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Leseprobe

 

 

 

 

RAYMOND Z. GALLUN

 

 

TÖDLICHE TRÄUME

- Galaxis Science Fiction, Band 2 -

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

TÖDLICHE TRÄUME 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

 

Das Buch

Die Menschen sitzen an ihren Sensipsych-Geräten und finden süßes Vergessen. Doch hinter den Träumen lauert der Tod..

 

Es war das Milieu der Vorstadt - ein Überfluss von Bäumen und Blumen, hinter denen die kleinen Villen hervorlugten. Anson Nord lehnte an seinem Vorgartenzaun und beobachtete, wie der kleine Robot-Rasenmäher plötzlich aus der Richtung kam, quer über die Straße schoss und klappernd auf dem Bürgersteig entlangfegte, wo es nicht das geringste Gras zu mähen gab.

Anson Nord sah zu und grinste. Der Rasenmäher kam ihm wie ein junger Hund vor, der sich verlaufen hatte. Er konnte nichts dafür, dass er sich derart lächerlich benahm; es lag an der Nachlässigkeit seiner Besitzer.

Rom im Verfall, dachte Nord. Oder sind wir noch schlimmer mit unserer Technisierung? 

Wie gewöhnlich schienen seine Gedanken in einen dunklen See abzugleiten. Sein Wille, nachzudenken, endete in einem Achselzucken. Was übrigblieb, war ein Gefühl der Sinnlosigkeit, ein rätselhaftes, ermüdendes Gefühl.

 

TÖLDLICHE TRÄUME von RAYMOND Z. GALLUN erscheint als zweiter Band der Reihe GALAXIS SCIENCE FICTION aus dem Apex-Verlag, in der SF-Pulp-Klassiker als durchgesehene Neuausgaben wiederveröffentlicht werden. 

TÖDLICHE TRÄUME

 

 

   

  Erstes Kapitel

 

 

 

Es war das Milieu der Vorstadt - ein Überfluss von Bäumen und Blumen, hinter denen die kleinen Villen hervorlugten. Anson Nord lehnte an seinem Vorgartenzaun und beobachtete, wie der kleine Robot-Rasenmäher plötzlich aus der Richtung kam, quer über die Straße schoss und klappernd auf dem Bürgersteig entlangfegte, wo es nicht das geringste Gras zu mähen gab.

Anson Nord sah zu und grinste. Der Rasenmäher kam ihm wie ein junger Hund vor, der sich verlaufen hatte. Er konnte nichts dafür, dass er sich derart lächerlich benahm; es lag an der Nachlässigkeit seiner Besitzer.

Rom im Verfall, dachte Nord. Oder sind wir noch schlimmer mit unserer Technisierung? 

Wie gewöhnlich schienen seine Gedanken in einen dunklen See abzugleiten. Sein Wille, nachzudenken, endete in einem Achselzucken. Was übrigblieb, war ein Gefühl der Sinnlosigkeit, ein rätselhaftes, ermüdendes Gefühl.

Die Menschheit hatte seit langem gelernt, das Wetter vollständig zu kontrollieren. Der Vorgang war schlechthin vollendet. Den Menschen gehörten heute drei fremde Welten. Blitzende Raketen flogen nach Merkur, Venus und Mars und brachten die Reisenden in überdachte Städte, in denen nicht der geringste Komfort fehlte, auch wenn ringsum völlig fremdartige Lebensbedingungen herrschten.

Niemand starb mehr an Altersschwäche. Die neuen Bio-Behandlungen lösten die alternden Zellen und die sich im Laufe der Jahre anhäufenden anorganischen Stoffe auf, festigten das Fleisch, strafften die Haut und regenerierten die Zähne und Haare. Kurz: jemand, der mehr als ein Jahrhundert alt war, konnte rein körperlich einem 19-jährigen entsprechen.

Dann kam noch eine andere Errungenschaft hinzu, die kaum weniger wunderbar war als die Bio-Behandlungen. In Verbindung mit der gegenwärtigen niedrigen Geburtenziffer und der Kolonisierung der anderen Planeten löste sie - beinahe beiläufig - das Problem der Übervölkerung. Aber für die Seele des Menschen schien sie gefährlich.

Der Sinneseindruck, künstlich angereizt in den Gefühlszentren des Gehirns, war die Grundlage dieser Erfindung. Das bedeutete, dass jedes Erlebnis für jeden möglich war. Die Traumskala erfasste alles und gab die Wirklichkeit täuschend echt wieder - allerdings ohne eine physikalische Verbindung zu den Tatsachen und den damit verbundenen Gefahren eines Abenteuers. Das schien ein Vorteil, denn mit der zunehmenden Unsterblichkeit war das Leben kostbarer geworden.

Diese Dinge gingen Anson Nord durch den Kopf, während er dem verirrten Rasenmäher nachblickte, der munter über das Pflaster der Straße dahinklapperte.

 

*

 

Als er die Kurve mit den hochaufragenden Ulmen erreichte, trat Nord auf die Straße. In einer Anwandlung gutnachbarlichen Edelmuts begann er sogar einen Dauerlauf.

Keuchend erreichte er den Roboter und hielt sich mühsam an dessen Seite. Dann beugte er sich nieder und stellte den Atommotor ab.

»He, Bürschchen!«, brummte er, als könne der Kleine ihn verstehen. »Wohin geht's denn plötzlich so eilig?«

Er hockte sich nieder, um die Einstellung des primitiven Elektronengehirns zu korrigieren. Schließlich war es sein Beruf, für eine Stunde pro Tag die Arbeit der Reparaturroboter zu beaufsichtigen. Aber jetzt spürte er plötzlich etwas von der fast vergessenen Zufriedenheit, die man empfindet, wenn man mit seinen eigenen Händen zupacken kann.

Schnell hatte sich eine Gruppe von Nachbarn bei ihm eingefunden. Auch ihnen war nicht entgangen, dass der Rasenmäher hatte weglaufen wollen.

»Waverlys Mäher, was?«, dehnte Dave Clinton seine Frage. Auch er gehörte zu den Zeitgenossen, deren Beschäftigung der Müßiggang war. »Ist das ein Wunder, wenn Waverley nur noch den ganzen Tag unter seinem neuen XD-9-Apparat träumt? Er sollte sich mehr um seine Sachen kümmern...«

Sekundenlang presste ein unerklärlicher Zorn Clintons Kinnbacken zusammen, dann schien er seinen Neid vergessen zu haben. »Ha! Wartet nur, bis ich meinen erst habe!«, fuhr er fort. »Waverley ist ein Stümper im Vergleich zu mir. Meine Frau und ich werden auf die große Traumreise gehen.«

Mrs. Kovis, die groß darin war, alles den Jones' nachzumachen, erklärte schrill: »Wir bekommen den verbesserten XD-10. Natürlich kann sich heute nicht jeder so etwas leisten. Aber mein John hat Einfluss. Wir werden in Musik leben...«

Ihr Gatte, der kleine sanfte John Kovis zuckte zusammen. Nord konnte sich denken, warum. Bei den Kovis hatte die Frau die Hosen an. Sie schwärmte für die Sendungen von Marilee Adams. In den Sensipsychträumen war sie Marilee. Dort sang - oder vielmehr schrie sie vor einer unabsehbaren Zuschauermenge, die ihr lärmend applaudierte.

Mrs. Kovis, die durch die Plastik-Chirurgie ausgesprochen hübsch geworden war, gehörte zu den typischen Egozentrikern. Man erzählte sich, sie habe vor Jahren ihre Stimmbänder strecken lassen, um ihnen die gleichen Maße zu verleihen, wie sie der seit langem verstorbene Caruso besessen hatte. Aber ihr kleines Gehirn, das diese Stimmbänder kontrollieren sollte, wusste nichts von Musik. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als zu krächzen.

Ellwynn Carpenter, ein Jüngling von neunzehn Jahren, mit unentwickeltem Kinn, fanatischen Augen und einer gewissen Klarheit des Denkens erklärte: »Hört sie bloß an! George Schaeffer und die, anderen Wissenschaftler, die den Sensipsych ausgetüftelt haben, sollten allesamt aufgehängt werden. Sie bringen die ganze Welt durcheinander. Warum lernt Mrs. Kovis nicht zum Beispiel kochen oder so etwas?«

Die erschreckten Gesichter seiner Nachbarn unterbrachen ihn für einen Augenblick. Dann holte er tief Luft und fuhr langsam fort:

»Andererseits könnte auch die Auffassung etwas für sich haben, dass der einzige Weg zur Erhaltung unserer Rasse in der reinen Gewalttätigkeit zu suchen ist. Brandstiftung, Plünderung, Mord, Krieg sind durchaus geeignet, die Verweichlichten auszurotten. Wir sollten zu den harten Realitäten der Wirklichkeit zurückkehren. Wir sollten...«

Ellwynn Carpenter hielt plötzlich mit seiner feurigen Rede inne. Als Kind seines dekadenten Zeitalters war er nicht besonders mutig. Er spürte, dass er seine Zuhörer genauso überrascht und erschreckt hatte wie sich selbst.

Das Schweigen schien elektrisch geladen. Mrs. Kovis wurde blass. Ob aus Furcht vor der Drohung oder aus Zorn wegen der Beleidigung, war schwer zu sagen. Ihr drängte sich eine geharnischte Zurechtweisung der Jugend auf die Lippen: Doch sie schwieg. Nur ihre Augen verrieten, wie sehr sie sich über diese Vorwürfe erhaben fühlte.

Ihr Mann trug die Entschlossenheit für ihre Verteidigung zur Schau, doch ihm fehlten die Geschicklichkeit und die Kraft.

»Hören Sie zu, junger Mann! Es passt mir nicht, dass jemand so über meine Frau redet!«

Dave Clinton hielt plötzlich nichts mehr von seiner wohlwollenden Art und wurde betont grimmig. »Das wäre das letzte, was ich mir von Ellwynn gefallen ließe, Herrschaften«, erklärte er. »Wahrscheinlich sehen Sie in der Rückkehr gesetzloser Zustände die besseren Möglichkeiten für sich, Ellwynn.« In seiner Stimme schwang eine versteckte Drohung mit.

Anson Nord stand auf. »Beruhigt euch, Leute!«, grinste er. Eine Gruppe weiterer Männer, denen die wachsende Spannung nicht entgangen war, schob sich an seine Seite, um, wenn es notwendig sein sollte, den Frieden mit Gewalt zu verteidigen.

Es wurde wieder still in der Runde. Nord spürte das Schweigen mit Beklemmung. Er kam sich vor .wie in einer riesigen Stadt, die bereits in Ruinen zerfiel und das Ende vom Stolz der Menschen verkündete.

Doch das Gefühl kannte noch eine Variation. Was Ellwynn Carpenter zum Lob der Gewalt gesagt hatte, war auch für ihn nicht fremd. Und er wusste, dass sich auch in den Köpfen der anderen ähnliche dunkle Gedanken bewegten. Der Grund war der Ekel vor sich selbst und den Menschen. Die Gehirne wurden passiv und überließen das Handeln den Hilfsmitteln der Technik. Jeder liebte die bequeme Dekadenz, obwohl sie gefährlich war, und man sie mehr fürchtete als bewunderte. Besonders realistisch erschienen Carpenters höllische Prophezeiungen, wenn man daran dachte, wie sehr die Möglichkeiten für jede Gewalttat im Laufe der letzten Jahre zugenommen hatten. Sie standen genau im umgekehrten Verhältnis zur nachlassenden Ausdauer der verweichlichten Menschheit.

»Es könnte eintreten«, grollte Dave Clinton, »genau wie Ellwynn sagte. Nur schlimmer. Wir wissen es alle.«

Nord lächelte. Für ihn war könnte nicht das richtige Wort. Musste war viel besser. Die menschliche Natur drängt nach dem Ausbruch des Unvermeidlichen. Und hier wurde sie unterstützt durch das bange Ahnen, durch Carpenters Vorschläge und am meisten durch sein eigenes gleichlaufendes Denken. Nord kannte sich mit Sicherheit als einen friedfertigen Menschen. Dennoch konnte ihn die Flucht in die Raserei überfallen. Und mehr noch konnte sie es bei vielen anderen. Trugen nicht die harmlosen Durchschnittsbürger alle diesen verborgenen Fanatismus mit sich herum?

Anson Nord beobachtete die Gesichter ringsum. Die meisten seiner Nachbarn kannte er als grundsätzlich aufrichtige Leute. Er wusste, dass seine Sorgen die ihren waren, und dass auch sie nach einer besseren Lösung suchten - auch wenn sie kaum zu finden war. Sie waren Gefangene ihrer Unvollkommenheit im Zeitalter der Vollkommenheit. Und ihre Ohnmacht erschreckte sie.

»Vielleicht sollte ich noch einmal mit allem Nachdruck Vorschlägen«, sagte Nord, »dass alle Sensipsychs vernichtet werden, genau wie die Fabriken und Radiostationen.«

Melton Harms, der auffallend engstehende Augen hatte, grinste zynisch.

»Ich meine gehört zu haben, Nord, dass einige Leute kürzlich versucht hätten, eine gemeinsame Aktion in dieser Richtung zu starten. Aber solange die Menschheit lebt, ist es niemals möglich, sie unter einen Hut zu bringen.«

»Mag schon sein, dass die Beseitigung des Sensipsych nicht gerade die Ideallösung ist«, antwortete Nord. »Kürzlich fand ich ein Flugblatt, das von einer Gruppe herausgegeben wurde, die sich selbst gesunder Menschenverstand nennt. Die sind zum Beispiel der Meinung, der Sensipsych sei sehr brauchbar in der Therapie und allgemein lehrreich. Besonders habe er einen außerordentlichen Wert für die Unterhaltung, wenn er mit einer gewissen Mäßigung benutzt wird. Hören Sie zu, was man wörtlich schreibt: Jegliche Absicht, auch nur den geringsten Beitrag des Fortschritts zu beseitigen, hat niemals eine Rechtfertigung zu beanspruchen. Vielmehr muss es einem jeden angelegen sein, dass der technische Fortschritt jederzeit gesichert bleibt.

Der gesunde Menschenverstand lehnt also eine Radikallösung hinsichtlich der gegenwärtigen Ausschweifungen und Probleme ab und appelliert stattdessen an unsere Vernunft, Maß zu halten.«

 

*

 

Keineswegs hatte Nord seinen Sinn für Humor verloren. Mag sein, dass er unrecht tat, aber es war die einzige Möglichkeit, den Nachbarn die Zuversicht zu erhalten, wenn er die unentschiedenen Zukunftsprobleme zunächst etwas verwischte.

»Früher waren es Krankheit, Machtgelüste und Ungerechtigkeit, gegen die es zu kämpfen galt«, lachte er. »Aber das ist jetzt alles erledigt. Mit dem Sensipsych sind wir im Nirwana, dessen einziger Fehler es vielleicht ist, dass die vielen schönen Dinge dort zu schön sind. Aber wir sind ja noch Menschen, wir haben noch Energie. Wir wollen noch etwas tun und auch noch um etwas kämpfen. Wir können einen Haufen Dreck in einen großen Hügel verwandeln. Wenn er zweihundert Meter hoch ist, treten wir ein Stück zurück und bewundern ihn. Und wir haben unseren Stolz, wenn wir sehen, was für einen hübschen netten Flügel wir gemacht haben.«

»Großartig!«, bemerkte Melton Harms zynisch. »Sogar die Kolonisierung der Planeten aller Sterne und Milchstraßen würde kaum mehr kosten als der Haufen Dreck, den wir ohne Sinn und Verstand aufschütten. Keins von beiden brauchen wir wirklich. Aber jetzt habe ich mich genug geärgert. Ich sehne mich nach einem Stückchen Natur und werde Florida besuchen. Es ist schon ulkig, wenn ich mir Florida mit meinem alten XD-8 ins Haus hole, ohne die Unbequemlichkeiten der langen Reise. Übrigens, Nord, ich habe neulich ein paar verbotene Traumbänder ergattert. Kommen Sie mal bei Gelegenheit herüber, dass wir sie zusammen durchgehen.«

Anson Nord lächelte nachsichtig.

Als Mensch einer alten Zivilisation war Nord tolerant, anständig und in gewisser Weise auch klug. Es war schwer, ihn zornig zu ma- eben. Er wusste, dass er weit davon entfernt war, so zu sein wie Bob Harwell von der Harwell-Familie, jener verwegenen raumreisenden Gemeinschaft, deren Abenteuer auf Traumbändern zur Erde geschickt wurden, wo der Sensipsych-Sender für die Verbreitung sorgte. Es gab Millionen Harwell-Fans. Nord war einer von ihnen.

»Nun, Leute«, grunzte Nord. »Man könnte vielleicht sagen, wen die Dekadenz stört, der sollte mit den Harwells zusammen in den kochenden Wüsten des Merkur arbeiten. Hmm?«

Harms lachte rau. »Natürlich«, entgegnete er. »Ich brauchte mir dann nur ein Pferd und einen antiken Cowboy-Anzug zu besorgen, und schon wäre ich so gut wie der alte Ein-Schuss-Dixon.«

Nord bezweifelte stark, dass er den Mut und die Energie zu den Taten hatte, die die Harwells vollbrachten. Und deshalb bewunderte er sie umso mehr. Er hockte sich wieder hin, um die Kontrollschaltung des Rasenmähers in Ordnung zu bringen. Er bemerkte bald, wie die Ansammlung der Nachbarn sich langsam verlief. »Was ist Ihr Lieblingsprogramm?«, fragte jemand einen anderen. »Meines? Ich schwärme für die Harwells und die Reihe Auferstandene Geschichte. In der letzten Folge war ich Imhotep, der Physiker und Ingenieur, der die erste ägyptische Pyramide baute. Das nächste Mal werde ich ein seefahrender Händler aus dem alten Kreta sein. Und übrigens - die haben auch den alten Tarzan wieder aufleben lassen. Seine Rolle hat Charley Roberts übernommen.« Auch die letzten gingen auseinander. Carpenter vielleicht mit ein paar guten Ideen, und Mrs. Kovis mit dem Wunsch, so schnell wie möglich wieder in einer Traumoper aufzutreten. Melton Harms schnippte spottend mit den Fingern und zog sich zu seinen illegalen Sensipsychbändern zurück. Dave Clinton sah aus, als ob man ihn erschreckt hätte.

»So long«, murmelte er.

 

 

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

 

Allein zurückgeblieben, beendete Nord die Reparatur des Mähers und beobachtete, wie er pflichtschuldig auf das Grundstück Zufuhr, wo seine Besitzer unter einem seichten Zauber - weit weg von allen unerfreulichen Tatsachen - den Sensipsychtraum genossen. Nord fühlte sich wie ein Fremder unter Lotosessern. Es hatte keinen Zweck, sich hier noch länger aufzuhalten. So ging er zurück zu seinem eigenen netten Häuschen, das ihn mit einer Menge von dienstbarem Luxus erwartete.

Als er eintrat, versuchte seine Frau Margaret gerade, eines der alten Bücher zu lesen. Der Nachteil lag auf der Hand. Bücher waren eine trockene Angelegenheit. Man musste ihnen mit einer wahren Einbildungskraft Zeile für Zeile folgen. Und das war beschwerlich.

Margaret war schön wie alle Frauen ihres Zeitalters. Sie war auch intelligent. Für Nord erschien sie als die einzige wahrhafte Wirklichkeit inmitten einer Welt der Träume.

Als er das Wohnzimmer betrat, legte sie das Buch weg. Ihre großen, dunklen Augen sahen ihn an. Und in ihrem Blick spürte er die Sehnsucht nach etwas Neuem, das sie die Hohlheit ihrer Tage vergessen lassen konnte.

»Ich habe euch vom Fenster aus zugesehen«, sagte sie. »Hat jemand etwas Besonderes erzählt?«

»Es ist mehr oder weniger immer dasselbe«, antwortete Nord und wusste seihst nicht, ob er ihr nur auswich.

»Eben kamen die Nachrichten«, sagte Margaret. »Die waren genauso langweilig.«

Es gehörte der geschichtlichen Vergangenheit an, dass man in den Nachrichten erregende Tatsachen hörte. Heute waren sie dazu da, jedes Unglück zu verheimlichen und eine mögliche Unruhe im Volk zu verhindern. Nord hatte kaum beachtet, was Margaret gesagt hatte. Sie schaute ihn sanft an, als ob sie nach etwas suchte, was ihr seine Nähe glaubhaft machte.

»Wir sind Idioten, dass wir so viel denken. Wir sollten uns einen neuen XD-10 anschaffen. Alle Leute werden bald einen haben.«

»Und du auch, Marge?« Er lachte. »Frauen sind Konformisten. Was die Masse tut, muss richtig sein.«

»Dem einen recht, dem anderen billig«, antwortete sie. »Es ist Weltstaatstag, und wir haben ein dreitägiges Wochenende vor uns. Ich möchte die ganze Zeit nur träumen.«

Sie sah ihn bittend an. »An! Ich werde dich sogar bei einem Harwell-Abenteuer begleiten, wenn wir zwischendurch auch mal an einer schicken Tanzserie teilnehmen.«

Margaret drehte sich nach einem unhörbaren Takt und lachte. Seit die Experten Gefühl für Rhythmus und Bewegung im Sensipsych konserviert hatten, war ihr Tanzen fehlerlos. Marge konnte im Traum tagelang ohne Unterbrechung tanzen, und ihre Muskeln wurden nicht müde dabei. Nord spürte wieder die Verlockung des Sensipsych - die verführerische Möglichkeit der Flucht aus dem Alltag. Und ihm war mehr denn je klar, dass hinter allem Träumen eine unbekannte Gefahr lauerte.

Er wollte widerstehen. Aber welche Aufgabe erwartete ihn hier zwischen seinen Nachbarn, die dieselben Probleme hatten? Er konnte seinen Garten pflegen und die Blumen begießen. Doch die Automatik konnte es noch besser als er. Vielleicht ließ sich Margaret überreden, mit nach Kalifornien zu fliegen. Aber auch Kalifornien war nichts Neues mehr für sie.

»Okay, Marge!«, sagte er,

Ihr alter XD-8 war ein herrliches Möbelstück. Dazu gehörten zwei weiche Liegen. Anson und Margaret Nord nahmen Platz, lehnten sich bequem zurück und legten die blitzenden Kopfbänder an. Die hohlen Nadeln stießen in den Oberarm. Die daran befestigten Behälter und Apparate versorgten sie intravenös mit Nahrung und übernahmen gleichzeitig die Überwachung des Stoffwechsels sowie die oxydasische Versorgung des Blutes. Der Schlaf kam einer Überwinterung gleich. Der Körper arbeitete auf einer metabolisch stark verminderten Stufe.

Anson Nord schaltete ein. Margaret griff nach seiner Hand, als die Wirklichkeit um sie verblasste. Dann hörten sie Bob Harwells Stimme. Sie war voll Wohlklang.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren«, erklärte er. »Liebe Freunde und Fans!« Seine Stimme klang theatralisch. »Bevor wir mit unserem Intermezzo auf Merkur fortfahren, lassen Sie mich bitte kurz über das nächste Harwell-Abenteuer sprechen. Es wird uns tief in die giftige Atmosphäre des Giganten Jupiter führen, den bis heute keines Menschen Fuß betreten hat. Selbst die Harwells sind noch nicht dort gewesen. Aber ich bin sicher, es wird unser größtes Abenteuer werden. Aus den Ruinen der eingefrorenen Jupitermonde Ganymed und Callisto haben wir gewisse Hinweise erhalten, so dass unsere Reise nach Jupiter eine Suche nach unbeschreiblichen Wundern sein wird. - Bevor wir nun unser Merkur-Abenteuer fortsetzen, lassen Sie mich daran erinnern, dass Ajax-Robot-Apparate von bester Qualität und unentbehrlich für Ihren Komfort, Ihre Sicherheit und Ihren Frieden sind. Merken Sie sich: Ajax! Kaufen Sie Ajax! Ajax-Sensipsych-Geräte sind von unerreichter Anschaulichkeit. Mit Ajax sind Sie sicher! So erregend Ihre Erlebnisse auch sein mögen, es ist nicht die geringste Gefahr damit verbunden...«

Der Kommentar endete mit dieser notwendigen Versicherung an jenes Publikum, das trotz seiner Begierde nach Spannung möglichst immer noch in Watte verpackt werden wollte.

 

*

 

Und dann fühlten sich Nords auf dem Merkur. In der Zwielichtzone zwischen ewiger Nacht und der glühend heißen Hälfte des Planeten, wo die Strahlen der nahen Sonne stark genug waren, um Blei zu zerschmelzen.

Anson Nord war Bob Harwell, erfahren und furchtlos. Margaret war Clara, Bob Harwells Frau. Ihre Gesichter jedoch, die sie gegenseitig durch die Blickfenster ihrer Raumanzüge erkennen konnten, waren die eigenen geblieben. Dieser Widerspruch kam durch eine Art psychischer Resonanz ihrer Gehirne zustande. Und da sie selbst keinen Jungen hatten, blieb der zwölfjährige Junge in ihrer Begleitung das, was er war. Nämlich der sommersprossige, freche und gewitzte Joey Harwell.

Links von ihnen lag der ewige Sonnenuntergang, der auf Grund der 88-tägigen Libration des Merkur nur einen schwachen Wechsel zwischen Dämmerung und Dunkelheit verursachte. Der ständige Staub in der dünnen Atmosphäre verlieh der Sonne am Horizont eine unvergleichliche Pracht.

Rechts von ihnen lagen die Berge in ewigem Eis, deren höchste Spitzen von Sonnenstrahlen vergoldet wurden. Und vor ihnen der moosige Grund der Zwielichtzone, die sich als schmaler Streifen zwischen zwei schaurigen Höllen rings um den Planeten hinzog. Links die Hitze eines Hochofens, rechts die Kälte des Weltraums.

Jenseits einer weiten Fläche, auf der es von Felsblöcken und kaktusartigen Pflanzen wimmelte, ragte der transparente Dom von Merkur-City in den Himmel.

Nord hörte, dass Joey Harwell ihn durchs Helmradio ansprach.

»Los geht's! Wir wollen nach Korolow, der alten Hauptstadt der ausgestorbenen Lubas. Laut Fahrplan eine Stunde. Wir können dort eine Rast einlegen und dann auf den Berg steigen - bis zur Station der Dunkelseite.«

Wenn sie einen XD-9 oder 10 benutzt hätten, würde Margarets Gesicht nicht dieses schwache Flimmern gezeigt haben. Im Übrigen wirkte die Sendung durchaus glaubhaft, wenn auch im Unterbewusstsein noch der Gedanke mitspielte, dass es sich um einen Schwindel handelte.

Nord wusste von diesem Schwindel. Ein Gefühl der Unzufriedenheit schlich sich in sein Gehirn. Die Faszination, die die Harwells auf ihn ausübten, drang tiefer, als es dieses stellvertretende Raumabenteuer vermochte. Der Genuß der Unterhaltung verblasste hinter den eigentlichen Tatsachen. Seine Bewunderung galt jener modernen Familie Harwell, die das alles als eine gefahrvolle Realität erlebte.

Über ihm spiegelte sich der Sonnenuntergang auf den Flanken eines Raumschiffes. Aus seinem Bug schoss ein blau-weißer Feuerstrahl, der es nach und nach bis zur Landegeschwindigkeit abbremste.

Das Feuer erinnerte Nord daran, dass vor mehr als zwei Jahrhunderten die A-Bombe erfunden worden war, mit der man aus fruchtbaren Landstrichen im Nu eine Hölle machen konnte. Damals hatten Menschen gearbeitet und die Sorgen des Lebens und des Krieges ertragen. Und auch sie hatten ihre Freundschaften und ihr Vergnügen gehabt. Vielleicht hatte die Hölle von damals die Menschen sogar weit mehr gegen Unrecht und Bedrückung immun gemacht, als es heute im Zeitalter der Hysterie und Übersättigung der Fall war.

Nord glaubte zu erkennen, dass die gegenwärtige menschliche Gesellschaft auf der Erde und den kolonisierten Planeten komplizierter denn je geworden war. Und die größte Unbekannte dieser ruhelosen Zeit war gewiss

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Raymond Z. Gallun/Apex-Verlag/Successor of Raymond Z. Gallun.
Images: Rafael DeSoto/Christian Dörge.
Cover: Rafael DeSoto/Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Editing/Proofreading: Peter Sladek.
Translation: N.N. und Christian Dörge (OT: Passport To Jupiter).
Layout: Apex-Verlag.
Publication Date: 07-16-2018
ISBN: 978-3-7438-7520-3

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