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Ein Urlaub mit allen Schikanen

 

 

 

Nachdem wir im Vorjahr in Irland soviel Ärger und Pleiten hatten, sollte es dieses Jahr ein wunderschöner Urlaub werden, ein richtiger Volltreffer. Aber der Reihe nach. Michael, Norbert und ich hatten uns diesmal für Griechenland entschieden. Nichts Selbstorganisiertes sondern genau das Gegenteil: ein All-Inklusive-Urlaub in einem 4-Sterne-Hotel im Norden des Landes. Da konnte doch nichts schiefgehen!

 

Am Flughafen in Hannover warteten in der Abfertigungshalle darauf, dass wir das Flugzeug betreten duften. Rings um uns herum haufenweise andere Touristen, auch Familien mit kleinen Kindern. „Da läuft etwas heraus“ bemerkte ein Steppke. Besorgt fühlte seine Mutti an seiner Hose. „Da ist aber nichts, Malte-Sören“, sagte sie. „Nein, Mutti. Da an dem Flugzeug!“, entgegnete der Kleine. Jetzt sahen wir alle nach draußen. Aus der Maschine tropfte tatsächlich etwas, auf dem Rollfeld hatte sich schon eine große Pfütze gebildet.

 

Die Pfütze entpuppte sich als Bremsflüssigkeit. Hektisch wurde an dem Flugzeug herumgeschraubt. Zwei Stunden später erfuhren wir, dass es „noch etwas dauern würde“. Immerhin wurden kostenlose Erfrischungsgetränke und Häppchen gereicht. Michael hatte dabei reichlich Bier getrunken. Norbert und ich beschränkten uns auf Saft, Wasser und Cola.

 

Weitere drei Stunden vergingen. Wir erfuhren, dass sich das Flugzeug nicht reparieren ließ, wir würden mit einer Ersatzmaschine fliegen. Eine Stunde danach ging es endlich los, genervt betraten wir den Flieger, der uns nach Thessaloniki bringen sollte. Michael orderte ein Bier nach dem anderen. So kannte man ihn. Ansonsten verlief der Flug problemlos. Wir landete in den frühen Abendstunden. Bis wir alle unser Gepäck hatten, wurde es allerdings 22.00 Uhr, so dass wir unser Luxushotel müde und hungrig erst gegen Mitternacht erreichten. Zu essen gab es da natürlich nichts mehr, dafür reichlich zu trinken - zur großen Freude von Michael.

 

Norbert und ich hatten dagegen nur noch einen Wunsch: schlafen. Jedoch mussten wir erfahren, was der Reiseprospekt mit der Beschreibung mit „Abends am Pool wird ein Unterhaltungsprogramm geboten“ gemeint hat. Schlagermusik wie vom Ballermann bis vier Uhr morgens! An Schlaf war nicht zu denken, zum Mitfeiern hatten Norbert und ich aber auch keine Lust, jedoch Michael schon. Irgendwann torkelte er volltrunken nach oben und fand mit Mühe sein Zimmer.

 

Das „reichhaltige internationale Frühstücksbuffet“ gab es dann ab 9 Uhr. Der Kaffee war lauwarm und dünn, die gekochten Eier so hart, dass sie locker als Golfbälle fungieren konnten, der Orangensaft erinnerte an ein Instantprodukt und die englischen Würstchen hatten die Konsistenz und den Duft von Brühwürfeln. Immerhin gab es drei Sorten Käse: halb vertrockneten Gouda, übel riechenden Rohmilchkäse und eine Art Chester, der aber auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Vor einen Jahr hätte man mit ihm wohl noch seine Freude gehabt. Nicht viel besser sah es bei der Wurst aus. Ich wollte mich daher am Müsli gütlich tun, bis ich die darin befindlichen krabbelnden Bewohner entdeckte.

 

„Das fängt ja gut an“, moserte Norbert. Ich nickte und fragte ihn: „Weißt du, wo Michael ist?“ Norbert zuckte mit den Schultern und antwortete dann: „Vermutlich schläft er noch seinen Rausch aus.“ So war es wohl. Auf jeden Fall hungerten wir weiter, anstatt uns den angebotenen Köstlichkeiten hinzugeben. Wir gingen auf unsere Zimmer, schnappten uns die Badeklamotten und begaben uns zum Pool, um uns ins kühle Nass zu stürzen. Doch leider wurde daraus nichts, denn ein emsiger Mitarbeiter des Hotels war eifrig damit beschäftigt den Müll der vergangenen Nacht aus dem Wasser zu fischen. Nun waren wir froh, auf das Frühstück verzichtet zu haben, da dieses bei diesem Anblick einen rückwärtigen Weg genommen hätte. Immerhin gönnten wir uns jeder zwei Cocktails, die offenbar mit dem gleichen Saft vom Frühstück zubereitet waren. Der Tequila konnten den üblen Geschmack einigermaßen ausgleichen.

 

Kurz vor 12 Uhr kam ein bestens gelaunter Michael mit einem Bier in der Hand auf uns zu. Wenigstens einer hatte hier seinen Spaß. Nun galt es die Mittagsmahlzeit zu sich zu nehmen, die auch als Buffet gereicht wurde. Auf einem kleinen Tisch stand ein großer Kupferbottich, der mit einer suppenähnlichen Substanz gefüllt war, mehrere kleine Schüsseln warteten daneben darauf, dass sie mit dem Gebräu gefüllt wurden. Mein Magen hing dermaßen in der Kniekehle, dass mir der seltsame Geruch nichts mehr ausgemacht hätte. Mit Pfeffer und Salz und etwas Speisewürze hätte man daraus etwas einigermaßen Leckeres zaubern können. Wenn da nicht dieser Engländer gewesen wäre, der kurz vor uns in der Reihe stand. Dieser griff sich eine der Schüsseln, schöpfte damit aus dem Bottich, probierte und kostete. Offenbar mundete es dem Herrn, der aus seinem Heimatland lukullische Genüsse gewohnt war, nicht. Er goss den Inhalt seiner Schüssel wieder zurück. Wir verzichteten somit auch auf die Suppe und wandten uns den Hauptgerichten zu, da der Salat die selben tierischen Bewohner wie das Müsli vom Morgen hatte.

 

Es gab weder Gyros, Souvlaki, Bifteki oder Moussaka, noch andere leckere Speisen, die man kannte, sondern trockenen Schweinebraten, halb rohes Hühnchen und einen Fisch, der roch, als ob er das Meer seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Dazu wurden triefende Pommes oder klebriger Reis gereicht. Notgedrungen, um nicht den Hungertod zu sterben, nahm ich etwas Schweinebraten und zwei Löffel Reis und begab mich mit Norbert an einen der langen Tische, um das köstliche Mahl zu verzehren. Dort stand bereits eine große Karaffe Weißwein, der geschmacklich einem Supermarkt-Essig ähnelte. Die Papiertischdecken in den Landesfarben vervollkommnten die Atmosphäre. Wer nun glaubt, dass der Nachtisch das Mahl abrunden konnte, hat in gewisser Weise Recht. Es gab zwei Sorten Pudding: einen orangefarbenen und einen bräunlichen. Letzterer hatte wohl mal neben einer Schokolade gestanden und einen Hauch von deren Geschmack abbekommen.

 

Nach dem üppigen Essen gedachten wir, uns erneut zum Pool zu begeben. Dort war der tüchtige Mitarbeiter tatsächlich fertig geworden. Das Wasser war nun sauber, aber derart stark gechlort, dass Bakterien hier keine Chance hätten. Warum das so war, erfuhren wir kurz darauf, als wir entspannt auf den Liegen unsere „leckeren“, kostenlose Cocktails genossen. Malte-Sören, der uns von der Abfertigungshalle bekannt war, kam und pinkelte ins Schwimmbecken. Das tun Kinder manchmal, aber nicht unbedingt vom Beckenrand. Von der Mutter des netten Kindes war weit und breit nichts zu sehen. Eine halbe Stunde später tauchte sie dann auf, nicht weit, aber breit, dazu mit Michael im Schlepptau. „Dddaaasss ist Laurrrrraaaa“, lallte unser Freund. Offensichtlich hatten beide die Alkoholbestände des Hotels deutlich dezimiert.

 

Am Abend des wunderschönes Tages war „Italien“ das Motto des Buffets. Wahlweise gab es Nudeln, die schmeckten, als hätte sie ein Deutscher gekocht, mit einer dünnen Tomatensoße oder Pizza, deren Konsistenz der EU-Norm entsprach. Allerdings steht dazu im offiziellen Amtsblatt: „Die Teigware soll weich und elastisch sein und sich zusammenklappen lassen“. Mögen Sie elastische Pizza? Ich nicht! Es lebe die Knusprigkeit. Laura, immer noch angeheitert, mochte sie wohl so, wie sie uns serviert wurde, dann sie häufte etwa ein Dutzend Pizzastücke auf ihren Teller und begab sich, Arm in Arm mit Michael, an ihren Tisch. „Abwechselung muss sein“, sagte sich das Küchenteam. Statt sauren Weißwein gab es nun Rotwein. Mit etwas Öl und ein paar Zwiebeln hätte er eine akzeptable Salatsoße abgegeben.

 

Das Unterhaltungsprogramm am Pool bestand an diesem Abend aus albernen Geschicklichkeitsspielen, die selbst Jürgen von der Lippe nicht in seine Show aufgenommen hätte und aus „BINGO“. Von gelegentlichen Juchzen und Jubelrufen abgesehen, verlief das Programm erfreulicherweise so geräuscharm, dass man in dieser Nacht einigermaßen schlafen konnte.

 

Der nächste Tag brachte am Morgen dann eine unangenehme Überraschung: um sieben Uhr morgens zog eine Horde Kinder, angeführt von Malte-Sören, mit Tröten und Trommeln bewaffnet durchs ganze Haus. Dabei sangen sie lautstark und voller falscher Töne das Lied von der Weihnachtsbäckerei. Sehr passend für einen Sommerurlaub in Griechenland! Als ich mich daraufhin an der Rezeption beschwerte, wies man mich darauf hin, dass das ein „familienfreundliches“ Hotel sei. Ich möge das doch bitte hinnehmen.

 

So zog sich das durch die ganzen zwei Wochen, die wir gebucht hatten: morgens stets das gleiche Frühstück, wobei gelegentlich einer der vier Marmeladensorten aus war und somit etwas Abwechselung geboten wurde, mittags immer das gleiche Buffet und abends ein wechselnder Themenabend, wobei beim bayrische Abend statt des sauren Wein schales Weizenbier gereicht wurde und der Leberkäse einer Schuhsohle glich. Das „Unterhaltungsprogramm am Pool“ bestand außer dem bereits erwähnten Schlagermusik-Festival und dem aufgepeppten Bingo-Spielen auch noch aus Karaoke und aus einer „lustigen“ Olympiade. Michael hatte übrigens beim Karaoke den ersten Platz gemacht mit „Paloma Blanca“.

 

Dieser Urlaub war alles andere als ein Volltreffer. Griechenland braucht daher weiter dringend EU-Subventionen. Anders als in Irland brachten wir keine größeren Devisen ins Land. Ach, ja, einer von uns hat doch einen Volltreffer gelandet, nämlich Michael bei Laura. In einigen Monaten bekommt Malte-Sören ein Geschwisterchen. Wenn es ein Junge wird, soll er wahrscheinlich Johnny Walker heißen. Wird es ein Mädchen, heißt sie wohl Mariacron.

 

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Publication Date: 10-11-2018

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