wohlige Wärme, die von ihm ausging und mich umhüllte, schlang auch meinen Arm vorsichtig um seinen Bauch und schloss zufrieden die Augen.

 



Ich erwachte allein und richtete mich hastig auf. Angst beschlich mich, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, wovor. Vielleicht hatte man uns gefunden und One mitgenommen, mich allein zurückgelassen, ihn umgebracht … 

Erleichtert ließ ich einen Seufzer entweichen, als ich ihn draußen vorfand. Er wischte sich den Mund mit einem Blatt aus, von dem ich wusste, dass es eine reinigende und erfrischende Wirkung hatte, und spuckte anschließend zur Seite. Ich trat zu ihm, erblickte das Gebüsch, an dem die Blätter wuchsen, und machte es ihm nach. Allmählich verschwand der fade Geschmack aus meinem Mund und hinterließ einen, der Minze ähnelte.

»Ich habe nicht weit von hier entfernt eine Quelle gesehen«, sagte One einen Moment später und schaute mich an. »Sie sieht sauber aus.«

Ich nickte. »Wir sollten uns waschen.«

Gemeinsam holten wir die Sachen aus dem Versteck und ich sammelte noch schnell die Fallen ein, bevor wir weiterzogen. 

»Wo hast du das gelernt?«, erkundigte sich One und deutete auf die Fallen, die ich mit einem Band zusammengeschnürt hatte und nun über der Schulter trug.

»Das hat mir der Kerl beigebracht, der mich zu Lex geführt hat. Logan.«

»Wer ist er?«

»Ich habe ihn während meiner Flucht vor Nite getroffen. Er hat mir geholfen.«

One blieb stehen und drehte sich zu mir um. »Nite?«

»Ja. Ein Mann mit einer riesigen Narbe im Gesicht. Er ist derjenige, der hinter meiner Entführung steckt. Ich war tagelang in seinem Versteck eingesperrt, dann hat mir ... ein Junge geholfen und wir sind geflohen. Der Junge wurde von Nite und seinen Männern erschossen. Danach traf ich Logan.« Ich überlegte kurz, ihm von Savannahs Rolle in dem ganzen üblen Spiel zu erzählen, tat es jedoch nicht. Vorerst. Irgendwann würde ich ihm davon erzählen müssen. »Nite ist einer von Lex‘ Handlangern. Zusammen mit seinem Gefolge überfällt er die armen Dörfer hier draußen und nimmt den Menschen das Bisschen, das sie haben, weg. Und das wird wiederum an Lager wie das von Lex verteilt, um die Leute dort zu versorgen.«

Ich sah One an, dass er noch weitere Fragen hatte, aber er stellte sie nicht. Stattdessen sagte er: »Wir haben vereinzelt Hinweise darauf erhalten, dass sich jemand an den Dörfern bereichert, aber die Menschen hier draußen sprechen kaum mit uns. Wir können nicht helfen, wenn man uns nicht darum bittet und sich auch helfen lässt.«

»Über euch Hunter wird hier draußen kein gutes Wort verloren«, bestätigte ich ihm nickend. »Die Menschen haben Angst vor euch oder sie hassen euch. Meist trifft beides zu. Lex hat sein Gift großzügig ausgestreut.«

Ones Kiefer verhärtete sich. »Man kann den Menschen ihre Leichtgläubigkeit nicht verübeln, wenn man bedenkt, was in der Vergangenheit geschehen ist. «

Ich schluckte schwer und senke den Blick, weil ich wieder an das, was er mir am Vortag mitgeteilt hatte, denken musste. Eine sanfte Berührung an meinem Kinn ließ mich meinen Blick wieder anheben und One in die Augen schauen.

»Du musst deine Verachtung für das, was ich getan habe, nicht verbergen, Riley. Ich verstehe es«, versicherte er mir aufrichtig.

»Es tut mir leid, dass ich so fühle«, erwiderte ich leise. »Du wurdest getäuscht ... Ihr alle wurdet getäuscht. Dennoch ändert es nichts daran, dass ich auch durch dich meine Familie und mein Heim verloren habe. Wie konnte das passieren, Taleon? Gab es denn wirklich keine Möglichkeit, Lex‘ Pläne vorher zu durchschauen?«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Silva war damals unsere Verbindung zum Umland. Er war derjenige, der uns über alle Umstände außerhalb informierte. Es gab keine Außenstützpunkte, keine Missionen, um nach dem Rechten zu sehen. Das habe ich erst später, als ich zum Hauptmann befördert wurde, eingeführt. Zuvor mussten wir uns stets auf Silvas Wort verlassen. Wir haben ihm vertraut, weil wir ihn für einen aufrichtigen Mann hielten. Ein schwerer Fehler, wie wir später auf grausamste Weise herausfinden mussten.«

»Und niemand hat den Schritt gewagt, sich ein eigenes Bild zu machen?«

»Nein. Wie gesagt, Silva war sehr überzeugend. Und damals herrschte im Empire die weit verbreitete Ansicht, dass es hier draußen kaum vernünftiges Leben gäbe. Bis Silva mit den Informationen und Beweisen ankam, dass sich Gruppen formierten, um uns anzugreifen. Die Regierung sah sich gezwungen, schnell dagegen vorzugehen, um es zu verhindern. Hunter – selbst diejenigen, die sich noch in der Ausbildung befanden – wurden losgeschickt, um den Feind zu eliminieren. Wir griffen aus sicherer Entfernung an, das war unsere Taktik, um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten. Niemand wollte sein Leben riskieren, indem er die Siedlungen zuvor auskundschaftete. Hätten wir es getan …« Er beendete den Satz nicht und wandte stattdessen den Blick ab. »Aus Fehlern lernt man«, fügte er schließlich hinzu. »Seitdem versuche ich jeden Tag, meine wieder gut zu machen.«

»Dass du mich gerettet und dich um mich gekümmert hast, ist deine Art, meine Familie um Verzeihung zu bitten«, sprach ich das aus, was mir durch den Kopf ging.

»Zu Beginn war es so«, bestätigte One. »Mittlerweile bin ich in dieser Hinsicht egoistischer geworden.« Er drehte sich um und marschierte wieder los.

»Was meinst du damit?«, hakte ich mit wild klopfendem Herzen nach und folgte ihm schnell.

»Du bist eine kluge Frau, Riley, du kannst es dir doch sicher denken.«

Ich umrundete ihn und blieb vor ihm stehen, was ihn ebenfalls dazu bewog, anzuhalten. »Ich möchte es aber hören«, sagte ich und schaute hoch in sein Gesicht. 

Ein kaum merkliches Lächeln zierte seine Lippen, doch dann wurde er wieder ernst. »Ich habe alles dafür riskiert, um dich zu finden. Und jetzt, wo ich dich wieder zurück habe, werde ich dafür sorgen, dass es so bleibt. Ich schwöre dir, dass dir nichts zustößt. Du hast mein Wort. Und genau deshalb müssen wir jetzt weiter, damit wir nicht länger als nötig an einer Stelle verharren.« 

Es war nicht das, was ich hören wollte, aber mehr würde ich wohl nicht von ihm bekommen. Ernüchtert trat ich zur Seite und ließ ihn wieder vorangehen. Er war noch nicht so weit, mir das zu sagen, was ich unbedingt hören wollte, aber mittlerweile spürte ich es wenigstens. Er zeigte es mir eben auf seine eigene Weise, das musste ich akzeptieren. Es war allemal besser als die völlige Ungewissheit, die ich vor unserem Wiedersehen verspürt hatte.

Schweigend gelangten wir zu einem kleinen Wassergraben und blieben am Rande stehen. »Gib mir mal das Messer«, richtete One an mich und streckte eine Hand aus. Nachdem ich es ihm gegeben hatte, schnitt er sich in den Unterarm und ließ etwas Blut ins Wasser tropfen. »Ich möchte nur sichergehen, dass da drin keine ungebetenen Gäste schwimmen«, erklärte er auf meinen geschockten und verwirrten Blick hin.

Wir warteten ein paar Minuten ab, dann stellte One den Rucksack ab und nestelte an seiner Hose herum.

»Du möchtest da jetzt rein?«, hakte ich nach und spürte, wie mein Mund trocken wurde, als er die Hose herunter zog. 

»Das Wasser sieht sauber aus, ich muss mich waschen«, erwiderte er und entledigte sich auch seines letzten Kleidungsstücks – der engen Shorts darunter.

Mein erster Impuls war, verlegen wegzusehen, doch ich widerstand dem und sog seinen Anblick stattdessen begierig in mich auf. Mein Gott, war dieser Mann schön! Eine wilde, herbe Schönheit, die durch all seine Narben und Verletzungen nur noch unterstrichen wurde. Ich erfasste jeden Zentimeter von ihm und unterdrückte ein Seufzen, weil ich mich so sehr nach ihm sehnte.

Im nächsten Moment schlüpfte auch ich aus meiner gesamten Kleidung und folgte ihm nach einem letzten kurzen Zögern in den Graben, wobei sich mein Blick an seinen muskulösen Hinterbacken festklebte. Eine kribbelnde Hitze nistete sich in meinem Unterleib ein.

Das Wasser war sehr kalt und ich bekam eine heftige Gänsehaut, als ich immer weiter hineintauchte. One blieb stehen, sobald die sanften Wellen kurz unter den Verbänden an seinem Oberkörper seine Haut umspülten. Ich hielt direkt vor ihm an und umschlang mich mit den Armen. Einerseits, weil ich ganz schön fror, aber auch um meine Nacktheit vor ihm zu verbergen. Ich verspürte ein tiefes Schamgefühl, ohne zu wissen, wieso. Es wäre immerhin nicht das erste Mal, dass er mich nackt sah. Wir hatten schon wesentlich intimere Momente geteilt.

»Riley?«

Ich schaute auf, als er meinen Namen leise aussprach.

»Wieso versteckst du dich vor mir?«

»Keine Ahnung«, erwiderte ich ehrlich.

Langsam streckte er die Hände aus und schob meine Arme sanft herunter. Dann zog er mich näher an sich heran und schöpfte etwas Wasser, um es über meine Schulter zu gießen. Ich zuckte leicht zusammen und spürte, wie meine Brustwarzen noch härter wurden, als das kalte Nass auf meine Haut traf. Trotz meiner brennenden Wangen schaute ich hoch in Ones Gesicht und frohlockte, als ich sah, wie sich sein Blick begierig auf meine Brüste heftete. In ihm stand deutlich, dass er mich wollte. Genauso wie ich ihn ersehnte.

One wusch mich langsam und behutsam und brachte mich mit seinen Berührungen fast um den Verstand. Innerlich brannte ich lichterloh und wollte mehr. Ich wollte, dass er mich nahm, hier auf der Stelle; wollte ihm so nah sein wie nur möglich. Ich konnte deutlich spüren, dass er erregt war, sobald mich sein Glied streifte. Wieso hielt er sich zurück? Wollte er vielleicht, dass ich die Initiative ergriff? Befürchtete er, dass ich mich sonst seiner Nähe entziehen würde?

Ich atmete tief durch, fasste all meinen Mut zusammen und legte meine beiden Hände um seinen großen Penis. Daraufhin stieß er einen überraschten, zischenden Laut aus.

»Riley«, murmelte er, als ich meine Hände auf und ab rieb, ihn neugierig liebkoste und es genoss, seinen glatten Schaft zu berühren. 

»Du hast mir so gefehlt«, wisperte ich und drängte mich weiter an ihn. Trotz all der Geschehnisse der vergangenen Wochen war da immer noch eine ganz elementare Empfindung in mir, die jetzt deutlich in den Vordergrund rückte: Ich wollte bei ihm sein, ihm ganz nahe sein. So gut es ging, stellte ich mich auf die Zehenspitzen und reckte ihm meinen Mund entgegen. 

Ohne zu zögern beugte er sich zu mir hinab und verschloss ihn mit seinem. Seine Arme umschlangen mich dabei. Mein ganzer Körper wurde von einer heftigen Welle der Erregung erfasst, als unsere Zungen aufeinander trafen. Ich küsste One mit all meiner Sehnsucht und dem Verlangen, das ich empfand. Und nicht minder kam es von ihm zurück. Schon bald gerieten wir außer Atem. Die kurze Verschnaufpause, die wir uns schließlich gönnten, nutzte er dazu, unter meine Schenkel zu fassen und mich auf seine Hüften zu stemmen.

»Geht’s?«, erkundigte ich mich besorgt und strich vorsichtig über seine Verletzungen.

Zur Antwort bekam ich einen weiteren Kuss, der jeden vernünftigen Gedanken in meinem Kopf ausradierte. Als One kurz darauf langsam in mich eindrang, stöhnten wir beide auf.

»Sei vorsichtig«, ermahnte ich ihn noch einmal, weil ich nicht wollte, dass er sich zu sehr verausgabte, doch genauso gut hätte ich mit den Bäumen um uns herum sprechen können. 

One nahm mich fest und unnachgiebig, trieb seinen Schoß in harten Stößen gegen meinen und zeigte mir seine ganze Sehnsucht und sein großes Verlangen mit beinahe verzweifelter Leidenschaft, die aus ihm strömte und mich mit sich in einen wilden Strudel zog.

Es kostete mich alle Mühe, meine Fingernägel nicht in seinen Rücken zu bohren, als sich nach und nach ein immenses Kribbeln in meiner Mitte breitmachte. Um die überwältigenden Gefühle, die in mir tobten, einigermaßen zu bändigen, umschlang ich Ones Hals und küsste ihn wie im Wahn, fieberhaft und unkontrolliert.

Ich rief seinen Namen, als ein Zittern zuerst meinen Unterleib und dann meinen gesamten Körper erfasste. Schluchzend klammerte ich mich an seine starken Schultern, während er weiter in mich stieß und mich meinen Höhepunkt bis zum Äußersten fühlen ließ.

Als auch er fertig war, strich er mir die wirren Haare aus dem Gesicht und wischte mir die Tränen von den Wangen. Sein Blick sagte alles, was ich wissen musste und er nicht laut aussprechen konnte, während seine Brust sich auf und ab hob, als er wieder zu Atem kam. Dann küsste er mich noch einmal, langsam und sanft, bevor er mich aus dem Wasser trug und am Rand abstellte.

»Ich muss den Verband wechseln«, sagte er, weiterhin leicht außer Atem, und griff nach der Medizin auf dem Boden. »Wir sollten uns beeilen.«

Ich nickte stockend, noch immer gefangen in dem Gefühl, das wir eben zusammen erlebt hatten, und ging neben ihm in die Hocke. Es war gar nicht so einfach, mich auf seine Schnitte und Wunden zu konzentrieren, während er nackt vor mir saß, aber ich tat mein Bestes, um mich nicht davon ablenken zu lassen. Als wir fertig waren, zogen wir uns an, aßen noch schnell etwas und setzten schließlich unseren Weg fort. 

Ich konnte nicht verhindern, dass sich dabei ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen stahl, und wollte es auch gar nicht. Immerhin hatten wir beide etwas Glück und Unbeschwertheit bitter nötig in all dem Chaos, das uns sonst umgab.

Das wohlige Gefühl in meinem Bauch, das durch die intime Nähe im Wasser entstanden war, hielt den ganzen Marsch an, den wir zurücklegten. One ging stets voran, überzeugte sich jedoch immer wieder mit einem Blick über die Schulter, dass ich auch hinterher kam. Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war, die Umgebung im Auge zu behalten, ließ ich meinen Blick über seine hohe Gestalt wandern und saugte alles von ihm auf. Ich konnte nicht anders, er zog mich wie magisch an.

Wie tief mochten meine Gefühle für den Hunter bereits reichen? Ich wusste, dass es längst keine Schwärmerei mehr war, was ich für ihn empfand. Und wenn ich seine Andeutungen und Gesten richtig interpretierte, ging es ihm ähnlich wie mir. Vor meiner Entführung aus dem Hauptquartier hatte es bereits vereinzelte Anzeichen dafür gegeben, aber da war er noch sehr erpicht darauf gewesen, mich stets auch in meine Schranken zu weisen, wenn ich ihm zu nahe kam. Jetzt war es anders, hatte ich das Gefühl. Er ließ meine Nähe bereitwillig zu, suchte sie sogar von sich aus. Ob sich das wieder ändern würde, sobald wir zurück im Hauptquartier waren?

Dieser Gedanke ließ meinen Magen ganz flau werden. Ich wollte nicht, dass One sich wieder von mir zurückzog und neue Mauern zwischen uns errichtete. Wir hatten so viel erlebt und waren so weit gekommen … das musste doch etwas bedeuten! Er durfte nicht zulassen, dass dieser Fortschritt verloren ging!

»Ich muss eine Pause machen«, durchbrach seine Stimme schließlich meine quälenden Überlegungen, wofür ich ihm dankbar war. Ich wollte das, was nun zwischen uns war, nicht durch meine Zweifel und Ängste verderben.

Wir hockten uns nebeneinander auf den Boden und aßen schweigend. Immer, wenn sein Arm mich streifte, durchzuckte mich ein kleiner Blitz. Obwohl wir uns erst vor wenigen Stunden geliebt hatten, waren da immer noch eine tiefe Sehnsucht und ein drängendes Verlangen nach seiner Nähe. Ich wusste, dass der Zeitpunkt alles andere als passend war – immerhin befanden wir uns auf der Flucht vor Lex und seinen Leuten - , aber ich konnte diese Empfindungen nicht einfach abstellen. Lediglich der Gedanke an meine Mutter und Schwester, der sich hin und wieder in mein Bewusstsein schlich, schaffte es, mich zu ernüchtern und mich davon abzuhalten, One zu zeigen, wie sehr ich ihn wollte. Es würde dauern, bis ich die Wahrheit ganz verarbeitet hätte.

»Möchtest du dich ein wenig hinlegen?«, fragte ich ihn, als wir aufgegessen hatten. 

»Das sollte ich wohl tun. Meine Wunden heilen schneller, wenn ich schlafe«, erwiderte er und runzelte die Stirn, während er wohl darüber nachdachte, ob er sich nun hinlegen würde oder nicht.

»Ich passe auf«, versicherte ich ihm. »Der Baum da« - Ich zeigte nach vorne – »ist hoch und hat dicke Äste. Ich kann hochklettern und die Umgebung gut im Auge behalten, auch auf lange Entfernung hin.«

»Ich sollte über dich wachen, nicht umgekehrt«, sagte One und klang dabei leicht verstimmt. Es gefiel ihm ganz offensichtlich nicht, dass wir hier die Rollen tauschten.

Lächelnd richtete ich mich auf und schlüpfte aus meinem Pullover, um ihn ihm zu reichen. »Je mehr du dich erholst, desto schneller bist du wieder in deiner alten Verfassung. Keine Sorge, sobald ich etwas sehe, was mir merkwürdig erscheint, wecke ich dich. Du musst lernen, mir mehr zuzutrauen. Ich bin kein hilfloses Weibchen.«

»Das weiß ich, Riley«, entgegnete er und in seinen Augen blitzte es kurz auf. War das Bewunderung oder Stolz? Er nahm den Pullover und brachte sich in eine liegende Position. »Weck mich in spätestens zwei Stunden. Das ist dann, wenn die Sonne diesen Punkt erreicht hat.« Mit einem Finger deutete er auf den Himmel über uns.

»Verstanden.« Ich wandte mich ab, schnappte mir das Messer und ging zu dem Baum, um nach oben zu klettern. Sobald ich eine ausreichende Höhe erreicht hatte, lehnte ich mich gegen den Stamm und ließ meine Augen in alle Richtungen wandern. Hin und wieder gönnte ich mir auch ein paar Sekunden, um One zu betrachten, aber nie zu lange, denn ich wollte nicht riskieren, dass man uns überraschte.

Und dann sah ich plötzlich etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Etwas, das hellbraun in der Sonne glänzte und sich schnell bewegte.

»Verdammt!«, stieß ich leise aus und beeilte mich, vom Baum zu kommen. Schnell lief ich zu One und rüttelte ihn kräftig an den Schultern. »Taleon, steh auf!«

Er öffnete die Augen und richtete sich sofort auf, als er meinen panischen Blick sah. »Was ist los?«

»Wilde Hunde. Ich glaube, ich habe welche gesehen.«

In einer schnellen Bewegung war er auf den Beinen und nahm den Rucksack und den Verbandskasten hoch. »Wo hast du sie gesehen?«

»Nicht weit entfernt, sie bewegen sich in unsere Richtung.« Mein Herz raste, aber ich zwang mich dazu, Ruhe zu bewahren.

One sah sich um und heftete seinen Blick schließlich auf den Baum, auf dem ich eben noch Wache gehalten hatte. »Los, wieder rauf da!«, wies er mich im nächsten Moment an.

Ich lief los und blieb vor dem Stamm stehen. »Schaffst du das?«, richtete ich über die Schulter an ihn. Angst befiel mich, dass er es in seinem Zustand womöglich nicht hinbekommen würde. Was sollten wir dann tun? Kämpfen? Ich hatte keine Ahnung, wie viele Hunde es waren und ob es uns gelingen könnte, sie alle zu beseitigen.

»Riley, beeil dich!«, entgegnete One bloß und packte mich an der Hüfte, um mir nach oben zu helfen. Anschließend reichte er mir unseren Proviant hoch und den Verbandskasten hinterher.

»Taleon, mach schon!«, forderte ich ihn mit leicht schriller Stimme auf, stellte die beiden Dinge ab und sah mich gehetzt um. Als der erste windige Leib durchs Gebüsch brach, rutschte mir das Herz in die Hose. »Taleon!« Ich streckte meine Hände nach ihm aus und rutschte dabei beinahe ab. Im letzten Moment konnte ich mich am Ast festhalten.

»Bleib oben, Riley, verdammt nochmal!«, stieß One sofort warnend aus und machte sich daran, hochzuklettern. 

Ich hatte solche Angst um ihn, dass mir die Tränen kamen. Als ich sah, dass ein Hund jeden Moment sein Bein erreichen würde, griff ich nach dem Rucksack und schmiss ihn auf das wilde Tier. Damit verschaffte ich One die nötige Zeit, um eine sichere Höhe zu erreichen und zu mir aufzuschließen.

Lautes Bellen und Knurren ertönte unter uns, als weitere Hunde zu dem ersten dazustießen. Geifernde Mäuler schnappten nacheinander, während sie den Rucksack auseinander rissen und sich um den Inhalt stritten.

»Das war knapp«, murmelte One neben mir und holte tief Luft. Dann traf sein Blick meinen und ich sah die Wut in seinen Augen blitzen. »Wage es ja nicht noch einmal, dein Leben für mich zu riskieren!«

Ich zuckte leicht zurück wegen der Schärfe in seiner Stimme, doch dann schüttelte ich den Kopf und reckte das Kinn vor. »Ich würde dich niemals einfach sterben lassen, ob dir das nun passt oder nicht!«

»Riley, sei nicht so leichtsinnig …«

»Was ist mir denn noch in dieser Welt geblieben?«, unterbrach ich ihn. »Ich habe alles und jeden verloren. Ich lasse nicht zu, dass dasselbe mit dir passiert. Niemals!«, fügte ich wild entschlossen hinzu. 

Wir starrten uns noch einen Moment lang unnachgiebig an, dann seufzte One und zog mich an einer Hand vorsichtig näher zu sich heran, bis ich zwischen seinen ausgebreiteten Beinen, die rechts und links von dem dicken Ast herabhingen, angelangt war. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen den Stamm, um sicheren Halt zu haben, und nahm mich fest in den Arm. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich furchtbar zitterte, und drückte mich ganz eng an seine Brust. Allein der Gedanke, ihn zu verlieren, schmerzte so sehr, dass ich ihn schnell wieder verdrängte. Nein, das würde nicht passieren. Niemals! Das würde ich nicht zulassen.

Vorsichtig schielte ich runter zu den Hunden, die ihre scharfen Zähne in die Konservendosen gruben, um an den Inhalt zu gelangen. »Wieso sind diese Mistviecher überhaupt hier, obwohl es noch hell ist?«, überlegte ich laut.

»Wahrscheinlich haben sie in dieser Gegend nichts zu befürchten, weil weit und breit keine Feinde lauern. Mein Blut muss sie angelockt haben.«

»Du meinst, sie riechen deine Wunden trotz der Bänder?«

»Gut möglich«, bestätigte One, der ebenfalls nach unten sah. 

Ich schluckte schwer. »Und wie sollen wir … hier je wegkommen?«

»Wir können hoffen, dass sie sich an dem Proviant satt fressen und mit der Zeit das Interesse daran verlieren, den Baum anzuknurren.«

»Und wenn nicht?«

One sah mir fest in die Augen. »Dann finde ich einen anderen Weg, um dich hier heil herauszubringen.«

Ich nickte langsam und lehnte mich wieder gegen ihn. Obwohl ich immer noch Angst vor der Gefahr verspürte, die zu unseren Füßen lauerte, vertraute ich auf seine Worte. Ich erlaubte mir nicht einmal daran zu denken, dass es keinen Ausweg aus dieser Misere gab. Wir hatten schon so viel überlebt, wir würden auch das hier überstehen.

Nachdem die wilden Hunde alles aus dem Rucksack verschlungen hatten, begannen sie den Baum, auf dem wir saßen, zu umkreisen, am Stamm zu schnüffeln und ihn anzubellen.

»Können sie uns sehen?«, fragte ich One flüsternd.

»Laut der Informationen, die wir zu den Tieren gesammelt haben, besitzen sie kein gutes Sehvermögen, aber dafür haben sie sehr gute Nasen und Ohren«, erwiderte er.

»Meine Mutter ...«, setzte ich an und biss mir auf die Unterlippe. Ich schaute hoch in Ones Augen und fuhr auf sein aufforderndes Nicken hin fort: »Sie hat mir mal erzählt, dass man früher Hunde als Haustiere gehalten hat.«

»Das ist richtig«, bestätigte er. »Im Empire gibt es auch heute noch Haushunde. Sie sind kleiner als die Viecher da unten. Und gehorsam. Es gibt bereits Versuche, auch die Tiere hier draußen zu domestizieren. Aber so etwas braucht viel Zeit.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass man aus einem so wilden Tier einen Haushund machen kann«, bemerkte ich und schüttelte den Kopf, während ich die weit aufgerissenen Mäuler unter uns betrachtete, deren Zähne immer wieder in den Stamm stießen.

»Der Mensch schafft alles, was er sich vornimmt«, entgegnete One mit nachdenklicher Miene.

»Der Mensch ist selbst ein Tier«, wandte ich daraufhin ein.

»Das gefährlichste von allen«, pflichtete er mir bei. »Er nimmt sich das, was er will, oft ohne Rücksicht auf alles andere.«

Ich nickte zustimmend. Dann erinnerte ich mich an etwas, das er mir mal gesagt hatte. »Als wir damals zusammen unterwegs waren, nachdem man uns in eine Falle gelockt hatte, da hattest du auch bereits deinen Unmut über die Umstände in dieser Welt kurz durchblicken lassen. Du bist der Anführer der Hunter, kannst du denn gar nichts machen, um etwas von den Ungerechtigkeiten zu beseitigen? Lex hat hier draußen nur so viel Erfolg, weil die Menschen unzufrieden und verzweifelt sind. Ihr könntet ihm seine Macht nehmen, indem ihr den Menschen ein besseres Leben bietet. Ich weiß, dass es euch möglich ist, weil ihr selbst so viel habt.«

»Riley«, unterbrach er mich sanft und legte mir eine Hand an die Wange. »Es ist nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Die Privilegierten im Empire wollen ihr bequemes Leben nicht ändern.«

»Sie müssten doch bloß ein bisschen von dem, was sie haben, abgeben!«

»Das wird nichts an dem Unmut hier draußen ändern, glaub mir. Die Menschen werden trotzdem weiterhin die Ungerechtigkeiten sehen. Am Anfang wird es vielleicht noch von Dankbarkeit und Freude überschattet sein, aber der Mensch ist so geschaffen, dass er auf Dauer nicht zufrieden sein kann. Er will mehr und mehr, immer mehr. Und wenn er sieht, dass es anderen besser als ihm geht, dann möchte er das auch haben. Selbst diejenigen im Empire, die bereits alles besitzen, sind nicht zufrieden. Sie forschen und suchen nach neuen Technologien, setzen höhere Maßstäbe, die sie erreichen wollen. Und haben sie diese erreicht, kommt wieder etwas Neues dazu. Stillstand ist etwas, das niemand möchte. Die Ungerechtigkeiten können nicht durch Nahrung oder Kleidung, die wir hier draußen verteilen, beseitigt werden. Die Menschen wollen ein Leben wie das derjenigen, die hinter den Mauern leben. Aber das ist nicht möglich. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist zu groß. Unüberwindbar. Glaub mir, ich habe bereits Missionen gestartet, um Güter hier draußen zu verteilen. Irgendwann war es einfach nicht mehr genug. Und mehr konnte ich nicht geben. Es war mir nicht gestattet.«

»Du glaubst also nicht, dass es eine friedliche Lösung für die ganzen Probleme gibt?«, hakte ich nach und spürte, wie die Hoffnung in mir, dass es doch möglich wäre, ohne Gewalt etwas zu erreichen, langsam erlosch, als ich sein trauriges Lächeln sah.

»Es gibt keine Lösung, die alle zufrieden stellen wird«, sagte er im nächsten Moment. »Tut mir leid, Riley.«

Ich seufzte traurig und schmiegte meine Wange in seine Handfläche. »Dann wird Lex seinen Krieg bekommen, denn er gibt den Menschen das, was ihr ihnen nicht geben könnt – Hoffnung auf ein besseres Leben.«

»Er belügt sie«, entgegnete One. »Das einzige, was Silva möchte, ist Chaos stiften. Er ist ein Psychopath, Riley. Er glaubt, dass er durch einen Krieg Macht erlangen könnte, aber das ist unmöglich. Die Regierung wird nicht zögern, jeden Angreifer zu eliminieren, wenn sie der Meinung ist, die Empire seien in Gefahr.«

»Und wenn er den Code für die Atomwaffen bekommt? Du hast ihm diesen fast gegeben. Er hat behauptet, er kenne bereits zwei weitere.«

»Das wird ihm nicht viel nützen. Die Steuerzentrale für die Waffen ist viel zu gut bewacht und überwacht. Er war schon lange nicht mehr in der Nähe des Empire und hat keine Ahnung, was dort vor sich geht. Er und seine Männer, wie viele es auch sein mögen, haben keine Chance. Nicht die geringste. Silva lebt in einer Fantasiewelt.«

»Sie werden ganz umsonst sterben«, schlussfolgerte ich murmelnd.

»Ja. Aber das interessiert ihn nicht. Er wird am Rande stehen und lächelnd dabei zusehen. So wie er es auch damals getan hat.«

Ich spürte, dass seine andere Hand, die nicht an meiner Wange, sondern an meinem Oberschenkel ruhte, sich zu einer Faust ballte. Die immense Wut, die One für Lex empfand, strömte nun auch durch meine Adern.

»Er muss aufgehalten werden!«, sagte ich entschlossen. »Ihr müsst ihn aufhalten, bevor er all diese unschuldigen Leute in den sicheren Tod führt.«

»Das werden wir«, versicherte er mir daraufhin mit einem Nicken. »Jetzt haben wir eine Spur und die werden wir verfolgen, bis wir ihn haben.«

Ich nickte ebenfalls und hielt inne, als mir noch etwas einfiel. »Taleon«, setzte ich an und legte meine Hand über seine. »Lex hat mir erzählt, dass er viele Kontakte zu den Leuten in den Hauptquartieren der Hunter pflegt. Das bedeutet, dass du …«

»Dass auch ich Verräter in meinen eigenen Reihen habe«, führte er den Satz zu Ende. »Ich weiß. Ich habe bereits jemanden im Verdacht.«

Mein Herzschlag beschleunigte sich. »Wen denn?«, hakte ich nach und spannte mich unwillkürlich an.

»Jayce Statan. Er wurde in der Nacht deiner Entführung vor meinem Gebäude gesehen. Kurz bevor die Wachen außer Gefecht gesetzt worden sind. Ich habe Arron angewiesen, ihn im Auge zu behalten, bis ich zurückkomme und mich selbst darum kümmern kann. Er kann das alles unmöglich allein durchgeführt haben. Dahinter muss ein ganzes Netzwerk stehen.«

Bei der Erwähnung von Arrons Namen musste ich sofort an Savannah denken. Ob sie wohl beide zusammen gegen den Anführer vorgingen? Ein Teil von mir drängte darauf, One endlich davon zu erzählen, aber ich hatte Angst, dass es ihn so sehr beschäftigen würde, dass er sich nicht mehr genügend auf unsere Flucht konzentrieren könnte und ihm deshalb etwas zustieß. Mühsam behielt ich die Informationen weiterhin für mich und schwor mir, ihm sofort davon zu erzählen, sobald wir in Sicherheit waren.

34. Kapitel

 

 


Nach einer Weile verschwanden drei der sechs Hunde, die den Baum umzingelten, im Gebüsch und ich atmete erleichtert aus. »Vielleicht geben die anderen auch bald auf«, äußerte ich hoffnungsvoll.

»Oder es kommen wieder neue Hunde dazu«, zerstörte One meine Hoffnung und richtete sich ein wenig auf. »Wir müssen weg von hier.«

»Und wie sollen wir das anstellen?«

»Ich kümmere mich um die Tiere und du schnappst dir das Gewehr.« Er deutete zu der Waffe, die er vorhin bei unserem eiligen Aufbruch an der Stelle, auf der wir uns ausgeruht hatten, vergessen hatte.

»Wie willst du dich um sie kümmern?«, hakte ich nach, obwohl ich bereits etwas ahnte.

One griff sich das Messer, das ich bei mir trug, und ich schüttelte hastig den Kopf. »Vertraue mir, Riley«, sagte er und hob einen Mundwinkel. »Ich habe dir mein Wort gegeben, dass dir nichts passiert, und das werde ich halten. Wir müssen schleunigst hier weg.«

»Ich habe Angst um dich!«, wandte ich mit zittriger Stimme ein. »Du bist verletzt und es sind drei Hunde.«

»Ich werde es schaffen. Du musst dir bloß das Gewehr schnappen und notfalls schießen, wenn es mir nicht gelingt, die Viecher mit dem Messer zu erledigen.«

Mir gefiel dieser Plan ganz und gar nicht, aber ich konnte die Entschlossenheit in seinen Augen sehen und wusste, dass er sich nicht davon abbringen lassen würde, mich hier rauszuholen. Das Beste, was ich tun konnte, war ihm dabei zu helfen, so wie er es verlangte. Ich musste ihm vertrauen, dass er es hinbekommen würde.

»Wehe, dir passiert etwas!«, zischte ich ihm warnend zu und beugte mich vor, um meine Lippen fest auf seine zu drücken.

Er legte mir seine große Hand in den Nacken und erwiderte meinen Kuss, bevor er mich sanft von sich schob und mir noch einmal ganz genau erklärte, was ich zu tun hatte.

Kurz darauf warf er den Verbandskasten auf den Boden und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Hunde darauf. Dann sprang er runter und ich tat es ihm auf der anderen Seite des Stammes gleich. Mit aller Mühe schaffte ich es, mich davon abzubringen, nach One zu sehen, und lief stattdessen so schnell wie möglich zu dem Gewehr. Als ich plötzlich spitze Zähne in meiner Hacke spürte, schrie ich auf, fiel der Länge nach zu Boden und schaffte es gerade noch so, mir die Waffe zu schnappen. Blitzschnell rollte ich auf den Rücken, hob das Gewehr an und schoss - direkt in das weit aufgerissene Maul des Hundes, der soeben auf mich springen wollte.

»Riley!« One erschien über mir, blutüberströmt und mit gehetztem Blick. »Alles in Ordnung?«

Er beugte sich zu mir herab, während ich gleichzeitig hochfuhr. »Bist du verletzt?«, fragte ich dabei besorgt.

»Nur ein Biss. Das ist nicht mein Blut.«

Ich schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn, erleichtert darüber, dass wir es überlebt hatten. »Gott sei Dank«, murmelte ich immer wieder an seinen Lippen.

»Wir müssen weiter«, sagte er schließlich schwer atmend und half mir auf die Füße. »Der Schuss war sicher meilenweit zu hören. Komm!«

Wir nahmen den Verbandskasten, wobei ich keinen allzu genauen Blick auf die toten Leiber der Hunde riskierte, um mir ja nicht auszumalen, wie One mit diesen gekämpft hatte, und liefen los. Wir hielten erst wieder an, als uns ein breiter Flussarm den Weg versperrte.

»Kommen wir da rüber?«, fragte ich One, während ich noch gierig nach Luft schnappte.

»Das Wasser ist zu tief«, entgegnete er und stellte den Verbandskasten ab. »Ich bin nicht in der Verfassung, ganz rüber zu schwimmen.«

»Dann müssen wir einen anderen Weg finden.«

»Es wird bald dunkel, für heute sollten wir erst einmal einen Schlafplatz finden.«

Ich stimmte One nickend zu und half ihm, das mittlerweile getrocknete Blut der wilden Hunde von seinem Körper zu waschen. Dabei strich ich nachdenklich über seine älteren Narben am Rücken, die er sich während seiner Ausbildung zum Hunter zugezogen haben musste.

»Was musstest du bloß noch alles durchstehen?«, murmelte ich, in Gedanken versunken.

»Das gehört der Vergangenheit an«, erwiderte One und holte mich zurück in das Hier und Jetzt.

»Und denkst du nie daran zurück?«

»Nicht, wenn es sich vermeiden lässt.«

Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich empfand großes Mitgefühl für ihn. Und etwas anderes. Wir beide hatten in unserer Vergangenheit eine Menge schmerzhafter Dinge erlebt, und eines Tages hatten sich unsere Lebenswege gekreuzt. Ich hatte das Wort Schicksal einige Male gehört, doch erst jetzt konnte ich damit etwas anfangen. Vielleicht geschah alles aus einem ganz bestimmten Grund? Vielleicht mussten wir all das Leid ertragen, damit wir am Ende zueinander finden konnten? Unter anderen Umständen hätten wir uns womöglich nie kennengelernt.

Über diesen albernen Gedanken schüttelte ich traurig lächelnd den Kopf. Das war eindeutig zu weit hergeholt. Eine romantische Vorstellung, für die es in dieser Welt keinen Platz gab. Hier mussten wir um unser Überleben kämpfen, keinen Träumereien verfallen.

Ich half One dabei, neuen Verband anzulegen. Seine Wunden sahen bereits etwas besser aus, nur diejenige auf dem Rücken, die ich noch einmal hatte nähen müssen, bereitete mir große Sorgen.

»Ich hoffe wirklich, dass sie sich nicht stärker entzündet«, murmelte ich und strich vorsichtig über den frischen Verband.

»Wir müssen es nur bis zum Hauptquartier schaffen, dann wird sie ordentlich behandelt.« One richtete sich auf und drehte sich zu mir um. »Bis dahin überlebe ich es schon.« Er streckte mir eine Hand hin und half mir auf die Füße.

»Wie lange dauert es denn, bis so eine Wunde jemanden … dahinrafft?«, hakte ich nach und mein Magen drehte sich bei dem Gedanken, er wäre ernsthaft in Gefahr wegen der Verletzung.

»Mir passiert nichts, Riley«, entgegnete er.

»Versprichst du es mir? Ich will nicht nur dein Wort, dass du auf mich aufpasst, sondern auch auf dich. Versprich es mir«, forderte ich ihn auf und sah ihm eindringlich in die Augen. Er schien bereit, alles für mich zu riskieren. Auch sein Leben. Ich wollte nicht, dass er es so leichtsinnig tat.

»Du hast mein Wort«, versicherte One mir schließlich, als er sah, dass ich es verdammt ernst meinte.

»Gut.« Ich seufzte erleichtert.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es mir gefallen könnte, wenn sich jemand so sehr um mich sorgt«, bemerkte er im nächsten Moment mit nachdenklich gerunzelter Stirn. Dann schüttelte er den Kopf und räusperte sich. »Wir müssen weiter. Komm, lass uns in diese Richtung gehen, sie sieht ebenmäßiger aus.«

Ich folgte ihm und dachte über seine Bemerkung nach. Wahrscheinlich war One es nicht gewohnt, dass sich jemand um ihn sorgte. Immerhin war er der Hauptmann, der Anführer. Er hatte stets alles im Griff gehabt. Und vielleicht hatte auch noch nie jemand so viel für ihn empfunden wie ich es tat. War das möglich? Hatten seine anderen Geliebten richtige Gefühle für ihn gehegt? Hatten sie kein Auge zugetan, während er auf seinen Außenmissionen gewesen war? Oder war es ihnen nie um den Menschen Taleon One gegangen, sondern lediglich um den Hunter, der ihnen ein besseres Leben bot? Und was war mit seiner Familie? Ich wusste so wenig über den Mann, in den ich …

»Hier sind ein paar Beeren, die wir essen können«, sprach One in meine Gedanken hinein und deutete auf ein Gebüsch zu unserer rechten Seite.

»Bist du sicher, dass sie nicht giftig sind?«, hakte ich mit stark klopfendem Herzen nach. Ich hatte das Gefühl, er hätte mich in einem Moment unterbrochen, der sehr wichtig und bedeutend war. Jetzt war dieser Augenblick verstrichen.

»Ja. Iss ruhig, die geben viel Energie.« Er pflückte die dunkelblauen Beeren und schob sie sich in den Mund.

Ich machte es ihm nach und genoss den süßlich-sauren Geschmack. »Die Natur hier draußen ist im Grunde ein Wunder«, bemerkte ich dabei. »Wenn man bedenkt, dass einst alles außerhalb der Empire verseucht war.« Ich beobachtete Ones Gesicht und sah, dass sich seine Augenbrauen in der Mitte zusammenzogen. »Lex hat mir etwas über die Vergangenheit erzählt«, fügte ich schließlich hinzu. »Ist es wahr, dass damals Atombomben eingesetzt wurden, um alles hier draußen auszulöschen?«

One antwortete nicht sofort, sondern aß erst einmal. Dann wandte er sich mir zu. »Das, was ich über diese Zeit aus der Vergangenheit weiß, habe ich bloß gehört. Von einem Mann, der heute nicht mehr am Leben ist. Die letzten Jahre seines Lebens hat er in einer Anstalt verbracht.«

»In einer Anstalt? Was ist das? So etwas wie ein Gefängnis?«

»Nicht ganz«, entgegnete er und richtete seinen Blick auf das Wasser, das nur wenige Meter von uns entfernt leise plätscherte. »Dort werden Menschen eingeschlossen, die … verrückt sind. Nicht mehr ganz bei Verstand.« Er tippte sich an die Stirn.

»Man hat ihn für verrückt erklärt, weil er von der Vergangenheit erzählt hat?«, hakte ich nach. »Also stimmt das alles gar nicht?«

»Ich weiß es nicht. Dieser Mann … er hat noch viele andere Dinge erzählt. Unter anderem auch von Lex‘ Plänen, wie wir später erfuhren. Doch da hat ihm bereits niemand mehr zugehört. Er wurde mit Medikamenten ruhiggestellt und weggeschlossen.«

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Es gab jemanden, der vor Lex gewarnt hatte? »Wieso hat ihm niemand zugehört?«

»Weil er für verrückt erklärt worden war, lange bevor wir herausfanden, wie gefährlich Silva wirklich ist. Man hatte ihn nicht ernst genommen.«

Ich sah, dass One sich stark anspannte. Sein Kiefer trat deutlich hervor und seine Hände waren zu Fäusten geballt. Zögernd trat ich neben ihn und hakte mich bei ihm ein. »Wer war dieser Mann?«, stellte ich die nächste Frage, weil mich eine Ahnung beschlich.

»Das ist nicht mehr wichtig.«

»Für mich ist es wichtig. Und ich glaube, auch für dich. War es dein -«

»Wir sollten weitergehen«, unterbrach er mich und löste sich etwas zu forsch aus meiner Hand.

Ich sah ihm nach und seufzte leise, bevor ich ihm wieder folgte. Da war er wieder, der Mann voller Geheimnisse, der Mauern um sich errichtete und mich ausschloss. Und dabei hatte ich gedacht, wir hätten ihn hinter uns gelassen. Vertraute er mir immer noch nicht? Oder war das, was er vor mir verbarg, so schmerzhaft, dass er nicht darüber reden konnte? Und dabei wollte ich ihn doch bloß richtig kennenlernen. Ich kannte den Hunter, der mich mit seinem Leben beschützte, und vielleicht hatte er mir auch schon winzige Einblicke in den Mann Taleon One gewährt, der etwas für mich empfand. Aber das war mir zu wenig. Ich wollte alles über ihn wissen, ihn besser kennen als jeder andere. Verstehen, wieso er so war wie er war; welche Umstände ihn geformt hatten. Doch so, wie es aussah, wollte er es mir nicht erzählen. Vielleicht würde er nie richtig bereit dazu sein.

Es dämmerte bereits, als wir endlich eine Brücke erreichten, die uns über den Fluss bringen würde. Sie war sehr wackelig und wirkte nicht gerade stabil, doch nach kurzer Beratung entschlossen wir uns dazu, sie zu überqueren.

One ging voran und ich folgte ihm in einem kurzen Abstand. Er blickte immer wieder über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass ich noch hinter ihm war, bis wir schließlich die andere Seite erreichten. Nach einem kurzen Marsch fanden wir eine kleine Höhle, in der wir über Nacht bleiben wollten. Sie lag versteckt in einer Felswand und ohne Ones Adleraugen hätte ich sie sicher niemals entdeckt.

»Hier ist es schon ein wenig kälter«, bemerkte er, nachdem wir unsere wenigen Sachen abgelegt hatten.

»Wir sollten einander wärmen«, wandte ich ein und spürte, wie die Hitze mir in die Wangen schoss.

»Das sollten wir«, bestätigte One, und als ich zu ihm hochsah, entdeckte ich die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen. »Wieso lässt dich diese Vorstellung auf einmal so schüchtern werden?«, wollte er einen Moment später von mir wissen.

»Weil …« Ich zuckte hilflos mit den Achseln. »Es ist jetzt irgendwie anders zwischen uns. Findest du nicht?« Für mich war der Sex mit ihm von Anfang an irgendwie besonders gewesen, auch wenn er sich keine Mühe gegeben hatte, mir einen anderen Eindruck zu vermitteln als den, dass er lediglich seine Bedürfnisse an mir stillte. Aber jetzt hatte sich etwas geändert. Zwischen uns waren tiefere Gefühle im Spiel … oder spann ich mir da etwas zusammen? Unsicher geworden, zog ich meine Unterlippe zwischen die Zähne. »Ich weiß, dass Sex keine große Bedeutung hat und nur dem Stillen deiner Bedürfnisse dient ...«, setzte ich erneut an, als One nichts sagte und mich bloß ruhig ansah. »Aber heute Morgen im Wasser. Mir kam es so vor, als wäre da mehr.« Ich senkte den Blick und seufzte. »Wahrscheinlich habe ich mir das bloß eingebildet, weil -«

Ich kam nicht weiter, denn One stellte sich direkt vor mich und nahm mein Gesicht zwischen die Hände. Er küsste mich zuerst sanft, berührte beide Mundwinkel und zwang meine Lippen langsam auseinander. Dann wurde sein Kuss leidenschaftlicher und fordernder. Ich hatte bald schon das Gefühl, vor Verlangen verrückt zu werden, als seine Zunge mich mit wundervollen Versprechungen lockte. Für jemanden, der normalerweise die Frauen nicht küsste, konnte er das erstaunlich gut!

One ließ von mir ab und ich protestierte mit einem Wimmern, bevor er aus seiner Hose stieg, sich auf den Boden sinken ließ und mich auf seinen Schoß zog. Ich wartete gar nicht erst, was er als nächstes tun würde, sondern presste mich an ihn und bedeckte seinen Mund mit meinem. Ich ließ all meine Gefühle für ihn in den Kuss fließen und stöhnte leise, als Ones Hände meinen Po umfassten und meinen Schoß fester gegen seinen drückten. Ich spürte sein heißes Glied an meiner Scham und ein beinahe schmerzhaftes Ziehen zog sich durch meinen unteren Bauch, weil ich ihn so sehr wollte.

Ungeduldig griff ich nach meinem Oberteil und zog es mir über den Kopf aus. Als sich Ones große Hände über meine kleinen Brüste legten, beugte ich den Rücken durch, um ihm besseren Zugang zu gewähren. Er drückte sie sanft, strich mit den Daumen über die Spitzen und legte schließlich seine Lippen um meine Brustwarzen. Der heftige Sog seines Mundes verstärkte das Ziehen in meinem Unterleib. Ich war nass und bereit, von ihm ausgefüllt zu werden.

Mit einer Hand fasste ich nach seiner Härte; das Gefühl seiner samtweichen Haut, der heraustretenden Adern und der Hitze war berauschend. Fasziniert schaute ich dabei zu, wie One seinen Kopf in den Nacken warf und die Augen schloss, während ich meine Hand auf und ab führte und schließlich den Druck verstärkte. Ihm entkam ein Laut, so tief und ursprünglich, dass ich vor angestauter Lust erzitterte.

»Du musst mich jetzt nehmen«, flüsterte ich und zerrte an meiner Hose, um sie auszuziehen. Er half mir dabei, nicht minder ungeduldig, und einen Moment später hockte ich über seinem steil aufgeragten Glied und ließ mich langsam darauf sinken.

Das Gefühl, von ihm ausgedehnt zu werden, war so unbeschreiblich schön, dass ich verzückt die Augen schloss und auf meine Unterlippe biss. Sobald ich ihn fast vollständig in mir aufgenommen hatte, beugte ich mich vor und umschlang Ones Hals.

»Das fühlt sich so gut an«, murmelte ich an seinen Lippen und begann, mich auf und ab zu bewegen. Langsam und genießend, diesen wundervollen Augenblick vollständig auskostend.

Als die Spannung in mir schier unerträglich wurde, beschleunigte ich das Tempo, wurde jedoch von One gestoppt. Mit lustverhangenem Blick schaute er mir ins Gesicht und hielt mein Becken fest umklammert.

»Nicht so schnell«, sagte er mir rauer Stimme, die mir einen Schauer über den Rücken jagte. »Wir haben Zeit, Riley. Lass uns das genießen.«

»Tust du das denn?«, wollte ich wissen.

Seine Antwort war ein glühender Blick, bevor er mich sanft, aber bestimmend am Nacken fasste und an seine Lippen zog. Er drängte seine Hüfte langsam gegen meine und ich passte mich automatisch seinem Tempo an, während das Ziehen und Kribbeln in meinem Schoß immer unerträglicher wurde.

Ones Mund war plötzlich überall – an meinem Hals, meinen Schultern, meinen Brüsten, in den Beugen meiner Arme. Auch seine Hände berührten jeden Zentimeter meiner Haut, streichelten und kneteten mich, bis ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich verlor mich komplett in der Lust, die er mir bescherte.

Und dann erlöste er mich endlich, indem er seinen Daumen an die Stelle drückte, hinter der die Spannung besonders intensiv war, und gleichzeitig seine Stöße beschleunigte. Ich stöhnte seinen Namen, während mir das Blut in den Ohren rauschte und eine gewaltige Welle durch meinen Körper strömte. Schwer atmend vergrub ich mein Gesicht an Ones Hals und hielt ihn fest umschlungen, während er immer schneller und heftiger in mich stieß, bis auch er seine Erlösung fand. Ich spürte seinen galoppierenden Herzschlag an meiner Brust, fühlte die Nässe zwischen meinen Beinen, schmeckte seine salzige Haut an meinen Lippen – und fühlte mich so leicht und glücklich. Da war keine Mauer mehr zwischen uns. Nicht ein Steinchen.

Ohne sich aus mir herauszuziehen, senkte One uns beide zur Seite und brachte uns in eine liegende Position. Umständlich griff er nach der herumliegenden Kleidung und bedeckte uns halbwegs damit. Dabei hielt er mich die ganze Zeit mit einem Arm fest umschlungen und ich schmiegte mich so nah ich konnte an ihn.

Dann spürte ich seine Finger an meinem Kinn, als sie es anhoben, und gleich darauf seinen Mund auf meinem. Er küsste mich so lange, bis meine Lippen sich wund und geschwollen anfühlten, aber ich bat ihn nicht, damit aufzuhören. Ich konnte nicht. Ich hätte ihn noch ewig weitergeküsst, wenn mich nicht der Schlaf schließlich übermannt hätte.

 



Als ich am nächsten Morgen wach wurde, stellte ich überrascht fest, dass ich angezogen war. Trotzdem fror ich ein wenig, was wohl daran lag, dass One sich nicht mehr neben mir befand. Ein schönes Kribbeln nistete sich in meinem Bauch ein, als ich an den vergangenen Abend dachte. Ich war mir sicher, dass One mir deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass da mehr zwischen uns war, in jeglicher Hinsicht. Ich hatte es mir nicht bloß eingebildet. Er tat sich zwar schwer damit, mit mir offen über Gefühle oder andere Themen, die tiefer gingen, zu sprechen, aber er schloss mich nicht länger aus. Nein, das lag hinter uns. Diese Gewissheit zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen, das noch breiter wurde, als ich aus der Höhle trat und One vor einem kleinen Feuer sitzen sah. Er schaute über die Schulter und erwiderte mein Lächeln, wenn auch verhaltener. Ich setzte mich neben ihn und blickte überrascht zu den drei Fischen, die neben der Feuerstelle lagen.

»Du warst ja ganz schön fleißig heute Morgen«, bemerkte ich anerkennend.

»Ich habe gut geschlafen«, entgegnete er und nahm einen der Fische, um ihn auf einen Stock zu ziehen.

»Ich auch«, sagte ich leise und drückte einen Kuss auf seine Schulter. Daraufhin hielt er kurz inne und bedachte mich mit einem warmen Blick, bevor er nach dem nächsten Fisch griff.

Wir aßen schweigend und ich genoss den rauchigen Geschmack auf meiner Zunge, auch wenn mir der Fisch so früh am Morgen eher schwer im Magen lag. Doch da wir unseren gesamten Proviant an die wilden Hunde verloren hatten, konnte ich nicht wählerisch sein. Wir mussten nun mal das essen, was wir fanden, und der Fisch war allemal besser als nichts.

»Ich habe mich ein wenig in der näheren Umgebung umgesehen«, berichtete One, als er das Feuer schließlich löschte. »Ich glaube, nicht weit entfernt befindet sich ein Dorf.«

»Wie hast du das bemerkt?«, hakte ich nach, während ich unsere Sachen aus der Höhle holte.

»Ich habe Menschen gesehen. Frauen, die Wasser vom Fluss geholt haben. Allzu weit können sie die schweren Eimer nicht tragen, daher muss es sich in der Nähe befinden.«

Ich verdrehte die Augen nach dieser Aussage. Aber ich konnte One nicht übel nehmen, dass er seine festgefahrenen Ansichten, was Frau und Mann betraf, hatte. Für ihn waren Frauen nun mal das schwache Geschlecht, er kannte es schließlich nicht anders. Ich würde ihn schon noch vom Gegenteil überzeugen.

»Dann lass uns los«, sagte ich und warf mir die selbstgemachten Fallen über die Schulter. »Vielleicht können wir eine der Frauen abpassen, um mit ihr zu reden.«

Er nickte zustimmend, nahm den Verbandskasten und ging voran.

35. Kapitel

 

 


Wir entdeckten eine junge Frau am dicht bewachsenen Flussufer nicht weit von unserem Versteck entfernt. Sie machte gerade einen Eimer mit Wasser voll und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ich bedeutete One, im Verborgenen zu bleiben, um sie nicht zu sehr zu erschrecken, und trat aus dem Gebüsch heraus.

Die Frau bemerkte mich und richtete sich sofort auf, woraufhin ich beide Hände leicht anhob, um ihr zu symbolisieren, dass ich ihr nichts tun wollte.

»Hallo«, grüßte ich mit einem offenen Lächeln. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

Sie blickte sich in alle Richtungen um. Wahrscheinlich suchte sie nach jemandem, der ihr zur Hilfe kommen konnte.

»Ich möchte dir nichts tun«, versicherte ich ihr sogleich. »Ich brauche bloß etwas Hilfe.«

Sie musterte mich noch einmal von oben nach unten und sagte dann: »Du bist die Frau, die gesucht wird.«

Auf diese Aussage hin runzelte ich die Stirn. »Was meinst du damit?«

»Gestern kamen Männer zu uns ins Dorf und haben nach einer Frau und einem Mann gesucht. Die Beschreibung passt auf dich.«

Ich verkrampfte mich ein wenig. »Und war einer dieser Männer … Lex?«, hakte ich nach und registrierte, dass sie bei der Erwähnung des Namens kaum merklich das Gesicht verzog. »Du weißt, von wem ich spreche«, stellte ich daraufhin fest. »Du kennst Lex, nicht wahr?«

»Leider ja«, entgegnete sie nach einem kurzen Zögern, und ich schöpfte etwas Hoffnung, dass sie uns womöglich wirklich weiterhalf, da sie scheinbar nicht viel von Lex hielt.

»Bitte verrate niemandem, dass du mich gesehen hast«, sagte ich und trat noch ein wenig näher an sie ran. »Lex darf mich nicht finden, sonst … sonst bin ich verloren. Er wird mich nicht am Leben lassen, wenn er mich in die Finger bekommt.«

Ich sah, dass sie hart schluckte. »Was hast du ihm getan?«, hakte sie leise nach.

Ich überlegte, was ich ihr erzählen konnte, und entschied mich schließlich für die Wahrheit. Vielleicht würde sie Mitgefühl empfinden und mir weiterhelfen. »Er hat jemanden, der mir viel bedeutet, gefangen gehalten und ihm sehr wehgetan. Ich habe ihn befreit und bin mit ihm geflohen. Wenn Lex uns findet, bringt er uns um.«

»Wo ist der Mann, mit dem du geflohen bist?«

Gerade, als ich ihr eine kleine Lüge auftischen wollte, weil ich ihr auch nicht vollständig traute und Angst hatte, dass mich mein Gefühl täuschte und sie uns doch verriet, hörte ich Schritte hinter mir und wusste, dass One sein Versteck verlassen hatte.

Die Frau mir gegenüber machte große Augen und trat einen Schritt zurück.

»Er wird dir nichts tun«, sagte ich sofort.

»Er ist … ein … Hunter«, stammelte sie los und konnte ihren Blick, in dem ich Angst erkannte, nicht von One abwenden.

»Ja, das stimmt«, bestätigte ich. »Er ist der Anführer der Hunter. Und er ist ein guter Mensch. Alles, was Lex oder seine Männer über ihn und die Hunter erzählen, ist nicht wahr. Er hat mir schon mehrere Male das Leben gerettet. Er behandelt mich gut und sorgt sich um mich. Er ist -«

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Wir … wurden von … Huntern überfallen«, flüsterte sie kaum hörbar, aber ich verstand sie dennoch. »Sie haben unsere Männer … getötet oder mitgenommen. Und uns haben sie zurückgelassen, damit wir für sie arbeiten. Einmal im Monat kommen sie vorbei und nehmen uns fast alles, was wir herstellen, weg. Und sie … sie nehmen sich noch mehr von uns.«

Geschockt über diese Aussage schaute ich zu One, dessen Miene ganz finster geworden war. Er löste sich aus seiner starren Haltung und trat zu der Frau, die vor Angst zu zittern begann. Als er seine Hände auf ihre schmalen Schultern legte, zuckte sie fürchterlich zusammen.

»Taleon«, setzte ich an und hielt inne, als er mir mit einem Blick zu verstehen gab, dass ich ihn machen lassen sollte. Dann begann er ganz leise auf die junge Frau einzureden. Ich verstand seine Worte nicht und trat schließlich etwas näher, um sie richtig hören zu können.

»… niemals einer wehrlosen Frau wehtun. Keiner meiner Männer legt Hand an eine Frau, die es nicht ausdrücklich wünscht. Das versichere ich dir. Jeder, der dagegen verstößt, wird hart dafür bestraft. Ich weiß nicht, wer euer Dorf überfallen hat, aber ich garantiere dir, es war niemand aus meiner Truppe. Und sobald ich zurück im Hauptquartier bin, werde ich dafür sorgen, dass ihr in Sicherheit seid. Du hast mein Wort.«

Ihre dunklen Augen waren feucht, als sie zu ihm hochsah. One nahm seine Hände von ihren Schultern, woraufhin sie sich etwas entspannte.

»Ihr werdet nie wieder Angst vor den Männern haben müssen, die sich so schändlich an euch bereichern. Sie werden hart bestraft. Sehr hart.«

Ihr Blick glitt zu mir, als würde sie nach Bestätigung für seine Aussagen suchen, und ich nickte nachdrücklich. »Du kannst ihm glauben. Er ist ein Mann, der sein Wort hält.«

»Dann … sind die Männer, die zu uns kommen, gar keine … Hunter?«, fragte sie vorsichtig nach. »Sie sind so groß und stark ... und Lex hat uns gesagt, dass es Hunter sind. Er wollte uns helfen, aber … er hat es nicht getan. Dafür hasse ich ihn!«

Ich schnaubte entrüstet. »Wahrscheinlich steckt er selbst dahinter und lässt euch bloß glauben, dass es Hunter gewesen sind. Du darfst diesem Mann nicht trauen. Niemand von euch sollte es tun.« Ich wandte mich an One und bat ihn, ihr seine Verletzungen zu zeigen.

Ihre Augen wurden erneut riesengroß, als ich ihm den Verband abnahm. »Das war … Lex?«, hakte sie mit erstickter Stimme nach.

»Ja. Lex und seine Männer. Sie haben ihn gefangen gehalten und gefoltert.«

»Oh, mein Gott, das ist ja furchtbar!«

»Wir brauchen deine Hilfe«, sagte ich eindringlich, während ich One den Verband wieder anlegte. »Der Weg ins Hauptquartier ist sehr lang und im Norden wird es kalt. Wir brauchen Kleidung. Ich weiß, dass ihr selbst nicht viel habt, aber -«

Sie unterbrach mich mit einem Kopfschütteln. »Ich werde mit meiner Mutter sprechen. Wir werden euch helfen.«

»Und wenn deine Mutter einem Hunter nicht helfen möchte?«, wandte ich ein. »Es wäre vielleicht besser, wenn du uns einfach etwas zum Anziehen besorgst, damit wir schnell unseren Weg fortsetzen können.«

»Nein«, mischte sich nun One ein. »Ich würde gerne mit ihrer Mutter sprechen und mir noch einmal anhören, was genau hier geschehen ist. Wie ist dein Name?«, richtete er an unser Gegenüber.

»Zala«, erwiderte sie nach kurzem Zögern.

»Zala, bitte bringe uns zu deiner Mutter.«

Sie nickte knapp und griff nach dem Eimer, den sie vorhin mit Wasser gefüllt hatte, was One dazu veranlasste, ihr diesen abzunehmen. Zala schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln und ging schließlich voran.

Das kleine Dorf lag nicht weit vom Fluss entfernt. Die junge Frau bat uns zu warten, bevor wir die ersten Hütten erreichten. Sie würde uns holen, sobald sie ihrer Mutter alles berichtet hatte, versprach sie.

»Was machen wir, wenn Lex‘ Männer noch hier sind und sie uns bloß in eine Falle gelockt hat?«, überlegte ich laut, nachdem Zala allein weitergegangen war. In meinem Bauch flatterte die Nervosität und mischte sich mit einer unangenehmen Anspannung.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete One, der an einem Baumstamm lehnte und sehr viel entspannter als ich wirkte. »Ihre Angst vor mir war nicht gespielt. Und ich bezweifle, dass ihre Geschichte über die Hunter, die ihr Dorf aufsuchen, gelogen war.«

»Ich wette, Lex steckt dahinter«, wandte ich ein und ballte die Hände, als mich glühendheiße Wut durchzuckte. »Er hat ehemalige Hunter an seiner Seite.«

One stimmte mir mit einem Nicken zu. »Diejenigen, die mich in dem Bunker bewacht haben, waren einst Hunter. Das habe ich sofort gesehen.«

»Kanntest du sie?«, hakte ich nach.

»Nein. Sie müssen aus einem anderen Quartier stammen.«

»Also schickt Lex diese Männer los, um die Dörfer zu überfallen, und schiebt das alles im Nachhinein auf dich und deine Truppe«, trug ich meine Gedanken in einem Satz zusammen. »So schürt er den Hass auf euch und hat anschließend leichtes Spiel, die Leute auf seine Seite zu ziehen.«

»Gut kombiniert«, sagte One mit einem anerkennenden Blick.

»Dieser miese Bastard!«, stieß ich fluchend aus. »Wie viele unschuldige Leute müssen noch leiden, bloß weil er seine wahnsinnigen Pläne in die Tat umsetzen möchte?«

One zog mich an einer Hand zu sich heran und strich mir beruhigend mit dem Daumen über den Nacken. Ich entspannte mich ein wenig. »Ich werde ihn kriegen«, versprach er und wirkte dabei felsenfest entschlossen. Und überzeugt, dass es ihm gelingen würde. »Ich weiß jetzt, wie er vorgeht, das kann ich zu meinem Vorteil nutzen.«

»Du musst die Menschen hier draußen davon überzeugen, dass ihr nicht die Bösen seid. Solange Lex all diese Leute gegen euch aufhetzt und damit auf seine Seite zieht, ist er im Vorteil.«

»Ich werde mich darum kümmern.«

Ich drückte mich ein wenig fester an seine Brust und schaute auf seine Lippen. Obwohl wir momentan mit weiß Gott wichtigeren Dingen beschäftigt waren, verspürte ich das große Verlangen, ihn zu küssen. Es war stets da. Wie sehr wünschte ich mir, endlich einen sicheren Ort zu erreichen, wo ich die Gefühle, die mit jeder Minute, die verstrich, noch intensiver zu werden schienen, ausleben durfte, ohne über die Schulter zu schauen. Und dabei ergründen konnte, ob es One ähnlich ging.

Sein Daumen, der eben noch meinen Nacken gestreichelt hatte, wanderte nach vorne und berührte meine Unterlippe. Ich blickte hoch und sah dasselbe Verlangen in seinen Augen.

»Wird sich … alles zwischen uns wieder ändern, wenn wir zurück im Hauptquartier sind?«, stellte ich endlich die Frage, die mir schon die ganze Zeit große Sorge bereitete. »Wirst du dich wieder von mir zurückziehen und mich ausschließen?«

Bevor er darauf antworten konnte, erklangen Schritte hinter mir und Zala erschien mit einer älteren Frau, bei der es sich wohl um ihre Mutter handelte. Ich löste mich von One und begrüßte sie, um mich gleich im Anschluss vorzustellen.

Die ältere Frau erwiderte meinen Gruß mit einem Nicken, dann richtete sich ihr Blick auf One. Sie musterte ihn so eingehend, dass es mir regelrecht unangenehm wurde. Doch er ließ es ohne ein Wort über sich ergehen und wartete, bis sie scheinbar ihr Urteil, ob sie uns trauen konnte oder nicht, gefällt hatte.

»Wir haben keine Waffen, um uns gegen Sie zu wehren, falls Sie böse Absichten verfolgen«, sagte sie schließlich mit stolz vorgerecktem Kinn. »Daher vertrauen wir lediglich darauf, dass das, was Sie meiner Tochter erzählt haben, auch der Wahrheit entspricht.«

»Wir werden Ihr Vertrauen nicht missbrauchen«, versicherte ich ihr so aufrichtig wie möglich.

»Folgen Sie mir.« Sie drehte sich um und ging voran.

Wir folgten ihr zwischen den kleinen Hütten hindurch und ich schaute mich neugierig um, konnte jedoch niemanden außer Zala und ihre Mutter entdecken. Wahrscheinlich versteckten sich die restlichen Frauen. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Immerhin befand sich nun ein Mann in ihrer Nähe, vor dem sie sich fürchteten.

Wir betraten eine der Hütten und ich unterdrückte ein Lächeln, als One sich tief beugen musste, weil er mit seiner Größe nicht in den viel zu niedrigen Raum passte.

Zalas Mutter setzte sich auf einen Stuhl und bedeutete uns, ebenfalls Platz zu nehmen. Sie wies ihre Tochter an, Tee zu machen, und wandte sich anschließend an One.

»Sie behaupten also, Sie und Ihresgleichen hätten nichts mit den Überfällen und Besuchen hier in unserem Dorf zu tun? Oder den anderen Dörfern in der Nähe?«

»Ja, Ma’am. Diese Taten wurden nicht von mir oder meinen Männern begangen.« One sagte ihr noch einmal in etwa das, was er auch Zala erklärt hatte, und führte es noch etwas aus, indem er ein paar mehr Informationen über das Hauptquartier einfließen ließ.

Daraufhin wurde die ältere Frau sehr nachdenklich. »Meine Schwester, die ziemlich weit im Norden lebt, hat mir von den Huntern dort erzählt. Ihre Berichte waren positiv. Aber ich konnte das, was sie sagte, nicht mit dem, was wir hier erlebten, in Einklang bringen.«

»Die Hunter, die hier ihr Unwesen treiben, gehören nicht zu meiner Truppe«, wandte One daraufhin noch einmal ein. »Aber wir haben eine Vermutung, wer ihnen Anweisungen erteilt. Ein Mann namens Alexis Silva.«

»Lex«, fügte ich hinzu. »Ihre Tochter kennt ihn.«

»Wir alle kennen ihn«, entgegnete Zalas Mutter. »Er hat uns viel versprochen und nichts davon gehalten. Wie kommen Sie darauf, dass er für das, was hier passiert, verantwortlich gemacht werden kann?«

»Weil ich in seinem Lager war und dort viele ehemalige Hunter gesehen habe. Und weil er jemand ist, dem niemand trauen sollte. Er geht über Leichen, um seine Ziele zu erreichen.« Ich deutete auf den Verband, den ich One angelegt hatte. »Die Wunden hat er von ihm und seinen Männern. Ich selbst wurde mit einer Waffe bedroht.«

»Und jetzt befinden Sie sich auf der Flucht vor Lex?«, hakte sie nach.

»Ja. Mit viel Glück konnten wir entkommen. Wir müssen in den Norden zum Hauptquartier. Dort werde ich alles Nötige veranlassen, um auch hier für Recht und Ordnung zu sorgen«, versicherte One ihr. »Normalerweise sind wir nur in einer bestimmten Zone tätig, aber das wird sich künftig ändern. Die Menschen hier draußen brauchen unsere Hilfe.«

Sie nickte langsam und schaute zu ihrer Tochter, die neben ihr stand. »Zala, bringe dem Hauptmann etwas zum Anziehen.« Nachdem die junge Frau gegangen war, wandte sie sich wieder an uns. »In etwa einer Woche kommen die Hunter wieder, um Kleidung, die wir für sie nähen müssen, und Brot, das wir für sie backen, abzuholen.« Zum ersten Mal zeigte sie uns die Verzweiflung in ihren Augen, die sie die ganze Zeit hinter ihrem Stolz verborgen gehalten hatte. Eine unglaublich große Verzweiflung, die mein Herz berührte. »Ich könnte mit diesen Forderungen leben, mir die Finger blutig schuften, wenn sie nicht … Unsere Töchter sollen endlich wieder sicher sein«, führte sie den Satz nach kurzem Zögern zu Ende. »Bitte, Sir, sorgen Sie dafür, dass es so ist.«

»Das werde ich.« One beugte sich ein wenig vor und legte eine Hand über ihre beiden, die sie im Schoß gefaltet hatte. »Sie haben mein Wort.«

Zu meiner Überraschung zuckte sie vor seiner Berührung nicht zurück, sondern drückte seine Hand fest in den ihren. Ich war sehr stolz auf ihn, weil er es geschafft hatte, ihr Vertrauen in seine Worte zu gewinnen. Und ich wusste, dass er alles daran setzen würde, um sein Versprechen zu halten. So war Taleon One. Er würde es nicht zulassen, dass hier draußen wehrlose Frauen überfallen und vergewaltigt wurden, wenn er es verhindern konnte. Und ich auch nicht!

Schließlich erkundigte One sich noch nach den Männern, die am Vortag im Dorf gewesen waren, um nach uns zu suchen. Leider bekamen wir kaum Informationen, da niemand sie richtig kannte, aber zumindest wussten wir nun, in welche Richtung sie weitergezogen waren. Wir mussten also einen anderen Weg einschlagen, der uns etwas mehr Zeit kosten würde.

Nach Zalas Rückkehr wurden wir mit warmer Kleidung und ausreichend Proviant ausgestattet, damit wir unsere Reise fortsetzen konnten. Wir bedankten uns und One versicherte Zalas Mutter noch einmal, dass er sich um alles kümmern würde, sobald er zurück im Hauptquartier war. Dann brachen wir auf.

»Lex ist ein Monster«, sagte ich schließlich, nachdem wir eine Zeit lang schweigend nebeneinanderher gegangen waren und ich noch einmal über Zala und ihr Dorf nachgedacht hatte. »In den Märchen, die ich als Kind erzählt bekommen habe, wurden Monster stets umgebracht. Und ich bereue es, Lex nicht erschossen zu haben, als ich die Möglichkeit hatte!«

One warf mir einen Seitenblick zu. »Lass dich nicht zu sehr von dem Hass und der Wut einnehmen, Riley. Ich kenne diese dunkle Verlockung. Sie ist wie ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Eine sehr lange Zeit hat sie mich jeden Tag begleitet und ihre finsteren Schatten über alles, was lebenswert war, geworfen. Ich möchte nicht, dass du dein wertvolles Leuchten verlierst, wenn du dich zu weit in diese Dunkelheit begibst.«

»Mein wertvolles Leuchten?«, hakte ich verwirrt nach, weil ich nicht begriff, was er meinte.

»Ja.« Er blieb stehen und zog mich an sich ran. Einen Arm legte er um mich und sah mir eindringlich in die Augen. »Ich brauche dein Leuchten, Riley. Ich möchte es nicht verlieren.« Auf diese Worte folgte ein fester Kuss auf meine Lippen, dann ließ One mich wieder los und ging weiter.

Nach einer kurzen Starre schloss ich zu ihm auf und verbrachte die nächsten Stunden damit, zu ergründen, was er mir damit offenbart haben könnte.

 

 


Das Wetter veränderte sich, je weiter wir in Richtung Norden vordrangen. Ich war dankbar, dass wir mittlerweile wärmere Kleidung am Leibe trugen. Dennoch ließ ich es mir nicht nehmen, nachts ganz dicht an One gedrängt in seinen Armen einzuschlafen. Und ich hatte das Gefühl, ihm war es nur recht so.

Wir wanderten tagelang und ich stellte mit immer größerer Sorge fest, dass Ones Wunde am Rücken mit jedem Tag schlimmer aussah. Das einzige, was mich davor bewahrte, verrückt vor Sorge zu werden, war der Eindruck, den er mir vermittelte. Er wirkte stark und entschlossen, die Wunde schien ihn nicht zu schwächen. Also redete ich mir ein, dass sie nicht so übel war, wie sie aussah.

»Kannst du schon sagen, wie lange wir noch bis zum Hauptquartier brauchen werden?«, fragte ich ihn dennoch, als ich wieder einmal seinen Verband wechselte. »Uns geht langsam das medizinische Zeug aus.«

»Ich vermute, dass wir schon morgen das nördliche Quarter erreicht haben«, erwiderte One und ich sah seine Anspannung, als ich in die Nähe der entzündeten Wunde kam, um sie zu versorgen. »Wenn wir in diesem Tempo weiterkommen, sind wir bis Ende der Woche da.«

Ich atmete hörbar aus. »Gott sei Dank. Du schaffst es doch noch bis dahin, oder? Ich meine, die Wunde wird doch nicht -«

»Ich schaffe es«, unterbrach er mich und schenkte mir über die Schulter ein beruhigendes Lächeln. »Konzentriere dich auf unser Weiterkommen, nicht auf meine Verletzungen.«

Ich nickte zögernd und bedeckte die Wunde mit einem sauberen Verband. Anschließend aßen wir etwas und setzten unseren Weg fort.

Am nächsten Tag begegneten wir den ersten Menschen seit unserem Besuch im Dorf der Frauen. Dabei handelte es sich um zwei Männer, dürr und ungepflegt. One und ich setzten die Strategie ein, die wir zuvor bereits besprochen hatten – ich stellte mich den Männern in den Weg, lenkte sie damit ab, während er sich hinter sie schlich und mit dem Gewehr auf sie zielte.

»Wir wollen euch nichts tun«, sagte ich, sobald sie ihre Hände auf seine Aufforderung hin erhoben hatten. »Wir gehen bloß sicher, dass auch ihr uns nichts tut.« Ich durchsuchte die beiden nach Waffen, wobei ich den von ihnen ausgehenden Gestank ignorierte, und fand zwei nicht gerade scharfe Messer, die ich zur Seite ins Gebüsch warf. »Okay, sie sind sauber.«

»Wer zum Teufel seid ihr?«, wollte einer von ihnen wissen. »Wir haben nichts dabei, was ihr uns abnehmen könntet. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann ich das letzte mal etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommen habe.«

»Wir wollen euch nichts abnehmen.« One trat neben mich und die Augen der zwei Kerle wurden größer, als sie sahen, wem sie da gegenüber standen. »Wir brauchen lediglich Informationen.« Er horchte sie über Lex und dessen Gefolge aus, während ich die Umgebung im Auge behielt.

Mir erschien es, als wüssten die beiden mehr, als sie uns preisgaben. Sie ließen sich zu viel Zeit mit den Antworten, wichen mit ihren Blicken aus und verstrickten sich hin und wieder in ihren Erklärungen.

»Was soll der Scheiß?«, stieß ich schließlich ungeduldig aus. »Sagt uns endlich die Wahrheit, oder -«

Ein Blick von One ließ mich verstummen und die Drohung unbeendet in der Luft schweben. »Wir gehen weiter.« Er sah wieder zu den beiden Männern. »Haut schon ab.«

Ich schaute ihnen nach, wie sie davonliefen, und seufzte. »Dir ist schon klar, dass sie gelogen haben, oder?«

»Ja. Aber was hätten wir tun sollen? Die Wahrheit gewaltsam aus ihnen herausprügeln? Mit einem Schlag hätte ich ihnen sämtliche Knochen gebrochen, an denen war doch nichts mehr dran.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Wir hätten es ja nicht wirklich tun müssen, lediglich ihnen damit drohen, damit sie Angst bekommen.«

»Riley.« One umfasste mein Kinn mit den Fingern und zwang mich sanft, zu ihm aufzusehen. »Verliere dich nicht.«

»Ich weiß nicht genau, was du damit meinst«, entgegnete ich. »Ich möchte nicht mehr schwach und verwundbar sein. Die Welt ist grausam und ich muss mich ihr anpassen, wenn ich überleben will. Manchmal muss man skrupellos sein.«

»Du bist nicht schwach. Du bist weit davon entfernt, schwach zu sein. Aber du bist auch immer noch ein Mensch. Wenn du deine Menschlichkeit verlierst …«

»Bin ich nicht besser als Lex oder diejenigen, die die unschuldigen Frauen berauben«, führte ich seinen Satz zu Ende und nickte mit gesenktem Blick. Es erschrak mich selbst, wie bereit ich mittlerweile war, Grenzen zu überschreiten. »Es tut mir leid. Ich ... ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.«

»Behalte meine Worte stets im Hinterkopf.« One strich mir mit dem Daumen über die Wange und senkte dann seine Hand. »Wir müssen weiter.«

Abends saßen wir an einem kleinen Feuer und ich rieb meine Hände über der Flamme aneinander. Mit einem Lächeln registrierte ich, dass One zu mir aufrückte und einen Arm um meine Schultern legte. »Ist dir kalt?«, fragte er.

»Ein wenig.« Ich kuschelte mich an seine Seite. »Aber so wird mir gleich viel wärmer.« Ich schloss die Augen und genoss den wundervollen Moment. Die Nacht war ruhig, vereinzelt waren Tierlaute zu vernehmen, ein Heulen, jedoch in weiter Entfernung von uns, sodass ich mich nicht davon beunruhigen ließ. Es dauerte nicht lange, bis ich in Ones geborgener Umarmung wegdämmerte.

36. Kapitel

 

 


Der nächste Morgen begann mit starken Regenschauern, was One als ein gutes Zeichen vermerkte, denn das bedeutete, dass wir uns nun in der nördlichen Region befanden. Es war sehr anstrengend, durch die feuchte, matschige Erde zu stampfen, doch wir mussten weiter und durften uns nicht davon aufhalten lassen.

Schon nach kurzer Zeit war ich bis auf die Knochen durchnässt, mir war kalt und ich konnte mein Zittern nicht lange verbergen. One blieb stehen und musterte mich mit gerunzelter Stirn.

»Es geht schon«, versicherte ich ihm. Dass meine Zähne dabei klapperten, unterstrich diese Aussage nicht gerade. »Wirklich, wir können weiter«, fügte ich eindringlicher hinzu. Ich wollte keine Last darstellen.

»Du wirst dich erkälten«, entgegnete er schließlich und sah sich um. »Wir warten, bis der Regen nachgelassen hat.«

Ich überlegte, dagegen zu protestieren, fügte mich jedoch stattdessen. Mir war so kalt und ich wollte nur noch raus aus der durchnässten Kleidung. Wenn ich mich wirklich erkältete, wäre ich niemandem von Nutzen. Eine Pause war vernünftiger.

Nach einigen Metern fanden wir einen Unterschlupf und ich beeilte mich, schnell aus meinen nassen Sachen zu kommen. Nackt stand ich da und zitterte wie verrückt, bis One seine Kleidung ebenfalls abgelegt hatte und mich in eine Umarmung zog. Erleichtert schloss ich die Augen und drückte mich an seine Brust, während seine Wärme allmählich in mich überfloss und die Kälte vertrieb. Ich fühlte mich so wohl und geborgen, und gleichzeitig spürte ich, wie Begehren in mir aufflammte, weil ich meinem Hunter so nah war.

Fast automatisch gingen meine Lippen auf Wanderschaft, berührten seine feuchte Haut, strichen über die Narben. Ich merkte, dass Ones Atmung sich etwas beschleunigte und schaute zu ihm hoch. In seinem Blick zu sehen, wie sehr er mich wollte, ließ mein Herz rasen und schickte mir ein süßes Ziehen in den unteren Leib. Zärtlich glitt ich mit den Händen über seinen Rücken und umfasste seine festen Pobacken. Sein leises Seufzen mischte sich mit meinem, das ich ausstieß, weil ich so erregt war. Ich drängte mich noch fester an ihn, spürte seine Härte an meinem Bauch, fühlte die Hitze, die von ihr ausging.

»Mir gefällt es, wenn du mich auf diese Weise wärmst«, flüsterte ich und fasste mit einer Hand zwischen uns, um ihn dort zu streicheln.

One hob mein Kinn mit den Fingern an. »Mir auch«, sagte er, bevor er seine Lippen fest auf meine drückte. Seine Hand schob sich in meinen Nacken und hielt mich dort fest, während seine Zunge meine neckte und herausforderte. Ich liebte es, wie besitzergreifend er das tat; liebte seine leidenschaftlichen Küsse, die mein Verlangen ins Unermessliche steigen ließen.

Ich legte beide Hände auf seine Schultern und teilte ihm stumm mit, dass er mich hoch auf seine Hüfte heben sollte. Das tat er auch und schob sich sogleich vorsichtig in mich hinein.

Ich stöhnte an seinem Mund und war berauscht von dem Gefühl, ihn in mir zu spüren. Es erschien mir, als würde es mit jedem Mal besser werden, wenn wir uns so nahe kamen. Wir verschmolzen regelrecht miteinander, der Sex war intensiv und intim, trotz der unschönen Umgebung und Umstände. Und das lag daran, dass One mir nicht länger das Gefühl vermittelte, es ginge lediglich darum, sich Erleichterung zu verschaffen. Nein, er schlief mit mir, weil er diese Nähe genau so sehr brauchte, wie ich es tat.

Unsere laute Atmung vermischte sich mit dem Geräusch des prasselnden Regens. Ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals und verwob meine Finger in seinem Nacken ineinander, während eine schier unerträgliche Spannung meinen Schoß durchzog. Ich biss in Ones Schulter, weil ich es kaum noch aushielt und endlich Erlösung brauchte.

»Bitte«, brachte ich keuchend hervor und zog an seinen Haaren. »Bitte …«

Seine Arme, die mich fest umklammert hielten, spannten sich noch mehr an und seine Hüfte stieß kräftig und schnell gegen mich.

Ich schrie auf, als ein heftiges Kribbeln mich durchfuhr, und schmiss den Kopf in den Nacken. Dieses Gefühl war unglaublich! Ich erzitterte und glaubte gleichzeitig, in Flammen zu stehen. Im nächsten Moment suchte ich Ones Lippen und küsste ihn fieberhaft, bis ich merkte, dass auch er seinen Höhepunkt erreichte. 

Schwer atmend ließ er sich gen Boden sinken und hielt mich dabei weiterhin fest umschlungen. Er murmelte etwas in mein Haar, das ich nicht verstand, weil es in meinen Ohren laut rauschte. Langsam beruhigte sich mein rasender Herzschlag und ich richtete mich ein wenig auf, um ihm ins Gesicht zu sehen.

Ich sah seine leicht geröteten unrasierten Wangen, die von meinen Küssen geschwollenen Lippen, die dichten, schwarzen Wimpern, unter denen mich seine Augen anblickten, und plötzlich wusste ich, dass ich diesen Mann liebte. Für alles, was er war und für mich getan hatte. Und trotz seiner Sünden und Vergehen. Schon die ganze Zeit. Über einfache Schwärmerei, Dankbarkeit und Zuneigung war ich längst hinaus. Das, was ich empfand, war mehr. Viel mehr. Es war so gigantisch, dass ich Mühe hatte, es für mich zu behalten. Ich wollte ihm sagen, wie viel ich für ihn fühlte, wollte ihn damit überschütten ... aber ich hatte Angst. Denn auch wenn ich mir mittlerweile sicher war, dass er ebenfalls Gefühle für mich hegte, konnte ich nicht sagen, wie stark diese waren. Er schütze mich mit seinem Leben, ja, aber tat er das, weil er mich auch liebte, oder spielten dabei eher die Schuldgefühle, die er empfand, eine tragende Rolle? Wäre ich ihm je so wichtig geworden, wenn er keine Schuld am Verlust meines Zuhauses und meiner Familie trüge?

»Was ist los?«, fragte One in meine Gedanken hinein und strich mit seinem Daumen über meinen angespannten Kiefer.

Ich schüttelte den Kopf und lehnte meine Stirn gegen seine. Ich wollte diesen trüben Gedanken keine Macht über mich geben. Selbst wenn One all das tat, weil er in erster Linie seine Fehler wiedergutmachen wollte, konnte ich damit leben. Und vielleicht würde sich das mit der Zeit ändern und andere Gefühle würden in den Vordergrund treten. Daran musste ich fest glauben.

Nach einer Weile schob One mich sanft von sich und stand auf, um mir ebenfalls auf die Füße zu helfen. Mir wurde augenblicklich kalt und ich schlang die Arme um meinen zitternden Oberkörper.

»Der Regen hat aufgehört«, sagte er und deutete nach draußen. »Wir sollten unsere Sachen zum Trocknen aufhängen.«

Überrascht stellte ich fest, dass die dunklen Wolken sich verzogen und der Sonne Platz gemacht hatten. Dennoch war die Luft noch ziemlich kühl und ich fror erbärmlich.

Nachdem One unsere Kleidung über einen Ast gehängt hatte, kehrte er zu mir zurück und nahm mich wieder in den Arm. Ich lehnte mein Ohr an seine Brust und schloss zufrieden die Augen, während ich seinem stetigen Herzschlag lauschte. Wenn es nach mir ginge, würde ich für immer so stehen bleiben können.

Natürlich war mir bewusst, dass wir nicht ewig in dieser wundervollen Position verharren konnten. Sobald unsere Sachen einigermaßen getrocknet waren, zogen wir uns an und setzten unseren Weg fort. Immer wieder sackte ich in der nassen Erde ein und verlor sogar einen Schuh dabei.

»Auf diese Weise kommen wir nicht weit«, stellte One mit gerunzelter Stirn fest, nachdem ich an einer Stelle beinahe bis zu den Knien eingesunken war und er mich mit aller Kraft herausziehen musste.

»Vielleicht sollten wir -«

Er unterbrach mich, indem er sich einen Finger auf die Lippen legte und mir damit andeutete, still zu sein. Ich schloss den Mund und lauschte. Und da vernahm ich ein Geräusch, das er wohl ebenfalls zuvor gehört haben musste: Schritte. Ein leises Schmatzen, wie auch wir es in der matschigen Erde verursacht hatten.

Mit klopfendem Herzen schaute ich mich um und unterdrückte einen Schrei, als One mich unvermittelt hochhob und zu den dicken Ästen eines Baumes hinstreckte. Ich kletterte rauf und schaute zu ihm runter, sobald ich sicher genug saß. Als ich begriff, dass er nicht vorhatte, mir zu folgen, und mir stattdessen das Gewehr reichte und sich nach einem anderen Versteck umsah, überkam mich ein Anflug von Panik. Ich wollte ihn auffordern, zu mir hochzuklettern, doch ich hatte Angst, dass man mich hören könnte, und streckte ihm stattdessen die Hand hin. Als er sie nicht ergriff und stattdessen in einem Gebüsch in der Nähe verschwand, war ich der Verzweiflung nahe. Ich wollte zu ihm, doch da vernahm ich erneut die schmatzenden Schritte, diesmal viel näher, und drückte mich gegen den Stamm des Baumes.

Einen Moment später sah ich zwei Köpfe unter mir, die zu zwei Männern gehörten. Hunter. Ich erkannte die Uniformen sofort. Gerade als ich mich fragte, ob sie zu Ones Truppe oder zu Lex gehörten, kam One mit erhobenen Händen aus dem Gebüsch.

»Nicht schießen«, sagte er, als sich die Waffen der Männer sofort auf ihn richteten. »Ich bin es.«

Erleichtert lehnte ich den Kopf gegen den Stamm. Es waren Hunter aus seiner Truppe! Doch meine Erleichterung verflog augenblicklich, als ich die Stimme vernahm, die One antwortete.

»Boss, wo kommst du denn her?«

Ich kannte diese tiefe Stimme …

»Wieso seid ihr alleine? Wo ist der Rest?«, fragte One und senkte die Arme.

Woher kannte ich diese Stimme? Und wieso versetzte sie mich in Alarmbereitschaft?

»Wir sind seit über einer Woche auf der Suche nach dir und den anderen«, kam es zurück. »Immer in kleine Gruppen eingeteilt, damit wir eine größere Fläche absuchen können. Bist du allein? Wo sind Revera und der Rest?«

Plötzlich sah ich mich in dem Fahrzeug, als ich blinzelnd zu mir kam. Gleißendes Sonnenlicht blendete mich, als die Türen geöffnet wurden. Dunkle, kalte Augen, die mich anstarrten.

»Sie haben es nicht geschafft. Da draußen geschieht etwas Schlimmes, das wir unbedingt verhindern müssen.«

»Ach ja? Was denn, Boss?«

»Ich erkläre euch alles, sobald wir zurück im Hauptquartier sind. Wo ist die Basis? Wir müssen schnell weiter.«

»Das halte ich für keine gute Idee.«

Das Herz hämmerte mir bis zum Hals, als der Hunter sein Gewehr erneut auf One richtete. Auch der andere zielte nun auf seinen Anführer. Sie würden doch nicht ...

»Die Reise ist zu Ende, Boss.«

Ohne weiter zu überlegen, was ich tun sollte, stieß ich einen Pfiff aus und lenkte ihre Aufmerksamkeit damit kurz auf mich. Das gab One die Gelegenheit, einen von ihnen zu entwaffnen und sich aus der Schusslinie zu bringen, als der andere auf ihn schoss. Ich hob mein Gewehr und ignorierte das Zittern meiner Finger, während ich den bewaffneten Hunter anvisierte. In letzter Sekunde wich ich von seinem Kopf ab und jagte die Kugel stattdessen in seinen Oberschenkel. Er knickte weg und wurde im nächsten Moment von One ausgeschaltet, als dieser ihm den Lauf des Gewehrs mit einem harten Schlag gegen die Schläfe stieß.

Hastig kletterte ich vom Baum runter und ging auf wackeligen Knien zu ihm rüber. »Die beiden«, murmelte ich dabei. »Sie haben mich aus dem Hauptquartier gebracht.« Jetzt, wo ich die Gesichter sah, erkannte ich sie sofort wieder. Das waren eindeutig die Männer, die mich an Nite übergeben hatten. »Sie haben mich entführt.«

Mit finsterer Miene starrte One runter zu dem Hunter, der nicht bewusstlos war und ihn wütend anfunkelte. »Das sind Illoy und Andres«, richtete er dabei an mich. »Nachdem du verschwunden warst, haben wir sie schwer verletzt nicht weit vor den Toren des Hauptquartiers gefunden. Angeblich hatte man sie hinterrücks überfallen und niedergestreckt. Ich schätze, das entsprach nicht ganz der Wahrheit.« 

»Wie ich sehe, hat der Boss seine Hure wieder«, kam es verächtlich vom Boden.

»Du hast Glück, dass ich dich noch brauche«, erwiderte One unbeeindruckt. In der nächsten Sekunde segelte das Gewehr durch die Luft und schaltete auch den zweiten Hunter mit einem präzisen Hieb aus. Danach drehte One sich mir zu. »Sie werden bald wieder zu sich kommen, wir sollten sie schnell festbinden. Wenn ich richtig liege, befinden sich weitere Männer aus meiner Truppe nah genug, um die Schüsse gehört zu haben. Ich weiß nicht, wem ich noch trauen kann, daher sollten wir auf ihre Ankunft hier vorbereitet sein.«

Ich nickte und sah mich um. »Wie sollen wir sie festmachen?«

»Wie viel Verband haben wir noch übrig?«

Ich öffnete den Rucksack und holte die letzte Rolle hervor. »Nicht viel.«

»Dann müssen wir improvisieren.« One ging in die Hocke und rollte einen der beiden Hunter auf den Bauch, um dessen Hände auf dem Rücken zu verbinden. »Behalte die beiden im Auge, während ich mich auf das hier konzentriere«, wies er mich dabei an.

Ich machte ein paar Schritte zurück und richtete mein Gewehr auf die Köpfe der bewusstlosen Männer. Zur Not würde ich sie ohne zu zögern abknallen. Das erschien mir wichtiger, als sie wegen möglicher Informationen am Leben zu lassen und One der Gefahr auszusetzen, von ihnen angegriffen zu werden.

Eine Weile später hatten wir die beiden Hunter mit Hilfe des Verbands, der stabilen langen Gräser, der Äste und unserer Oberbekleidung an einem Baum festgemacht. Und damit die beiden nicht zu früh wach wurden und uns das Leben unnötig schwerer machten, hatte One ihnen jeweils einen weiteren kräftigen Schlag verpasst. Nur das Auf und Ab ihrer Atmung zeigte mir, dass sie noch lebten.

Kurz darauf befand ich mich erneut oben in den Ästen eines Baums, während One nicht weit entfernt im Gebüsch in Deckung ging. Wir hatten keine Ahnung, wer da als nächstes kam, aber wir hörten die leisen, schmatzenden Schritte, und wir waren vorbereitet.

Einen Moment später sah ich den dunklen Schopf eines Hunters auftauchen und schluckte schwer. Ich hoffte und betete im Stillen, dass er sich nicht als Verräter entpuppen würde, während ich mein Gewehr auf seinen Rücken richtete.

»Nicht schießen«, erklang sogleich die Stimme von One, als er sein Versteck verließ. »Nicht schießen.«

Hinter dem Hunter tauchten drei weitere seiner Kameraden auf und richteten ihre Waffen in Ones Richtung. Ich hielt angespannt den Atem an.

»Scheiße, Mann, ich dachte, ich sehe dich nie wieder!« Arron, der ganz vorne stand, ließ sein Gewehr sinken und trat zu seinem Freund, um ihn fest zu umarmen.

Gebannt beobachtete ich die Umarmung der beiden Männer und atmete erst die angehaltene Luft wieder aus, als sie sich voneinander lösten und One zu mir hochsah.

»Du kannst runter kommen, Riley.«

Vier Augenpaare richteten sich auf mich und ich lächelte zögernd, während ich das Gewehr senkte. Ich reichte es an One weiter, der zum Baum trat, und kletterte anschließend mit seiner Hilfe herunter.

»Du hast sie gefunden«, erklang Arrons Stimme hinter mir. Als ich mich zu ihm drehte, sah ich Erleichterung und Freude in seinem Gesicht. »Schön, dich wohlbehalten wiederzusehen, kleine Lady.«

Es fiel mir schwer, sein Lächeln unbefangen zu erwidern, denn im Hinterkopf hatte ich das Wissen, dass seine Verlobte mit Nite zusammenarbeitete. Und auch wenn seine Freude über unsere Rückkehr aufrichtig wirkte, konnte ich nicht vollständig ausschließen, dass er mit Savannah unter einer Decke steckte.

Ich sah hoch in Ones Gesicht und überlegte, wie ich ihm am besten mitteilen konnte, was ich wusste. Er fing meinen Blick kurz auf, bevor er sich an die anderen wandte. »Habt ihr einen Außenstützpunkt in der Nähe errichtet?«

»Ja, Boss.«

»Ist es weit von hier?«

»Ich bringe euch hin«, antwortete Arron diesmal.

»Gut. Dort hinten sind Illoy und Andres.« One deutete auf den Baum, an den wir die beiden Hunter gefesselt hatten. »Bringt sie zum Stützpunkt. Code 36.«

Während ich mich fragte, was Code 36 bedeutete, gab er den anderen drei Männern noch ein paar Anweisungen. Nachdem wir einige Meter schweigend hinter uns gebracht hatten, erkundigte sich Arron danach, was geschehen war.

»Das erzähle ich dir später ganz ausführlich«, erwiderte One. »Da draußen ist eine Menge los, das uns noch Sorgen bereiten wird.«

»Klingt nicht gut, Mann.«

»Wir haben viel Arbeit vor uns«, bestätigte One und warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Illoy und Andres sind nicht die einzigen, die Verrat begangen haben. Hat sich bei Statan etwas ergeben?«

»Er streitet weiterhin vehement ab, etwas mit Rileys Entführung zu tun zu haben. Wir haben all deine Anweisungen befolgt, aber es hat sich nichts ergeben.«

Die beiden unterhielten sich weiter und ich verspannte mich völlig. Wenn nun Arron ebenfalls ein Verräter war, teilte One ihm soeben alles mit, was er lieber nicht sollte. Ich musste so schnell wie möglich mit ihm allein sprechen! Mittlerweile bereute ich sehr, dass ich es nicht längst getan hatte. Vielleicht brachte ich ihn damit in Gefahr.

Nach einer Weile erreichten wir ein verstecktes Fahrzeug und ich war erleichtert, dass wir nun schneller vorankommen würden. Mir taten die Füße weh, ich war müde und ich wollte, dass One endlich die Versorgung bekam, die er dringend nötig hatte.

Während die beiden Hunter vorne Platz nahmen, setzte ich mich auf die Rückbank und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Am liebsten hätte ich die Augen zugemacht, doch ich zwang mich mit aller Macht, wach zu bleiben und Arron im Auge zu behalten. Falls er wirklich der Feind war, könnte ich vielleicht eingreifen, wenn er sich gegen seinen Hauptmann wendete.

Die Fahrt kam mir unendlich lange vor, doch dann erreichten wir endlich den Außenstützpunkt. Ich verspürte ein warmes Gefühl in der Brust, als ich sah, wie die anderen Hunter ihren Boss freudig begrüßten. Er mochte Verräter in den eigenen Reihen haben, doch der Großteil der Hunter schien One gegenüber loyal zu sein. Zumindest hoffte ich, dass die Freude nicht bloß gespielt war.

Arron brachte uns zu einem Zelt, in dem One ordentlich untersucht und verarztet wurde. Anschließend ging es weiter zum nächsten Zelt.

»Ihr solltet euch ausruhen«, wandte Arron sich an seinen Freund. »Ich kümmere mich um Illoy und Andres, sobald sie hier sind.«

»Nein, das mache ich«, entgegnete One mit einem Kopfschütteln. »Sag mir sofort Bescheid, sobald sie ankommen.«

»Verstanden.« Arron sah zu mir. »Möchtest du etwas essen, Riley?«

»Später. Ich möchte mich jetzt erstmal ausruhen.« Eigentlich hatte ich großen Hunger, aber ich wollte unbedingt endlich mit One allein sein, deshalb verzichtete ich vorerst auf eine richtige Mahlzeit.

Nachdem Arron gegangen war, bedachte mich One mit einem Blick. »Du solltest etwas essen.«

»Taleon, ich muss dir etwas erzählen«, entgegnete ich und spürte, wie mir das Herz bis zum Hals klopfte.

Er runzelte kaum merklich die Stirn und nickte auffordernd.

Ich holte tief Luft. »Ich habe dir zwar erzählt, dass ich Nite entkommen konnte, aber ich habe nicht genau gesagt, wie mir das gelungen ist. Wer mir geholfen hat. Der Junge ... Sein Name war Sibir und er ist während unserer Flucht von Nite und seinen Männern getötet worden.« Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu: »Er war Savannahs Bruder.«

Ich sah, wie sein Körper sich anspannte, während seine Augenbrauen sich in der Mitte zusammenzogen.

»Er hat mir erzählt, dass er und seine Schwester von Nite gefangen genommen wurden und dieser Savannah gezwungen hatte, für ihn zu arbeiten. Sibir behielt er bei sich, um sie zu erpressen«, fuhr ich fort und biss mir schuldbewusst auf die Unterlippe. »Es tut mir leid, dass ich dir nicht vorher davon erzählt habe. Ich hatte Angst, dass dich das zu sehr ablenkt und du den Fokus auf unsere Flucht verlierst.« Zögernd setzte ich mich neben ihn auf die Pritsche, auf der er zuvor Platz genommen hatte. Ich sah in sein Gesicht und versuchte zu ergründen, was in ihm vorgehen mochte. Er hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet und ich sah förmlich, dass es hinter seiner Stirn angestrengt arbeitete.

»Und du bist dir sicher, dass der Junge über Savannah gesprochen hat?«, hakte er schließlich nach.

»Ja. Ganz sicher«, bestätigte ich nickend.

One nickte ebenfalls, erhob sich und trat zum Zelteingang. »Ich muss einige Gespräche führen. Bleib solange im Zelt. Jemand wird dir gleich etwas zu essen bringen.«

Ich wollte ihm anbieten, mit ihm zu kommen und ihm zur Seite zu stehen, aber ich war mir sicher, dass er es ablehnen würde. Jetzt war er wieder der Boss, der Anführer der Hunter. Er würde alles selbst in die Hand nehmen und seine Rolle spielen. Und womöglich würde er wieder seine Mauer errichten.

Ich zwang mich, diesen Gedanken nicht fortzusetzen, und zog stattdessen die sauberen Sachen an, die Arron mir zuvor gegeben hatte. Danach setzte ich mich auf die Pritsche und wartete auf das, was als nächstes geschehen würde.

Zunächst erschien ein Hunter mit einem Tablett und etwas zu essen, das ich nur so herunterschlang. Danach legte ich mich hin und starrte an die Zeltwand, während meine Gedanken kreisten. Ich hörte Stimmen vor dem Eingang und fragte mich, ob One dort jemanden positioniert hatte, der mich bewachen sollte. Und ob er dieser Person trauen konnte. Es war schrecklich, nicht zu wissen, wer Freund und wer Feind war.

Eine Weile später kehrte One zurück, zusammen mit Arron. Dieser setzte sich neben mich auf die Pritsche und bat mich, ihm haarklein zu berichten, was ich wusste. Er wirkte ruhig und gefasst, während ich ihm alles, was nach meiner Entführung geschehen war, erzählte. Doch sobald ich zu der Stelle kam, als ich von Savas Verrat erfuhr, schloss Arron die Augen und schüttelte den Kopf. Unsicher schaute ich zu One, der mir mit einem Nicken bedeutete, fortzufahren.

Als ich fertig war, blieb es still. Ich knetete nervös an meinen Fingern und beobachtete Arron, der an die gegenüberliegende Wand starrte. Ich konnte nur erahnen, was jetzt in ihm vorging, falls er tatsächlich nichts davon gewusst hatte. Vielleicht machte er uns bloß etwas vor, um seine Haut zu retten? Ich blickte erneut zu One. Er löste sich aus seiner starren Haltung und trat zum Zelteingang.

»Komm«, sagte er dabei in unsere Richtung gewandt. 

Ich fragte mich, wen er damit aufforderte, da erhob sich Arron bereits. Bevor der zu seinem Freund trat, legte er mir seine schwere Hand auf die Schulter. »Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musstest, Riley.«

Mir tut es leid, dass soeben dein Leben eine drastische Wendung genommen hat, wollte ich erwidern, tat es aber nicht und nickte nur. 

Die beiden verließen das Zelt und mir blieb nichts anderes übrig, als erneut allein zurückzubleiben und zu warten. Angespannt saß ich da und fragte mich, was noch alles auf uns zukam. Welches Schicksal blühte Sava nun? Ihr Bruder, für den sie alles auf sich genommen hatte, war tot, sie würde ihren Verlobten verlieren, die Sicherheit …

Ich bekam regelrecht Bauchschmerzen, als ich mir verschiedene Szenarien durch den Kopf gehen ließ, was One in Bezug auf sie veranlassen könnte. Und wie würde Arron darauf reagieren? Er liebte seine Verlobte, das hatte ich oft genug mitbekommen. Könnte er einfach so zusehen, wenn man sie für ihren Verrat bestrafte?

Und wie sah es mit mir selbst aus? Ich fühlte mich schuldig, dass Sibir getötet worden war, als er mir geholfen hatte zu fliehen. Wenn nun Sava im Grunde kein schlechter Mensch war und lediglich so gehandelt hatte, weil sie keine andere Wahl gehabt hatte – sollte ich dann nicht wenigstens versuchen, ein gutes Wort für sie einzulegen? Ihr zu helfen.

Seufzend erhob ich mich und lief in dem beengten Raum auf und ab, während ich weiter grübelte und darauf wartete, dass One zurückkam. Gleichzeitig fürchtete ich mich davor. Mein Kopf war voll und begann allmählich zu schmerzen. Ich verspürte auch einen unangenehmen Druck hinter der Nase und mir war kalt, obwohl ich mittlerweile einen warmen Pullover trug. Ich ließ mich wieder auf die Pritsche sinken und schloss die Augen, um ein wenig Schlaf zu finden.

Als ich sie wieder öffnete, stand One über mir und musterte mich prüfend. »Ich glaube, ich werde krank«, murmelte ich und richtete mich auf.

Er legte mir eine Hand auf die Stirn und nickte. »Du bist warm. Wir warten ab, ob das Fieber noch steigt, dann gebe ich dir etwas dagegen.«

Ich setzte mich hin, ignorierte den starken Druck hinter meiner Stirn und schaute ihn auffordernd an. Als er keine Anstalten machte, irgendetwas zu sagen, öffnete ich den Mund: »Bitte, schließe mich nicht aus, jetzt, wo wir wieder unter Huntern sind.«

»Ich möchte dich nicht aufregen«, entgegnete er und wandte sich ab.

Ich streckte eine Hand aus und hielt ihn zurück. »Du regst mich mehr auf, wenn du wieder deine Mauer um dich errichtest«, sagte ich geradeheraus, was mir so schwer auf dem Herzen lag. »Zählt all das, was wir in den letzten Wochen miteinander durchgemacht hatten, denn nichts? Wirst du mich wieder von dir stoßen und ausschließen?«

»Das hatte ich nicht vor.«

»Dann fang auch nicht damit an, indem du mir Dinge verschweigst, von denen du glaubst, sie könnten mich aufregen. Das haben wir beide bereits getan. Vielleicht sollten wir endlich anfangen, ehrlich zueinander zu sein. Wenn du mich an deiner Seite haben möchtest, dann zeig es mir.« Bereits diese kurze Rede erschöpfte mich und ich musste husten, weil mein Hals ganz trocken war und kratzte.

One setzte sich neben mich und strich mir vereinzelte Strähnen aus dem Gesicht. Diese zärtliche Geste vertrieb die Kälte, die zuvor mein Inneres erfasst hatte. »Was genau erwartest du von mir, Riley?«, fragte er schließlich.

»Schließe mich nicht aus«, wiederholte ich leise.

»Ich bin der Anführer der Hunter. Es gibt Dinge, die ich dir nicht erzählen darf. Ich habe meine Regeln und Anweisungen, die ich befolgen muss.«

»Das verstehe ich auch, aber die Sache mit Savannah ... Sie war wie eine Freundin zu mir. Sie ist Arrons Verlobte. Oder war es. Was wird jetzt mit ihr geschehen?«

»Sie muss sich einem Gericht stellen, dort wird über ihre Strafe entschieden«, erwiderte er sachlich, aber ich sah ihm an, dass es ihn mehr beschäftigte, als er nach außen hin zeigen wollte. Seine Zähne waren fest aufeinander gepresst und er hatte eine Hand zur Faust geballt.

Ich seufzte schwer. »Und wie geht es Arron? Du bist sicher, dass er nichts davon wusste?«

»Ich habe sein Gesicht gesehen, als ich ihm davon berichtete. Es wird dauern, bis er das verarbeitet hat.«

»Es muss schrecklich sein, von einem geliebten Menschen so hintergangen zu werden.« Ich schüttelte den Kopf und musste an Karen denken. Sie hatte versucht, Danika und mich an böse Männer auszuliefern. Das hatte sich bereits schrecklich angefühlt, als ich davon erfahren hatte. Wie musste es erst für Arron sein? Er stand Sava so viel näher, als ich Karen jemals gestanden hatte.

»Er wird damit leben müssen.«

Ich sah hoch in Ones Gesicht und runzelte die Stirn. »Und wenn er es nicht schafft?« Ich erinnerte mich an das, was er mir über seine Albträume erzählt hatte. »Wird ihm der Schmerz weggespritz? Damit er weiterhin funktioniert. Er ist dein Freund. Solltest du nicht -«

One unterbrach mich, indem er seine Hand auf meine Schulter legte. »Deswegen wollte ich dir nichts erzählen. Du regst dich zu sehr auf. Wir haben eine lange und anstrengende Flucht hinter uns, leg dich am besten wieder hin und ruh dich aus. Ich hole dir etwas zu trinken und eine Tablette, damit du gut schlafen kannst.«

Ich überlegte kurz, dagegen zu protestieren, weil ich noch so viele Fragen hatte, aber er hatte recht – ich war total ausgelaugt und brauchte dringend Schlaf. Deshalb folgte ich seiner Anweisung und ließ mich zurück auf die Pritsche sinken. »Wirst du hier bei mir schlafen?«, fragte ich dabei.

»Ich habe noch Wichtiges zu erledigen, aber ich werde immer wieder nach dir sehen. Draußen sind zwei Wachen, die in meiner Abwesenheit aufpassen. Dir wird nichts geschehen.«

»Okay.« Nach einem kurzen Zögern richtete ich mich noch einmal auf und schlang einen Arm um Ones Hals, um ihn etwas zu mir zu beugen und zu küssen. Im Inneren rechnete ich mit Widerstand seinerseits, aber zu meiner Überraschung erwiderte er den Kuss sogar. Das beruhigte mich und meine Zweifel. Vorerst.

Nachdem One mir ein Wasser und eine Tablette gebracht hatte, fiel ich schon sehr bald in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 



Am nächsten Morgen fühlte ich mich hundeelend. Mein Hals schmerzte und war gereizt, sodass ich nichts außer lauwarmen Tee herunter bekam. Und ich hatte hohes Fieber. Am liebsten hätte ich mich in Ones Arme gekuschelt, um dort etwas Ruhe zu finden, aber er hatte so viel zu tun, dass er es nicht einmal schaffte, nach mir zu sehen, und stattdessen jemand anderen schickte.

Während ich mit Schmerzen und Schüttelfrost im Schlafsack lag, dachte ich daran, dass One in allererster Linie der Hunter-Anführer war und sich seinen Aufgaben als dieser verpflichtete. Erst dann kam ich. Wenn überhaupt. Vielleicht waren ihm weitere Dinge wichtiger. Das Training, der Kampf … 

Ich konnte nicht verhindern, dass mich alle Zweifel und Unsicherheiten wieder einholten. Auf einmal war ich mir nicht mehr so sicher über meine Bedeutung für ihn. Ich sagte mir immer wieder, dass er sein Leben riskiert hatte, um mich zurück zu holen, doch das half nur bedingt. 

Was würde geschehen, wenn wir uns in derselben Situation wie Arron und Savannah wiederfinden würden? Wenn ich etwas Schlimmes getan hätte. Könnte er einfach dabei zusehen, wie man mich bestrafte, und anschließend sein Leben als Hunter weiterleben, so wie es von seinem Freund erwartet wurde? Wie tief gingen Ones Gefühle wirklich? Wozu war er bereit, wenn es um mich ging?

Ich musste erneut daran denken, dass er womöglich lediglich sein schlechtes Gewissen besänftigte und seine Fehler korrigierte, indem er mich mit allen Mitteln schützte. Und davon bekam ich furchtbare Bauchschmerzen. Ich liebte diesen Mann mit allem, was ich hatte, und ich wollte auch auf diese Weise zurückgeliebt werden. Doch was, wenn er es nicht konnte? Wenn eine solche Liebe nicht in sein Leben passte. Würde er mich fallen lassen, sobald er genug Sühne getan hatte?

Ich schüttelte diesen Gedanken ab und zwang mich, diese Richtung nicht weiter einzuschlagen. One war bereit gewesen, sein Leben für mich zu riskieren. Er hatte  sich um mich gekümmert, mich zuvorkommend behandelt, meine Nähe gesucht und mir stumm durch seine Berührungen mitgeteilt, dass er etwas für mich empfand. Im Moment war er damit beschäftigt, die Verräter in seinen eigenen Reihen zu finden und zu bestrafen, und deshalb bekam ich ihn kaum zu Gesicht. Er war nun mal der Anführer und das musste ich hinnehmen und akzeptieren, wenn ich die Frau an seiner Seite sein wollte. Und das wollte ich um jeden Preis!

37. Kapitel

 

 


»Riley.«

Ich öffnete blinzelnd die Augen und blickte in die von One.

»Wie fühlst du dich?«, fragte er.

»Schlecht«, erwiderte ich krächzend und verzog das Gesicht beim Schlucken, weil es so unangenehm war. 

»Das Fieber ist etwas zurückgegangen«, stellte er fest, während er über meine feuchte Stirn strich. »Hast du noch Schmerzen?«

»Im Hals … Kopf … in den Beinen.« Mir entfuhr ein Stöhnen, als ich mich auf die Seite drehte. Ich begann, unkontrolliert zu zittern.

Ones Stirn legte sich in tiefe Falten, während er mich musterte. Im nächsten Augenblick schlüpfte er aus seinen Sachen und legte sich zu mir. Ich war so dankbar für seine Nähe, kuschelte mich tief in seine Umarmung und spürte sofort, dass es mir besser ging, sobald mich sein Geruch und seine Wärme umhüllten. Er hielt mich fest umschlungen, während mein Zittern langsam abnahm. 

Ich schlief wieder ein. Als ich das nächste Mal wach wurde, befand sich der Arzt, der auch One nach unserer Ankunft im Stützpunkt versorgt hatte, im Zelt. Er stellte mir einige Fragen, die ich so gut ich konnte beantwortete, und gab mir eine Spritze, nach der mich erneut die tiefe Dunkelheit umfing.

Mir kam es vor, als hätte ich eine Ewigkeit geschlafen, als ich meine Augen wieder öffnete. Erleichtert stellte ich fest, dass die quälenden Kopfschmerzen verschwunden waren, nur mein Hals und meine Glieder taten noch weh.

Ich drehte den Kopf zur Seite und erblickte One an dem Tisch gegenüber. Er tippte auf einem flachen Gerät herum, das ich schon öfter bei ihm gesehen hatte. Wie ich wusste, machte er sich so Notizen oder verschickte Nachrichten auf einem Weg, den ich nicht näher kannte.

»Taleon«, machte ich mich leise bemerkbar und versuchte, mich aufzurichten. Es gelang mir halbwegs, da war er auch schon an meiner Seite und half mir etwas. »Trinken. Bitte.«

Ich ignorierte den Schmerz beim Schlucken und leerte die von ihm gereichte Flasche in einem Zug zur Hälfte. »Wie lange … habe ich geschlafen?«, wollte ich anschließend wissen.

»Etwa zwölf Stunden, nachdem der Doc dir ein Mittel gegeben hat«, erwiderte er und wischte mir die Stirn mit einem Waschlappen ab. »Und die hast du dringend gebraucht. Es hat dich ordentlich erwischt.«

Ich nickte langsam und schloss die Augen, während ich seine sanften Berührungen genoss, als er mit dem Lappen nun über meinen Nacken fuhr. 

»Sobald du wieder auf den Beinen bist, bringe ich dich ins Hauptquartier«, fuhr One schließlich fort. »Von dort aus werde ich mich dann darum kümmern, Silva und seine Leute aufzuspüren und wieder Ordnung im Umland zu schaffen.«

Ich war froh, dass er mir von seinen Plänen erzählte, ohne dass ich mir die Informationen mühsam erfragen musste. Dennoch war da noch so vieles ungewiss, das ich gerne beantwortet gehabt hätte. Allen voran die Frage, was mit Savannah geschehen würde. Hatte One bereits jemanden geschickt, der sie festgenommen hatte? Saß sie längst im Gefängnis? Und was tat Arron? Wie ging es ihm?  

Diese Gedanken füllten eine Hälfte meines Kopfes. Die andere beschäftigte sich mit den Ereignissen der letzten Zeit. Mit allem, was ich erfahren hatte und was geschehen war. Immer wieder sah ich das Bild meines Vaters vor mir und fragte mich, welches Schicksal ihm blühte. Er kämpfte an Lex‘ Seite … Welche Strafe erwartete ihn, wenn One es schaffen sollte, Lex und seine Leute aufzuspüren und festzunehmen? Und was sollte ich diesbezüglich tun?

»Riley?«

Ich sah auf, als One meinen Namen sagte.

»Du solltest etwas essen, um wieder zu Kräften zu kommen.« In seinen Händen hielt er einen Teller und ich vernahm den Geruch von Suppe.

Meine Finger zitterten leicht, als ich den Löffel ergriff, doch ich schaffte es, den Teller zu leeren, ohne den Inhalt zu verschütten. One stellte ihn zur Seite, sobald ich fertig war, und erhob sich. Ich streckte sofort den Arm aus und hielt ihn zurück. 

»Bitte, bleib noch ein wenig bei mir.«

Er nickte und legte sich neben mich, dabei hob er einen Arm, sodass ich darunter rutschen und mich an ihn drücken konnte. Es war schwer, in Worte zu fassen, wie wohl ich mich in dieser Position fühlte. Während meiner jahrelangen Einsamkeit nach dem Verlust meines Zuhauses und meiner Familie hatte ich mir öfter vorgestellt, was mich erwarten mochte, wenn ich sterben würde. Und dabei hatte ich immer an den Himmel denken müssen. An einen friedlichen Ort, an dem es kein Leid, keine Sorgen und keinen Kummer gab. In Ones Armen zu liegen, das war so ein Ort. Die Geborgenheit, die ich bei ihm empfand, ließ mich alles andere um uns herum vergessen. Es dauerte nicht lange, bis ich wieder wegdämmerte.

Ich erwachte mit großem Hunger und einem dumpfen Pochen hinter der Stirn. Da ich allein im Zelt war, stand ich mühsam auf und ging auf wackeligen Beinen zum Eingang. Davor traf ich auf zwei Hunter, die mich sofort wieder ins Zelt scheuchten.

»Ich bin doch keine Gefangene!«, brummte ich verstimmt, trat aber zurück in die vorübergehende Unterkunft. »Könnte ich mit dem Anführer sprechen? Und etwas zu essen haben.«

»Ich sage Bescheid«, erwiderte einer der beiden und ging davon.

Der andere zog den Eingang wieder zu. Ich seufzte ergeben und vertrat mir die Beine in dem engen Raum, so gut es eben ging. Ich fühlte mich schon viel besser, hatte keine wirklichen Schmerzen mehr und fühlte mich auch nicht zu warm an, lediglich etwas geschwächt. Aber ich wollte mich nicht wieder hinlegen. Ich hatte eindeutig genug geschlafen und musste endlich in meine alte Form zurückfinden.

Als es hinter mir raschelte, drehte ich mich um und lächelte erfreut, da One das Zelt betrat.

»Mir geht es gut«, sagte ich, bevor er sich nach meinem Befinden erkundigen konnte, was er garantiert vorhatte, als er bereits den Mund öffnete. »Ich habe Hunger und ich möchte ein wenig an die frische Luft.« Dann sah ich, wie erschöpft er selbst aussah, und trat zu ihm. »Hast du in den letzten Tagen überhaupt Schlaf gefunden?«, fragte ich besorgt.

»Kaum«, erwiderte er und ließ seinen Kopf einmal kreisen, wobei ein leises Knacken ertönte.

»Du solltest dich hinlegen, Taleon.« Ich griff nach seiner Hand und zog ihn mit mir zur Pritsche.

»Ja, es wird Zeit, dass ich mich ausruhe. Dir wird gleich etwas zu essen gebracht.« Während er das sagte, zog er sich die schweren Stiefel aus.

Ich sah ihm dabei zu, wie er anschließend seine Kleidung ablegte, und spürte ein wohlbekanntes Kribbeln in meinem Bauch. Sein wunderschöner, von Narben und Wunden gezeichneter Körper war ein Anblick, der mich nie kalt lassen könnte.

»Wie sieht deine Wunde auf dem Rücken aus?«, wollte ich wissen und setzte mich neben ihn, um seine verbundene Schulter vorsichtig zu berühren. 

»Sie heilt. Du musst dir keine Sorgen mehr machen.«

Ich drückte einen Kuss auf seine warme Haut und schloss die Augen, während ich seinen mittlerweile so vertrauten Geruch einatmete. »Ich möchte mich zu dir legen«, murmelte ich leise.

»Damit warten wir noch.« One umfasste mein Kinn mit den Fingern und strich mit dem Daumen darüber. »Im Stützpunkt ist Sex verboten.«

»Wer hat diese Regel aufgestellt?«, hakte ich nach und schaute hoch in seine Augen. »Du?« Ich musste lächeln, als sein Kiefer hervortrat, weil er die Zähne aufeinander biss. »Du musst dich jetzt ausruhen«, fuhr ich fort und stand auf, damit er sich hinlegen konnte. Auch wenn ich ihm unbedingt nah sein wollte, war mir bewusst, dass er dringend die benötigte Erholung brauchte.

One nickte und suchte sich eine bequeme Schlafposition. »Bleib im Zelt, Riley«, wies er mich anschließend noch an. »Morgen brechen wir zum Hauptquartier auf, dann kommst du an die frische Luft. Ich möchte nicht, dass du hier draußen herumläufst.«

»Verstanden.« Ich beugte mich runter und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Die Freude darüber, dass er solche vertrauten Geste mittlerweile ohne jegliche Zurückhaltung annahm, war groß.

Einen Moment später wurde mir ein Tablett mit Essen von einem Hunter reingereicht. Ich setzte mich auf den Stuhl am Tisch und gab mir Mühe, nicht zu schlingen, während ich meinen leeren Magen füllte. Als ich fertig war, schaute ich zu One und stellte überrascht fest, dass er noch nicht schlief und mich stattdessen ansah.

»Komm her«, sagte er schließlich und hob den Schlafsack an.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, sprang schnell auf und schlüpfte zu ihm. Zufrieden drückte ich mich an seine Seite und strich mit den Fingerspitzen über seinen unteren Rücken, bis er einschlief.

 



Am nächsten Morgen musste ich noch etwa eine Stunde allein im Zelt verbringen, bevor One mich abholte, damit wir zum Hauptquartier aufbrechen konnten. Draußen traf ich auch auf Arron und verspürte sofort ein flaues Gefühl im Magen, als ich seine versteinerte Miene sah. Ich wollte ihn fragen, wie es ihm ging, aber ich tat es nicht. Wie sollte es ihm schon gehen? Wahrscheinlich litt er wie verrückt, auch wenn er nach außen hin den starken Hunter mimen musste.

»Kommst du mit uns mit?«, fragte ich Arron, weil ich unbedingt irgendetwas zu ihm sagen wollte.

»Nein. Meine Aufgabe hier ist noch nicht erledigt.«

Ich nickte und dachte dabei im Stillen, dass er die Heimkehr womöglich absichtlich hinauszögerte, weil ihn dort etwas erwartete, wofür er noch nicht bereit war.

Anstelle von Arron begleiteten uns zwei andere Hunter. Einer nahm vorne neben One und einer hinten neben mir Platz. Ich musterte den großen Mann neben mir skeptisch und hoffte, dass er jemand war, dem One wirklich trauen konnte. Obwohl ich mich schon besser fühlte, war ich noch leicht geschwächt und hätte keine Chance gegen ihn, sollte er mich angreifen. One am Steuer war ebenfalls im Nachteil, dadurch, dass er den Wagen lenken und sich darauf konzentrieren musste.

Während draußen vor dem Fenster die Landschaft schnell an uns vorbeizog, behielt ich drin die beiden Hunter stets im Auge. Kerr und Malone waren ihre Namen, wie ich bald erfuhr, als sie sich mit ihrem Boss unterhielten. Meistens benutzten sie irgendwelche Codes, die ich nicht verstand, also nahm ich mir vor, One in nächster Zeit danach zu fragen, was das alles bedeutete. Und ich wollte ihn darum bitten, mein Training fortsetzen zu dürfen. Auf keinen Fall konnte ich den ganzen Tag in der Suite hocken und mich zu Tode grübeln, während ich darauf wartete, dass er zu mir kam. Nein, ich wollte die Frau an seiner Seite sein – in jeder Hinsicht. Ich wollte ihn lieben und neben ihm kämpfen, sobald es nötig wurde. Mir war bewusst, dass er mir diesen Wunsch nicht einfach erfüllen würde, da er der Meinung war, mich vor jeder Gefahr fernhalten zu müssen. Doch die Gefahr war bereits schon einmal bis ins Hauptquartier und dort bis in meine Räume vorgedrungen. Wenn One mich schützen wollte, konnte er mich nicht verstecken und einschließen – er musste mich auf die Gefahr vorbereiten und mir zeigen, wie ich ihr auf Augenhöhe begegnete. Das würde er hoffentlich mit der Zeit selbst begreifen und sich nicht quer stellen.

Wir erreichten die hohen Mauern und Tore des Hauptquartiers, als es bereits dunkel geworden war. Kerr und Malone stiegen am Kontrollpunkt aus, ich setzte mich nach vorne zu One, dann fuhren wir weiter. Ich konnte nicht genau sagen, was ich empfand, als ich die vertrauen Gebäude im Inneren schemenhaft erkannte. Freude war es nur bedingt, denn mir war bewusst, dass sich vieles geändert hatte. Die Frau, die ich als eine Freundin betrachtet hatte, hatte mich an einen gefährlichen Mann ausgeliefert. Sie hatte ihren Verlobten und alle anderen, die nicht mit ihr gemeinsame Sache machten, verraten. Dafür würde man sie nun bestrafen. Und ich schwankte zwischen dem unschönen Gefühl des Verrats und dem Wunsch, ihr trotz dieser Tatsache irgendwie zu helfen. 

Ob die anderen Geliebten davon wussten, was geschehen war? Sicher hatten sie gemerkt, dass ich eine ganze Weile nicht mehr auf der Bildfläche erschienen war. Und nun würde auch Sava fortbleiben. Was sollte ich sagen, wenn sie sich bei mir danach erkundigten? Ich konnte mich schließlich nicht tagein, tagaus in meinen Räumen einsperren, nur um solche Begegnungen zu vermeiden. In der selbstauferlegten Einsamkeit würde ich verrückt werden! Also musste ich mich bald dieser Neugier stellen.

Als wir vor dem Gebäude hielten, in dem sich Ones Suite und meine Räume befanden, sah ich sofort die vielen Wachen, die dort überall herum positioniert worden waren. One stieg aus und umrundete den Wagen, um mir die Tür zu öffnen und nach draußen zu helfen. Anschließend trat er zu einem der Männer und reichte ihm den Fahrzeugschlüssel. 

Wir betraten das Gebäude und ich war nicht überrascht, als ich auch im Inneren vereinzelt Hunter ausmachen konnte. Hoffentlich befanden sich nicht auch noch welche in meinem Reich, das wäre ziemlich gewöhnungsbedürftig. Sobald wir im Aufzug standen und sich die Türen geschlossen hatten, wandte ich mich an One: »Wird das Gebäude fortan immer so streng bewacht?«

»Ja. Ich gehe kein Risiko mehr ein«, erwiderte er mit ernster Miene.

Ich konnte noch nicht sagen, was ich von diesem neuen Aufwand hielt. Ja, ich fühlte mich dadurch etwas sicherer, denn es war eher unwahrscheinlich, dass all diese Hunter da unten Verräter waren. Doch ich würde mich viel besser fühlen, wenn ich in der Lage wäre, eigenständig für meine Sicherheit zu sorgen. Indem ich zum Beispiel gut trainiert für jegliche Gefahrensituationen war. Aber mit diesem Anliegen wollte ich One heute Abend nicht mehr behelligen. Dafür sollten wir beide ausgeruht und bei guter Laune sein. Vor allem er.

Oben angekommen, wollte ich den Weg zu meiner Tür einschlagen, doch One hielt mich zurück. »Du bleibst bei mir.«

»Heute Nacht?«, hakte ich nach und folgte ihm zu seiner Suite.

»Dauerhaft. Ich habe deine Sachen bereits rüber bringen lassen«, entgegnete er und öffnete die Tür.

Mein Herz machte einen freudigen Hüpfer. Ich sollte also bei ihm leben. Das war ein gutes Zeichen, oder?

»Okay.« Ich gab mir keine Mühe, mein Lächeln zu verstecken. Nein, das konnte ich gar nicht. Ich strahlte über das ganze Gesicht. Als One es sah, runzelte er kurz die Stirn und schüttelte dann den Kopf, wobei ich eindeutig das leichte Schmunzeln auf seinen Lippen bemerkte.

In seiner Suite vernahm ich sogleich den köstlichen Duft von etwas Gebratenem. One führte mich in einen Raum, in dem ein halb gedeckter Tisch und mehrere Stühle standen. Ich spürte förmlich, wie mein Magen sich vor Freude zusammenzog, als ich die Köstlichkeiten darauf erblickte.

»Du hast bestimmt Hunger. Das, was du nicht aufisst, kannst du einfach stehen lassen«, erklang es neben mir.

Ich blickte zur Seite, hoch in sein Gesicht. »Leistest du mir denn nicht Gesellschaft?« 

»Ich muss noch einige wichtige Dinge erledigen«, erwiderte er und war wieder der Anführer durch und durch.

Ich nickte langsam und gab mir Mühe, meine Enttäuschung nicht zu zeigen. Es gab Wichtiges zu tun, das wusste ich, und ich wollte ihn nicht davon abhalten, indem ich an ihm hing wie eine Klette. Er war der Boss, er wurde gebraucht - und ich musste mich gedulden. Einen Augenblick später spürte ich seine Finger an meinem Kinn, als er es leicht anhob und mir einen kurzen, sanften Kuss auf die Lippen drückte.

»In ein paar Stunden bin ich wieder zurück«, sagte er anschließend. »Warte auf mich.«

»Verstanden.« Bevor er sich abwenden konnte, legte ich meine Hände in seinen Nacken, stellte mich auf die Zehenspitzen und raubte mir noch einen Kuss. Diesmal dauerte er länger und wurde erst gelöst, als wir beide völlig außer Atem waren.

Kurz darauf setzte ich mich an den Tisch und langte ordentlich zu. Die verschiedenen Geschmäcker, variierend zwischen leicht süß, scharf und salzig, explodierten auf meiner Zunge und ließen mich genießerisch die Augen schließen. Ich aß viel zu viel, weil sich in den Tagen, in denen ich hauptsächlich geschlafen und mich auskuriert hatte, ein gewaltiger Appetit angestaut hatte. Das Völlegefühl, das ich nach dieser kleinen Fressorgie empfand, bekämpfte ich mit einem Tee, den ich mir trotz später Stunde aus der Cafeteria kommen ließ.

Anschließend verzog ich mich in das große Badezimmer und wusch mich ausgiebig. Ich merkte erst jetzt, wie sehr ich den Luxus einer richtigen Badewanne vermisst hatte, als ich in ihr lag und meinen Kopf am Rand ablegte. So etwas gab es im Umland nicht. Nein, da draußen wagte man nicht einmal, an so etwas Wundervolles zu denken, damit einen die Enttäuschung nicht einholte, sobald man realisierte, dass man es niemals haben würde. Aber hier in dem warmen, duftenden Wasser genoss ich dieses Gefühl ausgiebig.

Später, gehüllt in einen flauschigen Bademantel, ging ich ins Schlafzimmer und stand lange vor dem Kleiderschrank, weil mir der Anblick von meiner Kleidung neben der von One ein wunderschönes Gefühl bescherte. Ich bezweifelte, dass eine seiner früheren Geliebten es bis hierher geschafft hatte. Nein, dieses Privileg stand nur mir zu. Und das half mir sehr dabei, die Zweifel an Ones Gefühlen, die weiterhin unterschwellig in mir loderten, zu bekämpfen.

Ich trocknete mich ab und schlüpfte in frische Kleidung. Darunter trug ich ein schönes Set weißer Dessous. Als ich es anzog, musste ich unwillkürlich an Sava denken, die mir kurz nach meiner Ankunft dazu geraten hatte, mir