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Die Geschichte

Copyright by Jumado

 

Erscheinungsdatum am 21.0.2015

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Reise nach Schottland, hatte ich lange Zeit sparen müssen. Jetzt war ich endlich hier und konnte mir alles ansehen was ich wollte. Nur ein Wohnwagen begleitete mich auf meiner Rundreise. Ich hatte alles bei mir, was ich brauchte und ich war nicht an Hotels gebunden. Auf eigene Faust, reiste ich durch dieses wundervolle und sagenumwobene Land. Seine Bewohner waren sehr nett und hilfsbereit und die Natur war einfach atemberaubend. Ich suchte mir einen geeigneten Platz, um die Nacht hier zu verbringen. Die alte Ruine hatte ich mir schon angesehen, aber ich wollte noch nicht weiterfahren. Mir gefiel dieser Ort außerordentlich gut und es wuchsen viele Wildblumen in dieser Gegend. Die Sonne würde erst in ein paar Stunden untergehen. Deshalb stellte ich meinen Stuhl in die Sonne und genehmigte mir eine Flasche Bier. Da ich heute sowieso nicht mehr fuhr, konnte ich es mir auch gut gehen lassen. Zum Essen hatte ich noch einen Auflauf von gestern. Den würde ich später Essen. Jetzt wollte ich einfach entspannen und den Vögeln lauschen. Nur gelegentlich fuhr ein Wagen auf der Straße vorbei, doch das war mir egal. Jemand hupte und ich hörte, wie ein Wagen hielt. Ich setzte mich auf und sah zwei Polizisten, welche sich mir näherten.

„Guten Abend.“

Ich stand auf und grüßte zurück.

„Haben sie vor hier zu übernachten?“

„Ja. Die Nacht bricht bald herein und ich wollte noch nicht weiterfahren. Ist das ein Problem?“

Die beiden Männer sahen sich kurz an, schüttelten dann aber den Kopf.

„Sie sollten nur heute Nacht vorsichtig sein. Sperren sie ihren Wohnwagen gut ab und trinken sie nicht zu viel.“

Lächelnd nickte ich. Aber ganz hatte ich nicht verstanden, was sie meinten.

„Entschuldigen sie, aber wieso soll ich heute Nacht vorsichtig sein?“

Einer der Männer, der jüngere sah sich kurz um, bevor er sich zu mir noch einmal umwandte.

„Nur ein Mythos in dieser Gegend. Angeblich ist diese alte Ruine verflucht und hier sollen seltsame Dinge geschehen.“

Schnell hob er abwehrend seine Hände und grinste.

„Geschichten für die Touristen.“

Ich lachte und sie stiegen wieder in ihren Wagen und verschwanden winkend. Auf meiner Reise durch Schottland, ist mir das schon oft untergekommen. Geister, Kobolde, Feenkreise und, und, und. Dieses Volk war sehr abergläubisch. Es lag an ihrer Geschichte und an den vielen wundervollen Orten. Außerdem lockten diese Geschichten die Touristen an und die Schotten verdienten sich mit ihnen ihr Geld. Doch ich fand es sehr Schade, dass dieses Land so viele Ruinen besaß. Einst wunderschöne Schlösser, die man total vernachlässigt hatte und von denen nur noch Steinhaufen übrig waren. Immer wieder wenn ich eine sah, dann fragte ich mich, wie dieses Gebäude wohl einst ausgesehen haben musste und wer seine Bewohner waren. Aber dafür gab es ja das Internet. Da fiel mir ein, dass ich noch gar nichts über diese Ruine nachgelesen hatte. Das könnte ich eigentlich noch tun, bevor die Sonne unterging. Es war vorteilhaft, weil jede Ruine hier ein Schild besaß mit Namen und Alter. Also setzte ich mich wieder in die Sonne mit meinem Laptop und las alles, was es über diese kleine Ruine zu wissen gab. Viel war es nicht. Es war sogar enttäuschend, da man nur das ungefähre Alter kannte und den Ort, wo es sich befand. Schade, denn es wäre wirklich interessant gewesen. Ich brachte den Laptop zurück in den Wohnwagen und machte mich langsam fertig schlafen zu gehen. Das Bier war leer und hatte mich müde gemacht. Gähnend kuschelte ich mich in die kleine Koje. Natürlich hatte ich vorher nachgesehen, ob mein Wagen verschlossen war. Aber wer würde mir hier schon etwas antun? Weit und breit war niemand zu sehen und nachts waren kaum Autos unterwegs. Zumindest in diesem Teil des Landes nicht.

 

 

Ein seltsames Geräusch riss mich aus meinem Schlaf. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und seufzte. Es war gerade einmal ein Uhr nachts. Sollte ich aufstehen und nachsehen? Nein, mein Bett war so angenehm warm. Deshalb rollte ich mich auf die andere Seite schloss wieder die Augen. Langsam glitt ich wieder in den Schlaf, als eine Erschütterung meinen Wagen durchschüttelte. Erschrocken darüber, setzte ich mich auf. In Schottland gab es doch keine Erdbeben. Verwirrt rieb ich mir über die Augen, als ich Schreie hörte. Aber nicht nur Schreie. Es klang, als würde eine ganze Horde da draußen miteinander kämpfen. Wieherte da gerade ein Pferd? Ich kroch aus meinem Bett und ging vor zur Fahrerkabine. Es war stockdunkel draußen, sodass ich nichts sehen konnte. Aber die Geräusche wurden immer lauter und immer wieder donnerte etwas gegen meinen Wagen.

„Was ist da los?“

Ich setzte mich hinters Steuer und schaltete das Licht ein. Das Bild, welches sich mir bot, ließ mich sofort erstarren. Da draußen waren Männer mitten in einem Kampf verstrickt. Blut spritzte in hohen Bögen, Schwerter und Äxte wurden geschwunden und Pferde liefen mitten drin herum. Hatten die beiden Polizisten vergessen mir zu erzählen, dass heute Nacht hier ein Krieg nachgestellt wurde? Das kannte ich aus Amerika. Dort wurde jedes Jahr der Kolonialkrieg nachgestellt. In Kostümen und Waffen aus dieser Zeit. Geschah dies hier gerade auch? Ich hatte Angst die Tür zu öffnen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie ernst die Leute da draußen ihr Spiel nahmen. Immer öfters wurde gegen meinen Wagen gehämmert. Langsam erwachte ich wieder aus meiner Starre und ging in mein Schlafzimmer zurück. Unter der Matratze hatte ich eine Waffe versteckt. Diese holte ich jetzt heraus und überprüfte ihre Funktion. Das Schießen hatte mir mein Vater schon früh beigebracht. Jemand hämmerte gegen die Tür. Wie lange würde sie noch standhalten? Ich zielte auf die Tür und wartete. Doch das Hämmern, die Kampfgeräusche und die Schreie, verstummten plötzlich wieder. Ich lauschte angestrengt, aber da war nichts mehr. Vorsichtig öffnete ich die Tür des Wagens. Weil ich nichts sehen konnte, griff ich nach der Taschenlampe. Zum Glück lag sie immer griffbereit neben der Tür. Ich leuchtete nach draußen, doch da war nichts. Keine Männer die kämpften, kein Blut, absolut nichts. Nur eine Eule, die irgendwo in der Ruine saß und schrie. Ich verließ den Wagen und sah mich aufmerksam um. Hatte ich geträumt? Dann musste dies gerade ein sehr lebhafter Traum gewesen sein. Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen. Ich zog mich schnell wieder in meinen Wohnwagen zurück und verschloss die Tür. Meine Müdigkeit war verschwunden. Gewissenhaft entsicherte ich die Waffe wieder und verstaute sie unter meiner Matratze, bevor ich mich hinters Steuer setzte. Ich wollte so schnell wie möglich weg von hier. Dieses Ereignis hatte mir Angst gemacht. Stammten von solchen Begebenheiten die Mythen und Geschichten aus Schottland? Ich schüttelte mich und startete den Wagen. Es war mir alles so real vorgekommen, was ich durch die Frontscheibe gesehen hatte. Hatten mir meine Augen und Ohren wirklich einen Streich gespielt? War ich schon so gefangen von dem Land, dass ich Dinge sah, die gar nicht da waren? Ich fuhr so schnell ich konnte. Ich musste vergessen und mir einreden, dass ich nur geträumt hatte. Anders konnte und wollte ich es mir nicht erklären.

 

 

Ein paar Tage später, hatte ich schon wieder alles vergessen und ich hatte meinen Weg fortgesetzt. Das Schloss, welches ich gerade besichtigt hatte, war noch ziemlich gut in Schuss, auch wenn das Dach fehlte und es an einer Klippe lag. Das Rauschen des Meeres war beruhigend und deshalb lag ich im weichen Gras und blickte hinauf in die Sterne. Gab es etwas Schöneres, als ganz alleine durch dieses Land zu fahren und seinen Gedanken nachzuhängen? Die Nacht war angenehm warm und ich schloss genüsslich die Augen. Kurz darauf, wurde ich von einer feuchten Zunge in meinem Gesicht aufgeweckt. Ich schrie erschrocken auf und öffnete die Augen. Ich starrte direkt in die Nüstern eines Pferdes. So schnell ich konnte, krabbelte ich von dem Pferd davon. Seine Hufe befanden sich nahe an meinem Gesicht und ich hatte keine Lust von ihnen getroffen zu werden. Das Pferd schnaubte und jemand lachte. Langsam hob ich meinen Kopf. Auf dem Pferd saß ein Mann. Seine Kleidung jedoch war nicht aus dieser Zeit. Was war des denn jetzt schon wieder? Automatisch musste ich an mein Erlebnis vor einigen Tagen denken. Anscheinend träumte ich schon wieder. Ich seufzte und fuhr mir durchs Haar, während ich aufstand.

„Sie tragen seltsame Kleidung.“

Der Mann beugte sich leicht nach vorne und musterte mich. Ich trug seltsame Kleidung? Was meinte er damit? Ich blickte an mir hinab. Ein Shirt und eine Jean. Was war daran seltsam? Wenn hier jemand seltsam aussah, dann er. Er trug einen Schottenrock und ein Plaid über den Schultern und saß auf einem schwarzen Pferd. Erst jetzt fiel mir das Schwert an seiner Seite auf. Schon wieder eine Show? Wie viele gab es nur in Schottland?

„Ich trage seltsame Kleidung? Sie tragen einen Kilt.“

Er nickte und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Ich wandte mich zu meinem Wagen um, doch dieser war verschwunden. Hatte man ihn gestohlen und mir war es gar nicht aufgefallen? Verzweifelt drehte ich mich im Kreis.

„Verdammt. Wo ist mein Wagen?“

Das Pferd schnaubte wieder und fraß das Gras zu meinen Füßen. Es war schon wieder näher gekommen und die Klippe lag jetzt direkt hinter mir. Ein paar Schritte nur und ich würde in den Abgrund stürzen.

„Was ist ein Wagen?“

Der Mann schwang sich aus dem Sattel und klopfte dem Pferd sanft auf den Hals. Es wandte sich von mir ab und ging ein paar Schritte zur Seite.

„Mein Wohnwagen. Er stand doch gerade noch neben mir.“

„Fräulein, sie sind wirklich merkwürdig. Sie tragen Männerkleidung und sprechen sehr seltsam.“

Mit gerunzelter Stirn sah ich ihn an. Wa4 das jetzt sein ernst, oder gehörte das zu seiner Rolle? Denn das er ein Schauspieler war, war unumstrittlich. Ich betrachtete ihn genauer. Eigentlich sah er verdammt gut aus. Breite Schultern und dieser Kilt stand ihm mehr als nur hervorragend. Er erinnerte mich irgendwie an Braveheart. Gutaussehend und muskulös.

„Jetzt mal im ernst. Hören sie auf mich zu verarschen. Mein Wagen ist weg und meine ganzen Sachen waren darin. Können sie mich in die nächste Stadt bringen oder zumindest zu einem Telefon?“

Wieder lachte er und ließ seinen Griff auf den Knauf seines langen Schwertes gleiten.

„Sie können auch zu Fuß gehen. Das Schloss ich gleich da drüben.“

Ich blinzelte. Schloss? Das einzige was es hier gab, war diese halb verfallene Ruine. Dort gab es kein Telefon oder auch nur eine Stadt. Trotzdem deutete er mit seiner Hand in eine Richtung und ich folgte mit meinem Blick.

„Das ist unmöglich.“

Die Burg war nicht verfallen. Sie stand in ihrer Pracht ganz in unserer Nähe. Kleine Türmchen, Erker und eine hohe Mauer. Ich griff mir an den Hals und zwickte mich mehrmals in den Oberarm. Es tat weh und würde einen blauen Fleck hinterlassen. Ich sah Männer und Frauen in seltsamer Kleidung, welche ein- und ausgingen. Sie trugen Körbe und altertümliche Sensen und Hammer in den Händen. Kinder liefen kreischend auf der Wiese herum und spielten. Was war hier los? Wo war ich und wieso war die Burg nicht zerfallen? Ich hatte sie doch besichtigt und war in ihr gewesen? Mein Atem wurde immer schneller und ich stolperte rückwärts.

„Was ist das?“

Erschrocken und ängstlich blickte ich zu dem Mann, der nach meiner Hand griff und mich vom Abgrund wegzog. Noch zwei Schritte und ich wäre gefallen. Tränen traten mir in die Augen, während ich zwischen ihm und der Burg hin und her blickte.

„Geht es ihnen nicht gut?“

Ich musste schrecklich blass sein, denn ich fühlte mich schwindlig und mir wurde fürchterlich schlecht. Ich entriss ihm gewaltsam seiner Hand. Was für ein Spiel wurde hier mit mir gespielt? Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich träumte noch, oder ich war zu einem Ort entführt worden, wo man Gästen das alte Schottland zeigte. Doch wieso hätte man das tun sollen? Das alles war absurd. Ich griff mir an die Schläfen und versuchte ein Würgen zu unterdrucken.

„Fräulein?“

Dieses Wort machte mich rasend. Ich wandte mich ihm wieder zu. Bevor ich etwas sagte, erlaubte ich mir ihn noch einmal genauer anzusehen. Er sah eigentlich nicht wie ein Schauspieler aus. Seine Haut war dunkelbraun gebraten von der Sonne. Seine Hände rau von der vielen Arbeit und das Schwert an seiner Hüfte sah mehr als nur echt aus. Auch seine Kleidung wirkte edel und sauber. Eine Brosche befand sich auf seiner Brust, welche das Plaid zusammenhielt. Dieses Symbol darauf, hatte ich schon einmal gesehen. Auf meinem Computer. Doch was es zu bedeuten hatte, wollte mir partout nicht einfallen. Sein Haar war lang und dünne Zöpfchen waren hineingearbeitet worden. Er besaß blaue Augen und ein kantiges Gesicht. Ein schottischer Krieger, wie er im Buche stand. Dann betrachtete ich das Pferd. Der Sattel kam nicht aus meiner Zeit. Es musste einfach nur eine Show sein. Mein Kopf schmerzte und ich schwankte. Wieder griff er nach meiner Hand. Sein Blick war besorgt, als er mich ansah. Meine Haut prickelte angenehm, wo er mich berührte. Ich starrte auf die Stelle und dann wieder ihn an. Bevor sich weitere Fragen in meinem Kopf auftaten, knickten meine Beine weg. Der Schwindel wurde immer stärker und schon war ich ihn Ohnmacht gefallen.

 

 

 

Mir war noch immer leicht schwindlig, als ich die Augen öffnete. Was für einen verrückten Traum ich doch gehabt hatte. Lächelnd streckte ich mich. Beim Aufsetzen rutschte mir die Decke herunter und sofort wurde mir kalt. In meinem Wohnwagen war es doch noch nie so kalt gewesen. Ich stand auf und wollte auf die Toilette gehen. Doch gleich nach dem ersten Schritt hielt ich inne. Eindeutig war dies hier nicht mein Wohnwagen. Dies hier war ein Schlafzimmer. Waffen und Teppiche hingen an der Wand und gleich neben dem Bett befand sich ein Kamin. Das Feuer war bereits erloschen. Ich drehte mich im Kreis. Der Raum war nicht sehr groß. Es befand sich nur ein Bett und eine Art Kommode darin. War das alles doch kein Traum gewesen? Rasch sah ich an mir hinunter. Wenigstens trug ich noch meine Kleidung. Doch wo war ich? Ich erinnerte mich an den Mann mit seinem Kilt und seinem Pferd. Und das mein Wagen weg war und ich ihn Ohnmacht gefallen war. Ich war noch nie in meinem Leben in Ohnmacht gefallen, aber es schien einfach alles viel zu viel für mich gewesen zu sein. Zuerst die Aufregung über die Reise, dann das Erlebnis vor ein paar Tagen und jetzt das hier. Mein Körper schien wohl nicht mehr länger alles verkraften zu wollen, was ihm wiederfuhr.

„Sie sind wach.“

Eine Frau sprang aus einem Sessel. Ich hatte sie gar nicht gesehen. Sie war schon ziemlich alt und trug ein langes Kleid und eine Haube auf dem Kopf. Beinahe schon lächerlich sah sie aus. Aber ich hielt mich zurück und starrte sie nur erschrocken an.

„Ich werde den Herrn rufen.“

Sie eilte aus dem Zimmer und verschwand. Irgendwie fühlte ich mich in eine andere Zeit versetzt. Oder gar verarscht? Ich hoffte noch immer, dass dies hier alles nur ein Spiel war, indem ich hineingeraten war. Wo waren die Toilette und das Badezimmer? Während ich mich umsah und die Einrichtung bewunderte, öffnete sich die Tür und der Mann, den ich schon kannte, betrat mit der älteren Frau das Zimmer.

„Ihnen geht es wieder gut?“

Er verneigte sich leicht und lächelte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich reagieren sollte.

„Ja. Danke. Könnten sie mir jetzt sagen wo ich bin und wo mein Wagen ist? Ich würde gerne weiterfahren und meine Reise beenden.“

Er sah mir kurz tief in die Augen, bevor er sich der Frau zuwandte.

„Entschuldigst du uns?“

Doch die Frau schüttelte den Kopf und stemmte ihre Hände in die Hüften.

„Auf gar keinen Fall. Das schickt sich nicht. Ich bleibe hier.“

Demonstrativ setzte sie sich wieder auf ihren Stuhl und funkelte ihn wütend an. Was war denn jetzt los? Es schickte sich nicht einen Mann mit einer Frau alleine zu lassen? Aus welchem Jahrhundert stammten sie? Er seufzte und strich sich durchs Haar.

„Darf ich ihnen das Schloss zeigen?“

Er hielt mir lächelnd eine Hand hin, damit ich sie ergriff. Diese Leute spielten ihre Rolle wirklich verdammt gut. Ich machte einen kleinen Knicks und reichte ihm meine Hand. Dann sollte ich wohl das Spiel wohl eine Weile mitspielen. Trotzdem lastete ein gewaltiger Druck auf meiner Blase. Als unsere Finger uns berührten, verspürte ich wieder dieses seltsame Kribbeln. Ich ignorierte es, doch er zuckte leicht zusammen, bevor er mich zur Tür brachte. Die Alte sprang sofort auf, murmelte etwas und folgte uns in einem gewissen Abstand. Genervt verdrehte ich die Augen. Wir traten auf den Gang hinaus und ich erstarrte. Wo hatte er mich nur hingebracht? Dieses Schloss war bewohnt und sah hinreißend aus. Nervös zappelte ich an seiner Seite.

„Was ist mit ihnen?“

Er musterte mich eingehend und ich errötete. Wie sagte man einem Mann, dass man aufs Klo musste? Ich ließ seine Hand los und ging zu der alten Frau. Sie holte tief Luft und wirkte erschrocken, als ich sie ansprach.

„Ich muss so dringend auf die kleine Seite.“

Plötzlich fing sie lautstark zu lachen an und krümmte sich leicht nach vorne. Der Mann hinter mir musterte uns mit in die Hüften gestemmten Händen. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, ergriff dann meine Hand und zog mich einfach mit sich. Als wir uns weit genug von ihm entfernt hatten, lachte sie noch immer.

„Es tut mir leid Mylady. Ich hätte vorher daran denken müssen.“

Sie brachte mich auf dem Stockwerk zu einer Tür und öffnete diese. Entsetzt blickte ich in den Raum. War das ihr ernst? Sollte ich wirklich auf einem Loch im Boden meine Notdurft verrichten? Es roch übel und mir wurde schon wieder schlecht. Angewidert von dem Geruch, hielt ich mir eine Hand vor die Nase und schüttelte den Kopf. Doch sie schob mich mit einer unglaublichen Kraft in den Raum und schloss die Tür. Es gab hier nicht einmal ein Waschbecken um sich die Hände zu waschen. Das schien wohl alles dazu zu gehören. Aber ich musste so dringend, dass ich meinen Ekel überwand und es einfach tat. Klopapier gab es natürlich auch keines. Zum Glück hatte ich noch ein paar Taschentücher in der Hosentasche. Mich wieder wohl fühlend, verließ ich den übel riechenden Raum. Die alte Frau kicherte und führte mich zurück zu dem Mann, der noch immer an Ort und Stelle stand und auf uns wartete.

„Ich bin übrigens Konstanze.“

„Sarah.“

Sie nickte leicht und senkte den Blick, als wir ihn erreicht hatten.

„Können wir jetzt fortfahren?“

Etwas beschämt nickte ich und er ergriff wieder meine Hand, legte sie auf seine und er zeigte mir den Rest des Schlosses. Ich musste zugeben, dass es wirklich sehenswert war. Mich ärgerte nur, dass ich meinen Fotoapparat nicht bei mir hatte. Zu Hause hätten sie mich um diese Fotos beneidet. Aber die Schauspieler schienen wohl keinen Wert darauf zu legen, dass man sie fotografierte. Als wir mit dem Rundgang fertig waren, zeigte er mir noch den Garten.

„Das war wirklich toll. Kann ich jetzt nach Hause?“

„Wenn sie mir sagen, wo sie herkommen, dann kann ich das gerne in Auftrag geben.“

All das hochgestochene Gerede, fiel mir schön langsam auf die Nerven.

„Ich bräuchte nur ein Telefon. Dann kann ich den Diebstahl meines Wagens und meiner Sachen anzeigen. Damit wäre mir schon geholfen.“

Er drückte meine Hand sanft und blieb dann stehen.

„Könnten sie mir jetzt bitte erklären was ein Wagen oder diese Polizei oder ein Telefon ist?“

Verwundert sah ich ihn an. Er schien wohl weiterhin das Spiel aufrechterhalten zu wollen. Aber in seinen Augen konnte ich nur Hilflosigkeit sehen. Wenn er spielen wollte, dann bitte. Ich erklärte ihm die einzelnen Sachen. Doch je mehr ich sprach, umso verwirrter und ängstlicher wirkte er.

„Wir haben all diese Sachen nicht. Ich weiß auch gar nicht, was das alles sein soll. Sie verwenden Worte, welche mir vollkommen fremd sind.“

Das war der Moment, wo ich genug von diesem Spiel hatte. Ich wollte einen Diebstahl melden und meine Reise wieder fortsetzen, auch wenn dies alles hier ziemlich beeindruckend war. In genau zwei Wochen musste ich wieder nach Hause und vorher hatte ich noch einen langen Weg vor mir.

„Könnten sie jetzt bitte mit dem Theater aufhören? Meine Situation ist wirklich ernst. Ich bin kein Tourist, sondern wurde bestohlen worden und habe keine Ahnung wo ich mich befinde. Also bitte, bringen sie mich jetzt zu einer Polizeistation oder in das nächsten Ort.“

Er wandte sich von mir ab und blickte hinaus in den Garten. Wollte oder konnte er mich nicht dorthin bringen?

„Das Dorf liegt ganz in der Nähe. Aber diese Dinge, die ihr verlangt, gibt es nicht. Ich weiß nicht einmal von was ihr sprecht.“

Er schien wohl an seiner Rolle festzuhalten. Dabei kannte ich nicht einmal seinen Namen. Wenn er spielen wollte, dann bitte.

„Gut, dann sagen sie mir erst einmal ihren Namen, dann bringen sie mich ins Dorf oder in die Stadt. Wohin auch immer. Ich werde dort schon von alleine weiter kommen.“

Nickend wandte er sich um.

„Mein Name Lord Dorian Mc Cormick.“

Ich reichte ihm meine Hand, welche er nur kritisch beäugte.

„Sarah Mitchell.“

Anstatt meine Hand zu schütteln, küsste er sanft meinen Handrücken und lächelte verhalten.

„Sie sind wirklich eine seltsame Frau.“

Bevor ich etwas sagen konnte, wandte er sich an Konstanze.

„Lass mein Pferd satteln und bereitstellen. Wir reiten ins Dorf.“

Sie verneigte sich tief und verschwand. Vorher warf sie mir noch einen seltsamen Blick zu. Ihr schien wohl nicht zu gefallen, dass ich mit ihm alleine blieb. Ich sah da nichts Verwerfliches dabei. Wir waren erwachsene Leute. Dieses Spiel war zwar schön mitzuerleben, doch schön langsam hatte ich wirklich mehr als genug davon. Ich wollte nur noch zu meinem Wagen und meine Reise fortsetzen. Ich bewunderte die Schotten, welche solche Spiele überhaupt noch für Touristen organisierten. Aber was genug war, war genug. Ich hatte keinen Bock mehr auf dieses Spiel und wollte nur noch meine Habseligkeiten wiederhaben.

„Lasst uns gehen. Mein Pferd wird sicher schon bereit stehen.“

Ich folgte ihm, als auch schon Konstanze angerannt kam.

„Euer Pferd steht bereit und ein Diener wird euch begleiten.“

Dorian nickte und schritt an ihr vorbei nach draußen. Ich warf Konstanze ein zaghaftes Lächeln zu, während ich ihm folgte. Sein Pferd stand wirklich schon vor der Tür. Doch ich hatte noch nie auf solch einem Ungetüm gesessen. Er stieg auf und reichte mir dann seine Hand. Neben seinem Pferd stand ein weiteres, doch es war schon mit einem jungen Mann besetzt, der seinen Kopf gesenkt hielt. Das Getümmel um uns herum, ignorierte ich vollständig. Wie sollte ich auf dieses Pferd kommen? Und sollte ich vor ihm oder hinter ihm sitzen? Etwas ängstlich trat ich einen Schritt zurück.

„Seid ihr noch nie auf einem Pferd gesessen?“

Betroffen schüttelte ich den Kopf. Ich mochte Pferde, wirklich, doch sie waren mir nicht ganz geheuer. Sie waren einfach zu groß. Der Lord stieg wieder ab und packte mich an den Hüften. Erschrocken schrie ich auf, saß jedoch augenblicklich auf dem Rücken des Pferdes. Er wollte mich im Damensitz darauf absetzen, doch ich schlang mein linkes Bein auf die andere Seite. So fühlte ich mich sicherer. Noch nie hatte ich verstanden, wie Frauen früher so auf einem Pferd reiten hatten können. Aber dieser Damensitz erklärte die vielen Unfälle, welche damals an der Tagesordnung gewesen waren. Auf seiner Stirn erschien eine Falte, während er beäugte, wie ich auf dem Pferd saß. Doch er setzte sich ohne etwas zu sagen hinter mich, und griff an meiner Seite vorbei nach den Zügeln. Ich konnte seinen Atem an meinem Hals spüren, als er das Pferd von dem Schloss weglenkte. Aber war es wirklich ein Schloss oder eher eine Burg? Es war eigentlich egal. Schon bald würde ich auf einem Polizeirevier sitzen und mich nach meinem Wagen und meinen Habseligkeiten erkunden. Das nächste Dorf oder die nächste Stadt, konnten ja nicht so weit weg sein. Es dauerte eine Weile, bis sich mein Körper an die Bewegungen des Pferdes angepasst hatte. Der Sattel war weich und scheuerte kaum. Der Lord saß aufrecht hinter mir und lenkte den Gaul geschickt. Das zweite Pferd trottete hinter uns her.

„Wollen wir schneller reiten? Sonst müssen wir die Nacht unter freien Himmel verrichten.“

Ich blickte ihn über meine Schulter hinweg an. Lag das Dorf doch so weit entfernt? Und was hieß schneller reiten? Nervös schluckte ich. Ich hatte noch immer Angst in dieser Höhe. Doch je schneller wir dort ankamen, umso schneller bekam ich meinen Wagen wieder.

„Versuchen wir es.“

Sofort zog er mich fester an sich und schnalzte mit der Zunge. Ich stieß einen leisen aber erschrockenen Laut aus, als das Pferd zu Laufen anfing. Jeglichen Halt verlor ich. Ständig rutschte ich zur Seite oder nach vorne. Eine Hand schlang sich um meine Taille und hielt mich fest auf dem sich schnell bewegenden Rücken des Pferdes. Ich hatte schon Angst herunterzufallen. Ängstlich kniff ich die Augen zusammen und versteifte mich. Seine Hand strich sanft über meinen Bauch.

„Ganz ruhig.“

Leichter gesagt als getan. Meine Oberschenkel drückten sich fest gegen den Rücken des Pferdes. Es wieherte frustriert und blieb abrupt stehen. Beinahe wäre ich vorn über gekippt. Als es zum Stillstand gekommen war, wollte ich nur noch herunter von diesem Ungetüm. Verzweifelt entzog ich mich seinen Armen. Dabei rutschte ich zur Seite und landete hart mit dem Rücken auf dem Boden. Jegliche Luft wich aus meinen Lungen und ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich wieder klar denken konnte. Der Lord war vom Pferd gesprungen und hockte dicht neben mir.

„Alles in Ordnung?“

Was für eine bescheuerte Frage. Natürlich nicht. Ich warf einen wütenden Blick zu dem Pferd.

„Sieht das so aus?“

Ich rappelte mich wieder auf und wischte mir den Staub von meiner Hose.

„Ich mag Pferde, aber nicht um auf ihnen zu reiten. In einer Semmel sind sie mir lieber.“

Ein Glucksen drang an mein Ohr.

„Ihr esst Pferde?“

Ich nickte und das Pferd schnaubte, als hätte es mich verstanden. Es tänzelte sogar ein paar Schritte zur Seite. Es war mir egal. Mein Hintern tat leicht weh und ich wollte auf keinen Fall wieder auf dieses Tier aufsteigen.

„Welche Richtung?“

Er deutete in die Richtung, in der wir geritten waren und ich fing an loszugehen.

„Sollten wir nicht reiten?“

Schnell schüttelte ich den Kopf. Das Tier hatte nur ein Glück, dass ich kein Messer einstecken hatte und nicht wusste, wie man es zerlegte, sonst hätte es ein riesiges Fest mit gebratenem Pferdefleisch gegeben.

„Auf keinen Fall. Da gehe ich lieber zu Fuß.“

Ohne auf meine Begleiter zu achten, ging ich einfach in besagte Richtung weiter. Auf keinen Fall würde ich wieder auf dieses Pferd steigen.

„Aber wenn wir nicht reiten, müssen wir unter freiem Himmel übernachten.“

Ich wirbelte herum und starrte ihn wütend an.

„Na und? Ich bin nicht aus Zucker.“

Dann ging ich wieder weiter. Dabei blickte ich mich nach einem geeigneten Lagerplatz um. Geschützt vor Mensch und Tier und doch bequem. Am Horizont erblickte ich ein paar Bäume. Auf jeden Fall würden sie uns den Schutz bieten können, den wir benötigen würden. Deshalb beschleunigte ich meine Schritte und achtete nicht mehr länger auf meine beiden Begleiter auf ihren Pferden. Ich hatte schon angefangen Holz zu sammeln, als meine zwei Begleiter die Bäume erreichten. Der Lord stieg vom Pferd und befahl dem anderen Mann das Feuer anzumachen und mir das Holz wegzunehmen. Etwas wütend funkelte ich ihn an und schüttelte den Kopf.

„Ich schaffe das schon alleine.“

Der Junge stand benommen nehmen mir und wusste nicht, was er tun sollte. Ich schichtete das Holz auf und griff nach meinem Feuerzeug in meiner Hosentasche. Als ich es entzündete, entfuhr beiden Männern ein Schrei. War jemand gekommen? Ich sah sie an, doch ihre Blicke waren auf mein Feuerzeug gerichtet. Hatten sie noch nie ein Feuerzeug gesehen? Anscheinend waren sie noch immer voll in ihrer Rolle drinnen. Seufzend zündete ich ein Grasbüschel an und hielt es an das Holz. Das Feuer brannte schnell.

„Habt ihr was zu Essen, oder muss ich das auch noch selbst besorgen?“

Der Junge stand kreidebleich an einem Baumstamm gelehnt und bewegte sich nicht. Sein Blick war auf das Feuer gerichtet und er zitterte leicht. Der Lord jedoch griff in seine Satteltasche und holte ein Bündel hervor. Langsam und vorsichtig näherte er sich mir.

„Wir haben nur getrocknetes Fleisch.“

Das hatte ich noch nie gegessen. Ob es gut schmeckte? Er reichte mir ein kleines Stück davon und ich probierte. Angewidert verzog ich die Miene und spuckte das Stück Fleisch aus meinem Mund ins Feuer. Den Rest reichte ich ihm wieder und wischte mir über den Mund. Getrocknetes Fleisch war eindeutig nichts für mich. Mit weit geöffneten Augen, sah mich der Lord an, der auf der anderen Seite des Feuers saß. Er wirkte schockiert und rang schier nach Atem.

„Ihr benehmt euch wie ein Mann und ihr tragt auch dessen Kleidung. Sind alle Frauen so, wo ihr her kommt?“

Eine Weile betrachtete ich seine gerunzelte Stirn und sein wunderschönes Aussehen. Er sah wirklich zum anbeißen an. Mir wurde ganz warm ums Herz, während ich ihn durch das Feuer hindurch betrachtete. Hoffentlich zitterte meine Stimme nicht, wenn ich jetzt sprach.

„Es gibt viele, die so sind wie ich. Andere wiederum sind nur auf ihr Aussehen bedacht.“

Aber eigentlich sollte er das ja wissen.

„Dieses Land würde ich gerne einmal bereisen. Solche Frauen gefallen mir.“

Bei diesen Worten, warf er mir einen lüsternen Blick zu und ich hätte fast vor Verlangen aufgestöhnt. Ich wendete schnell meinen Blick von ihm ab und legte noch ein paar Holzscheite in das Feuer. Was hätte ich jetzt nicht für einen gebratenen Fisch oder ein paar Grillwürstchen gegeben.

„Wir sollten jetzt schlafen. Kurz vor Morgengrauen brechen wir auf.“

Der Lord erhob sich, holte Decken von den Pferden und breitete sie aus. Eine davon reichte er mir, bevor er sich hinlegte. Dann rief er den jungen Mann zu sich und schloss die Augen. Sein Schwert lag griffbereit an seiner Seite. Ich betrachtete eine Weile die beiden Männer, die es sich auf dem Boden bequem gemacht hatten und zu schlafen schienen. Doch ich war noch lange nicht müde. Viel zu viel ging in meinem Kopf herum. Wieso hörten sie nicht endlich auf damit das alles als Spiel zu sehen? Mir war die Lust darauf mehr als nur vergangen. Nach einiger Zeit, nachdem die beiden schon tief und fest schliefen, machte ich mich auf die Suche nach Holz, damit das Feuer nicht ausging. Hinter mir vernahm ich Schritte. Ich zog mich hinter einem Baum zurück und hielt den dicken Ast fester in meiner Hand. Die Schritte kamen nicht vom Lager, sondern aus der anderen Richtung. Geduldig wartete ich mit dem Ast in der Hand. Ein Schatten schlich neben dem Baum vorbei und ich schlug zu.

„Au!“

Ich wurde am Arm gepackt und aus meinem Versteck gerissen. Wild trat ich mit meinen Beinen gegen seine Kniescheiben und versuchte immer wieder mein Knie in seine Weichteile zu hieven. Doch der Mann war viel stärker. Er drückte mich mit voller Gewalt gegen den Baumstamm. Ich keuchte auf, weil die Luft aus meinen Lungen gepresst wurde.

„Seid ihr jetzt fertig?“

Erschrocken hielt ich inne und betrachtete jetzt genauer den Mann. Es war Lord Dorian. Na da hatte ich jetzt etwas angerichtet. Grinsend ließ er mich los und hob den dicken Ast auf, der mir aus der Hand gefallen war.

„Holz hat so viele Eigenschaften und wie es aussieht, kann es in den Händen einer Frau auch eine sehr effektive Waffe sein.“

Demonstrativ rieb er sich über den Kopf, wo ich ihn getroffen hatte.

„Es tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, dass ihr es seid, hätte ich nicht…..“

„Was hättet ihr nicht? Euch vor einem Übergriff geschützt? Wer sagt ihnen eigentlich, dass ich ein netter Mann bin?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, bevor er sich von mir abwandte. Mein Herz schlug um vieles schneller in meiner Brust. Ich brauchte ein paar Sekunden, um wieder normal atmen zu können.

„Kommen sie. Eine Frau sollte nicht alleine in der Nacht umherstreifen. Es gibt hier viele böse Menschen.“

Ich schluckte, sammelte schnell noch ein paar Hölzer ein und folgte ihm zurück ans Lager.

 

 

 

Den halben Tag hatte ich mich gewehrt auf das Pferd zu steigen. Außerdem tat mir leid, dass ich dem Lord eines über den Schädel gezogen hatte. Er ging neben mir her und ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er besaß eine stolze Haltung und jeder Muskel und jede Sehne bewegte sich im Einklang mit seinem Körper. Sein Schwert hing an seiner Seite. Legte er es eigentlich auch einmal zur ab? Merkwürdigerweise, befand es sich immer in Griffweite. Hatte er Angst angegriffen zu werden? Aber wer sollte sie schon angreifen?

„Möchten sie nicht rasten?“

Er reichte mir einen Schlauch mit Wasser. Dankbar nahm ich ihn entgegen.

„Warum, sind sie müde vom Laufen?“

Eine seiner Augenbrauen zuckte nach oben.

„Ich? Ich dachte, dass sie vielleicht eine kurze Rast brauchen. Immerhin sind sie eine Frau. Zwar eine Außergewöhnliche, aber trotzdem eine Frau.“

Wütend warf ich ihm den Wasserschlauch ins Gesicht.

„Das ist ja mal wieder typisch. Nur weil ich eine Frau bin, gehöre ich mit Samthandschuhen angefasst?“

Ich trat auf ihn zu und bohrte meinen Finger wütend in seine Brust. Um ihn in die Augen sehen zu können, musste ich aber meinen Kopf nach hinten kippen.

„Für sie heißt das, dass ich automatisch gewisse Dinge nicht kann? Willkommen im zwanzigsten Jahrhundert, Mister.“

Er trat einen Schritt zurück und sah in den Himmel.

„Wir schreiben das Jahr 1358. Was reden sie da vom zwanzigsten Jahrhundert?“

Mir stockte der Atem. Das Jahr 1358? Er hielt noch immer fest an seiner Rolle.

„Verdammt noch einmal, es reicht! Hören sie endlich auf an diesem Spiel festzuhalten.“

Etwas ruhiger sprach ich weiter.

„Es ist bemerkenswert, wie sie in ihrer Rolle aufgehen und wie authentisch ihre Sachen aussehen. Ich werde jetzt in die Stadt oder ins Dorf gehen und sie gehen am besten zurück in ihre Burg. Welche sehr gut aufgebaut worden ist.“

Nach meinen Worten, wandte ich mich von ihm ab und ging weiter. Ich hatte genug von seiner Gesellschaft und davon, dass er nicht begriff, dass dieses Spiel schon längst vorbei war. Ich musste meinen Wagen und meine Habseligkeiten suchen und dann weiter fahren. Ich überlegte sogar meine Reise abzubrechen.

„Er treibt mich in den Wahnsinn.“

Ich ging schnell und raufte mir die Haare. Hinter mir vernahm ich keine Schritte. Er schien kapiert zu haben, dass er den Bogen überspannt hatte. Hoffentlich schaffte ich es bis zum Einbruch der Nacht. Wenn nicht, musste ich mir einen geeigneten Schlafplatz suchen. Ich blickte hinauf zur Sonne. Sie hatte sich schon verdammt weit gesenkt. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Schnell blickte ich mich suchend um. Wo sollte ich heute Nacht schlafen? Es gab hier keine Bäume weit und breit, nur offenes Land. Ein riesiger Stein fiel mir ins Auge. Ich ging zu der Stelle und fand neben dem Stein eine kleine Mulde. Groß genug um sich dort ein Nachtlager aufzubauen. Ich baute mir ein Lagerfeuer und mit einem brennenden Stock, vertrieb ich eventuelle Schlangen oder andere Krabbeltiere, welche dort vielleicht lebten. Kaum das ich fertig war, ging die Sonne auch schon unter. Ich hätte ihm den Wasserschlauch nicht zurückgeben sollen. Ich hatte Durst und weit und breit gab es kein Wasser. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen den Stein und genoss die Wärme des Feuers vor mir. War es wirklich eine gute Idee gewesen alleine sich auf den Weg zu machen? Was wenn ich mich verirrte? Aber das war in diesem Land schwer möglich. Dies hier war ein ebenes Land mit nur leichten Hügeln. Eine Stadt oder ein Dorf, würde man sicher schon von weitem sehen können.

„Hör auf so viel nachzudenken.“

Ich macht es mir bequem und schloss die Augen. Ein wenig Schlaf würde mir guttun und es war angenehm, meine Beine auszurasten. Zum Glück hatte ich bequeme Schuhe an. Irgendwann, mitten in der Nacht, hörte ich Stimmen und Pferde. Der sogenannte Lord, konnte es nicht sein. Ich hörte fünf oder sechs verschiedene Stimmen, die sich unterhielten und beratschlagten, was sie tun sollten. Wenn man eine Waffe brauchte, war keine da. Ich versuchte mich nicht zu bewegen, sondern tastete mich nach einer behelfsmäßigen Waffe um. Mir blieb wohl nur das restliche Holz, welches neben dem Feuer lag. Ich nahm einen Ast in jede Hand und wartete. Die Männer kamen näher. Plötzlich wurde ich gepackt und auf die Beine gezogen. Ich holte mit den Ast aus und schlug um mich.

„Bindet sie fest und nehmt ihr den Ast weg.“

Einer von ihnen schlug mir ins Gesicht und ich wäre sicher zu Boden gegangen, hätte ein anderer mich nicht gehalten.

„Was machen wir mit ihr?“

Sie zupfen an meiner Kleidung, an meinen Haaren und ihre Blicke gefielen mir überhaupt nicht. Jetzt bereute ich es wirklich, nicht bei Dorian geblieben zu sein. Gegen einen oder zwei hätte ich mich wehren können, aber gegen sechs, hatte ich keine Chance. Sie trugen auch Kilts und Plaids, stanken aber bestialisch. Ihre Haare waren fettig und verklebt und sie hatten ungepflegte Bärte. In ihnen krochen kleine Tiere herum und ich glaubte sogar Essensreste darin zu sehen. Ich unterdrückte ein Würgen, als meine Hände grob nach hinten gezogen wurden.

„Hey.“

Ich schlug mit meinen Beinen nach dem Mann. Einen erwischte ich zwischen den Beinen und er ging stöhnend und keuchend zu Boden. Ich konnte mir das Lächeln nicht verkneifen. Doch der Schlag der folgte, warf mich jetzt wirklich zu Boden. Meine Wange brannte und ich schmeckte Blut. Sie grölten und setzten sich ans Feuer, nachdem sie auch meine Beine gefesselt hatten. Je länger ich sie und ihr Verhalten beobachtete, umso ein größerer Verdacht beschlich mich. Was, wenn ich mich wirklich im Jahr 1358 befand? Diese Männer wirkten doch ziemlich echt und auch ihre vielen Waffen, auf denen sich getrocknetes Blut befand. Das alles konnte kein Spiel mehr sein. Das würde vieles erklären, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte. Die Ruine war zu einer Burg geworden, Lord Dorian und Konstanze mit ihrer seltsamen Kleidung, die Pferde und das hier jetzt. Tränen traten mir in die Augen. Wenn dem wirklich so war, wie kam ich in diese Zeit und wie wieder zurück? Beinahe siebenhunderte Jahre war ich irgendwie durch die Zeit gereist. Was hatte ich getan? Während die Männer sich unterhielten, aßen und tranken, versuchte ich mir die letzten Tage meiner Reise ins Gedächtnis zu rufen. Automatisch erinnerte ich mich wieder an die Nacht, als ich die Schlacht von meinem Wagen aus beobachtet hatte. War es in dieser Nacht passiert? Aber ich befand mich dann wieder in meiner Zeit. Erst als ich auf der Klippe kurz eingenickt war, wurde ich von Dorian Mc Cormick geweckt. Sein Name kam mir bekannt vor. Ich hatte ihn schon einmal in Internet gelesen. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte. Die Männer hatten in der Zwischenzeit ihr Mal beendet und tranken jetzt nur noch. Es dauerte nicht lange, bis sie ziemlich betrunken waren. Es war ekelig ihnen zuzusehen. Sie benahmen sich wie Barbaren. Welche sie auch hundertprozentig waren.

„Dürfen wir jetzt die Frau haben bevor wir schlafen gehen? Sie sieht nicht nur lecker aus, sie duftet auch gut.“

Die Männer lachten und ich versuchte mich so klein wie möglich zu machen. Sie hatten doch nicht vor, was ich gerade glaubte?

„Macht was ihr wollt, aber lasst was übrig.“

Einer von ihnen, er schien ihr Anführer zu sein stand auf und verschwand in der Dunkelheit. Schon griffen die anderen nach mir und zogen mich zum Feuer. Da meine Hände und Beine gefesselt waren, blieb mir nur das Schreien. Und das tat ich. Laut und immer wieder versuchte ich ihren klobigen und rauen Händen zu entkommen. Sie waren grob und schon nach kürzester Zeit, hatten sie mein Shirt zerrissen.

„Stell dich nicht so an.“

Als sie meinen BH sahen, stutzen sie.

„Was ist das? Habt ihr das schon einmal gesehen?“

Neugierig betrachteten sie das Kleidungsstück. Jetzt war ich mir wirklich sicher, dass ich nicht mehr länger in meiner Zeit mich befand. Verwundert und neugierig, betasteten sie die schwarze Spitze. Dabei kniffen sie mir ständig in die Brüste. Einer von ihnen öffnete meine Hose und zog sie ein Stück nach unten.

„Hier auch.“

Er deutete auf meinen Slip. Das konnte jetzt sehr unangenehm werden. Ihre Kilts wurden hochgehoben und ich sah, dass sie darunter vollkommen nackt waren.

„Oh mein Gott. NEEEIIIIIN!“

Ich wurde zu Boden gedrückt und der erste positionierte sich über mir, während er mir mit Gewalt den Slip herunterriss. Ich schrie, wand mich in ihren Armen, als ich sein Gewicht schon auf mir spürte. Das geschah mir ganz Recht, dass ich mich von Lord Dorian getrennt hatte. Immer mehr Tränen liefen mir über die Wangen. Erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen sah ich zu, wie der Mann sich näher an mich heranschob. Bevor er eindringen konnte, flog sein Kopf in hohen Bogen davon und Blut spritzte mir ins Gesicht. Sein restlicher Körper fiel auf mich und begrub mich unter sich. Mehr Blut sickerte aus dem Loch, wo einst sein Kopf gewesen war. Ich wurde losgelassen und ich schloss meine Augen. Ich hörte Schwerter klirren, Kampfgeschrei und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als wieder in Ohnmacht zu fallen. Doch ich war so mit Adrenalin vollgepumpt, dass mein Körper mir diesen Gefallen nicht tun wollte. Mühsam schob ich den schweren Körper von mir herunter und blickte mich um. Jemand kämpfte mit den Männern. Das Lagerfeuer spendete nicht genug Licht, dass ich ihn hätte sehen können um wen es sich handelte. Immer sah ich nur sein Schwert aufblitzen und ein Mann nach dem anderen, ging zu Boden. Ihre toten und blutenden Leiber lagen auf dem Boden. Es war jetzt nur noch ein Mann übrig. Ich hörte ihn Schnauben, als er sich mir langsam näherte. Als er in den Schein des Feuers trat, stieß ich erleichtert die Luft aus. Sein Blick schweifte über meinen Körper und blieb viel zu lange an meinen Brüsten hängen. Gott sei Dank hatte er nicht gesehen, dass ich unten rum, keine Hose mehr trug. Er sah wild aus und kleine Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Auf dem linken Arm, hatte er eine Wunde von einem der Waffen abbekommen. Die Anspannung in meinem Körper ließ nach und ich schluchzte erleichtert auf. Sofort war er an meiner Seite und löste die Fesseln.

„Also brauchtet ihr doch die Hilfe eines Mannes.“

Er half mir mich aufzusetzen. Schnell zog ich die Hose wieder hoch und starrte auf die kläglichen Überreste meines Shirts. Vielleicht konnte ich es noch retten. Zumindest meine Würde. Schnell zog ich es aus. Lord Dorian keuchte auf und wich zurück. Ich band es mir um den Oberkörper und verknotete es geschickt. Jetzt lagen meine Schultern zwar frei, doch meine Brüste und mein Bauch waren wieder verdeckt.

„Danke.“

Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und versuchte es einigermaßen mit meinen Fingern zu ordnen. Er pfiff und der junge Mann mit den Pferden kam zum Lager.

„Seid ihr in Ordnung, Meister?“

Er nickte und wischte seine Waffe am Gras ab und verstaute sie wieder an seiner Seite. Das hier war nicht länger mehr ein Spiel. Das hier war Wirklichkeit und ich befand mich anscheinend wirklich im Jahr 1358. Wie das möglich war, wusste ich nicht. Etwas zitternd zog ich die Beine an und starrte ins Feuer. Was sollte ich jetzt nur tun? Dieses Land, diese Zeit und ihre Bewohner, waren mir fremd. Auch wenn ich viel über Schottland gelesen hatte. So fühlte ich mich trotzdem unwohl und sogar ein wenig ängstlich. Fröstelnd rieb ich mir über die Oberarme. Dorian legte mir eine Decke über die Schultern und setzte sich neben mich. Er reichte mir stillschweigend seine Wasserflasche und gierig trank ich davon.

„Alles in Ordnung?“

Ich schüttelte den Kopf und gab sie ihm wieder zurück. Gar nichts war in Ordnung. Ich wollte wieder nach Hause und hatte keine Ahnung wie. Was sollte ich jetzt nur tun? Wieder starrte ich in das Feuer. Obwohl ich es schon wusste, so musste ich ihn einfach fragen.

„Ihr seid wirklich ein Lord und das hier ist wirklich das Jahr 1358, oder?“

Meine Stimme zitterte und neue Tränen rannen mir über die Wangen.

„Ja.“

Seine Stimme klang traurig. Doch er schien nicht zu ahnen, wie es mir ging. Leise räusperte er sich.

„Das mit dem zwanzigsten Jahrhundert, war wohl kein Scherz.“

Ich schüttelte den Kopf und sah ihn nur ängstlich an. Er hatte wunderschöne blaue Augen. An seinem, wie auch auf meinem Körper klebte noch immer das Blut der Männer. Ich fühlte mich ekelig und hätte was weiß auch dafür gegeben, um mich jetzt waschen zu können. Lord Dorian zog mich einfach in seine Arme und drückte mich an seine harte Brust. Wie verdammt stark er war und wie viele Muskeln er besaß. Er war ein richtiger Schotte und ein Lord noch dazu. So etwas wie mich, war ihm sicher noch nie untergekommen. Ein leichtes Zittern konnte ich von ihm spüren, als er mich einfach nur hielt und ich still weinte. Ich war verzweifelt und hatte Angst. Doch die Wärme, die mich von ihm durchdrang, beruhigte mich einigermaßen. Warum ich gerade jetzt an Konstanze und ihre Worte über Schicklichkeit denken musste, wusste ich nicht. Wir waren nicht alleine. Schnell entzog ich mich seinen Armen, wischte mir die Tränen aus den Augen und seufzte lautstark. Was sollte ich jetzt nur tun? Würde ich wieder nach Hause kommen können? Und wenn ja, dann wie? Ich brauchte einen Plan. Das Dorf oder die Stadt, wollte ich jetzt gar nicht mehr sehen. Vielleicht würde ich nach Hause kommen, wenn ich mich genau an die Stelle an der Klippe legte und versuchte zu schlafen.

„Würden sie mich bitte zurück zur Klippe bringen? Ich muss wieder nach Hause.“

Lord Dorian runzelte die Stirn.

„Es fällt mir schwer das alles zu verstehen. Aber ich glaube, dass ihr die Wahrheit sprecht. Eine Frau aus unserer Zeit würde sich niemals so kleiden oder auch nur ansatzweiße sich so benehmen, wie ihr es tut.“

Fragend blickte ich ihn an. Er selbst schien jetzt erst zu begreifen, dass ich aus der Zukunft kam. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Ich bringe sie zurück, aber wir werden reiten. Das geht schneller. Ich möchte nicht noch einmal wegen euch kämpfen müssen.“

Nervös schluckte ich, während sein ernster Blick mich musterte. Blieb mir etwas anderes übrig? Ich war auf ihn angewiesen und ich würde mich wohl oder übel fügen müssen. Er war hier aufgewachsen, kannte sich aus und er war der einzige, dem ich im Moment vertraute. Er hatte die Situation nicht ausgenutzt und mir geholfen, ohne eine Frage zu stellen. Das war Ehrenhaft gewesen.

„Kurz vor Sonnenaufgang brechen wir auf.“

Er wandte sich an den jungen Mann auf der anderen Seite des Lagers.

„Bereite alles für unseren schnellen Aufbruch vor.“

Der Junge nickte, sprang auf und verschwand. Er sah wirklich verdammt jung aus. War er überhaupt schon Volljährig? Ich versuchte mich an die vielen Geschichten zu erinnern, welche ich gelesen hatte. Es kam in dieser Zeit nicht aufs Alter an, sondern darauf, wie man anpacken konnte. Ich war am Boden zerstört, während ich in das prasselnde Feuer blickte. War das auch verwunderlich? Von meiner Zeit in die Vergangenheit katapultiert, beinahe vergewaltigt worden und dann musste ich mit ansehen, wie Menschen auf brutalste weise getötet worden waren. Ohne Lord Dorian noch einmal anzusehen, rollte ich mich einfach vor dem Feuer zusammen und schloss die Augen. Wieder drängten sich Tränen in meine Augen, doch ich hielt sie krampfhaft zurück. Ein wenig hoffte ich innerlich, dass ich sobald ich aufwachte wieder neben meinem Wohnwagen lag und dass dies alles nur ein böser Traum war.

 

 

 

 

Mein Körper wurde leicht durchgeschüttelt. Blinzelnd öffnete ich die Augen. Ich lag in Lord Dorians Armen auf einem Pferd und wir ritten schnell übers Land.

„Guten Morgen. Ihr habt so tief geschlafen, dass ich euch nicht wecken wollte. Wir sind gleich bei meiner Burg.“

Mein Körper versteifte sich und ich wollte mich aufsetzen, doch er schüttelte nur den Kopf. Hatte ich wirklich so lange geschlafen? Ich suchte die Sonne, welche schon wieder am Untergehen war. War ich wirklich so erledigt gewesen von den vielen Ereignissen? Es schien so. Lord Dorian hielt mich fest an sich gepresst, während sein Pferd mit rasendem Tempo durch die Landschaft ritt. Ängstlich schoss ich die Augen und drückte mich fester gegen seinen Körper.

„Keine Angst. Ich lasse euch nicht fallen.“

Er hielt mich fester, während das Pferd ein wenig langsamer lief. Ich öffnete die Augen und nickte ihn dankbar an. Er schob sanft mein Bein über den Rücken des Pferdes und ich saß wieder aufrecht vor ihm. Seine Hand lag auf meinem nackten Bauch, doch es störte mich nicht. Das Gefühl war angenehm. Sein Körper bewegte sich im Einklang mit dem Pferd und ich konnte an meinem Rücken seine Muskeln spüren. Ein sehr erotisches Gefühl, dass mein Herz schneller schlagen ließ. Wieso musste er nicht nur gut aussehen, sondern auch noch so gut riechen? Die Männer gestern Abend hatten nicht so gut gerochen wie er. Wilde waren sie gewesen ohne Anstand. Der Mann hinter mir, war jedoch anders. Und das hatte er mir immer wieder gezeigt. Würde er mir helfen können wieder nach Hause zu kommen? Ich hoffte es so sehr, auch wenn ich ihn gerne ein wenig näher kennen gelernt hätte. Aber wer wusste schon, wie lange ich hier festsaß? Als ich daran dachte, kamen mir wieder die Tränen. Die Burg und ihre Bewohner, kamen in Sicht. Ich legte meine Hand auf seine und wandte den Kopf.

„Könnten sie mich bitte an den Ort bringen, wo sie mich gefunden haben?“

Er lenkte das Pferd zu der Klippe und blieb dann stehen. Behutsam, setzte er mich ab.

„Das war genau hier.“

Ich betrachtete die Wiese und die Blumen um mich herum. Es war wirklich noch deutlich zu erkennen, wo ich gelegen hatte. Das Gras war zerdrückt. Vorsichtig legte ich mich an die Stelle und starrte in den Himmel, während der Lord neben mir stand und mich betrachtete. Eine Weile lag ich still im Gras, doch es geschah nichts. Musste ich schlafen? Aber ich war nicht müde. Vielleicht funktionierte es nur, wenn ich schlief. Frustriert und am Boden zerstört, setzte ich mich auf und starrte aufs Meer hinaus. Eine kühle Brise wehte mir entgegen.

„Lassen sie uns etwas Essen. Danach sehen wir weiter.“

Bedrückt reichte er mir seine Hand und half mir aufzustehen. Sehnsüchtig blickte ich zu dem Fleck zurück, wo ich gerade noch gelegen hatte, während er mich zur Burg führte. Sobald ich müde war, würde ich mich wieder ins Gras legen und ein wenig schlafen. Das würde mich sicher wieder nach Hause bringen. Wir betraten die Burg und schon war er von vielen Menschen umringt. Einer nahm ihm das Pferd ab, andere wiederum berichtete ihn, was in den letzten beiden Tagen vorgefallen war und Konstanze drängte sich dicht an mich. Irgendwie war ich froh die alte Frau wieder zu sehen. Ich schenkte ihr ein warmherziges Lächeln, doch sie zog mich etwas mürrisch zur Seite.

„My Lady, wie konntet ihr unseren Herren nur in Gefahr bringen?“

Ich blieb stehen, entriss ihr meine Hand und sah sie an.

„Wie bitte? Ich habe ihn doch nur gebeten mich ins Dorf zu bringen.“

Konstanze baute sich vor mir auf und stemmte ihre Hände in die Hüften.

„Ja und dann seid ihr davon gelaufen. Wegen euch hätte er verletzt werden können.“

Sie schnaubte verächtlich. Ich wusste im nächsten Moment gar nicht, was ich sagen sollte. Ich warf einen Blick zu Dorian, doch dieser unterhielt sich gerade mit einem Mann, der sein Pferd fortbrachte. Der Junge, welcher uns begleitet hatte, sah mit geröteten Wangen zur Seite. So eine Petze. Doch was sollte ich jetzt zu meiner Entschuldigung sagen? Musste ich mich überhaupt bei der Frau entschuldigen? Sie schien den Lord sehr zu mögen, denn umsonst hatte sie sich nicht so große Sorgen um ihn gemacht. Frustriert wandte ich ihr wieder einen Blick zu.

„Keine Sorge. Sie sind mich heute Abend schon wieder los. Ihr geliebter Lord gehört dann ihnen ganz alleine. Dann können sie beide glücklich werden.“

Ich wirbelte herum, suchte mir schnell einen Fluchtweg und eilte dann davon. Ich hörte sie erschrocken nach Luft schnappen und jemand schrie etwas, doch das war mir egal. Ich eilte zurück zur Klippe. Der Hunger war mir vergangen. Ich würde einfach an dem Ort verweilen, bis ich müde war. Sobald ich aufwachte, würde ich dann wieder in meiner Welt aufwachen. Bis dahin wollte ich niemandem mehr im Wege stehen. Keiner wollte mich hier haben und ich wollte auch nicht hier sein. Mit verschränkten Armen vor der Brust, stand ich auf der Klippe und blickte hinunter zum Wasser. Ob es wohl einen Weg hinab gab? Ich wäre gerne im Meer geschwommen. Dieses Land und dieses Leben, gefielen mir nicht, welches alle hier führten. Ich wollte zurück und wieder nach Hause. Wehmütig starrte ich auf den Horizont, während es langsam dunkler um mich wurde. Schon bald würde ich mich hinlegen und schlafen. Dann hatte dieser ganze Spuk hier zu Ende. Ich war wieder in meiner Zeit und würde dieses Land so schnell wie möglich verlassen. Genau das wollte ich. Ich wollte es jetzt und sofort. Doch zuerst musste ich schlafen. Nach einer Weile setzte ich mich ins Gras und beobachtete, wie ein Stern nach dem anderen auftauchte. Es war mir in den letzten beiden Nächten gar nicht aufgefallen, wie schön dieser Sternenhimmel doch in dieser Zeit war. Irgendwie kam es mir vor, als würde es hier mehr Sterne geben, als bei mir zu Hause. Während ich die Sterne beobachtete, vernahm ich hinter mir ein Geräusch. Erschrocken drehte ich den Kopf und sah Lord Dorian, der gerade ein Lagerfeuer entzündete.

„Was machen sie hier?“

Er antwortete nicht, sondern brachte nur ein kleines Päckchen zu mir und legte es auf den Boden.

„Essen und Trinken.“

Er wirkte traurig und seine Lippen waren zu einem schmalen Strich geworden, als er sich wieder abwandte und sich dem Feuer widmete. Verwirrte blickte ich zu dem Paket und dann wieder zu ihm. Er hatte sich vor das Feuer gesetzt und stocherte mit einem Stock darin herum. Es war sonst niemand zu sehen. Ich stand auf, nahm das Päckchen und setzte mich neben ihn. Wenn ich schon auf die Müdigkeit wartete, dann wenigstens gerne in Gesellschaft.

„Und das hier schickt sich?“

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, doch er sah mich nicht an. Stattdessen öffnete ich nur das Päckchen und enthüllte Fleisch, Käse, Brot und etwas zu trinken.

„Ihr habt heute noch nichts gegessen.“

Obwohl alles schon kalt war, so roch es doch verführerisch. Deshalb griff ich einfach zu. Das Fleisch war mit vielen Gewürzen zubereitet worden. Einige davon konnte ich nicht herausschmecken. Als leidenschaftliche Köchin, interessierte es mich.

„Wie wird es zubereitet? Das ist köstlich.“

Der Lord zuckte nur mit den Schultern.

„Ihr wisst es nicht, oder?“

„Nein.“

Er wandte sich vom Feuer ab und sah mich an. Sofort wurde mir wieder angenehm warm und ein Schauer rann mir über den Rücken. Warum nur gefiel mir dieser Schotte nur so gut? Schnell blickte ich von ihm weg. Meine Wangen glühten und ich war froh darüber, dass es Nacht war.

„Ihr wart nie in der Küche und habt an den Töpfen genascht?“

„Als ich ein kleines Kind war, habe ich das viele Male getan. Doch sobald mich mein Vater dabei erwischte, hat er mich bestraft.“

Er klang traurig. Diese Zeit war ganz anders, wie meine. Es gab hier gewisse Regeln, welche bei uns nicht mehr galten. Ob ich versuchen sollte ihm eine andere Seite des Lebens zu zeigen? Doch wozu? Sobald ich schlafen ging, würde ich wieder zu Hause sein und Lord Dorin Mc Cormick war verschwunden. Also sagte ich nichts mehr und genoss einfach das wohlschmeckende Mahl. Ich schuldete dem Mann neben mir meinen Dank und noch so vieles mehr, bevor ich wieder nach Hause ging. Ich legte das Fleisch zur Seite und trank einen Schluck Wasser, bevor ich all meinen Mut zusammen nahm.

„Ich möchte mich bei ihnen bedanken. Nicht nur für ihre Hilfe, sondern auch für ihr Verständnis. Sie haben sicher gedacht, dass ich wahnsinnig wäre, als sie mich gesehen hatten. Ich hoffe, dass ich ihnen nicht zu viele Probleme bereitet habe. Aber wenn alles glatt geht, sind sie mich morgen früh los.“

War das Entschuldigung genug? Lord Dorian Mc Cormick, drehte sich mir zu und ergriff meine Hände.

„Ich fände es Schade, wenn ihr Morgen nicht mehr hier wärt. Aber ich habe verstanden, dass ihr nicht hierher gehört. Wo auch immer ihr herkommt, ich hoffe, dass ihr dort ein zufriedenes und schönes Leben führt.“

Meine Kehle schnürte sich bei seinen Worten zusammen. War mein Leben zufrieden und schön? Wohl eher nicht. Schon seit ein paar Jahren hatte ich keinen Mann mehr in mein Leben gelassen. Sie gingen mir einfach auf die Nerven und wussten nicht zu schätzen, was sie hatten. Jeder einzelne war fremdgegangen und hatte mich hintergangen. Das waren keine Männer, die ich in meinem Leben wollte und brauchte. Dank meiner Eltern, stand ich schon in jungen Jahren auf meinen eigenen Beinen. Ich ging Angeln, Jagen, versorgte mich selbst und musste schnell lernen, wie ich selbst durchs Leben kam. Einem Mann, wie dem Lord gegenüber zu sitzen, war nicht nur angenehm, sondern auch bezaubernd. Viel zu bezaubernd, denn mein Körper vibrierte und ich starrte auf seine festen Lippen. Wie wohl ein Kuss von ihm schmecken würde?

„Wieso Schade?“

Ich versuchte meine Stimme ruhig zu halten und meinem Körper zu sagen, dass dieser Mann tabu war. Er gehörte in ein anderes Jahrhundert und ich durfte mich nicht auf ihn einlassen. Heute Nacht noch würde ich verschwinden und ihn alleine zurück lassen müssen. In seiner Kultur und in seinem Leben, gab es keinen einmaligen Sex. Das musste ich mir immer ins Gedächtnis rufen, während sein Gesicht immer näher kam.

„Ihr seid eine sehr bemerkenswerte Frau. Seltsam, aber faszinierend. Noch nie habe ich jemanden wie euch getroffen. Ihr benehmt euch wie ein Mann, besitzt aber den Körper einer Frau. Wenn alle Frauen in ihrer Welt so sind wie sie, dann gibt es sicher lauter glückliche Männer.“

Seine Lippen schwebten jetzt knapp vor meinen. Ich konnte seinen heißen Atem auf meinem Gesicht fühlen. Ging es eigentlich noch romantischer? Das Meer rauschte im Hintergrund, ein Lagerfeuer vor uns und hell leuchtende Sterne über unseren Köpfen. Ich rang regelrecht nach Luft, während mein Herz immer schneller in meinem Brustkorb schlug. Ein Kuss. Nur ein kleiner, zaghafter Kuss, bevor ich wieder nach Hause ging. War das so verkehrt? Doch der Lord sah mir nur fest in die Augen, als ich einen schrillen Schrei einer Frau hörte. Beide wandten wir den Blick in die Richtung und erblickten Konstanze, welche mit wedelnden Armen in unsere Richtung rannte. Für ihr Alter, besaß sie ziemlich viel Pfeffer im Hinter. Automatisch musste ich kichern. Auch Dorian neben mir hielt sich eine Hand vor den Mund und kicherte, während er sich von mir zurückzog. So knapp war es gewesen. Wäre Konstanze nicht aufgetaucht, hätte ich sicher meinen Kuss bekomme. Sofort verstummte mein Lachen und ich senkte traurig den Blick. Konstanze erreichte uns endlich und setzte sich genau zwischen uns. Ich machte ihr sofort Platz und griff wieder nach dem Fleisch, um noch ein paar Bissen zu machen.

„Lord Mc Cormick, wie könnt ihr nur so spät in der Nacht alleine mit einer fremden Frau hier am Lagerfeuer sitzen? Das ist nicht richtig und schickt sich nicht.“

Tadelnd sah sie ihn an, während sie mehrmals tief Luft holte, um sich von ihrem Lauf zu erholen. Grinsend stopfte ich mir das Fleisch in den Mund und versuchte Lord Dorian nicht anzusehen.

„Konstanze. Ich bin glaube ich alt genug um selbst entscheiden zu können was sich schickt und was nicht.“

„Ja, ja. Das habe ich gesehen. Solange ich am Leben bin, gehören gewisse Regeln eingehalten.“

Ich musste gähnen und hielt mir eine Hand vor den Mund. Die beiden stritten sich noch eine Weile weiter, während ich es mir gemütlich machte und die Augen schloss. Dorian Mc Comick würde ich auf jeden Fall vermissen, wenn ich morgen früh wieder in meiner Zeit angekommen war. Mein Körper sehnte sich nach seinen Händen, einer zärtlichen Umarmung und seinen Lippen, die meine eroberte. Bevor ich einschlief, malte ich mir aus, wie es wohl sein würde, ihn auf mir und in mir zu spüren. Mochte er eher sanften oder wilden Sex? Dies würde ich wohl nie mehr erfahren. Ich lag auf der Stelle, wo ich schon vor ein paar Tagen gelegen hatte und triftete immer tiefer in einen erholsamen Schlaf, während Lord Dorian und Konstanze sich weiterhin unterhielten. Sobald ich aufwachte, war alles vorbei.

 

 

 

Vogelgezwitscher holte mich langsam aus meinem tiefen Schlaf. Noch nie hatte ich so gut geschlafen, wie in der Zeit vom Jahre 1358. Genüsslich reckte ich mich. Der Geruch von frischen Blumen drang mir in die Nase. Ich wandte meinen Blick zu dem Wagen, der gleich neben mir gestanden hatte. Doch er war nicht da. Vielleicht hatte ich mich in der Nacht bewegt. Abrupt setzte ich mich auf und sah mich suchend um. Doch mein Wagen war weiterhin verschwunden. Stattdessen erblickte ich den Rücken von Lord Dorian. An seiner Seite schlief Konstanze tief und fest. Es hatte nicht funktioniert. Ich befand mich noch immer in der Vergangenheit. Tränen der Verzweiflung traten mir in die Augen und ich blickte nur ungläubig aufs Meer hinaus. Aus meinen Augenwinkeln konnte ich die Burg erkennen und wie gerade das Leben darin erwachte. Ich war also nicht nach Hause gekommen, sondern befand mich noch immer in der Vergangenheit. Wieso hatte es nicht funktioniert? Ich wandte Dorian den Rücken zu und starrte hinab aufs Meer. Gestern Abend noch hatte ich einen kleinen Pfad entdeckt, der von der Klippe hinab führte. Mit Tränen in den Augen, sprang ich auf und rannte zu dem Pfad. Ich hörte, wie jemand meinen Namen rief, doch ich hörte nicht darauf. Ich rannte weiter, wäre zwei Mal beinahe ausgerutscht, doch ich schaffte es endlich hinab zum Meer. Auf dem Weg dorthin, zog ich mich aus und sprang in das kalte Wasser. Schlotternd tauchte ich aus dem Wasser wieder auf. Doch die Kälte störte mich nicht. Ich schwamm mit kräftigen Zügen durchs Wasser, bis mir wieder einigermaßen warm wurde. Frustration und Trauer legten sich um mein Herz und es zog sich immer schmerzhafter zusammen. Es schien, als ob ich auf unbekannte Zeit hier wohl festsaß. Doch wo sollte ich hin? Wo sollte ich wohnen und wie kam ich wieder nach Hause? So viele Fragen schwirrten in meinem Kopf herum. Ich stieß einen markerschütternden Schrei aus und streckte meine Hände gen Himmel. Bis zum Bauchnabel und nackt stand ich im Meer. Doch es war mir egal. Mir war egal ob jemand von der Burg aus mich sah oder ob jemand kommen würde, weil er meinen Schrei gehört hatte. Die Tränen in meinen Augen ließen mich nichts sehen. Einige kleine Fische, stupsten mich mit ihren Mündern an, schwammen jedoch nicht davon. Wollten sie mich trösten? Ich blickte nach unten und beobachtete sie eine Zeit lang, als sich plötzlich starke und muskulöse Arme um mich schlossen. Fest wurde ich an einen warmen Körper gedrückt. Ich brauchte nicht hinzusehen. Sein Geruch verriet Lord Dorian. Ich schluchzte bitterlich auf und sank gegen seinen starken Körper. Ich verstränkte meine Finger mit seinen, welche auf meinem Bauch ruhten. Mit tränenerstickter Stimme, versuchte ich ihm meine Trauer zu erklären.

„Ich…….ich dachte…..es funktioniert……………………doch es ging nicht…….noch immer……hier…….warum?“

Ich drückte meinen Rücken fester gegen ihn und weinte bitterlich. Seine Arme lösen sich von meinem Bauch und griffen nach meinen Schultern. Mit einem einzigen Ruck, drehte er mich um und schloss mich wieder in seine Arme. Schluchzend warf ich meine Arme um seinen Hals und drängte mich fester an ihn. Ob das jetzt Schick war oder nicht, war mir egal. Ich wollte einfach nur festgehalten und getröstet werden.

„Ich will nach Hause. Ich kann hier nicht bleiben. Das ist nicht meine Welt.“

Der Lord zog mich aus dem Wasser und setzte sich mit mir auf den Strand. Noch immer hielt ich ihn fest umklammert. Mir wurde kalt von dem Wind, der vom Meer aus über meine Körper strich und ich fing zu zittern an. Etwas Weiches legte sich über meine Schultern und schon nach kurzer Zeit wurde mir augenblicklich warm.

„Bleiben sie hier. Hier bei mir.“

Er küsste meine Stirn sanft. Ich hob meinen Kopf von seiner breiten Schulter und schniefte. Ich musste ein erbärmliches Bild abgeben und ziemlich hässlich aussehen. Doch er strich mir nur über den Kopf und zog mich fester an ihn. Es schien ihm egal zu sein, dass ich noch immer nackt war.

„Aber ich gehöre hier nicht her.“

Kaum das ich es ausgesprochen hatte, senkte sich sein Kopf und ich bekam meinen ersten Kuss von ihm. Seine Lippen waren weich und sein Atem frisch und angenehm. Leicht neigte ich meinen Kopf zur Seite, damit er besseren Zugang bekam. Nach einiger Zeit wurde er wilder und seine Zunge drang in meinen Mund ein. Was war das nur für ein leidenschaftlicher Kuss. Noch nie in meinem Leben, hatte mich ein Mann auf diese Art geküsst. Ich stöhnte an seinen Lippen auf, während starke Hitze zwischen meine Beine fuhr. Seine Zunge eroberte meinen Mund, während seine Hände unter die Decke fuhren und meinen Rücken erkundeten.

„My Lady. Wir sollten….“

Ich legte ihm einen Finger auf die Lippen und schüttelte sanft den Kopf.

„Nicht diesen schönen Moment zerstören.“

Ich wusste, dass es mehr als Küsse, heute nicht geben würde. Das war mir auch ganz Recht. Fester zog ich die Decke um mich und legte meinen Kopf wieder auf seine Brust. Dorian hielt mich fest und ich genoss einfach nur seine Nähe. Normalerweise war ich nicht der romantische Typ, aber ich musste zugeben, daran könnte ich mich gewöhnen.

„Herr, es gibt Probleme. Schnell.“

Dorian schob mich von sich runter und stand sofort auf.

„Ziehen sie sich an und bleiben sie hier. Egal was sie hören oder sehen, verstecken sie sich.“

Und schon war er verschwunden. Der Mann war verschwunden und der Krieger schien wieder da zu sein. Ich zog mich schnell an und ging den Weg wieder hinauf zur Klippe. Glaubte er wirklich, ich würde mich verstecken? Kaum das ich oben war, sah ich ein paar Reiter. Sie trugen alle Kilts und hielten ihre Schwerter und andere Waffen in den Händen. Dorian stand vor ihnen mit seinen Händen in den Hüften und sie diskutierten lautstark. Er schien keine Angst vor ihnen zu haben. Doch ich sah auch, dass Dorian nicht alleine ihnen gegenüber stand. Plötzlich tauchten Männer aus der Burg auf und stellten sich hinter ihren Lord um ihn zu unterstützen. Die Männer auf den Pferden fluchten und schrien. Immer öfters schwangen sie ihre Waffen. Sollte es zum Kampf kommen, sollte ich mich vielleicht doch verstecken. Ich zog mich zu einem Busch zurück, als eine Armbrust abgefeuert wurde. Der Pfeil steckte in Dorians Schulter und ich unterdrückte einen Schrei. Das war der Moment, wo alles aus dem Ruder lief. Sie fingen zu kämpfen an und ich zog mich tiefer in den Busch zurück. Sollte mich jemand entdecken, dann konnte ich mich nicht einmal wehren. Schon bald konnte ich in dem ganzen Tumult Dorian nicht mehr sehen. Ein paar Männer lagen tot auf dem Boden, als die anderen plötzlich aufbrachen und mit ihren Pferden davon ritten. Wieder einmal war ich Zeuge geworden von der brutalen Härte, welche dieses Land im Griff hatte. Wenn ich hier bleiben musste, dann würde ich wohl oder übel eine Waffe benötigen. Mit einer Armbrust, konnte ich mich schon anfreunden, denn das Schießen lernte ich schon als kleines Kind. Die Verletzten wurden in die Burg getragen. Darunter war auch Dorian. Ich hatte mein Versteck bereits verlassen und rannte jetzt auf die Männer zu, welche ihn trugen. Kurz warfen sie mir einen fragenden Blick zu, doch ich ignorierte sie. Dorian hatte eine tiefe Wunde am Bein und der Pfeil steckte noch immer in seiner Schulter. Er blutete stark, war aber bei Bewusstsein. Als er mich sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

„Unfolgsam.“

Ich grinste und drückte sanft seine Hand. Ich folgte ihnen in die Burg hinein. Konstanze kam uns schon entgegen gelaufen. Sie warf immer wieder ihre Hände über den Kopf und jammerte.

„My Lady. Geht es ihnen gut?“

Ich nickte und wartete, bis die Männer Dorian in sein Zimmer gebracht hatten.

„Konstanze, bring mir bitte heißes Wasser, ein paar Tücher und habt ihr so etwas Ähnliches wie Seife?“

Sie nickte und rannte schon wieder davon. Die Männer kamen aus dem Zimmer heraus und stellten sich demonstrativ vor mich auf.

„Das ist jetzt ein Witz, oder? Wenn ihr jemanden einschüchtern wollt, dann geht und sucht ein paar böse Schotten. Und jetzt geht zur Seite, damit ich ihm helfen kann.“

Konstanze kam in diesem Moment mit den Sachen zurück und ich schob sie einfach zur Seite und stürmte mit Konstanze hinter mir in das Zimmer. Dorian saß auf dem Bett und wollte sich gerade den Pfeil aus der Schulter reißen.

„Bist du wahnsinnig?“

Hinter mir hörte ich noch weitere Schritte, doch ich ignorierte sie. Dorian sah mich erschrocken an, als ich seine Hand von dem Pfeil weg zog. Konstanze legte alles neben ihm aufs Bett. Sogleich fing ich an die Wunden zu waschen und ihm vom Blut zu reinigen. Dorian beobachtete mich eingehend, verzog kein einziges Mal die Miene. Zuerst kümmerte ich mich um sein Bein. Es musste genäht werden.

„Habt ihr eine Nadel und einen Faden, womit man das nähen kann?“

„Nähen?“

Konstanze erschrak neben mir.

„Ja nähen. Bringt mir schnell eine Nadel und ein Garn oder was immer ihr habt.“

Sie zögerte, blickte immer wieder zu ihrem Herren und den Männern, die noch im Raum standen und mich aufmerksam beobachteten. Ich seufzte und fuhr mir durchs Haar.

„Wenn euch lieber ist er verblutet oder die Wunde entzündet sich, dann bitte.“

Dorian nickte ganz leicht und schimpfend rannte Konstanze davon. Während sie weg war, untersuchte ich den Pfeil in seiner Brust. Das würde ein wenig komplizierter werden. Die Nadel kam mit einem Garn. Feuer brannte im Kamin und ich hängte die Nadel auf eine Eisenstange und hielt sie ins Feuer. Ein Raunen ging durch den Raum. Von Desinfektion, hatten sie wohl noch nie etwas gehört. Kein Wunder, das so viele Männer an nur leichten Wunden gestorben waren. Als die Nadel gleicht glühte, holte ich sie aus dem Feuer heraus.

„Was haben sie vor?“

Mein Arm wurde brutal gepackt, als ich mich Dorian nähern wollte. Wütend funkelte ich den Riesen vor mir an.

„Ihn sicher nicht damit töten, obwohl es einige fremde Kulturen können. Lass mich los du Riesenbaby. Ich will nur nicht, dass die Wunde sich entzündet. Durch die Hitze, werden die Bakterien abgetötet und es hört zu bluten auf.“

Er knurrte mich an und sein Griff wurde fester. Keine Angst zeigen. Keine Angst zeigen.

„Wulf, lass sie los.“

Ungläubig starrte er zu seinen Herren.

„Aber…..“

„Du sollst sie loslassen.“

Es dauerte noch ein paar Minuten, bis er es doch tat. Ich seufzte, warf ihm einen wütenden Blick zu und hockte mich vor Dorian auf den Boden. Die Nadel war noch heiß und meine Finger zitterten leicht.

„Bereit?“

Er sagte nichts. Also fing ich fein säuberlich an mit nur ein paar Stichen die Wunde an seinem Bein zu nähen. Dorian zuckte nicht und kein Laut kam aus seinem Mund. Er sah mir einfach nur aufmerksam zu. Als ich fertig war, band ich ein sauberes Tuch fest um sein Bein und starrte dann auf den Pfeil.

„Das wird kniffliger, wenn ich das Fleisch nicht zerfetzen will. Ich brauche ein Messer.“

„So, das geht jetzt zu weit. Dieses Weibsstück wird sofort verschwinden.“

Ich wurde grob an der Hüfte gepackt und zur Seite gestellt. Ich schlug dem Hünen ins Gesicht und trat mit meinem Bein gegen sein Schienbein. Er keuchte erschrocken auf und ging knurrend auf mich los. Hinter mir kicherte jemand verhalten. Ich wartete ab. Ich wusste genau, was ich zu tun hatte. Er griff nach mir, doch dabei verlagerte er sein Gewicht. Das war meine Chance. Ich legte eine Hand auf seine Brust und mit der anderen griff ich nach seiner Schulter. Eine leichte Drehung von mir und der Hüne lag auf dem Rücken. Sein Blick sprühte Funken und ich konnte regelrecht sehen, wie der Hass auf mich wuchs. Ich trat einen Schritt zurück und hielt ihm meine Hand hin, damit er aufstehen konnte. Doch er zog sein Schwert, sprang auf die Beine und ging auf mich los. Das war jetzt aber nicht gut.

„Wie kannst du, eine Frau, es wagen?“

Schnell blickte ich mich nach einer Waffe um. Aber die anderen Männer grinsten nur. Na toll. Hilfe würde ich wohl keine erwarten können. Ob ich es schaffen konnte ihn noch einmal zu Fall zu bringen? Er näherte sich und mir fiel sofort auf, dass sein Stand sehr unsicher war. Ich wirbelte herum, streckte mein Bein dabei aus, fuhr unter seinem Schwert durch und schon wieder lag er auf dem Boden. Konstanze schrie erschrocken auf, als das Schwert ganz in ihrer Nähe zu liegen kam. Alle in dem Raum hielten die Luft an. Dieser Wulf lag auf dem Boden und wirkte irritiert. Was würde jetzt geschehen? Würde er mich noch einmal angreifen? Plötzlich drang lautes Gelächter an mein Ohr, in das andere mit einstimmten. Verwirrt und erschrocken, starrte ich auf das Bett. Dorian hielt sich den Bauch und es liefen ihm sogar Tränen aus den Augen vor lauter Lachen. Grummelnd erhob sich Wulf, packte sein Schwert und stürmte davon. Jemand klopfte mir hart auf die Schulter. Beinahe hätte ich das Gleichgewicht verloren.

„Ist wirklich einzigartig. Wenn alle unsere Frauen so wären, bräuchten wir nicht mehr zu Kämpfen.“

„Ja. Diesen Griff würde ich auch gerne können.“

„Hey aber habt ihr ihre schnellen Bewegungen gesehen? Das war einzigartig. Außerdem wurde es Zeit, dass jemand Wulf in die Schranken weißt.“

Die Männer zogen sich noch immer lachend zurück und verschwanden. Etwas beschämt senkte ich den Blick. Dorian hörte auf zu Lachen.

„Können wir jetzt den Pfeil entfernen? Es tut schon sehr weh.“

Ich eilte zu ihm und er hielt mir bereits ein Messer hin. Es war dünn, aber nicht sehr lang. Dankbar nahm ich es entgegen und hielt es wieder ins Feuer.

„Ihr solltet euch besser hinlegen. Das könnte schmerzhaft werden.“

Ohne Wiederworte gehorchte er mir.

„Konstanze, du nimmst jetzt ein paar Lacken und bindest sie zu einem dicken Knoten zusammen. So fest du nur kannst. Umso größer umso besser. Dann brauche ich noch zwei lange Tücher. Sie nickte und während das Messer sich in den Flammen befand, tat sie genau das, was ich von ihr wollte. Dorian lag auf dem Bett und sah mich an, als ich mit dem Messer mich ihm näherte.

„Sollte ich besorgt sein?“

Ich schüttelte den Kopf und kniete mich aufs Bett.

„Es wird nur höllisch wehtun. Aber anschließend wird es besser und ihr werdet den Arm ein paar Tage schonen müssen.“

Sein Blick war auf das Messer in meiner Hand gerichtet. Ich verstand seine Sorge. Denn bisher hatte ich das bei einem Menschen noch nicht gemacht. Aber Fleisch war Fleisch. Tiere besaßen sogar noch ein Fell oder eine dickere Haut. Es sollte bei einem Menschen leichter sein, einen Pfeil zu entfernen. Es blutete wieder stark und ich griff nach einem kleinen Tuch, um es abzutupfen.

„Konstanze, sobald der Pfeil draußen ist, musst du die Stoffe so fest wie möglich auf die Wunde drücken.“

Sie nickte, wirkte aber etwas blass im Gesicht und orientierungslos. Sanft legte ich eine Hand auf seine Schulter und strich kurz mit einem Finger über seine Haut. Nervös schluckte ich.

„Bereit?“

Er nickte und ich senkte mein Messer.

 

 

 

Konstanze wachte am Bett von Dorian, während ich mir ein wenig die Beine vertrat. Ich fühlte mich ganz steif und ausgelaugt. Ich hatte nicht geschlafen und ich hatte Hunger. Sollte ich nach der Küche suchen? Aber da fielen mir wieder die Worte von Konstanze ein, das schickte sich doch nicht. Grinsend trat ich nach draußen in den Hof. Angestellte eilten umher und gingen ihrer Arbeit nach. So war also das Leben auf einer Burg? Eigentlich recht interessant. Was würden Forscher dafür geben, dies live miterleben zu dürfen?

„Geht es ihm gut?“

Ich schrie erschrocken auf und wirbelte herum. Einer der Männer, von gestern, stand hinter mir und grinste schelmisch. Er sah Dorian sehr ähnlich, war aber sicher noch sehr jung. Er trug Kilt und seine Waffe an der Seite. Genüsslich biss er in einen Apfel und stellte sich neben mich. Schnell hatte ich meine Fassung wieder gefunden.

„Er schläft noch immer. Aber er blutet nicht mehr und die Wunden sehen sehr gut aus. Schon bald wird er wieder auf dem Damm sein.“

„Mein Bruder hat Recht. Ihr pflegt wirklich eine seltsame Ausdrucksweise.“

Gierig starrte ich auf den Apfel in seiner Hand. Um meinen Hunger zu unterstützen, fing mein Magen stark zu knurren an.

„Darf ich eine Lady aus der Not helfen, indem ich euch etwas zu Essen besorge?“

Er reichte mir seine Hand und er deutete auf die Tür. Ich nickte, ergriff seine Hand und er brachte mich in die Burg zurück. War das Dorians Bruder?

„Wie heißt ihr?“

„Tyler.“

Es war schon etwas ungewohnt, immer alle mit Sie ansprechen zu müssen. Aber langsam hatte ich den Dreh heraus. Er brachte mich zu einer Tür und öffnete sie.

„Willkommen bei der besten Köchin der Welt.“

Er verneigte sich und zog mich in den Raum. So sah also eine altertümliche Küche aus? Ich war erstaunt und auch total begeistert. Ich blickte mich eingehend um, als eine kleine dicke Frau mit einer schmutzigen Schürze auf uns zugeeilt kam.

„Tyler, bist du schon wieder hier? Ich kann dich einfach nicht mehr satt machen. Da muss ich wohl andere Geschütze auffahren.“

Liebevoll schlug sie ihm mit einem Tuch, als ihr Blick auf mich fiel.

„My Lady.“

Sie wollte sich verneigen, doch ich griff nach ihren Händen und hielt sie auf.

„Bitte nicht.“

Sie sah mich kurz an, bevor sie lachte.

„Ihr Ruf eilt euch voraus. Alle wissen, was sie getan haben. Nicht nur unseren Lord geholfen, sondern auch Wulf eine Lektion erteilt. Ich kann es noch immer nicht glauben, dass so eine zarte Person unseren besten und wildesten Krieger bezwungen hat.“

Meine Wangen fingen zu brennen an und ich senkte demütig den Blick. Das war wohl normal, dass Neuigkeiten sich wie ein Lauffeuer hier verbreiteten. Tyler neben mir grinste und ging zu den Töpfen hinüber, welche auf dem Ofen standen.

„Margarethe, hast du für unseren Gast etwas zu Essen?“

Das schien ihr Stichwort gewesen zu sein. Sie schubste den jungen Schotten zur Seite, griff nach einer Schale und häufte aus ihren Töpfen etwas hinein.

„Was für eine Frage. Setzt euch.“

Sie deutete auf einen kleinen Tisch in einer Ecke. Speckig aber sauber, sah er aus. Wir setzten uns und schon stand eine Schale vor mir mit einem Löffel und ein dicker Leib Brot. Ob das auch wirklich gut schmeckte? Tyler und Margarethe beobachteten mich und auf keinen Fall wollte ich unhöflich sein. Also nahm ich zögerlich den ersten Bissen. Vom Aussehen abgesehen, schmeckte dieser Eintopf, oder was immer es war, eigentlich hervorragend. Ich aß weiter und Tyler riss ein Stück Brot ab und reichte es mir.

„Lecker?“

Ich nickte und Margarethe klopfte mir leicht auf die Schulter. Sie ging wieder zu ihren Töpfen und ich schloss genüsslich die Augen. Da der Eintopf ziemlich dick war, legte ich den Löffel zur Seite und nahm das Brot an seiner Stelle.

„Und sie isst auch wie ein Mann.“

Ein Glucksen kam von Tyler und ich hielt kurz inne. Doch er lachte und kaute auf einem Stück Brot herum.

„Entschuldigung.“

Demütig senkte ich den Blick und kratzte mit meinem letzten Stück Brot die Schale aus. Nichts war mehr über, aber ich war gesättigt. Ich hielt mir meinen Bauch und sank seufzend auf den Stuhl zurück. Margarethe brachte zwei Becher und stellte sie mir und Tyler hin. Ich hätte vielleicht nicht so schnell trinken sollen. Es war kein Wasser, sondern eine Art warmes Bier. Ale, wie es schon seit der Zeit der Wikinger zubereitet wurde. Ich kannte Ale, weil ich es schon ein paar Mal probiert hatte. Doch dieses hier schmeckte besser und enthielt mehr Alkohol. Besser als jedes Bier, dass es zu trinken gab. Ich leerte den Becher und stellte ihn vor mir auf den Tisch.

„Könnte ich noch eines haben?“

Tyler lachte auf und holte einen Krug.

„Und sie trinkt auch wie ein Mann. My Lady ihr seid wirklich eine sehr interessante Person. Ich verstehe meinen Bruder, warum er sich so für euch interessiert.“

Lächelnd schenkte ich nach und prostete ihm zu. Doch es stimmte mich auch traurig. Ich hatte keine Ahnung, ob ich jemals wieder nach Hause kommen würde. Doch was sollte ich hier tun? Hier bei Dorian und seinem Bruder bleiben? Aber es gab hier keine Aufgabe für mich. Ich gehörte hier einfach nicht her und das wurde mir immer wieder vor Augen gehalten. Ich war anders als die Frauen in dieser Zeit und ich wollte auf keinen Fall als eine Attraktion enden. Aber das war ich bereits.

„Was ist los? Woran denkt ihr?“

Traurig hob ich den Kopf und trank meinen zweiten Becher leer.

„Darüber, dass ich wahrscheinlich nie wieder nach Hause komme und hier festsitze.“

Ich seufzte und griff nach dem Krug. Alkohol löste zwar meinen Kummer nicht, aber es tat gut.

„Ihr solltet nicht so viel trinken. Nach diesem Glas ist Schluss. Und wenn ihnen jemand helfen kann, dann Dorian.“

Ich lachte auf und sah Tyler wieder an.

„Hat er euch erzählt, woher ich komme?“

Langsam nickte er.

„Und wie soll er mir dann helfen? Er müsste schon ein Zauberer sein oder was auch immer.“

Tyler hatte seine Stirn in Falten gelegt und schien zu grübeln.

„Ist es so schlimm hier?“

„Nicht schlimm, anders.“

„Und anders ist schlecht?“

„Kommt in meine Welt, dann versteht ihr, was ich meine.“

„Kinder, hört auf euch Gedanken zu machen. Jetzt verschwindet aus meiner Küche und kümmert euch um unseren Herren.“

Margarethe vertrieb uns mit einem Tuch in ihrer Hand. Tyler lachte und rannte vor mir her in den Hof hinaus. Ich folgte ihm grinsend. Doch plötzlich blieb ich stehen. Wulf stand plötzlich direkt vor mir. Seine Hand lag auf dem Knauf seines Schwertes und er funkelte mich wütend an.

„Wulf, lass es.“

Doch er hob nur abwehrend eine Hand und wandte sich wieder mir zu.

„Ich würde gerne mit ihnen sprechen.“

Leicht entspannte ich mich wieder. Tyler stand dicht neben mir. Sollte Wulf etwas vorhaben, hätte ich wenigstens einen Beschützer.

„Ich wollte mich entschuldigen und sie fragen, ob sie mir zeigen könnten, wie sie das geschafft haben.“

Verwundert blinzelte ich. Leise hatte er gesprochen, doch ich hatte es deutlich hören können. War der große böse Wolf doch zahm wie ein Lamm?

„Das würde ich gerne tun.“

Er trat einen Schritt zurück und legte seine Waffe ab.

„Wie geht das?“
Tyler hinter mir schnappte nach Luft, sagte aber nichts. War das sein ernst, oder wollte er es einfach nur wieder versuchen mir wehzutun.

„My Lady, nicht. Wulf ist grob und unser bester und stärkster Krieger. Er ist wild und unberechenbar.“

Ich wandte mich zu Tyler um und lächelte sanft. Ich glaubte an die Entschuldigung von Wulf und dass er es wirklich lernen wollte.

„Es ist gut.“

Dann ging ich zu Wulf.

„Greif mich an, dann zeige ich dir, wie das geht.“

Er nickte zögerlich und griff nach mir. Schon lag er wieder auf dem Rücken. Er stand aber schnell wieder auf. Also zeigte ich ihm, wie es funktionierte. Vielleicht war es doch gut, dass ich das alles dank meines Vaters gelernt hatte. Wulf war ein lernbereiter Schüler und es dauerte nicht lange, bis sich ein Kreis um uns gebildet hatte. Am Anfang fiel er oft, doch dann zeigte ich ihm den Angriff abzuwehren und die Kraft seines Gegners einzusetzen. Es tat gut sich auszutoben und einfach einmal alles zu vergessen. Wir waren beide schweißgebadet, als ich das erste Mal zu Boden ging. Alle Umstehenden hielten den Atem an und niemand jubelte mehr. Ich lag auf dem Boden und fing zu Lachen an. Wulf und Tyler waren sofort bei mir und halfen mir auf.

„Du lernst schnell. Noch einmal.“

Besorgt starrte er mich an und schüttelte dann den Kopf.

„Jetzt kommt schon. Ich werde nicht gleich entzweibrechen.“

Um es ihm zu zeigen, schlug ich ihm mit der Faust auf den Oberarm.

„Noch eine Runde.“

Bevor Wulf oder Tyler reagieren konnten, lagen sie schon auf dem Rücken und ich lachte laut auf. Selbstverteidigung war schon etwas Tolles. Die Männer rappelten sich auf und sahen mich grinsend an.

„Das geht auch mit zwei?“

Ich nickte und deutete ihnen mich anzugreifen. Tyler ließ seinen Schwertgurt fallen und das Grölen und Gelächter der anderen schwoll wieder an. Ich brachte ihnen die Griffe bei und versuchte mich dann gegen sie zu wehren. Doch ich besaß noch etwas in der Hinterhand. Das würde ich ihnen jedoch erst zeigen, wenn sie gut genug waren. Wir kämpften lange miteinander und es machte wirklich Spaß. Doch irgendwann konnten wir alle nicht mehr. Die Männer gaben als erstes auf. Erschöpft saß ich auf dem Boden. Ich brauchte jetzt dringend eine Dusche oder ein Bad. Wulf zog mich auf die Beine und grinste wie ein kleiner Junge.

„Danke.“

Ich nickte, doch als er sich abwenden wollte, hielt ich ihn auf.

„Dürfte ich euch um einen Gefallen bitten?“

Sofort blieb er stehen und sah mich an.

„Ich hätte gerne eine Armbrust und einen Ort, wo ich ein wenig üben kann.“

Dieses Glitzern in seinen Augen, verriet mir, dass er mir diesen Gefallen sehr gerne machen würde.

„Morgen.“

Dann verschwand er und Tyler kam zu mir.

„Ich habe Wulf noch nie so gesehen. Normalerweise zieht er sich immer zurück und spricht nur das Nötigste. Ihr scheint etwas in ihm berührt zu haben.“

Ich blickte zu Tyler, der sich seine Waffe wieder umhängte. Die Schaulustigen verzogen sich langsam und erst jetzt fiel mir auf, dass die Sonne schon wieder beinahe untergegangen war. Wie lange waren wir mit dem Kampf beschäftigt gewesen? Ich blickte zu dem Fenster hinauf, wo Dorian sein Zimmer besaß. War er aufgewacht in der Zwischenzeit? Ich fühlte mich plötzlich schuldig, nicht bei ihm gewesen zu sein. Ich sollte sofort nach ihm sehen, doch ich blickte erschüttert an mir herunter. Meine Kleider waren schmutzig und völlig durchgeschwitzt. So wollte ich mich auf keinen Fall zu ihm gehen. Meine Haare sahen sicher nicht besser aus.

„Tyler? Gibt es die Möglichkeit ein heißes Bad zu bekommen und frische Sachen?“

Er nickte und griff nach meiner Hand.

„Wir haben immer heißes Wasser aus einer Quelle im Keller. Dort befindet sich unser Waschraum. Meistens sind dort nur Männer. Wenn ihr wollt, könnt ihr ungestört euch dort waschen. Ich lass Wachen aufstellen, damit ihr ungestört sein könnt.“

Dankbar lächelte ich ihn an.

„Das klingt hervorragend.“

„Welche Sachen bevorzugt ihr?“

Er sah meine Hosen an und ich wusste sofort, was er meinte.

„So etwas in der Art, wäre ok.“

Ich hasste Kleider. Diese trug ich nur dann, wenn ich auf eine Weihnachtsfeier ging.

„Eine schlichte Hose und ein Leibchen.“

Er grinste und brachte mich in den Keller, wo in einem riesigen Kellergewölbe sich eine heiße Quelle befand. Sobald ich gebadet hatte, musste ich nach Dorian und seinen Wunden sehen.

„Ich schicke Konstanze mit der Kleidung dann zu euch. Gleich werden die Eingänge bewacht sein. Aber keine Sorge. Niemand wird sie stören.“

Bevor ich mich bedanken konnte, war er auch schon verschwunden. Erleichtert darüber alleine zu sein, zog ich mich aus. Doch meine Unterwäsche behielt ich an. Sie musste auch gewaschen werden. Doch langsam musste ich mir etwas überlegen. Wenn ich wirklich hierblieb, brauchte ich Ersatz. In der Quelle wusch ich meine Unterwäsche und meine Haare. Es tat gut und das Wasser war nicht zu heiß. Bevor ich fertig war, kam Konstanze angerannt. Sie brachte mir ein Tuch und Kleidung. Sorgfältig legte sie diese ab und verschwand wieder. Vorher warf sie mir aber einen etwas merkwürdigen Blick zu. Was war los mit ihr? Ich wusch mich jedoch schnell fertig, trocknete mich ab und zog die Kleider an, die sie mir gebracht hatte. Es handelte sich um eine Stoffhose und ein Leinenhemd. Das Hemd war zwar ein wenig zu groß, doch die Hose passte perfekt. Vielleicht hatte Konstanze so merkwürdig mich angesehen, weil ich Kleidung für Männer gefordert hatte. Das alte Mädchen würde sich wohl daran gewöhnen müssen. Ich wusch noch schnell meine Jeans aus und warf einen wehmütigen Blick auf mein kaputtes Shirt. Dieses würde ich wohl wegschmeißen müssen. Wenigstens hatte die Hose gehalten. Mit meinen nassen Sachen, verließ ich die Quelle. Tyler hatte wirklich Wachen aufgestellt. Sie grinsten mich an, als ich ihnen zuwinkte und mich bei ihnen bedankte. Geradewegs ging ich in Dorians Zimmer. Konstanze saß an seiner Seite und er war wach. Er betrachtete mich eingehend, als ich den Raum betrat und meine nassen Sachen auf zwei Stühlen verteilte. Etwas nackt fühlte ich mich unter meiner Kleidung, da meine Unterwäsche noch nicht trocken war.

„Ihr seid wach.“

Er nickte und setzte sich auf. Ich trat an sein Bett und griff nach seinem Bein. Konstanze verdrehte die Augen, doch ich ignorierte sie. Nachdem ich den Verband gelöst hatte, begutachtete ich die Wunde. Nach der kurzen Zeit, sah sie schon sehr gut aus. Wenn er weiterhin so schnell heilte, würde ich das Garn bald entfernen können. Ich verband ihn neu und überprüfte dann seine Schulter.

„Das sieht alles gut aus. Behindert euch die Schlinge nicht?“

Dorian schüttelte den Kopf und griff nach meiner Hand. Er zog mich zu sich aufs Bett und Konstanze schrie erschrocken auf. Dorian warf ihr einen flüchtigen Blick zu und sie verstummte wieder.

„Habt ihr Verletzungen?“

Sein Blick schweifte über meinen Körper und mir wurde ganz warm ums Herz.

„Wieso?“

„Ihr habt Wulf und meinem kleinen Bruder das Kämpfen gezeigt.“

Hatte Konstanze geplappert? Ich warf ihr einen flüchtigen Blick zu, doch sie deutete zum Fenster.

„Sie sind aufgestanden, obwohl sie hätten liegen bleiben müssen?“

Ich war leicht wütend, doch auch stolz, dass er mir zugesehen hatte. Hatte es ihm gefallen, oder fand er es abstoßend, was eine Frau alles konnte? Während ich darüber nachdachte, strich er mit seinem Daumen sanft über meine Handgelenk und lächelte.

„Ich habe lange zugesehen und finde es sehr merkwürdig aber auch bewundernswert, dass eine Frau so etwas kann.“

Ich sah ihm in die Augen, entzog ihm meine Hände und drückte ihn sanft zurück aufs Bett.

„Zwanzigstes Jahrhundert, vergessen? Die Frauen in dieser Zeit können sehr viel mehr Dinge, als in dieser Zeit. Wenn es euch jedoch nicht gefällt oder nicht passt, dann werde ich sofort damit aufhören. Immerhin bin ich auf euch angewiesen, solange ich hier festsitze.“

Dorian sah mich an und wandte seinen Blick dann traurig von mir ab. Langsam schlossen sich seine Augen und er schien wieder eingeschlafen zu haben, als er nach einiger Zeit nichts mehr sagte. Das Gefühl ihn beleidigt zu haben, kroch durch meinen Körper und schnürte mir leicht die Kehle zu. Ich hörte, wie die Tür hinter mir geöffnet wurde, während ich sein Gesicht eingehender betrachtete. Automatisch erinnerte ich mich wieder an seinen Kuss und meine Lippen sehnten sich nach seiner Berührung. Und nicht nur meine Lippen. Mein ganzer Körper sehnte sich nach seinen zärtlichen Berührungen.

„Wie geht es ihm?“

Tyler trat ans Ende des Bettes und flüsterte.

„Die Wunden sehen gut aus. Er wird bald wieder der alte sein.“

Mühsam erhob ich mich. Der Kampf und das heiße Bad, hatten mich mehr als nur Müde gemacht. Mit vorgehaltener Hand gähnte ich herzhaft und wandte mich zur Tür. Doch sofort blieb ich stehen. Wo sollte ich denn eigentlich schlafen? Keiner von ihnen hatte mir bisher gezeigt, ob es ein Zimmer für mich gab, in dem ich mich ausruhen konnte.

„Konstanze?“

Sie sprang auf und kam auf mich zu.

„Gibt es hier einen Ort, wo ich mich ausruhen kann?“

Sie blickte zu Tyler, der nur lächelte und sich zu uns gesellte.

„Was für eine Frage. Euer Zimmer liegt doch gleich nebenan. Es steht schon seit eurer Ankunft bereit. Dorian hat für alles gesorgt und wollte euch in seiner Nähe haben.“

War das wirklich wahr? Konstanze ergriff meine Hand und zog mich mit sich. Stolpernd folgte ich ihr, bis wir in dem Zimmer, welches gleich neben Dorians lag, ankamen. Sie wirkte verschlossen und verstört. Etwas schien sie zu beschäftigen.

„Konstanze? Was ist los? Habe ich etwas getan, was euch nicht gefällt?“

Eigentlich mochte ich die alte Frau sehr. Sie kümmerte sich um Dorian, wie eine Mutter und schien irgendwie hier mehr zu sagen zu haben, als alle anderen.

„My Lady, es tut mir leid. Ich kann nur nicht verstehen, dass ihr euch so kleidet und mit den Männern im Hof kämpft. Eine Frau benimmt sich nicht so. Es ist seltsam und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Lächelnd umarmte ich sie fest. Zuerst versteifte sich ihr Körper und sie wollte sich mir entziehen, doch nach ein paar Sekunden, schlangen sich ihre Arme um mich.

„Seitdem die beiden auf der Welt waren, habe ich mich um sie gekümmert. Ich mache mir nur Sorgen um sie.“

Ich entzog mich ihr und nickte verständlich.

„Das ist auch gut so.“

Ihre Wangen röteten sich leicht und sie eilte zur Tür hinaus. Dorians Eltern schienen nicht mehr am Leben zu sein, oder wo anders zu leben. Ich glaubte aber, dass sie schon längst tot waren. Umsonst würde sich Konstanze nicht so stark um die beiden kümmern. Doch ich verdrängte alles, als ich das riesige Bett sah. Ich wollte jetzt nur noch schlafen und mich ausrasten.

 

 

 

 

Der Geruch von Essen weckte mich. Jemand kicherte und ich öffnete die Augen. Margarethe stand mit Dorian und Tyler im Schlepptau vor meinem Bett. Erschrocken quietschte ich auf und zog die Decke über meinen halbnackten Körper. Zwar trug ich noch das Hemd, doch meine Hosen lagen auf dem Stuhl hinter ihnen. Meine Beine hatten herausgesehen und ihnen einen Blick auf sie gegönnt.

„Was….?“

Ich warf einen besorgten Blick zu Dorian, der seine Hand nicht mehr in der Schlinge trug. War er verrückt geworden? Auch trug er wieder seine Kleidung und sein Schwert befand sich wieder an seiner Hüfte. Tyler hatte leicht gerötete Wangen und starrte auf seine Füße. Margarethe, die Köchin, kam zum Bett und setzte sich.

„Ich habe euch Frühstück gemacht.“

Dankbar sah ich sie an und setzte mich auf. Sie stellte das Tablett auf meine Beine und ich warf wieder Dorian einen besorgten Blick zu.

„Ihr solltet noch im Bett liegen und euch ausruhen. Außerdem muss ich erst noch die Fäden entfernen.“

„Mir geht es gut. Dieses entfernen, können wir später machen. Ich muss mit meinem Bruder für ein paar Tage abreisen. Es wird sich um euch gekümmert werden in der Zeit meiner Abwesenheit. Bleibt hier. Wenn ihr Fragen habt, geht zu Margarethe oder Wulf. Er wird hier bleiben mit ein paar Männern für eure Sicherheit sorgen.“

Eine Sorgenfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er mir nicht alles erzählt hatte. Zogen sie in einen Krieg, denn ich erkannte neben dem Schwert an seiner Seite noch ein paar kleinere Messer auf seiner Brust.

„Ihr zieht in einen Kampf.“

Tyler schlug Dorian eine Hand auf die Schulter und gluckste.

„Dumm ist sie auch nicht. Wir sehen uns, My Lady.“

Mit einem schelmischen Grinsen, verließ er den Raum. Mir stockte der Atem, während ich Dorian einfach nur anstarrte. Wieso konnte er nicht noch ein paar Tage warten? Seine Wunden waren noch frisch. Viel zu frisch. Hatte er keine Angst, dass er zu geschwächt war? Denn um seiner Nasenspitze herum, war er noch ziemlich blass.

„Verdammt.“

Ich schlug mit der Faust aufs Bett, drückte Margarethe das Tablett in die Hand und sprang aus dem Bett. Das Hemd war lang genug, dass es mir bis zu den Oberschenkeln reichte. Doch das war mir jetzt vollkommen egal.

„Ihr seid noch nicht gesund. Eure Wunden können jederzeit wieder aufbrechen. Was denkt ihr euch dabei, gleich wieder in den Krieg zu ziehen?“

Ich war wütend und ich ballte meine Hände zu Fäusten, während ich ihm gegenübertrat. Der Lord schnappte nach Luft, schien jedoch um die richtigen Worte zu ringen. Er wollte mich anfassen, doch ich wich schnaubend zurück.

„Wenn ihr sterben wollt, dann bitte. Es geht mich ja nichts an. Ich bin ja nur eine Frau aus einer anderen Welt, die keine Ahnung hat.“

Wütend wandte ich mich von ihm ab. Margarethe warf mir einen traurigen Blick zu und eilte zur Tür.

„Sarah.“

Seine weiche und warme Stimme, brachte meinen Körper zum vibrieren. Aber ich war einfach viel zu wütend auf ihn.

„Geht. Geht und sterbt wenn ihr darauf steht. Während ihr weg seid, werde ich versuchen nach Hause zu kommen.“

Eine warme Hand legte sich auf meine Schultern, doch ich entzog mich ihm wieder. Dorian seufzte und wandte sich von mir ab und ging zur Tür.

„Es tut mir leid. Aber ich muss. Ansonsten ist das Leben hier in Gefahr. Dass ihr das nicht versteht, kann ich mir vorstellen. In eurer Welt gibt es so etwas wahrscheinlich gar nicht mehr. Aber um den Frieden aufrecht zu erhalten, muss ich jetzt gehen.“

Mir traten Tränen in die Augen, als ich die Tür hörte, wie sie sich hinter ihm schloss. Wütend griff ich nach einem Gegenstand neben mir und warf diesen in Richtung Tür. Scheppernd zerschellte er. Sein Leben schien ihm wohl vollkommen egal zu sein. Doch wieso regte mich das so auf? Das hier war sein Leben und wäre ich nicht hier gewesen, wäre er vielleicht seinen Verletzungen bereits erlegen. Ich wischte mir wütend die Tränen aus den Augen und starrte hinab in den Hof. Dorian bestieg gerade mit ein paar anderen Männern sein Pferd und ritt aus dem Tor. Ich hatte jetzt richtig Lust mich auszutoben. Ohne das Essen anzusehen, zog ich mir meine bereits getrocknete Unterwäsche und meine Hose wieder an. Wenn Wulf hier war, würde ich einen würdigen Gegner haben. Ich rannte auf den Hof und sah mich suchend um.

„WULF!“

Ich rief seinen Namen und schon kam er mir eilig entgegen.

„Alles in Ordnung?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Hast du die Armbrust für mich? Ich möchte jetzt dringend etwas zerstören und dann trainieren wir weiter.“

Mit gerunzelter Stirn nickte er und ich folgte ihm. Es gab auf der Rückseite des Hofes einen Trainingsplatz. Er reichte mir eine Armbrust und wollte mir erklären, wie sie funktioniert, doch ich winkte ab, legte den Pfeil ein und schoss auf die selbstgemachte Zielscheibe. Der erste Schuss ging genau in die Mitte. Weitere Pfeile legte ich ein und keiner von ihnen ging daneben. Nach ungefähr zwanzig Schüssen, warf ich die Armbrust zur Seite und stieß einen wütenden Schrei aus.

„Greif mich an.“

Doch Wulf stand abseits und bewegte sich nicht. Ich wollte und brauchte jetzt einen Kampf. Kreischend rannte ich auf ihn zu. Ich schlug mit geschlossenen Augen immer wieder auf ihn ein und brachte ihn ständig zu Fall. Bei meiner Tat rannen mir immer mehr Tränen über die Wangen. Ich konnte einfach nicht verstehen, wieso Dorian sich in Gefahr begab, obwohl er noch nicht wieder gesund war und wieso mich das so sehr belastete, obwohl ich ihn eigentlich nicht kannte. Keuchend brach ich zusammen. Ich hatte mich verausgabt. Meine Muskeln brannten und meine Fingerknöchel bluteten. Dieser Idiot war meine einzige Hoffnung und nun würde ich ihn wahrscheinlich nie wieder sehen. Ich saß auf dem sandigen Boden und weinte bitterlich, während meine Finger bluteten. Wulf saß neben mir und sah ziemlich mitgenommen aus. Ich wusste nicht mehr wie lange ich jetzt schon auf ihn eingeprügelt hatte. Doch er stand auf, hob mich in seine Arme und brachte mich in die Burg zurück. Ich wollte mich gegen ihn wehren, ihn weiterhin schlagen, doch mein Körper war völlig ausgepowert. Ich fühlte mich hundeelend und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Erst, als mir ein Becher an den Mund gehalten wurde und ich das warme Getränk meinen Mund flutete, fing ich wieder einigermaßen zu denken an. Ich nahm den Becher selbst in die Hand und leerte seinen Inhalt in einem Zuge. Dieses Ale schmeckte wirklich verdammt gut, auch wenn es zu warm war für meinen Geschmack. Wulf saß mir gegenüber und betrachtete mich eingehend aber auch vorsichtig. Ich schien ihm wirklich übel zugesetzt zu haben. Er besaß ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe.

„Es tut mir so leid.“

Ich senkte den Blick und konnte die Tränen nicht aufhalten, welche sogleich wieder zu Boden tropften. Mein Becher wurde neu gefüllt und ich leerte ihn sofort wieder. Wulf sagte kein Wort, sondern sah mich nur an. Mein Blick fiel auf den Krug, welcher auf dem Tisch vor mir stand. Ich griff danach und schenkte nach.

„Langsam My Lady. Das ist ein starkes Getränk.“

Margarethe kam in mein Sichtfeld und erst jetzt fiel mir auf, dass wir uns in der Küche befanden.

„Ich bin keine Lady. Mein Name ist Sarah Mitchell. Einfach nur Sarah. Wieso will das niemand hier verstehen?“

Ich warf ihr einen wütenden Blick zu. Sofort zog sie sich traurig zurück. Sofort tat mir Leid, was ich gesagt hatte.

„Margarethe, es tut mir leid.“

Immer mehr Tränen strömten über meine Wangen. Ich gehörte nicht hierher. Ich fühlte mich ungebraucht und hilflos. Gefühle, die ich normalerweise nicht kannte, strömten durch meinen Körper. Schon als kleines Kind musste ich lernen auf eigenen Beinen zu stehen. In meiner Welt war ich auch gut damit klar gekommen. Hier fühlte ich mich fehl am Platz, unnötig und nicht gebraucht. Sie nickte nur leicht und wandte sich von mir ab. Wie vielen Menschen würde ich wohl noch wehtun, während ich hier festsaß? Ich wollte es eigentlich gar nicht, denn alle waren so nett und zuvorkommend zu mir gewesen. Niemand hatte bisher meinen Geschichte auch nur in Frage gestellt. Sie akzeptierten mich, so wie ich war. Wieso konnte ich mich nicht einfach fügen und akzeptieren, dass ich wohl niemals wieder nach Hause konnte? Automatisch musste ich an meine Eltern und an meine Freunde denken. Was würden sie tun, wenn sie erfuhren, dass ich verschwunden war? Von einem Tag auf den anderen, in ein anderes Jahrhundert versetzt. So etwas konnte es gar nicht geben. Durfte es gar nicht geben. Das hier war alles nicht wirklich wahr. Es konnte nicht wahr sein, denn ansonsten müsste ich an übernatürliche Dinge glauben. Doch tat ich das nicht eigentlich? Ich hatte schon immer vermutet, dass es mehr in meiner Welt gab, als mir jeder weiß machen wollte. Doch Zeitreise? Das war absurd. Ich hatte Angst und ich wusste einfach nicht mehr, was ich tun sollte. Nach vier weiteren Krügen, schwirrte mir leicht der Kopf. Dieses Ale war stark und mir war bereits leicht schwindlig geworden. Wulf saß einfach nur da und betrachtete mich eingehen. Ob er auch schon so viel getrunken hatte wie ich? Es war mir egal. Auf einem Schlag war mir alles egal geworden.

„Ich gehe jetzt ins Meer schwimmen.“

Schwankend erhob ich mich. Ich hatte Mühe, meine Schritte zur koordinieren und wieder Herr über meinen Körper zu werden. Wulf legte mir eine Hand auf die Schulter und stützte mich. Doch er wollte mich in mein Schlafzimmer bringen. Als dieser Gedanke endlich bei mir vorgedrungen war, sträubte ich mich.

„Nicht ins Bett, ins Wasser.“

Wulf zögerte. Diesen Moment nahm ich mir, um ihn einen Handkantenschlag zu versetzen, damit er mich losließ. Als er mich nicht mehr festhielt, rannte ich hinaus in die Nacht und die Klippe hinab bis zum Meer. Ohne mir meine Kleider auszuziehen, ging ich ins Wasser. Es war kühl geworden. Anscheinend würde der Sommer bald vorbei sein. Die Kälte holte mich einigermaßen wieder zurück. Während ich auf das Meer hinausstarrte, wurde ich gepackt und auf den Strand geworfen. Ein tiefes Knurren drang an mein Ohr. Stimmen um mich herum wurden laut. Blinzelnd sah ich mich um. Wieso sah ich alles doppelt und dreifach? Verdammtes Ale. Ich hatte heute noch nichts gegessen und zu viel getrunken. Wulfs besorgtes Gesicht erschien vor mir.

„Verschwinde.“

Doch er zog mich in seine Arme und hielt mich einfach nur fest. Verzweifelt wehrte ich mich gegen ihn, doch schon bald gab mein Körper auf und ich weinte bitterlich. Ich wollte nach Hause und ich machte mir fürchterliche Sorgen um Dorian und seinen kleinen Bruder Tyler. Wieso nur? Wieso machte ich mir Gedanken über Menschen, die ich gar nicht wirklich kannte? Mit Dorian vereinte mich nur ein leidenschaftlicher Kuss. Mit Tyler das Gefühl, einen kleinen Bruder zu besitzen. Ich musste mir einfach eingestehen, dass ich Angst hatte. Und gerade in diesen Moment lag ich in Wulfs Armen und weinte bitterlich, völlig durchnässt vom Wasser. Wo war die starke Frau hingegangen, die ich immer gewesen war? Seit meiner Ankunft in dieser Welt, hatte ich nicht so viel geweint wie in den letzten Tagen. Die Erlebnisse schienen wirklich viel zu viel für mich gewesen zu sein. Sie hatten mich schwach gemacht und das war ich eigentlich gar nicht. Aufgewachsen im Bayou, kannte ich die Gefahren und wusste auch damit umzugehen. Diese Welt hingegen war jedoch ganz anders. Es gab hier keine Sümpfe, keine Krokodile und keine Nachbarschaftsstreits die nicht immer glimpflich ausgegangen waren.

„Ich will nur nach Hause, Wulf. Wieso kann ich nicht nach Hause?“

Er hob mich hoch und drückte mich fest an sich. Er sagte etwas zu anderen, welche um uns herum standen. Ich hatte mich in ein emotionales Wrack verwandelt. Etwas, dass ich hatte niemals sein wollen. Schon immer musste ich stark sein und mir meine Schwäche nicht ansehen lassen. Doch das war jetzt wohl nicht mehr möglich.

„Du musst schlafen.“

Es war das erste Mal, seitdem ich hier angekommen war, dass jemand Du zu mir gesagt hatte. Ich kicherte und schlang meine Arme um Wulfs Hals. Es war eher Freundschaft, dass ich für ihn empfand, als er mich in die Burg zurückbrachte. Das Gefühl in Dorians Armen zu liegen, war ganz anders. Erotischer und er brachte meinen Körper immer wieder zum Vibrieren, wenn er mich anfasste.

„Danke Wulf.“

Ich schloss die Augen und versuchte meinen Kopf zu leeren. Ich spürte noch, wie ich auf einen weichen Grund abgelegt wurde, doch ich öffnete meine Augen nicht. Wulf entzog sich meinem Griff. Was danach geschah, wusste ich nicht mehr.

 

 

 

 

„….seit vier Tagen…..weiß mir nicht zu helfen…….Arzt ratlos……“

Wulfs Stimme drang bruchstückhaft an mein Ohr. Ich war noch nicht wirklich wach, doch ich versuchte meine Augen zu öffnen. Sie waren verklebt und das helle Licht tat weh. Deshalb blinzelte ich mehrmals und versuchte mein Gesicht von dieser Helligkeit abzuwenden. Dabei verspürte ich ein schmerzhaftes Ziehen in meinem Körper und ich stöhnte auf. Eine Hand legte sich auf meine Stirn und ich seufzte erleichtert auf. Sie war kühl und angenehm. Jedoch konnte ich nicht sagen ob sie zu einem Mann oder einer Frau gehörte. Es war mir auch egal. Sofort schlief ich wieder ein und mein Körper erschlaffte. Er wollte mir sowieso nicht wirklich gehorchen. Die Stimmen um mich herum, gingen mir auf die Nerven. Es war kein ruhiger und tiefer Schlaf mehr möglich. Meine Hand wurde gehalten und mehrmals zog ich sie weg.

„Wachen sie auf, Sarah. Bitte.“

Diese Stimme kam mir bekannt vor. War das Dorian? Aber dieser war ja gar nicht hier. Dieser musste ja verletzt in einen Kampf ziehen. Wütend knurrte ich auf und entwand mich der Hand, welche immer wieder nach mir griff.

„Nein. Lasst mich los.“

Doch nichts geschah. Etwas Kaltes und Nasses, wurde auf meine Stirn gelegt und ich schnappte ein paar Mal nach Luft, bevor ich die Augen öffnete. Das erste was ich sah, war Dorians Gesicht. Er hatte sich zu mir hinuntergebeugt und wirkte besorgt. Ich versuchte mich aufzusetzen, doch er drückte mich sanft wieder zurück.

„Bleiben sie liegen. Sie hatten hohes Fieber.“

Fieber? Ich hatte schon lange Zeit kein Fieber mehr gehabt. Ich runzelte dir Stirn. Es lag sicher an der Quelle, dem Essen oder dem Ale. Oder war es eine Mischung von allem? In dieser Welt gab es verdammt viele Keime, die mein Körper nicht gewohnt war. Mein Magen knurrte und mir leicht übel. Ich musste würgen und Dorian zog mich über den Bettrand und hielt mir einen Kübel hin. Ich fühlte mich elend und sofort legte ich mich wieder ins Bett. Das alles war mir peinlich.

„Geht es wieder?“

Er hielt mir eine Tasse mit klarem Wasser hin. Ich trank es aus. Wenn, dann musste sich mein Körper schneller an all diese Keime gewöhnen. Ein seltsames Rumoren in meinem Bauch gesellte sich zu meinem Hunger. Durchfall brauchte ich jetzt so dringend wie Fieber. Aber ich musste mich auch anders erleichtern. Deshalb versuchte ich aufzustehen.

„Wohin?“

Ich errötete und flüsterte in sein Ohr.

„Ich muss mal.“

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, bevor er mich kurzerhand aufhob und zu der Anlage brachte. Behutsam stellte er mich auf die Beine und schloss die Tür, damit ich in Ruhe mein Geschäft erledigen konnte. Aber es war kein Durchfall. Mein Körper entleerte sich einfach nur und ich musste noch einmal mich übergeben, bevor ich leichenblass es schaffte die Tür zu öffnen. Dorian ergriff mich sofort wieder und wollte mich ins Bett zurückbringen.

„Kann ich in die heiße Quelle? Ich möchte mir den Schweiß und den ganzen Schmutz abwaschen.“

Ich fühlte mich schlapp, doch ich wollte mich zuerst waschen. Dorian zögerte, doch er kam meinem Wunsch dann nach. Ich trug nur dieses Leinenhemd und sonst nichts an meinem Leibe. Bei der Quelle angekommen, stieg er einfach voll bekleidet in das Wasser und hielt mich fest. Mehrmals wollte ich mich ihm entziehen, doch er hielt mich einfach nur fest.

„Sie werden ja ganz nass.“

„Das ist mir egal.“

Er zog mich an sich und fing an meine Hände zu waschen. Dann fuhr er über meine Beine. Ich zitterte leicht in dem heißen Wasser.

„Ihr müsst hier schnell wieder hinaus. Ihr seid eiskalt.“

Er hatte Recht, aber ich fand es einfach nur herrlich mit ihm alleine in dieser Höhle zu sein.

„Wieso seid ihr wieder da?“

Er strich mir durchs Haar und starrte auf meine Lippen.

„Ich war fünf Tage weg.“

Fünf Tage hatte ich im Bett gelegen und war krank gewesen? Das war fast schon unmöglich.

„Wirklich?“

Er nickte. Seine Hände strichen sanft über meinen Rücken und ich legte meine Hände auf seine Schultern. Dieses natürliche Becken war nicht sehr tief. Dorian kniete mit mir im Wasser und es reichte uns beinahe bis zur Brust. Er schien nicht verletzt geworden zu sein. Erleichtert atmete ich auf. Doch Lord Dorian Mc Cormick machte sich über meine Lippen her und küsste mich sanft. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und setzte mich breitbeinig auf seine Schoss. Dabei rutschte das Hemd ein Stück nach oben und entblößte meine Oberschenkel. Ich konnte durch seinen dicken Kilt spüren, dass er bereits hart war, während ich ihn weiterhin küsste. Es wäre so einfach. Ich müsste nur seinen Rock ein Stück nach oben schieben und hätte freien Zugang zu seiner leicht zuckenden Erektion. Doch ich konzentrierte mich im Moment nur auf seinen Mund und seine Zunge, die meine zum Kampf herausforderte. Mehrmals stöhnte ich und auch er war nicht still dabei.

„Mein Gott. Auseinander.“

Konstanze stürmte auf uns zu und seufzend ließ ich Dorian los. Zwischen meinen Beinen kribbelte es stark und wäre die alte Schachtel nicht aufgetaucht, wäre es hier und jetzt zu einem unglaublichen Erlebnis gekommen. Traurig sah ich ihm in die Augen. Auch er schien nicht gerade froh darüber zu sein, dass wir gestört worden waren.

„Konstanze, was tust du hier?“

Sie schnaubte und rang mit den Armen.

„Sie vor einem Fehler zu bewahren. Heute kommt eure Braut. Ihr könnt doch nicht mit einer bürgerlichen, oder was immer sie ist ganz alleine sein.“

Er hatte eine Braut? Eifersucht keimte in mir auf und ich wandte mich sofort von ihm ab. Er und sonst niemand sollte sehen, wie sehr mich das traf. Die beiden unterhielten sich weiter, während ich mir nur an die Brust griff, einmal untertauchte und dann rasch das heiße Wasser verließ. Wenigstens hatte sie Decken mitgebracht. Ich schnappte mir eine davon und eilte hinauf in mein Zimmer. Warum küsste er mich mit dieser Intensität, wenn er bereits eine Braut hatte? War das normal für diese Zeit? Durfte ein Schotte sich neben seiner Frau, noch andere halten? Aber dann hatte Lord Dorian die Rechnung ohne mich gemacht. Meine Sachen waren längst getrocknet und ich zog sie wieder an. Es tat gut, wieder Unterwäsche zu tragen. Ein frisches Leinenhemd lag auf einer Kommode, welches ich anzog, bevor ich nach draußen ging. Nach dem Bad ging es mir wieder vollkommen gut. Auch wenn mir noch ein klein wenig schwindlig war. Was einen nicht umbrachte, machte einem härter. Außerdem hatte die Erkenntnis, dass Lord Mc Cormick niemals wirklich mir gehören würde, mir wieder einen neuen Energieschub verabreicht. Tyler und Wulf standen abseits und unterhielten sich. Als sie mich sahen, stellten sie ihr Gespräch ein und betrachteten mich aufmerksam.

„Können wir mit der Armbrust üben?“

Flehentlich blickte ich Wulf an. Dieser nickte leicht und ging davon. Wahrscheinlich holte er das Gerät.

„Ich bin froh, dass es ihnen wieder besser geht.“

Ich blickte zu Tyler und nickte leicht.

„Leistest du mir Gesellschaft? Ich will jetzt nicht alleine sein.“

Kurz runzelte er die Stirn, nickte jedoch. Wulf kam mit der Armbrust und zwei weiteren zu uns. Ich hatte es satt, sie ständig in höflicher Form anzureden. Ich ging voraus auf den Übungsplatz.

„Bitte sagt Sarah zu mir. Ich bin keine Lady und werde dies auch niemals sein.“

Dabei musste ich wieder an Dorians Braut denken. Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich ließ mir aber nichts anmerken.

„Darf ich euch mit euren Vornamen anreden?“

Sie stimmten eifrig zu, als wir den Platz erreicht hatten. Wir machten ein paar Schussübungen, als Dorian erschien.

„Lady Mitchell?“

Bei seiner förmlichen Anrede, versteifte ich mich sofort.

„Ich bin Sarah und keine Lady. Das habe ich Wulf und Tyler vorher auch schon gesagt.“

Ich klang wütender, als ich beabsichtigt hatte. Doch ich widmete all meine Aufmerksamkeit der Tafel vor mir zu und Schoss.

„Dürfte ich alleine mit euch sprechen?“

Er stand jetzt neben mir, doch ich schüttelte nur den Kopf.

„Das darfst du nicht. Erstens schickt es sich nicht und zweitens will ich jetzt üben.“

Er griff nach meiner Hand und nahm mir die Armbrust weg.

„Ihr seid gerade erst aufgestanden. Ihr müsst euch ausruhen.“

Ich schnaubte und nahm ihm die Armbrust wieder weg.

„Das geht dich überhaupt nichts an. Mir geht es gut und ich will jetzt üben. Geh und warte auf deine Braut.“

Tyler hinter mir zog lautstark die Luft ein und Wulf legte mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. Ich schüttelte diese jedoch ab und funkelte Dorian wütend an, bevor ich mir provokant über den Mund wischte. Eine eindeutige Geste, damit er wusste, dass ich seine Küsse nicht mehr länger ertrug. Sein Gesicht wurde ausdruckslos, während ich ihn herausfordernd anstarrte. Die Meldung schien gesessen zu haben. Nur seine Finger ballten sich zu Fäusten und öffneten sich wieder, bevor er herumwirbelte und verschwand. Als er weg war, wagte ich es wieder zu atmen. Wulf nahm mir die Armbrust weg und Tyler trat vor mich. Er sah mir kurz in die Augen, bevor er einfach seine Arme um mich schloss und mich festhielt. Zwei weitere Arme legten sich um meinen Körper, bevor sich Wulf von hinten an mich drängte. Wir mussten ein lustiges Bild abgeben und ich konnte ein Kichern nicht verkneifen.

„Ein Sarah Sandwich.“

Tyler hob den Blick und sah mich fragend an.

„Das ist ein Brot mir Wurst, Käse und Salat in der Mitte.“

„Klingt lecker. Wollen wir Margarethe besuchen und du zeigst mir das?“

Wulf stimmte sofort bei. Ich mochte die beiden. Sie waren zwar von Grund auf verschieden, doch sie waren die einzigen Männer, mit denen ich normal umgehen konnte. Meine Knie zitterten leicht, als sie mich in die Küche führten. Ich ließ mir aber nichts anmerken. Etwas schlapp setzte ich mich auf den Stuhl, den Wulf mir bereitstellte. Die wilden Jungs hatten doch eine weiche Seite und diese mochte ich. Zu dritt saßen wir bei dem kleinen Tisch in der Ecke, während Margarethe uns bewirtete.

„Ihr seid wieder gesund. Ich bin so froh.“

„Danke Margarethe, aber ich wollte sie fragen, ob ich etwas für die beiden zubereiten darf. Es heißt Sandwich.“

Fragend blickte sie mich an, nickte jedoch dann leicht. Ich küsste sie auf die Wange, als ich nach dem Brot griff.

„Ihr könnt mir aber helfen, ich zeige es euch. Und wenn es ihnen schmeckt, könnten sie es ihnen immer zwischendurch machen, wenn ich nicht mehr da bin.“

Als ich es ausgesprochen hatte, schlug sie mir mit ihrem Fetzen in der Hand auf den Hintern.

„Wo wollt ihr schon hingehen? Sie gehören hier her.“

Ich sah sie erstaunt an, musste aber grinsen. Als würde sie entscheiden, ob Sarah hier bleiben würde können oder nicht. Sobald Dorian seine Braut an seiner Seite hatte, würde sie wohl verschwinden müssen.

„Ich bin Sarah und bitte sagen sie du zu mir.“

Sie nickte und stellte sich neben mich. Schnell schnitt ich das Brot auf und verlangte nach Wurst und Käse. Sie brachte mir alles und ich schnitt dünne Streifen davon ab.

„Gekochte Eier habt ihr auch?“

Schnell brachte sie mir zwei davon. Nachdem alles geschnitten war, fing ich das Brot zu belegen an. Gab es hier so etwas wie Ketchup? Als ich fertig war, sah ich mich suchend um.

„Und jetzt?“

Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft.

„Tomatensoße oder eine andere Soße?“

Ihre Mine erstrahlte. Sie ging in zu einem Schrank und brachte mir ein Glas. Ich steckte meinen Finger hinein und kostete. Das tat man zwar nicht, aber dies waren einfach andere Zeiten. Es schmeckte beinahe wie Ketchup. Nur die Süße fehlte. Deshalb gab ich ein paar Löffeln von der Soße in eine kleine Schale und griff nach dem Zucker vor mir. Sie beäugte mich kritisch, als ich beides vermengte und immer wieder kostete. Als der Geschmack so ziemlich passte, schmierte ich es auf den Deckel des Brotes, klappte es zusammen und schnitt mit dem Messer es in kleine Stücke. Dann nahm ich den Teller und zog sie mit mir zum Tisch.

„Das ist ein Sandwich.“

Alle drei blickten ungläubig auf das Brot und dessen Inhalt. Doch sie nahmen sich jeder ein Stück davon und kosteten. Auch ich nahm mir ein Stück und verschlang es regelrecht. Mit den hartgekochten Eiern, schmeckte es köstlich. Die Wurst und der Käse waren angenehm würzig und man brauchte kein Salz oder Pfeffer mehr. Mit dem Ketchupersatz, war es nicht zu trocken. Genau beobachtete ich ihre Minen, als sie den ersten Biss nahmen. Margarethe sprang sofort auf und fiel mir um den Hals.

„Das ist sehr gut. Was könnt ihr noch?“

Plötzlich hielt sie still.

„Du, meinte ich.“

Lachend hielt ich sie fest.

„Wenn du möchtest, kann ich dir noch viel mehr beibringen.“

Sie nickte eifrig, schnappte sich ein weiteres Stück des Brotes und verschwand aus der Küche.

„Du darfst dich glücklich schätzen. Normalerweise dürfen wir nur still hier sitzen und uns bedienen lassen. Niemand darf an ihre Geräte oder an ihren Herd.“

Tyler zwinkerte mir zu und griff bereits nach dem zweiten Stück. Schnell nahm ich mir noch ein Stück und setzte mich wieder. Wulf murrte leicht, während er bereits das Dritte aß. Beiden schien es zu schmecken. Als der Teller leer war, blickten sie mich nur traurig an. Von Margarethe war weit und breit nichts zu sehen. Ansonsten befand sie sich niemand in der Küche.

„Wo finde ich rohe Eier, Zwiebeln und Speck? Dann zaubere ich euch noch ein leckeres Essen.“

Denn ich hatte noch Hunger. Tyler sprang auf und brachte mir die Sachen. Das waren einfache Lebensmittel, die es selbst in dieser Zeit gab. Ich schnitt die Zwiebeln und den Speck klein und schlug die Eier in eine große Schale. Dann griff ich nach einer der Pfannen, welche über dem Herd hingen. Das Feuer schien hier wohl nie auszugehen. Deshalb war auch die Pfanne schnell heiß. Ich gab die Zwiebeln hinein und briet sie an, bevor ich den Speck hinein gab. Dieser bestand hauptsächlich nur aus Fett. Deshalb benötigte ich kaum ein Öl. Beides briet ich braun an, bevor ich die Eier, Salz und Pfeffer in die Pfanne gab. Während das ganze kochte, griff ich nach dem Käse. Ich schnitt ein paar dünne Streifen ab und legte sie in die Pfanne. Der Geruch von Heimat, breitete sich aus und ich zog den Geruch tief ein. Margarethe würde sich wundern, wenn sie dies hier kosten würde. Ich konnte ihr noch viel beibringen. Ob es die Männer mochten oder nicht, war eine andere Sache. Das Omelette schlug schon Blasen, bevor ich es von der Feuerstelle nahm. Mit drei Gabeln in der Hand, brachte ich es zu den Jungs. Aufmerksam hatten sie mich beobachtet. Ich stellte die Pfanne einfach auf den Tisch und nahm den ersten Bissen. Das restliche Brot lag ganz in der Nähe und ich riss mir ein Stück davon ab. Ich gab mit der Gabel ein wenig Ei darauf und biss herzhaft hinein. Bisher hatten sie mich nur verwundert angesehen, bevor sie selbst probierten. Es brannte ein regelrechter Krieg aus um den Inhalt der Pfanne. Tyler und Wulf stürzten sich wie wilde Tiere auf den Inhalt. Ich konnte gerade noch ein kleines Stück retten, bevor Margarethe wieder in die Küche kam.

„Was ist hier los?“

Tyler und Wulf hielten inne und senkten verlegen den Blick. Mit der Köchin schien es sich wohl niemand verscherzen zu wollen.

„Koste.“

Ich reichte ihr meinen Teller und meine Gabe. Auch wenn ich gerade erst mehrmals übergeben hatte, so konnte ich mich trotzdem nicht zurückhalten mit dem Essen. Es wäre zwar Schade um das leckere Essen, doch ich hatte so das Gefühl, dass ich heimische Kost leichter vertragen konnte, als die Kost aus dieser Zeit. Margarethes Blick war kritisch, doch sie kostete und schrie begeistert auf. Sie reichte mir den leeren Teller wieder und ich musste schmunzeln. Vorwurfsvoll starrte sie auf die leere Pfanne.

„Du kommst morgen zu mir. Wir haben viel zu kochen für die Verlobungsfeier.“

Da war der Gedanke wieder daran, dass Dorian heiraten würde und ich hier nicht in diese Welt gehörte. Aber in der Küche fühlte ich mich wohl. Somit würde ich nicht sehen müssen, wie er die Frau küsste oder sie in den Armen hielt, wenn verkündet wurde, dass die beiden bald Mann und Frau sein würden. Dorian hatte mich zwar geküsst, doch heute würde seine Braut ankommen und dann endete das Märchen. Und was würde dann aus mir werden? Ich setzte mich gerade auf und blickte zwischen Tyler und Wulf hin und her. Beide hatten sie die Augen geschlossen und hielten sich ihre Bäuche. Ich wollte nach Hause. Der Drang war so stark, dass ich aufsprang und einfach aus der Küche floh, ohne Margarethe oder den beiden Schotten noch einen Blick zuzuwerfen. Doch wo sollte ich hin? Ich entschloss mich für den Strand. Dort würde ich alleine sein und konnte meinen Gedanken nachhängen. Der Drang jetzt und sofort nach Hause zu kommen, wurde immer größer. Mein Brustkorb hatte sich schmerzhaft zusammengezogen, während ich an Dorian und an seine Braut dachte. Wie sie wohl sein mochte? Sicher so wie Konstanze, denn sie war die einzige Frau, die mir neben Margarethe begegnet war auf dieser Burg. Die restlichen Bewohner schienen rein nur aus Männern zu bestehen. Während ich über den Strand ging, sammelte ich ein paar Muscheln ein. Diese Arten gab es nicht in meiner Zeit. Sie waren wunderschön und schillerten in allerlei Farben. Dass mir jedoch jemand folgte, fiel mir erst viel später auf. Es waren Tyler und Wulf. In einem weiten Abstand, gingen sie hinter mir über den Sand und behielten mich die ganze Zeit im Auge. Seufzend blieb ich stehen. Es gab wohl kein entrinnen und keine Möglichkeit für einige Zeit alleine zu sein. Als sie aufgeschlossen hatten, schlug ich ihnen sanft auf die Schultern.

„Ihr könnt mich nicht für ein paar Minuten aus den Augen lassen, oder?“

Wulf schnaubte und Tyler schüttelte den Kopf.

„Dorian würde mir den Kopf abreißen.“

Als würde mich das jetzt noch interessieren. Er hatte schon eine Frau und diese Heirat war schon lange vor mir zustande gekommen. Ich blickte die beiden an und stemmte die Hände in die Hüften.

„Mich interessiert herzlich wenig, was der gnädige Lord denkt. Ich würde von jetzt an gerne an dem Ort schlafen, wo ich aufgewacht bin. Ich muss alles versuchen, dass ich wieder in meine Zeit komme.“

Tyler und Wulf warfen sich einen traurigen Blick zu, doch sie nickten beide. Auf keinen Fall würde ich jemals wieder in dieser Burg schlafen. Wozu auch? Es gab hier nicht mehr länger einen Platz in dieser Burg für mich. Auch hatte ich jetzt keine Lust mehr am Strand spazieren zu gehen. Meine Bewacher gingen mir auch auf die Nerven.

„Da ihr mir sowieso keine freie Minute gönnt, bringt mich zurück zu Margarethe. Ich werde mit ihr das Abendessen vorbereiten und anschließend mich zurückziehen.“

Wulf schüttelte den Kopf, während Tyler nur sanft nickte. Wütend stemmte ich die Hände in die Hüfte.

„Hört auf damit. Lasst mich einfach in Ruhe. Ich bin fremd hier und werde schon bald wieder zu Hause sein. Also ab in die Küche und dann richtet ihr mir an dem Platz, den ich euch gleich zeigen werde, ein Nachtlager auf. Nachdem seid ihr entlassen.“

Wütend stapfte ich den Weg zurück auf die Klippe. Tyler und Wulf folgten mir, sagten jedoch kein Wort mehr. Noch immer konnte man erkennen, wo ich vor etlichen Tagen aufgewacht war in einer anderen Zeit.

„Genau hier.“

Ich deutete auf das niedergetrampelte Gras und wandte mich dann zu Burg, um Margarethe bei den Vorbereitungen helfen zu können. Ob die beiden mir folgten oder nicht, war mir egal. Nicht länger war ich hier auf dieser Burg erwünscht. Nicht, wenn Mc Cormick bereits eine andere Frau hatte. Hatte ich wirklich gedacht, dass sich ein Schotte aus dem vierzehnten Jahrhundert in mich verliebte? Wenn ich jetzt darüber nachdachte, dann klang das mehr als nur lächerlich. Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Schon von Anfang an, hätte ich mir bewusst sein müssen, dass der Lord eines Landes gewissen Dingen den Vorrang gab. So etwa wie um die Wahl seiner Braut. Während ich in die Küche ging, verstand ich auch das Verhalten von Konstanze. Sie hatte schon vorher gewusst, dass Dorian für eine andere bestimmt gewesen war. Hoffentlich wurde er mit ihr glücklich.

 

 

 

Seufzend wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Auch wenn es mir nicht gut ging und ich mich am liebsten Schlafen gelegt hätte, so half ich doch Margarethe bei den Speisen. Besonders bei den Gewürzen und verfeinern der Speisen, war sie sehr dankbar. Immer wieder kostete sie und nickte zustimmend, während Diener das Essen zu der großen Party in den Speisesaal brachten. Jetzt fehlte nur noch die Nachspeise. Ich hatte ihr ein einfaches Rezept für einen Kuchen gegeben. Dieser musste jetzt einfach nur noch verfeinert werden. Margarethe hatte keine Probleme damit, dass ich ihre Küche auf den Kopf stellte und darin herumwerkelte. Im Gegenteil. Sie sah mir ständig über die Schultern und schien sogar froh darüber zu sein, dass ihr jemand etwas Neues beibrachte. Nachdem ich den Kuchen verziert, und alles abgewaschen hatte, sah ich sie dankbar an.

„Ich ziehe mich jetzt zurück.“

Herzhaft gähnte ich. Bevor ich gehen konnte, herzte mich Margarethe und küsste mich auf die Wange.

„Du wärst eine viele bessere Herrin, als diese Schlange, die nur sein Geld und seinen Titel will.“

Ich entzog mich ihr, lächelte und verschwand aus der schmalen Tür, welche direkt zur Klippe führte. Wulf, Tyler und Dorian hatte ich den ganzen Nachmittag nicht mehr gesehen. Die Sonne war gerade untergegangen und ich erblickte erleichtert ein kleines Zelt, welche mir Wulf und Tyler aufgestellt hatten. Doch ich legte mich völlig erschöpft und müde in das Gras und starrte in den Sternenhimmel.

„Bring mich nach Hause. Bitte. Ich will nicht mehr länger hier sein. Das ist nicht meine Zeit und nicht mein Leben.“

Ich versuchte die üblichen Sternbilder über mir auszumachen. Den großen und kleinen Waagen, Orion und mein eigenes Sternzeichen. Es gab hier jedoch so viele Sterne, dass ich eine Weile brauchte, um sie ausmachen zu können. Jeder einzelne von ihnen leuchtete sehr hell. Aber bevor ich einschlief, schaffte ich die zu benennen, welche ich kannte. Selbst mein Sternzeichen war dabei und stand jetzt direkt über mir.

„Bringt mich einfach nur so schnell wie möglich zurück.“

Dorian hatte sich scheinbar entschieden. Er feierte gerade mit seiner neuen Frau eine riesige Party, während ich hier auf der Klippe lag, weit entfernt von dem Trubel und versuchte ein wenig Schlaf zu finden. Ich bereute die vielen Küsse mit Dorian und auch das Baden im Keller. Ich fing an, wütend auf ihn zu werden. Er hätte mir schon viel früher sagen können, dass es bereits eine Frau in seinem Leben gab, die er schon bald zu seiner Frau machen würde. Lord Dorian Mc Cormick wusste genau so wenig über meine Welt Bescheid, wie Tyler und Wulf. Die beiden würde ich furchtbar vermissen. Ob der große Krieg in Schottland vorbei war, konnte ich nicht sagen. Dazu fehlten mir mein Laptop und eine Internetanbindung. Doch Mc Cormick würde mir immer im Gedächtnis bleiben. Auch an alles andere würde ich mich erinnern und niemals mehr vergessen. War ich vielleicht die ausschlaggebende Kraft, die den Schotten dem Sieg brachte? Den Sieg, der in den Geschichtsbüchern stand? Wohl kaum. Es tat einfach nur fürchterlich weh zu wissen, dass Dorian einer anderen gehörte und ich nur eine Liebelei in seinen Augen war. Hätte ich mich mal an Tyler gehalten. Auch wenn er jung war, so war er doch bisher liebevoll und zuvorkommend mit mir umgegangen. Doch mein Herz schlug nicht schneller, wenn ich an Tyler dachte. Es schlug schneller, wenn ich an die leidenschaftliche Küsse von Dorian dachte. An seine Hände, die meinen Körper auskundschafteten und mich festgehalten hatten. Je schneller ich ihn vergaß, umso weniger tat es weh. Doch schon jetzt fühlte es sich an, als hätte mir jemand mit einem brennenden Schwert mein Herz herausgerissen. Deshalb schloss ich die Augen und versuchte so schnell wie möglich einzuschlafen, damit ich am nächsten Morgen zu Hause aufwachte. Dorian war tabu und keinen anderen wollte ich haben. Auch wenn andere sich sensibler und freundlicher mir gezeigt hatten, so wollte ich doch nur Lord Dorian Mc Cormick.

 

 

 

 

Drei weitere Tage waren vergangen und die einzigen Besucher in meinem Zelt waren Tyler, Wulf und Margarethe. Ich hatte die Burg nicht mehr betreten seit jener Nacht und ich wollte dies auch nicht mehr tun. Ständig versuchten mich die Drei mich wieder in die Burg zu locken, doch ich wollte nicht. Auf keinen Fall wollte ich Dorian mit seiner Frau begegnen. Wulf war so nett gewesen, mir zwei Armbrüste zu bringen und etliche Pfeile. Ich übte, ging im Meer schwimmen und lag in der Wiese, um endlich wieder nach Hause zu kommen. Doch es gelang mir nicht. Egal was ich auch versuchte, ich wachte einfach nicht mehr in meiner Zeit auf. Heute ging ich fischen. Dank meines Feuerzeuges, besaß ich jede Nacht ein warmes Feuer. Doch wie lange würde das noch funktionieren? Deshalb ging ich sparsam damit um und hielt das Feuer den ganzen Tag über am Brennen. Ich briet gerade einen Fisch und eine riesige Krabbe, als ich das Getrappel von Pferden vernahm. Ich hob den Kopf und sah ungefähr dreißig Schotten auf Pferden, welche sich der Burg näherten. Gehörten sie zu den Guten, oder den Schlechten? Bevor ich es herausfinden konnte, ritten fünf Männer auf mich zu und schwangen ihre Schwerter drohend. Zwei schoss ich von ihren Pferden, die anderen drei hatten mich jedoch schon erreicht. Aber sie waren nicht alleine. Ich sah, das noch weitere fünf auf uns zukamen, während ich mich mit Händen und Füßen gegen sie wehrte. Ich kam nicht dazu die Armbrüste nachzuladen, da verspürte ich schon einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Keuchend ging ich zu Boden. Wenigstens hatte ich mindestens sechs von ihnen, außer Gefecht gesetzt, bevor die Dunkelheit sich um mich legte. Warum galt meine letzten Gedanken Dorian? Er befand sich in seiner Burg und in Sicherheit. Wulf und Tyler würden ihn schützen vor diesem Angriff. Ich sah noch, wie das Feuer vor mir gelöscht wurde, bevor starke Arme nach mir griffen und ich gefesselt auf einem Gaul landete. Dann schwanden meine Sinne und die Sterne vor meinen Augen wurden immer intensiver.

 

 

 

 

Ein harter Schlag in mein Gesicht, holte mich aus meiner Ohnmacht zurück. Arme und Beine waren gefesselt. Ein übler Geruch stieg mir in die Nase, als ich versuchte meine Augen zu öffnen. Eines meiner Augen, wollte mir jedoch nicht gehorchen. Es schmerzte und schien vollständig zugeschwollen zu sein.

„Sie ist wach.“

Bei dieser rauen und lauten Stimme, zuckte ich erschrocken zusammen.

„Dann lasst mich ihr ein paar Fragen stellen.“

Jemand packte mich und ich wurde mit Gewalt auf die Beine gezogen. Der Mann, der vor mir stand, stank schrecklich. Auch sah er aus, als wäre er schon ziemlich alt. Irgendwie erinnerte er mich an die Männer in der Nacht, als ich mich versuchte alleine gegen sechs zu behaupten, bevor Dorian mir geholfen hatte. Diesmal würde mir Dorian jedoch nicht helfen. Ich war auf mich alleine gestellt.

„Zuerst will ich wissen, wieso ihr Männerkleidung trägt.“

Obwohl meine Wange und mein Auge schmerzten, musste ich lächeln.

„Weil ich anders bin als andere Frauen.“

Wieso sollte ich ihm die Wahrheit verschweigen. Doch mich traf ein weiter Schlag ins Gesicht und mein Kopf fiel zur Seite. Ich schmeckte Blut in meinem Mund und spuckte den Mann vor mir an. Ich war auf keinen Fall eine leichte Beute. Trotz meiner Fesseln, lehnte ich mich an ihn, zog meine Knie an und rammte sie ihn zwischen die Beine. Keuchend fiel er zu Boden. Dabei riss er mich mit und ich fiel selbst hin. Sofort stürzten sich zwei Männer auf mich, doch ein Schrei ließ sie in ihrer Bewegung erstarren.

„Diese Frau gehört mir.“

Eine Hand vergrub sich in meinen Haaren und zog meinen Kopf schmerzhaft nach hinten.

„Ich will nur wissen, wie man in die Burg kommt.“

Als würde ich das wissen. Ich lachte wieder auf, konnte aber noch immer nicht klar sehen. Alles war leicht verschwommen.

„Auch wenn ich es wüsste, würde ich es euch nicht sagen.“

Wieder spuckte ich ihm einen Schwall voll Blut ins Gesicht. Hoffentlich war es sein Gesicht, denn wirklich sehen konnte ich ihn nicht. Sein Griff in meinem Haar wurde stärker und ich schrie erschrocken auf. Sicherlich besaß ich jetzt ein paar Haare weniger. Etwas traf mich auf der Brust und ich fiel keuchend zu Boden. Wenigstens hielt mich jetzt keiner mehr an den Haaren fest. Sofort versuchte ich mich in Sicherheit zu bringen, doch mich trat ein Fuß in die Niere, sodass ich mich kreischend zusammenkrümmte.

„Sie wird schon reden, wenn ich mit ihr fertig bin.“

Eine Hand legte sich um meinen Hals und schnürte mir die Luftzufuhr ab. Erschrocken schnappte ich nach Luft, während ich mich versuchte dem harten Griff zu erwehren. Wären meine Hände und Beine nicht gefesselt gewesen, hätte ich mich einigermaßen selbst helfen können. Mit einem Ruck wurde ich über die Schulter eines Mannes geworfen, der mich in ein Zelt brachte. Es war taghell, doch ich hatte noch immer Schwierigkeiten etwas erkennen zu können. Was anschließend kam, versuchte ich gleich aus meinem Gedächtnis zu löschen. Gefesselt und diesem Rüpel ausgeliefert, konnte ich einfach nur still daliegen und hoffen, dass alles schnell vorbei war. Meine Kleidung war zerfetzt worden, als er endlich von mir abließ und mich noch einmal ins Gesicht schlug.

„Die Burg. Wie kommen wir rein?“

Tränen rannen mir über die Wangen. Mein Unterleib brannte wie die Hölle und ich fühlte mich schrecklich. Wäre ich in meiner Welt gewesen, wäre es niemals so weit gekommen. Schon vorher hätte ich den Mann mit meiner Waffe erschossen. Und nicht nur ihn. Zwölf Kugeln, zwölf Verletzte oder Tote. Doch die anderen hätten mich trotzdem überwältigt.

„Woher soll ich das wissen?“

Weinend wandte ich den Kopf zur Seite und versuchte nicht an den Samen zu denken, der zwischen meinen Beinen herauslief. Zum Glück hatte ich kurz vor meiner Abreise noch eine Spritze bekommen, welche mich drei Monate lang vor einer Schwangerschaft schützte. Auf keinen Fall wollte ich von diesen Barbaren ein Kind erwarten. Noch ein Schlag und ein Tritt. Langsam verspürte ich keine Schmerzen mehr. Alles hallte nur noch dumpf in meinem Kopf nach.

„Bitte. Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin noch nicht so lange dort gewesen. Ich weiß gar nicht, was ihr wirklich von mir wollt.“

Noch ein Schlag. Jemand betrat das Zelt, doch ich konnte ihn nicht sehen. Eigentlich konnte ich sowieso nur schemenhaft etwas erkennen. Als jemand nach meiner Hüfte griff und brutal in mich eindrang, schrie ich vor Schmerzen auf. Wenn das so weiter ging, würde ich nicht mehr lange am Leben sein. Ich würde niemals wieder nach Hause zurück können. Weder Tyler, noch Wulf, noch Dorian oder Margarethe würde ich wieder sehen. Ich schloss die Augen, ließ meinen Tränen freien Lauf und versuchte ganz still dazuliegen. Umso weniger ich mich wehrte, umso weniger würde es wehtun. Jemand griff nach meiner linken Brustwarze und zog kräftig daran. Ein weiterer Schrei, eine weitere Frage die mir gestellt wurde und wieder konnte ich sie nicht beantworten. Ich hatte keine Ahnung, wie lange diese Befragung dauerte. Irgendwann fiel ich in einen tiefen Schlaf, während mein Körper höllisch schmerzte. Die anderen Folterungen, welche mir noch zu Teil wurden, bekam ich nicht mehr wirklich mit. Es war mir auch egal. Ich wünschte mir sogar auf der Stelle zu sterben, damit ich dieser Welt entfliehen konnte. Doch Gott schien einen anderen Plan mit mir zu haben. Noch nie hatte ich zu ihm gebetet oder nur an ihn geglaubt. Doch im geheimen schickte ich einige Stoßgebete aus, bevor sich eine undurchdringliche Dunkelheit auf mich legte.

 

 

 

 

Eine übel riechende Hand legte sich auf meinen Mund, während jemand an meinen Fesseln zerrte. Ich wollte nicht schon wieder gefoltert werden. Meine Gelenke schmerzten und auch mein restlicher Körper wollte mir nicht wirklich gehorchen.

„Wir sind hier.“

War das Tyler? Ich versuchte meine Augen zu öffnen, doch es gelang mir nicht. Etwas wurde um meinen Körper gewickelt, als meine Fesseln gelöst waren. Stöhnend bäumte ich mich auf. Jeder Knochen und jede einzelne Stelle meines Körpers tat weh. Ich wollte meine Beine schließen, doch es ging nicht. Egal wie sehr ich es wollte, es ging einfach nicht. Es lag nicht nur an meinen Hüften, sondern auch an das starke Brennen in meinem Unterleib. Noch immer glaubte ich, dass Feuchtigkeit daraus hinauslief. War das noch immer Sperma? Jemand wollte mich aufheben, doch ich schrie schmerzhaft auf.

„Verdammt.“

Jemand fluchte und ich versuchte die Stimme zuzuordnen, die ich schon einmal gehört hatte. Zögerlich tastete ich einen dicken Arm ab. Konnten sie mich nicht endlich in Ruhe lassen? Wie lange wollten sie mich noch foltern? Ich hatte ihnen nicht sagen können, wie sie in die Burg kamen. Woher sollte ich diese Information auch haben?

„Nein. Nicht noch einmal.“

Obwohl es wehtat, versuchte ich mich zu wehren.

„Sarah. Ich bin es Tyler.“

War es möglich, dass sie mich gefunden hatten? Aber wieso sollten sie das tun? Ich gehörte nicht zu ihnen, ich war eine Fremde und sehnte mich nach meiner Heimat. Auf keinen Fall war Tyler, der kleine Bruder von Dorian, hier. Wieso war er nicht selbst gekommen? Weil er bei seiner Braut im Bett lag. Ein weiterer Stich, durchfuhr meine Brust und ich krümmte mich zusammen. Ich wollte wieder schreien, doch eine Hand legte sich auf meinen Mund.

„Sei still.“

Als würde ich das können, solange man versuchte mich zu bewegen. Ich hielt still und versuchte den Schmerz zu verdrängen, der wie ein glühendes Eisen durch meinen Körper fuhr.

„Du blutest stark. Wir müssen hier weg und zwar schnell.“

Als würde ich das nicht selbst wissen, wenn Tyler wirklich hier war. Das war sicher nur ein Traum. Ich befand mich noch immer in Gefangenschaft und man folterte mich weiterhin.

„Halte dich fest an mir. Wir verschwinden von hier.“

Stöhnend versuchte ich seinem Befehl folge zu leisten, doch es gelang mir nicht. Mein Körper wollte mir einfach nicht gehorchen. Mit einem Ruck wurde ich aufgehoben. Ich schaukelte kraftlos in den Armen eines Mannes. Stille Flüche, von mir fremden Stimmen drangen an mein Ohr. Was auch immer hier gerade geschah, Tyler schein wirklich bei mir zu sein und ich wurde gerettet. Wie auch immer sie es geschafft hatten, es war mir recht herzlich egal. Hauptsache ich kam von diesen brutalen Männern weg. Weitere Arme griffen nach mir, bevor ich hochgehoben wurde.

„Tyler?“

„Ich bin hier und wir bringen dich zurück.“

Zurück? Wohin? Nach Hause? Das war es, was ich mir jetzt am sehnlichsten wünschte.

„Nach Hause.“

Das war es, wo ich hin wollte. Ich wollte das alles hier vergessen und endlich wieder neben meinem Wagen aufwachen. Sehnlichst wünschte ich mir, dass dies alles nur ein böser Traum war. Ein Traum, den ich schnell vergessen würde können, sobald ich wieder hinter dem Steuer meines Wagens saß. Mein Kopf fiel hart gegen seine Brust, bevor mein Verstand wieder aussetzte und mich der Schmerz in eine Ohnmacht trieb.

 

 

 

 

Zusammengekauert wie ein Häufchen Elend, saß ich am Strand und starrte hinaus auf das Meer. Keine drei Tage war es her, dass mich Tyler, Wulf und ein paar andere aus den Fängen dieser Wilden befreit hatten. Dorian war nur einmal kurz bei mir gewesen. Seine neue Frau schien ihn vollständig für sich einzuvernehmen. Aber war das auch ein Wunder? Nein. Sie würde seine zukünftige Frau werden und schon bald würde sie über diese Burg herrschen. Sie würde den Mann bekommen, in den ich mich verliebt hatte. Das war mir klar geworden, als ich Dorian das letzte Mal wiedergesehen hatte. Mein Auge war noch leicht geschwollen, doch ich konnte wieder normal sehen. Wulf und Tyler ließen mich keine Sekunde aus den Augen und umso verwunderlich war es, das ich schon seit ein paar Stunden alleine am Strand saß und meinen Gedanken nachhängen konnte. Bisher hatte mich noch keiner gesucht oder auch nur nach mir gerufen. Der Drang nach Hause zu kommen, war in den letzten Tagen so stark geworden, dass ich kaum noch aß oder trank. Margarethe machte sich Sorgen um mich, genau so wie einige andere in der Burg. Das Zelt auf der Klippe, war mein neues zu Hause geworden. In der Burg wollte ich nicht länger bleiben. Schon alleine deshalb nicht, weil ich dann Dorian mit seiner neuen Flamme begegnet wäre. Und das konnte ich noch immer nicht. Ich verkraftete die Tatsache nicht, dass er vergeben war und er mich nie wieder Küssen würde können. Ich hatte viel geweint in den letzten Tagen. Jetzt würde ich es gerne, doch es kamen keine Tränen mehr aus meinen Augen. Stattdessen verbrachte ich den halben Tag damit zu trainieren um mich wieder fit zu bekommen. Fit für den nächsten Angriff, damit ich mich verteidigen konnte. Niemand sollte jemals wieder die Gelegenheit bekommen, mich zu überwältigen. Nie wieder wollte ich ein Opfer sein. Stattdessen starb ich lieber in einem ebenbürtigen Kampf. Während ich darüber nachdachte, setzte sich Tyler neben mich. Er holte ein paar Mal Luft, versuchte etwas zu sagen, blieb jedoch stumm. Das war auch gut so. Viele Male hatte er versuchte mit mir zu sprechen, doch ich hatte ihm nicht zugehört. Wulf war sicher ganz in der Nähe. Sie hatten mich sicher schon die ganze Zeit beobachtet.

„Alles in Ordnung?“

Ich lachte hysterisch auf und verstummte sogleich wieder. War seine Frage rhetorisch oder ernst gemeint?

„Wie wäre es, wenn du und Wulf ihr euch einfach um die neue Herrin kümmert? Sie braucht sicher mehr Schutz als ich.“

Ich legte mein Kinn auf meine Knie und beobachtete die Wellen vor mir. Es war ein beruhigendes Schauspiel. In den letzten Tagen hatte ich mich gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn ich ins Meer ging und einfach nicht mehr an die Oberfläche kam? War das Gefühl zu ertrinken schlimmer als das, was mir wiederfahren war? Tyler neben mir schnaubte nur verächtlich. Er vergrub seine Finger im Sand und folgte meinem Blick zum Meer hinaus.

„Es hat nicht funktioniert, dass du nach Hause kommst, oder?“

Natürlich nicht, denn ansonsten wäre ich nicht mehr hier. Ich gab ihm keine Antwort. Mir war nicht nach Reden zumute. Ich wollte einfach nur alleine sein. Wieso wollten sie es nicht verstehen?

„Heute Abend findet die Vermählung statt.“

Musste Tyler mir auch noch das glühende Eisen tiefer in mein Herz rammen? Weiterhin ignorierte ich ihn.

„Mein Bruder wünscht deine Anwesenheit.“

Noch immer gab ich keinen Ton von mir. Da konnte er warten, bis er schwarz wurde. Auf keinen Fall würde ich erscheinen und mir noch mehr Schmerzen damit zufügen. Langsam sollte ich etwas sagen, aber ich konnte es einfach nicht. Meine Kehle war ausgedörrt und ich brachte es einfach nicht übers Herz, mich zu diesem Thema zu äußern.

„Sarah. Es bedeutet ihm sehr viel.“

Langsam wandte ich den Kopf in seine Richtung. Tyler starrte mich bittend an.

„Nein.“

War das einzige, was ich herausbrachte. Und damit war für mich das Thema auch schon wieder abgeschlossen. Ich stand auf, putzte mir den Sand von meiner Hose und kletterte die Klippe hinauf zu meinem Zelt. Auf keinen Fall würde ich morgen Abend bei der Hochzeit zugegen sein. Da mussten sie schon Gewalt anwenden, dass ich auf diese Feier ging. Es tat ohnehin schon weh, es auf diese Weise erfahren haben, nachdem wir uns zwei Mal näher gekommen waren. Jetzt war ich erleichtert darüber, dass ich nicht mit ihm geschlafen hatte. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr nachdem, was mir zugestoßen war. Ständig gingen seine Männer auf Patrouille. Noch einen Überfall auf mich oder die Burg, wollte niemand mehr. Ich persönlich auch nicht. Tyler und Wulf versuchten mich immer wieder zu überreden, dass ich in die Burg kam. Doch das lehnte ich ab. Ich wollte Dorian und seiner neuen Frau nicht im Wege stehen. Und hier in meinem Zelt, lag ich jede Nacht genau an der Stelle, wo ich hergekommen war. Denn noch immer hoffte ich, dass dieser Albtraum bald ein Ende hatte. Nichts sehnlicher wünschte ich mir, wieder nach Hause zu kommen.

 

 

 

Das Fest hatte schon am frühen Nachmittag angefangen. Wulf und Tyler hatten noch ein paar Mal versucht mich zu überreden auf das Fest zu gehen, doch wollte davon nichts wissen. Ich saß auf der Klippe und versuchte die Musik und die vielen lauten Stimmen aus der Burg zu ignorieren.

„Sarah, essen.“

Margarethe, die Köchin, war mir sehr ans Herz gewachsen.

„Was machst du hier? Musst du nicht Kochen?“

Sie winkte schnaubend ab und setzte sich neben mich. Einen Topf mit dampfendem Inhalt, einen Löffel und ein Laib Brot hatte sie mitgebracht.

„Ich sitze lieber bei dir hier.“

Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf.

„Es geht um deinen Herrn, den du sehr gerne hast. Also geh zurück und zaubere ihn etwas Leckeres zum Essen.“

Margarethe wollte noch etwas sagen, doch da wurde sie schon von einer jungen Frau gerufen.

„Ich komme wieder.“

Sie stand auf und verschwand. Ich packte das Essen zusammen und stellte es in mein Zelt. Ich hatte keinen Hunger. Das Geschrei und das Gelächter, gingen mir auf die Nerven. Wurde es immer lauter, oder bildete ich mir das nur ein? Traurig und frustriert, ging ich zum Strand hinunter. Eine Weile spazierte ich über den Strand, bis die Sonne langsam unterging. Die Burg war hell erleuchtet worden und die Musik spielte jetzt lauter. Was für ein berauschendes Fest. Eine Weile saß ich am Lagerfeuer und blickte hinauf in die Sterne. Heute hatte sich mein Schicksal besiegelt. Ich war auf mich alleine gestellt und sollte von hier verschwinden. Doch wohin? Margarethe erzählte mir von ihrem Dorf, wo sie aufgewachsen war und wo noch ihre Kinder lebten. Es war nur eine Reise von ein paar Tagen. Aber würden sie mir helfen und mir ein zu Hause geben können? Auf keinen Fall wollte ich schon wieder jemanden auf der Tasche liegen. Doch ich musste es tun. Je länger ich hier war, umso schmerzhafter war die ganze Situation. Bisher hatte ich Dorians Frau noch nicht zu Gesicht bekommen. Aber dies wird sich auf die Dauer nicht verhindern lassen. Wulf und Tyler würde ich vermissen. Die beiden Hünen waren mir ziemlich ans Herz gewachsen. Tyler sah Dorian sehr ähnlich. Es wäre so einfach, mein Herz einfach an ihn zu verlieren. Doch Tyler war nicht Dorian. Er war wie ein kleiner Bruder für mich. Ich packte die wenigen Habseligkeiten in das Tuch, in dem mir Margarethe das Essen gebracht hatte. Viel war es nicht und der Großteil davon gehörte mir nicht einmal. Das Brot packte ich zu den Sachen und meine Armbrüste legte ich dazu. Wulf hatte mir ein Art Holster gebaut. Eine Armbrust konnte ich auf dem Rücken tragen, die anderer an meiner Hüfte. Pfeile hatte ich in den letzten Tagen genügend zur Seite geschafft. Wenn ich keine mehr hatte, würde ich mir wohl selbst welche schnitzen müssen. Zwei Messer hatte ich von Tyler erhalten. Ich hatte alles gut verstaut. Jetzt musste ich nur noch warten. Kurz vor Tagesanbruch würde ich aufbrechen und ich würde Dorian nie wieder sehen. Ich rollte mich neben meinen Sachen zusammen und versuchte ein wenig Schlaf zu bekommen. Doch das war nicht einfach, wenn ganz in der Nähe ausgelassen und laut gefeiert wird. Egal was ich versuchte, ich konnte einfach nicht einschlafen. Ich wischte mir ein paar Tränen aus den Augen. Ab Morgen musste sich keiner mehr der Bewohner hier sich noch länger um mich kümmern. Plötzlich wurde die Plane des Zeltes zur Seite gerissen und Dorian trat ein. Er schien viel getrunken zu haben, denn seine Wangen glühten und er schwankte leicht.

„Du bist nicht gekommen. Warum?“

Seine Stimme donnerte durchs Zelt, als sein Blick auf die Sachen neben mir fiel.

„Was ist das?“

Er taumelte auf mich zu und ich stand auf, um mich besser wehren zu können.

„Meine Sachen.“

Er sah mich mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an, sagte aber nichts. Beruhigend versuchte ich auf ihn einzureden. Auch wenn es mir das Herz zerriss, so musste ich Dorian dazu bringen wieder zu seiner Frau zu gehen.

„Deine Frau wartet, Herr. Geht zurück auf euer Fest.“

Verzweifelt blinzelte ich gegen die Tränen an.

„Ist es das, was du willst? Soll ich wirklich gehen?“

Er packte mich grob am Arm und zog mich an sich.

„Nicht, bitte. Du bist jetzt verheiratet und ich werde nicht länger hier bleiben.“

Eingehend musterte er mein Gesicht.

„Bin ich wirklich verheiratet?“

Ich runzelte die Stirn und sah fragend an. Er stank aus dem Mund stark nach Alkohol. Er strich mir mit einer Hand über die Wange und wischte somit eine Träne weg. Meine Hand ließ er los und wandte sich dann zum Gehen. Vor dem Eingang blieb er noch einmal stehen.

„Die Frau, dich ich will, schickt mich weg. Die andere Frau will mich nur wegen des Rangs, aber ich sie nicht. Es ist schon merkwürdig, wie das Leben einem immer wieder vor Prüfungen stellt. Ich habe nicht geheiratet. Lady Caroline hat heute einen anderen geheiratet. In diesem Mann ist sie schon sehr lange verliebt gewesen und ich wollte ihrem Glück nicht im Wege stehen. Nicht nur wegen dir, sondern auch weil ich Ehre besitze. Nur wegen eines Ranges oder wegen Geld, sollte man nicht heiraten. Das war auch der Grund, warum ich dich bei der Feier dabei haben wollte.“

Er hatte also nicht geheiratet? Dieses Fest galt einer anderen Hochzeit? Aber wieso hatte ihr niemand etwas gesagt? Weder Tyler noch Wulf hatten auch nur ein Wort darüber fallen lassen. Dorian ging und wandte sich dann noch einmal um.

„Ich lasse dir ein Pferd bringen. Dich wird niemand aufhalten.“

Mit diesen letzten Worten und einer traurigen Stimme, war er verschwunden. Ich blickte ihn schockiert und wütend hinterher. Sie hatten es mir nicht gesagt. Jeder hatte mich angelogen. Selbst Dorian war mir aus dem Weg gegangen und nicht erzählt, für wen dieses Fest war. Ich hängte mir meine Armbrüste um und griff nach meinem Beutel. Sein Pferd konnte er sich sonst wohin stecken. Ich brach gleich auf. Dabei war mir egal, ob es zu dunkel war. Leise vor mich hin schimpfend nahm ich den Weg zum Strand hinunter. Auf meinen letzten Spaziergängen, hatte ich einen Pfad gefunden, der sich auf die Rückseite des Schlosses zog. Von dort führte eine Straße durch das Land. Bequemer als Querfeldein zu gehen. Als ich die Rückseite der Burg erreicht hatte, blieb ich noch einmal stehen und blickte mich um. Ich erkannte eine Gestalt, es war Dorian, hinter einem der Fenster. Wütend schlug er mit seinen Fäusten gegen eine Wand. Sein Kopf war auf seine Brust gefallen und sein Haar verdeckte sein Gesicht. Er riss den Kopf plötzlich zurück, warf seine Fäuste in die Luft und stieß einen Schrei aus. Es war unmöglich ihn nicht zu hören. Es verstummten sogar einige Gäste, und ich glaubte sogar jemanden nach Dorian rufen zu hören. Wenn ich mich nicht beeilte, würde ich nicht mehr wegkommen.

„Es tut mir leid Dorian. Aber, ich kann das nicht.“

Schluchzend und mit Gewalt, riss ich mich von ihm los und rannte zu dem Weg. Weit kam ich jedoch nicht. Jemand versperrte mir den Weg und brummte wütend.

„Du tust es wirklich?“

Es war Wulf. Mit ihm hatte ich noch eine Rechnung offen.

„Du verlogener Hund. Lass mich durch.“

Entschlossen blieb er stehen.

„Verschwinde Wulf. Ich dachte du und Tyler mögt mich, doch da habe ich mich wohl geirrt.“

Ich griff nach der Armbrust an meiner Hüfte und richtete sie auf ihn. Meine Tränen verschleierten mir zwar den Blick, doch irgendwo würde ich ihn schon treffen.

„Ich mag dich sogar sehr, sonst wäre ich nicht hier.“

Ich schnaubte verächtlich.

„Und wieso habt ihr mir nicht die Wahrheit gesagt?“

Er trat einen Schritt auf mich zu, bis die Armbrust jetzt direkt auf seiner Brust ruhte. Meine Finger zitterten leicht. Auch wenn er mir nicht die Wahrheit gesagt hatte, so würde ich ihn nicht töten können.

„Hättest du es geglaubt?“

Das hätte ich nicht. Ich hätte gedacht, dass es nur eine Finte war, damit ich auf dem Fest erscheine. Der wilde und grobe Schotte, war wohl gar nicht so dumm, wie immer alle behauptet hatten. Seufzend senkte ich die Armbrust und ließ die Schultern hängen.

„Nein.“

„Und warum gehst du dann? Die Leben in dieser Zeit ist rau und auch wenn du dich wehren kannst, so bist du schon einmal in die Hände von diesen Wilden gefallen. Das nächste Mal werden wir nicht kommen und dir helfen. Castle Mc Cormick ist ein friedlicher Ort, auch wenn wir uns gelegentlich um die Wilden kümmern müssen, die uns überfallen wollen. Der Lord ist gut und gerecht. Und er scheint eine sehr große Schwäche für dich zu haben. Wieso also läufst du weg? Du hast hier alles was du brauchst.“

So viel hatte Wulf noch nie gesprochen. Ich war erstaunt darüber, wie sanft und eindringlich seine Stimme klingen konnte. Wo war der große wilde Bär hin verschwunden, der jeden nur anknurrte und sich in jeden Kampf stürzte?

„Wulf, ich…“

Ich hatte doch selbst keine Ahnung, wieso ich davon lief. Es war einfach alles zu viel für mich. Die starken Gefühle zu einem Schotten der siebenhundert Jahre älter war als ich, diese Zeitreise und das, was noch alles geschehen war. Zwei Mal hatte er mir jetzt schon helfen müssen und beim zweiten Mal, waren sie beinahe schon zu spät gekommen. Wulf hatte Recht. Dieses Land war rau und nicht geeignet für eine Frau, diese alleine zu durchstreifen. Auch wenn ich bewaffnet war, so besaß ich doch nicht die Stärke, mich gegen mehrere Angreifer zu wehren. Die Armbrust rutschte mir aus der Hand und fiel zu Boden.

„…..weiß es doch auch nicht. Es ist so viel passiert und ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.“

„Aber ich. Du kommst jetzt mit in die Burg und dort wirst du bleiben. Wenn du noch einmal wegläufst, dann versohle ich dir eigenhändig den Hintern. Du bist eine Frau, die man wohl zu ihrem Glück zwingen muss.“

Ein Knacken hinter uns, lies uns erstarren. Wulf legte mir sofort einen Finger auf die Lippen und schob mich hinter sich.

„Wenn ich sage Lauf, dann rennst du in die Burg und holst Hilfe.“

Ich nickte, nahm aber die Armbrust entgegen, die er aufgehoben hatte und hielt sie schussbereit. Schön hörte ich die Kampfschreie von Männern, die uns entgegen liefen. Ich schoss mehrmals in die Richtung, aus der sie kamen. Obwohl ich sie nur schemenhaft wahrnehmen konnte, so hatte ich einige von ihnen getroffen. Wulf zog sein Schwert und stürmte ihnen entgegen. War er verrückt geworden? Das würde er niemals schaffen. Er hatte nicht gesagt, ich solle laufen. Aber ich wirbelte herum und rannte zur Burg. Dabei schrie ich so laut ich konnte. Da das Fest noch im Gange war, würde mich sicher wer hören können. Hinter mir schrie Wulf mehrmals auf. Hoffentlich hatte mich wer gehört, denn ich konnte ihn nicht alleine lassen. Auf der Rückseite angekommen, kletterte ich auf eine der Mauern, um einen besseren Blick auf Wulf haben zu können. Dabei rief ich immer wieder nach Tyler und Dorian. Es dauerte auch nicht lange, bis ich Tyler nach mir rufen hörte.

„Schnell, wir werden angegriffen. Wulf ist ganz alleine da draußen.“

Jetzt waren sie gewarnt und ich legte die Armbrust wieder an. Ich betete, dass ich Wulf nicht traf. Doch in der Dunkelheit sahen sie alle gleich aus.

„Verdammt.“

Ich sprang wieder herunter und eilte zu ihm zurück. Kaum das ich ihn erreicht hatte, wurde ich auch schon angegriffen. Da ich die Armbrust noch in der Hand hielt, schoss ich und langte mit der anderen Hand nach meinem Messer. Es war viel kleiner als das Schwert in der Hand des Angreifers, aber ich war schneller und gelenkiger. Nach kurzer Zeit schon, lag er auf dem Rücken. Ich entriss ihm das Schwert und warf es in hohen Bogen weg. Wulf kämpfte wie ein Berserker. Kurz gönnte ich mir den Augenblick, um ihn zu beobachten. Dabei hätte ich beinahe die Axt nicht gesehen. Noch rechtzeitig konnte ich mich ducken und mein Messer werfen. Es ragte aus dem Hals des Mannes heraus, der gurgelnd zu Boden fiel. Das war der erste Mann, den ich getötet hatte. Aber darüber konnte ich mir später noch Gedanken machen. Wieder schoss ich mit der Armbrust, doch ich hatte keine Pfeile mehr. Also ließ ich sie fallen und hielt nun in beiden Händen meine Messer. Es war kein angenehmes Geräusch gewesen, es aus dem Hals des Mannes zu ziehen. Hinter mir hörte ich Schreie. Sie kamen. Endlich kamen sie um Wulf zu helfen. Ich strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und brachte einen weiteren Hünen zu Fall. Bevor er aufstehen konnte, trennte ihm ein Schwert seinen Kopf ab. Grob wurde ich zur Seite gestoßen. Jetzt, wo die Männer da waren, war der Kampf schnell vorbei. Ich schwitzte und hatte ein wenig Blut an mir, doch ich hatte mich noch nie so gut gefühlt. Wulf humpelte auf mich zu und kniete sich dann hin. Die anderen hielten in ihrer Bewegung inne und sahen ihn erschrocken an.

„Danke.“

Er keuchte, ergriff meine Hand und küsste sanft den Handrücken.

„Wulf, bist du verrückt? Steh auf du brauchst Hilfe.“

Gerade als ich ihn aufhelfen wollte, sah ich Dorian hinter ihm stehen. Ich konnte seinen Blick nicht deuten. Doch wie er mich ansah, wurde es mir schon wieder heiß. Gerne hätte ich gewusst, was er gerade dachte. Er zog Wulf auf die Beine und plötzlich war Tyler bei mir. Er drückte mich so fest an seine Brust, dass ich nach Luft schnappen musste.

„Hey, vorsichtig.“

Lachend ließ er mich los und blickte dann suchend an mir herunter.

„Du kannst es einfach nicht lassen, oder?“

Ich schüttelte beschämt den Kopf.

„Komm, jetzt gibt es was zu Essen.“

Er zog mich mit sich. Ich drehte mich nach Dorian um, doch dieser trottete nur langsam hinter uns her. Er starrte auf den Boden vor sich und hatte noch kein Wort gesagt. Mir fiel ein, wie er gegen die Wand geschlagen hatte und diesen markerschütternden Schrei von sich gegeben hatte.

„Könntet ihr vorgehen?“

Er grinste und zwinkerte. Dann trieb er seine Männer an und ich ging etwas langsamer, bis ich neben Dorian mich befand.

„Ich würde gerne mit dir reden.“

Er blieb stehen und ich konnte sehen, wie seine Hände leicht zitterten.

„Verstehst du, warum ich gehen wollte?“

Dorian sah mich wütend an.

„Nein. Das verstehe ich nicht. Du bist nicht von hier, ich habe dich aufgenommen, dir ein Dach über den Kopf gegeben, habe dir geholfen, zwei Mal deinen süßen Arsch gerettet und du? Du haust in einem Zelt auf der Klippe, wehrst dich ständig und läufst davon. Also nein. Ich verstehe es nicht.“

Sein Gesicht war meinem jetzt verdammt Nahe gekommen. Ich zitterte und verspürte Angst, vor seinem Wutausbruch. War ich wirklich so undankbar gewesen? Zitternd senkte ich den Kopf. Jederzeit rechnete ich damit, dass er mich schlagen würde.

„Es tut mir leid.“

Weinen konnte ich nicht, da ich noch ganz aufgeregt von dem Kampf war.

„Ich kann doch auch nicht aus meiner Haut heraus. Es ist nicht gerade einfach für mich in einem anderen Jahrhundert aufzuwachen. Das kannst du nicht verstehen, weil ich es selbst nicht verstehe. Ich wollte doch nur niemanden auf die Nerven fallen. Ich bin nur keine Frau, wie ihr sie kennt. Und schon alleine deshalb, habe ich mich zurückgezogen. Für euch bin ich eine Attraktion, wie die Tiere im Zoo, die man gelegentlich füttert und wenn es einem beliebt, spielt man ein wenig mit ihnen.“

Ich wandte mich von ihm ab und rieb mir zitternd über die Oberarme.

„Ich will doch gar nicht weg. Aber als ich hörte, du würdest heiraten, erschien es mir die einfachste Lösung. Ich hätte es nicht ertragen dich mit einer anderen zu sehen.“

Dies zu sagen, kostete mich so viel Kraft, dass meine Knie schlotterten.

„Wieso Sarah. Wieso hätte dich das gestört.“

Sein heißer Atem strich über meinen Hals. Langsam legten sich seine Hände auf meine Schultern und er zog mich mit den Rücken an seine Brust. Ich setzte alles auf eine Karte. Es war sowieso schon alles egal.

„Weil ich deine Küsse nicht vergessen kann. Weil ich deine Nähe und deinen Geruch liebe. Wie du mich anfasst und wie du mich ansiehst. Ich habe Schmetterlinge im Bauch und traue mir in deinen Armen selbst nicht. Wäre nicht immer Konstanze, dein Wachhund dazwischen gekommen, wäre ich noch viel weiter gegangen.“

Meine Stimme zitterte, wie mein Körper. Dorian drehte mich langsam in seinen Armen und hob mein Kinn an, damit ich ihn ansehen konnte.

„Dann lauf nicht davon. Bleib hier, bei mir. Egal wie lange du noch hier sein wirst.“

Ohne auf eine Antwort zu waren, küsste er mich. Dabei vergrub er seine Hand in meinem Haar und zog mich fester an sich. Erleichtert stöhnte ich in seinen Mund. Sollte ich es wirklich tun? Je länger er mich küsste, umso mehr Schwand der Wunsch von ihm getrennt zu sein. Er war so groß und stark und so verdammt gut gebaut. Sein Haar kitzelte mich am Hals und ich musste kichern. Seine Härte drängte sich gegen meinen Bauch. Es war nicht zu leugnen, dass auch er mich wollte. Ich legte meine Hände auf seine Brust und sah ihm wieder in die Augen.

„Und du? Findest du es in Ordnung, dass eine Frau bei dir lebt, die dich aufs Kreuz legen kann?“

Er lachte auf und warf mich über seine Schulter.

„Das werden wir ja noch sehen.“

Ich schrie erschrocken auf, als er mit mir in die Burg zurückeilte. Auf dem Weg dorthin, bekam ich ein paar Schläge auf den Hintern.

„Das wollte ich schon so lange tun und hätte Wulf es getan, hätte ich ihn der Luft zerrissen.“

Sanft rieb er über die Stelle, wo er mich geschlagen hatte und ich keuchte und schrie erschrocken auf.

„Du Rüpel, du Barbar, was soll das?“

Verzweifelt versuchte ich mich gegen ihn zu wehren, als wir die Burg erreichten und mitten in der Hochzeitsgesellschaft standen.

„Lass mich runter, du Wilder.“

Mit meinen Fäusten schlug ich auf seinen Rücken. Zuerst waren alle still, dann fingen sie zu Lachen an und ich blickte mich erschrocken um. Tyler stand in unserer Nähe und prostete mir grinsend zu. Wulf stand neben ihm und nickte zustimmend. Als Dorian wieder seine Hand auf meinen Hintern sausen ließ, war ich so schockiert von Wulfs tiefen Lachen, dass ich ihn am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. Ich streckte die Arme nach ihm aus und funkelte ihn wütend an.

„Na warte. Das bedeutet Rache.“

Dieser Affe verbeugte sich grinsend und nickte zustimmend. Aber Dorian ließ mich nicht los, sondern brachte mich in den Keller und warf mich in das heiße Wasser. Prustend und nach Luft schnappend kam ich wieder an die Wasseroberfläche. Mein Hintern brannte leicht von seinen Schlägen, aber es war nicht schmerzhaft gewesen.

„Du Höhlenmensch. Hast du eigentlich eine Ahnung, wie man eine Frau behandelt?“

Er baute sich vor mir drohend auf und ließ seinen Blick über meinen Körper schweifen. Da ich völlig durchnässt war, klebte die Kleidung an mir wie eine zweite Haut. Zum Glück trug ich meine schwarze Spitzenunterwäsche.

„Du bist keine Frau. Du bist ein halber Mann und voller Blut von einer Schlacht.“

Er sprang zu mir ins Wasser. Erschrocken wich ich zurück, doch es gab kein Entkommen. Aber wollte ich wirklich entkommen? Er griff nach mir und eroberte wieder meine Lippen. Feuchtigkeit schoss zwischen meinen Beinen hervor, als er meine Beine um sich schlang, damit er mich besser spüren konnte. Dieser Mann würde mich noch ins Grab bringen mit den vielen Gefühlen, die er in mir auslöste.

„Ich muss dich jetzt einfach spüren.“

Er küsste meinen Hals, zog mir das Hemd aus und warf es achtlos zur Seite. Bewundernd strich er über den schwarzen Stoff, der noch immer vor seinen Augen meine Brüste verhüllte.

„Tragen alle Frauen das unter ihrer Kleidung?“

Ich nickte keuchend. Immer wieder strichen seine Fingerspitzen sanft über meine Brustwarzen. Sie waren bereits hart und lechzten nach mehr Berührung von ihm.

„Dann sollte ich sie behutsam behandeln.“

Lächelnd zeigte ich ihm, wie der BH zum öffnen war. Er keuchte auf und ich spürte, wie er vor Lust vibrierte. Die Hose, überlebte seinen Angriff leider nicht. Gierig fiel er über meine Brüste her. Einmal zart, dann wieder wilder. Es war ein Wechselspiel meiner Gefühle, während er mich bearbeitete und nur durch seinen Mund und seiner Zunge mir beinahe einen Orgasmus bescherte.

„Jetzt bin ich dran.“

Verzweifelt zerrte ich an seinem Plaid und seinem Kilt. Er musste mir helfen, seine Kleidung abzulegen. Doch als wir es endlich geschafft hatten, stand er in voller Pracht vor mir. Ich trug noch immer meine Unterhose und ließ von ihm ab. Schon so lange wollte ich seinen Körper erkunden und ihn mir ansehen. Das sanfte Licht der Kerzen, spendete ein angenehmes Licht. Dorian hatte viele Narben auf seinem Körper. Es zeigte, dass er viel kämpfte. Als erste begutachtete ich die Wunden, welche ich versorgt hatte. Sie sahen sehr gut aus. Doch jede andere Narbe schenkte ich genau so viel Aufmerksamkeit. Ich strich mit den Fingern darüber, küsste sie einzeln und erkundete so seinen kompletten Oberkörper. Dorian hatte die Augen geschlossen und immer wieder erschauderte er, wenn meine Lippen oder meine Finger in berührten. Bei seinem Rücken brauchte ich länger. Er war übersät von Narben, doch seine Haut war wunderschön gebräunt.

„So viele Schlachten und kaum noch Haut übrig für weitere Narben.“

Er seufzte und griff nach mir.

„Lass uns nicht vom Kämpfen sprechen. Nicht jetzt.“

Er klang traurig. Da schien es wohl etwas zu geben, das ihn belastete und noch immer bedrückte. Ich nickte und küsste seine Finger.

„Setz dich auf den Rand.“

Seine Augenbraue fuhr in die Höhe.

„Na los. Ich habe deine Beine noch nicht erkundet.“

Er zögerte kurz, tat dann aber wie ihm geheißen. Sein Schaft ragte mir entgegen. Seine Beine hingen ins Wasser und ich drückte sie sanft auf, damit ich es mir dazwischen gemütlich machen konnte. Bei seinen Beinen machte ich weiter. Ich küsste, ich liebkoste und ich erkundete ihn weiter. Dorian hatte seine Hände aufgestützt und seinen Oberkörper nach hinten gebeugt. Seine Augen waren geschlossen. Der perfekte Zeitpunkt, sich noch anderen Regionen zu widmen. Sein Schaft war groß und zuckte schon vor Vorfreude. Ein Lusttropfen schimmerte auf seiner Spitze. Wie er wohl schmeckte?

„Du bleibst genau in dieser Position. Solltest du dich bewegen, höre ich sofort auf.“

Ein kurzes Nicken, ein zittern und schon leckte ich über seine Spitze und kostete das erste Mal einen siebenhundert Jahre alten Schotten. Ich erkundete ihn ausgiebig mit meiner Zunge und meinen Fingern. Dorian stöhnte, atmete schneller und versuchte sich nicht zu bewegen. Mir gefiel es einem Mann auf diese Art zu verwöhnen. Plötzlich fuhr sein Kopf herum und er brüllte. Erschrocken hielt ich inne. Der er jedoch vor mir aufragte, konnte ich nicht sehen, was passiert war. Ich war viel zu sehr abgelenkt gewesen.

„Verschwinde sofort Konstanze sonst garantiere ich für gar nichts mehr. Nicht noch einmal wirst du mich stören.“

Ein leiser Schrei ertönte und ich hörte, wie sie eilig davon rannte. Die arme Frau.

„Das war nicht nett.“

Ich griff nach seinen prall gefüllten Hoden und drückte sie sanft. Dorian sah mir grinsend in die Augen, während ich mir mit der Zunge über die Lippen fuhr.

„Wenn du jetzt weiter machst, ist es schneller vorbei, als du gedacht hättest.“

Schmollend verzog ich den Mund und ging von ihm weg. Doch er ließ mich nicht gehen. Er war schon wieder im Wasser und zog mich an sich.

„Das nächste Mal.“

Er schob meine Unterhose herunter und hob mich hoch. Meine Beine umklammerten ihn, während er in mich eindrang und mit den Rücken gegen den Wand drückte. Seine Augen waren leicht dunkler geworden. Er wechselte zwischen schnell und langsam, während er mein Gesicht und meine wogenden Brüste begutachtete. Ich stand kurz davor zu kommen. Mein Unterleib zog sich schon fester um ihn zusammen. Sein Griff an meiner Hüfte wurde stärker und ich spürte, wie auch er kurz davor stand. Schweiß tropfte von seiner Stirn und sein nasses Haar hing ihm ins Gesicht. Ich schlang meine Arme fester um ihn und streckte leicht meinen Hintern heraus, um die Reibung zu intensivieren. Er drückte mich fester an sich, während er immer schneller in mich hämmert. Ich warf schreiend meinen Kopf in den Nacken, während der Orgasmus mich überrollte. Zuckend lag ich in seinen Armen. Mein Unterleib zog sich so fest zusammen, dass er mir sofort folgte. Ich spürte seinen heißen Samen in mir und seine Lippen auf meinem Hals. Ich war in einen regelrechten Rausch verfallen. Er pumpte weiter in mich hinein und flutete mein Innerstes.

„Sarah. Schhht.“

Er küsste meine Wangen und zärtlich meine Lippen. Ich zitterte, bekam keine Luft mehr und mein Körper zuckte noch immer von den Nachwehen unserer Vereinigung. Hatte ich wirklich so stark geschrien? Er wischte über meine Augen und grinste. War das eine Träne auf seinem Finger? Er war noch in mir, als er mich langsam aus dem Wasser hob. Schlapp hing ich in seinen Armen. Das war nicht nur Sex gewesen, das war grandios gewesen. Besser, als ich mir jemals in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hätte.

„Geht es dir gut?“

Ich nickte langsam an seinem Hals und küsste ihn auf die Wange.

„Bring mich ins Bett, großer Krieger.“

Er gluckste und griff nach unseren Sachen, bevor er mich in sein Zimmer brachte.

 

 

 

 

Ich erwachte in Dorians Armen. Nachdem er mich gestern ins Bett gebracht hatte, war ich auf der Stelle eingeschlafen. Ich fühlte mich wohl und konnte es kaum glauben, dass er wirklich neben mir lag. Besitzergreifend lagen ein Bein und eine Hand auf meinem Körper, während er noch immer tief und fest schlief. War er jetzt wirklich mein Krieger? Ich wünschte es mir in diesem Moment so sehr. Ich wollte gar nicht mehr nach Hause. Nicht ohne Dorian. Aber er würde in meiner Welt nicht zu Recht kommen und verzweifeln. Das wollte und konnte ich ihm nicht antun. Ich würde mich schneller an dieses Leben gewöhnen können. Aber nur, wenn ich wirklich hier festsaß. Hier bei ihm. Ich strich ihm zärtlich über eine Augenbraue. Diese Reise schien sich wohl doch gelohnt zu haben. Während ich sein Gesicht betrachtete und die Konturen mit einem Finger nachfuhr, wurde ich schon wieder feucht. Ich strich über seine Lippen, als er nach mir schnappte. Ich kreischte auf und er lächelte. Dann öffnete er die Augen und küsste mich auf die Nase.

„An diese Art geweckt zu werden, könnte ich mich gewöhnen.“

Zarte Röte erschien auf meine Wangen und ich kuschelte mich wieder an ihn. Er zog mich an sich heran und hielt mich einfach nur fest. Es tat einfach nur gut gehalten zu werden. Aber etwas anderes beschäftigt mich.

„Dorian, was ist, wenn ich schon bald wieder in meine Zeit zurückkehre?“

Er drehte mich auf den Rücken und legte sich auf mich.

„Daran will ich nicht denken. Nicht jetzt und auch nicht später. Lass uns einfach genießen.“

Er küsste mich sanft und zog mich dann auf die Beine.

„Margarethe wartet sicher schon mit dem Essen und ich glaube, dass die anderen auch schon sehr neugierig sein werden.“

Ich schlüpfte in meine Unterwäsche und starrte dann auf die Fetzen meiner Hose. Dorian hatte ganze Arbeit geleistet.

„Ich finde diese Wäsche sehr schön an dir. Auch wenn ich gerne hätte, dass du sie ständig trägst, so habe ich doch einiges für dich besorgt.“

Er reichte mir einen Stapel mit Hosen und Hemden. Dankbar fiel ich ihm um den Hals.

„Danke.“

„Ich weiß doch, dass du keine Kleider willst, auch wenn ich trotzdem hoffen darf, dich einmal in einem zu sehen.“

Grinsend zog ich mir die Hose an.

„Versprochen.“

Sie saßen enger, als die andere und passte perfekt. Auch die Hemden waren kleiner geschnitten. Dorian war schon fertig angezogen und wartete bei der Tür auf mich. Er musste dies extra anfertigen lassen müssen. Aber wann? Hatte er gehofft, dass ich blieb? Alle waren so nett zu mir gewesen, keiner von ihnen hatte jemals bezweifelt, dass ich aus einer anderen Zeit kam und ständig bekam ich Geschenke. Was hatte ich getan? Sie mit Füßen getreten und wollte sogar abhauen. Diese Freundlichkeit würde ich niemals wieder gutmachen können.

„Was ist los?“

Dorian runzelte die Stirn.

„Ich kann das alles niemals gut machen.“

Er lächelte und hielt mir seine Hand hin.

„Ist das so wichtig?“

Langsam nickte ich. Ich würde das alles wieder gut machen und bei Margarethe in der Küche würde ich anfangen.

„Würde es dich stören, wenn ich einige Zeit bei Margarethe in der Küche verbringe? Ich würde ihr gerne ein paar neue Rezepte beibringen. Aber nur, wenn es dich nicht stört.“

Dorian blieb stehen und wandte sich mir zu.

„Wo ist meine Kämpferin hin verschwunden? Du hast vorher auch nicht gefragt, ob du etwas darfst oder nicht. Und ich will, dass das so bleibt. Du schuldest mir gar nichts und hör auf dich wie ein kleiner schüchterner Hund zu benehmen.“

Er küsste mich auf die Nasenspitze und ging wieder weiter. Diesen Mann hatte ich einfach nicht verdient. Das alles hier hatte ich nicht verdient. Doch ich riss mich zusammen und folgte ihm in den Speisesaal. Zum Glück waren die meisten schon verschwunden, als wir eintraten. Zu meinem Bedauern, saßen jedoch Wulf und Tyler am Tisch und grinsten schelmisch. Ich hatte mit Wulf noch eine Rechnung offen. Er schaukelte leicht mit dem Stuhl. Lächelnd umrundete ich den Tisch und mit einer schnellen Bewegung, zog ich ihm den Stuhl weg. Wulf lag auf dem Rücken und stieß die Luft aus. Alle im Saal fingen zu Lachen an. Tyler hätte sich beinahe an einem Stück Brot verschluckt.

„Und da ist sie wieder.“

Dorian setzte sich und schnell sah ich ihn herausfordernd an. Er wollte die Kämpferin, die konnte er gerne haben.

„Womit habe ich das verdient.“

Ich drückte Wulf einen Kuss auf die Wange, als er wieder saß und setzte mich neben ihm. Jeder im Saal verstummte plötzlich und Wulf versteifte sich. Zögerlich und fragend warf ich einen Blick zu Dorian. Dieser blickte nun sehr ernst.

„Was ist? Wulf ist doch nur ein riesiger Bär aus Stoff, den man knuddeln will. Er erinnerte mich an meinen Großvater. Der war auch immer so mürrisch aber ein herzensguter Mensch.“

Dorian lachte auf und Wulf schnaubte.

„Großvater. Na toll. So alt bin ich auch wieder nicht.“

Ich kicherte und schnappte Tyler das Brot weg, welches er gerade ergreifen wollte.

„Bruder erziehe deine Frau. Sie klaut mir mein Essen.“

Abwehrend hob dieser jedoch nur seine Hände und betrachtete mich eingehend.

„Da mische ich mich nicht ein, solange sie mein Essen in Ruhe lässt.“

Das war eine Herausforderung. Und ich liebte Herausforderungen. Eine Weile aßen wir schweigsam weiter. Wulf und Tyler zogen sich zurück und versprachen mir ein Training. Als sie weg waren, stand ich auf und ging zu Dorian.

„Ist es eigentlich in dieser Zeit verboten auf dem Schoß des Lords zu sitzen?“

Er schüttelte den Kopf und ich setzte mich auf ihn. Dabei warf ich immer wieder einen schelmischen Blick auf das Fleisch, welches auf seinem Teller lag.

„Und Füttern?“

Sanft rieb ich meine Brüste gegen seinen Oberkörper. Seine Augen verdunkelten sich wieder leicht und ein Vibrieren ging durch seinen Körper.

„Hier?“

Er schluckte nervös. Ich hatte ihn genau da, wo ich ihn haben wollte. Verführerisch hielt ich ihm ein Stück Fleisch hin. Drückte mich fester an ihn, näherte mich seinen Lippen, stöhnte verlangend auf und kurz bevor das Fleisch in seinem Mund landete, stopfte ich es mir selbst in den Mund. So schnell ich konnte, sprang ich auf und rannte lachend davon.

„Das ist doch unfassbar.“

Margarethe stand bei der Tür und gab schnell den Weg frei.

„Ich halte ihn auf. Renn.“

Ich nickte und rannte schnell weiter. Draußen im Hof, erntete ich fragende Blicke, doch ich rannte zu Wulf und Tyler.

„Versteckt mich schnell.“

Ich war völlig außer Atem. Schon von weitem konnte man die lauten Flüche von Dorian hören, wie er durch die Burg rannte.

„Was hast du getan?“

„Sein Essen stibitzt.“

Ich kicherte und drückte mich fester gegen Wulfs Rücken. Wulf und Tyler bauten sich schützend vor mir auf und unterhielten sich über ihre Waffen, als Dorian angestürmt kam.

„Wo ist die kleine Diebin?“

Fest hatte ich die Hand auf meinen Mund gepresst, damit ich mich nicht verriet.

„Hast du etwa deine Frau verloren? Was hat sie denn gestohlen, außer dein Herz?“

Tyler war verdammt direkt. Ich kniff ihn in die Kniekehle und stieß erschrocken die Luft aus. Mit einer Hand fuhr er nach hinten und schlug mir sanft auf den Arm. Mit dieser Plänkelei, würden wir uns verraten.

„Sagt mir einfach wo sie ist. Sie braucht wohl noch ein paar Schläge auf ihren Hintern.“

Tyler kicherte und Wulf brummte etwas.

„Also wir haben sie nicht gesehen. Kam sie überhaupt auf den Hof?“

Wulf schüttelte schnell den Kopf. Dorian schnaubte und stapfte davon. Als er ein paar Schritte gegangen war, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich hielt mir den Bauch vor Lachen. Doch Dorian hatte mich entdeckt und erschrocken schrie ich auf. Tyler deutete in eine Richtung und schon flitzte ich wieder los. Dorian dicht hinter mir. Doch ich hätte vorher nachsehen sollen, in welche Richtung mich Tyler schickte. Denn plötzlich stand ich auf dem Übungsplatz, zu dem es nur einen Zugang gab und dort war gerade Dorian erschienen. Jetzt saß ich in die Falle gegangen.

„Na warte Tyler. Das kostet dich nicht nur dein nächstes Essen.“

Dorian lachte und stürmte auf mich zu. Er warf mich über seine Schulter und schlug ein paar Mal sanft auf meinen Hintern, bevor er mich wieder absetzte. Unsere beider Atem gingen schnell und ich musste noch immer Lachen.

„Das war gemein.“

ER nickte und wischte mir die Haare aus dem Gesicht.

„Du hast mich herausgefordert. Dachtest du, ich würde es nicht versuchen?“

Dieser breitgebaute und Schwert schwingende Schotte, verstand anscheinend genug Spaß, um bei solch einem Scherz mitzumachen.

„Es tut so gut dich hier zu haben.“

Er strich mir über die Wange. Seine Berührungen waren so sanft und ich bewunderte ihn für seine ruhige und doch ausgelassene Art. Er war so anders, so liebenswürdig und von Sekunde zu Sekunde schlug mein Herz nur noch für ihn.

„Können wir jetzt trainieren? Alles andere könnt ihr später auch noch machen. Sie verschwindet ja nicht plötzlich.“

Doch das konnte ich und das wurde mir sofort wieder bewusst. Traurig senkte ich den Blick und ließ Dorian los. Natürlich hatte er gemerkt, dass mir diese Aussage wieder ins Gedächtnis gerufen hat, dass unsere Zeit nur begrenzt war. Ich hatte so das Gefühl, dass ich jede Sekunde hier auskosten sollte, bevor alles ein Ende hatte.

„Sarah.“

Ich schüttelte den Kopf, als Dorian etwas sagen wollte.

„Trainieren.“

Er wandte sich ab und verschwand. Es schien ihm genau so wenig zu gefallen, dass ich vielleicht eines morgens nicht mehr da sein würde. Diese Tatsache, durfte ich einfach nicht vergessen. Deshalb musste ich leidenschaftlicher sein und so viel in mich aufnehmen, wie ich nur konnte.

 

 

 

Ich trainierte jeden Tag mit Wulf und Tyler. Mittlerweile hatten sich auch schon andere uns angeschlossen. Sie waren alle begierig darauf sich mit einfachen Mitteln wehren zu können. Geduldige und sehr gute Schüler hatte ich. Als Gegenleistung, versuchten sie mir den Umgang mit dem Schwert beizubringen. Mit der Armbrust und mit den Messern, brauchte ich nur wenig Übung. Doch die Schwerter waren zu groß und viel zu schwer für mich. Deshalb übte ich mit einem kleinen Holzschwert, mit dem eigentlich die Kinder herumliefen. Jede Nacht liebten Dorian und ich uns mit einer Intensität, als wäre es unsere letzte gemeinsame Nacht. Auch unter Tags, wenn wir alleine waren, kam es schon einmal vor, dass wir uns in eine dunkle Ecke verdrückten und schnellen Sex hatten. Mir gefiel es von Tag zu Tag besser hier und langsam wünschte ich mir wirklich nicht, das alles hier verlassen zu müssen. Dorian begleitete mich heute Morgen auf den Trainingsplatz. Das tat er normalerweise nie, denn während ich trainierte, beschäftigte er sich um die Führung der Burg und darum, dass keine Angriffe mehr stattfanden.

„Du machst heute mit?“

Er schüttelte den Kopf und zog mich weiter. Als wir den Platz erreichten, standen schon alle in einem Halbkreis vor uns. Irgendwie hatte ich ein beklommenes Gefühl. Irgendetwas hatten sie ausgeheckt.

„Was soll das?“

Fragend blickte ich in die Runde. Wulf trat einen Schritt nach vorne und verneigte sich leicht. Das war mir noch immer peinlich, wenn er das tat, doch ich hatte mich daran gewöhnt. Einigermaßen zumindest. Tyler gesellte sich zu ihm. Er hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt. Fragend blickte ich zu Dorian, doch dieser schubste mich einfach nach vorne und sagte nichts. Verräter.

„Wir möchten dir alle danken. Nicht nur weil du uns gezeigt hast auch noch auf eine andere Art zu kämpfen, sondern auch, weil du in diese Burg einen frischen Wind gebracht hast. Das Essen war vorher schon gut, doch jetzt ist es viel besser. Diese neuen Gerichte schmecken herrlich. Die Frau aus einer anderen Zeit, hat unser Leben auf den Kopf gestellt und dafür würden wir dir gerne ein Geschenk machen.“

Schon wieder ein Geschenk. Ich blinzelte und versuchte die Tränen zu unterdrücken. Wulf und Tyler kamen auf mich zu und Tyler zog etwas hinter seinen Rücken hervor. Es war ein Schwert. Aber kein Schwert, wie sie es benutzten. Es war kleiner. Die Scheide war aus weichen Leder und fein verziert worden. Der Knauf mit einem blauen Stein verziert. Ungläubig starrte ich auf das Schwert in ihren Händen mir stockte der Atem.

„Alle anderen sind zu schwer und zu groß für dich. Dieses ist handlicher und genau für dich geschmiedet worden.“

Für mich. Sie hatten mir wirklich ein Schwert anfertigen lassen. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich warf einen Blick zu Dorian. Es lag so viel Liebe und Zuneigung in seinem Blick, dass ich schluchzen musste. Dann fiel ich Tyler und dann Wulf um den Hals. Ich küsste ihre Wangen, hielt jeden eine Weile lang fest und ergriff dann mit zitternden Fingern das Schwert. Ich strich über das weiche Leder der Scheide und konnte es noch immer nicht glauben. Die umstehenden Männer drängten sich zu uns ich dankte jeden einzelnen mit einem Kuss auf die Wange und einer Umarmung. Als ich fertig war, trat Dorian von hinten an mich heran und schlang seine Arme um mich.

„Zieh es raus.“

Seufzend zog ich es aus der Scheide. Der Stahl glänzte im Sonnenlicht und war mit kleinen Runen verziert worden. Einige von ihnen kannte ich aus dem Internet.

„Glück, Liebe, Hoffnung, Reichtum, Stärke, Macht, ewiges Leben, Tod,….“

Ich deutete auf die einzelnen und sagte auf, was sie zu bedeuten hatten. Ein erstaunter Ausruf ging durch die Menge.

„Du kannst das Lesen?“

Tyler sah mich fragend an.

„Nicht alle, nur ein paar davon. Mir haben germanische Runen schon immer gefallen.“

Meine Stimme zitterte leicht, während ich mich Halt suchend an Dorian lehnte. Das Schwert war wunderschön es passte wirklich perfekt in meine Hand. Der Griff war angenehm zu umklammern und ich freute mich schon darauf, damit zu üben.

„Gefällt es dir?“

Dorian hatte ich noch nicht gedankt. Ich hob den Kopf leicht und grinste verschlagen.

„Meine Dankbarkeit erfährst du später.“

Er drückte mir einen Kuss auf die Stirn und ließ mich los.

„Jetzt bringen wir dir bei, wie du damit umgehst.“

Wulf trat nach vorne und ergriff meine Hand. Das üben mit dem Schwert, war so ähnlich wie damals mit den Messern. Ich besaß nur jetzt eine größere Reichweite und konnte diverse Fehler dadurch besser ausgleichen. Ich übte fast den ganzen Tag. Die Männer waren schon müde und wollten längst aufhören, doch mir gefiel es mit dem Schwert umzugehen. Ich konnte jetzt auch verstehen, wieso sie jederzeit damit herumgingen. Endlich war auch ich geschafft, als die Sonne langsam unterging.

„Du hast wirklich viel Ausdauer.“

Tyler schlug mir sanft auf die Schulter. Das viele Training hatte meinen Körper auf einen angenehme Art und Weise verändert. Ich hatte Muskeln bekommen und meine Ausdauer wurde immer besser. Natürlich half auch das leckere Essen von Margarethe. Heute hatte ich sie vollkommen im Stich gelassen. Doch das würde sie mir schon verzeihen. Mein Magen knurrte ich folgte Tyler in die Burg zurück. Ich hatte gerade noch Zeit mich zu waschen, bevor das Essen aufgetragen wurde. Als ich sauber in das Zimmer von Dorian ging, wartete er bereits auf mich. Er hielt etwas Braunes in den Händen. Bekam ich noch ein Geschenk? Ich hatte nur ein Tuch um meinen frisch gebadeten Körper geschlungen.

„Das Schwert war von den Männern. Das hier ist jedoch von mir persönlich. Leider hat es lange gedauert, bis es fertig geworden ist.“

Er kam auf mich zu küsste und mich sanft auf die Wange. Das in seinen Händen entpuppte sich als Leder. Ich nahm es ihm aus der Hand und ging zum Bett, um mich zu setzen. Erst dann sah ich mir an, was es war. Erstaunt riss ich die Augen auf. Dorian hatte mir eine Hose und ein Oberteil aus Leder anfertigen lassen. Die Hose war etwas dicker und fühlte sich butterweich an.

„Dorian.“

Ich keuchte, als ich das Oberteil sah.

„Ich würde dich gerne darin sehen.“

Er kam zu mir und zog mich auf die Beine. Ich griff nach meiner Unterwäsche, doch Dorian hielt mich auf.

„Ohne.“

Zuerst wollte ich wiedersprechen, aber irgendwie konnte ich seinen Wunsch nicht verweigern. Also ließ ich das Tuch fallen und Dorian zog wie immer, wenn er mich nackt sah, scharf die Luft ein. Grinsens schlüpfte ich in die Hose. Sie saß wie angegossen und schmiegte sich sanft an meinen Körper. Schon jetzt wäre Xena neidisch auf mich gewesen. Ich griff nach dem Oberteil und legte es an. Dorian half es mir auf der Seite zu verschnüren und es in Form zu bringen. Ich breitete die Arme aus und drehte mich vor Dorian ein paar Mal im Kreis. Er schluckte hart, bevor er mich in seine Arme zog.

„Meine Kriegerin.“

Während unsere Lippen miteinander verschmolzen, fuhr er mir ein paar Mal durch mein nasses Haar. Keuchend entzog er sich mir.

„Am liebsten würde ich es dir sofort wieder vom Leibe reißen. Überhaupt weil ich weiß, dass du darunter nackt bist. Aber das Essen wartet.“

Ich stöhnte frustriert auf. Was würden sie zu meiner neuen Kleidung sagen?

„Dorian, ich danke dir. Für alles, was du für mich getan hast.“

Ich zog ihn noch einmal an mich heran und hielt ihn einfach nur fest. Er vergrub sein Gesicht in meinem nassen Haar und holte tief Luft.

„Ich möchte noch viel mehr für dich tun, Sarah Mitchell. Werde meine Frau.“

Erschrocken zuckte ich zusammen.

„Was?“

Hatte er mir wirklich gerade einen Heiratsantrag gemacht?

„Aber….aber….was, wenn ich von heute auf morgen nicht mehr hier bin?“

Schuldgefühle machten sich in mir breit. Wie gerne würde ich ja sagen, doch es gab noch immer dieses eine gewisse Ding im Hintergrund. Auch wenn ich jetzt schon so lange hier war, es konnte viel zu plötzlich aus sein.

„Das ist mir egal. Jetzt bist du hier.“

Er griff in seinen Kilt und zog eine Kette heraus. Er hielt sie hoch. Ein blauer Stein, wie auf dem Schwert baumelte vor meinen Augen. Er war eingefasst in einer silbernen Scheibe, die die gleichen Runen aufwies, wie mein Schwert.

„Darf ich?“

Sofort hob ich mein Haar auf und drehte ihm den Rücken um. Das Geschmeide schmiegte sich sanft an meine Haut und war angenehm warm. Der Stein ruhte auf meiner Brust und schimmerte leicht.

„Das ist wunderschön.“

Als er es befestigt hatte, drehte ich mich wieder um. Flehentlich sah er mich an.

„Sag einfach ja. Lass uns die Zeit gemeinsam genießen, solange das Schicksal sie uns vorherbestimmt hat. Ich will dich zu meiner Frau machen.“

Eine Weile sah ich ihn einfach nur an. Sein Körper war angespannt und er zitterte leicht. Ich sollte heiraten? Einen Lord aus dem Jahr 1358? Das war unglaublich und würde mir niemand glauben. Mir stockte der Atem und wieder einmal musste ich vor Freude weinen.

„Auch wenn uns nur wenige Tage oder Stunden bleiben, ich würde sehr gerne deine Frau werden.“

Dorian atmete erleichtert auf und zog mich in seine Arme. Erschrocken quietschte ich auf, weil er mich zu fest drückte.

„Ich liebe dich. Ich habe dich schon vom ersten Augenblick geliebt. Niemals würde ich mein Leben mit einer anderen teilen wollen.“

Sein Kuss war fest und versprach so viel.

„Lass es uns bald tun. Morgen, bitte und du wirst ein Kleid tragen.“

Ich nickte und küsste ihn noch einmal.

„Jetzt gehen wir Essen und dann möchte ich dich nach Strich und Faden verwöhnen.“

Er griff nach meiner Hand, nickte eifrig und rannte förmlich mit mir im Schlepptau in den Speisesaal, wo schon alle auf uns warteten.

 

 

 

 

Alle in der Burg waren außer sich vor Freude. Konstanze ging mir jedoch seit dem Vorfall im Keller noch immer aus dem Weg. Sie schien nicht zu verstehen, dass ihr Herr unverheiratet sich mit einer Frau so lange abgab. Margarethe jedoch kochte und werkelte in ihrer Küche schon den ganzen Tag. Eine der Dienerinnen, Flora, half mir, mich zu waschen, mein Haar zu kämmen und mir das Kleid anzuziehen. Ich durfte bis jetzt keinen einzigen Schritt aus der Burg machen. Draußen wurde alles vorbereitet und aufgebaut und ich durfte nicht helfen. Auch Dorian hatte ich seit gestern Abend nicht mehr gesehen. Nach einem ausgiebigen Marathon, war er verschwunden und nicht mehr wieder gekommen. Flora hatte mir erzählt, dass die Männer sich in der Nacht vor der Hochzeit zurückzogen, um mit den anderen zu feiern und zu trinken. Diesen Brauch gab es in meiner Welt auch. Hoffentlich hatte er keine kalten Füße bekommen oder noch immer zu stark betrunken. Ich stand in Dorians Zimmer und trug ein weißes, eng anliegendes Kleid mit Fledermausärmeln und kleinen Steinen, welche in den Stoff eingenäht worden waren. Meine Brüste wurden stark betont und meine Schultern lagen frei. Flora hatte meine Haare leicht gelockt. Ich sah aus wie eine Prinzessin. Dorians Kette befand sich um meinen Hals und sah wunderschön aus.

„Herrin, ihr seid wunderschön.“

Flora stand vor mir und klatschte freudig in die Hände.

„Fora, ich bin nicht deine Herrin. Mein Name ist Sarah. Mich nennen alle hier so. Also bitte.“

Vehement schüttelte sie den Kopf.

„Ihr heiratet den Lord, also seid ihr meine Herrin. Das schickt sich nicht.“

Ich fing zu Lachen an.

„Konstanze hat dich gelehrt, oder?“

Eifrig nickte sie. Wo die alte Frau gerade war, wusste niemand. Schon seit zwei Tagen, hatte sie keiner mehr gesehen. Dorian schien sich aber keine Gedanken darüber zu machen.

„Weißt du wo sie ist?“

Traurig schüttelte sie den Kopf.

„Vielleicht zu ihrer Familie gegangen. Sie hat sich fürchterlich über den Herren aufgeregt. Aber keiner weiß warum.“

Ich wusste es, doch ich hielt meinen Mund. Jemand klopfte an die Tür und meine Nervosität war wieder da. Ich würde jetzt gleich eine schottische Hochzeit bekommen.

Flora öffnete und Wulf und Tyler traten ein. Ihre Augen glänzten, als sie mich sahen.

„Du bist wunderschön.“

Dankbar lächelte ich.

„Bringt ihr mich zu Dorian?“

Sie nickten und stellten sich neben mir auf. Sie trugen jetzt Kilts in grelleren Farben und hatten sogar ihre Haare gewaschen und neu geflochten. Selbst Wulf hatte seinen Bart gestutzt und ihn sauber gemacht.

„Von zwei so hübschen Männern zum Altar geführt zu werden, ist mir eine Ehre.“

Ich hackte mich bei ihnen ein und Flora eilte voran. Als wir auf den Hof traten, war dieser jedoch leer. Fragend blickte ich mich um. Wulf und Tyler brachten mich jedoch zum Tor. Als wir hindurchtraten, hielt ich kurz inne. Dorian hatte den Altar genau an der Stelle aufbauen lassen, an dem er mich das erste Mal gesehen hatte. Insgesamt sechs riesige Feuer waren angezündet worden. Tische und Stühle standen überall herum und der Geruch von dem herrlichen Essen von Margarethe, drang mir in die Nase. Auf einem der Feuer hing sogar ein ausgenommenes Stück Fleisch, welches gebraten worden war. Dorian konnte ich jedoch noch nicht sehen. Je näher wir der Gesellschaft kamen, umso lauter wurden ihre Rufe. Sie jubelten, bewunderten mein Aussehen und ich bekam ein Kompliment nach dem anderen. Der Altar bestand nur aus einer riesigen Steinplatte, welche auf zwei Steinen ruhte. Ein älterer Mann mit einem hellblauen Gewand stand dahinter und lächelte warmherzig. Dorian stand neben ihm. Als ich aus der Menge heraustrat und er mich sah, fingen seine Augen wieder zu glänzen an. Er trug wie Tyler und Wulf einen bunten Kilt. Sein Haar war offen und nur zwei dünne Zöpfe hingen ihm über die Brust. Gleich würde dieser Schotte für immer mir gehören. Mein Herz erwärmte sich, als wir ihm näher kamen. Sie führten mich um den Tisch herum und Tyler und Wulf verneigten sich leicht, während sie meinen Handrücken küssten. Gerne hätte ich Dorians Hand genommen, doch er stellte sich nur neben mich und blickte auf den älteren Mann. Dieser baute sich vor uns auf. Die ganze Zeremonie zog wie im Nebel an mir vorbei. Unsere Hände wurden mit einem roten Band aus Samt zusammengebunden, viele Worte wurden gesprochen und auch in einer anderen Sprache rezitiert. Immer wieder versuchte ich die Tränen zu unterdrücken und mein Herz langsamer schlagen zu lassen. Als Dorian mich an sich zog, erwachte ich ein wenig aus meiner Trance.

„Meine Frau, meine Kriegerin, ich liebe dich.“

Er küsste mich sanft und das Gejohle um uns herum wurde immer lauter. Jetzt waren wir Mann und Frau. Taumelnd und atemlos stand ich vor ihm. Ich sah ihm tief in die Augen, während er mich einfach nur festhielt und sanft lächelte.

„Mein siebenhundert Jahre alter Schotte. Ich liebe dich auch.“

Der ältere Mann gluckste und legte seine Hände auf unsere Schultern.

„Vermählt bis in alle Ewigkeit. Durch Liebe und Zeit für immer miteinander verbunden. Genießt diese Nacht, denn es wird Zeit, Sarah Mitchell. Zeit nach Hause zu gehen.“

Hatte er das wirklich gerade gesagt? Ich zitterte, als ich ihn erschrocken ansah. Dorian neben mir schüttelte heftig den Kopf.

„Du musst zurück. Aber keine Sorge, du wirst nichts verlieren. Du hast viel erlebt und viel gewonnen.“

Jetzt liefen meine Tränen in Strömen und ich starrte den alten Mann einfach nur entsetzt an.

„Nicht jetzt. Nicht wo ich Dorian gefunden habe. Bitte. Ich will nicht.“

Verzweifelt klammerte ich mich an den Mann neben mir, der mich gerade geheiratet hatte.

„Vertrau dem Schicksal, Sarah Mitchell. Ich schenke euch die Hochzeitsnacht, doch nicht mehr. Schon viel zu lange warst du hier.“

Er legte eine Hand auf meine Stirn und mich überkam ein leichter Schwindel. Ich warf mich weinend in Dorians Arme, der mich hochhob und wegtrug. Er hatte bisher nichts gesagt. Als ich wieder aufschaute, standen wir am Strand. Mir wollten nicht die richtigen Worte einfallen. Was sollte ich ihm sagen? Wir hätten nicht heiraten sollen, denn dann hätte ich noch viel mehr Zeit mit ihm verbringen können. Ich war am Boden zerstört und konnte nicht aufhören heftig zu schluchzen. Dorian setzte sich neben mich und zog mich fest an sich. Er hielt mich fest umklammert. Ich spürte Nässe an meinem Hals und hob kurz den Bick. Mein stolzer Krieger weinte. Er weinte, weil auch er mich nicht verlieren wollte.

„Ich will dich nicht verlassen müssen. Nicht jetzt, wo ich dich gefunden habe.“

Ich drückte mich so fest an ihn, wie ich nur konnte.

„Sarah.“

Er küsste meine nackte Schulter und seine Hände strichen sanft über meinen Rücken.

„Lass mich dich lieben, wie niemals zuvor. Mein Herz wird brechen, wenn du nicht mehr da bist, also bitte erfülle mir diesen Wunsch, solange du noch da bist. Lass uns diese Nacht nicht vergeuden.“

Er strich mir durchs Haar und weinte noch immer stillschweigend, während er mich ansah.

„Ich werde für alle Zeit nur dir gehören. Mein Herz, mein Körper und alles andere. Oh Gott, Dorian, ich liebe dich so sehr.“

Sein Körper vibrierte, als unsere Zungen sich in einem sanften Kampf liebkosten. Seine Hände waren überall auf meinem Körper. Ich verwöhnte ihn, er verwöhnte mich, wir liebten uns mehrere Male in dieser Nacht mitten am Strand. Keiner hatte gewagt uns zu stören. Ich konnte nicht genug von ihm bekommen. Er ritt mich, ich ritt ihn. Es war ein Geben und ein Nehmen und alles so voller Leidenschaft, dass ich kaum glauben konnte, dass dies hier alles wirklich geschah. Die Worte, multiple Orgasmen, bekamen in dieser Nacht eine ganz andere Bedeutung. Dorian steckte noch tief in mir, als ich ihn einfach nur so fest wie möglich umklammerte. Langsam wurde es um uns herum heller. Das Fest auf der Klippe über uns, schien schon lange vorbei zu sein. Stille hatte sich über uns gesenkt.

„Dorian. Ich will nicht.“

Er küsste meine Stirn und hielt mich einfach nur fest. Ein herzhaftes Gähnen bildete sich auf meinen Lippen. Mein Unterleib brannte und pulsierte von den vielen Orgasmen, welche wir erlebt hatten.

„Du wirst die einzige Frau in meinem Leben sein. Auch wenn ich dich morgen nie wieder sehen werde, ich werde keine andere ansehen oder anfassen können. Sarah Mitchell, ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben.“

Er küsste mich gierig und drückte mich fest an sich. Doch schon kurze Zeit später, war ich erschöpft auf seiner breiten und warmen Brust eingeschlafen.

 

 

 

 

Ich war gerade erst nach Hause gekommen und wollte am liebsten wieder weg von hier. Meine restliche Reise hatte ich abgebrochen und schien jetzt noch ganze zwei Wochen noch frei zu haben. Wochen bei Dorian, waren hier nur eine einzige Nacht gewesen. Ich war wieder in meiner Welt und Dorian schon viele Jahrhunderte lang tot. Dieser alte Mann hatte seine Drohung wahr gemacht. Nach einer ausgiebigen Hochzeitsnacht mit Dorian, war ich in meiner Zeit wieder aufgewacht. Und es gab keine Möglichkeit wieder zurück zu können. Das einzige Andenken, das ich behalten hatte, war Dorians Kette. Alles andere war verschwunden. Diese trug ich, als ich auf seiner Brust eingeschlafen war. Noch immer glaubte ich seine zarten Berührungen und seine sanften Lippen zu spüren, die mir mehr Wonne geschenkt hatten, als jeder Mann zuvor. Den Schock, hatte ich noch immer nicht verdaut. Was mir jedoch nicht aus dem Sinn ging, war sein Name. Jetzt wo ich zu Hause war, konnte ich herausfinden, was aus ihm geworden war. Ob es Aufzeichnungen von ihm gab? Ausgepackt hatte ich schon vor einiger Zeit, deshalb griff ich nach meinem Laptop und suchte nach seinem Namen. Es gab zu viele Treffer, also suchte ich nach dem Namen seiner Burg. Es dauerte, bis ich von einer Universität, welche sich ganz in meiner Nähe befand, einen Eintrag herausfilterte.

Lord Mc Cormick starb kurz im Jahre 1359. Nicht einmal ein halbes Jahr, nachdem er geheiratet hatte und seine Frau verschleppt worden war. Es wird berichtet, dass er an gebrochenen Herzen gestorben war, andere wiederum meinten, dass er sich selbst umgebracht hatte. Auf jeden Fall fand man seinen Leichnam außerhalb der Burg, mitten in der Wiese, knapp bei den Klippen. Nach seinem Tod, wurde die Burg vollkommen zerstört und die Bewohner teilweise getötet oder in alle Winde verstreut.“

Ich konnte nicht mehr weiterlesen. Dorian war tot, weil ich nicht mehr bei ihm war. Das zerriss mir das Herz und ich konnte nicht mehr klar denken. Tränen liefen heiß und ungehindert über meine Wangen. Es gab nach dem kurzen Bericht ein paar Fotos. Was Ausgrabungen zu Tage gefördert hatten, ließ mich innehalten. Man hatte im Keller der Burg, wo sich eine natürliche Quelle befunden haben soll, eine Art Altar gefunden. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und öffnete das Bild. Auf einem Steinblock, er sah aus wie der, vor dem wir gestanden hatten bei unserer Hochzeit, lag ein Schwert und ein fein säuberlich zusammengelegtes Gewand aus Leder. Das Leder sah brüchig aus und würde ich wohl nie wieder anziehen können. Das Schwert steckte in seiner Scheide. Dorian hatte mir an dem Ort, wo wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten, dies für mich aufbauen lassen? Ich sah ihn direkt vor mir, wie er vor diesem Altar kniete und still und heimlich sich seiner Trauer nachgeben konnte. Wie viele Tränen hatten den Boden vor diesem Altar wohl getränkt? Ich konnte nicht länger hinsehen. Ich bekam keine Luft mehr, deshalb scrollte ich schnell weiter. Jetzt erschien ein Bild von dem Schwert ohne Scheide. Ich hatte nur damit trainiert, es niemals gegen einen Menschen erhoben. Wilde Spekulationen wurde darüber gemacht, wem dieses zierliche Schwert für gemacht worden war. Wenn sie die Wahrheit erfuhren, würde mir niemand glauben. Aber etwas anderes fiel mir ins Auge. Stand da wirklich mein Name? Anscheinend gab es eine Urkunde mit meinem Namen drauf, der mir das Land und die Burg vermachte. Zitternd öffnete ich das fotografierte Dokument. Es war eine Besitzurkunde, ziemlich alt, doch da stand eindeutig mein Name drauf. Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich mich mit der Universität in Verbindung setzen? Als ich weiter las, blieb mir das Herz stehen. Da stand mein Geburtsdatum. Mein richtiges Geburtsdatum, welches ganz unten auf dem Dokument angeführt worden war. Die Forscher konnten sich keinen Reim darauf machen, was das zu bedeuten hatte. Ich suchte mir die Telefonnummer von der Universität und versuchte mein Glück. Es war gerade einmal Mittag. Irgendwer würde schon abheben. Eine Frau hob ab.

„Entschuldigen sie, aber ich habe gerade ihre Fotos gesehen auf ihrer Homepage. Es gibt eine Besitzurkunde mit meinem Namen und meinem Geburtsdatum drauf aus dem Jahre 1359.“

Die plötzliche Stille am anderen Ende der Leitung gefiel mir gar nicht.

„Wollen sie mich verarschen?“

Das hatte ich mir schon gedacht.

„Könnten sie mich bitte einfach mit Professor Wilson verbinden?“

Ein Klicken ertönte an meinem Ohr und dann läutete es zweimal, bevor sich eine ältere und männliche Stimme meldete.

„Entschuldigen sie die Störung. Sie haben sicher besseres zu tun, aber ich habe gerade Fotos von Castle Mc Cormick auf ihrer Homepage gefunden und eine Besitzurkunde. Ich wollte ihnen nur sagen, dass mein Name Sarah Mitchell ist und ich am 27. Jänner 1978 geboren worden bin.“

Wieder herrschte kurz Stille, bevor der Mann freudig aufschrie.

„Wann können wir uns sehen?“

Die Universität befand sich zwei Fahrtstunden von mir entfernt.

„Ich könnte in zwei Stunden bei ihnen sein.“

„Dann fahren sie sofort los. Ich checke in der Zwischenzeit das Melderegister nach weiteren möglichen Kandidaten.“

Und schon hatte er aufgelegt. Die Forscher schienen dieses Datum und den Namen wohl als einen Scherz gehalten zu haben, denn ansonsten hätten sie schon vorher mittels Melderegister nach einer Sarah Mitchell gesucht. Doch das alles war kein Scherz. Ich war diese Frau, welche das Schwert und auch die Kleidung gehörte. Die Lord Dorian Mc Cormick geheiratet hatte und nach der Hochzeitsnacht verschwunden war. Wegen mir, war der friedliche und gütige Lord in den Tod getrieben worden. Schnell packte ich alles Notwendige zusammen und machte mich auf den Weg. Sollte dieses Land wirklich mir gehören, dann würde ich alles daran setzen, dass die verfallene Ruine und der Ort, wo ich so glücklich gewesen war, wieder im alten Glanz erstrahlten. Ich hatte viel Geld auf der Seite, doch was die Renovierung einer Burg wirklich kostete, wusste ich nicht. Das war mir auch egal. Wenn es nicht reichte, würde ich einfach einen Schrein erbauen z Ehren an meinen Mann, den ich nie wieder sehen würde, höchstens nach dem Tode.

 

 

 

Das Büro des Professors lag etwas abseits von den anderen Büros der Lehrer. Ich fand es nach einer halben Stunde zirka. Zögerlich klopfte ich an. Die Tür wurde aufgerissen und ein kleiner, schon ziemlich in die Jahre gekommener Mann riss die Tür auf.

„Miss Mitchell?“

Ich nickte und er reichte mir erleichtert und seufzend die Hand. Er führte mich zu einem leeren Stuhl und bat mich zu setzen. In seinem Büro herrschte heilloses Chaos. Überall lagen Bücher und Schriftstücke herum. Ob er überhaupt noch wusste, wo er was finden würde? Ich fühlte mich ganz und gar nicht wohl in meiner Haut.

„Sie sind die einzige Sarah Mitchell, mit diesem Geburtsdatum, welche es auf der Welt gibt. Ich dachte das wäre ein Schreibefehler und wir sind der Sache nie nachgegangen. Doch nach ihrem Anruf, habe ich die Akte wieder herausgeholt.“

Er tippte auf eine hellbraune Mappe vor sich. Er war voller Euphorie und schien sich beinahe zu überschlagen mit seinen Worten. Er sprach so schnell, dass ich ihm kaum folgen konnte.

„Das ist unglaublich? Das wird mir niemand glauben, dass es sie wirklich gibt. Das Schriftstück ist aus dem Jahr 1358. Aber sie können mir die Frage auch nicht beantworten, wie jemand aus diesem Zeitalter wusste, dass es sie geben würde.“

Das hätte ich können, doch ich hielt mich zurück. Viel zu schmerzhaft war mein Verlust. Und dieser Schmerz würde für alle Zeit anhalten. Dorian war der einzige Mann in meinem Leben gewesen, den ich wirklich und wahrhaftig geliebt hatte.

„Professor Wilson, bitte. Könnten sie mir das Schreiben zeigen und mir erklären, was das jetzt für mich heißt?“

Er sah mich kurz erschrocken an, nickte aber dann.

„Wir müssen in den anderen Trakt.“

Er stand auf und deutete mir ihm zu folgen. Wir verließen das Gebäude und gingen in ein Nebengebäude. Es war eingerichtet wie ein Museum.

„Hier stellen wir aus, was unsere Schüler gefunden haben.“

Ich sagte nichts, sondern versuchte mit ihm Schritt zu halten. Er öffnete eine Tür und wir betraten einen kleinen Raum mit vielen Vitrinen. Die Bilder aus dem Internet hingen an den Wänden. Doch mein Blick fiel auf die Mitte des Raumes. Man hatte den Altar mit meinen Sachen dort in eine riesige Vitrine gestellt. Ich ging darauf zu und betrachtete sie eingehend. Mein Schwert, meine Lederkleidung und mein Hochzeitsaltar. Es war alles da, sah jedoch ziemlich mitgenommen aus.

„Das hier, sollte sie interessieren.“

Er deutete auf eine kleine Vitrine und ich wandte mich um. Die Urkunde aus dem Internet befand sich darin, aber nicht nur diese. Es lag Dorians Brosche daneben und eine andere, die so ähnlich aussah, wie die Kette, die er mir geschenkt hatte. Ich holte sie instinktiv hervor und betrachtete sie eingehend.

„Das ist unglaublich.“

Er riss sie mir aus der Hand und ich schrie erschrocken auf. Er rückte seine Brille zu Recht und warf immer wieder einen Blick auf meine Kette und dann auf die Brosche in der Vitrine.

„Identisch. Sie sind es. Aber wie ist das möglich?“

Als würde ich es ihm sagen können. Gerne hätte ich es getan, aber ich konnte es nicht.

„Das ist das Zeichen seiner Ehefrau. Wie es scheint hat sie überlebt und viele Generationen später, stehen sie jetzt vor mir als Nachfahrin des Vermächtnisses.“

Es gab keine Generationen. Ich war die Frau, die Lord Mc Cormick damals geheiratet hatte. Tränen traten mir in die Augen, als er die Vitrine öffnete und die Urkunde vorsichtig heraus nahm. Die Erinnerungen waren einfach noch zu frisch und ich vermisste Dorian so sehr.

„Hier steht, dass alles hier gelagerte ihnen gehört und nicht nur das. Insgesamt acht Hektar Grund gehört von heute an ihnen, sowie noch Goldmünzen im Wert von 168 Millionen Dollar.“

Mir stockte der Atem und ich musste mich jetzt doch irgendwo festhalten. Was hatte Dorian nur getan?

„Wie bitte?“

Er nickte, nahm das Schriftstück an sich und deutete mir ihm zu folgen.

„Der Notar ist schon auf dem Weg. Ich hoffe, sie haben einen Ausweis dabei um ihre Identität zu bestätigen. Sobald alles unterschrieben wurde, bringen wir die Sachen dorthin, wo immer sie diese haben möchten.“

Acht Hektar Grund, Millionen von Dollar und meine alten Sachen, sowie Dorians. Das war zu viel für mich. In Trance folgte ich den Professor zurück in sein Büro. Schwerfällig ließ ich mich in den Stuhl sinken in dem ich vorher schon gesessen hatte. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu Dorian. Doch was brachten mir all dieser Reichtum und das riesige Land, wenn er nicht mehr bei mir war? Mir wurde ein Glas vorgesetzt und ich griff zitternd danach. Doch es war kein Wasser. Es war ein Brandy. Schwer im Geschmack aber wohltuend. Ich leerte das Glas in einem Zug und ließ meinen Blick wieder auf die Urkunde schweifen, die jetzt mitten auf dem überfüllten Tisch lag. Selbst nach seinem Tode hinaus, musste er mich noch immer beschenken. Ich wollte schreien, weinen, toben und ihn verwünschen, mich bei ihm besonders bedanken, doch das war hier und jetzt nicht möglich.

„Sie sind sehr blass. Geht es ihnen gut?“

Verlegen spielte ich mit der Kette um meinen Hals. Statt einem Ring, hatte ich diese von Dorian erhalten.

„Ja. Danke.“

Sein Blick fiel wieder auf meine Kette und er räusperte sich.

„Woher haben sie diese?“

Was sollte ich sagen? Dass ich sie von Dorian Mc Cormick selbst bekommen hatte, als er um meine Hand angehalten hatte? Wohl kaum, denn dann würde ich schneller in einer Anstalt sitzen, als ich schauen konnte.

„Familienerbstück.“

Meine Stimme brach und ich holte ein Taschentuch heraus, um meine Tränen abzutrocknen. Der Mann nickte und setzte sich wieder. Die restlichen Stunden liefen wie im Fluge an mir vorbei. Ich wurde geprüft, mittels Computer alles ausgeforscht und die Richtigkeit bestimmt. Der Notar verneigte sich leicht, schüttelte mir die Hand und verschwand wieder. Eine Kopie der Verträge waren mit übergeben worden. Doch noch immer konnte ich es nicht glauben. Ich war noch immer geschockt über Dorians Handlung mir nach den vielen Jahrhunderten alles, was ihm einst gehört hatte, mir zu überlassen. Er liebte mich noch über den Tod hinaus, wie es aussah. Doch was half mir das? Nichts, denn ich hatte ihn verloren und würde ihn nie wieder sehen.

„Professor Wilson? Dürfte ich schon so viel wie möglich heute mitnehmen?“

Er wirkte bedrückt, sprang jedoch auf und griff nach seinem Telefon.

„Aber natürlich. Immerhin gehört es ihnen. Ich hole nur Hilfe, damit wir alles einpacken können.“

Ich nickte und nahm dankbar ein zweites Gals Brandy entgegen. Ich musste vorsichtig sein, denn ich hatte noch eine zweistündige Fahrt vor mir. Zwei Studenten erschienen und schon machten wir uns auf dem Weg alles einzupacken. Ich hätte es nicht gedacht, doch es passte alles in meinen Wagen. Nichts blieb mehr in der Universität zurück.

„Ich danke ihnen sehr Professor.“

Wir umarmten uns zum Abschied, bevor ich den nach Hause weg antrat. Alle Schätze von Dorian und unserer gemeinsamen Zeit, befanden sich in meinem Wagen. Sie gehörten jetzt neben meiner Kette zu den Erinnerungen, welche mir von Dorian geblieben waren. Ich würde ihn nie wieder sehen und das musste mir langsam klar werden. Er lebte in seiner Zeit, ich in meiner. Er war längst Tod, ich hatte noch viele Jahre vor mir. Das war alles so unwirklich für mich und es tat höllisch weh. Immer wieder kamen mir die Tränen, wenn ich an die Zeit mit ihm zurückdachte. An Wulf, an Tyler, seinen kleinen Bruder und an die vielen gemeinsamen Stunden, die wir verbracht hatten. Unsere Hochzeitsnacht alleine schon war etwas ganz Besonderes gewesen. Keine Frau, hatte jemals so verzweifelt und voller Hingabe einen Menschen geliebt, wie ich es getan hatte und noch immer tat. Mit seinem Vermächtnis, hatte er unsere Heirat für mich legalisiert. Doch was sollte ich jetzt tun? Zurück nach Schottland gehen und alles wieder aufbauen? Oder hier bleiben und versuchen mein Leben weiterzuführen? Ich wusste es im Moment nicht und würde wohl einige Zeit benötigen, um zu entschließen, was ich tun sollte. Auf jeden Fall musste ich sein Andenken in Ehren halten und dafür fiel mir schon der geeignete Ort hierfür ein.

 

 

 

 

Es hatte lange gedauert, doch ich hatte es geschafft. Ich hatte all meine Kontakte abgebrochen und lebte jetzt in Schottland. Ein kleines Haus befand sich an der Stelle, wo ich damals Dorian das erste Mal begegnet war. Mein Bett stand genau an der Stelle, wo ich damals aufgewacht war. Ich hatte einfach nicht aufgehört daran zu glauben, dass ich eines Tages wieder bei ihm sein würde. Im Keller der Ruine war der Altar wieder aufgebaut worden, den ich mir von Professor Wilson schicken hatte lassen. Natürlich war ich für den Transport und alles andere aufgekommen. Er hatte mich sogar schon einmal besucht. Alle anderen Utensilien hatte ich auf dem Altar gelegt oder in Vitrinen gestopft, welche an dem Ort standen, wo sich einst die heiße Quelle befunden hatte. Die Ruine wollte ich nicht aufbauen lassen. Stattdessen hatte ich den Großteil des Geldes an die Universität gespendet, welche die Ausgrabungen vorgenommen hatten. Denn dank ihnen, war ich meinen frischen Erinnerungen so nahe und würde für immer in der Nähe von Dorian sein. Genau dort wo mein Bett stand, hatte er sich das Leben genommen. An dem Ort, an dem wir uns das erste Mal begegnet waren. Nur den Übungsplatz hatte ich herrichten lassen. Hier verbrachte ich meine Tage, um mit meinem Schwert zu üben. Doch von Tag zu Tag wurde ich trauriger. Auch fuhr ich immer weniger in die Stadt. Ich wollte niemanden sehen oder hören. Ich war vollkommen gefangen von Dorian und diesen wundervollen Ort. Wie oft saß ich in der Stelle am Strand wo wir uns das letzte Mal geliebt hatten. Ich weinte viel und als die Tränen für immer versiegt waren, wurde ich immer stiller und zog mich immer mehr zurück. Niemals hätte ich früher gedacht, dass ich einen Mann so sehr vermissen konnte, wie ich Dorian vermisste. Gerne hätte ich die Geschichte geändert. Ich wäre bei ihm geblieben und wäre an seiner Seite gestorben. Wir hätten lange miteinander gelebt, vielleicht sogar Kinder in die Welt gesetzt und einfach nur alt geworden. Doch das Schicksal war grausam. Es hatte uns eine unglaublich starke Liebe geschenkt und diese anschließend vernichtet. Wenn es einen Gott gab, wieso war er nur so grausam zu mir? Wieso schickte er mich in der Zeit zurück, zeigte mir die Liebe und entriss mich ihr dann wieder? Das war nicht fair und ich spielte in den letzten Tagen schon viel zu oft mit dem Gedanken ihm einfach in den Tod zu folgen. Wir wären dann wieder vereint und glücklich. Doch ich schaffte es einfach nicht diesen Schritt zu tun. Wenn ich nicht trainierte, dann verbrachte ich viel Zeit im Keller und bei den Gegenständen, die mich Dorian näher brachten. Ich würde sogar meine Seele an den Teufel verkaufen, um wieder in das Jahr 1358 zu kommen. In Dorians Arme und in eine Welt, in der ich mich wohler als jetzt gefühlt hatte. Doch es ging nicht. Ich lebte hier schon seit über zwei Jahren und noch immer musste ich ein einsames Leben führen. So viele Erinnerungen umgaben mich, doch Dorian war nicht hier und das hatte mich zu einer wütenden und verhärmten Kriegerin gemacht. Die Leute aus der angrenzenden Stadt, kamen nicht mehr hier her. Auch wurde die Burg aus dem Internet genommen. Zu oft hatte ich Besucher mit meinen beiden Armbrüsten und meinem Schwert von meinem Grundstück vertrieben. Um mich vollständig abzuschotten, hatte ich um mein Grundstück einen Elektrozaun aufstellen lassen. Da eine stark befahrene Straße direkt hindurch lief, musste mir die Stadt jeden Monat eine gewisse Summe auf mein Konto überweisen. Ich wollte niemanden sehen und wollte meine Ruhe haben. Nahrung gab es genug auf dem riesigen Areal und auch Wasser gab es in Hülle und fülle. Ich hatte sogar Forscher und Techniker eingestellt, welche die natürliche Quelle im Keller wieder zum fließen bringen sollten. Dank meines vielen Geldes, waren sie sehr eifrig und unternahmen alles, was in ihrer Macht stand. Doch meinen Ehemann konnte mir niemand zurückbringen und deshalb war ich auch so wütend geworden. Verhärmt, wütend und in einer Liebe gefangen, die ich niemals wieder zurückbekommen würde. Ein Anwalt hatte sich telefonisch bei mir angemeldet. Die Leute schienen keine große Lust zu haben, sich meinem Grundstück zu nähern, ohne das sie sich vorher anmeldeten. Selbst die Post kam nur jeden vierten Tag an. Ungeduldig stand ich vor meiner kleinen Hütte und blickte zur Straße. Es dauerte auch nicht lange, bis eine schwarze Limousine anhielt. Mein Schwert hing an meiner Seite und die Armbrust auf meinem Rücken. Genau so, wie es mir Wulf, Tyler und Dorian gezeigt hatten. Leider war das Leder meiner damaligen Kleidung so stark kaputt, dass ich sie nicht mehr anziehen konnte. Ein Mann mit einem Anzug stieg aus. Sein Aussehen alleine schrie schon nach viel Geld.

„Miss Mitchell?“

Er beäugte kritisch die Waffen an meinem Körper. Er wirkte nervös und wagte es sich nicht zu bewegen.

„Was wollen sie?“

Hätte ich netter sein sollen zu ihm? Er räusperte sich leicht und holte einen Brief aus seiner Tasche.

„Ich bin nur gekommen, um ihnen dies hier zu übergeben. Dieser Brief kommt von Professor Wilson. Er erlag vor drei Wochen einem Herzinfarkt. Infolge seines Todes, trug er uns auf sie ausfindig zu machen und ihnen diesen Brief zu übergeben.“

Mir stockte der Atem. Wilson war gestorben? Aber er war schon ziemlich alt und es war sowieso nur noch eine Frage der Zeit, dass er diese Welt verließ. Doch warum vermachte er mir einen Brief?

„Wo muss ich unterschreiben?“

Dieser Anwalt störte mich in meinen Übungen. Ich ging zu ihm und wartete darauf, dass er mir ein Klemmbrett mit einem Stift reichte. Als ich unterschrieben hatte, überreichte er mir den Brief, stieg in den Wagen ein und schon war er verschwunden. Grinsend ging ich zurück in meine kleine Hütte. Die Handschrift des Mannes war zittrig, als er meinen Namen auf den Umschlag geschrieben hatte. Ich setzte mich auf mein Bett und öffnete ihn. Es war nicht viel, das auf dem Papier stand.

Wenn sie zurück möchten, dann sagen sie laut diese Worte an der Stelle, an der sie ihr Glück verloren haben.“

Darunter stand etwas auf Latein. Dass es Latein war, erkannte ich an den Worten, doch was sie bedeuteten, wusste ich nicht. Eine sehr seltsame Nachricht und nur vier Worte auf Latein. Sofort versuchte ich die Worte zu Googeln, doch ich bekam keine Übersetzung. Ich legte den Brief zur Seite und machte mich daran mir ein Abendessen vorzubereiten. Doch ganz vergessen, konnte ich Professor Wilsons Worte nicht. Ich wollte zurück, doch was meinte er mit dem Ort, wo ich mein Glück verloren hatte? Und würde ich mit diesen Worten überhaupt wieder zurück können? Wohl kaum, denn woher sollte der Professor wissen, wo ich gewesen und was mit mir wirklich passiert war? Ich hatte es ihm niemals erzählt, auch wenn wir einige Zeit lang in Kontakt gestanden hatten. Das alles war vielleicht nur ein böser Scherz. Und deshalb ignorierte ich den Brief und machte es mir nach dem Essen in meinem Bett gemütlich. Wie sonst auch jede Nacht, schloss ich die Augen und versuchte mir vorzustellen, wie Dorian neben mir lag und mich mit diesem verliebten Blick anstarrte und wir beide eine hemmungslose Nacht miteinander verbrachten. Nicht einmal legte ich selbst Hand an mich, während ich an Dorian dachte. Selbst während des Trainings war es schon einige Male vorgekommen, dass ich mir vorstellte mit ihm zu üben und er mich anschließend verschwitzt und völlig außer Atem an Ort und Stelle nahm. Doch war das hier wirklich ein Leben für mich? Eindeutig, Ja. Hier gehörte ich hin und hier wollte ich sterben. Ganz nah bei Dorian, damit er mich jederzeit fingen konnte.

 

 

 

 

Einige Wochen waren vergangen und ich fühlte mich immer schrecklicher. Mein Lebenswille war erloschen und immer öfters spielte ich mit dem Gedanken die Worte aus dem Brief laut auszusprechen. Es war schon Mittag und ich lag noch immer untätig in meinem Bett. Ich griff nach dem Brief, las mir die Worte noch einmal durch, obwohl ich sie schon in- und auswendig konnte. Dann schloss ich die Augen, drückte mir den Brief an die Brust und sprach die seltsamen Worte laut aus. Doch es hatte sich nichts verändert, als ich die Augen geöffnet hatte. Seufzend zerknüllte ich den Brief und warf ihn schreien quer durch den Raum. Doch mir fiel ein, was der Professor geschrieben hatte. Nicht der Ort unserer ersten Begegnung, sondern der Ort an dem ich mein Glück verloren hatte. Das war nicht hier auf der Klippe gewesen, sondern auf dem Strand. In unserer Hochzeitsnacht, als ich in Dorians Armen eingeschlafen war. Neuer Mut und Hoffnung ergriff von mir Besitz. Ich verließ mein Zelt und blinzelte von der grellen Sonne hoch über meinen Kopf. Doch es gab nur ein Ziel für mich. Die Stelle, an der ich mit Dorian das letzte Mal Liebe gemacht hatte. Die Stelle hatte ich mit einem Kreuz gekennzeichnet. Ich bildete mir sogar noch immer ein, dass man den Abdruck unserer Körper im Sand sehen konnte. Ich legte mich auf den Sand, genau auf die Stelle, wo ich einst unter Dorian gelegen hatte und sprach laut die seltsamen Worte aus dem Brief aus. Nichts geschah. Es war bescheuert von mir gewesen. Zum Glück hatte mich niemand beobachtet. Der Professor blickte jetzt sicher auf mich herab und krümmte sich vor Lachen. Doch plötzlich überkam mich eine schreckliche Müdigkeit. Mein Körper wollte mir nicht mehr länger gehorchen und schon war ich tief und fest eingeschlafen.

Lautes Geschrei weckte mich plötzlich. Wer war auf mein Grundstück eingedrungen? Ich musste es vertreiben und das so schnell wie möglich. Seufzend stand ich auf und eilte die Klippe hinauf. Meine Hand lag auf meinem Schwert. Als ich oben angekommen war, sah ich ein paar Männer in Kilts zur Klippe eilen. Mein Haus war verschwunden. Wo war es? Verwirrt blickte ich mich um, bis ich sah, dass die Burg wieder stand und sich die Männer um eine Stelle an der Klippe scharrten. Genau an der Stelle, wo mein Haus gestanden hatte.

„Ich bin zurück. Professor Wilson hat mich zurück gebracht.“

Doch dann lief ein kalter Schauer über meinen Rücken. Es war genau die Stelle, wo Dorian sich das Leben genommen hatte. Ich lief so schnell ich konnte zu der Stelle hin. Wütend und kreischend schob ich die Männer zur Seite, damit ich durch die Menge kam. Jemand packte mich am Arm, doch ich entzog mich und fiel auf die Knie, als ich Dorian vor mir blutend auf dem Boden liegen sah.

„Dorian.“

Ich griff nach seinen Schultern und schüttelte ihn leicht. Seine Lider flatterten ein paar Mal, bevor seine Augen offen blieben.

„Meine…..Sarah….ich….liebe dich….ohne dich gibt…..es kein….Leben für mich….“

Immer wieder brach seine Stimme. Wie auch immer ich es geschafft hatte, ich war wieder zurück. Ich war bei ihm und ich würde ihn auf keinen Fall sterben lassen. In seinem Bauch klaffte ein riesiges Loch, welches stark blutete.

„Du wirst mir nicht wegsterben. Ich verbiete es dir. Ich bleibe sicher nicht alleine hier.“

Ich drückte fest auf die Wunde und versuchte die Blutung zu stoppen. Hilflos blickte ich mich um. Doch ich erkannte nur wenige der Männer um uns herum. Wo waren Tyler und Wulf? Wieso waren sie nicht da? Frustriert schrie ich auf.

„Verdammt helft mir doch. Er darf nicht sterben.“

All ihre Blicke waren auf die Kette um meinen Hals gerichtet. Sie traten einen Schritt zurück und verneigten sich. Diese blöden Neandertaler schienen die Situation nicht verstanden zu haben, in der wir uns befanden. Dorian war dabei zu sterben. Genau dann, als ich es geschafft hatte, wieder zu ihm zu gelangen.

„Dorian, hör auf meine Stimme. Du darfst nicht sterben. Ich bin hier. Hier bei dir und ich gehe nie wieder weg. Bitte. Bleib am Leben.“

Tränen stiegen mir in die Augen. Immer fester drückte ich auf die stark blutende Wunde, während ich immer wieder auf ihn einsprach.

„Sarah….liebe dich….“

Dann sank sein Kopf kraftlos zur Seite. Ich schrie erschrocken auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legte.

„Warmes Wasser und eine erhitzte Nadel.“

Verwundert wanderte mein Blick zu dem Mann, der jetzt neben mir hockte. Es war Tyler. Erleichtert stieß ich die Luft aus.

„Schnell hilf mir.“

Er nickte. Ich ließ ihn weiterhin Druck auf seinen Bauch ausüben, während ich meine Hände wusch und nach der Nadel griff, die Wulf mit einer Zange in der Hand hielt. Ich war so froh die Beiden wieder zu sehen, doch später würde ich sie gebürtig begrüßen. Jetzt zählte das Leben meines Mannes. Dem einzigen Menschen, den ich jemals wirklich geliebt hatte und der gerade im Sterben lag. Hoffentlich war ich nicht zu spät gekommen. Durch die stark erhitzte Nadel, gelang es mir unter Anstrengung die Wunde zu nähen und den starken Blutfluss zu stoppen. Doch wie viel Blut hatte er schon verloren? Ich wusste es nicht. Besorgt legte ich eine Hand auf seine Halsschlagader und überprüfte seinen Puls. Sein Herz schlug wach, doch regelmäßig. Erschöpft kippte ich zur Seite. Tyler und Wulf griffen sofort nach mir und hielten mich fest.

„Er muss in sein Bett.“

Sie nickten und schon wurde Dorian behutsam aufgehoben und davongetragen. Mit meiner Rettung, veränderte ich die Geschichte. Das war mir jedoch egal. Ich konnte ihn nicht sterben lassen. Nicht, wenn ich durch ein Wunder wieder in seine Zeit gekommen war.

„Wo warst du?“

Ich versuchte zu Lächeln, doch es ging nicht.

„Zu Hause. Es war ein Zufall, dass ich hergekommen bin. Hoffentlich rechtzeitig.“

Ich sank erschöpft gegen Tyler. Dieser hob mich einfach hoch und trug mich hinter Dorian her in die Burg.

„Du musst schlafen, dann reden wir.“

Schnell schüttelte ich den Kopf und krallte mich in seine Schulter. Ich hatte Angst, dass ich wieder in meiner Welt aufwachte.

„Ale. Viel Ale. Und ich will bei Dorian bleiben und dann erzähle ich dir alles.“

Tyler zögerte, doch er nickte und brachte mich in Dorians Schlafzimmer. Er setzte mich auf einen Stuhl, den Wulf an Dorians Bett geschoben hatte.

„Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast wieder her zu kommen, doch ich hoffe, du kannst jetzt bleiben. Die letzten Monate waren schrecklich für ihn und auch für alle anderen.“

Ich griff nach Tylers Armen.

„Ich erzähle es euch später. Jetzt zählt sein Leben mehr als alles andere.“

Tyler nickte und zog sich von mir zurück. Doch er und Wulf blieben hinter mir stehen, während ich auf das blasse Gesicht von Dorian starrte. Ich musste einen Verband anlegen. Mühsam erhob ich mich und warf einen Blick zu Tyler.

„Bringt mir Konstanze oder einen Verband oder was auch immer.“

Beide Männer traten plötzlich von einem Bein aufs andere.

„Konstanze hat meinen Bruder verraten. Sie wurde vor ein paar Tagen hingerichtet, nachdem wir dem Ansturm abwehren konnte.“

Ich hielt erschrocken die Luft an und starrte die beiden Hünen nur entsetzt an.

„Konstanze ist tot?“

Sie nickten und senkten den Blick.

„Ich hole uns was zu trinken und zu Essen.“

Wulf verschwand und Tyler setzte sich auf die andere Seite des Bettes von Dorian.

„Wie hast du das geschafft?“

Ich zuckte mit den Schultern und sah ihn kurz an. Sein besorgter Blick ruhte auf Dorian.

„Dorian hat mir alles vermacht, bevor er sich selbst umbringen wollte. Ich habe sein Land, sein Vermögen und alle anderen Sachen erhalten, die er gebunkert hatte als Andenken an mich. Dazu kam nach ein paar Wochen ein Brief mit ein paar seltsamen Worten. Die Anweisung lautete sie an dem Ort laut auszusprechen, wo ich mein Glück verloren habe. Ich tat es am Strand, wo ich die Nacht mit Dorian verbracht hatte nach unserer Hochzeit. Ich kam an, als Dorian sich das Leben nehmen wollte. Ich hörte die Schreie der Männer und ich war wieder hier.“

„Bleibst du?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Die Nachricht lautete, „Wenn sie zurück möchten, dann sagen sie laut diese Worte an der Stelle, an der sie ihr Glück verloren haben.“.

Ich hoffe, dass ich hier bleiben kann, denn ich kann ohne ihn nicht leben. Die vielen Monate in meiner Zeit waren verdammt hart und das will ich nicht noch einmal durchmachen. Sollte er sterben, dann werde ich ihm folgen.“

Tyler sah mich eindringlich an, bevor er sich wieder abwandte.

„Für ihn war es auch schwer. Ich musste all seine Aufgaben übernehmen. Er kniete nur noch an der Quelle, wo er deine Habseligkeiten aufbewahrte. Immer mehr zog er sich zurück und weinte und schrie fast jede Nacht. Dorian aß nichts mehr und verfiel immer mehr. Ich hätte mehr auf ihn aufpassen müssen, dann wäre es nie so weit gekommen.“

Er zog den Kopf leicht ein und ergriff Dorians Hand. Das war also der Grund, wieso seine Wangen so eingefallen aussahen. Wulf kam mit einem Tablett zurück. Darauf lag ein Stoffstreifen, eine Schüssel mit warmem Wasser und etwas zu Essen und eine Flasche Ale. Zuerst verarztete ich Dorian. Wenigstens hatte die Wunde aufgehört zu bluten. Dann nahm ich einen Becher mit Ale von Wulf entgegen und trank gierig.

„Margarethe kommt auch gleich. Sie will dich unbedingt sehen.“

Ich lächelte und trank einen weiteren Becher Ale. Die Wärme des starken Alkohols breitete sich angenehm warm in meinem Bauch aus. Hoffentlich kam Dorian durch, denn ich wollte ihn nicht noch einmal verlieren. Wer auch dieser Professor war, oder was er zu wissen schien, dank ihm, war ich wieder hier und ich wollte mein Leben mit Dorian verbringen. Nichts anderes hielt mich noch am Leben. Sollte er heute oder in den nächsten Tagen sterben, würde ich ihm folgen. Nie wieder wollte ich von ihm getrennt sein. Ich starrte auf sein bleiches Gesicht und hoffte, dass er überleben würde. Er war meine Bestimmung, ansonsten wäre ich jetzt nicht wieder hier. Tränen stiegen mir in die Augen, wollten jedoch meine Augen nicht verlassen. Schon viel zu viel hatte ich wegen Dorian geweint. Jetzt war ich hier und ich hoffte, dass es für immer sein würde. Für immer? War das überhaupt möglich?

 

 

 

 

Vier ganze Tage nun saß ich jetzt schon an Dorians Bett und hatte es nur kurz verlassen, wenn ich auf die Toilette musste. Dann waren Wulf oder Tyler immer hier an Dorians Seite. Sein Puls war stark, seine Wunde sah gut aus, doch er wollte nicht aufwachen. Heute war der Tag, an dem ich nicht auf dem Stuhl schlief, sondern neben ihm im Bett. Zusammengerollt an seiner Seite mit einer Hand auf seiner Brust. Wieso wollte er nicht aufwachen? Seine Wunde sah sehr gut aus und trotzdem wachte er nicht auf. Ich kuschelte mich fester an ihn. Seine Wärme und seine Nähe taten gut und beruhigten mich. Doch so lange Dorian nicht endlich die Augen aufmachte, würde ich keinen Frieden finden können. Sein Puls war stark und seine Atmung regelmäßig. Wenigstens ein gutes Zeichen.

„Sarah?“

Wulf und Tyler waren in das Zimmer gekommen, ohne das ich es mitbekommen hatte. Mühsam stand ich auf und streckte meine Glieder.

„Pinkelpause.“

Tyler grinste und setzte sich an Dorians Bett. Ich ging auf die Toilette und stattete Margarethe einen Besuch in der Küche ab.

„Mein Gott, du musst endlich etwas essen.“

„Ich kann nicht. Nicht so lange bis Dorian es wieder besser geht.“

Frustriert strich ich mir durchs Haar.

„Es duftet wieder einmal herrlich.“

Margarethe schloss mich kurz in den Arm.

„Er kommt schon wieder auf die Beine. Er ist zäh, du wirst schon sehen.“

Ihr Wort in Gottes Ohr. Ich hoffte es.

„Ich hab das hier alles so vermisst. Ihn vermisst, euch alle. Ich bin so froh, wieder hier zu sein.“

Sie lächelte und reichte mir ein Stück Brot.

„Wir müssen deine Backkünste verbessern. Ich habe da ein paar leckere Kuchen und Brötchen im Angebot.“

„Das klingt verlockend.“

Plötzlich stürmte Wulf in die Küche. Er war völlig außer Atem. Er brauchte nichts zu sagen. Ich wusste, dass es um Dorian ging. Ich rannte so schnell ich konnte in das Zimmer. Dort lag Tyler auf dem Boden und blutete aus einer Wunde am Kopf. Das Bett war jedoch leer und Dorian verschwunden.

„Was ist passiert?“

Ich half Tyler aufzusetzen.

„Keine Ahnung. Er öffnete die Augen, sah sich um und rannte dann davon. Als ich ihn aufhalten wollte, schlug er mich nieder. Also für das, dass er schwer verletzt ist, ist er ganz schön stark.“

Angst und große Sorge, machten sich in mir breit. Ich hätte hier sein müssen. Wieso bin ich nur zu Margarethe gegangen? Was, wenn er sich wieder etwas antun wollte?

„Schnell, ruft alle zusammen und sucht ihn.“

Tyler wischte sich das Blut vom Kopf und wollte auch gehen.

„Du nicht. Du gehst in die Küche und Margarethe. Sie soll sich deinen Kopf ansehen. Ich suche selbst nach ihm.“

Er wollte etwas erwidern, doch ich schenkte ihm einen strengen Blick und eilte hinter Wulf her. Der hatte mit nur ein paar Worten, alle auf die Suche nach Dorian geschickt. Als erstes rannte ich zur Klippe und zum Strand. Von Dorian war jedoch keine Spur zu finden. Ich war am verzweifeln. Wo konnte Dorian nur stecken? Jeder Winkel wurde nach ihm abgesucht. Es waren sogar einige mit den Pferden unterwegs und ritten über Dorians Land. Dann fiel es mir wieder ein. Der Schrein. Ich war so verdammt dämlich. Wieso hatte ich nicht zu aller erst daran gedacht? So schnell ich konnte, rannte ich in die Burg zurück und hinab in den Keller. Auf der Treppe hörte ich schon ein heftiges Schluchzen. Dorian kniete vor dem Altar, an dem wir geheiratet hatten. Meine Sachen lagen darauf. Obwohl ich mein Schwert oben in seinem Zimmer abgelegt hatte, so lag doch die neuere Version davon hier auf dem Stein. Mit einer Hand hielt er sich am Stein fest, die andere hatte er am Boden aufgestemmt. In seiner Hand hielt er eine kleine Blume. Es tat weh, ihn in diesem Zustand zu sehen. Hinter mir hörte ich Schritte. Ich drehte mich um und hielt die Männer mit einem Kopfschütteln auf.

„Sagt Wulf und Tyler Bescheid. Ich mach das schon.“

Sie verneigten sich leicht und verschwanden wieder. Natürlich würden zwei von ihnen oben stehenbleiben und alle anderen davon abhalten, hier herunter zu kommen. Vorsichtig näherte ich mich Dorian. Der große Krieger war am Verlust einer einfachen Zeitreisenden zerbrochen. Hätte ich das gewusst, hätte ich vielleicht nicht so starke Gefühle zugelassen. Als ich hinter ihm stand, ließ ich noch einmal einen Blick über den Altar gleiten. Die Brosche, welche ich zu Hause hatte, war nicht dabei. Hatte er sie noch gar nicht gemacht? Aber Dorian wäre vor ein paar Tagen gestorben und die Brosche war bei seinen Sachen gefunden worden. Doch das war jetzt egal. Jetzt musste ich meinem Mann endlich beibringen, dass ich wieder hier war. Deshalb legte ich ihm eine Hand leicht auf die Schulter. Ein zittern ging durch seinen Körper, doch er reagierte nicht.

„Dorian.“

Sein Haar war nach vorne gefallen und verdeckte sein Gesicht.

„Dorian.“

Ich kniete mich neben ihn auf den Boden und streichelte seine Schulter. Obwohl er abgenommen hatte, so besaß er noch immer viele Muskeln und war noch immer stark.

„Jetzt höre ich auch noch ihre Stimme. Wie lange wird mich das alles noch quälen?“

Ich kicherte und strich ihm das Haar hinters Ohr.

„Tja ich schätze nie.“

Ruckartig flog sein Kopf zu mir. Er hielt den Atem an, ließ seinen Blick über meinen Körper schweifen und sah mir dann wieder tief in die Augen.

„Das….das….“

Seine Hand zitterte so stark, als er mich anfassen wollte, dass ich sie einfach nahm und meine Wange in seine Handfläche kuschelte.

„Ja. Dorian. Ich bin echt.“

Wieder schüttelte er den Kopf. Er kniete vor mir auf dem Boden und starrte mich einfach nur ungläubig an.

„Wie kann ich es dir beweisen?“

Ich beugte mich vor, strich ihm zärtlich über die Wangen und legte meine Lippen auf seine. Dorian erstarrte, zitterte, als sich endlich seine Hände um mich schlangen. Er vergrub sein Gesicht an meinem Hals. Er weinte schon wieder.

„Jetzt hör endlich auf zu weinen. Wo ist mein stolzer Krieger?“

Er ließ mich los und ergriff meine Hände.

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

Ich lachte und küsste ihn auf die Wange.

„Also ich möchte jetzt auf keinen Fall reden. Mir fallen da viel bessere Sachen ein. Und wir haben Bodyguards, welche die Treppe bewachen.“

Da war wieder dieses Funkeln in seinen Augen. Ich tippte ihm auf die Nase und stand auf. Ich wandte mich zur Quelle und zog mich langsam mit dem Rücken zu ihm aus. Dann glitt ich ins Wasser. Schon vernahm ich ein tiefes Knurren hinter mir. Mein ganzer Körper fing zu kribbeln an vor Vorfreude. Ich schloss genüsslich die Augen, während ich auf meinen Ehemann wartete. Und er ließ mich nicht lange warten.

„Du bist wirklich wieder hier.“

Ich öffnete die Augen und nickte. Er stand nackt vor mir und ließ seinen Blick über meinen Körper schweifen.

„Aber wie?“

„Zauberei? Und natürlich hat auch geholfen, dass du alles mir vermacht hast.“

Ein schüchternes Lächeln, stahl sich auf seine Lippen.

„Dorian Mc Cormick, wie lange muss ich jetzt noch darauf warten, dass du mich endlich packst und dort weitermachst, wo wir am Strand aufgehört haben?“

Schon drängte er sich zwischen meine Beine und küsste mich wieder verlangend. Ich hatte meinen Krieger zurück, meinen Mann, meinen besten Freund. Ich hatte das Gefühl, dass ich für immer hier bleiben würde. Und das war gut so, denn ich hatte viel zu tun. Margarethe brauchte ein paar neue Rezepte, Wulf und Tyler wollte ich zeigen, was ich in der Zwischenzeit gelernt hatte und es gab so viele Dinge, die ich mit Dorian noch erleben und tun wollte. Vor allem ihm nach Strich und Faden verwöhnen und ihn immer wieder an den Rand des Wahnsinns zu treiben.

„Ich liebe dich so sehr.“

Der Sex war zärtlich und sanft und immer wieder erforschte er mit seinen Händen meinen Körper. Als wollte er sich vergewissern, dass ich auch wirklich hier war und kein Trugbild.

„Verlass mich nie wieder.“

„Versprochen.“

Seine Bewegungen waren tief, aber sanft, während er mich immer höher trieb und ich zitternd in seinen Armen hing. Wieder bewunderte ich seine Leidenschaft und seine Sanftheit. Es gab auf der Welt keinen anderen Mann, den ich lieber an meiner Seite gehabt hätte. Wir beiden gehörten zusammen. Schon vom ersten Augenblick an, als wir uns das erste Mal gesehen hatten, hatten wir schon zusammengehört. Jetzt konnte ich mein Leben mit ihm verbringen und es genießen. Auch wenn diese Zeit rauer und härter war, so hatte ich mich schon gut gehalten und mir würden alle helfen, dieses Leben zu meistern. Gleichzeitig erreichten wir die Spitze. Ich warf meinen Kopf zurück und stöhnte laut auf, während Dorian einen Schrei ausstieß und seinen heißen Samen in mich pumpte. Erschöpft legte er seinen Kopf auf meine Brust und schloss die Augen.

„Verlass mich nie wieder, Sarah.“

Ich legte meine Hände auf seine Schultern.

„Versprochen. Aber es gibt da noch etwas.“

Er hob sofort den Blick und wich vor mir zurück. Lachend zog ich ihn wieder an mich.

„Lass mich erst einmal aussprechen.“

Mit leicht geröteten Wangen, versuchte ich ihm mein Anliegen zu erklären.

„Es ist so, wenn ich hier bleibe, dann sollten wir mit dem Sex aufpassen.“

Seine Augenbrauen hoben sich.

„Und warum?“

„Naja, ich weiß, dass es keine Verhütungsmittel gibt. Und ich habe keinen Schutz mehr. Das heißt, ich könnte jederzeit Schwanger werden, wenn wir nicht aufpassen.“

Dorian stieß erleichtert die Luft aus.

„Willst du keine Kinder?“

„Schon aber….“

Und schon küsste er mich wieder und zog mich fester an sich, bevor er mich aus der Quelle hob.

„Ich halte mich auf keinen Fall zurück. Und wenn wir hunderte von Kinder zeugen. Ich habe dich endlich wieder und das möchte ich auskosten.“

Mir stockte der Atem?

„Hunderte?“

Jetzt wurde ich doch etwas ängstlich und jegliche Farbe wich aus meinem Gesicht?

„Oder mehr? Jemand hat mir einmal beigebracht, dass eine Herausforderung immer angenommen werden muss.“

Er war wieder da und er fing schon wieder an mich zu ärgern. Liebevoll schlug ich ihm auf den Oberarm.

„Na warte.“

Er kicherte, stellte mich ab und griff nach meinen Sachen auf dem Altar.

„Ziehst du das an für mich? Dann gehen wir zu den anderen. Ich habe das Gefühl, dass dies heute eine lange Nacht werden wird.“

Ich nickte und zog mich schnell an. Das mit der langen Nacht, würde garantiert so sein, denn ich hatte vor meinem Mann nicht so schnell aus dem Bett zu lassen, bis ich nicht alles nachgeholt hatte. Grinsend schlug ich ihm auf den Hintern und eilte an ihm vorbei zur Treppe.

„Kaum wieder da und schon frech.“

Lachend schüttelte er den Kopf und kam hinter mir her.

 

 

 

 

„Lass mich rein, Sarah.“

Ich blickte wütend zu Margarethe und schüttelte den Kopf.

„Macht das ja nicht. Dieses Monster ist schuld daran, dass ich hier verschwitzt, stinkend und hässlich herumliegen muss mit höllischen Schmerzen.“

Margarethe kicherte und legte mir einen kühlen Lappen auf die Stirn.

„Sarah, bitte.“

„NEIN! Verschwinde.“

Margarethe griff nach meiner Hand und drückte sie leicht.

„Spaß habt ihr alle daran, aber dann jammern. Also ich öffne jetzt diese Tür.“

Ich wollte protestieren, doch schon stand Dorian neben mir.

„Bist du verrückt geworden? Wieso sperrst du mich aus?“

Ich seufzte und versuchte die nächste Wehe weg zu atmen.

„Du solltest mich nicht so sehen.“

Dorian setzte sich zu mir aufs Bett und küsste mich sanft.

„Ich habe dich schon voller Blut und Eingeweiden gesehen und dann darf ich nicht einmal dabei sein, wenn mein Kind auf die Welt kommt?“

„Du Schuft.“

Die nächste Wehe kam und ich schrie erschrocken auf. Margarethe öffnete noch einmal die Tür und Tyler kam mit einer Schüssel und einigen Decken herein. Genervt verdrehte ich die Augen.

„Auch das noch.“

„Ich liebe dich auch Schwägerin.“

Er umarmte mich kurz und verschwand wieder. Tyler hatte in den letzten Monaten viel von mir gelernt. Nichts Gutes und er wurde immer besser darin mich aufzuziehen.

„Du hast einen schlechten Einfluss auf ihn.“

Die nächste Wehe kam. Es war fast soweit. Das Baby würde gleich kommen.

„Dorian. Es geht gleich los.“

Er nickte, hob mich kurz hoch und setzte sich hinter mich. Jetzt lag ich auf seiner Brust. Zarte Küsse verteilte er auf meiner verschwitzten Haut und streichelte mir sanft über die Arme.

„Ich bin hier.“

Margarethe kam zurück und hob die Decke hoch.

„Sarah, bei der nächsten Wehe musst du pressen.“

Sie hatte leicht reden, sie lag ja nicht hier auf dem Bett und presste eine Melone durch ein klitzekleines Loch. Aber ich tat wie mir geheißen. Dorian war eine sehr gute Stütze.

„Noch einmal. Du hast es gleich geschafft.“

Es tat weh und ich wollte, dass es aufhörte. Doch ich presste weiter, bis der Druck zwischen meinen Beinen plötzlich vorbei war und ein kräftiger Kinderschrei die Stille durchbrach. Erleichtert und erschöpft, sank ich gegen Dorians Brust. Margarethe wickelte das Kind in eine Decke und reichte es mir.

„Es ist ein wunderschöner Junge.“

Ich bemerkte, wie Dorian hinter mir stark die Luft einzog.

„Ein Junge?“

Er war wunderschön. Ich war hin und weg von diesem kleinen Bündel in meiner Hand. Ein Kind, geboren aus der Vergangenheit und der Zukunft. Unglaublich.

„Er ist wunderschön Dorian. Wie soll er heißen?“

Er schluckte und strich sanft über die Wange des Kindes.

„Was haltest du von Alexander?“

Ich sah ihm kurz in die Augen und nickte dann.

„Ein schöner Name.“

Ich küsste meinen Mann, als sich mein Unterleib wieder zusammenzog. Das war nicht normal, oder?

Ich schrie auf, als eine weitere Wehe mich überkam.

„Was ist los?“

Dorian hielt mich fest, während Margarethe nach Tyler rief.

„Schnell, nimm ihr das Kind ab, da kommt noch eines.“

Zwillinge? Ängstlich krallte ich mich an Dorian. Dieser lächelte jedoch nur und küsste mich auf die Wange.

„Und da beschwert sich meine Kriegerin immer darüber, dass sie die vielen Geschenke nicht wieder gutmachen kann.“

Er knabberte an meinem Ohr und ich zwickte ihm in den Arm. Doch ich hatte keine Zeit mehr mich um ihn zu kümmern. Das zweite Baby kam und diesmal ging es schneller und tat nicht mehr so sehr weh.

„Ein Mädchen.“

Tyler stand im Zimmer und liebkoste Alexander. Ich und Dorian hielten das kleine Mädchen.

„Und ihr Name?“

Sie sah jetzt schon wie eine wunderschöne Prinzessin aus.

„Sofia Hope Mc Cormick.“

Margarethe machte mich sauber und packte die Nachgeburten in einen Sack. Dorian kroch unter mir hervor und küsste mich sanft.

„Wir lassen dich jetzt ein wenig schlafen. Sobald du aufstehen darfst, habe ich eine Überraschung für dich.“

Dorian nahm mir Sofia ab und Tyler zog mit Alexander in seiner Hand ab. Schlafen war gut, denn ich fühlte mich wirklich ein wenig KO. Zwillinge. Es war noch immer unfassbar. Da würde von nun an viel auf uns zukommen. Margarethe leistete mir noch ein wenig Gesellschaft, bevor ich eingeschlafen war.

 

 

 

„Was hast du vor?“

Dorian trug mich aus der Burg hinaus. Wulf und Tyler hielten meine zwei Kinder im Arm und standen mit allen anderen Bewohnern an der Stelle, wo Dorian mich das erste Mal kennengelernt hatte.

„Wirst du gleich sehen.“

Ein Säckchen stand auf dem Boden. Dort hatte Margarethe meine Nachgeburten verpackt. Fragend blickte ich zu Dorian, der mich auf dem Boden absetzte und mir eine Decke um die Schultern legte. Der ältere Mann, der uns verheiratet hatte, kam durch die Menge.

„Professor?“

Es hätte mir früher auffallen müssen. Doch ich war anscheinend so gefangen in meiner Trauer gewesen, dass ich es nicht bemerkt hatte. Dorian blickte zwischen mir und ihm hin und her. Ich erhob mich und ging auf ihn zu. Er lächelte und zwinkerte mir zu.

„Kurzzeitig. Aber später.“

Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Dieser Mann hatte uns verheiratet und war mir in meiner Welt ebenfalls begegnet. Dank ihm, hatte ich die Besitzurkunde erhalten und er hatte mir den Spruch geschickt. Er würde mir viele Fragen beantworten müssen. Und auf keinen Fall würde ich ihn gehen lassen.

„Er darf nicht verschwinden. Ich habe viele Fragen an ihn.“

Er nickte und verneigte sich leicht. Dorian sah mich kurz fragend an, aber ich schüttelte den Kopf.

„Später.“

Er nickte, blickte noch einmal zu dem Priester oder Druiden und nickte leicht. Dann griff er nach einer Schaufel und hob ein kleines Loch aus. Behutsam legte er den Sack hinein. Einer seiner Männer brachte ein kleines Bäumchen und stellte es auf dem Sack. Dorian machte das Loch wieder zu und achtete penibel darauf, dass der Baum auch wirklich fest in der Erde steckte. Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus den Augen, als er mich in den Arm nahm.

„Damit unsere Kinder und ihre Kinder und alle anderen Generationen für alle Ewigkeit wissen, wo alles angefangen hat. Sie werden im Schatten des Baumes sitzen, sich vielleicht verlieben und seine Früchte werden sie laben.“

Ich seufzte und küsste ihn sanft.

„Du kannst ja richtig sentimental und romantisch sein. Und das auch noch vor deinen Männern. Schämst du dich gar nicht?“

Schnell schüttelte er den Kopf, während alle anderen zu Lachen anfingen. Seine Augen funkelten wieder lüstern. Aber noch durften wir nicht miteinander schlafen. Deshalb schlug ich ihm auf den Oberarm und entzog mich ihm.

„Und jetzt zu ihnen.“

Dorian ergriff meine Hand und drückte sie sanft.

„Sarah, dass ist ein Druide Marius, ein ganz besonderer Mann. Er verkörpert unsere Kultur und ist sehr mächtig.“

Doch der Mann hob abwehrend eine Hand und kam zu uns. Er trug einen braunen langen Mantel und sah eher aus wie ein Mönch.

„Schon gut Lord Dorian. Ich schulde eurer Frau eine Antwort. Ich habe sie in meinen Träumen gesehen und wusste sofort, dass sie noch eine wichtige Rolle spielen wird. Ich habe sie hergebracht, weil ich euch die Liebe nicht verweigern wollte.“

„Und wieso wurde ich dann zurückgeschickt?“

Wütend stemmte ich die Hände in die Hüften und starrte ihn an. Ein Raunen ging durch die umstehende Menge und Dorian versuchte mich von ihm wegzuziehen.

„Sarah. Nein.“

Doch ich schüttelte ihn ab.

„Wissen sie eigentlich was das mit uns getan hat? Können sie sich den Schmerz eigentlich vorstellen, den sie uns beiden verursacht haben? In meinen Augen sind sie ein Sadist. Was bilden sie sich eigentlich ein.“

Ich wollte auf ihn zustürmen, doch Dorian griff nach meiner Taille und hob mich in die Luft. Wütend schrie ich auf und zappelte wild in seinen Armen.

„Sarah Mc Cormick. Es musste sein, auch wenn es schmerzhaft war. Nur die wahre Liebe konnte euch wieder zusammenführen. Wären eure Gefühle nicht stark genug gewesen, hätte der Zauberspruch niemals funktioniert und alles wäre so geblieben wie vorher. Ihr beiden habt die Zukunft verändert und das war sehr wichtig. Genaueres, darf ich euch jedoch nicht verraten. Genießt euer gemeinsames Leben und kümmert euch um eure Kinder. Eines jedoch kann ich dir sagen, ihr werdet beide in einem sehr hohen Alter sterben und eure Enkelkinder kennenlernen.“

Er verneigte sich tief und war plötzlich verschwunden. Schlaff hing ich in Dorians Armen. Die Männer wichen erschrocken zurück und auch Dorian hielt mich fester. Dieser Druide, hatte sich einfach in Luft aufgelöst. Wie war das möglich? Ich blinzelte, rieb mir über die Augen, doch er blieb verschwunden. Langsam setzte mich Dorian wieder ab.

„Wo ist er hin?“

Alle blickten sich suchend um, doch er blieb verschwunden. Ich konnte nicht glauben, was ich gerade gesehen hatte. Kein normaler Mensch konnte sich in Luft auflösen, oder etwa doch?

„Sarah, er ist ein Druide. Sie können alles was sie wollen. Und ich glaube, er hat dir genug Antworten gegeben.“

Dorian hatte Recht. Aber ich fühlte mich im Moment wie eine Schachfigur in einem Spiel, welche nur benutzt worden war.

„Sag mir einfach, dass du mich liebst.“

Er nickte und hob mich in seine Arme.

„Du wirst es so oft von mir hören, dass du es irgendwann nicht mehr hören willst. Und jetzt bring ich dich zurück ins Schlafzimmer. Unsere Kinder scheinen Hunger zu haben.“

Mir war gar nicht aufgefallen, dass sie zu quengeln angefangen hatten. Bei ihrem Anblick vergaß ich den Druiden und kuschelte mich fester an Dorian. Eigentlich war es auch egal, ob es Schicksal, Bestimmung oder nur ein Spiel war. Die Liebe meines Lebens trug mich in seinen Armen in sein Schlafzimmer und unsere beiden Kinder folgten uns. Es gab nun wichtigere Dinge, als sich darüber Gedanken zu machen, warum das alles geschehen war. Ich seufzte und liebkoste mit einer Hand seine Brust.

„Du hast Recht.“

Alexander schrie in Tylers Armen und er lief schneller. Kichernd sah ich, wie erschrocken er wirkte und es nicht erwarten konnte, mir den Kleinen zu übergeben.

„Er liebt ihn, aber sobald er schreit, ist er hilflos.“

Kichernd starrte ich ihm hinterher. Wulf hingegen hatte sich vollkommen in Sofia verliebt. Er ließ sie keine Sekunde aus den Augen und schon nach nur einem Tag nach ihrer Geburt, verwöhnte er sie viel zu sehr.

„Beide werden sie fürchterlich verwöhnen. Da werden noch einige Kämpfe auf uns zukommen.“

„Und ich freue mich darauf.“

 

 

 

 

„Meine Damen und Herren, nachdem wir nun das Schloss erkundet haben, führe ich sie jetzt zu dem Ort, an alles begonnen hatte.“

Sarah war froh darüber den Namen der Frau zu tragen, die dies alles hier möglich gemacht hatte. Sarah liebte die Burg, den Ort, seine Geschichte und all die vielen Menschen die nur herkamen und von dieser einzigartigen Liebesgeschichte erfahren wollten.

„Dieser Baum wurde gepflanzt, als Alexander und Sofia Hope Mc Cormick auf die Welt gekommen waren. Wie sie sehen stehen hier noch mehr Bäume. Bei jeder Geburt wurde einer gepflanzt.“

Und es waren wirklich einige Bäume. Auch sie selbst würde einst hier einen Baum pflanzen, wenn sie ein Kind gebar. Es war Tradition und diese wollte sie auf alle Fälle weiterführen. Erleichtert beobachtete sie, wie die Menge zum Autobus ging, einstieg und davon fuhr. Auch wenn Sarah diese Führungen gern machte, so war sie doch immer froh darüber, dass sie wieder weg waren. Bevor sie zurückging in die Burg, wandte sie sich noch einmal zu dem riesigen Baum um. Jeder einzelne Baum war mit einer Schnitzerei versehen. Die Namen und Geburtsdaten der Kinder. Siebenhundert Jahre lang waren Sarah und Dorian Mc Cormick tot. Schon als kleines Kind hatte sie ihre gemeinsame Geschichte geliebt und sich immer gefragt, ob auch ihr so viel Glück zu Teil werden würde. Was würde sie nicht für diese unglaublich tiefe Liebe geben, welche die beiden für sich empfunden hatten.

„Sind sie weg?“

Sarah wandte sich nickend um.

„Ja.“

Ihr Zwillingsbruder Stefan, stand hinter ihr. Sein Haar wie immer zerzaust und seine Hände hatte er in seinen Hosentaschen vergraben.

„Komm Schwesterherz, lass uns die Küche plündern. Nach so einer Führung bekomme ich immer Hunger.“

Sie nickte und hackte sich bei ihm ein. Die Burg sah wundervoll aus. Dank des vielen Geldes, welches sie geerbt hatten und durch die Führungen sich immer noch vermehrte, konnten sie das alles hier in Schuss halten. Den Namen Dorian, hatte es nur einmal in ihrer Familie gegeben, was Sarah sehr Schade fand. Doch es war ein Wunsch von Sarah Mc Cormick gewesen. Es sollte nur einen Dorian Mc Cormick geben und das für alle Zeiten. Gemeinsam gingen sie in die Küche und plünderten den Kühlschrank.

„Du denkst viel zu oft an die Beiden.“

Er strich ihr sanft über den Arm.

„Schon gut, Bruderherz. Ich finde ihre Geschichte einfach nur wunderschön und romantisch. Auch wenn du so hart tust, so findest du es doch auf sehr schön.“

Er nickte leicht.

„Ja und eines Tages, werden wir auch die große Liebe finden. Das haben noch alle aus unserer Familie getan. Sehe es als Segen oder Fluch. Wir werden nicht einsam sterben. Wir dürfen eines Tages genau das fühlen, was sie damals gefühlt haben. Und ich kann es kaum erwarten. Dank Sarah und Dorian Mc Cormick, gibt es uns. Wir sind hier, damit wir ihr Andenken weiterführen und ein glückliches Leben wie sie führen können.“

Sarah nickte und schloss ihren Bruder kurz in die Arme.

„Was hatte Pater Marius eigentlich von dir gewollt? Ich dachte er wäre schon lange Tod?“

Stefan grinste und setzte sich.

„Das glaubst du mir nie. Auf jeden Fall hat es mit unseren Vorfahren zu tun.“

 

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Text: Jumado
Publication Date: 01-21-2015

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