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Das Märchen von den Flüchtlingen

Es waren einmal zehn kleine Negerlein, die lebten in einem Land ganz weit entfernt. Dort, wo die Sonne des Mittags am höchsten steht. Sie saßen in ihrem Kral beieinander im Schatten des Versammlungshauses, während ihre Schwestern und Frauen auf den Feldern arbeiteten. So war es immer gewesen, so würde es auch weiterhin sein. Doch einer der zehn, der schlauste, hatte lange nachgedacht und eröffnete den anderen seine Gedankengänge.

„Es soll weit im Norden ein Wunderland geben. Dort, wo nur Weißgesichter leben. Da soll es ein Land geben, wo niemand arbeiten muß, nicht einmal die Frauen. Alle wohnen in schönen Häusern, nicht in Lehmhäusern wie wir.“

„Uff, uff“, erwiderte einer der anderen erstaunt. „Das gibt es doch gar nicht!“

„Doch, das habe ich in einem Buch gelesen. Da scheint auch die Sonne nicht so stark wie bei uns, deshalb ist die Haut von diesen Leuten auch so unnatürlich hell.“

„Aber wie kann dann auf deren Feldern etwas wachsen, wenn die Sonne so schwach ist?“ fragte der beste Bauer des Dorfes.

„Die haben überhaupt keine Felder, so reich sind die! Aber trotzdem immer genug zu essen.“

„Das muß wirklich ein Paradies sein.“

„Allerdings. Wenn wir es bis dort schaffen, dann sind wir genauso reich wie die.“

„Aber wir können doch hier nicht weg“, widersprach ein Kleiner, dem man gar nicht ansah, daß er bereits dreifacher Vater war.

„Na, überleg doch mal. Deine Alte bekommt bald wieder ein Kind, aber hast du deswegen mehr Anbaufläche? Nein, aber im Wunderland der Bleichgesichter, da hättest du alles und könntest noch einige Kinder zusätzlich durchfüttern.“

Grübelnd kratzte sich der beste Fischer des Dorfes am Kinn. „Was kann ich denn da alles fischen?“

„Du brauchst nichts mehr zu fischen, weil dort gibt es alles umsonst. Du bekommst alles, was du haben möchtest.“

„Was soll ich da jagen? Dort gibt es doch sicherlich keine Antilopen“, warf der beste Jäger des Dorfes ein.

„Du brauchst nichts mehr zu jagen, weil dort gibt es alles umsonst. Du bekommst alles, was du haben

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 12-02-2015
ISBN: 978-3-7396-2823-3

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Dedication:
Allen gewidmet, die tatsächlich Verfolgung ausgesetzt sind oder waren. Unter die letzte Kategorie zählen etwa die Schlesier, die gegen Ende des 2. Weltkriegs von den Polen und Russen vertrieben wurden. Jeder, der seine Heimat aus freiem Willen verläßt, der ist höchstens auf der Flucht vor sich selbst oder versucht der Wehrpflicht aus dem Weg zu gehen wie etwa die meisten jungen, männlichen Eriträer, die den 16-monatigen Dienst an der Waffe scheuen. Deserteure haben meines Erachtens genauso wenig ein Recht auf Schutz wie Wirtschafts- oder Steuerflüchtlinge. Utopische Spinner sehen das vielleicht anders, aber die Welt ist eben keine Utopie. Wer könnte das besser beurteilen als jemand, der selbst utopische Literatur schreibt?!

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