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Ihr Entschuss stand fest. Sie würde sich trennen. Definitiv. Nach 10 Jahren Ehe brauchte sie Veränderung. Julia von Kempen war wohl das was man die perfekte Ehefrau nennt. Freundliches Wesen, ordentlich, nicht zu verschwenderisch. Freundlicher Umgangston mit den Nachbarn. Gutes Verhältnis zu den Schwiegereltern. Kurzum super-langweilig. Julia hatte genug von ihrer geregelten Welt. Sie erwartete ihren Mann, Marlon von Kempen, in der nächsten Stunde. Die Zeit bis dahin überbrückte Julia mit Nachdenken. Ihr Adrenalinausstoß war enorm hoch. Schließlich las man ständig von Männern die durchdrehten, sobald sie verlassen wurden. Erst letzte Woche, so stand es in der Zeitung, hatte ein Mann seine Frau und die Tochter erschossen, weil die Ehefrau die Scheidung eingereicht hatte. Das wollte Julia natürlich nicht. Sie würde es ihm ganz schonend beibringen. Ihm ihre Freundschaft versichern, für ihn da sein in Notsituationen. Während sie in Gedanken ihre Trennung durchging, hörte sie wie die Haustür geöffnet wurde.
Marlon von Kempen betrat das Appartement. Julia schlug das Herz bis zum Hals. Jetzt oder nie. Doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, klingelte sein Handy. Während Marlon im Wohnzimmer telefonierte klingelte es an der Haustür. Ute. Heulend. Na super. „Männer sind Schweine.“ schluchzte diese während sie sich an Julia vorbei in Richtung Küche schob. Julia nahm sich vor, Ute schnell abzufertigen, damit sie mit ihrem eigenem Leben weiterkam. Aber ihr Leben betrat kurz darauf den Raum, schaute auf Ute und sagte: “Schatz du bist ja jetzt eh mit Ute beschäftigt, da macht es dir ja nichts aus, dass ich noch mal weg muss, oder?“ Küsschen und weg war er. Wo zum Kuckuck musste er jetzt noch hin, wo er doch nach ihrem Gespräch soviel Zeit haben würde, da er dann ja Single wäre.
Seufzend ergab sie sich ihrem Schicksal und wandte sich ihrer Freundin Ute zu. Ute, ihres Zeichen Nachbarin und Freundin, hatte wieder mal Probleme mit ihrem Mann. Dieser verstand sie nicht und überhaupt hätte Julia es ja auch viel besser als sie. Und alles wäre so ungerecht. Ihre Kinder wären so anstrengend. Niemand verstand sie, dabei würde sie sich immer so bemühen.
Julia schaltete also wieder um, von Ehe beenden auf Freundin aufbauen. Sie redete Ute gut zu, machte ihr Mut, brachte sie zum Lachen. Nachdem es Ute nun wieder gut ging, machte diese sich auf den Heimweg und ließ eine immer noch verheiratete Julia zurück. Als ihr Mann nach gut drei Stunden noch nicht zurück war, lag nichts näher, als der Griff zum Telefon. „Wo bleibst Du?“ fragte sie ihn. „Du bist schon drei Stunden weg!“ Die Antwort aus dem Hörer klang nicht sonderlich freundlich und aufgeschlossen: „Du meine Güte, kontrollierst du mich jetzt schon? Man wird doch mal das Haus verlassen dürfen ohne das man Rechenschaft ablegen muss.“ Verblüfft und verärgert fauchte Julia ein „Mach doch was du willst!!!“ durch die Weite des Telefonnetzes bevor sie das Gespräch beendete. Das wurde ja immer schöner, schließlich wollte sie ihn doch loswerden und nun musste sie sich stattdessen vorwerfen lassen, ihn zu kontrollieren. Allerdings musste sie zugeben, dass sie noch immer nicht wusste, wo er nun eigentlich war. Und das wiederum interessierte sie brennend. Auf jeden Fall war er in einem geschlossenen Raum, das hörte man. Und es war ruhig im Hintergrund. Vielleicht war er im Büro. Wenn sie die Kennung aus dem Handy nahm und dort anrief, könnte sie ja kontrollieren ob er noch arbeitete. Ach was, kontrollieren ist nicht das richtige Wort. Vielmehr würde sie prüfen ob es ihm gut ging. Sie stellte ihr Handy entsprechend ein und wählte die Büronummer ihres Mannes. Es klingelte einmal. Und wieder. Und wieder. Nobody at home. Auf jeden Fall ging niemand ran. Dann war er mittlerweile bestimmt auf dem Heimweg und sie hatte ihn knapp verpasst.
Julia entschied sich dafür etwas Schönes zu essen zurecht zu machen und auf ihn zu warten. Dann könnten sie schön zusammen essen und sich unterhalten. Ihre Ehe könnte sie auch noch morgen beenden.

Sie erwachte müde. Mühsam öffnete sie ihre Augen um sich zu orientieren. Während ihrer Orientierungsphase sprach eine ihr bekannte Stimme aus dem Halbdunkeln: “Bist du eingeschlafen? Warum hast du denn gewartet? „ Ihr dämmerte. Ihr Mann, der Schuft war jetzt erst gekommen. Sie war vor dem Fernseher eingeschlafen. Und das Schlimmste war, sie hatte alles allein gegessen. „Wo zur Hölle warst du die ganze Zeit. Schließlich hast du eine Familie um die du dich auch mal kümmern müsstest. Und davon ab, bin ich stinksauer.“ murrte Julia giftig. „Dein ewiges Gemecker nervt. Ich musste noch was aufarbeiten. Schließlich habe ich auch noch einen Job, der uns ernährt. Ich habe auch keine Lust zu streiten, ich bin müde.“ verkündete Marlon und begab sich ins Bad. „ Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“ keifte Julia hinter ihm her. Marlon ließ sich auf kein Gespräch mehr ein, sondern legte sich provokativ ins Bett und schlief auch sofort ein. Das Leben ist so ungerecht fand Julia, nachdem sie sich bettfertig neben ihn gelegt hatte und natürlich nicht einschlafen konnte. Sie beobachtete ihrem schlafenden Mann und fand es eigentlich sehr schön, nicht allein im Bett zu liegen. Sein Gesicht und sein Körper waren ihr so vertraut. Sie kannte seinen Geruch und mochte es wenn er im Schlaf lächelte. Sie rückte näher an ihn heran. Wie aus Reflex umarmte er sie und so schliefen sie beide entspannt dem nächsten Morgen entgegen.

Ihr Wecker sprang an und sie wurde mit „Every breath you take“ von Police geweckt. Sie liebte dieses Lied. Wohlig räkelte sie sich unter ihrer weichen Bettdecke. Ihr Mann war schon längst zur Arbeit. Er ging immer viel früher als sie. Die Sonne schien bereits durchs Fenster. Es schien ein schöner Tag zu werden. Obwohl ihr Schrank bald überquoll hatte sie merkwürdigerweise nichts anzuziehen. Sie wusste ja selbst das sich das komisch anhörte, aber es war wirklich so. Die Mode wechselte genauso schnell wie ihr Gewicht rauf und runter ging. Also beschränkte dieses auch ihre Auswahlmöglichkeit. Nach langem Hin und Her entschied sie sich für einen kurzen grauen Rock und einen schwarzen Pullover. Sie ging ins Bad und restaurierte sich wieder für den vor ihr liegenden Tag. Eigentlich recht zufrieden mit dem Ergebnis machte sie sich auf den Weg in ihre Firma. Sie hatte eine 20-Stunden-Stelle in einer großen Druckerei, wo sie für den Rechnungsausgang zuständig war. Sie mochte ihren Job. In der Druckerei arbeiteten etwa 200 Personen, allerdings hatte sie nur mit einem geringen Teil von ihnen zu tun. In ihrer Abteilung arbeiteten 8 Frauen und 2 Möchte-gern-Männer. Sie machte sich auf den Weg in ihr Büro, welches sie mit ihrer Kollegin Manuela teilte. Die beiden Frauen mochten sich sehr gern. Sie arbeiteten bereits seit 4 Jahren zusammen und es klappte hervorragend. Kein Neid oder Mobbing, aber auch keine Verpflichtungen auf privater Ebene. Das ist wirklich viel wert, denn für gewöhnlich wird ja immer gleich die große Freundschaft erwartet, wenn man gut zusammen auskommt. „Guten Morgen“ grüßte sie in die verschiedenen Büros aus denen daraufhin 9 Guten Morgen zurückschallten. Lächeln überblickte sie ihren Schreibtisch, während Manuela sofort die Morgen-Konversation mit ihr begann. „Und, hast du es beendet?“ fragte diese gespannt. In dramatischer Pose schlug Julia die Hände vors Gesicht. „NEIN. Ich schwöre, alles hatte sich gegen mich verschworen. Es ging einfach nicht. Als Marlon endlich kam, war er kaum drin, als auch schon sein Handy klingelte, und während er noch sprach, kam Ute, weil sie Stress zu Haus hatte. Während die heulend vor mir saß, kam Marlon rein, und sagte er müsse noch mal weg. Und dann kam er erst total spät wieder. Was sagt uns das? Es sollte nicht sein.“ Manuela lachte. „Ja, Ja. Du schaffst das nie.“ „Am Schlimmsten ist für mich, das er wegfuhr und ich wusste gar nicht wohin. Als ich ihn anrief, fauchte er mich an, ich würde ihn kontrollieren. Dann habe ich ohne Kennung in seinem Büro angerufen, um zu sehen ob dort ist. Aber es ist niemand rangegangen. Und als er dann nach Haus kam, sagte er, er wäre im Büro gewesen. Nur konnte ich ihm ja wohl schlecht sagen, dass ich dort angerufen habe. Was hältst du davon?“ fragte sie ihre Kollegin. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er fremdgeht, falls du das meinst. Außerdem kann es dir egal sein, schließlich wolltest du ihn doch ohnehin wieder freigeben.“ „Das ist doch was ganz anderes. Schließlich habe ich ihn noch nicht frei-gegeben. Und ich würde schon gern wissen, wo er war.“ „Mach dich nicht verrückt. Dafür wird es eine einfache Erklärung geben.“ Seufzend begann Julia sich auf das Chaos auf ihrem Schreibtisch zu stürzen. Sie hatte wirklich einen tollen Job. Es war immer interessant zu sehen, was die Firmen sich in den Druckereien machen ließen. Vor allem wenn es sich um Anzügliches handelte. Heute hatten wir z.B. das Cover für „Süße Früchtchen mit großen Brüsten“ und „Frisch gejodelt ist halb gekommen“. Wenn Julia die Rechnungen fertig machte musste sie immer noch grinsen. Sie fand es nach all der Zeit, die sie hier arbeitete immer noch witzig, solche Titel zu finden. Obwohl sie in der Druckerei auch angesagte Dinge machten. Einbände für aktuelle Bücher, oder CD-Inlets. Manuela und sie waren ein eingespieltes Team und auch wenn sie manches Mal durch Dauerplaudern zurückfielen, so holten sie dieses am nächsten Tag wieder auf. Während sie konzentriert am PC saß, schob plötzlich jemand lautstark ihren Stuhl zurück. Julia schrie auf und fing sogleich an zu lachen, als sie sah das Tobi sich vor ihr auf die Knie geschmissen hatte und inbrünstig um ihre Hand bat. Dazu hielt er dramatisch die Cola-Dosen-Abreisslasche in der Hand um sie ihr anzustecken. Mittlerweile hatten sich auch einige der anderen Damen aus den Nachbarbüros bei ihnen versammelt, um Julia anzufeuern „Ja“ zu sagen. Julia bekam vor lauter Lachen kaum noch Luft. „Sag endlich ja“ beschwor Tobi sie. „Tobi, ich kann nicht. Ich bin lesbisch. Tut mir so leid. Aber würde ich mich für Männer interessieren, dann wärst du mein Mann, ich schwöre.“ bekannte Julia lachend. Mittlerweile hatte sich auch ihre Chefin im Türrahmen eingefunden. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, aber bat dann um konzentriertes Weiterarbeiten und empfahl Tobi eine Kontaktanzeige aufzugeben. Die Zeit verging wie im Flug und im Null Komma Nichts hatte sie schon wieder Feierabend. Sie rief ihren Mann an, bevor sie Schluss machte, um zu hören, wann sie mit ihm rechnen konnte. Jeremy ging an seinen Apparat. „Hallo Jeremy. Wie geht’s Ihnen?“ „ Hallo Julia. Schön mal wieder von ihnen zu hören. Na, haben sie ihre Feier gestern gut überstanden? Gratulieren sie ihrem Vater von mir. Mit 80 Jahren noch so fit zu sein ist ein Geschenk Gottes.“ Julia stutzte. „Danke, Jeremy. Ja, wir haben alles gut geschafft. Könnten sie mir meinen Mann geben?“ „Er ist gerade in einer Konferenz. Aber ich richte ihm gern aus, dass sie angerufen haben.“ „Das ist nett, vielen Dank. Und viele Grüße an ihre Frau.“ Julia legte langsam den Hörer auf. Ihre Hochstimmung war wie weggeblasen. Sie war eigentlich kein eifersüchtiger Mensch. Dazu bestand auch nie Anlass. Es war ja klar das Marlon den angeblichen 80 Geburtstag ihres Vaters vorgeschoben hatte. Abgesehen davon war ihr Vater gerade mal 62 Jahre. Zu Julia hatte er zudem gesagt, er wäre im Büro gewesen. Ihr war als hätte ihr jemand mit der Faust in den Magen geschlagen. Ihre Beine wurden ganz wackelig, aber sie hatte es nun eilig das Büro zu verlassen. Das Letzte was sie wollte war, dass ihre Kollegen Fragen stellten. Sie wusste zum einen keine Antworten und zum anderen wollte sie ihre private Situation auch nicht erklären. Sie verließ zügig das Gebäude und genoss den frischen Wind der draußen wehte. Am liebsten wäre sie sofort ins Büro ihres Mannes gefahren um ihn zu fragen, was hier los war und warum er sie anlog. Es machte ja auch alles keinen Sinn. Sie fuhr heim, um von Zuhause noch mal bei ihrem Mann anzurufen. Seine Besprechung müsste ja mittlerweile vorbei sein. Sie hätte sich gern ein paar Sätze zurechtgelegt, aber sie wusste das sie diese vergessen würde, wenn sie sie brauchte. Das war immer so. Sie war in solchen Situationen nur schlagfertig, wenn sie vorbei waren und sie darüber nachdachte. Wieder klopfte ihr Herz als sie dem Gespräch mit ihrem Mann entgegensah. Nur diesmal nicht weil sie ihn verlassen wollte, sondern weil sie möglicherweise die Verlassene sein würde. So schnell kann sich eine Situation ändern. Von heute auf morgen. Schwupps. Als wenn oben im Himmel jemand sitzen würde, der sich einen Spaß daraus machen würde ihr Leben mal ein bisschen durch-einander zu wirbeln. Sie hörte im Hörer wie es auf der anderen Seite läutete und sie merkte das sie die Hoffnung hegte, es würde niemand rangehen. Aber darauf wurde nichts. „Hallo Julia. Was gibt´s denn?“ fragte er. „Marlon, ich hatte vorhin Jeremy am Apparat, der mich auf den gestrigen 80. Geburtstag meines Vaters ansprach. Verrate mir, wie er darauf kommt. Das macht mich etwas nervös.“ „Ja, mir ist nicht Besseres eingefallen. Er wollte mit mir was trinken gehen, ich aber nicht mit ihm. Als ich dann Zuhause ankam, rief mich Rumble von der Forschung an, um mir was von seiner Projektentwicklung zu erzählen. Er hatte mich in meinem Büro gesucht, aber ich war schon weg. Rumble bat mich nochmal vorbei zu kommen, weil Jeremy auch schon weg war und jemand es sich ansehen sollte, was er gefunden hatte.“ erklärte Marlon seiner Frau. Julia fielen tausend Steine vom Herz und sie kam sich so schäbig vor. „Ach so“ hörte sich Julia sagen, „ich hatte mich schon gewundert. Du musst zugeben, das es sich seltsam anhörte.“ „Vielleicht solltest du nicht so misstrauisch sein. Oder habe ich dir schon mal Anlass zum Zweifeln gegeben?“ „Nein, trotzdem kann ich nicht verhindern, dass ich so was seltsam finde.“ „Vielleicht solltest du weniger Zeit mit deiner Freundin Ute verbringen, damit du nicht so viele Flausen in den Kopf bekommst. Im Übrigen komme ich in etwa einer Stunde. Nur damit du genau Bescheid weißt und nicht eine Vermisstenmeldung bei der Polizei aufgibst.“ Julia fühlte sich elend. Bei Beginn des Gespräches war Marlon der „Schuldige“, aber je länger das Gespräch ging, um so mehr wurde sie in die Schuld-Rolle gedrückt. Jetzt war sie die eifersüchtige kontrollsüchtige Ehefrau und er der strahlende Held. Das war wirklich mächtig ungerecht. Diese Streitereien raubten ihr die Energie. Jedesmal wenn sie mit ihrem Mann stritt, war sie danach total müde. Wobei das sicherlich noch besser war, als hungrig nach einem Streit zu sein. Sie zog sich eine bequeme Jogginghose ein, nahm sich eine Kuscheldecke und legte sich auf´s Sofa. Innerhalb von kürzester Zeit war sie eingeschlafen.
Genau wie am Vortag wurde sie wach, weil ihr Mann die Wohnung betrat. Nur war es diesmal nicht so spät. Ihr Mann setzte sich zu ihr aufs Sofa und streichelte ihr über den Rücken. „Na, was macht deine Eifersucht zur Stunde? Alles unter Kontrolle?“ stichelte er. „Lass mich in Ruhe.“ knurrte Julia.“ Was gibt es denn zu essen“ fragte Marlon seine Frau. Julia stöhnte. „Ich habe nichts vorbereitet und einkaufen war ich auch nicht. Aber ich habe Riesenhunger. Wollen wir uns was bestellen?“ fragte sie. „ Ja, ok, können wir machen. Aber bei Paolo. Bestellst du für mich die 27 mit extra 8 und dazu die 63? Dann gehe ich in der Zeit duschen.“ schlug er vor. Julia schnappte sich die Karte und studierte sie ausgiebig. Nur um dann sowieso wieder das Gleiche wie immer zu bestellen. Während ihr Mann duschte und sie auf das Essen wartete, dachte sie über ihre Situation nach. Warum war sie immer so unentschlossen, wenn es um ihre Ehe ging. Einerseits ging ihr alles was mit Ehe zu tun hatte mächtig auf die Nerven. Nie konnte sie etwas allein entscheiden, immer musste sie Rücksicht nehmen. Egal ob es um Urlaub, Wohnzimmermöbel oder Fernsehprogramm ging. Sie stellte es sich so schön vor, sich völlig verrückt einzurichten und sich durch die Gegend zu flirten. Vielleicht fühlte sie sich auch nur emotional vernachlässigt. Nach all den Jahren war natürlich nicht mehr das große Feuer da. Aber andererseits war ihr Mann zuverlässig, fleißig. Sie schlief leidenschaftlich gern mit ihm. Er war nur oft zu sehr mit seiner Karriere beschäftigt, dass er Julia nicht in dem Maß beachtete wie sie es sich wünschte. Alles hatte sein Für und Wieder. Warum zur Hölle musste es nur so wahnsinnig schwer sein, sich für etwas zu entscheiden. Das mit dem Entscheiden war ohnehin ein Thema für sich. Julia hatte das Gefühl das man ständig entscheiden musste. Morgens musste man entscheiden, was man anziehen wollte. Schwierig. Dann musste man entscheiden, was man essen wollte. Schwierig. Man musste entscheiden ob man abnehmen wollte oder lieber die Schokolade essen. Schwierig. Man musste sich entscheiden ob man Single sein wollte oder verheiratet. Stöhn. Extrem schwierig.

So verging die Woche wie im Flug. Am Wochenende hatte Julia ein Seminar mit dem Thema“ Autogenes Training“, zudem sie Ute überredet hatte. Sie würden zwei Tage dort bleiben. Genau übers Wochenende und dann wahnsinnig entspannt wieder nach Haus kommen. Marlon war das ganz recht, da er viel zu tun hatte und so ohne schlechtes Gewissen lange arbeiten konnte.
Der erste Seminartag war wie so ein erster Seminartag wohl sein muss. Langwieriges Vorstellen mit Namen, Hobbies usw. Gähn Aber da Ute so rege dabei war, machte Julia gute Miene. Ursprünglich sollte sie sich mit Ute ein Doppelzimmer teilen, aber durch einen Fehler des Hotels hatte nun jeder ein Einzelzimmer. Und Julia konnte nicht umhin sich darüber mächtig zu freuen. Wahrscheinlich hätte Ute sie sonst Tag und Nacht vollgejammert. Es gibt einen Gott und er liebt mich, dachte sich Julia. So brachten sie den Seminartag hinter sich. Und er war gar nicht so schlecht. Autogenes Training konnte man ja immer mal gebrauchen, wenn man ein stressiges Leben hatte. Am Abend versammelten sich einige der Seminarteilnehmer noch in der Hotelbar um den Tag feucht-fröhlich ausklingen zu lassen. Julia trank eigentlich nie Alkohol, aber in so einer netten Runde konnte man gar nicht anders. Also testete sie die Cocktails, von denen etliche auf der Karte standen. Es war auch ein echt schönes Gefühl wenn man so leicht angetrunken war. Alles war so einfach. Das Leben war einfach schön. Julia nahm noch wahr, dass sich Ute irgendwann verabschiedete um zu Bett zu gehen. Allerdings war sie zu diesem Zeitpunkt so in ihr Gespräch mit Ole, dem Finnen vertieft, dass es sie nicht weiter störte. Immer mehr Seminarteilnehmer verabschiedeten sich ins Bett. Nur noch Julia, Ole und zwei unangenehme Typen die schon sehr betüdelt waren blieben zurück. „Wollen wir in mein Zimmer gehen? Ohne Hintergedanken. Ehrlich. Nur damit wir die beiden Prachtexemplare hier loswerden.“ fragte Ole. Julia sah darin nichts Verwerfliches. Schließlich lebten wir im 20. Jahrhundert. Also verabschiedeten sich Julia und Ole und schlenderten zur Treppe. Ole´s Hotelzimmer war genauso wie Julias, nur seitenverkehrt. Julia empfahl sich sofort auf die Toilette. So konnte sie einen Blick auf ihr Äußeres werfen und ihre Blase erleichtern.
Ole hatte bereits zwei Gläser Rotwein eingeschenkt, als sie wieder den Raum betrat. Sie stießen an und als Oles Kopf ihrem bedenklich nahe kam, merkte Julia zu ihrer Verwunderung das ihr Kopf sich ebenfalls Ole näherte und das obwohl sie ihrem Körper doch den Befehl zum Rückzug gab. Ihre Lippen berührten sich und augenblicklich stand Julias Körper in Flammen. Ole hob sie vorsichtig hoch und legte sie aufs Bett. Dann strich er mit seinen Händen über ihren Körper. Julia war egal was sie war und wer sie war, sie wusste nur eins, sie wollte diesen Mann. Jetzt! Hemmungslos gab sie sich ihm hin. Ihre Körper verschmolzen miteinander. Wie selbstverständlich. Als sie erschöpft voneinander ließen schlüpfte Julia in Oles Bademantel um Eis zu holen, während Ole Gläser und Wasser fertig machte. Sie öffnete die Tür des Hotelzimmers spähte links und rechts und huschte zum Ende des Ganges. Als sie die Hälfte des Ganges hinter sich hatte, öffnete sich eine Tür und heraus kam eine Frau die ebenfalls einen zu großen Bademantel und einen Eiswürfelbehälter trug. Die Frauen sahen sich und mussten lachen, da es nicht zu übersehen war, womit beide die letzte Stunde verbracht hatten. Während sie Eis einfüllten überlegten sie ob sie sich hier wohl in einer Stunde wieder treffen würden, oder ob das zuviel für ihre Männer wäre. Lachend und irgendwie vertraut verabschiedeten sie sich augenzwinkernd an ihren Zimmertüren voneinander. Julia schloss die Tür hinter sich und sah Ole nackt und einladend auf dem Bett liegen. Was nutzte soviel Eis wenn dieser Mann ihre Leidenschaft zum Brennen brachte? Alle Gedanken an Mann und Ehe waren wie weggewischt. Es gab nur sie und ihn.
Der nächste Morgen kam früher als sie sich wünschte. Immerhin lag ein ganzer Seminartag vor ihnen und sie hatten kaum geschlafen. Julia verabschiedete sich mit einem intensiven Kuss um zu ihrem Zimmer zu gelangen, bevor Ute dort auftauchte. Sie zog die Tür hinter sich zu und sah das die Tür der fremden Frau geöffnet war und sie einen Mann zum Abschied küsste. Sie sah zu Julia und lächelte. Julia lächelte zurück, doch als sie sah wen die fremde Frau geküsst hatte gefror ihr Lächeln. Marlon. Julia drehte sich um und fing an zu laufen. Sie hörte wie Marlon hinter ihr herrief, doch sie lief weiter. In ihrem Zimmer schmiss sie ihre Sachen wahllos in ihre Tasche, zog den Reissverschluß zu, griff nach ihrer Handtasche und machte sich auf den Weg zur Rezeption um ihr Zimmer abzugeben. Ute war ihr egal. Sie würde schon irgendwie zurechtkommen. Julia hatte das Gefühl, es würde endlos lang an der Rezeption dauern. Sie wollte verhindern, das Marlon sie hier fand. Für eine Begegnung mit ihm hatte sie noch nicht genug Kraft. Sie musste erst einmal realisierten was passiert war. Nach Haus wollte sie nicht. Sie wusste nicht wirklich wohin. Sie brauchte Ruhe und Abstand. Nach kurzer Überlegung rief sie bei ihrer Kollegin an, um sich für eine Woche abzumelden, fuhr zum Flughafen und nahm den ersten Freien Flieger Richtung Süden.

Sie fühlte den warmen Sand unter ihren Füßen, wie er sich zwischen ihre Zehen schob und ihre Haut streichelte. Mittlerweile war sie zwei Tage hier. Am liebsten wäre sie nie wieder nach Haus zurückgekehrt. Sie hatte Marlon noch nicht angerufen. Sie einfach zu verletzt. Zu sehen, wie er eine andere Frau küsst, war einfach schrecklich. Ihr Herz würde sich nie davon erholen. Ihr ganzes Leben war ein Scherbenhaufen. Sie war verheiratet und doch gingen sowohl sie als auch ihr Mann eigene Wege.
Ihre Liason mit Ole war schon aufregend, aber sie hatte nichts mit ihrem Mann zu tun. Wahrscheinlich hätte sie ihn sowieso nie wieder gesehen. Ihr Mann hingegen hatte ja schon länger Ausflüchte beim Zuspätkommen. Deshalb nahm Julia an, dass er bereits länger fremdging. Wo war nur ihre Liebe geblieben? Sie war so glücklich als sie Marlon heiratete. Damals war sie hundertprozentig sicher, dass sie zusammen alt und grau werden würden. Was war nur passiert? Wieso verletzten sie sich gegenseitig? Was war mit dieser Frau und ihrem Marlon? Liebte er sie? War sie klüger als Julia oder unterhaltsamer? Julia zermarterte sich den Kopf. Wollte sie ihren Mann für sich? Oder wollte sie ihn nur, weil es jetzt schwierig war ihn zu bekommen? Sie war sich einfach nicht sicher, was sie wollte. Sie wünschte sich von ganzem Herzen eine Gebrauchsanweisung fürs Leben. Und sie wünschte sich so sehr das dieser unglaubliche Schmerz in ihrer Brust nachließ.
Julia verbrachte ihren Nachmittag mit einem sehr langen Spaziergang am Strand. Sie beobachtete die Menschen im Wasser. Schaute den Kindern zu, die arglos und entspannt spielten. Sie hätte ihnen stundenlang zusehen können. Vielleicht lag dort auch das Problem. Sie hatten keine Kinder, obwohl sie nicht ausdrücklich dagegen waren. Es hatte sich einfach nur nie ergeben. Und irgendwann war es kein Thema mehr. Vom Alter her wäre noch alles drin. Julia war 35 und Marlon 40. Da gab es sicher auch ältere Eltern. Allerdings brauchte sie sich darüber keine Gedanken machen, denn sie musste erstmal ihr Leben wieder auf den richtigen Weg bringen. Sie würde es schon schaffen. Es geht immer irgendwie weiter. Sie machte sich auf den Weg in ihr Hotel. Sie war seit dem Frühstück unterwegs und mittlerweile war es früher Abend. Als sie ihren Schlüssel an der Rezeption abholen wollte, gab ihr der Concierge eine schriftliche Mitteilung. Julia sah, dass es eine Nachricht von ihrer Kollegin Manuela war, die um dringenden Rückruf bat. Sie seufzte. Sicher hatte sich Marlon mit ihr in Verbindung gesetzt. Hoffentlich musste sie sich nicht von ihm anmeckern lassen. Denn letztlich hatte nicht nur er Julia betrogen, sondern Julia auch ihn. Das wird ihm sicher auch nicht besonders zugesagt haben. Ob ihr Mann wohl auch so was wie Eifersucht empfand? Sie wusste es nicht. Zu einem gab es wenige Situationen in ihrer Ehe die eine Eifersucht seinerseits hätte vorbringen können, zum anderen war er auch sicher nicht der Typ Mann der mit Eifersucht zu kämpfen hatte. Sie beschloss Manuela anzurufen, sobald sie geduscht hatte. Als sie frisch geduscht aus der Dusche stieg und ihren Schlafraum betrat dachte sie sie trifft der Schlag. Der ganze Raum war bedeckt mit roten und weißen Rosen. Auf dem Boden, dem Bett und der Terrasse. Dazwischen brannten hunderte von Teelichtern. Und inmitten dieser Romantik kniete Marlon. Julias Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen. „Julia. Bitte verzeih mir. Ich war dumm. Du bist mein Leben. Das ist mir jetzt klar geworden. Vielleicht sollten wie nochmal von vorn beginnen. Wir müssen mehr miteinander reden. Wir gehören doch zusammen. Julia! Hörst du mich? Bleib bei mir. Bitte.“ Julia war überrascht, doch wusste sie eines jetzt genau. Sie wollte ihn. Marlon. Wahrscheinlich wollte sie ihn immer, nur hat das Leben es sie vergessen lassen. Glücklich heulend sank sie zu Marlon auf den Boden. Für den Moment bedurfte es keiner Worte.

Als sie ein halbes Jahr später zurückblickte, konnte sie kaum fassen was alles passiert war. Marlon hatte ihre Kollegin solange bequatscht bis diese ihm sagte wo sie war. Aus diesem Grund hatte Manuela auch angerufen. Sie wollte Julia vorwarnen. Allerdings war diese ja den ganzen Tag unterwegs. So war Marlon schneller, als die Post. Auf jeden Fall sprach Marlon mit Julias Chefin um sie um eine weitere Woche Urlaub zu bitten. Diese Zeit verbrachten sie gemeinsam im Süden. Dort redeten und redeten sie als wenn sie sich Jahre nicht gesehen hätten. Vielleicht hatten sie es auch nicht. Sie genossen die Zeit in vollen Zügen und fanden wieder ihren gemeinsamen Weg. Pikanter Weise war die Dame in Marlons Hotelzimmer auch verheiratet und bereute den Ausrutscher zutiefst. Und Marlons Überstunden waren wohl so langweilig es auch klingen mag, einfach nur Überstunden. Die Affäre war tatsächlich ein One-Night-Stand. Aber das erstaunlichste daran war, das wir(Der One-Night-Stand und ich) jetzt gut befreundet sind, denn sie ist wirklich eine nette Person. Allerdings funktionierte dies nur weil Marlon mir versicherte, das mein Körper viel attraktiver sei als ihrer. Das Schöne an unserer Freundschaft ist, das es mit ihr wirklich kein Problem ist über meinen Mann zu reden, denn sie kennt ihn sozusagen in und auswendig. Aber uns verbindet noch mehr, denn wir werden beide Mama. Ich in drei Monate, sie in fünf Monaten. Das Leben hat nun wieder eine ganz andere Würze. Alles ist viel entspannter. Meine Freundin Ute hatte mir die ganze Sache wirklich übel genommen. Erst hat sie mir die Freundschaft gekündigt und mich demonstrativ geschnitten. Allerdings ging sie wohl ihren anderen Freundinnen mit ihrem Gejammer mit der Zeit derart auf die Nerven, dass die irgendwann wieder heulend in meiner Tür stand. Es gibt Dinge die ändern sich eben nie.

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Publication Date: 12-17-2008

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Dedication:
Dieses Buch widme ich allen Mutigen, die trotz einiger Rückschläge optimistisch bleiben.

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