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Titel

Psycho: Wegner & Hauser

(Hamburg: Mord)

 

Thomas Herzberg

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile ausdrücklich jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Mein besonderer Dank geht an:

Michael Lohmann (Lektorat, Korrektorat: worttaten.de)

Birgit aus dem Elsass (meine sehr engagierte Testleserin)

Nicolas Frühauf (ein weiterer engagierter Testleser und Freund)

 

 

Wegner in chronologischer Reihenfolge

!!! Brandneu: »Mörderisches Sylt« Hannah Lambert ermittelt (Teil 3) !!!

 

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

Aus der Reihe Hannah Lambert ermittelt (Friesenkrimis): 

Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

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Inhalt:

Hamburg, April 1989: Die Feierstimmung in der Mordkommission hält nicht lange, wartet doch bereits der nächste ungeklärte Mord auf das neue Ermittlerteam. Als klar wird, dass die Kommissare es mit einem schizophrenen Serienkiller zu tun haben, müssen Wegner und Hauser sämtliche Geschütze auffahren. Und auch intern ziehen dunkle Wolken auf. Ein Wettlauf mit der Zeit, dessen Sieger erst in letzter Sekunde gekürt werden ...

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

 

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann (worttaten.de)

 

Weitere Informationen und Bücher findet Ihr auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

 

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Prolog

 

...

»Mir ist es völlig egal, ob Sie die Polizei einschalten.« Ein kaltes Lachen dröhnte aus der Muschel des Hörers. »Außerdem haben Sie das doch ohnehin längst getan.«

»Ich verstehe nicht ...«

»Ganz einfach! Wenn ich bei der Geldübergabe auch nur einen Bullen sehe, dann ist Ihre Tochter tot – verstehen Sie das?«

»Allerdings! Aber vielleicht sagen Sie mir endlich, was Sie wollen!«

»Nur die fünf Millionen, mehr nicht.«

»Nur!« Jetzt ertönte auf der anderen Seite der Leitung ein freudloses Lachen. »Sie müssen völlig verrückt geworden sein.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass Ihnen Ihre Tochter keine fünf Millionen Mark wert ist?«

»Meine Tochter ist mir weit mehr wert! Aber bevor ich auch nur einen Finger krumm mache, will ich wissen, ob sie noch lebt.«

»Wann haben Sie das Geld zusammen?«

»Ein bis zwei Tage«, erklang es nach kurzem Zögern.

»Ich rufe morgen Abend wieder an ... dann erfahren Sie auch den Treffpunkt.«

»Ich will ...«

»Morgen Abend sage ich Ihnen, wo wir uns treffen. Und danach dürfen Sie vielleicht auch mit Ihrer Tochter reden.«

1

 

Einige Tage zuvor, 1. April 1989

 

»Samstags gefällt es mir im Büro immer noch am besten.« Wegner demonstrierte schon seit seiner Ankunft hartnäckig Wochenendstimmung. »Diese Ruhe ist himmlisch! Findest du nicht?« Er schaute zu Stefan Hauser rüber, der keinerlei Anstalten machte zu reagieren. »Findest du nicht?«, dröhnte seine Stimme jetzt durchs Büro.

Ein Stück entfernt zuckte sein Kollege vor der Kaffeemaschine zusammen. Sofort zog er die Kopfhörer herunter und hantierte an seinem Gürtel. »Was hast du gesagt?«

»Die Ruhe im Büro … am Samstag … herrlich, oder nicht?«

»Ruhe?« Hauser schlurfte durch den Raum und musterte seinen Chef dabei kopfschüttelnd. »Vielleicht darf ich dich an Carola Herbst erinnern ... unsere Tote aus dem Sachsenwald?« Er platzierte wortlos zwei Becher auf den Schreibtischen und blieb zunächst mit hängenden Schultern davor stehen.

»Du kannst einem aber auch jeden Tag versauen«, moserte Wegner. »Was ist das da eigentlich für ein Ding an deinem Gürtel und was sollen die dämlichen Kopfhörer? Ich hab das Gefühl, als würde auf der Straße bald jeder Zweite …«

»Ein Walkman, Kommissar Steinzeit.« Hauser keuchte vor Lachen, angesichts einer solchen Wissenslücke. Danach öffnete er das mysteriöse Gerät und hielt Wegner mit stolzem Gesicht eine Musikkassette entgegen. »Selbst aufgenommen! Pet Shop Boys, Paula Abdul …«

»Paula wer?«

»Abdul!«

»Ist die mit ’nem Araber verheiratet oder warum Abdul?«

Hauser verzichtete auf eine Antwort und schüttelte nur den Kopf.

»Gib mal her!«, forderte Wegner ihn auf. Er machte tatsächlich einen relativ interessierten Eindruck.

»Was hast du denn vor?« Einen Atemzug später hatte sich diese Frage erledigt. Denn Hausers brandneue Kassette hatte ihren vorerst endgültigen Bestimmungsort in Wegners Papierkorb gefunden.

»Du bist ein Arsch, Manfred!«

»Du hast doch eben selbst noch gesagt, dass wir einen Mordfall zu lösen haben.«

Anstelle einer Antwort stand Hauser mit ausgestreckter Hand vor seinem Chef. Es war klar, dass er frühestens dann sein Schweigen brechen würde, wenn er seinen Schatz zurückbekäme.

Wegner lehnte sich schwer atmend zur Seite und fischte das Teil aus dem Papierkorb. »Du kannst echt nerven!« Er hielt seinem Kollegen die Kassette entgegen, zog die aber im letzten Moment zurück. Danach füllte sein gehässiges Lachen den Raum.

»Und du kannst mich mal!« Hauser war um die Schreibtische herumgewandert und saß wieder auf seinem Stuhl. »Mach du, was du willst, ich versuche, einen Mordfall zu lösen.« Im nächsten Augenblick war sein Gesicht hinter einer Akte verschwunden.

 

»Sag mir noch mal, was wir bis jetzt haben«, begann Wegner eine ganze Weile später. Er hielt seinem Kollegen erneut die Kassette entgegen. Das sollte wohl eine Art Friedensangebot darstellen.

Hauser schaute verwirrt auf und zuckte mit den Schultern.

»Unser Mordfall, Sachsenwald, Carola Herbst … du erinnerst dich?« Wegner versuchte krampfhaft, ein Lachen zu unterdrücken. »Wie ist da unser aktueller Stand?«

Hauser blätterte in seinen Aufzeichnungen, auch wenn das eigentlich überflüssig war. »Bis jetzt haben wir nur ihre Leiche gefunden und wissen, dass man die arme Frau irgendwo drei Monate lang gefoltert hat, bevor sie gestorben ist. Momentan warte ich auf die Berichte aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und …«

»Du hättest Nachrichtensprecher werden sollen«, unterbrach Wegner. »Hab das Gefühl, bei uns hier bist du falsch aufgehoben.«

Hauser zögerte kurz und schaute seinen Chef prüfend an. Danach fuhr er unverdrossen fort: »Außerdem kann ich mir – im Gegensatz zu dir – was Schöneres vorstellen, als samstags im Büro rumzuhocken! Schließlich habe ich auch noch so etwas wie ein Privatleben.«

»Aha!« Wegner versuchte, nicht zu grinsen, scheiterte jedoch kläglich. »Was macht denn dein sagenhaftes Privatleben ... also dein Paul?«, fragte er in grenzwertigem Ton. »Habt ihr zwei euch wieder zusammengerauft?«

Hausers Miene verriet bereits die halbe Antwort. Sein Mund öffnete sich, um die andere Hälfte nachzuliefern: »Er zieht heute aus – wenn du’s genau wissen willst.«

»Deshalb hast du dich auch am Samstag ins Büro verirrt.« Wegner schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Und ich Idiot wundere mich noch ...«

»Ich wundere mich über gar nichts mehr!«

»Wieso?«

»Könnte ja auch sein, dass es zum Teil an der Arbeit hier liegt. Aber einer wie du interessiert sich ja gar nicht für die wirklichen Gründe.«

Wegner hatte sich mühevoll nach vorne gebeugt und saß mittlerweile halbwegs aufrecht auf seinem Stuhl. Seine Stirn lag in tiefen Falten, als er, nach einigem Zögern, fragte: »Wie lange arbeiten wir jetzt zusammen?«

»Weiß nicht genau, etwa drei Wochen.«

Wegner nickte, um diese Bestätigung zu unterstreichen. »Und dann erwartest du schon von mir, dass ich hier deinen Seelenklempner mime? Junge, ich bin dein Chef und nicht dein Kindermädchen! Und jetzt reich die Ermittlungsakte rüber.«

Stefan Hauser warf das Teil in hohem Bogen über die Schreibtische und verschränkte die Arme vor der Brust.

Wegner langte kommentarlos danach und las kurz darauf laut vor: »Carola Herbst, sechsundzwanzig … wohnhaft in Reinbek, noble Ecke … Vater Arzt, Mutter …«

»Das weiß ich alles!«, maulte Hauser zurück. »Vielleicht erinnerst du dich … wir waren gestern und vorgestern zusammen bei ihren Eltern.«

»Laut rechtsmedizinischer Untersuchung ist die Frau ...«

»Carola Herbst!« Hausers Augen leuchteten vor Wut. »Du hast doch selbst gesagt, dass wir den Opfern grundsätzlich Namen geben sollen.«

Wegner schüttelte den Kopf, lächelte dabei aber seltsam. »Also, unser Doktor Specht ist sich sicher, dass Carola Herbst am Ende verhungert ist. Da kann man sich auch einen schöneren Tod vorstellen. Was meinst du?«

»Ist die Frage ernst gemeint?«

»Was haben denn unsere Anfragen bei den Kollegen aus anderen Bundesländern ergeben?« Wegner war ein Meister des Zickzackkurses. Wurde ihm ein Thema zu unbequem, wählte er einfach das nächste. Das ersparte ihm überflüssige Erklärungen oder Debatten. »Gibt es ähnliche Fälle ... bei unseren Nachbarn, vielleicht sogar bundesweit?«

Hauser nahm, von lautem Stöhnen begleitet, einen riesigen Papierstapel zur Hand. Dabei handelte es sich um halbwegs aktuelle Schriftstücke, die seit Tagen geduldig darauf warteten, einsortiert zu werden. Schließlich waren Wegner und er fast die komplette letzte Woche kreuz und quer durch Hamburg gefahren. Das alles in der Hoffnung, im Mordfall Carola Herbst irgendwo auf eine Spur zu stoßen, und sei die noch so dünn. Am Abend zuvor waren die Kommissare müde und erschöpft in ihr Büro zurückgekehrt. Wegner hatte zum Abschluss angekündigt, seinen Schreibtisch nur noch für eine Verhaftung zu verlassen, wenn überhaupt.

 

»Das kann nicht sein!« Hauser hatte einen Großteil der Schriftstücke überflogen und hielt eines davon mit zitternden Fingern seinem Chef entgegen. »Das glaubst du nicht!«

»Es interessiert mich übrigens doch!« Wegner ignorierte das Papier zunächst und schaute seinen Kollegen stattdessen ungewohnt offen an.

»Was interessiert dich doch?« Hauser schien völlig perplex zu sein.

»Die Geschichte mit dir und deinem Paul.«

»Können wir das jetzt mal für einen Moment ausblenden?«, gab Hauser in aufgeregtem Ton zurück. »Ich hab hier was, das musst du dir unbedingt anschauen!«

»Ihr hattet doch schon vor deinem Wechsel in die Mordkommission Zoff, oder nicht?«

Hauser kaute eine Weile auf seiner Antwort. »Jaaa, aber ...«

»Siehst du! An der Arbeit kann es also nicht gelegen haben«, philosophierte Wegner laut vor sich hin. »So schnell geht das nicht – nicht mal bei einem wie dir.«

»Willst du jetzt wissen, was das ist?« Hauser wedelte noch immer mit einem Blatt in der Luft herum.

»Der Job hier ist nicht schuld ... das glaube ich nicht.«

»Und ich glaube, ich werd gleich verrückt!«

2

 

Anita benutzte normalerweise ihr Fahrrad, um zwischen Pferdestall und ihrem Elternhaus zu pendeln. In diesem Moment jedoch wanderte sie auf Schusters Rappen eine Wohnstraße entlang. Die war so schmal, dass sich zwei entgegenkommende Autos vorsichtig aneinander vorbeitasten mussten. Ihr Drahtesel – ein schneeweißes Zehn-Gang-Peugeot-Edelrad – stand seit einer Woche in der Doppelgarage ihrer Eltern. Denn was halfen einem zehn Gänge oder auch zwanzig davon, wenn der hintere Reifen einen Plattfuß hatte? Jeden Tag versprach ihr Vater, bei Fahrrad Christiansen anzurufen, aber bis jetzt war es leider nur bei diesen Versprechungen geblieben.

Am Ende der Straße kam Anita ein uralter Fiesta entgegen. Hinter dem Steuer saß eine Frau, die sogar grüßte. Auf dem Beifahrersitz neben ihr war ein monströser Kindersitz zu erkennen. Auch Anita hob die Hand, obwohl sie die junge Mutter nicht mal auf Anhieb einordnen konnte. Hier in Volksdorf, am nordöstlichen Rand Hamburgs, glich manche Ecke noch einem Dorf oder höchstens einer Kleinstadt. Hier kannte jeder jeden. Neuankömmlinge wurden kritisch beäugt und, je nach Auftreten, integriert oder kurzerhand ausgestoßen.

Seitdem Anita ihr eigenes Pferd hatte – Sandy, eine sechsjährige Stute mit dem Temperament eines Araberhengstes – verbrachte sie die meiste Zeit im Stall. Und auch wenn es nur noch ein gutes Jahr bis zum Abi war, lief die Schule bei ihr fast von alleine. Natürlich beobachteten ihre Eltern sie mit Argusaugen. Aber solange die Noten passten, gab es keinen Grund für restriktive Maßnahmen.

Anita hatte das Ende des Neubaugebietes erreicht und bog nach links ab. Immer wieder kam ihr der abrupte Wechsel zwischen Zivilisation und Botanik seltsam vor. Hier standen noch drei Häuser, hundert Meter weiter nur noch Büsche und Sträucher. Den Weg, eine Abkürzung, die gleich durch ein kleines Waldstück führen würde, konnte man nur gefahrlos nutzen, wenn es trocken war. Hier gab es zwar einige Ecken, die ihr nicht ganz geheuer vorkamen, aber im Gegenzug war der Umweg außen herum auch kein Zuckerschlecken; der versprach mindestens zehn Minuten zusätzlichen Fußmarsch. Außerdem stand am Ende des Waldes ein altes Bauernhaus, auf dessen Dach ein Storchennest auf gefiederte Gäste wartete. Seitdem sie denken konnte, hatte Anita jedes Jahr die Rückkehrer aus Afrika begrüßt.

»Mit den Störchen kommt der Frühling«, hatte ihr der alte Bauer, Opa Brodersen, gerne erklärt – jedes Mal, als wär’s das erste. Selbst noch als Teenager gab es danach frische Milch aus einem Becher und, wenn sie Glück hatte, sogar ein Eis – besser gesagt: ein Ed von Schleck – aus Oma Brodersens Tiefkühltruhe. Für Anita war es lange Zeit wie ein Stück vom Paradies gewesen. Eines, das man am Rande einer Millionenstadt kaum erwartete.

Letztes Jahr allerdings war die Bäuerin gestorben. Seitdem waren die Fensterläden durchgehend geschlossen. Zwei oder drei Mal am Tag hielt ein Pflegedienst vor dem Haus, mehr war nicht zu sehen.

Das Paradies ist eben nur geliehen.

 

Anita hatte den Waldrand gerade erreicht, da hörte sie hinter sich Reifen knirschen. Ein älterer Kombi hatte ein Stück entfernt angehalten. Der Fahrer war ausgestiegen und reckte sich in alle Richtungen. Kurz darauf trafen sich ihre Blicke.

»Kannst du mir vielleicht sagen, wie ich nach Bargfeld-Stegen komme?« Der Mann lächelte ganz freundlich und hob kurz die Hand zum Gruß. Danach zog er eine Straßenkarte aus seiner Tür und hielt sie empor. »Hab gedacht, ich wäre schon da, aber ...« Er zuckte die Schultern und lachte verlegen. »Sieht so aus, als könnte ich ein bisschen Hilfe brauchen.«

Noch war Anita hin und her gerissen. In solchen Momenten flammten sofort die mahnenden Worte ihrer Eltern vor ihrem inneren Auge auf. Dazu Horror-Meldungen, wie sie fast täglich die Schlagzeilen füllten. Ihre Mutter sagte immer: »Wenn man böse Menschen von außen erkennen könnte, dann gäbe es bald keine bösen Menschen mehr.«

Damit hatte sie natürlich recht. Aber sollte man deshalb gleich jedem misstrauisch begegnen? Da könnte man sich auch ebenso gut einschließen und die Decke über den Kopf ziehen. Außerdem glaubte sie, den Mann zu kennen. Aber woher? Ihr Verstand ratterte wie eine Nähmaschine, wollte zunächst allerdings kein Ergebnis liefern.

Vielleicht aus der Schule ... ein Lehrer?

Oder vom Sport?

Oder ein Reiter oder ...?

»Kannst du mir helfen?«, erneuerte der Mann seine Frage, unverändert lächelnd.

»Ganz falsch sind Sie hier nicht ... zumindest auf einem guten Weg.« Anita lachte und machte ein paar Schritte nach vorne. Der Mann hielt ihr die Straßenkarte entgegen. Das sollte wohl eine Aufforderung sein oder ein weiteres Hilfegesuch.

»Kannst du mir die Sache auf der Karte zeigen? Ich kurve hier seit ’ner Stunde rum und werde langsam wahnsinnig.«

Anita schaute auf das Kennzeichen am Kombi, konnte es allerdings nicht zuordnen. Nur dass der Mann von auswärts kam, stand fest. Nicht aus Hamburg und ebenso wenig aus Segeberg oder Neumünster. Viel mehr Kennzeichen kannte sie auch nicht.

»Geben Sie mal her!« Sie streckte kichernd ihre Hand aus. Der Mann zog seine im selben Moment ein Stück zurück und breitete die Karte auf der Motorhaube aus. Deshalb musste Anita zwei weitere Schritte nach vorne machen. »So schwer kann das ja nicht sein, oder?«

»Ist es auch nicht!« Von einer Sekunde zur anderen hatte sich das Gesicht des Mannes dramatisch verändert. Jede Freundlichkeit war gewichen. Stattdessen leuchteten seine Augen eiskalt. Deutlich war zu erkennen, dass seine Kiefermuskeln unter voller Anspannung standen.

Einen halben Atemzug später spürte Anita eine Hand, die ihren Oberarm mit eisernem Griff umklammerte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie wie gelähmt vor Angst, konnte nicht mal schreien. Aber selbst, wenn ... hätte das die zweite Pranke verhindert, die plötzlich ihren Mund mit aller Kraft verschloss. Schon schmeckte sie Blut. Kurz darauf wurde ihr schwindelig, fast schwarz vor Augen.

Ihr vorerst letzter Gedanke galt ihrer Mutter. Warum mussten Mütter am Ende immer Recht behalten? Aus dem hintersten Winkel ihrer Seele meldete sich ihr inneres Kind mit weinerlicher Stimme: Warum hast du auch nicht auf Mama gehört?

3

 

Nachdem endlich abschließend geklärt war, dass Hausers jüngstes Beziehungs-Desaster nichts mit seiner Arbeit in der Mordkommission zu tun hatte, konnten sich die Kommissare wieder ihren eigentlichen Aufgaben widmen.

»Es gab letztes Jahr tatsächlich zwei ähnliche Fälle«, flüsterte Hauser mit Grabesstimme. Sein Gesicht deutete allerdings darauf hin, dass das längst noch nicht alles war. »Einen in Wedemark, das liegt ein Stück nördlich von Hannover ...«

»Und der andere?«

»Soltau!«

»Also kommen die Einschläge näher«, stellte Wegner mit nüchterner Stimme fest. Endlich langte er nach dem Blatt und zog es ruckartig aus der Hand seines Kollegen. »Ist das alles?«

»Was hast du erwartet ... eine wissenschaftliche Abhandlung?« Hauser schaute seinen Chef nur noch kopfschüttelnd an.

»Das erste Opfer heißt Lenz ... Katja Lenz«, las Wegner laut vor. »Weiß nicht, was daran so unglaublich sein soll.«

»Dann schau dir mal den Namen der zweiten Frau an! Ich sag’s dir ... das glaubst du nicht.«

»Franziska Sommer.« Mittlerweile war Wegners Stimme nur noch ein Flüstern. Seine Miene verriet, dass es in seinem Kopf auf Hochtouren ratterte. Als sich sein Mund wieder öffnete, war sein Gesicht kreidebleich. »Du könntest zum ersten Mal recht haben ... das ist unglaublich!«

 

***

 

Der Mann hatte sie mit beiden Händen gepackt und sofort auf die Motorhaube runtergedrückt. Ihr Gesicht lag auf der Straßenkarte. Und so verrückt es auch war, konnte sie darauf – nur ein paar Zentimeter entfernt – ausgerechnet Hamburg-Volksdorf erkennen. Sogar die Straße, in der die Villa ihrer Eltern stand. Eine Sackgasse, mit geradezu atemberaubenden Grundstücken von parkähnlichen Ausmaßen.

Irgendwas klimperte hinter ihr, vermutlich Handschellen. Die Angst lähmte Anita immer noch; sie umklammerte das Mädchen mit eisernen Pranken und raubte ihr fast sämtliche Kraft. Aber da war auch etwas anderes. Etwas, das tief in ihrem Inneren lauter und lauter um Aufmerksamkeit buhlte: Überlebenswille!

Als eine der Hände ihren rechten Arm für einen Moment losließ, war der Augenblick gekommen, um die – zweifellos – einzige Möglichkeit beim Schopfe zu packen. Anita wirbelte herum und schaffte es, den Mann mit der Faust mitten im Gesicht zu treffen. Wahrscheinlich hatte sie damit keine dramatischen Schmerzen ausgelöst, aber zumindest doch ein gehöriges Maß an Verwunderung. Plötzlich lockerte sich auch die zweite Hand. Nur eine weitere Drehung später war sie frei.

Anita rannte in Richtung Wald, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. Zuerst wollte sie schreien, hielt das in diesem Moment allerdings für die Verschwendung wertvoller Ressourcen. Denn sie brauchte jedes Quäntchen Luft, um so schnell wie möglich zu entkommen.

Außerdem, wer sollte sie hier, mitten im Wald hören – so früh am Morgen?

Hinter ihr erklangen Schritte, aber die schienen sich mit jedem Atemzug weiter zu entfernen. Sie war nie eine große Leuchte in Sport. Beim Völkerball oder anderen Mannschaftssportarten zählte sie in der Regel zu jenen, die als Letzte ins Team gewählt wurden – noch immer zähneknirschend, versteht sich. In diesem Augenblick jedoch hätte sie vermutlich bei jedem Lauftag geglänzt und neue schulinterne Bestzeiten aufgestellt.

Rechts und links flogen riesige Bäume an ihr vorbei. Bis zum anderen Ende des Waldes waren es, gemütlichen Schrittes, selten mehr als fünf Minuten. Aber bei ihrem Tempo dürfte sie schon sehr bald das Bauernhaus erblicken. Und tatsächlich fanden ihre Augen kurze Zeit später das Storchennest. Als hätte das alleine nicht ausgereicht, stand – zum ersten Mal in diesem Jahr übrigens – Gevatter Adebar mitten im Nest und stocherte seelenruhig mit seinem Schnabel darin herum.

Dieser Anblick gab Anita gleich weitere Kraft. Ein zusätzlicher Energieschub, der sie regelrecht nach vorne fliegen ließ. Sie wollte das Bauernhaus an dessen rechter Seite umrunden, als ihr die offene Tür an der Rückseite auffiel. Zum ersten Mal seit Monaten sah sie Opa Brodersen, der dahinter stand und herausschaute. Der alte Mann war auf seinen Gehwagen gestützt, hob in diesem Moment aber trotzdem die Hand zum Gruß. Augenscheinlich hatte er sie erkannt.

»Kumm rin, mien Deern«, rief er mit einladender Geste. Dazu präsentierte er ein zahnloses Lächeln, das – man konnte es leider nicht anders sagen – am ehesten in eine Geisterbahn gepasst hätte.

In Anitas Kopf kämpfte derweil die flüsternde Vernunft gegen den unverändert brüllenden Fluchtreflex. Nach Hause, zur Villa ihrer Eltern, waren es noch mindestens fünf Minuten, selbst bei vollem Tempo. Hier jedoch, nur ein paar Schritte entfernt, stand eine Tür offen, die – erst mal verschlossen – einiges an Sicherheit verhieß.

Wider Erwarten gewann tatsächlich die Vernunft. Also stürmte Anita durch die offene Tür und schob Opa Brodersens dabei sogar ein Stück zurück in seinen Flur. Erneut wirbelte sie herum und schlug sofort die Tür zu. Einen Atemzug später drehte sie den Schlüssel und atmete zum ersten Mal seit langer Zeit erleichtert aus.

»Hest wat unfreten, mien Deern?« Der Bauer präsentierte schon wieder ein zahnloses Lachen. Vermutlich setzte ihm die Schwester vom Pflegedienst erst vor dem Frühstück das Gebiss rein. »Du süchst jo ut, as weuer de Leibhaftige achter di her.«

»Gehen Sie von der Tür weg, Herr Brodersen!«, brüllte Anita völlig hysterisch. Sie packte den Bauern an den Schultern. »Wo ist Ihr Telefon? Ich brauche ein Telefon, Herr Brodersen!«

Erneut öffneten sich die spröden Lippen des alten Mannes. Bevor etwas herauskommen konnte, krachte es zum ersten Mal mit voller Wucht von außen gegen die Tür. Kurz darauf gleich ein zweites Mal. Anitas Augen flogen durch den schmalen dunklen Flur. Mittlerweile nicht mehr auf der Suche nach einem Telefon, sondern nach einer geeigneten Waffe.

Für Hilfe von außen war es doch ohnehin längst zu spät!

Sie fand neben sich die Garderobe. Daran hingen viel zu viele Jacken und Mäntel, aber auch ein Regenschirm, der – zumindest auf den ersten Blick – recht stabil wirkte. Ob der sich allerdings als Mittel der Wahl für eine ernsthafte Gegenwehr eignete, war fraglich. Anita hatte den Schirm gerade am Griff gepackt, da krachte etwas zum dritten Mal gegen die Tür.

 

***

 

»Katja Lenz, Franziska Sommer und jetzt Carola Herbst ... hier bei uns.« Wegners Stimme klang mechanisch, während er die Namen ein weiteres Mal wiederholte. »Du willst mich verarschen, richtig?« Er deutete auf den Kalender an der Wand, von dem Hauser an diesem Morgen – als feierliche erste Tat des Monats – das letzte März-Blatt heruntergerissen hatte. »Sag mir, dass das ein Aprilscherz ist. Na, los!«

»Ist es nicht – leider.«

»Verdammte Scheiße!«

»Was die anderen Fälle betrifft, stimmen die wesentlichen Fakten mit unserem anscheinend überein«, sagte Hauser, während seine Augen einen weiteren Bericht aus Niedersachsen überflogen. »Die Kollegen aus Hannover sprechen hier von einem …«

»Warum rufen uns die Idioten eigentlich nicht an …«, polterte Wegner wütend dazwischen. »… anstatt uns den ganzen Kram über die Poststelle zu schicken? Da können wir ja noch froh sein, dass sie es nicht mit Rauchzeichen probiert haben.«

»Das hilft uns jetzt auch nicht«, gab Hauser schulterzuckend zurück. »Aber auf jeden Fall sprechen die Kollegen dort von einem Serientäter. Die jungen Frauen wurden entführt, monatelang gefoltert und sind am Ende einfach gestorben.«

»Woran?« Wegner schnaubte noch immer vor Wut.

»Ich kenne zwar die Gutachten nicht, aber wette darauf, dass sie auch verhungert sind.«

»Dann will der Kerl sein Werk also hier bei uns nur vollenden.«

»Wie meinst du das ... vollenden?«

Wegner atmete schwer, bevor er zu einer Antwort ausholte: »Lenz, Sommer, Herbst ... klingelt da irgendwas bei dir?«

»Natürlich klingelt es – da fehlt nur noch der Winter.«

»Die Winter! Ich gehe davon aus, dass sich das Schwein wieder eine junge Frau schnappen wird.«

 

»Hast du eine Idee, wo oder wie wir ansetzen können.« Hauser hatte die Becher erneut mit Kaffee gefüllt und stand vor Wegners Schreibtisch. »Wenn der Kerl tatsächlich chronologisch vorgeht, also nach Jahreszeiten ...«

»Was dann?«

»Vielleicht wäre es besser, wenn wir die Presse informieren.«

»Und was wollen wir den Schmierfinken erzählen? Dass jede junge Frau, die Winter mit Nachnamen heißt, ab jetzt lieber zu Hause bleiben sollte?«

Hausers Stirn lag in Falten. Er schaute zu seinem Chef hinunter und verzog das Gesicht noch weiter. »Vorerst nicht ganz so extrem – aber in die Richtung müsste es irgendwie schon gehen.«

Wegner erhob sich, für seine Verhältnisse ungewohnt flink.

»Was hast du vor?«, wollte Hauser wissen.

»Ich brauch was zum Frühstück ... mit leerem Magen kann ich nicht denken.«

»Gestern meintest du noch, dass du mit vollem Bauch keinen klaren Gedanken fassen kannst.«

»Schnauze! Willst du Mett, Ei oder Käse?«

Hauser überlegte kurz. »Nehm ich alles, danke!«

4


Schon mit diesem dritten Krachen hatte sich die obere Hälfte der Tür ein großes Stück nach innen verbogen. Der Rest wurde nur noch von einem verzweifelten Schließblech festgehalten, das wohl jede Sekunde seinen Widerstand vollständig aufgeben würde.

Aber noch eine weitere Sache hatte sich verändert. Anita wusste mittlerweile, woher sie den Mann vor der Tür kannte. Warum auch immer – ausgerechnet in diesem Moment hatte ihr Unterbewusstsein die richtigen Schalter gefunden und ihr ein vorläufiges Ergebnis präsentiert.

Sie kannte ihn aus dem Stall. Der Mann hatte Sabine, der Inhaberin, vor ein paar Monaten doch ...

»Wat is denn do los?«, schimpfte der Bauer und unterbrach Anitas Gedanken. Er hatte seinen Gehwagen ein Stück beiseitegeschoben und fuchtelte mit seinem Stock herum, den er vorher aus einer Halterung daran befreit hatte.

Als mit dem nächsten Krachen die komplette Tür nach innen aufflog, musste Anita gleich eine weitere ganz neue Erfahrung in ihrem Leben machen. Zuerst war es nur ein warmes Gefühl, das sich vorne an ihrer Reithose ausbreitete. Als sie kurz nach unten schaute, fand sie dort einen Fleck, der zunehmend größer wurde. Solche Angst hatte sie nie zuvor in ihrem Leben gehabt.


***


»Die Meldung ist an alle Reviere raus.« Hauser war gerade erst ins Büro der Mordkommission zurückgekehrt. Seine beiden Kolleginnen aus der Fernmelde-Abteilung würden so schnell wie möglich dafür sorgen, dass die Warnung vor einem Serienmörder alle zuständigen Stellen erreichte. Und auch die Pressemitteilung dürfte schon in den nächsten Minuten zum ersten Mal über den Äther gehen. Die war noch relativ vorsichtig gehalten, denn es machte wenig Sinn, die Bevölkerung in Panik zu versetzen. Bisher handelte es sich schließlich nur um eine Vermutung.

Wegner hatte sich mit seltsamer Miene direkt neben Hausers Schreibtisch aufgebaut. Er sah aus, als hätte er seinen Kollegen am liebsten gevierteilt. Dazu wedelte er mit einem Schriftstück in der Luft herum. »Wann wolltest du mir das hier eigentlich erzählen?«

Hauser zog die Brauen hoch und war bemüht, einen Blick auf das Blatt zu erhaschen. »Was ist das denn ... zeig her!« Er versuchte, nach dem Papier zu greifen. Aber sein Chef war ein Stück größer als er und degradierte seine Versuche zu lächerlichem Gehabe. »Rede schon! Was ist das?«

Wegner machte einen Schritt zurück und streckte seine freie Hand aus, um Hauser auf Abstand zu halten. »Die Personalabteilung hat eine weitere Dienstaufsichtsbeschwerde gegen mich eingereicht.«

»Warum?«

»Angeblich habe ich den Mitarbeiter einer Lebensversicherung – diesen Spielmann, du erinnerst dich hoffentlich – erpresst und ihn genötigt, eine Auszahlung vorzunehmen.« Wegners Stimme klang wie die eines Cowboys aus einem Italowestern. »Kannst du mir mal erklären, was das zu bedeuten hat?«

Jetzt gelang es Hauser endlich, das Blatt an sich zu reißen. Er überflog es kurz und schaute seinen Chef danach durchdringend an. »Wenn ich mich richtig erinnere, ist das in etwa die Wahrheit«, sagte er und zog vorsichtshalber den Kopf ein. »Aber du hast mir gar nicht erzählt, dass du dort auch behauptet hast, der Personalchef sei dein bester Freund und du könntest dafür sorgen, dass ... ich meine, falls die Versicherung sich weigert ...«

»Hab ich auch nicht!«, fuhr Wegner energisch dazwischen. »Zumindest nicht wortwörtlich«, schob er zähneknirschend hinterher.

»Kannst du dich wenigstens daran erinnern, dass ich dich seinerzeit gewarnt habe?«

»Solche Texte kenn ich noch von meinem Vater, der war auch so ein Klugscheißer.« Wegner fiel kopfschüttelnd in seinen Stuhl. »Außerdem wird doch nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird.«

»Trotzdem! Was deine Beförderung angeht, dürfte das nicht unbedingt ...«

Wegner war es gelungen, seinen Kollegen allein mit Blicken auszubremsen. »Bist du heute zum Blutspenden hergekommen?«, fragte er und grinste dazu.

Hauser ließ die Schultern sinken und war bereits dabei, sich hinter seinen Schreibtisch zu verziehen. »Du meinst, durch die Nase?«

»Na, wie denn sonst?«


Nach ein paar wortlosen Minuten hatte Hauser offenbar neuen Mut getankt. Er hielt die Dienstaufsichtsbeschwerde erneut empor und schickte einen giftigen Blick über die Schreibtische. »Da steht übrigens dein Name drauf! Ich frage mich, warum das Ding dann in meinem Posteingang liegt. Das gilt seit einigen Tagen fast für deinen kompletten Krempel.«

Wegner kaute noch immer auf den drohenden Konsequenzen herum und verzichtete deshalb auf jedwede Verteidigung oder gar einen Gegenangriff. Als Hauser gerade nachlegen wollte, klingelte das Telefon. Und weil sein Chef keinerlei Anstalten machte, langte er selbst zum Hörer.

»Mordkommission, Hauser!«

»Polizeihauptmeister Schmidt aus dem Revier in Volksdorf, Moin. Hab gehört, ihr sucht ein junges Ding, das Winter mit Nachnamen heißt ...«

»Wir suchen keine junge Frau mit dem Namen, sondern wollten vorsorglich eine Warnung herausgeben. Könnte sein, dass ...« Hauser hielt inne. Wie sollte man diesen Wahnsinn auch erklären?

»Ihr wart wohl zu spät dran. Sieht so aus, als hätte es die Kleine schon erwischt.«

»Was meinen Sie?« Hausers Gesicht leuchtete bereits rot. »Reden Sie Klartext, Kollege ... ansonsten unterhalte ich mich am Montag mal mit Ihrem Chef, damit der Ihnen bei Gelegenheit erklärt, wie ein vernünftiger Statusbericht aussieht.«

»Wir haben hier eine Vermisstenanzeige, die ’ne knappe Stunde nach eurer Meldung aufgegeben wurde.« Der Ton des Beamten klang mittlerweile sachlich, aber auch deutlich reservierter. »Es geht um eine gewisse Anita Winter ... die Eltern waren hier bei uns auf der Wache und sind fast Amok gelaufen.«

»Wie alt?«

»Siebzehn ... bald achtzehn.«

»Geben Sie mir die Adresse ... bitte.« Auch Hauser hatte sich ein Stück weit heruntergefahren. Schließlich ging es hier nicht um persönliche Animositäten, sondern – das stand von nun an definitiv zu befürchten – um eine junge Frau, deren Leben in akuter Gefahr war. Er hatte kaum aufgelegt, da folgte von gegenüber auch schon die unausweichliche Frage.

»Hat sich der Kerl ein neues Mädchen geschnappt?« Wegners Züge wirkten wie versteinert. »Waren wir mit unserer Meldung zu spät dran, oder was?«

»Sieht so aus«, sagte Hauser leise und presste sämtliche Luft auf einmal aus seinen Lungen.

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Melanie Schubert
Images: Evil man gesturing silence, quiet isolated on black background © rangizzz fotolia.com Skyline: Hamburg Skyline © aldorado fotolia.com
Editing/Proofreading: Michael Lohmann
Publication Date: 01-30-2017
ISBN: 978-3-7396-9627-0

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