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Titel

Die Hoffnung stirbt nie

 

 

Recht und Impressum

 

Diese biografische Zeitgeschichte widme ich  meiner Schwester Erika Willms.

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Verlage, Herausgeber und Autoren unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

April 2020

 

 

 

Impressum:

 

2020 Deutsche Erstausgabe

Texte: Irma Frieda Selma Torres

Covergestaltung: Wine van Velzen

Herausgeber: Michael Schönberg

Alle Rechte beim Autor

Die Hoffnung stirbt nie

Die Hoffnung stirbt nie

 

An einem schönen Frühlingstag im Mai erblickte ich in einem evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf das Licht der Welt. Es war das Jahr 1938, kein Jahr, um sich auf die Zukunft zu freuen, denn irgendwie klangen Kanonenschläge am Horizont, zwar nur mit Worten von einem gewissen Herrn Hitler, denen man jedoch genau zuhören sollte.

Mein Vater Erich, mit Zweitnamen Julius, war staatenlos und hatte sieben Geschwister, die ebenfalls wie er staatenlos waren. So hat meine liebe Mutti Erna, Emilie, geborene Stein, mit dem Ja sagen bei ihrer Hochzeit die deutsche Staatsbürgerschaft verloren und wurde wie mein Vater und dessen Familie staatenlos. Damit sie bei der Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hätten, war eine hohe Gebühr fällig, die meine Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht hatten. Obwohl meine vier Jahre ältere Schwester Erika und ich in Deutschland geboren wurden, waren wir wegen unserer Eltern, die keine Pässe besaßen, ebenfalls staatenlos. Dies bedeutete einen ganz schlechten Start ins Leben.

Meine Eltern waren arm, unser Vater war Schlächter und arbeitete bei seinem Vetter in Vennhausen, der eine Schlächterei hatte. Unsere Eltern, meine Schwester Erika und ich wohnten in einem kleinen Häuschen auf der Vennhauser Allee Nr. 254, das zur Schlächterei gehörte. Nebenan wohnte Frau Flor mit ihrem erwachsenen Sohn, der auch in der Schlächterei arbeitete.

Wir lebten ein bescheidenes Leben. Das verdiente Geld von Papa reichte nur für das Nötigste, dennoch waren wir zufrieden und begnügten uns mit dem, was wir hatten. Unser Papa ging, wie viele Männer in Deutschland es zu dieser Zeit taten, sonntags in sein Stammlokal, um mit Freunden ein Gläschen Bier zu trinken. Die Männer unterhielten sich über die Arbeit, manchmal auch über Politik. Sie kamen pünktlich zum Mittagessen nach Hause, um mit der Familie gemeinsam zu essen. Von den Stammtischgesprächen erfuhr ich von Erika, die aber nicht alles verstand, was die Männer so redeten. Manchmal stritten sie sich und wurden laut, dann musste der Wirt ein Machtwort sprechen, damit wieder Ruhe einkehrte. Papa nahm an diesen Sonntagen immer Erika mit, weil er so stolz auf sie war. Sie konnte mit sechs Jahren schon die Zeitung lesen. Wenn es still im Stammlokal war, rief Papa:

„Erika, lese Papa und seinen Freunden mal was aus der Zeitung vor.“

Mutti war schon seit meiner Geburt krank, es wurde immer schlimmer.

Sie hustete viel und ich glaube, sie hatte auch Schmerzen in der Brust, weil sie oft die Hände auf sie drückte und nach Atem rang.

Eines Tages wurde sie eilig in das Krankenhaus in Gerresheim gebracht. Im Dezember 1941 starb sie an einer Lungenkrankheit. Meine Mutter wurde nur vierunddreißig Jahre alt. Erika sieben und ich drei Jahre, waren nun Halbwaisen. In Hast nähte Tante Frieda, Muttis jüngste Schwester, uns beiden ein dunkles Samtkleid für die Beerdigung. Ich kann mich kaum an den Friedhof und die Beisetzung erinnern, sodass ich darüber nichts schreiben kann.

Nach nur einem halben Jahr nach Muttis Beerdigung heiratete unser Papa eine Frau aus Flensburg. Frau Erna Duus. Wo mein Vater diese Frau kennengelernt hat, weiß ich nicht. Sie war eines Tages einfach da und Papa erklärte Erika und mir, er würde die Frau heiraten und sie sei dann unsere neue Mutter.

Sie war wesentlich jünger als mein Vater. So um die dreißig Jahre alt. Ich weiß von ihr nur, dass sie Erna Duus hieß und uns von Anfang an schlecht behandelt hat.

Sie wurde unsere Stiefmutter. Ob ich mich anfangs gefreut habe, wieder eine Mutter zu haben, weiß ich nicht mehr. Falls doch, wurde Erika und mir schnell klar, dass sie uns nicht leiden konnte und wahrscheinlich auch nicht haben wollte. Das hat sie uns auch spüren lassen, indem sie uns schlug und peinigte. Sie setzte mich in eine Zinkwanne mit kaltem Wasser. Die kam dann auf den Holz- Kohle-Ofen. Sobald das Wasser warm wurde, schrie ich vor Angst. Sie fasste mich an den Haaren, zog mich aus dem Wasser und warf mich auf den Boden. Natürlich weinte ich. Gerade mal drei Jahre jung war ich, als sie das tat. Mein Weinen konnte sie

nicht ertragen und deshalb schlug sie mich, bis ich

keine Luft mehr hatte zum Weinen.

Erika musste mit ihren sieben Jahren das ganze Haus putzen und überall sauber machen. Wenn sie das nicht tat oder die Stiefmutter meinte, es sei nicht ordentlich genug, bekam auch sie Schläge.

Ich lief oft nebenan zu Frau Flor, sie tröstete mich und ich durfte fast alles bei ihr machen. Sie war meine Oma geworden. Bei ihr fand ich immer Trost, doch eines Tages rief meine Stiefmutter vom Hof, ich sollte sofort zu ihr kommen. Vorher hatte ich einen Kamm in mein Haar gesteckt, wollte so gerne aussehen wie meine Schwester. Erika hatte ihre Haare zu einer Tolle hochgesteckt ...

Aus Angst vor der Stiefmutter lief ich sofort zu ihr in den Hof.

Als sie den Kamm in meinem Haar sah, zog sie mich am Arm ins Haus, nahm eine Schere und schnitt die Haare samt Kamm radikal ab. Ich weinte ganz jämmerlich. Mittlerweile war ich vier Jahre und wollte so hübsch aussehen wie meine Schwester. Weil ich weinte, verlor sie wieder die Beherrschung und schlug mich so lange, bis ich aufhörte zu weinen.

 

  

 

Unsere Stiefmutter Erna mit Erika und mir auf der Königsallee in Düsseldorf 1943

 

Unser Papa litt sehr darunter, weil sie uns Kinder misshandelte. Auch wenn er arbeiten war, sah er doch, wie die Stiefmutter mit uns Kinder umging; und sie schlug auch zu, wenn Papa da war. Eines Tages sagte er zu Erika und mir:

„Kinder jetzt geht ihr nach Erkrath und besucht dort Tante Mariechen (Papas Schwester) für ein paar Tage. Sie wird sich freuen, wenn ihr zu ihr kommt.“

Auch wir freuten uns. Denn wir wären weg von der bösen Stiefmutter und sie könnte uns nicht mehr schlagen.

Nach zwei Tagen kamen wir wieder nach Hause. Niemand erschien, um uns zu begrüßen. Also gingen wir alleine hinein. Als wir in die Küche kamen, sahen wir unseren geliebten Papa. Er hatte sich mit seinem Schlips aufgehangen und baumelte von der Decke herunter. Erika schrie ganz laut und schrill, sie konnte nicht aufhören. Ich begann zu weinen und hatte Angst.

„Ruf einen Arzt, Papa ist krank“, heulte ich und schubste Erika an. Die schrie aber weiter.

Unsere Stiefmutter kam aus dem Schlafzimmer und

packte sich das Schlachtermesser. Uns streifte sie nur mit einem kurzen Blick, dann ging sie zu Papa und schnitt den Schlips durch. Der Körper fiel polternd auf den Boden. Erika und ich weinten, es war nichts mehr zu machen. Wir begriffen, unser Papa war tot. Er wurde nur zweiundvierzig Jahre alt.

 

Heute glaube ich, dass er sich aus Gram umgebracht hat. Wissend, dass unsere Stiefmutter uns so schlecht behandelte. Wahrscheinlich war er zu schwach, um auf den Tisch zu hauen. Er konnte das alles nicht mehr ertragen.

Wir Mädchen trugen wieder die Samtkleider vom Jahr zuvor und gingen zur Beerdigung von unserem geliebten Papa. Er wurde, wie schon unsere Mutter, auf dem Gerresheimer Friedhof beigesetzt. Auf ihrem Grab gab es nur ein schlichtes Holzkreuz.

Zu diesem Zeitpunkt war Erika sieben und ich vier Jahre und wir waren von nun an Vollwaisen.

Nach der Beerdigung wohnten wir weiter mit unserer Stiefmutter zusammen. Sie verlangte von Erika, sie sollte sich um das ganze Haus kümmern. Überall putzen, Staub wischen, Böden schrubben und Ordnung halten. Erika tat, wie ihr befohlen wurde, und arbeitete, bis sie umfiel vor Erschöpfung.

Ich musste mit meiner Stiefmutter mitgehen, wenn sie ausging. Wir liefen von Wirtschaft zu Wirtschaft und sie trank in jeder. Ich war dann auch todmüde, weil wir so lange unterwegs waren. Als wir am Nachmittag nach Hause kamen, war Erika verschwunden. Da wurde die Stiefmutter rasend vor Zorn. Sie schleppte mich mit und wir suchten überall nach meiner Schwester.

Sie fragte bei den Nachbarn, lief mit mir durch das Dorf. Meine Stiefmutter rief immer wieder nach Erika und wurde immer wütender. Zuletzt waren wir auf der Hagenerstrasse, wo Tante Frieda und Oma Stein wohnten.

 

Oma Stein hieß eigentlich Elly und war die Mutter

von meiner leiblichen Mama, doch alle nannten sie

nur Oma Stein. Wir auch.

 

Wir konnten Erika auch bei ihnen nicht finden.

Später erfuhr ich, dass sie doch dort war und sich bei Oma unterm Bett versteckt hatte.

Unsere Stiefmutter war sehr wütend, weil sie so lange nach meiner Schwester suchte und sie nicht gefunden hatte. Als wir endlich nach Hause kamen, war ich so müde, dass ich mich hinlegen und schlafen wollte. Doch dazu kam es nicht. Die Stiefmutter war immer noch wütend und ließ ihren Zorn an mir aus. Sie schlug in der Küche mit aller Kraft auf mich ein und ich schrie vor Schmerzen. Es war ihr egal, wo sie mich traf. Blut lief mir aus der Nase, verschmierte sich in meinem Gesicht und auf mein Kleid und tropfte auf den Boden. Mein linkes Auge schwoll zu und am ganzen Körper bekam ich rote und blaue Flecken, dort, wo sie hingeschlagen hatte. Sie beschimpfte mich wüst dabei und ich weinte und hatte große Angst vor ihr. Als sie endlich aufhörte, mich zu schlagen, und hinausging, stand ich vom Boden auf. Am Spültisch wusch ich mir vorsichtig das Blut aus dem Gesicht, das aus meiner Nase getropft war. Alles tat mir weh und ich weinte leise, damit sie mich nicht hörte. Dann kam sie wieder in die Küche herein und befahl mir, zu ihr zu kommen. Schnell ging ich zu ihr und wischte schnell die Tränen aus meinen Augen, die immer noch herauswollten. Sie hat am Tisch einen Einkaufszettel geschrieben, den sie mir in die Hand drückte. Damit sollte ich zum Konsum laufen. Der Konsum war ungefähr einen Kilometer von unserem Häuschen entfernt.

Meine Stiefmutter packte mich grob am Arm und zog mich nah zu sich heran. Dann sagte sie drohend:

„Wehe dir, wenn du unterwegs oder im Laden weinst oder wenn du mit anderen Leuten sprichst. Wenn ich es erfahre, bekommst noch festere Schläge. Hast du das verstanden?“

Schnell nickte ich. Dann schob sie mich zur Tür raus und knallte sie hinter mir zu. Ich lief weinend zum Konsum. Mit dem Arm wischte ich mir das Gesicht trocken, als ich fast bei ihm angekommen war. Es sollte ja niemand sehen, dass ich geheult habe, denn die Stiefmutter hatte es mir verboten. Ich schniefte die Nase hoch und holte tief Luft. Als ich beim

Konsum ankam, rief jemand: „Irmchen, was machst du denn hier? Komm mal her!“

Ich blieb stehen und blickte mich um. Dann sah ich Papas Bruder, meinen Onkel Herbert. Er war Malermeister und arbeitete an diesem Tag im Konsum. Ich freute mich, ihn zu sehen, und lief schnell zu ihm und er hob

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 04-26-2020
ISBN: 978-3-7487-3819-0

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Dedication:
Dieses Buch widme ich meiner Schwester Erika

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