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Die Freiheit der Menschen auf dem Lande galt bei meinen Urgroßeltern nach heutigem Verständnis als einge-
schränkt, ja sogar abhängig von der Respektperson unter dem niedrigen Schieferdach des Dreimädelhauses. Mein Urgroßvater hätte so gerne einen männlichen Erben. Drei flügge Weibspersonen, eine schöner als die andere, bereiteten ihm mit zunehmendem Alter Sorgen. Zwar würden die Töchter irgendwann Schwiegersöhne an-
schleppen, aber leider blieb ihm der Hoferbe versagt. Da half auch keine Bittprozession, weder eine Glockenspende noch ein Dutzend brennender Kerzen am Marienaltar.

Die ältere der Töchter, die Maria, trug eine stattliche Figur, hatte ihre Rundungen an der richtigen Stelle. Aber keiner der Burschen im Dorf machte ihr Avancen. Anna, die mittlere, zwei Jahre jünger, lernte von dem Gehabe ihrer älteren Schwester, galt als sittsam und fromm, war ebenso wie Maria, arbeitsam im Haus und in den Ställen, wie auf dem Felde. Ihre Schönheit zog schon seit einigen Monden gierige Männerblicke sogar aus den Nachbardörfern auf sich. Und bei der Kirchweih blieb Anna bei keinem Tanz auf der grob gezimmerten Bank sitzen. Mit ihren zweiund-
zwanzig Jahren ließ sie sich mit Wohlbehagen umwerben. Sie aber wollte unter keinen Umständen einen Bauern zum Gemahl und schon gar nicht in ihre bescheidene Kammer auf die Strohmatratze.

Die jüngere Elisabeth mit ihren achtzehn Lenzen jedoch verkörperte ein wahres Lustobjekt für die Männerwelt, trug ihre Qualitäten mit Grandezza zur Schau, war von der Natur bevorzugt mit einem strahlenden Lächeln, einem madonnenhaften Äußeren, dass selbst die alten Knacker bei ihrem Anblick der Seiber aus den bärtigen Mäulern rann.

Eines schönen Tages, es war schon mehr eine laue Sommernacht, hatte die Maria ihre jüngste Schwester Elisabeth in den Armen eines fremden Mannes in der elterlichen Scheune erwischt. Wer mochte der fremde Kerl sein? Den hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. Es war auch duster in dem Raum. Maria fürchtete um die Ehre ihrer Schwester, hatte aber auch nicht den Mut, sich bemerkbar zu machen und verschwand mit hochrotem Kopf, behielt aber die Beobachtung in ihrem Herzen.

Am nächsten Morgen beim Füttern der Kühe sprach Maria die Elisabeth flüsternd an, damit der Vater es nicht hören sollte.
„Wer war´s denn, gestern Abend im Stroh?"
"Kennen tu ich den nicht, aber in seiner Unterhose stand: Mako.“
„Heilger Strohsack“.

Die ansonsten couragierte und dennoch verständnisvolle ältere Schwester Maria bekam einen hochroten Kopf, ängstigte sich bei der Auslassung der Elisabeth um deren Unschuld. Dabei legte sie ihren Zeigefinger senkrecht über ihre blutlosen Lippen zum Zeichen ihrer Verschwiegenheit.

Elisabeth hingegen lachte schallend, sodass ihr Vater einen strafenden Blick wie einen Blitz durch die Stallung warf, begleitet mit den Worten: „Hühnervolk, wer so früh schon lacht, den holt der Fuchs!“

Die ausnehmend hübsche Elisabeth verstand es zudem mit ihrem unbekümmerten Wesen geschickt, den gestrengen Vater um ihre Finger zu wickeln. Der würde auch einer Hochzeit mit dem gebildeten Studenten hoffentlich zustimmen.

Die Zuneigung zu dem Studenten entwickelte sich alsbald zu einem echten Liebesverhältnis. Der Vater beobachtete seine Töchter argwöhnisch und wurde immer schweigsa-
mer. In ihm reifte ein folgenschwerer Entschluss. Eines schönen Tages im Advent stellte Elisabeth ihren Schatz der Familie vor. Noch bevor der Liebhaber um die Hand der jüngeren Tochter Elisabeth anhalten konnte, sprach der sonst wortkarge Alte seine alles entscheidenden Worte:
„Bei uns geht es der Reihe nach, zuerst die Älteste, dann die nächste, und wenn du dann noch Lust hast, kannst du die Elisabeth haben.“

Das war ein niederschmetterndes Urteil für die Verliebten. Aber der Alte blieb hart. Elisabeth wollte keinen anderen Mann. Sie trat ins Kloster ein, wurde Nonne. Jetzt war sie mit dem lieben Gott verheiratet. Gegen den hatte der Alte nichts einzuwenden. Am Ende bekam meine Urgroßmutter, die älteste der Töchter, ganz nach dem Willen ihres Vaters, den damaligen Studenten als Gatte. Eigentlich traurig für die junge Nonne. Doch sie hatte ein seligmachendes Glück gefunden. Ein Glück auch für meine Großmutter und für mich. Vielleicht wäre ich gar nicht geboren und hätte diese Geschicht nie schreiben können.

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Text: (c) beim Autor
Publication Date: 05-04-2009

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