Cover

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Herzschlag

 

 

 

 

 

 

Eve Flavian & Neela Faye

 

 

© 2015 Eve Flavian, Neela Faye

1. Auflage

 

Covergestaltung: Neela Faye & Eve Flavian

Hintergrund © mythja – fotolia.com

Masseur © murphy81 – fotolia.com

Herz © iktash2 – fotolia.com

 

Lektorat/Korrektorat: Simone Adam

 

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorinnen.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorinnen und erwerben eine legale Kopie. Danke!

 

Für unsere Mädelsbande

 

Kat, Vera, Ivonne, Jasmin

 

 

 

 

 

Prolog

 

„Ach komm, das schaffst du nie!“

„Gib es auf Mann!“

„Komm runter und wir vergessen die Wette!“

 

Die Stimmen hallten zu ihm hoch, doch das interessierte Stan jetzt nicht mehr. Er hatte die Wette angenommen, also gedachte er, sie auch zu erfüllen. Vorsichtig löste er die rechte Hand von der künstlichen Steinwand und tastete sich höher. Ein schneller Blick zeigte, dass noch etliche Meter vor ihm lagen.

Seine Finger waren schwitzig. Die Zuversicht, die dem Alkohol geschuldet war, die ihn gestern noch dazu getrieben hatte, die Wette anzunehmen, war weg. Stattdessen pulsierten Aufregung und eine ordentliche Spur Angst durch seine Adern.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er sich an dem Felsvorsprung festhalten konnte, wollte er mit dem Fuß ebenfalls ein Stückchen nach oben klettern. Doch noch bevor er wieder sicheren Stand hatte, passierte es. Er rutschte ab und fiel, stürzte ungebremst zu Boden. Ein Schrei löste sich aus seiner Kehle und dann wurde es schwarz.

 

 

Als er wieder zu sich kam, tat ihm alles weh. Sein ganzer Körper pochte schmerzhaft. In seinem Kopf drehte es sich und es fühlte sich an, als ob ihm tausend Zwerge von innen den Schädel aufhackten. Vorsichtig versuchte er, die Augen zu öffnen, doch seine Lider waren zu schwer.

„Mr. Mueller? Sind Sie wach?“, fragte eine freundlich klingende Frauenstimme. Stan probierte zu antworten, doch sein Hals war ausgetrocknet und so brachte er nur ein leises Krächzen heraus.

„Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Ich bin Dr. Ramierez, Ihre behandelnde Chirurgin. Sie haben sich bei dem Sturz einige Verletzungen zu gezogen. Ihre rechte Schulter hat einen Muskelanriss und mehrere Hämatome. Der linke Unterschenkel und zwei Rippen sind gebrochen und sie haben eine ordentliche Gehirnerschütterung.“

Stan stöhnte leise.

„Haben Sie jetzt Schmerzen? Dann kann ich Ihnen noch ein Schmerzmittel geben. Und sollen wir jemanden informieren?“

„Ja, bitte. Ich fühle mich irgendwie zermatscht an. Und wenn sie meinen Bruder anrufen könnten, wäre das nett. Die Nummer steht auf der Karte in meinem Portemonnaie. Die mit `Deans PC-Shop´ drauf. Er kann dann meinen Eltern und Ry Bescheid geben“, erklärte Stan gequält.

„Okay. Ich kümmere mich darum. Aber was haben Sie sich übrigens gedacht, ohne Sicherung auf der Kletterwand rumzuturnen?“

„Eine Wette. Die Jungs in der Kneipe meinten, Synchronspringer seien nur Luschen und ich würde es nicht schaffen, da hochzukommen. Wie man sieht, hatten sie recht. Aber ich dachte echt, ich könnte es.“ Stan drehte den Kopf zur Seite. Er schämte sich. Eigentlich war von Anfang an klar gewesen, dass es eine Schnapsidee war. Wenn er nicht so besoffen gewesen wäre, hätte er es gestern Abend schon gesehen. Jetzt hatte er den Salat. Er musste kein Mediziner sein, um zu wissen, dass er nun monatelang nicht trainieren konnte. Die WM-Teilnahme war damit gestrichen. Oh Gott, wie sollte er das nur Ry und dem Trainer erklären?

„Mr. Mueller? Ich spritze Ihnen ein Schmerzmittel und komme dann später wieder für die Aufklärung vor der Operation morgen früh. Da werden Sie wohl nicht herumkommen.

Stan nickte marionettenartig. Es war ihm gerade alles egal. Er hatte gespielt und verloren. Alles verloren.

 

 

 

1

 

Mühsam schleppte sich Stan in die Praxis seines neuen Arztes. Einer der Mediziner im Krankenhaus hatte ihn empfohlen. Dieser Dr. Cantoni sollte ein echter Wunderknabe sein und Stan hoffte inständig, dass er ihm helfen konnte. Laut den Ärzten in der Klinik würden seine Verletzungen zwar vermutlich folgenlos ausheilen, aber es würde wohl mindestens ein halbes Jahr in Anspruch nehmen, bevor er wieder ins Training einsteigen konnte.

Mühsam schob er die Tür auf und stellte sich an den Tresen. Der Eingangsbereich war relativ groß und in einem hellen Gelb gestrichen. An zwei Wänden hingen großformatige bunte Bilder und auf der Theke stand ein bunter Blumenstrauß. Eine junge blonde Frau sah ihm neugierig entgegen. „Hi, ich bin Stan Mueller und habe einen Termin bei Dr. Cantoni.“

„Guten Tag Mr. Mueller, nehmen Sie doch Platz im Untersuchungszimmer 2, Dr. Cantoni kommt dann gleich zu Ihnen. Da geht`s lang. Die zweite Tür links.“ Sie deutete in einen breiten Flur, der von dem Eingangsbereich abging.

„Danke schön“, Stan nickte ihr zu und begab sich langsam in den Raum. Dieser war in dem gleichen Farbton gestrichen und neben einen alten Holzschreibtisch, einem Schrank und einer Untersuchungsliege leer.

 

 

Luca richtete kurz seinen Kittel und betrat dann das Untersuchungszimmer. Er war gespannt auf seinen neuesten Patienten. Ein Synchronspringer, wie er gehört hatte.

„Hallo.“ Stan lehnte an der Liege und sah den Arzt neugierig an. Der Mann sah ganz und gar nicht so aus, wie er sich den Arzt vorgestellt hatte. Er hatte dunkelbraune Locken, funkelnde blaue Augen und war längst nicht so alt, wie er gedacht hatte. Stattdessen schien er fast so alt, wie er selbst zu sein.

Luca streckte ihm die Hand hin. „Guten Tag, Mr. Mueller. Ich bin Luca Cantoni. Wie geht es Ihnen heute?“ Vor ihm stand ein junger Mann mit sonnengebräunter Haut, dunklen Haaren und einem sympathischen Lächeln.

„Wie es einem schon geht, wenn man auf die Dinger angewiesen ist.“ Stan deutete auf seine Krücken. „Ansonsten wusele ich mich so durch.“

„Dann wollen wir mal sehen, dass wir diese `Dinger´ so schnell wie möglich weg bekommen, was?“ Luca zwinkerte Mr. Mueller zu.

„Ja, das wäre toll.“ Stan wurde warm, als er Lucas Zwinkern sah. Sein neuer Arzt war wirklich eine Augenweide.

„Bitte machen Sie sich frei und legen sich mal hin, dann kann ich mir einen Überblick verschaffen.“ Luca nickte auffordernd zur Liege.

Stan drückte dem Arzt noch die Unterlagen in die Hand, die er aus dem Krankenhaus mitgebracht hatte. Dann machte er sich daran, der Aufforderung nachzukommen.

Luca blätterte die Krankenakte interessiert durch. „Sieht aus, als hätten Sie sich da ein wenig übernommen ...“ Luca lächelte. „Aber wir kriegen Sie wieder hin.“

„Ja, so könnte man es sagen. Ich war einfach dumm und jetzt habe ich den Salat.“ Stan seufzte.

„Na dann wollen wir mal sehen, Mr. Mueller.“ Luca setzte sich auf einen Hocker neben die Liege. Stan musterte Luca von der Seite. Irgendwie konnte er den Blick gar nicht abwenden. Zum ersten Mal seit dem Sturz konnte er die Schuldgefühle deswegen beiseiteschieben.

Zumindest für ein paar kurze Momente.

„Die haben Ihnen ja einen mächtigen Gips angelegt“, kommentierte Luca, als er sich das Bein ansah. Seine Hand legte er dabei auf den Oberschenkel seines Patienten. Das fühlte sich ziemlich gut an. Völlig unangebrachte Gedanken, tadelte er sich, du weißt doch, wohin das führt! Ruckartig zog er die Hand zurück.

Stan seufzte. „Die Ärztin im Krankenhaus war da sehr unerbittlich.“

„Ich vermute, sie hatte recht. Sie sehen nicht wie jemand aus, der brav ruhig liegen bleibt.“ Luca grinste. Als er das hörte, lief Stan knallrot an. Wieso hatte der Doc ihn so schnell durchschaut? Er hustete unterdrückt.

„Ich fürchte, Sie haben recht“, gab er zu. Dann fiel sein Blick auf eine gerahmte Fotografie, die auf dem Schreibtisch des Mediziners stand. Darauf abgebildet waren der Doc und ein anderer Mann, die sich innig küssten. Demnach, schloss Stan, fischte der Arzt an dem gleichen Ufer wie er auch.

„Schönes Foto. Ihr Freund?“, fragte er und grinste den Arzt an.

Der wurde knallrot, ging zu dem Foto und legte es mit der Bildseite nach unten in eine Schreibtischschublade. „Nein, das ist niemand.“

„Oh Ärger im Paradies?“ Eigentlich wusste Stan, dass sein Verhalten unhöflich war, aber der Mann interessierte ihn.

„Nein, kein Ärger im Paradies. Es gibt keines mehr.“ Lucas Miene wirkte plötzlich verschlossen.

„Entschuldigung, das geht mich ja nichts an.“

„Richtig“, seufzte Luca und hoffte, dass er sich jetzt wieder auf die Behandlung konzentrieren konnte.

Doch so schnell gab Stan nicht auf. „Wenn Sie aktuell solo sind, wollen Sie dann mit mal mit mir ausgehen? Vielleicht Essen?“

Luca hielt irritiert inne. Hatte er richtig gehört? Niemand ist so dumm und geht freiwillig mit einem Langweiler wie dir aus, hörte er eine Stimme deutlich in seinem Kopf. Energisch schüttelte er den Kopf. „Ich gehe nicht mit Patienten aus.“

„Schade. Vielleicht nur mal auf `nen Kaffee?“

„Kein Date heißt kein Date.“ Lucas Tonfall klang bestimmt.

„Ein Kaffee ist ja kein Date. Aber okay, für heute gebe ich es auf. Möglicherweise haben Sie ja nächste Woche Lust.“ Stan merkte, dass Luca jetzt völlig abblockte. Daher ließ er das Thema gut sein, aber der Gedanke, sich privat mit dem Mediziner treffen, war einfach verführerisch.

„Kann ich mir nicht vorstellen.“ Luca lächelte kühl. „Bitte auf den Bauch legen, ich will mir Ihre Schulter mal ansehen. Vermutlich sind Sie ziemlich verspannt.“ Stan drehte sich langsam herum, vorsichtig, weil er keine Lust auf weitere Schmerzen hatte. Behutsam löste Luca die feste Bandage. Die Haut war verfärbt – irgendetwas zwischen rot, grün, lila und blau – und alles sah sehr schmerzhaft aus. Er tastete sanft über die Wunde. „Wie ist das?“, fragte er und griff nach dem Massageöl.

Stan biss die Zähne aufeinander, auch wenn er merkte, dass der Arzt sich Mühe gab, ihm nicht unnötig wehzutun. Die Ärzte im Krankenhaus waren nicht so behutsam gewesen. „Es tut verdammt weh“, zischte er schließlich.

„Ich versuche, die Muskeln ein bisschen zu lockern, sonst verkrampft sich durch die Krücken alles noch mehr. Am besten gehen Sie nur so wenig wie möglich, um sich nicht zu viel zu belasten.“

„Ich bemühe mich. Aber ich kann ja auch nicht den ganzen Tag im Bett bleiben.“

„Das sollen Sie auch nicht. Ich zeige Ihnen nachher ein paar Übungen, mit denen Sie sich ein bisschen fit halten können, ohne zu viel Anstrengung.“

„Super, das wäre toll. Danke.“

Luca streichelte sanft über den Nacken seines Patienten und versuchte, ihm nicht allzu weh zu tun. Die Haut fühlte sich gut an. Zu gut. Bestimmt rief Luca sich zur Ordnung, befahl sich, sich endlich zu konzentrieren und seinen Job zu machen.

Stan lag still und genoss die Berührungen. Nachdem er sich an die Massage gewöhnt hatte, fühlte es sich gar nicht so schlecht an.

„Ist es so in Ordnung, Stan? Ich darf Sie doch Stan nennen?“ Luca rollte über sich selbst die Augen. Er wollte so etwas nicht wieder durchmachen. Der Schmerz reichte doch wirklich für den Rest seines Lebens. Trotz allem, gesagt war gesagt, außerdem hatte das nun wirklich nichts zu bedeuten, wenn man einen Patienten beim Vornamen nannte.

„Ja, es geht. Es tut zwar ein bisschen weh, aber das gehört wohl dazu. Wenn Sie mich Stan nennen, darf ich Sie Luca nennen?“

„Ja, gerne.“ Luca beendete die Massage mit ein paar langen Strichen über den Rücken.

„Super!“ Stan grinste zufrieden.

 

 

 

„Komm schon, Luca. Gib dir einen Ruck und geh mit einem alten, armen Krüppel aus“, bat Stan mit gespielt leidender Stimme und zwinkerte Luca zu. Seitdem er das erste Mal in die Praxis gekommen war, versuchte er den Halbitaliener zu einem Date zu überreden, doch bis jetzt war Luca hartnäckig geblieben. Trotzdem ließ sich Stan nicht entmutigen. Er wollte dieses Date. Der Sportarzt und Physiotherapeut, der seit dem Unfall für ihn zuständig war, sah wirklich heiß aus. Auch wenn er ihn so böse anschaute wie momentan. Die schwarzen Locken ringelten sich um das schmale Gesicht und die Augen funkelten wütend.

„Stan, wie oft habe ich dir schon meinen Grundsatz für Dates genannt?“, seufzte Luca.

„Ungefähr so oft, wie ich dir gesagt habe, dass mich das nicht interessiert?“ Stan grinste breit. „Nur ein Bierchen und vielleicht einen kleinen Gute-Nacht-Kuss? Ein bisschen Aufmunterung würde mir gut tun. Immerhin muss ich über meine Verletzung hinwegkommen und daher wäre es sozusagen dein Job. Oder?“, lockte er noch mal.

„Offensichtlich hast du mir dabei nicht wirklich zugehört. Keine Patienten. Ist doch ganz leicht. Keine Bierchen, keinerlei Gute-Nacht-Küsse. Capito?“ Luca stemmte die Hände in die Hüften. Warum gab der Kerl keinen Deut nach? Deutlicher ging es nicht.

„Luca hast du denn kein bisschen Mitleid mit mir?“ Stan schob die Unterlippe vor.

Luca lachte unwillkürlich. „Vergiss es. Dein Schmollmund zieht bei mir nicht. Du hast bestimmt genügend andere Optionen für ein Date.“

„Aber ich will keine anderen Dates.“ Stan musterte Luca lange. „Was muss ich tun, damit du es dir überlegst?“ Langsam gingen ihm die Ideen aus, aber er war fest entschlossen, diese zuckerige Nuss zu knacken.

Luca seufzte. „Du gibst nicht so schnell auf, was?“ Er öffnete die Tür des Untersuchungszimmers. „Nun aber los, ich habe noch andere Patienten.“

„Nun hetz mal nicht und nein, ich gebe nicht auf. Wenn ich etwas wirklich will, kriege ich es auch.“ Stan griff sich seine Gehstützen und erhob sich langsam. Dann begann er, aus dem Raum zu humpeln. Als er die Tür erreichte, schwankte er leicht und war froh, als Luca nach ihm griff und ihn abstütze.

„Soso ... dann bis nächste Woche. Du lässt dir von Lilly einen neuen Termin geben, ja?“ Luca grinste auf Stans letzte Bemerkung hin. Hartnäckig war sein Patient in jedem Fall, aber er hatte nicht vor, seine Prinzipien über Bord zu werfen, auch wenn Stan zugegebenermaßen ein hübscher Bursche war. Richard war auch ein schöner Mann gewesen … sehr schön sogar, aber wohin hatte es geführt? Er schloss für einen Moment die Augen, um den Gedanken loszuwerden.

„Luca, wir sehen uns dann morgen, ja? Soll ich dich um acht abholen?“ Stan versuchte es noch mal. Die Termine für die nächste Woche hatte er natürlich schon längst in der Tasche.

„In deinen Träumen, junger Mann!“ Kopfschüttelnd, aber mit einem Grinsen auf den Lippen, winkte er Stan hinaus. Dieser drehte sich noch mal um und erwiderte Lucas Lächeln. Dann verließ er die Praxis und freute sich, dass Dean draußen auf ihn wartete, um ihn nach Hause zu bringen. Seit dem blöden Unfall konnte er ja auch kein Auto mehr fahren.

 

 

 

Nach einem etwas stressigen Wochenende mit seiner Familie freute sich Stan auf den Termin bei Luca. Obwohl er von seiner Nichte und seinen Geschwistern ziemlich auf Trab gehalten worden war, hatte er Luca vermisst. Pünktlich stand er vor der Praxis und humpelte hinein.

Luca war noch vorne bei seiner Arzthelferin Lilly und lehnte am Tresen. Er mochte es, ein gutes Verhältnis zu seinen Angestellten zu haben, aber Lilly würde er fast schon als Freundin bezeichnen.

„Hallo Lilly und guten Morgen Süßer“, begrüßte Stan beide freundlich.

„Hey Stan! Versuchst du immer noch, den Doc weichzukochen?“ Lilly, eine junge Frau mit rotblonden Haaren und Sommersprossen, lachte ihn an.

„Ja, aber noch habe ich ihn nicht erweichen können, obwohl ich mir wirklich Mühe gebe. Hast du noch einen Tipp für einen armen, vernachlässigten Mann?“, fragte er und erwiderte das Lächeln. Dann musterte er Luca und zwinkerte ihm zu.

„Ich fürchte, ich kann dir da nicht weiterhelfen.“ Lilly grinste. „Ich hab wohl das falsche Geschlecht.“

Luca rollte nur mit den Augen und griff über den Tresen nach Stans Akte. „Ins Zimmer 3, bitte.“

„Aye, aye Sir. Lilly, ich verlass mich drauf, dass du ein gutes Wort für mich einlegst.“

Luca hielt Stan die Tür auf und beobachtete ihn, wie er mit den Krücken hereinhumpelte. Stan ließ sich auf die Liege plumpsen und war froh, als er saß. Das Laufen fiel ihm noch ziemlich schwer und heute hatte er zudem Schmerzen in dem verletzten Bein.

„Lass mich mal deine Verletzungen ansehen. Danach kümmern wir uns darum, dass deine Muskeln etwas gelockert werden“, meinte Luca, dem das stärkere Humpeln natürlich nicht entgangen war. „Ziehst du bitte mal die Hose aus?“

„Aber gerne doch. Heute ist es nicht so gut“, gab Stan zu und seufzte. Dann erhob er sich und streifte seine Hose ab. Dabei bemühte er sich, dass Luca die Beule in seinen Shorts nicht bemerkte. Das Flirten war eine Sache, aber der Ständer, der sich unwillkürlich einstellte, wenn Luca in der Nähe war, war ihm doch etwas unangenehm.

„Das sehe ich", meinte Luca und rückte an die Liege heran, um das Gipsbein näher zu betrachten. „Deine Haut ist aufgerieben von dem Gips. Ich schreibe dir ein Wundgel auf.“ Er blickte nach oben zu Stan. „Bist du viel gelaufen am Wochenende?“

„Na ja, schon ein bisschen. Meine Schwester hatte Geburtstag und wir waren alle zu Hause zum Feiern. Da meine Nichte immer mit mir spielen wollte, konnte ich nicht nur auf dem Sofa hocken.“ Stan grinste schief.

„Dazu wärst du aber besser sitzen geblieben“, meinte Luca trocken. „Dein Bein sieht nicht gut aus. Hast du noch Schmerzmittel oder soll ich dir nachher auch noch welche aufschreiben?“

„Ja, bitte. Ich habe nicht mehr viele Tabletten zu Hause. Und schlag du mal einer Vierjährigen etwas ab. Das konnte ich einfach nicht.“

„Wahrscheinlich hast du deine Schulter auch über Gebühr beansprucht?“, fragte Luca und blickte über den Rand seiner Brille. Stan schaute zu Boden und nickte. Die Krücken, die er brauchte, um sich fortzubewegen, wirkten sich nicht gut auf seine Schulter aus.

„Du kannst eh von Glück sagen, dass du dir die bei dem Fall nicht schlimmer verletzt hast. Zieh bitte die Hose wieder an und das Hemd aus.“

Stan bemühte sich, den Anweisungen zu folgen. Gespräche über den Sturz wollte er unbedingt vermeiden. Er schämte sich noch heute dafür, dass er bei der blöden Wette überhaupt mitgemacht hatte. Aber er bezahlte ja nun doppelt und dreifach für diese Dummheit.

„Geht es?“, fragte Luca ungewohnt sanft, als er Stans Bemühungen verfolgte. „Oder soll ich dir helfen?“

„Hmm, danke. Ich kriege es schon hin. Irgendwie.“ Stan kniff die Lippen zusammen und versuchte, das Gleichgewicht zu halten, während er sich hinstellte, um die Hose zu schließen.

„Das sehe ich“ Luca stellte sich neben Stan und legte seinen Arm um ihn zu stützen.

„Danke“, Stan lehnte sich leicht gegen Luca und atmete tief ein. Dann versuchte er, sich das kurzärmelige Hemd abzustreifen.

„Das kann sich ja kein Mensch mitansehen“, meinte Luca belustigt und half Stan schließlich aus dem Hemd, um sich die Schulter seines Patienten anzusehen. „Noch immer grün und blau. Aber immerhin ist die Schwellung leicht rückläufig. Trotzdem ... man merkt, dass du sie zu viel belastet hast.“ Luca war unzufrieden. Warum passte Stan denn nicht besser auf sich auf? „Ich denke, wir müssen die Armbinde wieder anlegen, damit du die Schulter entlastest.“

„Luca, aber dann kann ich nicht mehr laufen. Mit der Bandage kann ich die Krücken nicht mehr benutzen. Nur mit einer komme ich verdammt noch mal nicht vom Fleck.“ Stan zog die Augenbrauen zusammen und schaute ihn traurig an.

„Wir müssten das nicht, wenn du nicht so unvernünftig wärst ...“ Luca seufzte, hatte aber doch Mitleid mit seinem Patienten. „Wir sehen mal, wie es nach der Massage ist, okay?“

Stan nickte langsam.

„Na dann auf die Liege mit dir.“ Luca zwinkerte dem Sportler zu.

Etwas anderes blieb ihm ja auch nicht übrig und diesmal hatte er wirklich Schmerzen.

Stan legte sich hin und versuchte sich zu entspannen.

„Sag mir bitte gleich, wenn ich dir wehtue.“ Er wärmte das duftende Massageöl mit den Händen an. „Ja?“ Sanft begann er, Stans Nacken abzutasten.

„Hmm, ja“, seufzte Stan, als er Lucas Hände auf seiner Haut spürte. Mit geübten Strichen massierte Luca nun die Schulterpartie. Es gefiel ihm, die braungebrannte Haut zu berühren und die festen Muskeln darunter zu fühlen. Es gefiel ihm sogar viel zu gut. Energisch erinnerte er sich an seine Grundsätze. Keine Patienten.

Stan brummte leise. Die Massage tat ihm richtig gut. Doch als Luca in die Nähe des rechten Schulterblattes kam, stöhnte er schmerzerfüllt und verkrampfte sich unwillkürlich.

„Was zum Teufel hast du mit deiner Nichte angestellt? Sie auf den Schultern getragen?“ Luca beobachtete Stans Reaktion unzufrieden.

„Nein!“, fauchte Stan. „Glaubst du, ich bin blöd? Ich hab nur ein bisschen mit ihr auf dem Boden gesessen und gepuzzelt und eine große Burg aus Holzklötzen gebaut. Ansonsten habe ich die meiste Zeit unnütz auf dem Sofa gehockt.“ Er seufzte leise.

„Alles klar, Tiger. Trotzdem muss ich dir das verbinden. Und um die Bandage kommen wir nicht rum.“ Luca strich weiter nach unten über die Wirbelsäule bis fast zum Hosenbund.

„Och nöö. Das ist doch echt doof. Wirklich? Können wir da noch mal drüber reden, Luca? Dann komm ich die nächsten Tage nur vom Sofa zum Klo und zurück. Bitte, lass es uns so versuchen.“ Stan hob den Kopf und schaute Luca bittend an.

„Irre ich mich oder willst du dich auch irgendwann wieder von deinem geliebten Turm stürzen?“ Luca schüttelte verständnislos den Kopf. „Dreh dich um, ich muss sehen, ob du durch deine Wochenendaktivitäten noch andere Muskeln falsch belastet hast.“

Stan drehte sich langsam um und biss sich auf die Zähne, um den Schmerzlaut zu unterdrücken. Vorsichtig tastete Luca die Schulter ab und sah, wie Stan das Gesicht verzog. „Okay. So wie es dir jetzt geht, injiziere ich dir besser sofort ein Schmerzmittel und ein Medikament, das die Muskulatur entspannt. Deine Tabletten musst du dann aber erst am Abend nehmen.“

„Spritze? Mit richtiger Nadel?“ Stan erschauderte. „Heute hast du es auf mich abgesehen, oder?“

„Tja, wenn du so ein ungezogener Junge bist ...“ Luca zwinkerte Stan zu und ging an seinen Schrank, um die Spritze aufzuziehen.

„Ich meine das ernst, ich mag keine Spritzen. Wo willst du mir das Ding denn reinjagen?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„In deinen süßen Hintern“, witzelte Luca ungewohnt fröhlich.

Stan war plötzlich nicht zum Lachen zu Mute. „Aber tu mir nicht weh, ja?“ Die Stimme klang leise und wackelig.

„Es wird weniger wehtun als der Sturz“, beschied Luca ihm. „Wenn du dich dann bitte freimachen würdest?“

Zögernd drehte sich Stan auf die Seite, stand langsam auf, streifte sich die Hose und die Shorts runter und ließ sich wieder auf die Liege sinken. Dann biss er sich auf die Lippe, um keinen unnötigen Laut von sich zu geben.

Lucas Blick wanderte über Stans perfekten festen Hintern. Fast hätte er mit der Hand darüber gestrichen. Nur so zum Test. Aber dann rief er sich zur Ordnung. Er legte eine Hand auf Stans verletzte Schulter und spritzte das Mittel direkt an die schmerzende Stelle, damit es so schnell wie möglich wirkte.

„Und war`s schlimm?“ Luca grinste, konnte sich einen Klaps auf den nackten Po aber nicht verkneifen.

Stan gab einen unterdrückten Schrei von sich und fuhr hoch. Wütend funkelte er Luca an. „Das war nicht mein Hintern ... und ja, es war schlimm. Hast du denn kein Mitgefühl?“ Er stöhnte leise, dann stand er auf und zog sich die Hose wieder hoch.

„Ich bin ein sehr mitfühlender Mensch, wie du bereits wissen solltest ... ich tue alles, damit du bald wieder gesund wirst.“ Luca ging auf seinen Schreibtisch zu. „Ich schreibe dir jetzt die Schmerzmittel und das Gel für die gereizte Haut auf, wegen der Schiene. Okay? Und dann lege ich dir den Verband an.“

„Und heute Abend spielst du Pizzataxi und isst mit mir? Wenn du mich so flach legst, bist du auch dafür verantwortlich, dass ich nicht verhungere, ja?“ Stan glaubte nicht, dass er diesmal Erfolg hatte, aber versuchen wollte er es trotzdem.

„Hm?“ Luca sah kurz von seinem PC auf. „Ist das mit der Armbinde denn wirklich so schlimm?“

„Luca, ich darf das linke Bein nicht belasten, wie du mir gesagt hast ... und jetzt nimmst du mir den rechten Arm und damit eine Krücke weg. Also hast du Mitleid und bringst Pizza mit?“

Der Sportarzt hob den Kopf und seufzte. „In Ordnung. Im Tausch dafür trägst du die Armbinde eine Woche.“ Er schrieb wieder geschäftig an seinem Rezept weiter.

„Was?“ Stan konnte es nicht fassen. Doch dann nickte er schnell und sagte: „Super, ich möchte eine mit Salami. So um acht bei mir?“

„Aber um einem Missverständnis vorzubeugen ... das ist KEIN Date.“

 

 

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Imprint

Text: Eve Flavian, Neela Faye
Publication Date: 09-12-2015

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