Cover

Vorwort:

Die hier verwendeten Namen, von Produkten, Personen, Zeichen oder sonstige Daten sind frei erfunden

Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, Firmen, Produkten oder Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt, soweit nichts anderes angegeben ist.

Markenrecht: Alle in diesem Roman verwendeten Markennamen und auch Warenzeichen sind im Eigentum der jeweiligen Inhaber.

 

 

 

1. Kapitel

 

So in Mitte der sechziger Jahre, als es für viele Menschen sehr chic galt, alte schwarz-weiß Fernsehgeräte gegen die neuen Farbgeräte auszutauschen. Ebenso angestrebt wurde, als Österreicher den Urlaub nicht nur im Inland verbringen zu müssen. Sondern viel eher mit dem Chrom glänzenden, weißwandbereiften Statussymbol nach Bella Italia auf den wohlverdienten Urlaub zu fahren.

 

Es auch als besonders chic galt in einem tollen Bauspareigenheim, mit schönem, großem gepflegten Garten sein Leben zu genießen. Für die Jugend es als, sehr, sehr chic galt, ganz hautenge ausgewaschene kneifende Jeans zu tragen. Nach den schwungvollen Klängen von Peter Kraus, den Beatles, auch von Elvis, Pat Boone oder Cliff Richards, die ja fast überall aus den 'Wurlitzer-Musikboxen' erklangen, flott das Tanzbein zu schwingen. Dabei die Fischerhosen und Pferdeschwanz tragenden Begleiterinnen schwungvoll über die Schulter zu werfen, dazu auch noch einen flotten Mini zu fahren.

 

Diese Zeit gab auch noch Zeugnis von epochalen Ereignissen. Schließlich gab es ja schon längere Zeit den Kalten Krieg, manifestiert durch den Eisernen Vorhang, auch der berühmten berüchtigten Berliner Mauer. Dazu den fürchterlichen Vietnamkrieg, auch die neue Flowerpower Bewegung. Ebenso eine sexuelle Befreiung durch die 'Pille', dazu die, immer rascher fortschreitenden technischen Entwicklungen der Industrie. Kenntlich gemacht durch die erste Mondlandung, die dann Millionen Menschen rund um den Globus, in schwarz-weiß am Bildschirm verfolgen konnten.

 

Dies alles wusste Alexander Rathey und er hatte mit seinen zwanzig Lenzen damit schon so einige Probleme. Nicht dass er alles Positive verabscheute oder nicht wollte, im Gegenteil. Er würde da ja auch sehr gerne mitziehen, nur fehlten ihm, wie er ja auch wusste, einige wichtige Voraussetzungen. So besaß er keinen Schwarz-Weiß-Fernseher, geschweige denn einen in Farbe, für den man fast ein ganzes Monatsgehalt hinblättern musste. Wollte er Fernsehen, musste er sich ins nächste Gasthaus begeben.

 

Urlaub war für ihn ohnehin ein Fremdwort. Einen Bausparvertrag besaß er auch nicht, dadurch natürlich auch kein Eigenheim mit Garten. Ja nicht einmal eine eigene Wohnung, denn er hauste in einer kleinen Dachkammer in Untermiete. Möbel nannte er auch nicht sein eigen, moderne Möbel hätte er schon sehr gerne gehabt, konnte sich aber gar keine leisten, denn er war schon seit einigen Monaten arbeitslos. Seine Jeans, waren zwar sauber, aber schon etwas ausgefranst und abgetragen.

 

Elvis, Pat Boone, auch Cliff Richards hörte er gerne, sogar verdammt gerne, aber nur aus einem lädierten krächzenden Kofferradio. Tanzveranstaltungen besuchte er selten und statt einem flotten Mini, pilotierte er ein altes klappriges Fahrrad, dessen Reifen ständig die Luft entwich. Nicht nur diesen, ihm selbst ging ja ebenfalls langsam aber sicher die Luft aus.

 

In seiner Heimat, einer Kleinstadt in Oberösterreich, suchte er schon seit geraumer Zeit verzweifelt Arbeit, er wollte ja arbeiten, musste arbeiten, sollte er demnächst nicht zum Sozialfall mutieren.

Am Nachmittag eines trüben, tristen Februar Tages, an dem nur Grautöne herrschten, die Luft vor Kälte klirrte und nach Schnee roch.

 

»Wir sind uns also jetzt einig«, sprach der etwas dickliche ältere Mann, »Herr Rathey, sie können Morgen bei uns anfangen. Wir beginnen hier immer um 6.00 Uhr, sehen sie bitte zu pünktlich hier zu sein.«

Alexander Rathey war froh, ja sogar sehr froh, diese Worte zu hören, denn er brauchte den Job ja ganz dringend, »Sie können sich auf mich verlassen! Ich werde pünktlich zur Stelle sein, Herr Baumann!«

 

»Gut, also bis morgen!«, der Alte reichte ihm die Hand, mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete sich Alex und machte sich auf die Firma zu verlassen, wo er sich ja gerade mit viel innerer Anspannung und Nervosität beworben hatte. Angespannt deswegen, weil er mit seinen letzten 300 Schilling Barvermögen in der Tasche, die bis Monatsende reichen sollten, hinging und wusste, dass die letzten vier Monatsmieten noch offen waren.

 

Seine Zimmervermieterin drohte ja schon öfters ihn bald auf die Straße zu setzen. Reichlich nervös war er, da er schon gar nicht mehr daran glaubte mit einer Bewerbung überhaupt einmal erfolgreich sein zu können.

Beim Hinausgehen lächelte er, denn die unguten Gefühle der Unsicherheit und Nervosität wichen von ihm. Innerlich frohlockte er – Gott sei Dank! – jetzt hat es doch endlich einmal geklappt. Gleichzeitig fielen ihm die vergangenen zahlreichen Fehlversuche ein, einen Job zu finden.

 

Bisher war er ja überall, zwar relativ freundlich, aber immer bestimmt hinaus komplementiert worden, als er immer zugeben musste, keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen zu können. Seit dem abrüsten beim Militär, vor gut einem halben Jahr, konnte er, so sehr er sich auch bemühte keine passende Stelle finden. Zum Glück ist das jetzt Vergangenheit, dachte er sich. Noch ganz in Gedanken versunken, ging er festen Schrittes auf einen Volkswagen Käfer älteren Baujahres zu, der wohl auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatte.

Im Wagen wartete ein junges Mädchen. Als er am Wagen ankam drückte sie die Beifahrertür von innen auf. Er stieg mit ernster Miene ein. Sie fragte, »Alex, na wie war's?, hast du den Job?«

 

Er war sich momentan noch nicht sicher, ob er sie noch im unklaren lassen sollte. Schließlich wäre es ja auch möglich, den Posten kurzfristig wieder zu verlieren, er blickte gedankenvoll in ihre großen schwarzen Augen, die ihn sehr fragend anblickten. Sie fragte jetzt irgendwie resignierend noch einmal, »Wieder nichts, oder?«

 

Plötzlich schämte er sich, sie auf die Folter zu spannen. Er lächelte, nahm ihren schmalen Kopf in beide Hände, zog sie zärtlich an sich, drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, dann platzte es freudig aus ihm heraus,

»Es hat endlich geklappt! Ich habe den Job! Stell dir vor! Morgen kann ich schon anfangen!«

 

Das Mädchen trommelte mit den Fäusten auf seine Brust, sie rief lachend, dennoch etwas empört, »Du Schuft! Mich einfach so im Unklaren zu lassen!«

Er ließ es aber zärtlich lächelnd über sich ergehen.

Freudentränen standen ihr in den Augen, kullerten über ihre Wangen, sie küsste ihn leidenschaftlich und sagte dann, »Ich habe ja so gehofft, dass es diesmal für dich gut ausgeht und du hast es geschafft, gratuliere! Ich freue mich ja so für dich.«

 

Alex wurde wieder todernst, als er antwortete,

»Ich bin auch froh für uns beide, das kannst du mir wirklich glauben. Anfangs sah es ja gar nicht so rosig aus. Aber irgendwie habe ich den alten Knaben, dann doch noch herumgekriegt. Na einerlei, komm, wir begießen jetzt das Ereignis mit einer Flasche Wein, Ja?«

»Ja, gute Idee, so ein Erfolg muss ja begossen werden«, antwortete sie und fügte hinzu, »ziemlich kalt ist mir bei der Warterei im Auto auch geworden.«

 

Nach drei vergeblichen Startversuchen sprang der Motor dann doch endlich widerwillig an. Der Wagen setzte sich ruckelnd in Bewegung. Sie kamen in ein Lokal, es gehörte einem Italiener und wurde überwiegend von jungen Leuten frequentiert, ihr Stammplatz befand sich in einer ruhigen Ecke. Wo sie ja früher schon so oft gemeinsame euphorische Zukunftspläne schmiedeten. Sich irgendwelchen Träumereien eines gemeinsamen Lebensweges hingegeben hatten.

 

Der Kellner kam und entzündete die Kerze am Tisch, servierte die bestellte Flasche Rotwein. Alex saß entspannt, zurückgelehnt, er bewunderte Claudia im warmen Kerzenlicht. Ihre schwarzen ausdrucksvollen Augen, glänzten im Schimmer der Kerze. Ihr Teint war makellos, die langen brünetten Haare fielen sehr weich. Sie war hübsch anzusehen, ja sogar sehr hübsch, wie er fand. Eigentlich sah sie für ihre achtzehn Lenze wesentlich reifer aus, doch das störte ihn in keiner Weise, im Gegenteil. Er fühlte sich ohnehin eher zu reifen Frauen hingezogen.

 

Das Lokal war zu der Zeit nur mäßig besucht, aus der Musikbox erklang dezent ein italienischer Schlager. Durstig hatten Sie schon fast die ganze Flasche Wein geleert. Er spürte wie der Alkohol, langsam aber sicher eine enthemmende Wirkung bei ihm entfaltete. Bei ihr schien es ihm auch so, denn ihre Wangen waren schon sehr gerötet. Plötzlich sprach sie das Thema an, dass sie zwar schon öfters angerissen, aber gemeinsam noch nie ausdiskutiert, hatten.

 

Er vermutete, dass sie gerade diesen Augenblick für günstig hielt, jetzt wo er guter Stimmung war. Auch einen Erfolg durch die Anstellung bei Baumann errungen hatte. Er jedoch war keineswegs darauf erpicht dieses Thema hier und gerade jetzt zu bereden. So nahm er schnell ihre Hände und begann ihr Komplimente zu machen. Über ihre aufregende Figur, wo auch alles nach seinem Empfinden am richtigen Platz, ja besonders wohl gerundet sei, die seinen Blutdruck in die Höhe treibt und nicht ausschließlich den. Er begeisterte sich über den Ausdruck ihrer, für ihn, unergründlichen Augen. Der ihn manchmal irgendwie unsicher werden ließ, besonders dann, wenn er ihre Gedanken nicht herauslesen konnte. Diese Empfindung, verschwieg er zwar im Moment, denn er befürchtete und ahnte irgendwie schon, dass sein nunmehr angebahntes Ablenkungsmanöver, die Konfrontation eher nicht verhindern würde.

 

Trotzdem versuchte er es weiter. Er lobte jetzt ihren schön geschwungenen Mund, so rot wie reife Kirschen und er verzehre sich ja nach Kirschen. Claudia schien zwar irgendwie schon geschmeichelt, dennoch ließ sie es aber nicht dabei bewenden. Alex merkte, wie sie ihren Vorstoß konsequent immer wieder ansetzen wollte. Er wusste ja, wie hartnäckig sie sein konnte, denn mit Unbeirrbarkeit hatte sie immer schon viel bei ihm erreicht. Er rief schnell den Kellner und bestellte rasch noch eine weitere Flasche Rotwein, in der Hoffnung damit einen Verbündeten zu bekommen. Er wusste ja auch, dass sie nach fünf bis sechs Glas Wein meistens leicht beschwipst und dann oft unheimlich guter Stimmung war.

 

Genau das war es, was er im Moment wollte, sicher keine langatmigen Diskussionen über Gott und die Welt. Danach stand ihm eigentlich nicht der Sinn an diesem Abend. Er vermutete, sie musste sich wohl während der Wartezeit in der alten Klapperkiste, so einiges überlegt, sich dabei fest vorgenommen haben, endlich die Sache mit ihm endgültig abzuhandeln und nun auch abzuschließen. Typisch für sie, wie er sich dachte. Er sah nun, wie sie nur mehr vorsichtig an ihrem Glas nippte, obwohl er immer wieder versuchte mit den verschiedensten Trinksprüchen ihren Weinkonsum zu erhöhen und zu beschleunigen.

 

»Auf uns! Auf den neuen Job! Auf ...«

»Alex, bitte trink nicht soviel, ich bitte dich, wirklich!«, ihr Tonfall war auf einmal sehr bestimmt und etwas scharf.

»Okay, du hast ja ganz recht, ich muss Morgen bei Baumann antreten, da macht es sich ja bestimmt nicht gut, wenn ich dort verkatert und mit einer Fahne auftauche.«

Er ärgerte sich zwar innerlich über seine Reaktion, lächelte sie aber trotzdem an und fragte, »Hast du Hunger? Wir sollten vielleicht zum Wein doch etwas essen!«

»Gute Idee, Spaghetti würde ich schon gerne nehmen.«

 

So bestellte er gleich zweimal Spaghetti Bolognese, die binnen kurzer Zeit serviert wurden. Dabei hantierte er dann so ungeschickt mit der Gabel herum und erzeugte dabei große Nudelballen. Claudia sah ihm dabei etwas belustigt zu, es schien sie zu amüsieren. Er kämpfte mit den Nudeln und schob sich dann einen großen Ballen in den Mund. Plötzlich ergriff sie, die einmalige Gelegenheit das Gespräch wieder auf den Punkt zu bringen. Denn mit vollem Mund musste er, ihr ja auf jeden Fall zuhören, wie er sich so dachte, während er kaute.

 

»Du, ich habe mir da etwas überlegt«, begann sie mit einem Lächeln, wobei sie dann gleich weitersprach, »jetzt, wo du den Militärdienst beendet und den neuen Job bekommen hast. Wäre es doch an der Zeit, sich damit nicht zufriedenzugeben und weiter an der Zukunft zu arbeiten.«

»Was meinst du denn damit?«, wollte er jetzt Nudel-kauend wissen.

 

»Ich meine, der Job bei Baumann ist zwar an und für sich ein Erfolg, im Moment. Aber auf längere Sicht wird er dir dann sicher nicht mehr genügen!«

»Wieso denn nicht, wie kommst du eigentlich darauf?«

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Autowaschen die Talente abdeckt, die so in dir stecken!«

Er schluckte endlich den letzten Bissen runter und antwortete, »Ich bin doch so happy, dass ich den Job überhaupt bekommen habe, du weißt ja, wie schwer es bisher für mich war.«

 

»Das ist schon richtig, trotzdem …« Alex schnitt ihr abrupt das Wort ab, »mit den miesen Zeugnissen eine vernünftige Arbeit zu bekommen, war ja nicht möglich, wie du ja weißt«, dabei dachte er sich verflixt, wie komme ich jetzt aus der verdammten Nummer wieder raus?

 

»Eben darum, hättest dich halt damals in der Schule viel mehr anstrengen müssen!«, antwortete sie.

»Also, der Vorwurf ist ja ungerecht! Wie du ja auch weißt, bin ich bei Onkel und Tante aufgewachsen. Ich kann ja nichts dafür, dass meine Mutter bei meiner Geburt gestorben ist. Hätten die zwei, dann aus dann lauter Liebe zu mir, die Zügel nicht so schleifen lassen, stünde ich mit meinen Zeugnissen vielleicht heute schon anders da!«, seine Miene verfinsterte sich zusehends, als er weitersprach, »sag mal, müssen wir denn ausgerechnet jetzt und hier darüber diskutieren, wo doch der Abend so gut angefangen hatte?«, er begann sich zu ärgern und dachte sich, verdammt sie wird heute sicher nicht locker lassen.

 

Claudias Gesichtsausdruck wurde auf einmal wieder freundlicher, als sie sagte,

»Schau, ich verstehe ja, dass du damals als Schuljunge nicht daran dachtest, was schlechte Noten für die Zukunft bedeuten. Es sollte ja auch kein direkter Vorwurf sein. Aber es gibt doch Möglichkeiten, verlorenes Terrain wieder zu erobern. Dass, du es schaffen kannst, hast du doch schließlich schon bewiesen.«

»Was meinst du denn damit?«, aha, dachte er sich, jetzt kommt bestimmt, was ihr ja schon so lange am Herzen liegt.

 

»Indem du, doch den Führerschein beim Heer, für PKW und sogar Lastwagen geschafft hast und das sogar mit Auszeichnung!«

»Na ja, das schon«, er lächelte mit einem gewissen inneren Stolz. »Aber, so lass mich doch erst mal den Job bei Baumann so richtig gut machen. Wenn es klappt und warum sollte es denn eigentlich nicht klappen? Dann stehen wir doch schon anders da als heute, wo wir eigentlich nur von deinem Verdienst leben, oder? Du weißt ja, ich kann arbeiten, sogar verdammt hart arbeiten.«

 

»Ja, ja das weiß ich ja, dagegen gibt es ja auch überhaupt keine Einwände«, sie stocherte jetzt etwas lustlos in den Resten ihrer Spaghetti herum.

»Hör mal Claudia, bei dem Job steckt doch was drin. Schmutzige Autos wird es ja immer geben, solange sich die Erde dreht und hoffentlich dreht sie sich noch lange. Sind ja schließlich nicht alle Leute so arm, dass sie ihre Karren selbst pflegen müssen. Ihre Götzen, wenn man die ordentlich in Schuss hält, damit sie so richtig damit angeben können, da springt schon ordentlich etwas für mich raus, das kannst du mir schon glauben.«

 

»Ja das schon, aber ... «, konterte sie.

»Nicht aber! Der Baumann sagte mir, er hätte jede Menge gut betuchter Kunden. Er muss doch glücklich sein, mich zu bekommen. So gepflegte Autos hat’s bei dem ja noch nie gegeben. Wenn ich erst mal so richtig los lege, soviel Wasser hat der gar nicht in seiner Garage, für die vielen Wagen, die da noch kommen werden!« Alex tigerte sich jetzt so richtig rein und bekam einen begeisterten Gesichtsausdruck, er sprach gleich weiter, »und wenn das Geschäft dann erst Mal so richtig läuft, kaufen wir uns endlich einen neuen Wagen. Unsere alte Karre geht mir ohnehin schon gehörig auf die Nerven. Ja, und Urlaub im Ausland ist dann bestimmt auch für uns drin, eine Wohnung und Möbel und, und..., du wirst sehen, es klappt!«

 

Claudia blickte irgendwie gerührt, diese Zuversicht schien ihr zu gefallen.

Sein Mund war ziemlich ausgetrocknet von seiner Rede, er kippte in einem Zug den Rotwein runter und schenkte gleich nach.

Claudia hatte verträumte Augen, als sie sagte, »Wir könnten dann ja auch zusammenziehen. Ich meine so richtig zusammenziehen!«

»Ja klar«, antwortete er fröhlich, »Denn dann brauchen wir uns vor meiner Zimmerwirtin, dem alten Drachen, nicht mehr zu verstecken. Die hatte ja schon immer was, gegen meine – Damenbesuche – mit dir, in ihrer Bude. Ja dafür zu arbeiten lohnt sich wirklich, ganz sicher!«

 

»Trotzdem glaube ich, wie ich schon sagte, dass es erstens längere Zeit dauern wird, bist du das alles mit Autowäsche, Pardon Autopflege, erreichen kannst. Inzwischen hast du bestimmt schon riesige Schwimmhäute zwischen den Fingern. Und dann wird dir dieser Job auch bald zum Hals heraushängen, für kurze Zeit kann ich mir das ja alles gut vorstellen, aber auf Dauer?«, sie lächelte etwas gequält.

»Was meinst du jetzt ganz konkret?«

 

Mit eindringlicher gedämpfter Stimme antwortete sie, »Überlege mal, Alex, wenn du alles durchziehst, wie du das so vor hast, was ich ja auch wirklich gut finde. Dann hättest du doch nebenbei auch die Zeit, an Abendkursen teilzunehmen und die Matura nachzuholen. Bedenke, Baumann sperrt sehr früh auf und schließt so gegen 17.00 Uhr. Die Abendkurse fangen ja erst um 19.00 Uhr an, so für zwei, drei Stunden, das kannst du doch leicht schaffen!«, jetzt bekam Sie einen euphorischen Gesichtsausdruck, »Wenn du dann erst Mal die Matura in der Tasche hast, stehen dir doch alle Wege und Türen offen, einen dauerhaften sicheren und interessanten Job zu bekommen. Eine höhere Beamtenlaufbahn, zum Beispiel. Viele haben das doch schon erfolgreich so gemacht. Du hast den Job bei Baumann und nebenbei baust du dir eben ein zweites Standbein auf!«, sie schien jetzt erleichtert, dass es nun endlich einmal ausgesprochen war und er ohne sie zu unterbrechen zugehört hatte.

 

»Na, ich weiß nicht recht? Du glaubst wirklich, dass ich das schaffe?«, er zog die Stirn kraus. »Du weißt doch auch, dass ich die Schule immer so gehasst habe!«

»Ja das schon, aber das war doch als kleiner Schuljunge, dazu noch einer, der von Onkel und Tante so verhätschelt wurde, besonders von Onkel. Ich weiß ja auch dass du, seit er vor fünf Jahren gestorben ist, sehr darunter leidest. Er fehlt dir wohl sehr!«

 

»Ja, das schon ..., aber ...«, antwortete er und dachte sich, eigentlich hat sie ja recht und wenn du jetzt dauernd widersprichst, sitzen wir noch drei Tage hier.

»Sieh mal, außerdem könntest du mit einem besseren Verdienst auch deiner Tante finanziell unter die Arme greifen. Sie hat es ja als Rentnerin gar nicht so leicht. Wenn wir dann zusammenlegen, ist das doch leicht zu schaffen. Du siehst, es ist wirklich eine gute Sache, auf zwei festen gesunden Beinen in der Welt zu stehen.«

 

Die Argumente mit dem Zusammenziehen und die Hintergründe mit der Tante taten bei ihm schon ihre Wirkung, wehmütig antwortete er,

»Weißt, wie schön es jetzt wäre, wenn wir jetzt gemeinsam in eine, in unsere, gemütliche Wohnung gehen könnten und völlig ungestört das tun würden, worauf wir gerade Lust hätten. Anstatt dass ich wieder in meine dürftige Bude muss, die mir der alte Besen für eine Unsumme vermietet.«

 

»Ja, das wäre schön!«, erwiderte Claudia zärtlich, liebevoll umschlang sie seinen Arm und streichelte ihn zärtlich. »Aber, bekanntlich kommt ja vor dem Vergnügen, erst Arbeit und der Ernst des Lebens, sag, was wirst du nun machen?«

 

»Also gut, Claudia, ich verspreche dir jetzt Hoch und heilig, über alles noch einmal gründlich nachzudenken. Morgen nach Baumann, hole ich dich dann vom Büro ab und sage dir dann endgültig meine Entscheidung, Okay? Aber eines kann ich ja ums verrecken überhaupt nicht leiden, wenn man mir die Pistole so fest auf die Brust drückt!«, na wenigstens kann ich noch eine Nacht darüber schlafen, dachte er sich.

 

Claudia hatte plötzlich rote Wangen, sie glühten förmlich, aber scheinbar nicht nur vom Wein, wie er sich dachte, vermutlich hatte sie die ganze Angelegenheit doch innerlich auch etwas aufgewühlt.

»Versprochen dass ich morgen endlich erfahre, was du machen wirst? Ich will nämlich jetzt mal endgültig wissen, wie ich bei dir dran bin!«

 

»Ja doch! Wenn ich es sage, dann meine ich es auch so. Oder war es schon einmal anders?« Shit, dachte er sich, jetzt ist dieses Treffen aber endgültig hinüber. Der Abend war schon einigermaßen vorgerückt, die zweite Weinflasche noch halb voll, als sie gleich bezahlten und das Lokal verließen.

 

2. Kapitel

 

Am nächsten Tag kurz vor sechs Uhr, in Baumanns Betrieb. Gut ausgeschlafen, herausgeputzt und mit frischem Hemd, war Alex dort erschienen. Er hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und versprühte ausgesprochen gute Laune. Baumann kam ihm mit seinem Hund entgegen, beide hatten lustigerweise ein und denselben Gang, wie er sah, als beide so auf ihn zukamen.

 

»Ah, guten Morgen, Herr Rathey, es freut mich, sie zu sehen. Kommen sie, ich zeige ihnen jetzt alles, so wie wir es gestern besprochen hatten. Anschließend können sie dann mit ihrer Arbeit gleich anfangen.«

 

Baumann führte ihn ohne Hast und Eile durch die Firma und zeigte ihm alle für seine Arbeit wichtigen Dinge. Der ganze Betrieb schien Alex gut in Schuss zu sein. Überall war ordentlich aufgeräumt und soweit er es sehen konnte, machte alles einen erstklassigen Eindruck. Voller Stolz zeigte ihm dann der Alte, jenen Teil des Gebäudes, wo dessen Vater früher einmal die kleine Fahrradwerkstätte betrieb. Die er, als er sie später von ihm, als junger Mechanikermeister übernahm, zur jetzigen Größe ausgebaut hatte.

 

An einem Nebengebäude befand sich ein überdachter Waschplatz, im Nebengebäude selbst war auch noch eine Garage, darin waren zahlreiche Autos abgestellt.

»Herr Rathey, die Garage mit dem Waschplatz ist jetzt ihr Reich! Organisieren sie sich, wie sie es für richtig halten, sie haben hier vollkommen freie Hand. Ganz wichtig ist, dass sie alle Wagen auf Vordermann bringen. In diesem Büchlein stehen alle Termine. Wenn sie etwas brauchen, ich bin im Büro, gleich neben der Werkstätte«, meinte der Alte, verabschiedete sich und ging, wieder im Gleichschritt mit dem Hund aus der Garage.

 

Alex war doch einigermaßen verblüfft, aber auch gleichzeitig Stolz. Baumann gab ihm gleich im ersten Moment freie Hand, das war ihm bisher noch nirgends eingeräumt worden. Der Alte hatte ihm schon bei seiner Bewerbung gesagt, dass er Menschen nicht nach dem beurteilt, was Sie glauben zu sein oder sagen, sondern ausschließlich nach dem, was sie tun.

 

Alex hatte sich umgezogen, Overall mit Gummistiefel, dazu Gummihandschuhe übergestülpt, er fuhr dann einen Mercedes 380 SEL, der ihm gleich gut gefiel, auf den Waschplatz. Den er dann auch gleich mit funkelndem Blick einer Generalreinigung unterzog. Er machte dabei gehörig Tempo, so gegen Mittag waren dann fast zwei Drittel der Wagen sauber, so sauber, als wären Sie alle seine Eigenen.

 

Der Alte kam im Laufe des Vormittags einmal vorbei, wieder im Gleichschritt mit dem Hund, als Alex sie so auf sich zu kommen sah, musste er innerlich lachen. Baumann hielt kurz inne, sah in die Halle, nickte freundlich, blickte seinen Hund an, dabei sagte er zum Hund gewandt, » Tüchtig! Tüchtig!» Dann trollten sich beide wieder.

 

Aus der Werkstätte nebenan ertönte der übliche Lärm, Werkzeuggeklimper, surren der Hebebühnen, ab und zu wurde auch ein Motor getestet. In der Mittagspause blieb Alex in seiner Halle, aß dort sein Pausenbrot, trank eine Flasche Cola, die Sachen hatte er vorsorglich mitgebracht. Nach der Pause legte er wieder so richtig los. Die Welt um ihn versank, er arbeitete unbeirrt und es machte ihm direkt Spaß. Er dachte sich, ist doch hier um vieles besser als beim Heer, wo er, bis vor einigen Wochen noch sein musste. Hier habe ich wenigstens eine Funktion, eine Aufgabe und ich brauche die Zeit nicht mit unnützen Tätigkeiten totzuschlagen. Was ihm schon damals beim Heer gehörig auf die Nerven ging.

 

Bezahlt wird es hier außerdem noch, gemessen an dem was zu tun ist, eigentlich gar nicht einmal so schlecht. Am späten Nachmittag war er dann mit der Arbeit fertig. Fühlte sich aber auch selbst fertig im wahrsten Sinne des Wortes, die Schultern taten ihm Weh. Die Füße brannten und schmerzten von der ungewohnten Anstrengung, dazu noch die feuchten Klamotten. Aber was soll's, sagte er sich, irgendwie war er aber auch Stolz auf die erbrachte Leistung und das war im Moment das Wichtigste für ihn. Er hatte ja seine Aufgabe geschafft und zudem bravourös gemeistert.

 

Als dann Feierabend war, verabschiedete er sich von Baumann, der im Büro an seinem Schreibtisch saß und ihn über den Brillenrand seiner massiven Hornbrille löblich ansah und ihm sagte, »Herr Rathey, sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht. Ich bin sehr zufrieden, aber gehen sie es Morgen etwas langsamer an. Denn, da haben wir nicht so viele Wagen. Nur heute waren es ausnahmsweise mal mehr, weil ja die letzten Tage, niemand mehr gewaschen hatte.« Alex verließ mit Freude über das Lob, Baumanns Büro.

 

Schwang sich rasch auf sein Fahrrad, um in der Stadtmitte Claudia abzuholen, die dort im Rathaus arbeitete. Während er so in die Pedale trat, wurde ihm auf einmal ganz bewusst, dass er ihr gegenüber jetzt endgültig Farbe bekennen musste. Versprochen, war schließlich versprochen, er wusste auch, ja er fühlte instinktiv, dass sie es von seinem Entschluss abhängig machen würde, mit ihm weiterhin zusammen zu bleiben. Aber sicher nur dann, wenn er auch zusagen würde, seine ihrer Meinung nach, erforderliche Fortbildung zu starten.

 

Den Job vor seiner Militärzeit damals als Hilfsarbeiter in einer Fabrikschlosserei, hatte sie ja seinerzeit auch nur widerwillig zur Kenntnis genommen und ihm vorausgesagt, dass er ihm keine Freude bereiten würde. Sie hatte rückblickend sogar hundertprozentig Recht gehabt. Gott sei Dank, kam dann der Einberufungsbefehl noch rechtzeitig. So blieb ihm wenigstens vor ihr, vorausgesagtes Scheitern erspart.

 

Claudia war zwar jung und hübsch, verdammt hübsch, wie er fand. Sie war für ihr Alter manchmal sogar viel zu Ernst und hatte ein ausgeprägtes Realitätsgefühl, was er an ihr aber auch schätzte. Er selbst neigte ja eher zu Träumereien und ertappte sich immer wieder in Gedankengängen, wie: Es wird schon 'irgendwie' gehen, oder das machen wir schon 'irgendwie'. Kaum war so eine Sache mit 'irgendwie' ins Laufen gekommen, gab es auch prompt eine Bauchlandung.

 

Das passierte ihm mit Claudia eigentlich nie, für sie gab es kein 'irgendwie'. Sie gehörte auch nicht zu jenen Mädchen, mit denen man ausschließlich blödeln musste oder konnte. Die sich schon am ersten Abend unter den Rock greifen ließen. Ihre Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, dazu die Angst sie zu verlieren, machten ihm in letzter Zeit zwar oft schwer zu schaffen. Trotzdem wollte und konnte er sich ihrer Anziehungskraft irgendwie einfach nicht entziehen.

.

Claudia kam dann aus dem Büro, sie ging ohne Umschweife auf ihn zu, als er an seinem Fahrrad lehnte und einigermaßen schwitzte. Warum wusste er nicht, normalerweise machte ihm eine so kleine Radtour keinerlei Probleme.

»Hallo, Alex! Nun, wie war es in deinem neuen Job?«, wollte sie gleich wissen und blickte neugierig.

»Also der Baumann ist doch ein feiner Kerl, hätte ich von ihm nicht gedacht«, er erzählte ihr noch einige Details, die er so erlebt hatte. Dann fragte er sie, »Und wie war es bei dir?«

Sie machte einen etwas müden Eindruck, »Nichts weiter Erwähnenswertes, immer dasselbe hier im Amt!«

»Na gut, was machen wir jetzt?«, wollte er neugierig wissen.

»Wir könnten doch hier am Rathausplatz ein wenig bummeln, willst du?«

Er war einverstanden. Sie schlenderten Hand in Hand umher, sahen sich einige Geschäftsauslagen an, setzten sich nach einer Weile auf eine Bank. Ungeachtet der niedrigen Außentemperatur. Claudia blickte ihn dann ziemlich fragend an, sprach aber nichts. Alex merkte, dass er nun mit der Sprache heraus rücken musste. Etwas verlegen räusperte er sich dann,

 

»Claudia, ich will mein Versprechen halten, ich …, kurzum, ich habe mich entschlossen, nun doch die Abendschule zu besuchen. Du hast ja sicher recht, wenn ich Versäumtes jetzt nachhole!«

Claudias Ausdruck erhellte sich, ja sie begann richtig zu strahlen, wie er sah und rückte, näher zu ihm und sagte, »Ich wusste es! Eigentlich nein, ich hoffte es, wirklich ganz stark, dass du vernünftig bist! Und du bist es!«, sie umschlang ihn mit beiden Armen und küsste ihn, ungeachtet der vielen Passanten, mit einer Leidenschaft, ihm blieb fast der Atem weg. Eine ältere Dame, ihren kleinen Hund an der Leine, ging vorbei und sprach kopfschüttelnd ganz empört und laut, diese jungen Leute von heute, haben überhaupt keinen Genierer mehr!

 

Die zwei Verliebten reagierten nicht, kümmerten sich einfach nicht darum. Claudia schien froh und erleichtert über seine Entscheidung, wahrscheinlich, so vermutete er, hatte sie wohl den ganzen Tag darüber gegrübelt, wie sie wohl ausfallen wird.

»Du Alex, was hältst du denn davon wenn ich die Unterlagen und die Anmeldung in der Abendschule für dich besorge, ich kann das ja telefonisch vom Amt aus erledigen. Es geht schnell und macht mir keine Mühe, Okay?«

 

»Du bist wirklich ein Schatz, dann brauche ich mich ja um den verdammten Papierkram nicht kümmern, danke dir!«, er war richtig erleichtert über das Angebot, obwohl ihm die Entscheidung, an und für sich, die Schulbank wieder zu drücken, innerlich doch schon so einiges abverlangt hatte.

 

3. Kapitel

 

Am nächsten Tag, war er wieder überpünktlich am Arbeitsplatz und legte sein Arbeitspensum anhand des Terminbuches fest. Baumann hatte Recht behalten, es waren wirklich weit weniger Wagen auf der Liste. Er konnte also locker etwas nachlassen, worüber er ja überhaupt nicht traurig war, dafür arbeitete er noch genauer und gründlicher.

 

Er merkte, das Tagespensum würde ohne große Hetzerei leicht zu bewerkstelligen sein. Während der Arbeit dachte er dann etwas wehmütig zurück an sein ursprüngliches Berufsziel, gleich nach dem Schulabgang. Er wäre ja so gerne Automechaniker geworden, technische Dinge hatten ihn ja schon immer interessiert, besonders dann, wenn sie sich bewegten und drehten. Doch seine miesen Schulzeugnisse ließen damals den Wunsch platzen, wie Ballons am Kirtag.

 

Lehrlinge würden ja nur mit erstklassigen Zeugnissen gesucht und aufgenommen, hatte man ihm gesagt, überall wo er sich seinerzeit dennoch beworben hatte. Bei allen Bewerbungen war er ohne die geringste Chance, abgelehnt worden. Deswegen musste er sich damals auch nur mit dem Hilfsarbeiter Posten bei der Baufirma zufriedengeben. Das kostete ihn einen großen Teil seines Selbstvertrauens.

 

Aber nach der Schule wollte er ja seiner Tante nicht mehr länger auf der Tasche liegen und schnell sein eigenes Geld verdienen.

Jetzt nach der Durststrecke durch das Militär und dem neuen Job, wie er sich dachte, wird Gott sei Dank endlich alles anders. Er fühlte sich nun wieder voller Energie, Zuversicht und Tatendrang. Hatte sich neue Ziele gesteckt, die er nun auch unbedingt auch erreichen wollte.

 

Während einer kurzen Arbeitspause begann er sich für die gegenüber liegende Werkstatt zu interessieren. Da Baumann es anscheinend nicht der Mühe Wert fand, ihn dort vorzustellen, beschloss er, es einfach selbst zu tun. Er betrat die Werkstatt, zu seinem Erstaunen sah er, wie nur auf zwei Arbeitsplätzen gearbeitet wurde. Obwohl, es ja mehrere Arbeitsbühnen gab. An einem Platz arbeitete ein Autospengler, der sich gerade damit abmühte von einem Unfallwagen, verbeulte Blechteile abzumontieren. Auf dem anderen Platz, war gerade ein Mechaniker dabei einen Motor in einen Wagen einzubauen.

 

Alex begrüßte die beiden, stellte sich ganz brav und höflich vor,

»Alexander Rathey, ich bin der Neue von der Pflegestation!«

Der Spengler klopfte ihm lachend auf die Schulter,

»Servus Alex, ich bin Egon, ha ha! Pflegestation ist wirklich gut! Ha... ha... !«

Der Mechaniker lachte ebenfalls, wischte sich die öligen Hände ab,

»Ich bin der Paul, von der Motorenabteilung! Ha...! Ha ... !«

 

Verwundert über das Verhalten der beiden, wollte er gleich wissen,

»Was bitte, habe ich denn so Komisches an mir?«

Egon grinste noch immer übers ganze Gesicht und sagte,

»Wir haben von Baumann schon erfahren, dass du da und für die Garage zuständig bist, ist ja auch alles Okay, aber ich glaube du kennst dich hier noch nicht so richtig aus.«

»Ich bin ja auch erst seit vorgestern hier!«, erwiderte er jetzt leicht erbost.

Paul meinte nun mit ernster Miene,

»Komm Junge, nimm's bitte nicht so krumm, aber wir mussten schon lachen, Pflegestation klang eigentlich so lustig, irgendwie so nach Altersheim oder so. Wenn du willst, komm Mittag mal in den Gefolgschaftsraum, wir erzählen dir dann einiges über den Betrieb hier, einverstanden?«

 

»Ist gut, ich komme Mittag mal rüber, bis später dann!«

Alex begab sich wieder zu seinem Waschplatz, leicht gesäuert, weil er den Eindruck hatte, die beiden nahmen ihn nicht für ganz voll. Dieses Problem hatte er in der Vergangenheit schon öfters gehabt, da er trotz seiner fast zwanzig Lenze, doch wesentlich jünger aussah. Mit einer Größe von 1.74, flößte er auch gerade keinem großen Respekt ein, außerdem war er sehr schlank, konnte daher auch nicht mit Gewicht punkten. Mittlerweile hatte er sich aber an diese Tatsachen gewöhnt und versuchte nun alleine durch sein Auftreten entgegenzuwirken.

 

Er polierte noch drei Wagen auf, sah dann auf die Uhr, mittlerweile war Mittagspause geworden, nahm dann sein Pausenbrot und machte sich auf, den Gefolgschaftsraum aufzusuchen. Das allerdings mit dem festen Vorsatz, sich nicht alles gefallen zu lassen. Er betrat den Gefolgschaftsraum, ein appetitlicher Duft von Gulasch drang ihm in die Nase. Für ein gutes Gulasch wäre ich immer zu haben, dachte er sich, gleichzeitig zogen die Kessel von seiner Tante deren Weltklassengulasch an seinem geistigen Auge vorbei.

 

»Mahlzeit, Alex!«, begrüßten ihn beide, die standen an einem Gasherd und Egon rührte in einem großen Topf, von dort wehte ja der appetitanregende Duft her.

»Mahlzeit, die Herren!«, erwiderte Alex. Egon rührte noch kräftig im Topf, als er sagte, »Nimm doch Platz, willst du auch etwas Gulasch? Es ist ja genug für alle da!«

»Ja gerne, wenn es keine Umstände macht«, antwortete er etwas erstaunt über diese unerwartete freundliche Geste, mit der er ja jetzt überhaupt nicht rechnete.

 

Paul brachte fürsorglich Teller und Besteck, gekonnt, deckte er auf, stellte noch einen Korb mit frischen appetitlich duftenden Bäckersemmeln dazu. Egon kam mit dem Gulaschtopf und teilte gerechte Portionen aus. Alex stellte nach den ersten Bissen schnell fest, dass nur wenig Unterschied zu Tantes Gulasch bestand, er langte daher kräftig zu.

 

»Schmeckt wirklich außerordentlich gut!«, meinte er zustimmend. Egon gab ihm, mit seinen von der Blecharbeit geschundenen Händen noch einen ordentlichen Schöpfer voll auf den Teller,

»Hast wohl schon länger nicht mehr ordentlich gegessen?«, meinte er dabei im väterlichen Tonfall.

»Doch schon, aber wie das eben bei Junggesellen so ist«, antwortete er, zwischen zwei Bissen.

»Iss nur ordentlich, du bist ja noch im Wachstum, außerdem ist deine Arbeit ja auch sehr anstrengend.«

 

Egon nahm sich das irgendwie heraus, da er ja bestimmt schon ausgewachsen war, mit seinen geschätzten über fünfzig Jahren, dachte sich Alex. Er war vom Typ her mit seinem Onkel vergleichbar, ein gemütlicher runder besonnener Mensch, der Fürsorglichkeit und Ruhe ausstrahlte. Alex fand ihn, schon beim ersten Zusammentreffen sympathisch.

 

Er bemerkte auch, dass Paul der Mechaniker, sehr hektisch aß, so hektisch wie er vorher an dem Wagen arbeitete. Er schätzte Paul, so um dreißig herum, für einen sehr lebhaften Typ. Dem scheinbar alles viel zu langsam voranging, jedenfalls benahm er sich so. Egon goss sich sein Bierglas voll, sagte dann unverhofft, »Eigentlich haben wir es hier bei Baumann recht gut erwischt, seit er die Firma, nach dem Tod seines einzigen Sohnes um etliches verkleinert hat. Wir haben jetzt nicht mehr den ungeheuren Leistungsdruck so wie früher, obwohl das Geschäft trotzdem ganz gut läuft.«

 

»Ja, hast vollkommen Recht«, erwiderte Paul, der gerade seine Zähne mit einem Zahnstocher bearbeitete, »erzähle doch dem Alex mal, wie alles hier gekommen ist, damit er auch Bescheid weiß.«

Alex spitzte die Ohren, das Thema begann ihn zu interessieren.

 

Egon füllte sich sein Bierglas nach, nahm einen kräftigen Schluck, »Es ist nämlich so!«, begann er, »Baumann mit seinen fast siebzig Jahren ist allein lebend und enorm Reich, einer der Reichsten hier in der Gegend. Von seinem Vater hatte er den Betrieb übernommen, der war seinerseits Fahrradmechaniker und Landmaschinenhändler. Ein alter Geizkragen, der immer alles Geld in Grund und Boden angelegt hatte. Baumann, der jetzige, machte dann in der Folge den heutigen Betrieb daraus, beschäftigte sich nur mehr mit dem Autohandel. Sein Sohn sollte alles vor genau sieben Jahren übernehmen.

 

Zuvor hatte der alte Baumann noch alles modernisiert, da der Junge ja eine bekannte japanische Marke übernehmen wollte. Die Japaner waren dann auch hier und haben gleich etliche Vorschriften gemacht, was alles noch zu verändern wäre, wenn Baumanns einen Vertrag wollen. Eines Tages hat den Jungen plötzlich der Teufel geritten. Er bestellte den schnellsten und teuersten Sportwagen von den Japanern, mit dem, hat er sich dann in einer Kurve überschlagen und aus war der Traum!

 

Frau Baumann, die damals schon sehr krank war, ist kurz darauf ebenfalls gestorben, sie konnte den Verlust des einzigen Sohnes einfach nicht mehr verkraften.

 

Nun ist der alte Baumann allein, hat nur mehr den Hund und will von hochtrabenden Geschäften eigentlich gar nichts mehr wissen.« Egon trank das Bier in einem Zug aus, »so und jetzt sind wir übrig geblieben, so quasi als Mädchen für alles und können mehr oder weniger tun, was wir wollen. Baumann kümmert sich nur mehr um die Buchhaltung und die Material- und Gebäudeverwaltung, so etwa wie ein Hobby, damit ihm die Decke den ganzen Tag nicht auf den Kopf fällt.

 

Inzwischen hat er auch rundherum alle seine Grundstücke verkauft. Deswegen die vielen neuen Einfamilienhäuser hier, lauter Ingenieure und Doktoren wohnen da drin, die bringen alle ihre Wagen in 'deine' Pflegestation. Deshalb bist du jetzt hier, denn der Alte kann sich vor Aufträgen nicht mehr retten. Hinzu kommt noch der Sportklub, der sich zufällig vor zwei Jahren bei uns angesiedelt hat. Die haben hier bei uns eine Halle gemietet.«

 

»Was denn für einen Sportklub?», wollte Alex neugierig wissen.

Paul übernahm jetzt das Wort und erklärte, »ein privater Automobilsportklub, der an Bergrennen und an Straßenrennen teilnimmt, lauter junge Leute, die als Privatfahrer den großen Traum vom Autorennsport träumen. Schau, für mich jedenfalls ist das schon eine tolle Sache, ich kann jetzt die Motoren auf Teufel komm raus frisieren, je schneller, die werden, umso besser!«

 

Alex war über diese Informationen einigermaßen verblüfft. Baumann damals bei seiner Anstellung doch etwas einsilbig, hatte davon überhaupt nichts erwähnt.

»Wo sind denn eigentlich die Leute vom Sportklub?«

»In der Halle gleich neben unserer Werkstatt haben die ihre Rennwagen eingestellt, dort drin befindet sich auch ihr Klubraum mitsamt einer Kaffeebar. Wenn, die Rennsaison wieder beginnt, und das ist immer so gegen Ende Mai. Etwa Anfang Mai fangen die meisten schon an, alles Notwendige vorzubereiten, dann wirst du sie sicher alle einmal sehen.«

 

»Okay, Jungs!«, sprach Egon, »aber jetzt haben wir fürs erste genug gequatscht, wir müssen für die notleidende Autofahrergilde wieder etwas tun. Alex, sei bitte so gut und räume hier alles weg. Ich bin mit Paul wieder in der Werkstatt.«

»Okay, mache ich und nochmals vielen Dank fürs erstklassige Gulasch!«, antwortete er und machte sich gleich eifrig ans Werk, das Geschirr abzuwaschen.

 

In ungefähr elf Wochen beginnt hier anscheinend so einiges an Aktivitäten für die Rennsaison, da wird sich dann sicher so allerhand abspielen, dachte er sich interessiert, denn die Halle des Sportklubs ist ja eigentlich das größte Bauwerk auf Baumanns Areal. Demnach müssten sich vermutlich auch viele Wagen darin befinden.

 

4. Kapitel


Einige Wochen später, an einen sonnigen Vormittag. Alex hatte sich schon prima eingearbeitet. Da kam Paul einmal überstürzt in die Garage, wo Alex gerade einen Porsche Carrera, der einem Rechtsanwalt gehörte, liebevoll mit Hartwachs behandelte.


»Alex! Lass jetzt mal ab von deinem Liebling und komm schnell, ich brauche dich nämlich ganz dringend«, rief er ihm hektisch wie immer zu.

»Was ist denn los?«, Alex legte die Wachsdose beiseite.

»Nun, komm schon endlich, es ist eilig, endlich ist er da!«

»Wer ist da?«, wollte Alex wissen.

»Quatsch gefälligst nicht soviel, komm schon mit, er ist jetzt endlich da!«


Alex wischte sich die Hände mit einem Putztuch ab und ging hinter Paul her, der schon wieder ungeduldig zum Vorplatz der Werkstatt unterwegs war. Dort stand ein BMW, der Kofferraumdeckel war halb hochgeklappt mit einem Seil verzurrt. Der Wagen war silbermetallic lackiert und glänzte in der Sonne. Die Alu Felgen mit den breiten Reifen, gaben dem Wagen ein wuchtiges Aussehen. Alex dachte sich, etwa wegen des Karrens da, macht Paul so ein Tamtam? Da habe ich ja noch viel schönere und bessere in meiner Halle.


Den Porsche Carrera, zum Beispiel, das ist ein Wagen! Gegen den ist ja der BMW da, eine reine Familienkutsche. Bevor er noch zu Ende denken konnte, hatte Paul den Kofferraumdeckel des Wagens aufgeschnürt, den Deckel nun ganz geöffnet, beugte sich über den Kofferraum und rief begeistert, »Da ist er!«


Alex kam näher und blickte in den Kofferraum, er sah in eine Decke eingehüllt, ein unförmiges Gebilde, blanke Metallteile ragten hervor, zu Paul gewandt fragte er,

»Sag ma,l was ist denn das?«

»Mensch Alex! Das ist ein Holbay Motor!«, rief der mit glänzenden Augen sich bald überschlagend.

»Ja und?«, meinte Alex ruhig und gelassen, blickte immer noch ungerührt auf das Gebilde.


Paul kreischte schon beinahe hysterisch,

»Ja, Mann Gottes, das ist ja der beste und modernste Motor, den es zur Zeit für Rennen überhaupt gibt.«

Er beruhigte sich erst sichtlich wieder, als er fast zärtlich die blanken Teile, die aus der Decke ragten, berührte, als wären es edle weibliche Körperteile.

»Los, komm fasse mit an, aber sehr vorsichtig, der Motor muss in die Werkstatt!«

Während Paul behutsam die Decke vom Holbay umlegte, als würde er einen Säugling auspacken, sah Alex, wie Egon in Begleitung eines jungen Mädchens aus Baumanns Büro auf sie zu kam.


Sie hatte einen Arm um Egon geschlungen und schäkerte mit ihm und beide lachten lauthals. Das Mädchen war langbeinig, trug eine sehr enge schwarze Lederjeans, dazu hochhackige schwarze Stöckelschuhe, dadurch wirkten ihre schlanken Beine noch länger. Die langen roten Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden und glänzten wie Kupfer in der Sonne. Sie trug einen dünnen schwarzen Rollkragenpullover, sehr eng anliegend, sogar verdammt eng, wie Alex bemerkte.


Wodurch ihre wohlgeformten Brüste besonders betont wurden. Sie war von gertenschlanker Figur, gut 1,70 groß, ihre Maße waren äußerst wohlgeformt, die Bewegungen graziös. Alex wurde plötzlich sehr heiß in seinem Overall, als er sie so sah. Ihr Gang war anmutig. Alex wurde auf einmal noch heißer. Er dachte sich, dass sie wohl zu jenen Mädchen gehört, die wissen, dass sie schön sind. Wie sie dadurch auch auf Männer wirken, sich vielleicht deswegen auch so auffällig benehmen.


Beide kamen nun zum Wagen, Egon lachte immer noch und fragte, »Na? Habt ihr zwei, das komische Ding immer noch nicht aus dem Wagen?«


Das Mädchen stieß Egon mit dem Ellbogen leicht an und grinste breit, als sie zu ihm sagte, »Aber, aber, Egon! Wie kannst du nur zu meinem Ding da, komisches Ding sagen?«, dabei wechselten ihre Blicke gleich zu Alex, der jetzt ihre funkelnden ausdrucksvollen grünen Augen bemerkte.


Paul gab Alex einen leichten Rippenstoß, »Los Junge, jetzt heben wir ihn an und raus damit!«

»Alex! Ah, was für ein schöner Name«, meinte die Rothaarige und ließ ihre Blicke über Alex von Kopf bis Fuß gleiten. Egon nahm sie zärtlich am Arm, zog sie etwas beiseite und sagte zu ihr, »Komm Spatz, jetzt wird’s gefährlich, wir stehen hier im Wege!«


»Ja, du hast vollkommen Recht, jetzt wird es sehr gefährlich!«, antwortete die Rothaarige, dabei blickte sie aber Alex lasziv lächelnd und funkelnden Blickes voll an. Paul wurde plötzlich ziemlich ungeduldig, »Bist du jetzt endlich mit Staunen fertig? Los, hilf mal, hebe den Motor an!«, mit festem Griff packten Sie den Motor, hoben ihn stöhnend aus dem Kofferraum, die Luft auspustend setzten sie den dann auf einer bereitgelegten Palette vorsichtig ab.


»Puhh..., aber leicht ist der für einen Leichtmetallmotor ja gerade nicht!«, meinte Paul grinsend.

Alex rieb sich den linken Daumen, den er sich gerade bei dem Manöver eingeklemmt hatte und verfluchte innerlich die hohe Ladekante des BMWs. Paul verschwand dann kurzerhand in der Werkstatt, kam mit einem Stapler wieder heraus und bugsierte die Palette mit dem Motor, wie ein rohes Ei in die Werkstatt.


»Jetzt ist er glücklich, ist für ihn wohl wie Weihnachten!«, meinte Egon vergnügt, er wandte sich an das Mädchen, »Spatz, ich möchte dich jetzt mit unserem neuen Kollegen bekannt machen, das ist Alex, er ist bei uns neuerdings zuständig für die Autopflege.«

»Hallo Alex, freut mich dich zu sehen, bist ein hübscher Junge und so ..., so stark, wie ich gesehen habe«, sagte das Mädchen.

»Hallo!«, antwortete Alex etwas verlegen.

»Kannst ruhig Susi zu mir sagen, das machen hier alle so!«

Alex rieb sich immer noch den Daumen, der jetzt angeschwollen war, wie eine mittlere Essiggurke und einen stechenden Schmerz von sich gab.


»Och! Hat sich der große Junge etwa wehgetan? Zeig mal her!«

Alex zeigte artig den Daumen her.

»Sieht ja ziemlich schlimm aus der Daumen«, sprach sie mitfühlend klingend und hielt dabei ganz zart seine Hand. »Üble Quetschung, das muss ja behandelt werden, warte das haben wir gleich. Ich hole eben mal schnell etwas aus der Apotheke, die ist ja nicht weit von hier, ich bin gleich wieder da, Okay?«, sie schwang sich in den Wagen und brauste mit quietschenden Reifen los.


Alex immer noch Daumen reibend, sagte zu Egon, »Ich bin wieder in meiner Halle, falls sie zurückkommt!«

»Darauf kannst du Gift nehmen, Susi tut immer das was sie sagt und manchmal auch das, was sie nicht sagt.«

»Na gut, ich gehe jetzt mal eben rüber, Okay!«

»Ist gut, bis später dann«, antwortete Egon und ging zu Paul und seinem neuen Baby.


Alex widmete sich wieder dem Porsche. Gott sei Dank bin ich ja kein Linkshänder, dachte er sich. Er polierte gerade bedächtig mit der rechten Hand, als plötzlich die Hallentür aufging und Susi mit einem Päckchen in den Händen hereinkam. Das grelle Sonnenlicht fiel von außen durch die Tür. Alex konnte von ihr momentan nur die Konturen sehen und was für Konturen, atemberaubende Konturen.


Das Licht strich von hinten über ihre roten Haare, die plötzlich wie rotglühende Lava wirkten. Mit einem Gang, der ihm den Atem nahm, schritt sie auf ihn zu. Er schluckte und ganz plötzlich tat ihm der Daumen eigentlich auch überhaupt nicht mehr weh.

»So, nun wird der Patient erst einmal richtig behandelt!«, sprach sie und öffnete das Päckchen, nahm daraus Essig saure Tonerde, die sie dann am Waschbecken anfeuchtete und mit Mull bedeckte.


»So mein Herr, darf ich um ihren Daumen bitten?«

Immer noch völlig entgeistert blickte er sie an und streckte geistesabwesend den rechten Daumen vor.

»Aber nicht doch! Mir scheint, du hast auch noch eine Gehirnerschütterung davon getragen, vorhin war es doch der linke Daumen!«

»Oh, Verzeihung«, sprach er ganz verstört und hob jetzt den linken Daumen.

»So ist es recht«, sie legte ganz zart den Mull um den Daumen, drückte diesen noch gefühlvoller an, wickelte eine trockene Mullbinde darüber. Alex stöhnte leise,

»Tut's weh?«, sie hielt inne und blickte fragend.


Er sah sich selbst in ihren ausdrucksvollen grünen Augen, blickte auf ihren Mund, der ganz leicht geöffnet war, oh Gott, dachte er, jetzt nur nicht schwach werden, er antwortete,

»Nicht wirklich, es geht ja schon wieder.«

Langsam wickelte sie weiter, ganz zart und vorsichtig, überprüfte immer den genauen Sitz der Mullbinde.


»So fertig, das kühlt und wird dir sicher guttun!«, sie schnitt die Mullbinde am Ende entzwei und band zart eine Schleife.

Sie hatte recht, nur die Kühlung ist ja an der falschen Stelle, dachte er sich, als er sie so vorsichtig hantieren, sah und gleichzeitig ihre Zärtlichkeit spürte.

»Du verstehst aber dein Handwerk!«, sagte er leise.

»Tja, gelernt ist eben gelernt, ich bin nämlich früher einmal Diplomkrankenschwester gewesen.«


»Gewesen? Und jetzt?«

»Jetzt bin ich ein todmüdes Mädchen, das einem munteren Jüngling den geschundenen Daumen verarztet.«

»Wieso denn Todmüde?«

»Weil ich ja erst vorhin aus England zurückgekommen bin, wo ich diesen verdammten Motor geholt habe.«

»Was? Du ganz alleine?«

»Natürlich, mache ich doch immer, kannst ja das Nächste mal mitkommen, wenn du willst?«

Alex schluckte so, dass sein Adamsapfel auf und ab hüpfte.


»Also«, meinte sie, »die Behandlung ist jetzt beendet, wenn’s mit der Schwellung Morgen nicht besser wird, dann gehst du am besten zum Arzt. Aber ich glaube, dass es bis dahin wieder gut ist. Ich fahre jetzt nach Hause und schlafe mich erst einmal richtig aus, war ja lange genug unterwegs, mach’s gut. Wir sehen uns bestimmt ein anderes mal wieder.«

Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, »Servus Alex!«

Alex zog sie leicht an sich, er spürte ihren straffen muskulösen warmen Körper, küsste sie zart auf die Stirn,

»Mach’s gut und danke, dass du mir geholfen hast.«

»Ich werde dir immer helfen! Du bist ein guter Junge, ich habe es in deinen Augen gelesen!«


Sie verließ ihn und mit stolzen Schritten ging sie aus der Halle. Er hörte noch den satten Klang des Sportauspuffes ihres BMWs auch das Geräusch der quietschenden Reifen, als sie wegfuhr.

Nach getaner Arbeit, als er gerade mit dem Fahrrad von Baumann wegfahren wollte, sah er plötzlich den klapprigen VW vor der Firma stehen, Claudia lehnte am Wagen und wartete.


»Hallo Claudia! Du bist um diese Zeit schon hier?«

»Servus Alex, ich hatte mir am Nachmittag freigenommen, weil ich ja die Unterlagen von der Abendschule geholt hatte und habe dich dort auch gleichzeitig angemeldet, schau mal da im Wagen ist alles.«

Er beugte sich zum Heckfenster, auf dem Rücksitz lag ein Packen Bücher und Hefte.


»Oh Gott! Diese Menge, ist ja eine ganze Bibliothek!«, er war ganz erstaunt über diese Berge von Papier.

»Bist ein Schatz, Claudia!«, er gab ihr einen zarten Kuss. Sie wurde plötzlich ganz steif und zog zurück,

»Was hast du denn da für einen Verband? Bist du etwa verletzt?«

»Ach was, das ist nur eine kleine Quetschung und Essig saure Tonerde, tut auch gar nicht mehr weh!«


»Sieht aber schlimm aus, wie ist dir denn das passiert? Wer hat das verbunden?«

»Ich habe mir den Daumen beim Herausheben eines Motors eingeklemmt. In der Werkstatt haben die mir’s dann Verbunden», meinte er hastig.

»Ja, aber Motorenheben ist doch wohl nicht deine Arbeit!«

»Was heißt nicht deine Arbeit, ich kann doch, meine Kollegen nicht im Stich lassen, wenn sie mich brauchen, oder?«

»Ja schon richtig, aber bitte passe auf, man hört ja so viel über Arbeitsunfälle!«


»Du liest scheinbar zu viel Zeitung, Okay, ich passe das Nächste mal besser auf, alles klar?«

»Ist aber sehr fachmännisch verbunden, wie ich sehe.«

»Ja, gelernt ist eben gelernt oder glaubst du etwa, in der Firma sind lauter Idioten?«

»So hatte ich das ja nicht gemeint.«

»Na gut, dann reden wir also nicht weiter darüber, einverstanden?«


Claudia schien sich wieder zu beruhigen, er fragte, »Was machen wir denn heute?«

»Weiß nicht, aber wir könnten ja zu dir fahren, damit du erst einmal die Unterlagen in dein Zimmer bringen kannst.«

»Gute Idee, danach könnten wir dann ins Kino gehen, es gibt nämlich einen guten Streifen mit John Wayne, willst du?«

Claudia überlegte etwas, dann antwortete sie, es klang irgendwie enttäuscht,

»Immer diese blöden Kinos und Lokale, spazieren gehen oder im Auto sitzen, das nervt schon, nie sind wir irgendwo ganz alleine!«


Er antwortete mit sanfter Stimme, »ich weiß ja Claudia, mir stinkt es doch auch, zu dir nach Hause geht nicht, weil deine 'Alten' mich überhaupt nicht leiden können. In meine Bude geht auch nicht, weil der alte Dragoner wie ein Jagdhund aufpasst und Damenbesuche nicht will, Scheiße!«

»Jetzt wirst du aber ordinär!«

»Entschuldige, aber ist doch wahr!«, antwortete er jetzt ziemlich verärgert.

»Wir sind ja schon arme Würstchen« meinte sie. Er fasste sich wieder,

»Okay, Vorschlag, Bücher in meine Bude, dann ab ins warme Kino, Film den du willst, einverstanden?«


»Einverstanden, aber einen Liebesfilm!«

»Ok, ok, verdammte Exkremente, du hast schon wieder gewonnen!«

Hastig montierte er dann das Fahrrad auf die Motorhaube des Volkswagens, indem er das Rad einfach auf die Stoßstange stellte. Den Rahmen mit einem Gummizug durch die Belüftungsschlitze fixierte, so wie immer, dann fuhren sie los.


Nach dem Kino, Claudia war schon nach Hause gefahren, saß er nun in seiner 'Bude', wie er sie immer nannte. Ein mickriges kleines Zimmer im Dachgeschoss eines Hauses, das einer Witwe gehörte. Es war anscheinend mit Tante Klaras Erbstücke eingerichtet, so richtig, aber wirklich so richtig altmodisch, er fand das alles zum Kotzen.


Mit dem Mut der Verzweiflung hatte er sich durch die Unterlagen der Abendschule durchgewühlt, die Buchstaben tanzten schon Samba in seinem Kopf. Verstanden hatte er fast überhaupt nichts, vom Lehrstoff, der da angeben war. Mutig füllte er dann das Anmeldeformular für die Aufnahmeprüfung aus. Irgendwie werde ich es, ach Scheiße, ich werde es schaffen, ich muss es einfach schaffen, dachte er sich, dann fluchte er plötzlich laut,

»Verdammter Mist, verdammter!», er war müde und abgespannt, die Augen fielen ihm schon öfters zu. Irgendwann blieben die dann auch zu. Er schlief einfach im Sitzen ein.


Nächsten Morgen bat er dann Baumann, ihm zwei Tage frei zu geben, er musste ja noch die Aufnahmeprüfung hinter sich bringen. Baumann war natürlich sofort einverstanden und sprach ihm eine gewisse Bewunderung für das Vorhaben aus. Das wäre also geritzt, dachte er sich, nur die Prüfung als Solches schwebte wie das berühmte Damoklesschwert über seinem Haupt. Er war so richtig nervös und unruhig, wie schon Lange nicht mehr, werde ich es schaffen? Fragte er sich immer wieder.


Er putzte wie ein Wilder in seiner Halle, die Arbeit lenkte ihn nämlich so schön ab. Mittlerweile kamen immer mehr neue Kunden zu Baumanns Wagenpflege, der erstklassige Service und die gute Arbeit sprachen sich ja rasend schnell herum. Baumann war entzückt und wusste, wem er das verdankte. Er gab Alex kurzerhand eine kräftige Lohnerhöhung, das beflügelte ihn natürlich noch mehr. Am Tag der Aufnahmeprüfung schwitzte er vor Aufregung, wie ein Kohlenträger im Akkord und hatte sogar leichte Magenschmerzen dabei. Er saß in der Klasse und füllte alle Bögen gewissenhaft aus. Überprüfte alles noch einmal und dann wieder, gab dann endlich fast als Letzter ab. Nach zwei Stunden warten, die kamen ihm aber wie zwei Tage vor, wurde ihm von der Prüfungskommission mitgeteilt, dass er die Aufnahmekriterien gerade noch so erfüllt habe. Somit seiner Ausbildung im zweiten Bildungswege nichts mehr im Wege stünde.


Alex atmete auf und war glücklich, ihm fiel ein Felsbrocken herunter, er hatte bei der ganzen Angelegenheit ohnehin kein gutes Gefühl gehabt. Aber jetzt hatte er die Zulassung zum Unterricht und nur das zählte jetzt für ihn.

Nun wusste er auch, dass er von nun an täglich, pünktlich um 19.00 Uhr antreten und bis 22.00 Uhr die Schulbank drücken müsste. An manchen Tagen sogar bis 23.00 Uhr, je nach Unterrichtsplan. Dazu kämen auch noch die umfangreichen Hausaufgaben, die dann noch zusätzlich zu erledigen sein würden.


Er war dann immer Werktags ab 6 Uhr in seiner Waschhalle im vollen Einsatz, meistens bis 16 Uhr, manchmal auch länger, besonders nach schlechtem Wetter und vor Feiertagen. Danach fuhr er immer zu Tante Klaras Museum, um seine Hausaufgaben machen, sich ein wenig auszuruhen, waschen, umziehen, um dann notgedrungen Wochentags wieder in der Abendschule anzutreten. So ging das dann eine ganze Zeit lang Tag ein Tag aus.


Eines Abends, er war wieder in seinem Zimmer, vom Ehrgeiz zerfressen kämpfte er sich durch den Lehrstoff. Merkte dabei, welche Wissenslücken sich schon in der Schule bei ihm aufgetan hatten, bedingt durch seine damalige Faulheit und Unbekümmertheit. Jetzt büßte er ordentlich dafür.


Tapfer biss er die Zähne zusammen, noch war die Schlacht im vollen Gange. Er merkte dabei auch sehr rasch, dass sich sein Lebenswandel grundlegend ändern musste. Ein leerer Magen. Zuwenig Schlaf. Ablenkungen a la Susi, waren eigentlich tödlich für das Projekt. Dass er sich nun aufgebürdet, ja geradezu durch Claudias Anstoß, widerwillig selbst aufgedrängt hatte.


In seinem Innersten hatte er schon immer gespürt, dass er schlechte Karten in der Hand hielt und mit schlechten Karten, wie er wusste, gewinnt man äußerst selten ein Spiel. Rückblickend fiel ihm ein, dass er seinerzeit seine Schulkameraden mit Lernerfolgen innerlich irgendwie bewunderte, ja geradezu beneidete.


Diese Gruppe, von ihm damals als 'Streber' vorschnell verurteilt. Schafften dann später natürlich mühelos den Sprung in höhere Schulen und dadurch danach auch in Jobs, an die er jetzt nicht einmal in seinen kühnsten Träumen zu denken wagte. Wenn Claudia, nun den Hahn der Pistole nicht gespannt und auf seine behaarte Brust gedrückt hätte, säße er wohl noch immer in seiner eingeengten engstirnigen Welt gefangen, wie Claudia ihm öfters vorhielt, der er nun unbedingt zu entrinnen versuchte.


Plötzlich lenkte er seine Gedanken wieder in Richtung Claudia, ach Claudia ..., wie schön wäre es gerade jetzt, meine behaarte Brust, auf deiner unbehaarten zu spüren, und …, ach was! So komme ich ja auch nicht weiter, durchfuhr es ihn jäh, dann fluchte er laut, »verdammte Scheiße! In was? Habe ich mich da eigentlich hinein geritten?»


5. Kapitel


Die Zeit der ersten Prüfungen war gekommen, die Lehrer hatten seine bisherigen Arbeiten sicherlich gewissenhaft geprüft und standen anscheinend vor einem Dilemma. Alex merkte das an der Art, wie sie ihn behandelten, die verhielten sich ihm gegenüber sehr kühl und reserviert, es kam von denen kein Signal der Anerkennung geschweige denn Begeisterung.


Er erwartete sich ja bestimmt auch keine Lobeshymnen, aber ein bisschen Aufmunterung und Zuwendung, wäre ihm ja schon genug gewesen. Die ganze Angelegenheit zehrte schon sehr an seinem Nervensystem und nicht nur das, auch an seinem Körper, er wurde jetzt auch immer dünner. Er war ja vorher schon sehr schlank, aber nun schlotterten seine Hosen, als würde er sie von seinem älteren Bruder übernommen haben. Egon, der zum väterlichen Freund geworden war, machte sich um ihn schon große Sorgen.


»Junge, du siehst ja schon beinahe aus wie der Tod auf Latschen!«, sagte er ihm einmal entsetzt, versuchte ihn darauf, in den Mittagspausen mit allerlei nahrhaften Speisen und seinen eher bescheidenen Kochkünsten, etwas zu bemuttern.

Alex fühlte sich ziemlich mies und brachte auch nicht mehr viel auf einmal hinunter. Sein Magen war scheinbar geschrumpft und nicht nur der, wie ihm schien. Er bemerkte, wie er langsam aber sicher, wie eine böhmische Leinwand einging. Seine Kumpels im Betrieb wussten ja um den Grund dieser Veränderungen.


Außenstehende, die ihn kannten, aber eben nicht die besonderen Umstände, merkten jetzt ebenfalls, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Das wurde ihm einmal besonders bewusst, als ihn, der Italiener aus dem Stammlokal daraufhin ansprach. Anscheinend aus lauter Mitleid seinen Teller so sehr an-füllte, dass ihm ja schon beim bloßen Anblick ganz Übel wurde.


Sogar die Zimmerwirtin, von dem Loch, in dem er wohnte, versuchte lindernd einzugreifen. Indem sie ihm, statt Tee, einer Semmel mit Margarine, einen Klecks Marmelade, was sie sonst jeden Abend in der Küche bereitstellte. Ganz plötzlich Kakao, drei Semmeln mit Butter und Honig, sowie eine Schokolade, zum Frühstück bereit stellte. Dies aber nicht ohne ihm vor dieser Aktion, eine Gardinenpredigt über den nun auf einmal enormen Lichtverbrauch in seinem Zimmer, auf einem Zettel unter der Tür durch zuschieben.


Trotzdem war er irgendwie doch gerührt, denn der alte Besen schien doch ein gutes Herz zu haben, zumindest in dieser Hinsicht.

Claudia hatte natürlich die Veränderungen ebenfalls mitbekommen, sie unterstützte ihn beim Lernen, wo sie nur konnte. Sie war zwar eine hervorragende Schülerin gewesen, hatte aber nicht maturiert, da sie nach der Schule sofort einen Bürolehrling-Job im Rathaus annahm. Den ihr der Vater durch Beziehungen verschaffte.


Ihr Vater, eigentlich Stiefvater, gehörte nämlich zu jener Sorte, die immer auf dem Standpunkt verharrten, eine langwierige und vielleicht auch kostspielige Ausbildung für Mädchen, wäre ja doch nur vergebliche Liebesmühe. Da die ohnehin nur schnell Heiraten, gleich Kinder bekommen wollen. Dann wäre es ja danach sowieso aus mit dem Beruf.


Außerdem, sollten nach seinen Ansichten, die er Claudia bei jeder passenden oder nicht passenden Gelegenheit immer wieder vorkaute, junge Leute so schnell wie möglich eigenes Geld verdienen.

Claudias 'Mamschi', wie sie ihre Mutter immer nannte, war zwar eine gute Seele. Konnte sich aber gegen ihren selbstherrlichen Mann in keiner Weise durchsetzen. So blieb sie damals mit ihrem eigentlichen Berufsziel, sie wäre so gerne Innenarchitektin geworden, ganz einfach auf der Strecke. So verdingte sich eben jetzt als Bürokraft beim Bürgermeister, der sich seinerseits sehr gerne mit jungen hübschen Mädchen umgab.


6. Kapitel


Es war gut zehn Tage vor dem offiziellen Beginn der Motorsportsaison, als plötzlich bei Baumann buchstäblich die Hölle losbrach. Plötzlich tauchten Leute auf, die Alex noch nie gesehen hatte. Ihn selbst aber zumindest vom Namen und seiner Tätigkeit her kannten, woher und warum wusste er eigentlich nicht.


In der dritten Halle, wo ja der Autoklub ansässig war, ging es auf einmal zu, wie auf einem Ameisenhaufen. Da wurde gehämmert, geschraubt, Kompressor liefen auf Hochtouren, Berge von Rennreifen wurden an gekarrt. Das Gebrüll der verschiedenen Rennmotoren war geradezu ohrenbetäubend und lähmend.

Egon kam einmal an der Waschhalle vorbei und Alex fragte ihn,

»Sag mal, was ist denn jetzt hier eigentlich los?«


Egon lächelte und antwortete, »Ach, das ist ja am Saisonbeginn bei denen immer so. Da bringen die ihre Wagen, die den ganzen Winter hier eingemottet waren, wieder auf Vordermann, das legt sich dann später wieder. Wenn du etwas Zeit hast, gehe ich mit dir mal rüber und zeige dir alles und stell dir auch ein paar Leute vor, sind wirklich ein paar nette darunter, Okay?«


»Ja gut, ich lege hier jetzt noch einen Zahn zu, gewinne somit etwas Zeit, dann können wir gerne mal ein Auge riskieren. Würde mich ja schon sehr interessieren!«

Während sie so beieinanderstanden, sahen sie wie Paul, mit ein paar Leuten, einen giftgrün lackierten Lotus Cortina in die Werkstätte schob. Dazu meinte Paul und deutete auf den Wagen,

»In diesen, da, baut jetzt der gute Paul den Holbay Motor ein, darauf hat er sich ja schon so gefreut.«

»Gut, also, ich mache jetzt hier weiter und komme dann später zu dir rüber, OK?«, sagte Alex eifrig.

»Ist gut«, meinte Egon, »Also, bis später!«, und ging wieder in seine Werkstatt zurück.


Alex hatte eigenartigerweise schon seit der früh, starke Kopfschmerzen gehabt, die er zu unterdrücken versuchte. Später kamen dann noch zu allem Überfluss Magenbeschwerden dazu. Er fühlte sich eigentlich ganz mies. Hatte auch ein ziemlich flaues Gefühl, einen trockenen Mund. Ihm war so richtig schlecht. Er erinnerte sich an die kleine Flasche Cognac, die er einmal an einer Tankstelle gekauft hatte. Sein Onkel nahm immer einen Schluck Cognac, wenn er sich im Magen nicht gut fühlte. Er zauderte auch nicht lange und kippte die bräunliche Flüssigkeit einfach runter. Brr ... , wie kann denn jemand dieses Zeug überhaupt schmecken? Dachte er sich und spürte, wie der Cognac wie Feuer in seinen Eingeweiden brannte.


Er mühte sich an den nächsten zwei Wagen richtig ab, die Arbeit ging ihm einfach nicht richtig von der Hand. So ein Mist, dachte er sich, heute klappt bei mir aber auch rein gar nichts richtig. Er setzte sich dann in einen Wagen und wischte ziemlich lustlos am Armaturenbrett herum, die Wischbewegungen wurden immer langsamer, plötzlich nickte er ein. Als er dann wieder erwachte, sah er auf die Uhr und erschrak, er hatte gut eine Stunde tief und fest geschlafen.


Von Magenbeschwerden war überhaupt keine Spur mehr, der Kopfschmerz war auch eher im Untergrund, eigenartigerweise fühlte er sich jetzt auf einmal ganz Wohl. Der kurze Schlaf, zusammen mit dem Cognac mussten wohl seine Batterien wieder aufgeladen haben, vermutete er erfreut über die rasche Linderung. Gott sei Dank, hatte diese kleine Panne auch niemand bemerkt, dachte er sich. Er verließ dann die Halle, ging zu Egon rüber, um mit ihm bei den Sportklubleuten mal vorbeizuschauen, wo er sich doch interessante Eindrücke erhoffte.


Egon stand gerade bei Paul, als er die Werkstatt betrat. Paul fluchte wütend wie ein Bierkutscher. Egon reichte dem fluchenden Werkzeuge zu. Paul war fast bis zur Hälfte seines Körpers im Motorraum verschwunden.

»Na, ihr beiden, klappt irgendwas nicht?«, wollte Alex wissen.

Paul kam mit dem Oberkörper aus dem Motorraum hervor, mit verzweifeltem, zugleich wütendem Blick, sagte er, »So eine verdammte Scheiße, jetzt passt die hintere Motoraufhängung für den neuen Motor nicht!« Wütend knallte er einen Schraubenschlüssel auf den Boden. »So, jetzt kann mich eigentlich alles am Arsch lecken! Jetzt trinke ich erst einmal in Ruhe ein Bier!«


Anscheinend mit immer noch viel Wut im Bauch, ging er dann zu seinem Spind, holte eine Bierflasche hervor und ließ alles Bier in einem Zug durch die Kehle laufen. Er rülpste laut, die Kohlensäure hatte wohl einen Ausgang gefunden.

»So jetzt ist mir gleich etwas besser!«, meinte Paul und zündete sich mit seinen ölverschmierten Händen zitternd eine Zigarette an, setzte sich dann auf eine Kiste und rauchte bedächtig in tiefen Zügen.

Egon gab Alex einen kleinen Schubser und flüsterte ihm zu, »Jetzt beruhigt er sich erst Mal, wirst sehen, nach drei Bier weiß er dann, wie er die verdammte Motoraufhängung ändern muss, damit sein Baby da gut aufgehoben ist.«


Alex antwortete, »Aber so lange möchte ich ja eigentlich nicht warten, könnten wir denn nicht inzwischen in die Klubhalle rüber gehen?«

Egon kratze sich bedächtig am Arm, »Ja, ich muss ohnehin rüber wegen des Öls, komm, wir gehen jetzt gleich«, beim herausgehen rief er dem qualmenden Paul noch zu, »Wir sind jetzt eben mal drüben, du schreist, wenn du was brauchst, Okay?«


Paul würdigte sie keiner Antwort und schien vollkommen in Gedanken versunken.

Als sie zur Halle gingen, sagte Egon, »Er braucht sich doch überhaupt nicht so aufzuregen, die Idee den Lotus Motor gegen den Holbay auszutauschen hat er doch selbst geboren. Jetzt wundert er sich, dass überhaupt nichts zusammenpasst, wird ja heute wieder eine lange Nacht werden. Ich muss ihm ja helfen, alleine kann er das ja nicht machen. So richtig gut Schweißen kann er ja auch nicht der gute Paul!«

Alex erwiderte, »Soll ich euch dabei helfen?»

»Du musst doch in die Schule!«

»Na ja, einmal kann ich doch schon mal blaumachen, oder?«

»Kommt doch gar nicht in die Tüte! Mein Junge, denn Bildung geht vor!«

Sie betraten dann die Klubhalle, Egon deutete auf einen Typ der bei einem Alfa stand und daran arbeitete und sagte, »Ich muss mit dem dort die Sache mit dem Öl klären, schau dich einstweilen selbst ein wenig um, Okay?«


Alex ging interessiert in der Halle umher. Ein Sammelsurium verschiedenster Rennwagen war versammelt. Ein paar Fahrzeuge kannte er ja schon von der Straße her. Bei anderen wusste er gar nicht, um welche Marken es sich handelte, aber eines hatten die alle gemeinsam, die weißen Felder auf der Karosserie, wo die Startnummern angebracht wurden. Nach einer Weile kam Egon wieder zu ihm zurück, »Sag, wie gefallen dir denn die Wagen?«

»Eigentlich ganz gut«, antwortete er, »da sind ja welche dabei, die habe ich im Leben noch nie gesehen!«


»Kann ich mir schon denken, sind ja meistens Eigenbauten oder Sportprototypen. Aber die anderen, die du von der Marke her kennst, haben mit denen auf der Straße auch nur mehr die Karosserie gemeinsam. Alles andere ist bei denen auch schon geändert.«

»Interessant, erzähl mir was darüber!«, er war beeindruckt und seine Neugier geweckt.

»Ja weißt, das ist so, es gibt ein Reglement, in dem genau festgelegt ist, was in welcher, Fahrzeugkategorie geändert werden darf. Wenn ich dir das jetzt alles zu erklären versuche, stehen wir in einem Monat noch hier und du weißt immer noch nicht alles. Aber ich versuch es mal mit einem kurzen anschaulichen Beispiel«, er kratzte sich kurz am Kopf und deutete auf einen Wagen, der gleich neben ihnen stand.


»Nehmen wir mal den da!«, es war ein grell rot lackierter NSU TTS,

»Dieser Wagen startet in der Grand Tourisme Kategorie. Das Herstellerwerk muss 13.000 Stück davon bauen und an den Mann oder die Frau bringen, damit er für Rennen homologiert werden kann. Ändern darfst du außer dem Motorblock fast alles, vorausgesetzt du verwendest Teile die, von der FIA, das ist die Föderation internationale Automobiles, genehmigt wurden. Die Hersteller solcher Teile geben ohnehin ein Zertifikat dazu, ein Mindestgewicht muss eingehalten werden und dann kann im Prinzip ein Rennen schon losgehen.«


»Was? So einfach ist das?«, Alex war irgendwie ganz verblüfft.

»Im Prinzip ja, der Grundgedanke ist doch, dass alle Wagen in ihrer Kategorie, die gleichen technischen Voraussetzungen haben und eigentlich nur das fahrerische Können den Rennausgang entscheidet.«

»Klingt ja ganz plausibel, aber wo ist dann der Haken an der Geschichte?«, fragte Alex nachdenklich, aber doch sehr interessiert.


»Ja schon recht es gibt immer Haken, wie bei allen Systemen. Schau, gewinnen wird immer derjenige, der das beste Material zur Verfügung hat. Der was kann und auch gewillt ist das größte Risiko einzugehen, fahrerisch meine ich. So gewinnt halt derjenige, der, immer noch Gas gibt, dort wo die anderen die Hose schon gestrichen voll haben. Bei diesem Sport, den Bergrennen, ist das spannende, man fährt einfach gegen die Uhr. Weil ja immer nur einer auf der Strecke ist.«, Egon tigerte sich jetzt sichtlich richtig rein und seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz, als er weitersprach, »der wirkliche Gegner beim Bergrennen ist eigentlich nur die Uhr. Du kannst dich ja an keinem sichtbaren Gegner während des Rennens messen. Es geht eben ums Zeitfahren. Nicht so wie bei Rundstreckenrennen, wo ja alle gleichzeitig auf der Rennstrecke sind und auf eine gewisse Anzahl Runden gefahren wird. Da kannst du die anderen beobachten und dich auf die einstellen. Wenn dann einer einen Fehler macht, meistens fliegt er dann sowieso ab, kannst du es eben besser machen. Irgendwie hast du dort viel mehr Möglichkeiten. Aber gegen die Uhr zu fahren ist eben ganz anders, aber sicher reizvoller. Schlicht und ergreifend, wer die bessere Zeit für eine gewisse Distanz hat, gewinnt eben. Da er, es ja viel besser als die anderen gemacht hat. So einfach ist das!«


Alex war nun ganz beeindruckt, »Interessant, wie du das so erzählst, aus dieser Richtung hätte ich das ja nie betrachtet«, er sah wehmütig zu einem Porsche Carrera 6 in Langheckversion, der recht imposant und wuchtig mit seinen breiten Rennreifen dastand.

»Du, Egon in dem da, würde ich liebend gerne mal ein paar Runden drehen.«

Egon schmunzelte etwas verschmitzt,

»wenn du den zum ersten Mal fährst, so richtig ausfährst bis zum Leistungslimit, dann gute Nacht Marie! Da machst du dir bestimmt in die Hose, so wie schon so mancher hier einen feuchten Sitz hatte.«


»Du glaubst wirklich, ich bin wie die anderen? Du traust mir nicht zu, dass ich das Bewerkstelligen könnte, auch ohne feuchten Sitz?«

»Das habe ich ja nicht gemeint, ich wollte doch nur erklären, wie es schon manch anderen erging«, meinte Egon und schien über die Reaktion erstaunt.

»Nun, wie auch immer, vielleicht könnte ich es dir ja einmal beweisen, dass du bei mir vollkommen falsch liegst.«

»Na ja Junge, ich denke, sollte dieser Fall wirklich eintreten, bin ich ja jederzeit gerne bereit, meine Meinung zu ändern. Ich musste in meinem Leben schon so oft meine Meinung ändern!«


Alex war schon ziemlich beeindruckt vom Gehörten und Gesehenen. Sie verließen dann beide die Halle und gingen wieder rüber zur Werkstatt. Paul schien wieder besser gelaunt, er hatte anscheinend jetzt doch noch eine gute Möglichkeit gefunden, wie der Motor ohne viel Probleme eingebaut werden konnte und vier leere Bierflaschen zeugten auch von Egons guter Menschenkenntnis.

Alex verabschiedete sich dann schnell von beiden und überließ sie ihrer kniffligen Arbeit.


7. Kapitel


So wie fast jeden Tag war Alex wieder in der Abendschule. Als der Unterricht beendet war und er endlich gehen konnte, bat ihn der Lehrer, noch zu einem Vieraugengespräch zu bleiben.


Etwas verlegen räusperte sich der Lehrer und begann mit seinem Statement. Er sagte, »Die vor Kurzem stattgefundene Lehrerkonferenz hätte ergeben, dass fast alle Lehrkräfte der einhelligen Meinung wären, dass er, trotz aller seiner Anstrengungen, das erforderliche Pensum wohl nicht erreichen wird können. Sie hätten nun alle größte Bedenken, weil einfach bei ihm die nötigen Grundvoraussetzungen einfach zu schwach ausgebildet wären. Schon bei der Aufnahmeprüfung waren dafür ja gewisse Zeichen feststellbar gewesen. Aber vielleicht aus schon damals zu großer Rücksichtnahme, man wolle doch schließlich einem bildungswilligen jungen Menschen den Weg nach oben nicht verbauen! Hätte man eben alle Augen einfach zugedrückt. So wie sich sein Fall nun darstelle, wäre das aber wohl eher ein schwerer Fehler gewesen. Kurzum, bei der Konferenz wäre also beschlossen worden, ihn jetzt noch ein Quartal zu beobachten. Sollten aber seine Leistungen weiterhin so negativ auffallen, müsste er, fest damit rechnen, die Aufforderung zu bekommen, seine Ausbildung aus freien Stücken abzubrechen.« Dem Lehrer war das Gespräch sichtlich unangenehm und er betonte ausdrücklich, Alex solle das aber in keiner Weise rein persönlich nehmen. Die Kritik richte sich ja ausschließlich gegen seine schulischen Leistungen.


Alex war innerlich doch tief getroffen, wenn auch nicht gerade verwundert. Nach ein paar nichtssagenden Verabschiedungsfloskeln stand er dann auf der Straße. Der Kopf brummte ihm, wie in einem Hochspannungstransformator. Er wusste sich im ersten Moment keinen Rat. Der Rüffel hatte gesessen. Seine Magennerven rebellierten plötzlich wieder, er merkte auch, wie sich seine Kehle zuschnürte und sein Mund ganz austrocknete wie eine Sandgrube in der Mittagshitze.


Er schlenderte dann langsam die Straße entlang, sah eine Kneipe und beschloss dort etwas trinken, um endlich den schlechten Geschmack im Mund wegzuspülen. Das kleine Lokal war zum Zerbersten gefüllt, er stellte sich an die Theke. Die Kellnerin eine dralle Person. Mit einem viel zu kurzen Rock und einem viel zu tief ausgeschnittenen Pullover. Aus dem ihr voller Busen nahezu herausquoll, fragte ihn, ob ihm denn nicht gut wäre, weil er im Gesicht so aschfahl sei.


»Mir ist ja fast zum Kotzen!«, klagte er.

Erschrocken bat sie ihn, das ja nicht im Lokal zu tun und bot ihm vorsichtiger weise gleich einen Kamillentee an.

Alex winkte forsch ab, »Ich brauche jetzt dringend einen doppelten Cognac und ein Glas Mineralwasser«, antwortete er sehr bestimmt. Die Kellnerin brachte daraufhin die Getränke widerspruchslos.


Er trank das Mineralwasser halb aus, leerte den Weinbrand in einem Zuge nach, das Zeug brannte fürchterlich bis in den Magen. Die Gäste im Lokal betrachtend, bemerkte er gleich wie fröhlich und ungezwungen sich die Leute unterhielten. Dies wäre ihm ja auch viel lieber gewesen. Anstatt in der verdammten Abendschule herumzulungern und sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die er sowieso nicht auf die Reihe bekam, wie er sich rückblickend dachte.


Er spürte wie sich seine Magennerven wieder etwas beruhigten und ihm der Alkohol leicht zu Kopf stieg und vermutete, dass sein leerer Magen diese wohltuende Wirkung noch begünstigte.

So bestellte er sich noch einen doppelten Cognac, den er ebenfalls in einem Zug leerte. Verlangte dann die Rechnung und fuhr anschließend etwas wacklig mit dem Rad zu seinem Domizil. Dort hatte er überhaupt keine Lust mehr irgendetwas anderes zu tun, als sich einfach hinzulegen. Er fühlte sich ziemlich benommen. Wollte das Gespräch mit dem Lehrer noch einmal geistig Revue passieren lassen, es gelang ihm aber einfach nicht. Er lag auf dem Bett, starrte eine Weile zur Decke. Merkte, wie der Alkohol seine Stimmung gehoben hatte, wodurch er alles auf einmal viel leichter ertragen konnte.


Plötzlich sah er die Dinge ja gar nicht mehr in so einem düsteren Licht, als er es noch im Lokal tat. Dort waren ihm Gedanken wie, Scheiße jetzt ist sicher alles aus – Du bist doch ein Versager – was wird denn die Claudia dazu sagen? – durch den Kopf geschossen, wie Kugelblitze. Nun auf dem Bett kamen ihm diese Gedanken gar nicht mehr, die waren plötzlich wie weggeblasen. Kein so schlechtes Gefühl fand er, einige Zeit später schlief er dann ganz einfach friedlich und ruhig ein.


Nach einem Tiefschlaf beim Frühstück, das er sich mit den vorbereiteten Sachen machte, die, die Zimmerwirtin immer Vortags für ihn bereitstellte, fühlte er sich eigentlich ganz Wohl und fit. Er radelte dann zur Firma, verrichtete seine Arbeiten so wie immer. Im Laufe des Tages zogen aber dann plötzlich wieder diese düsteren Gedanken durch sein Gehirn. Die Hausaufgaben, die er eigentlich in der Schule nachreichen sollte, waren schon seit längerer Zeit im Rückstand. Der Lehrstoff, der angegangen wurde, war ganz einfach für ihn um etliche Hausnummern zu groß. Er wusste ja, wie unsicher er darin war.


Zu Mittag im Pausenraum klagte er bei Egon, er hätte einen schlechten Magen. Egon in seiner Fürsorge, gab ihm gleich einen Magenbitter und sagte, er solle den mit einem Bier ablöschen. Das würde ihm dann sicher den Magen umdrehen, er würde sich dann bestimmt wieder besser fühlen. Er nahm den Magenbitter, ein ekelig schmeckendes Zeug, wie er bemerkte, trank dazu das Bier in einem Zug aus. Egon fürsorglich wie er nun einmal war, wollte sich dann am späten Nachmittag von der Wirkung seiner Therapie überzeugen, fragte wie, es ihm nun mit dem Magen ginge.


Alex verlangte noch einen Magenbitter, den er dann wieder mit Bier runter spülte. Inzwischen hatte er noch bei Paul, drei oder vier Bier mit getrunken. Vielleicht waren es auch mehr gewesen, er konnte sich aber nicht mehr genau erinnern. Mit dieser, für ihn ungewohnten Alkoholmenge fühlte er sich auf einmal ganz prächtig. Alle negativen Gedanken waren auf einmal wie weggeblasen.


Am Abend in der Schule ging danach plötzlich alles viel einfacher, als er es je erwartete, ja irgendwie befürchtete. Er war gar nicht, so wie immer von Selbstzweifeln geplagt. Nach dem Unterricht, ging er dann gleich wieder in das kleine Buffet und wollte dort noch einen Kaffee trinken. An der Theke stand eine kleine Gruppe Nachtschwärmer, die sich ganz prächtig unterhielten. Anscheinend feierten sie etwas. Wie Alex aus Wortfetzen schloss, die er so mithörte.

Er war ja gezwungenermaßen Mithörer, als die Leute sich Witze erzählten, dabei musste er auch öfters mitlachen.


Einer in der Gruppe bemerkte das und fragte ihn, ob er denn neue Witze kenne. Alex ließ sich nicht lumpen und gab einige aus seinem Repertoire zum Besten. Die Nachtschwärmer waren begeistert. Im Nu war er mittendrin in der Runde und wurde zu Getränken eingeladen. Ein Witz gab natürlich den anderen. Er steigerte sich, als er mitbekam, dass die jungen Leute den Polterabend eines Freundes feierten. Gefragt waren saftige scharfe Herrenwitze, von denen Alex ein paar gute auf Lager hatte. Die bei der Gruppe mit Gejohle und Pfiffe quittiert wurden.


Die Stimmung wurde immer lockerer und ausgelassener. Alex war in seinem Element, es wurde unheimlich viel getrunken, kunterbunt durcheinander. Weil er von verschiedenen Leuten aufgefordert wurde „ex“ zu trinken. Sie tranken ja alle „ex“, so merkte er gar nicht mehr, wie viel er eigentlich trank. Alex schmiss auch einige Runden, die wiederum wurden auch wieder zurück spendiert.


Er wusste dann im Endeffekt gar nicht mehr, was und wie viel er in sich hineingeschüttet hatte. Wunderte sich nur, dass sich urplötzlich auf einmal alles drehte, dann wurde ihm auf einmal ganz schwarz vor den Augen ...


8.Kapitel


Als es langsam wieder um ihn hell wurde, wusste er überhaupt nicht, wo er sich befand. Er fühlte tastend um sich, viel weichen Stoff. Sein Schädel brummte, wie eine Hochspannungsleitung im Winterfrost. Arme und Beine waren so schwer wie Beton. Er ließ seine Blicke umherschweifen, jetzt erst bemerkte er das Bett, in dem er lag. Am Bettrand sah er undeutlich die Umrisse einer Gestalt, das Licht im Raum war angenehm gedämpft, es kam von einer Lampe, die mit einem Tuch verhüllt war.


»Wo bin ich eigentlich, was ist denn passiert?«, stammelte er vorsichtig leise.

»Psst, du bist bei mir!«, antwortete eine angenehme gedämpfte Stimme, die ihm aber schon irgendwie bekannt vorkam.

Die Gestalt beugte sich nun über sein Gesicht, er spürte eine kühlende Hand auf seiner Stirn, die von kaltem Schweiß bedeckt war.

Jetzt erst riss er seine Augen weit auf, erblickte nun deutlich das Gesicht der Gestalt.


»Susi! Du?«, seufzte er erleichtert aufatmend.

Sie lächelte ihn etwas mitleidsvoll an.

»Wie komme ich denn hierher?«, wollte er dann wissen.

»Alex, komm trink das jetzt! Bitte«, sie hielt ihm den Kopf hoch und ein Glas an die Lippen.

Er spürte den scharfen, aber nicht unangenehmen Geruch, der dem Glas entwich, und trank das halbe Glas aus.

»So ist es gut, das wird dir helfen, Schlaf jetzt noch ein wenig, ja?«, Susi legte ihm den Kopf wieder auf das Kissen, richtete die Decke, trotzdem er zugedeckt war, fror er eigenartigerweise ganz leicht.


Susi knipste dann die Lampe aus und sagte dabei,

»Wenn du etwas brauchst, ruf mich einfach, ich bin gleich nebenan!«

Matt nickte er nur kurz und schlief gleich wieder ein.

Wie lange er danach geschlafen hatte, wusste er nicht. Er hatte überhaupt kein Zeitgefühl, war es jetzt Tag oder Nacht? Fragte er sich. Im Raum war es für ihn angenehm dämmrig, dank der zugezogenen Vorhänge. Er suchte die Leuchtzeiger seiner Uhr am Handgelenk, merkte, dass er gar keine Uhr um hatte und fühlte auf einmal, dass er vollkommen nackt im Bett lag. Er versuchte, sich zu erinnern, was war denn eigentlich überhaupt alles Geschehen?


Abendschule aus – Kneipe – lustige Runde – Witze – viel zu trinken – verdammt viel zu trinken! – dann eine Lücke – dann Susis Gesicht, mit ihren langen roten Haaren, die grünen funkelnden Augen, die ihn mitleidsvoll, aber sehr zärtlich angeblickt hatten. Das war eigentlich alles, was sein geistiger Film zeigte, der jetzt in ihm vorbeilief.

Susi kam wieder ins Zimmer, knipste das Licht an und stellte ein kleines Tablett aufs Bett. Alex blinzelte etwas geblendet und stützte sich mühsam auf, schämte sich plötzlich, da er ja nichts an hatte.

»Brauchst dich ja überhaupt nicht vor mir zu genieren, schließlich habe ich dich ja auch ausgezogen!«, sie lächelte vielsagend und sprach gleich weiter, »alle deine Sachen sind gezwungenermaßen in der Waschmaschine.«

Verwundert meinte er,

»Ich verstehe jetzt überhaupt nichts mehr, was ist denn eigentlich passiert?«

Sie goss herrlich duftenden Kaffee in eine Tasse und reichte sie ihm,

»Hier, trink erst mal, sicher weckt der Kaffee die Lebensgeister wieder«, sie setzte sich zu ihm aufs Bett.


Alex trank schluckweise heißen Kaffee, er sah, dass sie unter ihrem Morgenmantel überhaupt nichts anhatte, er nippte an der Kaffeetasse, die er mit beiden Händen hielt. Sie zog ihre langen schlanken Beine an und saß jetzt im Türkensitz auf dem Bett, ihr Morgenmantel klaffte jetzt völlig unter dem Gürtel auf. Er blickte auf ihre langen wohlgeformten Beine, von der Hüfte abwärts. Sie bemerkte seine interessierten Blicke und zog langsam den Mantel so zu, dass nur mehr ihre Beine ab dem Knie frei waren.


Dann sagte sie,

»Jetzt erzähle ich dir mal, wie du hierher gekommen bist. Gestern Nacht war ich bei Freunden zu einer Gartenparty eingeladen. Lauter stocksteife Akademiker waren da versammelt. Die sich mit ihren noch langweiligeren Geschichten gegenseitig auf die Nerven gingen. Da ist es mir dann irgendwann doch zu bunt geworden und ich bin einfach abgehauen. Ich wollte nun nach Hause fahren, unterwegs habe ich gemerkt, dass ich meine Zigaretten dort liegen ließ, eine mittlere Katastrophe. Denn wenn ich nach dem Frühstück keine rauchen kann, ist mir ja schon der ganze Tag verleidet. Ich hielt also an der kleinen Kneipe, um mir welche zu besorgen. Da liegt doch ein völlig betrunkener am Boden, rundherum noch mehr davon, die alle irgendwie helfen wollten, doch wie die alle beisammen waren, wohl selbst Hilfe gebraucht hätten. Die Kellnerin ganz verzweifelt, zuckte schon völlig aus. Sie hatte die Ambulanz verständigt, die auch rasend schnell da war. Der Notarzt hatte dann alle Hände voll zu tun, wollte aber keinen der Besoffenen mitnehmen. Außer demjenigen, der sich in seinem Suff in die Zunge gebissen hatte und daher ziemlich stark blutete. Der Notarzt forderte dann über Funk die Polizei an, die kam auch gleich, mit zwei Funkstreifenwagen. Um dir die Ausnüchterungszelle zu ersparen, habe ich mich als deine Frau ausgegeben. Du verzeihst mir doch? Die Sanitäter haben dich dann in meinen Wagen verfrachtet. Wir sind dann hierher gefahren. Von der Garage bis hierher, habe ich mit dir eine halbe Stunde gebraucht. Im Flur hast du dich dann erbrochen, die ganze Bekleidung war vollgekotzt. Endlich warst du dann im Bett. Unsere Sachen haben gar nicht gut gerochen. Ich habe alles in die Waschmaschine getan, muss wohl bald trocken sein. Ich bin dann am Bett gesessen. Du bist plötzlich ganz unruhig geworden, hast nur mehr unzusammenhängendes Zeug gefaselt. Hast dann wild um dich geschlagen, bist aus dem Bett gefallen. Es blieb mir ja nichts anderes übrig, als mich zu dir zu legen. Du hast dich dann endlich beruhigt und bist dann endlich, wie ein Baby in meinen Armen eingeschlafen. So jetzt weißt du, wie es war!«


Alex erschrak bei diesen Ausführungen und fühlte sich plötzlich ganz ungut,

»Susi, es tut mir leid, wirklich sehr leid, dass du solche Unannehmlichkeiten meinetwegen hattest, ich, ich ...«

Sie unterbrach ihn,

»Lass gut sein, Alex, du hast mir ja schließlich den miesen Abend und die Nacht, nach dieser langweiligen Party gerettet. Ich liebe nämlich Aktion und das Beste war, ich konnte mit dir so schön kuscheln. Kuscheln ist doch etwas Schönes. Besonders dann, wenn es nicht von irgendwelchen Hintergedanken getragen ist. Das Alleine war es ja schon Wert, glaube mir.«


Alex fühlte sich plötzlich ziemlich ungut zugleich beschämt,

»Ich werde es gutmachen, wieder gutmachen, das kannst du mir glauben, Susi, du bist schon ein tolles Mädchen!«

Sie errötete leicht und zupfte etwas verlegen an ihrem Morgenrock und sagte rasch,

»Ja, ja, ist schon gut, bist du jetzt eigentlich bereit für ein kräftigendes Frühstück, so Ham and Eggs? Oder lieber etwas anderes? Ich für meinen Teil habe jetzt nämlich einen Riesenhunger!«


Alex spürte viel eher Durstgefühl und das gar nicht zu knapp,

»Ich kann doch nicht hierbleiben, ich muss doch zur Arbeit. Wie spät ist es denn jetzt eigentlich? Außerdem habe ich ja auch gar nichts an!«

Sie bog ihren Kopf zurück und lachte dabei hell auf,

»Heute brauchst du nicht mehr zur Arbeit, ich habe nämlich Baumann angerufen, dass es dir gar nicht gut geht. Er lässt dich auch schön grüßen, außerdem ist es schon zehn Uhr vorbei und ich liebe in aller Welt nichts mehr, als einen nackten Mann zum Frühstück. Ha .... ha ..., sollte ein Scherz sein! Hier hast einen Bademantel, wenn du aufstehen willst, das Badezimmer ist dort drüben!«, sie deutete auf eine Tür.

»Ich gehe jetzt mal in die Küche und decke den Tisch auf der Terrasse. Wir essen an der frischen Luft, ich rufe dich, wenn es, dann soweit ist, ja?«, sie sprang dann flott vom Bett und verließ das Schlafzimmer, warf ihm an der Tür noch einen Luftkuss zu. Er ließ sich wieder in die Kissen fallen, Puuuuuh ..., schöne Bescherung, dachte er, das Antikater-Getränk, auch der Kaffee hatten wohl schon ihre Wirkung getan. Die Gedanken wurden auf einmal wieder klarer, er begann diese außergewöhnliche Situation sogar irgendwie zu genießen.


Er stand dann zwar noch etwas wackelig auf, ging ins Badezimmer. Sah sich dann im Spiegel, oh Gott, sagte er sich, als er sich darin so anblickte, der Ritter von der traurigen Gestalt, unrasiert, mit ziemlich zerknittertem Gesicht. Die dunklen Haare standen in alle Richtungen. Erst einmal so richtig duschen und restaurieren, war sein erster Gedanke. So duschte er erst Mal ausgiebig, putzte sich die Zähne mit Zahnpaste und Zeigefinger, er fand dann auch einen Rasierapparat mit allen erforderlichen Utensilien dazu. Sogar ein gut duftendes Rasierwasser in einem teuer aussehenden Flakon war vorhanden, das er dann auch benützte.


Von der Terrasse hörte er,

»Alex! Alex! Frühstück! Kommst du?«

Er nahm sich den Bademantel, zog ihn über, ging durch ein paar Zimmer und fand dann die Terrasse.

Susi saß dort am Tisch, der überaus reichlich gedeckt war, sie schenkte gerade Kaffee ein. Er ließ seinen Blick über die Köstlichkeiten schweifen, es gab Toast-Käse-Eier-Honig-Orangensaft-Schinken und allerlei andere gute Sachen.

»Sieht ja richtig toll aus«, meinte er vergnügt, »und hungrig bin ich jetzt ja auch!«

»Nun, dann greif doch ordentlich zu, damit du wieder zu Kräften kommst«, sie reichte ihm den Toast Korb.


»Du hast es ja hier wirklich sehr schön, das prachtvolle Haus, so geschmackvoll eingerichtet, dazu dieser herrliche Garten und dann noch das fürstliche Frühstück. Ich komme mir ja direkt vor, wie der Pascha von Marrakesch«, meinte er und er strich sich einen Toast, dann wollte er wissen, »Sag mal, wohnst du hier ganz alleine?«

»Wie kommst du denn darauf?«, antwortete sie und blinzelte ihn über den Rand ihrer Kaffeeschale an, die sie mit beiden Händen vor dem Mund hielt.

»Nun wegen des Rasierapparates, den ich im Bad fand, ich befürchtete schon, dass jeden Moment der Besitzer ins Bad kommt.«


Belustigt lachte sie auf, »Der Besitzer wäre ja gerne ins Bad gekommen, aber es ging gerade nicht, weil ich ja das Frühstück machte. Den Rasierapparat benütze ich immer, nur zum Beine rasieren. Aber tröste dich, ich wohne hier tatsächlich ganz alleine. Das Haus gehörte meinem Vater. Er war Arzt, hier im Bezirkskrankenhaus und ist aber dann später nach Afrika gegangen, er wollte danach im Tropeninstitut arbeiten.«

»Du sagtest, Gehörte?«

»Richtig, er ist tot, mit dem Flugzeug im Busch abgestürzt, das war vor genau fünf Jahren!«


»Das tut mir wirklich leid!«, er sah sie mit traurigem Blick an.

»Meine Mutter hatte sich, als er Europa verließ, scheiden lassen. Sie lebt jetzt mit einem Diplomaten in Schweden. Ich habe dann als Alleinerbin alles übernommen«, sie blickte etwas traurig, fing sich aber sichtlich schnell wieder und sprach weiter,

»jetzt verprasse ich eben das ganze geerbte Vermögen, bis überhaupt nichts mehr da ist!«


Alex war betroffen aber auch überrascht,

»Denkst du denn nicht an die Zukunft?«

Susi sah ihn etwas nachdenklich an, »Zukunft? Ach was, lass uns doch einfach über andere Dinge reden, ja!«

»Über was möchtest du denn gerne sprechen?«

»Über dich zum Beispiel, warum eigentlich betrinkt sich so ein netter Junge, dass er dann nicht mehr stehen kann und auch nicht mehr weiß, wie er heißt?«, mit fragendem Blick sah sie ihm tief in die Augen.


»Ja siehst du, genau das ist ein Thema, über das ich nicht gerne spreche. Aber sicher deswegen, damit er, mit dir dann auf der Terrasse, umgeben vom herrlichen Garten, frühstücken kann und überhaupt nicht mehr weiß, wie er sich jemals dafür revanchieren kann.«

Sie lachte amüsiert, »Aber ich weiß es, der Trunkenbold wird jetzt einfach zur Wiedergutmachung zum Rasenmähen verdonnert! Nein, im Ernst, ich wollte nämlich heute den Garten machen. Wenn man da nicht immer dahinter ist, verwildert doch alles. Hilfst du mir vielleicht ein bisschen dabei?«


»Was für eine Frage? Natürlich gerne, wo du mich ja gerettet hast, vor Ausnüchterungszelle und Baumann heute.«

Sie sprang gleich unternehmungslustig auf, streckte ihm die Hand hin,

»Los, komm, lass einfach alles stehen. Wir Gärtnern jetzt, komm mit, umziehen«, sie ergriff seine Hand und führte ihn zu einem kleinen hölzernen Gartenhaus.


Darin befanden sich alle Gartengeräte und andere Utensilien. Ließ kurzerhand ihren Morgenmantel fallen und stand plötzlich da, wie Gott sie schuf. Alex wurde heiß und zugleich etwas verlegen beim Anblick. Sie nahm einen Arbeitsmante,l zog ihn über, gab ihm auch einen, »Komm, zieh dich um!«

»Aber wir können doch nicht so ... im Garten ...«

»Papperlapapp und ob wir können, normalerweise ziehe ich ja nicht einmal den an, wenn ich bei so schönem Wetter im Garten arbeite!«


Alex war davon sogar fest überzeugt, denn er hatte vorher nicht den winzigsten weißen Streifen irgendwo an ihrem Körper entdecken können, der war ja überall gleichmäßig gebräunt.

»Außerdem keine Angst, der Garten ist von außen ohnehin uneinsehbar, also los, du mähst bitte den Rasen und ich muss ein paar Sträucher hochbinden, Okay?«

Alex zog den Mantel an, drehte sich aber dabei um, dann schnappte er sich den Rasenmäher und begann mit der Arbeit.


Er beobachtete Susi, wie sie flink und gekonnt arbeitete und schuftete, sich mit dem Rasenmäher ab, zweimal musste er den Tank nachfüllen. Sie winkte ihm zu, lachend rief sie, »Alex weiter so, du machst es fabelhaft, dafür gibt es nachher auch eine schöne Belohnung!«

Alex ratterte mit dem Mäher, dass die Grashalme nur so flogen, er schwitzte, der Arbeitsmantel klebte an seinem Körper. Er kam sich damit ohnehin irgendwie lächerlich vor, am liebsten hätte er ihn ja gleich ausgezogen. Aber er genierte sich zu sehr, ja wenn ich hier ganz alleine wäre, dachte er sich.


Susi kam dann irgendwann zu ihm und brachte kühles Mineralwasser mit Zitrone, er trank zügig, um den großen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.

»Puh, hätte nicht gedach,t dass Rasenmähen so anstrengend sein kann!«, meinte er immer noch schnaufend.

Sie lachte,

»Tja, der Nachbarjunge braucht auch immer zwei Tage dafür, als Schüler verdient er sich gerne ein zusätzliches Taschengeld, weißt du. Ja und du, hast fast alles in drei Stunden erledigt, alle Achtung!«


Die Sonne stand schon sehr tief, tauchte alles grün, in ein starkes Rot. Alex hatte gerade die letzten Flächen gemäht. Susi zupfte noch etwas Unkraut, wie er sah. Kurze Zeit später waren dann alle Arbeiten erledigt. Sie räumten dann gemeinsam die Geräte weg. Susi, nahm ihn an der Hand und meinte,

»Komm ins Haus«, meinte sie, »Wir gehen jetzt erst mal ausgiebig duschen, ja?«

Unsicher fragte er, »Wir? Zusammen?«

»Natürlich zusammen, oder stört es dich vielleicht?«


»Nein, nein, natürlich nicht«, kam seine Antwort etwas verlegen. Im Badezimmer dann warf sie ihren Arbeitsmantel einfach zu Boden, warf seinen gleich dazu. Bugsierte ihn sanft aber mit Nachdruck in die Dusche, drehte das Wasser auf eine angenehme Temperatur. Nahm ein herrlich duftendes Duschshampoo und seifte ihn damit zärtlich ein. Dabei massierte sie seinen verspannten Nacken, den Rücken und er dachte gleich wieder an den Daumen seinerzeit. Das war schon ein Erlebnis gewesen, an das er ja danach noch öfters denken musste. Aber jetzt, er genoss es richtig, so zärtlich behandelt zu werden.


Susi brauste ihm dann alle Shampoo-reste vom Körper und sagte,

»So und jetzt bitte umgekehrt«, sie reichte ihm ein anderes Shampoo.

Er goss ein wenig von der Flüssigkeit auf seine Hand und rieb es auf ihre zarte Haut, auf den Körper, auf den ganzen Körper. Sie drehte sich dann um.

»Bitte auf den Rücken mehr, vielmehr und fest ein Massieren, ja?«

Gott sei Dank, dachte sich Alex, irgendwie geniere ich mich jetzt. Er musste einigen Abstand halten, hoffentlich dreht sie sich jetzt nicht wieder um, dachte er sich, das wäre mir aber gerade jetzt sehr peinlich.


Sie drehte sich natürlich um, er nahm schnell die Brause und spritzte ihr damit voll ins Gesicht. Sie kreischte gleich auf, »Alex du bist ja gemein, du kleiner Schuft, jetzt wo es ja erst richtig interessant wurde!«

Er sprang wieselflink aus der Dusche und trocknete sich schnell etwas ab und dachte, oh Gott, das ist ja nicht auszuhalten, sag, dass das alles nur Traum ist. Er kniff sich in die Backe, es tat weh, es war also kein Traum.


Susi kam dann aus der Dusche, wickelte sich ein Handtuch um den Kopf und sah damit aus, als hätte die einen riesigen Turban auf, sie begann sich ganz ungeniert vor ihm abzutrocknen,

»Ich werde mir jetzt die Haare föhnen, das dauert bei der Länge etwas«, meinte sie,

»Wenn du willst, kannst du dich nebenan ein bisschen hinlegen und ausruhen!«

Alex verschwand liebend gerne im Schlafzimmer, legte sich bäuchlings aufs Bett, aus dem Badezimmer drang monotones Summen des Föhns.


Er lag eine Weile da, plötzlich verstummte das Geräusch im Bad. Er spürte auf einmal, ihren weichen, warmen nackten Körper an seiner Seite. Dann den langen leidenschaftlichen Kuss, den sie ihm gab, während er fühlte wie sie ihn zärtlich und doch fest umschlang. Das betörende Parfüm, dass sie verwendet hatte, steigerte sein Verlangen plötzlich noch mehr. Ja, er wollte nicht mehr widerstehen, konnte eigentlich gar nicht mehr widerstehen. In dieser Nacht duschten sie dann noch einige Male.


9. Kapitel

Am nächsten Morgen war er dann wieder pünktlich in der Arbeit, Susi hatte ihn rechtzeitig mit dem Wagen dort abgeliefert. Paul sah ihn am Eingang aus ihrem Wagen steigen und fragte ihn, »Na Junge, fühlst du dich jetzt schon wohler?«

Alex glaubte, gleichzeitig einen leisen Unterton mit heraus zu hören.

»Na klar, Paul und wie Wohl! So gut habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt!«

Paul murmelte, »Ja, das kann ich mir ja auch gut vorstellen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Alex und lauerte auf die Antwort.

»Ach nichts weiter, nur so. Im Übrigen hatte gestern ein Mädchen für dich angerufen. Eine gewisse Claudia, sie sagte, sie muss dich unbedingt dringend sprechen«, antwortete Paul mit einem breiten Grinsen im Gesicht.


Alex spürte, wie plötzlich sein Pulsschlag zunahm, wollte sich aber nichts anmerken lassen.

»Danke dir für die Nachricht, ich werde mich gleich darum kümmern«, antwortete er und tat auf scheinbar gelassen.

»Keine Ursache, ich muss jetzt aber an die Arbeit. Wir sehen uns ja noch, mach’s gut!«, Paul verschwand in der Werkstatt.

Scheiße, dachte sich Alex, jetzt gibt es bestimmt riesigen Ärger. Ich hätte Claudia doch gestern irgendwie noch anrufen sollen. Für die verdammte Schule muss ich mir dann auch noch eine gute Ausrede einfallen lassen, verfluchter Mist. Aber was? Werde ich denn sagen?, er fand aber im Moment darauf keine Antwort.


Er arbeitete dann gewissenhaft alles nach seinem Terminbuch auf, wenigstens das, wäre geschafft, dachte er sich tröstend. Es waren zwar Überstunden nötig gewesen, aber das war ihm jetzt völlig egal. Egon nahm ihn dann bei Arbeitsschluss mit seinem Wagen in die Stadt mit, wo er bei der Kneipe hielt, damit er sein Fahrrad holen konnte. Irgend jemand hatte ihm aber die verdammten Reifenventile geklaut, es war natürlich keine Luft in den Reifen. Ziemlich verärgert schob er dann das Rad zur Schule und fluchte innerlich.


Dort begrüßte ihn der Lehrer gleich mit den Worten,

»Nun, Herr Rathey auch mal wieder hier? Bestimmt können Sie die Hausaufgaben heute auch nicht abgeben, da wohl nicht vorhanden, oder irre ich mich?«

Alex zuckte bei diesen Worten zusammen, »Sie haben ja absolut recht mit den Aufgaben, aber die viele Arbeit im Betrieb, ich hatte ja keine ...«


Der Mann schnitt ihm abrupt das Wort ab, funkelte ihn wütend an, »So geht das aber nicht! Herr Rathey, bis jetzt war ich ja immer der Meinung, sie können es ganz einfach nicht! Dadurch habe ich sie bei meinen Kollegen auch immer verteidigt. Die sowieso alle der Ansicht sind, dass sie eigentlich gar nicht wollen. Ich gebe nun offen zu, ich hatte mich auch geirrt, ich sehe jetzt auch ganz eindeutig, dass ja eigentlich beides zutrifft!«


»Aber...«

»Kein aber. Ich werde mich in der Lehrerkonferenz ihretwegen nicht mehr quer legen. Ich habe es gelinde gesagt einfach satt, mich dem Gespött meiner Kollegen weiterhin auszusetzen, Herr Rathey. Ich rate ihnen sehr dringend, die Konsequenzen zu ziehen und den Unterricht aus eigenen Stücken abzubrechen. Für Leute die nicht können haben wir wenig Platz, für Leute die nicht können und auch nicht wollen, gibt es hier aber überhaupt keinen Platz!«


Der Lehrer sah ihn mit stechenden unerbittlichen Blick und ganz kleinen Pupillen an. Alex wurde plötzlich auf eigenartigerweise innerlich ganz ruhig,

»Sagen sie, haben nicht zufälligerweise irgendwo eine Luftpumpe?«, fragte er den Lehrer, der ihn jetzt völlig verblüfft musterte.

Ohne auf die Antwort zu warten, ließ er den Lehrer ganz einfach stehen, der ihn, wie er zuvor an seinem erstaunten Gesichtsausdruck sah, wahrscheinlich jetzt auch noch für verrückt erklärte.


Er ging dann wieder schnurstracks zu seinem Fahrrad, dass ja am Fahrradständer abgestellt war. Von einem Fahrrad daneben, nahm er die Reifenventile und die Luftpumpe herunter, behob seinen Schaden und strampelte los. Etwas später bog er gerade in die Straße, in der er ja wohnte, vor dem Haus parkte der alte Käfer. Vor Schreck rutschte er beinahe vom Sattel. Unheil-ahnend stieg er ab, ging, die letzten Meter zu Fuß auf den Wagen zu. Er hatte gleich richtig vermutet, Claudia saß im Wagen.


Er klopfte an die Scheibe, mit eiskaltem Blick kurbelte sie das Fenster herunter.

»Hallo, Claudia! Ich ...«

»Alex, bitte, bemühe dich nicht, ich weiß alles!«, knurrte sie ihm mit steinerner Miene entgegen, »ich bin jetzt hier, um es dir persönlich zu sagen. Ursprünglich wollte ich dir ja lieber schreiben, aber nein, ich will es dir sagen, muss es sagen, - es ist endgültig aus zwischen uns!«


Alex starrte sie an und schluckte, er wollte sich rechtfertigen,

»Claudia! Claudia! ...«

»Ach lass nur, spare dir deine Worte. Die Serviererin vom Espresso, wohnt einen Stock über uns. Einer der Sanitäter ist ihr Mann, muss ich noch mehr erzählen?«, sie blickte ihn verdammt bösartig an, »gestern abends, war ich ja auch hier und wo bitte warst du?«

»Claudia, bitte ...«, er versuchte es noch einmal.


»Ach was, schere dich doch zum Teufel, spare dir doch einfach die faulen Ausreden, Alex, du bist ein Versager, ein Trinker, ein Nichtsnutz, ein ...«, sie drehte kurzerhand den Zündschlüssel. Die verdammte Mistkarre sprang aber diesmal sofort erbarmungslos an, sie fuhr los.


Er lief neben dem Wagen her, er hatte keine Chance.

So stand er dann keuchend auf der Fahrbahn und schrie verzweifelt laut,

»Himmel Arsch und Zwirn, was für ein bescheuerter Tag heute!«

Aus einem geöffneten Fenster, rief ihm jemand zu,

»Auch wenn Sie recht haben, bitte etwas leiser, es ist 24 Uhr vorbei, sonst rufe ich die Polizei!«

Alex fühlte sich plötzlich schlecht, kraftlos und leer, er setzte sich auf den Randstein, hielt seinen Kopf zwischen beiden Händen. Was mache ich jetzt? Waren seine Gedanken, wieder in die alte Bude gehen? Nein, das halte ich jetzt einfach nicht aus! Er hob dann das Rad auf, das auf dem Trottoir lag, strampelte los und bog in die Seitenstraße, die in Richtung der kleinen Kneipe lag.

Alex wachte benommen auf und fühlte, die eher sehr harte Unterlage auf der er lag, es fröstelte ihn. Er versuchte, sich zu orientieren, sah zur Decke des Raumes, über ihm hing eine vergitterte Leuchtstoffröhre, die ein sonderbares kaltes grelles Licht abstrahlte. Er sah nach links, eine graue schmutzige Wand sprang in sein Blickfeld, sah nach rechts, ebenso eine graue Wand. Er hob den Kopf, was ihm aber ziemlich schwerfiel, da sein Schädel brummte wie ein Bienenstock. Sah gerade aus vor sich, auf eine graue Stahltür. Er ließ den Kopf wieder zurücksinken, verdammt wo bin ich denn jetzt hier eigentlich? Durchzuckte es ihn.


Er hörte dann Schlüssel Geklapper an der Tür, sah, die Gestalt eintreten, sein Blick war trübe und verschwommen, er konnte alles nur undeutlich erkennen. Er spürte auf einmal, wie seine Wange ziemlich unsanft getätschelt wurde, eine Stimme sagte,

»Hören Sie mich? Sind Sie wach? Wie heißen Sie?«

»Ja, ich höre Sie, mein Name Alexander Rathey«, antwortete er matt, etwas leise.

»Dann bitte auf! Kommen Sie mit!«, forderte die Stimme forsch.


Alex erhob sich ziemlich mühsam, stand etwas wacklig da, die Hose rutschte ihm herunter, er zog sie unbeholfen wieder hoch.

»Los jetzt! Gehen wir!«, die Stimme war sehr ungeduldig.

Er folgte ihr wie in Trance, in einen anderen Raum, dort bekam er seine Schnürbänder, seinen Gürtel und seine Uhr zurück. Er musste dann ein Formular unterschreiben, man gab ihm auch seine Geldtasche, mit der Bemerkung der Unkostenbeitrag wäre ja schon abgezogen.


»Sie können jetzt gehen!«, sagte man ihm.

Alex stand auf der Straße, der Lärm dröhnte infernalisch in seinem Kopf. Er fühlte sich schwach und merkte schnell, dass er wohl nicht imstande wäre, eine längere Strecke ohne Probleme zurückzulegen. Er sah dann eine Parkbank, die er gleich in Besitz nahm und schlummerte dort eine Zeitlang vor sich hin. Es wurde ihm unbequem, er legte sich lang und schlief dann auch sofort ein.


Als er erwachte, sah er auf seine Uhr, es war nach 21 Uhr, er fühlte sich wie gerädert, ihm war kalt, alle Knochen schmerzten. Langsam kamen ihm die Bilder wieder ins Gedächtnis, der perplex dreinschauende Lehrer, als er ging. Claudia, die mit wütendem Ausdruck und quietschenden Reifen wegfuhr. Die Kneipe mit den Gewohnheitssäufern, die ihn immer wieder 'ex' trinken ließen. Die Polizisten, die ihn in den Funkstreifenwagen bugsierten. Dann eine Gedächtnislücke, die er trotz aller Anstrengung nicht schließen konnte.


Während er noch so nachdachte, um den ganzen Ablauf doch noch irgendwie auf die Reihe zu bekommen, was ihm aber nicht gelang. Erschienen plötzlich zwei Gestalten, die ziemlich beschädigt aussahen. Alex sah sie auf sich zu kommen. Eine der Gestalten sagte zu ihm,

»He, Junge! Das ist nämlich unsere Bank. Mach, dass du da schleunigst wegkommst!«. Die andere Gestalt meinte, »So lasse ihn doch, der ist doch auch so ein armes Schwein wie wir, schau ihn dir doch an!«


Alex erhob sich, hinter sich hörte er noch den einen Mann zum anderen sagen,

»So ein Penner, da könnte doch jeder kommen und uns unsere Bank wegschnappen wollen, hättest ihn doch wenigstens um Geld anhauen können.«

Alex kam dann vom Park mit müden Schritten auf die Straße. Er überlegte kurz, und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, wo er denn sein Rad gelassen hatte. Es fiel ihm partout nicht ein. So ein Mist, sagte er sich, nicht einmal das weißt du, was weißt du denn überhaupt?


Er blickte an sich herunter, die Kleidung war verdreckt. Die Hose schmutzig total zerknittert, Hemd und Jacke ebenso, seine Sachen sahen jetzt eigentlich so aus, wie er sich innerlich fühlte. Mit einem fürchterlichen Geschmack im Mund, als hätte ihm eine Katze hinein gemacht. Außerdem bekam er jetzt ein starkes Hungergefühl. Als er sich umblickte, sah er plötzlich eine Würstchenbude, vor der, einige Leute standen und irgendetwas verzehrten. Er steuerte gleich darauf zu, bestellte, eine scharfe Wurst und ein Bier. »Macht genau 48, -- Schilling«, sprach der Wurstmann, »aber im Vorhinein, bitte schön!«. Dabei schaute er Alex misstrauisch an. Alex kramte in seinen Taschen nach der Geldbörse und bezahlte dann schweigend und gottergeben.


Wie ein Kettensträfling kurz vor dem Verhungern verschlang er dann die Wurst, ließ das Bier durch die Kehle laufen und bestellte sich noch eins. Während er das zweite Bier nunmehr sehr langsam trank, fielen ihm die Ereignisse des Vortages wieder ein. Alle guten Vorsätze in puncto Abendschule und so, zerplatzt wie ein Ballon. Dann Claudia, ach Claudia, die ihn bisher immer aus Schwierigkeiten heraus geholfen hatte, ich bin ja selber Schuld! Ach was! Sie ist ja auch irgendwie mitschuldig, in ihrer Art, konsequent und unnahbar. Die ihn schon oft enttäuschte immer wenn er mehr wollte, als nur Küsse und kleine intime Zärtlichkeiten, ließ sie ihn einfach kalt abblitzen.


Ihre blöden, seiner Meinung nach unzeitgemäßen Ansichten, wir sind doch noch nicht verheiratet, nicht einmal verlobt, waren ihm schon so oft auf die Nerven gegangen. Er musste dann aus Respekt und aus Rücksicht auf ihre Gefühle immer nachgeben. Seine Tante, die Claudia eigentlich überhaupt nicht mochte. Weil sie ja immer betonte, dass sie eigentlich gar nicht zu ihm passe, da sie ihrer Meinung nach, eine kalte sehr berechnende Person sei. Hat sie am Ende vielleicht doch recht gehabt? Alex war sich plötzlich nicht mehr ganz so sicher.


Welch ein krasser Unterschied zu Susi, die ja verstand sich das zu nehmen, was sie wollte und wie, sie es wollte. Trotzdem alles was er so mit Susi erlebte und noch so genoss, er war in seinem Innersten nicht so ganz froh dabei, er kam sich irgendwie wie benützt vor. Es schmeichelte ihm zwar, dass seine gesellschaftliche Stellung, seine berufliche Tätigkeit, bei ihr überhaupt keine Rolle spielten, er führte das irgendwie auf ihre Reife zurück. Sie war ja gut um acht Jahre älter als Claudia, eben ein ganz anderer Typ Mensch, so unkompliziert. Gerade auch in der Weise, die er sich bei Claudia immer so gewünscht hätte.


Er überlegte nun krampfhaft, wie er, sich nun gegenüber Claudia verhalten müsste. Um sie wieder für sich zu gewinnen, vielleicht wäre es am besten erst einmal ein wenig Gras über die ganze Sache wachsen zu lassen, dachte er sich dann.

Alex noch ganz in Gedankenversunken, hatte nun das zweite Bier getrunken, bestellte noch ein drittes, das er auf zwei Züge hinunter laufen ließ. Auch um das flaue Gefühl in seinem Magen, zu bekämpfen, das er durch seine Grübeleien jetzt verspürte. Dann kippte er noch einen doppelten Weinbrand drauf. Leicht benebelt, kam ihm dann der Gedanke, wenn ich jetzt wieder so flott weitermache, lande ich bestimmt wieder dort, wo ich doch schon in der früh war. Da war ihm doch die erste Version, wo er der Ausnüchterungszelle, auf später so Angenehme Weise entgangen war, ja schon wesentlich lieber.


Er fasste dann den Entschluss einfach bei Susi vorbei zu schauen. Vielleicht würde ihn das aus seiner miesen Stimmung befreien und er könnte sich bei ihr auch ein wenig restaurieren. Also, machte er sich zu Fuß zu ihr auf den Weg. Er kam dann in die Straße, wo ihr Haus stand, vor dem Haus parkten viele Autos, alle Luxusklasse, auch in der Einfahrt war alles zugeparkt.


Das Haus selbst war hell erleuchtet, in allen Zimmern brannte Licht. Musik erklang aus den Fenstern, Stimmengewirr und lautes Gelächter war zu hören. Alex setzte sich auf den Rasen eines gegenüberliegenden Hauses und beobachtete vorerst einmal die Szene. Er traute sich gar nicht, in seiner jetzigen Aufmachung, so einfach dort drüben aufzutauchen.


Mittlerweile war es gegen 1.00 Uhr früh geworden. Da verließen einzelne Personen, in Abendgarderobe das Haus, Susi verabschiedete diese an der Haustür. Sie trug ein aufregendes langes schwarzes Abendkleid, das ihre gute Figur sehr betonte und auch bestens zur Geltung brachte. Die Gäste fuhren dann mit ihren Luxusschlitten weg, dabei machten die jede Menge Krach, ungefähr eine halbe Stunde später waren dann alle Wagen weg.


Bis auf einen Alfa GTI, der neben Susis BMW abgestellt war. Alex hoffte, dass dieser Wagen auch bald verschwinden würde. Nach einer Weile erschien der Fahrer, ein schlanker Mann, so um die Dreißig herum. Der holte sich eine Reisetasche aus dem Alfa und ging dann wieder ins Haus zurück.

Dort waren auf einmal, bis auf das Badezimmer und dem Schlafzimmer, alle Lichter erloschen. Kurze Zeit später ging auch das Licht im Schlafzimmer aus. Alex glaubte, auch zu wissen warum. Missmutig und enttäuscht ging er zur Hauptstraße zurück.


Um diese Zeit waren fast keine Autos mehr unterwegs. Selbst Passanten waren keine mehr zu sehen. An einer Tankstelle herrschte noch Betrieb. Alex ging gerade daran vorbei, als er die Einfahrt passieren wollte. Brauste ein Motorrad mit Motorgeheul auf ihn zu, darauf saßen zwei Mann in schwarzer Ledermontur. Alex konnte sich gerade noch rechtzeitig mit einem Hechtsprung zur Seite, vor einem Zusammenprall retten, dabei brüllte er die Kerle wütend und laut an, »Könnt ihr Idioten denn nicht aufpassen, Arschlöcher verdammte!«


Das Motorrad stoppte plötzlich mit quietschenden Reifen, die zwei Gestalten stiegen ab, kamen mit schnellen Schritten auf ihn zu, ihre Gesichter waren mit Mundtüchern bedeckt. Sie hatten ihre Sturzhelme auf, dadurch konnte Alex ja nur ihre Augen sehen.

Aus dem einen Helm ertönte,

»Sag mal, wie hast du uns gerade genannt?«

Er antwortete,

»Arschlöcher seid ihr! In so einem Affen-Tempo aus der Tankstelle rasen ...«


Bevor er noch den Satz zu Ende sprechen konnte, spürte er den Kinnhaken, der nicht von schlechten Eltern war. Er taumelte. Hatte volle Mühe auf den Beinen zu bleiben, spürte dann plötzlich noch einen dumpfen Schlag am Kopf, mit einem Mal wurde ihm ganz schwarz vor den Augen ...


10. Kapitel


Als er wieder zu sich kam, musste er husten, dabei durchfuhr ein stechender Schmerz ihn in der Brust. Er lag nackt, in einem Bett, wie er jetzt merkte. Lediglich ein dünnes Leintuch bedeckte ihn notdürftig. An sein Ohr drang ein schriller Piepston. Er hob mühsam den Arm, wollte sich an den Kopf fassen und sah undeutlich den dünnen Schlauch aus seinem Handrücken herausragen. Der Schlauch mündete in eine Flasche, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, die über seinem Kopf hing.


Was ist denn jetzt eigentlich los? Überlegte er.

Der Piepston wurde plötzlich lauter, zudem auch schneller. Er musste wieder husten, es ging aber nicht richtig, er spürte, dass aus seinem Mund ebenfalls ein Schlauch herausragte. Er wollte sich aufsetzen, dabei merkte er wie ihn jemand, zwar sanft aber bestimmt wieder aufs Bett zurückdrückte,

»Ruhig, ruhig, ruhig! Bleiben Sie still liegen, nicht aufregen!«, vernahm er eine Stimme, die wie aus der Ferne klang, dann noch sagte, »Frau Doktor, der Patient ist jetzt wach!«


Alex sah ganz verschwommen zwei Gesichter über sich, die mit Mundschutz und Hauben bedeckt waren, sodass er nur deren Augen erkennen konnte.

Um Gotteswillen schoss es ihm durch den Kopf, die Vermummten sind schon wieder da. Er wollte sich zur Seite rollen, wendete das Gesicht ab, um dem befürchteten nächsten Kinnhaken zu entgehen.


Nichts, wie weg hier! Dachte er sich, und versuchte aufzustehen und schnell wegzurennen. Die Gestalten mit den vermummten Gesichtern waren jetzt dicht an ihm. Er fühlte sich wie in einen Schraubstock eingespannt, die warfen sich auf einmal gänzlich über ihn und hielten ihn mit eisernem Griff fest. Er wollte um Hilfe schreien, es kam aber nur ein Gurgeln aus dem Schlauch in seinem Mund und drang an sein Ohr, es klang wie eine verstopfte Toilette.


Jetzt machen die mich endgültig fertig, dachte er sich, panikartig, wie ein junges Pferd bäumte er sich auf.

Eine dritte Gestalt ebenso vermummt, kam plötzlich hinzu. Alex sah rot und dachte sich, Scheiße, jetzt haben die auch noch Verstärkung geholt. Er wollte sich um jeden Preis retten und zappelte, wie ein Hering im Netz. Plötzlich konnte er sich überhaupt nicht mehr bewegen, Arme und Beine waren festgedrückt.

Er spürte plötzlich einen Stich am Arm, noch einmal Scheiße dachte er, jetzt greifen sogar noch Bienen an. Sekunden später kam ein wohliges Gefühl durch seinen Körper. Die Schmerzen in der Brust waren nicht mehr spürbar, es war ein reines Glücksgefühl, wie ihm nun vorkam, am liebsten hätte er jetzt laut gelacht.

Er war zwar einigermaßen bei Bewusstsein, doch Arme und Beine gehorchten ihm überhaupt nicht mehr.


Eine Stimme sagte,

»Die Beatmungsschläuche können jetzt weg, der Tropf bleibt noch. Morgen können wir ihn auf die normale Station legen«. Er spürte plötzlich, wie es Klick machte, als ob jemand einen Lichtschalter betätigt, ihm wurde schlagartig dunkel vor den Augen.


Als er wieder erwachte, lag er auf dem Rücken und sah sich um, über seinem Kopf hing wieder eine helle Flasche, deren Schlauch irgendwo in seiner Hand verschwand. Er hatte ein weißes Nachthemd an, lag in einem weiß überzogenen Bett. Sein Gesicht juckte stark, er wollte sich kratzen, spürte nur eine menge Stoff an seinem Kopf. Er dachte, jetzt kommt bestimmt Susi, nein Claudia, wäre mir lieber, mir tut sowieso alles weh unten und auch oben.


So ein Mist, wo bin ich denn hier eigentlich? Die Antwort bekam er, als er die Krankenschwester sah, die den Raum mit einem Tablett in der Hand betrat,

»Haben Sie Durst?«, fragte sie ihn.

Er nickte matt, die Schwester nahm einen Becher, aus dem ein Halm herausragte und steckte ihm den in den Mund. Er saugte an, verschluckte sich und musste wieder husten, sein Brustkorb schmerzte schon wieder, als ob er jederzeit auseinanderplatzen würde.


Einige Zeit später, erschien dann ein Arzt mit Gefolge wahrscheinlich zur Visite. Der Arzt fragte ihn,

»Nun junger Mann, wie fühlen Sie sich?«

Alex murmelte,

»Schlecht, Herr Doktor, Schmerzen in der Brust, auch am Kopf!«

Der Arzt blickte auf die Karte, die am Fußende des Bettes hing und sagte dann zur Schwester, die dienstbeflissen neben ihm stand.

»Kieferbruch nach Operation Heilungsprozess gut, Rippenbrüche nach Behandlung momentan ohne Komplikationen. Die Medikamente dazu geben wir normal weiter«, dann wieder zu Alex gewandt,

»Wir geben Ihnen ein Mittel gegen die Schmerzen, gut?«

Alex nickte nur matt.


Die Gruppe wandte sich dann den anderen Patienten zu, die ebenfalls im Raum waren, später verließ sie dann das Zimmer.

Alex schlummerte gerade vor sich hin, als ein Polizist den Raum betrat, er kam zu ihm, angelte sich einen Stuhl, setzte sich neben sein Bett.

»Guten Tag, Herr Rathey, ich bin hier um ein Protokoll aufzunehmen, können sie mir den Hergang des Vorfalles, der vor vierzehn Tagen stattfand, mal aus Ihrer Sicht schildern?«


Alex fuhr zusammen,

»Was? Vor vierzehn Tagen?«

»Ja, genau vor vierzehn Tagen, wir haben versucht, sie schon früher zu befragen, aber Sie waren ja bis jetzt nicht vernehmungsfähig!«

Er dachte krampfhaft nach,

»Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, verstehen Sie? Außer, dass zwei Männer auf einem Motorrad.«

»Ja, ja, das wissen wir alles schon, wir brauchen genaue Angaben zur Person der Täter, alles andere hatte ja schon der Tankwart zu Protokoll gegeben«, meinte der Polizist gelangweilt und fragte weiter, »haben sie vielleicht jemanden von den Tätern erkannt?«


»Nein, leider, die Kerle waren ja vollkommen vermummt«, antwortete er schüchtern.

»Na schön, wir suchen eben mit den Informationen weiter, die wir schon haben. Sie werden vom Präsidium benachrichtigt, wenn sich etwas Neues ergibt! Gute Besserung!«, der Beamte brachte den Stuhl wieder an seinen Platz zurück und verließ dann ebenso gelangweilt das Krankenzimmer.

Alex verblüfft über die Information, dass das Ereignis eigentlich schon vierzehn Tage zurücklag, machte sich plötzlich Sorgen – was ist mit Baumann? – was mit meiner Behausung?


Er verbrachte dann die meiste Zeit, mit dahin dämmern und schlummern. Fühlte sich aber eigentlich gar nicht so schlecht dabei, immer wenn er über Schmerzen klagte, bekam er ein Mittel dagegen. Dabei verlor er vollkommen das Gefühl für Zeit und Raum. So vergingen fast noch zehn Tage. Er merkte es daran, da er das Karteiblatt am Bett jetzt öfters las. Wo ja alles seit seiner Überstellung von der Intensivpflegestation genau festgehalten war.


Endlich wurde er nach insgesamt sieben Wochen aus der stationären Behandlung entlassen. Er fuhr dann mit der Ambulanz zu seiner Wirtin, aber die hatte sein Zimmer geräumt und schon an eine Studentin vermietet. Seine Habseligkeiten hatte sie in zwei Persilkartons im Keller eingelagert, für die Lagerung begehrte sie zwei weitere Monatsmieten. Alex war vollkommen blank und hatte überhaupt kein Geld mehr. Er solle sich eben Geld besorgen, dann bekäme er auch die Persilkartons ausgefolgt, meinte die Wirtin und forderte ihn ziemlich unfreundlich auf das Haus zu verlassen. Alex tat dies dann auch liebend gerne.


Er begab sich danach zu Baumann und sah dort auf dem Waschplatz, einen Arbeiter die Autos waschen. Der Mann trug die Gummisachen, die er sonst immer trug. So ging er gar nicht mehr in die Firma hinein und dachte sich, der Fall ist nun auch schon erledigt.

So zog er wieder von dort weg und war niedergeschlagen, wie nie zuvor in seinem Leben. Mit Medikamenten vollgepumpt, abgeschlagen, müde und so richtig fertig, was soll ich denn jetzt nur machen? Fragte er sich.


Mit langsamen müden Schritten, entlang einer stark befahrenen Bahnlinie, schleppte er sich in Richtung zur Stadtmitte. Als er neben der Strecke ging, sie lief parallel zur Straße, rauschten die Gedanken durch seinen Kopf, alles weg! Keine Bleibe! Kein Geld! Keinen Job mehr! Claudia weg! Alle Zukunftsvisionen, zerronnen wie Butter in der Mittagshitze! Susi weg!

Wo soll ich denn jetzt eigentlich hin? Scheiße! Was soll denn das Ganze eigentlich noch? Murmelte er vor sich hin, er sah für sich einfach keinerlei Perspektive mehr.

Zu allem Überdruss begann es dann auch noch zu regnen, der Tag an sich war ja schon grau in grau gewesen, als er vom Krankenhaus raus kam. Der Regen steigerte sich jäh zu einem Wolkenbruch, dadurch war er binnen Sekunden bis auf die Haut völlig durchnässt und fror erbärmlich. Böiger Wind kam auf und der Kühlte noch zusätzlich, so das seine Zähne schon klapperten.


Ein Zug ratterte mit großem Getöse vorbei, er sah die Räder, wie sie die Bahnschwellen erbarmungslos im Rhythmus niederdrückten und er vernahm das kreischende Geräusch von Metall auf Metall. In dieser prekären Situation, in der er sich jetzt fühlte, überkam ihm ganz plötzlich der Gedanke, sich ganz einfach auf die Gleise zu stellen oder besser auf den Bahnschwellen zu gehen und nur darauf zu warten bis der nächste Zug kommt.


Alle Probleme wären ein für alle mal gelöst. Er kannte die Bahnstrecke nur zu gut und wusste, dass er auch nicht lange zu warten bräuchte. Wenn er es geschickt anstellen würde, sich kurz, bevor ein Zug kommt, einfach zwischen die Schienen stellen würde. Hätte der Lokführer wohl auch nicht die geringste Chance noch rechtzeitig bremsen zu können. Die Lok würde ihn sicher erfassen, zu Boden stoßen. Er wäre beim Hinfallen wahrscheinlich schon bewusstlos, die Räder könnten dann den Rest besorgen und es wären ja viele Räder, die das Werk vollenden würden. Alex stand am Bahndamm, sah sich scheu um, weit und breit war kein Mensch zu sehen.


Die Gleise befanden sich nur wenige Schritte von ihm entfernt, links und rechts, konnte er die lange gerade Strecke einige hundert Meter einsehen. Er war dabei geistig Maß zu nehmen, um so abzuschätzen zu können, welchen Punkt der Zug passieren müsste, damit er dann in Bruchteilen von Sekunden zum Gleis vorgehen könnte, um sich einfach zwischen die Schienen zu stellen. Er schätzte, dass ihn dann der Zug in zirka 10 bis 15 Sekunden erfassen müsste. Auf der linken Seite der Strecke war der Punkt ein Brückengeländer einer Unterführung, rechts ein Mast mit einem Signal. Je nachdem, aus welcher Richtung der nächste Zug kommen würde, bräuchte er nur auf das Passieren dieser Markierungen achten. Danach lediglich ein paar Schritte vorzugehen und alle Probleme wären für ihn aus der Welt geschafft, eine wahrhaft todsichere Sache, wie er sich ausmalte.

So sah er ständig nach links und rechts, wie ein Zuschauer am Tennisplatz, der interessiert dem Ball folgt.


Es dauerte nur wenige Minuten, da erblickte er die Lichter eines Zuges, der sich von rechts näherte, er schätzte die Geschwindigkeit optisch ab und dachte noch ungefähr vier Minuten bis zum Signalmast.

Wie gebannt starrte er in die Richtung des Zuges, noch 3 Minuten. Der Zug war geschätzt noch zweihundert Meter vom Signalmast entfernt. Jetzt! Alex erhob sich wie Trance aus der Hockstellung, die er eingenommen hatte, um nicht gleich gesehen zu werden. Er wollte sich jetzt gerade in Bewegung setzen, zum letzten Schritt. Die Lok hatte gerade den Signalmasten passiert, er war schon in diesem Moment im Begriff vorzugehen, als er einen kräftigen Ruck verspürte, einen Ruck nach hinten.


Zwei Arme hielten ihn plötzlich gepackt und fest umschlungen, er stolperte zusammen mit der Person, die ihn fest umklammert hielt. Rollte die Böschung am Bahndamm runter. Merkte dann, dass jemand unter seinem Rücken lag, er wollte sich verzweifelt befreien. Doch der Griff war eisern, fühlte sich an, wie die Reifen an einem Fass. Er hatte einfach keine Kraft um sich zu befreien, inzwischen ratterten die Räder des Zuges unter infernalischem Lärm vorbei, wie er noch sehen konnte.


Der letzte Waggon kam gerade vorbei und das Geräusch nahm schnell an Intensität ab. Alex lag wie gelähmt am Boden, er spürte noch immer den Körper unter sich, der ihn eisern umklammert hielt, er hatte das Bestreben aufgegeben sich einfach loszureißen. Der Zug war schon ziemlich weit entfernt, als die Umklammerung endlich aufgelöst wurde.


Alex rollte sich zur Seite, er bekam einen Weinkrampf, der seinen Körper schüttelte, dennoch hörte er eine Stimme,

»Alex! Menschenskind ... Alex!«

Er drehte seinen Kopf in Richtung der Stimme und sah, Egon der ihn verzweifelt anstarrte und dann rief, »Los Alex, komm, auf, so komm doch, wir müssen hier schleunigst weg, ehe die Polizei da ist. Der Lokführer hat uns ja gesehen, ich habe seine ängstlichen und entsetzten Blicke mitbekommen!«


Egon war kreidebleich und keuchte, als er Alex die paar Meter, wie einen nassen Sack vom Bahndamm zur Straße zog. Alex erhob sich dann mühsam und umklammerte seinen Freund.

»Ist ja schon gut, Alex. Komm ins Auto!«, Egon stützte ihn und schob ihn in den Wagen, dessen Motor noch lief und der mit offener Tür nicht weit, der Geleise stand.


Alex fühlte sich wie ein Häufchen Elend, Egon gab Gas und brauste los. Eine Funkstreife mit Blaulicht und Martinshorn raste ihnen entgegen und fuhr an ihnen vorbei. Egon fuhr wie der Teufel, etwas später, sah Alex, wie er in eine Seitenstraße einbog und anhielt. Er stellte den Motor ab, senkte den Kopf auf das Lenkrad und fragte leise mit verzweifelt wirkenden Gesichtszügen, »Mensch, Junge, das war aber knapp, wie konntest du denn das nur tun wollen?«


Alex war zu keiner Antwort fähig. Er saß in sich zusammengekauert, Tränen liefen ihm über die Wangen. Er bebte innerlich und äußerlich, er war einfach nicht fähig irgendetwas von sich zu geben.

Egon fasste sich wieder und sagte dann in ruhigem Tonfall, »Junge, so beruhige dich, wir fahren jetzt erst mal zu mir nach Hause!«


Dabei startete er wieder und fuhr in normalem Tempo. Sie kamen bei Egon an, Alex wurde gleich ins Bett verfrachtet. Seine durch und durch nasse Sachen gab Egon gleich in die Wäsche. Er kochte ihm einen heißen Tee, den er ihm dann zum Aufwärmen einflößte. Egon, der alleine mit einer dreifarbigen Katze zusammen wohnte, kümmerte sich wirklich rührend um alles.


Er bereitete, auch noch etwas zu essen, versorgte ihn damit. Alex spürte, wie langsam wieder Leben in seinen Körper kam, er war zwar noch ziemlich schwach und hatte eigentlich nur einen Wunsch schlafen, viel zu schlafen.

Egon ließ ihn dann erst mal vollkommen in Ruhe. Alex schlief die ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag. Die Katze lag zu seinen Füßen im Bett und schlief mit. Wenn er unruhig wurde, kam sie zu ihm herauf und schnurrte ihm ins Ohr. Alex spürte manchmal ihre Barthaare im Gesicht.


Er fühlte eine beruhigende Wirkung, die durch das Tier auf ihn überströmte. In den nächsten Tagen kam er durch Egons Pflege, langsam wieder zu körperlichen und geistigen Kräften und erholte sich. Egon, der unermüdlich für alles sorgte, versuchte, ihn anscheinend von seinen Grübeleien abzulenken. Indem er ihn dann später bat, kleinere Tätigkeiten zu übernehmen, wie Katze füttern, kleinere Hausarbeiten zu erledigen. Über den Vorfall an sich, sprach er nie mit ihm.


Egon arbeitete ja auch öfters bis spät in die Nacht hinein und erzählte ihm einmal, die ersten Rennen hätten bereits stattgefunden. Bei denen es auch schon einige Blechschäden gab, die er nun schnellstens beheben müsse. Damit die Wagen für die nächsten Rennen wieder einsatzfähig wären.


Eines Abends, kam Egon von der Arbeit und schien, von den vielen Überstunden, ziemlich geschafft, er sagte zu Alex beim Abendbrot, »Hör zu Junge, ich habe mit Baumann über dich gesprochen, er wäre bereit, dich wieder einzustellen, wenn du das willst, willst du?«, dabei sah er ihn fragend an und ergänzte ohne die Antwort abzuwarten, »ich könnte mich auch einmal nach einem Zimmer für dich umsehen, ich kenne da jemand, wenn du möchtest, kann ich ja mal fragen!«


Alex war froh und zugleich irgendwie erleichtert, dass Egon von sich aus das Thema anschnitt. Er fühlte sich innerlich schuldig, zugleich auch ziemlich unbehaglich. Weil er Egon, der ihm ja nicht nur das Leben gerettet hatte, dazu auch noch Unbequemlichkeiten bereitete und zudem noch hohe Kosten verursachte.

Alex fasste zaghaft wieder Mut, vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren, dachte er sich daraufhin. Wenn ich erst mal wieder etwas verdiene, ein Dach über dem Kopf habe. Sieht möglicherweise doch alles wieder ganz anders aus.


Er sagte sich, du bist doch ein selten dämlicher Kerl. Wegen Problemen, die ja zum größten Teil von außen auf dich zustürmten, in so eine prekäre Situation zu geraten. Die dann, auch noch in einer beinahe geglückten Kurzschlusshandlung geendet hätte.

Wenn nun Egon nicht gewesen wäre, einfach nicht auszumalen. Er fühlte sich dennoch zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht ganz so sicher. Ob er sich nun über das Eingreifen seines Kumpels freuen, oder ihn lieber verfluchen sollte, da der ja sein Vorhaben durchkreuzte. Er spürte aber instinktiv, dass es wohl einzig und alleine auf ihn selbst und seinen zukünftigen Vorhaben ankommt, wie sich sein weiteres Leben nun gestalten würde.


Es war ihm inzwischen auch immer deutlicher klar geworden, dass der einzig zukünftige gangbare Weg für ihn nur mehr der sein könnte, die Dinge ganz alleine zu bewältigen. Die er sich zutraut, für die, er das erforderliche Rüstzeug besäße und sich auch intensiv bemühen würde, gesetzte Ziele zu erreichen.

Wenn er dabei so in die Vergangenheit zurückblickte, hatte er ja immer dann Erfolge gehabt, wenn er Dinge ganz alleine angestrebt und beendet hatte. Auch ohne lauter Bestnoten im Zeugnis. Ohne, einem Traumjob mit traumhafter Dotierung. Ohne Matura oder sonst irgendwelchen hochtrabenden Ausbildungen.


Er kam dann für sich zum Ergebnis, dass er sich keinen wie immer gearteten Manipulationen oder Bevormundungen mehr aussetzen werde, egal von welcher Seite, sie auch kommen würden. Für ihn zählte ab nun die Devise, nur mehr Dinge zu beginnen, die 'er' will und auch kann. Alex konnte ja, als er so alleine in Egons Wohnung weilte, viel über Erlebtes und auch bereits Getanes nachdenken. Er kam dabei für sich zu dem Schluss. Es ergebe für ihn keinen Sinn mehr, irgendwelchen Fata Morganas nachzulaufen. Sondern nur mehr das zu tun, wozu er ohne fremde Hilfe ganz alleine in der Lage wäre.


Egons Mitteilung, dass ihn Baumann wieder einstellen würde, gab ihm dann wieder Kraft und Zuversicht. Gerade in der Phase, wo er eigentlich auf niemanden mehr zählen konnte. Außer Egon, war ja kein Mensch mehr bereit gewesen, für ihn auch nur einen Finger zu krümmen. Er wusste jetzt um so mehr, ja er hatte die bittere Erfahrung machen müssen, dass er eigentlich viele Bekannte hatte, aber nur einen wahren Freund, nämlich Egon. Der merkte anscheinend, dass Alex allmählich wieder zu sich fand und sich auch wieder mit Zukunftsperspektiven beschäftigte.


Egon war zwar ein einfacher Mann, doch mit seiner Menschenkenntnis und Lebenserfahrung hatte er schon so viele Hürden in seinem Leben erfolgreich genommen. Vor allem war Egon ein Verstandesmensch, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stand. Er verabscheute Träumereien, das war wohl auch der Grund, warum Alex ihn mochte und ihm auch vertraute. Er hatte ja die Angebote, die ihm Egon unterbreitete genau registriert, es war kein Ratschlag, keine Einmischung oder gar Druck enthalten, sondern Hilfestellung, eben Angebote welche man, annehmen aber auch ablehnen konnte.


Außerdem war Alex jetzt auch ganz stark bewusst geworden, immer wenn er getrunken hatte, war er in große Probleme gerutscht. Der Alkohol ließ ihn zwar schon für einige Zeit ungute Dinge vergessen, dafür waren die Nachwirkungen um so grausamer und das nicht nur gesundheitlich gesehen. Er nahm sich nun felsenfest vor, ab sofort Alkohol in jeder Form wo auch immer zu meiden. Durch die langen Wochen im Krankenhaus, wo er ja in der Hauptsache Tee trank, war ihm ja schon alleine der Geruch von Alkohol zuwider geworden.


11. Kapitel


Kurze Zeit später, arbeitete Alex dann wieder bei Baumann, der, den Vorteil genoss, dass jene Kunden die ihn nach seinem Ausbleiben verließen, nun auch wieder zurückkamen. Den inzwischen neu eingestellten Mitarbeiter behielt er aber trotzdem und spannte ihn mit Alex zusammen. Dadurch würde der Service ja noch schlagkräftiger, so hoffte es Baumann.


Alex nahm seinen Job sehr ernst, er fühlte sich nun auch noch für seinen Kollegen verantwortlich und brachte ihm verschiedenen Handhabungen und Tricks bei, die er sich selbst erarbeitet hatte, auch seinen seinerzeitigen Erfolg begründeten. Viele Kunden waren von seinen Arbeitsmethoden sehr angetan, mit denen er die Wagen so prachtvoll pflegte und ihr Aussehen tadellos in Schuss hielt. So brachte er, auch immer wieder bei manchen Fahrzeugen kleine Notizen am Armaturenbrett an. Wo er auf technische Mängel oder Reparaturbedarf hinwies. Das wirkte sich nicht nur positiv auf sein Trinkgeld aus, ebenso auf Baumanns Werkstätte, die ja dadurch, auch viele Zusatzaufträge bekam.


Alex war fleißiger denn je, er freute sich über die vielen alten Kunden, die zurückkamen und nette Worte für ihn fanden. Ihm rann das wie Öl die Seele hinunter, er wurde gebraucht und akzeptiert, so wie er war. Außerdem bewies es ihm, wie Recht er doch mit seiner persönlichen Selbstanalyse hatte. Er gab sein Bestes und es wurde ihm auch gelohnt. Baumann war sehr zufrieden und überhaupt nicht knauserig und zahlte ihm auch mehr als vorher. Außerdem durch die vielen neuen Kunden bekam er dann zusätzlich auch noch wesentlich mehr Trinkgeld.


Inzwischen hatte ihm Egon auch ein neues Quartier besorgt, bei einem pensionierten Ehepaar, das sich einsam fühlte und ihn sehr herzlich aufnahm. Die Miete war moderat, die Leute wollten keinen großen Profit herausschlagen, für sie schien es ja viel wichtiger, dass sie nicht ständig alleine in ihrem großen Haus sein mussten. Sie freuten sich immer riesig, wenn Alex nach der Arbeit, bei ihnen mal eben kurz hereinschaute und ihnen ein wenig die Zeit vertrieb. Ihnen erzählte, was sich draußen alles so ereignete. Er half ihnen auch ab und zu bei körperlich anstrengenden Arbeiten, wie Holzhacken, Kohle um schaufeln und anderen kraftraubenden Tätigkeiten.


Die Leute waren darüber überglücklich und fütterten ihn dankbar mit selbst gebackenem Kuchen. Alex fühlte sich bei dem Ehepaar sehr wohl. Er verfügte über ein eigenes Bad, einer kleinen Küche und einem Wohnschlafzimmer. Alles war komplett eingerichtet, zwar nicht gerade das modernste, aber eben gut bürgerlich und vor allem sehr sauber.


Das Angenehme dabei war auch, die Behausung hatte einen separaten Eingang, er musste sich nicht mit den Vermietern in die Quere kommen, wenn er dazu keine Lust verspürte. Welch ein Unterschied zu seiner früheren Vermieterin, die ihn seinerzeit immer quälte, wo sie nur konnte. Er freute sich, nun 'nach Hause' zu kommen. Ein Bad zu nehmen und es sich auch einmal richtig gemütlich zu machen. Das wäre ihm beim alten Dragoner, ja nicht einmal im Traum eingefallen.


Eines Abends in seinem Zimmer, überkam ihn plötzlich das verlangen, Claudia wieder einmal treffen zu wollen. Ja, das wäre schön, dachte er sich. Ach Mist! Da fängt ja der ganze Zirkus bestimmt wieder von vorne an, über sich verärgert verwarf er dann diesen Gedanken schnell wieder. Schließlich war sie ja diejenige gewesen, die mit ihm Schluss gemacht hatte. Es hatte ihn damals auch sehr getroffen, ja sogar sehr weh getan. Andererseits sagte er sich, jetzt wo du bereits genügend Abstand gewonnen hast. Auch wie du von Baumann erfahren konntest, stand der unglückliche Vorfall an der Tankstelle, seinerzeit sogar in der Zeitung. Claudia hatte ihn daraufhin ja nicht einmal im Krankenhaus besucht, oder irgendetwas von sich hören lassen, anscheinend war es ihr vollkommen egal. Ja, das muss es sein, dachte er sich, ich bin ihr ja doch vollkommen egal!


Es würde auch genau ins Bild passen, denn wenn Claudia erst einmal einen Entschluss gefasst hatte, war sie dann stur wie ein Panzer und zudem auch noch sehr nachtragend. Früher gab es ja auch mal hin und wieder Streit zwischen ihnen, er musste dann immer klein beigeben und sie hatte es auch immer genossen. Selbst dann, wenn sie mal im Unrecht war, hatte er immer den Waffenstillstand anbieten müssen und sie genoss es auch immer. Er sagte sich, vielleicht hätte ich, das nicht tun sollen und sie einmal so richtig rösten lassen sollen, wer weiß?


Er verwarf dann diese Gedankengänge gleich wieder, über das alles jetzt zu grübeln ist wirklich müßig, das sind eigentlich nur mehr leere Kilometer. Soll sie sich doch einen anderen Trottel nehmen, den sie dann am Gängelband, wie eine Marionette, zappeln lassen kann. Mit mir nicht mehr, aus und vorbei! Sagte er sich.

So gesehen bereue ich gar nichts, nicht einmal das Abenteuer mit Susi, ganz im Gegenteil. Alex steigerte seine Gedanken irgendwie sogar in rage und sagte sich, eines schwöre ich mir, bei Gott und allem was mir lieb ist. Eines Tages wird Claudia ihr letztes Urteil, das sie über mich fällte, von wegen Versager, Lügner, Säufer, Nichtsnutz, revidieren müssen und das auch noch gründlich.


Er war noch ganz in Gedanken, als es plötzlich an seiner Tür klopfte. Er öffnete und kam gleich aus dem Staunen nicht heraus.

»Susi! Du?«, rief er ungläubig.

»Ja ich! Das hättest du wohl nicht gedacht, wie?«

»Ja aber du ...«, er kam gar nicht zu Wort.

»Ich bin nämlich gestern aus Rom zurückgekommen. Egon gab mir deine neue Adresse und jetzt bin ich hier, darf ich hereinkommen?«, meinte sie vergnügt.

»Ja, natürlich, entschuldige bitte«, antwortete er immer noch ganz perplex.


Sie trat ein und sah sich ein wenig um,

»Schön hast du es hier, komm lass uns etwas trinken, ich habe uns einen feinen Grappa mitgebracht!«

Alex war gerade dabei, seine Sachen von den Möbeln zu angeln, die wollte er einfach schnell irgendwo verstecken. Der Tisch war nicht aufgeräumt. Shit, dachte er sich, momentan hast du so einen Saustall und ausgerechnet jetzt kommt Susi daher, es war ihm irgendwie peinlich.


»Alex, brauchst dich doch nicht zu genieren, ich weiß ja, wie Junggesellen Wohnungen üblicherweise aussehen, sag hast du irgendwo Gläser?«

Sie sah sich suchend um.

»Ja natürlich, in der Küche im Schrank oben!«, antwortete er und begann gerade seine Fassung wieder zu erlangen.

»Sehr gut, darf ich welche holen?«

»Lass nur, ich mache das schon! Nimm doch Platz, bitte«, er rückte ihr einen Lehnsessel zurecht und verschwand schnell in die Küche. Als er dann das Zimmer wieder betrat, hatte Susi den Grappa geöffnet, ihre Bluse ebenfalls.

»Ist ja sehr heiß hier, komm lass uns jetzt auf unser Wiedersehen anstoßen!«, sie hielt ihm die Grappaflasche hin.

Er schenkte ein Glas ganz voll, gab es Susi, das zweite füllte er nur halb an und behielt es.


»Cheers! Alex«, sie hob ihr Glas.

»Na, dann prost!, erwiderte er und nippte am Grappa. Ei! Verflucht, ich habe ja viel vermutet und noch mehr nachgedacht, aber das jetzt hier übersteigt alle Vorstellungskraft, schoss es ihm durch den Kopf, dann meinte er,

»Du sagtest Rom und Rückkehr!», er blickte forschend in ihre leuchtenden grünen Augen.


»Ja, richtig! Das war nämlich so. Ich hatte eine Gartenparty gegeben und ein paar Leute eingeladen. Wir grillten im Garten, da kam aus heiterem Himmel mein Bruder über den Gartenzaun gesprungen. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich ihn so ganz unvermutet sah. Der blöde Kerl, den ich das letzte Mal vor zwei Jahren bei seiner Hochzeit gesehen hatte. Da stand er vor mir und sagte – Hallo! Da bin ich!

Ich habe mir dann aus lauter Verblüffung die Finger an dem dummen Bratrost verbrannt. Im Laufe der Party erzählte er mir, dass er für eine Woche in Wien sein müsste und eben einen Abstecher, natürlich absichtlich unangemeldet, zu mir machen wollte. Die Überraschung ist ihm ja dann auch vortrefflich gelungen!


Er ist nämlich Arzt in Rom und wollte in Wien an einem Ärztekongress für Anästhesie teilnehmen. Vor einem Monat hatte er sich einen neuen Wagen gekauft, einen flotten Alfa Sport, den wollte er einmal so richtig ausprobieren, deswegen nahm er nicht das Flugzeug. Er blieb dann über Nacht, fuhr erst am nächsten Tag zum Kongress. Vorher bat er mich noch, für ungefähr vier Wochen zu ihm nach Italien zu kommen. Um die Umbauarbeiten seines Landhauses in der Nähe von Pisa zu überwachen und mit dem Architekten zu koordinieren. Aus den vier Wochen sind dann aber eben neun geworden. Na ja, die Italiener und die Arbeit! Was soll ich dir sagen, ein Fiasko sondergleichen, in derselben Zeit hätte man bei uns ja ein Bürohaus gebaut. Ja und jetzt bin ich wieder hier, Gott sei Dank!« sie trank gleich noch einen Grappa.


»Heute traf ich Egon, als er zur Baumann fuhr, er sagte mir, dass du umgezogen bist, hierher. Ja und jetzt wollte ich sofort zu dir, freust du dich?«

Alex räusperte sich,

»Natürlich freue ich mich, dich zu sehen, aber so unvermutet ...«, gleichzeitig schossen ihm die Gedanken durch den Kopf, was weiß sie eigentlich, von den vergangenen Ereignissen? Hatte ihr Egon vielleicht mehr erzählt? Oder, nur die Adresse …?, er konnte nicht zu Ende denken.


»Tja, das Leben ist eben voller Überraschungen, seien wir einfach froh, dass es so ist, oder?«, meinte sie fröhlich und leerte gerade den dritten Grappa ex. Ihre Augen funkelten, so wie er sie schon einmal funkeln, sah, in jener Nacht.

»Du trinkst ja gar nichts!«, sie hielt ihm sein Glas hin.

»Hast du etwa Angst vor der Ausnüchterungszelle?«

»Eigentlich nicht mehr! Ich kenne sie ja schon! War auch schon häufig Gast.«

Sie blickte ihn ungläubig, ja fast erschrocken an,


»Wie meinst du denn das?«

»Na so, wie ich eben sagte!«, antwortete er, wie er meinte sachlich.

»Du warst da schon einmal drin?«

»Ja und ich habe mir auch geschworen dort nie mehr zu landen, deswegen trinke ich ja auch nichts mehr!«

Sie sah ihn ganz erstaunt an, »Alex, komm erzähl mir alles, ich hatte ja gleich den Eindruck, dass da mit dir irgendetwas nicht stimmt. Als ich vorhin an der Tür stand, du bist irgendwie so verändert. Was ist eigentlich los?«


Oh Gott! Dachte er, alles bitte, aber jetzt nur keine Beichte.

»Ich hatte eben gewisse Probleme, auch gesundheitliche!«

»Bist du etwa krank?«

»Jetzt nicht mehr, glaube ich, hat dir Egon denn nichts gesagt?«

»Egon hat mir außer deiner neuen Adresse nichts gesagt!«, sie wurde sichtlich etwas unruhig.

»Alex brauchst du Hilfe? Du weißt ja, dass ich dir damals schon einmal gesagt habe, ich werde dir immer helfen!«


»Ja, das weiß ich, aber ich habe alles unter Kontrolle, zumindest glaube ich es!«

»Okay Alex, also, falls du etwas brauchst, sage es mir, ich will dich ja nicht ausfragen, aber wenn du über etwas sprechen möchtest, ich werde immer für dich da sein!«, sie sah ihm ganz ernst in die Augen.

»Das ist sehr lieb von dir, aber im Moment brauche ich eigentlich nichts!«

»Wirklich nichts?«

»Ja wirklich!«

»Schade, ich dachte, du brauchst mich, sowie damals, beim Gartenarbeiten!«, sie zupfte lasziv wirkend an ihrer Bluse.


Alex betrachtete sie, während er ihr Glas wieder füllte. Sie war braun gebrannt, brauner ging es ja gar nicht. Die glänzenden feuerroten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Auch das eng anliegende Kostüm faszinierte ihn. Bestimmt italienisches Design, von so irgendeinem Modezar, der, horrende Summen für solche Fetzen nimmt. Ihre Bluse war leicht geöffnet, darunter schwarzer BH mit spitze, bestimmt ist ihr Slip auch schwarz, mit Spitze.


Verflixt, wenn ich so weiter gaffe, schafft sie es bestimmt wieder. Sie versteht es ja, wie sie mich 'herumkriegt', zogen die Gedanken durch seine grauen Zellen.

Sie musste seine interessierten Blicke anscheinend doch bemerkt haben und überkreuzte jetzt ihre langen schlanken Beine. Dabei hatte der enge Rock keinen Platz mehr und rutschte langsam hoch, ziemlich hoch. Die Strapse samt Slip wurden plötzlich sichtbar, schwarz mit Spitze, durchfuhr es Alex, als er es so erblickte, ich wusste es ja!

Er gab sich geistig eine Ohrfeige, so nicht! Nicht jetzt! In Zukunft nur, wenn ich es will. Verdammter Mist, Verdammter! Sagte er sich.

Er bekam plötzlich kleine Schweißperlen auf der Stirn, ebenso auf der Oberlippe, er kämpfte innerlich mit seinem Zweiten ich, dass ihm auf einmal suggerieren wollte. Blödmann, so nütze doch diese Gelegenheit, jetzt! Du wolltest doch immer, in ungestörter Umgebung, ohne Zeitdruck, in deinen eigenen vier Wänden. Wo du danach Liegenbleiben kannst und nirgends mehr hinmusst. Jetzt hast du die einmalige Gelegenheit, wer weiß, wann du sie je wieder bekommst.


Susi wollte noch einen Grappa. Er schenkte ein, dabei klapperte der Flaschenhals am Glasrand. Er konnte aber das Erzittern seiner Hand nicht unter Kontrolle bringen.

»Ach, du armer, du zitterst ja!«, sie legte zärtlich ihre Hand auf seine, die, die Flasche krampfhaft hielt, das Klappern wurde gleich lauter und schneller, durch ihre Berührung. Sie fasste ihm mit der anderen Hand an die Stirn,

»Hast du etwa Fieber?«, fragte sie besorgt dreinblickend, »nein, die Temperatur ist normal, aber du bist ja ganz feucht auf der Stirn!«, konstatierte sie dann.

Alex bebte innerlich, sein Zweites ich meldete sich wieder: Du willst es! Sie will es ja auch!


Warum glaubst du, ist sie hierher gekommen? Den Grappa hätte sie ja auch alleine alle machen können! Oder? Und wenn dich das 'wie' schon so stört, dann übernimm doch endlich du die Initiative, du Vollidiot!

»Wo ist eigentlich das Bad? Ich brauche ein Handtuch!«

»Die Tür neben der Küche«, antwortete er Gedankenversunken.

Sie eilte ins Bad, Alex schnaufte innerlich und dachte, oh Gott, wenn jetzt auch noch eine Badezimmernummer kommt, dann garantiere ich für gar nichts mehr.

So ist es recht, sagte ihm das zweite ich. Auf was? Wartest du eigentlich noch?

Susi kam mit einem Handtuch aus dem Bad und stellte sich vor ihm auf, trocknete sein Gesicht ab. Ganz leicht und zärtlich wischte sie mit dem rauen Frottee darüber.


Er legte seine Arme um ihre Taille und zog sie sanft zu sich, er spürte die Wärme und das leichte Vibrieren ihres Körpers.

Sie ließ das Handtuch fallen, nahm seinen Kopf in beide Hände. Zog ihn zu sich und küsste ihn leidenschaftlich, anfangs etwas zögernd erwiderte er den Kuss.

Sie sah ihm tief in die Augen, »Alex, ich sehne mich so nach dir! Ich will dich! Jetzt!«

Das Zweite ich schrie ihm zu, nimm sie! Sie ist heiß! Heißer geht es gar nicht! Auf was wartest du eigentlich?


Susi begann ganz langsam sein Hemd aufzuknöpfen.

Er nahm ihre Hände in seine, sah tief in ihre grünen funkelnden Augen, lächelte und sagte zärtlich leise,

»Susi, langsam, ich wollte vorhin Kaffee trinken, willst du auch welchen?«

»Oh ja! Kaffee ist gut, aber bitte ganz stark, bin ich ja jetzt gewöhnt, seit Italien!«

Alex ging in die Küche und setzte Kaffeewasser auf, während er so hantierte, sagte er innerlich zu seinem Zweiten ich, halt endlich dein loses Maul! Ich bestimme ab sofort die Spielregeln!


Sein Zweites ich, würdigte ihn keiner Antwort.

Er hatte den Kaffee schnell fertig und ging wieder ins Zimmer zurück. Susi hatte es sich inzwischen auf einem Ohrenfauteuil gemütlich gemacht und saß im Türkensitz darauf. Sie hatte inzwischen das Zeitungspacken durchgesehen und sich eine Zeitung genommen, sie blätterte gerade darin.

»Schau mal, was hier steht! Die Polizei sucht nach Zeugen, die den Überfall auf einen Alexander R. gesehen haben. Sie sollen eine genaue Personenbeschreibung geben, am besten auch noch das Kennzeichen des Motorrades, dass die Täter fuhren. Es steht noch, dass das Opfer jener Alexander R. schwerst verletzt wurde. Alexander R.?« Sie sah nachdenklich in die Zeitung.


Er reichte ihr eine Tasse, schenkte Kaffee ein,

»Milch? Zucker?«

»Nein danke, ich trinke immer schwarz!«, sie dachte anscheinend immer noch intensiv nach und antwortete etwas geistesabwesend, » Alexander R.?», murmelte sie. Alex verbrannte sich die Lippe am heißen Kaffee und fluchte leise.

»Hast du etwas gesagt?«, fragte sie, immer noch Gedankenversunken.

»Eigentlich nicht! Der Kaffee war viel zu heiß!«

»Oh ja, er ist heiß und stark, genau richtig, nach dem Grappa!«, meinte sie und nippte an ihrer Tasse.


»Alexander R., Mensch Alex, ich glaube ich ahne da etwas, der warst doch am Ende nicht du? Oder?«, sie hatte große weite Augen, die ihn fragend anblickten.

»Doch, du vermutest ganz richtig. Die zwei Kerle haben mich krankenhausreif geprügelt. Zwei gegen einen, ich hatte ja nicht die geringste Chance!«

Susi starrte ihn jetzt ganz entsetzt an, »Ja, was machst du denn eigentlich mitten in der Nacht, in meiner Gegend? Die beschriebene Tankstelle ist ja doch nur hundert Meter von meinem Haus entfernt!«


Alex erzählte ihr die Kurzfassung der Ereignisse jenes abends und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass er den Kerl mit dem Alfa Sport sah. Ihn am liebsten gleich erwürgt hätte, als der die Reisetasche holte und dann im Haus verschwand.

Susi war ganz platt,

»Alex, du dummer Junge, warum bist du nicht einfach zu mir gekommen. Du hättest ja in keiner Weise gestört. Ja, jetzt verstehe ich erst, warst nicht gut drauf, nach alledem, was du mir da erzählt hast!«

»Ich wollte ja eigentlich mit dir alleine sein!«

»Nach der Party wären wir das ja auch gewesen. Oh Alex, ich mache mir jetzt solche Vorwürfe, du warst nur ein paar Meter von mir entfernt.«

»Kannst ja nichts dafür! Woher solltest du das denn wissen?«


»Aber ein wenig Stolz macht es mich schon, dass du richtig eifersüchtig warst, war es wirklich Eifersucht? Oder war es vielleicht nur gekränktes Selbstmitleid?«

Er überlegte nur ganz kurz,

»Es war ausgewachsene Eifersucht! Aus lauter Selbstmitleid will man eigentlich keinen Nebenbuhler umbringen«, antwortete er.

»Aber, Alex! Die Grundvoraussetzung zu Eifersucht ist doch wohl schon Liebe? Oder?«


»Ja, ich glaube, du hast recht!«

»Heißt das jetzt du liebst mich?«

»Ja, ich liebe dich, ich liebe dich, sogar sehr!«

Plötzlich sprang sie aus dem Sessel, schmiss dabei die Kaffeetasse, die auf der Armlehne abgestellt war, zu Boden. Er saß ihr ja auf der Couch gegenüber, sie umarmte ihn zärtlich, »Darf ich mich zu dir setzen?«

»Du kannst dich sogar zu mir legen, wenn du willst.«


Sie küsste ihn zart, aber nicht so fordernd wie sonst, dann sprach sie,

»Alex, ich liebe dich so! Schon damals bei Baumann hatte ich mich in dich verliebt. Ich war mir aber nicht sicher, ob es bei dir auch so ist!«

»Es ist so, glaube mir!«

Sie streichelte zärtlich durch sein Haar,

»In Italien habe ich so oft an dich gedacht, ich habe mich so oft nach dir gesehnt!«

»Ich habe mich im Krankenhaus oft nach dir gesehnt!«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Du verzeihst mir?«


»Was soll ich dir verzeihen?«

»Dass ich die Initiative, damals bei unserer Gartenarbeit, übernahm!«

»Gut! Ich verzeihe dir! Aber jetzt übernehme ich die Initiative!«, meinte er zärtlich lächelnd.

Sein zweites ich erhob keinerlei Einspruch ...


12. Kapitel


Am nächsten Tag, es war so gegen 6 Uhr früh, ein wunderschöner Morgen. Die Vögel zwitscherten schon eifrig um die Wette. Alex war gut gelaunt bei Baumann angekommen, begann gleich mit seiner Arbeit und hatte sich vorgenommen, die nächste Zeit besonders viele Wagen durchzuschleusen. Er beabsichtigte, sich nämlich ein Auto zuzulegen. Denn er verspürte jetzt in sich einen großen Mobilitätsdrang. Außerdem hatte er auch erfahren, dass eine Lehrerin ihren Mini Cooper zu einem sehr vernünftigen Preis verkaufen wollte.


Das Auto kannte er ja schon von seiner Arbeit her. Am Wagen gab es eigentlich nichts auszusetzen, er war ja noch relativ jung und in sehr gutem Zustand. Es war ihm auch völlig egal, dass es sich dabei nur um eine 'Schuhschachtel' handelte, wie Paul immer zu sagen pflegte, wenn er einen Mini unter den Händen hatte. Er wusste ja, dass Paul nur ganz Große Wagen, generell überhaupt als Auto akzeptierte, selber fuhr er aber nur einen mickrigen Ford Anglia, wahrscheinlich wegen der schmalen Geldbörse. Der günstige Preis und die niedrigen Betriebskosten, waren auch der Grund, warum Alex sich für einen Kleinwagen entschieden hatte.


Er war ja ein kühler Rechner und ging geistig immer sein Budget durch. Schulden für ein Auto zu machen, käme für ihn überhaupt nicht in Frage. Natürlich würde er schon lieber ein schnelles 'Geschoss' fahren. Aber dazu, hatte er ja genügend Gelegenheiten dienstlich, dachte er sich immer.

Um rasch ans Ziel zu gelangen, kam ihm eine Idee. Er hatte einen Zusatzservice erfunden und auch eingeführt. Mit seinem Kumpel, holte er die Wagen seiner Kunden ab und stellte sie auch wieder zu. Die Kunden waren darüber ganz begeistert und freuten sich riesig, dass sie ihre kostbare Zeit doch anderweitig nutzen konnten.


Umsatz und damit auch die Trinkgelder stiegen enorm. Baumann kokettierte schon geistig mit einer dritten Kraft, für die Service Station. Er wäre sogar bereit, zwanzig Leute dort einzusetzen, falls es erforderlich wäre, hatte er Alex einmal wissen lassen. Alex begann sich den Kopf von Baumann zu zerbrechen und dachte sich allerlei Möglichkeiten aus, wie er die Kunden noch mehr ans Unternehmen binden könnte. So führte er den Waschblock ein. Selbst äußerst wohlhabende Kunden waren ganz gierig darauf, bei zehn Autowäschen, die elfte gratis zu bekommen.


Die Geldsäcke, die nicht wussten, wohin mit all ihrem Kapital, waren die gierigsten, wie er wusste. Es machte denen auch nichts aus, dass er den Waschblock schon im Voraus kassierte. Baumann fand das aber sehr unseriös, Geld für eine Arbeit zu nehmen, die noch nicht einmal geleistet worden war. Er fügte sich aber zähneknirschend, der Idee und dem Tatendrang von Alex und kassierte das Geld dann doch, wie geplant.

Es war auch mit Baumann vereinbart, dass ihm für jeden Waschblock eine Prämie zustünde, die er dann Nachhinein erhielt. Auch das war erst nach einer stundenlangen zähen Diskussion mit Baumann möglich gewesen. Diese modernen Methoden! Baumann gab zu, dass er damit einfach irgendwie überfordert war. Alex grinste innerlich, du wirst dich noch wundern, was? Alles möglich ist, dachte er sich.

Er hatte sich auch ausgerechnet, wenn er über dreihundert Waschblocks verkauft, wäre der Mini sein Eigentum. Er brauchte dazu ganze vier Wochen, dann saß er zum ersten Mal in 'seinem' Mini.


Die Waschblock Aktion, die er inszenierte und ins Leben rief, sprengte dann die Betriebskapazität um beträchtliches. Baumann war nun gezwungen Personal aufzustocken. Er bat dann auch Alex, geeignete Leute ausfindig zu machen. Alex inserierte in einer Lokalzeitung, es meldeten sich zweiundfünfzig Bewerber. Alex nahm dann einen jungen Mann und ein junges Mädchen auf. Sie hatten die schlechtesten Zeugnisse vorgelegt, waren damit woanders schon so oft abgeblitzt, wie sie auch offen zugaben. Trotzdem waren sie voller Tatendrang. Das gefiel Alex, er kannte ja dieses Spiel aus ureigenster Erfahrung. Außerdem waren die auch sofort verfügbar und das war ja ein großer Vorteil für beide Seiten.


Alex teilte das Team nun in zwei Gruppen. Gruppe A, er zusammen mit seinem Kumpel, der inzwischen sehr gut eingearbeitet war, sollten nach Plan, die anspruchsvolleren Kunden mit ihren Luxusschlitten weiter betreuen wie bisher. Das Team B, die neuen Mitarbeiter, nachdem sie eingearbeitet wären, sollten dann die normalen Sterblichen, mit ihren ganz banalen Autos bearbeiten.

Der Plan wurde nach nur vier Wochen Realität. Binnen kurzer Zeit verdreifachte sich der Gewinn, Baumann war ganz aus dem Häuschen vor Staunen und Freude. Seine Geldgier erwachte anscheinend wieder zur vollen Blüte.


Alex musste jetzt erst mal etwas auf die Bremse treten, sonst bekäme der alte Baumann vor Aufregung womöglich noch einen Herzinfarkt, das hätte dann fatale Folgen, dachte er sich. Im Kopf hatte Alex noch einen Plan ausgearbeitet, wie er das Geschäft noch weiter ausbauen könnte, legte ihn aber vorerst noch etwas aufs Eis. Er begnügte sich damit, seine Großkunden zu pflegen und zu verwöhnen. Er bekam Aufträge in Hülle und Fülle, war viel unterwegs, Wagen zu holen und wieder zurückzubringen. Er war ja ein sehr guter umsichtiger Fahrer, die Kunden vertrauten ihm, weil sie wussten, ihre Luxusschlitten wurden wie rohe Eier behandelt.


Die zwei neuen Mitarbeiter hatten sich schon schnell eingearbeitet und machten ihre Sache sehr gut. Alex hatte Vertrauen zu ihnen, er wusste auch, dass sie sich keine Blöße geben wollten, weil ihnen ja bewusst war, welche Chance sie durch ihn bekommen hatten. Eine Lohnerhöhung war ihnen nach drei Monaten zugesagt, wenn alles gut ginge und sie außerdem noch Einhundertfünfzig Waschblocks an den Mann oder die Frau bringen würden.Was ja dadurch, dass mehrere Autofirmen bei ihnen die Gebrauchtwagen aufbereiten ließen, gar kein Problem darstellen sollte.


Inzwischen war Egon plötzlich sehr krank geworden. Er lag mit Fieber zu Hause, Alex besuchte ihn jeden Tag nach der Arbeit. Egon laborierte auch an Kreislaufproblemen und musste starke Medikamente einnehmen, er war schwach und sah auch furchtbar Elend aus. Alex erledigte für ihn verschiedene Hausarbeiten. Machte diverse Besorgungen und bereitete ihm immer das Essen für den jeweils nächsten Tag vor. Dadurch dass er nun mobil war, konnte er auch öfters bequem mittags nach ihm sehen.


Eine Nachbarin von Egon, kümmerte sich in der restlichen Zeit um ihn, so dass er eigentlich gut versorgt war. Trotzdem machte sich Alex große Sorgen. Egon war appetitlos, musste buchstäblich zum Essen gezwungen werden und verfiel rasch und unaufhörlich. Sein Hausarzt, ein Medizinalrat, kam jeden zweiten Tag. Alex traf den dann einmal an einem düsteren verregneten Abend, der Arzt glaubte anscheinend, er wäre Egons Sohn. Da er sich ja so fürsorglich um den Kranken bemühte. Bei der Verabschiedung sagte ihm dann der Arzt mit besorgter Miene,

»Junger Mann! Es sieht für ihren Vater gar nicht gut aus!«


»Wie soll ich das verstehen?«, wollte Alex wissen.

»Na, ich habe alles versucht ihn dazu zu bringen endlich einmal ins Krankenhaus zu gehen, er lehnte es aber strikt ab, dazu zwingen kann ich ihn natürlich nicht, leider!«

»Warum soll er denn ins Spital?«

»Er müsste einmal gründlich durchuntersucht, damit dann endgültig festgestellt werden könnte, warum er diese unregelmäßigen Kreislaufschwankungen hat, mit meinen Mitteln kann ich das beim Hausbesuch ja nicht so eindeutig feststellen. Können Sie ihm denn nicht ins Gewissen reden, vielleicht hört er ja auf Sie? Den Einweisungsschein habe ich ja schon ausgestellt, inzwischen gebe ich Kreislaufstabilisierungsmittel, aber das ist ja auf Dauer auch keine Lösung.«


Alex sah den Arzt betroffen an,

»Ich werde mal eindringlich mit ihm sprechen. Nein, das nützt bei ihm nichts, ich werde ihn ganz einfach ins Krankenhaus fahren!«

Der Arzt schien sichtlich froh,

»Ja, das wäre das Beste für ihn, in seinem jetzigen Zustand glauben Sie mir. Guten Abend, auf Wiedersehen«, der Medizinalrat lüftete seinen Hut und verließ die Wohnung.


Alex überlegte, wie bringe ich nun diesem Sturschädel bei, dass er ins Spital muss? Dieser eigensinnige Mensch, ich habe noch nie erlebt, dass er etwas zulässt, was er nicht will, vorher beißt sich ja da einer die Zähne aus.

Alex bereitete das Abendessen zu, Egon war schlechter Laune, weil er sich ärgerte, wie er sagte, so blödsinnig und Nichtsnutz herumzuliegen und in der Firma warte doch soviel Arbeit. Außerdem falle er ihm zur Last, ein junger Mensch hätte doch schließlich noch etwas anderes zu tun, anstatt bei ihm den Krankenpfleger abzugeben.


Alex merkte bald, dass er an diesem Abend, keineswegs auf das Thema Krankenhaus zu sprechen kommen könnte, schon gar nicht ihn einfach dort abzuliefern. Egon musste ja unwillkürlich den Eindruck bekommen, es diene nur dazu um ihn loszuwerden, ja einfach abzuschieben.

Alex kämpfte innerlich mit sich, einerseits waren da doch die eindringlichen Bedenken des Arztes. Andererseits Egons starke Uneinsichtigkeit und dazu noch seine miese Laune, gepaart mit seiner ziemlich schlechten Verfassung.


Er sorgte sich und fühlte sich trotzdem irgendwie hilflos, er merkte und wusste nun, dass sein Freund dringend der Hilfe durch die Spezialisten im Krankenhaus bedurfte. Doch dieser eigensinnige Typ ließ sich einfach nicht helfen und faselte ständig, dass er spätestens in drei Tagen wieder zur Arbeit gehen wolle.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, der Regen prasselte dumpf an die Fenster, eine düstere Stimmung, sowohl draußen, als auch in der Wohnung lag in der Luft. Aufheiterungsbestrebungen seinerseits fruchteten überhaupt nicht.


Egon nahm seine Medikamente, die er bis jetzt auch immer nahm, kurz darauf wurde er schläfrig und gähnte öfters herzzerreißend. Alex versorgte das Geschirr, fütterte die Katze, die ihm jetzt so zutraulich geworden war, dass sich Egon immer wunderte, manchmal vermutlich sogar ein wenig darüber eifersüchtig ärgerte. Da das Tier normalerweise Fremden gegenüber sehr Scheu war und fast niemandem zuging. Die Katze war eigentlich Egons ein und alles. Für sie hätte er sich allenfalls vierteilen lassen.


Er hatte sie, damals als Katzenbaby in einem Abfalleimer gefunden, wo sie von einem 'Tierfreund' entsorgt wurde. Wahrscheinlich hatte es derjenige, es dann doch nicht übers Herz gebracht, sie einfach kaltblütig zu töten. Durch lautes „Miauen“ wurde Egon damals auf das Tier im Mülleimer aufmerksam und holte es heraus. Er hatte es dann mühselig mit der Milchflasche aufgezogen. Mittlerweile waren sie seit vier Jahren zusammen. Egon hatte ihm damals die ganze Geschichte erzählt, als er nach dem 'Ereignis' bei ihm wohnte.


Mit dem Versprechen, Morgen am späten Nachmittag wieder zu kommen, verabschiedete sich Alex und fuhr etwas bedrückt nach Hause. Dabei immer noch grübelnd, wie er Egon vielleicht doch noch irgendwie ins Spital verfrachten könnte. Er war dann in seinem Zimmer, legte sich ins Bett. Konnte aber überhaupt nicht einschlafen, eine seltsame Unruhe hatte ihn erfasst, er versuchte, durch Lesen müde zu werden und zumindest auf andere Gedanken zu kommen. Irgendwann schlief er aber dann doch ein. Durch lautes Klopfen an seiner Tür wurde er plötzlich wach. Der Schlaf, in den er gefallen war, so eine Art oberflächlicher Ruhestellung, eher ausgelöst durch Erschöpfung, war auf einmal wie weggeblasen.


Er öffnete, der Vermieter entschuldigte sich überschwänglich wegen der späten Störung, aber es wäre sehr wichtig. Er hätte nämlich am Telefon von Egons Nachbarin gesagt bekommen, sein Freund wäre soeben mit der Rettung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Alex war gleich wie vor den Kopf geschlagen und ahnte Probleme. Er zog sich blitzartig an, ließ den verdutzten Nachrichtenübermittler einfach stehen und fuhr schnell zum Krankenhaus. Egon brauchte ihn jetzt bestimmt und ganz dringend, den er wusste ja, wie Egon Krankenhäuser generell hasst, ja sogar verabscheute.


Alex holte das letzte aus seinem Mini Cooper heraus, dessen ungeachtet, ob er etwa ein Strafmandat kassieren würde, was ihm aber jetzt völlig egal wäre.

Für ihn war nur eines wichtig seinem Freund, in seiner Not beizustehen zu können. Denn eines konnte er sich mühelos vorstellen, dass der ja keinesfalls freiwillig dorthin gekommen war.


Alex hielt mit quietschenden Reifen vorm Portal des Krankenhauses und rannte in die Halle, hinter einem Glasverschlag saß ein Portier, der ihn anscheinend wegen der späten Störung finster anblickte. Hastig erkundigte er sich über Egons Einlieferung. Der Portier kramte umständlich in einer Kartei herum, Alex stand wie auf Nadeln, etwas unbeherrscht schnauzte er den Mann an, ob er denn nicht schneller machen könne. Der Portier brummte missmutig etwas vor sich hin und wurde noch umständlicher und langsamer.


Alex riss nun die Geduld vollends, er lief gereizt zum Aufzug. Vor der Kabinentür war eine Tafel, darauf waren die einzelnen Abteilungen vermerkt, so entschloss er sich in Sekundenschnelle, die interne Abteilung im zweiten Stock aufzusuchen. Die Lifttür öffnete sich, während dessen hörte er noch das aufgeregte rufen des Portiers,

»Sie können doch hier nicht einfach …!« Gott sei Dank schloss sich gerade die Lifttür. Auf den beleuchteten Knöpfen in der Kabine sah er 1. Stock, Sekunden darauf leuchtete der Knopf 2. Stock, es kam ihm trotzdem wie eine Ewigkeit vor.


Er ging den Gang entlang, niemand war zu sehen, es herrschte absolute Stille. Alex hatte den typischen Krankenhausgeruch, eine Mischung aus Bohnerwachs und Desinfektionsmittel in der Nase. Seine Schuhe quietschten bei seinen Schritten, was ihm unangenehm war, denn seine Gummisohlen, verursachten dieses Geräusch auf dem blanken Linoleumbahnen, der wie ein Spiegel glänzte.

Alex sah eine Tür, Teeküche stand darauf zu lesen, er hoffte, eine Krankenschwester anzutreffen. Doch das Zimmer war menschenleer, dennoch voll an geräumt mit Dingen, die er bei seinem eigenen Aufenthalt im Krankenhaus immer in der Teeküche sah, wenn er dort auf Besuch war. Um die junge Lernschwester, eine durchaus hübsche Malaiin zu treffen, mit der er öfters Schach spielte, wenn sie im Nachtdienst war und Zeit dazu hatte.


Während er noch überlegte, wo denn jetzt noch jemanden zu finden sein könnte, kam gerade eine Schwester aus einem Zimmer, sie hielt ein Tablett in Händen,

»Junger Mann! Was führt Sie denn zu so später Stunde hierher? Und das noch außerhalb der Besuchszeit! Wissen sie, wie spät es eigentlich ist?»


Er war besorgt und blickte die Schwester ernst an, als er ihr erklärte,

»Mein Freund Egon Fuchs, ist vor Kurzem eingeliefert worden, ich war vorher noch bei ihm, jetzt ist angerufen worden, deshalb bin ich hier!«, rechtfertigte er sich und sprach gleich weiter,

»wo ist er? Wie geht es ihm?«, Alex blickte sie flehentlich an. »Ich möchte ihn sehen, bitte Schwester!«

»Also, gut, junger Mann, kommen Sie mit«, erwiderte sie gütig und ging mit ihrem Tablett voran. Alex folgte ihr wie ein geprügelter Hund, in der Hoffnung nun Egon bald zu sehen. Sie gingen aber in die Teeküche, dort stellte sie ihr Tablett ab, wandte sich dann an ihn und sagte,

»Es tut mir wirklich sehr leid, Ihnen das jetzt sagen zu müssen, aber ihr Freund ist leider vor gut einer halben Stunde verstorben!«, sie blickte ihn dabei mitleidig an.


Er war wie vom Blitz getroffen und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen entsetzt an, »Ja aber, wieso?«

»Hier bitte, setzen Sie sich doch erst mal«, sie rückte ihm einen Stuhl zurecht. Das war auch gut so, denn er glaubte, irgendjemand hätte ihm jetzt die Beine weggezogen.

»Gegen 23.00 Uhr ist er mit der Ambulanz eingeliefert worden, im Wagen war er bereits klinisch tot. Die Ärzte haben alles versucht, wirklich alles, glauben Sie mir. Er war noch eine gewisse Zeit auf der Intensivstation, aber es nützte alles nichts, wir konnten ihm nicht mehr helfen, Kreislaufversagen!«


Die Schwester sprach sehr langsam und gefühlvoll, dennoch hatte er den Eindruck, dass sie es wohl schon öfters so gesagt haben musste.

»Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser? Sie sehen so blass aus, ist ihnen nicht gut?«, sie reichte ihm das Wasser.


Alex trank wie in Trance einen Schluck, um seine trockene Kehle wieder zu befeuchten. Zusammen gekauert wie ein Delinquent, der auf seine Hinrichtung wartet, saß er auf dem Stuhl und sprach wie geistesabwesend,

»Wie kann das sein? Ich verstehe nicht! Vor ein paar Stunden noch …!«

Alex rannen plötzlich die Tränen über die Wangen, seine Nase begann zu laufen.

»Das soll nichts heißen, Herz- und Kreislaufprobleme können in Sekunden ...«, die Schwester brach ab, reichte ihm ein Papiertaschentuch, Alex schnäuzte sich lautstark.


»Wo ist er jetzt?«, wollte er dann wissen.

»Immer noch auf der Intensivstation, aber Morgen ...«

Er winkte matt ab, er konnte und wollte das weitere Prozedere gar nicht mehr hören.

Gedanken schossen wirr durch seinen Kopf: Du bist Schuld! Du hättest ihn, auch wenn du ihm eine runter hauen hättest müssen, oder an den Haaren herein schleifen, hierher bringen müssen. Der Arzt hatte ja gewarnt, Scheiße verdammte, immer diese blöden Rücksichten, auf was eigentlich?


Und jetzt ist er tot! Er, der mir das Leben gerettet, der mich wieder aufgebaut hat, der alles in seiner Macht stehende getan hatte, damit ich wieder auf die Beine komme, wäre er damals nicht, als er mich bei Baumann vorbeigehen sah, in sein Auto gesprungen ... Ach Egon, du Scheißkerl, ich lebe und du hast mich verlassen! Schimpfte er innerlich in seiner Verzweiflung.


Alex schluchzte auf einmal jämmerlich, er konnte sich nicht mehr beherrschen. Die Schwester nahm ihn in den Arm, seine Tränen liefen über ihr Diplom Krankenschwester Abzeichen. Sie streichelte ihn sanft, wie eine Mutter die ihr Kind zu trösten versucht, wie er plötzlich spürte und empfand und wusste, dass nur seine Tante ihn als Kind jemals so gestreichelt hatte.


»Möchten Sie ein Beruhigungsmittel?«, fragte sie fürsorglich und leise.

Er schüttelte den Kopf, heulte seinen Schmerz heraus und war nicht mehr fähig, klare Gedanken zu fassen. Die Schwester führte ihn zu einer Liege und drückte ihn sanft darauf nieder. Sie gab ihm noch ein Glas Wasser, es schmeckte etwas anders als das zuvor, wie er dennoch bemerkte.


Alex wachte auf, er lag immer noch in der Teeküche und sah die Morgendämmerung zaghaft durchs Fenster dringen. Die Schwester saß am Schreibtisch und verrichtete irgendwelche Schreibarbeiten, sie sah etwas blass und übernächtigt aus, sie bemerkte, dass er wach war, lächelte freundlich und fragte,

»Soll ich, ihnen jetzt ein Taxi rufen?«

»Wieso Taxi?«

»Ich denke, das kleine grüne Auto vor der Einfahrt, wo noch die Fahrertür offen stand, hat man bestimmt schon abgeschleppt. Der Portier sagte, dass er sie darin herkommen sah!«


Alex fuhr dann mit einem Taxi nach Hause, er war noch ziemlich gezeichnet von der vergangenen Nacht, der kurze Schlaf war ja in keiner Weise Erholung gewesen. Er vermutete zwar, dass ihm die Schwester trotz allem, ein leichtes Beruhigungsmittel gegeben hatte, dennoch fühlte er sich mies. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, er fühlte sich, so wie er aussah, müde, ausgelaugt, niedergeschlagen und energielos, irgendwie schaffte er, es dann doch zu Baumann zu gelangen.


Dort traf er Paul, der natürlich völlig ahnungslos war und erzählte ihm die Ereignisse der vergangenen Nacht. Paul hörte mit völlig versteinerter Miene zu. Die Tatsache dass Egon nun tot war, so urplötzlich aus dieser Welt gegangen war, machte ihm anscheinend auch schwer zu schaffen. Alex merkte an Pauls Art, die sonst vor überreifer und Betriebsamkeit nur so strotzte, dass es ihn, wie auch ihn selbst, arg mitnahm. Sie beschlossen, nun gemeinsam Baumann die ganze traurige Wahrheit zu berichten.


Baumann konnte es auch gar nicht fassen und war wie vor den Kopf geschlagen. Er lief den ganzen Tag mit gesenktem Haupt herum und war nur sehr schwer ansprechbar. Am späten Nachmittag kam er zu den beiden, teilte ihnen dann seinen Entschluss mit, dass er alles an Bestattungskosten übernehmen und für eine angemessene Trauerfeier sorgen werde. Die Formalitäten beim Bestattungsinstitut möchte er samt allen erforderlichen Schritten in die Wege leiten und sich um alles kümmern. Da ja, wie er sagte, Egon als alleinstehender Freund und Mitarbeiter, sich das ganz einfach bei ihm verdient hätte.


Alex war irgendwie erleichtert und Paul anscheinend auch, denn sie hatten ja beide keine Ahnung, auch keine Erfahrung in solchen Belangen und wussten somit die traurige Angelegenheit in besten Händen.

Baumann war ein Mann, den die Härte des Schicksals selbst auch schon arg getroffen hatte. Der Verlust seines Sohnes und kurz danach auch den seiner Frau, hatte ihn damals fast völlig aus der Bahn geworfen. Seinem Leben eine andere Richtung gegeben, nicht wie er es geplant und sich gewünscht hätte. Er, musste aber trotzdem lernen damit umzugehen. Er hatte diese schwierigen Lektionen des Schicksals bestanden und konnte sich daher sehr gut in die Lage der beiden versetzen, was er ihnen dann auch so sagte.


Baumann erklärte ihnen auch, dass das einzige wirksame Mittel gegen Trübsinn und Nachdenklichkeit nicht darin zu finden wäre, in Selbstvorwürfen oder in Gedanken der Vergangenheit nachzutrauern. Sondern sich an zukünftigen Zielen zu orientieren und in der Arbeit nicht nachzulassen. So hart das auch klingen möge.


Das wirksamste Mittel ist die Arbeit, je schwieriger, je mehr davon, desto besser, meinte er mit dem Brustton der Überzeugung. Damals stand er selbst einmal an der Kippe, entweder die Dinge einfach treiben zu lassen, in welche Richtung auch immer. Oder die Flucht, in den Alkohol oder irgendwelchen anderen berauschenden Drogen anzutreten, mit der man einfach der Realität entfliehen könnte, wenn auch nur für kurze Zeit, dafür in der Folge um so öfters.


Er hätte damals beinahe in seiner Verzweiflung auch schnell das Handtuch geworfen. Dem plötzlichen Gedanken einfach mit seinem Leben Schluss zu machen, den ganzen Kram einfach hinter sich zu lassen, nachgegeben. War sogar soweit gekommen, nun einfach die Pistole aus seiner Schreibtischschublade zu nehmen, sich in den Mund zu schieben und einfach den Finger krumm zu machen.

Dass es dann doch nicht dazu kam, verdankte er eigentlich nur seinem Hund, der damals bei ihm saß und ihn mit so einem treuen Hundeblick ansah. So dass, er sich dabei dachte, nein, das darfst du dieser armen Kreatur einfach nicht antun.


Was soll eigentlich aus diesem hilflosen Geschöpf werden, wenn ich nicht mehr für ihn da bin? Ich müsste ihn ja vorher erschießen! Da dies aber für ihn überhaupt nie in Frage kam, warf er die Pistole kurzerhand wieder in die Schublade. Baumann hatte Tränen in den Augen, während er es erzählte und den Hund streichelte.


Er überwand aber schnell wieder seine sentimentale Phase und sagte, er werde jetzt gehen und sich dann um die traurigen Agenden kümmern. Am nächsten Tag trieb er die beiden an, sich in die Arbeit zu stürzen. Sie gehorchten ihm bereitwillig und waren ihm dafür sogar irgendwie dankbar, denn je mehr sie zu tun hatten, desto weniger dachten sie rückwärts.


13. Kapitel


Ein paar Tage später, an einem, strahlend schönen Vormittag, die Sonne wärmte schon mächtig und spendete helles freundliches Licht. Es wäre ein Tag um Freude zu haben, dachte sich Alex, aber er freute sich überhaupt nicht, denn es fand die Beisetzung seines Freundes auf dem Stadtfriedhof statt.


Baumann hatte sich selbst übertroffen und alles aufs Beste arrangiert, gut an die hundert Personen waren zur Trauerfeierlichkeit erschienen. Der größte Teil der Trauergemeinde, waren Leute vom Autoklub, die Egon immer mit besonderer Sorgfalt betreute und dadurch dort auch viele Freunde gewann. Baumann kannte natürlich jeden persönlich und stellte viele davon auch Alex vor. Die ganze Situation, so traurig sie im Grunde genommen auch war, kam Alex dennoch so familiär vor.


Er merkte, dass hier nicht reines Profitdenken oder nur die gute Dienstleistung den Ausschlag gaben, sondern der Mensch wirklich im Vordergrund stand. Egon war beliebt und hatte sich sicher verdient, dass man ihn auf seinem letzten Wege begleitet. Alex hörte von den verschiedensten Leuten, dass diese, viele wichtige Dinge abgesagt oder verschoben hatten, nur um ihn die letzte Ehre erweisen zu können.


Alex stand nun am offenen Grab, als dann der Sarg herabgelassen wurde. Erst in diesem Moment wurde ihm so richtig bewusst, dass Egons Tod eine unwiderrufliche Tatsache war. Die nie mehr rückgängig gemacht werden konnte, genau in diesem Augenblick verabschiedete er sich von Egon, seinem väterlichen Freund.

Er versprach sich innerlich, sich nun um Egons 'Katzenfreundin' solange sie lebt zu kümmern. Nach der Zeremonie fanden sich dann die Trauergäste in einem nahe gelegenem Gasthaus ein.


Anfangs war die Stimmung mehr als gedrückt. Egon hatte ja keine nahen Angehörigen, so waren also in erster Linie Freunde und Bekannte anwesend, der engere Kreis um Baumann und seine Arbeitskollegen.

Etwas später dann, nach dem Essen, wurde die Stimmung schon etwas lockerer. Alex empfand das als angenehm und war im Grunde auch froh darüber, es lenkte vom vorhergehenden tristen Ereignis doch etwas ab.


Er saß an dem Tisch, wo zum größten Teil die Leute vom Autoklub zusammen gekommen waren. Ihm gegenüber saß der Clubobmann, Eduard Oberholzner, mit seiner Frau Renate, die so eine Art Sekretärinnen Funktion im Club ausübte. Oberholzner war ein legerer Typ, der gerne erzählte, er band Alex gleich in die Gespräche mit ein.


Oberholzner erzählte kleine Anekdoten aus seiner eigenen aktiven Rennsportzeit und gab außer diesen persönlichen Erlebnissen, auch die Ziele des Klubs für die bestehende Rennsaison bekannt. Er war in erster Linie Kaufmann und schien sehr geschäftstüchtig. Seine Hauptaufgaben sah er, in der Organisation des Klubs und in der Gewinnung von Sponsoren. Zudem hatte er eine sehr nette Art, konnte sich gut ausdrücken. Vor allem besaß er auch die Fähigkeit, seine Gesprächspartner für eine Sache zu begeistern.


Alex war nach einiger Zeit von ihm und seinen Ideen angetan. Er spürte innerlich, dass Oberholzner in der Lage war, Ideen und Visionen zu entwickeln, und auch wusste, wie sie in der Praxis realisierbar wären. Er besaß dazu ein profundes technisches Wissen und eine langjährige Praxis, davon abgesehen kannte er, wie er Stolz verkündete, in der Rennsportwelt Gott und die Welt.


Am jungfräulichen Anfang des Bergrennsports, so erzählte er Alex, hätte es genügt sich irgendwo einen leistungsstarken Wagen präparieren zu lassen, eine Nennung abzugeben und eben an den Start zu gehen. Gesiegt haben dann immer diejenigen, die in der glücklichen Lage waren, sich das beste Material und die Teilnahme an jedem Rennen finanziell zu leisten.


Zu jener Zeit war der Bergrennsport quasi ein Zeitvertreib für wohlhabende Einzelgänger gewesen. Später dann, als diese Sportart von den Veranstaltern über die Medien stark propagiert wurde. Dadurch auch ein breites Interesse in der Öffentlichkeit fand, stießen eine große Zahl von Privatfahrern hinzu, die nicht unbedingt im Geld schwammen.


Oberholzner bemerkte sehr schnell, den Trend der jungen Fahrer sich zu organisieren, es wurden damals jede Menge 'Scuderias', Rennsportklubs, 'Racing Teams' und so weiter gebildet, wie er schilderte. So gründete auch er einen Autoklub, der gegen einen relativ geringen Mitgliedsbeitrag den Fahrern quasi ein Dach über dem Kopf gab. Damit meinte er nicht, den Schutz vor Regen, sondern ein Dienstleistungspaket, wie Garage, Werkstätte, Mechaniker, eben alles, was in technischer Hinsicht für den Rennsport gebraucht wurde. Er verstand auch, die jungen zu 'Managen', ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, ihre Positionierung in den Rennklassen zu fördern und ihnen auch in organisatorischer Hinsicht helfend unter die Arme zu greifen.


Im Bergrennsport gibt es zwei wesentliche Eckpunkte, wie er sagte, einmal die Staatsmeisterschaft in lokaler Hinsicht und zweitens die Europameisterschaft, für Fahrer und Konstrukteure. Oberholzner hatte es immerhin geschafft, drei Fahrer zu gewinnen, die in ihrer Klasse jeweils die Staatsmeisterschaft erringen konnten, dadurch profitierte nicht nur der Klub, sondern auch er, der Teamchef.


Oberholzner war immer wie ein flinker Jagdhund unterwegs, um auf der einen Seite, Fahrer mit wettbewerbsfähigen Wagen für alle Klassen zu bekommen. Andererseits auch genügend Sponsoren, um den Club für die Mitglieder attraktiv zu gestalten. Er war, wie er schilderte, an großen fetten Fischen dran die, die mittlerweile starke Werbewirksamkeit der Rennsportreklame erkannten und auch bereit waren, dafür so einiges an Geld locker zu machen.


Oberholzner meinte, dass sogar schon die Autohersteller ein Auge auf die Bergrennsparte geworfen hätten, sich aber zur Zeit hauptsächlich in der Formel 1 und im Rallye Sport engagierten. Trotzdem wäre in Zukunft zu befürchten, dass der eine oder andere Hersteller mit eigenen Werksteams erscheinen werde. Um dann am Geschehen direkt teilzunehmen.


Werksseitig unterstütze Teams hätten sich ja bereits gebildet und mischten schon kräftig mit. Oberholzner prognostizierte auf Sicht gesehen, dass es wie im Rallye Sport, zur Konfrontation der Giganten kommen werde und reine Privatfahrer in weiterer Zukunft eigentlich schon zum Aussterben verurteilt wären.

Alex hatte in sich bereits immer schon ein latentes Interesse gespürt, als ihm Egon damals, die technische Seite etwas nahe gebracht hatte. Aber nun durch das Gespräch mit Oberholzner, hatte er mehr Einblick in die organisatorischen Belange bekommen und er merkte, dass sich in Zukunft hier noch so einiges bewegen würde.


Sein Interesse war plötzlich noch stärker geweckt und die ganze Angelegenheit begann ihn mehr und mehr zu beschäftigen und zu interessieren.

In all dem Trubel vermisste er Susi, vor der er ja wusste, dass sie Egon gut kannte und auch gut leiden konnte. Er vermutete, dass sie aus irgendwelchen wichtigen Gründen nicht am Begräbnis teilnehmen konnte. Diese Vermutung bestätigte sich dann auch durch einen Fahrer des Clubs, der ihm sagte, sie wäre für ein paar Tage nach Italien gefahren. Er hätte sie bei der Gelegenheit auch gleich gebeten, bei Abarth einige Ersatzteile für seinen Rennmotor zu besorgen.

Sonst hätte sie wohl nie im Leben zugelassen, bei der Trauerfeierlichkeit nicht mit dabei zu sein.


Am nächsten Tag erfüllte er dann sein Versprechen, Egons Katze zu sich zu nehmen. Übergab sie tagsüber der Pflege durch seine Quartiergeber. Die sich äußerst tierliebend zeigten und sich riesig freuten, das Tier zu pflegen, als die erfuhren, welches Schicksal die arme Kreatur hatte.

Alex arbeitete wie ein Berserker, Baumann war hoch zufrieden, er merkte, dass Alex seinem Rat bedingungslos befolgte, durch intensive Arbeit nicht ins Grübeln zu kommen. Inzwischen herrschte auf Baumanns Gelände wieder Hochbetrieb, die Leute vom Sportclub waren allgegenwärtig.


Da die Rennen ja immer zum Wochenende stattfanden, musste ja Werktags fieberhaft gearbeitet werden, Alex merkte es daran, dass viele Fahrer und Mechaniker hauptsächlich immer ab 17 Uhr eintrafen. Meistens nach der Arbeit, weil sie sich ja doch irgendwo fürs normale Leben ihre Brötchen verdienen mussten.

In der Freizeit ging es dann oftmals bis in die späte Nacht durch, die Wagen für die nächsten Rennen, entweder zu reparieren oder eben nur vorzubereiten. In den Pausen besuchte Alex öfters mal das Clublokal, wo die Leute sich zwischendurch erholten und sich mit Unmengen von Kaffee wach hielten, um über die langen Nächte zu kommen. Oft half er dann auch bei kleineren Reparaturen mit.


Man hatte erkannt, dass er tüchtig und äußerst geschickt war. Und als Außenstehender, der noch nicht so mit 'Betriebsblindheit' geschlagen war, gute Ideen und Vorschläge einbrachte, die nicht einmal eingefleischte Insider drauf hatten.

Einem Alfa Fahrer, der ständig mit thermischen Problemen an seiner Rennauspuffanlage kämpfte und immer wieder versuchte, diese mit dem Schweißbrenner zu lösen. Riet er einmal, Ösen anzuschweißen und die Teile mit Stahlfedern zusammen zu spannen. Diese durchaus einfache, aber sehr wirkungsvolle Lösung, hatte die verblüffende Wirkung, erstens, dass die Teile nicht mehr durch Hitzespannungen brachen, dazu noch, dass sich sein Engagement blitzartig und positiv herumsprach.


Alex wuchs in der Gunst der Sportklubleute. Es machte ihm auch Freude, wenn er bei Problemen befragt wurde, so bemühte er sich immer zu helfen, wie und wo er nur konnte. Dadurch hielt man ihn jetzt auch für würdig, ihn quasi als kleine Belohnung, einmal ganz offiziell zu einem Rennen einzuladen und mitzunehmen.

Oberholzner übergab ihm dann feierlich, die Klub Einladung im Namen der Fahrer, gleichzeitig mit einem Ausweis fürs Fahrerlager, durch den er dann ungehindert durch alle Sperren des Veranstalters kommen würde.


Er war erfreut und gleichzeitig gerührt, über diese unerwartete Aufmerksamkeit. Er der kleine Autowäscher, wurde von einem bunt zusammengewürfelten Haufen von Leuten eingeladen und akzeptiert. Ja für voll genommen, unter denen sich Geschäftsleute, Ingenieure, Beamte, ja sogar Akademiker befanden. Man suchte sogar seinen Kontakt und seine Gesellschaft.


Oberholzner vergaß auch nich,t zu erwähnen, dass selbstverständlich alle Kosten für die Einladung zulasten des Klubs gehen. Das zu besuchende Rennen würde in Tirol, in der Nähe von Schwaz, auf einer, neu gebauten Bergstraße stattfinden, wie er mitteilte. Alex war schon kurz vor der anreise aufgeregt, wie ein kleiner Junge der, die Ferien nicht mehr erwarten konnte. Er packte seine Sachen, überprüfte immer wieder, ob er nichts Wichtiges vergessen hatte. Schließlich wollte er ja einen guten Eindruck machen. Es war auch vereinbart worden, dass man ihn am Freitag von Baumann abholen wird. Allerdings wer ihn mitnehmen würde, wusste er nicht. Vielleicht war so dieses kleine Detail in der Euphorie des Gespräches einfach vergessen worden, oder er hatte es einfach überhört? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern.


Freitag zu Mittag bekam er dann schon ziemliches Reisefieber und erledigte all seine Arbeiten gewissenhaft, das beruhigte ihn ungemein. Er wollte sich nämlich voll auf das Wochenende konzentrieren, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob vielleicht irgendetwas in der Firma unerledigt liegen geblieben war.

Er war gerade intensiv damit beschäftigt, eine Liste anzulegen, wo er die Materialien notierte, die für die Arbeit der nächsten Woche benötigt wurden. Gerade dabei vernahm er den satten Ton des Sportauspuffes, der ihm irgendwie schon vertraut vorkam.


Er lauschte gerade dem Geräusch, als dann die Hallentür aufging und Susi auf ihn zukam,

»Hallo! Alex, da bin ich, bist du schon Reise bereit?«, rief sie ihm fröhlich zu.

Alex staunte gar nicht schlecht. Er hatte eigentlich damit gerechnet, mit irgend einem Mechaniker, mit einem Transporter oder ein Fahrer würde ihn mit seinem Privatwagen mitnehmen. Aber dass Susi ihn fahren würde, das wäre ihm ja nie eingefallen. Sein Erstaunen sprang schnell in reine Freude um,

»Hallo Schatz! Wir können gleich los, ich hole eben mal schnell meine Sach ...«, weiter kam er aber nicht.


Der leidenschaftliche Kuss, den sie ihm gleich gab, drückte ihm den Mund zu. Er erwiderte ihn zärtlich und hob sie dabei hoch, drückte sie so fest an sich, wie mit der Kraft, eines russischen Steppenbärs. Sie zappelte mit den Beinen und rief lachend, »Alex! Du ungestümer Kerl, du drückst mir ja richtig die Luft ab! Aber ich liebe dich!«


Er setzte sie dann ganz behutsam wieder ab. Sie zog ihn an der Hand,

»Komm, lass uns jetzt sofort von hier verschwinden, noch bevor jemand mitfahren will, ich möchte nämlich lieber mit dir ganz alleine fahren!«

Alex schnappte sich eilig seine Reisetasche. Dann beeilten sie sich, unbehelligt aus dem Gelände zu kommen. Susi befürchtete nämlich, dass Paul sich noch keine Mitfahrgelegenheit organisiert hatte und falls er sie antreffen würde, die gute Gelegenheit gleich schamlos ausnützen könnte.


Susi fuhr schnell, sogar sehr schnell, aus der Stadt in Richtung der Autobahn. Er machte es sich inzwischen auf dem Beifahrersitz bequem. Die Sonne stand schon sehr tief und färbte alles in ein dunkles sattes Rot, die Sonnenblenden versagten durch die tief stehende Sonne vollkommen ihre Wirkung. Er blickte sich im Wagen um, sah zu Susi rüber, die Haare erschienen ihm noch viel kräftiger rot, als er sich erinnern konnte. Sie saß entspannt am Volant und schaltete das Radio ein, leise Tanzmusik erklang. Die nur vom satten Klang des Auspuffgeräusches überlagert wurde. Sie hatte ihre Reisefrisur, den üblichen Pferdeschwanz gebunden und trug ausnahmsweise keine Jeans, sondern ein hübsches ärmelloses Kleid, das sehr kurz war. Er dachte sich, bestimmt wieder so ein italienischer oder französischer Modefetzen, doch es gefiel ihm, denn es brachte ihre zierliche schlanke Figur voll zur Geltung.


Ungefähr nach einer guten Stunde Fahrt, hielt sie dann auf einem Rastplatz an und streckte sich wie eine Katze nach dem Mittagsschlaf, bewegte den Kopf nach allen Richtungen, stöhnte leise dabei und sagte, »Alex, komm sei lieb, übernimm bitte du, ich bin noch etwas abgespannt von der Fahrt gestern, bin ja nonstop aus Mailand gekommen!« Sie wechselten die Plätze. Alex fuhr los, sein Blick fiel nach einer Weile auf den Tacho, kurz erschrak er, die Tachonadel stand konstant bei 180 km/h, trotzdem merkte er dem Wagen die Geschwindigkeit überhaupt nicht an, er schien dafür gebaut zu sein, so ließ er ihn halt laufen. Welch ein Unterschied zu meinem guten Mini, dachte er, wo man schon bei 130 km/h den Eindruck hat, dass er jederzeit aufsteigen würde und der Motor ein Riesengebrüll machte. Na ja, ist eben auch ein großer Preisunterschied, tröstete er sich.


Er empfand das Fahrgefühl des BMWs als angenehm. Ließ, die Tachonadel bei 160 stehen, er blickte wieder zu Susi rüber, die inzwischen auf ihrem Sitz ein genickt war und buchstäblich in den Hosenträgergurten hing. Ihr Kleid war dadurch ziemlich nach oben gerutscht und ihre langen schlanken braungebrannten Beine endeten irgendwo unter dem Armaturenbrett, ihre Sandalen standen auf der Fußmatte daneben. Er ergötzte sich am Anblick, auch wie sie friedlich mit völlig entspanntem Gesicht dahin schlummerte und er hatte Mühe geraden Kurs auf der Bahn zu halten. Scheiße! Dachte er sich, wenn ich noch lange ihren aufregenden Körper anschaue, landen wir bei diesem Tempo sicher noch in der Botanik.


Er beherrschte sich und blickte von nun an, stur auf die Fahrbahn. Plötzlich zog ein roter Porsche Carrera an ihnen vorbei, Alex hatte den Eindruck, als fahre er selbst nur Stadtgeschwindigkeit. Dem Kennzeichen nach, war es jener Wagen, den er schon öfters in der Halle hatte, das Auto, das dem Rechtsanwalt gehörte. Er erkannte zwei Köpfe durch die Heckscheibe. Am Steuer, einen kugelrunden mit leichter Glatze und daneben einen Schmalen mit langen blonden Haaren. Ah, dachte er sich, der Herr Doktor, mit seiner neuen blonden Flamme, die ja beim Sprechen immer auch ein bisschen flutscht, aber sonst eigentlich ganz nett ist. Nun ja, dem Doktor kommt es bei ihr sicher nicht nur aufs Sprechen an, dazu hat er bestimmt beruflich ausreichende Gelegenheit, sagte er sich.


Der Porsche reihte sich ungefähr 100 Meter vor ihm auf die rechte Spur ein und verringerte das Tempo. Als Alex aufschloss, sah er, aus den Auspuffröhren, schwarzen Qualm heraus strömen, aber nur ganz kurz, denn der Porsche beschleunigte im Nu wieder. Auch Alex gab ordentlich Gas, der BMW blieb dem Vordermann, wie eine Klette auf den Fersen. Alex spürte sogar, wie der Wagen sogar noch im fünften Gang kräftig beschleunigte, wenn er das Gaspedal tiefer trat und er trat es tiefer. Die Tachonadel hing schon bei 210, der Tourenzähler hielt sich noch in Grenzen, es war also noch genügend Reserve bis zum roten Feld. Alex beobachtete den Porsche, der, wie eine Flunder vor ihm auf der Bahn lag, immer wenn der Abstand größer wurde, gab er wieder ordentlich Gas und schloss dem Porsche wieder auf.


Dieses Spielchen schien ja dem Doktor sehr zu gefallen, da Alex die Aufforderung, zum Kräftemessen verstand und auch annahm. Alex fuhr im Windschatten seines Vordermannes, auf so kurze Distanz, als wären sie mit einem Schleppseil verbunden. Die Autobahn war fast leer, nur wenige Wagen waren unterwegs, wobei manche respektvoll Platz machten, als sie das 'Gespann' im Rückspiegel erblickten. Alex genoss das Gefühl der hohen Geschwindigkeit und gleichzeitig der Ehrfurcht, den die übrigen Verkehrsteilnehmer den Luxuswagen zollten. Der Doktor merkte, dass er ihn wohl nicht so ohne Weiteres abschütteln konnte, er hatte sich ja wie ein lästiger Blutegel angesaugt.


So viel der Doktor, auch durch Spurwechsel versuchte, den Windschatten abreißen zu lassen. Alex hing an ihm, als wäre der Porsche ein Magnet. Der Doktor wurde plötzlich bösartig, sehr bösartig. Seine Bremsleuchten leuchteten, plötzlich ohne ersichtlichen Grund, ein paar mal auf. Alex ließ das jedoch vollkommen kalt, er wusste ja von Egon, dass dies ein beliebter Trick ist. Um einen Kontrahenten aus dem Konzept zu bringen, wenn man mit dem linken Fuß bei Vollgas das Bremspedal nur an tippt.


Der Doktor begriff rasch die Sinnlosigkeit seines Manövers und ließ es dann auch bleiben. Alex war aber trotzdem auf der Hut, er vermutete nämlich, dass der Doktor sich irgendeine andere kleine Schweinerei ausdenken würde, um ihn doch noch loszuwerden und einfach davon ziehen zu können.

Er musste ja unbedingt seinem Image, als BMW-Killer gerecht werden, das er sich teuer und mühsam bei Baumann aufgebaut hatte und dort auch jeder kannte. Die Tachonadel stand konstant bei 240 km/h. Susi schlummerte immer noch friedlich, sie bekam von alledem überhaupt nichts mit, ihr Kleid war noch weiter nach oben gerutscht, da sie im Sitz nach unten geglitten war.


Alex sah ihren roten mit Spitzen besetzten Slip und was für ein tolles Rot, dachte er sich, dieser Sekundenbruchteil der Betrachtung genügte, den Vordermann einfach zu vergessen. Als der Doktor unerwartet von der Überholspur nach rechts wechselte, spürte Alex wie der Windschatten ganz plötzlich abriss und sein Wagen dadurch langsamer wurde, der Porsche zog daraufhin einfach davon. Alex gab nun Vollgas, der Tacho pendelte sich bei 240 ein und rührte sich keinen Millimeter weiter. Der Porsche zog noch immer davon, der Abstand vergrößerte sich zusehends. Alex erkannte, dass er jetzt am Limit des Wagens angelangt war, er hatte einfach keine Chance mehr.


Kurz vor der deutschen Grenze war der Porsche auch nicht mehr zu sehen. Alex rollte in der Kolonne zum Zoll an der Grenzstelle, ein junger Beamter mit einem Pickelgesicht stand am Zollhaus und verlangte die Pässe. Über den Passrand gaffte er gebannt durchs Fenster auf Susis lange Beine, er blätterte in den Pässen, ohne jedoch direkt hineinzusehen.


Alex ärgerte sich, über die frechen direkten Blicke, kurzerhand nahm er seine Jacke vom Rücksitz und breitete sie über Susis Beine,

»Damit ihr beim offenen Fenster jetzt nicht zu kalt wird!», meinte er lächelnd zum Beamten, der klappte daraufhin schnell die Pässe zu und reichte sie Alex zurück mit den Worten, »Fahren Sie weiter, Viel Vergnügen, gute Fahrt!«


Arschloch! Dachte sich Alex und gab Gas, andererseits hatte er doch irgendwie Verständnis für den Jungen. Wahrscheinlich hättest du an seiner Stelle auch nicht anders reagiert.

Alex fuhr dann auf der Deutschen Autobahn mit 150 km/h dahin, als Susi aufwachte, sie war immer noch zugedeckt,

»Du bist lieb, mich so fürsorglich zuzudecken«, meinte sie fröhlich und sah sich um,

»Wo? Sind wir denn eigentlich, jetzt?«


»Kurz vor Kufstein!«, antwortete er und überholte gerade eine Kolonne LKWs. Susi gähnte herzhaft, sie streckte sich wie eine Katze, »Ich habe ein bisschen Hunger und viel Durst, können wir nicht irgendwo anhalten?«, fragte sie immer noch gähnend,

»Was meinst du?«, sie schien wieder zu fangen.

»Ist gut, ich fahre jetzt bei der nächsten Ausfahrt ab und wir suchen uns ein nettes Gasthaus, OK?«


Susi nickte zustimmend und kramte dabei in ihrem Beauty-Case. Sie fand einen Zettel und zeigte ihn her,

»Schau mal! Das hat mir Oberholzner gegeben, unser Quartier, Hotel Restaurant – Goldener Hirsch, es ist auch ein Prospekt dabei, sieht ja gut aus für uns!«, sie blätterte in der Broschüre, »alles vorhanden! Schwimmbad, Sauna, gemütliche Zimmer. Wir werden uns dort sicher wohlfühlen, was meinst du? Außerdem gehört die Nacht uns!«, sie legte ihren Arm auf seine Schulter und kraulte ihn zärtlich am Ohr, »Du bist wirklich ein guter umsichtiger Fahrer, ich hatte keine Minute Angst und habe sogar wie ein Murmeltier tief und fest geschlafen!«


Sie überholten gerade einen Kombiwagen, der einen Anhänger zog, auf dem ein gelber Lotus Elan, mit Startnummern festgezurrt war.

»Schau mal, die meisten Reisen heute auch schon an, Morgen ist ja Training, freust du dich dabei zu sein?«

»Dabei sein? Du meinst, zuschauen!«, antwortete er etwas geistesabwesend. Er war in Gedanken versunken und rätselte noch immer herum, welche Rolle sie eigentlich im Klub spielt, sie holt Teile und Motoren! Kennt jeden! Ist über alles bestens informiert! Trotzdem geht sie mit keinem von denen, oder doch? Was ist da eigentlich los? Ich werde es sicher noch herausfinden, damit schloss er vorerst dieses Thema geistig ab.


Sie verließen dann die Autobahn, um auf der Bundesstraße weiter zu fahren. Alex sah einen typischen Tiroler Gasthof, mit riesigen blumengeschmückten Holzbalkons. Das Haus machte einen recht gut gepflegten Eindruck und sah einladend aus. Alex bog von der Hauptstraße ab und hielt vor dem Gasthof. Am Eingang stand 'Andreas Hofer' zu lesen. Sie betraten die Gaststube, die mit Zirbenholz getäfelt und mit wuchtigen Holzmöbeln ausgestattet war. Alles war geschmackvoll eingerichtet und machte einen ordentlichen Eindruck.


Alex war höflich vorausgegangen und hielt Susi die Tür auf, dabei erblickte er in einer Nische ein Paar, er mit rundem Kopf und Glatze, sie mit ovalem Kopf und langen blonden Haaren, Scheiße! Dachte er sich, nicht die! Schon wieder. Noch, bevor er Susi in eine andere Richtung bugsieren konnte. War der Doktor, als er sie erblickte aufgesprungen, kam auf sie zu, küsste Susi andeutungsweise die Hand, begrüßte ihn sehr höflich und bat sie, doch an seinem Tisch Platz zu nehmen.


Susi willigte sofort ein, obwohl er noch etwas sauer dreinschaute. Der Doktor, stellte ihnen dann seine Begleiterin vor, sie hieß Cindy und er machte dabei ganz verliebte Nasenlöcher. Der Doktor und Susi, die sich ja gut kannten, vertieften sich dann in ein Gespräch über Italien, über die herrlichen Bauten, dem guten Essen und vor allem die schicken Geschäfte in Mailand. Alex fand das eher langweilig, er war ja noch nie in Italien gewesen. Konnte somit auch nicht mitreden.


Cindy zupfte dauernd etwas blasiert an ihrer Bluse herum, das Thema schien ja auch sie nicht sonderlich zu interessieren.

Cindy gaffte Alex an, sie flutschte ihm zu, »Sie waren das also! Der, mit dem BMW!«

»Ja, ganz recht«, antwortete er.

»Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie zwar ein sehr guter Fahrer sind, aber leider den falschen Wagen lenken!«

»Wie darf ich das verstehen?«, Alex stiegen innerlich leichte Grausbirnen auf.


»Na, eben so, wie ich es gesagt habe!«, antwortete sie ziemlich schnippisch.

Alex entschuldigte sich für einen Moment und verließ den Tisch, auf dem Gang zum Waschraum, dachte er sich, so eine exaltierte Ziege, was bildet die sich denn eigentlich ein. Bloß weil sie mit dem Doktor geht, der nicht mehr weiß, was er alles mit seinem Geld anfangen soll, sie, sich als Vorzeigepuppe hält, gibt sie Urteile ab, diese blöde Gans!


Nachdem er seinen Blasendruck erleichtert hatte, war ihm auch leichter in den Gedanken. Er kam lächelnd zum Tisch zurück. Cindy saß, wie schon zuvor, mit gelangweilter Miene da und studierte gerade aufmerksam die Speisekarte, die beiden anderen waren immer noch in Italien, diesmal ganz begeistert über Rom. Cindy stöhnte freudig auf, sie hatte 'Tirolergröstl' auf der Speisekarte entdeckt, das würde sie gerne nehmen, aber die Menge, na wegen der Figur, Sie verstehen, dabei drückte sie ostentativ ihre Brüste heraus.


Alex hatte schon Angst, die Knöpfe der Bluse springen ab und fliegen ihm direkt ins Auge, er saß ja direkt in der Gefahrenzone, ihr gegenüber.

»Würden Sie das Tirolergröstl mit mir nehmen? Bitte sagen Sie doch ja!«, wollte sie lächelnd von Alex wissen.

»Ist gut! Ich mache mit», eigentlich hatte er ja mehr Appetit auf eine würzige Gulaschsuppe, warum er so plötzlich einwilligte, wusste er sich aber gar nicht zu erklären.


Cindy lächelte ihn auf einmal freundlich an, vermutlich deshalb, weil er zugestimmt hatte. Er dachte dabei, irgendwie sind doch alle Frauen gleich, wenn man das tut, was die wollen, dann sind die nett zu einem, und sonst? Er hörte wie Susi sich einen Speckteller bestellte, der Doktor nahm eine Käseplatte. Es dauerte nicht lange, dann wurden die Speisen serviert, das Tirolergröstl wurde in einer Pfanne mit einer Holzvorrichtung serviert, wahrscheinlich damit sie nicht kippt. Cindy und Alex bekamen keine Teller, nur einen Löffel.


»Wir müssen jetzt gemeinsam aus der Pfanne essen, uraltes Tiroler Brauchtum! Hoffe es stört sie nicht?«, flutschte sie Alex zu.

Sie begann gleich tüchtig zuzulangen, bei jedem Bissen blickte sie tief in seine Augen, es war irgendwie ein hungriger Blick, meinte er zu erkennen.

Die beiden diskutierten noch immer über Rom und waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie gar nicht wahrnahmen, als Alex bemerkte,

»Der Herr Doktor ist ja richtiger Italien Fan, er müsste doch eigentlich Ferrari fahren und keinen Porsche!«

»In Zukunft wird er das ja auch! Bestellt hat er ihn ja schon. Aber Maranello kann in der Ausführung, die er will, nicht so schnell liefern, wissen Sie! Ja und wenn er ihn dann endlich hat, bekomme ich nämlich den Porsche!«, sie grinste ziemlich unverschämt dabei und er spürte unter dem Tisch plötzlich ihren Fuß an seinem Hosenbein rauf und runter reiben.


Dabei wäre ihm fast das Tirolergröstl im Hals stecken geblieben, er dachte sich, Junge ist das ein stilles Wasser! Die Kleine, ein ausgefeimtes Luder! Er glaubte, jetzt auch die Anspielung, von wegen guter Fahrer, aber falsches Auto zu verstehen.

Cindy war mit dem Essen fertig, Alex stocherte noch ein wenig im Gröstl herum und fischte sich einige Speckstücke heraus, die wunderbar würzig schmeckten. Cindy kramte in ihrer Handtasche herum, nahm ein goldenes Feuerzeug und ein goldenes Zigarettenetui hervor,

»Möchten se jetzt eine Zigarette?», fragte sie und hielt ihm das Etui hin.


»Vielen Dank, aber ich rauche nicht!»

Sie hantierte derart ungeschickt mit ihrem Feuerzeug, das es ihr aus der Hand fiel. Alex beugte sich unter den Tisch und wollte es aufheben, was er dann sah, verschlug ihm momentan den Atem. Cindy saß, nämlich mit ihrem kurzen Rock, mit gespreizten Schenkeln da und trug keinen Slip, bot somit volle Sicht auf ihre intimsten weiblichsten Stellen. In Sekundenbruchteilen schloss sie ihre Schenkel, um sie dann ganz langsam wieder zu öffnen, wobei sie ihr Becken nach vorne bewegte. Alex fand in dieser Situation das Feuerzeug natürlich nicht.


Der Doktor fragte besorgt,

»Liebling, suchst du etwas?«

»Mein Feuerzeug! Es ist mir heruntergefallen!«

Der Doktor griff nach unten, irgendwie ertastete er es gleich und reichte es ihr, diskutierte aber sofort mit Susi weiter, als ob nichts geschehen sei, diesmal über Michelangelo. Cindy reichte Alex das Feuerzeug,

»Wollen sie mich...., befeuern?«, sie steckte sich lasziv wirkend eine Zigarette zwischen die Lippen und beugte ihr Gesicht vor.


Alex klickte das Feuerzeug an, hielt die Flamme an ihre Zigarette, sie sah ihm dabei tief in die Augen und umfasste mit ihrer Hand seine, die das Feuerzeug hielt. Ihre Hand war heiß, wie er spürte, übte sie einen leichten Druck aus, gleichzeitig merkte er wieder ihren Fuß, diesmal gefährlich weiter oben reiben. In diesem Moment kam der Kellner, er hatte ein Tablett mit der Rechnung, die der Doktor gönnerhaft übernahm und beglich, der Kellner buckelte rückwärts gehend vom Tisch. Wahrscheinlich war das Trinkgeld auch entsprechend großzügig ausgefallen, dachte sich Alex.


Als dann alle zur Tür gingen, fragte der Doktor,

»Wo steigen sie denn eigentlich ab?«

»Hotel goldener Hirsch!«, antwortete Susi.

»Ist ja toll, dann sehen wir uns ja bestimmt noch öfters, wir haben dort nämlich auch gebucht, ist ja das erste Haus am Platz!«. Sie verließen alle gemeinsam das Lokal. Der Porsche dröhnte als erster davon. Alex startete den Wagen, fuhr los. Susi sah ihn Ernst an,

»Sag mal, was hast du eigentlich mit der kleinen Schlampe gemacht, dass sie dich ständig mit ihren Blicken so gierig verschlungen hat?«


Alex zuckte innerlich zusammen und dachte sich, die Frage müsste doch wohl anders lauten: Was hat die kleine Schlampe denn mit mir gemacht?

Er antwortete ruhig, »Ich verstehe gar nicht, was du meinst!«

»Denke ja nicht, dass ich dumm bin und nichts bemerkt habe!«, sie machte ein finsteres Gesicht, ihre Augen funkelten plötzlich bösartig.

»Was hast du denn bemerkt?«, fragte er und setzte eine Unschuldsmiene auf.

»Du hast sie doch oft so ganz eigenartig angestarrt, solche Blicke kenne ich ja bei dir!«


Mein Gott! Sie ist ja so richtig eifersüchtig, sagte er sich, und wie süß sie dabei ist, er frohlockte innerlich, sie war es doch, die sagte, Grundvoraussetzung für Eifersucht, sei doch Liebe und jetzt ist sie eifersüchtig! Und wie!

»Du redest dir da doch etwas ein, Susi!«, konterte er zärtlich.

»Ich bin doch nicht blöd! Ich habe schon gemerkt, dass sie dir gefällt, dieses erbärmliche Flittchen, die mit jedem gleich ins Bett springt, diese geile Nymphomanin. Wenn ich sie wieder sehe, kratze ich ihr gleich die Augen aus. Oder nein, noch besser, ich kratze dir die Augen aus, wenn du sie noch einmal so anstarrst!«, sie war jetzt sichtlich außer sich.


Alex bremste den Wagen und bog in einen Feldweg ein, der Wagen sprang trotz der straffen Federung, wie ein Känguru auf dem Feldweg. Wo anscheinend sonst nur Traktoren fuhren.

»Bist du verrückt? Was machst du jetzt? Wir sitzen gleich auf der Bodenplatte auf!«, Susi war jetzt so richtig wütend. Sie wurden durch gerüttelt, wie Steine im Kieswerk. Nach ein paar Meter, saß der Wagen wirklich auf der Bodenplatte auf. Alex stellte den Motor ab, er kurbelte das Fenster herunter, holte erst mal tief Luft. Er sog die frische Waldluft tief atmend ein, die Bäume ringsum sahen im Dämmerlicht irgendwie gespenstisch aus, nur ganz leichtes Vogelgezwitscher durchbrach die Stille.


»Was soll denn das! Wir sitzen jetzt hier fest, wir müssen doch ins Hotel, unser Zimmer! Wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, geben die es weiter! Und was machen wir dann?«

Alex sah sie an, ohne ein Wort zu sagen und er sah sie lange an. Susi wurde ganz unruhig, ihre Augen weit, der Blick darin ängstlich. Alex rückte ein Stück näher zu ihr, sie rückte ängstlich zurück zur Tür des Wagens.

»Alex! ...«, weiter kam sie nicht mehr.

Er zog sie zu sich heran, küsste sie stürmisch zugleich fordernd, zwischen den Küssen flüsterte er ihr ins Ohr,

»Ich liebe dich! Und nur dich! Glaube mir!«


Er bedeckte ihr ganzes Gesicht, ihren Hals mit Küsse, sie war völlig überrascht und erwiderte langsam seine Zärtlichkeiten,

»Alex! Oh Alex! Verzeih mir, es war so dumm von mir, aber diese Schlampe ...«

»Psst! Psst ... !, beruhige dich, es gibt nur uns!«

Sie umschlang ihn zärtlich, drückte ihn leidenschaftlich an sich, knabberte an seinem Ohr und flüsterte ihm zu,

»Alex, ich liebe dich! Ich will dich nicht verlieren!«


Einige Zeit später, startete er den Motor, er konnte ohne Probleme die Hauptstraße erreichen und vermutete, dass die starken rhythmischen Bewegungen, die sie der Federung angetan hatten, die Bodenplatte einfach vom Untergrund löste.

Beim Wegfahren fragte sie erstaunt, »wie hast du das denn eigentlich gemacht?

Er lachte, »Es sollte heißen, wie haben wir es gemacht? Aber im ernst, wir werden das System wohl zum Patent anmelden, was meinst du?«


Sie kuschelte sich zärtlich an ihn,

»Ach Alex, du bist schon ein blöder Kerl, aber ein sehr lieber ...«

Sie lachte jetzt auch und schien wieder glücklich zu sein, wie er glaubte zu sehen.

Der Nachtportier, vom goldenen Hirschen, saß schläfrig in der Rezeption und gab ihnen dann den Zimmerschlüssel, mit einem Unding von Schlüsselanhänger daran, mindesten 1,5 Kilogramm schwer, der einem Totschläger alle Ehre gemacht hätte.


Der Portier vergaß, auch nicht zu erwähnen, ein gewisser Doktor Ransmayer hätte beim Einchecken gesagt, unbedingt ihr Zimmer nicht an jemanden anderen zu vergeben. Auch wenn sie später eintreffen sollten, es könnte ja sein, dass die Herrschaften eine Panne unterwegs hätten. Hatten Sie denn eine Panne?

»Ja wissen Sie ..., hm, wir würden es anders nennen, aber auf jeden Fall, vielen Dank für Ihre Mühe!«


Alex drückte dem Portier einen Schein in die Hand.

»Danke sehr! Gute Nacht die Herrschaften!«, der Portier zog sich diskret zurück.

Am nächsten Morgen zog Alex die Vorhänge auf, es war ein trüber Tag, die Wolken hingen tief bis ins Tal, trotzdem bot die viele Natur hier, wie er sah, einen herrlichen Anblick.


Die Berge waren bis zur Baumgrenze wie in Watte gepackt, Ihre Gipfel waren frei und ragten majestätisch aus den tief hängenden Wolken. Er öffnete das Fenster, die kalte Bergluft strich sanft über seinen nackten Körper. Susi räkelte sich ebenfalls nackt im Bett und streckte genüsslich ihren Körper und drehte sich zum Nachttisch, um eine Packung Zigaretten zu angeln. Alex dachte sich, als er sie so sah, wenn ich jetzt nicht sofort kalt duschen gehe, fällt bestimmt das Frühstück aus, ich habe aber einen Riesenhunger. Susi hatte ihre Kopfkissen als Rückenlehne hochgestellt und rauchte genussvoll eine Zigarette.


Der Rauch kam Alex in die Atmung, er musste Husten.

»Entschuldige! Eine wirklich schlechte Angewohnheit von mir, gleich nach dem Schlaf zu rauchen, aber ich hatte es mir im Dienst so angewöhnt«, sie dämpfte hastig die Zigarette aus,

»Alex, mein starker Bär! Komm ... doch!«, sie streckte ihre Arme sehnsüchtig in seine Richtung, sah ihn dabei sehr lüstern an.


Oh Gott! Schoss es ihm durch den Kopf, sie ist ja wahrhaftig eine Nimmer-satt, wenn ich jetzt nachgebe, gibt es kein Frühstück. Bestimmt nicht! Wahrscheinlich auch kein Training zu sehen, wir werden ganz sicher den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer kommen.

Susi zog einen Schmollmund,

»Alex, komm doch! Willst du nicht ... ?«

Er hustete wieder und erwiderte sehr gedämpft,

»Von wegen, wollen?«


Sie hatte es trotzdem gehört, sprang plötzlich flink wie eine Gazelle aus dem Bett, umarmte ihn, er spürte, welche Hitze ihr Körper abstrahlte, sie küsste ihn zart,

»Komm, wir gehen jetzt duschen und dann nichts, als hinunter zum Frühstück, damit du wieder Kräfte bekommst, Bärenkräfte!«, während sie sprach, massierte sie seine Rückenmuskeln, die ziemlich verspannt waren, wie er fühlen konnte.


Das Frühstück war erstklassig, sie beschlossen, danach gleich zum Fahrerlager zu fahren, um sich dort erst einmal in Ruhe umzusehen und vielleicht Oberholzner und die anderen vom Club zu treffen. Das Fahrerlager befand sich auf einem Parkplatz des Gasthauses, das am Fuße des Berges lag, auf den, die vier Kilometer lange Rennstrecke hinauf führte. Das Areal war eingezäunt und wurde von Ordnern des Veranstalters streng bewacht, hinein konnte man nur, mit einem speziellen Ausweis, den sie ja von Oberholzner bekommen hatten, auch artig vorzeigten, als sie ins Fahrerlager einfuhren.


Dort kreuzte Oberholzner ihren Weg, er sah sie, fuchtelte wild mit den Armen umher und rief,

»Hallo! Ihr zwei! Gut das ihr schon da seid!«, er schien sehr aufgeregt zu sein. Susi kurbelte die Seitenscheibe ganz herunter,

»Was ist denn los? Eduard«, fragte sie in beruhigendem Tonfall.

»Ach, eine mittlere Katastrophe, die bestellten Teile für den Alfa GTA sind beim Zoll, diese Kreaturen von Zöllnern! Geben die nicht heraus, weil irgendwelche, dämlichen, verfluchten Papiere falsch ausgefüllt sind, so ein Mist!«, Oberholzner schäumte vor Wut und ereiferte sich gleich weiter,


»Wenn wir die verdammten Teile bis morgen früh nicht hier haben, dann ist für Manfred der Ofen aus, er kann sich dann die Bergmeisterschaft aufzeichnen. Susi du musst uns helfen! Bitte!«, er sah sie mit flehendem Blick an. »Ich kann ja hier nicht weg und die anderen haben ja auch keine Zeit.«

»Heißt das jetzt, ich soll gleich nach Innsbruck zum Zoll fahren?«, fragte sie seelenruhig.


»Zum Zoll ja! Aber nicht nach Innsbruck, die Teile liegen entweder in Bozen oder Meran, vielleicht in Sterzing, so genau wissen wir das nicht. Susi bitte!«

Gerade in diesem Moment, fuhr der rote Porsche vorbei, Dr. Ransmayer hatte sie gesehen, er winkte ihnen freundlich zu, neben ihm saß Cindy, sie lächelte und winkte ebenfalls. Der Porsche fuhr langsam weiter.

Oberholzner sprach eindringlich zu Susi, »Schau, wenn du gleich losfährst, schaffst du es bestimmt und überhaupt wenn es jemand schaffst dann nur du! Alex kann ja inzwischen ...«

Susi unterbrach ihn gleich forsch, »Alex bleibt bei mir! Ich brauche ihn! Ich bin ja in den letzten Tagen Tausende Kilometer gefahren ...«

»Ist ja schon gut! Susi, wie du willst aber bitte, bitte fahrt gleich los! Hast du eigentlich genug Geld?«

»Ich glaube, dafür wird’s schon reichen!«, Susi kurbelte das Fenster wieder hoch und wendete den Wagen.


Oberholzner winkte ihnen nach, dem Gesichtsausdruck nach schien er jetzt sehr erleichtert zu sein. Susi murmelte vor sich hin, »Das hätte ihm jetzt so passen können, dich einfach so von mir zu trennen«, dann zu Alex gewandt, »Es wäre ja unumgänglich, dass du dieses Flittchen im Fahrerlager wieder triffst. Dort ist ja eines ihrer bevorzugten Jagdreviere schlechthin, ich will dieses Risiko einfach nicht eingehen, auf gar keinen Fall!«

Sie bog gerade wieder auf die Autobahn in Richtung Brenner,

»Du sagst ja gar nichts?«, sie sah Alex fragend an.


»Was soll ich denn sagen? Ich bin jetzt noch an gegessen und daher etwas müde, war ja auch eine anstrengende Nacht, eine aufregende Nacht, letzte Nacht!«, antwortete er ruhig.

Sie lachte amüsiert, »Hat sich mein starker Bär etwa leicht übernommen?«

Auf diese Frage schwieg er lieber und machte es sich auf seinem Sitz bequem.

Susi trieb den Wagen mit 180 über die Autobahn, der Tacho schien sie nicht im geringsten zu interessieren.


Am Brenner angekommen, kämpften sich in der Kolonne zum Grenzposten vor. Die österreichischen Zöllner winkten gleich durch, auf der italienischen Seite standen die Carabinieri, in ihren geschniegelten Uniformen. Alex musste grinsen, ihm kamen die vor wie Operettenuniformen. Einer der Carabinieri stand nun vor ihrem Wagen, er hatte eine Tellermütze auf, darauf ein viel zu großes vergoldetes Emblem, sein Gesicht war dunkel gebräunt, die Haare kohlrabenschwarz glänzend, er hatte funkelnde Blicke,

»Passaporto! Prego!«, knurrte der missmutig.


Alex bemerkte, wie eigenartig Susi im Wagen saß. Sie machte ein hohles Kreuz, streckte ihre Brüste raus, ihr Rock war, wie immer kurz und ziemlich hochgerutscht, und ließ daher viel wohlgeformtes Bein zum Vorschein kommen.

Der Carabiniere nahm die Pässe, sah auf die Fotos und bückte sich in Fensterhöhe, sah Alex kurz uninteressiert an, dann blickte er zu Susi für Alex Geschmack viel zu intensiv. Dem Carabiniere, gefiel anscheinend sehr, was er sah

In gebrochenem Deutsch, fragte er,

»Wohin Sie fahren in Italia?«

Susi antwortete mit einem koketten Lächeln,

»Wissen Sie, wir wollen zum Zoll! Wir müssen unbedingt Ersatzteile für einen Renn-Alfa GTA abholen, wenn wir die Teile nicht bekommen, kann der Alfa morgen beim Rennen nicht gewinnen!«

Der Carabiniere sagte wohlwollend,

»Ah! Alfa GTA, buono! Bella machina! Wo Teile?«, er überlegte, sich am Kinn kratzend bekam einen verträumten Blick.


Susi grinste Alex an, sie flüsterte ihm ganz leise zu; wahrscheinlich fährt er selbst einen Toppolino? Mal sehen, was er jetzt macht?

Der Carabiniere fasste sich wieder und rief, einen in der Nähe stehenden Beamten, der eine etwas andere Uniform, aber nicht weniger protzig, trug, aufgeregt zu,

»Giuseppe! Giuseppe! Veni qui!«, der gerufene kam zum Carabiniere, der ihm irgendetwas auf Italienisch, so schnell, wie ein Schnellfeuergewehr sagte und dabei ganz wild mit den Armen gestikulierte. Alex hatte den Eindruck, als würde auf einem Tonband der schnelle Vorlauf ab gespult, als er ihn so beobachtete.


Der Carabiniere sagte zu Susi,

»Signora, Giuseppe kann helfen! Sie gehen mit ihm!«

Hinten hupten einige Wagen mit deutschem Kennzeichen, vermutlich wegen der nun schon längeren Verzögerung. Der Carabiniere drehte sich um und rief laut, in Richtung der Wartenden,

»Mamma Mia! Pazienta! Pazienta! Kretinos!«


Susi fuhr dann rechts ran und stellte den Motor ab, sie sagte zu ihm,

»Du wartest am besten hier im Wagen, ich mache das jetzt alleine!«, sie stieg aus und zog ihren Rock nach unten, aber ganz langsam, damit vielleicht auch Giuseppe noch etwas davon hatte.

Sie ging mit dem Beamten ins Zollhaus. Ungefähr fünfzehn Minuten später kam sie zurück und grinste übers ganze Gesicht,

»Alles bestens, Alex! Der Kerl hat nach Meran telefoniert, dort liegt das Zeug, er hat seinem Kollegen gesagt, es ginge um Italiens Ehre im Motorsport. Wir können jetzt gleich hinfahren und alles sofort abholen!«


Der BMW passierte die Grenze, Alex sah die Sportfans in ihren protzig anmutenden Uniformen, zackig salutieren, wobei der Carabiniere mit lüsternem funkelndem Blick noch rief, »Arrivederci, Signora … magnifico!«

Unterwegs erzählte Susi, was sie alles erfahren konnte, der Carabiniere ist ein hoher Offizier, wie Giuseppe ihr sagte. Dem es im Büro zu langweilig wurde, er ist dann an die Grenzstelle gegangen, um sich die Beine zu vertreten, gleichzeitig bei seinen Untergebenen Präsenz zu zeigen. Kurze Zeit später, waren sie ja gekommen, den Rest hätte er selbst miterlebt. Übrigens der Offizier fährt privat einen Lancia 6-Zylinder, erwähnte sie noch.


Am Zollamt in Meran, war alles für sie nur mehr eine Sache von ein paar Minuten. Nachdem der Offizier befohlen hatte, alles auf dem kleinen Dienstweg zu erledigen, wie der Portier dort berichtete. Bei ihm lag das Paket schon abholbereit. Susi übernahm das Paket und lud es in den Kofferraum.

»Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?«, fragte sie Alex unternehmungslustig.

»Am besten wir fahren gleich zurück, die brauchen ja die Teile dringend!«, antwortete er dienstbeflissen.


»Kommt doch überhaupt nicht in die Tüte! Die sollen, das Zeug gefälligst in der Nacht einbauen! Sind die ja sowieso gewöhnt! Wir machen uns erst mal einen schönen Tag hier, Ok? Außerdem will ich Oberholzner noch etwas zittern lassen, das hat er sich bei mir verdient, warum erzähle ich dir später einmal!«, Susi parkte in der Nähe des Hauptplatzes ein,


»Lass uns jetzt durch die Arkadengänge bummeln, es gibt dort viel zu sehen. Dann suchen, wir uns ein gutes Ristorante, einverstanden?«

Alex war gar nicht wohl dabei, er wusste nicht, warum sie diese Verzögerung inszenierte, er selbst wäre ja sofort wieder zurückgefahren, trotzdem gefiel es ihm, da sie ein so starkes Selbstbewusstsein an den Tag legte.

Außerdem war er noch nie in Meran gewesen, die Stadt und das Ambiente nahmen ihn gleich gefangen.


Er bekam irgendwie den Verdacht, dass sie die ganze Sache vielleicht auch deshalb hinauszögerte, damit er Cindy nicht treffen konnte. Möglicherweise hatte sie beim 'Andreas Hofer' doch mehr mitbekommen, als sie zugegeben hatte. Er überlegte sich, wenn wir am späten Nachmittag hier wegfahren, kommen wir dann in der Nacht an, liefern die Teile ab und fahren gleich ins Hotel, wo wir dann anschließend in trauter Zweisamkeit ungestört sein würden. Na egal, wie auch immer, nimm es einfach, wie es kommt, dachte er sich.


»Schau mal, Alex! Dort drüben, diese entzückende Boutique, mit den vielen bunten Kleidern!«, sie riss ihn aus seinen Gedanken und zog ihn an der Hand über die Straße hin zum Laden.

Alex hatte eigentlich für Mode nicht viel übrig, nicht dass er schlecht gekleidet war, wie er meinte. Aber Geld ausgeben, für irgendeinen exotisch klingenden Namen, dazu noch horrende Beträge, das hatte er bisher noch nie getan. Susi befühlte die Kleider, die auf einem Ständer vor dem Geschäft hingen, sie nahm die Sachen und hielt sie probeweise an ihren Körper,


»Wie gefällt dir eigentlich dieses an mir?«, fragte sie mit glänzenden Augen und fragendem Blick, sie hatte ein ärmelloses Kleid mit tiefem Ausschnitt, in einer grell roten Farbe in der Hand.

»Passt vielleicht doch nicht ganz so gut zu deiner Haarfarbe, zu wenig Kontrast! Finde ich«, antwortete er trocken.

»Und dieses hier?«, es war das gleiche Model nur in beige.

»Ja das ist toll! Das gefällt mir!«, sagte er und dachte sich, hoffentlich hängt sie es wieder hin, nein, besser sie kauft es gleich, sonst stehen wir nächste Woche noch hier.


Er fand parallelen zu Claudia, da war es auch immer so, dass stundenlang irgendwelche 'Fetzen' angesehen, ausgesucht und anprobiert wurden, was er ja immer hasste und eigentlich nur als verlorene Zeit empfand. Wahrscheinlich sind alle Frauen so und ich muss mich erst einmal daran gewöhnen, sagte er sich, während er überaus interessiert in eine Auslage, mit feiner Spitzenunterwäsche starrte.


Susi ging in den Laden, heraus kam sie mit einer großen Tüte und ein paar kleineren. Gott sei Dank, dachte Alex, das wäre wohl fürs Erste geschafft.

»Ich habe jetzt ein bisschen Hunger, du auch?«, fragte er sie, um endlich aus den Arkadengängen wegzukommen.

»Ja, eigentlich schon, gehen wir doch dort hinüber, dieses Ristorante sieht doch ganz gut aus, einen schattigen Garten gibt es auch!«, sie deutete zum Lokal hin.

Sie setzten sich dann an einen schattigen Tisch, der geschmackvoll gedeckt war. Susi nahm Melone mit Schinken, danach Eis. Alex hatte Appetitt auf Spaghetti alla Vongole.


»Bist du traurig, weil du das Training nun nicht gesehen hast?«

»Irgendwie schon, aber es freut mich natürlich, auch mit dir hier zu sein!«, versuchte er, diplomatisch auszuweichen.

»Weißt, das Training ist für Zuschauer eigentlich gar nicht so interessant, es dient ja viel mehr den Fahrern, damit sie die Strecke kennen lernen und die Wagen genau abstimmen können. Den ganzen Tag im Fahrerlager zu verbringen ist auch gar nicht lustig, glaube mir! Schon auch wegen des ganzen Lärms und Gestanks.«

Kurz vor Mitternacht kamen sie danach wieder im Fahrerlager an, Alex saß am Steuer, Susi wachte gerade auf, sie hatte ab Brenner fest geschlafen. Sie fragte mit leichtem Zungenschlag, »Sind wir etwa schon da?«, kicherte dabei etwas, die vielen Grappas, die sie noch in Meran getrunken hatte, dürften sie doch ziemlich benebelt haben, empfand er, als er sie so wahrnahm.


Sie hatten dort noch viel Spaß gehabt und die Passanten, die vor dem Lokal flanierten, noch ein wenig durch den Kakao gezogen. Dabei hatte Susi in ihrem Übermut, der ihm aber gefiel, anscheinend wohl einige Grappa zu viel erwischt.

Oberholzner musste inzwischen schon wie auf Nadeln gesessen sein und auf ihre Rückkehr gewartet haben. Er stand bei den Fahrern des Klubs, als Alex vorbeifuhr und einparkte, kam er gleich zum Wagen gerannt, »habt ihr die Teile?«, wollte er sofort neugierig wissen.


Alex stieg aus und gab ihm das Paket aus dem Kofferraum.

»Gott sei Dank! War es schwierig? Gab es Probleme?«, er drückte das Paket an sich.

»Nun ja, ganz so ganz leicht war es nicht!«, meinte Alex trocken.

»Aber jetzt ist es geschafft, ich wusste doch, dass ihr es schafft. Danke euch, ich werde es euch nie vergessen«, sagte er und Alex sah, wie ihm sichtlich ein Stein vom Herzen fiel.


Susi saß immer noch im Wagen und sagte, ihr wäre kalt und sie wolle daher nicht aussteigen. Oberholzner ging auf ihre Wagenseite und küsste sie durchs offene Fenster auf die Wange,

»Susi, du bist wie immer ein Schatz! Danke! Ich muss jetzt schnell zu Manfred. Der ist schon ganz verzweifelt, bitte entschuldigt mich jetzt! Bis morgen dann!«, er verschwand eiligst mit dem Paket.


Alex fuhr in die Hotelgarage, es war nur mehr ein Platz frei, gleich neben dem roten Porsche. Im Zimmer öffnete Susi dann ihre Tüten, sie hatte sich anscheinend wieder etwas erholt und breitete flink mit fröhlichem Blick die Sachen auf dem Bett aus. Da war das Kleid, das Alex schon kannte, dazu kam, noch eine Hose und eine Bluse zum Vorschein.

»Schau mal, Alex! Sind die Sachen nicht ausgesprochen fesch? Dabei waren die gar nicht einmal so teuer.«

Alex sah sich die Kleider an,

»Ja, sehr hübsch und was ist eigentlich da in der kleinen Tüte?«, er zeigte darauf.

»Da ist eine Überraschung für später drin!«, antwortete sie und räumte die Sachen flink in den Schrank.


Alex begab sich ins Badezimmer, duschte ausgiebig und rasierte sich sorgfältig, erfrischt und gut duftend, ging er im Bademantel ins Zimmer zurück. Susi nahm die kleine Tüte und verschwand blitzschnell im Bad, er hörte Duschgeräusche. Inzwischen machte er es sich auf der Sitzgruppe bequem und blätterte in Zeitschriften, die dort lagen. Im Radio kamen Nachrichten, auf die er nur halb hinhörte, erst als der Hinweis im Lokalteil auf das morgige Rennen kam, hörte er aufmerksam zu. Der Sprecher wies darauf hin, dass dieses Rennen zur österreichischen Bergmeisterschaft zähle und Fahrer aus ganz Österreich und aus dem Ausland an den Start gehen würden.


Ein Wiener Fahrer, den Namen konnte er sich nicht merken, wäre als Tages-Favorit am Start. Ungefähr zehntausend Zuschauer würden erwartet, viele davon aus dem Ausland. Der Sprecher wechselte zu anderen Veranstaltungen, Alex hörte nicht mehr richtig zu, er hörte auch nicht mehr das Duschgeräusch.

Die Badezimmertür öffnete sich, Susi erschien, sie hatte das angezogen, wobei Alex vermutete, dass es sich in der kleinen Tüte befunden haben musste. Er machte große Kulleraugen, sie ging mit tanz-ähnlichen Schritten auf ihn zu, wobei sie sich drehte, damit er sie von allen Seiten betrachten konnte.


»Wie gefällt dir denn das?«, fragte sie, während sie sich langsam drehte, die Arme im Nacken, ihre langen roten Haare trug sie offen, die reichten über die Schultern fast bis zu ihren wohlgeformten Brüsten, die von einem winzigen, fast durchsichtigen schwarzen BH notdürftig bedeckt waren. Alex ließ seine Blicke über ihren Körper gleiten, um die Wespentaille trug sie einen dazu passenden Strumpfhalter, der mit Strapse ihre schwarzen Nylons hielt, die in hochhackigen schwarzen Stöckelschuhen endeten.


Etwas tiefer, sah er den fast ebenso durchsichtigen Slip, der so knapp bemessen war, dass er nur mit Mühe ihre Scham bedeckte. Von dem nicht einmal eine Motte satt werden würde. Alex starrte sie an, er ließ seine Blicke schweifen, es war für ihn ein wahrer Augenschmaus. Die zarten Dessous betonten Susis erstklassigen Formen noch mehr.


»Was sagst du, gefalle ich dir damit?«, sie drehte sich noch immer, mit lächelndem Gesicht.

»Das ist ja schlimmer, ach was, ich meine viel besser als ganz nackt. Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll!«

»Es gefällt dir also?«, hakte sie gleich nach.

»Ja! Es gefällt mir! Du gefällst mir sehr damit!«


Sie kam auf ihn zu, beugte sich zu ihm runter und flüsterte ihm ins Ohr,

»Du hattest ja so in die Auslage gestarrt, ich dachte, du magst so etwas gerne?«, sie setzte sich dann ganz vorsichtig auf seinen Schoß, da sie die starke Wölbung an seinem Bademantel wohl bemerkt haben musste.


14.Kapitel


Am nächsten Morgen, als sie in den Frühstücksraum kamen und irgendwie stark übernächtigt wirkten, so stellte es zumindest Dr. Ransmayer fest und der sagte es ihnen auch, obwohl er ja auch nicht gerade viel besser aussah, wie Alex feststellte.

»Waren Sie auch in der Bar letzte Nacht?«, wollte der Doktor neugierig wissen und meinte noch ergänzend, »da ist es ja sehr heiß zugegangen!«

»Ja, es ist wirklich heiß zugegangen, letzte Nacht!«, antwortete Susi, zu Alex geneigt flüsterte sie, während der Doktor gerade beim Kellner Frühstückseier bestellte.


»Aber nicht nur in der Bar, du zärtlicher, starker Bär!«

Sie erhob sich und wollte sich etwas Müsli vom Frühstücksbuffet holen, dass sie sich aus dem reichhaltigen Angebot dort zusammenstellen wollte. Sie steuerte auf das Büfett zu. Dr. Ransmayer, räusperte sich, sah Alex mit ernstem Blick eindringlich an,

»Junger Mann! Ich möchte, da die Gelegenheit jetzt gerade günstig ist, mit Ihnen ein Hühnchen rupfen!«

Alex sah ihn einen Moment erstaunt an, konnte sich aus den Worten momentan keinen Reim machen, er setzte ein Lächeln auf und meinte lässig, »So! Wenn Sie meinen dann rupfen Sie einfach mal drauf los!«


Der Doktor ergriff ein Messer, trennte mit einem kraftvollen Schnitt die Grapefruit auf seinem Teller entzwei, dabei meinte er, »Ich gebe Ihnen, den guten und freundschaftlichen Rat unter Männer, sich von meiner Cindy fernzuhalten, ich hatte damals beim Andreas Hofer doch schon so einiges mitbekommen!«

Er nahm eine Hälfte der Frucht und presste sie über dem Teller aus, der Saft und einiges an Fruchtfleisch quollt zwischen seinen Wurstfingern hervor und fing sich auf dem Teller.


»Sollten Sie sich nicht daran halten und sich mit ihr etwas anfangen, sollte ich sie dadurch verlieren, dann junger Mann, passiert das, was sie soeben gesehen haben! Verstanden?«, der Doktor deutete auf die zerquetschte Frucht.

Alex wollte gerade seiner Entrüstung über diese Drohung und dem unbegründeten Verdacht ordentlich Luft machen. Dem Mann nun sagen, er solle sich gefälligst mäßigen und erst einmal den Dingen auf den Grund gehen, bevor er mit solchen Drohungen um sich werfe. Er kam aber gar nicht mehr dazu, denn Susi stand mit ihrer Müsli-Komposition wieder am Tisch und setzte sich.


»Wo ist denn Cindy eigentlich?«, wollte sie vom Doktor wissen, der räusperte sich etwas verlegen und sagte, »Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich weiß es gar nicht. Sie müssen verstehen, wir sind gestern Abend nach dem Abendessen anschließend noch in die Bar gegangen. Dort wurde es dann sehr lustig, ich hatte viel getrunken, sehr viel getrunken, wissen Sie? Cindy wollte unbedingt Tanzen, sie tanzt ja für ihr Leben gerne, ich war ja nicht mehr in der Lage. Sie verstehen? So sind eben viele andere eingesprungen und haben mit ihr getanzt. Ich bin dann später in unserem Zimmer aufgewacht, irgendjemand muss mich wohl dorthin gebracht haben. Cindy war nicht da, als ich erwachte. Vermutlich ist sie jetzt beim Friseur. Sie wissen ja, wie eitel sie ist, ich denke, sie kommt sicher bald zurück.«


Susi gab Alex unter dem Tisch einen leichten Stoß, sagte dann zum Doktor,

»Ja, Sie haben ganz recht, Doktor, sie wird ja sicherlich beim Friseur sein, der hat ja heute auch bestimmt offen, weil ja jetzt das Rennen ist.«

Alex sah an Susis Augen, dass sie innerlich vor Lachen zerbarst.

»Meinen Sie?«, antwortete Ransmayer mit fragendem Blick.

»Ja, ja, ganz bestimmt!«, Susi versuchte, ihn ganz ernst anzusehen.

»Wenn Sie es sagen! Ich habe mir schon große Sorgen gemacht!«, er blickte etwas verzweifelt.


Oh Gott! So etwas ist Rechtsanwalt, hat einen Doktortitel, stinkt vor Geld! Dachte sich Alex, dabei lächelte er ihn freundlich an.

Ransmayer war mit dem Frühstück fertig, er trank seinen Kaffee aus, paffte sich dann eine riesenhafte Zigarre an, die Gäste an den anderen Tischen, rümpften gleich entsetzt die Nasen und straften ihn mit giftigen verachtungsvollen Blicken. Ihn aber ließ das anscheinend völlig kalt,

»Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss nach Cindy sehen. Wir treffen uns ja sicher später noch!«, er nuckelte an der Zigarre und entfernte sich mit einer Rauchfahne. Eine Dame, eine wirkliche Dame, so schien es Alex, ging ostentativ zum Fenster und öffnete es, beim Zurückgehen an ihren Tisch, sagte sie gedämpft, aber doch hörbar 'ein Benehmen ist das!'.


Susi löffelte gerade an ihrer Grapefruit, sie lächelte dabei,

»Jetzt geht der arme Doktor, bestimmt zum Friseurladen, den Weg könnte er sich wirklich sparen, aber du wirst sehen, am Abend frisst er dem kleinen Luder wieder aus der Hand!«

Im Fahrerlager herrschte Hochbetrieb, der erste Durchgang vom Rennen war für 14 Uhr angesetzt, überall wurde noch eifrig geschraubt, Einstellungen nachjustiert, Reifen gewechselt, es roch nach Öl und Benzin. Ein Getöse von Motorenlärm dröhnte, durch das vermutlich sonst so stille Tiroler Tal, Alex nahm das alles wahr, als er mit Susi Hand in Hand, durch die Lagerstraßen ging.


Sie kamen gerade zum Mechanikerzelt des Klubs, als ihnen der Doktor aufgeregt in die Quere kam.

»Herr Rathey! Gut dass ich sie treffe! Sie müssen mir unbedingt helfen! Bitte! Mein Sohn, der ja hier auch am Start ist, hatte Racing Reifen gekauft, zu allem Unglück gab ihm der Mann vom Dunlop Renndienst eine falsche Dimension vom Lastwagen herunter. Jetzt steht er schön da, die Reifen passen ja gar nicht auf die Felgen!«

»Ja und, was kann ich dabei für Sie tun?«, wollte Alex trocken wissen.


»Ich gebe Ihnen die Schlüssel vom Porsche, fahren Sie bitte dem Servicewagen nach, er ist ja schon weggefahren, Richtung Innsbruck. Halten Sie ihn auf irgendwie auf, er soll ihnen dann die richtige Dimension geben, hier auf der Rechnung steht sie, danach bringen Sie die Reifen schnell her. Ich bitte Sie sehr mir zu helfen!«, sein Gesichtsausdruck nahm flehentliche Züge an, »Ich kann es ja selbst nicht machen, nach der Alkohol Orgie von letzter Nacht! Sie verstehen?«


Alex bekam plötzlich Mitleid mit ihm, die Aufgabe als solche reizte ihn aber auch schon irgendwie, »Also, gut, geben Sie mir einfach die Schlüssel, ich werde es versuchen, wo steht denn der Wagen?«

»Gleich da drüben, hinter dem Mechanikerzelt!«

Susi blickte jetzt etwas verärgert drein, sagte aber doch rücksichtsvoll klingend.

»Alex, du musst jetzt alleine fahren, sonst hast du viel zu wenig Platz für die Reifen! Ich warte eben mit dem Doktor hier auf dich, ja?«


Alex wendete dann den Porsche und fuhr aus dem Fahrerlager. Hinter sich, hörte er sattes Röhren des luftgekühlten Sechszylinders, der giftig das Gas annahm, wie er schon nach wenigen Metern merkte.

Also, rekonstruierte er noch einmal die Informationen, Autobahn Innsbruck – großer Kastenwagen, mit der Aufschrift 'Dunlop' Racing Services – den Mann aufhalten – die Reifen her – einladen – und wieder hierher zurück! Ist doch ein Kinderspiel! Aber was ist, wenn der Dunlop Mensch, eine andere Strecke fährt oder irgendwo abgebogen ist? Tja, dann muss der Junior eben mit seinen alten Reifen antreten, ob er nun will oder nicht! Ach so, das geht auch nicht, weil der technische Kommissar, das Schlitzohr! Die alten Reifen beanstandet und gleich markiert hatte.


Worüber sich der Senior besonders aufregte. Da sieht man’s wieder, Geld haben die wie Heu, aber Organisationstalent Null! Alex war inzwischen zur Autobahnzufahrt gelangt und fuhr die Einfahrtspur entlang, er blickte in den Rückspiegel, hinter ihm ein Lkw. Der gerade von einem Pkw überholt wurde, er gab Vollgas, der Porsche trat an wie ein indischer Wasserbüffel in seinen besten Jahren. Er fühlte, wie er in den Sitz gepresst wurde, das Triebwerk heulte wie eine Turbine. Ein Blick zum Drehzahlmesser, zeigte ihm, rauf schalten sonst überdrehst du zu lange, er schaltete viermal hintereinander und hatte dann satte 220 km/h erreicht.


Er begann sich langsam an den Wagen zu gewöhnen, der wie ein Brett auf der Bahn lag und auf jede Bewegung der Lenkung sofort exakt reagierte. Er spürte, dass noch genügend Reserve da war und er sicher noch einiges zulegen könnte, es schien ihm aber zu riskant. Zumal er den Wagen ja nicht kannte und zu viele langsamere Fahrzeuge unterwegs waren, die einander mit geschätzten 120 bis 130 km/h überholten. Alex musste also auf der Überholspur, die langsamer vor ihm fahrenden Fahrzeuge los werden. Er fuhr ihnen vorsichtig nach und schaltete die Scheinwerfer ein, viele sahen das und gaben dann schnell die Bahn frei.


Andere scherten bösartig kurz vor ihm aus, er bremste gefühlvoll ab, schaltete zurück, wartete, um dann wieder voll zu beschleunigen. Trotzdem machte es ihm Spaß, er genoss es einfach in einem tollen Wagen zu sitzen, von dem gleichaltrige wahrscheinlich das Leben lang träumen. Er fasste die Bewunderungsblicke auf, derer die er überholte. Du, der immer miese Zeugnisse hatte, wie er sich dachte, auch nicht sonderlich gebildet ist, sich als Autowäscher durchschlug. Sogar schon einmal das junge Leben, wie einen Alten Fetzen wegwerfen wollte. Aber jetzt, wo er endlich begriffen hatte, dass es auch anders ging, eigentlich so wie er es wollte, fühlte er sich unheimlich wohl in seiner Haut.


Wieder ein Langsamer vor ihm – abbremsen – warten – zurückschalten – Gasgeben. Er sah, den Blick des überholten Fahrers, kein böser Blick, eher das Gegenteil!

Alex beschleunigte auf satte 240 und dachte, wie schön wäre es, wenn es immer so sein, könnte und er, die PS so richtig ihre Kraft entfalten lassen könnte. Wieder abbremsen – warten – diesmal zwei Frauen drin – brav – sie blinken nach rechts – ordnen sich ein – er beschleunigt voll – ein Blick nach rechts. Sie lächeln sogar, die Frau am Beifahrersitz winkt ihm sogar zu.


Als, er wieder ins Fahrerlager zurückkam, lud er schnell die Reifen aus. Ransmayer Junior kam gerade dazu, als er den letzten Reifen vom Rücksitz nahm. Es war ein großgewachsener junger Mann, sehr schlank, der Rennoverall kleidete ihn gut. Er hatte einen freundlichen Blick, einen sympathischen Gesichtsausdruck, Alex schätzte das Alter so gegen 25 Jahre.


Ransmayer Junior bedankte sich ganz höflich, zugleich freundlich für die schnelle Hilfe und sagte, dass er sich gleich um die Montage der Reifen kümmern müsse, es wäre ja höchste Zeit, nur noch eine Stunde bis zum Start.

Er entfernte sich dann mit seinem Mechaniker, der ihm bei den Reifen zur Hand ging. Alex hatte den Porsche sorgfältig abgestellt und abgesperrt, gab den Schlüssel im Zelt ab und schlenderte danach durchs Fahrerlager.


Die Funktionäre begannen schon mit der Einweisung der einzelnen Rennwagen, die nach Hubraumklassen beim Start aufgereiht wurden. Außerhalb des Fahrerlagers entlang der Strecke sah er Menschenmassen sich bergwärts bewegen. Die Zuschauer suchten sich anscheinend interessante Beobachtungsplätze, von denen sie annahmen, das Geschehen dann am besten Beobachten zu können. Der Platzsprecher hatte inzwischen seine Tätigkeit aufgenommen und gab für die Zuschauer ausführliche Erklärungen ab. Welcher Fahrer schon wo am Start gewesen war und welche Ränge erreicht wurden.


Fotografen liefen mit ihrer Ausrüstung herum und suchten ebenfalls Plätze, wo sie ihre Sensationsfotos schießen konnten. Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge bezogen ihre Positionen. Ein, mit einer Fahne gekennzeichneter Wagen, mit der Aufschrift 'Rennleiter' fuhr ununterbrochen die Strecke ab. Blieb öfters stehen, wobei der Rennleiter, der eine gelbe Armbinde trug, den Streckenposten irgendwelche Anweisungen gab. Alex sah auch, dass in den Kurven Absperrbänder gespannt waren und die Gendarmerie zusammen mit den Streckenposten, strengstens darauf achteten, dass niemand diese Absperrzonen betrat. Oder sich darin aufhielt, jeder, der sich diesen Zonen näherte, wurde brutal verjagt. Großes Gedränge herrschte auch bei den Würstchen-Buden und dort, wo Getränke verkauft wurden.


An den Flüchen eines Mechanikers, der an Alex vorbeikam, hörte er, dass dort über das Doppelte dessen verlangt wurde, was es sonst immer kostete.

Irgendwie kam Alex das ganze jetzt vor wie auf einem Jahrmarkt, es fehlte eigentlich nur mehr das Ringelspiel, trotzdem hatte die ganze Situation für ihn einen ganz eigenartigen Reiz. Auf der einen Seite bestand ja das totale Chaos, auf der anderen, die sehr straffe Organisation, sogar Disziplin, diese Widersprüchlichkeit, in sich zog ihn irgendwie unbewusst in den Bann. Er bereute es gar nicht, hier anwesend zu sein. Die erlebten Ereignisse bei der Anreise. Dazu, das zusammen sein mit Susi. Nun die Atmosphäre vor Ort, ja das Alleine war es schon Wert, auf jeden Fall, dachte er sich.


Er sog alle Beobachtungen in sich auf, wie ein Schwamm und wollte so viele Eindrücke wie möglich aufnehmen, um sie dann später, in einer ruhigeren Zeit geistig zu verarbeiten. Er verspürte irgendwie den Drang, auch dabei zu sein, ja sogar selbst mal eine Rolle dabei zu spielen, stärker und größer werden. Alle Leute die er bisher in dieser neuen für ihn ungewohnten, teilweise unbekannten Umgebung, kennengelernt hatte, waren Menschen, die keine übernatürlichen Fähigkeiten oder bahnbrechende Ausbildungen hatten. Aber eines hatten alle bestimmt gemeinsam, den festen und unbeugsamen Willen zu gewinnen, auf der Grundlage eben besser zu sein als die anderen.


Ja! Dachte er sich, das muss es wohl sein der Schlüssel zum Erfolg, wie auch immer, in einer Sache besser zu sein, als andere – dadurch zu gewinnen!

Er hatte plötzlich den festen Willen von nun an, zu den Gewinnern zu gehören. Es machte ihn sogar ganz froh, diese Selbsterkenntnis erlangt zu haben, es beflügelte ihn, er ertappte sich auch dabei, dass er vergnügt vor sich hin pfiff. Als er kleine Details betrachtete und registrierte, ungeachtet der Hektik und der infernalischen Geräuschkulisse, die ihn hier umgab.


Alex vernahm, dann über die Lautsprecher, wie der Platzsprecher bekannt gab, in wenigen Minuten würde jetzt der Start erfolgen, dann verwies er noch einmal eindringlich auf die Sicherheitsvorschriften für die Zuschauer.

Auf der Zufahrtsstraße zur Startlinie ertönte plötzlich das laute Gebrüll der Rennmotoren, denn die mussten ja auf Betriebstemperatur gebracht werden. Der erste Wagen rollte dann zur Startlinie vor, ein Funktionär stand seitlich am Wagen, er trug einen Gehörschutz.


Alex sah wie er einen Keil, versehen mit einer Verlängerungsstange, am hinteren Rad des Wagens anhielt. Sodass, der Wagen nicht nach hinten rollen konnte, die Strecke hatte ja eine Steigung. Vor dem Wagen stand ein anderer, der eine rot-weiß-rote Flagge vor den Fahrer hielt und ihm gleichzeitig Zeitzeichen gab. Die Flagge wurde jäh hochgerissen, der Wagen ein roter Puch 650 TR, wie Alex erkannte, zog sofort mit qualmenden Reifen, unter lautem Motorengebrüll los. Das Rennen hatte jetzt begonnen.

Alex fand, es lohne sich für ihn nicht, an der Startlinie weiter zu beobachten, denn die Prozedur würde ja jetzt bei jedem Wagen dieselbe sein. Er wollte die Gesellschaft von Susi, die ihm vielleicht so manches erklären könnte, sie war ja Rennerfahren genug, wie er wusste. Er konnte sie aber nirgends entdecken. Auf einem Stapel Reifen sitzend traf er dann Paul, als er durch die Lagerstraßen zurückging. Paul kaute an seinem berühmten Zahnstocher und machte einen sehr niedergeschlagenen Eindruck. Alex ging voller Freude, nun ein bekanntes Gesicht zu sehen, auf ihn zu, »Hallo Paul! Wie geht es?«


»Ach Alex, Servus, alles Scheiße kann ich nur sagen!«

Er kaute nervös an seinem Zahnstocher.

»Sag, was ist eigentlich los? Du scheinst ja gar nicht gut drauf zu sein?«, Alex sah ihn fragend an.

»Hast ja Recht! Bin wirklich nicht gut drauf!«

»Warum denn das?«

»Ach, Mist! Sag ich dir! Du weißt ja der Holbay!«

»Was ist mit dem?«


»Ich hatte alles unter bester Kontrolle, aber dann wollte der Fahrer gestern beim Training, dass ich, den Motorendrehzahl Begrenzer lahmlege, ich Idiot und was für ein Idiot ich doch bin! Habe es auch tatsächlich gemacht, hab so einfach nachgegeben!«

»Ja und dann?«

»Nun, was soll ich dir sagen, beim ersten Trainingslauf lief alles noch wie am Schnürchen, tolle Zeit heraus gefahren. Im zweiten Lauf, ungefähr Mitte der Strecke, verschaltet sich der Kerl, der Holbay überdrehte, so um 11.500 Umdrehungen in der Minute. Er ist dann zerplatzt, wie ein Osterei. Aus mit dem Traum, jetzt können wir Däumchen drehen. Hätte ich Trottel den Begrenzer nicht totgemacht, wäre gar nichts passiert. Er hätte heute bestimmt den Gruppensieg gemacht!«

Paul blickte wirklich zerstört und von Selbstvorwürfen zerfressen drein.


Er tat Alex leid, der nun nicht wusste, wie er ihm helfen könnte.

»Und was jetzt?«

Endlich spukte Paul den Zahnstocher in hohem Bogen aus und sagte,

»Jetzt brauchen wir eben einen neuen Motorblock und fast alle wesentlichen Teile!«

»Und wo ist das Problem?«, fragte Alex sachlich, wie er meinte.

»Ja, Mann Gottes! Es gibt da mehrere Probleme gleichzeitig, erstens der Besitzer hat nicht genügend Geld für die Teile. Zweitens, das Auto selbst ist auch hin, weil es in die Leitplanken geflogen ist, das war zwar sehr spektakulär für die Zuschauer. Aber hilft uns jetzt auch nicht weiter und nicht zuletzt, beim Unfall verließ der Fahrer unfreiwillig durch die Windschutzscheibe den Wagen und liegt seitdem im Innsbrucker Krankenhaus und es sieht für ihn ziemlich böse aus!« Paul schien ziemlich zerknirscht.


»Schöner Mist was?«

»Kannst du wirklich laut sagen!«

»Gibt es wenigstens doch noch etwas Erfreuliches?«, wollte Alex wissen.

»Ja, ich habe eine Kiste Bier da, willst du auch eines?«, er langte hinter sich, nahm zwei Flaschen und reichte eine Alex. Sie beobachteten dann gemeinsam den Startraum, wo gerade ein roter Lotus Elan vor rollte, an der Startlinie zupfte der Fahrer den Motor in konstanten Abständen auf. Paul sagte trocken,

»Das macht man, damit die verdammten Rennkerzen nicht verölen!«


Der Start wurde freigegeben, der Lotus raste davon. Alex saß noch eine Weile bei Paul, trank Bier mit ihm. Er wusste, dass es bei ihm eine beruhigende Wirkung hatte, es war auch gut so, denn Paul blickte immer noch ziemlich deprimiert. Alex konnte ihm nun nicht sonderlich gut helfen, außer, dass er ihm eben Gesellschaft leistete, damit er sich die Probleme zumindest von der Seele reden konnte.


Der Platzsprecher, der jedes mal, einzelne Fahrer mit deren Fahrtzeit und die damit erreichte Platzierung bekannt gab, rief plötzlich, mit sich überschlagender Stimme, es hätte sich soeben ein Unfall auf der Strecke ereignet. Dessen Ursache war, dass eine Mutter auf ihr Kleinkind nicht aufgepasst hätte, das Kind lief auf die Rennstrecke. Ein Fahrer der gerade aus einer Kurve heraus beschleunigte, sah das Würmchen doch noch rechtzeitig, er bremste voll ab. Kam dadurch ins Bankett und flog dann in ein Bachbett.


Dem Kind war zwar zum Glück nichts passiert, aber der Fahrer hatte sich ein Bein gebrochen und wurde gerade mit der Ambulanz abtransportiert. Eine eindringliche Warnung, die Sicherheitsbestimmungen genau einzuhalten und die Rennstrecke auf keinen Fall zu betreten folgte. Der Sprecher beruhigte sich wieder hörbar und annoncierte die nächsten Startnummern.


»The Show must go on!», meinte Paul verbittert, der auch genau zugehört hatte und ergänzte, »Ist doch jedes mal dasselbe, manche Zuschauer sind so blöde und undiszipliniert, dass es wohl für alle besser wäre, wenn sie einfach zu Hause geblieben wären!«, er nahm dann einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche.


Ein Rettungswagen fuhr gerade die Strecke herunter, die ja bis jetzt gesperrt war, einige Zuschauer klatschten stürmischen Beifall, als der Wagen an ihnen vorbeikam. Vermutlich doch aus dem Grund, da der Fahrer so geistesgegenwärtig einen Zusammenstoß verhindert hatte. Möglicherweise jedoch ist diese Interpretation eine Fehlspekulation, dachte sich Alex, denn er hatte von Zuschauern gehört, wie einer, zu einem anderen sagte: Hoffentlich gibt es heute wieder ein paar schöne Crashs, damit es wenigstens eine echte Gaudi wird!


Alex verabschiedete sich von Paul, der mittlerweile schon die vierte Bierflasche in der Hand hielt. Er wollte unbedingt Susi finden und wusste nicht, wo sie sich aufhielt. War sie vielleicht irgendwo an der Strecke? Oder im Zielraum? Er entschloss sich, vorerst einmal die Startvorgänge zu beobachten, die Strecke war inzwischen vom Rennleiter wieder frei gegeben worden, der ja mit den Streckenposten in permanenter Funkverbindung stand. Alex sah, wie der immer wieder sein Walky Talky ans Ohr hielt und rein sprach.


Er stellte sich dann zu einer Gruppe Mechaniker, die in Höhe der Startlinie Aufstellung genommen hatten und von dort die Startvorgänge beobachteten. Sie hatten alle die gleichen blauen Overalls an, auf ihrem Rücken konnte er die Aufschrift 'Scuderia Nova' lesen. Die Gruppe war gut aufgeleg,t scherzte miteinander und hatte wohl in ihrem Team keine technischen Probleme und es schien Alex, als ob sie alles im Griff hatten.


Gerade waren die Grand-Tourisme-Wagen der zwei Liter Klasse am Start, wie der Platzsprecher verkündete. Alex sah sich die Reihe der Wagen an, es waren überwiegend BMW und Porsche, die durch die Kotflügelverbreiterungen und den breiten Rennreifen ein durchaus bulliges Aussehen vermittelten. Die tiefergelegten Fahrgestelle, dazu das Getöse der Rennauspuffanlagen, waren schon sehr beeindruckend. Er sah, in der Reihe den Porsche von Ransmayer Junior, ein weißer Wagen mit der Startnummer 112, der auf ihn einen erstklassigen optischen Eindruck machte, der Motor lief sauber und rund, ohne Fehlzündungen.


Ransmayer saß entspannt im Wagen, Alex glaubte, das an seinen Gesichtszügen, unter dem roten Sturzhelm, zu erkennen, auf dem die Aufschrift 'Bell' zu lesen war. Ransmayer hielt sein Triebwerk auf Touren. Das fiel Alex deshalb besonders auf, weil er nicht, wie die anderen Fahrer, so stoßweise Gas gab, sondern seinen Motor in einer gewissen konstanten Drehzahl hielt. Er rückte dann stets vor, wenn ein Wagen vor ihm startete. Dann war er an der Reihe, Ransmayer erhöhte die Drehzahl, gab zwei, dreimal, stoßweise ordentlich Gas. Die Fahne wurde hochgerissen. Der Wagen schoss vorwärts, ohne dass die Antriebsräder durchdrehten, dennoch hinterließen die, schwarze dunkle Striche am Asphalt. Dieser Startvorgang beeindruckte Alex sehr.


Er hatte die anderen Wagen vorher auch genau beobachtet und sah, wie sich so bei manchem die Räder ganz schön durchdrehten und dabei starke blaue Rauchfahnen zogen. Der nächste Wagen rollte dann zur Startlinie vor. Als der Platzsprecher enthusiastisch die Zwischenzeit Ransmayer ausrief, sie ließ darauf schließen, sagte er, wenn weiter nichts passieren würde, dass er den Lauf gewinnen könnte. Die Mechanikergruppe hatte alles sehr interessiert mitverfolgt, zeigten sich dennoch skeptisch. Einer von ihnen sagte dann, „langsam, langsam! Zusammengezählt wird bei einem Rennen bekanntlich immer erst am Schluss, der Kerl tut ja so, als hätte der Ransmayer das Rennen jetzt schon gewonnen, na ja, mal sehen?“


Alex rückte näher zu ihnen heran, um bei dem Lärm besser mithören zu können, die Mechaniker schienen sehr Rennerfahren zu sein, er hoffte, noch viele andere Details von ihnen mitzukriegen. Aber es kam nicht mehr dazu, denn plötzlich tauchte Susi und Ransmayer Senior bei ihm auf. Sie kamen vom Fahrerlager, wo sie mit Oberholzner zusammen getroffen waren, der hatte sie, kurzerhand in das nahegelegene Gasthaus entführte. Oberholzner hatte einige Entscheidungsträger einer großen bekannten Getränkefirma zum Rennen eingeladen und hofierte sie, er versprach sich davon, sie als Sponsor für den Club gewinnen zu können.


Oberholzner war sehr froh, die beiden an seiner Seite zu haben, denn es macht sich ja immer gut, wie er sagte, eine attraktive junge Frau und einen Akademiker Vorstellen zu können. Susi erzählte Alex diese Details, als sie ihn wieder traf. Dr. Ransmayer drückte ihm herzlich die Hand und bedankte sich überschwänglich für die effiziente Hilfe mit den Reifen. Er war ganz aus dem Häuschen und besonders darüber erfreut, dass sein Sohn, doch noch am Rennen teilnehmen konnte, das verdanke er ja ausschließlich ihm.


Der Doktor, der beim Frühstück noch so launisch gewesen war, schien jetzt ganz aufgekratzt und guter Dinge. Der erste Durchgang war schon fast beendet, der Platzsprecher nannte die Zwischenergebnisse und versuchte mit allerlei Anekdoten die Stimmung anzuheizen. Susi klagte plötzlich über starke Kopfschmerzen, der ständige Lärm der Motoren, wurde für sie schon unerträglich, sie wirkte gepeinigt und ziemlich fertig. Alex hingegen, wollte noch gerne weiter zusehen und den zweiten Lauf miterleben. Ransmayer ärgerte sich ein bisschen, er hatte den Start seines Sohnes verpasst, weil Oberholzner nicht locker ließ und unbedingt den Geschäftsführer der Sponsoren Anwärter angeln wollte.


Susis Gesicht versteinerte sich allmählich zur Maske, sie litt anscheinend sehr, Alex bemerkte es und konnte es ja fast nicht mehr mit ansehen. Er dachte sich, es wäre sicher besser, ich bringe sie ins Hotel, sie soll etwas einnehmen und sich dann hinlegen, er machte ihr dann diesen Vorschlag. Sie war auch sofort damit einverstanden,

»Alex du bist so lieb, es tut mir wirklich leid, dass du meinetwegen hier wegwillst und dann einiges verpasst. Ich werde lieber alleine ins Hotel fahren!«

Ransmayer der alles mithörte, sagte plötzlich,

»Aber das kommt ja gar nicht in Frage! Alex soll ruhig hierbleiben, ich fahre Sie selbstverständlich ins Hotel. Ich weiß ja, wie es bei Rennen zugeht, mir ist es, gar nicht so wichtig von Anfang bis zum Ende dabei zu sein!«

Er duldete keinen Einspruch. Alex war erleichtert, der Vorschlag kam ihm sehr entgegen.


Susi und der Doktor verabschiedeten sich, nachdem sie sich ausgemacht hatten, sich alle drei dann wieder beim Abendessen im Hotel zu treffen.

Die lange Kolonne der Rennwagen kam vom Zielraum talwärts gefahren und erreichte das Fahrerlager, der Rennleiter fuhr voraus und sorgte für Disziplin. Der Lärm der Motoren war infernalisch, gut dass Susi mit ihren Kopfschmerzen jetzt schon weg war, sie hätte es jetzt bestimmt nicht mehr ertragen können.


Alex war gerade dabei, die zurückgekommenen Rennwagen im Fahrerlager zu betrachten, an vielen Wagen wurde dann auch gleich eifrigst gearbeitet, die Mechaniker bereiteten sie für den zweiten Lauf vor, als er Ransmayer Junior sah, der auf ihn zukam,

»Hallo! Herr Rathey!«, rief der ihm freundlich zu, »Ich möchte se gerne einladen, mit mir etwas zu trinken, gleich hier im Gasthaus, haben Sie Lust dazu?« Er deutete auf das Lokal gleich neben dem Fahrerlager.

»Ja gerne!», erwiderte Alex höflich.


Sie nahmen dann auf der Terrasse Platz, von hier aus konnten, sie das geschäftige Treiben bei den Fahrzeugen genau beobachten. Ransmayer bestellte für sich, Mineralwasser mit viel Zitrone, Alex nahm Kaffee, er hoffte, damit den leichten Kopfschmerz der sich nun bei ihm auch bemerkbar machte zu unterdrücken,

»Wie ist es Ihnen denn beim ersten Durchgang ergangen?«, wollte Alex wissen.

Ransmayer lutschte gerade an der Zitrone,

»Na ja, eigentlich ganz gut, bis auf einige Zündaussetzer, die vermutlich von einer defekten Zündkerze verursacht wurden, ging alles einigermaßen gut. Den Start hatte ich ganz passabel hin gekriegt, bin sehr gut weggekommen. Nur in der verdammten Steinbruchkurve hatte ich mich total verschätzt, zu spät an gebremst, aber es ist noch alles gut gegangen. Gott sei Dank, im Ziel hatte ich noch ziemliches Herz flattern!«, während er erzählte, kam sein Mechaniker an den Tisch. Ransmayer sah den Mechaniker fragend an,

»Haben sie den Fehler gefunden?«


Der Mechaniker nickte und griff in die Tasche seines Overalls,

»Hier ist er, der Übeltäter!«, sagte er und zeigte einen kleinen Bauteil,

»Es war der Verteilerfinger, er hat einen kleinen fast unsichtbaren Haarriss, die Zündkerzen sind in Ordnung, das habe ich geprüft, der Wagen ist jetzt wieder Okay!«

Ransmayer betrachtete den Teil genau und eingehend, er fand aber die Beschädigung nicht.

»Toll, wie sie das so in der kurzen Zeit erledigt haben, vielen Dank!«, er bot dem Mann aus seinem Etui eine Zigarette an, der Mechaniker nahm sich eine,

»Herr Ransmayer, ich muss jetzt wieder zurück zum Wagen, bis später dann!«


»Ein toller Bursche, ohne ihn wäre ich ganz schön aufgeschmissen, ich bin froh, ihn zu haben, solche Leute sind ja unbezahlbar. Er ist früher selbst einmal Motorradrennen gefahren, hat aber nach einem schweren Unfall aufgehört!«

Der Platzsprecher kündigte nun lautstark, den Beginn des zweiten Durchgangs an, Minuten später, startete der erste Wagen wieder. Ransmayer trank sein Mineralwasser aus und meinte etwas nervös,

»Herr Rathey, ich muss jetzt wieder in die Aufstellung zurück, ich hoffe, wir sehen uns später wieder!», er reichte Alex die Hand.

»OK, ich drücke ihnen die Daumen, beide! Viel Glück!«

»Ja danke sehr! Das kann ein Fahrer immer gebrauchen«, er nahm seinen Sturzhelm, klemmte ihn unter den Arm und ging zu seinem Wagen.


Alex war inzwischen etwas müde geworden, er blieb einfach auf der Terrasse sitzen und sah zu arbeitenden Mechaniker rüber, er dachte sich dabei, jetzt wartest du einfach hier die Ergebnisse des zweiten Laufes ab. Besonders interessant wird dann das Abschneiden von Ransmayer sein, bin wirklich gespannt, ob er es in seiner Klasse tatsächlich schafft. Nach dem Rennen nahm er sich vor, danach gleich ins Hotel zu gehen und nach Susi zu sehen, wie mochte es ihr denn inzwischen ergangen sein? Hatte der Doktor endlich seine vermisste Cindy wieder? Fragte er sich.


Nach dem Rennen werde ich es dann bestimmt wissen, dachte er sich.

Der zweite Durchgang verlief dann ganz ohne Unfälle, bis auf einige technische Ausfälle, ging alles glatt, berichtete der Platzsprecher zusammen fassend, als er die Zeitergebnisse durchgab. Das Rennen war nun beendet, es hatte sich beim zweiten Lauf fast alles genauso wiederholt, wie er es ja schon zuvor gesehen hatte.

Die Zuschauermassen strömten zurück ins Tal, der Rennleiter hatte alle Mühe, die Strecke, für die zurückkommenden Rennwagen aus dem Zielraum, offen zuhalten. Alex beobachtete die ganze Szenerie, von seinem bequemen Standort aus. Er sah auch, wie ein riesiges Chaos ausbrach, die Show war nun vorbei und die Zuschauer waren fast nicht mehr zu halten. Die Gendarmen bekamen jetzt ihre liebe Not, Herr der Lage, zu bleiben.


Irgendwie beeindruckt von all den vielen Wahrnehmungen während des Rennens, sah er sich im Geiste, schon selbst einmal in einem der Wagen sitzen und sich der großen Herausforderung zu stellen. Schon auch einmal, um sich selbst zu beweisen, über den eigenen Schatten springen zu können. Andererseits es auch anderen einmal so richtig zu zeigen, was in ihm alles steckte. Er würde es ihnen zeigen, so richtig zeigen, so sicher wie das Amen in der Kirche, sagte er sich. Er glaubte auch, erkannt zu haben, dass die meisten Fahrer eigentlich ganz gewöhnliche Menschen sind, die versuchten in ihrer jeweiligen Situation das Beste heraus zu holen, sich eben einer Herausforderung zu stellen, um daran zu wachsen.


Sowohl in technischer, als auch in persönlicher Hinsicht, denn eines konnte er sich sehr lebhaft vorstellen, jemand der das anstrebt, musste wohl einen sehr festen Willen haben. Ja, das muss es sein, du brauchst einen festen Willen. Diesem, eine Richtung geben, eben ein Ziel, er versprach sich über diese Dinge noch einmal ganz genau und in aller Ruhe nachzudenken. Noch ganz unter Einfluss dieser Gedanken. Mit dem Eindruck, dass ihm nun weitere Beobachtungen, der sich jetzt auflösenden Szenerie an der Rennstrecke, nunmehr keine weiteren lohnenden Erkenntnisse bringen würden. Kurzerhand verließ er den Beobachtungsplatz und schlenderte dann gemütlich zum Hotel.


Er kam ins Zimmer, Susi lag im Bett, sie schlief fest. Er bewegte sich rücksichtsvoll leise, um sie nicht aufzuwecken. Auf dem Nachttisch lag eine Packung Kopfschmerztabletten, ein Wasserglas stand daneben, wie er sah, sie war also mit allem versorgt gewesen. So beschloss er, noch auf einen Sprung in die Bar zu gehen, sich dort einmal umzusehen. Er hatte vom Platzsprecher gehört, die Siegerehrung würde dort bald stattfinden. In der Bar wimmelte es von Menschen, auf einem von Fotografen umlagerten Tisch waren die prunkvollen Siegespokale für die Fahrer bereit gestellt. Er sah dann Oberholzner, der stand mit einem Sektglas in der Hand bei einem Reporter, dieser schien ihn zu interviewen. Kurz danach gingen die beiden auseinander. Oberholzner ging dann zur Bar und schäkerte mit dem Barkeeper, den er anscheinend wohl gut kannte. Oberholzner erblickte Alex und deutete ihn zu sich, lud ihn gleich ein, sich etwas zu bestellen, Alex nahm dankend einen Espresso.


Oberholzner war sichtlich gut gelaunt und verkündete mit Stolz, das hervorragende Abschneiden vom ASC, (Automobil Sport Klub) vier Klassensiege, darunter auch der von Ransmayer Junior konnten auf die Fahnen geheftet werden. Zu guter Letzt sprach er auch von seinem persönlichen Sieg. Denn er hatte es geschafft, die Entscheidungsträger „einzukochen“, wie er es nannte, denn der Sponsoren Vertrag war schon unterzeichnet in seiner Aktentasche. Der ASC würde jetzt bald umbenannt und sehe einer großen Zukunft entgegen. Viele finanziellen Probleme seien nun eine Tatsache der Vergangenheit, meinte er euphorisch, anscheinend mit sich und der Welt im Moment zufrieden.


Er werde noch am offiziellen Teil der Siegerehrung teilnehmen und sich dann diskret zurückziehen, meinte er. Außerdem hätte er ja seine Renate in letzter Zeit stark vernachlässigt und es bestünde enormer Nachholbedarf an trauter Gemeinsamkeit.

Jetzt, nachdem das Tagewerk fast vollendet sei, müsse er sich ihr mehr widmen. Oberholzner sah dann in der Menge einen Zeitungsreporter. Klopfte Alex kurz auf die Schulter und sagte - er müsse noch schnell mit dem Mann etwas besprechen. Sie würden sich ja später wieder sehen und verschwand dann in der Menge.


Das Gedränge in der Bar wurde unerträglich. Alex bekam große Mühe seine Kaffeetasse unfallfrei an den Mund führen zu können, die Siegerehrung stand nun unmittelbar bevor. Er wollte sich nicht mehr länger anrempeln lassen und floh buchstäblich aus dem Trubel. Die Siegerehrung mitzuerleben hätte ihn irgendwie schon gereizt. Aber der entstandene Wirbel und die turbulenten Ereignisse, die vielen neuen Eindrücke während des ganzen Tages, die auf ihn eingeprasselt waren wie ein Hagelschlag, ließ diesen Wunsch schnell verblassen.


Er flüchtete dann einfach in die Hotelhalle, die fast menschenleer war, ging ins Foyer, fand einen gemütlichen Ohrenfauteuil, den er gleich in Besitz nahm. Ein Piccolo kam und fragte, was er zu trinken wünsche. Alex war schon mit Kaffee abgefüllt und bestellte sich einen Früchtetee. Er spürte, wie die aufgestaute Spannung in ihm allmählich nachließ, das Gefühl war ihm gar nicht unangenehm.


Er saß eine ganze Weile dort und wollte den Tee genießen, als er auf einmal Cindy erblickte, sie kam gerade die Treppe herunter. Auch sie sah ihn, steuerte gleich auf ihn zu und lächelte dabei. Alex überlegte, wie er sich, nun ihr gegenüber verhalten sollte, die Ereignisse im 'Andreas Hofer' waren ihm ja noch überaus stark in Erinnerung. Prinzipiell hatte er sich ja nichts vorzuwerfen. Sie war es ja gewesen, die provozieren wollte, in einer für ihn bisher noch nie da gewesenen Art und Weise. Insgeheim und rückblickend gesehen, hatte ihm die frivole Begegnung mit ihr, schon auch irgendwie gefallen.


Susi war ja auch kein Kind von Traurigkeit, aber gegen die dortige Vorstellung, war sie noch eine Schülerin, wie er empfand. So entschied er sich kurzerhand, Cindy jetzt nicht aus dem Wege zu gehen. Zumal er sich ja hier im Foyer sozusagen auf neutralem Boden befand. Selbst wenn Susi dazu kommen würde, was er aber für eher unwahrscheinlich hielt, könnte sie ihm keinen Vorwurf daraus machen. Cindy fragte mit sanfter Stimme, »darf ich mich ein wenig zu Ihnen setzen?»

»Bitte sehr!«, er setzte einen gelangweilten Blick auf, obwohl er innerlich eigenartig vibrierte.


Sie setzte sich ihm in einem Lederfauteuil gegenüber, kramte in ihrer, für seinen Geschmack viel zu großen Handtasche. Die sehr klobig, im Gegensatz zu ihrem zierlichen Körper wirkte, nahm ihr Zigaretten Etui und das goldene Feuerzeug hervor.

»Wie geht es eigentlich dem Herrn Doktor?«, fragte er ruhig.

»Ach, wissen Sie, gar nicht so gut im Moment, er klagt über Magenschmerzen, er hat etwas eingenommen und sich dann hingelegt!«, sie steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel.

Alex nahm das Feuerzeug und gab ihr Feuer, sie blickte ihm dabei tief in die Augen.


Alex glaubte, einen fragenden Blick zu erkennen, er spürte den betörenden Duft ihres Parfüms. Cindy lehnte sich zurück und rauchte genussvoll, in tiefen Lungenzügen, sie sah ihn lächelnd, sehr direkt an,

»Jo verdankt ja seinen heutigen Sieg, ihnen!«

»Bitte, wer ist denn Jo?«

»Nun Johann Ransmayer, der Sohn vom Doktor!«, sie blies den Rauch mit spitzem Mund aus,

»Derjenige dem sie die richtigen Rennreifen brachten und das war ja für ihn Rennentscheidend, mit den alten Reifen hätte er wohl überhaupt keine Chance gehabt, wäre damit wohl eher nur als Statist mitgefahren!»

»War mir ein Vergnügen, ich wusste ja gar nicht dass, das so wichtig war!«, erwiderte er trocken.


Cindy dämpfte jetzt hastig ihre Zigarette ab, sie war nur halb geraucht,

»Ich persönlich habe nämlich heute auch einen Sieg errungen, wissen sie?«

»Ich verstehe nicht, wie meinen sie das?«, Alex spürte instinktiv, dass sie sich etwas von der Seele reden wollte, sie war völlig anders, in ihrer Mimik und Gestik als damals im 'Andreas Hofer'. Wo sie ja auf ihn eher den Eindruck, eines Flittchens der Luxusklasse, machte.


»Ich verlasse nämlich den Doktor, er hatte mir, bevor ich jetzt zu ihnen gekommen bin, eine Riesenszene gemacht. Aber jetzt hat er sich anscheinend damit abgefunden, vielleicht rühren die Magenschmerzen auch davon her. Er kann es als Jurist einfach nicht verstehen, warum ich diesen Vertragsbruch begehe!«

»Vertragsbruch?«


»Ich hatte mit ihm einen Vertrag, eine Vereinbarung, eine ... , ach ich weiß nicht, wie ich das so Bezeichnen soll. Eben eine Abmachung, die einmal so, en passant zwischen uns getroffen wurde, die da lautete, ich gehe auf seine verschiedenen Wünsche ein. Er bietet mir ein finanziell sorgloses Leben. Ich war ja so naiv, glaubte, so was könnte wirklich funktionieren«, sie seufzte tief und sprach weiter, »wissen sie, am Anfang war das ja auch neuartig für mich, irgendwie aufregend, ja geradezu prickelnd. Der Doktor war zu Beginn auch sehr nett zu mir. Später wurde er aber sehr sonderbar, er hat Dinge von mir verlangt, die ich nur schwer verkrafte. Glauben sie mir, es ist nicht leicht, mit einem um vierzig Jahre älteren Mann umzugehen. Dem die Natur das Können, aber nicht das wollen genommen hat, wenn sie Verstehen, was ich meine!«


Alex kam sich jetzt wie ein Beichtvater vor, wenn ich jetzt noch irgendwelche Fragen stelle, erzählt sie mir bestimmt alles, von der Wiege bis zum Grabe und ich muss ihr vielleicht auch noch die Absolution erteilen, dachte er sich.

So schwieg er lieber und sah sie nur an. Sie deutete das wahrscheinlich, als besonderes Interesse seinerseits, oder sie hatte aus Mangel an vertrauten, ihn jetzt auserkoren, ihre Probleme zu besprechen, wie er sich dachte.


Er war zwar gar nicht gefasst, diese intimen Informationen zu bekommen, aber tief im inneren spürte er doch ein latentes Interesse. Sie sprach gleich weiter,

»Wissen Sie? Solche nicht alltäglichen, vielleicht eher harmlosen, aber erfüllbare Wünsche, ich solle doch in seinem Wagen keinen Slip tragen, sind ja irgendwie noch verständlich. Aber die weiteren Forderungen, kann und will ich einfach nicht mehr mitmachen. Er wollte nämlich auch, dass ich wildfremde Männer, egal wie die aussehen, verführe, je toller, desto besser. Einzige Bedingung, er wollte eben immer dabei sein.


Wie sich diese Wunschvorstellungen dann steigern würden, können sie sich ja leicht ausmalen!« Sie fingerte sich wieder eine Zigarette heraus und zitterte leicht dabei, als er ihr Feuer gab.

»Bis jetzt habe ich ja auch alles so gemacht, was er sich wünschte. Ich glaube, wenn Susi damals nicht mit dabei gewesen wäre, ich hätte es bei ihnen auch geschafft. Männer reagieren ja in bestimmten Situationen fast wie Automaten!«


Alex sah sie ernst an, er antwortete,

»Es kann ja durchaus sein, dass Sie in manchen Fällen recht haben. Sie können das ganz sicher viel besser beurteilen, aber in meinem Fall, verbietet es mir, meine gute Erziehung, jetzt darauf näher einzugehen! Sie entschuldigen mich bitte, ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute! Guten Abend!«, er erhob sich, verbeugte sich knapp und ließ sie einfach sitzen.


Beim Hinausgehen, dachte er sich, entweder sie ist, ein ausgesprochenes Luder das alle Register zieht ums doch ans Ziel zu kommen oder sie ist wirklich ein armer getretener Wurm, der sich nun aufbäumt. Bei diesen Überlegungen kam er aber für sich zu keinem Ergebnis.


Er ging wieder ins Zimmer hinauf, Susi schlief immer noch fest, er betrat leise den Balkon, atmete die klare Bergluft ein, hörte das Stimmengewirr unten aus der Hotelbar, klirren der Gläser, leise Pianomusik drang ebenso an sein Ohr. Irgendwie war er doch ganz froh, einmal ein Bergrennen so ganz hautnah auch hinter den Kulissen, selbst miterlebt zu haben.


15. Kapitel


Am darauf folgenden Montag, bald in der früh, war Alex wieder pünktlich bei Baumann, dort herrschte die alltägliche Routine. In Baumanns Garage war Hochbetrieb. Die Kollegen aus der Service Abteilung waren vollauf beschäftigt. Alex hatte sie schnell eingearbeitet, die zeigten sich sehr selbstständig.


Sie kamen nur in besonderen Fällen, oder bei Problemen die sie nicht eigenständig lösen konnten zu ihm und baten um seinen Rat. Alex war für sie der Chef, wenn auch nicht offiziell. Von den beiden Neuen war das junge Mädchen, eine kleine etwas dickliche Person, die bei ihrer Arbeit schnell ins Schwitzen kam, besonders bei den kräftezehrenden Polierarbeiten die schnellere.


Ihr Hobby war überwiegend Kochen und gut essen, das erzählte sie ihm einmal. Sie hatte auch schon manches mal, für alle im Gefolgschaftsraum gekocht und großes Lob dafür erhalten. Sie stammte aus einer ländlichen Familie mit insgesamt zehn Köpfen, wobei sie hauptsächlich den Haushalt führte. Als ihr Vater krank wurde, war auch sie gezwungen dazu zu verdienen. Baumann wollte und suchte in der Vergangenheit schon immer eine Haushälterin und fragte Alex einmal, ob er, denn nicht eine geeignete Person dafür wüsste.


Alex erinnerte sich daran und machte ihm dann den Vorschlag, die Kleine doch dafür zu engagieren. Baumann war sofort einverstanden. Sogar froh darüber, er war gleichermaßen ein Feinschmecker und wusste, dass das Mädchen eine ausgezeichnete Köchin ist, zudem konnte er sie durch ihre nette ungezwungene Art ausgesprochen gut leiden. Ihr war dadurch ebenfalls geholfen, aus zwei Gründen, wie sie Alex anvertraute, Baumann bezahle viel mehr für den Haushaltungsjob, außerdem käme ihr das vom arbeitstechnischen Standpunkt mehr entgegen. Der anstrengenden körperlichen Strapaze den ganzen Tag über, wäre sie auf die Dauer sowieso nicht gewachsen und Kochen und Hausarbeiten, wären für sie ja kein Problem.


Alex hatte damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen und ins Schwarze getroffen. Irma so hieß das Mädchen, sorgte auch gleich dankbar für ihren Ersatz. Einer ihrer Brüder, ebenfalls nicht gerade eine Koryphäe in der Schule, bräuchte ganz dringend Arbeit. Wobei der sehr kräftig und geschickt sei, wie sie Alex versicherte.


Alex bat ihn dann auch zu einer Vorsprache, ließ ihn seinen Wagen probeweise reinigen und polieren. Irma hatte überhaupt nicht übertrieben, ganz im Gegenteil, er wurde engagiert. Baumann war begeistert über seine in Personalfragen so glückliche Hand und bat ihn gleich einen geeigneten Autospengler zu finden, der Egons Stelle besetzen sollte. Alex hatte seinen Bereich ausgesprochen gut organisiert, alles lief klaglos, dadurch gewann er Zeit und er hatte während des Wochenendes die Idee geboren, für sich eine Fahrerlizenz zu beantragen.


Er fuhr dann auch zum österreichischen Automobil und Touringclub, der ja für solche Belange zuständig ist, wunderte sich, wie einfach die ganze Angelegenheit war. Sein amtlicher Führerschein allein genügte, zusammen mit einem Antragsformular und Passfotos, der Entrichtung einer minimalen Gebühr und so war er kurze Zeit später im Besitz der österreichischen Fahrerlizenz der FIA (Föderation internationale Automobiles). Die Lizenz berechtigte ihn nun an Wettbewerben jeder Art, für Rennwagen teilzunehmen.


Er war wirklich sehr erstaunt, kein Mensch fragte ihn, welche Schulen, welche Zeugnisse, welche Ausbildung er hatte. Lediglich der amtliche Führerschein genügte. Alex war irgendwie Stolz auf dieses kleine Stück Karton im Postkartenformat, seiner Lizenz, die ihn nun berechtigte, mehrere hundert PS auf einer Rennstrecke zu bewegen. In einem Anfall von jugendlichem Übermut, erzählte er Paul einmal die Geschichte mit der Lizenz, Paul war überrascht und belustigt zugleich und meinte, ein Stück Papier mache ja noch lange keinen Rennfahrer aus. Das wäre ja, wie ein General ohne Armee.


Alex dachte sich, dass er bei Paul, diesbezüglich wohl nicht an der richtigen Adresse gelandet war. Bestimmt müsste es Leute geben, die, die Sache viel ernster betrachten würden, die ihm auch bessere Tipps geben könnten, wo er zumindest auf ideellen Beistand hoffen konnte. Bei diesen Überlegungen, stieß er immer wieder auf drei Namen: Oberholzner Ransmayer, Susi, wobei ihm die Reihenfolge noch nicht ganz klar war. Nach längerer Bedenkzeit entschied er sich dann, zunächst einmal Oberholzner zu befragen, der sich überraschenderweise für ihn ganz erfreut und bewunderungsfähig zeigte.


Der versprach ihm dann auch gleich, sich für ihn einzusetzen und ihm jede in seiner Macht stehende Unterstützung und Beratung zukommen zu lassen. Sobald er eben genügend Zeit hätte, nach der Umwandlung des ASC. So hatte Alex bei ihm zumindest ein offenes Ohr gefunden und hoffte, eine sprudelnde Informationsquelle angebohrt zu haben, er hatte dabei auch kein so schlechtes Gefühl.


Alex war nun völlig beseelt davon in den Rennsport einzusteigen. Es war ihm dabei auch klar geworden, er würde einen Wagen, und zwar schnell einen wettbewerbsfähigen Wagen brauchen. Damit könnte er dann erste Erfahrungen sammeln und anschließend ein Resümee ziehen, dass ihm dann den weiteren Weg weisen könnte. Eines war ebenso für ihn sicher, in Zukunft wird er dazu Geld brauchen, und zwar viel Geld, so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hatte sich zwar etwas gespart. Aber seine Mittel waren doch eher bescheiden und könnten gerade mal für eine Saison reichen, immer vorausgesetzt er hätte auch schon einen wettbewerbsfähigen Wagen zur Verfügung.


Er fühlte sich in dieser Situation, wie ein Angler am Fischteich voller Fische, der zwar einen Angelhaken besitzt, aber keine Fängige Angelrute, geschweige denn eine Rolle dazu. Jetzt war also guter Rat teuer, er fragte sich, wie bewerkstellige ich das Projekt eigentlich, ohne Riesenschulden zu riskieren, und vielleicht die Existenz aufs Spiel zu setzen. Er begann eisern zu sparen, jede unnötige Geldausgabe wurde radikal gestrichen.


Lediglich für seinen Pflegling, Egons Katze, die er wie Egon seinerzeit, lieb gewonnen hatte, gab er genug aus, damit es ihr an nichts fehlte. Er kaufte das beste Futter, gab Geld für Impfungen und Tierarzt, ihm war für das Tier kein Betrag zu hoch. Sissy, dankte es ihm mit anhänglichen Schnurren, all den Zuneigungsgesten, zu der sie als Katze eben fähig war. Um sich mit der Materie im Rennsport vertraut zu machen, nahm er sich die einschlägige Literatur vor und studierte abends immer das Reglement der FIA. Las viel über Homologation Bestimmungen, jenen Vorschriften die, die erlaubten Veränderungen an den Rennfahrzeugen regelten.


Im Clublokal vom ASC war auch ein kleines Archiv vorhanden, darin befanden sich die Rennprogramme vergangener Rennen. Er studierte sie alle, sehr aufmerksam, Streckenführung, Teilnehmer, usw. Oberholzners Frau Renate von Beruf Bilanzbuchhalterin, hatte von jedem Rennen auch die offiziellen Zeitnehmungslisten archiviert. Daraus entnahm er die Zeiten und Platzierungen, der einzelnen Fahrer und ihrer Fahrzeuge, die um die Staatsmeisterschaft buhlten.


Dadurch verschaffte er sich einen guten Überblick und sah, dass in den Klassen, von 650 Ccm bis 2.000 ccm, ziemlich rauer Wind wehte. Genau dort befanden sich die heiß umkämpften Kategorien, in denen die Privatfahrer die Klingen kreuzten. Prinzipiell fand er in den drei ersten Siegesrängen, fast immer dieselben Namen als Gewinner. Er sah auch, dass der mit dem Lotus Cortina Unfallverletzte Fahrer. Der den Holbay erst vor Kurzem zum Einsatz bringen wollte, in der vergangenen Saison als „ewiger Zweiter“ in seiner Klasse, die vorige Rennsaison beendete. Nur wenige Zehntelsekunden trennten ihn immer vom heiß begehrten 1. Platz am Podest. So gesehen, könnte ja der Einsatz des Holbaymotor, auch ganz sicher den Erfolg bringen.


Irgendeinmal zwischendurch beschäftigte er sich auch mit dem Gedanken, seinen Mini Cooper rennfähig zu machen, dazu müsste außer der Karosserie ja fast alles geändert werden, die Kosten für das Motortuning und die Fahrgestelländerungen würden aber sein Kapital wohl schnell wegschmelzen lassen. Der dann so geänderte Wagen, wäre unter Umständen zwar gut für erste Plätze. Aber gerade in der Klasse bis 1300 Ccm war so ein Andrang, dass die Chancen, sich sicher in sehr engen Grenzen halten würden. So verwarf er den Plan schnell wieder und überlegte weiter. Er kam dann für sich zum Ergebnis, er müsste also ein bereits erprobtes rennfertiges Auto einsetzen, das vielleicht irgendwo zum Verkauf stünde. So besorgte er sich einschlägige Zeitungen, dort wurde alles angeboten, was gut und teuer ist, natürlich zu meist überhöhten Preisen. Er wusste auch, dass die aussichtsreichste Zeit der Herbst sein würde, um ein geeignetes Fahrzeug zu kaufen.


Es gab ja verschiedenste Gründe dafür, Kategoriewechsel, oder Kapitalmangel, familiäre Probleme, die so manchen Fahrer zwangen den Rennsport überhaupt an den Nagel zu hängen. Zwei Wochen, nach seinem Rennbesuch waren vergangen, als er einmal zu Paul in die Werkstatt kam, der war gerade eifrigst dabei den Holbay Motor zu zerlegen, um den Umfang des Motorschadens auch empirisch festzustellen. Der Wagen selbst, stand ebenfalls in der Werkstatt und sah etwas zerknittert aus.


Der Blechschaden am Fahrzeug hielt sich aber in Grenzen, wie Paul meinte. Mit zwei Kotflügeln und einer Motorhaube. Dem Einsetzen der Windschutzscheibe, die beim Unfall unbeschädigt aus dem Rahmen geflogen war, wäre der Wagen nach der Lackierung, optisch und technisch von der Karosse her wieder Okay. Nach drei Stunden Arbeit am Motor, stand für Paul nun der Umfang des Schadens fest. Die Kosten für die benötigten Ersatzteile betrugen genau 900 englische Pfund. Renate Oberholzner, die ja sehr gut Englisch sprach, hatte inzwischen mit dem Werk telefoniert und alle Details, Preise und Lieferzeiten abgeklärt. Die Teile könnten in ca. zehn Tagen, per Luftfracht, vor Ort sein, vorausgesetzt, der sofortigen Überweisung des Rechnungsbetrages im Voraus.


Paul erzählte ihm diesen Sachverhalt, mit dem Hinweis, dass es dem Wagenbesitzer den Umständen entsprechend nach seinem Ausritt gesundheitlich zwar einigermaßen gut gehe. Er bewege sich zwar immer noch mit Krücken, aber in zwei bis drei Wochen würde man dann genaueres wissen. Der Mann war ja inzwischen in das hiesige Krankenhaus zur Rehabilitation überstellt worden. Durch Verdienstendgang hätte er jetzt Probleme mit seinen Finanzen und es wäre sehr fraglich, ob er die erforderlichen Reparaturkosten überhaupt aufbringen könnte. Paul war ja mit ihm befreundet und der Leidtragende hatte ihm beim letzten Besuch im Krankenhaus sein Leid deswegen geklagt.


Alex machte dann den Vorschlag, er, würde die Reparaturkosten übernehmen, unter der Voraussetzung einer Option, wenn der Besitzer auf ein Vorverkaufsrecht eingehen würde. Die Kosten, die er vorstreckte, sollten im Falle des Verkaufes, aus Gründen wie immer, vom Verkaufspreis abgezogen und ihm der Kauf, als erster Anwärter anzubieten sein. Paul willigte ein, dem Besitzer diesen Vorschlag zu unterbreiten, er würde ihn ohnehin in zwei Tagen wieder besuchen und ihm danach, dessen Entscheidung mitteilen. Alex ging ins Klubbüro zu Renate, bat sie, eine entsprechende schriftliche Vereinbarung aufzusetzen, die sie in professioneller Manier bewerkstelligte und gab sie Paul mit.


Nach zwei Tagen, kam der, dann mit dem unterschriebenen Papier zurück. Alex überwies von seiner Bank die 900 Pfund nach England und gab ihm den Betrag, für die Blechteile und Arbeitskosten. Am nächsten Tag begann Paul mit den Karosseriearbeiten, nach drei Tagen war der Wagen, dann karosserietechnisch wieder hergestellt und erstrahlte in neuem Glanz, da finanziell auch noch eine Ganzlackierung drin gewesen war. Eine Woche später kam die Benachrichtigung vom Zollamt, die Motorenteile wären am Flughafen eingetroffen und könnten abgeholt werden. Alex ließ es sich nicht nehmen, die Teile noch spät am Abend dort abzuholen, denn der Zoll arbeitete am Flughafen bis in die Nacht. Nächsten Morgen, als Paul zur Arbeit kam, packte der gleich die gleich Teile aus, seine Augen glänzten vor Freude, wie die, eines kleinen Jungen der seine Weihnachtsgeschenke auspackt.


Alex beobachtete ihn dabei, als er saubere Putztücher auf seine Werkbank legte und die Teile wie Kostbarkeiten im Juwelierladen ausbreitete. Er verglich dann die neuen Teile mit den alten, die er ja schon ausgebaut hatte und machte dabei einen sehr zufriedenen Eindruck, weil ja alles vollständig war. Während er so entschieden hantierte, meinte er zu Alex, »Morgen, bis spätestens Mittag, wirst du den Motor wieder röhren hören. Ich werde heute wohl bis in die späte Nacht arbeiten, denn da habe ich die Muße, die ich für diese Angelegenheit brauche!«


Alex wusste, dass Paul so lange keine Ruhe geben würde, bis er den Holbay, endlich wieder zu neuem Leben erwecken würde. Paul hatte auch nicht zu viel versprochen, am nächsten Tag so gegen 10.00 Uhr, hörte Alex das Röhren des Motors in Pauls Werkstatt. Paul fuhr den Wagen aus der Werkstatt, um die Einstellungen bei einer Probefahrt nach zu justieren, wie er erklärte, als Alex voller Neugier zur Werkstatt kam.


Unweit von Baumanns Gelände befand sich ein asphaltierter Güterweg, dort wurden ja öfters Bremsproben und Beschleunigungstests durchgeführt. Nach einer halben Stunde kam Paul mit dem Wagen von dort zurück und strahlte dabei übers ganze Gesicht, als er bei Alex anhielt. Er stellte den Wagen ab und lächelte zufrieden,

»Der Motor läuft jetzt wieder absolut irre! Überhaupt ist das Auto jetzt wieder schwer in Ordnung. Aber eines ist ganz gewiss, der Drehzahlbegrenzer ist aktiv und solange ich lebe, bleibt er das auch, bei 9.800 Touren regelt er ab, das reicht für diesen Motor völlig aus. Außerdem habe ich eine Plombe angebracht, wenn da einer daran herum fummelt, dem hacke ich dann eigenhändig die Finger ab!«, sprach er, und steckte sich wieder einen Zahnstocher in den Mund, und begann ihn genüsslich zu zerkauen, gleichzeitig prüfte er den festen Sitz der Motorhauben Sicherheitsverschlüsse.


Dann klopfte er Alex auf die Schulter und meinte, »Willst du ihn jetzt einmal auch selbst ausprobieren? Kannst ja mal eine Runde am Güterweg drehen. Aber Pass auf, die Fahrbahn ist voller Erde, von den verdammten Traktoren!«

Alex schwang sich in den Schalensitz, legte den Hosenträgergurt an, der ihn fest an den Sitz presste, er empfand die Sitzposition als unangenehm, die Ränder des Schalensitzes drückten ihn im Becken. Der Sitz war ja auf die Maße des Besitzers ausgelegt, der anscheinend noch schlanker war. Alex betätigte den Anlasser, dumpfes Röhren erklang aus dem Rennauspuff, dessen dickes verchromtes Endrohr direkt unter der Bodenplatte, in Höhe des Fahrersitzes hervorragte.


Er legte den ersten Gang ein und ließ den Wagen anrollen. Am Güterweg angelangt, hielt kurz an und legte einen Rennstart hin, der wie er meinte, nicht von Pappe war. Der Wagen schoss wie eine Rakete davon, er wurde gewaltig in den Sitz gepresst. Man spürte die unbändige Kraft die, die, einhundert neunzig Pferdestärken entwickelten, bis in den letzten Halswirbel. Bedingt durchs kurz untersetzte Berggetriebe, musste er oft hinauf schalten. Der Tourenzähler stieg jedes Mal in den roten Bereich, bevor er den nächst höheren Gang einlegte. Der Wagen reagierte prompt und exakt auf alle Lenkbewegungen und Schaltvorgänge.


Alex kam eigentlich gut mit ihm zurande, obwohl er ja bisher noch nie einen solchen Wagen gefahren war. Die 45-er Weber Vergaser waren mit einem Düsensatz bestückt, der eine optimale Gemischaufbereitung bis 1000 Meter Seehöhe gewährleistete. Paul hatte ihm das System voller Stolz erklärt, als er gerade die handpolierten Ansaugtrichter montierte. Alex war sehr angetan vom Handling des Wagens. Er verglich die Leistung mit dem Porsche, den er ja damals auch recht flott bewegte. Es schien ihm, dass der Lotus im Antritt wesentlich aggressiver war. Er stand dem Porsche sicher in nichts nach, obwohl er ja doch wesentlich weniger Hubraum hatte.


Alex beendete dann die Probefahrt, mit dem zufriedenen Gefühl, wohl einen wettbewerbsfähigen Wagen gelenkt zu haben, und übergab ihn wieder in Pauls Obhut. Der wiederum war zufrieden mit der Motorleistung, fand aber, dass der Wagen allemal noch viel zu schwer sei. Drastische Gewichtsreduktion, meinte er, könnte noch so einiges an Mehrleistung bringen. Es wäre eben noch jede Menge unnötigen Blechs vorhanden, somit auch unnötiges Gewicht. Alleine der Austausch der Seitenscheiben, gegen Kunststoffglas, wäre möglich und würde gut 10 bis 12 kg Gewichtserleichterung bringen. Alles in allem geschätzt, meinte er, könnten gut bis 120 kg, ohne Gefährdung der Sicherheit, eingespart werden. Vorausgesetzt schwere Blechteile, würden gegen leichtere Aluminiumteile getauscht, wie Motorhaube, Kofferraumdeckel, Türblätter und so weiter.

Paul hatte eine Aufstellung erarbeitet, auf der detailliert die Veränderungen, mit entsprechender Gewichtseinsparung aufgelistet waren. Die diesbezüglichen Erfahrungen stammten noch aus der Zeit, wo er damals mit Egon zusammengearbeitet hatte. Egon war seinerzeit in Sachen Gewichtsreduktion an Fahrzeugen „Meister aller Klassen“ gewesen, hatte Paul auch in die Materie eingeweiht, wie bei gleicher Stabilität so einiges am Gewicht der Fahrzeuge geändert werden konnte. Ohne die Homologationsbestimmungen zu verletzen.


Eine Woche nach der Probefahrt mit dem Lotus, kam Paul ziemlich zerknirscht in die Firma, er besuchte ihn und sagte,

»Ich war ja gestern wieder bei meinem Freund im Krankenhaus, dem geht es wider Erwarten gar nicht gut. Die Rückenverletzungen machen ihm ziemliche Schwierigkeiten. Es ist zu befürchten, dass einige Wirbel Verplattet werden müssen. Wenn das der Fall ist, dann ist es endgültig aus, mit seiner Rennfahrerei. Er muss ja froh sein, wenn er nicht auch noch im Rollstuhl landet. Die Ärzte machen ihm auch keine allzu große Hoffnung, dass er um eine Operation herum kommen wird«, betrübt drein blickend sprach er weiter,

»sollte dieser äußerste Fall eintreten, wird er seine Vereinbarung mit dir einhalten und den Wagen verkaufen. Wobei du dann die Option wahrnehmen kannst.«


Paul war ziemlich bedrückt, er kannte seinen Freund schon aus der Schulzeit, sie hatten damals gemeinsam schon allerlei Streiche ausgeheckt. Jetzt war der Freund gesundheitlich ein halbes Wrack, außerdem dazu noch in argen Geldnöten.

Alex entwickelte sofort einen weiteren Plan, der, seiner Meinung nach in dieser Situation Linderung bringen könnte. Er schlug vor das Fahrzeug sozusagen für die Rennen zu mieten. Solange der Besitzer persönlich nicht in der Lage ist, es selbst zu benützen.


Paul fand den Vorschlag großartig und war davon eigentlich sehr angetan, einerseits signalisierte es seinem Freund, dass doch noch nicht alles verloren sei. Zum anderen brachte es inzwischen auch Geld ein, das der ja dringend brauchte. So eilte Paul gleich wieder ins Krankenhaus, um den neuen Vorschlag zu unterbreiten. Er musste wohl sehr enthusiastisch vorgegangen sein, denn er kam auch mit dem Einverständnis seines Freundes zurück und hatte sogar noch durchgedrückt, die technischen Veränderungen, wegen der Gewichtsreduktion, durchführen zu können. Wobei Alex die Kosten dafür übernehmen sollte, die natürlich ebenfalls in die Option einfließen würden.


Alex war nun vollkommen beseelt vom Gedanken, demnächst selbst einmal aktiv an einem Rennen teilzunehmen. So trieb er Paul auch gleich zur Eile an, die besagten Änderungen rasch durchzuführen. Notfalls wäre er sogar bereit, seinen geliebten Mini zu verkaufen, um dadurch die erforderlichen Geldmittel, ohne Pump aufzubringen. Das nächste Rennen würde ja schon am nächsten Wochenende stattfinden, wie er wusste, auf einer völlig neu errichteten Straße, in der Nähe von Linz. Alex hatte im Klubbüro die Ausschreibungsunterlagen dazu schon gesehen.


Kurz darauf bat er Renate für ihn dort eine Nennung abzugeben. Kurze Zeit später kam dann die Bestätigung des Veranstalters zurück, in der er, mit dem Lotus, in der GT (Grand Tourisme) Klasse bis 1800 Ccm eingetragen war. Alex war danach nervös und zugleich aufgeregt, er spürte immer, leichtes Vibrieren der Magennerven, wenn er nun an das kommende Wochenende dachte. Wie wird denn mein erster Start? Werde ich das Ganze nervlich überhaupt verkraften? Habe ich denn überhaupt eine Chance ganz vorne mit dabei zu sein? Diese und andere Fragen dazu, schossen ihm durch den Kopf.


Er hatte ein ziemlich unbehagliches Gefühl, weil er ja keine konkreten Antworten wusste, schließlich war ja alles im Reich der Spekulation angesiedelt. Trotzdem fand er auch irgendwie sogar Gefallen an diesem Nervenkitzel, er spürte trotz allem, dass ihn das ganze Projekt, sehr in Atem hielt. Sogar Kräfte mobilisierte, die er so bei sich, bisher noch gar nicht kannte.

Inzwischen hatte es Paul tatsächlich fertig gebracht gut 80 kg an unnötigem Gewicht aus dem Wagen zu eliminieren. Alle nicht gebrauchten Teile der Ausstattung, verschiedene Blechstreben, verschiedene Teile, die, durch leichtere ersetzt werden konnte, fielen der Gewichtsreduktion zum Opfer.


Paul war Stolz auf seine Leistung, denn er betonte ausdrücklich, dass alle Änderungen Reglement konform seien und keine unerlaubten Eingriffe vorgenommen wurden, um die Gewichtserleichterung zu erreichen. Mit fester Überzeugung meinte Paul, »Es wäre ja sicher noch mehr drin, aber bis zum Rennen, in so kurzer Zeit ist mehr einfach nicht zu schaffen!«

Alex gab sich im Moment Wohl oder übel damit zufrieden.


Paul gab ihm auch noch den Rat, den Schalensitz auf seine Figur und Maße anpassen zu lassen. Nur eine exakte Passform würde ihm in den Kurven sicheren Halt geben. Dazu sollten die Hosenträger-Gurte auch noch ausgetauscht werden, dies wäre ja ohnehin nach jedem Unfall ein muss, wie Paul meinte. Alex beauftragte daraufhin gleich in der Stadt einen Fachbetrieb, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, dazu führte er auch einige Probesitzungen durch. Nach zwei Tagen hatte er den perfekten Schalensitz, darin fühlte er sich gut, es gab keine Druckstellen mehr. Der Sitz war nicht gerade sehr bequem, aber absolut fest und sicher und das war ja schließlich die Hauptsache.


Alex fieberte seinem ersten Rennen entgegen und versuchte nun ständig sein Nervensystem ruhig zu halten. Ging früh schlafen, stand dennoch sehr bald auf und unternahm noch vor dem Frühstück kleinere Radtouren, dazu lieh er sich ein Fahrrad von seinen Wirtsleuten. Er wollte seine körperliche Verfassung verbessern, denn er merkte doch eine gewisse Bewegungsarmut, in die, er in letzter Zeit gekommen war. Früher, als er noch viel mehr mit seinem Rad unterwegs war, fühlte er sich viel geschmeidiger und war viel besser drauf.


Er meinte daher, eine gewisse körperliche Fitness könnte ihm bei seinem Unterfangen sicherlich sehr behilflich sein. Bei der Arbeit im Betrieb war er ja physisch nicht mehr sehr gefordert. Seine Leute hatten ihre Sache im Griff. So konnte er sich viel mehr mit organisatorischen Dingen befassen, sich mit dem Abholen und wieder retournieren der Kundenwagen beschäftigen und somit auch gleich neue Aufträge an Land ziehen.


Oberholzner hatte inzwischen den ASC (Automobilsportclub) organisatorisch auf Vordermann gebracht. Als äußeres Zeichen prangte nun auf dem neuen Logo des ASC, ein Zusatz nämlich der Schriftzug des namhaften Getränkeherstellers, mit dem der Sponsorenvertrag lief. Im nächsten Schritt sollten dann auch die Wettbewerbsfahrzeuge der Klubmitglieder in den Farben des Vertragspartners erstrahlen, in Weißgrün und sollten daher einheitlich umlackiert werden. Wobei Oberholzner den Besitzern der Wagen, lediglich die Kosten für die Lackierung bezahlen wollte.


Diese Idee löste bei den Leuten nicht gerade große Euphorie aus. Die meisten rechneten nämlich schon mit einem satten Körberlgeld, auf das sie natürlich nicht verzichten wollten. Andere waren, wie sie sich ausdrückten, nicht bereit, ihre Wagen verunstalten zu lassen. So gab es eben schon gewisse Spannungen zwischen so manchen Fahrern und dem 'Chef'. Als Notlösung wurden dann doch einheitliche Aufkleber für die Wagen angefertigt, die Oberholzner nur mit Mühe, den Fahrern aufs Auge drücken konnte.


Alex ließen aber diese 'Spielchen' kalt. Er hatte ja als reiner unabhängiger Privatfahrer auf seinen Namen genannt und konnte daher mit einem völlig neutralen Wagen an den Start gehen. Er beteiligte sich lediglich am Fahrzeugtransport zum Rennen. Oberholzner hatte nämlich mit einem Speditionsunternehmen, der mit Spezialtransportern an Werktagen normalerweise Neuwagen zu Händlern karrte, einen Vertrag abgeschlossen.


Das Unternehmen witterte die Chance, so auch an den unausgelasteten Wochenenden, mit dem Transport der Rennwagen zu den Veranstaltungen Geld zu verdienen. Diese einzigartige Vorgehensweise, wo normalerweise viele im Bergrennsport die Wettbewerbswagen auf eigener Achse oder per Anhänger selbst transportieren mussten, versöhnte dann wieder viele Fahrer des Klubs.


Da ihnen ja dadurch ein großes Problem, auf einfache Weise abgenommen wurde. Worauf Oberholzner gleich wieder in der Gunst stieg. Er brachte es sogar auch fertig, die Lkws dieses Speditionsunternehmen in den Farben des Clubs lackieren zu lassen. Dem Spediteur genügte anscheinend nur die reine Kostenübernahme für die Lackierungen. Zusätzlichen Nutzen versprach man sich dort wohl durch den Umstand, dass die Kunden sehen konnten, dass sein Unternehmen auserkoren war, sündteure Rennwagen zu transportieren. Denn wer das kann, der kann wohl besser als andere, auch Familienkutschen transportieren.


Alex hatte sich ein Zeitpolster heraus gearbeitet und kam dann auf die Idee, sich einmal unter Tags die Rennstrecke genauer anzusehen. Etwas Vertrautheit damit könnte ja auf keinen Fall Schaden, dachte er sich. So fuhr er mit seinem Mini Cooper hin. Die als Rennstrecke vorgesehene Straße, besaß eine tadellose Asphaltdecke, weil ja neugebaut, wie in der Ausschreibung besonders hervorgehoben war.


Gleichzeitig gab man den Hinweis, dass es sich um die schnellste Bergrennstrecke in Österreich handelte. Alex ließ seinen Mini richtig los und preschte die Strecke hinauf, die Steigung war über die ganze Länge spürbar. Die lang gezogenen Kurven konnten mit hohem Tempo befahren werden. So fuhr er die Strecke einige Male ab und prägte sich dabei den Verlauf ein, besonders die Kurven, wobei er die Bankette besonders unter die Lupe nahm.


Er wusste, um eine saubere Ideallinie zu fahren, kommt denen die größte Bedeutung zu. Alex fand im ersten Drittel der Strecke, nach einer Brücke, eine Kurvenkombination, die, wie er erkannte, wohl eine rennentscheidende Schlüsselstelle sein musste. Er bemerkte dort bei seinem Mini einen Drehzahlverlust, und zwar so, dass am Kurvenausgang die Tourenzahl in den Keller fiel. Ein wesentliches Manko um dann auf dem folgenden fast geraden Stück, eine entsprechende Geschwindigkeit zu erreichen. Er dachte sich, diese verdammte Kurve musst du dir ja ganz besonders einprägen. Beim Rennen darf dir hier kein Fehler unterlaufen, sonst ist der Ofen nämlich gleich aus.


Er beruhigte sich aber mit dem Gedanken, der Mini ist ja nur ein serienmäßiges Auto, daher nicht für Hochgeschwindigkeiten, schon gar nicht in schwierigen Kurven, ausgelegt. Beim Lotus wäre ja die Sache schon ganz anders, der ist ja für solche Strecken modifiziert. Hat das entsprechende Fahrgestell, die erforderlichen Reifen, auch die entsprechende PS-Stärke und vor allem ein Berggetriebe, mit der entsprechenden Übersetzung. Er würde den Unterschied beim offiziellen Training sicherlich merken, das ja am Vormittag vor dem Rennen ohnehin noch stattfinden würde.


So begnügte er sich vorerst einmal damit, die Strecke an und für sich kennen zu lernen, und versuchte sich die Besonderheiten baulicher Natur einzuprägen. Öfters stellte er den Wagen auch ab, um gewisse Stellen dann zu Fuß abzugehen. Als dann die Dämmerung hereinbrach, gab er seine Besichtigungsaktion auf, mit dem guten Gefühl sich vielleicht doch wichtige Streckenteile gut eingeprägt zu haben. Die Besichtigung an sich, schien ihm schon ein wesentlicher Vorteil zu sein. Gegenüber den anderen Fahrern, die ja von weit her kamen und nur beim Training die Möglichkeit bekamen die Strecke kennenzulernen.


So gesehen hat man, wenn man so will, als Lokalmatador doch schon gewisse Vorteile, dachte er sich, als er wieder nach Hause fuhr. Kurz darauf fühlte er sich bester Stimmung und in guter körperlicher Verfassung. Sein Mini Training mit dem Fahrrad, in den letzten Tagen hatte anscheinend doch einiges an Fitness und Wohlbefinden bewirkt. Irgendwie bekam er sogar Lust darauf zu Susi zu fahren, aber diesen Gedanken verwarf er schnell wieder. Er wusste ja, wie kräfteraubend die Zusammenkünfte mit ihr ausfallen könnten.


Zudem hatte auch ein ziemlich schlechtes Gewissen, da er ja seine bisherigen Aktivitäten für seinen ersten Rennstart, ihr gegenüber verheimlicht hatte. Es war für ihn ganz einfach beschlossene Sache und er hatte es sich ja auch selbst versprochen, sich keinen wie immer gearteten Einmischungen, auch nicht von Susi, mehr auszusetzen. Er befürchtete darüber doch irgendwelche unnütze Diskussionen mit ihr und von solchen nicht zielführenden Debatten hatte er ja noch, aus der Zeit mit Claudia, die Nase gestrichen voll.


Sogar Paul hatte seinerseits kein einziges Wort über sein Vorhaben verloren, zu niemandem. Insgeheim befürchtete er immer schon, Paul würde wohl seinen Mund nicht halten können und das 'Geheimnis' durch seine schon öfters aufgetretene Beredsamkeit irgendwie und irgendwann ans Tageslicht bringen. Mitnichten, er machte sich deswegen wirklich unnötige Sorgen, worüber er ja überhaupt nicht verärgert war, im Gegenteil. Paul hatte doch irgendwie innerlich eine Verwandlung durchgemacht, fand er.


Denn seit Egons Tod war er mehr in sich gekehrt, sehr ernst, irgendwie sogar verschlossen. Er arbeitete eifrig und fleißig, sehr zielorientiert, fast rund um die Uhr, trotzdem er von Baumann, nur während der normalen Arbeitszeit bezahlt wurde. Erledigte er nächtelange Zusatzarbeiten, sozusagen zum Nulltarif. Manche Fahrer nutzten das für ihre Zwecke auch weidlich aus. Paul ließ aber trotzdem keinen im Stich und erledigte alle Arbeiten sauber und einwandfrei, ihm genügte anscheinend die Genugtuung als Teamplayer von allen anerkannt zu werden.


Alex bewunderte ihn sogar dafür, ebenso für sein Fachwissen und seinem Können, dass er sich in unzähligen technischen Problemfällen angeeignet hatte. Er glaubte, nun auch zu wissen, für Paul musste es wohl den ganz besonderen 'Kick' bedeuten. Nach zerkauen von Unmengen Zahnstochern, für fast alle technischen Probleme, eine Lösung zu finden oder parat zu haben. Wo wohl jeder normal sterbliche Mechaniker, entweder das Handtuch geworfen, oder sich gleich einen Berufswechsel überlegt hätte.


Nicht so Paul, der immer alle Register zog und aus der Trickkiste so manche Lösung fand, noch so komplizierte Fälle einfach zu eliminieren.

Eines späten Abends, kurz vor dem bevorstehenden Rennen, kam Alex zu Paul in die Werkstatt, der war gerade dabei Rennreifen auf Alufelgen aufzuziehen und auszuwuchten. Alex wollte den Lotus vorsichtshalber noch einmal durchsehen und sich vergewissern, ob auch damit alles in Ordnung sei. Paul hatte den Wagen in seiner Werkstatt stehen lassen und ließ ihn nicht aus den Augen. Stolz bestätigte er Alex, alles wäre in bestem Zustand.


Lediglich die Benzinpumpe mache ihm doch noch gewisse Sorgen, es wären dort bei der letzten Probefahrt, Dampfblasen aufgetreten, so was könnte beim Rennen dann doch unangenehm werden, könnte! Muss aber nicht, denn bei der nur kurzen Laufzeit des Motors beim Rennen wäre es eher unwahrscheinlich. Trotzdem könnte es sicherer sein, eine elektrische Benzinpumpe zusätzlich zum Training mitzunehmen und die dann im Falle des Falles, gegen die mechanische auszutauschen.

Auf die wohl berechtigte Frage, warum er denn das nicht gleich erledigen könnte. Noch vor dem Training faselte er Zahnstocher kauend, etwas von Niveau-Einstellungen an den Vergasern und Abstimmungsarbeiten, die er sich jetzt dafür nicht antun wolle, es wäre ja sehr spät.


Zudem müsste er noch ganz dringend in die Stadt. Alex fiel ja schon seit einiger Zeit auf, dass er in der letzten Zeit, spätestens immer so gegen achtzehn Uhr die Werkstatt verließ und fast jedes Mal fluchtartig verschwand. Alex dachte sich, möglicherweise hat der Gute, jetzt endlich eine „Flamme“ gefunden und belebt mit ihr sein Liebesleben. Er wunderte sich ja immer schon, warum Paul bei seinem guten Aussehen und seiner netten, lustigen Art, trotzdem immer noch unbeweibt war. Nur ständig arbeiten, an kalten Metallteilen herum fummeln, das kann es wohl nicht sein, dachte sich Alex immer und gönnte ihm auch einmal warme Körperteile.


Verständnisvoll ließ er aber von seiner Fragerei ab und begnügte sich mit dem aktuellen Zustand der Benzinpumpe, obwohl es ihn innerlich schon wurmte. Paul zog sich zurück, Alex setzte sich in den Lotus und prägte sich Übungsweise verschiedene Anordnungen von wichtigen Schaltern ein. Besonders die Position des Not-Aus Schalters für die elektrische Anlage, der sich am Mitteltunnel neben dem Schaltknüppel befand.


Ein zweiter Schalter, befand sich auch außerhalb auf der Motorhaube. Dieser könnte dann von Helfern, im Falle eines Unfalles, betätigt werden. Diese Einrichtung war sehr sinnvoll, da bei einigen Unfällen, schon einige Fahrer bei Fahrzeugbränden gegrillt worden waren, wie er schon gehört hatte. Paul kam dann zurück, frisch geduscht, geschniegelt und gekämmt.


Er duftete nach einem herben Rasierwasser, verabschiedete sich kurz angebunden und entschwand, in dem er noch sagte, dass sie sich wohl erst wieder beim Training im Fahrerlager wiedersehen würden. Vermutlich also doch eine Flamme, dachte Alex, als er ihn so wahrnahm. Soviel Mühe hatte sich der liebe Paul beim Verlassen der Firma früher noch nie gegeben. Wozu denn auch, was doch eine Bekanntschaft so ausmachen kann, dachte sich Alex, mit dem Mitgefühl der Seelenverwandtschaft.


16. Kapitel


Sonntagmorgen an der Rennstrecke, es schien ein trüber Tag zu bleiben, die Sonne versteckte sich über tief hängenden grauen Wolken. Der Wetterbericht hatte sogar eventuell Regen angesagt. Alex hatte letzte Nacht sehr unruhig geschlafen. Innere Spannungen hatte ihn gepackt und ihm auch arg zugesetzt, die er beim besten Willen nicht unterdrücken konnte.


Im Kopf war es ihm in der Nacht zugegangen wie in einem nonstop Kino. Viele Gedanken waren dort umhergezogen. Es fiel ihm schwer, alles auf die Reihe zu bekommen, dieses unangenehme Gefühl kannte er schon. Er hatte es jedes Mal, damals in der Abendschule, als er vor wichtigen Prüfungen stand. Seinerzeit hatte er ganz einfach zur Flasche gegriffen und die unguten Gefühle wie im WC weggespült. Nachdem diese Vorgehensweise ihm damals nur kurze Linderung brachte und jetzt überhaupt nicht mehr in Frage kam, musste er eine andere zweckdienliche Lösung finden, um mit der Unruhe fertig zu werden.


Dieser Mix aus Angstgefühl, vermischt mit dem Ungewissen, den vielen unbeantwortbaren Fragen, die sich ihm während der Nacht stellten. Er fühlte sich wie ein Vulkan, in dem die Lava ordentlich brodelte und riesige Gasblasen ausstieß, in seinem geistigen Kino verglich er die Gasblasen, mit seinen offenen Fragen. Urplötzlich und erlösend meldete sich sein Zweites ich, mit beruhigender Stimme, flüsterte es ihm zu, lass es brodeln und vibrieren, halte deinen Krater weit geöffnet, für alle Einflüsse von außen und dann – wenn die Fahne vor deiner Windschutzscheibe hochgerissen wird – lass den Vulkan endlich ausbrechen!


Er saß nun endlich im Lotus, der, in der langen Schlange stand, der auf den Start zum Training, wartenden Wagen. Eingemummt im feuerfesten Rennoverall, den Sturzhelm hatte er vorsorglich schon aufgesetzt. Etwas geistesabwesend, prüfte er immer wieder den festen Sitz der Gurte und auch des Kinnriemens vom Helm, während er seinem zweiten ich antwortete: du hast ja leicht reden, ich hocke hier eingepfercht drin und schwitze wie eine Sau vor der Schlachtung und du sprichst von Vulkanausbruch! Ok, antwortete sein zweites ich, vielleicht ist Sau besser als Vulkan.


Jetzt sind nur noch drei Wagen vor dir. Wenn du dann endlich dran bist, dann lass endlich die Sau raus – du wirst sehen, es beruhigt ungemein und du fühlst dich dann bestimmt wohler. Alex sah nun die rot-weiß-rote Fahne vor seiner Scheibe, sie verdeckte ihm fast die ganze Sicht. Plötzlich verflogen die Gedanken und er konzentrierte sich völlig auf die Handzeichen des Starters. Der mit der linken Hand die Fahne hielt und mit seiner rechten, mit den Fingern die Sekundenzeichen andeutete. Jetzt wäre schielen eine Offenbarung, dachte sich Alex und ließ seine Blicke abwechselnd auf die Finger und dem Drehzahlmesser springen. Er sah nur mehr zwei Finger, Touren 3.500, einen Finger, Touren 3.800, die Fahne hob sich ruckartig.


Er kuppelte ebenso ruckartig ein, er wurde in den Schalensitz gepresst und fühlte den Grip der Reifen – dreht jetzt nur nicht durch! – schoss es ihm blitzartig durch den Kopf. Sie drehten sich nicht durch, wie er spürte. Unter infernalischem Motorengeheul spürte er den Druck stärker werden, das Tempo nahm zu. Vor, der Linksrechts Kurvenkombination im unteren Drittel der Strecke, zeigte ihm der Tacho im vierten Gang gute 140 km/h an. Er kannte ja diese Kurve schon von seinem wilden Training her und wusste, dass er hier die Ideallinie peinlichst genau befahren musste.


Die Steinchen, die dann an seine Bodenplatte prasselten, wie er vernahm, signalisierten ihm, dass die Reifen schon bedenklich nah am Bankett waren. Er schaltete zurück, um ausreichend Drehzahl zu halten, ein flüchtiger Blick auf den Tourenzähler zeigte 8.800 U/min. Der Motor röhrte wie ein Hirsch in der Brunftzeit. Uff! Dachte er sich, als er die prekäre Stelle durchfahren hatte. Alles Ok, nur ein leichtes übersteuern war bemerkbar gewesen, das konnte er aber mit gezielten Zickzack Lenkbewegungen ausgleichen.


Der Rest der Strecke, war dann eher unproblematisch gewesen, auf dem übrigen Streckenabschnitt, lief der Wagen wie ein Wiesel. Er raste an der schwarzweiß karierten Zielflagge vorbei, wurde dann abgewunken und bremste dann den Wagen gefühlvoll im Zielraum ab, stellte sich brav in die Reihe der bereits angekommenen Wagen. Eigenartigerweise war er jetzt innerlich ganz ruhig, er merkte nur, dass seine linke Hand, von ihm völlig ungewollt etwas zuckte.


Er fingerte am Gurtschloss herum, um die straffen Gurte zu lösen, fand sich aber auf Anhieb nicht so zurecht damit. In diesem Moment, sah er plötzlich Oberholzner mit einer Stoppuhr in der Hand, neben seinem Seitenfenster stehen. Oberholzner öffnete die Fahrertür und half ihm beim Entgurten, dabei sagte er, mit zufriedenem Lächeln,

»Wirklich toll, Alex, du bist ja nur drei hundertstel hinter, dem schnellsten in deiner Klasse, für den Anfang schon ganz gut, mach weiter so!« Wie auf Kommando drehte er sich blitzschnell um und drückte die Stoppuhr, als der nächste Wagen über die Ziellinie raste.


Zufrieden meinte er dann,

»Der, ist kein Problem, viel zu langsam, 15 Sekunden Rückstand! Das holt er nirgends auf! Keine Gefahr für uns!«

Alex spürte nun den Drang, sich zu bewegen, er fühlte sich auf einmal ganz verspannt. Oberholzner bemerkte es irgendwie an seinen Bewegungen und gab den Rat, im Zielraum auf und abzugehen und dabei die Arme leicht auszuschütteln,

»Du hast jetzt gut 20 Minuten Zeit, dann müssen wieder alle runter, zum zweiten Trainingslauf», sprach er fürsorglich.


Alex hielt das für einen guten Rat und ging entlang der abgestellten Wagen, dort standen einige Fahrer zusammen, die einen rauchten, andere unterhielten sich miteinander. Alex hatte im Moment überhaupt kein Bedürfnis auf eine Unterhaltung, er ging an den Fahrern vorbei. Einige wollten ihn ansprechen, er hörte nur Wortfetzen im Vorbeigehen – neu hier? Dich kenne ich ja noch nicht! Er war innerlich zu sehr mit sich beschäftigt, sein Nervensystem im Zaum zu halten und reagierte einfach nicht darauf.


Etwas später, er hatte gerade den zweiten Trainingslauf hinter sich gebracht, wobei er in der bewussten Doppelkurve, beinahe doch ins weiche Bankett abgedriftet war. Mit Mühe und Not gelang es ihm doch noch zu korrigieren, bevor sich die Reifen in die weiche Erde eingraben konnten. Nach einer Schrecksekunde, spürte er, wie sein Körper stärker durchblutet wurde. Scheiße, dachte er sich, diese verflixte Kurve hat es aber in sich, gehst du zu hart rein, fliegst du sicher raus. Gehst du zu weich ran, bist du viel zu langsam und verlierst alle Chancen.


Verlorene Zeit, dann auf den geraden Streckenstücken aufzuholen, dafür fehlen dir einfach doch die PS! Eindeutig erkannte er jetzt, dass ihm auch die Erfahrung fehlte, den Wagen so richtig am Limit zu bewegen. Im Zielraum nach dem Durchgang, überlegte er sich, wie er es am besten beim eigentlichen Rennen angehen könnte, um mit einer halbwegs guten Zeit und vor allem knitterfrei durchzukommen. Er entschied sich, kein unnötiges Risiko einzugehen, mit einem Ergebnis unter den ersten fünf wäre er ja schon sehr zufrieden. Zumal in seiner Klasse elf Wagen am Start waren.


Gegen 11 Uhr war dann das Training beendet, alle Wagen versammelten sich wieder im Fahrerlager. Dort wurde Alex zur technischen Abnahme eingewiesen. Der technische Kommissar der FIA, (Obersten Sportkommission) ein älterer Herr, fand am Lotus nichts auszusetzen und gab sein OK. Alex musste danach den Parc Fermé aufsuchen und den Wagen dort abstellen. Von dort begab er sich dann zum Zelt des ASC, das Oberholzner vorsorglich hatte aufstellen lassen. Das war auch gut so, denn es begann zu regnen, zwar leicht, doch immerhin genug, um die Laune ganz allgemein zu trüben.


Alex fühlte sich immer noch nicht ganz auf der Höhe, die fast schlaflose Nacht, lag ihm doch schwer in den Knochen. Die Nervosität war zwar einigermaßen gewichen, wurde aber jetzt von bleierner Müdigkeit überschattet. Alex spürte, dass seine Konstitution nicht gerade dazu geeignet war, aus ihm einen strahlenden Sieger hervor bringen zu lassen. Trotzdem riss er sich zusammen, schon auch deswegen, da er jetzt von allen Seiten ins Visier genommen wurde.


Er war ja ganz neu im Feld. Wurde daher von vielen Leuten interessiert beäugt, ganz besonders von einer jungen hübschen Fotografin, die anscheinend im Fahrerlager auf interessante Schnappschüsse lauerte, wie er sah. Am Zelt traf er dann Oberholzner, der ihm gerade entgegenkam,

»Alex! Gute Nachrichten für dich, der Favorit in deiner Klasse hatte beim zweiten Lauf arge Getriebeprobleme. Es ist äußerst fraglich, ob er überhaupt um 14 Uhr an den Start kann. Wenn nicht, dann werden deine Chancen gleich um vieles höher. Der Rest des Feldes, ist ja fast alles nur durchschnitt! Ich rate dir, auf 'ankommen' zu fahren, du brauchst nicht wesentlich schneller zu sein wie beim Training, das reicht ganz sicher für einen guten Platz!«.


Alex vernahm die Information mit etwas Skepsis, er vermutete, dass besagtes Team auch über Mechaniker verfügte, die sich wegen einem defekten Getriebe nicht so schnell geschlagen geben würden.

Die noch gut verbleibende Stunde bis zum Start, könnte ja doch ohne weiteres ausreichen, das Getriebe zu wechseln, vermutete er und hoffte inständig, dass es dort keinen Paul gab. Er ging zu Renate, die bekannt, ja geradezu berüchtigt für 'ihren Kaffee' war, der sogar Tote wieder auferstehen ließ. Alex bat sie daher um eine große Tasse ihres 'Rattengiftes', in der Hoffnung, die bleierne Müdigkeit wenigstens für eine Weile unterdrücken zu können.


Renate erkannte sein Problem sofort und machte sich gleich ans Werk. Während er auf den Kaffee wartete, hörte er vor dem Zelt Pauls Stimme. Der gerade wieder einmal fürchterlich fluchte, als untrügliches Zeichen dafür, dass er schwer beschäftigt war. Alex ging nach draußen, um ihn zu begrüßen, Paul war gerade damit beschäftigt, bei einem Puch 650 TR, eines Team-fahrers, den im Lüftergehäuse verkeilten Riemen des Ventilators, im wahrsten Sinne des Wortes herauszureißen. Dabei zischte er den verstört dreinblickenden Fahrer des Gefährts an,

»Ich habe dir doch schon so oft gesagt, dass es nicht genügt den Riemen einfach nur zu lockern, ganz herausnehmen, heißt die Devise! Wenn du schon für die kurze Zeit des Rennens die Kühlung ausschalten willst, dann aber richtig! Verstanden?«


Nachdem Paul es einfach nicht gelang, den verkeilten Riemen von Hand aus dem Gehäuse zu entfernen, nahm er kurzerhand eine Übersetzungszange und zerschnitt den Riemen in kleine Stücke, die er dann dem Fahrer vor die Füße warf, und rief ihm zufrieden zu,

»So! Da hast du den Mist! Jetzt läuft die Karre ohne Kühlgebläse, das bringt zwar ein paar PS mehr, aber Pass auf, wegen möglicher Überhitzung!«. Alex sah Paul amüsiert zu, es war wie in alten Zeiten in der Werkstatt, es fehlte ihm eigentlich nur der Zahnstocher vom Dienst. Während Paul behände den Gehäusedeckel des Lüfters zuschraubte, meinte er zu Alex, »Was macht denn eigentlich Deine Benzinpumpe?«

»Kein Problem, ich habe nichts bemerkt, scheint ja doch ordentlich zu funktionieren!«, antwortete Alex ruhig.


Paul hatte seine Arbeit beendet, wischte sich die verschmierten Hände an einem Putzlappen ab und sagte, »Gehen wir hinein, etwas trinken, ich brauche jetzt dringend ein gutes kühles Bier!«

Sie betraten das Zelt, Paul beruhigte sich dann gleich mit einem Bier, Alex schlürfte endlich in kleinen Zügen den heißen Kaffee, der seine Lebensgeister wieder in Schwung bringen sollte.


Um 14 Uhr dann, das Rennen wurde pünktlich trotz Regen gestartet. Die kleineren Hubraumklassen wurden wie immer, als Erstes losgelassen. In der Klasse bis 1.000 ccm, gab es dann den ersten unvermeidlichen Unfall. Der Fahrer eines Abarth, wollte es in einer Kurve ganz genau wissen und übersteuerte den Wagen derart. Sein Vorderrad grub sich in die linke Seite des Banketts ein, der Wagen prallte an eine Steilwand und überschlug sich.


Das Rennen wurde daraufhin natürlich unterbrochen. Der Sprecher kommentierte den Vorfall über die Platzlautsprecher, er war ja mit der Rennleitung per Funk in Kontakt und konnte daher alles genau berichten. Wie er sagte, hatten sich die Fahrbahnverhältnisse durch den Regen stark verschlechtert. Es war ja äußerst rutschig geworden, der Reifenabrieb, vermischt mit zahlreichen Ölflecken, bildete in den Kurven einen gefährlichen Film, der, durch das Regenwasser unberechenbar wurde. Da, die Ölflecken jetzt auch mit den Pfützen auf der Strecke mitwanderten.

Feuerwehr und Streckenposten, waren zwar sehr bemüht, mit Bindemitteln an den gefährlichen Stellen einzugreifen.


Daher wäre aber äußerste Vorsicht geboten, weil immer woanders Ölflecken auftauchen, so der Platzsprecher. Alex hörte über die Lautsprecher alles mit. Trotz, Motorengetöse, war für ihn im Wagen alles gut wahrnehmbar, den Helm wollte er sich nun erst kurz vor dem Start aufsetzen, um bis dahin, den Anschluss an die Außenwelt akustisch nicht zu verlieren. Ungefähr nach 15 Minuten wurde die Strecke dann wieder freigegeben, das Rennen konnte weiter gehen.

Alex saß im Lotus und wartete auf seinen Start.


Mittlerweile war der Regen stärker. Es standen nur mehr wenige Wagen vor ihm. Als er die Fotografin wieder erblickte, sie winkte ihm lächelnd zu. Hob ihre Kamera, die mit einem Ofenrohr anmutendem Teleobjektiv bestückt war und schoss anscheinend ein Foto von ihm. Alex war verblüfft in dieser Situation, rechnete er überhaupt nicht damit. Hoffentlich habe ich nicht gerade ein schwachsinniges Gesicht gemacht, als sie abdrückte, dachte er sich. Schließlich wollte er der armen nassen Maus, das Bild ja nicht verderben. Irgendwie ist sie schon ein süßes Wesen, durchzuckte es ihn, als er dann noch einmal zu ihr rüber blickte.


Sie war eher klein und zierlich. Behangen mit einer Unzahl von Kameras und trug eine Ärmellose Weste mit vielen kleinen Taschen, wo sie anscheinend die ganze Ausrüstung verstaut hatte. Ihre langen brünetten Haare quollen unter einer dicken Wollmütze hervor. Die Jeans war klitschnass und er sah, wie das Regenwasser über ihre Schnürschuhe lief. Sie hantierte mit ihren behandschuhten Händen an ihrer Kamera herum, wobei er sah, dass die Finger der Handschuhe abgeschnitten waren. Sie machte auf ihn den Eindruck, einer Kriegsberichterstatterin, die er einmal in einem Film sah. Na ja, irgendwie ist das ja auch ein Krieg hier, durchfuhr es ihn. Der Kampf Mann gegen Mann und gegen die unerbittliche Uhr, die jede Schwäche oder jedes Fehlverhalten unbarmherzig aufzeigt. Das Ergebnis unerschütterlich und brutal in Zehntel ja hundertstel Sekunden misst und wahrhaftig werden lässt. Die Zeitnehmung, mit allen Daten versorgt und so aufzeigt, wer das Gefecht verliert.


Alex noch ganz in Gedanken versunken, wobei ihm diese aber keineswegs unangenehm waren, denn die lenkten ihn so schön ab. Er sah dann die Starterfahne, wieder vor seiner Windschutzscheibe. Inzwischen war er immer nachgerückt, wenn ein Wagen vor ihm gestartet war, alles ging irgendwie schon vollautomatisch ab. Der Starter riss die Fahne hoch, Alex ließ die Kupplung kommen und gab ordentlich Gas, der Wagen schlingerte, als er den Druck des Sitzes verspürte, Scheiße! Dachte er, jetzt drehen die Räder aber durch und wie! Das kostet jetzt hier unten schon kostbare Zeit.


Es gelang ihm, aber rasch den Schlupf unter Kontrolle zu bringen und wieder an Geschwindigkeit zu gewinnen. Der Drehzahlmesser stand schon voll im roten Bereich, als er die bewusste Kurvenkombination erreichte. Er spürte den Druck des Sitzes, auf seiner linken Körperseite, danach auf der rechten, als er durch die Kurven raste. Ja! Ganz gut gegangen, dachte er sich, als er dieses Streckenstück gemeistert hatte und sah, dass die Drehzahl des Motors konstant oben geblieben war, er war mit sich doch zufrieden. Denn diese Schlüsselstelle flößte ihm schon Respekt ein. Der Rest der Strecke war dann ohne Probleme durchfahren, er sah die schwarz-weiß karierte Zielflagge, wurde abgewunken und stellte den Wagen im Zielraum ab. In den Gesichtern, der schon im Ziel angekommen Kontrahenten seiner Klasse, glaubte er, eine gewisse Bewunderung zu erkennen.


Man konnte ja die Fahrzeiten über Lautsprecher mithören, so wusste man welcher Wagen, auf welchem Rang lag. Er gesellte sich aber zu keiner Gruppe, da er keine Lust auf eine Unterhaltung verspürte. So blieb er am Wagen stehen, seine Hand zuckte wieder. Er wusste nicht warum, so sehr er sich bemühte sie ruhig zu halten, es gelang ihm einfach nicht. Dieses Zucken war unangenehm, unkontrollierbar. Nachdem der letzte Wagen dann auch im Ziel angekommen war, wurde der Pulk vom Rennleiter wieder talwärts geführt. Die Fahrzeuge wurden dann zum zweiten Lauf wieder neu an der Startlinie aufgereiht und starteten dann wieder im 3 Minuten Takt.


Oberholzner kam plötzlich an die Seite des Lotus und rief Alex durch den Motorenlärm zu,

»Alex! Super! du bist momentan in deiner Gruppe auf Platz 2! Pass bloß auf, verhau den zweiten Durchgang nicht! Okay?«

So plötzlich wie er gekommen war, entschwand er wieder in der Zuschauermenge. Platz 2! Alex war total perplex, mit dem hatte er ja überhaupt nicht gerechnet – läuft ja besser, als ich dachte, ja erträumte – er glaubte sich auf Platz fünf oder weiter hinten. Insgesamt waren elf Wagen in seiner Klasse am Start. Mit dem Favoriten, der natürlich ein neues Getriebe montiert hatte, wie Alex von Paul erfuhr, der ihm diese Information noch vor dem Start gab.


Er war gerade wieder gestartet und absolvierte jetzt den zweiten Durchgang, näherte sich in hohem Tempo, der Kurvenkombination, vor der er ziemlich Spundus hatte. Er kam gerade aus der Linkskurve und wollte die Rechtskurve ansteuern und hielt sich ziemlich weit links außen, um dann im Kurvenscheitel äußerst rechts, fast am Bankett durchzufahren. Er hatte die Ideallinie gefunden, sein Gehirn und seine Augen arbeiteten wie Sensoren. Jeder Zentimeter war kostbar, nur nichts verschenken, sagte er sich.


Gerade in diesem Augenblick sah er plötzlich die Gestalt am linken Rand der Strecke, die stand etwas überhöht in der Wiese am Hang, in einer verdrehten unnatürlichen Haltung, vornübergebeugt. Als er ziemlich Nahe kam, sah er, wie die Gestalt plötzlich ausrutschte und den Hang herunter kollerte. Alex bekam die berühmte Schrecksekunde, Adrenalin schoss ihm ins Blut, er bremste mit dem linken Fuß, ohne mit dem rechten vom Gas zu gehen. Intuitiv und wie in Trance, gelang es ihm, dem jäh aufgetauchten Hindernis, mit einer seichten Lenkbewegung auszuweichen und somit einen Anprall zu verhindern.


Als er die am Boden liegende Gestalt passierte, erkannte er die Fotomaus, wie sie, mit angsterfülltem Blick, hilflos dreinschaute und ängstlich ihre Beine anzog. Die ganze Situation dauerte ja nur Sekundenbruchteile. Alex war unfähig, irgendetwas zu denken, sein Pulsschlag dröhnte ihm bis in den Helm, als würde jemand anklopfen. Es gelang ihm, mehr schlecht als recht, irgendwie doch noch durch die Kurve zu kommen. Der Wagen kam, in eine gefährliche Driftsituation, dennoch blieb er auf der Strecke. Zum Glück hatte er ja keinen Drehzahlverlust, da er keine Vollbremsung vollführte und auch nicht vom Gas gegangen war.


Als er das Bremspedal wieder losließ, zog das Fahrzeug wieder kraftvoll aus der Kurve. Erst im Zielraum, erfasste ihn die Wut und er begriff erst hier, die Gefährlichkeit der Situation, die er gerade durchlebt hatte. Dass dieses Ausweichmanöver kostbare Zeit kostete, war ihm natürlich vollkommen bewusst und auch ganz klar. Rang zwei! Kannst du jetzt wohl vergessen! Dachte er sich. Warum muss diese, Schnappschuss geile Maus, auch ausgerechnet an dieser prekären Stelle sich aufhalten und mit ihren verdammten Galoschen, in der nassen Wiese herum rutschen.


Man sollte ihr ja den Hintern versohlen, sich und andere, in solche unnötige Gefahr zu bringen, wozu hat sie eigentlich Teleobjektive? Verdammt noch mal! Sein erhöhter Puls normalisierte sich dann wieder, die Wut legte sich aber erst nach einiger Zeit. Er sagte sich, zum Glück ist ja nichts passiert. 'Ihr' nichts passiert, wäre doch schade um sie. Er wunderte sich plötzlich über sich, dass ihm das jetzt auf einmal wichtig war.


Der Pulk der Rennfahrzeuge fuhr dann wieder zum Fahrerlager talwärts. Dort wollte natürlich jeder Fahrer sein Zeitergebnis wissen. Zu diesem Zweck hatte die Zeitnehmung eine Liste ausgehängt, wo die einzelnen Zeiten, der Durchgänge und das Gesamtergebnis, mit der erreichten Platzierung angegeben war. Alex erhaschte im Gedränge einen Blick, in seiner Klasse stand sein Name auf Rang drei. Von den 11 gestarteten Wagen waren während des Rennens zwei ausgefallen.


So gesehen war er zufrieden, denn er lag bei seinem aller ersten Rennen zumindest in der Wertung und hatte außerdem Anspruch auf einen Pokal und sogar Preisgeld. Es erfüllte ihn schon mit einem gewissen Stolz und er freute sich, trotz der widrigen Umstände, wie gesundheitlich und nervlich nicht auf der Höhe und diesem verdorbenem 2. Lauf, dieses doch ganz gute Ergebnis erzielt zu haben.


Nicht auszudenken was noch alles drin gewesen wäre, bei professioneller Vorbereitung und Durchführung, dachte er sich, rückblickend. So kam er mit den ersten Erfahrungen, einen mittleren Pokal und um 3.000, -- Preisgeld reicher, nach Hause zurück. Zudem war er übermüdet und schlief sich erst einmal richtig aus. Denn am nächsten Tag, musste er ja wieder ganz fit seine Arbeit antreten.


17. Kapitel


Am nächsten Tag, war er dann wieder an der Arbeitsstelle. Die Wagen waren ja schon Sonntag abends vom Transportunternehmen abgeliefert worden. Die zuständigen Leute machte sich daran, die Fahrzeuge für das nächste Rennen, das zum nächsten Wochenende stattfinden würde, vorzubereiten.


Paul kam bei ihm vorbei und sagte ihm, er würde in den nächsten Tagen die elektrische Benzinpumpe einbauen. Sicher ist sicher, meinte er. Außerdem gratulierte er ihm zum erreichten 3. Platz, es hätte ihn schon sehr beeindruckt, dass er gleich bei seinem Debüt überhaupt in der Wertung war, das hätten ja bisher nicht viele Anfänger geschafft. Alex freute sich darüber, er merkte auch, dass er bei Paul scheinbar irgendwie in, dessen Achtung gestiegen war.


Oberholzner kam ebenfalls vorbei und lud Alex zur Klubsitzung ein, mit einer anschließenden Siegerehrung. Er würde auch gerne mit ihm so einiges besprechen. Alex sagte ihm zu, er wollte sich ja schon alleine wegen des guten Verhältnisses das alle bei Baumann verband, nicht ausschließen. Bei der Vereinssitzung hielt Oberholzner, dann über die weiteren Ziele vom ASC eine kurze Rede. Verteilte anschließend die Klubpreisgelder an die Mitglieder, die in verschiedenen Klassen Preise gemacht hatten. Immerhin wurde für den 3. Platz noch stolze 2.000, -- ausbezahlt.


Alex bekam nichts, denn er war ja kein Klubmitglied. Schade dachte er sich, das Geld hätte meiner Kriegskasse ausgesprochen gutgetan. Oberholzner erwähnte noch, dass einige Firmen aus der Autozubehörbranche auch an einem Sponsoring interessiert wären. Er wäre mit ihnen auch schon in Verhandlungen. Es wäre jetzt erstmals, dass sich der Klub quasi die Sponsoren aussuchen könnte. Dies würde bei selektiver entsprechender Vorgehensweise, weitere gute Möglichkeiten für die Mitglieder bedeuten und sich auch auf die Höhe der zukünftigen Preisgelder deutlich positiv auswirken können.


Alex begriff sofort, dass ihm eine Mitgliedschaft eigentlich nur Vorteile bringen würde und nahm Oberholzners Angebot an, dem ASC sofort als Vollmitglied beizutreten. Ihm schienen zwar im Moment 1.500, – Mitgliedsbeitrag für die Saison relativ hoch, aber die würden sich letztendlich rentieren, im Zuge der sonst für ihn nicht zugänglichen Klubvorteile. Alex war ja ein kühler Rechner, er begriff die Situation, noch wäre es ja möglich, so sagte er sich, zu einem vernünftigen Beitrag einzusteigen. Wenn erst der ASC, bei dem Tempo das Oberholzner als Obmann vorlegte, stark und mächtig sein würde, sich sozusagen die Sponsorenverträge aussuchen kann.


Dann wäre es auch nicht mehr weit davon entfernt, sich auch die zukünftigen Mitglieder auswählen zu können. So hielt er, den Zeitpunkt jetzt auch für günstig einzusteigen, ohne wenn, und aber.


Mit den einzelnen Klubmitgliedern verband ihn ja schon, seit dem er bei Baumann war, ein gutes Verhältnis. Jetzt war er einer der ihren geworden und stieg im Ansehen, zumal Oberholzner noch voller Stolz verkündete, ihn als hoffnungsvollen Newcomer geworben zu haben. Er hätte ihn beim Rennen genau beobachten können und dabei den Eindruck gewonnen, dass er bei gutem Wind eine steile Rennkarriere machen könnte. Der Clubabend verlief dann noch in guter Atmosphäre, es wurde noch viel gefeiert und getrunken, Alex begnügte sich aber, mit seinen Gratulanten nur mit Orangensaft anzustoßen.

Einige Tage später erhielt Alex dann einen Brief, es war ein dickes Kuvert, ohne Absenderangabe. Neugierig öffnete er, zum Vorschein kamen Fotos, die ihn beim Rennen, in voller Aktion zeigten. Die Aufnahmen waren gestochen scharf und professionell, aus verschiedensten Perspektiven aufgenommen. Es war auch eine Visitenkarte beigelegt, worauf zusätzlich mit Handschrift stand: Entschuldigung! Und nochmals vielen Dank, für Ihre hervorragende Reaktion! Liebe Grüße Sybille! Alex war erfreut, so hieß also die Fotomaus, sagte er sich. Freute sich auch, dass sie nicht so ohne Weiteres über den Vorfall hinweg ging, als wäre er die natürlichste Sache der Welt gewesen.


Auf der Kartenrückseite stand gedruckt:

Sybille Schmidt, Rennsportredaktion – dann der Name des Verlages, der ein monatliches Hochglanz Motorsportmagazin herausgibt, wie er wusste. Dazu Telefon Nummern und Telex usw. Sitz des Unternehmens, Wien. Ach so ist das, dachte er sich, die Kleine ist dort angestellt, warum macht sie dann die Fotos selbst? Ursprünglich vermutete er, sie gehöre einfach zur Gilde der freien Sensationsfotografen, die ihre Bilder an Zeitungen und an die Fahrer verkauften oder dies zumindest versuchten. Na ja, was soll's, dachte er sich, bei Gelegenheit rufe ich sie einmal an und bedanke mich für die Aufnahmen, damit ließ er es erst einmal bewenden.


Alex war jetzt durch seinen ersten Erfolg, vollkommen beseelt vom Gedanken, nun im Bergrennsport Fuß zu fassen, ja, schon besessen vom Gedanken. Er wusste aber auch, er müsste so viele Rennen wie möglich bestreiten, um Routine und Erfahrungen zu sammeln. Also, müsste er so viel Geld wie möglich verdienen, um das Vorhaben zu finanzieren und somit auch realisieren zu können.


So arbeitete er bei Baumann wie ein Berserker, trieb seine Leute an, ohne sie dabei jedoch zu schinden. Der Tagesablauf wurde straff organisiert, damit so viele Wagen wie möglich durchgeschleust werden konnten. Das Geschäft lief ausgezeichnet und die Kasse für alle Beteiligten stimmte. Zudem war es Alex nach längeren Verhandlungen gelungen, einen großen Gebrauchtwagenhändler als Kunde zu gewinnen, der ab nun, seine gesamten Gebrauchtwagen bei Baumann zum Wiederverkauf aufbereiten ließ. Baumann überlegte deshalb schon für die Service- Abteilung Personal aufzustocken. Die Auslastung würde es jetzt auch zulassen, ja sogar bald erforderlich machen.

An einem späten Nachmittag vernahm Alex, plötzlich den Klang einer Sportauspuffanlage, der ihm vertraut schien. Er ging vor die Halle und sah Susi, wie sie ihren Wagen vor der Werkstatt parkte und hinein ging. Er fühlte, wie sich bei ihrem Anblick sein Puls erhöhte, dennoch bekam er gleichzeitig ein flaues Gefühl in der Magengrube, sogar irgendwie eine Beklemmung, die in einem schlechten Gewissen mündete. Schließlich hatte er sie ja nicht in seine Pläne eingeweiht, ja er hatte sie in letzter Zeit sogar regelrecht gemieden.


Er wollte ja keine unnötigen Diskussionen und war sich auch total unsicher, ob sie überhaupt Verständnis für sein Vorhaben aufbringen könnte. Andererseits hatte er ja für sich Entscheidungen getroffen und es lag ihm, völlig fern sich irgendwie davon abbringen zu lassen. In letzter Zeit fragte er sich schon öfters, wie, wird sie bei einer neuen Zusammenkunft überhaupt reagieren.


Er vermutete doch, dass sie sich wahrscheinlich in keiner Weise erfreut zeigen würde. Es war anscheinend doch keine gute Idee gewesen, sie einfach so zu übergehen. Einerseits täte es ihm schon leid, wenn ihre Beziehung deswegen ins wanken käme oder sogar beendet würde. Auf der anderen Seite, sagte ihm sein Gefühl, dass ihre Verbindung zwar von gegenseitiger Liebe und Zuneigung getragen ist, aber nicht unbedingt von starken ausgeprägten Gefühlen der unbedingten Zusammengehörigkeit.


So wie sich ihre Beziehung bisher entwickelt hatte, war sie zwar für beide Seiten schön, auch aufregend, dennoch hatten Sie bisher, nie miteinander über eine gemeinsame Zukunft gesprochen. Susi war ihm bisher immer ein Rätsel geblieben, sie sprach ganz wenig über ihre Vergangenheit, ebenso wenig über die Zukunft. Immer, wenn er versuchte sie in diesen Richtungen auszufragen, wich sie stets geschickt aus und wechselte schnell das Thema. Meistens in eine Richtung, die ihm gar nicht unangenehm war, sie verführte ihn immer regelrecht. Auf dieser Ebene waren Sie, stark aneinandergebunden und das kosteten Sie auch weidlich aus. Wenn aus Gründen wie immer, so dachte er sich, diese Harmonie andauern könnte, wäre es ihm ja äußerst angenehm.


So beschloss er, jetzt kurzerhand zu Paul in die Werkstatt rüber zu gehen, damit wäre eine Zusammenkunft mit ihr gesichert und er könnte ihre Reaktion testen. Er nahm sein Herz in die Hand und betrat die Werkstatt. Susi stand gerade bei Paul und sprach mit ihm. Als er eintrat, leuchteten ihre Augen zwar kurz auf, wie er sah, dennoch war sie bei der Begrüßung formell und etwas kühl. Sie reichte Paul die Wagenschlüssel und sagte dann zu Alex,

»Gut dass ich dich treffe, kannst du, mich bitte nachher in die Stadt fahren, ich muss den Wagen nämlich zur Reparatur hier lassen.«

»Okay, kein Problem, wann? Willst du denn fahren?«


»Ich muss jetzt noch schnell auf einen Sprung zu Baumann rüber, ich komme dann zu dir, gut?«

Sie gab Paul die Hand und verließ die Werkstatt.

Paul räusperte sich, er wandte sich an Alex,

»Entschuldige, aber ich muss jetzt weiter machen, denn diese Karre muss heute noch fertig werden», und deutete auf einen Opel Senator.»Lass dich bitte nicht aufhalten, ich wollte ja ohnehin nur einen Kanister Wachs holen!», Alex nahm sich einen Kanister aus einem Regal, »Servus Paul, bis morgen dann!«


Während er wieder zur Waschhalle zurückging, dachte er sich, ich habe mich doch nicht getäuscht, anscheinend wird es doch Probleme geben. Die durchaus kühle Begrüßung, die sie ihm zuteilwerden ließ, verstärkte diesen Verdacht noch. Sie hatte ihn zwar im Beisein dritter eigentlich nie anders behandelt. Doch der Ausdruck ihres Gesichtes sprach schon eine eigene Sprache. Es dauerte nicht lange, da erschien sie in der Halle, sie kam auf ihn zu, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Alex sehr verwundert, erwiderte die Zärtlichkeit, die er so gar nicht erwartete.


Susi fragte ihn,

»Kannst du jetzt weg? Können wir fahren?«

»Na klar, ich bin ohnehin für heute fertig!«

Sie bestiegen den Mini und fuhren los.

»Wohin willst du eigentlich?«, wollte er wissen und spürte den Duft ihres Parfüms, es war genau jener Duft, den er an ihr so liebte, der auch sehr schöne Erinnerungen in ihm wach rief.


»Ich muss zum Passamt, bringst du mich hin?«

»Was tust du denn beim Passamt?», er war jetzt neugierig.

»Mein Pass ist nämlich abgelaufen, ich muss ihn verlängern lassen, für eine Amerika Reise!«

»Du verreist nach Amerika?«

»Ja, ich muss«, erwiderte sie etwas kühl.


»Davon hast du bis jetzt aber nichts gesagt!«, er begann sich etwas über ihr geheimnisvolles Gehabe zu ärgern.

»Warum sollte ich? Du sagst mir ja auch nicht immer alles!«

Au Backe! Dachte sich Alex, wenn es so weitergeht, kriege ich am Schluss noch ein Eigentor, er entschied sich, das Thema nicht zu vertiefen und schwieg. Nach einiger Zeit sagte sie,

»Du willst ja gar nicht wissen was ich in Amerika mache!«, sie blickte ihn etwas lauernd an.


»Ich will dich ja nicht ausfragen, wenn du mir etwas sagen willst, wirst du es ohnehin tun, oder nicht?«, erwiderte er scheinbar teilnahmslos.

»Ich werde es dir sagen, obwohl du mich ja in deine Vorhaben nicht immer einweihst!«, ihr Blick war jetzt noch lauernder. Er tat so, als würde er es nicht bemerken, und sah stur auf die Fahrbahn.

»Ich muss nämlich nach Amerika. Weil mein Onkel vor drei Monaten gestorben ist und mir alle seine Besitztümer vermacht hat, wie der Rechtsanwalt schrieb, wenn du willst, kannst du ja mitkommen!«


Er räusperte sich,

»Ich würde ja schon gerne mit dir hinfliegen, aber ich kann hier nicht weg.«

»Ich weiß, Renate hat mir ja erzählt, dass du für alle noch ausstehenden Rennen bis zum Saison Ende eine Nennung abgegeben hast!«, sie klang jetzt wieder einigermaßen normal.

»Wie lange wirst du denn weg sein?«, fragte er und wurde ganz neugierig.

»Ich schätze, so drei bis vier Wochen, vielleicht auch länger, hängt ja von den Formalitäten ab, ich kann das im Moment nicht so genau abschätzen.«

»Und wann fliegst du?«

»Nächsten Sonntag, ich werde dann an dich denken und dir beim Rennen die Daumen drücken!«

Sie kamen in der Stadtmitte an, Susi kramte in ihrer Handtasche und holte einige Papiere hervor,

»Wir sind da, dort ist das Passamt, ich springe mal eben schnell rein, wartest du auf mich?«

»Ja sicher, ich parke inzwischen da drüben.«

Sie stieg aus und schritt zum Gebäude, in dem sich das Passamt befand. Alex parkte den Wagen, öffnete das Seitenfenster und machte sich auf eine längere Wartezeit gefasst. Während er so im Wagen saß, dachte er sich, puh! Ist ja noch relativ gut gegangen. Sie ist zwar etwas kühl, vermutlich doch verärgert. Ich Idiot! Ich hätte es ihr doch sagen müssen, so hat sie es jetzt aus zweiter Hand. Diese Renate! Kann ihren losen Mund auch nicht halten! Ja, was soll's, irgendwie werde ich die Sache schon wieder bügeln.


Susi kam zurück und strahlte über das ganze Gesicht,

»So, Alex! Fertig, der Fall ist erledigt! Ist doch prima, wenn man gute Beziehungen hat!«, Stolz zeigte sie den Pass mit dem Verlängerungsvermerk und stieg wieder ein. Alex sah sie an, er lächelte, merkte, wie sie zufrieden aussah. Ihre roten Haare, die sie jetzt offen trug, glänzten und ihre Augen funkelten unternehmungslustig. Er strich ihr übers Haar, sie blickte ihn doch etwas erstaunt an.


»Weißt Susi, ich habe ja jetzt ein ziemlich ungutes Gefühl dir gegenüber«, sagte er zärtlich, am liebsten hätte er sie jetzt ganz fest an sich gedrückt.

»Das kann ich mir schon vorstellen, Alex, aber schau! Du brauchst dir doch nichts vorzuwerfen!«, erwiderte sie ebenfalls im zärtlich klingenden Tonfall.

»Wie meinst du das jetzt?«

»Schließlich bist du doch nicht mein Eigentum! Kannst doch machen, was du für richtig hältst! Und alles was du willst! Ich muss und werde das auch respektieren, darüber hinaus, ist es doch schön, wenn wir beide ab und zu das tun, was wir beide wollen!«, sie drückte ihm, einen leichten zarten Kuss auf die Wange, kuschelte sich an, was in der Enge des kleinen Gefährts ja nicht sonderlich schwerfiel.


»Schau, ich habe nicht das Recht dir für dein Leben irgendwelche Vorhaltungen zu machen. Du hast Entscheidungen getroffen und es ist doch gut, wenn du zu deinen Entscheidungen stehst!«, während sie sprach, streichelte sie seinen muskulösen Arm, sie fügte noch hinzu, »Aber, ich hätte mich ja schon sehr darüber gefreut, wenn du es mir persönlich gesagt hättest!«

»Ich weiß und sehe ja ein, es war schon blöd von mir, dich nicht einzuweihen, aber...«, weiter kam er aber nicht, sie küsste ihn anfangs zart, in der Folge sehr fordernd.


»Alex lassen wir das Thema. Nun weiß ich ja, dass es dir leidtut, das genügt mir!«, sie nahm seinen Kopf in beide Hände und blickte ihm dabei tief in die Augen,

»Schau, ich hatte einen Verlobten, der fuhr auch Rennen. Wir wollten sogar bald Heiraten. Jetzt besuche ich öfters sein Grab. Ich möchte das nicht noch einmal erleben müssen. Kannst du das verstehen?«

Alex schluckte, sein Adamsapfel rutschte rauf und runter, »Ich kann’s verstehen, ganz sicher!«


»Mag ja sein, dass du mich für egoistisch hältst, aber verstehe, ich möchte nicht auch noch an Deinem Grab stehen müssen. Ich könnte es nicht mehr verkraften!«, sie sah ihn mit sehr traurigem Blick an, sprach dann weiter, »Nun gut, Schwamm darüber, ich muss mich eben damit abfinden. Dass du den Weg gehen willst, ich werde ihn mitgehen, wenn du es auch willst. Ich werde dir sogar dabei helfen, so gut ich eben kann!«, sie drückte sich an ihn,

»Alex, versprich mir bitte eines! Sei in Zukunft immer ehrlich und fair zu mir! Versprochen? Großes Rennfahrerehrenwort?«, sie blickte ihn mit ihren großen grünen fragenden Augen an.


»Versprochen!«, Alex schluckte wieder, er fühlte sich irgendwie beschämt. Sie lächelte und sah ihn dann mit unternehmungslustigem Blick an,

»Was machen wir denn jetzt eigentlich mit dem angebrochenen Abend?«, sie strich ihm zärtlich über das Haar.

»Schlag etwas vor! Schließlich hast du doch ein sehr großes Guthaben bei mir!«, antwortete er lächelnd.

»Gut! Also, Vorschlag: Wir fahren jetzt zu mir, ich mache uns dann ein gutes Abendessen. Wir trinken etwas Wein dazu, machen es uns dann sehr gemütlich, Kerzenlicht und so! Vielleicht bin ich, dann auch in der richtigen Stimmung, etwas vom Guthaben in Anspruch zu nehmen, was meinst du?«


Er startete den Wagen und fuhr wortlos los, in Richtung ihres Hauses. Parkte dann den Wagen vor dem Hauseingang. Sie gingen ins Wohnzimmer. Susi stellte das Radio an, fand auch gleich einen Sender mit dezenter Tanzmusik,

»Du kannst es dir inzwischen hier gemütlich machen!«, sie deutete auf die großzügige Sitzgruppe, gleich beim offenen Kamin. Er nahm dort Platz.

»Ich gehe jetzt mal in die Küche und bereite schnell alles vor, Ok?«


Auf der ledernen Couch versuchte er, sich zu entspannen, während er die Geräusche aus der Küche vernahm, dachte er sich, oh Gott! Welch ein Unterschied zu Claudia, die hätte mir bestimmt die Hölle heißgemacht, wenn ich mir das bei ihr herausgenommen hätte. Einfach nicht auszudenken, welche Szenen es wieder gegeben hätten. Er war richtig froh, dass dies jetzt Vergangenheit war. Irgendwie kam er sich dumm vor, untätig so alleine herumzusitzen und zu grübeln.


Er ging zu Susi in die Küche, sie stand am Küchentisch und putzte gerade Gemüse, auf dem Herd standen Töpfe und Pfannen, es brutzelte und dampfte, ein feiner Geruch zog sich durch den Raum, er fand den Duft sehr appetitanregend,

»Ich möchte auch ja etwas tun! Kann ich bei irgendetwas helfen?«, fragte er und sog den Duft ein.


»Ja, wenn du willst, kannst du den Esstisch decken, in der Kommode daneben findest du dazu alles Nötige!«, sie lächelte ihn an. Er ging zu ihr, stellte sich hinter sie, umfasste ihre Taille, küsste sie ganz zart auf den Nacken, er spürte, wie sie zu vibrieren begann. Er bedeckte ihren Nacken mit zärtlichen Küssen, sie wand sich etwas unter diesen Zärtlichkeiten,

»Alex! Du bringst mich ja ganz aus dem Konzept, decke bitte den Tisch ja! Sei lieb!«

»Was machst du denn da, eigentlich, es duftet ja herrlich!«


»Ganz großes Küchengeheimnis! Lass dich einfach überraschen, ich denke, du wirst es sicher mögen!«, sie drückte ihn ganz zart etwas von sich.

»Ich mag dich! Ach was – mag! Ich liebe dich!«, er deutete einen großen Kuss mit den Lippen an und entfernte sich aus der Küche. In den Kommodenschubladen sprang ihm ein Arsenal von Tischwäsche ins Auge. Es gab welche für jeden Anlass. Er zog kurz Bilanz, ja die rötliche Tischwäsche nehme ich, dachte er sich, die passt zur Stimmung.


Er deckte den Tisch mit Sets, stellte Kerzenleuchter auf, nahm passende Teller aller Arten dazu, deckte auf, fand ein passendes Besteck, legte alles sorgfältig auf. Der Tisch sah jetzt aus, wie im Hotel Savoyen, natürlich fünf Sterne. Gab dann noch Gläser für Rot- und Weißwein dazu, Aperitif Gläser ebenfalls. Ging dann ein paar Schritte zurück, betrachtete den Tisch, ja in Ordnung. Shit! Die Servietten? Ach ja, da sind welche, in einer Lade fand er dazu passende Stoffservietten mit Ringen. Und fügte sie seinem 'Kunstwerk' wie er meinte, hinzu. Ja! Jetzt ist der Tisch perfekt! Sagte er sich.


Auf einen Beistelltisch stellte er den Flaschenkorb, vorsichtshalber stellte er auch einen Sektkühler daneben. Man kann ja nie wissen, dachte er sich, denn wie ich Susi kenne, hat sie ja auf den Champagner auch nicht vergessen und wenn es nur Sekt ist, macht es auch nichts! Ja! Champagner, das ist es! Wehmütig erinnerte er sich an Tirol zurück, goldener Hirsch, Susi in ihrer Meran Adjustierung, so sexy, das es ihm die Sinne raubte.


Sie hatte damals zusätzlich Champagner aufs Zimmer bringen lassen, gleich als sie ankamen, ohne dass er es gemerkt hatte. Was das Zeug kostete, wusste er ja erst, als Oberholzner im Klubbüro fluchte, als der dann die Rechnung, für die zwei Flaschen, vom goldenen Hirschen in Händen hielt. Die sind ja total verrückt, selbst im Moulin Rouge kostet das nur die Hälfte dessen, was die sich hier trauen, dafür zu verrechnen! Sprach der damals voller Entrüstung.

Ja! Champagner! Alex, das ist der Saft des Lebens! Dachte er sich damals. Seit der Zeit war Champagner, für ihn etwas ganz Besonderes, den er einfach nicht mehr missen wollte.


»Susi! Ich brauche Eis! Viel Eis! Sehr viel Eis!«, rief er vergnügt in die Küche, es kam keine Antwort. Er ging hin, in der Küche dampfte es wie auf einem Ozeanriesen. Susi stand im Kochdunst und hatte alles, was sie vorher an hatte abgelegt, lediglich eine Küchenschürze bedeckte sie notdürftig. Alex fiel fast der Sektkühler aus der Hand, als er sie so sah. Sie schwitzte am ganzen Körper, der durch diesen Umstand einen eigenartigen Glanz ausstrahlte. Sie drehte sich um und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn,

»Eis? Findest du im Kühlschrank, in der untersten Lade!«

»Okay«

»Woher wusstest du eigentlich, dass es auch Champagner geben würde?«, fragte sie vergnügt.


»Tja, meine hellseherischen Kräfte sagten es mir!«

»Lass doch den Sektkübel hier, ich mache das dann schon!«

Alex stellte den Sektkübel einfach auf den Küchentisch. Er ging zu ihr, umarmte sie, spürte ihren heißen Körper, der zugleich feucht war. Sie zitterte leicht unter seinen stürmischen Küssen, die sie erwiderte, zuerst ganz zart, später sehr leidenschaftlich.


Der Sektkübel fiel plötzlich aus Platzmangel vom Küchentisch, als er sie darauf hob. Unter seinen stürmischen Zärtlichkeiten stammelte sie,

»Alex! Die Suppe! Das Muschelragout! Alles wird anbrennen!«

»Wir lassen nichts anbrennen!«, flüsterte er.

Gegen Mitternacht, lagen Sie dann erschöpft und zugleich entspannt auf der Couch, Susi rekelte sich nackt an seiner Seite und begann seine behaarte Brust zu kraulen, »Magst du auch noch ein Glas Schampus?», sie zog die Flasche aus dem Kühler und schenkte zwei Gläser voll und reichte ihm eine Sektschale.


»Prost Alex! Auf unsere eher ungewöhnliche, aber ganz tolle Abschiedsparty heute Nacht!«

»Cheerio, Susi!«, erwiderte er, schon etwas schläfrig, aus dem Radio erklang immer noch leise Tanzmusik.

»Willst du einen Kaffee, einen starken Kaffee?«, flüsterte sie ihm ins Ohr und begann gierig daran zu knabbern.

»Kaffee! Ist gut! Aber erst zum Frühstück, ich habe jetzt nur mehr einen Wunsch Schlafen, viel Schlaf!«


Susi streichelte zärtlich sein Gesicht und flüsterte ihm ins Ohr.

»Ist ja gut, du starker Bär! Schlaf jetzt!», und kuschelte sich ganz fest an ihn, das Knistern der brennenden Holzscheite im offenen Kamin, auf der einen Seite, die Wärme des Kaminfeuers, auf der anderen, die wohlige Wärme ihres weichen, aber doch straffen Körpers, schläferten ihn dann vollends ein.


Inzwischen waren acht Wochen vergangen, Susi war immer noch in Amerika. Alex hatte jedes Wochenende ein Rennen bestritten. Er kam jetzt mit dem Wagen schon sehr gut zurecht, der Lotus mit dem Holbay, lief, wie geschmiert. Paul hatte sich anscheinend selbst übertroffen. Es gab keine technischen Probleme, vom Fahrzeug her gesehen, lief alles wie am Schnürchen. Seine fahrerischen Qualitäten hatten sich verbessert, auch stark gesteigert.


Er hatte inzwischen an Erfahrungen gewonnen und konnte den Wagen nun schon so richtig am Limit bewegen. Mittlerweile kannte er die Mucken des Wagens und wusste, wie man ihn behandeln musste. Oberholzner war sehr angetan von seinem Abschneiden. Denn bei allen Rennen lag er immer innerhalb der Wertung, es wäre eigentlich nur mehr eine Frage der Zeit, meinte der und er würde auf dem obersten Platz am 'Treppchen' stehen. Oberholzner war also äußerst zufrieden und sagte ihm auch, dass der ÖASC, also der Automobilsportklub des ÖAMTC ein Straßenrennen zusammen mit dem ungarischen Automobilverband, in Ödenburg (Sopron) veranstalte.


Bei diesem Wettbewerb, eigentlich nur ein Rennen, rein für die Formel-V, wäre auch geplant, ein Tourenwagenrennen zusätzlich mitlaufen zu lassen. Damit die ungarischen Zuschauer auch auf ihre Kosten kommen, denn ein Formel-V Rennen alleine, wäre ja für die Zuschauer viel zu eintönig. Oberholzner bat ihn, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Man hätte es sich so gedacht, jeweils einen ungarischen Wagen und den gleichen österreichischen in derselben Kategorie starten zu lassen. Sozusagen als Ländervergleichskampf.


Alex stand der Angelegenheit anfangs mit Skepsis gegenüber, er hatte ja keine Erfahrung mit Straßenrennen, außerdem wäre sein Wagen nur für Bergrennen getrimmt, wegen der Übersetzung, und so weiter, wie er sagte. Oberholzner ließ aber nicht locker, erstens, wäre der Getriebeumbau für Paul auch nur ein Klacks, eine Sache für maximal 2 Stunden Arbeitszeit, zweitens sind die Ungarn im Material relativ schwach und wahrscheinlich sogar in fahrerischer Hinsicht. Drittens wäre es ja eine ausgesprochen günstige Gelegenheit, da ja der Rundfunk und Presse stark eingebunden wäre.


Das ist doch DIE Gelegenheit, sich auch in der breiten Öffentlichkeit einen Namen zu machen. Oberholzner setzte wirklich alles daran, ihm das Projekt jetzt so schmackhaft wie möglich zu machen. Alex überlegte sich, könnte ja sein, dass er recht hat, dachte er sich, die Argumente sind ja sicher nicht von der Hand zu weisen. So beschloss er zuzusagen, dies jedoch nur unter der Voraussetzung, der ASC müsste die Spesen gänzlich übernehmen.


Oberholzner war über dieses Ansinnen aber gar nicht erfreut, willigte aber nach längeren Hin und Her dann endlich doch ein. Worauf ihm die bissige Bemerkung auskam, »Schön langsam, bist du auch schon so verdorben, wie die anderen Fahrer, die auch den Hals auch nicht voll genug bekommen können!». Alex ließ diese Bemerkung aber kalt und dachte sich – soll er doch das nächste mal, das Maul nicht so weit aufreißen, von wegen Sponsoren, Preisgelder und so weiter.

So vereinbarten sie also, Alex ginge nächsten Samstag, in der Tourenwagen-klasse bis 1800 Ccm, in Ungarn an den Start. Oberholzner ließ Renate dann alles organisatorische Bewerkstelligen, sie war dabei in ihrem Element und erledigte dies, perfekt wie immer. Alex bat Paul, das Getriebe zu wechseln, wofür der nur eine Stunde brauchte. Paul wechselte vorsorglich auch die Düsenbestückung der 45-er Weber Vergaser auf Flachlandbetrieb, außerdem die Reifen, wobei er breitere mit fast abgefahrenem Profil aufzog, da de wesentlich mehr Bodenhaftung bringen würden.


Das wäre bei Straßenrennen auch enorm wichtig, denn in lang gezogenen Kurven ist Bodenhaftung bei hoher Geschwindigkeit entscheidend, meinte Paul. Gab ihm auch den Rat, zusätzlich noch Reifen mit vollem Profil mitzunehmen und diese, sollte es regnen, dann auch einzusetzen. Denn bei solcher Witterung wäre wieder Profil zur Wasserverdrängung das Nonplusultra.


So kam es, dass Alex das erste Mal in seinem Leben in Ungarn weilte. Bei der anreise nach Ödenburg (Sopron) gab es an der Grenze einen kurzen Aufenthalt, zur Erledigung der Visa-Angelegenheiten. Oberholzner hatte alles bestens organisiert, die Prozedur ging schnell und ohne Komplikationen vor sich. Ein Funktionär des ungarischen Automobilverbandes, empfing sie an der Grenze und begleitete sie dann zum Hotel in der Stadt.


Auf dem Hotelparkplatz war auch gleichzeitig das Fahrerlager errichtet worden. Die Rennstrecke war eine neu gebaute Straße, die direkt am Hotel vorbeiführte und eine Art Rundkurs am Stadtrand bildete. Alex konnte mit Oberholzner und einem Funktionär die Strecke besichtigen, wobei er sich wesentliche Streckenabschnitte einprägte. So gesehen war es ganz gut, die anreise schon am Freitag durchgeführt zu haben. Denn nächsten Tag, wäre dann ein Trainingslauf vorgesehen, wobei um 14 Uhr die Formelwagen, eine Stunde später die Tourenwagen trainieren würden. Mittlerweile waren auch alle anderen Fahrer eingetroffen, die Österreicher versammelten sich abends in der Hotelbar, dort ging es dann hoch her.


Die Gruppe der Formel-V Fahrer, durchweg alles junge Leute, machten dann die Nacht zum Tage. Ihr Teamchef hatte alle Mühe sie zu bändigen, Alex wunderte sich nur, dass der dem Spuk kein Ende bereiten konnte und sie rechtzeitig ins Bett jagte. Alex saß mit Oberholzner in einer ruhigeren Ecke der Bar, wobei ihm Oberholzner erklärte, dass die Formel-V eine neue Rennformel sei, die erst im Entstehen begriffen wäre. Die Wagen wären, wenn man so will, genormt, auf der Bodenplatte des Volkswagens Käfer aufgebaut.


Es wären Monocoque Chassis, ähnlich der Formel 1, aber mit weit weniger Motorleistung ausgestattet. Irgendwie würde diese Formel schon noch ein wenig in den Kinderschuhen stecken, meinte er. Wie man ja sieht, wird sie auch fast von Kindern gefahren, er deutete auf die Gruppe der Formel-V Fahrer, die lärmte wie ein Kindergarten. Trotzdem, meinte er, sollte sich diese Formel aber dennoch durchsetzen, dies würde ja stark von den Herstellern abhängen. Könnte aber durchaus eine Rennklasse entstehen, die Jungen talentierten Nachwuchsfahrern mit Stehvermögen, als Sprungbrett in die Königsklasse der Formel 1, dienen könnte.


Oberholzner kannte ja einige Verfechter dieser neuen Rennformel, dadurch kannte er auch die Bestrebungen dazu, die nun dabei im Gange waren.

Alex war dann etwas müde, als sich Oberholzner zurückzog und wollte sich keiner Gruppe mehr anschließen, er zog es vor, sich relativ früh zur Ruhe zu begeben, und wollte für den nächsten Tag einen klaren Kopf haben.


Gegen 6 Uhr erwachte er, ziemlich gerädert. Er hatte ziemlich schlecht geschlafen, die Unruhe im ganzen Haus war bis in die frühen Morgenstunden anhaltend gewesen und störte seine Einschlafbemühungen. Dazu kam, dass er vor Rennen ohnehin ständig unruhig war. Nach dem Frühstück ging er gleich ins Fahrerlager, dort wurde wie immer viel gearbeitet, der übliche Lärm der Motoren und aller sonstigen Aktivitäten, hüllte ihn ein. Ihn interessierte in erster Linie, welche Wagen in der Tourenwagen-klasse an den Start gehen würden. Wie Oberholzner geschildert hatte, waren wirklich jeweils der gleiche Typ Wagen, jeweils ein ungarischer und ein österreichischer in derselben Hubraumklasse, genannt.


Im Gegensatz zu Aussage fand er, waren die ungarischen Rennfahrzeuge in einem durchaus guten technischen Zustand, soweit er das so augenscheinlich beurteilen konnte. Er fand auch gleich heraus, als er sich mit einem Fahrer unterhielt, der in der Vergangenheit schon öfters in Ungarn an den Start gegangen war, dass er als Gegner jetzt den ungarischen Staatsmeister habe. Er sah dann den Mann, mit seinem Wagen am Ende des Fahrerlagers, wie der zusammen mit seinen Mechanikern an seinem Lotus Cortina arbeitete. Der Wagen des Gegners machte ihm aber einen durchaus guten optischen Eindruck.


Es war ein hellrot lackierter Wagen, dem anscheinend schon eine radikale Abmagerungskur verpasst worden war. Die Seitenscheiben bestanden aus Kunststoffglas. Vermutlich waren der Kofferraumdeckel und die Motorhaube aus Aluminium. So genau konnte er das optisch ja nicht feststellen, vermutete es aber schon stark, weil die Innenverstrebungen ganz anders aussahen, als jene an seinem Wagen. Alex beobachtete mit Adleraugen alle Details, die er so auffassen konnte. Der Wagen, hatte einen Lotus Originalmotor eingebaut, wie er dann bei geöffneter Motorhaube sah, der ebenfalls mit 45-er Weber Vergaser bestückt war.


Der Fahrer, ein Mann so um die 40 herum, wie Alex schätzte, war schlank und schien sehr ruhig und gelassen zu sein, denn er gab seinen Leuten präzise und ruhige Anweisungen. Alles schien Alex bei seinem Mitbewerber sehr gut organisiert zu sein und er bekam das Gefühl, dass er einen echten Profi zum Gegner haben wird. Von wegen technisch und fahrerisch von gestern, so ein Schwachsinn, dachte er sich. Oberholzner hatte ihn wohl hinters Licht geführt. Nun gut, jetzt bin ich nun mal hier und werde das Beste daraus machen, sagte er sich. Wenn es schief geht und der Mann besser ist, dann war es eben ausgesprochenes Pech.


Alex sah aber trotzdem einen Lichtblick für sich, ich habe einen Holbaymotor, der andere aber nicht. Vielleicht könnte das eben doch entscheidend sein. Na ja, mal sehen, dachte er sich. Alex ging zu seinem Wagen zurück, inzwischen war auch Paul eingetroffen. Er begrüßte Alex und schien bester Laune zu sein. Alex war froh ihn zu sehen. Paul hatte sich inzwischen ja ebenfalls umgesehen, diesbezüglich war er wie in Gruftspion, wie Alex wusste und das war auch gut so.


Denn Mechaniker sehen ja vieles mit ganz anderen Augen, im Gegensatz zu den Fahrern. Natürlich hatte auch er den gegnerischen Lotus genau inspiziert, er meinte, er hätte an dem Wagen eigentlich nichts auszusetzen gefunden, soweit er das quasi so „en passant“ beurteilen konnte.


Paul gab ihm dann den Rat, im Training eher etwas langsamer zu fahren, als er es eigentlich könnte, sich dabei auch die Streckenführung genau einzuprägen. Eine Rundenzeit um die drei Minuten, wäre vollkommen ausreichend. Fürs Training wäre ja eine Stunde vorgesehen. Alex sollte gut zehn Runden absolvieren und erst die letzten zwei Runden richtig ans Limit gehen. Wenn überhaupt, er würde die Rundenzeiten stoppen, auch die seines Gegners.


Dies wäre vielleicht eine gewisse Indikation, muss aber nicht unbedingt gültige Rückschlüsse auf den eigentlichen Rennverlauf geben, weil sich ja erfahrungsgemäß kein Fahrer schon beim Training voll in die Karten schauen lässt. Paul meinte auch, dass er dann im Rennen sich gleich hinter seinen Kontrahenten aufbauen und gehörig Druck machen sollte, so könnte er die Fahrweise seines Gegners ein paar Runden beobachten und sich ganz auf ihn einstellen. Im letzten Drittel des Rennens, sollte er dann auf Angriff fahren, ihn auf einer längeren Geraden, aus dem Windschatten heraus überholen.


Dazu besonders auf die, dann bereits überrundeten schwächeren Wagen achten, sie könnten sich durchaus als fahrende Hindernisse erweisen. Nach seinem dafür halten, hätte er mit dem Holbay die wesentlich besseren Karten und eigentlich gar nichts zu befürchten, die Original Lotus Maschine wäre ohnehin unterlegen. Er könnte so, auf den geraden Streckenteilen genügend Distanz herausfahren. Der Gegner hätte dann keine Chance mehr, an ihm vorbei zu kommen. Alex war überaus froh über diese Hinweise, denn er war ja bisher noch nie ein Straßenrennen gefahren.


Paul war mit dem Rennleiter auch die Strecke abgefahren und warnte Alex, es gäbe da eine uneinsehbare Linkskurve, die lang gezogen, im Kurvenscheitel enger wird. Eine sehr gefährliche Stelle, im Falle eines Unfalls, sieht man die Situation erst, wenn man schon mitten in der Kurve drin ist. Es gibt eigentlich keine Ausweichmöglichkeiten, da links und rechts der Straße Strohballen Barrieren aufgetürmt seien, dahinter würden bereits die Zuschauer stehen.


Oberholzner wäre ja schon beim Veranstalter, um dagegen lauthals zu protestieren, täte sich aber schon aus sprachlichen Gründen sehr schwer dabei. Der Dolmetscher funktioniere auch nicht so richtig. Er vermute daher, es würde so kurz vor dem Rennen eigentlich nichts mehr nützen. Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, würde es sicherlich so bleiben, wie er es eben sah.

Inzwischen war der Trainingslauf für die Formelwagen gestartet worden, Paul und Alex beobachteten das Geschehen in der Nähe der Startlinie. Paul bemerkte trocken jetzt wird es hier zugehen, wie auf einem Rummel.


Alle Wagen verfügen über die gleiche technische Ausstattung, von der Technik her ist da fast kein Unterschied. Gewinnen kann eigentlich nur der, der, als erster vorne ist und verhindern kann, überholt zu werden. Die Windschattenspiele wären zwar äußerst interessant und meistens spannend, können wir aber von hier aus leider nicht sehen. Paul hatte recht behalten, ein Fahrer aus Wiener Neustadt galt als Favorit, kam als erster weg und kam prompt als erster wieder an, zwar stark bedrängt von seinen Gegnern.


Aber er schaffte es irgendwie, sich über die ganze Distanz, die Meute der Verfolger vom Halse zu halten. Von den 25 gestarteten Wagen, sahen allerdings nur 11 die Zielflagge, der Rest war in der besagten Kurve in eine Massenkarambolage verwickelt und ausgefallen. Die besagte gefährliche Kurve hatte sich wirklich zum Schrottplatz verwandelt. Dank der Streckenposten konnte ein schmales Nadelöhr freigehalten werden, durch das die noch im Rennen liegenden Wagen einzeln passieren mussten, wie durch einen Kanal. Der österreichische Formel-V-Teamchef spuckte Galle vor Wut, er würde ja am liebsten das ganze Unternehmen abblasen, noch vor dem eigentlichen Bewerb.


Die ungarischen Funktionäre waren total überfordert und liefen wie ein Hühnerhaufen aufgeregt umher. Irgendwie gelang es ihnen dann doch innerhalb einer halben Stunde, diese Kurve so zu entschärfen, dass die Sicherheit von Fahrern und Zuschauern gewährleistet war. Rechts wurde Platz gemacht für einen Sturzraum, die Kurve wurde brutal von den Zuschauern geräumt, lediglich Feuerwehr und Streckenposten hielten sich jetzt im gesperrten Bereich auf. Im Fahrerlager brodelte und kochte es vor Aktivitäten, die in die Karambolage verwickelten Formelwagen, die etwas abgekriegt hatten, mussten ja wieder instand gesetzt werden.


Als dann später die Tourenwagen trainierten, lief es für Alex eigentlich ganz gut. Der vorher so gelassen, agierende Kontrahent, wie er beobachten konnte, war im Training ziemlich unruhig und nervös, er schien aus seinem Wagen das letzte heraus zu holen. Trotzdem hatte Alex gar keine große Mühe, ihm auf den Fersen zu bleiben. Er merkte, dass er noch so einiges an Reserven hätte, die er aber aus den Gründen, die ihm Paul eingetrichtert und geraten hatte, nicht preisgab, um seine Möglichkeiten nicht aufzudecken.


Er blieb im Training stets hinter dem Wagen des Gegners. Konnte sich dadurch den Fahrstil des anderen einprägen. Der fuhr zwar schnell und auch routiniert, schien aber doch mit argen Bremsproblemen zu kämpfen. Denn er verschob die Bremspunkte vor Kurven ständig Runde für Runde nach hinten. Alex fiel das so besonders auf, weil er ja bemüht war seine Bremspunkte nach vorne zu verschieben. Plötzlich gab der Ungar das Training auf und fuhr ins Fahrerlager zurück, dort arbeiteten seine Leute an den Scheibenbremsen, Paul verfolgte mit Aufmerksamkeit die Prozedur und berichtete Alex darüber, als er ins Fahrerlager einfuhr.


Im Rennen der Formel-V gewann dann, wie erwartet der Wiener Neustädter Fahrer. Am zweiten Platz lag ein Ungar, der sich sehr wacker geschlagen hatte. Platz drei, ging wieder an einen Österreicher, Alex hatte das Rennen genau verfolgt. Im Tourenwagenlauf lief es für ihn ausgezeichnet, er heftete sich an die Fersen seines Gegners, trieb ihn vor sich her, wobei er in jeder Runde den Druck ständig erhöhte. Der Ungar schien immer noch Probleme mit seinen Bremsen zu haben. In der sechsten Runde hielt er seinen Arm zum Zeichen der Aufgabe aus dem Seitenfenster und fuhr rechts ran, er stoppte dann.


Als Alex in der darauffolgenden Runde, bei ihm dort wieder vorbeikam, sah er, wie die Streckenposten seinen Wagen hinter die Strohballen schoben. Alex war seines Gegners ganz einfach verlustig geworden, er fuhr bis zum Ende des Rennens gute Rundenzeiten, aber sehr vernünftig ohne zu forcieren, sozusagen als Training. Es war dann sozusagen ein geschenkter Sieg. Alex war enttäuscht, sich mit höheren Klassen zu duellieren, wäre zwar schon möglich gewesen, aber auch völlig zwecklos, weil es ohnehin nicht gewertet würde.


Die kleinen Klassen waren ohnehin keine Gegner und waren schon überrundet, sie waren dann doch eher fahrende Hindernisse gewesen. Irgendwie machte ihm die Sache dann gar keinen Spaß, weil ihm ja die echte Herausforderung fehlte. Alex nahm dann mit Paul an der Siegerehrung teil, wo er einen großen prunkvollen Pokal bekam und als Siegerprämie umgerechnet 5.000, -- Schilling. Reporter umlagerten in der Hotelhalle die Fahrer. Wo ja die Siegerehrung stattfand, es wurde wild herum fotografiert.


Ein Rundfunkreporter wollte Interviews und rannte mit seinem Mikrofon jedem Fahrer nach. Alex schlich sich heimlich still und leise davon, ihm war der artifizielle Trubel einfach zu viel. Für die Ungarn war es natürlich das Ereignis gewesen, sie hatten ihre Siege, wenn auch nur auf zweiten und dritten Plätzen, aber immerhin. Sie schienen in dieser Hinsicht noch nicht so anspruchsvoll zu sein, wie Alex an ihrer eher bescheidenen Art feststellen konnte. Alles in allem, dachte er sich bei der Heimreise rückblickend, hättest du dir ja die ganze Angelegenheit eigentlich schenken können. War ja kein Erfolg – oder doch? Schließlich war es ja nicht mein Verschulden, dass der Mann mit seinem Wagen ausfiel.


Na ja, was soll's, bisschen zusätzliche Erfahrung schadet ja nicht. Da waren ja die letzten Rennen zuhause, die er, während der Abwesenheit von Susi bestritten hatte, schon etwas ganz anderes gewesen. Dabei war er immer aufs Äußerste gefordert worden, konnte aber immerhin drei Gruppensiege erringen. Paul war ganz hin und her gerissen über diese Erfolge, er war auch ganz Stolz, weil er ja, wie er immer wieder betonte, der technische Leiter des Projektes war. Alex gab ihm recht und lobte ihn sehr für die geleistete Arbeit, denn ohne ihn, hätte er diese Erfolge sicher nicht herausfahren können. Ein paar Tage später flatterten Alex ein paar Zeitungen und Motorsportmagazine auf den Tisch, wo über die vergangenen Rennen berichtet wurde.


Er war als hoffnungsvoller Newcomer erwähnt, Fotos waren ebenfalls dabei. Ein Artikel sprang ihm stark ins Auge, es war eine Art Porträt, der Bericht war gut recherchiert und er schnitt in ihm sehr gut ab. Die Geschichte war unterzeichnet mit den Initialen SS. In einer anderen sehr renommierten Tageszeitung, im Sportteil, war die Rede von einem Nachwuchsfahrer. Der ein großes Potenzial in sich hätte und dem bei entsprechender Fahrzeugausstattung und geeignetem Rennstall, eine steile Karriere vorausgesagt würde. Alex war einigermaßen perplex, wie kommen diese Zeitungsheinis dazu, in seinem Privatleben herumzustöbern und Dinge in die Öffentlichkeit zu zerren, ohne mit ihm davor zu sprechen. Irgendwie ärgerte ihn das, andererseits las er trotzdem gerne, seinen Namen in den Artikeln.


Trotzdem beeindruckte ihn schon, dass man ihn überhaupt zur Kenntnis nahm. Er dachte sich, diese Berichterstattungen kommen einfach zu schnell und für mich auch eher unvorbereitet. Er fühlte instinktiv, dass er bald ein Image brauchte, und zwar ein gutes, plausibles. Wenn er jetzt verabsäumen würde, es aufzubauen, bekäme er schlicht und ergreifend, eines von den Pressefritzen aufs Auge gedrückt. Es wäre auch sehr fraglich, ob es ihm dann recht wäre.


Es muss in naher Zukunft daran gearbeitet werden, nahm er sich vor, die Frage wäre ja nur wie? Seine Erfahrung war ja in dieser heiklen Angelegenheit null. Er nahm sich vor, in dieser Richtung so schnell wie möglich etwas zu tun, nur was, wusste er noch nicht. Er kramte in seinem Schreibtisch herum und sortierte die Artikel, die er durch Renate bekommen hatte.


Ein Kuvert fiel aus der Lade, verflixt! Das sind ja die geschichtlichen Fotos seines ersten Rennens, die ihm seinerzeit die 'Kriegsberichterstatterin' geschickt hatte, verdammt und zugenäht, ich wollte mich doch einmal dafür bedanken, oder nicht? Und was hast du getan lieber Alex natürlich nichts! Scheiße, dachte er sich, du bist wirklich nachlässig. Dabei hatte dir die Kleine doch irgendwie imponiert, ja sogar gut gefallen. Er nahm sich fest vor am nächsten Tag, gleich in der früh die Sache zu erledigen und versäumtes nachzuholen.


Am nächsten Morgen, sah er den Zettel, den er auf seiner Schreibtischlampe angeheftet hatte, als er sein kleines Büro betrat, das er sich inzwischen in seiner Halle eingerichtet hatte. Er wählte die Telefonnummer, eine Telefonistin meldete sich, er fragte höflich nach einer Verbindung mit Frau Sybille Schmidt. Die Telefondame fragte, wen sie denn melden dürfe, weil sie dafür ins Sekretariat der Geschäftsleitung verbinden müsse. Alex verstand eigentlich nur Bahnhof. Er bekam einfach nichts auf die Reihe.


Erst sieht er sie im Fahrerlager, klitschnass. Dann fällt sie beim Rennen vor seinen Wagen. Er verhindert mit mehr Glück als Verstand einen Unfall, das Manöver kostet ihn einen Platz in der Wertung. Dann schickt sie ihm die Bilder, mit ihrer Entschuldigung. Er verdächtigt sie, fotogeil zu sein, um Bilder an den Mann zu bringen – nun, muss er mit der Geschäftsleitung sprechen. Da soll sich einer auskennen, das verstehe jemand! Plötzlich eine angenehme Stimme, die sich als Sekretärin vorstellt.


Alex noch in Gedanken vertieft, antwortete,

»Bitte eine Verbindung mit Frau Sybille Schmidt, Alexander Rathey, mein Name, es wäre dringend!«

»Herr Rathey, es tut mir leid, aber Frau Schmidt kommt erst gegen 10 Uhr ins Büro, soll ich eine Nachricht aufnehmen?«

»Ja bitte, sagen sie, ihr ich habe angerufen!«

»Ich werde es weitergeben, Herr Rathey, guten Tag, auf Wiederhören!«. Es knackte in der Leitung, Alex hielt immer noch den Hörer am Ohr, er war immer noch erstaunt. Was soll denn das ganze eigentlich, 'die' tun ja so, als ob ihr der Laden gehöre, Sekretariat und so! Er knallte den Hörer auf den Apparat, Scheiße! Dachte er sich, in Wien müsste man sein.


Da fangen Sie nämlich erst nach zehn zu arbeiten an. Er widmete sich dann wieder seinen Aufgaben und vergaß vorerst die Geschichte. Gegen halb elf, kam Renate plötzlich aufgeregt zu ihm, sie rief ihm zu,

»Schnell komm! Ein Telefonat für dich auf meinem Apparat!«. Alex folgte ihr ins Klubbüro.


Renate nahm den Hörer, der auf ihrem Schreibtisch lag, »einen Moment bitte, ich verbinde jetzt mit Herrn Rathey!«. Sie reichte ihm den Hörer,

»Alexander Rathey hier!«

»Ja guten Tag, Herr Rathey! Sybille Schmidt hier! Sie hatten mich angerufen?«

»Ja, hmm, richtig, ich wollte mich eigentlich für ihre netten Zeilen, mit den Fotos bedanken, seien sie mir bitte nicht böse, dass ich das erst jetzt tue, ich ...«

»Aber, das macht doch nichts, Herr Rathey, ich weiß doch, dass se in letzter Zeit sehr angestrengt waren. Es freut mich wirklich, dass sie sich die Zeit nehmen, es mir persönlich zu sagen. Wirklich sehr nett von ihnen! Eigentlich hätte ich sie ja anrufen müssen nach meiner Bergeskapade, vor ihrem Wagen. Sind sie mir noch böse?«, ihre Stimme klang frisch und sympathisch, sie gefiel Alex.


»Ich bin ihnen eigentlich nie so richtig böse gewesen, glauben sie mir!«

»Es ist lieb, dass sie das so sagen, aber ich glaube ihnen das nicht, schließlich hatten sie ja meinetwegen einen Platz eingebüßt!«, antwortete sie neckisch.

»Doch wirklich! Ich war ihnen nicht so richtig böse, aber am liebsten hätte ich ihnen damals schon den Allerwertesten versohlt, aber das fiel mir eigentlich erst im Ziel ein! Vorher war ja der Schreck zu groß, sie verstehen?«


Sie lachte ihm fröhlich klingend vom anderen Ende der Leitung ins Ohr,

»Ja, das klingt schon eher wie die Wahrheit! Jetzt glaube ich ihnen! Ich möchte es wieder gutmachen, sagen sie mir, wie ich es anstellen soll, schließlich verdanke ich ihnen mein Leben oder zumindest meine Gesundheit. Ich bin tief in ihrer Schuld!«

»So sehe ich das aber nicht!«, erwiderte er beruhigend.

»Doch! Doch! Herr Rathey, es ist schon so, wenn sie nicht so geistesgegenwärtig reagiert hätten, gar nicht auszumalen! Sagen Sie mir, wie ich es wieder gutmachen kann, bitte!«.


Alex war erstaunt, er hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass sie sich wirklich so schuldig fühlte,

»Ich wüsste da schon etwas!«, meinte er trocken.

»Wirklich? Was denn?«, fragte sie fast flüsternd.

»Das möchte ich am Telefon so nicht sagen!»«.

»Jetzt machen sie mich aber wirklich sehr neugierig!«, jetzt flüsterte sie wirklich, ihre Stimme klang jetzt sehr erotisch.


»Ich würde es ihnen ja gerne viel lieber persönlich sagen!«, jetzt sprach er sehr gedämpft und sah gleichzeitig, wie Renate die Augen verdrehte, denn sie stand neben ihm und hörte natürlich mit, zudem begann sie dabei irgendwie unverschämt zu grinsen.

Alex wurde das zu dumm. Er drehte ihr den Rücken zu, gleichzeitig hörte er Sybille sagen, »Gut, ich nehme an sie können jetzt nicht so sprechen, wie sie möchten! Ich mache ihnen daher einen Vorschlag. Am Nächsten Wochenende ist doch das Gaisberg-rennen, wir könnten uns ja dann in Salzburg treffen, entweder beim Rennen oder in der Stadt, ganz wie sie wollen! Ich wohne dort im Hotel imperia.l«

»Ja, das ist ein guter Vorschlag, ich melde mich«, Alex antwortete, jetzt etwas lauter.


»Fein, ich freue mich, also dann bis Samstag in Salzburg! Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«, Alex legte den Hörer auf.

Renate grinste immer noch, jetzt noch unverschämter, sie sagte, als er das Büro verließ, »Der Herr haben wohl eine neue Eroberung gemacht?«

Alex tat so, als höre er nicht, ärgerte sich aber, ihr Mangel an Diskretion war ihm ja schon seit einiger Zeit ein Dorn im Auge. Er sagte sich, so tüchtig sie sonst ist, wenn es um organisatorische Dinge geht. So lauernd und unberechenbar kann sie in privaten Dingen sein, also, Vorsicht Alex hüte dich!


Ein paar Tage später. Alex war nun in Salzburg. Am Fuße des Gaisbergs, befand sich das Fahrerlager. Das Speditionsunternehmen brachte gerade die Rennwagen. Alex überließ Paul die Aufsicht der Abladearbeit, der schimpfte gerade lautstark mit dem Chauffeur, weil er einen Kratzer in der Tür eines Wagens fand. Alex ging unruhig im Fahrerlager umher, er wollte Sybille irgendwo finden, doch sie war nirgends zu entdecken.


Der erste Trainingslauf wurde aufgerufen. Alex startete und prompt verschaltete er sich in einer Kurve, er fühlte intuitiv, dass er nicht ganz aufmerksam bei der Sache war. Zu allem Überfluss musste wohl auch noch die Schaltkulisse gebrochen sein, er konnte ab dem zweiten Gang nicht mehr sauber schalten. So musste er, auf einer Ausweiche an der Strecke halten. Nachdem der letzte Wagen oben angekommen war, kam der Rennleiter vorbei und gab ihm den Tipp, er solle doch seinen Wagen mit Hilfe, der Streckenposten wenden. Denn er stand ja bergauf, dann im Leerlauf die Strecke runter rollen lassen, was dann auch so geschah.


Paul bekam fast einen Herzanfall, als er das Malheur im Fahrerlager sah, es war nämlich kein passendes Ersatzteil vorhanden,

»Verdammte Scheiße!«, brüllte er zornig, »Alles! Haben wir mit nur keine verdammte Schaltkulisse!«

Alex stand neben dem Wagen wie ein Pennäler und tat auf ganz unschuldig. Daraufhin wurde Paul nur noch wütender, der war ja seit geraumer Zeit, schon wieder in seine alte hektische Art verfallen und regte sich schon wegen jeder Kleinigkeit auf, das nervte Alex schon seit den letzten vier Wochen.

»Aber, aber, Paul! Du wirst das schon irgendwie hinkriegen, tut mir ja leid, dass es passiert ist, es ist eben keiner fehlerfrei!«, er reichte ihm schnell eine Bierflasche zur Beruhigung,

»In einer Stunde bin ich wieder zurück, glaubst du, dass du was machen kannst?«


»Mal sehen!«, er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und rülpste dann laut.

»Okay, bis später dann!«. Alex machte sich dann schnell aus dem Staub, er wollte sich Pauls schlechter Laune nicht mehr weiter aussetzen. Solche Launen sind ja äußerst ansteckend, sagte er sich, habe aber nicht die geringste Lust angesteckt zu werden. Um auf andere Gedanken zu kommen, schlenderte Alex durchs Fahrerlager. Das wurde ihm aber nach kurzer Zeit langweilig, immer dieselbe Szenerie, dachte er, lauter fluchende „Pauls“ die an irgendwelchen Karren herum fummeln, dazu der übliche unabdingbare Lärm der Motoren.


Am ärmsten sind wohl die reinen Privatfahrer dran, die quasi Mechaniker, Fahrer und Teamchef in einer Person zugleich sein müssen. Die, sich dann um jeden Schmarren selbst kümmern müssen. So gesehen kannst du ja froh und glücklich sein, doch schon ein Team hinter dir zu haben, das einem da viel vom Halse hält. Alex malte sich aus, wie schön und bequem, es da so manche Werksfahrer haben. Die kommen mit ihren teuren Luxusschlitten zum Veranstaltungsort angerollt.


Meistens haben Sie ein 'Zuckerpüppchen' aus der Schickimicki Szene dabei, schön teuer und exquisit gekleidet, mit ihrem kleinen Fiffi am Arm. Größtenteils reisen Sie schon zwei Tage vorher an, um sich etwas zu akklimatisieren. Stolzieren dann wie die Gockel im Fahrerlager umher, natürlich das 'Püppchen' im Schlepptau, quatschen dann etwas kariert mit den Presseleuten, halten ihre Mondgesichter in jede Kamera. Kümmern sich eigentlich um nichts, scheuchen nur die Mechaniker herum. Wenn es dann im Rennen nicht so läuft, wie ihre Arbeitgeber es wünschen und erwarten, dann inszenieren Sie schnell einen technischen Ausfall, an dem sie natürlich vollkommen unschuldig sind. Hauptsache Sie haben ihren Spaß und vor allem muss die Kasse stimmen und meistens stimmt die auch und das wahrscheinlich nicht einmal so knapp.


Alex hatte diesen Eindruck schon bei vielen Werksteams aufnehmen können, die er so bei den Rennen beobachten konnte. Irgendwie ist die Rennsportwelt auch ein bisschen verrückt und überdreht, sagte er sich. Auf der einen Seite gibt es Leute, die sich jede Schraube für ihren Wagen vom Munde Ab-Sparen müssen, es auch tun, so richtige Fanatiker. Andererseits welche, die massenweise sündteure Motoren zu Schrott fahren, was heißt Motoren! – ganze Flotten von Wagen, innerhalb einer Saison in ihre Einzelteile zerbröseln, dabei dann nicht einmal mit der Wimper zucken.


Wichtig ist denen nur, die Platzierung und ihr Marktwert, koste es, was es wolle. Meistens haben Sie auch die übernatürliche Begabung, sich sehr gut verkaufen zu können. Irgendeinen Rennstall zu finden, dem es auf eine Million mehr oder weniger Verlust, innerhalb einer Rennsaison überhaupt nicht ankommt. Tja so ist es eben! Sagte er sich, du wirst es nicht ändern können, darüber zu philosophieren bringt dich ja auch nicht weiter.


Während er so sinnierte, ging er in ein Lokal gleich neben dem Fahrerlager und wollte etwas trinken. Er bestellte sich einen Kaffee, während er darauf wartete, sah er auf der Theke ein Telefon stehen, er deutete der Kellnerin. Sie drückte den Impulszähler, er suchte im Telefonbuch, wählte eine kurze Nummer, der Ruf ging raus, nach zweimal summen ertönte,

»Hotel Imperial, Rezeption, guten Tag!«

»Guten Tag! Verbinden Sie mich bitte mit Frau Sybille Schmidt.«

»Einen kleinen Moment bitte«, es knackte in der Leitung,

»Spreche ich mit Herrn Rathey?«

»Ja ganz recht, der bin ich!«

»Frau Schmidt ist leider noch nicht eingetroffen, sie bat uns, Ihnen auszurichten, Sie möchten bitte nach 19 Uhr anrufen, Sie ist geschäftlich verhindert, wir aber um 19 Uhr im Hotel sein!«

»Vielen Dank für Ihre Mühe.«

»Keine Ursache, Herr Rathey, schönen Tag noch!«



Alex staunte, welche Mühe sich die kleine macht. Gut also, rufe ich am Abend an. Er bezahlte das Gespräch und den Kaffee und schlenderte zu Paul zurück.

»Na Junge! Hast du da was machen können?«

»Ja! Der Wagen ist jetzt wieder in Ordnung, ich war bei einem Schmied, der hat die Kulisse geschweißt, ob Sie halten wird, ist eine andere Frage und schließlich dann Deine Sache!«, er kaute wieder an einem Zahnstocher. Alex musste innerlich grinsen. Eigentlich ging ihm das bei Paul irgendwie schon auf die Nerven. Wenn der wüsste, wie blöd das eigentlich aussieht, würde er es wahrscheinlich lassen, sagte er sich. Aber was soll man machen, vielleicht braucht er das.


»Paul, du bist doch der Größte! Danke dir!«

Paul grinste und ließ den Zahnstocher von einem Mundwinkel zum anderen wandern. Bei Gott ein Künstler, dachte sich Alex, als er ihn so sah.

»Aber eines sage ich dir! Leute die nicht einmal schalten können. Sollten eigentlich gar keinen Führerschein bekommen und schon gar nicht eine Fahrerlizenz!«

»Du hast ja ganz Recht, Paul!« Alex grinste zurück, sprach aber gleich weiter,

»Denn wenn es solche Leute nicht gäbe, müssten solche Genies, wie du zu Hause sitzen und die Kleingartenzeitung lesen!«


Paul klopfte ihm auf die Schulter und lachte, »Alex, pass bloß auf, das Ding wird sicher nicht lange halten. Aber vielleicht hält es das Rennen doch durch, hoffentlich. Daheim baue ich dir dann eine neue Schaltkulisse, aus gestanztem Edelstahl ein und keine aus billigem Blech, Okay?«


Alex war beruhigt und fuhr im ersten Lauf gleich die Bestzeit in seiner Klasse. Die Gänge hakten zwar und er hatte schon Mühe damit. Im zweiten Lauf war es dann genauso, in einer Kurve sprang sogar der erste Gang heraus, so hielt er den Schalthebel jetzt eisern fest und die Gänge hielten. So musste er teilweise nur mit einer Hand lenken.


Trotz allem, gewann er und hatte Bestzeit, mit drei hundertstel Vorsprung. Als er dann ins Fahrerlager zurückkam, stand Paul bei der Einfahrt zum Fahrerlager und machte Freudensprünge. Er küsste Alex sogar am offenen Fahrertürfenster ab, begeistert rief er ihm dann zu, »Alex! Grandios! Bestzeit! Und das trotzdem!«

»Was meinst du jetzt mit trotzdem?«

»Na ja, hmm ..., die Kulisse!«

»Was ist mit der?«


»Ja weißt, ich habe sie einfach weggeworfen.«

»Was heißt das?«

»Der Kerl, der Schmied hat sie beim Schweißen total ruiniert, sie ist aus mickrigen dünnen Blech, die kann man ja gar nicht richtig schweißen!«

»Ja und?«

»Du hast ja gar keine Kulisse drin!«

Alex Schaute verdutzt, er wusste nicht, ob er jetzt lachen oder heulen sollte, trotzdem gab er dann Paul einen Kuss auf die Stirn,

»Paul! Du bist schon ein großes Arschloch!«


»Ja schon, aber ein sehr Schlaues! Was glaubst du, hättest du denn gemacht, wenn ich dir vorher die ganze Wahrheit gesagt hätte?« Sie lachten jetzt beide, gerade in diesem Moment zuckten die Blitze der Fotoreporter über ihre Gesichter.


18. Kapitel


Nachdem er vom Rennen ins Hotel gefahren war. Hatte er eine wohltuende Dusche genommen, sich gründlich rasiert und stand im Bad seines Hotelzimmers, das er immer gleich nach dem Rennen verschwitzt und irgendwie abgekämpft aufsuchte. Er kämmte sich gerade, als es an seiner Zimmertür klopfte. Herein, rief er, denn er vermutete, dass der Zimmerservice, nun die von ihm bestellte Flasche Sekt brächte. Die er zur Feier des Tages ganz alleine und in aller Ruhe zu genießen gedachte. Er hörte das Aufsperren der Tür, rief durch die nur angelehnte Badezimmertür.

»Stellen Sie bitte alles auf den Couchtisch, danke!«


Eine weibliche Stimme antwortete, »selbstverständlich, Herr Rathey!«

Dann hörte er die Tür ins Türschloss fallen. Er betupfte sich das Gesicht mit einem herb duftenden Rasierwasser, dachte sich, jetzt wirst du erst einmal den Sekt trinken. Das weckt bestimmt die Lebensgeister und ist gut für den Kreislauf. Dann ziehst dich an, gehst dann ins Restaurant hinunter, etwas essen. Danach rufst dann im Imperial an. Er betrachtete sich noch einmal im Spiegel, fand, an seinem Aussehen eigentlich nichts auszusetzen, und betrat dann das Zimmer. Auf dem Couchtisch stand der Sektkühler, mit einer Flasche, die mit einer Serviette abgedeckt war, daneben ein Tablett mit zwei Sektschalen.


Das machte ihn gleich stutzig, wieso eigentlich zwei Sektschalen? Eigenartig, dachte er sich.

Er ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen, das nur spärlich von einer Stehlampe, neben der Couch beleuchtet war. Dort sah er etwas undeutlich die Umrisse einer Gestalt sitzen, gerade in dem Moment, als er so im Adamskostüm, wie Tarzan in der Badezimmertür stand.

»Cindy! Sie?«, entfuhr es ihm erstaunt und perplex zugleich.

Sie hatte es sich auf der Couch sichtlich gemütlich gemacht und sah ihn mit einem Lächeln an, das wie er deutete, von Interesse nur so strotzte.

»Hallo!», antwortete sie mit gedämpfter Stimme.


Alex völlig konsterniert, wünschte sich in diesem Augenblick, am liebsten ein Loch im Boden. In das er versinken könnte, um so seine Blöße zu verbergen.

Gleichzeitig hatte ihr Gesichtsausdruck, wie er meinte zu erkennen, auch etwas lüsterne Züge angenommen.

»Oh! Verzeihung!», er trat ins Badezimmer zurück und überlegte sich in Sekundenschnelle seine weitere Vorgehensweise – anziehen ist jetzt nicht drin! Denn seine Bekleidung lag ja schon vorbereitet im Zimmer auf dem Bett. Ach, Scheiße, sagte er sich, was machst dir für Gedanken, bist ja nicht der erste Mann, den sie völlig nackt gesehen hat, ganz sicher. Seine Prüderie, wie er fand, sprang plötzlich in blankes Interesse um, was bezweckt sie?


Was soll das Ganze eigentlich? Er wollte und hatte einfach nicht die Zeit jetzt und hier darüber Mutmaßungen anzustellen, nahm sich kurzerhand ein Handtuch und band es sich, wie einen Rock um die Hüften. So adjustiert ging er ins Zimmer zurück, Cindy befüllte gerade die Sektschalen, sie stand auf und reichte ihm eine,

»Ich würde jetzt gerne mit Ihnen, auf Ihren heutigen Sieg anstoßen!»

Alex ergriff das Glas und sah, wie sie ihn interessiert anlächelte. Ihr Blick war jetzt auch irgendwie zärtlich.»Meinetwegen, wo Sie jetzt schon einmal da sind!« Er betrachtete sie eingehender und bemerkte, dass sie vollkommen verändert aussah, im Gegensatz zu damals im 'Andreas Hofer'.


Die Haare waren zwar immer noch blond, jedoch kurz geschnitten. Sie trug ein eng anliegendes graues Kostüm, das ihre gute Figur sehr betonte. Um die Schultern einen bunten Seidenschal, der die etwas triste Farbe des Kostüms aufhellte. Alex stufte ihre Aufmachung und Erscheinung in die Kategorie „Business Look“ ein. Welch ein Unterschied zu ihrem damaligen Erscheinungsbild, dem des 'Edelflittchens' sagte er sich, er war irgendwie sogar ganz angenehm überrascht. Dies änderte aber nichts am Umstand, dass die augenblickliche Situation schon außergewöhnlich und prekär war. Einerseits stand er, jetzt nur mit einem Handtuch bekleidet da, das er, weil es rutschte, mit einer Hand umständlich festhielt.


Er kam sich damit ziemlich blöd vor. Andererseits sah er sich gegenüber einer jungen attraktiven Frau, von der er nicht viel wusste, schon überhaupt nicht, warum sie überhaupt hier war. Während diese Eindrücke und Gedanken auf ihn so einprasselten, ergriff sie die Initiative, »Prost! Auf ihren tollen Sieg!», sie hielt ihr Glas hoch.

»Prost Cindy!«, er fasste sich und stieß mit ihr an.

»Hm! Verzeihen sie meinen Aufzug, aber ich dachte der Zimmerservice ...«

Sie nippte an ihrem Glas und musste lachen, »wenn sie so wollen, ist er das ja auch!«


»Wie meinen sie das?«, fragte er und war etwas verdutzt.

»Ja sehen sie, ich arbeite nämlich hier im Hotel, als Sekretärin des Direktors, am Nachmittag bei Dienstantritt habe ich dann ihren Namen in den Gästeunterlagen entdeckt. Als das Zimmermädchen mit dem Sekt losgegangen ist, habe ich ihr ganz einfach die Arbeit abgenommen, jetzt bin ich eben hier! Ich wollte sie ganz einfach kurz besuchen. Dass sie gerade im Bad waren, konnte ich ja nicht wissen, entschuldigen sie bitte!»


»Schon gut, verzeihen sie mir, aber ich komme mir in diesem Aufzug so albern vor, sie sind ja immer für eine Überraschung gut, ich werde mich eben mal schnell anziehen, nehmen sie inzwischen Platz, ich bin aber gleich wieder bei Ihnen.«

Alex raffte schnell die bereitgelegten Kleidungsstücke zusammen und ging ins Bad, nachdem er sich angezogen hatte, ging er wieder zu ihr, sie hatte ihr Zigarettenetui und ihr goldenes Feuerzeug in der Hand, »Gestatten sie, das ich rauche?«

»Aber bitte, es stört mich nicht, Sie sagten, dass sie hier arbeiten?«


»Richtig, ich hatte ihnen ja seinerzeit den Bruch der Beziehung mit dem Doktor berichtet, da stand ich plötzlich völlig ohne Geld da. Ein bekannter hat mir dann den Posten hier vermittelt!«

»Interessant! Wie lange arbeiten sie denn schon hier?«, wollte er wissen und dachte sich – sie war damals, also doch der getretene Wurm, der sich aufbäumte.

»Gut zwei Wochen nach unserem damaligen Treffen habe ich hier begonnen, ich war ja so froh diesen Job bekommen zu haben. Ich komme nämlich ursprünglich aus der Werbebranche im Gastronomiebereich!«


Sie zog heftig an ihrer Zigarette und blies kleine Rauchwolken aus, »Aber der eigentliche Grund meiner Anwesenheit und warum ich bei ihnen so unvermutet eingedrungen bin, ist der, ich wollte Sie etwas fragen. Aus Mangel an besserer Gelegenheit ist mir diese Vorgehensweise eingefallen.«


»Sie wollten mich etwas fragen? Was meinten sie damit?», Alex war jetzt neugierig.

»Ja, ich möchte wissen, ob sie an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert sind?«

»Zusammenarbeit? In welcher Form?«

»Rein geschäftlich! Es könnte sich für sie auszahlen, in jeder Beziehung!«

»Sie machen mich jetzt sehr neugierig!«, Alex füllte die Gläser wieder und reichte ihr eines.


Sie zündete sich eine neue Zigarette an.

»Können sie in Details gehen?«, wollte er wissen.

»Ja natürlich, aber ich bitte sie um äußerste Diskretion. Das Projekt, um das es geht, ist ja erst in Vorbereitung, es darf nichts in die Öffentlichkeit, Sie verstehen!«

»Wofür halten sie mich?«, Alex runzelte die Stirn.

»Herr Rathey, ich halte sie für einen Mann mit Charakter, wie ich in Tirol feststellen konnte. Einen Mann mit Prinzipien, mit Talent, letztendlich für jemanden der etwas Bewegen und vorankommen will. Zudem konnte ich mich ja jetzt auch noch augenscheinlich von ihrer körperlichen Fitness überzeugen!»


»Ja gut und was hat das mit dem Projekt zu tun?«

»Sehr viel, Herr Rathey, diese Eigenschaften sind nämlich Grundvoraussetzungen, meine ich!«, sie rauchte hastig, ihre Hand zitterte leicht, als sie die Asche von ihrer Zigarette abstreifte,

»Sehen sie, ich habe sehr lange über geeignete Leute für dieses Projekt nachgedacht, es ist mir eigentlich niemand eingefallen, außer ihnen!«, sie blickte ihn forschend in die Augen.

»Soll das etwa heißen es will keiner machen?«, Alex blickte jetzt forschend zurück.

»Nein, Herr Rathey, sicher nicht! Ich könnte Ihnen in kurzer Zeit mindestens zwanzig Namen derer nennen, die da ohne Bedenken „ja“ sagen würden, auch welche, die sie bereits persönlich gut kennen!«


»Interessant, aber ich kann ihre Frage immer noch nicht beantworten.«

»Das verstehe ich, ich werde ihnen jetzt die Details schildern!», sie dämpfte die Zigarette ab und lehnte sich auf der Couch zurück und sprach weiter, »dadurch dass ich hier arbeite, habe ich ja viel Kontakt mit Menschen, sogar sehr einflussreichen Menschen. So kam es, dass ich einen angesehenen Geschäftsmann kennenlernte, der in aller Welt sehr viel auf Reisen ist. Er ist sehr vermögend, agil und weltoffen. Er sucht ständig nach zukunftsträchtigen Herausforderungen, die sehr Erfolg versprechend sind und in die er investieren kann!«, Cindy sprach langsam und Alex merkte, wie sie angestrengt versuchte ihr lispeln zu unterdrücken, innerlich amüsierte ihn das sogar ein bisschen.


»Wirklich interessant!«, sagte er lächelnd.

»Ich möchte jetzt schnell auf den eigentlichen Kern der Sache kommen, damit zur Frage zurückkehren!«

»Oh ja!«, Alex lehnte sich erwartungsvoll zurück und hielt ständigen Blickkontakt mit seinem gegenüber.

Sie wiederum wich seinen fragenden Blicken in keiner Weise aus und fuhr fort,

»Dieser Mann ist in der Autozubehörbranche tätig, die ja in letzter Zeit sehr an Bedeutung zugenommen hat. Er will nun auch mit seinen Produkten in Europa eine Handelskette aufziehen. Das Ziel ist die Marktführerschaft auch hier zu erreichen und zu halten. Damit dies gelingen kann, muss natürlich Werbung für die Organisation und für die Produkte betrieben werden.


Der Plan enthält unter anderem auch die Gründung eines Rennstalles. Der an allen bedeutenden Rennen teilnimmt, erfolgreich teilnimmt! Versteht sich! Damit verbunden, die gesamte Infrastruktur für Werbezwecke zu nutzen. Zum Beispiel, Radio, Fernsehen, Presse, und so weiter. Der Rennstall selbst mit seiner Fahrzeugausstattung wird so positioniert, dass an ihm kein Weg vorbeiführen wird!«

Alex merkte, wie ihr Mund trocken wurde und die Bestrebung nicht zu flutschen für sie immer anstrengender wurde. Er dachte sich, irgendwie musst du ihr jetzt helfen, er befüllte ihr Glas wieder und hielt es ihr hin.


»Vielen Dank!«, sie trank einen Schluck, ihre Stimme wurde wieder klarer, als sie fortfuhr, »Ja und jetzt die Hauptsache! Ich habe nämlich den organisatorischen Teil des Projektes übertragen bekommen, alles Erforderliche aufzubauen und wenn Sie so wollen, zu „managen“. Dazu steht auch ein sehr großes Budget zur Verfügung. Ich bin jetzt nur noch vier Wochen hier im Hause beschäftigt. Ich möchte diese Zeit nützen, jetzt schon gewisse Weichenstellungen für die nahe Zukunft zu stellen. Ich frage sie daher, ob sie bereit wären als Fahrer diesem Team beizutreten?


Gehaltsregelung und andere Details dazu, sind im Moment wirklich Nebensache, sie werden bestimmt zufrieden sein, das kann ich schon jetzt sagen!«

Alex sah ihr in die Augen, sie blickte voll zurück, ihre Augen glänzten, wie damals, als sie gemeinsam über dem Tirolergröstl saßen. Alex war wirklich überrascht und erstaunt zugleich. Er dachte sich, die Kleine hat ja richtig etwas auf dem Kasten, wenn alles stimmt, was du da gehört hast, dann könnte es doch 'die Chance' sein!

In Sekundenschnelle tauchten in seinem Kopf viele Fragen auf, die er sich nicht beantworten konnte. Cindy sah ihn nun sehr fragend an, er merkte, dass er jetzt am Zuge war, »Sie haben mich wirklich überrascht, in jeder Beziehung! Wie lange habe ich denn für eine Antwort Zeit?«


»Herr Rathey, ich weiß, dass sie Morgen wieder abreisen, ich würde mich freuen, wenn sie mir, bevor Sie wegfahren Bescheid geben könnten!«, sie trank ihr Glas aus.

»Okay, sie hören dann von mir!«, Alex machte ein nachdenkliches Gesicht, als er antwortete.

»Gut, Herr Rathey, es geht also jetzt erst einmal um rein grundsätzliches. Ich würde mich aber freuen, wenn wir uns später auch über alle anderen Details unterhalten könnten!«, sie erhob sich, ging auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen, er drückte sie nicht allzu hart.


»Ich bin bis morgen 18 Uhr in der Rezeption, guten Abend, Herr Rathey!«, sagte sie und sah ihm in die Augen, wobei ihr Blick fest, zugleich fragend war.

»Guten Abend, Cindy!«

Die Tür fiel leise ins Schloss, als sie gegangen war.

Alex war nun total verblüfft, er wurde nachdenklich, zudem verspürte er ein Hungergefühl und entschied sich erst einmal irgendetwas zu essen. Während seinem Restaurant Besuch, wo er Fisch auf der Karte fand, den er prompt bestellte, ging es in seinem Kopf zu, wie auf einem Karussell. Viele Gedanken kreisten in seinen Gehirnwindungen – wie kommt sie denn ausgerechnet auf mich? Wer steckt da dahinter? Stimmt denn das alles? Kann man mit ihr eigentlich zusammen arbeiten? Kann man ihr überhaupt vertrauen?


Mal ganz abgesehen, von der unkonventionellen Kontaktaufnahme, dachte er sich, ist die ganze Geschichte schon sehr eigenartig, aber könnte durchaus plausibel sein – oder nicht? Er zerbrach sich das Hirn, kam dabei aber zu keinem Ergebnis und wollte erst einmal eine Nacht darüber schlafen, danach noch einmal in sich gehen. Möglicherweise würde das Helfen. Alex wollte sich nach alledem noch nicht zur Ruhe begeben, so rief er wieder im imperial an,

»Sibylle Schmidt! Hier.«


»Guten Abend! Frau Schmidt! Alexander Rathey spricht! Ich hatte ja schon früher versucht, sie zu erreichen, aber ...«

»Ja guten Abend! Herr Rathey! Ich weiß man hat es mir gesagt, wo stecken sie eigentlich?«, wollte sie wissen, ihre Stimme klang aber ganz anders als Letztes mal.

»Ich bin in Salzburg, in meinem Hotelzimmer!«

»Haben sie vielleicht Lust ins Imperial zu kommen, ich würde sie gerne zum Abendessen einladen?«


Oh Gott! Dachte er sich, hättest dir doch denken können, dass das jetzt kommt, er war ja vom Fisch noch bis obenauf gesättigt und es graute ihm, wenn er überhaupt an Essen dachte,

»Ja sehr gerne! Es wäre mir ja ein Vergnügen!«

»Gut! Nehmen sie sich ein Taxi, ich warte hier in der Cocktail Bar auf sie! Wann könnten sie denn hier sein?«

»Ich schätze so in zwanzig Minuten, bin ich bei ihnen!«

»Gut so! Also, bis dann! Ich freue mich!«


»Bis später!«, Alex stiegen die Grausbirnen hoch, als er den Hörer auflegte und ans Essen dachte. Dennoch reizte ihn die Zusammenkunft mit Sibylle sehr.

Er stieg aus dem Taxi, gab dem Fahrer den Fuhrlohn samt gutem Trinkgeld und betrat dann das Hotel imperial. Folgte dem Hinweisschild „Cocktail bar“. Er sah dann dort Sibylle auf einem Barhocker. Sie winkte ihm dezent zu, als er den Raum betrat, der von leiser Pianomusik erfüllt war. Alex lächelte sie freundlich an, »Hallo! Frau Schmidt!«


»Freut mich sie zu sehen, Herr Rathey! Gut sehen sie aus, außerdem gratuliere ich Ihnen zu ihrem Sieg!«

»Woher wissen sie?«

»Es gehört eben zu meinem Geschäft, es zu wissen. Meine Leute haben mir ja schon alles berichtet!«

Alex musste sie im ersten Moment wohl ziemlich verdutzt angesehen haben, wie er sich dachte, fing sich aber schnell wieder,

»Ihre Leute? Berichten? Über mich?«, fragte er.


»Ja, so ist das eben im Journalismus, Aktualität ist oberstes Gebot!«.

»Ist ja interessant! Und was ist zur Zeit aktuell?«

»Sie zum Beispiel! Was möchten sie denn gerne trinken?«, sie deutete dem Barmann.

»Für mich einen starken Kaffee, vorerst bitte«, der Barkeeper nickte nur.

Sibylle lächelte amüsiert, »Sie trinken wohl keinen Alkohol?»

»Tja, wissen sie, Alkohol ist bei mir nicht aktuell, nur in ganz besonderen Fällen mache ich bei gutem Sekt oder Champagner eine gewisse Ausnahme, wenn es sich gerade so ergibt!«

»Aha! Verstehe!«, sagte sie und lächelte dabei.


Alex rührte in seinem Espresso, dessen starkes Aroma ihm in die Nase kroch.

»Ich habe sie am Gaisberg gar nicht gesehen!«

»Ja, wirklich sehr schade, ich wäre ja auch sehr gerne dort gewesen, aber leider konnte ich nicht rechtzeitig weg, die Geschäfte! Sie verstehen!«

»Ach so! Nun, wenn ich ganz ehrlich sein soll, eigentlich nicht!«

Sibylle sah amüsiert drein und nippte an ihrem Cocktailglas, ihre Augen funkelten und glänzten irgendwie ganz eigenartig. Alex war innerlich hingerissen, in dem er sie jetzt ganz aus der Nähe betrachten konnte, erfasste er, wie ein Sensor viele Details.


Er schätzte ihr Alter, so Anfang dreißig, sie war eher von kleiner Statur, aber sehr gut proportioniert, sehr zierlich. Ihr lächeln gefiel ihm, ihre Bewegungen waren sehr graziös. Zudem strahlte sie auch eine gewisse Ruhe und Besonnenheit aus. Dennoch lag irgendetwas geheimnisvolles in ihren Blicken. Was genau, konnte er aber nicht deuten. Das elegante lange schwarze Kleid, betonte ihre ausgeprägten weiblichen Formen. Auf Schmuck schien sie nicht so viel Wert zu legen, denn außer einer zierlichen goldenen Damenuhr und einer dazu passenden Goldhalskette, konnte er an ihr nichts entdecken.


»Wissen sie in letzter Zeit kann ich mir die Zeit gar nicht mehr so einteilen, wie ich das manchmal so gerne möchte. Seitdem ich den Verlag meines Vaters übernommen habe, geht für mich die Uhr ganz anders!«

Alex grinste innerlich und dachte sich – ja, der Zeiger fängt erst um 10 Uhr an,

»Klingt aber irgendwie traurig, wenn sie das so sagen!«, erwiderte er.

»Ist es ja auch!«, antwortete sie, ihre Augen verloren an Glanz und bekamen ganz plötzlich einen traurigen Ausdruck.


»Wissen sie, mein Vater starb ja genau vor zwei Monaten, völlig unerwartet an einem Herzinfarkt, jetzt muss ich das Geschäft so ganz in seinem Sinne weiter führen!«, Ihr Blick drückte tiefe Niedergeschlagenheit aus.

»Das tut mir sehr leid!», erwiderte er und verbesserte sich schnell, »ich meine das mit ihrem Vater!«


»Ja danke, ich habe es auch schon so verstanden!«, ihr Blick wurde noch trauriger, Alex sah, wie sich ihre Augen plötzlich röteten und mit Tränen füllten, die sie anscheinend mit aller Gewalt zu unterdrücken versuchte. Es gelang ihr einfach nicht, er sah, wie zwei Tränenbahnen wie kleine Sturzbäche über ihre Wangen flossen. Sie wandte sich von ihm abrupt ab,

»Entschuldigung!«, stammelte sie mit Tränen erstickter Stimme, plötzlich sprang sie vom Barhocker und lief aus der Bar, nahm die Richtung der Hinweistafel „Toiletten“.

Scheiße! Dachte sich Alex, heute ist ja das reinste Kontrastprogramm am Laufen, im nächsten Augenblick tat sie ihm in ihrem Kummer aber doch Leid.


Er machte sich sogar irgendwie Sorgen um sie. Der Barkeeper musste die Szene, zumindest von der Mimik her mitbekommen haben. Der starrte plötzlich Alex ganz bösartig an. Wahrscheinlich verdächtigt er mich jetzt, ihr seelisches Leid angetan zu haben, dachte sich Alex. Er deutete dem Mann, der kam näher, mit finsterer Miene.

»Ich sehe mal eben nach ihr! Machen sie bitte inzwischen die Rechnung!»

»Nicht nötig mein Herr! Es geht ohnehin alles auf die Zimmerrechnung, Frau Schmidt wünscht es so!«, antwortete der Barkeeper mit einer Stimme, so kalt, wie seine Eiswürfel sein mussten, dachte sich Alex. Alex erhob sich und ließ den Mann einfach stehen.


Er steuerte dann auf die Tür zu, die, mit „Damen“ beschriftet war. Dachte sich, Shit, was machst du jetzt? Jetzt stehst du hier, wie der berühmte Ochs vor dem noch berühmteren Scheunentor! Er nahm den Mut zusammen, öffnete die Tür zum Waschraum, auf dem Fliesenboden kauerte Sibylle in einer Ecke, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Ihr Gesicht bedeckte sie mit beiden Händen, sie schluchzte, ihr ganzer Körper bebte und zitterte. Alex sah sie so hingekauert wie ein gebrechliches Häufchen Elend.


Mitleid kam ihn ihm auf, er bückte sich zu ihr herunter, streichelte zart über ihr Haar, versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen. Es war zwecklos, sie half in keiner Weise mit. Ihr zierlicher Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Er kniete sich vor sie hin, nahm ihren Kopf an seine Brust, sie ließ es ohne Widerstand geschehen. Er streichelte sanft über ihr Haar, drückte sie zärtlich an sich, eine wahre Flut von Tränen benetzten, sein Sakko. Sie zitterte am ganzen Körper, er flüsterte ihr leise ins Ohr,


»Psst, Sibylle! Ist schon gut, ich bin da!«, dabei streichelte er sanft ihre Schultern. Sie reagierte nur mit einem leichten Kopfnicken, plötzlich umschlang sie seinen Hals, drückte sich an ihn, umklammerte ihn so fest. Die Atmung fiel ihm schwer, er kam sich vor wie ein Rettungsschwimmer, in den Fängen einer Ertrinkenden. Zumindest stellte er sich die Situation so vor. Nach einiger Zeit spürte er, wie sie sich anscheinend wieder etwas beruhigte. Seine Nähe, und der Körperkontakt bewirkte dies wohl, wie er sich dachte. Irgendwie konnte er die Gefühle die sie jetzt bewegten schon nachfühlen, die mussten wohl denen ähnlich sein, die er damals in der Umklammerung mit Egon am Bahndamm empfand. Ihr Weinkrampf schien jetzt abzuebben, die Umklammerung ließ an Intensität nach.


Er flüsterte ihr zu, »Können Sie jetzt aufstehen? Wir sollten von hier verschwinden, falls jemand kommt, schon wegen Aufsehen! Sie verstehen?«, sie nickte wortlos erneut. Alex half ihr dann beim Aufstehen, sie zupfte verlegen an ihrem Kleid, zog es runter und versuchte den Stoff zu glätten. Ihr Kopf war gesenkt, sie vermied jeden Blickkontakt. Alex befeuchtete sein Taschentuch am Waschtisch, hob ihren Kopf und wischte mit dem Tuch ihr Gesicht ab. Er sah in ihr verweintes Antlitz, sie blickte ihn an, ihre Augen waren rot und wenig Ausdruck war darin zu sehen. Ihr Teint war jetzt ganz blass, sie wollte etwas sagen, aber sie bewegte lediglich die Lippen. Alex konnte nichts hören.


»Ich bringe Sie am besten gleich aufs Zimmer! Wenn Sie das wollen?«

Er hob ihre Handtasche vom Boden auf, sie lag geöffnet da, darin sah er den Zimmerschlüssel, an dem ein klobiger Anhänger befestigt war, 308 stand darauf eingefräst.

Alex fasste sie unter und stützte sie fürsorglich, fand dann im Korridor den Lift. Er schloss die Zimmertür auf. Mit einer Hand hielt er Sibylle an der Taille, mit der anderen tastete er neben der Tür nach dem Lichtschalter. Er drückte darauf, eine Stehlampe und zwei Tischlampen an der Sitzgruppe flammten auf und erhellten den geschmackvoll und teuer anmutend eingerichteten Raum.


Er führte Sibylle zur Sitzgarnitur und half ihr, als sie darauf Platz nahm. Er ging zur Tür zurück und drückte die zu, dann setzte er sich neben Sibylle und streichelte sanft ihren Arm. Sie sah ihn dankbar an, er merkte, wie ihr Gesicht wieder an Farbe gewann. Ihre großen braunen Augen bekamen wieder etwas Ausdruck. Sie lehnte Ihren Kopf an seine Schulter und sagte mit leiser schwacher Stimme,

»Herr Rathey, entschuldigen Sie bitte meine Entgleisung, ich habe ja alles verdorben!«


»Psst, Sie können Alex zu mir sagen! Vergessen Sie die Förmlichkeiten. Ich glaube, Sie brauchen jetzt einen Menschen neben sich und keinen Herrn!«

Sie streichelte seinen Arm,

»Ja, Sie haben ganz recht! In den letzten Wochen hatte ich immer nur mit kalten, gefühllosen und verabscheuungswürdigen 'Geldmaschinen' zu tun gehabt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das alles aushalten konnte – jetzt ist auf einmal alles Angestaute in mir heraus gekommen! Ausgerechnet heute!«, sie schnäuzte sich lautstark. Alex füllte ein Glas mit Mineralwasser, die Sachen standen auf einem Tablett auf einem Beistelltisch, er reichte es ihr,

»Ich denke, ich kann jetzt schon so einiges verstehen! Hier möchten Sie etwas trinken?«


»Vielen Dank, Alex! Sie sind ja so lieb zu mir! Ich verdiene es gar nicht!«, sie ergriff das Glas und nahm einen großen Schluck und stellte es auf den Tisch zurück.

»Ich schäme mich jetzt so! Mit mir haben Sie eigentlich immer nur Schwierigkeiten, wenn wir aufeinandertreffen!«

»Sie sollten sich jetzt darüber nicht ihren hübschen Kopf zerbrechen, es ist viel wichtiger, dass sie wieder okay werden, oder?«

»Aber ich empfinde es ja so!«, sagte sie mit trauriger Miene.

»Ruhen sie sich noch ein bisschen aus, es wird ihnen guttun!«, er wollte aufstehen, sie hielt ihn zurück,

»Alex! Bitte, bitte, bleiben sie noch bei mir ...«, sie kuschelte sich an seinen Arm. Es verging einige Zeit, Alex fühlte ihren warmen Körper an seiner Seite, sie streichelte seinen Arm ganz zart.


»Ist ihnen jetzt etwas besser?«, fragte er besorgt.

»Ja schon, dank ihrer Hilfe, ich habe zwar rasende Kopfschmerzen, schon den ganzen Tag über litt ich darunter!«

»Sie sollten vielleicht etwas dagegen einnehmen? Haben Sie überhaupt etwas im Magen?«, fragte er fürsorglich.

»Ja, ich habe noch in Wien gefrühstückt, bin dann nach München gefahren, dort war eine geschäftliche Besprechung, die mehrere Stunden dauerte, mit den Geschäftspartnern gab es ein kurzes Mittagessen. Ich konnte nicht viel essen, denn die Besprechung hatte sich mir auf den Magen geschlagen, sie verlief leider nicht so, wie ich es eigentlich erwartet und erhofft hatte!«, sie seufzte und blickte niedergeschlagen drein, »zudem wollte ich ja mit ihnen zu Abend essen, ich hatte mir gewünscht, dass es ein netter Abend für uns beide sein würde. Leider habe ich jetzt alles zerstört! Ich bin nervlich in letzter Zeit ziemlich angeschlagen, die letzten Wochen war für mich der reinste Horror!«, sie nestelte verlegen an ihrem Kleid herum.


Alex fühlte, dass sie sich aussprechen wollte, anscheinend aber nicht wusste, wie sie es angehen sollte. Alex war in innerer Bedrängnis, eigentlich müsste er sich intensiv mit seinen Zukunftsplänen beschäftigen. Eine grundsätzliche Entscheidung treffen, die vielleicht sogar eine totale Wendung in sein Leben bringen könnte, dachte er sich. Auf der anderen Seite war er aber jetzt in eine Situation involviert, zu der er ja kam wie 'die Jungfrau zum Kind'. Es wäre ja sicher ganz leicht, den Besuch bei Sibylle einfach abzubrechen und sie ihrem Schicksal zu überlassen. Nichts Leichter als das, sagte er sich, doch er brachte es einfach nicht übers Herz, sich so gefühllos und roh zu verhalten. Die Kleine war ja in einer erbarmungswürdigen, seelischen Verfassung, wie er jetzt sehen konnte. Er müsste also herausfinden welche Problematik vorlag, nur dann könnte er, wenn überhaupt, irgendwie helfend eingreifen.


Sein ursprüngliches Vorhaben Einblick in die Welt des Sportjournalismus zu bekommen, hatte er sich zwar schon ganz anders vorgestellt. Es hätte ihm ja vollauf genügt, ihn von der Seite der Außenkontakte her zu erleben. Jetzt war er viel tiefer in der Materie, wenn auch unschuldig hineingeraten. Mittlerweile war es aber auch sein fester Wille geworden Sibylle nicht einfach im Stich zu lassen, das schwor er sich innerlich. Sie müsste ihm ja nur sagen, was er tun sollte, er, würde dann alles in seiner Macht stehende auf die Beine stellen, um ihr behilflich zu sein.


»Frau Schmidt, ich würde ihnen ja gerne helfen, nur weiß ich nicht, wie?«

Sie sah ihn im ersten Augenblick etwas verwundert an, danach nahm ihr Ausdruck dankbare Züge an, »Sie können mich auch beim Vornamen nennen, wenn sie wollen. Außerdem haben sie mir ja bereits geholfen!«

»Sagen wir mal so, ich war anwesend, aber unter echter Hilfe verstehe ich das eigentlich nicht«, sagte er mit ernster Miene, er sprach weiter, »es liegt mir ja vollkommen fern, sie ausfragen oder bedrängen zu wollen. Sollten sie meine Unterstützung benötigen, dann zögern sie bitte nicht, mich anzusprechen, ich verspreche Ihnen, für sie da zu sein!«


»Das ist wirklich sehr nett von ihnen, ich werde es mir merken, wenn ich etwas brauche, werde ich darauf zurückkommen, ganz sicher!«, sie machte jetzt einen ziemlich müden und erschöpften Eindruck.

»Ich werde ihnen jetzt mal rasch Tabletten von der Rezeption besorgen, die sollten sie nehmen. Eine Mütze voll Schlaf wäre jetzt sicherlich auch nicht das Verkehrteste. Morgen sieht die Welt dann wieder ganz anders aus, glauben sie mir!«

»Sie haben wahrscheinlich völlig Recht, ich werde Ihren Rat befolgen, seien sie mir bitte nicht böse, weil ich ihnen den Abend verdorben habe. Ich bin tief in ihrer Schuld!«


»Das mit der Schuld vergessen Sie ganz einfach. Aber gut, Einsicht ist ja der beste Weg zur Besserung, ich gehe jetzt gleich nach unten. Besorge Ihnen die Tabletten. Inzwischen legen Sie sich bitte hin. Ich nehme den Zimmerschlüssel mit, dann brauchen Sie nicht mehr aufzustehen, ist das in Ordnung?«, Alex nahm den Schlüssel und stand auf.

»Ist gut, danke!«, sie versuchte ein Lächeln, es sah etwas gequält aus.


Alex hatte Glück. An der Rezeption eine junge Frau, verstand sein Problem sofort und gab ihm aus einem Vorrat von verschiedenen Schmerztabletten, die Magen schonenden und schnell wirksamen. Mit dem Rat die in Wasser aufzulösen, damit die Wirkung schnell erfolgen könnte. Alex begab sich wieder in den 3. Stock, öffnete leise die Tür, Sibylle war inzwischen brav ins Bett gegangen und befand sich anscheinend im Halbschlaf. Er löste die Tabletten auf und flößte ihr die Flüssigkeit ein. Er richtete noch die Bettdecke, gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn,

»Schlafen Sie gut, Sibylle, wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich einfach an, gute Nacht!«



Sie quittierte seine Worte mit einem Nicken und drückte dankbar ganz fest seinen Arm.

»Ich gehe jetzt, Ihr Schlüssel liegt auf dem Tisch, ich werde Sie in Wien anrufen! Ist das OK?«

Sie hauchte leise schon fast im Schlaf,

»Ja, Alex ist gut, ich danke Ihnen vielmals. Bitte verzeihen Sie mi ...«


Alex hatte den Eindruck, dass eine Erschöpfung sie jetzt vollkommen umfangen hatte. Er schlich sich auf leisen Sohlen aus dem Zimmer, schloss die Tür sanft hinter sich. Nahm sich ein Taxi und fuhr in sein Hotel. Dort angelangt betrat er die Empfangshalle. Auf der Wanduhr über der Rezeption sah er die Zeiger auf 1.00 Uhr stehen. Im Haus herrschte überall Ruhe. Nur an der Rezeption brannte gedämpftes Licht. Er ging hin, um seinen Schlüssel zu holen, drückte die Klingel am Pult, aus dem Büro erschien Cindy. Sie lächelte ihn an, reichte ihm seinen Schlüssel.

»Cindy, Sie hier?«, fragte er erstaunt.


»Ja ich! Heute Nacht muss ich nämlich auch noch Nachtdienst schieben, der Nachtportier ist krank geworden und alle anderen haben sich gedrückt, was soll's, c'est la vie!«, sie grinste dabei und schien trotz der vorgerückten Zeit, dennoch in bester Laune zu sein. Lächelnd erklärte sie, »Aber die Sache ist ja halb so schlimm, gegen 3.00 Uhr schließe ich den Eingang ab, dann läuft nur mehr alles übers Telefon. Meistens ist um diese Zeit ohnehin nichts mehr los, den Schlüsseln nach sind sowieso schon alle Gäste im Haus!«


»Sie haben aber auch kein leichtes Geschäft!«, meinte er mitleidsvoll.

»Welches Geschäft ist heutzutage schon leicht? Zudem mache ich es hier ohnehin nicht mehr lange, Sie wissen ja, warum! Übrigens, sind sie in Ihren Überlegungen schon weiter gekommen?«

Alex räusperte sich. Sie sprach gleich weiter, »Nun ja, wir hatten ja vereinbart, dass sie mir spätestens vor Ihrer Abreise noch Bescheid geben, daran halte ich mich natürlich. Möchten sie vielleicht noch etwas wissen, das ihre Entscheidung beeinflussen könnte?«


Alex sah sie an, er sagte sich, die Kleine geht es aber wieselflink an und lässt überhaupt nicht locker. Diese hartnäckige Zielstrebigkeit gefiel ihm, ja imponierte ihm sogar. Er sagte, »Eigentlich, wenn ich es mir so richtig überlege, haben sie mir in Ihrer unkonventionellen Art, alles gesagt, was ich für eine Grundsatzentscheidung brauche. Daher sage ich ihnen jetzt und hier, dass einer Zusammenarbeit nichts im Wege steht!« Er staunte plötzlich über sich selbst, wie leicht ihm diese Worte fielen, es schien ihm, dass diese Entscheidung ad hock aus dem Bauch kam. Cindy schien im ersten Moment ebenso überrascht, wie er bemerkte, doch sie überspielte diese Phase aber rasch,

»Herr Rathey, ich freue mich wirklich, dass sie das jetzt sagen. Also, willkommen an Bord!«, sie reichte ihm die Hand über das Rezeptionspult hinweg, er erwiderte ihren Händedruck.


»Cindy, ich freue mich auch. Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht, glauben sie mir! Aber ich finde sie richtig! Bleibt uns also, nur mehr die Details festzulegen, haben sie sich da schon etwas überlegt?«

Er sah sie fragend an.

»Ja, Herr Rathey, ich hatte ja gut einen Monat Vorbereitungszeit, wo ich mit Marc, hmm, ich meine mit dem Kapitalgeber zusammen den genauen Plan aufs Papier gebracht habe. Mittlerweile sind es ja schon zwei volle Ordner geworden. Wir beide, werden dann gemeinsam, die Punkte unserer zukünftigen Zusammenarbeit durchgehen und festlegen, ja?«


»Es freut mich zu hören, dass das Projekt, schon soweit gediehen ist, zumindest auf dem Papier«, sagte er irgendwie beeindruckt,

»Mir scheint auch Ihr „Boss“ hat mit ihnen einen ausgesprochen guten Fang gemacht!«

»Ich glaube nicht nur mein Boss, ich meine, auch ich habe mit ihnen einen guten Fang gemacht!«, sagte sie belustigt, »Sie wissen ja, wie ich's meine!«

»Ja, an mir soll es nicht liegen, ich jedenfalls freue mich, dass aus unserer damaligen Zusammenkunft mehr geworden ist, als nur eine flüchtige Begegnung in einer gewissen Ebene!«, er sagte es mit dem Brustton der Überzeugung.

Cindy lachte auf, grinsend sprach sie,


»Wissen sie Herr Rathey, das war damals eine ganz andere Zeit. Es waren auch ganz andere Umstände. Aber eines ist doch ganz sicher, hätte es die nicht gegeben, würden wir zwei, heute Nacht nicht hier stehen!«, sie blickte ihn plötzlich ganz ernst an.

»So gesehen, haben Sie ja völlig recht!«, erwiderte er ruhig und überlegt, wie er meinte.

»Ich habe hinten im Büro, im Kühlschrank, eine Flasche Champagner aller erster Güte für ganz besonderen Anlässe. Wir sollten die jetzt köpfen und auf unsere zukünftige gute Zusammenarbeit anstoßen! Was meine sie?«, sie sah ihn erwartungsvoll an.


»Gut! Ich bin dabei!«, meinte er trocken.

Sie kam mit der Flasche aus dem Büro. Alex öffnete sie wie ein Profi. Der Champagner perlte in den Gläsern, die angenehm hell klangen, als sie die aneinanderstießen.

»Prost! Herr Rathey, ich bin wirklich froh über ihre Zusage, auf gute Zusammenarbeit!«

»Zum Wohl! Cindy, auf unsere zukünftige erfolgreiche Zusammenarbeit!«

Das Telefon im Büro läutete. Alex sagte,

»Ich werde sie jetzt Ihrem Schicksal überlassen, sie verstehen, ich bin etwas müde, hatte ja einen ziemlich turbulenten Tag heute!«


»Ja, das verstehe ich, gute Nacht! Schlafen Sie gut! Ich melde mich bei Ihnen!«

Sie lief ins Büro, hob den Hörer ab. Alex ging in sein Zimmer, warf die Sachen auf einen Stuhl und fiel ziemlich müde ins Bett. Vom Champagner fühlte er ein leichtes Sodbrennen, anscheinend vertrug er sich nicht mit dem Fisch, den er ja gegessen hatte.


Er lag dann noch eine Weile wach aber müde da. Dachte die Ereignisse noch einmal durch und schlief dann mit dem Gefühl ein, vielleicht doch die richtige Entscheidung getroffen zu haben.


19. Kapitel


Alex war dann nach diesem ereignisreichen, aufregenden Wochenende wieder pünktlich bei Baumann. Er begann seine Tätigkeit und Organisation dort noch einmal genau zu überdenken. Er wollte seinen Abgang bei Baumann so vorbereiten, dass das Geschäft auch ohne ihn so weiterlief wie bisher. Er fühlte sich irgendwie dazu verpflichtet Baumann keinen Schaden zu verursachen, denn der hatte ihn ja auch in schlimmen Zeiten nicht im Stich gelassen.


Vorerst wollte er die ganze Entwicklung noch für sich behalten, denn es würden bestimmt noch einige Monate vergehen, bis er zum neuen Team stoßen würde. Cindy hatte ihm bei der Verabschiedung am Morgen, im Hotel noch gesagt, dass er frühestens in vier Wochen einen genauen Aktionsplan bekommen könnte. Solange würde es ganz sicher dauern, bis alle amtlichen Wege, zur Betriebsgründung und zur Gründung des Sportbereiches erledigt sein würden. Laut Plan wäre der Hauptsitz des österreichischen Unternehmens, nach den Wünschen des Kapitalgebers, in Wien. Sie waren so verblieben, dass er, sobald das Unternehmen gegründet sei, in die Lohnliste aufgenommen und ab diesem Zeitpunkt auch sein Gehalt bekommen würde.


Cindy versprach auch, ihn zwischendurch über den Stand der Dinge am laufenden zu halten. Seit Susis Abreise, waren inzwischen neun Wochen vergangen, Alex saß in seinem Büro und verrichtete Schreibarbeiten, gegen 14 Uhr, er wollte gerade in die Halle gehen, läutete das Telefon, er hob ab,

»Alexander Rathey, am Apparat!«

»Hallo Alex! Ich bin’s Susi! Wie geht es dir?«

»Hy, Susi! Ja eh ganz gut, und wie geht es dir?«


»Ich bin ziemlich geschlaucht vom langen Flug, bin ja gerade in Frankfurt gelandet, ich nehme dann die Abendmaschine nach Hörsching, die landet um 23 Uhr, kannst du mich abholen?«, ihre Stimme klang durch die Leitung etwas fern und zugleich müde.

»Ist doch kein Problem, ich werde pünktlich am Flughafen sein!«

»Du bist ein Schatz Alex! Ich freue mich auf ... dich! Aber, bitte, nimm, meinen Wagen, der steht ja ohnehin bei euch, ich habe nämlich, eine Menge Gepäckstücke, es ist auch etwas für dich dabei!«


»Wirklich? Was denn?«, wollte er neugierig wissen.

»Überraschung», rief sie lachend, flüsterte aber dann, »also, bis heute Nacht! Ich freue mich so auf dich! Ich habe dir ja so viel zu erzählen! Servus Alex!«

»Also, dann bis später Susi!«, er legte auf und dachte sich, na denn prost! Wie fädle ich das jetzt am besten ein, wenn sie jetzt die Neuigkeiten erfährt und dann auch noch dazu, dass ausgerechnet Cindy mit von der Partie ist, das auch noch in einer Schlüsselstelle. Das wird aber einiges an Brisanz in sich bergen. Da musst du äußerst geschickt agieren, sonst wirst du den Knall nicht aushalten.


Alex war dann auch pünktlich am Flughafen. Auf der Anzeigetafel sah er, OS 407 erwartet, 22.45, gut dachte er sich, jetzt ist es 22.30 Uhr, die Maschine ist überpünktlich und sicher schon im Anflug. Er postierte sich am Passagierausgang, rückte seinen Strauß rote Rosen immer wieder zurecht, er kam sich damit schon irgendwie komisch vor. Der Strauß war protzig, ja beinahe unförmig, er fühlte die Blicke der Leute wie Nadelstiche auf sich.


Manche Männer grinsten auch hämisch. Er hielt es einfach nicht mehr aus, zupfte aus dem Strauß neun langstielige Rosen heraus, die er behielt. Den Rest gab er einer Reinigungsfrau, die gerade die Halle aufkehrte. Die wusste im ersten Moment gar nicht, wie ihr geschah und bedankte sich aber dann überschwänglich. Ein Gong Zeichen ertönte, eine Lautsprecherstimme sprach, Austrian Airlines Flug OS 407 soeben gelandet!


Gut fünfzehn Minuten später, kamen die ersten Fluggäste in die Halle. Die meisten waren Geschäftsleute, die lediglich Handgepäck bei sich hatten und eilig dem Ausgang zustrebten. Seine Erwartung wurde intensiver, als danach erste Passagiere mit Gepäckwagen erschienen. Darunter war auch Susi, sie schob einen Gepäckwagen beladen mit einer Unzahl von Gepäckstücken. Alex ging ihr gleich entgegen. Sie ließ den Wagen einfach stehen, als sie ihn erblickte.


Lief sie ihm entgegen, sprang ihn an, fast wie eine Tigerkatze. Er hatte große Mühe nicht umzufallen. Sie küsste ihn stürmisch und verlangend, ungeachtet der Passanten, stammelte sie ihm ins Ohr,

»Alex, Alex! Ich bin ja so glücklich, wieder bei dir zu sein! Neun Wochen ohne dich war die reinste Hölle!«


Er genierte sich ein bisschen so vor allen Leuten, andererseits fühlte er sich schon geschmeichelt.

»Hier für dich, für jede Woche eine!«, er hielt ihr die Rosen hin.

»So schöne Rosen! Dazu noch Rote! Danke dir!«, sie strahlte ihn an, hielt aber plötzlich inne, ihr Ausdruck wurde auf einmal sehr nachdenklich. »Du hast mir doch noch nie Blumen geschenkt! Komisch! Alex was ist denn mit dir los?«, ihre grünen Augen sahen ihn irgendwie stechend an.


»Gar nichts ist los! Ich weiß du liebst doch Rosen! Darf ich dir denn keine Freude machen?«, antwortete er mit Unschuldsmiene.

»Natürlich das schon! Aber dafür musst du doch keine Blumen kaufen!«, sie schnupperte an den Blumen, ihr Blick war immer noch fragend.

»Ich dachte, du freust dich darüber, du hast mir ja so gefehlt! Die Rosen sollten meine neuen Wochen Sehnsucht symbolisieren, verstehst du?«, er streichelte zärtlich ihre Wange und sprach weiter, »komm lass uns endlich von hier verschwinden, ich möchte dich nämlich zum Abendessen einladen, ich dachte, wir fahren zur Donau zu einem guten Fischrestaurant, willst du?«, fragte er mit sanfter Stimme.


»Oh ja, das ist eine gute Idee! Ich habe zwar im Flugzeug etwas gegessen, es war sogar sehr gut, es gab Roastbeef, aber bei Fisch kann ich einfach nicht widerstehen, wie du ja weißt!«

Alex bat dann im Lokal, das sehr rustikal eingerichtet war, den Ober um zwei ruhige Plätze. Überall hingen Netze und allerlei Fischereigegenstände. Es war hier eigentlich ganz gemütlich im Kerzenschein zu sitzen und all die Dinge zu betrachten, fand er. Susi studierte gerade die Speisekarte, er hatte schon gewählt, Krabbencocktail und Zander mit Petersilienkartoffeln. Sie schwankte noch zwischen Hecht oder Wels, entschied sich aber dann doch spontan für passierte Fischsuppe und Hecht gebacken mit Salat.


Während Susi noch nach einer Nachspeise suchte und der Kellner schon am Stand zu zappeln begann, sah sich Alex noch ein wenig die Gäste an. Drei Tische weiter entdeckte er plötzlich, Dr. Ransmayer der allerdings mit dem Rücken zu ihnen saß, ihm gegenüber ein junges blondes Mädchen. Alex zuckte innerlich zusammen, auf den aller ersten Blick hätte man sie ja ohne Weiteres für Cindy halten können. Bei genauem Hinsehen war sie es aber nicht, Gott sei Dank, dachte er sich. Sie schien um etliche Jahre jünger aber absolut der gleiche Typ. Alex schätzte sie auf höchstens süße achtzehn.


Ransmayer scherzte händchenhaltend mit ihr. Sie kicherte und lachte zwischendurch. Na super! Dachte er sich, der Doktor in voller Aktion, hoffentlich entdeckt er uns nicht, sonst werden wir ihn hier nicht mehr los. Zum Glück saß Susi ebenfalls mit dem Rücken zu ihm. Die Bestellung war nun endlich getätigt, der Ober ging. Alex ergriff Susis Hände, lächelte sie an,

»Sag, wie ist es dir eigentlich in der ganzen Zeit drüben ergangen?«


»Ach Alex, wenn ich dir das jetzt alles erzähle, sitzen wir Weihnachten noch hier. Ich werde dir alles berichten, aber später einmal. Lass mich jetzt erst so richtig genießen, dass ich wieder hier bei dir bin!«, sie sah ihm mit einem verheißungsvollen Blick liebevoll in die Augen.

»Ok, das verstehe ich, wie fühlst du dich denn so nach einer langen Reise?«, er drückte zart ihre Hände.


»Eigentlich gar nicht schlecht, die Müdigkeit kommt und geht wieder, momentan ist sie gerade weg. Ich fühle mich eigentlich sehr gut, weil du ja bei mir bist!«

Die Vorspeisen wurden serviert, genüsslich löffelte Susi ihre Suppe, er stocherte in den Schrimps herum und sah dabei, wie der Doktor gerade die Rechnung beglich, gottlob, dachte er sich. Wenn der uns jetzt beim Hinausgehen nicht bemerkt, ist ja alles in Butter, wenn nicht dann gute Nacht Marie!


Die Hauptspeisen kamen und sahen sehr appetitlich aus, sie dufteten auch so, Susi war gleich hellauf begeistert. Gerade in dem Augenblick ging Ransmayer mit seiner neuen „Flamme“ vorbei und schäkerte immer noch mit ihr. Er war dabei so in seine Sache vertieft, dass er sie beide gar nicht wahrnahm. Einerseits schade, dachte sich Alex, es wäre bestimmt schon sehr interessant gewesen, zu hören wie der „Gute“ die Trennung von Cindy erklärt hätte.


Doch höchstwahrscheinlich hätte er darüber überhaupt nichts gesagt, denn im Beisein der Nachfolgerin wäre das ja sicher gar nicht so passend gewesen. Ich hätte ihn wohl schon so richtig ausfragen müssen, sagte er sich. Andererseits wäre das Thema „Cindy“ ja auch für ihn ein heißes Eisen gewesen, das im Moment sicher sehr entbehrlich war. Also widmete er sich wieder seinem Fisch und kämpfte sich durch die vielen kleinen Gräten. Susis Hecht musste ja ein Riesenexemplar gewesen sein, denn sie hatte nur ganz große Gräten am Teller.

»Was machen wir denn nach dem Essen?«, wollte er dann wissen.

»Wir könnten zu mir fahren und es uns dort gemütlich machen, außerdem musst du, ja noch deine Überraschung auspacken!«


Alex parkte den Wagen in der Garageneinfahrt vor Susis Haus.

»Lass bitte alles Gepäck hier, ich werde es Morgen in aller Ruhe ausladen, wir brauchen jetzt nur diese drei Stücke da!«, sie deutete auf zwei Koffer und ihr Beauty-Case. Alex packte die Sachen und trug sie ins Haus. Susi legte einen Koffer davon auf den Teppich,

»So, jetzt machst du bitte den mal auf, da ist nämlich die Überraschung drin!», sie blickte ihn sehr erwartungsfroh an.


Er kniete sich hin, öffnete die Verschlüsse ganz langsam, sehr langsam, am liebsten hätte er sie aber gleich ganz abgerissen, so neugierig war er.

»Nun Mach schon, Alex!«, rief sie ungeduldig und grinste dabei, sodass ihre Augen funkelten.

Alex öffnete den Koffer, schloss den Deckel sofort wieder, um ihn dann schnell endgültig zurück zuklappen. Zum Vorschein kamen verschiedene Päckchen größere und kleinere, darunter auch ein quadratisches. Er nahm alles heraus und reihte alles neben dem Koffer auf, es sah gleich aus wie in einem Lagerraum. Susi rückte sich einen Fauteuil heran und setzte sich im Türkensitz drauf, zündete sich eine Zigarette an und verfolgte all seine Bewegungen aufmerksam. Alex öffnete ein kleines Paket und hielt eine lange Unterhose hoch, sie war flauschig, weich und griff sich gut an. Stutzig blickte er zu Susi,


»Ist wohl für einen strengen Winter?«

Sie grinste über das ganz Gesicht,

»Mach doch erst mal weiter!«

Im nächsten Päckchen kam ein Unterhemd mit langen Ärmeln, zum Vorschein, ebenso weich und flauschig. Das nächste Paket größer und schwerer, enthielt einen Rennoverall, der aus massivem gesteppten Material bestand und sich einigermaßen schwer anfühlte.

»Susi! du bist ja verrückt! Was das kostet!«

»Ja, du hast ganz recht, ich bin verrückt! Aber nach dir! Schau alle Sachen sind feuerfest, ich will ja nicht, dass dir etwas passiert!«


Inzwischen hatte er alles ausgepackt, zwei Garnituren Rennoveralls, drei Garnituren Unterwäsche, zweimal Kopfschutz, zwei paar Rennhandschuhe, dazu leichte Fahrerschuhe, einen massiven Sturzhelm und alle wichtigen Kleidungsstücke waren mit seinem Namen bestickt. Er war überwältigt und freute sich sehr. Sie blickte voller Stolz und erklärte,

»Diese Ausrüstung kommt aus einer Fabrik, die für die Rennen von Indianapolis fertigt, dort tragen alle Fahrer solche Sachen, die entsprechen nämlich den neuesten strengen Sicherheitsbestimmungen, toll was?«


»Ich bin sprachlos!», er blickte etwas verzweifelt und trotzdem glücklich vor Freude.

»Komm probiere mal einen an, ich möchte wissen, ob dir auch alles passt!«

Er nahm eine Garnitur und wollte damit hinaus gehen, sie hielt ihn zärtlich zurück und lachte, »Nein, nein! Nicht doch! Striptease, bitte hier bei mir, der Herr!«

»Aber...«

»Nix aber, seit sechs Wochen habe ich mir dies gewünscht, drei Wochen dauerte ja die Produktion, jetzt will ich es endlich sehen!«, sie zog ihn langsam vollkommen nackt aus, warf, seine Sachen ziemlich achtlos auf den Boden, reichte ihm ein Stück nach dem anderen, das er dann anzog. Alle Sachen passten genau, ebenso der Helm. Alex bekam plötzlich Hitzewallungen in den Sachen, sie waren nicht nur feuerfest, sondern auch ziemlich eng anliegend.


»Schaust damit wirklich ganz toll aus. Wenn du damit einmal auf dem Würfel stehst, mit der eins drauf, werden die Frauen unten reihenweise in Ohnmacht fallen, das sage ich dir schon jetzt!«

Er ging auf sie zu, nahm den Helm ab, umfasste sie, hob sie hoch und küsste sie leidenschaftlich, »Susi! Ich danke dir!«


»Du schwitzt ja! Sind die Sachen zu eng? Zu unbequem?«

»Nein, es ist einfach nur die Aufregung! Die Freude! Unser Wiedersehen! Einfach alles!«

Sie begann ihn ganz langsam Stück für Stück wieder auszuziehen, dann zogen sie sich langsam, doch immer schneller werdend gegenseitig aus.

Der Morgen graute schon und erste Lichtstrahlen schienen durchs große Fenster ins Schlafzimmers. Alex lag gemütlich im Bett, neben ihm lag Susi. Sie schlief noch und hielt ihn umschlungen, er sah ihre entspannten Gesichtszüge, ihre wohlgeformten Brüste hoben und senkten sich bei ihren tiefen Atemzügen.


Er wand sich vorsichtig aus der Umklammerung, er wollte sie ja nicht wecken, deckte ihren nackten schönen Körper nur mit dem Bettlaken behutsam zu. Sie murmelte zwar etwas dabei, was er aber nicht verstand, dann schlief sie weiter. Er ging in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an, holte sich aus dem Badezimmer einen Bademantel und bereitete alles für ein Frühstück vor, stellte dann alles auf ein Tablett. Gab noch die Rosen in eine Vase, wobei er eine abbrach und sie in einem Glas mit aufs Tablett stellte. Er jonglierte mit dem Tablett zurück ins Schlafzimmer.


Susi lag anscheinend im Halbschlaf, wie er meinte, auf dem Rücken, er goss Kaffee in eine Tasse und hielt sie ihr vor die Nase. Sie rümpfte die Nase, sog den Kaffeedunst ein, zumindest tat sie so, sie blinzelte aber mit einem Auge, dann musste sie lauthals lachen,

»Alex du bist ja so lieb, das Frühstück zu machen, hättest aber nicht müssen, ich hätte es schon selbst gemacht!«

Sie nahm die Kaffeetasse und nahm einen Schluck, »Hm ..., gut! Das belebt mich, ich bin schon seit einer viertel Stunde wach. Insgesamt habe ich vielleicht nur zwei Stunden zwischen durch geschlafen, du auch?«


»Weiß ich nicht, ich schaue doch nicht auf die Uhr dabei!«, erwiderte er leicht matt.

Sie streichelte liebevoll über seine Haare, »Entschuldige, so meinte ich das nicht!« Alex nippte an seiner Tasse, sie strich zwei Brötchen und gab ihm eines,

»Alex, ich habe da noch etwas vergessen, gibst du mir bitte mal die Handtasche rüber?«

Er drehte sich zum Nachttisch, zog die Tasche herüber und gab sie ihr. Sie suchte darin herum und zog ein kleines Etui heraus, »Hier für dich! Ein Talisman! Der soll dir immer Glück bringen!«, sie reichte ihm eine goldene Armkette, an der ein gebogenes Plättchen befestigt war, auf dem war sein Name eingraviert, dazu die Blutgruppe A positiv.


»Sehr schön, gefällt mir sehr gut, wirklich, danke Susi, aber woher, weißt du, eigentlich meine Blutgruppe?«

»Tja, kollegiale Hilfe, ich habe hier im Krankenhaus angerufen und deine Akte ausheben lassen, war ja ganz einfach für mich!«, sie legte ihm die Kette um das Handgelenk und drückte den Verschluss zu,

»Sieht doch gut aus? Hoffentlich brauchst du nie die Blutgruppen Gravur!«


Er gab ihr einen sanften Kuss, »Du bist wirklich ein verrücktes Huhn, Susi, so viel Geld für mich auszugeben und ich komme nur mit neun neppichen Rosen!«

»Huhn und verrückt, stimmt schon, aber nach meinem Hahn!«, sie schob plötzlich das Tablett beiseite, zog das Laken von ihrem Körper und setzte sich auf ihn. Sie beugte sich zu seinem Gesicht vor und flüsterte ihm zu,

»Alex du gibst mir soviel, das man mit Geld eigentlich nie bezahlen kann, Glück, Geborgenheit, Zuneigung und viel Verständnis!«

»Ist doch wohl selbstverständlich!«


»Das sagst du, ich sage, es ist gar nicht so selbstverständlich. Schau dich doch einmal genau um, wie viel unglückliche Menschen mit frustriertem Gesicht herumlaufen!», sie strich ihm zart über das Gesicht, »Ich bin ja so froh, dass ich dich habe und das wir uns so gut verstehen!«

Er küsste sie lange und inniglich.


Als Alex dann wieder bei Baumann war, bat er ihn gleich um ein Vieraugengespräch,

»Herr Baumann, ich möchte Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich in Zukunft eine andere Arbeit machen werde, dazu ist es erforderlich, dass ich meinen Posten bei Ihnen aufgebe!«

Der alte Baumann sah ihn gleich sehr verwundert an, »Alex, ist hier etwas nicht in Ordnung? Etwa wegen der Bezahlung?»

»Überhaupt nicht, Herr Baumann, es ist alles in Ordnung, es tut mir ja auch leid, von Ihnen gehen zu müssen, glauben Sie mir. Aber ich habe ein Angebot bekommen, das ich einfach nicht ausschlagen konnte!»


Baumann schien zu tiefst erschüttert, anscheinend konnte er es einfach nicht fassen, verdattert fragte er, »Alex, Sie haben sich das auch wirklich gut überlegt?«

»Ja, Herr Baumann, ich habe es mir gut überlegt, ich werde diese neue Chance auf jeden Fall wahrnehmen. Noch bin ich ja nicht weg. Ich werde aber alles tun, damit die Arbeit auch ohne mich so weitergeht, wie bisher.

Ich bin Ihnen das einfach schuldig. Sie waren ja immer gut zu mir, ich vergesse so etwas nicht. Ich bitte Sie auch niemandem etwas zu sagen, ich möchte die Leute selbst informieren.«


Baumann schien platt, wie eine Flunder, so kam es Alex vor. Der Alte sagte,

»Gut, ich werde es für mich behalten. Sie können sich auf mich verlassen, trotz allem sage ich Ihnen noch, sollte irgendetwas schief gehen bei Ihrer neuen Tätigkeit, bei mir ist immer ein Posten für Sie frei!«

»Danke, Herr Baumann, ich werde es nicht vergessen.«

Alex drückte dem Alten die Hand, der klopfte ihm väterlich auf die Schulter und sah ihn traurig an, als er von ihm ging.


Uff, dachte sich Alex, jetzt ist es endlich raus, war gar nicht leicht, dem alten Mann diese bittere Pille verpassen zu müssen.

Jetzt nach dem Gespräch war ihm etwas wohler, vor der Zusammenkunft hatte er, doch ziemlich Bauch flattern gehabt. Alex wunderte sich, dass er Paul nirgends gesehen hatte, er erfuhr dann, dass der sich ein paar Tage Urlaub genommen hatte. Alex nutzte nun die Zeit, um in seiner Abteilung alles so zu richten, dass er eigentlich gar nicht gebraucht wurde.


Seine Leute hatten alles im Griff, schien ihm, das Geschäft lief eigentlich ganz gut, auch Baumann war zufrieden.

Alex kam erschöpft nach Hause, richtete sich etwas zu essen her. Spielte mit seiner 'Sissy', als gegen 9 Uhr abends, ein Telegramm Bote zu ihm kam und ihm eine Nachricht aushändigte. Alex öffnete ganz neugierig das Papier, er las:

Herr Rathey, Betriebsgründung amtlicherseits abgeschlossen Stopp Arbeiten zur Gründung Rennstall laufen auf Hochtouren Stopp Termin zur Vertragsunterzeichnung mit Ihnen folgt demnächst Stopp viele Grüße Cindy.


Alex drehte das Papier und fand als Absender, ein Wiener Postamt. Aha, dachte er sich, die Ereignisse überschlagen sich jetzt, die gute Cindy war also schon in Wien, entweder nur kurz oder sie hatte sich dort schon etabliert. Er sagte sich, ich werde sie Morgen ganz einfach mal in Salzburg anrufen und mich erkundigen.

Nächsten Tag rief er dann im Hotel an, dort teilte man ihm mit, dass sie aus den Diensten des Hauses schon ausgeschieden sei. Man gab ihm eine Wiener Nummer, unter der sie erreichbar wäre. Er dachte sich, die Kleine geht ja ran wie „Blücher“, das imponierte ihm sogar sehr.


Im Laufe des Tages ging er einmal zu Renate und bat sie, seine abgegebenen Nennungen bis zum Ende der Saison zu stornieren. Er hätte sich fest dazu entschlossen, die aus finanziellen Gründen auszusetzen. Renate sah ihn ganz erstaunt an, ja, es wäre eben so, rechtfertigte er sich, er hätte eben einen finanziellen Engpass. Die bisherigen Kosten hätten sein Budget gesprengt und Schulden für den Rennsport kämen für ihn überhaupt nicht in Frage.


Zudem war er ja äußerst gespannt, was dabei herauskäme. Denn wenn sie nicht „dicht“ hält, weiß es dann innerhalb kürzester Zeit sicher jeder im Klub. Das wäre ihm zwar egal, aber interessant wären die einzelnen Reaktionen schon, dachte er sich und war darauf schon gespannt wie eine Bogensehne. Er arbeitete also schon eifrig in die Richtung seiner neuen zukünftigen Aufgabe. Trotzdem war er noch völlig ratlos, wie und vor allem wann, er Susi von dem Ganzen in Kenntnis setzen sollte. Er dachte sich, dass wohl kein Weg daran vorbeiführen könnte, ihr reinen Wein einzuschenken.


Doch müsste es eben zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, sagte er sich. Wie das Leben so spielt, kam der dann auch schneller, als er es eigentlich erwartete und obendrein mehr oder minder ganz von alleine, wie er merkte. Susi besuchte ihn einmal in seinem Büro. Sie ließ gerade ihren Wagen waschen. Unter dem Vorwand, sie wolle einmal die neue automatische Waschanlage ausprobieren, die Baumann auf seinen Rat hin angekauft und installieren ließ. Sie schien ihm, nicht sehr gut aufgelegt und begann das Gespräch, als sie sagte,

»Alex! Warum sagst du mir eigentlich nichts?«


»Was soll ich dir denn sagen?«, er blickte sie fragend an.

»Es pfeifen doch bereits alle Spatzen von den Dächern, dass du keine Rennen mehr fahren kannst, weil du jetzt vollkommen Pleite bist!«

»So, so, und ich sage dir, dass beides, nicht stimmt», antwortete er bestimmt, »dass ich nicht wohlhabend bin, weiß schließlich jeder, ist ja kein Geheimnis, daraus habe ich auch nie ein Hehl gemacht. Dass, ich keine Rennen fahren kann und will ist aber ein absolutes Märchen. Ich werde sehr wohl weiterhin fahren!«

»Wie soll ich denn das jetzt verstehen?«, wollte sie wissen und sah ihn ernst an.

»Ganz einfach, die Umstände, unter denen ich in Zukunft fahren werde, werden eben ganz andere sein!«


»Und was bedeutet das jetzt im Klartext?«, ihre Miene verfinsterte sich.

»Das heißt, ich werde die Rennfahrerei zu meinem Beruf machen. Zu einem richtigen Beruf, also „Full time“, wenn man so will. Ich habe es nämlich gelinde gesagt einfach satt, als Hobby Rennfahrer mit unzureichenden Mitteln weiterhin hinten herum zu krebsen und ab und zu eine Rosine zu erhaschen, die irgendwer übrig lässt.«


Alex, dachte sich, jetzt ist der Zeitpunkt, jetzt musst du auspacken, koste es, was es wolle. Das Renate doch getratscht hatte, war ihm ja jetzt sonnenklar und auch bewiesen, was soll's, damit hast du ja eigentlich fast hundertprozentig gerechnet.

»Ja und wie willst du denn das alles angehen?«, fragte sie mit neugierigem Blick.

»Susi, versetze dich einmal in meine Lage, du kennst ja meinen Werdegang. Nehmen wir einmal an, du würdest an meiner Stelle sein, wie, würdest du denn die Sache angehen?«


Sie schluckte und blickte ihn etwas unschlüssig an,

»Hm, du sagtest, Beruf – Fahrer – full time! Mensch Alex, mir dämmert es, du hast ein Angebot bekommen sicher als Werksfahrer? Sag bei wem?« Ihre Augen leuchteten plötzlich auf,

»Sag mal, wer steckt dahinter, wer hat denn dein Talent entdeckt?«

»Susi, wer dahinter steckt, kann und werde ich jetzt bestimmt nicht sagen, dazu habe ich mich verpflichtet. Du wirst das sicher verstehen, denke ich.


Dass es ein Angebot gegeben hat, ist eine Tatsache, du hast es ganz richtig erraten. Ob ich Talent habe, kann ich ja selbst nicht beurteilen. Aber ich habe zumindest den festen Willen gute Arbeit zu leisten, wie und wo auch immer!«, er sah sie ernst und forschend an. Sie machte ein sehr nachdenkliches Gesicht, sie schien jetzt geistig die Liste der Rennställe durchzugehen, von denen sie wohl annahm, dass Personalveränderungen an stünden, so kam ihm ihre Reaktion vor. Plötzlich sagte sie, »Alex, du hast mir doch versprochen ehrlich und fair zu mir zu sein, sag, findest du es wirklich fair, dass ich dich, immer ansprechen muss, um in deine Pläne eingeweiht zu werden?«


»Schau mal, du bist jetzt erst ein paar Tage aus den USA zurück, wir haben ein fulminantes Wiedersehen gefeiert, weil wir es ja auch so wollten. Meine jetzigen Bestrebungen und die damit verbundenen 'Problemchen' sind ja nicht gerade dazu geeignet, die Wiedersehensfreude zu fördern. Ich fand den Zeitpunkt einfach nicht passend. Ich wollte dich eben zum richtigen Zeitpunkt informieren. Das hier im Club immer gequatscht wird und die Dinge verzehrt und fehlinterpretiert werden, dafür kann ich ja nichts. Im Prinzip ist das ja eigentlich das unfaire Verhalten!«, er ärgerte sich jetzt und sah sie sehr ernst an, fügte noch schnell hinzu, »Ich verstehe eigentlich gar nicht, dass du immer auf zugetragene Hinweise so heftig reagierst. Ich sehe in meinem Verhalten dir gegenüber keine unehrliche, unfaire Absicht.«


Sie schwieg und hörte zu, als er weitersprach,

»Du solltest aber deiner Informationsquelle mal raten, demnächst besser zuzuhören und am besten auf eigene Fehlinterpretationen möglichst zu verzichten, ja?«

»Aber ...«

Er unterbrach sie unwirsch,

»Um dieses Thema jetzt endgültig abzuschließen, ich habe ja seinerzeit vor deiner Abreise einen Fehler begangen. Mich dafür sogar entschuldigt, dir versprochen, dich ehrlich und fair zu behandeln, daran halte ich mich! Aber erwarte bitte nicht, dass ich dir Dinge im Vorstadium, noch bevor ich selbst weiß, wie sie sich entwickeln, erzähle.


Das sind im Prinzip nur leere Kilometer und es bringt ja auch gar nichts. Wenn es Fakten gibt, werde ich dich rechtzeitig darüber in Kenntnis setzen!«, er wunderte sich plötzlich über sich selbst, über seine, wie er meinte kaltschnäuzige Art, wie er sie jetzt behandelte. Innerlich hatte er aber eine Riesenwut auf Renate, die anscheinend nichts Besseres zu tun hatte, als ihre Giftspritzen überall anzusetzen. Er nahm sich geistig vor, deshalb einmal ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen. Noch, bevor sie, womöglich 'ihre Version' über das Telefonat mit Sibylle, an den Mann oder Frau bringen würde.


Es kam ihm plötzlich in den Sinn, wenn er so rückblickend an die Kontakte mit Renate zurückdachte, dass sie sich ihm gegenüber, schon öfters irgendwie eigenartig verhalten hatte. Sie sah ihn manchmal sehr merkwürdig an, sprach sehr zweideutig, versuchte immer, irgendwie in näheren Körperkontakt zu kommen. Sie gab ihm viele verbale Hinweise über Zeiten, wo sie durch viele Abwesenheit ihres Mannes, alleine anzutreffen gewesen wäre. Alex hatte diese Signale zwar schon bemerkt, aber nie richtig aufgenommen.


Sie prallten an ihm ab, wie Regentropfen auf einem Palmblatt. Für ihn war Renate, die Frau des Klubchefs und somit tabu, sozusagen eine Art Arbeitstier, ein Teil des Klubs. Er sah eigentlich nie die Frau in ihr, sie war ja auch nicht unbedingt sein Typ. Nicht, dass sie hässlich wäre, aber besondere Attraktivität zeichnete sie aber auch nicht aus. Wenn er so richtig über sie nachdachte, könnte er bei ihr auch viele Fehler gemacht haben. Er hatte ihre Arbeitskraft, ihr Wissen und können genutzt, sich auch stets dafür bedankt, höflich und wie er meinte, auch nett, aber das war es dann auch schon immer gewesen! Ein richtiges Lob oder ein besonderes Zeichen seiner Anerkennung als Mensch und insbesondere als Frau, war ihm eigentlich nie eingefallen, soweit er sich erinnern konnte.


Mist, dachte er sich, da hast du vermutlich schon etwas falsch gemacht. Der kleinen Fotomaus kriechst du fast in den Hintern, obwohl wirklich wenig Veranlassung dazu besteht. Die andere, wenn auch graue Maus, lässt du einfach so ganz links liegen, obwohl sie schon so viel für dich getan hat. Er versprach sich die Situation mit Renate zu klären. Während ihm die Gedanken so durch den Kopf gingen, hatte er auf einmal ganz auf Susi vergessen, die ihn jetzt ziemlich böse anstarrte,

»Alex, du bist in letzter Zeit irgendwie so verändert, ich hatte es ja gleich nach meiner Rückkehr am Flughafen gespürt, das macht mir irgendwie Angst!«

»Angst? Wovor?«


»Ich kann es einfach nicht genau beschreiben, aber du bist eben ganz anders, wie am Anfang, als wir uns kennenlernten!«, sie blickte ihn irgendwie ratlos an. Jetzt versuchte er, ihre Gedanken zu erraten. Sah sie voll an, suchte aus dem Ausdruck ihrer grünen Augen, auch dem ihrer Mimik, irgendein Signal zu erhaschen, das ihm jetzt weiterhelfen könnte. Die Unterredung war ihm gar nicht angenehm. Erinnerungen kamen in ihm auf, immer wenn er eigene Ziele und Vorhaben anstrebte, folgten darauf prompt auf dem Fuß Hindernisse und Probleme.


Gerade damals in der Beziehung mit Claudia, war er dabei oft in großer Bedrängnis gewesen, jetzt schien es mit Susi auch in diese Richtung zu gehen. Damals ging er diesen Unannehmlichkeiten liebend gerne aus dem Wege. Immer gab er nach, ordnete seine Wünsche und Bedürfnisse, seine Interessen unter denen des Partners. Führte dann willig die Dinge aus, die man ihm suggerierte. Und wo, lieber Alex, hat dich das hingeführt? Dachte er sich, in einen Käfig, wo du wie ein Affe raus starrst. Claudia steckte dir ab und zu eine Banane oder ein Stück Zucker durch die Gitterstäbe. Susi öffnet von Zeit zu Zeit die Käfigtür, damit du deine Affendrüsen kräftig betätigen kannst und dabei irrsinnig aufpassen musst, dass du nicht einen neuen kleinen Affen zeugst.


Nein, das kann es wohl nicht sein! Und so wird es auch nicht sein! Käfig weg! Affe weg! Sagte er innerlich energisch zu sich selbst.

»Susi, es tut mir ja sehr leid, aber ich habe jetzt noch jede Menge zu tun, dein Wagen ist auch schon fertig, wie ich sehe. Ich muss außerdem mit Baumann dann gleich so einiges klären. Wenn du es willst, reden wir ein anderes Mal weiter, ja?«

»Heißt das jetzt, du wirfst mich jetzt einfach hinaus?«, sie fragte es forschend.

»Ach Susi, ich finde dich auch verändert. Ich hatte dir doch gerade gesagt, dass ich viel um die Ohren habe, warum willst du die Dinge so verkomplizieren, lass mich doch einfach meine Arbeit machen, ja?«


Plötzlich sprang sie auf und verließ ohne jedes weitere Wort sein Büro, gerade in diesem Augenblick läutete das Telefon, er hob ab,

»Alexander Rathey, grüß Gott!«

»Sibylle Schmidt, hier, schönen guten Tag Alex!«

»Ah, Sibylle! Wie geht es ihnen?«

»Eigentlich gut, gemessen an Salzburg, sogar ganz ausgezeichnet!«

»Freut mich ja das zu hören.«

»Alex, ich darf doch Alex zu ihnen sagen, oder? Ich habe eine interessante Neuigkeit, die könnte sie vielleicht sehr interessieren!«

»Ja, und die wäre?«


»Ich habe authentische Informationen, dass eine Organisation im Entstehen ist, ja bereits gegründet wurde, die in Zukunft einen Rennstall betreiben wird!«

Alex zuckte am Apparat leicht zusammen und antwortete,

»Interessant, und was hat das mit mir zu tun?«

Sibylle sprach langsam und in einem fast geheimnisvollen Tonfall,

»Rennställe brauchen doch wohl gute Fahrer, oder?«

»Nehme ich doch sehr stark an, Sibylle!«, antwortete er lauernd und konnte sich noch keinen Reim machen.


»Wenn sie es wollen, könnte ich ja Kontakt aufnehmen und mich für sie einsetzen. Soweit meine Informationen reichen, handelt es sich um ein internationales Projekt, mit großem finanziellen und wirtschaftlichem Hintergrund, wenn sie verstehen, was ich meine?«, ihre Stimme wurde leiser und noch geheimnisvoller.

»Klingt ja ausgesprochen gut, woher haben sie denn diese Kenntnisse?«, fragte er neugierig.


»Ach wissen Sie, nichts leichter als das, im Konzern mit unserem Verlag haben wir ja auch einen internationalen Wirtschaftsverlag, der Zugang zu wichtigen Wirtschaftsbelangen hat. Dieser Tipp ist ganz heiß, glauben sie mir!«

»Ganz toll, wie weit reichen ihre Informationen denn noch?«


»Unsere Leute haben den Vorgang recherchiert, sehr gründlich recherchiert, wissen sie? Man ist bei den Fachleuten zum Ergebnis gekommen, dass die besagte Organisation den Rennsport umkrempeln wird und das auch kann!«


»Tatsächlich, wirklich sehr interessant und wie soll das denn geschehen?«


»Ach Alex, das ist in kurzen Worten schnell erklärt, ich sage mal so, wenn ich, dem langen, mir vorliegenden internen vertraulichen Bericht der Fachkapazunder kurz interpretiere. Steht Folgendes geschrieben, Aussicht auf den ganz großen Erfolg, hat derjenige oder die Organisation, die über ungeheure Mittel verfügt, das beste Material, bestehend aus Mensch und Maschine einsetzen kann. Auch ungeachtet von vielleicht anfänglichen Misserfolgen. Im Klartext, diese Gruppe kann das, wird es sicherlich auch tun.


Die Mittel sind vorhanden und werden auch eingesetzt. Nicht einmal drei bekannte Autohersteller zusammen genommen, haben jetzt dazu das Potenzial und ein so großes Budget, vermutlich wollen die es aber auch zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht haben», sie sprach sehr eindringlich und führte weiter aus,

»Soweit unsere vertraulichen Informationen reichen, sucht man in personeller Hinsicht junge Leute, ambitioniert und formbar, die anfangs für gutes Geld mitmachen und aufgebaut werden sollen. Man will eben keine, bekannten 'Superstars' die für horrende Vertragssummen eingekauft werden müssten und dann doch saturiert nichts vorwärtsbringen, denen gibt man dort keine Chancen!«


Alex räusperte sich,

»Sibylle, glauben sie wirklich, das ist etwas für mich?«

»Ja, und ob, sie hätten gute Chancen, davon bin ich überzeugt!«, sprach sie euphorisch klingend.

Darf ich, mir das Ganze noch etwas überlegen und Ihnen dann später Bescheid geben?«, fragte er ruhig.

»Selbstverständlich, aber warten sie nicht lange zu, die Sache ist nämlich brandheiß! Natürlich sehr vertraulich! Diese Informationen gebe ich ja auch nur ihnen!«


»Ja gut, ich melde mich so schnell als möglich, Okay?«

»Ist recht, ich warte auf Ihren Bescheid. Auf Wiederhören Alex machen Sie es gut!»

»Danke ihnen für die Information, Sibylle, bis bald!«

Alex war etwas konsterniert und überlegte, die Welt ist doch klein, irgendjemand hatte einmal gesagt, nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch immer alles an die Sonnen, wie er sich erinnerte.


Alex griff zum Hörer, wählte eine Nummer, »Berger!«, hörte er, eine weibliche Stimme, die ihm fremd vorkam.

»Cindy? Sind sie es?«

»Ah, Herr Rathey!«, sagte sie freudig klingend, »gut dass sie anrufen, gerade wollte ich nämlich sie anrufen, muss wohl Telepathie sein!», sie klang plötzlich aufgekratzt und freundlich, »Es ist soweit, gute Nachricht, ich habe den Vertrag – Ihren Vertrag, jetzt auf dem Tisch vor mir liegen. Das Papier und ich warten auf ihre Unterschrift, wie wollen wir das Organisieren?«


»Hm, schlagen sie etwas vor!«, antwortete er mit heller Stimme.

»Können sie nach Wien kommen?«

»Ist doch kein Problem, wann soll das sein?«

»Wann sie wollen, am besten so schnell, wie möglich!«

»Ja gut, wie wäre es denn mit Morgen? Ich könnte ja den Zug nehmen, ich wäre dann um 14 Uhr am Westbahnhof, haben sie Zeit?«

»Ja, ist gut, ich hole sie dort pünktlich ab und wir erledigen alles, könnten sie zwei Tage bleiben? Ich würde ihnen gerne noch etwas Wichtiges hier in Wien zeigen!«

»Ist in Ordnung! Ich werde mir freinehmen und wir haben dann alle Zeit der Welt!«

»Fein, Herr Rathey, bis Morgen dann!«


»Auf Wiedersehen, Cindy!«, es knackte in der Leitung, er hörte das ’Besetzt Zeichen'.

Alex verließ den Schnellzug und ging mit seiner kleinen Reisetasche in die Halle des Wiener Westbahnhofes. Die große Uhr in der Bahnhofshalle stand auf 13.57 Uhr. Er sah sich um im Getümmel, der Menschen, die hastig herumliefen. Soviel er sich auch umsah, er konnte Cindy nirgends entdecken. Nun stand er da, fühlte sich wie ein verlorener Provinzbewohner im Getriebe der Großstadt. Das Gedränge war groß, Menschen fluteten hin und her, mittendrin klopfte ihm plötzlich jemand von hinten auf die Schulter.


Er drehte sich um, Cindy stand da und lachte ihn an,

»Hallo, Herr Rathey, warten sie schon sehr lange?«

»Grüß Gott, Cindy, eigentlich nicht!«, er sah auf die große Uhr, sie zeigte, 14.05. Cindy, fasste ihn unter und zog ihn vorwärts, »Kommen sie, dort draußen steht mein Wagen, wir fahren gleich ins Büro, erledigen dort das schriftliche, Ok?«

»Büro? Sie haben ein Büro hier?«, fragte er, während sie zum Vorplatz des Bahnhofes gingen.


»Ja, sie werden es ja gleich sehen, es ist gar nicht weit von hier», sie kramte in ihrer Handtasche und suchte ihre Autoschlüssel. Während sie vor dem Wagen standen, einem grell roten ganz neuen Mercedes 190 SL, mit Wiener Kennzeichen. Endlich hatte sie die Suche erfolgreich beendet. Als ein Polizist auf sie zukam, der tippte an seine Mütze und fragte, »Sind sie die Fahrzeuglenkerin von diesem Wagen?«

»Ja, warum?«


»Sie haben nämlich keine Parkscheibe eingestellt. Sie stehen hier in einer Kurzparkzone! Das macht jetzt 100, -- S Verwaltungsübertretung, Wollens gleich zahlen?«

Sie nickte, der Beamte griff in die Brusttasche holte einen Stift und einen Block hervor, begann umständlich zu schreiben. Alex meldete sich zu Wort,

»Aber, Herr Inspektor, die Dame hat mich soeben vom Zug abgeholt, es hat ja gar nicht lange gedauert!«


Der Polizist sah ihn schräg an, während er schrieb und sagte,

»Herns, des is ganz egal, wenn des a jeder machen tät, im übrigen mischen's ihnen ned in die Amtshandlung! Sonst kriagns a Anzeige verpasst!«

Cindy gab Alex einen leichten Rippenstoß,

»Lassen sie nur, er macht ja nur seine Arbeit!«, und hielt dem Polizisten den Schein hin. Dieser gab ihr den Strafzettel, nahm das Geld, tippte wieder an seine Mütze,

»Grüß Gott, die Herrschaften!«, und entfernte sich.


Cindy startete, während sie rückwärts aus der Parklücke fuhr, fragte er sie,

»Sind die hier alle so?«

»Ja, daran muss man sich gewöhnen, aber was soll's!«

Cindy war dann in eine Parkgarage gefahren, nahm eine kleine schwarze Aktentasche aus dem Wagen. Sie betraten dann ein Bürohaus, stiegen in den Lift, der im 4. Stock hielt. Cindy schloss eine Tür auf, Alex sah sich um, sie waren in einem Büro mit mindestens vier Meter hohen Räumen, die ganze Ausstattung glich einer Kanzlei alten Stils, mit klobigen dunklen Möbeln und schweren Perserteppiche. Sie deutete auf eine Ledergarnitur, die durch gesessen aussah,

»Nehmen sie doch Platz, machen sie es sich bequem, möchten sie etwas trinken?«


Frommer Wunsch von wegen bequem, dachte er sich, die Garnitur sah nicht nur durch gesessen aus, sie war es auch,

»Ja gerne, haben sie vielleicht Orangensaft?«, fragte er höflich.

»Ich habe fast alles da, auch Orangensaft!«, sie ging zu einem Schrank, darin befand sich auch ein Kühlschrank und füllte zwei Gläser voll. Alex betrachtete sie dabei, sie trug ein sehr eng anliegendes marine blaues Kostüm, Stöckelschuhe mit sehr hohen Absätzen, sie sah sehr geschäftsmäßig korrekt gekleidet aus.


Durch das Fenster sah er auf den Stephansdom, dessen gemustertes Dach ehrwürdig herüber strahlte. Cindy nahm aus der Mappe einige Papiere, die sie auf den Glastisch legte, der sie trennte, als sie sich ihm gegenüber setzte und die Beine überkreuzte. Durch die Glasplatte sah er ihre Beine, irrsinnig lange schöne schlanke Beine. Er nippte am Orangensaft, sie blätterte in den Papieren,

»Ah, das ist der Vertrag ja!«, sie schob ihm das Papier zu und lächelte ihn an,

»Hier haben sie das Original, ich habe die Kopie, wollen wir den Vertrag jetzt gemeinsam durchgehen, ja?«


»Gerne, fangen sie bitte an!«, er lehnte sich zurück und hielt die Blätter vor sich.

»Also, der Vertrag besagt, dass sie ab nächsten 1. des Monats mit uns in ein Dienstverhältnis auf unbestimmte Zeit eintreten. Ihr Aufgabengebiet umfasst die Verpflichtung zur Teilnahme an sämtlichen Autorennen, aller Arten, in unserem Namen, vorerst nur in Österreich. Zusätzlich führen sie Trainingsfahrten durch, auf einem speziellen Gelände. Die das Ziel haben, technische Verbesserungen an den Fahrzeugen zu gewährleisten. Sie arbeiten mit der technischen Abteilung zusammen, sind dieser jedoch nicht unterstellt. Sie berichten an die Geschäftsleitung des Rennstalles, an den Geschäftsführer, in diesem Fall, bis auf Weiteres an mich.


Ihre Arbeitszeit ist variabel und wird hauptsächlich an den Wochenenden stattfinden, bedingt durch die Termine der Veranstaltungen. Alle Spesen, werden ihnen gegen Vorlage von Belegen erstattet, wobei monatlich abgerechnet wird. Sie erhalten einen Dienstwagen zu Ihrer uneingeschränkten Verwendung, Fabrikat und Type können variieren, doch kein Wagen wird 2.500 Ccm unterschreiten. Ihr Jahresgehalt brutto wird vorerst 980.000, -- S betragen und wird in 14 Teilen ausbezahlt. Eine einmalige Sonderprämie gilt als vereinbart, in Abhängigkeit von den erreichten Platzierungen. Soweit, die wichtigsten Punkte. Alle anderen Details finden sie in den einzelnen Punkten des Vertrages!«. Sie nahm einen Schluck Orangensaft und sah ihn erwartungsvoll an,

»Ist diese Vereinbarung für Sie ok?«


»Wo soll ich unterschreiben?«, fragte er trocken.

Sie hielt ihm ihren Füllfederhalter hin, »Beide Exemplare, letzte Seite, unten rechts, bitte!«

Er ergriff die Feder und setzte schwungvoll seine Unterschrift auf die Papiere, schob alles zu ihr zurück, sie unterzeichnete ebenfalls und gab ihm die Kopie und meinte dazu, »Willkommen an Bord, sagte ich Ihnen ja schon in Salzburg, ich möchte mich daher nicht wiederholen, aber ich freue mich, dass es jetzt auch ganz offiziell und schriftlich besiegelt ist. Ich würde Sie jetzt gerne zum Essen einladen, Sie werden ja bestimmt hungrig sein, denke ich?«


»Oh ja, hungrig bin ich schon sehr, aber nach Erfolg! Doch Essen wäre jetzt auch nicht schlecht!» Sie lachte hell auf, »Das höre ich ja gerne, ich schlage vor, wir gehen hier im ersten Bezirk essen, es gibt alles, was sie wollen, Wiener Küche, Chinesisch, mexikanisch, Spanisch, Bistros ..., was möchten sie denn gerne?«

»Ach, am liebsten gute Hausmannskost!«, sagte er bescheiden.

»Gut dann gehen wir am besten in die 'Bierklinik' ein pittoreskes Lokal mit erstklassiger Küche und steirischem Bier. Es ist gar nicht weit von hier, wir können zu Fuß hingehen, das ist auch besser so, denn Parkplätze sind hier wirklich eine Rarität. Ich möchte mich nur schnell umziehen, warten sie bitte einen Augenblick«, sie ging dann in ein Nebenzimmer.


Alex saß auf der alten ungemütlichen Ledergarnitur, in diesem alten, aber ehrwürdigen Büro und betrachtete den Vertrag, den er noch in der Hand hielt. Während sie über die einzelnen Bestimmungen sprach, fiel ihm gleich auf, dass sie kein Wort über Werbung gesagt hatte. War es kein Thema oder hatte sie es vergessen, vielleicht steht es auch irgendwo klein gedruckt drinnen, was soll's sagte er sich, ist ja im Augenblick gar nicht so wichtig. Mit den anderen Punkten war er ohnehin sofort einverstanden, war sozusagen Großverdiener geworden.


Wer verdient denn schon beinahe eine Million, auch wenn es brutto ist, dazu ein freies Spesenkonto und einen Dienstwagen und nicht einmal ein kleiner. Ihm fiel spontan aus seinem Bekanntenkreis keiner ein, der sich so glücklich schätzen konnte. Cindy erschien wieder, sie war völlig verändert. Sie trug nun Jeans, dazu Sportschuhe, eine Jeansjacke, darunter ein dünnes Poloshirt. Sie sah damit eher aus, wie ein Teenager der erwartungsvoll auf eine Rock-and-roll Party geht,

»So, jetzt ist mir viel wohler, ohne diesem Arbeitsgewand! Ich hatte ja am Vormittag noch einige Termine«, sagte sie lächelnd.


Alex faltete den Vertrag zusammen und verstaute ihn in seiner Reisetasche. In der Bierklinik saßen sie sich dann gegenüber, Cindy gab ihm eine Speiseempfehlung, Rindfleisch mit Semmelkren und Röstkartoffeln, vorher Leberknödelsuppe, danach Topfenpalatschinken. Sind alle Spezialitäten des Hauses, Alex war begeistert und ließ sich überzeugen, sie bestellte es ebenfalls. Sie waren gerade mit der Suppe fertig und warteten auf den Hauptgang, als er sie fragte, »Wie sind sie eigentlich zu diesem Büro gekommen?«

»Gefällt es ihnen nicht?«


»Na, ich weiß nicht, dieser Kontrast! Eine junge hübsche moderne, erfolgreiche Frau und dann dieses 'Kontor aus dem Mittelalter?'.«

Sie lachte und warf den Kopf in den Nacken, »Ha, ha! Ach, sie amüsieren mich wirklich, ich hatte ja eigentlich erwartet, dass sie mich deswegen schon dort in die Zange nehmen!«, sie lächelte listig.

»Wie meinen sie das?«, fragte er unschuldig.

»Sehen sie, das Büro ist nur gemietet mit samt den alten Klamotten, die da so herumstehen, früher war das einmal eine Rechtsanwaltskanzlei gewesen. Ich wohne hier nämlich im Hotel und brauchte eine Bleibe zum Arbeiten. Hotelzimmer sind da nicht so geeignet und Räume dort zu mieten, kostet ja ein kleines Vermögen. Da habe ich eben schnell das Kontor, wie sie sagen, für sechs Monate gemietet und arbeite eben dort«, sie lächelte wieder, diesmal aber schelmisch.


»Und was passiert nach den sechs Monaten?«, fragte er neugierig.

Sie schluckte und prustete gerade, der Semmelkren war scharf, die Tränen standen ihr in den Augen, »Das ist ja genau das, wie ich ihnen am Telefon gesagt habe, was ich noch zeigen werde, aber haben sie bitte noch etwas Geduld bis morgen, ja?«, sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Er schnitt ein anderes Thema an,

»Im Übrigen sind ihre Aktivitäten beziehungsweise die Aktivitäten der Organisation, irgendwie doch schon nach außen ruchbar geworden. Ich möchte nicht, dass da irgendein Verdacht auf mich fällt!«


»Da kann ich sie ja wirklich beruhigen, dass die einschlägige Presse andauernd herumgeschnüffelt hat, wissen wir ja! Die Aktivitäten des Unternehmens, die ja amtlicherseits erfolgen mussten, haben da natürlich schon so einiges in Bewegung gesetzt. Daher hatte sich der 'General Manager' auch dazu entschlossen, eine Pressekonferenz abzuhalten und entsprechende Informationen an die Öffentlichkeit zu geben« sie legte ihre Hand auf seine, sprach dann weiter, »schauen sie, jetzt wo alle wichtigen Verträge schon unter Dach und Fach sind, war diese Pressemitteilung eine durchaus logische Folge«, sie sprach langsam und eindringlich weiter, »es gehört eben zum Plan, vorher mit Informationen eher zurückhaltend zu sein um, dann zum richtigen Zeitpunkt die Trommel kräftig zu rühren!«

Die Topfenpalatschinken wurden serviert, prompt bekleckste sich Alex mit dem Topfen die Hose. Der Ober brachte gleich fürsorglich eine Schüssel mit lauwarmen Wasser, damit er sich die Flecke auf seiner schwarzen Hose behandeln konnte. Cindy wollte zuerst, die Flecken heraus reiben, nach seinem Protest, entsann sie sich anscheinend, dass es sich nicht so gut machte, wenn die Vorgesetzte an der Hose des Untergebenen herum reibt. Zumal die Flecke auch noch an einer prekären Stelle waren.


Nachdem Alex jetzt die Hintergründe der Unternehmensentstehung erfahren hatte, wurde er furchtbar neugierig, wie sich nun die Entwicklung des Rennstalles darstellte,

»Wann kann ich denn nähere Details zu meiner eigentlichen zukünftigen Aufgabe erfahren, ich meine, welche Fahrzeuge werden eingesetzt, wo und wann und wie oft?«

»Das werde ich ihnen Morgen alles erläutern, wir haben ja den ganzen Tag Zeit dazu. Sie werden über alle Maßnahmen informiert, das verspreche ich. Aber für heute sollten wir es doch gut Seinlassen, finde sie nicht auch? Nach dem Essen bringe ich sie dann ins Hotel. Wenn, sie am Abend Zeit und Lust haben, könnten wir nach Sievering zum Heurigen fahren und dort den Abend gemütlich beschließen, ist das ein Vorschlag?«


»Ja sehr gut, von den Heurigen hört man bei uns ja soviel, wäre nett einmal selbst einen zu besuchen!«

»Gut wir fahren dann also ins Hilton, dort wohne ich, ich habe für Sie dort auch gebucht und danach ab nach Sievering!«

Nächsten Morgen, trafen sie sich dann beim Frühstücksbuffet des Hilton. Alex hatte einen ziemlichen Brummschädel, er hatte zwar nur sehr wenig Wein getrunken, da er aber Wein allgemein nicht gewöhnt war, ging es ihm nicht sehr gut. Cindy hatte da überhaupt keine Probleme, sie war bester Laune, zwischen Kaffee und Ham and Eggs, teilte sie den Tagesablauf ein, »Vormittag zeige ich ihnen, wie besprochen, noch was Interessantes, den Nachmittag nutzen wir dann um ein wenig zu bummeln und vielleicht noch offene Fragen zu klären, was meinen sie?«


Alex war froh, das klang ja nicht gerade nicht nach viel Stress, dem wäre er auch nicht gewachsen mit seinen starken Kopfschmerzen. Sie begaben sich in die Parkgarage, stiegen in den Wagen und fuhren los. Cindy fuhr sicher und zugleich schnell, der Verkehr brodelte in der Innenstadt. Alex dachte sich, wenn du hier jetzt selbst fahren müsstest, würdest du dich bestimmt verfahren, so gesehen war er eigentlich ganz froh jetzt nur Beifahrer zu sein,

»Wohin fahren wir jetzt eigentlich?«, wollte er wissen.

»Wir nehmen jetzt die Richtung nach Pressbaum, das liegt an der Westautobahn, gleich bei Hütteldorf!«


»Aha!«, sagte er kleinlaut und wusste überhaupt nicht mehr, wo er sich befand,

»Sie scheinen sich aber hier schon ausgezeichnet auszukennen, fast wie eine Wienerin!», meinte er lächelnd.

»Na ja, es geht so!«, antwortete sie und legte den 4. Gang ein. Ein Autobahn-Abfahrtsschild auf dem 'Pressbaum' zu lesen stand, tauchte auf. Cindy bog auf die Ausfahrt ab. Sie fuhren dann durch den Ort, einem ziemlich verschlafenem Nest, wie Alex schien. Am Ortsrand gab es einige Betriebsgebäude und Firmenareale. Cindy bog in eine Seitenstraße ab und nahm Kurs auf eine große Baustelle, dort stand eine riesige Halle im Rohbau.


»Wir sind da!«, sagte sie vergnügt und parkte den Wagen,

»Alex, kommen sie, wir machen jetzt eine Besichtigung!«

Er folgte ihr wie ein Schatten. Sie fasste ihn dann unter und erklärte, während sie einherschritten, »Schauen sie, das alles wird unser Standort. Fertigstellungstermin in 12 Wochen, dann ziehen wir hier ein!«

Sie betraten die Halle, eine wirklich große Halle. Eine Schar von Arbeiter war gerade am Werke, Elektriker, Schlosser, Maurer. Überall lagen Baumaterial und Werkzeuge herum, es wurde gehämmert, geschraubt, gestemmt, der Lärm war fürchterlich und dröhnte in seinem vom Wein malträtierten Kopf. Cindy zeigte ihm einen Anbau, der hauptsächlich aus Metall und Glas bestand,

»Sehen sie, dahinein kommt unser Bürotrakt! Wir gehen jetzt mal rüber zum Baumeister, dort befindet sich das Modell der Anlage, anhand diesem kann ich ihnen ja alles viel besser erklären!«, sie zog ihn zu einer Baubude aus Holz, über deren Tür ein Schild mit der Aufschrift 'Baubüro' angebracht war.


Sie betraten das Baubüro, das mit Schreibtischen, Zeichentischen und einer Sitzecke eingerichtet war. An einem Schreibtisch saß ein korpulenter Mann in Hemdsärmeln, der eine dicke Zigarre im Mundwinkel bekaute, er war über eine Menge Baupläne gebeugt. Als er Cindy sah, erhob er sich und kam auf sie zu,

»Grüß Gott! Frau Berger! Gut, dass sie heute kommen, wir haben da so einige Probleme!«, sie reichte ihm die Hand, er deutete galant einen Handkuss an. Cindy stellte Alex den Mann vor, es wäre der Baumeister, der hier auch gleichzeitig die Bauaufsicht wahrnahm. Sie ging dann gleich mit ihm, in irgendwelche Details den Bau betreffend, ein.


Sie diskutierten eine Zeit lang, dann unterschrieb sie ihm einige Papiere und bemerkte forsch, »So, Herr Baumeister, das wäre jetzt wohl erledigt! Aber ich, erwarte schon von ihnen schon, dass sie termingerecht fertig werden!» Der Dicke sah sie unterwürfig an und erwiderte, »Wir werden uns natürlich sehr bemühen, Frau Berger!«


Alex hatte die Besprechung nur am Rande mitverfolgt, war aber nicht sehr daran interessiert, denn er sah auf einem Tisch das Modell der Anlage, in einem Glaskasten. Cindy kam zu ihm,

»Ah, sie haben das Modell schon entdeckt! Hier sehen sie, wie die Anlage einmal aussehen wird, wenn sie dann endlich fertig ist. Das Area,l das momentan verbaut wird, hat dann zwei Hallen in Modularbauweise. In dieser Halle«,

sie deutete darauf, »Hier, in diese mit dem Büroanbau, wird die technische Abteilung, mit der Werkstätte untergebracht ebenso das Ersatzteillager.


In der anschließenden Halle daneben werden die Werkstattwagen und die Renntransporter abgestellt!«, sie drehte das Modell um,

»Hier sehen sie die Einfahrt, auf der Rückseite des Grundstückes befindet sich die Ausfahrt, das heißt, kein Fahrzeug muss auf dem Gelände wenden. Wir haben Platz für insgesamt sechs solcher Hallen. Die restlichen vier Hallen werden dann später einmal gebaut. Als Zentrallager für den Warenverkehr, der im Konzern befindlichen Handelsgesellschaft, mit der wir selbst aber nichts zu tun haben werden!«


Cindy schien in ihrem Element zu sein, Alex merkte ihr an, dass sie mit viel Enthusiasmus in der Angelegenheit tätig ist, ihr Engagement imponierte ihm, wenn man sie so sah, man würde ihr diese Tüchtigkeit und Durchschlagskraft in keiner Weise zutrauen.

»Alex! Kommen sie! Wir gehen jetzt mal durch die Baustelle, damit sie alles in natura sehen können, ja?«

Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn aus dem nach Zigarrenqualm riechendem Büro ins Freie. Sie waren dann in der Halle, in der es fürchterliche Zugluft gab, denn alle Tore standen ja offen, »Hier in diesem Bereich kommt die Werkstatt rein, alles wird gefliest und dort kommen die Hebebühnen hin, da hinten wird dann das Ersatzteillager angeordnet« sie deutete auf die Bereiche,

»Wie gefällt es ihnen? Sie sagen ja gar nichts!«


»Eigentlich ganz toll, ich kann mir vorstellen, dass die Leute hier gerne arbeiten werden!«, er machte ein beeindrucktes Gesicht und fragte, »Wie viele Leute werden denn hier eingesetzt? Insgesamt meine ich!«

Cindy überlegte kurz und antwortete wie aus der Pistole Geschossen,

»Zweiundzwanzig alles in allem. Zwei Ingenieure, zehn Mechaniker, vier Fahrer für die Lkws, drei Büroangestellte, zwei Rennfahrer und ein Hausmeister für Gelände und Gebäude!», Sie begingen gerade den Anbau, »Hier ist dann mein Büro, den Gang entlang sind noch vier weitere Büroräume, ein Besprechungszimmer, die Küche und ein großer Pausenraum!«, sie strahlte voller Stolz.


Alex war beeindruckt über die Ausführung des Baues, der logisch und funktionell eingeteilt schien. Er dachte sich, allerhand die ganze Geschichte hier, muss ja ein Riesenvermögen kosten. Wenn dann noch die Wagen und Motoren, die Ersatzteile und Reifen und so weiter, hinzugerechnet werden, da muss wohl eine ganze Armee von Omas verdammt lange dafür stricken,

»Das alles, wird wohl ein Schweinegeld kosten!«, sagte er zu Cindy, die Lachte,

»Ja, ganz recht, Alex, es sind wirklich große Investitionen erforderlich, aber machen sie sich darüber keine grauen Haare, wie werden alles wieder hereinholen, sie werden es sehen!«, sprach sie mit überzeugter Stimme.


Der Baumeister ging gerade vorbei, seine Zigarre qualmte wie eine heißgelaufene Turbine, in seinem Windschatten folgten ihm fünf Arbeiter, denen er dann knappe Anweisungen gab. Cindy lächelte als sie ihn bemerkte, sie sagte zu Alex, »Ein Unikat der Mann, aber ausgesprochen tüchtig, ich bewundere ihn, wie er es fertig bringt, hier an die fünfzig Arbeiter auf Trab zu halten, keine leichte Aufgabe!«

Alex sah sich überall auf der Baustelle um, er sog die Eindrücke auf wie ein Schwamm, während Cindy mit dem einen oder anderen Bauarbeiter irgendwelche Details besprach.


Es beeindruckte ihn schon, was er sah, er fühlte, dass hier wirklich alles gut geplant wurde. Sie kam zu ihm zurück,

»Alex, was halten sie davon, wenn wir jetzt etwas Essen gehen? Bei dieser Gelegenheit, möchte ich mit ihnen dann noch einige Punkte besprechen. Ich nehme an, sie haben auch noch einige offene Fragen, wir könnten dann alles in Ruhe beim Essen besprechen, was meinen sie?«

»Ist OK! Ich bin sehr dafür!«, sagte er knapp und war glücklich, endlich aus der zugigen Baustelle zu kommen.


Cindy brachte ihn dann in einen „Fresstempel“ der Extraklasse in die Hinterbrühl, wie er sah. Das Essen war eine vorzügliche Gaumen-Freude gewesen. Gesättigt nahmen sie dann den Kaffee auf der Terrasse, von dort konnte man zum ebenfalls angeschlossenen Reiterhof hinüber sehen. Alex ergötzte sich am Anblick der herrlichen Pferde, die auf der Koppel schnaubend grasten. Hin und wieder kamen Reiter vorbei, das Getrappel der Hufe drang an sein Ohr und er konnte die Wärme der Pferdekörper förmlich riechen. Alex begann sich an ein solches Ambiente langsam zu gewöhnen, in Zukunft würde er es sich so etwas ja auch leisten können, wie er ja nun wusste, wenn er so an seine Kontoauszüge dachte.


Cindy nippte gerade ebenso Gedankenversunken an ihrer Kaffeetasse, als er fragte, »Im Übrigen, wie sieht es eigentlich mit der Fahrzeugausstattung des Rennstalles aus?«

»Im Moment ist das so, es gab da schon Verhandlungen mit den dafür in Frage kommenden Herstellern, das sind ja nicht so viele. Wir haben Optionen vereinbart und können daher die Marke wählen. Ihre nächste Aufgabe wird es sein, zusammen mit den Technikern, die Wagen auf Herz und Nieren zu testen!«, sie stellte die Kaffeetasse ab und sprach gleich weiter, »danach wird entschieden 'wer' zum Zuge kommt. Letztendlich der, uns das beste Material und den besten Service für unsere Zwecke liefern kann. Es ist von uns keine wie immer geartete Markenbindung vorgesehen, wir lassen uns ja in keine Zwangsjacke stecken. Wir sind Kunden und die entscheiden ja bekanntlich, was sie, bei wem, kaufen!«


»An wie viele Wagen ist denn gedacht?«

»Vier Stück insgesamt, zwei für den Renneinsatz und zwei in Reserve, wobei alle vier, dann denselben technischen Zustand haben müssen!«, Sie zündete sich eine Zigarette an.

»Sie sagen zwei für den Renneinsatz, das bedeutet, es gibt ja mindestens zwei Fahrer?«

»Ganz richtig, der eine sind ja sie, mit dem anderen, wird zur Zeit noch verhandelt.«

Alex spitze die Ohren, »Kenne ich ihn?«


»Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, es ist nämlich ein junger Nachwuchsfahrer, der in der Öffentlichkeit nicht so bekannt ist. Außerdem ist er kein Österreicher. Sie werden sicherlich verstehen, da die Sache noch nicht abgeschlossen ist, dass ich den Namen noch verschweige?«

»Das verstehe ich natürlich!«

»Wenn er zusagen würde, wäre es gut, denn ich bin der zuversichtlichen Ansicht, sie werden sich gut mit ihm verstehen und könnten dann ein sehr gutes Team bilden!«, sie rauchte in hastigen Zügen.


»Wenn alles gut geht, unterschreibt er seinen Vertrag nächste Woche, so hoffe ich zumindest«, sie dämpfte ihre halb gerauchte Zigarette aus. Alex beobachtete dies genau und konnte sich nicht verkneifen zu sagen,

»Cindy, sie rauchen aber sehr viel in letzter Zeit!«

Sie sah ihn etwas erstaunt an, denn sie hatte schon wieder eine neue Zigarette in der Hand.


»Ja, Alex, sie haben ja ganz recht, wenn ich es mir richtig überlege, früher kam ich mit einer Packung drei Tage aus, jetzt reicht gerade eine Stange dafür!«, sie steckte die Zigarette wieder in die Packung zurück. Alex schob den Aschenbecher ostentativ zur Seite, darin befanden sich schon acht Kippen, dabei lächelte er sie an, »Es steht mir natürlich nicht zu, sie zu kritisieren, aber es fiel mir eben besonders auf und so gesund ist es ja gerade auch nicht!«, sagte er in verbindlichen Ton, »schließlich meine ich es ja gut mit ihnen.«


»Ja, ja! sie haben ja ganz recht! Ich nehme es ja auch gar nicht Übel, bin ja sogar froh darüber. Ich habe ja zur Zeit niemanden, der mich da einbremst oder kontrolliert!«, antwortete sie leicht unterwürfig und sah ihm wehmütig in die Augen,

»Bei der vielen, auch geistiger Arbeit in letzter Zeit, war der Griff zur Zigarette schon fast Routine, sie verstehen?«

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen, obwohl ich eigentlich nie geraucht habe!«, meinte er lächelnd und es fiel ihm ein, dass vielleicht doch Parallelen, mit dem Griff zur Flasche bestehen könnten und damit besaß er ja ausreichende Erfahrung, wenn auch nicht gerade die beste.


Sie unterbrach diese Gedanken, als sie sagte, »Alex, falls es klappt mit ihrem Kollegen, nächste Woche, werde ich ihnen dann die Termine für die Testreihe durchgeben. Rechnen sie bitte mit einem Aufenthalt von gut zehn Tagen im Ausland. Die Tickets und Hotelbuchungen bekommen sie dann mit der Post.«, sie fixierte das Zigarettenpaket mit gierigen Blicken, »Wenn, die Testreihe dann erfolgreich abgeschlossen ist, wird die Entscheidung getroffen, welche Wagen angekauft werden«, sie schob die Zigarettenpackung nervös hin und her, »Außerdem habe ich auch vor, wenn alle Mitarbeiter zusammen sind, einmal hier in Wien ein zwangloses Treffen zu veranstalten, bei dem sich dann alle erst mal kennenlernen könnten. Bei diesem Treffen wird auch der „Big Boss“ anwesend sein. Genaue Details folgen dann noch!«


Alex hörte aufmerksam zu. Er sagte, »Fein, das höre ich gerne, es freut mich, dass es bald richtig losgeht, bin wirklich schon sehr gespannt!«

»Gut, dann schlage ich vor, dass wir jetzt unsere Zelte hier abbrechen, ich bringe sie in die Stadt zurück, lade sie am Westbahnhof ab. Ich fahre dann anschließend wieder ins Büro, dort wartet jede Menge Arbeit auf mich. Wenn sie inzwischen etwas brauchen, rufen sie mich einfach an, ja?«, sie reichte ihm eine Visitenkarte mit allen Telefonnummern.


Alex stieg dann am Westbahnhof aus, sie verabschiedeten sich, sie fuhr dann gleich weiter. Die große Bahnhofsuhr, stand auf 17 Uhr, Alex überlegte, nachdem ja fast jede Stunde ein Zug nach Oberösterreich ging und er sich die Zeit einteilen konnte, würde ein Anruf bei Sibylle möglich sein. Wer weiß, wann sich wieder eine so günstige Gelegenheit ergeben würde, dachte er sich. Er ging in die Bahnhofshalle zu einem Automaten und wählte Sibylles Nummer. Eine freundliche Stimme meldete sich dort aus der Telefonzentrale, das Sekretariat danach, »Alexander Rathey hier, bitte Frau Schmidt!«


»Einen Augenblick, Herr Rathey ich verbinde!«

»Sibylle Schmidt hier!«

»Hallo! Sibylle, ich bin’s Alex, ich wollte mich mal kurz erkundigen, wie es ihnen geht!«

»Ah! Alex! Begrüße sie, es geht mir gut, wenn ich sie höre, sogar außerordentlich gut!«, ihre Stimme klang hell und freundlich.

»Ich bin gerade in Wien und dachte mir ...«

»Was? Sie sind gerade hier?«, unterbrach sie ihn eifrig, »ist ja großartig, haben sie Zeit? Ich würde sie gerne sehen!«

»Ich kann mir die Zeit einteilen! Ich würde sie auch gerne wiedersehen!«, antwortete er ruhig.


»Wo befinden sie sich jetzt?«, wollte sie wissen.

»Ich bin gerade in einer Telefonzelle, am Westbahnhof!«

»Alex! Was halten sie denn davon, wenn ich Ihnen gleich, einen Wagen mit Fahrer schicke. Der sie dort abholt, er bringt sie dann zu mir nach Hause und wir essen dann zu Abend. Ich bin Ihnen ja ohnehin noch ein Abendessen schuldig, sie wissen ja. Ich habe zwar noch Redaktionssitzung, ich komme danach sofort zu ihnen, was meinen sie dazu?«

»Ich habe nichts dagegen, aber ich möchte ihnen doch nicht solche Umstände machen!«

»Das sind doch keine Umstände, Alex, machen sie mir die Freude, ja?«

»Also, Gut!«


»Fein, ich veranlasse jetzt alles, achten sie bitte auf einen dunkelblauen Jaguar, er wird in ca. 20 Minuten bei Ihnen am Haupteingang sein, bis später dann!«

»Gut! Also, bis später, Sibylle!», er legte auf und schlenderte noch ein wenig durch die Bahnhofshalle, besorgte sich rasch noch neun langstielige weiße Rosen mit Grünzeug, denn so ohne Blumen wollte er ja doch nicht erscheinen. Er stand schon auf dem Bahnhofsvorplatz, als der Jaguar dort einbog, der Fahrer gab ihm ein Zeichen und hielt vor ihm an, er stieg aus und ging auf Alex zu,

»Herr Rathey?«, fragte der Fahrer höflich und nahm seine Kappe ab.

»Ja, der bin ich!«


»Frau Schmidt, schickt mich, wie se ja wissen. Franz mein Name! Ich soll sie in die Villa nach Döbling bringen, steigen sie bitte ein!«, er öffnete die hintere Wagentür. Alex setzte sich, auf den Sitz, der mit weichem beigen Leder tapeziert war. Franz verstaute inzwischen das Gepäck im Kofferraum, stieg dann auch ein und fuhr los. Mittlerweile hatte wohl die Stoßzeit extrem eingesetzt, die Straßen waren schon richtig verstopft, es ging nur mehr sehr langsam vorwärts. Vor einer Kreuzung bildete sich ein Stau, Franz drehte sich zu Alex um,

»Herr Rathey, wenn sie etwas trinken möchten, dort im Mittelfach finden Sie alles, Zeitungen sind in der Seitenablage, wenn sie etwas lesen wollen!«

»Vielen Dank, Franz, aber ich sehe mir lieber die schönen Gebäude an, ich bin ja nicht so oft hier!«


Franz nickte verständnisvoll,

»Wenn sie wollen, fahre ich über den Ring und zeige Ihnen einige Sehenswürdigkeiten, Zeit hätten wir ja.«

»Ja gut, Franz, würde mich schon sehr interessieren!«

Franz fuhr entsprechend langsam, der Luxuswagen glitt ruhig dahin, der Fahrer zeigte ihm verschiedene Gebäude und Einrichtungen, wusste die seinerzeitigen Baumeister, das Datum wann erbaut, und so weiter.


Es schien Alex, als ob er das schon öfters machte, er kam ihm vor wie ein Reiseleiter eines Touristikbüros. Einige Zeit später nahm Franz Kurs nach Döbling, er bog dann in eine ruhige Seitenstraße ein, stieg aus, betätigte einen Schalter, das schmiedeeiserne Tor öffnete sich lautlos. Franz fuhr den Kiesweg hinauf, der sich zur Villa schlängelte und beidseitig von alten Kastanienbäumen eingerahmt war. Der Kies knirschte unter der Last des schweren Wagens.


Am Ende des bogenförmigen Kiesweges stand eine prunkvolle Villa alten Stils, vermutlich Kaiserzeit, dachte sich Alex, als Franz den Wagen vor dem großen Portal anhielt. Franz stieg aus und öffnete Alex den Wagenschlag. Alex sah den riesigen gepflegten Park, der die Villa umgab, als er auf das Portal zuging. Der Eingang wurde geöffnet, ein Dienstmädchen mit weißer Schürze und weißer Haube, begrüßte ihn höflich und bat ihn in die Halle weiter zu kommen. Alex stand in der Halle, dessen Größe ihn beeindruckte, nicht nur die Ausmaße, auch die geschmackvolle Einrichtung mit Jugendstilmöbel, fielen ihm angenehm auf. Er dachte sich, ja so lässt es sich Leben, ganz bestimmt.


Das Dienstmädchen fragte, ob er inzwischen im Salon Platz nehmen möchte und dort etwas trinken wolle, denn Frau Schmidt hätte angerufen und mitgeteilt, sie sei gerade vom Büro weggefahren. Erfahrungsgemäß würde sie dann auch bald eintreffen. Also nahm er im Salon Platz und nippte an einem Orangensaft, durch das offene Fenster drang Vogelgezwitscher aus dem Park an sein Ohr, es wurde plötzlich durch knirschende Geräusche vom Kiesweg unterbrochen. Er sah einen offenen weißen Jaguar E-Type, die Auffahrt herauf rollen, am Steuer erkannte er, Sibylle trotz ihres Kopftuches.


Einige Minuten später erschien sie im Salon. Sie sah frisch und fröhlich aus, in ihrer geschäftsmäßig korrekten Kleidung, Rock und Bluse betonten ihre zarte wohlgeformte Figur, die Jacke hatte sie lässig am Arm. Sie schien Alex, auch guter Stimmung zu sein, als sie sagte, »Ah Alex! Ich freue mich, dass sie schon da sind!«

Alex erhob sich und nahm ihre ausgestreckte Hand, überreichte ihr die Blumen, indem er das Papier vorher entfernte und in seine Hosentasche steckte.


»Vielen Dank Alex, für die schönen Blumen, die duften ja herrlich! Ich hoffe, Marie hat Sie inzwischen gut versorgt, wie gefällt es ihnen bei mir?«, sie schnupperte intensiv an den langstieligen schönen Rosen.

»Wirklich nett haben sie es hier, ich bin sehr beeindruckt! Ja und auch noch vielen Dank für die Einladung!«


»Freut mich, dass es ihnen gefällt, ich möchte mich noch schnell frisch machen und komme gleich zu ihnen zurück. Inzwischen fühlen sie sich bitte wie zu Hause. Sehen sie sich alles an, wir nehmen den Aperitif dann auf der Terrasse, wenn sie wollen?«

»Ja gerne, wenn sie nichts dagegen haben möchte ich mir den wunderschönen Park einmal genauer ansehen?«

»Selbstverständlich! Tun sie das, bis später!«, Sibylle verließ ihn, er ging durch die Halle, über die Terrasse hinunter in den Park. Schlenderte über die Kieswege, nur Eichkätzchen kreuzten seinen Weg und sprangen quicklebendig über die frisch gemähten Rasenflächen und verschwanden dann in den großen alten Kastanienbäumen.


Alex spürte den Duft von Rosenstöcken, der frisch gemähten Rasenflächen, kein Straßenlärm unterbrach das Gezwitscher der Vögel im Park, der scheinbar riesige Ausmaße haben musste. Er sagte sich, ein richtiges Paradies hier, er ging wieder auf die Villa zu, die seiner Schätzung nach mindesten fünfunddreißig Räume haben musste. Nach der Zahl der Fenster, mal ganz abgesehen, vom Mittelbau, wo sich ja die Halle befand. Den Baustil kannte er nicht, aber er sagte sich, wer so etwas besitzt und nützen kann, der muss es im Leben wohl schon geschafft haben. Wenn er, da so an seine bescheidenen Behausungen zurückdachte, diesen Vergleich konnte er gar nicht zu Ende denken, denn er erblickte Sibylle auf der Terrasse, sie winkte ihm zu und deutete gleichzeitig auf ein Glas.


Alex ging zum Haus zurück, betrat über die großzügige Treppe die Terrasse, wo sie an einem Bar-Servierwagen stand, sie wollte wissen, was er denn trinken möchte. Alex überblickte die Flaschen und Karaffen auf dem Wagen, er kannte keine einzige Marke davon,

»Campari Soda, bitte!«

Sibylle mischte das Getränk, sie selbst mixte sich etwas, was er nicht kannte, und gab noch eine Olive hinein, sie reichte ihm den Campari,

»Cheers! Alex, auf ihr Wohl!«

»Auf unser wiedersehen, Sibylle!«


Während sie tranken, blickte er ihr tief in die Augen und erinnerte sich an Salzburg, wo er ja bei ihr einen Nervenzusammenbruch erlebte. Er fragte sich, wie kann so eine kleine zierliche Person, die, so vermutete er, in einem derartigen Rahmen behütet und umsorgt aufgewachsen ist. Die, von ihren Eltern anscheinend vergöttert wurde, in der rauen Geschäftswelt überhaupt bestehen. In der Eingangshalle sah er beim Hinausgehen in den Park, ein Ölgemälde hängen, von dem er annahm, dass der, in Lebensgröße dargestellter Mann wohl ihr Vater gewesen sein musste. Das Bild zeigte einen stattlichen Mann, mit energischem aber nicht unsympathischen Gesichtsausdruck, daneben hing ein Gemälde, einer zierlichen, sehr aristokratisch wirkenden Dame.


Alex vermutete, dass diese wohl Sibylles Mutter darstellen musste, die Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen war ja auch frappierend. Sibylle nippte wieder an ihrem Getränk, sie lächelte ihn freundlich an, »Möchten Sie noch einen Campari?« Alex hatte sein Glas in zwei Zügen leer gemacht, er stand mit dem leeren Glas da und betrachtete sie immer noch, »Nein, vielen Dank, ein Campari ist vollkommen genug!«, antwortete er immer noch gedankenversunken. Sibylle stellte ihr halb volles Glas zurück, fasste Alex unter,

»Ich denke, wir sollten jetzt hineingehen, es wird frisch, das Abendessen ist auch schon fertig, wollen wir?«


»Ja gerne, wie se wollen!«, antwortete er und stellte sein Glas daneben. Sie betraten das Speisezimmer, ein großer langer Tisch war für zwei Personen gedeckt. Die Gedecke waren so angeordnet, dass sie sich gegenüber saßen, links und rechts von den Gedecken, waren massive Kerzenleuchter aufgestellt, die Kerzen gaben einen warmen und feierlichen Schein. Alex wartete höflich, bis sie sich gesetzt hatte, dann nahm er ebenfalls Platz.


Das Dienstmädchen erschien und teilte aus einer Terrine Suppe aus, Sibylle lächelte und sagte zu Alex,

»Es war wirklich eine gute Idee von ihnen anzurufen, ich sorgte mich schon die ganze Zeit und dachte, dass sie nach der Salzburger Geschichte vielleicht jetzt endgültig von mir die Nase voll haben. Ihre Reaktion auf mein Telefonat, hatte diese Befürchtung sogar noch verstärkt!«, sie löffelte ihre Suppe und sah ihn fragend an.

»Sie liegen damit völlig falsch, Sibylle, für Ihre Befürchtungen gibt es keinen Anlass. Ich freue mich, dass sie anscheinend wieder in einer stabilen mentalen Lage sind. Ich nehme an, dass die schwierige Phase einigermaßen überwunden ist. Soweit man diese überhaupt jemals überwinden kann, damit meine ich den Verlust ihres Vaters. Die Probleme verbunden mit der Übernahme des Betriebes, kann ich mir auch gut vorstellen. Sicher keine leichte Sache für sie!«, er rührte in seiner Suppenschüssel.


»Ja, sie haben ja ganz Recht, das Leben geht weiter, muss weitergehen! Auch ohne Vater, obwohl er mir sehr, sehr, fehlt! Die Geschäftsübernahme war ja für mich ein Sprung ins eiskalte Wasser, glauben sie mir. Aber Gott sei Dank, gibt es zwei leitende Herren im Unternehmen, die mich unterstützen und auf die, ich mich verlassen kann, wie sich jetzt zeigte. Die werden bei der notwendigen Umstrukturierung der Firma mitziehen!«, ihre Stimme klang hell und zuversichtlich.

»Es freut mich sehr, dass sie die Anfangsschwierigkeiten überwinden konnten und neue Ziele setzen. Haben sie denn niemanden aus Ihrer Familie, der ihnen dabei zur Hand gehen könnte?«


»Das ist es ja, ich bin durch den Tod meines Vaters, jetzt ganz alleine, ich hatte schon vor zehn Jahren meine Mutter durch einen Verkehrsunfall verloren, Geschwister habe ich ja leider keine. Die Verwandten mütterlicherseits leben in alle Spanien, sie haben fast alle ihre eigenen Unternehmungen und daher keine Zeit sich um mich zu kümmern. Väterlicherseits habe ich einen Onkel, er ist Künstler und hat mit kaufmännischen Belangen überhaupt nichts am Hut, leider!«


Das Dienstmädchen servierte den Hauptgang. Sibylle ließ sich nur wenig auftragen und fuhr fort,

»Ich bin gezwungenermaßen auf externe Hilfe und Unterstützung angewiesen, damit verbinden sich schon einige Personalprobleme, denn ich beabsichtige, das Unternehmen auf jeden Fall weiterzuführen, aber nun auch nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Ich muss, also verkrustete Strukturen aufbrechen und wieder frischen Wind hineinbringen!«, sie schnippelte auf ihrem Teller herum, sprach dabei gleich weiter,

»Ja, und besagter Onkel hatte auch Firmenanteile, er wollte, dass ich das Unternehmen verkaufe. Es ist mir gelungen, ihn mit einem namhaften Betrag abzufinden, seither gibt er Ruhe und ich kann meine Pläne verwirklichen, zumindest hoffe ich es!«


»Interessant! Ich wünsche ihnen, dass sie Ihre Pläne verwirklichen können. Kann mir aber gut vorstellen, dass es für eine Frau heutzutage sicher kein leichtes Unterfangen ist«, er kämpfte mit der gefüllten Entenbrust.

»Aber sagen sie, was hat Sie nach Wien geführt? Haben sie über unser Telefongespräch nachgedacht?«, wollte sie neugierig wissen.


»Es ist so! Beide Fragen stehen miteinander in Zusammenhang, ich möchte es ihnen so erklären. Lange, bevor wir telefoniert haben, gab es von der besagten Organisation bereits ein Angebot für mich. Ein Angebot, das ich ohne, wenn und aber angenommen habe. Ich war verpflichtet, darüber absolutes Stillschweigen zu bewahren, daher konnte ich ihnen zu meinem Bedauern keinen Hinweis geben. Ich habe den Vertrag gestern unterschrieben, deshalb bin ich in Wien. Ich möchte sie aber bitten, diese Information absolut vertraulich zu behandeln. Im Rahmen einer Pressekonferenz, die demnächst auch in Österreich stattfinden wird, sind dann ohnehin alle Details zu erfahren!« Sibylle schwieg und hörte aufmerksam zu, musterte ihn mit interessiertem Blick.


»Ja verstehe, Alex, sie können sich auf mich verlassen, ich werde diese Informationen für mich behalten, aber ich freue mich für sie, dass sie ausgewählt wurden. Ich bin überzeugt, sie stehen am Anfang einer steilen Karriere!«

»Meinen sie wirklich?«, fragte er trocken.

»Ganz bestimmt sie werden noch an meine Worte denken!«, das Dienstmädchen servierte gerade die Nachspeise, einen herrlichen Coupe-Danmark.

»Nun, ich hoffe sie behalten Recht, ich werde mich auf jeden Fall bemühen, das beste daraus zu machen!«, er ließ sich das Dessert schmecken, denn er liebte Schokolade mit Eis.


»Ich habe da überhaupt nicht die geringsten Bedenken, glauben sie mir!», erwiderte sie, »eine Frage habe ich noch dazu, Alex, hätten sie etwas dagegen, wenn wir nach Ihrer vorherigen Genehmigung ein Fahrerporträt exklusiv, in einer unserer Monatsausgaben bringen?«

»Warum sollte ich etwas dagegen haben, ganz im Gegenteil, gerade unbekannte Nachwuchsfahrer brauchen Popularität, meine ich. Ich kann mir auch vorstellen, wenn ein renommierter Verlag wie Ihrer, einen derartigen Bericht, ich meine natürlich einen positiven Bericht bringt. Könnte doch sicher Signalwirkung für andere Verlage haben, oder irre ich mich da?«


»Schauen Sie Alex, eines unserer Maximen ist, dass wir uns der Wahrheit verpflichtet fühlen. Wir berichten über Ereignisse und Fakten und wenn die gut sind, kann logischerweise auch ein Bericht, nichts anderes aussagen, oder?»

»Ja, selbstverständlich, das verstehe ich!«, Alex knüllte seine Stoffserviette zusammen.


»Wollen wir den Kaffee dann im Salon nehmen?«, fragte sie freundlich.

»Sibylle, ich denke, es ist schon sehr spät geworden, das Abendessen war herrlich, wirklich! Ich habe mich sehr gefreut, mit Ihnen zu plaudern und Ihre Gastfreundschaft zu genießen. Ich möchte sie aber nicht über Gebühr beanspruchen. Außerdem muss ich heute noch nach Oberösterreich zurück, sie verstehen! Ich werde mir jetzt ein Taxi nehmen und zum Westbahnhof fahren!«


»Aber Alex, kommt doch gar nicht in Frage, wenn sie jetzt schon aufbrechen wollen, werde ich Franz bitten Sie zu fahren, wenn sie wollen, sogar bis nach Hause!«

»Das ist wirklich sehr aufmerksam, aber ich möchte Ihrem Chauffeur nicht den Schlaf rauben, seien sie bitte so nett, lassen Sie mir ein Taxi rufen!«, Alex versuchte eine resolute Art.


Sie sah sehr enttäuscht drein,

»Also gut, ganz wie sie wünschen, ich lasse Ihnen jetzt einen Wagen rufen!«


20. Kapitel


Noch etwas ausgelaugt von den Strapazen der Großstadt, die ihm irgendwie ungewohnt in den Knochen lagen, war Alex danach wieder in Oberösterreich. Hatte jetzt endlich seinen Vertrag in der Tasche. Das empfand er als absolut positiv. Sein Auftritt bei Sibylle, lag ihm zwar etwas im Magen, er war überhaupt nicht davon überzeugt dabei eine imponierende Figur abgegeben zu haben. Mist, dachte er sich, in der Pressearbeit musst du noch verdammt viel dazu lernen und daran arbeiten, ja ganz bestimmt!


Er war gerade den zweiten Tag wieder 'daheim'. Als er einen Brief bekam, in dem er gebeten wurde am 1. des Monats für drei Tage nach München zu kommen, entsprechende Hotelbuchung und Flugtickets waren schon beigefügt. Es wird also ernst, sagte er sich und wusste, dass nur mehr eine Woche Zeit war, alle Vorkehrungen zu treffen, um seinen neuen Job anzutreten.


Einmal in der Mittagspause besorgte er sich dann eine Schachtel Pralinen bester Sorte und besuchte Renate im Klubbüro. Sie war gerade wieder einmal im Stress, sie fuhr ihn etwas unwirsch an, was er, denn von ihr bräuchte,

»Ich möchte mich bei dir entschuldigen!«, sagte er etwas kleinlaut und schob ihr die Pralinen über den Schreibtisch. »Hier das ist für dich!«

Renate klappte einen Ordner zu und ihren Mund auf, sie sah ihn mit großen fragenden Augen an,

»Für mich?«

»Ja, für dich! Es soll nur eine kleine Aufmerksamkeit sein für all deine Bemühungen, die du mir hast zukommen lassen. Ich hätte ohne die, wohl nie erreicht, wo ich heute stehe ... », er brach ab, fasste sie am Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Renate blickte gerührt, sie öffnete die Schachtel mit zittrigen Händen, »Alex, du bist ja verrückt, so viel Geld für mich auszugeben!«


»Schau, ich möchte dir eine kleine Freude machen und damit symbolisch meinen Dank aussprechen, lass dir's gut schmecken, also bis später!«, er verließ das Büro, mit dem Gefühl der eventuellen Wiedergutmachung.

Alex wunderte sich Paul nirgends gesehen oder zumindest gehört zu haben. Es kam ihm schon sonderbar vor, als er nach Wien fuhr, wusste er ja, dass der sich Urlaub genommen hatte, aber jetzt? Wo steckte er?


Mittlerweile kam ihm die Abwesenheit seines Freundes unheimlich vor. Dass er sich in Zukunft von ihm trennen wird müssen, schmerzte ihn ja ohnehin aus mehreren Gründen, einmal weil er nicht wusste, wie die zukünftigen Mechaniker arbeiten würden. Zudem hatte er mit Paul einen guten menschlichen Kontakt aufgebaut. Er wusste, dass er sich auf ihn hundertprozentig verlassen konnte. Paul war zwar launenhaft und einigermaßen schnoddrig, manchmal auch nicht leicht zu ertragen, aber er war immer ein ehrlicher aufrichtiger Typ, der sagte, was er sich dachte. Er gehörte ganz sicher nicht zur Gilde der 'Hackelschmeisser', die einem zum Gesicht reden und dann hinterrücks doch die Messer wetzen.


Alex überlegte, vielleicht hätte ich doch mit ihm reden müssen, ob er möglicherweise nicht auch für einen Arbeitswechsel ansprechbar wäre. Nachdem er ja anscheinend keine familiären Bindungen und Verpflichtungen hatte, hätte es ja vielleicht durchaus Sinn gehabt. Alex wusste ja, dass Paul gemessen an seiner Arbeitsmoral und Leistung hier eigentlich vollkommen unterbezahlt war, auch das hätte vielleicht ein Grund für eine Veränderung sein können.


Alex! Sagte er sich, da hast du wirklich gepennt! Du hättest, wenn mit Paul alles geklärt gewesen wäre und er positiv reagiert hätte, bei Cindy für ihn eintreten müssen. Wahrscheinlich, wäre es ein Leichtes gewesen, ihn auch bei ihr unterzubringen. Er nahm sich vor, hier Versäumtes nachzuholen.

Am ersten des neuen Monats stand Alex am Flughafen München Riem, er hatte die Frühmaschine genommen, die überpünktlich landete. Mit dem Taxi kam er zum Hotel bayerischer Hof, checkte dort erst mal ein, duschte einmal in Ruhe. Für 14 Uhr war ein Treffen zwischen Technikern von BMW und einem Ingenieur des Teams und ihm vereinbart.


Der weitere Plan sah dann Testfahrten auf dem Automobiltestgelände vor, die er durchführen sollte. Alex hatte aber genügend Zeit, so beschloss er erst einmal den Stachus aufzusuchen, von dem er schon viel gehört hatte, er wollte sich dort einmal umsehen. Er spazierte einige Zeit herum, sah sich die vielen skurrilen Typen an, die dort allerlei zum besten gaben. Irgendwie wurde er aber dann dabei unruhig, ihm fehlte einfach die Ruhe der Touristen in sich, um diese Eindrücke auch genießen zu können. So begab er sich wieder in den bayerischen Hof und erkundigte sich gleich beim Portier, ob denn jemand eine Nachricht für ihn hinterlassen hätte.


Der Portier sah in sein Fach und gab ihm eine Visitenkarte, Alex las:

Dipl.-Ing. P. Hoheneck

Technischer Leiter – COP Racing

Der Portier sagte dann auch, der Herr erwarte ihn im Restaurant. Alex begab sich dorthin, der Oberkellner führte ihn zum Tisch desjenigen, Alex klappte den Mund auf und machte große Augen, als er ungläubig ausrief,

»Paul? Du?«


»Da staunste was? Nimm doch Platz!«, Paul deutete auf einen Stuhl,

Alex setzte sich, sein Mund war immer noch offen,

»Ich kann es einfach nicht fassen!«, er hielt die Visitenkarte vor sich,

»Diplomingenieur? P.? Hoheneck?«, stammelte er fragend. Paul lächelte ihn etwas süffisant an,

»Ja genau, alles stimmt, was du liest! Ingenieur war ich schon, bevor ich bei Baumann angefangen habe. Das Diplom habe ich dann später gemacht, in der Zeit, wo ich nie so lange geblieben bin, hatte ja nicht soviel Zeit, du weißt ja! Mein Nachname hat dich ja eigentlich nie interessiert, für dich war ich eben immer nur der „Paul“«, er nahm einen kräftigen, Schluck Bier, sprach dann weiter,

»Ich hoffe nur, dass ich das auch weiterhin für dich sein werde, Alex?«


»Also, Paul! Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber das jetzt übersteigt ganz einfach meine Vorstellungskraft!«

Alex begann sich wieder einigermaßen zu fangen und zu beruhigen.

»Nun, alter Junge, trinken wir erst einmal etwas auf unsere zukünftige neue Zusammenarbeit«. Paul deutete dem Ober, »Was trinkst du?«

»Ich glaube, ein Bier wäre jetzt richtig für mich!«, der Ober nickte und entfernte sich.

»Mensch, Paul, ich freue mich so für dich! Was heißt nur für dich? Ach was, natürlich auch für mich! Mir fällt ja ein Stein vom Herzen, glaube mir!«

»Was meinst du damit?«, Paul blickte neugierig.


»Ach, ich weiß gar nicht, wie ich das im Moment erklären soll, ist ja auch egal. Wichtig ist doch, dass wir in Zukunft wieder zusammen sind und gemeinsam weiter arbeiten werden! Ich freue mich wirklich darauf!«, Alex hielt ihm sein Bierglas hin,

»Prost! Paul!«

»Prost! Alex! Auf weiterhin gute Zusammenarbeit!«

Alex wischte sich den Bierschaumschnurrbart mit der Hand ab, »Sag wie bist du denn eigentlich zu dem neuen „Verein“ gekommen?«

Paul grinste, »Na, eben genau wie du! Ich sage nur einen Namen 'Cindy'«, jetzt wischte auch Paul sich den Bierschaum von der Lippe und sprach weiter,

»Die Kleine hat mich ganz einfach und brutal abgeworben. Sie hat mir soviel geboten, ich konnte ja einfach nicht „Nein“ sagen. Aber Geld war ja nicht das wichtigste, sondern die Aufgabe und die Funktion, das war dann die eigentliche Herausforderung für mich, verstehst du?«


»Was hältst du eigentlich von Cindy?«

»Weißt Alex, ich kenne sie ja schon viel länger als du! Ich hatte ihr damals ja schon immer gesagt, sie soll sich mit dem Ransmayer auf nichts einlassen, mit diesem alten geilen Bock. Doch sie hatte ja nicht auf mich gehört, ich weiß auch nich.t welchen Einfluss der miese Kerl auf sie hatte. Aber jetzt ist das doch Schnee von gestern, gottlob! Jetzt ist sie unsere „Chefin“, sie ist tüchtig und korrekt, nur das zählt jetzt und nichts anderes!«


»Ja Paul, so sehe ich das auch!«, Alex sah auf seine Uhr.

Paul meinte, »Wir sollten noch eine Kleinigkeit Essen, Zeit hätten wir noch, danach zum Testgelände fahren, was meinst du?«

Er blickte in die Speisekarte, »ich nehme eine Weißwurst, passt gut zum Bier!«, er deutete dem Ober.

Alex sagte, »Ich esse jetzt lieber nichts, vielleicht erst am Abend, ich kann es nicht leiden, wenn mich beim Fahren der Magen drückt!«, er legte die Speisekarte beiseite.


Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt wurde Alex mit Paul im Gefolge, von den Technikern des Automobilherstellers begrüßt. Nach einem kleinen „Small-Talk“ suchten dann alle das Testgelände auf, wo ein BMW 2000 TISA in Rennsportversion auf Betätigung wartete. Paul ging mit Alex etwas abseits, während der Wagen betankt wurde,

»Hör mal, Alex, hol aus dem Wagen alles heraus, was du kannst, ich werde die Rundenzeiten stoppen und notieren. Wenn Probleme auftauchen, prägst du sie dir ein, schonungslos! Wenn dann der Test zu Ende ist, müssen wir einen schriftlichen Bericht verfassen, das machen wir dann am Abend im Hotel, also los, Hals und Bein!«


Paul sah sich den Wagen ganz genau an und diskutierte mit den Leuten vom Werk. Alex zog sich inzwischen um, setzte seinen Helm auf, zog die Handschuhe an, er verließ den Umkleideraum und bestieg den Wagen. Paul gab ihm ein Zeichen, Alex fuhr los, zwei Runden lang wärmte er den Motor und die Reifen durch starke Lenkbewegungen auf. In der dritten Runde legte er erst richtig los, er jagte den Wagen auf volle Leistung, die Rundenzeiten wurden ihm auf einer großen Tafel, Runde für Runde angezeigt. Er legte zu, so viel er konnte.


Als die Tafelanzeige sich fast nicht mehr veränderte, wusste er, dass er am Limit war. Er war klitschnass vor Schweiß in seinem Overall, seine feuerfeste Unterwäsche klebte an ihm, wie eine zweite Haut. Er bekam höllischen Durst, seine Zunge klebte am Gaumen, der trocken war wie, die Sahara wohl sein musste, dachte er sich. Er drehte seine Runden und war ständig am Limit des Wagens, er merkte schnell, wenn er in den Kurven noch mehr aufdrehen würde, gäbe es unweigerlich einen Unfall. Nachdem das kein Ziel ist, blieb er in den Bereichen, wo er noch eine gewisse Sicherheit empfand. Paul zeigte ihm nach einer Weile die Tafel mit der Rundenzeit, darunter las er N-R-STP !, es war der vereinbarte Code für „ Next Round Stop“.


Alex hielt an der Box, Paul kam zu ihm und rief ihm zu,

»OK! Alex! Stell ab! Es ist genug!«

Alex betätigte den Zündunterbecher, der Motor stand still. Er stieg aus und ging zum Umkleideraum, duschte ausgiebig fast mit kaltem Wasser, sein Körper glühte förmlich. Nachdem er sich abgekühlt hatte, ruhte er einige Minuten auf einer Liege, zog sich dann an. Man hatte Mineralwasser bereitgestellt, er trank gierig die ganze Flasche aus. Derart wiederbelebt ging er in die Werkstattbox, wo Paul heftig mit den Technikern diskutierte. Sie waren gerade dabei eine Liste mit den Rundenzeiten von werkseigenen Fahrern, mit Alex’s Rundenzeiten zu vergleichen.


Die Werte waren fast Zeit gleich, die Werkstechniker erhoben keinen Einspruch, so gesehen hatte er wohl ganze Arbeit geleistet, wie er sich dachte. Paul verstaute dann seine Unterlagen in einer Aktentasche. Sie verabschiedeten sich und wurden mit einem Luxus BMW wieder zurück ins Hotel gefahren.

Inzwischen bekam Alex Hunger, er ging dann mit Paul ins Restaurant, der nahm nur Kaffee, während Alex ein Riesensteak mit Salat, mit großem Appetit vertilgte. Alex fragte Paul,

»Sag, was bezwecken diese Tests eigentlich?«


»Ist doch ganz einfach, wir wollen wissen, wie du und dein Kollege zu den Wagen stehen und wie ihr damit zurechtkommt. Außerdem muss ich klären, wie es mit dem Rennservice der einzelnen Hersteller bestellt ist. Wenn das feststeht, werden wir entscheiden, wo, was, gekauft wird.«

»Aha, wer beziehungsweise, was wird noch getestet?«

»Im Moment nur drei Hersteller, BMW, Porsche, Alfa Romeo!«

»Wohl nur Tourenwagen?«

»Nicht unbedingt, eventuell später Rennprototypen, hängt aber ganz von der weiteren Entwicklung ab, aber natürlich auch von den Vorgaben, die, die Organisation hat.«

»Mir soll's recht sein, ich fahre ja alles, was Motor und Reifen hat!«, erklärte Alex trocken.


»Du hast deine Sache wirklich gut gemacht, Alex! Muss ich schon sagen, gratuliere! Bei den Vergleichen sind den Werksleuten, die Gesichter fast eingeschlafen, Sie konnten es einfach nicht fassen und meinten, nur ihre eigenen Leute könnten die Wagen so schnell bewegen. Aber die Messungen sind ganz eindeutig, auch ihre eigenen!«, Paul grinste zufrieden.


»Wenn du willst, machen wir es so, du schreibst jetzt oder später deinen Bericht, ganz wie du willst. Deine Eindrücke sind jetzt noch frisch und jungfräulich, die sollten so erhalten bleiben und festgeschrieben, hier hast du einen Fragebogen dazu. Wenn, du dann damit fertig bist, machen wir einen Stadtbummel und gehen mal ins Hofbräuhaus, einverstanden?«

»Ist gut, Paul! So machen wir’s.«


Die nächsten Wochen verliefen dann für Alex ziemlich turbulent. Die Abschiedsfeier, die er mit Paul zusammen, bei Baumann abhielt, war zwar feuchtfröhlich, aber auch stellenweise besinnlich und traurig gewesen. Es gab einige Abschiedsszenen und einige Tränen, besonders von Renate und Alex tat am Ende schon der Arm weh vom Händeschütteln. In der darauffolgenden Woche war der Test bei Alfa Romeo abgelaufen, er hatte dort wieder ganze Arbeit geleistet. Paul, der natürlich auch dabei war, konnte ihm wieder eine sehr gute Beurteilung seiner Leistung ausstellen, was er auch gerne tat.


Alex holte sich bei dieser Aktion in Italien eine Darminfektion, die ihn gut drei Tage fürchterlich quälte. Er musste eine Woche schöpferische Pause einlegen, die er zum Auskurieren brauchte. Während dieser Zeit, weilte Paul in Wien, am Standort und musste sich mit der Errichtung der Werkstätte und des Ersatzteillagers herumärgern, weil einige Lieferanten mit Lieferungen in Verzug waren. Als Paul wieder einmal zurückkam, berichtete er Alex dies und andere Neuigkeiten. Cindy war inzwischen nervlich etwas angeschlagen, schlug sich aber tapfer, sie rauchte zwar jetzt wie ein Schlot, ließ aber dennoch nicht locker.


Denn die Arbeiten in Pressbaum gingen langsam aber stetig dem Ende zu. Paul brachte auch die Unterlagen für den letzten Test bei Porsche mit, der an einem Dienstag, in der Nähe von Stuttgart über die Bühne gehen sollte. Alex durch seine Darmprobleme vom Körpergewicht stark reduziert, passte jetzt vorzüglich in seine Rennoveralls, die jetzt sehr bequem waren, was ihn weiter nicht störte, im Gegenteil. Wenn Alex Zeit und Lust verspürte, besuchte er Renate im Klubbüro und sie sagte ihm einmal, dass Susi inzwischen auf unbestimmte Zeit nach Rom zu ihrem Bruder gefahren sei. Alex störte das eigenartigerweise gar nicht so sehr, behielt es aber für sich.


Er bat Renate beim nächsten Telefonkontakt mit Susi, ihr dann viele liebe Grüße, von ihm auszurichten. Renate versprach ihm es nicht zu vergessen. Alex ging dann eines Tages zu seiner Hausbank, dort stockte ihm der Atem im Foyer, hinter dem Schalter stand Claudia. Sein Kontobetreuer hatte sich inzwischen in die obere Etage hinauf katapultiert, so stand es in einem Rundschreiben der Bank, das er einmal in der Post hatte. Claudia schien die Nachfolgerin zu sein. Als er vor ihr stand, sagte sie zu ihm über den Schalter hinweg,

»Alex, grüß dich, wie geht es dir? Was kann ich denn für dich tun?«

»Servus! Claudia! Was machst du denn hier?«


»Ich habe mich vor einiger Zeit bei der Bank beworben und vorige Woche habe ich den Posten hier angetreten, ich verdiene jetzt ganz gut!«, sagte sie sehr freundlich.

Alex blickte sie an, er sah zwar nur ein Brustbild, da ja die Verbauung des Schalters zwischen ihnen war, sie war eigentlich nur wenig verändert. Ihr Gesicht sah irgendwie fraulicher und reifer aus, sie war schön, eigentlich so schön, wie er sie in Erinnerung hatte.


»Gibst du mir bitte meine Kontoauszüge?«, er zeigte ihr die Kontokarte.

»Selbstverständlich, Alex, einen Moment bitte!«, erwiderte sie geschäftlich freundlich. Sie ging zu einem Stahlschrank und suchte die Auszüge heraus, sie sah einen kurzen Augenblick darauf, stockte kurz und schob ihm die Auszüge zu,

»Hier bitte, darf es sonst noch etwas sein?«


»Nein, vielen Dank, Claudia! Mach's gut, auf Wiedersehen!«, er verließ den Schalter, der nächste Kunde schob sich vor. Alex überprüfte seine Auszüge, es war eine ansehnliche Summe aufgelaufen, zwei Monatsgehälter, dazu das Guthaben das ohnehin schon drauf war, plus einem Spesenvorschuss, den er ebenfalls überwiesen bekam. Der Endstand belief sich auf 210.000, -- Guthaben. Früher war er ja zufrieden und glücklich wenn das Konto, so um die zweitausend im plus stand.


Alex war mit seinem Konto sehr zufrieden, nahm sich aber trotzdem fest vor, so schnell wie möglich die Bank zu wechseln, er wollte auf jeden Fall vermeiden mit Claudia weiterhin in Berührung kommen zu müssen. Außerdem Bankgeheimnis in allen Ehren, aber eine ex Freundin am Schalter, das dazu noch in einer Kleinstadt, wo jeder jeden kennt wie seine Hosentasche, nein Danke, sagte er sich. Alex traf sich mit Paul in Stuttgart, die Porsche Testfahrten standen an, dort war alles bestens organisiert. Alex spulte seine Runden ab wie ein Schweizer Uhrwerk, genau und präzise.


Inzwischen war es beinahe schon Routine für ihn und es hätte ihm gar nichts ausgemacht, wenn er noch viele Hersteller hätte aufsuchen müssen. Paul erledigt seinen Teil ebenso professionell. Am Abend, in einem gemütlichen kleineren Hotel, schrieb Alex seinen Bericht nieder und übergab ihn Paul, als sie beim Abendessen zusammen saßen.


»Hör mal Paul, du sagtest, dass zwei Fahrer die Tests durchführen. Bis jetzt habe ich aber keinen Zweiten gesehen, wie verhält es sich eigentlich damit?« Paul schien auf diese Frage nicht gefasst, Alex merkte, wie er etwas unsicher dreinschaute,

»Tja, wie ich weiß, aber hat es bei der Rekrutierung einige Pannen gegeben, bis jetzt hat man den zweiten Mann noch nicht fix unter Vertrag. Cindy ist ja sehr dahinter, glaube mir.


Sie muss bis Ende der Heurigen Saison abschließen, dann bleiben ja nur mehr ein paar Monate bis zur nächsten Saison, wegen Trainings und so weiter!«

»Heißt das jetzt, dass die Entscheidung mit welcher Marke wir antreten werden, eine Schnellschussaktion wird?«

»Nein, Alex, man hat inzwischen entschieden. Die Entscheidungsgrundlagen erarbeiten wir zwei ganz alleine und ich finde, wir machen es richtig so! Findest du nicht auch?«


»Ja, möglicherweise aber ist es nicht unfair gegenüber dem neuen Fahrer, ihm dann einfach so mir nichts, dir nichts einen Wagen aufs Auge zu drücken?«

»Schau Alex, darüber zu philosophieren bringt uns jetzt nicht wirklich weiter, die endgültige Entscheidung über die Wagen muss spätestens in drei Wochen stehen. Das Werk hat ja auch seine Lieferzeiten. Wir brauchen die Fahrzeuge noch vor dem Winter, denn Ende März kommenden Jahres, werden Testfahrten im Süden abgehalten. Damit jeder, seinen Wagen bis auf die letzte Schraube kennt, das gilt für Fahrer und Technik!«


Paul sah ihn ernst an.

»Na gut, Paul, du bist sozusagen im 'Management', ich nur beim fahrenden Volk, mir wäre endlich wohler, wenn ich wüsste in 'was' ich meinen Hintern stecken soll!«

»Gedulde dich noch ein wenig, vertrau ganz einfach, dass die richtigen Leute, die richtige Entscheidung herbeiführen werden, ja?«, sagte er besänftigend und führte weiter aus,

»Wenn dann entschieden ist, welche Marke wir einsetzen werden, hast du doch den Vorteil, auch deinen Dienstwagen zu bekommen. Denn es wäre nicht gut für die Öffentlichkeit, wenn wir für Rennen 'diese Marke' einsetzten und für den Straßenverkehr 'eine andere Marke', du verstehst?«


»Ja klar! Eigentlich schade, dass Rolls Royce keine Rennwagen baut!« Alex zwinkerte und lachte dabei,

»Nein, ganz im ernst, Paul, ich bin halt ein wenig ungeduldig in dieser Beziehung!«

»Ja schon gut, das verstehe ich ja, aber du wirst sehen, es wird jetzt ganz schnell gehen, ich werde von mir aus jedenfalls gehörig Druck machen«, er räusperte sich,

»demnächst findet in Pressbaum ein allgemeines Treffen aller Mitarbeiter statt, ich glaube bis dahin, wird die Entscheidung schon fallen!«


Alex ließ es erstmals damit bewenden, irgendwie war er es schon überdrüssig ständig zu hinterfragen, er sagte sich, vielleicht ist es so Gang und gäbe bei großen Organisationen, mit Informationen etwas zurückhaltend zu sein, gerade in der Entstehungsphase. Er nahm sich vor, nun die Dinge einfach auf sich zu kommen zu lassen, wenn man ihn bräuchte, würde man es ihm, so wie bisher, schon mitteilen.


Als er von den Tests in Stuttgart wieder heimkam, fand er die Einladung zum Treffen in Pressbaum schon in der Post, der Termin wäre schon zwei Wochen später. Er war gespannt, welche Neuigkeiten sich dann ergeben würden. Inzwischen verkaufte er seinen Mini Cooper, es wurde ein gutes Geschäft, denn er bekam, fast soviel, wie er damals dafür gezahlt hatte. Den Verkaufserlös, legte er auf ein Postsparbuch und wollte für die nächste Zeit davon seine Ausgaben bestreiten und musste daher nicht auf sein Konto zurückgreifen. Er kaufte sich ein Rennrad um seine Fitness wieder nach oben zu bringen, schließlich wollte er ja in guter körperlicher Verfassung die neue Rennsaison beginnen.


Paul hatte inzwischen seinen Wohnort nach Wien verlegt und war dort auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung, inzwischen wohnte er in einem Hotel. Alex fand noch keine Veranlassung, es ihm gleich zu tun, sonst wäre „Sissys“ Versorgung gefährdet, die bei seinen Wirtsleuten bestens organisiert war. Er fühlte sich bei ihnen auch gut. In seinem kleinen Reich, dass er im Laufe der Zeit umgestaltete. Es war eine kleine gemütliche Junggesellenwohnung daraus geworden, in der er sich zu einem sehr adäquaten Preis wohlfühlen konnte.


Seine Wirtsleute waren sehr um ihn bemüht und er wollte diesen Zustand so lange wie möglich erhalten. Wenn er Zeit hatte, besuchte er Klubsitzungen des ASC, auch um seine Kumpels zu treffen und sich über die vergangenen Rennereignisse zu informieren. Inzwischen war auch der Besitzer des Lotus Cortina, gesundheitlich wieder auf der Höhe, der plante sogar, die neue Saison wieder selbst zu fahren. Er war ja wieder voll arbeitsfähig und betätigte sich wieder in seinem alten Job, den man ihm aufgehoben hatte. Dies verdankte er Oberholzner, der den Firmenbesitzer gut kannte und ihn darum gebeten hatte. Alex erfuhr davon, weil Renate es mit großem Stolz im Club erzählte.


Der Tag der Eröffnung in Pressbaum war nun gekommen. Alex nahm sich vom Westbahnhof ein Taxi und fuhr hin. Cindy erwartete ihn bereits in ihrem neuen Büro, sie wirkte sehr nervös, es war ja ihr großer Auftritt. Paul sonst hektisch, war im Gegensatz zu ihr die Ruhe selbst. Alex beobachtete beide und fand, die Situation irgendwie sogar amüsant. Vor dem offiziellen Beginn war aus Platzgründen in der Fahrzeugabstellhalle ein Getränkestand aufgebaut, wo sich alle erst einmal zwanglos ein wenig beschnuppern konnten.


Ein junger Mann fiel Alex gleich besonders auf, er war zierlich, sehr schlank, so um die 1,70, etwa fünfundzwanzig Jahre, sympathisch, er sprach Deutsch mit einem französischen Akzent. Cindy kam mit ihrer Assistentin einmal kurz vorbei und ergriff die Gelegenheit, Alex mit ihm bekannt zu machen. Sie stellte ihm den jungen Mann, als Marcel van Leupen vor, seinem neuen Fahrer Kollegen. Er wäre Belgier und würde demnächst auch nach Wien übersiedeln. Alex begrüßte ihn freundlich und Marcel lächelte ihn dankbar an. Cindy war voll im Stress und musste schnell wieder weg und bat Alex, sich um ihn zu kümmern.


Alex ging dann mit ihm zum Getränkestand, wo sie sich versorgten. Alex nahm Orangensaft, Marcel, als scheinbar echter Belgier, bestellte sich ein kühles Bier. Alex war sehr interessiert und neugierig zu erfahren, welche Rennerfahrung Marcel bisher aufweisen konnte. Der sagte ihm, er käme aus der Formel 3, wäre aber auch schon einige Tourenwagen Rundstreckenrennen gefahren. Mit Bergrennen hätte er, aus Mangel an Berge in Belgien, wenig Erfahrungen, lediglich in Bayern hätte er bisher an drei Bergrennen teilgenommen. Alex wusste jetzt, dass Marcel ein ebenso unbeschriebenes Blatt, wie er selbst war.


Inzwischen waren alle Mitarbeiter vollzählig anwesend, Cindys Assistentin, eine junge Frau, etwas pummelig, aber sehr redegewandt, außerdem sehr chic gekleidet, bat alle Anwesenden in die anschließende Halle, diese war wie ein Kinosaal eingerichtet. Ganz vorne befand sich eine von Scheinwerfern erhellte Art Bühne, in der Mitte stand ein Rednerpult, auf dessen Vorderseite ein Logo in Goldschrift prangte, darauf stand groß „COP-Team“.


Etwas weiter hinten befanden sich links und rechts zwei unförmige Gebilde, die mit weißen Tüchern bis zum Boden verhüllt waren. Ein hoher Block, ca. 1,80 Meter hoch, ebenso verhüllt stand in der Mitte, hinter dem Rednerpult. Vor dieser Bühne in einem Abstand von gut 3 Metern waren Stühle in zwei Reihen angeordnet. Cindy stand schon am Rednerpult und bat übers Mikrofon, alle, sich irgendwo hinzusetzen. Alex nahm neben Marcel in der ersten Reihe Platz. Cindy übernahm das Wort, nachdem alle Platz genommen hatten. Begrüßte dann alle Anwesenden im Namen der Organisation COP-Team, ließ von der Assistentin, die sie als Gerda vorstellte, Programme verteilen. Dann erklärte sie, was unter COP allgemein zu verstehen sei, nämlich Car Oil & Parts, also die Firmenbezeichnung des Mutterkonzerns in Abkürzung, der den Rennstall finanziert.


Dieser Konzern befände sich in Detroit in den USA und wäre Hersteller von Motorenölen-Zusätze, die zur Verlängerung der Motorenlebensdauer enorm beitragen und in Amerika große Popularität genießen. Dazu kämen noch Produktgruppen, wie Zündkerzen und Kupplungen für alle gängigen Automobilmarken, wobei einige namhafte Automobilhersteller diese Produkte bereits als Erstausrüstungen verwenden. Während sie, die einzelnen Fabriken in den USA nannte, erschienen auf einer Leinwand hinter ihr, Dias, der Werke und der Produkte. Da der Konzern in den Staaten ausschließlich mit einem eigenen Rennstall, über die Sportwerbung, seine Produkte anpreise und damit einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht habe.


So wurde eben beschlossen diesen Weg in Europa ebenfalls einzuschlagen, man habe Österreich als Standort gewählt, aus zwei Gründen, einmal weil es zentral in Europa liege und wirtschaftliche Bedingungen von den Amis als sehr günstig eingestuft wurden. Cindy stellte dann den „General Manager“ Europa vor, mit Namen John C. Brown, der dem Konzern gegenüber, für die europäische Organisation „Sales & Sports“, verantwortlich sei, als ihren „Chef“ vor. Der Mann, ein drahtiger sportlich aussehender Typ, mit einer amerikanischen Kurzfrisur, so um die 40, stand in der ersten Reihe auf, verneigte sich vor allen, mit einem hell klingenden „ Hello“.

Cindy kam dann auf die Ziele, des Unternehmens COP-Team zu sprechen. Erklärtes Ziel sei, im ersten Schritt, die Teilnahme an der österreichischen Bergmeisterschaft, mit dem Hintergedanken diese natürlich auch zu gewinnen. Später dann die Teilnahme an der Europabergmeisterschaft und wenn dieser Titel errungen wurde, ihn mindestens zwei Jahre lang nicht mehr abzugeben. Zum drüber streuen, würden natürlich Rundstreckenrennen und Straßenrennen, wenn möglich, zusätzlich beschickt werden. In weiterer Folge, würde dann noch die Entscheidung zu treffen sein, ob COP an der Rallye Europameisterschaft teilnehmen werde, wobei es aber von der Entwicklung des Rennstalles allgemein abhängig wäre, dies zu überlegen.


Wenn also die Sportziele erreicht würden und COP in aller Munde wäre, wird COP Sales aktiv und beginnt mit dem Vertrieb der Produkte in Europa. Es folgte die Vorstellung der leitenden Mitarbeiter von COP-Team, Cindy als Österreich Boss, Gerda als ihre rechte Hand, ein junger Mann, namens Peter für den finanziellen Bereich. Paul Hoheneck, als technischer Leiter, zugleich Chef über die zehn Mechaniker und vier Fahrer für die Lkws, anschließend Alex und Marcel, als ehrgeizige und Erfolgs hungrige Fahrer des COP-Teams.


Alle namentlich genannten Personen wurden gebeten sich zu erheben, damit sie die anderen sehen konnten. Cindy bat abschließend alle Anwesenden, nach alter Tradition des Konzerns, in Zukunft sich untereinander zwar zu siezen, aber nur mit dem Vornamen anzusprechen. Danach bat sie dann Paul seinen Part zu übernehmen und erteilte ihm das Wort. Paul schritt zum Rednerpult und erklärte, das Ziel der technischen Abteilung von COP sei, die Rennwagen nach dem letzten Stand der Technik auszustatten, zu reparieren, zu warten und für die Fahrer das letzte herzugeben.


Die Mechaniker applaudierten stürmisch, Paul schien sie, jetzt schon, sehr gut im Griff zu haben, fand Alex.

Paul zeigte auf der Leinwand Fotos, der Transporter und Werkstattwagen und der Teile der technischen mobilen Einrichtungen, die zum Einsatz gebracht werden. Er enthüllte den mittleren Block, zum Vorschein kam eine Puppe in einer schwarz goldenen Mechanikermontur, die auf dem Rücken und auf den Brusttaschen das Logo „COP-Team“ trug. Danach kündigte er die erfolgte Wahl der Rennwagen an und enthüllte das linke abgedeckte Gebilde, als das Tuch fiel, kam ein schwarz lackierter Porsche Carrera 904 GTS hervor. Der, goldene Verzierungen hatte und ebenfalls mit dem Logo „ COP-Team“ versehen war.


Rechts davon enthüllte er denselben Wagen in gleicher Lackierung, beide unterschieden sich lediglich durch die andersfarbige Lackierung der Außenspiegel. Während der Enthüllung lief auf der Leinwand ein Film, wo ein, Carrera 904 GTS, in voller Aktion bei einem Rennen, zu sehen war. Sattes Röhren des Motors aus den Lautsprechern kam richtig rennmäßig, wie Alex empfand. Die abgelaufene Show, war irgendwie amerikanisch angehaucht, aber doch sehr beeindruckend, wie Alex an den Gesichtern der Anwesenden sah.


Zum Abschluss sprach Mr. Brown, einige Sätze auf Englisch, die sinngemäß, ein Dankeschön für Cindys Leistung war. Er endete in Deutsch mit den Worten, und nun für alle viel Glück und Erfolg! Alle Anwesenden applaudierten beeindruckt, damit war dann der offizielle Teil abgeschlossen. Gerda teilte dann kleine Namensschilder aus und bat alle, die an der Kleidung anzustecken, als Hilfe zur Einprägung der Namen der einzelnen Personen. Es folgte eine Betriebsbesichtigung und jeder konnte sich frei bewegen, in zwei Stunden käme der Autobus, mit dem dann alle zu einem Heurigen, ins Kahlenberger Dörfl fahren würden.


Alex und Marcel stürmten wieder den Getränkestand, Paul war schon dort und genoss ein kühles Bier, er fragte sie, »Na, ihr beiden, hat es euch gefallen? Was sagt ihr denn zu den Wagen?«

Alex antwortete gleich,

»Eigentlich toll wie ihr das organisiert habt, mir hat es sehr gut gefallen, die Wahl der Marke, ist meiner Ansicht nach die richtige. Ich bin ganz verliebt in den Wagen, er sieht in dieser einmaligen Aufmachung so richtig aggressiv aus!«

Marcel ergänzte,

»Isch denke, der Carrera GTS is absulement beste Wahl! Wir werden große Erfolg aben damit!«, seine Augen glänzten euphorisch.


In diesem Moment erschien Cindy, sie hatte im Gefolge Mr. Brown, der sich anscheinend für alles interessierte, er sprach sehr gut Deutsch, weil er, wie er sagte, in Heidelberg ein Studium absolviert hatte. Er bat Alex und Marcel, auch den nächsten Tag zu bleiben, denn es wäre eine Pressekonferenz angesetzt, wo er sie den Presseleuten vorstellen möchte. Die Veranstaltung wäre um 14 Uhr, sie sollten sich so gegen 13 Uhr wieder einfinden. Er fand noch einige freundliche Worte und zog dann mit Cindy weiter.



Paul grinste übers ganze Gesicht, als sie gegangen waren. Alex bemerkte es und fragte ihn,

»Sag mal Paul, warum grinst du so hämisch?«

»Ich musste ja innerlich schon lachen, wie ihr zwei dagestanden seid, wie zwei Schuljungen vor dem Herrn Professor. Der Ami ist zwar schon ein beinharter Mann, trotzdem ist er nicht der liebe Gott. Ich gebe euch den guten Rat, bei ihm immer Rückgrat zu zeigen, das mag er und achtet er, mehr will ich dazu nicht sagen!»«, er trank sein Bier aus.


Marcel machte ein bedrücktes Gesicht und fragte,

»Was heißt „Rückgrat“?«

»Colonne vertebrale! Aufrecht halten! Verstehst du?«, erklärte Paul lächelnd.

Marcel grinste jetzt über das ganze Gesicht,

»Ahh, oui ! Très biens! Je comprand!«

Gerda, die etwas dickliche, zog plötzlich wie ein Wirbelwind durch die Räume und trommelte alle Leute zusammen. Auf dem Parkplatz sei inzwischen der Bus eingetroffen, man möge doch einsteigen, bitte schön.


Sie nahmen den Heurigen im Kahlenberger Dörfl buchstäblich ein, sofort herrschte ein fürchterliches Gedränge am Buffet. Alle schienen recht hungrig zu sein, wie Alex an den Blicken der einzelnen Personen zu erkennen glaubte. Auch sein Magen walkte schon ziemlich. Der Heurigenwirt beruhigte alle schnell und teilte stolz mit, dass alle lukullischen Spezialitäten, in großen Mengen, sofort an die Tische gebracht würden, ebenso Wein und Mineralwasser. Der Wirt ein Könner seines Metiers, arrangierte alles zur Zufriedenheit, es wurde ein lustiger Abend, alle Teilnehmer schienen sich prächtig zu amüsieren.


Alex begnügte sich mit einem roten Gespritzten und anschließend einem Liter Mineralwasser, er kannte jetzt die Tücken der Heurigenweine. Nur Mr. Brown, wie er beobachtete, schüttete ein achtel Wein, nach dem anderen in seine kurz rasierte Birne. Marcel machte ein sehr trauriges Gesicht, weil es ja kein Bier gab. Alex begann erst einmal mit einzelnen zukünftigen Kollegen näheren Kontakt aufzunehmen. Er stand unter anderem mit Peter, den Cindy ja als Finanzchef vorstellte, an der Theke zusammen.


Peter sah ihn, mit seinem Mineralwasser kollegial an, denn er selbst trank ausschließlich Limonade, musste ab und zu einen Rülpser, von der massenhaft darin enthaltenen Kohlensäure, unterdrücken. Er stellte sich ihm, als Peter Lechner vor und erklärte gestandener Antialkoholiker zu sein. Alex beschlich sofort innerlich der Verdacht, dass der wohl vielleicht auch mal ein gestandener Alkoholiker gewesen sein könnte. Peters gierige Blicke die er immer wieder auf die Weinkaraffen warf, bestärkten ihn in diesem Verdachtsmoment. Peter Lechner, ein schlaksiger 1.90 großer Mann, so um die dreißig, war nicht gerade eine Person, mit großem Unterhaltungswert, er war eher wortkarg, doch wenn er etwas sagte, dann hatte es schon Hand und Fuß.


Er schien Alex, sehr gebildet zu sein, sein Auftreten war äußerst korrekt, genau wie seine Kleidung, er trug einen vermutlich sehr teuren Anzug, mit einer etwas farblosen Krawatte. Alex fragte ihn ein wenig über seinen bisherigen beruflichen Werdegang aus, Peter wurde etwas redseliger und freute sich anscheinend über das Interesse an seiner Person.


Er erzählte Alex so einiges über seine Vergangenheit, er war vorher bei einem amerikanischen Konzern beschäftigt, im Controlling, dadurch kannte er das amerikanische Reporting aus dem F-F. Das schien auch der Grund, warum er den Job als Finanzchef bei COP Angeboten bekam. Auf Alex’s Frage, wie käme so ein trockener „Geldmensch“ auf die eher abartige Idee, seine Fähigkeiten gerade in einem Rennstall zu vergeuden. Anstatt in einer Bank gewinnbringend einzusetzen, lachte er herzlich auf. Er erklärte Alex, er hätte jetzt den Nagel genau auf dem Kopf getroffen.


Sein damaliger Berufswunsch sei Maschinenbau Ingenieur gewesen, aber sein patriarchalischer Vater habe ihn mehr oder minder mit „sanfter Gewalt“ gezwungen, die Laufbahn eines Bilanzbuchhalters und Steuerberater einzuschlagen. Der Vater wäre industrieller gewesen, es bestand großer Bedarf, den er aus familiärer Ressource decken wollte. In der Folge gab es dann Streit zwischen Ihnen, sie trennten sich, Peter überbrückte die Zwischenzeit im US-Konzern, in dem, er eine steile Karriere machte. Jetzt wäre er seinem seinerzeitigen Traum wieder näher gerückt, denn bei COP spielen wohl technische Fakten eine sehr große Rolle. Geld-mäßige Überlegungen wären zwar auch wichtig, in der Kombination dieser Elemente, sehe er die Herausforderung für sich.


Cindy unterbrach dieses Zusammensein abrupt, sie erschien mit Mr. Brown, der vom Wein schon ziemlich gezeichnet schien, sie selbst war auch schon scheinbar ein kleines Quantum drüber, denn sie konnte ihr Lispeln kaum noch unterdrücken. Sie wollte Alex partout an ihren Tisch lotsen, wo sie mit Gerda, Paul und Mr. Brown und noch ein paar anderen, feuchtfröhlich residierte. Alex hatte keine Lust, dort Platz zu nehmen und in Versuchung mit Alkohol zu kommen oder gebracht zu werden. Er schob Marcel vor, der gerade auf der Suche nach Bier unterwegs war.


Die Finte gelang, Alex begab sich zu dem Tisch, wo die Mechaniker, ein bunt zusammengewürfelter Haufen in Bezug auf Alter, zusammen saßen. Sie schienen sich prächtig zu verstehen und zu unterhalten, erzählten sich Witze und Anekdoten aus Ihrem Berufsleben. Sie Stimmung war ausgelassen und heiter, obwohl Alex nicht den Eindruck bekam, dass sie viel tranken. Sie nahmen ihn sofort in ihrer Mitte auf, indem sie zusammenrückten und ihm einen Platz anboten. Er war sofort mitten drin in der Gruppe, die ihn zwar beobachtete, aber sofort in die Gespräche mit ein bezog. Alex bekam den Eindruck, hier mit „gestandenen“ Mechanikern zusammen zu sein, einige hatten sogar Rennerfahrung, andere waren in großen Autohäusern beschäftigt gewesen.


Natürlich hatte jeder einzelne von ihnen, große Erfahrung mit der Marke Porsche. Großes Interesse fand die Gruppe an den Schilderungen über seine Testfahrten mit dem Porsche Carrera 6, damals in Deutschland. Die Leute hörten interessiert zu, denn sie reparierten zwar die Wagen, aber sie hatten fast keine Ahnung, über deren Leistungsspektrum, beim Fahren im Grenzbereich. So gesehen ergänzte sich die Gruppe und es kam eigentlich nie Langeweile auf, fand Alex. Irgendwann in der Nacht, bemerkte Alex, wie Gerda, die auch nicht mehr „Taufrisch“ schien, die Leute zusammenrief.


Um sie wieder in den Autobus zu verfrachten, dieser brachte dann die einzelnen, die in der Stadt wohnten, bis vor die Haustür. Der Rest, so auch Alex, wurden ins Hotel gebracht.

Am nächsten Tag, fand dann eine Pressekonferenz statt, sie lief eigentlich ab wie am Vortag, nur vor größerem Publikum, etwa hundert Zeitungsleute waren dabei. Die Show selbst, war eigentlich noch besser, weil die Beteiligten schon geübter waren.


Eigenartigerweise merkte man niemand den feuchtfröhlichen anstrengenden Heurigenbesuch an, nicht einmal Mr. Brown, der eine sehr gute Figur abgab und fast den ganzen Auftritt abhielt. Alex und Marcel waren nur in einer kleinen Nebenrolle, als ihre Namen genannt wurden, standen sie artig auf, verneigten sich leicht und das war es dann schon. Sie posierten dann lediglich eine viertel Stunde mit den Wagen, für die Fotografen und beteiligten sich dann an der 'Schlacht am kalten Buffet' mit den Presseleuten. Wo sie auch kleine Interviews gaben.


21. Kapitel


Er fuhr dann nach Oberösterreich zurück, dieses mal aber nicht mit der Bahn, sondern mit seinem ganz neuen Dienstwagen, einem Porsche 911. Die Organisation kaufte fünf Wagen dieses Typs zu einem Sonderpreis, wie Alex schwer vermutete. Er konnte sich die Farbe aussuchen und entschied sich für einen Wagen in silbermetallic.


Als er ankam, fuhr er gleich zum ASC, er parkte den Wagen vor der Klubhalle, das brachte ihm teilweise neidische aber auch bewundernde Blicke so mancher Clubmitglieder ein. Nur Renate konnte sich die Bemerkung nicht verbeißen. Wie es sich denn eigentlich damit verhalte, auf der einen Seite, kein Geld zu haben für Rennen und andererseits eine Unsumme für einen Sportwagen einer Edelmarke, hinblättern zu können.


Alex lächelte sie an, blieb aber doch die Antwort einfach schuldig. Soll sie sich doch zusammenreimen, was sie will, dachte er sich und freute sich über seine kleine Rache. Irgendwie merkte er aber, dadurch dass er nicht immer im Club war, in eine gewisse Außenseiterrolle zu kommen. In der Folge besuchte er nur mehr seine „Leute“ bei Baumann und wenn es sich gerade so ergab, machte er „Small-Talk“ mit den ASC Leuten. Ab und zu hatte er Sehnsucht nach Susi, sie war inzwischen wieder aus Italien zurück, machte sich aber rar, sie kam nicht einmal zu Baumann oder zum Klub.


Alex war im Zweifel, sollte er ihr jetzt nachlaufen, so quasi um schönes Wetter bitten? Nein, sagte er sich, kommt ja gar nicht in Frage, vorher wird der Schiefe Turm von Pisa ganz von selbst gerade! Er wollte dieses mal die harte Tour anwenden. Zudem ging ja ohnehin in der Vergangenheit fast jede Kontaktaufnahme immer von ihr aus. Alex befand sich arbeitstechnisch in einer Art Zwischenphase, am Standort gab es keine Aufgabe für ihn, dort trainierten die Mechaniker für die Renneinsätze in zwei Gruppen.


Eine Gruppe war gerade im Werk zur Schulung, die andere war damit beschäftigt, die Renntransporter technisch auszustatten. Dazu wurden zwei Scania Lkw angekauft. Im Frühjahr sollten dann Trainingsfahrten im Süden Italiens, auf einer gemieteten Strecke durchgeführt werden, wie Alex wusste, erst dann war sein Typ wieder gefragt. Es kam ihm einigermaßen komisch vor, auch für nichts Tun bezahlt zu werden und das auch nicht einmal so schlecht.


Andererseits sagte er sich, wenn es erst wieder so richtig losgeht mit den Rennaktivitäten, dann ist es sowieso aus mit dem süßen Nichtstun. Dennoch hatte er eine gewisse Unruhe in sich, es war ihm einfach neu gar nichts zu tun, keine Aufgabe zu haben. So entschied er sich seine Tante, die er ohnehin schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, einfach einmal überraschenderweise zu besuchen. Trotzdem er sich mit ihr in letzter Zeit nicht so gut verstand, könnte es sicher nicht Schaden einmal wieder nach ihr zu sehen.


Sie war ja im Gegensatz zu ihrem Mann, damals immer sehr streng zu ihm gewesen. Nach dem Tode des Onkels wurde für sie das Geld knapp, sie musste mit einer minimalen Witwenpension ihr Leben fristen. Sie war auch früher noch bei seinen Lebzeiten auch schon immer sparsam gewesen, aber zu jener Zeit schlug ihre Sparsamkeit in reinen Geiz um. Sie rechnete Alex jeden Groschen vor, den sie für ihn ausgeben musste. Vor dem Militärdienst wurde es ihm einfach zu bunt, er zog einfach aus, auch um sie finanziell zu entlasten.


Als er sich dann für Mädchen zu interessieren begann, war sie es, die in ständiger Opposition stand und sich dauernd einmischte, auch das war einer der Gründe für die Trennung. Wenn der Bruder seiner Mutter, nach ihrem Tode, nicht die Vormundschaft beantragt hätte, wäre er ganz sicher im Waisenhaus gelandet. Seinen Vater kannte Alex gar nicht, wer es war, hatte seine Mutter als Geheimnis mit ins Grab genommen. Wahrscheinlich wusste es derjenige nicht einmal selbst, dass es ihn überhaupt gab. Was soll's, sagte er sich, Tante konnte ja auch nichts dafür!


Er kam dann bei ihr an, sie wohnte in einem kleinen Dorf in der Nähe vor Freistadt. Als sie ihn sah, fiel sie beinahe in Ohnmacht vor Freude. Er überreichte ihr den Geschenkkorb, den er unterwegs besorgt hatte, sie war beschämt über die leckeren Dinge, die da zutage kamen. Sie revanchierte sich und bekochte, ihn mit ihren relativ bescheidenen Mitteln und tat alles, damit er sich bei ihr wohlfühlen konnte. Sie war ganz begierig zu erfahren, was er denn nun arbeite, wie es ihm in letzter Zeit ergangen war. Alex erzählte ihr die ganze Geschichte, ließ aber seine Affäre mit Susi aus dem Spiel.


Dass er mit Claudia nicht mehr zusammen war, störte sie ja in keiner weise, im Gegenteil, sie konnte sie ja ohnehin nie so richtig leiden, das wusste er ja. Aber dass er keine Nachfolgerin erwähnte, machte sie sofort stutzig, sie schöpfte Verdacht und begann ihn über etwaige verborgene Beziehungen auszufragen. Er werde sich doch nicht etwa mit verheirateten Frauen abgeben? War eine große Befürchtung, die sie nicht verschwieg. Alex beruhigte sie, er kenne jede Menge Mädchen, natürlich ledig, mit denen er befreundet sei, aber er wolle momentan keine Bindung oder feste Beziehung.


Die Rennfahrerei ließe dies ja auch nicht zu. Die alte Frau gab ihm recht, sie fand das auch sehr vernünftig von ihm. Sie plauderten noch über viele andere Dinge, insgeheim leistete, er ihr abbitte, sie war ruhiger, verständnisvoller, bescheidener, als in der Vergangenheit geworden. Alex verbrachte einen schönen Tag mit ihr. Sie klagte nicht, obwohl er unschwer erkennen konnte, dass es an allen Ecken und Enden fehlte, wenn er sich so bei ihr umsah. Die Wohnung war zwar sehr sauber und aufgeräumt, aber viele Dinge wären zu erneuern bzw. zu reparieren.


Alex wollte nicht über Nacht bleiben, obwohl sie es ihm anbot, sie war ganz enttäuscht, dass er wieder wegwollte. Nach der Kaffeepause verabschiedete er sich von ihr und fuhr wieder los, nicht ohne ihr vorher 4.000, -- S unter ihr Kopfkissen zu legen. Auf der Heimfahrt beschloss er, jeden Monat 3.000, --S zu überweisen, er hatte den Eindruck gewonnen, sie könnte es auf jeden Fall gut gebrauchen.


Er war froh sie wieder einmal besucht zu haben, auch seinem Onkel selig zuliebe, der sie abgöttisch geliebt hatte und immer alles tat, damit es ihr an nichts fehlte. Während der Heimfahrt kam Alex in einen Wolkenbruch, der neue Wagen war total verschmutzt, er beschloss zu Baumann zu fahren und ihn dort waschen zu lassen. Er fuhr in den Hof zur Waschhalle und staunte nicht schlecht, er sah Susis Wagen in der Box, sie stand daneben und wartete.


Alex stellte den Wagen ab und ging zu ihr hin,

»Hallo Susi! Wie geht es dir?«, fragte er freundlich.

»Servus Alex!«, antwortete sie trocken mit finsterem Gesicht.

»Ist was? Bist wohl schlecht aufgelegt?«, fragte er.

»Sag, willst du mich eigentlich frotzeln?«

»Frotzeln? Was meinst du damit?«


»Wie geht es deiner Cindy eigentlich?«, sie starrte ihn wütend an und sprach gleich weiter,

»Muss ja außerordentlich gut verdienen, die „Dame“, wenn sie dir so schnell einen Porsche kaufen kann! Bist du jetzt zu ihrem Zuhälter avanciert?«, ihre Augen waren voller Verachtung und Hass. So hatte er sie noch nie erlebt.

»Sag Susi, kann man heute mit dir eigentlich vernünftig reden?«

»Phh, vernünftig! Und reden?«, zischte sie wie eine aufgeregte Ringelnatter.

»Okay, wenn du nicht willst dann lassen wir’s eben!«

»Über was willst du den reden? Wie toll sie im Bett ist? Welchen Spaß du mit ihr hast? Was sie dir alles bieten kann?«


»Das geht zu weit, Susi!«

»Was heißt zu weit, wer geht hier zu weit?«

»Du gehst eindeutig zu weit!«, antwortete er ärgerlich.

»Dass ich nicht lache! Du lässt dich hinterrücks mit diesem Flittchen, dieser Hure ein und behauptest dann noch rotzfrech, ich gehe zu weit. Das ist doch wirklich die Höhe!«

Alex wusste im Moment nicht, ob er jetzt lachen oder vor Wut weinen sollte, während sie weiter sprach,

»Ich mache mich hier zum Gespött der Leute und du versuchst, den Spieß einfach umzudrehen!«, ihre Stimme begann zu flattern.


»Ach so! Dir ist es also immens wichtig, was die Leute sagen oder denken?«, fragte er lauernd.

»Natürlich ist es mir auch wichtig!«

»Wenn ich ehrlich sein will, ist es mir ja scheißegal, was die Leute sagen oder denken!«

»Kann ich mir ja gut vorstellen!«, sagte sie bissig.

»Susi, wenn du so mit mir weitersprichst, kannst du dich gleich zu den „Leuten“ dazu zählen!«, er kramte in seinen Hosentaschen nach den Autoschlüsseln.

»Jetzt wird der „Herr“ aber sehr empfindlich. Nicht nur, dass er sich mit Flittchen und Nutten abgibt, rufen ihn auch noch feine Damen an. Die haben sogar „Jaguars mit Chauffeur“, die ihn dann zu den amourösen Treffen nach Wien fahren sollen. Unter dem macht es ja der „feine Herr“ wohl nicht mehr!«


Bei ihm leuchtete plötzlich eine Glühbirne auf, Sibylle kannte nur die Telefonnummer vom Klub. Die Pralinen für Renate waren also eine reine Fehlinvestition gewesen, sagte er sich.

»Sag Susi, spinnst du jetzt wirklich?«

»Hat man denn Worte, du hurst herum, die einen nimmst du dir, die anderen laufen dir wie läufige Hündinnen nach und ich spinne?«

»Du spinnst ja wirklich, Susi! Du weißt ja gar nicht, wovon du eigentlich redest!«

Er wurde plötzlich innerlich ganz ruhig.


»Ja du hast ganz recht, ich spinne total, dass ich mich jemals mit dir überhaupt eingelassen habe!«

»Also, wenn du das so siehst, kann ich dir wirklich nicht mehr helfen!«, er drehte sich am Absatz um und stieg in den Wagen, sah den Schlüssel im Zündschloss stecken, startete, der Motor sprang röhrend an, die Reifen quietschten, als er wegfuhr.


Scheißkaff, dachte er sich, was hält dich denn eigentlich hier. Mit ziemlicher Wut im Bauch fuhr er heimwärts, der Weg führte ihn an der kleinen Kneipe vorbei, als er sie sah, dachte er sich, ein kleiner Cognac wäre jetzt gut! »Scheiße!«, sagte er laut, trat aufs Gaspedal und machte, dass er schnellstens aus der Gegend wegkam. Er parkte den Wagen vor dem Haus, ging hinauf in seine Wohnung. An der Eingangstür steckte ein Telegramm.


Er öffnete den Umschlag und las:

Lieber Alex! Konnte sie telefonisch nicht erreichen -Stop- Habe Adresse von COP -Stop- würde gerne mit Ihnen nach erfolgter Pressekonferenz bei COP über Porträt, für unsere nächste Ausgabe sprechen -Stop- Bitte um Ihren Rückruf wegen Treffpunkt - Stop - viele liebe Grüße, Sibylle.

Ok, sagte sich Alex, die Kleine hält ihr Versprechen. Morgen rufe ich sie an, dann sehe ich weiter, vielleicht gelingt es mir ja im zweiten Anlauf, in der Presse Image Sache vorwärtszukommen.


Da besteht für mich wirklich Handlungsbedarf. Gerade die ungute Geschichte mit Susi, die er erlebt hatte, bestätigte ihn noch mehr in dieser Ansicht. Da kann man wieder einmal sehen, wie schlechte Kommunikation, doch einen Rattenschwanz an Problemen aufwerfen kann. Am nächsten Morgen, griff er zum Telefon und rief im Verlag in Wien an, dort erhielt er eine Salzburger Telefonnummer, unter der Frau Schmidt jetzt erreichbar ist.


Er wählte die Nummer,

»Druckerei Grohmann & Sohn, guten Tag!«, meldete sich eine Stimme.

»Frau Sibylle Schmidt, bitte, Rathey mein Name!«

»Einen Moment bitte, ich verbinde!«, antwortete die Stimme freundlich.

»Sibylle Schmidt, hier«

»Hallo! Sibylle, Alex spricht, Danke für das Telegramm, ich ...«

»Ah, Herr Rathey, gut dass sie jetzt gerade anrufen, sie wollen jetzt doch noch auf mein Angebot eingehen! Zum vereinbarten Preis? Wie, wir schon besprochen hatten! Wirklich? Das ist gut!«


er unterbrach ihren Redefluss,

»Aber Sibylle, ich bin’s Alex!«, rief er aufgeregt.

»Ja, Herr Rathey, wir sollten uns treffen! Am besten noch heute!«

Alex dämmerte es, entweder konnte sie nicht so sprechen, oder sie bezweckte etwas Besonderes, er fragte,

»Ja und wo? Sollen wir uns denn treffen?«

»Wir treffen uns am besten im Hotel Zentral in St. Wolfgang, dort übernachte ich auch, sagen wir so gegen 18 Uhr, ja?«


»Also, gut, ich habe jetzt verstanden, 18 Uhr, Hotel Zentral, Ok!«

»Herr Rathey, ich freue mich, bis dann! Auf Wiedersehen!«

So ein kleines Luder, dachte er sich, sie hat bestimmt irgendetwas tückisches vor, dort in Salzburg. Also, gut, ich war ohnehin noch nie am Wolfgangssee, wird Zeit ihn einmal zu sehen, ist mir ohnehin lieber als in Salzburg in der Stadt herumzugurken, sagte er sich.


Er fuhr dann bald los, der Landkarte nach, könnte er in gut zwei Stunden dort sein. Nachdem er, über haufenweise Zeit verfügte, beschloss er die Bundesstraße zu nehmen und sich ein wenig die Gegend anzusehen. An der Route fand er dann, einen urigen Landgasthof, wo er gemütlich zu Mittag aß. Anschließend spazierte er etwas, in einem kleinen Dorf herum und setzte dann unternehmungslustig seine Fahrt fort. Er traf am Wolfgangssee ein, das Wetter war bewölkt, die Luft war schon etwas kalt auf der Haut, der Herbst machte sich schon stark bemerkbar. Er spazierte dann am Seeufer entlang, dabei beobachtete er die Wasservögel, er war ganz hingerissen von der herrlichen Natur, die ihn hier umgab.


Es war so richtig entspannend. Einmal ohne Zeitdruck und dem lästigen Gefühl, mit irgendetwas zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein zu müssen, herum zu flanieren, er genoss dieses Freiheitsgefühl in vollen Zügen. Gegen 17.50 Uhr traf er dann im Hotel Zentral ein. An der Rezeption fragte er nach Sibylle. Frau Schmidt wäre schon vor gut einer Stunde eingetroffen und befinde sich im Zimmer, sagte ihm der Portier und telefonierte nach oben um ihn anzumelden.


Frau Schmidt lasse bitten, sagte er und ergänzte, 1. Stock, Zimmer 19. Alex ging hinauf, suchte die Tür mit der Nummer 19, er klopfte, die Tür ist offen! Hörte er eine Stimme. Er öffnete und spähte hinein, dann betrat er den Raum. Einen mit hellem Licht durchfluteten, geschmackvoll eingerichteten Raum. Er sah aber niemand,

»Sibylle?«, rief er gedämpft.

»Ja! Hier! Ich bin gerade im Badezimmer!«, hörte er.


Komisch! Sie weiß, dass ich rauf komme und sie ist im Bad, sehr merkwürdig! Dachte er sich, »Soll ich vielleicht inzwischen unten warten?«, fragte er vorsichtig.

»Nein, Alex, machen sie es sich inzwischen bequem, ich komme gleich zu ihnen, auf der Anrichte stehen Getränke. Nehmen sie sich etwas, für mich bitte, einen trockenen Martini!«

Alex nahm den Gin, füllte zwei Fingerbreit ins Glas. Fügte einen Schuss Martini extra dry hinzu, spießte eine Olive auf und versenkte sie im Glas. Überlegte ob er noch einen Eiswürfel dazu geben sollte, ließ es aber bleiben, denn Sibylle nahm nie Eis.


Er selbst nahm sich eine Cola, dann brachte er die Getränke zur Sitzgruppe. Im gleichen Augenblick betrat Sibylle den Raum, sie trug ein knielanges schwarzes Kleid, mit einem tiefen Ausschnitt, war barfuß. Sie wirkte dadurch noch kleiner, sah aber hinreißend aus, wie er fand.

»Hallo Alex! Würden sie mir bitte den Reißverschluss am Rücken zuziehen, bitte? Ich schaffe es ja nicht alleine!«, sie drehte sich um, das Kleid war bis zum Allerwertesten offen, durch den klaffenden Schlitz, sah er ihre zierliche schlanke Figur, zudem trug sie keinen BH. Alex zog mit einer Hand am Reißverschluss haken, der klemmte und bewegte sich nicht.


Sie lachte,

»Wenn es zwickt, müssten sie schon beide Hände nehmen, mit einer dann unten halten, mit der anderen ziehen!«

»Verzeihen sie, aber ich bin da beim Schließen nicht so geübt!«, eher in die umgekehrte Richtung, dachte er sich.

»Probieren sie es nochmals!«

Ungeschickt fingerte er herum, irgendwie gelang es ihm, doch noch, das verflixte Ding zuzuziehen.

»Danke Alex, sie, sind ja ein Schatz, ohne sie hätte ich das Kleid wahrscheinlich gar nicht anziehen können, über den Kopf ziehen geht nicht, von unten rauf ganz zu schweigen!«

Alex sah, dass Sie völlig recht hatte, das Kleid war ja äußerst eng anliegend. Fast wie eine zweite Haut, es schmiegte sich ihren wohl gerundeten Formen betonend an, es gefiel ihm sehr, was er sah.


Sie ergriff das Martiniglas, das er ihr reichte,

»Zum Wohl, Sibylle!«

»Prost Alex!«, sie nippte am Glas und fragte, »ich hoffe, sie haben sich vorhin am Telefon nicht allzu sehr über mich gewundert? Aber das ist eine kleine Geschichte. Die möchte ich ihnen dann im Restaurant erzählen. Ich habe für uns schon einen Tisch bestellt, mit Blick auf den See!«, sie blickte ihm tief in die Augen.

»Würde mich freuen, die Teufelei zu erfahren!«, erwiderte er ruhig.


»Ja und dann wäre noch ihr Interview, wir sollten es Morgen machen. Ich habe den Fotografen für 10 Uhr her bestellt. Ein Zimmer habe ich ihnen auch reserviert!«

»Fotograf? Sie machen die Bilder nicht selbst?»

»Wo denken sie hin? Porträtfotos sind meine Sache nicht! Da müssen schon Profis her!«, sie sah ihn vergnügt an.

»Na gut, wenn sie meinen!«


Sie nahmen dann im Restaurant Platz, Sibylle entschied sich für eine Salatplatte. Er wusste überhaupt nicht, was er nehmen sollte, er war noch satt vom deftigen Mittagessen im gut bürgerlichen Gasthof. Wo es alle Arten von Knödel gegeben hatte. Er konnte dort einfach nicht widerstehen und probierte gleich alle durch, manche schienen noch in seinem Magen zu lagern. Also, bestellte er Forelle, denn da konnte man ohne unangenehm aufzufallen, gut die Hälfte unter den Gräten und der Haut verstecken, wie er wusste. Während die Getränke serviert wurden, fragte er sie, »Was war denn eigentlich bei Grohmann & Sohn?«


»Ach ja, richtig! Ich wollte es ihnen ja erzählen!«

»Ich habe da nämlich so meine Vermutung«, sagte er und lächelte verschmitzt.

»Wirklich? Was, vermuten sie denn?«, sie blickte ihn fragend an.

»Nun ich denke, sie wollten denen die Druckerei abkaufen oder sich vielleicht irgendwie daran beteiligen. Grohmann war mit ihrem Angebot einverstanden, der Sohn nicht, der wollte wohl viel mehr. Da rief eben ein gewisser Rathey an, dieser Schweinehund, der bis zuletzt hoch gepokert hatte und ging dann doch noch auf ihr seinerzeitiges Angebot ein. Das ließ Grohmann natürlich nicht zu, machte den Sohn mundtot und verkaufte oder nahm ihre Bedingungen an. Natürlich, zu weniger als ursprünglich gefordert war. Soweit meine Vermutung!«

»Na so was! Sie sind nicht zufällig bei der Wirtschaftspolizei?«, fragte sie lächelnd, sie sprach weiter, »bis auf Grohmann und Sohn, stimmt ja alles sinngemäß. Nur das Grohmann und dessen Sohn schon lange unter der Erde liegen, die Witwe des Sohnes hat verkauft und dieser gewisse Herr Rathey. Der zu meinem Glück gerade zum richtigen Zeitpunkt anrief, hat ihr dann den Verkaufserlös geschmälert, ja direkt vermasselt, wirklich ein richtiger Schweinehund!«, jetzt lachten beide.


Alex sprach ganz todernst, »Na ja, schon wieder so ein krasser Fall von Wirtschaftskriminalität! Sie sind verhaftet! Gestatten Rathey, Kripo Salzburg!«, er deutete mit der hohlen Hand, die Polizeimarke an.

Sibylle grinste über das ganze Gesicht und sagte dann wieder ernst, mit fragendem Blick, »Und wie viel bekomme ich deswegen?«

»Das mindeste für so ein Vergehen ist lebenslänglich!«

»Glauben sie, gibt es auch mildernde Umstände?«, sie fragte es ganz kleinlaut und sah ihn erbarmungswürdig an, zumindest versuchte sie es.

Alex musterte sie streng und sagte todernst,

»Nun ja, im Augenblick sehe ich gerade zwei!«, dann grinste er spitzbübisch.


Sie hatte seine frechen Blicke genau verfolgt und rückte ihr Dekolleté zurecht, dabei lächelte sie verschmitzt.

»Ach Alex es tut so gut, mit ihnen zusammen zu sein, sie amüsieren mich!«, sie sah ihn durch den Schein des Kerzenlichtes an, ihre Augen funkelten unternehmungslustig, als sie fragte, »was halten sie denn davon, wenn wir danach in die Tenne gingen, auf dem Ankündigungsplakat im Foyer stand, dass heute Abend eine live Band spielt, tanzen sie gerne?«

Oh Gott! Dachte sich Alex, auch das noch! Tanzen, welch ein Gräuel! Er hatte noch nie getanzt, er konnte auch gar nicht tanzen. Er sah zwar gerne zu, aber selbst war er ja noch nie „aufgetreten“.


»Gute Idee! Wenn sie möchten gerne, aber auf ihre Verantwortung, ich bin nämlich etwas aus der Übung, wissen sie!«, log er und versuchte sein gequältes Lächeln zu unterdrücken.

Die Tenne war hoffnungslos übervölkert, Alex hoffte inständig, dass sie aus Platzmangel wieder gehen mussten. Mitnichten Sibylle fand, das rustikale Lokal einfach wundervoll, auch sofort Platz an der Theke. Die vier Mann Band, spielte gerade auf Teufel komm raus Rock and Roll. Es roch unheimlich nach Menschen, tanzenden Menschen, junge und auch etwas ältere hüpften auf der Tanzfläche.


Sibylle bestellte zwei Cola Rum am Tresen, sie jonglierte, die Gläser durch die Masse zu Alex, der am Rande der Tanzfläche stand. Sie gab ihm ein Glas,

»Ich finde es richtig toll hier! Prima Musik! Gute Stimmung, finden sie nicht?», rief sie ihm ins Ohr, das gerade von der Klangfülle eines Lautsprechers in Kopfhöhe beleidigt worden war und fürchterlich zu brummen begann. Alex nickte nur, Sibylle verstand es als Zeichen seiner Zustimmung, sie stand mit ihrer Cola Rum da und wippte im Takt der Musik mit.



Die Band, wahrscheinlich ausgesprochene Vollprofis, intonierte nun ein langsames Herzschmerz Stück, die Paare auf der Tanzfläche umschlangen sich und bewegten sich langsam im Rhythmus des Stückes. Alex nahm Sibylles Glas und stellte es einfach irgendwo ab, stellte seines dazu, murmelte etwas wie – darf ich bitten? Er machte eine knappe Verbeugung und hielt ihr seinen Arm hin, den sie freudig ergriff. Sie betraten die Tanzfläche, Sibylle schmiegte sich gleich an ihn.


Im Nu waren sie mitten drin, umringt von den anderen Paaren, die sich eng umschlungen, ganz langsam im Takt der Musik bewegten. Alex spürte den weichen, warmen Druck ihres Körpers. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, er beugte sein Gesicht etwas zu ihr runter und sog den angenehmen Duft ihres Parfüms, der aus ihrer Nackengegend entwich, auf. Ein angenehmes Gefühl durchströmte ihn, sie bewegte sich leicht und folgte harmonisch seinen Bewegungen, die er sich bei einem anderen Paar abschaute. Ist ja eigentlich gar nicht so schlecht, die Tanzerei, dachte er sich.


Sibylle schien es auch zu gefallen, sie kraulte zärtlich seine Nackenhaare. Einzig ihr Größenunterschied schien ein gewisses Handicap, ihr Kopf hörte in Höhe seines Kinnes auf, direkte Blickverbindung war ausgesprochen schwierig, wenn sie ihm in die Augen sehen wollte, musste sie ihren Kopf über strecken, er musste sich etwas nach unten beugen. Trotzdem störte diese kleine Umständlichkeit, ihre Harmonie in der Bewegung nicht. Das sentimentale langsame Stück ging zu Ende, alle auf der Tanzfläche applaudierten der Band. Alex zog Sibylle sanft von der Tanzfläche, denn er befürchtete, dass die Band wieder mit einem schnellen Stück los legen werde. Er behielt auch recht, denn es folgte gleich ein schwungvoller Boogie-Woogie.


Alex suchte, die abgestellten Gläser, sie waren verschwunden, so bestellte er, eine Flasche Sekt, die Kellnerin servierte sie dann am Tisch, der gerade frei wurde und den sie ihm anbot. Sibylle fühlte sich anscheinend sehr wohl in dem Trubel, nach drei Glas Sekt glühten ihre Wangen, wie er sah, auch er merkte, wie sein Kreislauf in Schwung kam. An eine akustische Unterhaltung war bei der überlauten Musik gar nicht zu denken, denn der Geräuschpegel, den die Verstärker hergaben, war ja gar nicht ohne. So begnügten sie sich, die Paare beim Tanz zu beobachten, wobei Sibylle sich sitzend im Takt der Musik bewegte. Ein Lied ging gerade zu Ende, die ersten Takte eines Neuen begannen gerade.


Als, ein junger Mann zu ihrem Tisch kam und Sibylle zum Tanz aufforderte, natürlich nicht ohne Alex vorher um Erlaubnis zu fragen, die er ihm gönnerhaft gewährte. Alex war es eigentlich nur recht, denn er wusste, er würde demnächst wieder mit ihr tanzen müssen. So beobachtete er die Tanzpaare genau, die schnellen Tänze, kamen ihm nicht allzu schwierig vor. Es waren meistens dieselben Schritte und Gesten, lediglich das Tempo variierte. Er beobachtete Sibylle, sie schien voll in ihrem Element zu sein, sie bewegte sich leicht und zugleich rhythmisch und Alex konnte erkennen, dass sie gerne tanzte. Ein sehr langsames Stück folgte, er sah, wie sie von ihrem Tanzpartner körperlichen Abstand hielt, obwohl er immer wieder versuchte, bei ihr auf „Tuchfühlung“ zu kommen.


Als das Musikstück beendet war, musste der Tänzer sie erfolglos wieder am Tisch abliefern. Sibylle schien jetzt völlig aufgekratzt und angewärmt wie eine Sportlerin vor einem Wettbewerb. Alex merkte sofort, dass seine Stunde schlug, er musste jetzt ran, wollte er nicht als 'Langweiler' dastehen. Er entführte sie kurzerhand, wieder aufs Parkett, begrub seinen inneren Schweinehund und versuchte eine kesse Sohle hin zulegen. Es gelang ihm scheinbar auch, denn Sibylle lächelte ihn bewundernd an.


Die Tanzerei begann ihm Spaß zu machen, sein Rhythmusgefühl verließ ihn nicht, so meinte er sich selbst beruhigend. Er bewegte sich ganz gut im Takt der Musik, fand er, Sibylle folgte ihm Schritt auf Schritt. Wobei er wahrscheinlich welche kreierte, die es gar nicht gab, so dachte er es sich zumindest. Seine Körpertemperatur stieg schnell merklich an, die Schweißperlen standen in seinem Gesicht und suchten ihren Weg nach unten. Sein Hemd klebte unter dem Sakko, wie eine zweite Haut am Körper.


Doch ihm war es egal, er war in einer Art Trance gefangen. Sibylle ging ebenfalls voll aus sich heraus und tanzte sehr temperamentvoll, dies heizte ihn zusätzlich an, als er sie so sah, sie schien nur für ihn zu tanzen. Vier oder fünf heiße Tänze, hielten sie zusammen noch durch, dann musste eine neue Flasche zur Erfrischung her. Alex hätte sich am liebsten das Eiswasser des Sektkübels über den Kopf gegossen, so kochte er, begnügte sich aber damit, mit einem Eiswürfel seine erhitzten Schläfen zu kühlen. Sie schien ihm ebenfalls in Hitze zu stehen, ihre Haare klebten an den Schläfen und sie musste ständig zur Feuchtigkeitsbekämpfung ihr Taschentuch immer wieder einsetzen, dabei fragte sie ihn,

»Sie tanzen ja gar nicht schlecht, Alex! Wo haben sie es denn erlernt?«


»Bei Professor Vilsmeier«, antwortete er lächelnd und schnaufte noch immer.

»So! Nie von ihm gehört!«, sie machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Ja, wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich auch nicht! Ich war bisher noch nie auf einer Tanzveranstaltung, geschweige denn in einer Tanzschule, den Vilsmeier hatte ich soeben erfunden!«

Sie lachte hell auf und sagte,

»Na, so was, dann sind sie ja ein richtiges Naturtalent!«


»Finden sie wirklich! Na, ich weiß nicht recht!«

»Doch, doch, glauben sie mir! Ich kenne mich da aus!«

Der Abend war schon sehr vorgerückt. Die Band spielte nur mehr sehr langsame Tänze, es kam „ je t`aime“, plötzlich ging auf der Tanzfläche das Licht aus. Die Paare gingen mehr oder minder richtig in den Clinch, wie Alex beobachten konnte.


Auch bei ihm rührte sich etwas, durch den vielen engen Körperkontakt, das ineinander strömen, der Wärme ihrer zusammen angeschmiegten Körper, den gemeinsamen harmonischen sanften Bewegungen, die vielsagenden zärtlichen Blicke, die sie ihm schenkte, dazu auch noch dieses absolut erotische Musikstück.

Alex konnte sich nicht mehr zurückhalten, er umschlang sie fest, hob sie hoch und küsste sie. Anfangs zart, in der Folge sehr stürmisch. Anstatt ihm, die, insgeheim von ihm schon erwartete Ohrfeige zu verpassen, ging sie auf diese Zärtlichkeit sofort ein. Sie erwiderte seine Küsse mit einer Leidenschaft, die er gar nie erwartete und ihr nicht zutraute.


Die Morgensonne drang schon zaghaft durch die Vorhänge von Zimmer 19 und verbreitete ein sanftes Licht im Raum, als Alex geduscht und frisch rasiert aus dem Badezimmer kam. Sibylle strich gerade Konfitüre auf die Brötchen, die sie vom Frühstückswagen genommen haben musste. Sie war äußerst hübsch anzusehen, in ihrer Nacktheit, fand er.


Prüderie schien ihr fremd zu sein, als sie zu ihm sagte,

»Schatz! Komm, Frühstück ist da!, sie lächelte vielsagend und sagte weiter, »Nimm, doch das alberne Handtuch da ab! Ich weiß doch, wie du aussiehst!», sie biss neckisch in ihr Brötchen.

Alex gehorchte, sein Körper glühte von der vergangenen heißen Nacht noch immer, obwohl er ziemlich kalt geduscht hatte. Kurzerhand ließ er das Handtuch einfach von seinen Hüften zu Boden gleiten. Sibylle schien, zu gefallen was sie sah, wie er ihren interessierten Blicken ansah.


Sie deutete auf den zerwühlten Platz, neben ihr im Bett, dem Ort, an dem sie die letzten Stunden, in vollkommener harmonischer Gemeinsamkeit verbrachten. Er nahm neben ihr Platz.

»Hier bitte, Kaffee!«, sie reichte ihm eine Tasse, aus ihrer entwich der Duft von Tee mit Zitrone.

»Ganz toll so ein Frühstück im Bett, nicht wahr? Besonders zu zweit, bisher musste ich ja immer alleine!«, sie nippte an ihrem Tee, der sehr heiß schien und ergänzte,

»Na ja, eigentlich fast immer alleine!«


»Das ließe sich doch ändern!«, meinte er.

»Wie ändern?«, fragte sie neugierig.

»Wenn ich dann demnächst in Wien wohne, könnten wie es doch öfters wiederholen!«, er nahm einen Schluck Kaffee und sah sie fragend an.

»Wie? Du ziehst nach Wien?«

»Ja, sobald ich eine geeignete Wohnung gefunden habe!«

»Ach, Alex! Das ist ja wunderbar für uns! Ich könnte dir auch mit der Wohnung sofort helfen!«

»Wie, meinst du das?«


»Schau ich habe unter anderem eine Eigentumswohnung, die ist schon längere Zeit leer stehend und unbenutzt, die könntest du ja sofort haben! Einzige Bedingung, dass wir dort oft zusammen Frühstücken, so wie jetzt! Danach!«

»Sibylle, schau gegen frühstücken danach, gibt es ja gar keinen Einwand. Aber du solltest mir schon sagen, wie hoch die Miete ist, sonst würde ich mir schon irgendwie komisch vorkommen!«

»Also, gut, ich verstehe! Die Wohnung hat sechs Zimmer, Bad, Küche, usw..., eine ziemlich große Terrasse. Es ist nämlich eine Penthousewohnung, ganz oben, mit Ausblick auf den Kahlenberg, du verstehst? Und sehr, sehr teuer!«


»Ja gut, wie viel?«

»Also, mit 1.000, -- S musst du da schon rechnen!«

»Hast du da nicht zufällig, eine Null, vergessen?«

»Nein, der Preis stimmt schon, schließlich bin ich ja eine harte Geschäftsfrau und kann daher sehr gut mit Zahlen umgehen!«

»Nun harte Geschäftsfrauen, stelle ich mir aber schon ganz anders vor, die liegen doch nicht splitternackt im Bett, neben zukünftigen Geschäftspartnern«, meinte er süffisant lächelnd.


»Ja Alex! Jungchen! Wo lebst du denn? Ich möchte für jeden Vertrag, der auf diese Weise in der Welt geschlossen wird nur 1, -- S. Und ich wäre auf einen Schlag Millionärin!«

»Vielleicht hast du ja Recht«, sagte er etwas konsterniert.

Sie kuschelte sich jetzt zärtlich an ihn,

»Gell, du nimmst die Wohnung? Ja?«, sie blickte ihn erwartungsfroh an.

»Ich weiß nicht recht! Der Preis ist doch wohl ein Witz, nur 1.000, --S im Monat, bei Gott ein Witz. Ich weiß doch was das sonst kostet!«


»Ich dachte dabei doch an eine Jahresmiete!«

»Du willst mich wohl voll auf den Arm nehmen?«

»Aber nicht die Spur, Alex! Schau lass dir doch einfach von mir helfen. Die Wohnung steht doch leer, ich will sie keinem Fremden geben. Bei dir ist das doch etwas anderes, für mich bist du kein fremder, du bist mein Retter!«

»Da ist noch etwas, was du wissen solltest, ich ziehe nämlich nicht ganz alleine nach Wien!

Ihre Augen weiteten sich,

»Du bist nicht allein?«

»Ja, ich bin nicht alleine! Ich nehme die Sissy mit! Sie ist so lieb und anschmiegsam, ich kenne sie ja noch nicht so lange, aber wir verstehen uns so gut. Ich kann ohne sie nicht sein, außerdem gibt’s da auch ein Versprechen!«

Ihr Gesichtsausdruck wurde sehr ernst, »Du hast mir aber nie etwas angedeutet, dass du eine feste Bindung hast!«, ihre Augen begannen merkwürdig zu funkeln.

»Bis jetzt war es auch nicht wichtig darüber ein Wort zu verlieren, aber jetzt durch die Übersiedlung, gibt es schon Probleme mit ihr, sie ist nämlich voll auf mich angewiesen, Nahrung, trinken, Hygiene und so weiter ...«


sie hörte aufmerksam zu und fragte,

»Ist sie etwa behindert?«

»Nicht dass ich wüsste. Der Arzt sagte, sie wäre vollkommen gesund!«

»Was ist es dann?«

»Nun ja, Katzen können so schlecht den Kühlschrank öffnen, die Wasserleitung ...»

»Jetzt hast du mich aber ganz schön veralbert!«, ihr Gesicht wurde wieder um fünfzig Grad freundlicher.

»Entschuldige bitte, das war nicht meine Absicht!«, sagte er spitzbübisch lächelnd.

»Ja, ja, schon gut!«


»Sibylle, das mit der Wohnung ist sicherlich ein guter Vorschlag, aber ich werde es mir noch etwas überlegen, aber du solltest dir schon einen realistischen Preis einfallen lassen, ja?«

»Wenn du willst, kannst du ja Sissy zu mir geben, wenn du nach Wien ziehst, bei mir ist sie sicher ganz gut aufgehoben, überlege es dir!«

»Gut, wir besprechen das Ganze noch einmal, wenn es dann akut ist, ja?«, antwortete er nachdenklich. Innerlich sagte er sich, es ist doch immer das Gleiche. Warum müssen Frauen denn ständig versuchen, wenn die einen Mann kennengelernt haben, ihn danach ständig in eine gewisse Abhängigkeit bugsieren zu wollen.


Gut die Angebote sind ja sehr verlockend, sagte er sich, trotzdem fühlte er sich da durch irgendwie irritiert und etwas eingeengt.

»Wir sollten uns jetzt nach unserer unartigen, atemberaubenden und sehr heißen Nacht, wieder zurechtmachen. Meinst du nicht? Der Fotograf wird bald hier sein!«, sie rekelte sich noch einmal genussvoll, wie eine Wildkatze, stieg aus dem Bett und ging mit leichten federnden Schritten ins Badezimmer.



Einige Zeit später, traf dann der Fotograf wie geplant ein. Er war ausgestattet, wie ein Filmteam für einen Monumentalfilm, um die Fotoausrüstung zusammen zu tragen, mussten ihm drei Pagen behilflich sein. Alex wurde vorher noch von einer Visagistin, die er vorsorglich mitbrachte, für die Aufnahmen präpariert wie ein Filmstar. Der Fotograf schoss dann seine Bilder, an verschiedenen Plätzen im Hotel, die er nach passendem Hintergrund und bestem Lichteinfall auswählte.


Sibylle ihrerseits verfolgte diese Tätigkeiten sehr aufmerksam, mischte sich aber in keiner Weise ein und ließ den Mann seine Arbeit verrichten. Nach der ganzen Prozedur bekam Alex leichte Kopfschmerzen und war enorm froh, dass alles nur zwei Stunden dauerte.


danach quälte ihn Sibylle noch eine Stunde mit vielen Fragen, die sie. für das Porträt benötigte und versprach ihm hoch und heilig vorab einen Auszug per Post zur Korrektur zu senden.


Am späten Nachmittag nahmen sie zärtlich und wehmütig voneinander Abschied. Sibylle reiste dann sofort nach Wien weiter, er nahm dieselbe Route, die er zuvor genommen hatte, zurück nach Oberösterreich.


22. Kapitel

 

Die neue Rennsaison stand nun schon unmittelbar vor der Tür, bis zum ersten Rennen würden nur mehr sechs Wochen vergehen. Bei COP hatte man inzwischen beschlossen, vorerst einmal sämtliche Bergrennen in Österreich zu bestreiten. Außerdem, um das Team voll auszulasten, wurde auch für einige Tourenwagen Rundstreckenrennen genannt.

 

Alex wusste nun Bescheid, was ihn genau erwartete. COP war es enorm wichtig, dass bei jedem Rennen mindestens einer, ihrer Wagen innerhalb der ersten drei Plätze lag. Wer diesen Erfolg dann im Endeffekt einfuhr, war eigentlich nebensächlich. Dazu gab es gar keine bestimmte Stallorder, die Hauptsache war eben immer in der Wertung zu liegen. Inzwischen waren auch die Voraussetzungen für dieses doch sehr ehrgeizige Ziel am Standort geschaffen worden. Während der Winterzeit musste Paul die Mechaniker Crew trainieren, er teilte sie in zwei Teams, wobei für jeden Wagen fünf Leute ausgebildet und eingeteilt wurden.

 

Die Mechaniker waren bestens aufeinander eingespielt und zur Hochform aufgelaufen. Im März, als dann die Witterungsverhältnisse schon einigermaßen freundlich waren. Bekamen Alex zusammen mit Marcel, samt Mechanikern Gelegenheit, die Theorie in die Praxis umzusetzen und einen Beweis ihres Könnens zu liefern. Dazu fanden dann Testfahrten in Süditalien, auf einer eigens dazu gemieteten Rennstrecke statt. Alex und Marcel nützten diese Gelegenheit, acht Stunden täglich, über eine Woche lang, ausgiebig sich mit den Fahrzeugen vertraut zu machen.

 

Alex hatte dabei große Mühe mit den Rundenzeiten seines Kollegen mitzuhalten. Er erkannte rasch, dass Marcel, im Gegensatz zu ihm, ein durchaus routinierter Rundstreckenpilot war. Die Wagen waren ja technisch, wie Motorleistung und PS Zahl betraf, absolut gleichwertig. Eine bessere Rundenzeit konnte also nur durch überlegene Fahrweise erreicht werden, damit hatte Alex aber seine liebe Not.

Alex wusste, dass die ganze Aktion darauf ausgerichtet war, nicht nur die technische Ausrüstung, samt den Rennfahrzeugen, sondern auch das gesamte Team selbst, einer harten Probe zu unterziehen und eben unter Rennbedingungen zu testen. Diese Erkenntnis verstärkte sich dadurch, da auch ein unabhängiges professionelles Zeitnehmungsteam, mit modernster Ausrüstung, angeheuert worden war, das dann die Arbeit verrichtete.

 

Zudem kam auch noch die Anwesenheit eines Mannes namens Luigi, der mit seiner Assistentin Fiona am Geschehen teilnahm. Wobei sich die beiden, ausschließlich mit Betätigungen beschäftigten, bei denen es ausschließlich auf menschliche Reaktionen ankam, wie Alex rasch herausfand. Beide, verhielten sich irgendwie geheimnisvoll, ließen sich dabei nicht in die Karten blicken, sondern beobachteten nur, von Zeit zu Zeit, machten die sich irgendwelche Notizen. Einen Tag lang wurden dann Reifentests durchgeführt, ganze Berge von verschiedenen Rennreifen aller Marken waren im Versuch. Die Mechaniker schufteten wie die Akkordarbeiter einer Reifenfirma in der Winterzeit, jeweils nach 20 Runden wurden die Reifensätze gewechselt.

 

Die Rundenzeiten mit den einzelnen Garnituren, sowie die Zeiten für den Wechsel derselben, wurden minutiös gestoppt und dokumentiert. Alex hatte bei den Zeiten für den Reifenwechsel an seinem Wagen einen leichten Vorteil, da sein Team um einiges schneller war, als das Team von Marcel. Alex konnte nach jedem Wechsel stets schneller wieder auf die Rennstrecke. Dies freute ihn besonders, er war ja ganz besessen von dem Gedanken, nicht nur das schnellere Team an seiner Seite zu haben. Er wollte auf jeden Fall auch der schnellere bessere Fahrer sein. Irgendwie fühlte und vermutete er, dass die Auswertungen dieser Tests, dazu verwendet würden, bei COP die Rangfolge der Fahrer festzulegen. Er wollte und musste daher voll aus sich herausgehen, um auf Platz eins zu gelangen.

 

Den ganzen darauf folgenden Tag gelang es ihm aber nicht, so sehr er sich auch darum bemühte, den Kontrahenten auf Platz zwei zu verweisen. Alex war vom Ehrgeiz besessen, überlegte hin und her, wie er es dennoch schaffen könnte. Er fuhr auch stets am Limit. Marcel parierte erfolgreich und bot ihm keine Angriffsfläche, keine noch so kleine Unsicherheit oder Fahrfehler. Er begann ihn dafür sogar insgeheim zu hassen, aber gleichzeitig zollte er ihm schon eine gewisse Achtung. Der junge so schien ihm, musste eiserne Nerven zu haben und wies alle seine Angriffe mit Bravour ab. Alex konnte, obwohl er alle Register zog dennoch nicht an ihm vorbei und das wurmte ihn.

 

Vom Wagen her gesehen hatte er ja überhaupt keinen technischen Vorteil. Aus dem Windschatten heraus an ihm vorbeizukommen gelang auch nie. Dazu hatte er einfach zu wenig PS. Mit 2 bis 3.000 Umdrehungen mehr, ginge es vielleicht, dachte er sich. So begann er sich einmal in der Box, für die Beschaffenheit seines Aggregates zu interessieren. Seine Mechaniker gaben ihm auch bereitwillig Auskunft auf all seine Fragen, gleichzeitig freuten die sich anscheinend über sein Interesse an ihrer Arbeit. Er experimentierte zusammen mit ihnen, an der Aerodynamik der Karosse, soweit dies eben möglich war. Ließ öfters die Spoiler verstellen, besonders am Heck, notierte sich die Einstellungen, verglich sie mit den Rundenzeiten.

 

Doch das half eigentlich auch nicht weiter. So begann er verschiedene Getriebeübersetzungen auszuprobieren. Nach viermaligem Umbau seines Getriebes, fand er dann eine Übersetzung, die optimal lief. Marcel wurde daraufhin schon reichlich nervös und begann seinerseits zu experimentieren. Paul war anscheinend die Situation nur recht, er ließ alles geschehen und freute sich wahrscheinlich innerlich, über die jetzt entstandene Rivalität der beiden Fahrer, die sich ja nun gegenseitig hochschaukelten. Auch die Mechaniker standen irgendwie in Konkurrenz zueinander, sie arbeiteten fieberhaft und ließen einander bei ihren Tätigkeiten nicht mehr zusehen. Paul schien über der Situation zu stehen und billigte das Verhalten seiner Leute. Alex kam dann zufällig dahinter, dass in seinem Wagen ein Drehzahlbegrenzer aktiv war, der ihm vermutlich mindestens geschätzte fünfzehn Prozent an Endleistung kostete.

 

Als dann innerhalb einer Arbeit an seiner Zündanlage, die Teile ausgebaut auf einer Werkbank lagen, gelang es ihm völlig unbemerkt, den Fliehkraftregler so zu verklemmen, dass er danach außer Funktion war. Die Teile wurden wieder eingebaut, ohne dass die Mechaniker dies bemerkten. Alex drehte wieder seine Runden, zuerst ganz zaghaft, um die Zeitnehmung nicht gleich auf den Plan zu rufen. Nachdem auch Marcel wieder auf der Bahn war und etwas hinter ihm gelegen war, drehte er plötzlich voll auf. Jetzt war es Marcel, der Schwierigkeiten bekam ihm zu folgen. Alex bestimmte das Tempo und hielt seinen Kollegen gehörig auf Distanz, jetzt war er endlich am Drücker.

 

Durch die nun schnelleren Rundenzeiten, schien Paul aufmerksam geworden zu sein, denn er winkte die Wagen nach einer Weile des Duells an die Boxen. Verdammter Mist, dachte sich Alex, jetzt bist du aber dran, Paul merkt es bestimmt, ihm entgeht so etwas nicht, ja was soll's, wird schon schief gehen. Er kam dann in der nächsten Runde an die Box mit gut 800 Meter Vorsprung vor Marcel und hielt vor Paul an, der schon dastand. Er stellte seinen Motor ab und stieg aus, Paul kam ihm entgegen und grinste ihn an, klopfte ihm jovial auf die Schulter und sagte,

»Alex, lass nach, ich weiß ja, wozu du fähig bist, brauchst aber nicht weiter darüber nachzudenken.«

 

Marcel hingegen machte aber danach ein sehr betretenes Gesicht, er schien sehr verunsichert, sein Selbstvertrauen schien etwas gestört. Alex letzte Rundenzeiten konnte er gar nicht fassen und ließ daraufhin gleich seinen Wagen überprüfen. Als dann seine Leute überhaupt keinen Fehler entdecken konnten, wurde er ziemlich einsilbig für den Rest des Tages.

 

Am darauffolgenden Tag wurde dann hauptsächlich Reifenwechsel und Austausch von Karosserie Elementen geprobt, das war ja die Herausforderung für die Mechaniker. Alex beobachte mit Marcel das Treiben, denn bei diesen Arbeiten ging es ja darum, herauszufinden wie die Mechaniker, unter Rennbedingungen arbeiteten und welche Zeiten sie dazu benötigten. Paul scheuchte die Teams buchstäblich herum und ließ sogar einige Arbeiten wiederholen, besonders dann wenn sie über den Zeiten lagen, die sie, bereits schneller erledigt hatten.

 

Es mutete fast an, wie exerzieren auf dem Kasernenhof, die Leute schwitzen gehörig und manchmal fluchten die auch leise. Paul jedoch ließ dies vollkommen kalt und er feuerte sie immer wieder an, zeigte sich unbarmherzig, in einer Weise, die Alex bei ihm vorher eigentlich noch nie aufgefallen war. Der Druck auf den Männern war enorm, die murrten zwar, hielten aber trotzdem tapfer bis zum Ende durch.

 

Am Vorabend des letzten Trainingstages verlautbarte Paul dann die Testresultate, indem er Listen auflegte, wo jeder einzelne seine eigenen und die Zeiten des Teams, ersehen konnte. Welche Aufgabe Luigi und Fiona wahrnahmen und welche Erkenntnisse sich daraus ergaben, blieb bis zuletzt im dunklen. Paul ließ sich, nur erweichen mitzuteilen, die Arbeit beider, wären ein wichtiger Bestandteil gewesen und würden dann später in Wien ausgewertet, man werde es rechtzeitig schon mitteilen.

 

Da nun alle Tests abgeschlossen waren, versammelten sich alle Beteiligten zu einem gemeinsamen Abschlussessen, danach wurde das ganze Material verladen und die Transportkolonne nahm Kurs nach Pressbaum.

Alex der ja, mit seinem Dienstwagen angereist war, fuhr wieder Richtung nach Oberösterreich, wo er dann seine Übersiedlung nach Wien in die Wege leiten wollte.

Auf der Rückreise ließ er es sich einfach nicht entgehen verschiedene Städte in Italien zu besuchen, von denen er so schon viel hörte. Aber aus seinerzeitigem Geldmangel eigentlich nie hinfahren konnte. So besuchte er unter anderem Pisa, wo er den schiefen Turm erklomm und sich darüber wunderte, dass so ein Bauwerk mit derartiger Schlagseite überhaupt aufrecht stehen konnte.

 

Die Marmorsteinbrüche in Carrara fanden dann ebenfalls seine Aufmerksamkeit. In Mailand machte er danach einen Tag Station und ließ sich bei einer Stadtrundfahrt vom Zauber der Stadt einfangen. Es gefiel ihm, einfach in der Innenstadt herumzuschlendern. Teuer anmutenden Geschäfte zu besichtigen, ebenso die zahlreichen historischen Bauten zu bewundern. Jetzt erst konnte er die Bedeutung und die Euphorie verstehen, die Susi damals bei ihrem Gespräch mit dem Doktor in Tirol entwickelte. Weniger angetan war er dann von Mailänder Vororten, die verschmutzt und irgendwie verwahrlost, ihm ein eher trübes Bild boten. Trotzdem war er vom Lebensstil der Italiener sehr angetan, diesem „Savoir-vivre“. Menschen die scheinbar nur arbeiteten um zu Leben, wie ihm schien und nicht umgekehrt, als er das ja oft in seiner Heimat fand.

 

Er genoss es einfach, ohne jeglichen Zeitdruck in den Straßencafés zu verweilen, einen „Cappuccino“ zu schlürfen, das bunte Treiben, um sich herum zu beobachten. Er konnte sich auch durchaus vorstellen, irgendwann einmal für immer hierzubleiben und das süße Leben zu genießen. Beeindruckt von der Lebensfreude, die, die Italiener abstrahlten, träumte er irgendwie davon, auch einmal sein Domizil, vielleicht für den Lebensabend hier aufzuschlagen, besonders dann, wenn er dazu auch noch das notwendige Kleingeld zusammen hätte.

 

Diese euphorischen Gedanken waren dann schnell getrübt, als er auf den Parkplatz zurückkam, der zwar schon bewacht war. Aber trotzdem hatte irgend ein scheußliches Individuum versucht, seine Wagentür aufzubrechen, vermutlich um dann das Auto zu klauen. Die Spuren dieses dilettantischen Versuchs waren einfach unübersehbar. Alex ärgerte sich deswegen und insgeheim wünschte er dem Täter, der Blitz möge ihn auf dem stillen Örtchen treffen oder Mutter Natur möge ihm zumindest mit Gicht an den Händen bestrafen.

 

Als er dann den Parkplatzwärter daraufhin zur Rede stellte, zuckte dieser einfach nur mit den Achseln und sagte ihm, in radebrechendem Deutsch, er solle doch froh sein und sich nicht so anstellen, denn der Wagen wäre ja ohnehin noch da. Dabei deutete der Mann, dann auf die vielen Glassplitter, mit denen der Parkplatz übersät war. Jedes Häufchen davon, meinte er, sei Zeuge davon, dass hier nicht ausschließlich Amateure am Werke seien. Alex musste dann doch innerlich schmunzeln, als der Mann den Fall von sich aus, so behandelte, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

 

Zum Schluss noch bemerkte, er verspüre auch nicht die geringste Lust, sich wegen einer reinen Versicherungsangelegenheit, einen Bauchstich oder gar eine Kugel einzuhandeln. Ein Kollege genannt Alfredo, der da eben ganz anders dachte, liegt ja seit vergangener Woche mit Kieferbruch im „Ospedale Centro“. Und er hätte nicht die geringste Absicht ihm dort auch nur eine Minute Gesellschaft zu leisten, basta!

Also, beruhigte sich Alex allmählich wieder und sah dann, nach dieser ehrlich erklärten Meinung, den Standpunkt des Mannes ein, schloss die lädierte Wagentür hinter sich und machte sich auf den Weg in die Heimat.

 

In seinem Domizil angekommen, sah er sich dann die angestaute Post durch. Darunter fand er auch ein Kuvert, das sofort seine Aufmerksamkeit erzwang. Als Absender war ein Herz aus dem, große Tränen quollen gezeichnet. Neugierig riss er den Umschlag auf und las:

 

Lieber Alex!

Sei mir bitte nicht böse, dass ich Dir auf diesem Weg begegne, aber ich schäme mich ja so!

Jetzt, da ich die wahren Hintergründe um Dein Arbeitsverhältnis erfahren habe und dabei feststellen musste, wie dumm meine damaligen Verdächtigungen und Vorwürfe waren, die ich Dir so brutal an den Kopf warf.

Du sollst wissen, dass mich nur die pure Eifersucht trieb und mir den Verstand völlig vernebelte. Bitte verzeih mir!

Ich weiß erst jetzt, wie sehr ich Dich damit verletzt habe. Vielleicht kannst Du mir (uns) noch die Chance geben? Du sollst wissen, dass ich dich trotz allem, selbst wenn meine damaligen Vermutungen, ja Befürchtungen richtig gewesen wären, trotzdem nicht aus meiner Zuneigung entlassen hätte.

Denn ich liebe Dich, ich liebe Dich sehr!

Susanne

23. Kapitel

 Alex war jetzt einigermaßen perplex, er las die Zeilen mehrmals durch, dass Susi so einen Schritt machen würde, mit dem hätte er ja nie gerechnet. Tief im Innersten spürte er irgendwie ein dumpfes Gefühl der Mitschuld. Er fragte sich, ob seine damalige Reaktion, die Kälte und Sturheit, der er ihr seinerzeit entgegenbrachte, den derzeitig gemeinsamen Konflikt nicht doch noch vertieft hatte. Vielleicht wäre es doch viel besser gewesen den Verstand mehr einzusetzen und sich nicht in die totale Emotion zu begeben. Ja lieber Alex, in dieser Hinsicht, musst du noch verdammt viel dazu lernen und auch an dir arbeiten, dachte er sich. Damit du in Zukunft mit solchen Dingen viel besser umgehen kannst, sagte er sich und nahm sich vor daraus seine Lehren zu ziehen.

 

Susis Zeilen ließen ihn plötzlich nicht mehr kalt. Er nahm sich fest vor, sie zumindest wieder einmal anzurufen und einen Versuch zu starten, mit ihr bald vernünftig klärend zu sprechen. Die nun vergangene Zeit so ohne Kontakte, mit ihr, lag ihm irgendwie doch schwer im Magen, außer dem gegenseitigen Verschicken von Weihnachtsgrüßen, damals zu den Feiertagen, war ihre Beziehung irgendwie doch sanft eingeschlafen.

 

Zwischendurch war er zwar schon öfters einmal drauf und dran gewesen, das Embargo aufzuheben, das er über sie verhängte, ließ aber diese Bestrebung jedes mal wieder unter den Tisch fallen. Wohl mehr aus Angst darüber, wie er befürchtete und meinte, vor sich selber als 'Weichei' da zu stehen. Die Bettgeschichte mit Sibylle entsprang zwar einer Situationsgelegenheit, die er damals sehr genoss, vielleicht war die gewissermaßen auch irgendwie ein Racheakt gewesen, zumindest versuchte er, es danach immer in diesem Licht zu sehen.

 

Dennoch, immer wenn er dabei so an Susi zurückdachte, quälten ihn deswegen keine allzu großen Gewissensbisse. Zudem versuchte er, sich auch immer wieder einzureden, wer sagt mir eigentlich, dass sie nicht vielleicht auch solche Racheakte begehe. Selbst wenn dem so wäre, was er zwar aus einer gewissen Eitelkeit heraus gar nicht gerne gehabt hätte, wie er sich selbst zugeben musste. Aber was soll's, dachte er sich, wir haben doch keine gegenseitigen Verpflichtungen uns gegenüber. Also ist doch 'ihre' Eifersucht so gesehen nur schwer erklärbar.

 

Warum ist sie denn eigentlich immer so eifersüchtig gewesen, fragte er sich, denn jede gröbere Auseinandersetzung, rührte ja immer von diesem Thema her, soweit er sich erinnerte. War ihre Eifersucht nur aus Liebe entstanden? Oder war es nur kränkende Besitzstörung? Vielleicht auch purer Egoismus? Na ja, im besten Fall, wohl eher frühere Probleme in ihrer Kindheit, wo sie vielleicht zu wenig Beachtung erfahren hatte, wer weiß?

 

Er grübelte hin und her, kam sich plötzlich vor, als würde er den Stein der Weisen suchen, stellte aber kurzerhand die Suche ein und beruhigte sich mit dem Gedankengang. Den er schon früher so oft für sich, als brauchbares Argument in dieser Causa anwendete. Die Frauen sind doch fast alle gleich, wenn sie dich einmal eingefangen und unter den Pantoffel gestellt haben, dann versuchen die aus Gründen wie immer, mit allen Mitteln, diesen Zustand aufrecht zu erhalten, Punktum! Frei nach dem Motto - Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!.

 

Na, in meinem Fall, wohl eher Göttinnen, sagte er sich, pah, wo es doch so viele Göttinnen auf der Welt gibt. Wenn er da noch zusätzlich an Fiona in Italien zurückdachte, ja die, wäre schon eine echte Sünde wert gewesen, schwarzhaarig, rassig, schlank und braun gebrannt, viel Holz vor der Hütte. Sie hatte zwar ein Mundwerk wie eine Maschinenpistole, wie die meisten Italienerinnen, doch bei ihr störte es ihn überhaupt nicht, im Gegenteil. Vielleicht war es auch ein Zeichen von Temperament gewesen. Sie hatte zwar einige male feurige Blicke mit ihm gewechselt. Dabei war es aber dann geblieben, die Strapazen der Tests und die schon starke Hitze, ließen bei ihm keine Bestrebungen aufkeimen, vielleicht mehr daraus zu entwickeln.

 

Alex faltete den Brief zusammen, der ihn gedanklich so stark beschäftigte. Plötzlich zerriss er ihn in kleine Stücke und legte die Papierfetzen zu den Dingen, die er ohnehin wegwerfen wollte. Ihn aufzuheben fand er nicht mehr nötig, er sagte sich, es steht also für mich fest, einen Versuch gibt es noch. Dann ist Schluss und das mit der Eifersucht und den Göttinnen, überdenke ich noch einmal in aller Ruhe. Außerdem bin ich auch nicht unbedingt ein toller Verfechter der Idee, die mir Tante, als halbwüchsiger damals immer eintrichtern wollte. Als sie es einmal für nötig hielt, mich aufzuklären und mir dabei sagte, man heiratet nur einmal und bleibt dann so lange zusammen, bis der Tod einen scheidet.

 

In Tantes besonderem Fall, mochte das ja auch gültig gewesen sein, aber muss das nun auch für mich gelten? Ich weiß nicht recht? Möglicherweise führen ja mehrere Wege in die Glückseligkeit, sagte er sich und widmete sich der restlichen Post. Darunter fand er auch einen Brief von COP, in dem der detaillierte Aktionsplan für die nächsten sechs Monate enthalten war. Nachdem es vorerst völlig belanglos ist, aus welcher Gegend er zu den Veranstaltungen anreisen würde, entschied er sich, seine Übersiedlung nach Wien doch noch einige Zeit zu verschieben.

 

Dies hätte ja den großen Vorteil, die Versorgung von 'Sissy' wäre weiterhin so gut wie bisher sichergestellt und er könnte seine kostengünstige Junggesellenwohnung weiterhin aufrechterhalten. Was ja seinem Konto gut tat, da dieses ja inzwischen rasante Zuwächse erfahren hatte. Der Kontostand konnte sich schon sehen lassen, über Fünfhunderttausend waren mittlerweile zusammengekommen. Er hatte sich inzwischen auch zum Sparmeister entwickelt und immer nur vom Erlös des Miniverkaufes gewirtschaftet.

 

Seiner Bank fiel natürlich der äußerst positive Stand seines Kontos auf. Sandte daher ständig Angebote zur Kapitalanlage und versuchte ihn mit allen erdenklichen Mitteln zu bewegen das Kapital irgendwie zu binden. Alex ließ diese Bestrebung vorerst unbeachtet, denn er hatte damit ohnehin keine Erfahrung, und beschäftigte sich daher auch nicht näher damit. Er fand dann in der Post auch einen Vorabzug des Fahrerporträts, den ihm Sibylle sandte. Der Artikel war seiner Meinung hervorragend gelungen und geschrieben, objektiv auch realitätsnah, er gefiel ihm. Er wurde als fairer Sportsmann dargestellt, der seine ersten Sporen sauer verdiente. Seine Anfangserfolge waren angegeben, er befände sich auf dem Wege einer steil nach oben führenden Karriere, quasi auf dem Weg in die Fahrerspitze, war da zu lesen. Fotos rundeten das Porträt professionell ab.

 

Er gab durch seine Unterschrift sein OK auf den Bürstenabzug und legte das Schriftstück beiseite, um es später an die Redaktion zurückzuschicken. So gesehen hatte sich die tolle Eskapade in St. Wolfgang wohl auch noch in dieser Hinsicht gelohnt, stellte er selbstzufrieden fest.

Nach ein paar Tagen Erholung hatte er, eine gute innere Balance gefunden fühlte sich wohl und körperlich fit. Er fand es überaus wichtig, denn so konnte er getrost, der neuen Saison ins Auge blicken. Er war vorerst mit sich und der Welt zufrieden, finanziell gut abgesichert, dazu mit bestem Material und Support ausgestattet, wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, könnte er der sportlichen Herausforderung ja guten Mutes entgegentreten.

 

Durch die vergangenen günstigen Umstände war er ja seinem ursprünglichen Ziel, im Motorsport eine tragende führende Rolle zu spielen, schon mit Riesenschritten näher gekommen. Er wusste, es käme nun in Zukunft einzig und alleine auf ihn persönlich, seiner eigenen Leistung, seinem Ehrgeiz und Einsatz an, den großen Erfolg einzufahren. Das war ja seine erklärte Zielsetzung schlechthin und er gedachte sich nicht auch nur ein Stück davon abbringen zu lassen. Jede Abweichung dabei wäre ihm ein Gräuel. Er nahm sich vor keine Ablenkung von diesem Weg zuzulassen und jede behindernde Tendenz gleich im Keim zu ersticken. Ihm war klar geworden, dass Ablenkungen seitens Susi, Sibylle oder anderen weiblichen Wesen, viel Zeit und Energie verbrauchten, die er sinnvollerweise in den nächsten Monaten viel lieber in seine Aktivitäten im Motorsport investieren sollte.

 

Instinktiv spürte er zwar, dass dieser Entschluss, sich irgendwie von der „Damenwelt“ abzukapseln, ein durchaus ambitioniertes Vorhaben darstellte, dass ihm da schon so einiges abverlangen würde. Zumal er ja auch wusste, dass er den weiblichen Reizen ganz und gar nicht abgeneigt ist, im Gegenteil, ja sogar überaus empfänglich. Er stellte in letzter Zeit dabei sogar eine Intensivierung bei sich fest. Ertappte sich immer wieder, wenn er attraktive weibliche Wesen sah, jedes von denen an ihn ausgesandte erotische Signal überaus stark aufzunehmen und sogar darauf heftigst zu reagieren.

 

Es gab ja jede Menge solcher Signale, überall wo er hinkam, spürte er auf mannigfaltige Art das Interesse, dass ihm von Frauen entgegengebracht wurde. Warum, konnte er sich zwar selbst nicht erklären. Denn er fand sich ja nicht gerade als „Beau“ oder besonders hinreißend, eben dem Frauentyp schlechthin. Also, konnte es irgendwie nur an seiner Ausstrahlung, an seinem Wesen liegen, dass er jetzt auf einmal, so viel beachtet wurde. Wenn, er sich da an seine Militärzeit zurückerinnerte. Wo er sich mit einem etwas älteren Jungen anfreundete, der als Jurastudent nach abgeschlossenem Studium eingezogen wurde und da durch, als etwas älterer in der Kompanie war.

 

Er hieß Walter, stammte aus sehr gutem Hause, gut 1.80 groß, schlank, höflich, sportliche Figur, hatte ausgezeichnete Manieren und eine sehr nette Art mit Menschen umzugehen. Vom Typ her, eine Mischung aus Steve McQueen und Roger Moore, in deren besten Jahren, eben ein wahrlicher Frauentyp. Der es natürlich auch wusste und auch stark einsetzte, auch schamlos ausnützte. Alex ging damals öfters mit ihm aus, natürlich in zivil, denn in Uniform wäre es ja nicht so effektvoll gelaufen. Alex stellte bald fest, wie Walter, dem die Mädchen geradezu nachliefen und buchstäblich Jagd auf ihn machten, sich verhielt um ans Ziel zu kommen. Sein Ziel hatte er Alex ja einmal so definiert. Er wolle sich erst einmal in seiner Jugend so richtig austoben und so viele Affären wie möglich durchleben, quer durch den Gemüsegarten.

 

Wobei er allerdings weniger ans junge Gemüse dachte, eher an die reifen Früchte, die ihm schon aus gemachter Erfahrung, wesentlich mehr Genuss gewährleisteten. Walter hatte dort den Bogen heraus und wickelte seine „Opfer“ um den kleinen Finger, so wie sie es eben wollten und brauchten. Der hatte ja an jedem Finger eines. Alex seinerzeit, war nicht nur „Jungmann“ also Rekrut, sondern auch noch „Jungfrau“. Bis auf einige Techtelmechtel mit Mädchen aus der näheren Nachbarschaft.

 

Knutschereien, kleinere Spielchen im Kino, waren seine Kenntnisse auch sein Repertoire ja mangels anderer Gelegenheiten eher bescheiden und völlig unterentwickelt. Sein Interesse war um Hochhäuser größer als die Praxis, wie er ja wusste. Daher war er froh und glücklich, in Walter einen absoluten Profi auf diesem Gebiet gefunden zu haben. Er beobachtete genau, alle Manöver und Taktiken, die Walter aus seinem schier unerschöpflichen Repertoire hervorholte. Um ans Ziel zu gelangen und der war ja absolut Erfolgreich und treffsicher, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Walter zog ihn öfters ins Vertrauen und schilderte ihm den Ablauf seiner amourösen Abenteuer, ja vermittelte ihm Erfolgsrezepte empirischer Natur, für jeden noch so verzwickten Einzelfall. Es ging dann sogar so weit, dass sie gemeinsam auf die Pirsch gingen und Walter, sein erstes „Weidmannsheil“ einfädelte. Wobei zwei deutsche Touristinnen zu Gast in Salzburg, in ihrer Urlaubslaune beteiligt waren. Wobei Walter für ihn die Festung sturmreif schoss, so dass Alex sie dann nur mehr einzunehmen brauchte.

 

Zwei weitere, in der Folge derartiger gemeinsamen Jagdzüge, gingen zwar für Alex ohne Wildbret aus. Denn er musste wohl im entscheidenden Augenblick doch etwas falsch gemacht haben, und kam daher nicht zum „Blattschuss“. Walter unterrichtete ihn daher weiter, wobei er gelehrig den Unterricht auf sog. eingedenk der Tatsache, dass er ja in Zukunft nach der Trennung, nach dem Militärdienst, ganz auf sich alleine gestellt sein würde.

 

Alex war ja damals in der Kaserne ein guter gelehriger Schüler. Ganz im Gegensatz zu seiner Schulzeit. Walter war ganz erfreut, dass sein Unterricht so gut ankam und auch später noch zweimal Erfolge für Alex brachte, gab sein letztes und steckte viel Energie und Ausdauer in Alex’s Ausbildung. Als sie sich nach dem Wehrdienst trennten, hatte Alex auch in Sachen holder Weiblichkeit sehr viel dazugelernt, dass sich dann später als nützlich erwies.

 

Als Alex dann, völlig unverhofft bei Claudia, Amors Pfeil per Volltreffer erwischte, trennte er sich von dem Gedanken, es Walter gleichtun zu wollen und widmete sich Claudia vollends. Erst viel später, entwickelte er allmählich wieder Bestrebungen, die eine oder andere Lehre anzuwenden. Wie er merkte, war es in Italien dann wieder soweit gewesen, damalige Erkenntnisse in der Praxis einzusetzen, um nicht ganz aus der Übung zu geraten. Nun wie dem auch sei, es war doch eine schöne Zeit beim Heer zumindest aus dieser Sicht.

 

In Italien konnte er mit Wonne feststellen, dass das erlernte Instrumentarium beim Flirten immer gut funktionierte. Er es immer noch beherrschte. Aber jetzt lege ich es, bis auf Weiteres, vorerst einmal wegen des gefassten Beschlusses aufs Eis. So Weh es auch tun wird, sagte er sich mutig und klappte gedanklich dieses Kapitel zu.

 

24. Kapitel

 

Die neue Rennsaison war schon angelaufen. COP brachte die Wagen samt Material und technischer Crew, zu den jeweiligen Veranstaltungen. Die Fahrer reisten zeitgerecht separat an. Alex erkannte nun seinerseits starke Parallelen zu jenen, von ihm damals geistig kritisierten Zuständen der meisten Werksfahrer, jetzt war es aber bei ihm genauso geworden. Als einzigen Unterschied hatte er ja keine „Tussi“ im Schlepptau.

 

Aber sonst unterschied sich das System überhaupt nicht, das ja nun, auch ihm gewisse Annehmlichkeiten bot, durch die Vorangegangenen Aktivitäten seitens des Rennstalles, sowie den Pressekonferenzen und Interviews. Bei allen sich bietenden Gelegenheiten. Auch durch die vielen Presseaussendungen an alle Medien war die Motorsportwelt mobilisiert worden. Man beobachtete aufmerksam die Aktivitäten des Teams. Alex bemerkte sehr rasch, dass sich natürlich gleich drei Lager bildeten. Erstens, alle, die gerne einen Flop von COP hätten, zweitens, alle die neutral abwartend, die Sache betrachteten.

 

Drittens, die Gruppe derer, die man als Fans charakterisieren könnte. Die ersten abgelaufenen Rennen und deren Ergebnisse, frustrierte die erste Gruppe in ihren Erwartungen gleich total, zumal die Wagen von COP stets in der Wertung lagen. Marcel und Alex, liefen zur Bestform auf und wechselten sich immer auf den ersten Plätzen ab. Die Mitbewerber hatten ganz einfach das Nachsehen und zähneknirschend mussten sich mit unbedeutenden Plätzen zufriedengeben. Lediglich ein reiner Privatfahrer, ein gut betuchter Geschäftsmann aus München. So um die fünfzig herum, wie Alex wusste, brachte immer einen bestens präparierten Porsche an den Start. Der absolut mithalten konnte und auch stets vorne mit dabei war.

 

Er war eigentlich der einzige ernst zu nehmende Gegner in der Kategorie, in der, COP um Ruhm und Ehren kämpfte. Alle anderen wurden eher zu Statisten degradiert, so sehr sie sich auch abmühten mitzuhalten. Die Privatfahrer waren materiell und finanziell sowieso einfach zu schwach, ganz vorne mit derart großem Aufwand mitzuhalten. Mitte der Saison begann dann die Klasse fast schon langweilig zu werden, da meist bei Rennbeginn, die Sieger ohnehin schon fest standen. Paul leistete mit seinen Mannen immer ganze Arbeit und organisierte von der technischen Seite alles reibungslos.

 

Die Wagen waren perfekt, es gab keine Pannen, die das Ergebnis hätten gefährden können, keine Ausfälle, weder bei Training noch bei den Rennen selbst. Alex samt Kollege, leisteten sich keine Fahrfehler und funktionierten wie Uhrwerke schweizerischer Präzision, beharrlich und genau. Die Presse ihrerseits rühmte die Erfolge weidlich in Schlagzeilen, worauf Alex’s Bekanntheitsgrad enorm stieg. COP wurde zu einem Begriff hochstilisiert, die Fans vermehrten sich wie die Kaninchen und feuerten die Fahrer, ihre neu ernannten Idole schon beinahe hysterisch an. Lediglich die Gegner, verblassten immer mehr vor Neid und versuchten krampfhaft im Rampenlicht zu bleiben, das jedoch für sie immer dunkler wurde. Ende der Saison, als das letzte Rennen für die Wertung gelaufen war, stand COP als Markensieger fest. Marcel, war in der Fahrerwertung mit wenigen Punkten, vor Alex auf Rang eins der Staatsmeisterschaft.

 

Diese Situation wurmte Alex schon gewaltig. Aber das Bild änderte sich plötzlich schlagartig, als durch einen Protest eines Mitbewerbers, der Wagen Marcels von der OSK (Obersten Sportkommission) zerpflückt wurde. Dann von dieser, ein gelaufenes Rennen für ungültig erklärt wurde. Das Ergebnis wurde Marcel gestrichen, die Punkte ebenfalls. Dadurch wurde Alex automatisch auf Rang eins katapultiert. COP kam zwar mit einem blauen Auge davon, es rauschte auch mächtig im Blätterwald und intern gab es deswegen auch heftigste Diskussionen, wer denn nun dafür verantwortlich wäre. Stein des Anstoßes war nämlich ein nicht homologierter Auspuffkrümmer, der irgendwann einmal, den Weg in Marcels Wagen fand. Wie es geschah, war selbst für Paul nicht mehr nachvollziehbar. Möglicherweise hatte ein Mechaniker den Teil eingebaut und gegen das homologierte Originalstück ausgetauscht.

 

Vermutlich am Standort bei einer Generalüberholung des Motors. Dort lagerten ohnehin verschiedenste Teile, mit denen immer herum experimentiert wurde, ohne dass sie jedoch für den Renneinsatz bestimmt waren. Paul musste dann peinliche Fragen über sich ergehen lassen, seitens Cindy und den Leuten aus den USA. Er meisterte aber das Problem in genialer weise, die für niemand Konsequenzen ergab. Obendrein entschloss man sich im Management von COP, die ganze Sache nicht an die große Glocke zu hängen, eben etwas einschlafen zu lassen. Solche Probleme, bis zur letzten Konsequenz zu verfolgen, gar zu ahnden, könne in der ersten Phase des Teams nicht hilfreich sein, beschloss Cindy. Marcel sehr aufgebracht darüber, Opfer einer Unordentlichkeit oder sogar Manipulation geworden zu sein, war ganz durchgedreht und böse. Cindy musste all ihren Charme und noch so allerhand einsetzen, um ihn zu beruhigen.

 

Als Marcel dann doch letztendlich einsah, dass es für ihn als Belgier, nicht so unbedingt relevant sei in Österreich Staatsmeister zu sein, gab er endlich Ruhe. Wie Cindy es geschafft hatte ihn zu besänftigen, blieb ihr Geheimnis, beide sprachen dann nach einiger Zeit kein einziges Wort mehr darüber, wie Alex feststellen konnte. Paul zog aus der Angelegenheit für sich die Konsequenz und etablierte am Standort ein lückenloses System, damit verhindert würde, in Zukunft Teile zu verwenden, die problematisch sein könnten. Trotzdem hatte die ganze Angelegenheit in der Öffentlichkeit für reichlich Wind gesorgt.

 

Dochj das war COP schon aus PR Gründen wiederum gar nicht einmal so unangenehm, wie es den offiziellen Anschein hatte. Alex seines, mehr oder minder geschenkten Sieges gar nicht froh, nahm es zwar hin, zumindest tat er nach außen so. Trotzdem grübelte er, darüber warum Marcel dieses kleine Quäntchen an Punkten mehr herausgefahren hatte. Er, eigentlicher Rundstreckenpilot, ohne zugegebener Bergerfahrung, wie er immer wieder betonte. Alex schwor sich innerlich, dies in der nächsten Rennsaison nicht mehr zuzulassen. Koste es, was es wolle.

 

Während dieser Saison hatte sich Alex Dasein, ja zum reinen Zigeunerleben entwickelt. Er war immer unterwegs gewesen, ganz selten zu Hause. Die Rennen fanden ja jedes Mal zum Wochenende statt. Er musste daher schon immer freitags Abend vor Ort sein. Samstag war dann Training, sonntags das Rennen. Manchmal blieb er bis Dienstag oder länger am Veranstaltungsort, im Hotel um sich auszuruhen und zu regenerieren, um dann gleich den nächsten Veranstaltungsort anzusteuern. Jetzt wusste er auch, warum man ihm gleich ein so großzügiges Gehalt bezahlte.

 

Er logierte nur in teuren Hotels, wo er sich neuerdings vor den Reporter Scharen abschotten konnte, die ihm schon ständig auf den Fersen waren. Er wurde jetzt belagert, interviewt, ständig fotografiert. Langsam aber sicher wurde ihm der ganze Rummel um seine Person schon zu viel und lästig. Wo er auch hinkam, erkannten ihn gleich irgendwelche Leute und stellten dann die unsinnigsten Fragen. Verlangten Autogramme, für Ursula, Großmutter, Tante sowieso, etc. Anfangs gefiel ihm das ja alles noch. Er genoss es, schon im Rampenlicht zu stehen, aber als es dann immer mehr ausuferte, wurde es ihm schon überdrüssig. Keinen Schritt mehr machen zu können, ohne von irgendjemandem beobachtet zu werden.

 

Die Leute von der Sportfachpresse waren ja noch zu ertragen, fand er, aber die Pressefritzen der Boulevardblätter, besonders die Sensationsgierigen Schmierfinken hasste er mittlerweile schon gewaltig. Denn sie drehten ihm seine Worte ja absichtlich im Munde um, schrieben Storys über ihn, die aus dem Reich der Erfindungen und Phantasie stammten. Laufend erschienen, Artikel mit Fotos, Alex auf dem Balkon, Alex am Pool, Alex in der Bar, beim Essen, im Auto, oder sonst wo. Er befürchtete schon, eines Tages von einem Reporter auch auf der Toilette ertappt zu werden. Sprach er einmal im Fahrerlager mit jemand, war die Rede von Veränderungstendenzen zu einem anderen Rennstall.

 

Kam er in die Nähe, einer attraktiven Frau, dichtete man ihm Heiratsabsichten oder das mindeste ein Verhältnis mit ihr, an. Diese Umstände lockten natürlich auch jede Menge psychopathische Neurotiker und Egozentriker an, die unbedingt mit ihm auf einem Bild sein wollten. Die Zustände entpuppten sich zu einem richtigen Schneeballeffekt, nach jedem Rennen, je mehr berichtet wurde, um so größer wurde der Schneeball. Der wohl, wie er befürchtete, irgendwann zu einer Riesenkugel mutieren würde, die ihn dann überrollte und zu begraben drohte. Wie werde ich denn das in Zukunft alles ertragen und aushalten, fragte er sich und fand darauf keine schlüssige Antwort.

 

Aber irgendetwas muss dir in dieser Richtung schon einfallen, sonst packst du es auf die Dauer nicht, schwor er sich innerlich. Wie schön war doch da die Zeit, als du als „Nobody“, der unbehelligt überall auftauchen konnte, sich kein Mensch darum kümmerte, man ihn ganz einfach in Ruhe ließ. Na ja, was jammerst du jetzt, du wolltest es ja, jetzt hast du eben den Salat. Das wird auch ein Preis sein den du, für die neue Popularität eben einfach zahlen musst, sagte er sich. Nun war der ganze Rummel endlich vorbei, die Rennen waren alle gelaufen, die Saison einfach zu Ende. Er freute sich jetzt darauf, die nächsten Monate einmal nichts zu tun.

 

Wie er aber auch wusste, würde er es wohl nicht lange aushalten und überlegte, wäre doch eine gute Idee wieder mal nach Italien zu fahren. In irgendein pittoreskes Fischernest am Meer. Irgendein so ein verschlafenes Dörfchen ganz unten im Süden, wo dich kein Aas kennt und dann dort einmal so richtig ausspannen und mit der Seele baumeln. Das Wetter im Süden ist gerade vor Winterbeginn angenehm lau, denn geschwitzt hast du ja in letzter Zeit wirklich genug. Außerdem sollte sich der Mensch ja ab und zu auch etwas gönnen, schließlich lebt man nur einmal und selbst da weiß man nicht wie lange.

 

Vielleicht fährt ja auch Susi mit, sie liebt ja Italien. Wir könnten ungestört eine schöne Zeit verleben und uns über unsere Gefühle für einander klar werden. Alex hatte zwar inzwischen einige Male mit ihr telefoniert, aber nie ein Treffen arrangiert, obwohl sie es ihrerseits immer anstrebte, ja anregte. Jetzt nach dem der ganze Wirbel vorbei ist, sah die Sache schon anders aus. Er war jetzt wieder bereit, aus seiner selbst verhängten Enthaltsamkeit auszubrechen und sich auch leiblichen Genüssen wieder hinzugeben. Warum eigentlich nicht mit Susi, wo sie doch eine gut funktionierende Liaison, in diesem Sinne verband und mittlerweile auch mehr daraus wurde.

 

Gut die Beziehung war momentan zwar etwas gestört, doch bei einem solchen Anlass, könnte ja viel repariert werden, sagte er sich zuversichtlich. Außerdem war er nun in der glücklichen Lage, über allerhand finanzielle Mittel zu verfügen, könnte mal so richtig los legen, ohne darüber einen Gedanken zu verschwenden, was, wie viel kostet. Er könnte sie jetzt so richtig verwöhnen, ihr auch teure Geschenke machen, eben mal so richtig auf den Putz hauen. Die italienische Riviera schien ihm als Reiseziel bestens geeignet, da läuft man ja nicht unbedingt Gefahr auf viele österreichische Touristen zu stoßen oder vielleicht die Toskana, eventuell Sizilien?

 

Soll sie doch mitentscheiden, sie kennt ja Italien viel besser als ich, wir finden schon gemeinsam das Richtige für uns, sagte er sich. Er schwelgte in euphorischen Gedanken, jetzt wo er die erste Klippe in seinem neuen Beruf umschifft hatte. In seinen Entscheidungen völlig frei war, auch keine Verpflichtungen mehr seiner „Sissy“ gegenüber hatte. Die, wie er von seinen Wirtsleuten unterwegs verständigt wurde, trotz bester tierärztlicher Versorgung und Pflege, an Katzenstaupe erkrankte und in den Katzenhimmel kam.

 

Die damalige Mitteilung traf ihn doppelt, einmal weil er sich Vorwürfe machte sie viel allein lassen zu müssen. Gut sie war bestens bei den Wirtsleuten versorgt, wie er wusste, außerdem bezahlte er alles, was sie für Sissy so brauchten und mitnehmen konnte er sie ja nicht. Jetzt wo sie tot war, war auch das letzte Stück von Egon mit ihr von dieser Welt gegangen, auch das traf ihn hart.

 

Alex riss sich von seinen sentimentalen Gedanken los und beschloss, Susi dazu zu bringen, sich mit ihm in Mailand zu treffen. Von dort würden Sie dann woanders hinfahren und für zwei, drei Wochen, bleiben. Das letzte Rennen fand ja in Tirol statt, von dort wollte er dann direkt nach Mailand und dort auf Sie warten. Also, rief er Susi von unterwegs an, sie war völlig überrascht von seiner Einladung und Vorschlag, fing sich aber schnell und sagte ihm auch zu. Sie verabredeten, sich am nächsten Tag, spät nachmittags in Alex Mailänder Hotel zu treffen. Er gab ihr alle Daten durch und machte sich auf den Weg über den Brenner.

 

Alex war in seinem Hotelzimmer, es war blumengeschmückt, Champagner stand im Kühler bereit, zusammen mit einem kleinen aber erlesenen Imbiss. Er war gerade dabei noch einen prüfenden Blick darauf zu werfen, als es an der Tür klopfte. Erwartungsvoll eilte er hin, ordnete noch schnell seine Haare mit einer Handbewegung, setzte ein Lächeln auf. Er öffnete die Tür, sein Lächeln gefror blitzartig, er erschrak, als er sie sah.

 

Zwei hünenhafte Carabinieri standen an der Türschwelle und blickten ihn ernst an,

»Signore Rathey?«

»Ja, der bin ich!«

Die Carabinieri blickten sich vielsagend an, der zweite, der etwas seitlich vom ersten stand, übernahm das Wort,

»Dürfen wir eintreten? Prego«, fragte er mit italienischem Akzent.

»Ja, natürlich, treten Sie näher!«, Alex ging beiseite und wies mit der Hand ins Zimmer.

 

Die Carabinieri nahmen sofort ihre Tellermützen ab und klemmten die sich unter den Arm. Sie betraten den Raum, sahen die Begrüßungsvorbereitungen. Der eine Beamte räusperte sich und sah Alex gütig in die Augen,

»Signore Rathey, es tut sehr Leid, wir haben ganz schlechte Nachricht für Sie! Es gab schreckliche Unfall auf Auto Strada. Signora Susanne Böhme ist tödlich verunglückt! Kollegen haben Papier mit Namen von ihnen und diese Hotel in machina von Signora gefunden. Policia in Austriaco konnte in ihre Heimatstadt niemand erreichen.«

 

Durch Alex zuckte ein Blitz. Seine Knie wurden auf einmal ganz weich, er taumelte, musste sich fassen nicht umzufallen, der zweite Polizist rückte ihm schnell einen Stuhl hin.

»Prego! Signore!«

Alex ließ sich darauf niedersinken, ihm war plötzlich ganz übel.

Die Beamten sahen sich wieder gegenseitig vielsagend an, der eine legte behutsam seine Hand auf Alex Schulter,

»Signore Rathey, große Bedauern, auch von Kollege, es tut uns wirklich sehr Leid, wenn Sie Dottore brauchen sagen Sie?«

Die Beamten standen betreten da und sahen ihn mitleidig an. Alex merkte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief, es fröstelte ihn plötzlich, starrte geistesabwesend vor sich hin, dann erwiderte er leise kaum hörbar,

»Nein, nein, ich brauche keinen Arzt, danke Ihnen, aber ich möchte jetzt allein sein, verstehen Sie?«

 

»Si, si, Signore, verstehe, verstehe sehr gut!«, der Beamte trat an den Tisch, legte eine kleine Karte hin,

»Wenn, Sie noch etwas von Policia brauchen, hier Nummer, ja?«, er deutete auf die Karte, winkte seinem Kollegen zu und deutete auf die Tür.

»Arrivederci, Signore Rathey!«

Sie setzten ihre Tellermützen wieder auf und verließen den Raum. Alex hörte fast im Unterbewusstsein, wie die Tür behutsam ins Schloss fiel.

 

Wie ein Häuflein Elend kauerte er auf dem Stuhl, vornübergebeugt starrte er auf den Teppich, er fühlte sich hundeelend, in seinem Gehirn tobte ein Sturm. Du bist Schuld, wie konntest du nur verlangen, dass sie selber fährt? Erst lässt du sie braten! Rührst dich wochenlang nicht! Obwohl sie dir schreibt, dass sie dich liebt! Sie fleht geradezu um Verzeihung für ihre Irrtümer! Du blöder Kerl bleibst kalt, wie eine Hundenase! – jetzt ist sie tot!

 

Alex fand sich jetzt bis ins Innerste erschüttert, selbst zum Kotzen. Tiefe Verzweiflung kroch in ihm hoch, die dann in ein Gefühl der Ohnmächtigkeit um schwang darüber, jetzt hier zu sitzen, nichts mehr für Susi tun zu können. Für sie, die alles für ihn tun würde und auch schon soviel getan hatte, als es ihm wirklich ziemlich mies ging. Wäre ich nicht so bequem gewesen die paar hundert Kilometer gefahren, hätte sie zu Hause abgeholt, wäre wahrscheinlich überhaupt nichts passiert, quälte er sich.

 

Während die Selbstvorwürfe durch seine grauen Zellen strömten, griff er immer wieder zu einer Flasche Grappa. Nahm tiefe Schlucke, das Getränk brannte ihm zwar in den Eingeweiden, aber irgendwie beruhigte es ihn. Irgendwann musste er in einen Erschöpfungsschlaf gefallen sein, als er erwachte, lag er vollkommen bekleidet auf dem Bett, nur die Schuhe lagen im Zimmer verstreut umher. Die Morgensonne durchflutete bereits das Zimmer. Seine Blicke schweiften unruhig herum, er sah die vorbereiteten Getränke herumstehen. Der Imbiss war unberührt aber schon etwas eingetrocknet, die Blumen ließen die Köpfe hängen, sie waren vermutlich nicht allzu frisch gewesen, genauso, wie er sich jetzt fühlte.

 

Er hatte ein Gefühl der inneren Leere, fühlte sich antriebslos, ausgebrannt, wie eine Friedhofskerze. Am liebsten hätte er sich umgedreht, den Kopf unter dem Kissen vergraben, die Augen geschlossen, hätte gerne geschlafen, viel geschlafen. Ach was, durchfuhr es ihn, Scheiße, dein verdammtes Gehirn gibt ja auch im Schlaf keine Ruhe. Er fühlte sich hilflos und erschrak, als er die Stimme seines Zweiten ich vernahm, die ihn fast anschrie – Los, los, auf! Junge, du machst sie nicht wieder lebendig, wenn du so herum sinnierst, dich mit Selbstvorwürfen malträtierst. Es bringt gar nichts, herumzugammeln, davon wird ja überhaupt nichts anders.

 

Nimm einfach unwiderruflich zur Kenntnis – es war ein Unfall! Wie du gehört hast, der kann jedem und überall passieren, wann und warum auch immer! Schuld trägst du keine! Nur die Unfallbeteiligten! Dass dich, das Ganze her nimmt, ist ja zu verstehen, aber es ist kein Grund dich jetzt so gehen zu lassen, damit erreichst du gar nichts! Das Leben geht weiter, muss ja weitergehen, auch nach dem Tode eines Menschen, auch wenn man ihn noch so geliebt hat!

 

»Ja, aber ...« Alex schrie es fast heraus und versuchte der inneren Stimme zu widersprechen.

Kein aber! Junge, es ist so, glaube mir! Sagte sein Zweites ich, jetzt etwas sanfter im Ton, trauere um sie, Ok, denk daran, sie ist in Gedanken bestimmt bei dir! Sie ist nicht weg! Nur auf der anderen Seite des Weges! Behalte sie im stillen Angedenken, erweise ihr die letzte Ehre und erhalte sie immer in deinen Gedanken als wertvollen Menschen und danke dem Glück, dass du ihr begegnen durftest!

 

Alex lehnte sich gegen sein Zweites ich, nicht mehr auf, er fiel in einen unheimlich befreienden Tiefschlaf.

 

25. Kapitel

 

Monate waren vergangen, Alex hatte seine Zelte in Oberösterreich definitiv abgebrochen, es hielt ihn eigentlich nach Susis Begräbnis dort nichts mehr. Er nahm von seiner alten Welt, wehmütig, aber doch endgültig Abschied und zog, wie er es ja immer schon vor hatte, nach Wien. Ein von ihm beauftragtes Maklerbüro war inzwischen fündig geworden und vermittelte ihm ein leer stehendes Haus, in das er dann eingezogen war.

 

Die Besitzer weilten im Ausland, sie hatten sich in Australien eine neue Existenz aufgebaut. Daher benötigten die ihr Haus in Österreich vorerst nicht und vermieteten es eben, möbliert vollkommen mit Hausrat ausgestattet. Alex gefiel dieses Haus, auch die gediegene Ausstattung entsprach ganz seinem Geschmack. Die Angelegenheit war zwar nicht gerade billig, aber er brauchte ja kein Mobiliar und Hausrat anschaffen, da ja alles Nötige bereits vorhanden war. In Sievering fernab vom Großstadttrubel lag das Areal in Hanglage. Wenn er nach draußen blickte, sah er in die Weingärten, die zwar um diese Jahreszeit nicht so erbaulich aussahen, aber er liebte die Ruhe und Stille die ihn hier umgab.

 

Susis Tod lag ihm noch schwer in den Knochen, er wusste jetzt, seine Zuneigung zu ihr war ja viel größer, als er es sich selbst immer zugeben wollte. Um nicht total ins Grübeln über den Schicksalsschlag zu verfallen, wusste er ein Rezept, dass er ja schon damals, als Egon das irdische Dasein abrupt verließ, anwendete. So viel wie möglich zu arbeiten, sich zu beschäftigen. Sich nicht ins Schneckenhaus zurückziehen und ins Eremiten Dasein zu flüchten, im Gegenteil. Seine eigentliche Arbeit war ja vorerst einmal erledigt.

 

Das Haus war komplett und eingerichtet, hier gab es ja fast nichts zu tun. Zumindest nichts, was ihn vollends ausgelastet hätte. Lediglich Alltagskram und das war ihm ja eigentlich zu wenig. So entwickelte er Bestrebungen, sich im gesellschaftlichen Leben zu bewegen und soziale Kontakte aufzubauen. Gleich nach seinem Einzug gab er eine Einstandsparty, lud alle Leute von COP samt Anhang, in sein neues Domizil ein.

 

Organisiert wurde dann alles von einem extra dafür von ihm angeheuerten Party Service. Keiner seiner Gäste gab ihm einen Korb, außer Marcel, der sich in Belgien aufhielt und dort den Winter verbrachte. Paul erschien sogar mit einer „Eroberung“. Er hatte jetzt eine feste Freundin, sie hieß Sabine und hatte als Innenarchitektin schon eine gescheiterte Ehe hinter sich. Sie war eine hübsche, intelligente, sehr lebhafte Person, passte eigentlich gut zu Paul, den es überhaupt nicht störte, dass sie eher klein und mollig war. Er schien unsterblich in sie verliebt zu sein und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

 

Alex freute sich für seinen Freund, dass dieser nun einen zusätzlichen Lebensinhalt fand, der ihn anscheinend sehr glücklich machte. Alex gönnte ihm das neue Glück von Herzen. War jedoch etwas neidisch, aus dem Grunde, Sabine die sehr gern gut speiste, kochte auch vorzüglich. Es war ja eines ihrer Hobbys, das Paul voll des Lobes, über ihre lukullischen Großtaten, stets betonte. Alex selbst war ja auf Restaurants angewiesen, zwar auf gute, die aber trotzdem nach Pauls Schilderungen wohl kaum mit Sabines Kochkunst mithalten könnten.

 

Beide turtelten heftig miteinander, Paul ließ Alex sogar einmal so „en passant“ wissen, dass sie beabsichtigten, nach einer gewissen Probezeit sogar den Schritt vor den Traualtar zu wagen. Cindy war ganz alleine erschienen. Alex fand jedoch so im Laufe der Party bald heraus, dass sie anscheinend eine „Liebschaft“ mit Peter dem „Geldmenschen“ hatte. Beide versuchten, zwar dies krampfhaft zu verbergen, aber irgendwie gelang es ihnen doch nicht so recht. Öfters passierten ihnen gewisse Ausrutscher, die Alex’s Verdachtsmomente noch bestärkten.

 

Nun ja, sagte er sich, mir kann’s egal sein, einerseits kann ich es ja auch verstehen. Wenn zwei so eng zusammenarbeiten müssen, eben wenig Gelegenheit auf privatem Sektor haben. Gelegenheit macht ja bekanntlich Diebe. Wenn es ihnen gefällt, mir kann’s ja egal sein, trotzdem gut zu wissen, wie der Wind bei COP weht, wozu so kleine Feste auch wieder gut sein können. Alles in allem wurde die Party dann auch ein voller Erfolg. Alle Gäste hatten ihren Spaß und Alex bekam den Eindruck, dass sich jeder bei ihm wohlfühlte und seine Integration im Team gefestigt wurde.

 

Die Leute kannten sich ja alle untereinander, arbeiteten ja fast schon ein ganzes Jahr zusammen, die waren schon zu einem echten Team geworden. Solche Veranstaltungen außerhalb der beruflichen Sphäre schweißten eigentlich noch fester zusammen, weil ja den menschlichen Aspekten mehr Bedeutung beigemessen werden konnte. So nahm sich Alex vor, später noch einmal eine Sommerparty zu veranstalten und solche Gelegenheiten zu wiederholen, was von den Anwesenden mit Freude und großem Beifall quittiert wurde, als er die Einladung dazu aussprach. Im Laufe der Party wurde er mit Gegeneinladungen überschüttet, müsste wollte er die alle annehmen, fast täglich woanders zu Gast sein. Um niemanden zu brüskieren, vereinbarte er die Termine, die er alle im Laufe der nächsten Wochen wahrnehmen wollte.

 

Einige Tage später, meldete sich plötzlich Sibylle telefonisch bei ihm, die anscheinend, aus der Boulevard-Presse seinen Wohnortswechsel erfahren hatte. Anfangs schien sie zwar etwas verschnupft, vermutlich da er ja die Sache mit der Penthousewohnung nicht mehr weiter verfolgte. Trotzdem spürte er bei ihr eine gewisse Neugierde. Sie ließ sich aber besänftigen und nahm sogar seine Einladung, zur Besichtigung seines nunmehrigen Wohnsitzes an.

 

So lud er sie zu einem zwanglosen Abendessen zu sich ein. Versprach sich davon, sie wieder dafür gewinnen zu können, ihm bei der Image-Politur behilflich zu sein, denn das brauchte er jetzt mehr den je.

Alex fühlte sich in Wien eigentlich ganz Wohl, er war zwar eine Bekanntheit, wenn auch nicht prominent zu nennen, wie er wusste. Aber hier hatte er die Möglichkeit, in einer großen Menschenmasse unterzutauchen und nur dann aufzufallen, wie und wann, er es wollte. Auch das war einer der Gründe, warum er seinen alten Wohnsitz wechselte. Kleinstädte sind ja nicht gerade dazu prädestiniert, ein stilles zurückgezogenes Leben zu gewährleisten und zu führen.

 

In solchen kleinen Welten gibt es einfach zu viele derer, die scheinbar mangels anderer wichtigen Betätigungen, ihre neugierigen Nasen in Dinge eintauchen, die sie eigentlich gar nichts angehen, sagte sich Alex damals. Wenn er da auch noch an Renate und Claudia zurückdachte, da fiel ihm der Abschied schon wesentlich leichter. Dazu kam noch, dass viele ehemalige Kumpels beim ASC, zwischenzeitlich zu verbitterten Neidern wurden.

 

Die es einfach nicht verkraften konnten, dass es ihm, dem damaligen „kleinen Autowäscher“ nun plötzlich finanziell so gut gehe. Der eben bekannt sei, im Rampenlicht stehe und auch noch eine führende Rolle hatte.

Der einzige der, keinen Neid oder andere Feindseligkeiten im Kopf hatte, war Baumann gewesen. Den er das letzte Mal bei Susis Verabschiedung traf. Der ihm eingestand, erst jetzt seine damaligen Entscheidungen verstanden zu haben und ihn trotz allem beglückwünschte. Auch der Hoffnung Ausdruck gab, er möge weiterhin auf dem eingeschlagenen Weg bleiben, ungeachtet dessen, was andere davon denken.

 

Alex war interessiert, viele Menschen die er mochte und die ihm lagen, um sich zu haben, sah nun dem Besuch Sibylles entgegen. Er ließ dazu wieder den bewährten 'Party-Service' agieren, diesmal für das traute „Tète a Tète“. Die Leute reine Profis, mit viel Erfahrung kümmerten sich erstklassig um diese Angelegenheit, stellten auch Personal für Küche und Bedienung. Alex erpicht darauf bei Sibylle Eindruck zu schinden, ließ es sich daher auch etwas kosten.

 

Da es ja nicht zu seinen unbedingten Stärken zählte, den Haushalt Tipp Top in Schuss zu halten und zu putzen. Ließ er professionelle Putzkommandos antreten, die vom Keller bis zum Dach, das Haus einwandfrei in puncto Reinigung in Schuss brachten. Sibylle erschien dann und war einigermaßen überrascht, welches gediegene Ambiente sie hier empfing. Sie musste dann neidlos zugeben, dass die Penthousewohnung wohl eher nicht den hohen Ansprüchen genügt hätte, die jetzt hier zutage kamen. Sie war begeistert von all dem, was sie sah.

 

Alex irgendwie Stolz mit dem Haus keine schlechte Wahl getroffen zu haben, wusste nun, dass sie wirklich beeindruckt war. Er kannte ja ihre Privatsphäre, sein Domizil stand ja ihrem eigentlich in nichts nach, lediglich von der Größe her gesehen, konnte es nicht mithalten. Er bewirtete sie und ließ es ihr an nichts fehlen, dank der tatkräftigen Unterstützung einer jungen Studentin, die auch noch dazu sehr hübsch war.

 

Sie war vom Party Service entsandt worden, wo sie sich zu ihrem Studium dazuverdiente. Das Mädchen handelte professionell und dabei so natürlich und nett, dass sie dabei schon irgendwie Sibylles argwöhnische Blicke einheimste. Die natürlich sofort neugierig herausbekommen wollte, ob das Mädchen nun eine ständige Einrichtung im Hause darstellte. Diese leichte Eifersuchtsanwandlung, amüsierte Alex zu aller erst. Schlug dann jedoch in Unbehagen um, als sich die komplexe Situation bei Sibylle vertiefte.

 

Sie begann dann ganz spontan das Mädchen ungerecht zu behandeln und leicht zu schikanieren. Solche Manöver gefielen ihm ja ganz und gar nicht, zeugten sie doch nicht von positiven Charakterzügen in dieser Hinsicht. Er dachte sich, warum müssen Frauen sich untereinander bekriegen, um ihr Licht auf Kosten einer anderen leuchten zu lassen, komische Art. Nachdem das Souper ohnehin beendet war, schickte er den Koch und das Mädchen kurzerhand nach Hause. Er entschuldigte sich noch bei der Studentin für Sibylles kleine Entgleisungen. Zur Wiedergutmachung gab er ihr dann noch ein gutes Trinkgeld.

 

Das Mädchen lächelte ihn verständnisvoll an, sagte ihm, als sie ging. Sie wäre es ja schon gewöhnt, von Zeit zu Zeit, bei ihrer Arbeit mit derartigen Problemen konfrontiert zu werden.

Sibylle scheinbar erleichtert, dass es sich in der Tat nur um Personal handelte, blühte dann richtig auf und genoss es sichtlich, mit ihm nun ganz alleine zu sein. Sie erzählte von ihren Fortschritten im Unternehmen, in dem jetzt alles so halbwegs zu ihrer Zufriedenheit lief. Sie bewerkstelligte es trotz großer interner Widerstände, den Laden umzukrempeln und frischen Wind in die Bude zu bringen, wie sie es nannte.

 

Nachdem, sie die dritte Flasche Champagner leerten, wobei Sibylle den Löwenanteil in sich hatte. Da er ja immer nur an seinem Glas vorsichtig nippte, bekam sie schon einen leichten Zungenschlag bei ihren Schilderungen. Alex versuchte dann, mit starkem Kaffee bei ihr gegenzusteuern. Es half aber nichts, denn Sibylle blieb einfach beim Champagner. Während die nächste Flasche dran war und er darauf zu sprechen kam, dass er nun seine liebe Not mit den Boulevardblättern habe und einige Beispiele gab, wie sich das so äußerte.

 

Sibylle versprach ihm, sich persönlich den Chefredakteur eines Blattes das zu ihrem Konzern gehörte, vorzuknöpfen, damit er seine Leute besser kontrolliere. Es wäre ihr immer das größte Anliegen, dass sich ihre Mitarbeiter der Wahrheit verpflichtet fühlen und natürlich auch so handeln. Sollte jemand das nicht ernst nehmen, werde sie schon dafür sorgen, dass es demjenigen wieder in Erinnerung käme. Alex war überzeugt, dass sie es wirklich ernst meinte. Denn die Berichte, die in ihrer ureigensten Monatsschrift erschienen waren objektiv und authentisch recherchiert. Wenn jemand dabei nicht so gut wegkam, hatte derjenige das wohl aufgrund eigenen Verhaltens zu verantworten, es wurde eben nicht anders berichtet.

 

Während sie noch über diese Dinge diskutierten, bemerkte Alex, dass die Flasche schon wieder geleert war. Sibylle schon leicht angetrunken, versuchte immer wieder, mit ihm zu schmusen, machte ihm Komplimente, erinnerte ihn an die damalige, für sie unvergessliche Nacht, nach seinem ersten Tanzdebüt. Schilderte ihm blumenreich, wie sehr sie sich danach schon oft nach einer Wiederholung gesehnt hatte. Irgendwie kam er dadurch mit sich ins Dilemma, einerseits die Gunst der Stunde zu nutzen.

 

Denn Sibylle war ja nicht die Frau, die ein normaler Mann von der Bettkante gestoßen hätte, sicher ganz im Gegenteil. Aber irgendetwas ging in ihm vor, er konnte es nicht genau definieren, was ihn eigentlich davon abhielt auf ihre sehr offenen, jedoch nicht unangenehmen Avancen, erwartungsgemäß zu reagieren. Er lauschte in sich, doch kein Zweites ich meldete sich. Um ihm in dieser Situation einen Rat, eine Erklärung, oder wenigstens einen Tipp zu geben, es ließ ihn offensichtlich vollkommen im Stich.

 

Alex vermied es, ihrem drängenden Verhalten Vorschub zu leisten, wich stets, wie er meinte, geschickt aus, als sie immer wieder versuchte in Körperkontakt zu kommen. Aber anscheinend reizte sie, dieses Zögern nur noch mehr. Ihre Vorstöße wurden daraufhin noch heftiger, um Abstand zu gewinnen machte er sich dann an der Musikanlage zu schaffen. Er wollte Klassiker auflegen, die hätten bestimmt, eine dämpfende Wirkung, dachte er sich und legte irgendeine Platte auf, die gerade greifbar war. Sibylle trank inzwischen schon wieder reichlich Champagner, wie er bemerkte, als er die Nadel auf die Platte stellte.

 

Plötzlich ertönte Maurice Ravels „Bolero“. Sibylle lauschte, dieses Stück schien sie auf einmal nur noch viel mehr aufzuheizen. Nach kurzer Zeit tanzte sie zu den Klängen. Während des Tanzes legte sie mehr und mehr an Bekleidung ab. Alex hatte wohl mit dem Stück bei ihr, in ihrer augenblicklichen Verfassung ins schwarze getroffen. Dazu die Stimmung im Raum, Kerzenlicht, heimtückischen Champagner, wohl auch mit, den Erinnerungen an eine für beide nicht so schnell zu vergessende, doch sehr unartige Nacht. All das schien bei ihr alle Barrieren zusammenbrechen zu lassen. Die, so vermutete er, bei ihr, ohnehin vorher schon auf äußerst schwachen Beinen gestanden sein mussten.

 

Jetzt auch noch dieser „Bolero“. Sibylle schien in eine Art Trance verfallen zu sein. Sie tanzte, als wäre sie vollkommen von der Realität entrückt. Sämtliche Kleidungsstücke, lagen schon verstreut auf dem Teppich. Alex traute sich nicht, die Platte einfach abzuschalten, es wäre ihm vorgekommen, als würde man einem Mondsüchtigen auf dem Dach unerwartet mit einem Scheinwerfer bestrahlen. So ließ er die Platte eben weiter laufen, er wusste, es wären jetzt fast zehn Minuten Zeit, sich eine weitere Vorgehensweise zu überlegen.

 

Einige Gedanken schossen ihm durch den Kopf, er konnte aber keine klaren fassen, so wie er es ja gerne täte. Er musste immer wieder zu Sibylle rüber schauen, ihren schönen makellosen Körper betrachten, dazu ihre anmutigen Bewegungen und Tanzschritte vollkommen der Musik angepasst aufnehmen. Was er jetzt sah, gefiel ihm, diese eigenartige Situation, von ihm eher nicht initiiert, aber ungewollt gefördert, vermittelte schon einen prickelnden Reiz, dem er sich ganz einfach nicht entziehen konnte. Sibylle jetzt völlig nackt und vollkommen entrückt, tanzte mit fast geschlossenen Augen.

 

Sie schien um sich herum nichts mehr wahrzunehmen. Dass sie ihren Gefühlen und Empfindungen stets freien Lauf gab, wusste er ja schon frühestens aus Salzburg. Dass, sie auch darüber sprach, war auch nicht neu. Dass sie ihre Empfindungen auch tanzend ausdrückte, schien auch nicht verwunderlich. Doch in dieser besonderen Art, dazu in diesem Zustand war schon sehr verwunderlich, sagte er sich und genoss es trotzdem ihr zuzusehen, wie sie sich der schweren Musik ergab.

 

Ein hoch dem guten alten Ravel, der mit seiner Komposition so etwas zuwege bringt, dachte sich Alex. Er hätte sich ja niemals träumen lassen, dass ein klassisches Stück eine derart erotisierende Wirkung erzielen könnte. Doch vielleicht wollte der alte Meister es ja so, wer weiß das schon? Das Stück wurde schneller und zeigte damit an, dass es nun bald zu Ende sein wird. Als der letzte Trommelschlag ertönte, sank Sibylle total erschöpft zu Boden, sie atmete schwer, war fast nicht mehr ansprechbar.

 

Als Alex den ersten Schreck darüber überwand, beschloss er, sie ins Gästezimmer zu verfrachten und dort sich ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Denn um einen Solchen handelte es sich ja, wie er bald bemerkte, denn sie kicherte plötzlich und sprach nun unzusammenhängendes Zeug. Als er sie ins Zimmer trug, was ihm ja nicht sonderlich schwerfiel, sie war ja zierlich und klein, wog daher nicht sonderlich viel. Legte er sie ins Bett, zog ihr noch einen Pyjama an, deckte sie behutsam zu, streichelte ihr Haar. Ihr kichern wurde leiser und leiser, tiefe ruhige Atemzüge zeigten ihm, sie schlief jetzt tief und fest.

 

Er blieb dann noch eine Weile am Bettrand sitzen. Beobachtete sie, als er den Eindruck gewann, dass sie sich nicht übergeben würde, verließ er das Zimmer und ließ die Tür offen stehen. Er begab sich dann zurück ins Kaminzimmer. Lauschte dort noch eine Weile den Klängen der Platte, von der jetzt Gounods „Ballettmusik aus Margarethe“ ertönte. Genau das richtige Stück, das vorangegangene, Ausklingen zu lassen. Er räumte dann Sibylles Kleidungsstücke zusammen und legte alles ins Badezimmer ab. Schlich sich noch einmal ins Gästezimmer und sah nach ihr. Sie war anscheinend im Reich der Träume, denn sie lächelte im Schlaf und lag völlig entspannt und ruhig atmend da.

 

In seinem Schlafzimmer lag Alex dann noch eine Weile wach. Er sagte sich, die Kleine ist ja schon ihr Geld Wert. Immer, wenn du mit ihr zusammen warst, gab es eine Überraschung und es passierten Dinge, na, Langeweile kam da eigentlich nie auf. Welche Frau zelebriert dir denn schon vollkommen nackt, den Bolero? Außerdem war er innerlich froh darüber, dass die für ihn vorher so komplizierte Situation, ein doch so harmloses Finale erfahren hatte. Nicht auszudenken welche Komplikationen sich mit ihr noch hätten ergeben können, wenn ihre Konstitution ihr diesen Streich nicht gespielt und sie dann letztendlich kampfunfähig machte.

 

Vor sich hin lächelnd, sagte er sich, sie ist doch immer für eine abwechslungsreiche Begegnung gut. Trotzdem mag ich sie sehr gerne. Dennoch konnte er sich nicht erklären, warum sie sich an diesem Abend so ganz anders als sonst verhielt. Gähnend, aber ohne weiter darüber nachzudenken, schlief er dann plötzlich ein. Es war ein unruhiger Schlaf, irgendwann mitten in der Nacht, wachte er auf, stand auf, ging noch einmal ins Gästezimmer. Dort war alles in bester Ordnung, Sibylle schlief ruhig atmend.

 

So ging er dann ins Bad, dort erschrak er. Ihre Sachen, die er dort so sorgfältig ablegte, lagen ganz wild verstreut auf dem Boden herum. Ihre Handtasche ebenfalls. Deren Inhalt ergoss sich über das ganze Badezimmer, bis hinaus auf den Gang. Es mutete ihn an, wie bei einem Einbruch, wo der Täter, nur etwas ganz Bestimmtes suchte. Im Gegensatz dazu, waren seine Utensilien im Bad vollkommen unberührt und lagen alle, an ihrem gewohnten Platz. Verwundert darüber begann er ihre Sachen aufzusammeln, dabei bemerkte er am Handspiegel eine Veränderung.

 

Der Spiegel lag auf einem Bord, auf dem er sich sonst niemals befand. Daneben lag ein Gegenstand, den er auch nie gesehen hatte, es war ein kurzes Röhrchen. Auf dem Spiegel fand er dann Spuren eines weißen Pulvers, zwar sehr wenig davon, aber er konnte es erkennen. Bis jetzt kam ihm das alles sehr Spanisch vor. Als er aber auf dem Boden liegend, ein Stück klein gefaltetes Papier fand, dämmerte es bei ihm.

 

In Kriminalromanen hatte er schon öfters gelesen, wie Rauschgift konsumiert wird. Solche Gegenstände waren dort sehr genau beschrieben und sie wurden für Drogen verwendet, die „geschnupft“ werden. Er beschloss, das Badezimmer nun so zu lassen, wie angetroffen, ging zurück in sein Schlafzimmer. Gedanken zogen durch seinen Kopf. Kann es denn sein dass sie „kokst“, wenn nicht, wozu dann das Röhrchen? Das Pulver ist doch wohl kein Körperpuder. Nun wie dem auch sei, die ganze Geschichte könnte schon so einiges über ihr eigenartiges Verhalten erklären. Wenn, es wirklich Kokain wäre und das vermutete er jetzt stark.

 

Er, hatte zwar keine blasse Ahnung, woran man Kokain erkennen könnte, wie es roch oder schmeckte. Doch er versprach sich, die Angelegenheit am Morgen aufzuklären. Er dämmerte dann eine Weile vor sich hin, an tiefen Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken. Es beschäftigte ihn einfach zu sehr, ob seine Vermutungen, ja Befürchtungen wahr sein könnten. Sollte ich aber richtig liegen, was dann? Fragte er sich. Wohin Rauschgiftsucht führt, war sogar ihm, als völliges Greenhorn auf diesem Gebiet vollkommen klar. Kannst du, es denn zulassen, dass sie sich mit Gift ihr junges Leben verdirbt? Damit in den Abgrund stürzt, ihre Gesundheit ruiniert und am Ende womöglich noch daran zugrunde geht.

 

Hast du denn nicht die Verpflichtung, sie davon abzubringen? Fragte er sich. Sie ist doch schließlich keine Fremde mehr für dich. Irgendwie liegt dir doch an ihr oder hättest du sonst damals das Bett mit ihr geteilt? Sicher nicht, denn ohne tieferer Gefühlsebene geht bei dir ja in dieser Beziehung sowieso nichts. Er fand keine, wie immer ausreichende Antwort, auf diese Frage. Aber eines wusste er jetzt genau, er musste mit ihr darüber reden. Wie lange nimmt sie eigentlich das Zeug schon? Wahrscheinlich zumindest seit Salzburg, denn die damalige Situation im Imperial, ließe doch auch schon irgendwie darauf schließen, oder? Fragte er sich.

 

Er quälte sich noch eine Zeit lang mit Fragen, fand, keine Antworten, und schlummerte dann im Halbschlaf vor sich hin. In dem Zustand bemerkte er plötzlich, wie Sibylle leise in sein Zimmer kam. Sich wortlos zu ihm ins Bett legte, ihren Arm um ihn schlang, sich fest an ihn schmiegte. Er merkte, dass wohl keine weiteren Aktionen kamen. So ließ er es geschehen und spürte ihren warmen festen Körper, an seiner Seite. Spürte den Luftzug ihres Atems an seinem Ohr, hörte ihre tiefen gleichmäßigen Atemzüge, er merkte auch, dass sie wieder eingeschlafen war. Irgendwann darauf schlief er dann selbst ein.

 

Als, er wieder erwachte, war es schon taghell im Zimmer, die Sonne lachte schon zaghaft durch die grauen Winterwolken, ein diffuses Licht fiel durch den Vorhang auf sein Kopfpolster. Gähnend und noch den Schlaf in den Augen tastete er auf die andere Seite des Bettes neben sich, es war leer. Er richtete sich auf, sah, dass die Badezimmertür offen stand. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm 10 Uhr, sie ist vielleicht im Bad oder vielleicht in der Küche, dachte er sich.

 

Sie war es aber nicht. Er fand sie im ganzen Haus nicht. Nur der unaufgeräumte Kaminzimmertisch gab Zeugnis davon, dass er, das ganze, vergangene Nacht nicht geträumt hatte und es sich um die bittere Realität handelte. Sibylle hatte das Badezimmer aber total aufgeräumt. Alles lag wieder, wie vorher genau auf seinem Platz, auch der Spiegel, er war sogar gereinigt.

 

Keine Spur mehr von dem Röhrchen und dem Papier, auch alle ihre anderen persönlichen Sachen waren verschwunden. Wäre er erst in der früh ins Bad gekommen, er hätte wohl überhaupt nichts bemerkt. Er war sich nun absolut sicher, dass seine nächtlichen Wahrnehmungen keine Fata Morgana war. Also, wollte sie es verbergen, in ihrem nächtlichen Zustand hatte sie wohl nicht mehr damit gerechnet, dass er dahinter kommen könnte. Wahrscheinlich musste das Gift, im zusammen wirken mit der Alkoholmenge, sie dann total durcheinandergebracht haben. Sagte er sich, außerdem war es ja auch ausgesprochen blöd von dir, die Beweismittel in der Nacht nicht an dich zu nehmen.

 

Nun, hast du eben die Gurke und kannst überhaupt nichts beweisen. Wenn, du mit ihr darüber sprichst und darüber reden musst du ja unbedingt mit ihr. So konnte er im Moment überhaupt nichts unternehmen, nahm sich aber fest vor, Licht in die dubiose Angelegenheit zu bringen. Zudem verstand er auch nicht, warum sie sich so heimlich, still und stumm aus dem Staube machte und ganz einfach verschwunden war. Auch das ist noch klärungsbedürftig, dachte er sich.

 

Neugierig rief er dann bei ihr im Büro an, man sagte ihm, Frau Schmidt wäre gerade in einer Besprechung und könnte momentan nicht gestört werden. So bat er um baldigen Rückruf und hängte ein. Vermutlich ist das ohnehin die Standartausrede der Sekretärin. Wenn die Chefin nicht rechtzeitig im Büro ist, sagte er sich, er konnte sich ja beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sibylle ohne Umschweife von ihm gleich ins Büro gefahren war. Möglich wäre es zwar schon, aber eher nicht wahrscheinlich, dachte er sich und unternahm vorerst nichts mehr. Er beschloss, einfach darauf zu warten, dass sie sich wieder bei ihm melden würde.

 

Die ganze Angelegenheit ging ihm dann tagelang gar nicht aus dem Kopf. Er grübelte häufig darüber nach. Wie konnte sie denn überhaupt in diese Abhängigkeit gekommen sein? Was steckte eigentlich genau dahinter? Nimmt sie es aus freien Stücken? Auf welche verdammte Veranlassung? Will sie eigentlich aus eigenen Stücken davon loskommen? Wenn nicht, was dann? Hast du eigentlich das Recht oder die Verpflichtung überhaupt einzugreifen? Wie geht man eigentlich mit Süchtigen um? Shit, dachte er sich, keine blasse Ahnung, trifft eigentlich auf alle Fragen zu. Er fühlte sich ziemlich unwohl, eine Mischung aus Ohnmächtigkeit, Unwissenheit, durchzogen von Erfahrungslosigkeit machte sich in ihm breit.

 

Er war ja bisher in seinem jungen Leben noch nie mit solchen Dingen irgendwie konfrontiert worden. Also, sagte er sich, hast du eigentlich nur zwei Möglichkeiten, du steckst einfach den Kopf in den Sand und tust so, als ginge dich die ganze Sache überhaupt nichts an. Soll sie doch sehen, wie sie alleine damit fertig wird. Oder du stellst die wahren Hintergründe fest. Sollte sie es wirklich wollen, dann hilfst du ihr mit all deiner Kraft und Energie, da wieder heraus zu kommen, wie auch immer.

 

Je mehr er darüber nachdachte, kam für ihn eigentlich nur der zweite Weg in Frage. Er fühlte, dass er es sich selbst und Sibylle einfach schuldig wäre, so zu handeln.

Drei Tage der Ungewissheit vergingen, endlich meldete sie sich am Telefon,

»Hallo Alex, wie geht es dir? Ich habe eine gute Nachricht, der Chefredakteur, du weißt ja! Gibt eine Geburtstagsparty, er hat mich auch dazu eingeladen, willst du mitkommen? Wäre doch gut für dich, oder?«, fragte sie mit heller aufgekratzter Stimme, sie schien Alex gut drauf zu sein.

 

»Servus, ja gut, würde mich freuen, wann? Soll es denn sein?«, wollte er wissen.

»Nächsten Montag, ab 20 Uhr, hast du Zeit?«

»Ich werde sie mir halt einfach dafür nehmen!«

»Gut also, ich gebe ihm Bescheid, dass du auch mitkommst, ja?«

»Ok, da wäre aber noch ein kleines Problem!«

»Was denn für ein Problem?«

»Mein Wagen ist nämlich am Montag im Service, du weißt ja, wie schwer ein Termin dafür zu bekommen ist. Ich möchte aber nicht verschieben, sonst muss ich wieder so lange darauf warten, bin sowieso schon weit drüber damit!«

»Ist doch wohl kein Problem, Franz kann dich ja fahren!«

 

»Könntest du mich denn nicht abholen? Bitte! Ich würde ja viel lieber mit einer hübschen Frau dort auftauchen!«

»Alter Schmeichler! Also, gut, verstehe, ich werde es einrichten, okay?«

»Lieb von dir, ich warte am Montag auf dich, so gegen 19 Uhr bei mir.«

»Abgemacht! Hast du einen Smoking? Dort ist nämlich Abendgarderobe angesagt!«

Mist! Dachte er sich, auch das noch. Er hatte ja bisher noch nie einen Smoking getragen, schon gar nicht besessen, also antwortete er ruhig, »Ist doch keine Frage, zwei sind gerade in der Reinigung und zwei weitere, Hängen im Schrank.«

»Gut, nimmst halt den, in dem du dich am wohlsten fühlst. Servus Alex, bis Montag dann, ich muss jetzt Schluss machen und gleich in eine Sitzung, OK?«

»Servus, Sibylle, bis bald!«

 

Es knackte im Hörer, sie hatte aufgelegt.

Alex war einerseits froh, dass sie sich meldete und bei der Einladung an ihn dachte. Mit dem Vorwand sein Auto nicht zur Verfügung zu haben, lockte er sie zu sich, könnte ja so die Zeit vor der Party nutzen, um mit ihr über die ganze „Koks Affäre“ zu sprechen.

Verflucht, dachte er sich, wo bekomme ich denn jetzt bis Montag einen verdammten Smoking her. Heute ist ja Samstag, dazu auch noch Nachmittag, die Läden haben ja alle schon geschlossen.

 

Also, klemmte er sich ans Telefon, rief Paul an, der hatte zwar einen Smoking. Doch war Paul ja um einiges größer und auch stärker als er. Sie kamen überein, er würde mit Pauls Smoking daher kommen, wie eine Vogelscheuche. Also, Fehlanzeige, Paul konnte also nicht helfen, der kannte auch niemanden, der da schnell einspringen könnte. Alex telefonierte noch mit einigen anderen Leuten, alles vergebens. In seiner aufkeimenden Verzweiflung, rief er noch als letzte Instanz beim Party Service an. Die Leute waren sehr zuvorkommend und freundlich, verstanden das Problem auch sofort.

 

Das Glück war ihm hold, sie verfügten über jede Menge Smoking. Ein Taxi kam mit zehn Smoking, die kleine Studentin, die ja schon einmal bei ihm war und sich daher bestens auskannte, brachte sie. Das Mädchen beeindruckte ihn, sie hatte sogar vorsorglich sogar etwas Nähzeug mit und das war auch gut so. Denn als er den passendsten Smoking anprobierte, mussten die Knöpfe etwas versetzt werden. Irene, so hieß das Mädchen, war ein Multitalent und organisierte alles für ihn.

 

Er revanchierte sich mit einem fürstlichen Trinkgeld, über das sie sich sehr freute. Er bat sie dann auch um ihre Telefonnummer, sollte er wieder mal etwas brauchen, würde er sich vertrauensvoll bei ihr melden. Irene suchte mit ihm auch alle Accessoires aus, Mascherl, Hemden, Lackschuhe usw. Sie musste wohl den ganzen Berufsbekleidungsfundus in ihrer Firma geplündert haben, es fehlte an nichts. Alex sah am Ende der Prozedur perfekt aus, wie sie ihm auch mit Kennerblick bestätigte. Alex fand gefallen an ihr, in ihrer sehr geschäftigen und souveränen Art. Er fragte sie dann dezent etwas aus, sie hatte sein Interesse geweckt, ohne dass er es ihr gegenüber zugab.

 

Sie sagte ihm, sie studiere Veterinär Medizin, stehe kurz vor dem Abschluss, sie stamme vom Lande aus einer nicht sehr wohlhabenden Bauernfamilie. Wäre daher darauf angewiesen ihr Studium selbst zu finanzieren. Der Job beim Party Service wäre, ihr sehr recht dafür, da die Arbeiten fast immer abends stattfänden, so könnte sie tagsüber auf die Uni. Auch kein leichtes Dasein, wie Alex fand. Er bot ihr dann an, sollte sie einmal etwas von ihm brauchen, egal was, man könnte ja nie wissen, er wäre für sie immer da. Irene, momentan etwas perplex, bedankte sich und versprach ihm, sich im Bedarfsfall daran zu erinnern.

 

Sie erwähnte noch, so ein Angebot hätte es bei ihrer Klientel für sie noch nie gegeben. Nun, wie dem auch sei, meinte Alex, sein Angebot stehe, ohne schmutzige Hintergedanken und das meine er ehrlich, sie könne sich darauf verlassen. Außerdem hätte sie ihm ja auch quasi aus einer Notlage befreit und er empfinde Derartiges nicht als Einbahnstraße. Irene verließ ihn, sie müsse noch zu einer Soiree, die ein Großindustrieller gibt. Alex konnte nun also getrost, der Geburtstagsparty ruhigen Mutes ins Auge blicken.

 

Bis Montag abends wollte er sich nun eine Strategie festlegen, wie er die Sache mit Sibylle angehen könnte. So grübelte er wieder herum und kam nicht so recht vom Fleck dabei. In seinen Überlegungen wurde er plötzlich jäh unterbrochen, als Paul anrief und ihn für Sonntag zum Mittagessen einlud. Sabine bestehe darauf, sie hätte sich ja solche Mühe gemacht und könne dafür nur durch seine Anwesenheit belohnt werden. Alex zog Anfangs nicht so recht, Paul ließ sein Geziere nicht gelten und sagte ihm noch, er hätte ihm auch eine wichtige Neuigkeit zu berichten. Alex blieb also, gar nichts anderes übrig als dann doch zuzusagen.

 

Alex lehnte sich gerade satt und zufrieden zurück, genoss anschließend den herrlichen Espresso, den Sabine auf einer Faema fabrizierte. Paul rauchte zufrieden, er schien ebenfalls satt zu sein und hatte sogar schon die Gürtelschnalle offen. Nach dem drei gängigen Mittagessen, war ja das auch nicht besonders verwunderlich. Sabine hatte sich selbst übertroffen, Pauls Lobhudelei über ihre Kochkünste entsprachen, also absolut der Realität, wie Alex feststellen konnte. Sabine erfreute sich an den Pralinen, die Alex ihr mitgebracht hatte, Paul schenkte vom Remy Martin ein, den er von Alex als Gastgeschenk bekam.

 

Alex hielt sich im Hause einen Vorrat davon, obwohl er ihn selbst nie trank. Neugierig wollte er von Paul wissen,

»Sag mal Paul, wie ist es eigentlich mit deiner angekündigten Novität? Mach's nicht so spannend, du weißt ja, ich bin ein sehr neugieriger Mensch!«

»Ja, das weiß ich«, Paul nippte am Cognac.

»Ist es etwas Neues bei COP?«

»Ach, lass doch COP, COP sein, genießen wir doch einfach die Pause, die uns der Veranstaltungskalender lässt!«

»Also es ist nichts Geschäftliches?«

»Ja, Gott sei Dank, es ist rein privater Natur.«

»Lass mich raten, ihr habt das Aufgebot bestellt?«

»Nein, das noch nicht!«

»Ha, darf ich ein wenig unverschämt sein?«

 

»Ja, nur zu!«

»Nun, ich beobachte mein Umfeld und auch meine Freunde genau.«

»Ja, schon in Ordnung, was hast du beobachtet?«

»Dass ihr irrsinnig ineinander verliebt seid, sieht ja jeder, der nicht mit Blindheit geschlagen ist, ihr macht ja auch kein Hehl daraus, wozu auch? Bin zwar irgendwie neidisch wegen Sabines Kochkünsten, trotzdem finde ich es schön, ich gönne es euch von Herzen!«

»Gut, und weiter.«

»Dass ihr irgendwann heiraten wollt, habt ihr ja auch bereits geäußert.«

»Richtig!«

 

»Kann es denn sein, dass ihr dabei Terminprobleme bekommt?«

»Was genau meinst du damit?«

»Ist es nicht so, dass eure Trauung sehr bald stattfinden wird, in Klammern muss?«

»Alex, du brauchst dich nicht weiter zu bemühen, es ist richtig, wir bekommen Nachwuchs!«

Paul drückte Sabine an sich, die neben ihm saß und vielsagend lächelnd zuhörte, er küsste sie zärtlich auf die Wange.

 

»Siehst du, was die Beobachtungen kleiner Details so bringen, ich bin zwar nicht so erfahren in solchen Belangen, aber auch kein Hinterwälder. Ich sah Sabine Süßigkeiten naschen, danach hatte sie eine Essiggurke verspeist. Wohl schon ein untrügliches Zeichen, oder?« Alex grinste beide listig an und sprach weiter,

»Jedenfalls gratuliere euch, ich freue mich wirklich mit euch!«

Sabine drückte Alex jetzt plötzlich an sich, küsste ihn auf die Wange,

»Danke dir Alex, du bist ein guter Junge!«

»Was genau wünscht ihr euch eigentlich, Junge oder Mädchen?«

Sabine antwortete lächelnd,

»Weißt, eigentlich ist es uns ganz gleich, Hauptsache gesund und das alles glattgeht!«

 

Paul hakte gleich nach, »Seit einer Woche genau denken wir so.«

»Dann wissen es ja noch nicht viele?«, meinte Alex.

»Es, werden auch nicht viele erfahren! Erst mit dem Billett 'danach'«, sprach Paul verschmitzt.

»Also auf diese freudige Nachricht möchte ich mit euch anstoßen, einen kleinen Remy, bitte.«

Paul schenkte ein und reichte ihm den Cognacschwenker, Sabine nahm Mineralwasser und sagte zu Alex,

»Du verzeihst, aber jetzt, du weißt ja ...«

»Ist schon gut, Sabine, verstehe.«

 

Sie prosteten sich zu und stießen an. Die beiden schienen sehr glücklich zu sein, wie Alex schien, als er ihnen zurief,

»Also, dann, cheers! Auf alles Glück der Erde für euch und auch für den künftigen kleinen Steuerzahler!«

Montag, so gegen 17 Uhr, fuhr Alex seinen Wagen aus der Garage, versteckte ihn einige Straßen weiter an einer Tankstelle. Er wollte ja nicht als Lügner von Sibylle entlarvt werden. Spazierte dann wieder gemütlich nach Hause, wo er seinen Rolli und die Jeans, nach einer guten Dusche, gegen den Smoking wechselte.

 

Er blickte auf die Uhr, sie zeigte kurz vor 18 Uhr, er überprüfte sich noch einmal im Spiegel, spiegelglatt rasiert und frisch duftend fand er an sich und seiner Aufmachung nichts auszusetzen. Sibylle, würde also nicht blamiert sein, wenn sie mit ihm auftauchte. Trotzdem hatte er ein gewisses flaues Gefühl im Magen, aus zweierlei Gründen, einmal die Diskussion mit ihr und außerdem, wen alles? Würde er auf der Party antreffen, was sind das eigentlich für Leute?

 

Wie werde ich bei ihnen ankommen? Er hatte doch irgendwie Furcht in beiden Punkten zu versagen. Während er noch so unsicher sinnierte, ertönte der Türgong, er sah aus dem Kaminzimmerfenster, von dort sah man einen Teil der Einfahrt. Sibylles Sportwagen parkte dort. Er betätigte den Türöffner und eilte zum Hauseingang, sie stand bereits an der Tür und sah hinreißend aus, wie er fand. Sie trug ein bodenlanges schwarzes Abendkleid, darüber ein hüftlanges Cape.

 

Die restlichen Accessoires waren genau abgestimmt und passten vorzüglich dazu und rundeten ihre Erscheinung harmonisch ab. Sie winkte ihm lächelnd zu,

»Hallo Alex, gut schaust du aus, wirklich!«

»Servus, danke dir, das Kompliment, kann ich ehrlich mit Freude zurückgeben, siehst ja zum Anknabbern aus!«

Sie lächelte ihn vielsagend an, erwiderte leicht süffisant,

»Knabbern hätten wir ja letztes mal können, heute haben wir dafür keine Zeit. …, vorerst!«

 

Aha! Dachte sich Alex, es ist wohl wieder soweit, ihre dunklen Augen glänzten irgendwie unnatürlich. er bemerkte es, als er ihr einen leichten Kuss gab, den sie hungrig temperamentvoll erwiderte, wie er spürte.

In den letzten Tagen hatte er sich ja mit der Lektüre von Erfahrungsberichten über Suchtgiftauswirkungen beschäftigt, darin fand er Beschreibungen über die Wirkungsgrade von Kokain. Glänzende Augen, sucht nach Sex, auch außergewöhnliche Verhaltensweisen und bei Kokainsüchtigen ein dezentes aufziehen, wie bei einem leichten Schnupfen, waren als charakteristische Anzeichen der betroffenen Konsumenten beschrieben.

 

Außerdem hatte er gelesen, würde Kokain, je nach Dosis gehobenes Wohlbefinden erzeugen, die Gehirnfunktionen steigern, Gefäß zusammenziehend wirken, sogar schmerzstillend. Dennoch bei großen Gaben, Rauschzustände hervorrufen, es könnte zu Krämpfen und Atemstillstand kommen. Wie auch immer, zudem hatte er gelesen, führt dieses Zeug, aus den Blättern des Kokastrauchs gewonnen, unbedingt zur Sucht und zu körperlichen sowie geistigen Verfallserscheinungen.

 

Diese Fakten zogen ihm in Gedanken vorbei, als er sie von der Garderobe, wo er ihr beim Auskleiden behilflich war, ins Kaminzimmer geleitete.

Er bat sie Platz zu nehmen,

»Wir haben sicher noch so viel Zeit, einen kleinen Drink zu nehmen, was möchtest du?«

Sie blickte auf ihre kleine goldene Armbanduhr,

»Ja, du hast Recht, einen trockenen Martini, bitte, ohne Eis.«

Während er an der Bar hantierte, fragte sie,

»Ist was mit dir, Alex? Du bist heute irgendwie auf einmal so ganz anders!«

»Wie kommst du denn darauf?« Er gab gerade eine Olive in den Martini.

 

»Du hast mich vorhin irgendwie so eigenartig angesehen, dafür habe ich einen Draht, glaube mir, irgendwie so, so, wie soll ich es ausdrücken, so forschend.«

Er brachte ihr den Martini, in seinem Glas befand sich Orangensaft mit einem Schuss Campari.

»Cheers, Sibylle!« Er hielt sein Glas an ihres.

»Prost Alex«, sie nippte an ihrem Glas, sah ihm tief in die Augen und sprach weiter,

»Würdigst du mich denn keiner Antwort, auf meine Frage?«

Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie immer noch schweigend an.

Ihr Blick wurde unruhig, sie vermied irgendwie zeitweise Blickkontakt, ihr Glas betrachtend fragte sie,

»Bist du mir noch böse wegen Letztes mal?«

 

Alex schwieg noch immer, nippte an seinem Orangensaft, sah ihr ernst in die Augen.

Ihre Unsicherheit wuchs zusehends, wie er meinte, sie blickte auf den Teppich, rutschte unruhig auf der Couch umher, plötzlich wurde ihr Gesichtsausdruck böse,

»Eigentlich müsste ich dir ja böse sein!«

Alex spürte, wenn er es jetzt falsch angehen würde, stünde sie womöglich auf und es wäre für ihn gelaufen, das wollte er auf keinen Fall riskieren,

»Wieso? Welchen Grund hättest du?«, fragte er jetzt in verbindlichen Ton und setzte ein charmantes Lächeln auf.

 

»Schau, ich war bestimmt gut drauf damals, als dieses Gänschen endlich gegangen war und du benahmst dich dann wie ein Stockfisch!«

Ach so, dachte er sich, jetzt kommt bestimmt die Platte rasende Eifersucht,

»Was meinst du eigentlich mit Stockfisch?«

»Aber, aber lieber Alex, du bist doch schon alt genug, du weißt doch, was ich meine, oder?«

»Nun gut, wenn dich das so störte, dass wir unsere Orgie nicht wiederholt haben, wie in St. Wolfgang, dann hast du bestimmt Recht. Ich war eben im Gegensatz zu dir nicht gut drauf. Aber es gibt da ein ganz anderes Problem!«

Sie blickte ihn jetzt sehr erstaunt zugleich fragend an, antwortete aber nicht auf das Gesagte.

 

»Sag mal Sibylle, seit wann? Und warum? Nimmst du eigentlich dieses Zeug?»

Ihre Augen weiteten sich plötzlich, ebenso ihre Nasenflügel. Jetzt bemerkte er auch dieses leichte Aufschnupfgeräusch, ihr Blick war erstaunt,

»Welches Zeug meinst du, drück dich bitte etwas konkreter aus!»

»Na, das mit dem Röhrchen, dass wie es scheint, genau in deine Nase passt, ist es jetzt konkret genug?»

»Du weißt es?»

 

»Würde ich, dich sonst fragen? Und komm mir jetzt ja nicht mit – das geht dich gar nichts an. Zeige mir das Rezept, mit dem dir das Zeug verschrieben wurde, wenn es keines dazu gibt und das glaube ich fest, dann geht es mich sehr wohl etwas an. Es geht im Prinzip jeden etwas an, so wäre es nämlich illegal, verstehst du!«

»Alex, du machst mir Angst, warum bist du denn jetzt so?«

»Das spielt im Moment überhaupt keine Rolle, ich will jetzt und hier wissen, seit wann? Und warum?«

»Ach, du führst dich ja auf wie einer vom Rauschgiftdezernat, liest wohl zu viele Krimis!«

 

»Sibylle! Schwäche jetzt bitte nicht ab, seit wann? Und warum?«

Ihr Gesicht nahm irgendwie ängstliche Züge an, in einem fast weinerlichen Ton antwortete sie,

»Und wenn ich es dir nicht sage?«

»Du wirst es mir sagen, glaube mir!«, sagte er in ziemlich scharfem Ton.

Dadurch er nun in schärferem Ton mit ihr sprach und ständig zu ihr näher rückte, schien sie sich zu ängstigen, sie wich zurück. Er setzte sich jetzt ganz dicht zu ihr hin,

»Sibylle, du wirst es sagen, und zwar ehrlich, jetzt und hier, oder nie mehr!«

 

Sie hob auf einmal ruckartig ihre Hände vors Gesicht, als würde sie Schläge abwehren wollen, ihr zierlicher Körper zuckte, als sie zu schluchzen begann, sie stammelte, »Ich kann nicht mehr!«, stieß sie unter ihren Händen hervor, »ich will auch nicht mehr!», ihr Körper bebte und die Tränen benetzten das Kleid und bildeten kleine dunkle Punkte auf ihrem Schoß. »Warum lässt man mich eigentlich nicht in Ruhe?», sie schrie es fast mit Tränen erfüllter Stimme heraus.

 

Plötzlich umschlang sie ihn, legte ihre Arme wie eine Ertrinkende um seinen Hals, drückte sich fest an ihn, ihr Kopf lehnte an seiner Brust. Auf seinem Jackett bemerkte er Spuren von Lippenstift und Wimperntusche.

»Seit wann? Und warum? Sag, sag es ...!«, er legte seine Hand auf ihren Kopf und versuchte ihr, ihm abgewandtes Gesicht zu sich zu drehen.

»Ach Alex, lass mich! Bitte!«

»Nein Sibylle, sag es!, seit wann? Warum? Sag es jetzt!«

Unter Tränen antwortete sie leise, »Seit Vater tot ist!«

»Nur weil dein Vater tot ist? Nichts anderes?«

»Ja, aber da sind noch die miesen Kerle in der Firma, ich halte es einfach nicht mehr ohne dem 'Zeug' aus!«

 

»Weißt du eigentlich genau, was, du da nimmst?«

»Nicht so genau, aber es hilft, hilft mir wirklich!«

»Willst du so weitermachen?«

»Nein, aber ich muss doch!«

»Warum?«

»Weil ich eben das Geld brauche „es“ zu kaufen, ich kann nicht mehr weg, verstehst du?«

»Willst du überhaupt davon weg?«

»Ja, viel Lieber heute als morgen, aber ich kann nicht, ich schaffe es einfach nicht!»

»Doch du kannst!«

 

»Nein, nochmals nein. Ich schaffe es nicht, glaube mir, ich hatte es ja schon versucht!«

»Doch Sibylle, du kannst, ich helfe dir, zusammen schaffen wir es!«

Sie schien sehr erschöpft, wie er merkte, sie wurde immer leiser, ihre Umklammerung wurde schwächer, ließ an Intensität nach. Er legte sie auf die Couch, holte eine Decke vom Kamin, deckte sie damit leicht und behutsam zu, sie blickte ihn verlegen, aber zugleich auch irgendwie dankbar an. Er beugte sich zu ihrem Ohr und sagte leise und sanft,

»Gib mir die Nummer von dem Kerl, ich sage ab, ja?«

Matt sagte sie ihm die Telefonnummer und schien damit auch einverstanden zu sein.

 

Alex ging zum Apparat, wählte. Ein Dienstmädchen meldete sich. Er bat sie, dem Hausherren auszurichten, Frau Schmidt mit Begleitung wäre mit Bedauern leider verhindert das Fest zu besuchen. Man müsse daher leider absagen, sich später mit Herrn Chefredakteur in Verbindung setzen.

Sibylle kauerte auf der Couch, sie sah jetzt eher erbarmungswürdig aus, mit fahrigen Bewegungen versuchte sie, ihre Handtasche zu angeln, die weiter unten auf dem Sofa lag. Sie bat Alex,

»Hilf mir bitte, ich muss jetzt wieder etwas davon nehmen, die Wirkung lässt ja rasch nach, ich hatte vorher viel zu wenig genommen!«

 

Alex reichte ihr die Tasche, sie kramte etwas unbeholfen darin herum, dann kam das Röhrchen zum Vorschein, das er ja schon kannte. Sie legte sich zwei Straßen auf der Glasplatte des Couchtisches, zog das Pulver mit dem Röhrchen ruckartig durch die Nase auf, eine Straße links, die andere rechts. Sie lehnte sich zurück, schnupfte noch etwas nach, diesmal ganz offen und ziemlich lautstark, es war ja jetzt kein Geheimnis mehr. Alex beobachtete sie dabei, es tat ihm in der Seele weh, es Mitansehen, ja zulassen zu müssen.

 

Sie legte sich wieder hin und rührte sich nicht, er hörte nur von Zeit zu Zeit dieses bewusste leichte Aufschnupfgeräusch.

Alex saß ihr gegenüber, während er sie ansah, dachte er noch ganz unter dem Eindruck des soeben erlebten Geständnisses, verdammt sie steckt tief drin, sehr tief. Ich muss mich wirklich noch einmal davon überzeugen, ob sie wirklich davon loskommen will, sonst hat sie wohl keine Chance. Während er diese Gedankengänge hatte, bemerkte er nebenbei, wie sie sich zunehmend erholte. Das Zeug musste wohl unheimlich rasch wirken, für seine Begriffe äußerst rasch. Ihre Augen, vorher noch gerötet, bekamen wieder Glanz, wenn ihr Gesicht nicht etwas durch die Tränen verschmiert wäre, man würde ihr vom vergangenen Ausbruch eigentlich nichts anmerken.

 

Sie schien wieder auf der Höhe zu sein, wahrscheinlich beginnt ein Trip so, sagte er sich. Wahrhaft ein „Teufelszeug“. Auch ihre Stimme bekam wieder Kraft und Ausdruck und klang plötzlich wie, er sie immer kannte, als sie zu ihm sagte,

»War doch etwas voreilig abzusagen, wir hätten jetzt doch noch hingehen können, wäre dort bestimmt noch eine „Riesenhetz“ geworden!«

»Sibylle, sei vernünftig! So wie wir jetzt aussehen! Wo denkst du denn hin?«, er deutete auf sein lädiertes Jackett.

»Ach was, du könntest dir ja ein anderes nehmen und ich wäre in fünfzehn Minuten restauriert, war doch schon öfters bei mir so!«, sie lächelte wieder unternehmungslustig.

 

»Ich habe abgesagt, es bleibt dabei, wir bleiben hier und machen uns unsere „Hetz“ eben hier, wenn du das jetzt unbedingt brauchst, OK?«, antwortete er leicht verwundert und zugleich verbittert, darüber dass sie wieder so einfach mir nichts dir nichts zur Tagesordnung übergehen wollte. Ihm lag die letzte vergangene Stunde schon sehr auf dem Gemüt.

»Ja, vielleicht hast du recht, ich werde mit dem Redakteur eben einen anderen Termin vereinbaren, damit du nicht zu kurz kommst, ja?«

 

»Das ist im Moment überhaupt nicht wichtig, finde ich, viel wichtiger scheint mir zu sein, dass du in argen Problemen steckst, obwohl du mir vorgaukelst, dass bei dir ohnehin alles in bester Ordnung ist!«

»Ich wollte dich doch nicht mit meinem Kram belasten, du hast ja eh selbst viel um die Ohren, wie ich meine!«

»Ist zwar nett von dir, so zu denken, aber jetzt habe ich noch viel mehr um die Ohren, weil ich möchte, dass du von dem Zeug loskommst, du willst es doch oder?«

»Ja, doch, schon, aber ...«

 

»Sibylle, glaube mir es ist der falsche Weg, den du dir da ausgesucht hast. Auf Sicht gesehen wirst du alles Verlieren, das Geschäft, deine Gesundheit, wenn du dich noch mehr hinein reitest, sogar dein Leben. Ich will das alles nicht!»

»Ach Alex, lass es, es ist sowieso schon viel zu spät dafür, ich stecke zu Tief drin, im Mist, glaube mir.«

»Es ist nie zu spät, wenn man wirklich etwas erreichen will!«

»Ich will ja!«

»Also, wirst du den Entzug machen, mit professioneller und meiner Hilfe?«

»Ich will aber nicht, dass es jemand erfährt, wegen des Geschäftes, du verstehst das doch?«

 

»Du wirst den Entzug also machen, ja?«

»Ja, aber nur wenn du mir dabei hilfst, alleine schaffe ich das sicher nicht!« Sie lächelte etwas gequält und sah ihn mit großen fragendem Blick an.

»Dass ich dir dabei helfen werde, sagte ich ja schon, also es bleibt dabei, du machst den Entzug, Ehrenwort?«

»Ja, Alex einverstanden mit Ehrenwort, aber ich muss doch auch ans Geschäft denken!«

»Das verstehe ich ja, doch Geschäft ist eine Sache und Gesundheit eben eine andere. Deine Gesundheit ist jetzt wichtig und äußerst gefragt. Das mit dem Laden lässt sich doch wohl regeln, oder?«

»Ich weiß nicht ...«

 

»Hast du jemand in der Firma, dem du vertrauen kannst, wenn nicht, dann nimmst du eben einen „externen“«

»Ich muss mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen!«

»Alex, warum engagierst du dich so für mich? Mit mir hast du doch nur Schwierigkeiten gehabt bisher!«

»Nicht nur, wie du ja weißt!«

Sie setzte sich nun neben ihn, lehnte sich an seine Schulter, drückte ihren Kopf fest an seine Brust, umschlang seinen Arm, seufzend meinte sie,

»Du bist so stark, so fest in deinem Charakter, mir fehlt das, mich versuchen alle, immer umzustoßen und wegzudrücken, bei dir gelänge ihnen das nie!«

 

Alex streichelte langsam leicht und zärtlich ihr langes Haar, drückte sie zärtlich an sich. Nahm ihren Kopf in beide Hände, sah ihr tief in ihre großen dunklen Augen, die wieder diesen eigenartigen Glanz ausstrahlten. »Wenn du es nicht willst, schaffen die es bei dir auch nicht, da bin ich mir ganz sicher!«

Er fühlte nun innerlich an ihrer Art, dass sie anscheinend, jetzt doch froh darüber war, bei ihm zu sein. Ihr Geheimnis preisgeben konnte, dass sie selbst vermutlich stark bedrückte und sicher eine Folge dessen war, mit ihren verschwiegenen großen Problemen nicht allein fertig werden zu können. Er hatte sich also seinerzeit gar nicht so getäuscht, als er darüber nachdachte, wie sie es als zierliches und fast zerbrechliches Geschöpf fertig brachte, sich in der rauen Geschäftswelt durchzusetzen.

 

Wie es sich nun darstellte, kamen diese seine Bedenken nicht von ungefähr. Sie schaffte es doch nicht, zumindest nicht so wie sie es immer vorgab. Jetzt wo sie in eine Teufelsspirale geraten war, die sie nach unten führte, deren Ende in einen tiefen dunklen Graben mündete, wie seine bildhaften Gedanken es darstellten. Dort wollte er sie auf keinen Fall ankommen lassen. Wenn sie es, wie sie ja bereits sagte, es auch selbst nicht wollte, wäre das sicherlich zu schaffen.

 

Nachdem er nun genügend Zeit hatte, bevor der Rennzirkus seine Pforten wieder öffnete. Nahm er sich vor, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, ihr aus dieser schwierigen Situation heraus zu helfen. Dass dieses Unterfangen wohl sehr kompliziert sein könnte, war ihm klar, es war ihm auch bewusst professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Die Frage war eben nur, wer? Wie? Und wo? Wann, war ja jetzt schon klar, am besten gestern, sagte er sich.

 

Sibylles Art, zeigte sich ihm gegenüber, wahrscheinlich durch das Gespräch der letzten Stunde verändert, es kam ihm vor, wie aus einer Mischung aus Ängstlichkeit und Dankbarkeit. Sie hatte keine Bestrebungen mehr, ihm gegenüber dominant aufzutreten, im Gegenteil. Wahrscheinlich, so dachte er sich, sieht sie jetzt, einen Hoffnungsschimmer und Licht am Ende des Tunnels und schöpft Hoffnung vielleicht doch noch aus dem ganzen Schlamassel zu entkommen.

 

»Du willst mir also wirklich helfen?«, fragte sie.

»Ja, es ist mein fester Entschluss. Das Problem ist nur, dass ich im Moment nicht recht weiß, wie!«

»Weißt du eigentlich, worauf du dich da einlässt?«

»Wo ein starker Wille ist, ist auch ein Weg, denke ich!«, antwortete er bestimmt und sprach dann weiter, »du solltest im ersten Schritt einmal die Weichen in der Firma so stellen, dass du für einige Zeit abkömmlich bist und einen freien Rücken bekommst, schaffst du das?«

»Ich denke schon.«

 

»Sicher? Wenn du das nicht ganz spontan mit ja beantworten kannst, wird’s vermutlich Probleme damit geben.«

»Ach Alex, es kommt alles so plötzlich, so genau hatte ich mir ja solche Dinge noch nie überlegt, verstehst du? Es lag bisher nicht in meiner Gedankenwelt, so etwas zu planen!«

»Ja, hat man denn Worte. Da gibt es eine Organisation und wenn das Oberhaupt, plötzlich aus Gründen wie immer Unfall, Krankheit, etc. ausfällt, steht der Laden plötzlich ohne jede Führung da. Das darf doch einfach nicht wahr sein!«, meinte er entsetzt.

»Warum schimpfst du jetzt so mit mir, auch wenn du recht hast. Es ist halt einfach so!«

 

»Nun, dann wird es aber höchste Zeit das sofort zu ändern, findest du nicht auch? Was wäre denn, du bekommst einen klitzekleinen Firmennachfolger, entbindest du ihn dann auch im Chefzimmer?«, er grinste sie dabei leicht an.

»Du hast ja recht, aber ...«

»Komm Sibylle, geh doch die Sache in diesem Sinne gleich an, ich bitte dich. Wir haben heute vereinbart, wo du bereits zweimal zugestimmt hast. Du willst von dem Zeug loskommen. Wir gehen diesen weg gemeinsam konsequent bis zum Ende, ja? Dass es kein Honiglecken oder Sonntagsspaziergang wird, liegt in der Natur der Sache und liegt klar auf der Hand!«, er sprach mit fester Stimme, um eventuelle Zweifel und Ausflüchte gleich im Keim zu ersticken, zumindest dachte er es.

»Gut also, ich versuche es!«, antwortete sie kleinlaut, ja fast schon schüchtern.

»Nein, bitte tue es!«

 

Sie sah ihn verlegen an, »Ja doch, schon gut«, sagte sie mit gesenktem Blick.

Alex wunderte sich plötzlich über sich selbst, wie herrisch und bestimmt er ihr gegenüber schon die ganze Zeit auftrat. Nachdem, es nicht zu seinem Ziel zählte, sie zu unterdrücken oder zu verletzen, sondern ihr zu helfen, schaltete er seinen Tonfall an Schärfe etwas zurück, »Schau Sibylle, ich meine es doch gut mit dir, ich will dir doch einfach nur helfen. Wenn wir dabei auch Sümpfe trocken legen müssen, dann tun wir es eben, ohne viel wenn und aber! Das gilt auch für mich persönlich, glaube mir!«

 

Sie streichelte plötzlich seinen Arm, aus ihren Augen perlten Tränen, die liefen wie kleine Bäche über die Wagen.

»Ja Alex, ich glaube, nein ich weiß es jetzt, dass du ein feiner Kerl bist. Ich hoffe nur, dass ich dich nicht enttäuschen werde!«, sie drückte ihn fest an sich, mit einer Kraft, die er ihr niemals zugetraut hätte.

»OK, OK, Sibylle, also abgemacht? Wir stehen das gemeinsam durch? Ja?«, er nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah ihr tief in die tränen gefüllten großen Augen. Sie flüsterte ihm zu, »Es wird die Hölle der Entzug, ich weiß es, glaube mir!»

»Ach was, die Hölle soll der Teufel holen, das ist ja sein Reich, wir entkommen einfach!«

 

Sie kuschelte sich ganz fest an ihn, schnäuzte sich lautstark,

»Glaubst du wirklich?«

»Nein! Ich weiß es!«, er drückte ihren Körper fest an sich, streichelte sanft ihren Arm. Sie saßen eng umschlungen auf der Couch, er wartete eine Weile, bis sie sich wieder beruhigte, wie lange es dauerte, wusste er nicht, er hatte überhaupt kein Zeitgefühl im Moment.

Irgendwie wollte er die gespannte Atmosphäre jetzt etwas lockern, sie hatte sich ihm etwas aufs Gemüt geschlagen. Er fand ja das angegangene Thema zwar wichtig, doch keinesfalls erbaulich. Dennoch war er über das bisher vor gegangene einigermaßen zufrieden, er wusste jetzt, dass sie der Sucht verfallen und auch wie lange es her war.

 

Doch weshalb sie das Zeug nahm, war ihm immer noch ein Rätsel und völlig unklar.

»Irgendwie bin ich jetzt hungrig geworden, du auch? Ich könnte uns Spiegeleier mit Schinken machen, was anderes bringe ich ja nicht zusammen.«

»Oh ja, etwas essen wäre nicht schlecht, aber wenn du willst, gehe ich in die Küche, wenn du etwas da hast, mache ich uns etwas Schnelles daraus, ja?«

»Ja fein, wenn du möchtest gerne, fühle dich bitte hier wie zu Hause. Im Schrank und in der Kühlung sind noch andere Sachen, vielleicht kannst du etwas daraus zaubern?«

 

Sie schien sich wieder einigermaßen gefangen zu haben, drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange und ging in die Küche.

Ihm war jetzt nach etwas Ablenkung zumute. Er suchte eine Langspielplatte von Elvis heraus, während „In the Ghetto“ ertönte. Ging er dann zur Bar, wollte die Flasche Remy Martin öffnen. Besann sich aber augenblicklich eines Besseren. Der benommene Kopf unlängst in Mailand, dieser alkoholische Rückfall kam ihm plötzlich wieder sehr ungut in Erinnerung. Abrupt stellte er die Flasche wieder zurück und nahm sich aus einem bereitstehenden Krug, eisgekühlten Orangensaft, wovon er ein Glas in einem Zug leerte.

 

Mist, dachte er, wenn du nicht enorm aufpasst, kommst du schnell wieder in das seinerzeitige alte Fahrwasser zurück, gerade in dem Moment, wo du versuchst, sie von ihrer Sucht wegzubekommen. Er wusste ja, damals kam er noch aus eigener Kraft, nur mit seinem festen Willen vom Alkoholproblem los. Wahrscheinlich hatte sein Seinerzeitiger ungewollter, aber gezwungenermaßen stattgefundener Spitalaufenthalt, wo er wochenlang Abstinent lebte, auch viel dazu beigetragen. Wie auch immer, sagte er sich, ohne Willensanstrengung und Konsequenz, geht eben überhaupt nichts. Obwohl es, wie er sich zugeben musste, immer wieder zwischen durch zu häufigen Verlockungen gekommen war, irgendeine Flasche zu köpfen, um damit Problemen einfach „auf der Welle“ davon zu schwimmen.

 

Nur die Sperre die er, aus eigenen Stücken, in sein Hirn einbaute und die im Fall einer Versuchung, sofort mit bösen Erinnerungen reagierte, verhinderte immer den Griff zur Flasche. Es war ihm kein Bestreben mehr, ja er verabscheute es sogar, nach Alkoholkonsum, mit benebeltem Blick, unfähig klare Gedanken fassen zu können, mit lädierter Motorik herum zu torkeln. Am darauf folgenden Tag mit einem Haarwurzelkatarr, diesem dumpfen Gefühl im Kopf, sich womöglich dazu auch noch übergeben zu müssen. Es war ihm ein Gräuel im Rausch, ein schlechtes Abbild, seiner selbst zu werden und in so einem Zustand auch gegenüber seinem Umfeld aufzutreten.

 

Er war sich dessen durchaus bewusst, seinerzeit noch rechtzeitig die Kurve gekratzt zu haben, bevor das kurzzeitige entrücken aus der Realität, dass sich ja durchaus angenehm mit dem Rausch verband, umgeschlagen wäre, in eine permanente Flucht vor sich selbst und unbewältigten Problemen. Hätte er sich damals nicht rechtzeitig besonnen, wäre er, wahrscheinlich auch zu einem jener Gewohnheitstrinker geworden, die er damals in der kleinen Kneipe antraf. Die wahllos irgendwelches „Alkoholzeugs“ in rauen Mengen in sich hineinschütteten. Egal ob es ihnen schmeckte oder nicht, ebenso egal in welcher Reihenfolge, Hauptsache es bot ihnen „den Rausch“ schlechthin.

 

Vermutlich hätte er, wie die, mit aufgedunsenem Gesicht, trübem Blick und zittrigen Händen, schon zum Frühstück Bier gebraucht. Spätestens zu Mittag den ersten „Vollrausch“ des Tages „genossen“, um dann in der Nacht, drei- oder viermaliges Jubiläum zu feiern. Nein Danke, sagte er sich damals noch rechtzeitig, das kann ja nicht deine Welt sein und sie soll es auch nie werden. Jetzt auch noch erhärtet, durch den Wink des Schicksals. In der Situation mit Sibylle, die ihrerseits süchtig, eben drogensüchtig ist. Schwor er sich noch einmal für sich, hoch und heilig, künftigen Versuchungen, gefährliche große Mengen Alkohol zu konsumieren.

 

Dadurch in Gefahr zu geraten, dieser Sucht wieder zu verfallen, innerlich auf das Schärfste zu begegnen und in jeden Fall die Finger davon zu lassen. Während Alex am Kamin saß und seinen Gedanken nachging, hörte er aus der Küche verschiedene Geräusche, die wie klappern von Töpfen und Pfannen klangen. Sibylle musste also etwas gefunden haben, dachte er, gut so kommt sie wenigstens auch auf andere Gedanken. Die Ereignisse, die Debatte der vergangenen Stunden, schienen ihm, bei ihr auch nicht so spurlos, vorüber gegangen zu sein.

 

Er legte einige Holzscheite im Kamin nach, das Knistern des Feuers wurde wieder lauter, der harzige Geruch des Holzes strich ihm durch die Nase. Er sah einige Zeit fasziniert ins Spiel der Flammen, dabei überlegte er, was leben wir doch in einer verdorbenen Welt. Die Sucht, die ihm ja geläufig war, unterschied sich doch eigentlich nicht im Geringsten von der Drogensucht. Beide Arten, ruinieren auf Sicht gesehen, die Gesundheit, die Psyche desjenigen, sein materielles Dasein. Irgendwann dadurch auch die Existenz, sagte er sich. Einziger Unterschied besteht doch nur darin, dass eben die Umtriebe im Zusammenhang mit der Drogensucht, strafrechtlich verfolgt werden. Hingegen „einen über den Durst trinken“ kann man eigentlich ganz legal, bis dato hat man auch nie gehört, dass ein Spirituosenhändler oder Erzeuger, wegen seiner Tätigkeit verurteilt oder eingesperrt worden wäre.

 

Wo ist da eigentlich die Gerechtigkeit? Fragte er sich, „Alkoholiker“ verursachen genauso viel Leid über Menschen, Verbindungen und Ehen zerbrechen, materielle Schäden entstehen, und, und …

Wer ist eigentlich gefährlicher? Der Drogensüchtige? Derjenige, der einer Großmutter im Park die Handtasche klaut, damit er sein Zeug kaufen kann. Oder, der Autofahrer? Der nicht weiß, wann, er aufhören soll, sich dann ans Steuer setzt, sich selbst gefährdet und womöglich im Suff, unschuldige Menschen, verletzt oder gar zu Tode bringt? Das nun hell lodernde Feuer betrachtend, sinnierte er darüber und kam dann für sich zu dem Schluss. Eigentlich doch sehr froh darüber sein zu können, für sich jetzt persönlich eine Einstellung gefunden zu haben. Die ihn nicht mehr in die Gefahr bringen wird, einer Suchtgruppe anzugehören oder ihr auch nur irgendwie beizutreten zu wollen, im Gegenteil.

 

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als er Sibylle aus der Küche rufen hörte,

»Alex! Komm bitte, Essen ist fertig!«

Voller Neugier folgte er der Aufforderung. Mit staunenden Blicken sah er das kleine Wunder, welches sie in der kurzen Zeit vollbracht hatte. Sie funktionierte den in der Mitte stehenden Küchentisch, fachmännisch aufgedeckt zum Essplatz um. Sogar brennende Kerzen standen darauf. Ein appetitanregender Duft erfüllte den Raum, aus dem Küchenvorrat, zauberte sie eine Bouillon mit Ei, dazu waren in der Pfanne Steaks, in einem Topf Pommes frites bereitgestellt. Dazu hatte sie noch eine Schüssel frischen Obstsalat parat. Auch Wein befand sich im Flaschenkorb am Tisch. Irgendwie Stolz, fragte sie,

»Ist doch wohl, schon ein bisschen besser als nur Ei mit Schinken, findest du nicht auch?«

 

»Und ob, keine Frage, ist ja ganz toll, wie du das geschafft hast!«, meinte er bewundernd.

Nachdem sie die Produkte der Schnellküche verzehrt hatten, Sibylle wollte gerade das Geschirr wegräumen, sagte Alex,

»Sibylle komm, lass bitte hier alles Stehen, wir nehmen den Kaffee draußen am Kamin, dort haben wir es ja viel gemütlicher, außerdem wollte ich dich noch etwas fragen!«

»Ja gut, wie du willst, was willst du mich fragen?«

Alex nahm die Kaffeetassen von der kleinen Espressomaschine, stellte sie auf die Untertassen, die auf einem Tablett bereitstanden, fügte noch das notwendige Zubehör hinzu,

»Komm, bitte, gehen wir rüber!«

 

Sie setzten sich am Kaminzimmertisch einander gegenüber, Sibylle rührte in ihrer Tasse, dabei sah sie ihn erwartungsvoll an.

»Sibylle, ich habe mir Folgendes überlegt. Du solltest in der Firma alles ins Reine bringen und könntest dir danach eine Zeit lang freinehmen, solange du eben für die Behandlung brauchst. Offiziell könntest du aus gesundheitlichen Gründen, eine nicht auf schiebbare Kur machen, das versteht ja jeder und es erregt auch keinen Verdacht, was meinst du dazu?«

Sie antwortete nicht und betrachtete ihre Kaffeetasse, sie schien zu überlegen, daher sprach er gleich weiter,

»Am besten wäre, die Kur würde im Ausland stattfinden, irgendwo wo dich keiner kennt und du deine Ruhe hast. Ich meine Presse und so! Ich könnte dich begleiten und solange bei dir bleiben, bis ich wieder für COP fahren muss. Was sagst du dazu?« Er nahm einen Schluck Espresso, während er auf die Antwort wartete.

 

»Du willst das wirklich für mich tun?«

»Ja natürlich, würde ich es dir sonst vorschlagen?«

»Ich möchte schon, aber ich habe nie vermutet, dass du dich dabei persönlich so engagierst«, antwortete sie scheinbar verdutzt.

»Du glaubst doch nicht allen Ernstes, ich überlasse dich so ohne Weiteres irgendeinem Mediziner, der dann mit dir, macht was er will, dem du vielleicht mitten drin davonläufst, der dann nur abkassiert. Damit dann das Resultat null ist und alles so bleibt, wie es war!«

»Du bist eigentlich sehr misstrauisch, doch die Idee als Solches finde ich gut, ich glaube so könnte es gehen.«

Sie schien ihm, jetzt in ihren Gedanken zuversichtlicher zu werden, er schöpfte Hoffnung.

 

»Also, misstrauisch ist nicht der richtige Ausdruck, für das, was ich eigentlich bezwecken möchte, vor allem für das, was nötig ist!«

»Was meinst du?«

»Schau, ich möchte, dass einfach Nägel mit Köpfen gemacht werden, du solltest dich von dem Zeug verabschieden, und zwar für immer.«

»Alex wenn ich dir so zuhöre, wie energisch und zielbewusst, du an die Dinge herangehst, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass ich es mit deiner Hilfe, doch noch einmal versuchen sollte. Vielleicht ist doch für mich noch nicht alles verloren!«

 

»Siehst du, das meine ich auch. Du wirst sehen, du schaffst es! Jedoch nur wenn auch dein fester Wille und eine konsequente Linie dahinter steht und du voll mitmachst, auch wenn es ganz dick kommt und es junge Hunde regnet!«, innerlich freute er sich über ihre aufkommende Hoffnung, die ihm bildhaft, als zartes junges Pflänzchen erschien und diese wachsen und gedeihen ja rasch unter guten Bedingungen, wenn man sie ständig begießt.

 

»Weißt Alex, irgendwie bin ich ja jetzt ausgesprochen froh, dass du, wie auch immer dahinter gekommen bist, was mit mir eigentlich wirklich los ist, dass du mich deshalb trotzdem nicht verurteilst und mir ja sogar helfen willst!«

»Ist schon gut, aber was ist eigentlich so Besonderes daran, das würde wohl jeder machen, dem etwas an dir liegt.«

»Das meinst du! Doch die Realität sieht da ganz anders aus, glaube mir! In der Welt in der ich mich bewege, ja bewegen muss! Ist da völlig anders.«

»Und was bedeutet das jetzt im Klartext?«

»Sieh mal, die Welt in der ich gefangen bin ist sehr oberflächlich, unheimlich verlogen, wahnsinnig geldgeil und außerdem noch dazu abgrundtief falsch!«

»Und dort fühlst du dich wohl?«

 

»Natürlich nicht! Aber wenn du da erst einmal drin bist, kommst du nicht mehr so ohne Weiteres ungeschoren heraus, ohne enorme Nachteile in Kauf nehmen zu müssen! Wer will das schon?«

»Hast du denn keine Freunde, auf die, du dich verlassen könntest?«

»Gerade das ist es ja eben. Ich habe zwar jede Menge Bekannte, auch so genannte Geschäftsfreunde, kenne außerdem haufenweise Leute. Dennoch niemanden von denen verdient eigentlich das Prädikat „Freund“ oder „Freundin“. Außer einem gewissen Alex, der, würde mir sogar helfen wollen, wenn ich bettelarm wäre und nichts besitzen würde, nur um meiner selbst Willen denke ich!«

 

»Schau Sibylle, mir ist es ganz gleich 'was' und 'wie viel' jemand besitzt, es interessiert mich überhaupt nicht. Wichtig ist mir in einer Freundschaft, dem anderen zu helfen, besonders in Zeiten, wo es demjenigen nicht so gut geht. Ich hatte einmal das große Glück dies im Leben erfahren zu dürfen, einem solchen 'Freundschaftsverhältnis' verdanke ich sogar, dass ich jetzt vor dir sitzen kann.«

»Das klingt ja nach etwas sehr Schrecklichem.«

»Das war es auch für mich. Doch erst zu diesem Zeitpunkt, wurde mir bewusst, was wahre Freundschaft wirklich bedeutet und ich hatte mir geschworen, niemanden im Stich zu lassen für den ich etwas empfinde. Seither ist Freundschaft für mich keine Einbahnstraße, verstehst du?«

 

»Eben das ist ja das Ungewöhnliche für mich, darauf muss ich mich erst noch einstellen. Leider gibt es in meiner Umgebung keine Menschen, die so denken wie du!«

»Dann solltest du eben rasch die Umgebung wechseln!«

»Vielleicht hast du ja recht, darüber muss ich noch viel nachdenken. Aber im Moment fehlt es mir wahrscheinlich an der inneren Bereitschaft, einfach so mir nichts, dir nichts, alles über Bord zu werfen.«

»Dann wirf eben vorerst einmal rasch dein 'Kokspaket' kurzerhand über Bord! Das Weitere findet sich dann schon, meine ich!«

»Ja, du könntest recht haben.«

»Gut also! Was? Wirst du jetzt machen?«, er wollte es jetzt genau wissen und auch aus ihrem Munde hören.

 

»Wie ich ja schon sagte, wollte ich schon einmal mit dem Zeug, wie du es nennst, aufhören. Doch das war ja leichter gedacht, als getan.«

»Und was? War eigentlich das Hindernis?«

»Meine eigene Schwäche, meine verdammte Willensschwäche. Einerseits will man ja aufhören. Auf der anderen Seite greift man bei auftauchenden Problemen gleich wieder zum Röhrchen. Je mehr man nimmt, desto öfter braucht man es. Es ist ein sich ewig drehender Kreislauf! Jedes mal flüchtete ich wieder vor mir selbst, in die Droge, in den momentan beglückenden, unwiderstehlichen Rauschzustand. Eine Prise und man übersteht Dinge, die man unter normalen Umständen einfach nicht verkraften könnte.«

 

Alex blickte sie verständnisvoll an, zumindest war es sein Gefühl, denn er konnte sich sehr gut einfühlen, durch seine Erinnerungen an seine Zeit als aktiver Alkoholiker. Seine Beweggründe damals sich dem Suff zu ergeben, unterschieden sich ja nicht wesentlich, von ihren soeben geschilderten. Während er darüber nachdachte, sah er Sibylles Gesichtsausdruck Nachdenklichkeit ausstrahlen. Sie schien ihrerseits, ebenso geistig einen Film ablaufen zu lassen.

 

Da ja seine letzte Frage, noch nicht beantwortet war, sie zielte ja auf eine Grundsatzentscheidung ihrerseits, die sie nun äußern sollte. Sie schien ihm aber für die Antwort noch nicht schlüssig zu sein, er bohrte daher ein wenig nach,

»Sibylle, wegen meiner letzten Frage ..., ich will dich ja nicht drängen, aber ...«

»Ja, ja schon gut Alex, ich habe mich soeben entschieden, deine im Nachhinein gesehen schon berechtigte Kritik und deinen Rat zu befolgen, jetzt im Unternehmen so einiges klarzustellen und auch zu ändern. Wenn ich mich dann frei geschwommen habe, mache ich die 'Kur', wie du es nennst. Das verspreche ich dir, so wahr ich hier sitze. Ist es das, was du hören wolltest?«

 

»Ja gewiss, einige Details fehlen zwar noch. Ich vermute, dass du dir dazu noch einiges überlegen musst. Prinzipiell finde ich es aber ganz toll, dass du dich so entschieden hast. Meine Vorschläge kennst du, die sind natürlich aufrecht. Nachdem sie im direkten Zusammenhang mit dem ersten Schritt stehen, hängt es wohl davon ab. wie du zeitlich damit zurechtkommst, ich verstehe das ja!«

»Ich kann ja nur einen Schritt, nach dem anderen machen, verstehst du? Aber mir ist klar geworden, dass es so mit mir nicht weitergehen kann, auch mit den Problemen in der Firma. Ich will noch auf den letzten Zug aufspringen, um aus dem drohenden Schlamassel zu entkommen, dank deiner Hilfe schaffe ich es vielleicht doch.«

 

Alex fiel ein schwerer Felsbrocken vom Herzen, als er ihre Entscheidung vernahm. Wie er wusste, hätte er auch die gegenteilige Entscheidung zur Kenntnis nehmen müssen. Während sie sprach, bekam er den Eindruck, dass sie es wirklich so meinte, wie sie es darstellte. Auch hatte sie ihn, während sie mit fester überzeugter Stimme gesprochen hatte, voll in die Augen geblickt. Nicht das kleinste Anzeichen einer Unsicherheit, konnte er entdecken. Er glaubte ihr jetzt einfach,

»Gut also, ich hoffe auch stark, dass du mich nicht verdammst, weil ich dich hart und grob behandelt habe. Zugegeben es lag schon eine gewisse Absicht meinerseits darin, denn ich meine, ohne diese provokative Art, hättest du deinen Entschluss nicht gefasst, zumindest nicht jetzt und auch nicht heute. So gesehen hat es schon etwas bewirkt, etwas sogar sehr Positives, wie ich meine. Du hast dir neue Ziele gesetzt und das finde ich ja ausgesprochen gut.«

 

»Alex, zerbrich dir bitte nicht den Kopf über die Vorgehensweise, du hast Recht, aber was heute geschehen ist, bedeutet gegenüber dem, was ich in Zukunft werde aushalten müssen eigentlich nichts Vergleichbares. Es ist geradezu eine Lappalie gegen über dem, was mich dann erwartet. Aber ich bin wirklich fest entschlossen „es auch durchzustehen“.«

»Deine Schlussbemerkung mit dem durchstehen möchte ich unterstreichen, bedenke bitte, ein einmal erkanntes Problem, ist nur mehr ein halbes Problem.«

»Es ist zwar nur ein kleiner Trost, aber es ist schön, dass du das sagst«, antwortete sie und ergänzte, »Alex, bitte sei lieb, fahre mich jetzt nach Hause, ich bin hundemüde, mein Kopf brummt. Du kannst ja dann mit dem Jaguar heimfahren, Franz wird ihn dann irgendwann abholen, ja?«

 

»OK, ganz wie du willst, aber von dir wegnehme ich mir ein Taxi, das ist einfacher!«

Als er es sprach, sah er auf die Uhr, die mittlerweile, 0.30 Uhr zeigte.

Später, als er dann wieder zu Hause war und noch schnell in der Küche Ordnung schaffte. Ließ er den abgelaufenen Abend noch einmal geistig Revue passieren. Der Verlauf hatte sich zwar abrupt geändert. Es wurde ja nicht wie geplant, die lustige Geburtstagsparty, statt dessen entwickelte sich ein heftiger Auftritt, den er schließlich auch initiierte, ja selbst vom Zaune brach, wie er sich zugab.

 

Trotzdem war er mit dem Ausgang der Angelegenheit nicht ganz so unzufrieden. Die Diskussion brachte doch schließlich Sibylle dazu, einiges neu zu überdenken, auch dazu sich neue Ziele zu stecken. Deren Erreichbarkeit, momentan zwar in den Sternen stand, wie er sich eingestehen musste. Immerhin, so dachte er sich, ein Mensch, der sich Ziele setzt, und nicht vollkommen geisteskrank ist und es halbwegs ernst nimmt, wird doch wohl alles daran setzen, seine Ziele auch irgendwie selbst unter widrigsten Umständen zu realisieren. Zumindest, sagte er sich, sind es meine Erfahrungen und Vorstellungen, mit denen ich mein Dasein führe. Mit denen, ich schon so viel erreichen konnte und auch vor habe, so weiter zu machen.

 

Ein Anfall von Müdigkeit machte sich in ihm breit. Bevor er zur Ruhe ging, nahm er sich noch fest vor, Sibylle am nächsten Tag anzurufen. Um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Und in der „Koksangelegenheit“ hart am Ball zu bleiben.

Nächsten Tag, er hatte völlig ruhig, tief und fest geschlafen, war somit in der Früh ausgeruht und guter Dinge. Gönnte sich dann ein reichhaltiges, langes Frühstück.

 

Dabei las er die Neuigkeiten in den abonnierten Tageszeitungen, die schon um 5 Uhr früh an seiner Haustür lagen. Nach dem Frühstück griff er zum Telefon. Rief bei Sibylle im Büro an, nachdem es mittlerweile so gegen 11 Uhr war, meinte er, sie könnte ja schon seit einiger Zeit dort sein. Sie war es. Die Sekretärin legte die Verbindung.

»Hallo Sibylle, wie geht es dir?»

»Ach Alex, mies! Was soll ich dir sagen, ich habe die ganze Nacht fast kein Auge zugedrückt. So viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, wegen gestern abends. Obendrein, mein Onkel, du weißt ja der Künstler, beginnt schon wieder Chaos zu erzeugen.«

»Was will er denn?«

»Kurz gesagt, einfach mehr Geld! Anscheinend ist er ja schon wieder blank!«

»Dann gib ihm, doch wieder etwas! Vielleicht gibt er dann endlich Ruhe. Nimm dir aber einen Anwalt, damit er dann eine Erklärung unterschreibt, keine weiteren Forderungen mehr zu stellen.«

 

»Meinst du wirklich, ich sollte das tun?«

»Du könntest ihn ja auch erschießen!«

Sie lachte hell auf,

»Oh! Alex! Heute bist du ja noch aggressiver als gestern! Nein, im Ernst, der Gedanke als solches ist ja schon sehr verlockend. Aber du hast vollkommen Recht, ich hetze ihm einfach den Anwalt auf den Hals!«

»Und wie geht es sonst? Du weißt, was ich meine!«

»Ja, da geht auch etwas weiter, ich bin gerade dabei, die Spreu vom Weizen zu trennen. Kann aber jetzt nicht so sprechen, wie ich gerne möchte, du verstehst? Lass mir ein paar Tage Zeit, ich melde mich bei dir, einverstanden? Servus Alex, bis bald!«

»Servus Sibylle, toi, toi !« Er hielt noch einige Sekunden den Hörer in der Hand, aus dem der Summton der Amtsleitung, dumpf an sein Ohr drang. Dabei dachte er sich, die Kleine nimmt es wirklich genau und arbeitet schon daran, sehr gut und gleichzeitig brav von ihr! Einigermaßen zufrieden mit der momentanen Lage, legte er dann den Hörer auf.

 

Nachdem er sich in der kurzen Zeit in Wien ganz gut eingelebt hatte, nahm er die zahlreichen Einladungen wahr, die er ja seinerzeit auf der Einstandsparty bekam. Da durch wurde ihm die Zeit nicht langweilig, im Gegenteil. Vor der Übersiedlung befürchtete er, in der Großstadt, ein ödes einsames Dasein führen zu müssen und dann auch mit Anschlussproblemen zu kämpfen. Diese Vermutungen erwiesen sich aber rasch vollkommen haltlos, denn er rechnete nicht mit der Mentalität der Großstädter.

 

Man reichte ihn herum, von einer Party zur anderen. Heurigenbesuche waren beinahe an der Tagesordnung. Wildfremde Menschen kamen dort einander näher, diese Spontaneität der Großstädter in der Kontaktaufnahme verblüffte ihn. Er war es in der Vergangenheit einfach nicht gewöhnt, dass aufeinander so offen zugegangen wurde. In der kleinen Welt, in der er vorher lebte, waren die Menschen da doch eher sehr zurückhaltend, auch verschlossen Fremden gegenüber. Da er, ja hier immer im Restaurant speisen musste, fiel ihm das schon besonders auf. Sehr oft, wenn er einmal in ein Lokal kam und sich dann alleine an einen Tisch setzte, dauerte es nicht lange, bis sich jemand dazu gesellte und ein Gespräch anbahnte.

 

In seiner alten Heimat, so wusste er, könnte ein „Zugroaster“ ja bis zum jüngsten Tag, alleine sitzen, bevor sich freiwillig jemand dazu setzte. Lieber verließen Einzelpersonen das Lokal, wenn sie keinen Soloplatz mehr vorfanden. In Wien gehen die Uhren eben ganz anders, sagte er sich. Hier ging er alleine irgendwo hinein und kam mit seinem Adressbuch voller Adressen und Telefonnummern wieder heraus. Sehr oft wurde er auch erkannt, Motorsportinteressierte, die, in der kleinen Welt des Bergrennsportes bewandert waren, kannten ihn, zumindest vom Namen und von Fotos her.

 

Diese Leute genossen dann die Zusammenkunft, fragten ihn aus, wollten Autogramme und Informationen aus dieser „Spezialdisziplin“ quasi aus erster Hand. Als er einmal in der Innenstadt essen war. Es war ein Lokal, das vorwiegend von Geschäftsleuten in der Mittagspause frequentiert wurde, setzte sich scheinbar zufällig ein Mann, so um die fünfzig, an seinen Tisch. Es kam zu einem Gespräch, bei dem es sich herausstellte, dass sein Tischnachbar in der Werbebranche tätig ist. Nachdem ihn der Mann, wie er meinte, dezent etwas ausfragte. Alex jedoch kam das Gespräch doch irgendwie, wie ein Interview vor.

 

Am Ende gab ihm dann sein Vis a Vis, seine Visitenkarte, mit dem Hinweis, er würde sich einmal bei ihm, in einer interessanten Angelegenheit melden. Alex dachte nicht weiter viel darüber nach, es passierte ihm ja häufig. Seine kleine Mappe vollgestopft mit verschiedensten Visitenkarten und sein vollgekritzeltes Telefonverzeichnis, gaben Zeugnis vieler derartigen Begegnungen. Er fügte also die Karte seiner Sammlung hinzu. Lediglich der Name des Mannes, blieb ihm im Gedächtnis haften, J.P.Krakorian, las er auf ihr. Der Name klang für ihn exotisch und daher nicht alltäglich. Es beschlich ihn zwar das Gefühl, der Mann hatte durch eine geschickte und geschulte Fragetechnik, mehr von ihm erfahren, als umgekehrt.

 

Er wusste ja, dass seine eigenen Fähigkeiten in dieser Richtung noch ziemlich unterentwickelt waren. So maß er der Angelegenheit eigentlich nicht allzu großer Bedeutung bei. Trotzdem nahm er sich vor, in Zukunft besser aufzupassen, damit ein derartiges Ungleichgewicht nicht mehr aufkommt.

Alex hielt sich auch ganz gerne im Stadtzentrum auf, das ihn wie ein Magnet anzog. Er liebte es dort spazieren zu gehen, sich die Geschäfte anzusehen, sich ab und zu ausgefallene Einzelstücke zu kaufen. Er war auch ganz Stolz auf seine neue Armbanduhr, einer Omega Seamaster Automatik, die er zu einem äußerst günstigen Preis bekam. Ebenso über die dunkelbraune „Bomberjacke“ aus feinstem Leder, die so aussah, als hätte sie, den ersten und Zweiten Weltkrieg erfolgreich überstanden.

 

Überhaupt war es ihm sehr unangenehm, Hemd und Krawatte tragen zu müssen. Jeans und Rollis, bester Qualität, waren ihm ja die liebste Bekleidung. Nachdem es aber unglücklicherweise für ihn, doch immer wieder zu Anlässen kam, wo er geschniegelt und gebügelt erscheinen musste, was ihn eigentlich gar nicht freute und er ja viel lieber Treffen wahrnahm, wo er in salopper Aufmachung erscheinen konnte. Überhaupt hatte er in letzter Zeit, seine liebe Not, in Haushaltungsfragen. Es war ihm einfach lästig, sich um Wäsche, Reinigung von Bekleidung und Haushalt selbst kümmern zu müssen, zudem hatte er auch gar keine so glückliche Hand dabei. Kurzerhand beschloss er, sich umzutun und sich schnellstens irgendwo her, eine „Perle“ für diese Agenden zu beschaffen.

 

Die Bemühungen erwiesen sich aber sehr rasch als äußerst schwieriges Unterfangen. Er merkte schnell, dass es wohl viel einfacher wäre den Posten eines Direktors zu besetzen, als die Stelle einer Haushälterin. Mannigfaltige Probleme stellten sich heraus. Den Bewerberinnen, die sich auf sein Inserat im Stellenanzeiger meldeten, waren unter anderem, der lange Anfahrtsweg. Dass es sich auch um einen Junggesellenhaushalt handelte, dazu noch in so einem großen Haus, Hindernis genug, ihm schon beim Telefonkontakt eine klare Absage zu erteilen. Bei jedem Anruf, erhöhte er gleich von sich aus das vorgesehene Gehalt, bis er es eigentlich schon als astronomisch dafür empfand, dennoch wurde er trotz allem nicht fündig.

 

Wollte er nun nicht, in Bergen von Schmutzwäsche, benutztem Geschirr, in einem nicht aufgeräumten Domizil imposanter Größe. Wo auch der Nachschub an Nahrungsmittel, Waschmittel, usw. eben den banalen Dingen des täglichen Bedarfs nicht glücklich geregelt war, mit fliegenden Fahnen untergehen, wie er nun schon befürchtete, musste also, bald ein Wunder geschehen. Wieder einmal suchte er, in dieser schwierigen Situation, sein Heil, in dem er zähneknirschend das professionelle Reinigungskommando, einer Firma, wieder auf den Plan rief.

 

Dies brachte zwar kurzzeitig Erleichterung, war aber schon vom System und von den Kosten her, ein absolutes Unding und sicher keine endgültige Lösung. Er hatte es schon bald satt, jedes mal dabei von fremden Menschen, die zwar ihren Job erledigten, trotzdem uninteressiert schienen, umgeben zu sein. Er wurde bald, auf sich selber böse, dem Wahn verfallen zu sein, ein so großes Haus führen zu wollen. Besonders in dem Fall, wo er, alles in eigener Person, sein musste. Die anfängliche Euphorie schlug nun in blanke Verzweiflung um.

 

Wollte er im erlesenen Kreis, seiner neuen, wohlhabenden Bekannten und Freunde, weiterhin bestehen, müsste ja alles in seiner Umgebung Tipptop organisiert und gepflegt sein. Er konnte es sich einfach nicht leisten, sich Gäste, in ein versudeltes Haus, wo nichts richtig funktionierte, einzuladen. Ohne bei denen dann gleich unten durch zu sein und ins „out“ zu gleiten. Verflixt noch mal, dachte er sich, wie ziehst du da bloß den Kopf aus der, sich immer mehr zuziehenden Schlinge? Soviel er darüber auch nachdachte und auch tat, es brachte keinen Erfolg. Wütend über sich selbst, musste er sich jetzt eingestehen, die ganze Situation vollkommen unterschätzt und überhaupt nicht im Griff zu haben.

 

An einem trüben regnerischen Tag, seine ansonsten normalerweise gute Laune, befand sich gerade tief im Keller und war genauso trist, wie das Wetter Ende Februar eben manchmal sein konnte. Schon spät abends, räumte er gerade die „Baustelle“ auf, die, die Kinder eines Mechanikers von COP, den er mit Anhang zu Gast hatte, ihm hinterließen. So flitzte er gerade mit dem Staubsauger umher, als plötzlich der Türgong erklang. Er eilte zum Hauseingang. Vor ihm stand plötzlich, Irene, begleitet von einer kleinen Reisetasche.

 

»Guten Abend, Herr Rathey! Entschuldigen Sie bitte die späte Störung, aber darf ich sie kurz sprechen, bitte?«, sprach sie und sah ihn ganz treuherzig an.

Er sah, sie ja im ersten Augenblick wohl verdutzt an, fing sich schnell. Die kleine sah im Licht der Eingangslaterne, richtig traurig aus, ziemlich durchnässt, ihre Gesichtsfarbe war blass, sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Ihre langen schwarzen Haare hingen nass und strähnig bis zu den Schultern, auf ihren dünnen Regenmantel herab.

 

»Hallo Irene! Natürlich! Bitte treten sie doch ein!«, sagte er gütig.

Sie betrat das Haus, er geleitete sie zur Garderobe.

»Hier bitte, legen sie doch ab, die scheinen ja vollkommen durchnässt zu sein.« Er deutete auf die Garderobe und half ihr den Mantel aufzuhängen.

»Vielen Dank, es ist mir wirklich sehr peinlich, so ohne Weiteres zu ihnen zu kommen, dazu auch noch um diese unchristliche Zeit!«

»Aber, ich bitte sie! Ich hatte ihnen doch seinerzeit versprochen, immer und jederzeit, für sie da zu sein, wenn sie es wünschen. Wo liegt das Problem?«

»Ich habe ja wirklich große Probleme, glauben sie mir!«

»Kommen sie bitte, wir setzen uns zum Kamin, sie scheinen ja zu frieren, möchte sie Kaffee oder Tee?«

»Tee bitte!«

»Hier bitte, nehmen sie doch Platz, der Tee ist gleich fertig!«

 

Er sah, wie sie auf der Couch Platz nahm und ihre Arme zum Kamin streckte,

»Ah! Die Wärme tut wirklich gut!«, sie rieb sich die Hände, die scheint’s, gefroren sein mussten, sie trug ja keine Handschuhe, als sie ins Haus eintrat.

»Machen sie sich’s gemütlich, ich bringe gleich den Tee, OK?«

Er brachte dann das Tablett mit der Teekanne, stellte es vor ihr ab.

»Hier, bitte bedienen sie sich, Zucker, Milch, Süßstoff, was sie wollen?«

Er schenkte den heißen Tee ein, nahm sich ebenfalls eine Tasse, setzte sich ihr gegenüber. Sah, wie sie sich die Hände an der Tasse wärmte, die sie mit beiden umfasst hielt.

 

»Irene, nun mal raus mit der Sprache, was ist eigentlich los mit ihnen?«

»Ach, Herr Rathey, das ist schon eine längere Geschichte, aber ich will's kurz machen, im Telegrammstil, ist es recht?«

»Ganz wie sie wollen! Aber jetzt raus damit!«, er sah sie neugierig, etwas erwartungsvoll an. Sie schien sich wieder etwas erholt zu haben und die Wärme tat ihr scheinbar gut. Ihr Gesicht hatte wieder etwas Farbe, sogar die Wangen waren leicht gerötet.

 

Sie lächelte sogar, zwar schon etwas gequält, als sie sprach, »Nun gut! Es fällt mir jetzt zwar nicht leicht, aber es ist nämlich so: Job beim Party Service, flöten gegangen! Freund, der auch dort arbeitete, großer Streit, ebenso abhandengekommen! Dadurch auch meine Bleibe, ich wohnte ja bei ihm, genauso entschwunden! Resultat, ich stehe jetzt völlig ohne Geld da und habe auch kein Dach mehr über dem Kopf. Meine Eltern dürfen sowieso nichts davon wissen, jetzt stehe ich aber ganz schön blöd da!»

»Verstehe! Und seit wann besteht die Problematik?«

 

»Seit vorgestern, gestern war ich noch bei einer Arbeitskollegin, die mir half, aber dort kann ich nicht bleiben, sie hat ja nur ein Zimmer!»

Jetzt verstand er auch, warum sie die kleine Reisetasche bei sich trug.

»Irene, von den vier Problemen, könnten Sie ja gleich, drei auf einen Schlag eliminieren! Ich hätte da einen guten Vorschlag für sie! Wollen Sie ihn hören?«

»Ja bitte, und was schlagen sie vor?«

 

»Könnten sie sich vorstellen, in meine Dienste zu treten? Natürlich im Angestelltenverhältnis. Sozusagen hier als „guter Geist“ des Hauses. Damit meine ich natürlich nicht, Boden scheuern bis zum Umfallen. Oder gröbste Arbeiten verrichten, nein, dazu suchen sie sich jemanden. Was ich meine und auch brauche, ist einen Menschen, der hier alles richtig organisiert, sich um alle Dinge kümmert, die mit Haus und Haushalt zusammenhängen, unter Beihilfe externer Kräfte. Sie könnten ja auch hier wohnen, Räume gibt’s ja genug. Das Gehalt soll sie zufriedenstellen und die Tätigkeit sollte ihnen Spaß machen. Ich werde ja oft berufsbedingt und oft lange Zeit nicht hier sein. Dann brauchen sie mich auch nicht zu „ertragen“«, dabei lächelte er sie an, sprach aber gleich weiter,

 

»Schauen sie, wenn sich ihre Lage dann wieder stabilisiert hat, ich meine jobmäßig und finanziell, könnten sie, wenn nicht allzu großer seelischer Schaden in Ihrer Beziehung entstanden ist, die Sache mit ihrem Freund doch wieder in Ordnung bringen! Was meinen sie zu alledem?« Er nahm einen Schluck Tee, sein Mund war etwas ausgetrocknet. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört, wie er sah und lächelte, als sie antwortete,

»Herr Rathey, sie verblüffen mich wirklich, wenn sie mir jetzt auch noch versprechen, dass ich genügend Zeit bekomme, mein Studium zu absolvieren, ja? Dann, bin ich Ihre „Frau!“ Zumindest in den von ihnen soeben geschilderten Punkten!«

»Irene! Ich verspreche ihnen hoch und heilig, dass sie ihr Studium beenden können, ist das Okay?«

 

Sie nickte zustimmend, während er sprach, zugleich wollte er wissen,

»Sie sagten, sie sind verblüfft! Wie meinten sie das?«

»Sehe se! Ich muss ja zugeben, ich bin nicht ganz ohne Erwartungen, so verfroren, aber auch unverfroren zu ihnen gekommen. Aber ich hatte ja keine andere Wahl mehr. Ich dachte mir, du bekommst vielleicht etwas Geld geborgt, kannst eventuell sogar übernachten und wirst dann am Morgen, mit besten Wünschen wieder in die Wüste geschickt!«

»Sie haben mich wirklich so eingeschätzt?«

»Ich konnte es mir einfach ja nicht anders vorstellen, dafür kenne ich sie doch viel zu wenig!«

 

»Gut, verstehe! Sehen sie, man kann sich aber auch täuschen. Ich jedenfalls bin sehr happy, dass sie mir helfen wollen und es ja auch schon bewiesenermaßen können, davon bin ich ja überzeugt. Jetzt wo sie zugesagt haben, sollten wir auf unsere gute Zusammenarbeit anstoßen, auch wenn es nur Tee ist, im Moment!«

Er hielt seine Teetasse hoch.

»Also, auf unser „Arbeitsverhältnis“ Irene! Ich freue mich! Außerdem würde es mich auch freuen, wenn sie mich gleich, mit meinem Vornamen ansprechen, lassen Sie doch den Herrn Rathey einfach weg, ja?«

»Ja, cheers, Herr Rathey, ähh ... Alex!«, sie nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, blickte ihn einerseits etwas verblüfft aber dann doch lachend an,

»Darf ich noch etwas Tee nehmen? Übrigens, was? Wird denn jetzt Ihre Frau zu dem „Arbeitsverhältnis“ sagen?«

 

»Eigentlich nichts!«

Sie sah ihn erstaunt an. Ihr Blick weitete sich,

»Wie soll ich das jetzt verstehen?«

»Ganz einfach, meine Frau kann nichts sagen, weil ich ja gar nicht verheiratet bin, ich bin noch Junggeselle!«

»Ach so!«, sie lachte schelmisch, so wie er es schon öfters sah, als sie damals schon einmal da war, beim Trauten „Tète a Tète“ mit Sibylle.

»Wissen sie, ich dachte nämlich seinerzeit, die Dame, wäre Ihre Frau gewesen, weil sie sich so benahm, wie viele Ehefrauen sich manchmal benehmen. Irgendwie so besitzanzeigend!«

Alex lachte jetzt seinerseits hell auf, »Ach Irene, lassen sie die Vergangenheit einfach ruhen, sanft ruhen!«

 

Sie blickte ihn irgendwie vielsagend an, lächelte dabei. Er betrachtete sie und dachte, doch noch ein guter Tag geworden heute, fast schon wie Weihnachten und Ostern zusammen. Du bist, wenn es klappt, viele Probleme los. Außerdem gefiel sie ihm, nicht nur optisch, auch Ihre unkomplizierte Art, mochte er sehr. Sie strahlte trotz der widrigen Lage, in der sie sich ja befand. Dennoch ungeheuren Optimismus aus und schien einen unbeugsamen Willen zu besitzen bei Problemen nicht gleich klein beizugeben und ihren Weg zu gehen. Das imponierte ihm mächtig.

 

»Herr Rathey, Äh, ich meine Alex! Verzeihen sie, ich muss mich, ja erst um gewöhnen. Jedenfalls danke ich ihnen, und werde das in mich gesetzte Vertrauen, nicht mit Füssen treten das verspreche ich!«

Sie besprachen anschließend die finanzielle Seite, wobei Alex ihr das Einkommen bot, das sie zuletzt beim Party Service bekam, plus freiem Logis und freier Verpflegung. Außerdem sagte er ihr, eine Gehaltserhöhung nach sechs Monaten, von zwanzig Prozent, zu. Irene war sehr froh, dass er, ihre Notlage nicht ausnütze und ihr dieses generöse Angebot machte, wie sie sich ausdrückte. Danach führte er sie dann durch das Haus, zeigte ihr die Räume, die ihr zur Verfügung standen.

 

Irene konnte sich in zwei großen Zimmern entfalten, auch ein eigenes Badezimmer für sie war vorhanden. Möbel waren ebenfalls genügend vorrätig. Besonders gefielen ihr die Sachen, die anscheinend die seinerzeitige Hausbesitzerin seinerzeit für sich, mit ausgesprochen weiblichem Flair ausgesucht hatte. Irene war entzückt und schien sehr zufrieden, nun so komfortabel wohnen zu können, wie sie sagte. Sie zog sich dann in ihr „Reich“, wie sie es nannte zurück, sie wolle noch ein heißes Bad genießen und dann schlafen gehen.

 

Alex seinerseits machte es sich dann noch eine Weile am Kaminfeuer gemütlich. Dabei dachte er noch etwas nach und fand, es ist ja beinahe wie im Märchen, du bist ja ein richtiges Glückskind. Der Zufall, machte es ihm jetzt möglich in Zukunft tagtäglich ein entzückendes Geschöpf um sich zu haben. Das ihm, dazu auch noch eine Menge Probleme vom Halse halten würde, an denen er schon beinahe verzweifelt wäre. Seine bedrückte Stimmung war auf einmal wie weggeblasen. In dieser Nacht schlief er von einer großen Last befreit, ruhig und fest, wie ein wohlbehütetes Baby.

 

Ein paar Tage später. Stellte sich die Lage für ihn, ja noch besser dar, als er es eigentlich erhoffte, jemals erwartet hätte. Irene war wirklich ein Multitalent, eine rührige, quirlige Person, die sehr eigenständig, vorausschauend und effizient, ihren Job versah. Der Haushalt, die Wäsche und all die, für ihn vorher so problematischen Dinge, waren durch organisiert und bestens in Schuss. Er fand nicht den geringsten Anlass zu Kritik. Irenes Art, die ihm schon immer gefiel, war auch gewandelt, scheint’s durch den Entfall der Problematik, sie schien ja ebenfalls von einer großen Last befreit, sie blühte richtiggehend auf.

 

Irenes Art, die ihm immer mehr anzog, ja fast schon gefährlich anzog, war ihm gegenüber fast freundschaftlich, wie eine Schwester zu ihrem Bruder, die sich schon lebenslang, kannten. Alex fühlte, obwohl ihm dieser Gedanke schon sehr schwerfiel, er müsste es, aus Gründen das gute Verhältnis nicht zu gefährden, ja zu belasten, es dabei auch so belassen. Sie, dachte anscheinend so wie er, vermutete er. Obwohl er schon den Eindruck bekam, dass sie ihn nicht unbedingt als unsympathisch empfand, im Gegenteil. Zudem hatte Irenes Anwesenheit, auch noch zusätzliche Vorteile, denn vor ihrem Eintreffen, war er schon in einen gewissen Schlendrian geraten, wie er sich selbst zugeben musste.

 

Er schlief stets lange, gammelte meist den ganzen Vormittag herum. Schob lästige Dinge einfach vor sich her, ohne sie zu erledigen. Machte sich erst spät nachmittags zurecht, um dann, wenn etwas geplant war, auszugehen. Plötzlich war jetzt aber alles ganz anders. Er stand fast immer zur selben Zeit auf, duschte sofort, zog sich gleich ordentlich an. Dann frühstückte er zusammen mit Irene. Sie hatten es sich auch gleich so ausgemacht. Wollten die Zeit beim Frühstück, zum zwanglosen Besprechen der erforderlichen Aktivitäten im Hause nutzen. Irene hatte ja völlig freie Hand, ihre Zeiteinteilung zu organisieren, Studium und Job in Einklang zu bringen. Sie schaffte es auch vorzüglich und berichtete ihm einmal, sie wäre mit dem Studium keineswegs im Verzug, trotz der Tagesbelastung durch die Hausarbeiten. Zudem führte sie auch noch zusätzlich ein Wirtschaftsbuch, dass er ja überhaupt nicht verlangt hatte, akribisch und genau wie ein Buchhalter. Indem sie die Einnahmen Ausgabenrechnung, zusammen mit Belegen, aufzeichnete, die auf den Schilling genau stimmten. Wenn dann das Wirtschaftsgeld knapp wurde, legte sie ihm das Büchlein auf seinen Schreibtisch, er füllte dann dementsprechend die Kasse wieder auf.

 

Alex war hoch zufrieden und schwor sich, alles zu tun, Irene “bei Laune“ zu halten, damit dieser glückliche Zustand beiderseits anhalte und auf lange Sicht gesichert wäre. Eine gute Woche war vergangen, nachdem, er das letzte Lebenszeichen von Sibylle telefonisch empfing. Immer öfters dachte er darüber nach und seine Neugierde wuchs, wie sich wohl die Dinge bei ihr entwickelten. Jetzt wo ihm wieder genügend Zeit zur Verfügung stand, nahm er sich vor, sie von sich aus, zu kontaktieren. Ohne weiter darauf zu warten, dass sie es täte, wie sie ja letztes Mal zusicherte.

 

So, klemmte er sich, ans Telefon und rief sie kurzerhand im Büro an. Die Sekretärin teilte ihm mit, Frau Schmidt sei für ein paar Tage im Ausland, sie wäre erst wieder nächste Woche erreichbar. So bat sie Alex, ihr auszurichten, er hätte angerufen. Die Sekretärin versprach ihm, die Mitteilung weiter zu geben, wenn Sibylle sich wieder melden würde. Alex grübelte darüber, was macht die Kleine jetzt im Ausland? Warum hatte sie sich bisher nicht gerührt? Ist da vielleicht etwas im Busch? Na ja, wie auch immer, sagte er sich selbst beruhigend, sie wird schon wichtige Gründe haben. Ich werde es ja bestimmt noch erfahren. Außerdem sagte ihm sein Gefühl, wenn sie dich braucht, meldet sie sich sowieso.

 

So war es auch, denn am späten Nachmittag, kam ihr Anruf,

»Hallo Alex!« Klang es aus einer leicht verrauschten Leitung.

»Servus Sibylle! Wo steckst du denn? Die Verbindung ist leider sehr schlecht!«

»Ich spreche aus Barcelona, tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde. Aber es ging ja nicht anders, musste nämlich alles so schnell gehen!«

»Hast du Probleme?«

»Außer den dir ja Bekannten nicht. Aber meine Tante hat gesundheitliche Probleme, sie liegt nämlich in der Klinik, wo ich ja jetzt gerade bin!«

»Das tut mir wirklich leid, ich meine für deine Tante und wie geht es dir?«

»Nun, so lala! Und selbst?«

»Mir geht es eigentlich bestens, mehr denn je, ich konnte einiges geradebiegen, was in letzter Zeit ziemlich schief war. Aber das erzähle ich dir im Detail ein anderes Mal. Was meinst du mit so lala?«

 

»Weißt, du fehlst mir einfach! Wenn ich dich in meiner Nähe weiß, bin ich stark, aber jetzt, wo du so weit weg bist, falle ich wieder in meine alte Situation zurück. Dazu auch noch das Elend mit der Tante, man hatte Krebs diagnostiziert. Es geht ihr jetzt auch gar nicht gut.«

»Sibylle, lass den Kopf nicht hängen, bitte. Es gibt viele Menschen, die, Krebs bekamen und die Leben heute noch! Wenn du etwas brauchst ruf einfach an, dann bin ich gleich, bei dir, zumindest akustisch, denk daran!«

»Lieb von dir, das du das sagst, das beruhigt mich ein wenig. Ich rufe dich übermorgen wieder an, nach Tantes Operation, dann weiß ich mehr, ja?«

»Okay, Sibylle! Ich warte, Servus, mach’s gut! Ich drücke die Daumen für deine Tante!«

 

Er atmete erleichtert auf, als er auflegte. Obwohl sie aus einem nicht so guten Grund verreist war, erkannte er aus der Art und Stimmlage, wie sie sprach, dass es ihr eigentlich nicht so schlecht ging. Dass ihre Stimmung zwar schon bedrückt war, verstand er ja durch die Schilderung des Grundes.

In erster Linie ging es ihm ja darum, Irene, sollte ihr erkanntes und angepeiltes Ziel jetzt nicht durch unvorhergesehene Ereignisse aus den Augen verlieren. Und sich dadurch auch nicht von ihrem geplanten Weg abbringen lassen. Die Geschichte mit ihrer Tante, war gerade zum jetzigen Zeitpunkt, zwar ein zusätzliches Handicap, der Angelegenheit im Allgemeinen sicherlich nicht förderlich. Mit viel Gottvertrauen, auch in die ärztliche Kunst, beendete er die Gedanken, in der Hoffnung, es möge sich in dieser Problematik dennoch alles zum Guten wenden.

 

Seine ureigensten Probleme, waren ja durch den Einsatz von Irene, beinahe schon gelöst. Nur der Auftritt nach außen, schien ihm noch nicht klar genug geregelt. Er befürchtete, dass man ihm eine Liaison mit ihr andichten könnte. Wäre Irene, eine Frau so um fünfzig herum, dazu vielleicht auch noch nichtssagend, um nicht zu sagen hässlich, sagte er sich. Hätte ich es wahrscheinlich wesentlich leichter, sie als „guten Geist“ des Hauses, nach außen hin zu verkaufen. Aber im gegenständlichen Fall, sah er, da doch schon gewisse Probleme auf sich, unter Umständen auch für Irene, heranreifen. Er vermutete stark. Seine Bekannten, könnten sich „seinen“ Kopf zerbrechen und manche würde sogar versuchen, die Hintergründe des wahren und nicht des vermutlich von ihm vorgetäuschten „Arbeitsverhältnisses“ ergründen zu wollen.

 

Bestärkt wurde er in diesem Glauben zusätzlich, durch Irenes Schilderung. Die ihm einmal so nebenbei erzählte, sie wäre in einem nahegelegenen Supermarkt einkaufen gewesen, den sie zusammen mit ihm, früher schon öfters aufgesucht hatte. Es war jene Zeit, als sie in der Gegend noch neu war und sich noch nicht richtig auskannte. In diesem Geschäft war Alex, in seiner Junggesellenmanier beim Einkaufen verschiedenster Dinge schon öfters aufgefallen. Dadurch, dass er, wenn er etwas nicht gleich fand, oder sich bei der Anwendung eines Produktes nicht auskannte, eben einfach, das Personal befragte. Als Irene einmal alleine einkaufte, fühlte sich eine junge Angestellte, bemüßigt, zu bemerken, Ihr Freund, der Herr Rathey, würde aber viel lieber dieses Waschmittel kaufen. Erstens wäre es preisgünstiger dazu außerdem von der Wirkung wesentlich besser, als dasjenige, dessen Wahl sie, nun traf.

 

Irene war zwar amüsiert, dennoch erstaunt, darüber was in den Gehirnen der Umgebung so vorging. Alex sagte sich, wenn sich Wildfremde schon solche Gedanken machen, was? Werden erst Leute, die ihn kennen, sich über Irenes Anwesenheit in seinem Hause denken und zusammenreimen. Von der Presse mal ganz zu schweigen. Da er nicht die geringste Lust verspürte, das Thema, womöglich mit jedem einzelnen „Denker“ abzuhandeln, zu erklären oder verantworten zu müssen. Beschloss er, für seine Bekannten ein Fest zu geben, dazu schriftliche Einladungen zu versenden, in denen Irene als „Managerin seines Domizils“ vorgestellt würde.

 

Er fand diese Bezeichnung besser, als die altmodische „Haushälterin“. So besprach er die Idee, mit Irene, die wiederum war darüber erfreut, zumal sie sich auch durch das Vorkommnis im Supermarkt, ebenfalls bereits ihre eigenen Gedanken darüber machte. So einigten sie sich, es so zu annoncieren und eben nach außen, mit ganz offenen Karten zu spielen. Dadurch möglichen chronischen Skeptikern, gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen und ihr Arbeitsverhältnis offen zur Schau zu stellen. So ließ Alex, lustige Einladungskarten für einen Faschingsrummel drucken, mit der bitte doch kostümiert zu erscheinen.

 

So geschah es auch, bis auf eine Absage, kamen auch alle eingeladenen Gäste. Viele der männlichen Gäste machten „Stielaugen“ und beneideten Alex wahrscheinlich insgeheim, über den Augenschmaus, der sich mit Irenes Anwesenheit und ihrer Tätigkeit verband. Bei den Damen, tuschelten einige untereinander sehr unauffällig, auffällig. Als Alex dazu kam, brachen die ab, sprachen dann schnell von anderen Dingen, für ihn ja schon ein gewisses Zeichen, dass sie sich mit dem „Arbeitsverhältnis“ beschäftigten. Außer einem Vorfall, wo einer der Gäste, Irene gleich unverhohlen anbot, sie standapede zu engagieren, verlief die Party lustig, ausgelassen und nett.

 

Manche gratulierten ihm zu seinem unverschämten Glück, doch eine adrette, tüchtige, dazu noch gut aussehende Person, für sich, in Anspruch nehmen zu dürfen. Andere schilderten ihm, ihre Probleme, mit ihren eigenen „Perlen“ und welche Schwierigkeiten sie schon überwinden mussten, überhaupt eine zu finden.

Als die Party spät nachts zu Ende war, half er Irene, die hinterlassene Unordnung aufzuräumen und gab ihr für nächsten Tag frei. Sie hatte es sich auch redlich verdient, er wollte zwar, dass sie einen Party-Service ihrer Wahl hinzuziehe, sie lehnte aber ab und machte alle Vorbereitungen, auch die Arbeiten während des Festes ganz bravourös ganz alleine.

 

Jetzt wo der Rummel vorüber war, fiel ihnen beiden eine Last von den Schultern. Irene war sehr zufrieden, dass die Leute sie mochten und sich über ihre Anwesenheit nicht mehr den Kopf zerbrechen mussten. Alex erging es ebenso, also hakte er, das Thema geistig als erledigt ab.

Nachdem er nach der Aktion wieder etwas zur Ruhe gekommen war, begannen seine Gedanken wieder um die Angelegenheit mit Sibylle zu kreisen. Er machte sich Sorgen, da sie sich nicht wie zugesagt meldete. Er harrte schon etwas ungeduldig auf ein Lebenszeichen. Dieses kam dann auch für ihn völlig unerwartet mit der Post. Sibylle sandte einen kurzen Brief, in dem sie sich entschuldigte, ihre Zusage nicht eingehalten zu haben.

 

Doch die, sich überstürzender Ereignisse innerhalb ihrer Familie, ließen ihr einfach keinen Spielraum, wie sie schrieb. Unglücklicherweise und völlig unerwartet, wäre ihre Tante kurz nach der Operation verstorben. Sie wolle daher bis zu ihrer Beisetzung noch in Spanien bleiben und sich außerdem noch um ihren Onkel kümmern. Der wiederum als angesehener Geschäftsmann, alleine wäre und sich jetzt auch noch um die Lederwarenfabrik kümmern müsse, die ihm seine Frau führerlos hinterließ. In ihrem eigenen Unternehmen herrsche momentan die große Ruhe vor dem Sturm. Sie hätte es fertiggebracht, die Situation dort sozusagen als Zwischenlösung neutral zu gestalten. Ihr Onkel als gestandener, Sturm erprobter industrieller, sei nun seinerseits, mit enormen Problemen in seinen Betrieben konfrontiert.

 

Er gedenke, sie mit Hilfe, einer internationalen Management- Beratungsgesellschaft zu lösen. Diese Leute hätten in der Vergangenheit schon zufriedenstellend für ihn gearbeitet. Außerdem hätte er ihr dringend geraten, ihrerseits, auch einen Auftrag zu erteilen. Um den „Stall“ in ihrer Firma ebenfalls „auszumisten“. Der Onkel, hätte trotz der zwar traurigen Umstände ihrer Zusammenkunft, auch Zeit gefunden, sich gleichzeitig mit ihren Problemen zu befassen. Sie hätten gemeinsam lange Zeiten im Krankenhaus zugebracht und konnten daher viele Dinge untereinander besprechen. Sie wäre auch sehr froh darüber, in ihm einen „Kampferprobten“ Berater gefunden zu haben. Da es ja in der Vergangenheit nie zu solch einer Gelegenheit gekommen war, ihre geschäftlichen Probleme mit ihm zu besprechen. Nachdem die traurigen Familienangelegenheiten abgeschlossen sein würden, würde sie nach Wien zurückkehren und sich wieder bei ihm melden.

 

Alex, sagte sich, als er die Zeilen las und überdachte. Eigentlich sehr bedrückend, da muss erst jemand sterben, damit man sich innerhalb einer Familie für einander Zeit nehmen konnte, um Probleme zu lösen. Na schön, wenn es etwas nützt, dachte er sich, hat vielleicht die Tante noch ein letztes gutes Werk getan. Inzwischen war ja einige Zeit vergangen und er gewann etwas mehr Abstand zur Problematik mit Sibylle. Er hatte sich die Sache noch einmal gut durch den Kopf gehen lassen und war zur Einsicht gelangt, er wäre mit ihr auf rein privater Basis verbunden. Ihre geschäftliche und berufliche Sphäre, die damit verbundenen Umstände, waren ihm zu wenig bis gar nicht bekannt.

 

Es war nicht sein Bestreben, sich da Urteile anzumaßen und auf zukünftige Entwicklungen Einfluss zu nehmen, da musste er schon Vertrauen, dass Sibylle selber wüsste, was sie zu tun hätte. Doch, wenn sie dich aber auf rein menschlicher freundschaftlicher Ebene bräuchte und bitten würde etwas zu tun. Dann wäre es deine Sache, zu dem hast du dein Wort gegeben und da fährt auch die Eisenbahn drüber, sagte er sich. Er, zerriss kurzerhand den Brief und nahm sich vor, Sibylles weitere Vorgehensweise abzuwarten.

 

Zudem rückte ja die neue Rennsaison wieder mit Riesenschritten auf ihn zu. In wenigen Wochen würde der Veranstaltungskalender wieder beinhart zuschlagen. Spätesten dann, wäre wieder jede Minute kostbar und er müsste sich mit Haut und Haaren wieder voll seinem Job widmen. Erste Anzeichen gab es ja schon bei COP dazu. Denn Paul war schon wieder in voller Aktion, alle erforderlichen Schritte einzuleiten, damit der „Laden“ wie er auf kürzlicher Faschingsparty berichtete, wieder voll auf Touren käme. Alex war neugierig und wollte sich informieren, so fuhr er nach Pressbaum, um sich dort einmal umzusehen.

 

Nachdem er ja am Standort keine Funktion innehatte, war er immer sozusagen als Gast willkommen.

Er kam aufs Gelände, stellte den Wagen ab, als Cindy plötzlich mit ihrem neuen grell roten Porsche erschien und sich neben ihn stellte. Überschwänglich begrüßte sie ihn und bat ihn, gleich in ihr Büro zu kommen. Sie schien Alex, wieder in ihre alte hektische Arbeitsweise und Art verfallen zu sein, obwohl sie erst vor Kurzem im tiefen Süden urlaubte, wie er ja wusste.

 

»Gut schaust du aus! Die neue Kleine tut dir anscheinend gut! Komm, setze dich, willst du Kaffee?«, rief ihm Cindy entgegen, als er ihr Büro betrat. Mittlerweile duzten sie sich ja, dadurch dass sie öfters privat zusammen kamen, war die Atmosphäre schon freundschaftlich geworden. Cindy war auch nicht die Person, die im inneren Kreis der Organisation, unbedingt das Formelle liebte.

»Und ob mir die Kleine guttut! Ich bin so froh, dass, ich sie habe!«

Cindy lächelte amüsiert, schenkte aus der Warmhaltekanne Kaffee ein und schob ihm eine Tasse zu,

 

»Das kann ich mir absolut gut vorstellen, trotz der Show, die ihr da abgezogen habt, am Faschingsfest damals!«

»Aber geh Cindy, du kannst mich damit nicht aufziehen, obwohl es dir ja sichtlich Spaß macht, wie ich merke.«

»Schau! Das kannst du doch deiner Großmutter weiß machen, dass ihr zwei nicht ...!«, sie grinste übers ganze Gesicht.

Alex überlegte, irgendwie musst du sie jetzt stoppen, wenn dir nichts einfällt, sitzt du den ganzen Nachmittag hier und blödelst deswegen mit ihr herum, sie liebt ja solche Spielchen, wie er wusste.

»Übrigens, ich habe Peter nicht gesehen, ist er nicht hier? Ich muss nämlich wegen meiner letzten Spesenabrechnung mit ihm ein ernstes Wort reden, da gab es Abzüge! Ungerechtfertigt natürlich! Könntest du nicht mit ihm sprechen, du hast ja einen guten Draht zu ihm, glaube ich!«, er sah sie treuherzig fragend an.

 

»Alex, was gehen mich denn deine Spesenabrechnungen an? Das musst du schon selber mit ihm ausmachen!«

»Na geh! Und wer zeichnet sie denn ab und genehmigt sie somit? Und da kommt einfach so ein Buchhalter daher und nimmt eigenmächtige Streichungen vor? Ist doch wirklich nicht dein Ernst, oder?»

»Und du bist sicher, dass ich auch gegengezeichnet habe?«

»Soll ich dir, vielleicht den Durchschlag bringen, ich habe ihn unten im Auto!«

»Ok, Ok! Ich rede mit ihm! Bist du jetzt zufrieden?«

»Ich bin mit meiner Chefin immer zufrieden, weißt du doch! Außerdem wie war denn dein Urlaub? Siehst ja ganz toll aus in deiner Bräune, so lebensbejahend sportlich! Übrigens, der Peter soll ja auch so beneidenswert braun sein!«

 

»Ist mir doch egal, ob Peter braun, weiß oder gelb ist, er soll gefälligst seine Arbeit ordentlich machen, dafür sorge ich schon!«

»Danke dir, Cindy, ich bekomme also die Nachzahlung?«, innerlich lachte er, auch er kannte schließlich ihre empfindlichen Stellen.

»Natürlich, keine Frage«, antwortete sie knapp und goss Kaffee nach.

»Ich will jetzt zu Paul rüber, meinen Wagen anschauen, er sagte, es wäre daran etwas umgebaut worden!«

»Alex, bleib noch bitte, ich möchte noch etwas anderes los werden!« sie klemmte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und suchte ihr Feuerzeug. Alex holte das Tischfeuerzeug vom Besprechungstisch und gab ihr dann Feuer. Sie sah ihm dabei tief in die Augen.

»Du willst mich loswerden?«, fragte er, innerlich grinste er.

»Bist wohl verrückt? Bin ja froh, dass du bei uns bist, dass, ich dich habe!«

»Was willst du dann loswerden?«

»Ich möchte mit dir, etwas besprechen, was mich betrifft!«

Er sah sie gespannt an,

»Ich bin ganz Ohr!«

 

»Wie du ja weisst, war ich vorige Woche in den Staaten, es war wie immer anstrengend in jeder Beziehung. Die Amis können es gar nicht erwarten, in Kürze die Vertriebsgesellschaft aus dem Boden zu stampfen. Die Hallen sind ja schon im Bau, wie du gesehen hast. Der Zigarren paffende Baumeister ist auch wieder allgegenwärtig. Marc, äh, ich meine der Oberboss, hat mich dem Aufsichtsrat zur Leitung des Vertriebes vorgeschlagen. Sie haben mir den Posten auch schon angeboten. Ich habe mir aber Bedenkzeit ausgebeten!«

»Ja gut, und wer? Schupft dann den Laden hier?«

»Man dachte da an Paul, beides kann ich ja nicht machen. Und jetzt kommt’s! Irgend, so ein Kaugummi-kauer hat den Mund nicht halten können. Paul hat von der Sache Wind bekommen!«

»Und jetzt?«

 

»Ja, jetzt läuft er mit großen Gelüsten herum, mein Nachfolger zu werden, mit sehr großen Gelüsten, kann ich ja verstehen, jetzt wo er eine Familie gründen möchte, kann er ja sicherlich mehr Geld gut gebrauchen!«

»Und wo ist das Problem? Dein Problem?«

»Weißt, fühle mich ja sehr geehrt, dass sie mich für fähig halten, aber die Sache ist ein Schleudersitz. Mittlerweile kenne ich das System, wer die „Targets“ nicht erreicht, fliegt unerbittlich, auch wenn er vorher noch so gut war, noch soviel getan hatte. Dieser Superposten mit noch superber-er Bezahlung, ist doch ein Eiertanz!«

»Wieso eigentlich?«

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, die ambitionierten Ziele, ich meine Zahlen, in so kurzer Zeit zu erreichen, geschweige denn zu erfüllen. Wie die das da drüben planen und sich vorstellen. Österreich ist nicht Amerika! Sollte es damit Probleme geben, gehen gleich die Aktien runter, somit auch die Dividende. Das ist dann, das Todesurteil für den verantwortlichen Manager, dem drücken sie dann seinen Hut in die Hand und er kann seinen Schreibtisch gleich ausräumen!« Sie lächelte etwas gequält.

 

»Heißt das jetzt, du machst es nicht?«

»Weißt, alles hat irgendwie Grenzen. Es ist nicht mein Ziel, durch die Wurstmaschine gedreht zu werden. Womöglich, mich wieder mit alten geilen Böcken abgeben zu müssen. Oder im Dienstleistungsgewerbe wieder den Schuhabtreter spielen, das kann es doch wohl nicht sein, oder?«

Alex verstand ihre Beweggründe nur zu gut, er hatte sie ja auch darin, hautnah selbst miterlebt,

»OK, verstehe und wenn du nun ablehnst?«

»Dann gibt’s grossen Stunk mit Paul, der sieht sich ja geistig schon hier auf dem Lederstuhl sitzen, denke ich!«

»Cindy, du musst es entscheiden! Nur du allein! Egal wie du, dich entscheidest, eines ist aber ganz sicher, ich werde zu dir stehen, so wie du damals zu mir gestanden bist und immer ehrlich zu mir warst. Ich vergesse so etwas nicht, glaube mir!«

 

»Ach Alex, du bist ein feiner Kerl, wirklich! Und süß, ich muss dich einfach küssen!«

Sie sprang von ihrem wippenden Chefledersessel hoch, umrundete in affenartiger Geschwindigkeit den Schreibtisch, setzte sich auf seinen Schoß, nahm seinen Kopf, in beide Hände und küsste ihn, anfangs zart, danach stürmisch. Ihm blieb ja fast die Luft weg.

»Cindy, he ... he, wenn jetzt jemand reinkommt?«

»Ach was, Pusteblume, hier kommt keiner rein, dazu habe ich ja draußen meinen Vorzimmerdrachen! Aber keine Angst ich werde dich schon nicht vergewaltigen!«, sie lachte ihn dabei spitzbübisch an, als sie es sagte.

»Würde ich dir ja auch nicht raten, denn es stehen sehr hohe Strafen darauf, Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses, mindestens fünfzehn Jahre Knast!« jetzt lachte er, sie saß immer noch auf seinem Schoß, streichelte seine Wange,

»Nun, jetzt mal im Ernst, ich werde noch etwas nachdenken über den Job, sage dir dann Bescheid, OK? Und du sagst bitte zu niemandem ein Sterbenswörtchen, versprochen?«

 

»Cindy, du kannst dich drauf verlassen, ich weiß von nichts!«, er spürte die wohlige Wärme ihrer Hinterbacken auf seiner Hose, das Gefühl war ihm gar nicht unangenehm. Sie erhob sich wieder, nahm wieder auf dem Ledersessel Platz,

»Also gut Alex, geh jetzt rüber zu Paul, er zeigt dir etwas Neues und hat auch einige Informationen für dich, Ciao Alex!«

»Servus Cindy! Machs gut!«

Er überquerte den Vorplatz und steuerte auf die Halle zu, in der sich die Technik befand. Etwas weiter dahinter, wo einst eine freie Fläche war, sah er Kräne stehen und die Betongerippe der zwei neu entstehenden Hallen ragten gegen den Himmel. Unterwegs zu Paul kam ihm die soeben erfahrene Story, die ihm Cindy mehr oder weniger direkt aus ihrem Nähkästchen ausplauderte, wie eine Art Hilferuf vor.

 

Beiden Personen, die es betraf, verdankte er ja viel. Jetzt bahnten sich zwischen seinen „Gönnern“ wahrscheinlich größere Probleme an. Mist verdammter, sagte er sich, wenn du da nicht höllisch aufpasst, kommst du wo möglich zwischen die Fronten und wirst irgendwann ungut in die Sache involviert. Wie verhältst du dich denn dann am besten? Cindy wusste ja, dass ihn mit Paul ein freundschaftliches Verhältnis verband. Andererseits hatte er ihr ja gegenüber seine absolute Loyalität bekundet, auch gegenüber Paul fühlte er sich irgendwie verpflichtet. Will stark hoffen, dass Cindy ihrerseits die richtige Entscheidung trifft, ohne dass ich in irgendeiner Form aktiv werden müsste, dachte er sich. Jedenfalls erkannte er, dass es hinter den Kulissen von COP, mächtig zu gehren anfing. So nahm er sich vor, den Fortgang der Angelegenheit genau zu beobachten und stark im Auge zu behalten.

 

Im „Reich der Technik“, wie alle Pauls Halle nannten, herrschte emsiges Treiben. Als er dann durchging, sah er, dass an allen vier Wagen gleichzeitig gearbeitet wurde. Paul zischte hektisch wie immer, zwischen den Teams umher und gab irgendwelche Anweisungen. Als er Alex sah, beruhigte er sich sichtlich, bat ihn, auf ein Bier in sein Büro. Aha, dachte Alex, jetzt kommt bestimmt die Kehrseite der Medaille, deren erste Seite, er ja bereits von Cindy hörte. Er ließ sich aber in keiner Weise etwas anmerken, verhielt sich wie immer, wenn er mit Paul zusammen kam, freundschaftlich und nett. Es lag ihm ja völlig fern, das Thema von sich aus, zu berühren. Sollte aber Paul damit anfangen, könnte er sich ja als völlig ahnungslos deklarieren.

 

Paul berichtete ihm dann verschiedene technische Details, die für seine Arbeit von Interesse waren. Unter anderem auch darüber, man hätte jetzt neuerdings einen neuen modernen Motorenprüfstand installiert. Dank dieser Einrichtung, wäre es ab sofort möglich, arbeiten die, vorher außer Haus stattfinden mussten, eben in Eigenregie durchzuführen. Die Geschichte damals mit dem Zündunterbrecher an seinem Wagen, war dadurch natürlich auch sofort aufgeflogen. Paul wusste jetzt, dass manipuliert wurde, jedoch wer es tat, schien ihm völlig unklar und es ließ ihm sichtlich auch keine Ruhe. Irgendwie doch dahinter zu kommen. Alex tat sehr überrascht und erklärte ihm, natürlich hätte er zwar festgestellt, dass sein Wagen nach Wartungsarbeiten viel besser lief, als vorher.

 

Er fände das aber auch nicht so ungewöhnlich, wozu hat man denn schließlich gute Mechaniker? Insgeheim sagte er sich, tja, lieber Paul, die Fahrer sind ja auch nicht so ganz auf der Nudelsuppe daher geschwommen. Was doch so ein kleiner Schraubenzieher, im richtigen Moment, am richtigen Ort, alles so bewerkstelligen konnte. Eben manchmal so kleine „Wunder“, die manch einer dieser „Reissbrettheinis“ gar nicht für möglich gehalten hätte.

 

Alex war dann sehr froh, dass Paul dieses Thema gar nicht weiter vertiefte und dann über ganz andere Dinge sprach. Ebenso angenehm überrascht war er darüber, dass er keinen einzigen Ton über etwaige Veränderungstendenzen von sich gab. Also ließ es Alex einfach dabei bewenden und bat ihn, sich den Motorenprüfstand einmal anzusehen zu dürfen. Paul schien es auch als besonders Interesse seinerseits zu werten und gewährte ihm diese Bitte. Vom Mechaniker, der, für den Motorenprüfstand verantwortlich war und ihn auch bediente, erfuhr Alex dann, sein Motor hätte gut 25 PS mehr an Leistung, gegenüber den anderen Triebwerken. Als Beweis zeigte er ihm dann die minutiös aufgezeichneten Protokolle der damaligen Prüfläufe.

 

Alex brach seinen Besuch dann kurze Zeit später ab, ganz zufrieden über die wichtigen Wahrnehmungen, die ihm so zuteilwurden. Er verließ dann das Areal und machte sich auf den Heimweg nach Sievering. Unterwegs hielt er bei einem Blumenladen an und besorgte sich einen Riesenstrauß verschiedenfarbiger Rosen. Irene liebte ja Rosen über alles, wie er ja wusste, außerdem kannte er durch die Anmeldung bei der Sozialversicherung auch ihren Geburtstag und der war eben an diesem Tag. In einem Uhrengeschäft besorgte er dann noch eine goldene Damenarmbanduhr. Eine kleine hübsche Certina Automatik, die sie, sich schon so lange wünschte. Sie sich aber, weil zu teuer, gar nicht leisten konnte, wie er auch wusste.

 

Champagner hatte er vor seiner Abfahrt zu COP, vorsorglich schon ein gekühlt, eine Flasche wollte er dann zusammen mit ihr köpfen. Um sicher zu sein, dass Irene auch zu Hause sein würde, rief er von unterwegs an und bat sie einen kleinen Imbiss vorzubereiten. Kurze Zeit später, parkte er den Wagen in der Garage, ging nach oben. In freudiger Erwartung hatte er den Blumenstrauß und die kleine Schachtel mit. Er sah Irene in der Küche, wo sie gerade den Imbiss vorbereitete. Auf Zehenspitzen schlich er sich, von hinten, an sie ran.

 

Hielt ihr plötzlich den Rosenstrauß vors Gesicht, sie hätte sich beinahe vor Schreck in den Finger geschnitten, denn sie bearbeitete gerade Tomaten, die sie anscheinend füllen wollte. Denn er, sah einige schon fertige auf einem Tablett, die sahen aus wie lustige Fliegenpilze. Irene stand der Schreck, noch in den Augen, als sie sich umdrehte,

»Ach, ... Alex sie!! ... ich bin so erschrocken, ich habe sie ganz einfach nicht kommen hören, war so in meine Arbeit vertieft«, sprach sie und lächelte dann.

»Happy Birthday! Happy Birthday! To you, Irene!«, versuchte er, ihr vorzusingen, aber singen zählte ja ebenso wenig zu seinen Stärken, wie tanzen, wie er ja wusste.

 

»Alles Gute zum Geburtstag! Hier habe ich auch noch eine Kleinigkeit, aber sie kommt von Herzen!« Er drückte ihr diese kleine Schachtel in die Hand.

»Oh! Alex, ich bin überwältigt, woher wissen sie? Diese schönen Rosen! .......«, sie betrachte den Strauss mit Glanz in den Augen, nahm dann das Päckchen und riss es ungeduldig auf. Das edle Etui mit der Uhr kam zum Vorschein, sie öffnete es,

»Wau! Oh! Alex! Ich bin sprachlos ..., Danke! Danke vielmals!« Sie legte die Sachen auf die Küchenplatte, stellte sich auf die Zehenspitzen, umarmte ihn stürmisch. Er spürte ihre weichen warmen Lippen auf seinen Wangen, durch die vielen Küssen, die sie ihm zärtlich aufdrückte.

 

»Ich hoffe doch sehr, dass ich ihren Geschmack getroffen habe, sie könnten die Uhr auch umtauschen. Habe ich vorsichtshalber im Geschäft so vereinbart!«

»Nein! Wirklich nicht nötig, so eine Uhr, wünschte ich mir ja schon Lange! Und jetzt ist die auch noch aus purem Gold! Ich fasse es einfach nicht! ...«, sie drückte ihn fest an sich, er fühlte ihren festen straffen Körper und die wohlige Wärme, die er abstrahlte.

»Alex, vielen Dank, ich danke ihnen sehr! Ich freue mich …, freue mich wirklich, so eine schöne Uhr! Die wundervollen Rosen. Was das alles kostet...?« Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen, Freudentränen, verlegen wischte sie mit dem Handrücken über ihre Wangen.

 

»Also, Geburtstagskind, ich würde jetzt gerne mit ihnen anstoßen. Der Schampus ist ja schon eisgekühlt, gehen sie bitte rüber, ich mache jetzt hier fertig. Heute möchte ich sie einmal verwöhnen, ja?«

»Aber ich bitte sie, ich mache das schon!«

»Nein, nein, sie haben ja Geburtstag, bitte keinen Widerspruch, hier nehmen sie die Gläser, ich komme gleich mit dem Rest hinüber, Ok?«

»Also gut, wenn sie unbedingt wollen, aber ...«

»Lassen sie mich einfach nur machen!«

Sie nahm die Gläser und ging ins Kaminzimmer, das Geschenk nahm sie ebenfalls mit.

 

Alex suchte eine passende Blumenvase, setzte die Rosen hinein, ergänzte noch die Käseplatte. Alles andere war ja schon fertig, stellte den Champagner in einen Kühler und schob alles mit dem Servierwagen hinüber. Irene saß am Glastisch und betrachtete die Uhr, sie hatte sie inzwischen angelegt, mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes, dass zu Weihnachten fassungslos überrascht wurde. Er deckte schnell den Esstisch mit Sets, stellte noch Kerzenleuchter auf, entzündete die Dochte, die Kerzen strahlten einen gemütlichen weich zeichnenden Schein aus. Fachmännisch entkorkte er den Champagner, schenkte ein, das Getränk zischte und perlte prickelnd in den Kristallgläsern.

 

»Irene, fertig, kommen sie!«, er rückte ihr höflich den Stuhl zurecht, sie nahm Platz, er reichte ihr ein Glas,

»Also, auf ihre Gesundheit! Und noch einmal, alles Gute, prost Irene!«

»Prost Alex, nochmals Danke, für die schönen Geschenke ...«

»Ist schon gut, wenn es ihnen gefällt, freue ich mich!«

Die Gläser klangen ganz hell und angenehm, als sie aneinanderstießen.

»Hmm, schmeckt ja fabelhaft!«, meinte sie fröhlich, »könnte mich ja richtig daran gewöhnen!«

 

Er saß ihr gegenüber, sie sah sehr glücklich aus. Ihre sonst schulterlangen kohlrabenschwarzen Haare, glänzten etwas bläulich im Schein der Kerzen, umrahmten ihr ovales Gesicht und ihre dunklen ausdrucksstarken Augen glänzten und strahlten ihn an, als sie sagte, »Diese Überraschung ist ihnen ja wirklich gelungen, ich bin zwar immer noch ganz perplex. Aber es ist trotzdem ein schönes Gefühl!« Er reichte ihr die Platte mit den Sandwichs,

»So sollte es ja auch sein! Schließlich wird man ja nicht jeden Tag 23!« Sie bediente sich, wollte gerade das Besteck ansetzen, da schien ihr etwas einzufallen, »Ja, bevor ich es ganz vergesse, ein Herr hatte für Sie angerufen, ein Herr Kra...., Kra.....!«

Sie zog schnell einen Zettel aus der Tasche ihrer Jeans,

»Ja, da steht’s ja, ein Herr Krakorian! So hieß der Mann, hatte am Vormittag angerufen. Er wollte sie dringend sprechen. Hier habe ich seine Nummer aufgeschrieben. Er hat um Rückruf gebeten!«

Sie reichte ihm die Notiz.

 

»Ok, danke, ich werde ihn dann Morgen anrufen. Hat er gesagt, um was es sich handelt?«

»Nein, er sagte, es wäre persönlich!«

»Okay! Das hat aber Zeit bis morgen!«, er steckte den Zettel ein und befüllte wieder die Gläser, » Irene, noch drei Wochen, dann sind sie mich vorerst eine ganze Weile los! Ich muss nämlich wieder meinen Job erledigen! So zwischen durch werde ich immer ein paar Tage hier sein, aber den Rest der Zeit doch ständig unterwegs!«

»Schade Alex, jetzt wo ich mich schon so an sie gewöhnt habe. Aber, ich verstehe es ja, ihr Beruf! Ein ziemlich aufregender Beruf, wie ich meine. Außerdem nicht ganz ungefährlich, wie man ja weiß! Passen sie bitte ganz fest auf sich auf, ja? Ich möchte ja nicht gleich wieder arbeitslos werden!«

 

Sie lachte ihn schelmisch an und sprach gleich weiter,

»Nein, ganz im Ernst! Sie wissen ja wie ich das meine, ich jedenfalls halte ihnen die Daumen und wünsche ihnen, dass sie das erreichen, was sie sich vorgenommen haben!«

»Lieb von ihnen, dass sie das Sagen!«

Plötzlich griff sie in den Ausschnitt ihres Pullovers, zog ein Goldkettchen heraus, öffnete den Verschluss und nahm es ab,

»Hier sehen sie mal, da ist ein kleiner Christophorus drauf, Schutzpatron der Autofahrer, er ist sogar geweiht, wissen sie? Meine Eltern gaben ihn mir, als ich den Führerschein bekam. Ich möchte, dass sie ihn nehmen, mich hat er bisher jedenfalls immer gut beschützt! Bitte nehmen sie ihn! Ja?«

»Aber, das kann ich doch nicht annehmen!«

 

»Alex bitte, ich möchte so gerne, dass sie ihn tragen, er wird sie auch beschützen. Außerdem beruhigt es mich, weil ich dann weiß, dass sie gesund zurückkommen, bitte ..., tun Sie mir den Gefallen!«

»Also, gut, wenn es sie beruhigt, aber nur unter einer Bedingung, dass sie ihn dann auch wieder zurücknehmen, wenn ich meinen Job erledigt habe, einverstanden?«

»Gut abgemacht!«, sie strahlte, »darf ich Ihnen den Talisman jetzt umhängen?«

»Nur zu, wenn sie wollen, Ok!«

Sie erhob sich, stand vor ihm. Seine Knie befanden sich zwischen Ihren Beinen, sie bog zärtlich den Kragen seines Rollkragenpullovesr zurück, hängte ihm das Kettchen um, schloss es und versenkte es in seinem Kragen. Dabei sah er in ihre dunklen Augen, die ihn glücklich anblickten, er dachte sich, die Kleine dürfte sehr abergläubisch sein. Na ja, die Leute vom Land, pflegen ja noch die alten Bräuche, Hexen, Dämonen, böse Geister, sind ihnen anscheinend allgegenwärtig und das wahrscheinlich nicht nur bei Ausübung alter Riten.

 

Tief im inneren amüsierte ihn das schon, er „der Realist“ par excellance, zumindest hielt er sich für einen, oder versuchte sich das immerhin so einzureden. Andererseits, musste er sich ja schon zugeben, bist du ja auch nicht dagegen gefeit. Denn immer wenn du, einen Schornsteinfeger erblickst, suchst du einen verdammten Knopf, so ein Schwachsinn! Irene strich den Kragen wieder glatt, blickte ihn dabei so zärtlich an. Scheiße, dachte er, wenn sie weiter so an dir herum fummelt, kannst du bald für gar nichts mehr garantieren.

 

Er musste sich jetzt ganz fest zusammenreißen, um sie nicht an sich zu ziehen, sie auf seinen Schoß zu setzen. Er würde ihre Körperwärme fühlen, könnte ihren Rücken streicheln, ihre langen weichen Haare. Könnte sie umarmen, versuchen, sie zu küssen. Verdammte Scheiße, verdammte, schoss es ihm blitzschnell und plötzlich durchs Gehirn, wenn’s schief geht, kannst du deine Wäsche deine Hemden und all den anderen Kram, wieder selber waschen, bügeln und versorgen. Nein vergiss es, sofort! Zu gefährlich! Zu viel Risiko!

 

Irene hielt ihm die Schampus-schale hin, nahm neben ihm Platz, sie hielt ihr Glas hoch,

»Also, dann auf ihre Gesundheit! Ich wünsche ihnen viel Erfolg bei ihrer Arbeit! Prost!«

Er ergriff das Glas und stieß es sanft gegen ihres,

»Prost Irene, vielen Dank! Auch danke dem Schicksal gegenüber, dass sie damals zu mir verschlagen hatte. Ich bin glücklich, sie bei mir zu haben.«

 

26. Kapitel

 

Tags darauf, am späten Vormittag, griff er zum Telefon, wählte die Nummer, die auf der kleinen Notiz stand, die ihm Irene am Vorabend gab.

»General Advertising! Margret Smith, was kann ich für Sie tun?«. Meldete sich eine sanfte Stimme, mit englischem Akzent.

»Rathey, mein Name, Herrn Krakorian bitte!«

»Ich verbinde, einen Moment bitte Herr Rathey!«

Ein Knacken in der Leitung bewies, dass man es tat.

 

»Krakorian!«

»Grüß Gott Herr Krakorian, Rathey spricht, sie wollten mich sprechen?«

»Sehr richtig! Herr Rathey, gut dass sie sich melden. Ich hätte da unter Umständen eine wirklich interessante Sache für sie!«

»Wie interessant? Lassen sie mal hören!«

»Es ist nämlich so, unsere Agentur, die ja auch international arbeitet, müssen sie wissen, hat einen Klienten, der betreibt schon längere Zeit Werbung im Motorsportbereich. Jetzt ist von ihm geplant nun auch in Österreich damit zu beginnen!«, er räusperte sich und sprach weiter,

»sorry! Aber die verflixten Bronchien! Nun, einerlei! Für die Kampagne sollen nun Werbeaufnahmen gemacht werden, eine ganze Serie. Dazu Aufnäher auf dem Rennoverall, Sticker am Helm, usw., das alles auf rein persönlicher Ebene des Fahrers, der für die Produkte dann mit seiner Persönlichkeit wirbt. Sind sie interessiert, so für 1,2 Millionen im großen und ganzen?«

 

»Im Prinzip schon! Aber um welche Branche handelt es sich dabei? Können sie mir das Sagen?«

»Herr Rathey, bedaure außerordentlich, im Moment noch nicht, ist ja noch alles Projekt und inoffiziell. Mir geht es ja vorerst darum, ob sie gewillt sind und auch mitmachen können, in puncto, ihrer Verträge und Verpflichtungen, sie verstehen?«

»Also, mal vorweg, Öle und Autozubehör kommen für mich logischerweise überhaupt nicht in Frage. Über jede andere Branche können wir aber schon reden! Aber eines, Herr Krakorian, 1,2 Millionen, für so eine umfangreiche Jahreskampagne? Muss wohl ein sehr kleines Unternehmen sein. Meine Kollegen ...«

 

»Nicht doch, Herr Rathey, wir sprechen dabei doch von DM!«

»Na schön, das ist ja schon was anderes!«

»Sie sind also interessiert? Wann haben sie denn Zeit, sich den Vertrag einmal anzusehen?«, er räusperte sich wieder, begann sogar zu Husten, keuchend sprach er dann weiter,

»Wirklich so sorry! Aber diese verfluchten Havannas, sie verstehen? Sagen wir Montag, nächste Woche? Bei iIhnen oder hier im Office, ganz wie sie wollen?«

»Montag ist ganz schlecht bei mir, da habe ich Testfahrten, sagen wir Mittwochnachmittag in Ihrem Büro?«

 

»Ok! Aber ich selbst bin am Mittwoch in London, Mr. Smith meine Sekretärin, geht dann mit Ihnen den Vertragsentwurf durch, bis zur Unterschrift haben wir ja dann noch gut einen Monat Zeit, ist ihnen das recht so?«

»Gut abgemacht! Bis Mittwoch dann!»

»Okay, Herr Rathey, bis bald!«

Eilig legte Alex auf. Er konnte es gar nicht fassen und bewunderte sich selbst, wie brutal und kaltschnäuzig, er doch über die 1,2 Mille sprach, als handelte sich um ein besseres Trinkgeld. In seiner ersten Aufregung, dachte er doch da glatt nur an Schilling. Wollte lediglich ein wenig Pokern und ausloten, ob es einen gewissen Spielraum gäbe.

 

Jetzt stellte sich heraus, es handelte sich um Deutsche Mark, er überflog geistig den Kurs. Na, allerhand! Sagte er sich, für so ein Sümmchen, würde ich ja sogar für Hühnerdreck in Dosen Werbung machen. Nach dem Telefonat war er gehobener Stimmung und aufgekratzt, vielleicht brauchst du dann auch bald einen ausgezeichneten Steuerberater, dachte er sich. Vorsichtshalber nahm er sich fest vor, seinen Vertrag mit COP noch einmal durchzulesen. Das hatte er zwar schon einmal getan, konnte aber keinen Absatz, irgendeine Regelung, herauslesen, die es ihm verbot, in seinem Namen, auf eigene Rechnung Werbeverträge abzuschließen und auch zu erfüllen. Lediglich der Absatz, dass für jede Nebenbeschäftigung, das Einverständnis von COP einzuholen sei, machte ihm gewisses Kopfzerbrechen. Ja, wenn Cindy, ihm eine Bestätigung in die Hand drücken würde, die ihm Solches erlauben würde, ja, das wär’s.

 

Dann könnten die Milliönchen, sein inzwischen strapaziertes Konto überaus beleben, wie er wusste. Nicht, dass du, kein auskommen mit dem Einkommen hättest, sagte er sich. Dennoch musste er schon ein Auge darauf werfen, denn seine Kosten, waren ja im Vergleich zu früher, ja auch enorm gestiegen. Sein Bezug zu Geld im Allgemeinen, hatte sich daher radikal geändert. Damals als er noch „Normalverdiener“ war und mit seinem Geld, von einem Monat zum anderen, gerade mal so auskam, war es ihm ein absolut notwendiges Übel.

 

Als er dann zum „guten Verdiener“ avancierte, war es beruhigend, sogar sehr beruhigend, wie er fand und es bedeutete ihm schon eine gewisse Freiheit. Na, ja und neben der Gesundheit bedeutete wohl Freiheit, das höchste Gut für einen Menschen, sagte er sich. Frei wollte er ja sein, das hatte er sich ja damals einmal geschworen, wie er sich erinnerte. Also, wirst du die Sache mit Cindy erst einmal inszenieren und dann sehen, was es mit dem Vertrag so auf sich hat.

 

Wenn dann die Sache mit dem Krakorian auch noch klappen würde, ja das wär’s dann, solch ein Glück hat schließlich nicht jeder. Eifrig, machte er sich dann ans Werk, den Dienstvertrag aus dem Ordner zu fischen. Bei neuerlicher Durchsicht, kam er jedoch zu keiner neuen Erkenntnis. Fragte sich, ob wohl Werbeaufnahmen, so als Nebenbeschäftigung zu werten wären, tragen von Werbeaufschriften an seinem Overall und Helm, wohl kaum, das sagte ihm schon der Hausverstand. Aber sicher ist sicher, meinte er, du musst halt doch mit Cindy einen Weg finden, das nahm er sich fest vor. Das verlockende Angebot von General Advertising, ließ ihn plötzlich nicht mehr zur Ruhe kommen. So kontaktierte er vorsorglich einen Rechtsanwalt und besprach dann den Fall.

 

Voller Neugier wollte er wissen, ob aus dem Titel, Teilnahme an einer Serie von Werbeaktivitäten, eine genehmigungspflichtige Tätigkeit herausgelesen werden könnte. Der Anwalt, ein renommierter, älterer Herr, ging wie er vermutete, auf Nummer ganz sicher und beantwortete die Frage mit einem eindeutigen, ja. Es würde im direkten Zusammenhang mit seinem Beruf stehen, würde ja auch bezahlt werden, daher hätte sein Arbeitgeber schon ein Mitspracherecht. Scheiße, dachte er sich, also Fehlanzeige. Bliebe also doch nicht anderes übrig, als mit Cindy eine Einigung darüber zu erzielen. Verschiedene Gedankengänge quälten ihn eine Zeit lang, bis Mittwoch fand er keine beruhigende Lösung.

 

Nachmittags fuhr er dann zu General Advertising. Mrs. Smith hatte schon alles vorbereitet und parat. Sie war, wie er richtigerweise vermutete, Engländerin. Eine Frau, so um die Dreißig. Vom Aussehen her erinnerte sie ihn, an eine strenge Lehrerin, die er einmal in einem Film sah. Eine lange Person, gut 1,92, dazu Spindeldürre, mit einer spitzen Nase. Zudem trug sie einen altmodischen Dutt, daher die Erinnerung an diese Lehrerin. Sie sprach zwar ausgezeichnet Deutsch, jedoch mit starkem Akzent. Sie bot ihm freundlich gleich Tee an, während sie selbst drei Tassen mit sichtlichem Genuss konsumierte, las er den Vertrag erst einmal aufmerksam durch. Wie Krakorian beschrieb, die Vertragspunkte enthielten, eine Fotoserie für Plakatwände, Prospekte, usw., dann einen kurzen Werbefilm, der als Vorspann in den Kinos laufen sollte. Mindesten 10 Autogrammstunden in den wichtigsten Kaufhäusern, dazu die Anbringung von Beschriftungen am Overall und Helm, für eine Rennsaison.

 

Als Wichtigstes, eine Erklärung, dass er, alle Rechte aus diesen Aktionen an General Advertising abtrete. Ist ja gut und schön, dachte er sich, aber für welches Produkt soll denn das alles Geschehen? Mrs. Smith, eine nicht gerade redselige Person, erwähnte, es handle sich bei dem Papier, um einen Vorschlag im Rohentwurf. Gewisse Änderungen wären durchaus noch möglich, dennoch nicht wahrscheinlich, da der Auftraggeber sich bereits fest entschlossen hätte, dies alles so durchzuziehen. Die Produkte wären im Getränkebereich angesiedelt und stammten aus Deutschland. Genaueres würde dann Herr Krakorian von sich geben.

 

Nun beschlich Alex gleich das ungute Gefühl und er hegte den dringenden Verdacht, es könnte sich nur um alkoholische Getränke handeln. Dies äußerte er dann auch vorsichtig, Mrs. Smith beruhigte ihn, es wären Produkte, die das Wohlbefinden der Gebraucher fördern würden, aber mehr könne sie im Moment nicht darüber sagen, you know! Diese Äußerung beruhigte ihn etwas, denn er konnte sich auf keinen Fall vorstellen, dass jemand für ein Produkt werbe, wenn er es tief im inneren selbst verabscheuen würde. Wie sollte denn das jemals positiv zum Gebraucher herüberkommen.

 

Nachdem er gemerkt hatte, dass wohl zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr zu erfahren sein würde. Brach er ab, verlangte eine Kopie des Vertrages zum weiteren Studium. Mrs. Smith händigte sie ihm aus. Er versprach sich die Sache noch einmal genau durch den Kopf gehen zu lassen und spätestens in ein paar Tagen Bescheid zu geben und überließ Mrs. Smith, ihrem Teegenuss.

 

Während der Heimfahrt, überlegte er, zumal er jetzt mehr Überblick über den Fall besaß, seine weitere Vorgehensweise. Als nächsten Schritt musste er, die Weichen bei COP stellen, sonst, wäre ja alles Weitere überflüssig, wie er wusste. Während sein Wagen betankt wurde, ergriff er, die Gelegenheit im Tankstellenbuffet zu telefonieren,

»Hallo Cindy! Wie geht es dir? Was läuft denn so?«

»Hi, Alex! Gut dass du anrufst, ich wollte ohnehin mit dir sprechen, im Moment überschlagen sich aber hier die Ereignisse!«

»Klingt ja furchterregend schrecklich! Hoffentlich nichts Unangenehmes?«

»Na ja, wie man’s nimmt!«, ihre Stimme klang irgendwie bedrückt, als sie weitersprach,

»Weißt, ich möchte die Dinge nicht am Telefon besprechen! Können wir uns irgendwo treffen?«

 

»Komm doch einfach zu mir nach Hause, Irene hat ja heute ihren freien Tag. Wir sind völlig ungestört, was meinst du?«

»Ja gut, aber ich kann erst so nach 19 Uhr hier weg!«

»Spielt doch keine Rolle, kommst halt, wann du willst, bin ohnehin zu Hause, Ok?«

»Also, gut, ich beeile mich, bis Später, Servus Alex!«

Kurz nach zwanzig Uhr erschien Cindy, sie machte einen gestressten, abgehetzten Eindruck. Mist, dachte er sich, nicht gerade der beste Nährboden und die beste Voraussetzung, für weitreichende Entscheidungen.

»Komm Cindy, mach’s dir erst mal bequem, ruhe dich ein wenig aus. Möchtest du vielleicht etwas essen?«

»Nein, danke, aber hast du zufälligerweise Kopfschmerztabletten im Haus?«

»Ja natürlich, ich bringe dir gleich welche.«

»Bist wirklich, ein guter, ich glaube meine Birne zerplatzt jeden Moment. Du, und bitte zwei Stück gleich in Wasser aufgelöst, ja?«

»Kein Problem, kommt sofort!«

 

Alex wurde sofort in der Hausapotheke fündig und brachte ihr das Gewünschte.

»Brr ..., schmeckt ja scheußlich, das Zeug! Hoffentlich wirkt es auch schnell! Den ganzen Tag quäle ich mich schon herum!«

»Cindy, lass mich machen, ich kenne mich da aus, du wirst sehen, das hilft sehr schnell!« Er zog ihr die Schuhe aus und sagte ihr, sie solle sich auf die Couch legen, stapelte dann drei Kissen unter ihre Waden. Sodass, ihre Beine höher waren als der Kopf. Dann, setzte er, sich auf den Couchrand und begann mit sanften kreisenden Bewegungen ihre Schläfen zu massieren. Sie ließ alles mit geschehen und sah ihn dabei gequält, aber doch sehr dankbar an.

 

»Tut ja richtig gut, wirklich, jetzt komme ich daher und mache Unannehmlichkeiten, das wollte ich nicht, glaube mir!«

»Psst ... entspann dich!« Er massierte dann eine Zeit lang die Schläfenpartie mit beiden Händen zugleich, seine Hände glitten ab zur Halspartie, er massierte ihre Muskeln am Halsansatz, die sehr verspannt schienen, wie er fühlte.

»Ah! Alex ja ..., das ist es ja besonders angenehm, Du bist ja ein wahrer Künstler!«

»Fühlt sich ja richtiggehend verspannt an, hast Du eigentlich Probleme mit der Wirbelsäule?«

»Ist das ein Wunder? Hängt ja vorne auch genug Gewicht dran, wie Du weißt!«

»Ja richtig, ich sehe es auch!«

Sie lächelte schon wieder, er wertete es als Zeichen einer eintretenden leichten Besserung, ihres vorher desolaten Zustandes.

»Männer, finden große schwere Brüste toll und wir armen Kreaturen, schleppen uns damit ein Leben lang ab, bis wir nicht mehr können. In meinem Fall wäre etwas „weniger“ sicherlich „mehr!«

 

Er sah, dass sie wohl ganz recht hatte, in beiden Punkten.

»Solltest vielleicht etwas mehr Sport betreiben, immer nur arbeiten, dazu viel rauchen und nur sitzen, ist wohl auf die Dauer nicht das Richtige für eine junge hübsche Frau!«

»Alter Schmeichler! Hast ja Recht! Aber die guten Vorsätze es anders zu machen hatte ich schon mal. Ist doch Kacke, wenn du alles immer alleine tun musst, wird ja ganz öde mit der Zeit. Mir fehlt einfach der eiserne Wille dazu, weißt?«

»Geht es dir jetzt schon etwas besser?«

»Eigentlich schon, aber das soll auf keinen Fall heißen, dass du jetzt aufhören sollst, wenn ich dich nun schon einmal habe, werde ich dich auch schamlos, wie ich nun einmal bin, vollkommen ausnützen!«, sie grinste ihn jetzt vielsagend an.

»Ah, ja, da! War es gut, bitte etwas fester ja?«

Alex massierte etwas fester, ihre Halsgegend schien schon ordentlich durchblutet, leichte röte signalisierte ihm dies,

»Warte, ich hole eben mal schnell etwas Massageöl, sonst wird Deine Haut zu rau, ja?«

 

»Ja, aber mach schnell! Eine Unterbrechung der Therapie hätte dramatische Folgen!«

Er eilte ins Bad, als zurückkehrte, lag Cindy bäuchlings ausgezogen bis auf ihren Slip, auf den Kissen. Er lächelte, als er sie so sah und dachte ja, das ist die vertraute Cindy, die ich damals kannte. Von Prüderie keine Spur, schien ihr sowieso ein Fremdwort zu sein. Sie sah ihn kommen und deutete auf ihren Rücken,

»Bitte mach da weiter, ich dachte ohne Klamotten, tust du dich wesentlich leichter!«

»Wie du willst, ich helfe ja gerne.« Er goss etwas Massageöl in seine hohle Hand, das einen noch angenehmeren Duft entwickelte, als es sich leicht erwärmte. Sanft strich er über ihren Rücken und verteilte gleichmäßig das Öl, mit leichten kreisenden Bewegungen, lockerte er vorerst die Muskeln, um sie dann von der Kreuzgegend nach oben leicht durchzukneten.

»Lass ganz locker! Ist es gut so? Nicht zu fest?«

»Ganz, ganz toll! Du bist wirklich der zärtlichste Masseur, den ich jemals hatte, kannst mir glauben!«

 

Er hätte sich belügen müssen, wenn er sich gesagt hätte, diese spontane Aktion würde ihm nicht gefallen, im Gegenteil. Er fand es aufregend, ihren schönen Körper gefühlvoll bearbeiten zu können, dehnte natürlich dann seine Aktionen auf den ganzen Körper aus. Er fühlte durch die Hände, die wie Sensoren wirkten, wie sie innerlich zu zerfließen begann. An manchen Stellen begann ihr Körper zu zucken. Kurzerhand dehnte er seine Maßnahmen nach unten aus, der Slip war sehr störend, er entfernte ihn sanft, wobei er keine Abwehr ihrerseits wahrnahm, im Gegenteil. Sie genoss sichtlich und spürbar seine Aktionen. Sie lag muskelmäßig entspannt da, mit halb geschlossenen Lidern, ihr Gesichtsausdruck machte einen entrückten Eindruck. Er flüsterte ihr ins Ohr,

»Gefällt es dir? Willst du dich jetzt auch umdrehen?«

 

»Oh ja, du bist ein wahres Genie! Hast du etwa Anatomie studiert? Besonders die Weibliche?«

»Wenn man so will, ja! Denn in meiner Bibliothek hab ich nämlich einen dicken Wälzer über Partnermassagen, den habe ich auch gelesen, sogar sehr aufmerksam gelesen!«

»Und das mit großem Erfolg, wie ich meine und jetzt auch merke.«

Sie drehte sich um, er empfand jetzt den Anblick, nicht mehr anregend, prickelnd, nein, jetzt war er sogar erregend, sogar verdammt erregend. Sie bemerkte es natürlich sofort.

»Gefalle ich dir denn überhaupt? Ich meine optisch?«

»Welche Frage, du gefällst mir nicht nur optisch, würde ich etwas anderes sagen, wäre es eine Lüge. Nein, auch menschlich! Und das meine ich ehrlich, glaube mir!«

»Trotz meiner Fehler, Schwächen und meiner Schamlosigkeiten?«

»Gerade auch deswegen!«

 

Er ölte ihre vorderen Körperpartien sanft und setzte seine Arbeit gefühlvoll fort. Sie blickte ihn, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, lächelnd an und genoss sichtlich die Situation. Gemäß dem Lehrbuch, dass er ja tatsächlich einmal gelesen hatte, begann er mit den Füssen zuerst, dann arbeitete er sich zielstrebig, unaufhaltsam weiter nach oben vor.

 

Nächsten Morgen, gegen neun Uhr erwachte er, musste herzlich gähnen, rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sah die zerwühlte rechte Seite, seines großzügigen französischen Bettes. Das normalerweise, sonst glatt gestrichen und unbenutzt, sich jeden Morgen seinen Blicken darbot. Oh Gott, dachte er sich, es war also keine Einbildung, sondern fantastische Realität gewesen. Nachdem er, sich im Bad restauriert hatte, ging er nach unten. Ihm war jetzt nach einem deftigen kräftigendem Frühstück und starkem Kaffee zumute, sehr starkem Kaffee. Nur drei, höchstens vier Stunden Schlaf, sind ja auch nicht gerade die Welt, wie er wusste. Trotzdem fühlte er sich nicht schlecht, sogar sehr wohl.

 

Als er die Küche erwartungsfroh betrat, pfiff er sogar lustig vor sich hin. Es verging ihm aber sofort, als er den Zettel auf dem Küchentisch entdeckte, der auffällig an seiner Kaffeetasse lehnte, darauf las er:

 

Guten Morgen, Alex!

Musste heute leider früher weg, zur Uni! Prüfungen, Sie verstehen?

Frühstück steht ja bereit, Rest ist im Kühlschrank!

Ihre, im ganzen Haus verstreuten Bekleidungsgegenstände habe ich zusammen gesammelt, sind nun in der Wäsche! Waren ja voller Öl! Wie ich das Öl von der Couch wegkriege, weiß ich noch nicht, na mal sehen!

Die Unterwäsche und die anderen Sachen der „Dame“ sind auch in der Maschine, falls sie nicht mehr weiß, wo sie, sie gelassen hat.

Schönen Tag noch! Irene

PS: Ist mir wirklich ein Rätsel, was die Frau an hatte, als sie das Haus verließ. Na ja, ist ja um diese Jahreszeit nicht mehr so kalt draußen. Übrigens, das Massageöl habe ich bereits morgens im Laden nachgekauft, könnte ja sein, dass in Zukunft größerer Bedarf herrscht?

 

Alex grinste, als er die Zeilen las und dachte. Die kleine wird doch am Ende nicht auch noch eifersüchtig werden oder nimmt sie dich auf den Arm, der süffisante Stil ihrer Mitteilung, erhärtete diese Vermutung noch. Bevor er sich weitere Gedanken darüber machen konnte, läutete das Telefon.

»Rathey! Grüß Gott.«

»Hallo Alex! Guten Morgen! Ausgeschlafen?«

»Servus, Cindy! Geschlafen habe ich wie ein Toter!«

Sie lachte ihm durch den Hörer ins Ohr, ihre Stimme sprühte vor Energie, wie er hörte,

»Kann ich mir ja denken! Alex hör zu, jetzt etwas anderes. Gute Neuigkeiten, erstens mein Vorzimmerdrache hat gerade den Anhang zu deinem Vertrag geschrieben, ich zeichne ihn gerade ab. Du, kannst jetzt werben, für was du willst, soviel du willst. Vielleicht für Massageöl? Da kann dir ja keiner was vormachen. Nein, im Ernst, du bekommst den Wisch per Post, Ok? Ja, und dann die zweite Sache, ich habe soeben gerade mit Paul gesprochen, du hattest ja vollkommen recht mit deinem Rat. Stell dir vor, er will den Posten als Geschäftsführer in der Marketinggesellschaft! Und macht trotzdem den technischen Leiter bei COP weiter, was sagst denn dazu?«

 

»Ich habe dir doch gesagt, dass er dass so machen wird, wenn er das Angebot bekommt. Ich sehe da auch kein Problem, er hat seine Leute bei uns so in Trab, dass er nur selten gebraucht wird. Ob er auch verkaufen kann, wird sich wohl zeigen, aber auch das traue ich ihm ohne Weiteres zu!«

»Ganz recht, so sehe ich das auch! Ich bin ja so happy über diese Lösung! Ciao Alex, bis bald, Servus!»«

»Servus Cindy, und danke dir für den Wisch!«

»War mir ein wahres Vergnügen!«

 

Kurze Zeit später war dann plötzlich Krakorian am Apparat,

»Wie steht’s, Herr Rathey? Wann können wir fix abschließen?«

»Wann wollen sie denn?«

»Am besten gleich Morgen, jetzt stehen auch alle Details fest, ich habe mit dem Auftraggeber fix abgeschlossen. Er will sofort loslegen. Die Zeit drängt, die Produkte stehen ja schon überall in den Regalen der Geschäfte!«

»An mir soll es nicht liegen, noch habe ich etwas Zeit, bevor die Rennen wieder beginnen!«

»Verstehe! Gut, also bis morgen, hier im Büro. Ich lasse jetzt alles Fertigmachen, die Reinschrift des Vertrages und so. Ist ihnen ein Dritteln beim Honorar recht? 1/3 bei Vertragsabschluss, ein weiteres Drittel bei Produktionsbeginn, den Rest dann beim Anlaufen der Aktion in der Öffentlichkeit, ja?«

»Ganz wie sie wollen, mir ist es recht!«

»Gut, Herr Rathey, also bis morgen dann!«

Alex kam sich plötzlich vor, wie Alice im Wunderland, alles war so glatt gelaufen, so aalglatt, in der letzten Zeit.

 

Das ist ja schon direkt verdächtig, sagte er sich. Bei Cindy bekam er auf so angenehme lustvolle Weise Rückendeckung. Er musste Paul nicht verraten oder bekämpfen oder sonst eine Schweinerei gegen ihn aushecken. Bei Krakorian lief alles, wie insgeheim erwartet und nahm schon Gestalt an. Vermutlich haut der dich zwar übers Ohr, speist dich mit einem Bettel ab und kassiert selbst Länge mal Breite ab, dachte er sich. Tröstend redete er sich aber ein, selbst wenn dem wirklich so wäre, kann’s dir doch im Moment egal sein. Wenn erst einmal die Werbemaschinerie in Gang kommt, deine Konterfeis überall im ganzen Land von den Plakatwänden strahlen, du bekannt bist, wie ein bunter Hund, bis ins letzte Wohnzimmer, dann haben es solche Typen in Zukunft schon wesentlich schwerer, dich noch einmal in die Pfanne zu hauen.

 

Nächsten Tag, er saß vor dem Schreibtisch von Krakorian, dieser saß Zigarren paffend, auf einem quietschenden Lederdrehsessel. Krakorian legte ihm geschäftig flink, den Vertrag vor, blickte ihn mit prüfendem Blick über den Rand seiner Lesebrille an, seine dicke Havanna im Mundwinkel, erklärte er ihm,

»Hier, Herr Rathey, das letztgültige Papier! Ist alles so, wie sie es schon kennen, lesen sie es sich noch einmal durch. Inzwischen zähle ich schon mal das Geld!« Er erhob sich stöhnend, strebte einem klobig, monströs wirkenden Panzerschrank zu, öffnete den schwungvoll, ostentativ trat er dabei leicht zur Seite, wie Alex sah. Im ersten Moment glaubte Alex, in den Schlund der Bank von England zu blicken. Der Schrank war randvoll gefüllt mit Geldbündeln, alle mit Originalbanderolen. Dicke blaue Wolken ausstoßend, bückte sich Krakorian, wobei ihm sein voluminöser Bauch leicht behinderte, entnahm mehrere Pakete von Geldscheinen, die er Stolz vor Alex auf den Tisch stellte.

 

»Hier! Herr Rathey, 500.000,-- DM, umgerechnet in Schilling, wenn Sie wollen, zählen Sie einfach nach!«

»Moment noch! Herr Krakorian, aber hier lese ich, dass der Wirkungsbereich dieses Vertrages geändert worden ist. Er gilt jetzt auch für die Schweiz! Das war im ersten Entwurf aber schon anders!«

»So, wirklich?«, plötzlich brüllte Krakorian, wie ein wild gewordener Stier, durch die offene Tür seines Büros ins Vorzimmer,

»Misses Smiths! Hierher!«

Die dürre Bohnenstange erschien mit angsterfülltem Blick und näherte sich zaghaft. Ihre Nase kam Alex noch spitzer vor, als bei ersten Mal, als er sie sah. Ihr Teint war so weiß, wie die Wände des Büros. Ihr Dutt hing wie ein Fremdkörper an ihr. Alex verblüfft und zugleich amüsiert, glaubte den Ausdruck, des personifizierten schlechten Gewissens, in ihrem verstörten Antlitz zu erkennen.

Krakorian bellte sie forsch an,

»Margret! Welchen Vertrag haben Sie, Herrn Rathey, damals vorgelegt, als ich in London war?«

 

»Den hier!«, piepste sie und hielt ihm ein Papier hin, dass sie vorsorglich gleich mitgebracht hatte.

Krakorian, schnaufte durch die Nase wie ein Nilpferd, er keuchte, begann zu Husten, während er beide Papiere miteinander verglich, seine Zigarre qualmte wie ein feuchtes Pfadfinder-Feuer,

»Bullshit!«, schnaubte er und erdolchte die Bohnenstange mit furchterregenden Blicken,

»Das ist doch der Falsche! Sie haben doch am nächsten Tag, dann den neuen geschrieben, oder?«

»Aber ...«, meinte sie unterwürfig.

»R.a.u.s.s! sherup, go away !«, er deutete Zorn erfüllten Blickes zur Tür.

Mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern verließ Mrs. Smith schleunigst den Raum.

 

»Herr Rathey, Sorry, aber wenn man nicht alles selber macht. Schauen sie, wir lösen das Problem ganz unbürokratisch sofort und jetzt und hier!« Wie auf unsichtbaren Kufen glitt er neuerlich zum Panzerschrank, bückte sich, entnahm ein weiteres Paket Geldscheine, legte es auf die anderen drei, vor Axels Nase.

»Löst das jetzt ihr Problem?«, er blickte Alex sehr fragend an.

»Wenn dann bei den Nächsten, zweimal, jeweils auch noch eines, ebenfalls dazu kommt, unterschreibe ich!«

»Ja, natürlich, mein Wort drauf, darauf können sie sich verlassen!«, er hielt Alex, einen protzigen goldenen Füller hin. Alex setzte damit, schwungvoll seine Unterschrift auf die Papiere, schob sie Krakorian zu, der wieder auf seinem Quietschstuhl saß. Schraubte dann die Feder zu und wollte sie ganz in Gedanken versunken einstecken.

»Äh-Äh! Herr Rathey, aber die Montblanc gehört mir!«

»Verzeihen sie! Aber ich mache das immer so, wissen sie?«

 

Krakorian lächelte gequält und zischte durch die Zähne,

»Ich muss ja jetzt auch noch unterschreiben!«

Wie ein Maler in seiner kreativsten Zeit setzte er seine Signaturen auf die Verträge, schob Alex ein Exemplar und die Geldpakete zu, »Das ist jetzt Ihres! Aber die Montblanc bekommen Sie nicht, niemals! Die ist nämlich eine Einzelanfertigung. Ein Geschenk meines verstorbenen Vaters, Gott hab ihn selig! Wenn er wüsste mit welchen „Peanuts“ ich mich hier leider abgeben muss, er würde sich ganz unruhig im Grabe umdrehen!«

Alex blickte auf seine Armbanduhr, rutschte schon etwas nervös auf dem Stuhl umher. Nicht weil er sich schlecht fühlte, sondern wusste, sein Wagen parkte im Halteverbot, vor dem Eingang des Hauses. Krakorian dürfte wohl bemerken, dass er unruhig war, trotzdem tat er so, als sehe er nichts.

 

»Herr Rathey, ich möchte mit ihnen jetzt gerne auf den Vertrag anstoßen, ist ihnen Champagner recht? Vielleicht auch etwas Kaviar dazu? Außerdem möchte ich ihnen auch noch Sascha vorstellen, den Produktionsleiter der Werbeagentur, wichtige Person! Machen sie mir einfach die Freude, ja?«

»Gut, aber nur ein Glas und kurz, ich bin da etwas im Zeitdruck, wissen sie?« Im Geiste sah er schon seinen Wagen auf den Abschleppwagen gehoben und verzurrt und sich selbst im Taxi nach Hause fahren. Ein grässlicher Gedanke, schon auch wegen des unvermeidlichen behördlichen Nachspiels.

»Aber, aber! Herr Rathey, jetzt wo der geschäftliche Teil abgeschlossen ist, kommt doch noch der gemütliche Teil. Wissen sie, bei uns zu Hause, manches mal feierten wir damals die ganze Nacht durch!«

»Äh, hmm, das kann ich mir zwar gut vorstellen! Das wird aber nicht gehen, bei mir ...«, weiter kam Alex nicht. Denn ein baumlanger Polizist betrat gerade im Augenblick das Büro.

 

Krakorian strahlte über das ganze Gesicht, als er ihn sah, er rief ihm stürmisch zu, » Inspektor! Kommen sie! Gleich gibt es Champagner!«, er deutete auf einen Sessel.

Der Beamte tippte an seine Mütze,

»Herr Krakorian, gehört der Porsche da unten zu ihnen? Der steht nämlich im Halteverbot!«

»Na so was! Smithy wird ihn gleich in die Garage fahren! Diese Frauen, keinen Schritt zu Fuß, Sie wissen ja ...«

Er griff in seine Hosentasche, zog ein Bündel Geldscheine heraus, zog ein paar ab, reichte sie, dem Inspektor,

»Hier, Inspektor, für die Revier Kaffeekasse, reicht das?«

»Ja, danke vielmals! Aber der Wagen muss jetzt trotzdem weg und zwar gleich, ja?«

»Smithy, erledigt das sofort, Inspektor!«

»Gut, nochmals vielen Dank, auch im Namen der Kollegen. Ich muss wieder weiter. Auf Wiedersehen Herr Krakorian!«, der Polizist steckte die Scheine flink ein und entfernte sich.

 

Alex setzte eine Unschuldsmiene auf,

»Tut mir ja wirklich Leid, Herr Krakorian, aber ich fahre am besten gleich mit dem Wagen weg. War überhaupt nichts frei, in ihrer Gegend!«, er zog die Autoschlüssel aus der Hosentasche.

»Nicht doch! Herr Rathey, das eilt jetzt nicht mehr, wir haben mindestens zwei Stunden Ruhe. Geben sie einfach die Schlüssel her, Smithy, wird den Wagen in die Garage fahren. Keine Angst, sie fährt wirklich hervorragend! S m i t h y!«

Sie erschien, er hielt ihr die Schlüssel hin,

»Please dear, go parking, yes?«, sprach er in ganz sanfter Tonlage. Er lächelte sie milde an, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Hätte Alex nicht mit eigenen Augen den Ausbruch vorhin selbst miterlebt, er wäre wohl nie auf die Idee gekommen, den Mann derartiger Brutalität zu verdächtigen.

»Smithy! Bevor sie parken, Champagner und Kaviar, bitte, drei Gläser! Sascha kommt noch dazu! Ok.«

 

Die Bohnenstange nickte kurz und verschwand wortlos. Zu Alex gewandt, sagte er, »Herr Rathey, bitte nehmen sie jetzt das Geld und den Vertrag an sich. Sie nehmen es doch in bar mit, oder? Wenn sie, wollen leihe ich ihnen auch einen protzigen Aktenkoffer, da passt es ja ohne Weiteres hinein, ist`s recht?«

»Ja, gut ich nehme es mit, wenn se mir den Koffer borgen könnten?«

»Hier bitte sehr!«, er bückte sich, zog unter dem Schreibtisch einen Krokodilleder-Koffer hervor, legte ihn auf den Schreibtisch. Alex packte die vier Geldpakete und den Vertrag in das Behältnis, schnappte, die Schlösser zu.

»Der Code ist 9-8-9-8, falls sie die Schlösser verdrehen, ja?«, sprach Krakorian und sog genussvoll an seiner dicken Havanna,

»Ah! Sascha! Gut, dass sie kommen, darf ich vorstellen, das ist Herr Rathey, der Mann für die Sportwerbung, sie wissen ja!«

 

»Freut mich sehr!», sagte der Typ, der auf leisen Sohlen den Raum betreten hatte, ohne dass ihn Alex bemerkt hatte. Er streckte Alex die Hand hin, der wiederum musterte ihn und schätzte ihn so um die dreißig, er sah seine markante Hakennase, die langen dunkelbraunen Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der Blick des Mannes war offen, seine Gesichtszüge wirkten für Alex fast wie von blauem Blute und eben. Die Figur war sehr schlank, die schwarze Kleidung, Jeans und Rollkragenpullover, darüber ein Wildleder Lumberjack, ebenfalls schwarz, betonte diesen Umstand zusätzlich. Lediglich die Schuhe des Mannes tanzten irgendwie aus der Reihe, fand Alex, er trug nämlich weiße Tennisschuhe, die etwas ausgelatscht wirkten.

 

»Hallo!», sagte Alex knapp, als er ihm die Hand drückte.

Smithy brachte inzwischen die bestellten Dinge, Krakorian entkorkte gerade Profihaft den Champagner, ließ den Korken ordentlich knallen und schenkte die Gläser ein,

»Nehmen sie doch Platz meine Herren, der Toast kommt auch gleich!«, er reichte jedem ein Glas,

»Also, auf gute Zusammenarbeit, möge das Werk gelingen!« Krakorian hielt sein Glas hoch und stieß mit ihnen an. Die Bohnenstange, in ihrer Leidensmiene, servierte inzwischen auch den Toast. Als sie Sascha erblickte, leuchteten ihre Augen für einen kurzen Moment auf, Sascha erwiderte dies, mit einem kaum merklichen Lächeln. Sie stolzierte aber ebenso wortlos wieder weg. Alex bekam diese kleinen Nuancen genau mit und es beschlich ihn das Gefühl, dass zwischen den beiden irgendetwas etwas lief. Krakorian erfreute sich inzwischen am Kaviar, wobei er ihn wie Marmelade aufstrich, zwischen zwei Happen meinte er dann,

»Bitte nehmen sie doch davon, wunderbarer Kaviar! Aus meiner Heimat wissen sie? Herr Rathey, Sascha wird ihnen dann die Details der Produktion erklären, am besten ist sie stimmen sich ihre Termine dann gemeinsam ab. Er hat da völlig freie Hand!«

 

Sascha zog rasch einen Zettel aus seiner Jacke hervor.

»Herr Rathey, hier sind die Produktionsschritte und die geplanten Termine dafür notiert. Die Zeit dazu sollten wir festlegen und vereinbaren, am besten sie vergleichen das mit Ihrem Terminkalender, können sie auch zu Hause machen. Wenn sie es dann fertig haben, rufen sie mich einfach an. Meine Nummer ist da oben rechts drauf. Ist ihnen das so recht?«

»Kein Problem, ich gebe ihnen spätestens übermorgen Bescheid, ja?«

»Prima! Sehr gut!« Sascha trank seinen Champagner aus, wandte sich an Krakorian,

»Ich sehe ja gerade, sie haben Ihren Geldbeutel offen!«, er deutete nach rückwärts auf den Panzerschrank, »Wie sie wissen, brauche ich wie immer einen Vorschuss, für die Produktion!«

»Natürlich! Entschuldigen sie, dass ich etwas geschlafen habe, aber nehmen sie sich selbst ein Paket heraus, danke!«

 

Der Typ ging zum Schrank, nahm sich flink besagtes. Legte es vor Krakorian auf den Tisch. Krakorian schob ihm einen Zettel zu, den er dann abzeichnete und wieder lässig zurückschob, dabei sagte er,

»Die Herren entschuldigen mich jetzt bitte, ich muss aber weiter, habe noch jede Menge im Studio zu tun!«, zu Alex gewandt, sprach er dann,

»wir hören uns dann übermorgen, gut?« Er reichte Krakorian artig die Hand, Alex ebenso, verbeugte sich knapp, klemmte das Geldpaket unter den Arm und entfernte sich, genauso leise, wie er eingetreten war. Während dessen, Alex den Kaviar mehr aus Höflichkeit kostete, wobei er dem Zeug eigentlich überhaupt nichts abgewinnen konnte. Auch gar nicht verstand, was daran so Besonderes und warum es so kostspielig sei. Er ließ sich aber trotzdem nichts anmerken, spülte den ungewohnten Geschmack mit einem Schluck Champagner weg.

 

»Herr Krakorian, tut mir furchtbar Leid, aber ich muss sie jetzt auch verlassen, ein Rendez Vouz! Sie verstehen? Ich kann es mir einfach nicht leisten dabei unpünktlich zu sein.« Er erhob sich, streckte Krakorian die Hand hin, der, sie festdrückte, ihn dabei väterlich verständnisvoll anlächelte,

»Ja, ja verstehe, verstehe sehr gut, ich war ja auch einmal so jung! Smithy, zeigt ihnen dann den Weg zur Garage. Wir sehen uns dann bei der Produktion! Ich bringe ihnen die Pakete dann gleich mit, einverstanden?«

»Gut also, auf Wiedersehen!« Alex bückte sich, ergriff den Aktenkoffer und ging ins Vorzimmer zur Bohnenstange. Die ließ widerwillig ihren Tee stehen und begleitete ihn zur Garage, die sich im Keller des Hauses befand. Dort parkte sein Wagen, sorgfältig abgestellt, neben einem Rolls Silver Cloud Saloon, der wie er so vermutete, wohl Krakorians Gefährt darstellte.

 

Unterwegs nach Sievering, dachte sich Alex, ich fasse es nicht, bisher glaubte ich immer, die Sportwelt dabei besonders der Motorsport, sei voller verrückter und Spinner. Aber weit gefehlt, in der Werbebranche ist es ja noch toller! Hoffentlich ist das nicht ansteckend. Er klopfte behutsam auf den Aktenkoffer am Nebensitz, nahm sich vor, dessen Inhalt am nächsten Tag auf die Bank in Sicherheit zu bringen. Daheim angelangt, zog er sich gleich ins Arbeitszimmer zurück. Warf noch einmal einen verträumten Blick in den Koffer, ergötzte sich noch einmal kurz am Anblick der vielen Geldbündel. Denn so viel Geld hatte er ja bisher noch nie auf einen Haufen gesehen. Sperrte dann den Koffer in einem Schrank ein, den Schlüssel steckte er vorsichtshalber in seine Brieftasche. Er sah sich flüchtig, die Aufstellung durch, die ihm Sascha gab. Merkte aber gleich, dass er wohl nicht den Kopf dafür hatte, alles genau im Detail zu studieren, so nahm er sich vor, das Papier am nächsten Tag durchzuarbeiten.

 

Er spürte Hunger, schwebte nach unten zur Küche, ihm war jetzt nach einer groß angelegten Kühlschrankrazzia zumute. Bevor er zur Küche kam, musste er bei Irenes Zimmer vorbei. Darin hörte er sie ein Lied trällern. Scheint ja äußerst gut aufgelegt zu sein die Kleine, dachte er sich, als er sie so hörte. Sie war es auch, denn sie kam gerade aus dem Zimmer, als er, vorbeigehen wollte und sie lachte ihn herzlich an,

»Oh! Alex! Sie sind schon da, habe sie ja gar nicht kommen gehört! Wie war ihr Tag? Sie sehen etwas blass aus!«

»Mein Magen knurrt, wie ein alter Dorfköter, aber sonst ist alles in Ordnung. Wie geht es ihnen? Scheinen ja gut drauf zu sein, wie ich so hörte!«

 

»Hab ja auch, jeden Grund dazu. Stellen sie sich vor, ich habe mein Examen geschafft und das sogar mit Auszeichnung!«, verkündete sie Stolz.

»Wirklich? Ist ja ganz toll! Gratuliere ihnen! Das Ereignis muss ja unbedingt begossen werden. Was halten sie denn davon, einfach hier alles Stehen und Liegen zu lassen, und wir beide gehen zum Heurigen, ich lade sie ein? Machen sie mir die Freude, ja?«

»Ich möchte ihnen ja keinen Korb geben, aber ich hatte mir schon etwas mit meiner Freundin ausgemacht, wir wollten ja auch zum Heurigen!«

»Verstehe, sehr schade!«

»Aber, wenn es sie nicht stört, dass noch jemand dabei ist, könnten wir vielleicht ja alle gemeinsam ...«

»Ich bitte sie, Irene, Ihre Freundin ist natürlich willkommen und ebenfalls gerne eingeladen!»

 

»Ja gut, ich glaube, sie wird auch nichts dagegen haben, wie ich sie kenne. Ich rufe sie eben mal schnell an und gebe ihr Bescheid.»

Sie eilte dann zum Telefon und er hörte, wie sie mit der Freundin sprach. Irene schien ja wirklich bester Laune, denn sie lachte und schäkerte in einem fort. Aus den Wortfetzen, die er so unfreiwillig mitbekam, Irene sprach ja aufgekratzt laut, schloss er gleich, dass sich die beiden außerordentlich gut verstanden und vermutlich auch schon lange kannten. Durch das beschlossene Vorhaben, war eine Kühlschrank-Plünderung jetzt obsolet geworden, doch sein Magen walkte trotzdem, wie eine Brotsteigknetmaschine. Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Chips, er nahm sich welche und knabberte gerade, als sie zurückkam,

»Alles bestens! Vicky, also Victoria, so heißt sie nämlich, war zwar im ersten Moment sehr überrascht. Sie vermutete, ich wollte absagen. Jetzt freut sie sich, weil sie mit kommen kann. Sie werden sehen, sie ist wirklich außerordentlich nett!«

»Prima! Gut so!«, antwortete er Chips kauend.

 

»Ich sagte ihr, sie soll gleich direkt zum Heurigen kommen. Hoffentlich finden Sie, es nicht zu vermessen von mir, weil ich ja das Lokal so einfach bestimmt habe. Schließlich weiß ich ja, dass sie, ohnehin nur zu dem pittoresken kleinen gemütlichen Heurigen wollen und die großen sogenannten Nobelheurigen eher meiden.«

»Ganz recht, das haben s gut gemacht!«

»Wenn sie wollen können wir gleich los. Ich nehme an, wir gehen zu Fuß, ist ja nicht weit von hier. Ich sagte ihr auch, wir sind so gegen 20 Uhr dort.«

»Gut, also gehen wir.« Vor seinem geistigen Auge sah Alex schon das appetitliche reichhaltige Buffet, durch das er sich jetzt durcharbeiten würde. Sein Magen schien auch so zu denken, denn der walkte plötzlich viel intensiver. Nur mehr wenige Meter trennten Sie vom Eingang des Lokals, über dem eine Laterne, darunter ein Buschen hing zum Zeichen dessen, dass eben „ausgesteckt“ war. Somit der Sturm auf das Buffet erfolgen konnte.

 

Plötzlich hielt ein Taxi vor dem Eingang, diesem entstieg ein junges Mädchen, ein sehr hübsches Mädchen, wie Alex auf den ersten Blick feststellte. Sie war schlank und wie er unschwer erkennen konnte, eine Schwarze. Ihre, so meinte er wahrscheinlich krausen Haare, waren zu unzähligen Zöpfen verarbeitet, an deren Ende bunte Perlen eingearbeitet waren, wie er belustigt sah. Sie trug ein schwarzes, sehr enges, Lederkostüm. Aus dessen, kurzem Rock endlos lange schlanke Beine kamen. Irene rief ihr zu,

»Vicky! Hallo! Hier sind wir!«

Victoria drehte sich um und strahlte sympathisch über das ganze Gesicht. Schneeweiße Zähne blitzten auf einmal auf und hätten jeder Zahnpasta Reklame alle Ehre gemacht, wie Alex fand. Sie kam auf sie zu, breitete ihre Arme aus und quietschte vergnügt,

»Iren! Ma chérie, bon soir !«

 

Irene ließ sich in Victorias offene Arme fallen, umschlang ihren Körper und küsste Vicky stürmisch. Alex stand daneben, bekam plötzlich Stielaugen, er war von Victorias Anblick und deren exotischer, auch erotischer Ausstrahlung fasziniert. Diese Faszination schlug jäh in Erstaunen um. Denn die Mädchen küssten sich, nicht wie er es erwartete, bei solchen Anlässen immer wieder sah, Bussis auf die Wangen. Nein, sie küssten sich inniglich auf den Mund und wie er sah unter Einbezug ihrer Zungen.

Sie lösten sich, Alex bemerkte, wie Victoria, lachend mit ihrer rosa Zunge über ihre ausgeprägten schwarzen vollen Lippen strich, als hätte sie gerade süße Schokolade gegessen. Irene ergriff das Wort,

»Vicky, das ist Alexander Rathey! Mon Patron! Wie du ja weißt.«

 

Victoria lachte ihn an, es war ein Lachen, das sehr herzlich wirkte,

»Enchantez, Monsieur ! Victoria Mogadè !«

»Hallo Victoria! Freut mich wirklich sie kennenzulernen!« Er spürte plötzlich ihre vollen warmen Lippen zweimal links, einmal rechts auf seinen Wangen. Irene verfolgte das Geschehen amüsiert und sagte,

»Victoria kommt nämlich aus Zaire, müssen sie wissen, ehemals belgisch Kongo, da herrschen ja ganz andere Sitten!« Sie erklärte es irgendwie Stolz.

»Aha!«, antwortete er, immer noch unter dem Eindruck des soeben gesehenen und erlebten.

 

»Aber lassen sie uns jetzt hineingehen, ich gehe gleich vor, ja?«

Während sie noch einige Schritte zum Eingang zurücklegten, die Mädchen gingen eingehängt hinter ihm, hörte er Irene, wie sie Victoria fragte,

»Que ce que tu pense?«

»Il et tres sympathique! Oui! C`est vrais!«

Höflich hielt ihnen Alex die Tür auf, als sie eintraten. Der Heurigenwirt begrüßte sie freundlich, gab jedem die Hand und führte sie an einen Tisch. Alex wartete gentlemanlike, bis sich die Mädchen setzten, nahm dann ihnen gegenüber Platz.

»Was möchten sie denn gerne trinken? Rot- oder lieber Weißwein?«

Fast einstimmig entschieden sich die beiden Frauen, für Weißwein, dazu Mineralwasser. Er bestellte entsprechend, während der Wirt die Tischkerze entzündete.

 

Victoria begann in ihrer Handtasche zu suchen, zog dann ein Längliches etwas heraus, es war in einem Leopardenfell eingerollt,

»Irene! Hier für dich, Bon anniversaire! Im Nachhinein!« Sie drückte ihr das Präsent in die Hand. Irene lachte etwas verlegen,

»Oh, Vicky danke dir!«

»Mach es gleich auf, ja? Schau nach, du liebst ja so was!« Victoria lachte und ihre Zähne blitzten, Alex war richtig geblendet. Irene rollte das Fell aus, zum Vorschein kam eine fast schwarze Holzstatue, vermutlich Kongo Nuss, gut 25 Zentimeter lang. Sie stellte einen nackten schwarzen Krieger dar, bewaffnet mit Speer und Schild. Er war anscheinend handgearbeitet, zwar etwas überproportional, besonders das Ding zwischen den Schenkeln, war sehr übertrieben, wie Alex fand. Victoria verkündete Stolz,

»Ich habe ihn mal in Albertville gefunden, als ich ihn so sah, habe ich gleich an dich denken müssen!«, sie hob ihre Hand vor den Mund und kicherte,

»Du weißt ja!«

»V i c k y !! Psst, lass das! Nicht jetzt, bitte!« Irene hielt ihr den Mund zu, etwas verzagt dreinblickend wandte sie sich an Alex, flüsterte ihm zu,

»Sie ist furchtbar! Eine richtige Plaudertasche!«, zu Victoria gewandt, sagte sie laut,

»Vicky, chéri, merci beaucoup!« Es folgte wieder ein inniglicher Kuss zwischen beiden.

 

Alex bemerkte wie die Gäste am Nebentisch zu glotzen anfingen. Gott sei Dank, kam gerade der Wirt mit dem Wein, das lenkte dann alle ab, wie er sah. Um nicht noch mehr aufzufallen, bestellte er beim Wirt, Fleisch, Salate, Käse und alles was ihm so, in seinem Hungerödem einfiel. Mit der bitte auch gleich alles auf Platten für drei Personen anzurichten. Er befürchtete, nachdem sich die zwei Mädchen, wie ein ausgehungertes Liebespaar benahmen, Sie würden wohl womöglich die heftigen Liebesbeweise vor allen Leuten am Buffet fortsetzen.

 

»Na dann prost! Meine Damen!«, er schob ihnen die Gläser zu, die er inzwischen füllte. Sie stießen dann alle zusammen an, er nippte nur an seinem Glas, hingegen die Mädchen ließen sich nicht lumpen und tranken ihre Gläser fast mit einem Zug, gut halb aus. Victoria fuhr sich wieder genussvoll mit ihrer rosa Zunge, über ihre vollen schwarzen wulstigen Lippen. Na Servus, dachte sich Alex, fängt ja schon gut an, die Damen scheinen ja äußerst durstig zu sein, hoffentlich vertragen Sie auch etwas. Irene sprach,

»Vicky, liebt unseren Wein! Aber keine Angst sie verträgt schon etwas!«, dabei streichelte sie zärtlich Victorias schwarzen Arm. Alex trieb die Neugierde, als er fragte, »Victoria, was treibt Sie denn eigentlich in unsere kalten Breitengrade?«

»Wissen sie, ich studiere hier human Medizin, im Gegensatz zu Irene. Das ist ja viel leichter, die Menschen können wenigstens sagen wo es ihnen wehtut!«, dabei lachte sie verschmitzt.

 

»Ja gut, aber was ist, wenn sie nichts sagen können?«

»Kein Problem, dann mache ich eben wie Irene, sofort eine Notschlachtung!« sie lachte gellend auf, beruhigte sich aber wieder und sprach gleich weiter,

»nun ernsthaft, bei uns herrscht nämlich großer Mangel in medizinischen Bereich, wissen sie? Ich möchte in meinem Leben einmal etwas Sinnvolles tun.«

»Das ehrt sie, wirklich! Welche Fachrichtung streben sie an?«

»Ich möchte gerne Kinderärztin werden, die Kinder brauchen es nämlich bei uns am meisten!«

 

Der Wirt erschien mit den Platten, der Tisch wurde beinahe schon zu klein, für die vielen Köstlichkeiten, die da zusammengestellt waren. Die Leute am Nebentisch starrten schon wieder. Alex war entzückt, über die vielen herrlichen Sachen, sein Magen ebenso, wie ihm schien. Die Mädchen schienen ihm ebenso beeindruckt zu sein.

»Bitte greifen sie zu! Ich hoffe es, ist auch alles da? Wir können noch etwas anderes bestellen, wenn sie wollen!«

»Ist ja der reine Wahnsinn!«, entfuhr es Irene, »ich fange gleich mit der Blunzn an, die sieht ja sehr lecker aus!«

»Dracula! Du!«, fauchte sie Victoria lachend an und fletschte ihre Zähne.

 

Alex konnte dem frischen Schweinebraten nicht widerstehen, bei der reschen Kruspel biss er sich fast einen Zahn aus. Er sah wie sich die Mädchen genussvoll durch die Platten durcharbeiteten, es freute ihn, dass es ihnen schmeckte, wie er sah. Bedenken kamen ihm nur, weil die Weinkaraffe ständig leer war, hingegen sein Glas noch halbvoll. Er deutete dem Wirt, der verstand auch gleich und er erneuerte öfters die Karaffe, wenn sie leer wurde. Wie oft wusste Alex nicht, denn er zählte ja nicht mit. Etwas später, als fast alles verspeist war, hatte Irene schon einen gehörigen Zungenschlag als sie sprach,

»Alex! Vielen Dank, für den heutigen schönen Abend und für die Einladung, hicks ... So gemütlich hatte ich es schon lange nicht ..., hicks, ich bin heute sehr glücklich ... hicks!«

 

Victoria grinste und flüsterte ihm zu,

»Jetzt hat sie Gevatter Bacchus aber voll erwischt! Es dauert sicher auch nicht mehr lange, und sie fängt dann zu singen an, ich kenne das ja bei ihr schon!«

»Haben sie etwas gegen Gesang?«, wollte Alex wissen.

»Absolument pas, pas de tout ! Verzeihung! Nein! Nicht im Geringsten, aber sie singt dann immer so ordinäre Lieder, wenn sie blau ist!«

»Ist ja toll, ich liebe nämlich ordinäre Lieder!« Alex grinste sie an.

Victorias Augen weiteten sich, sie blickte etwas entsetzt,

»Im Ernst? So hätte ich sie aber im ersten Moment gar nicht eingeschätzt!«

Alex lachte jetzt hell auf, »Das war nur Spaß! Seit wann kennen sie Irene eigentlich, dass sie so gut über sie Bescheid wissen?«

»Ich kenne sie schon gut vier Jahre!«

»He, he,Vicky! Was tuschelt ihr zwei denn da? Mach mich nicht eifersüchtig! Alex ist ein Mann! Mein Chef! Dadurch ist er gleich zweimal tabu! Verstehst du?« Irene sprach weinselig, lallend, mit trübem Blick und klopfte Victoria mit einem harten Schlag auf den Rücken.

»Ja, ja, schon gut! Irene, du brauchst dich ja gar nicht aufzuregen, ich liebe ja nur dich!«

»Das will ich aber auch hoffen! Du kleines schwarzes Biest!«, lallte sie und blickte sie schon etwas geistesabwesend an, sie griff zu ihrem inzwischen schon wieder leeren Glas, bemerkte, dass es leer war,

»Pah, gibt es denn in diesem Laden nichts mehr zu trinken? He, Wirt! Wein!« Rief sie laut ins Lokal.

 

Victoria zupfte Alex am Ärmel, flüsterte ihm zu,

»Wir sollten bald schleunigst von hier verschwinden, es ist jetzt bei ihr soweit!«, ihre Augen nahmen einen flehentlichen Blick an,

»Bitte, Monsieur Alex, brechen wir ab, es ist besser so, glauben sie mir!«

»Sie scheinen recht zu haben, die Heurigenweine haben doch so ihre Tücken, wie man so sieht!«

Er deutete dem Wirt, der sofort antrabte, mit sanfter Stimme leise sprach,

»Herr Rathey, ich sehe, Sie haben jetzt ein kleines Problem. Ich habe ohnehin alles aufgeschrieben, ich schicke Ihnen die Rechnung nach Hause. Wenn Sie wollen, rufe ich Ihnen auch ein Taxi, ja?«

»Das ist wirklich sehr nett von ihnen, ja bitte ein Taxi, Morgen komme ich vorbei und begleiche die Rechnung, Ok?«

 

»Ich bitte Sie! Das eilt überhaupt nicht! Machen sie sich jetzt keine Gedanken darüber! Ich gehe mal eben schnell telefonieren!«

Vom Nebentisch wurde wieder intensiv geglotzt, Alex wurde das irgendwie schon sehr peinlich. Einige Minuten später, erschien der Taxifahrer am Buffet, der Wirt deutete zu Alex’s Tisch, der Taxler, gut 130 kg leicht, mit Lederkappe, baute sich daraufhin wie ein Monument vor Alex auf,

»Wo wollens denn hin?«

Alex beschrieb ihm den Weg und nannte die Adresse.

Der Taxler wurde plötzlich wütend, lief plötzlich puterrot an und knurrte,

»Herns! A so a Frechheit, des san ja net amoi drei Minuten Faohrtzeit! Wegen so ana Fuhr, mi do herkumma lossn, sans bled? I geh ja no mit fünf Liter im Bauch weida ham! Aussadem speibt ma de klane vülleicht a no den Wogn voll!«, er deutete erregt auf Irene.

 

Alex bat den Mann, sich doch einen Moment hinzusetzen, er flüsterte ihm ins Ohr,

»Sie haben ja ganz recht! Aber sie sehen, ich habe einen kleinen Notfall. Hier ich gebe Ihnen fünfhundert Schilling für die Fahrt, aber fahren Sie! Verstanden? Sollte Ihr Wagen verunreinigt werden, gebe ich noch fünfhundert dazu, einverstanden?«, er zeigte dem Taxler das Geld.

»Also guat, fohr ma hoit, hoffentle speibt de klane a no!«, er grinste plötzlich breit und fletschte seine Goldzähne, ergänzend meinte er noch,

»wanns woin trog i`s ihna a no ausse. Tschechern tan's wia de Grossn, de klan Weiber! Vatrogn oba eh nix!«

Wenige Minuten später hielt das Taxi vor Alex Haus. Victoria zerrte Irene aus dem Wagen, die sang gerade laut und schrill, »Frau Wirtin! Hatte einen Knecht ...!«

Victoria versuchte, ihr den Mund zuzuhalten, und zischte sie forsch an,

»Psst, Iren ! Tais toit, merde!«, plötzlich schrie Victoria mit schmerzverzerrtem Gesicht gellend auf,

»Au!! Sie hat mich gerade in die Hand gebissen, dieses Luder!«

 

Der Taxifahrer gab inzwischen wieder Gas, scheint’s froh darüber, die illustre, aber doch Gewinnbringende Fuhre endlich los zu sein, wie Alex sich dachte. Er half Victoria, die Weinselige zur Haustür zu transportieren, das ihnen nur gemeinsam, mehr schlecht als recht, irgendwie dann doch gelang. Victoria keuchte nach der Anstrengung,

»Monsieur Alex, excusez, mais elle et terrible! Entschuldigen sie, aber ist sie nicht schrecklich, wenn sie blau ist?«

Während er in seinen Taschen nach dem Hausschlüssel kramte, antwortete er,

»Sie hat es wahrscheinlich auch vollkommen übersehen, der Wein ist tückisch, wenn man ihn zum Durst löschen so schnell wie Wasser trinkt!«

»Das ist wahr! Ich spüre ihn auch!«, erwiderte Victoria lachend.

Irene lehnte inzwischen an der Hausmauer, während Alex die Haustür aufsperrte, lallte sie,

»Vicky! Bleib bei mir! Ich liebe dich! Mon amour!«

»Ja, ja, ist ja schon gut« Victoria tätschelte sie zärtlich.

»Gell, du bleibst bei mir? Schlaf bei mir, ja?«, lallte Irene und umschlang Victorias Hals und hing an ihr, wie ein Schimpanse im Zoo, flehentlichen Blickes, lallte sie Alex zu, »Sie darf doch hier bleiben, ja?«, dabei zupfte sie Alex am Ärmel.

»Natürlich! Irene, wenn sie das will gerne, ich habe doch nichts dagegen!«

 

Alex war sogar froh über dieses Ansinnen, es war ihm eigentlich ganz recht, wenn Victoria dableiben würde. Sie könnte sich ja um Irene kümmern und er wäre wahrscheinlich diesen Abend eine Menge möglicher Probleme mit ihr los.

Sie brachten dann zusammen Irene ins Haus und bugsierten sie über die Treppe nach oben in ihr Zimmer, während sie unzusammenhängendes Zeug vor sich hin lallte. Trotzdem schien sie sich etwas beruhigt zu haben, als sie in ihren Suff mitbekam, dass Victoria über Nacht bei ihr bleiben wollte.

 

Alex ließ die beiden alleine und begab sich in sein Badezimmer, wo er sich gemütlich erst einmal duschte, und vornahm, sich bald hinzulegen. Irgendwie hatte er sich den Abend zwar etwas gemütlicher und auch angenehmer vorgestellt, dass Irene so entgleiste, war ihm ja von vorneherein nicht voraussehbar. Aber was soll's, sagte er sich, kann ja mal passieren. Bin wirklich gespannt, wie sie Morgen dreinschauen wird, die Kleine.

 

Am nächsten Morgen, er schlief in der Nacht, wie ein Bär im Winterschlaf. War ausgeruht und ziemlich neugierig, wie er sich zugeben musste, darüber, wie Irene mit ihrer Benebelung fertig geworden war. Er kam nach unten, hörte Geräusche aus der Küche, ging nachsehen. Irene war in voller Aktion und schien mit ihrem Zustand exzellent fertig geworden zu sein, denn sie summte lustig vor sich hin, während sie das Frühstück vorbereitete. Nachdem sie drei Gedecke auf tischte wurde ihm klar, dass Victoria noch anwesend sein musste.

»Schönen guten Morgen Irene! Wie fühlen sie sich?«, wollte er vergnügt wissen.

»Guten Morgen, Alex! Mein Kopf brummt zwar noch ein wenig, aber sonst geht es mir eigentlich ganz gut. Bin, ja selbst Schuld, so viel Wein ...! Ich Rindvieh hatte es total übersehen, vorher nichts im Magen und gewöhnt bin ich ja schließlich auch nichts. Verzeihen sie mir?«

»Ich bitte sie, machen sie sich keine Vorwürfe kann doch schließlich jedem mal passieren!«

 

»Ich schäme mich aber trotzdem! Wahrscheinlich habe ich mich auch ganz schrecklich daneben benommen, dafür hasse ich mich ja selbst!«

»Also, so schlimm war es nun auch wieder nicht!«, meinte er abschwächend.

»Wo ist denn eigentlich Victoria?«, wollte er neugierig wissen.

»Sie schläft noch, die Hexe!«, sie blickte etwas böse.

»Hat man Worte, gestern klang es aber anders, als sie über sie sprachen?«

»Nun ja, stellen sie sich vor, sie hatte mich mitsamt aller Bekleidung unter die kalte Dusche gestellt!«

Alex grinste innerlich und dachte, schade das hätte ich gerne mit angesehen, wäre in der Folge wohl sicher interessant gewesen, so als Zaungast? Er antwortete erstaunt, »Nein wirklich? Nun vielleicht hielt sie es aus rein medizinischer Sicht für zweckmäßig, sozusagen als Therapie! Hatte denn die Behandlung den gewünschten Erfolg?«, meinte er mit lauerndem Ton.

 

Erwartete sich aber keine Antwort darauf. Die Begebenheiten des Vorabends, zwischen den beiden, waren ihm eigentlich schon Antwort genug gewesen. Außerdem betrachtete er diese Frage als Retourkutsche, für ihre kleine damalige Notiz an der Kaffeetasse.

»So! Frühstück ist jetzt fertig! Ich hole jetzt schnell Victoria, sie haben doch nichts dagegen, wenn sie mit uns frühstückt?«

»Nicht im Geringsten! Im Gegenteil! Irgendein ein französischer Dichter, den Namen habe ich leider vergessen, sagte einmal: le plus quon ait, le plus quon's amuse! Ich halte das für einen sehr guten Spruch!«

Irene sah ihn einen Moment sehr verdutzt an, ihre Augen leuchteten wie Blitzlichter kurz auf. Er hatte den Eindruck, dass sie sich irgend etwas ganz schnell überlegte, hastig sagte sie dann,

»Ja, dieser Ausspruch hat schon etwas auf sich! Wie dem auch sei, ich gehe jetzt schnell Victoria wecken. Sie könnten ja inzwischen schon mit dem Frühstück beginnen.«

 

Alex saß am Frühstückstisch, er hatte sich Kaffee eingeschenkt, nahm gerade einen wohltuenden Schluck, als die beiden Mädchen Hand in Hand auftauchten.

»Hallo Victoria!«, sprach er freudig, als er sie so erblickte, »guten Morgen! Ausgeschlafen?«

»Oui merci, bon jour !« Antwortete Victoria freundlich, sie schien guter Dinge.

Die beiden Mädchen nahmen Platz und begannen gleich ordentlich zuzulangen, bei Ei mit Schinken schienen sie nicht zu bremsen. Er sah, dass Victoria, Sachen von Irene trug, denn die Ärmel waren für sie etwas zu kurz geraten. Sie war ja gut um zehn Zentimeter größer als Irene, auch wesentlich schlanker, der Pullover Irenes schlotterte etwas an ihr. Nun ja, dachte er sich, bekanntlich trocknet Leder wesentlich langsamer als jede Stoffart. Victoria war vom reichhaltigen Frühstücksangebot begeistert und machte große Kulleraugen, sie konnte sich partout nicht satt sehen und fragte Irene,

»Frühstückst du eigentlich immer so opulent?«

 

»Gewiss!«, sagte Irene, »Alex, legt ja immer größten Wert auf ein ausgiebiges Frühstück und ich halte eben mit, weißt du?«

»Lebst ja hier wie eine Made im Speck!«, meinte Victoria, sie strich sich noch ein Käsebrot. Alex war ganz entzückt, wenn Victoria sprach. Er fand ihr französisches Akzent einfach süß, könnte ihr auch stundenlang so zuhören. Zudem fand er sie auch noch als äußerst hübsch und er sah sie gerne, in ihrem natürlichen exotischen Charme. Victoria lächelte ihn an, wurde plötzlich ganz formell und sagte,

»Monsieur Alex, ich möchte ihnen für die Einladung gestern vielmals danken und auch für die Gastfreundschaft in ihrem Hause, wirklich, Merci Beaucoup!«

»Aber Victoria, ich bitte sie, war mir doch ein Vergnügen, sie kennenzulernen. Sie sind hier jederzeit herzlich willkommen! Ich werde berufsbedingt längere Zeit nicht hier sein, wenn sie Irene besuchen möchten, tun sie sich bitte keinen Zwang an, wenn sie will, können Sie sich jederzeit mit ihr hier im Hause treffen. Irene genießt mein volles Vertrauen, sie ist hier keine Sklavin oder Gefangene, sie hat im Hause völlig freie Hand!«

 

Victorias dunkle Augen blitzten freudig auf, ebenso ihre Zähne, als sie antwortete,

»Ich glaube es einfach nicht! Sie kennen mich erst ein paar Stunden und haben so viel Vertrauen zu mir? Das ist mir bisher in Österreich noch nie passiert!«

»Ich meine das sehr Ernst, was ich ihnen sagte, sollten sie bei uns hier aber andere Erfahrungen gemacht haben, tut es mir ja wirklich sehr Leid. Aber ich gehöre nicht zu jener Gruppe, die anderen Menschen schon von vorneherein mit Misstrauen begegnen!«

Victoria sah ihn irgendwie gerührt an und meinte dazu,

»Monsieur Alex, merci ! Sie machen vieles wieder gut! Ich werde es mir gut merken! Danke ihnen nochmals!«

»Schon gut, Irene weiß jetzt auch Bescheid. Bitte entschuldigen sie mich jetzt, aber ich muss noch einige Dinge erledigen, die keinen Aufschub dulden. Wie sehen uns noch, auf Wiedersehen!«

 

Er trank seinen Kaffee aus und begab sich ins Arbeitszimmer, denn er hatte unbedingt vor, den Produktionsplan zu bearbeiten und Termin-mäßig abzustimmen und mit dem Veranstaltungskalender zu vergleichen. Er wollte unbedingt vermeiden, in irgendwelche Zeitprobleme zu rutschen. Denn er wusste ja genau, dass der Tag der Wahrheit immer näher rückte, wo er den vollen Einsatz, für das Geld, dass man ihm bezahlte, leisten musste. Es wäre ihm ein Gräuel, in irgendwelche Kalamitäten zu gelangen, die seine Termine durcheinanderwirbeln könnten. Eine Sache ruhte ohnehin schon belastend auf seinen Schultern, die Angelegenheit mit Sibylle, in der, seit der Entschluss gefallen war, seinem Verständnis nach, wenig bis eigentlich gar nichts weitergegangen war.

 

Sibylle war danach einfach von der Bildfläche verschwunden, gab einige für ihn nicht nachvollziehbare Zeichen von sich und das war's dann eigentlich schon gewesen. Es widerstrebte ihm sehr, in dieser Sache, in die Untätigkeit verbannt worden zu sein. Andererseits wurde ihm jetzt schon die Zeit äußerst knapp. Bei genauer Sicht der Situation, blieb ihm also nichts anderes übrig, als weiter in abwartender Haltung zu bleiben und die Dinge auf sich zukommen lassen zu müssen. Interessiert nahm er sich die Unterlagen vor, die ihm seinerzeit vom Produktionsleiter überlassen wurden. Stellte rasch fest, dass bei konzentrierter Arbeitsweise gut acht Tage genügen würden, die Arbeiten zu erledigen. In gut zwei Wochen müsste er ja wieder das erste Rennen bestreiten, bliebe also noch ein kleines Polster von ein paar Tagen, sollte doch etwas Unvorhergesehenes eintreten.

 

Er wählte die angegebene Telefonnummer, die auf der Terminaufstellung vermerkt war,

»Sasha Bogdan! Hier«, vernahm er eine Stimme in knappen Ton.

»Rathey hier! Grüß Gott! Ich möchte mit ihnen wegen der Termine sprechen!«

»Ah, ja! Gut! Warten sie bitte, ich nehme schnell mal den Kalender. Wie sieht es denn bei ihnen aus?«

»Nun, ich habe den Unterlagen entnommen, alles in allem würden acht Tage nötig sein, für Film und Fotoserie und ich denke, am besten wäre es, in einem Zuge die Dinge zu erledigen. Ich stehe ihnen daher ab übermorgen acht Tage lang hintereinander zur Verfügung. Ich konnte meine Verpflichtungen so einrichten, dass es möglich wurde. Was halten sie davon?«

»Prima, Herr Rathey, ja sogar wunderbar! Trifft sich prächtig. Morgen schließen wir gerade eine andere Produktion ab. Wir könnten dann gleich, die Magenbittersache in die Kiste bringen! Sehr gut, habe alles notiert. Wir sehen uns dann um neun Uhr im Studio, Adresse haben sie ja, Ok?«

»Ja gut, Adresse steht hier! Also, bis übermorgen dann!« Alex war erleichtert, sogar sehr erleichtert. Er befürchtete schon ein zähes Ringen um Stunden und Minuten, womöglich tagelange Unterbrechungen hinnehmen zu müssen, die ihm nunmehr viel kostbare Zeit und einiges an Nerven kosten würden.

 

Zum Glück, war dem nicht so, wie er ja hörte, dieser Sasha erwies sich als ungekünstelter agiler Mensch, der scheinbar genau wusste, was er wollte. Außerdem interessierte ihn das Projekt sehr, denn er erhoffte sich so einiges davon, auch tiefe Einblicke in die Welt der Werbung, die ja für ihn vollkommenes Neuland darstellte.

Nachdem nun der Fall geritzt war, schnappte er sich den Geldkoffer und fuhr damit schleunigst zur Bank. Dort mietete er kurzerhand einen Safe, in dem deponierte er dann eines der Geldpakete. Den Rest zahlte er auf sein Konto ein. Wunderte sich, dass die Bankleute, die waren zwar sehr zuvorkommend und freundlich, von der ganzen Transaktion wenig beeindruckt waren. Es schien sich für sie, um eine ganz banale alltägliche Routineangelegenheit zu handeln. Eigenartig, sagte er sich, wenn du wenig, bis gar nichts, am Konto hast, sind die „Banker“ viel interessierter. Doch ist das Konto gestopft, finden die es scheinbar gar nicht so toll, zumal sie auch noch Zinsen dafür geben müssen und welche Bank bezahlt schon gerne etwas. Nun wie dem auch sei, er war zufrieden die Dinge vorerst doch erledigt zu haben, zumindest einen Teil davon, die ihm ja gewissermaßen schon unter den Nägeln brannten.

 

So fuhr er wieder nach Hause. Irene war inzwischen wieder alleine, vor gut einer Stunde war Victoria gegangen, wie sie ihm sagte. Sie schien darüber gar nicht glücklich, denn ihre Stimmung war etwas gedrückt, warum konnte er sich nicht erklären, er fragte sie auch nicht danach. Irene sagte ihm auch noch, ein gewisser Herr van Leupen, der mit französischem Akzent sprach, wollte sich mit ihm treffen. Er wäre nach 19 Uhr in seinem Hotel erreichbar und ließe um Rückruf bitten. Die Nummer des Hotels wäre auf dem Telefonblock notiert.

Er bedankte sich für die Nachricht und erklärte, er werde nicht vergessen Herrn van Leupen rechtzeitig zu kontaktieren.

Es war kurz nach 19 Uhr als er zum Hörer griff, er ließ sich mit Herrn van Leupen verbinden, der Rufton klang mehrmals an sein Ohr, dann hörte er,

»Marcel van Leupen!«

»Hallo Marcel! Alex spricht! Freut mich, dass sie schon wieder in Wien sind, wie geht es ihnen?«

 

»Ah Alex! Bonne soirée! Isch war eute bei COP wegen Informationen, gans interessant muss isch schon sagen!«

»Verstehe! Marcel, was halten Sie denn davon, wenn wir uns irgendwo zusammensetzen würden und alles persönlich besprechen! Haben Sie Zeit?«

»Ja, natürlisch! Isch würde misch freuen!«

»Wann, wäre es möglich?«

»Sagen wir Morgen abends? Eute bin isch mit COP Leute zusammen!«

»Ja gut! Ich schlage vor, ich hole sie im Hotel ab, wir fahren dann ins Zentrum und ich zeige ihnen dann ein wenig von Wien by Night, Ok? So gegen 20 Uhr komme ich vorbei, ist das gut für sie?«

»Parfaitement, Alex, isch freue misch! Bis morgen! Au revoir!«

»Ok! Marcel, schönen Abend noch!«

 

Bevor er mit ihm sprach, überlegte er sich seine Vorgehensweise genau. Es wäre ihm ja ein Leichtes gewesen, ihn zu sich nach Hause einzuladen. Irene zu bitten etwas vorzubereiten. Er wusste, dass Marcel eher nicht, der Stubenhocker war und es eigentlich nirgends lange sitzend aushielt. Sondern viel lieber etwas unternahm und von einem Lokal ins andere zog, wobei er vor allem Nightclubs bevorzugte. Wollte er ihm die Freude machen und ihn etwas in der Stadt ausführen. Dabei könnten sie ja auch bestimmt in ungezwungener Atmosphäre alle Dinge besprechen. Bedenken kamen ihm nur in der Richtung, da er wusste, dass Marcel immer dazu neigte die Nacht zum Tage zu machen. So vermutete er, dass ihm wieder eine sehr lange anstrengende Nacht mit ihm bevorstehen würde. Aber was soll's, dachte er sich, machst es ja schließlich nicht jeden Tag und einmal so zwischendurch wirst du es schon mal aushalten.

 

Ihr Verhältnis zueinander war zwar kollegial, höflich und auch nett. Als einträchtig bezeichnet, wäre es aber eine Riesenübertreibung. Sie arbeiteten zwar zusammen, sogar gut zusammen, verfolgten gemeinsam gewissenhaft die Ziele ihres Brötchengebers, dennoch war das Verhältnis zueinander, durch eine gewisse Rivalität belastet, wie Alex immer empfand. Marcel ließ sich niemals vollends in die Karten sehen, sprach wenig, bis gar nichts über seine beruflichen Karriereziele. Er taktierte ständig herum, um bei COP für sich Vorteile herauszuholen, die ihm einen Vorsprung bieten würden. Wobei ihm Alex in dieser Hinsicht auch in nichts nachstand, wie er sich Fairerweise zugeben musste. Hinzu kam noch das System bei COP, dem sie unterworfen waren. Dem durchaus tückischen und brutalem System, dennoch verständlich, wie er meinte, denn COP gab ja die Order aus, es müsste einer von beiden, immer innerhalb der Wertung liegen, um jeden Preis, egal wer von beiden.

 

Dass es deshalb zu Kalamitäten kommen würde, ja kommen musste, lag ja schon klar auf der Hand. Es gab eben in der Wertung nur einen ersten Platz, den eben jeder für sich beanspruchte, ja sogar beanspruchen musste. Denn wer, gibt sich denn schon freiwillig mit hinteren Plätzen zufrieden, wenn derjenige halbwegs Ernst genommen werden wollte und sein Bestreben war ja Ernst genommen zu werden. Im Bergrennsport, so sagte er sich, hast du keine Zeit, die Uhr läuft genau und unerbittlich, gemessen wird schon in hundertstel Sekunden. Da hast du einfach keine Wahl, als rein in die Kiste – losfahren – Nerven ausschalten und Vollgas, Vollgas und noch einmal Vollgas! Ob es dann gut war und auch Zeit mäßig reichte, sagt dann die Uhr, dieses unbestechliche Mistding. So ist das eben, dachte er sich, wie schön sind doch da, die Tourenwagenrennen auf der Rundstrecke.

 

 

Da kannst du dich an die Gegner listig an schleichen, drängeln, den anderen mit allerlei faulen Tricks, die Suppe ordentlich versalzen. Dich eben wie eine reine Pistensau oder auch als fairer Sportsmann bewegen. Dort hast du dabei eben vielerlei Möglichkeiten. Es ist ja auch ganz klar, dass es dann, dazu eine genaue Stallorder geben muss. Besonders dann, wenn zwei, aus dem gleichen Rennstall fahren und das ist im Allgemeinen ja die Regel. Dann ist eben einer der „Chef“, der andere hat ihn zu decken, sich unterzuordnen. Darf nur dann, wenn dem Chef etwas passiert, in Angriffsposition gehen.

 

Sollte der Domestik, aus Gründen wie immer, dieses ungeschriebene Gesetz brechen und vielleicht versuchen seinen Chef während des Rennens in die Pfanne zu hauen, womöglich dann auch noch zu gewinnen. Dann sollte er gleich nach dem Rennen, an einen Berufswechsel denken, zumindest trifft es auf die meisten Rennställe zu, wie er ja auch schon wusste.

So gesehen war ihr Verhalten zueinander durch die gemeinsame berufliche Tätigkeit bestimmt. Sie waren einander gleichgestellt, bei Bergrennen gab es keinen „Chef“, da musste jeder ganz auf sich alleine gestellt, sein Bestes geben. Logischerweise versuchte eben jeder, den anderen zu übertrumpfen und das meiste für sich heraus zu holen, was ja auch dem Sinn der Stallorder entsprach, wie Alex wusste. Er sagte sich auch, wenn man die berufliche Tätigkeit ausklammerte, verstanden sie sich auf rein menschlicher Ebene, bis auf einige wenige unwesentliche Punkte eigentlich ganz gut und es bestand zwischen ihnen fast keine gegensätzlichen Auffassungsunterschiede.

 

So gesehen, sagte er sich, beruhen unsere Konflikte mehr auf beruflicher Basis und dort werden wir die belassen müssen und mit allen Konsequenzen auch voll austragen. Seinerzeit nahm er sich ja auch vor, Konflikten und Problemen, nie mehr wieder aus dem Wege zu gehen. Sondern den Stier gleich bei den Hörnern zu packen und auf jeden Fall Herausforderungen, so hart sie für ihn auch sein mögen, anzunehmen. Frei nach dem Motto: Nur, die härtesten kommen durch und davon auch nur drei Prozent, wie er mittlerweile glaubte zu wissen.

 

In den vergangenen rennfreien Monaten, konnte er in ruhigen Zeiten und deren gab es einige, häufig in sich gehen, über sich nachdenken. Er kam bei diesen Überlegungen zur Erkenntnis, es haben sich große Veränderungen in ihm vollzogen, die sogar sehr tragend wurden. Früher, noch vor der Zeit bei Baumann, so wusste er, ließ er sich gerne treiben, stark von außen beeinflussen, auch manipulieren. Ging oft den Weg des geringeren Widerstandes, ordnete sich unter, ebenso ein, wollte es jedem recht machen. Als das ganze System, das eigentlich keines war, wie er ja dann auch schmerzlich feststellen musste, in einem Fiasko endete. Er daraufhin beschloss, grundlegend fast alles, in seinem Leben zu ändern. Sich plötzlich auch klare Ziele vorgab, die er so hart sie auch zu erreichen wären, trotzdem nicht verfehlte.

 

Manche davon, schon mit mehr Glück als Verstand, wie er sich rückblickend sagte und sich auch selbst zu geben, musste. Aber genau das, empfand er, als den Wendepunkt schlechthin. Dann die „Ziele“, denn ohne Ziel – kein Weg, ohne Weg – keine Richtung. Seinerzeit, so kam es ihm bildhaft vor, trieben die Dinge seines Lebens wie Strandgut, Richtungslos irgendwo hin. Wurden von Wellen umspült, manchmal wärmer und sehr oft auch kalt, trotzdem immer hin und hergerissen. Erst als Umstände eintraten, brauchbares vom unbrauchbaren zu trennen, konnte daraus noch etwas Sinnvolles entstehen.

 

Die Umstände stellten für ihn geistig seine Ziele dar. Oder war es sein Zweites ich gewesen? Die genaue Definition darüber, schien ihm noch nicht klar genug, darüber wollte und musste er, noch in Ruhe genau nachdenken, wie er sich vornahm.

Nicht ganz ohne Stolz auf das bisher erreichte, nahm er sich auch vor, seine Position im Rennsport zu festigen, auch zu erweitern. Festigen bedeutete für ihn, die Erreichte Staatsmeisterschaft unbedingt zu halten und als Erweiterung, in Richtung Europameisterschaft zu denken und diese auch zu erreichen. Es wurde ihm auch vollkommen klar. Er würde ja zur Erreichung der Europameisterschaft einen Rennstall brauchen, der in diesem Umfeld aktiv ist, natürlich auch vollkommen wettbewerbsfähig und dieses Ziel auch verfolgte.

 

COP war es ja im Moment nicht, wie er wusste. Einmal sprach er ja schon einmal mit Cindy in dieser Richtung. Sie sagte ihm, man würde zwar innerhalb der Organisation darüber nachdenken. Doch Amerika wäre ja bekanntlich weit weg und dort hätte man gerade durch gegebene Markteinbußen, in den USA, im Moment ganz andere Sorgen. Als sich, jetzt schon mit dem europäischen Bergrennsport im Detail auseinanderzusetzen. Oberste Priorität und definierte Zielsetzung für COP sei eben laut Plan, den erreichten Erfolg zu halten und mit Krallen und Klauen um jeden Preis zu verteidigen. Die Teilnahme an der Europabergmeisterschaft wäre zwar geplant, aber in dieser Saison sicher noch Zukunftsmusik.

 

Alex begriff darauf hin sehr rasch, dass seine Intentionen nicht unbedingt mit denen COP`s identisch, schon gar nicht zeitgleich sind. Möglicherweise bist du viel zu schnell in deinen Plänen, als die gut bezahlten Konzernstrategen, in irgend einer Palisander Etage, irgendwo in einem gläsernen Wolkenkratzer, in deren glänzenden Augen die Dollarzeichen grell leuchten. Es war ihm eigentlich, aus seiner Sicht, völlig unverständlich, wozu denn einen bestehenden Titel krampfhaft verteidigen und halten zu wollen. Wenn eben andere Wichtigere, zu gewinnen wären. Es kam ihm vor, wie einer, der auf der Leiter steht, sich riesig freut, dass er dort ist. Vor lauter Freude sich nicht traut, die nächste Sprosse zu besteigen. Wohin sollte denn der, mit seinem Zögern wohl hinkommen? Ganz bestimmt nicht nach oben. Alex hingegen wollte auf jeden Fall, und zwar schnell, nach oben, ganz bestimmt, und zwar rasch ganz nach oben.

 

Immer mehr beschlich ihn der Verdacht, dass COP irgendein Spiel trieb, dem er geistig nicht ganz folgen konnte.

Cindy war zwar hier im Lande die Chefin, hatte schon eine gewisse Macht. Doch die Generallinie, legte anscheinend doch jemand anderer fest, die Frage für ihn war nur, nach welchen Kriterien?

Es war ihm ja schon auch klar, dass in einem großen Konzern, Entscheidungen eine gewisse Zeit dauern. Da jagt vorher ein Meeting das andere, wenn dann alle, endlich vorbei sind, könnte so manche getroffene Entscheidung, durch den damit verbundenen Zeitverlust, Einflüsse und Gegebenheiten von außen, schon veraltet und obsolet geworden sein. Er fragte sich daher, ob auf längere Sicht COP in Zukunft überhaupt der richtige Arbeitgeber für ihn ist. Er hatte auch nicht vor, so wie der Mann auf der Leiter, sich lange zu überlegen, ob er eine Sprosse nach der anderen besteigen wolle. Ihm war ganz klar, er würde ohne zu Zögern, die Leiter hinaufsteigen, selbst dann, wenn er dabei außer Atem geriete, und zwar bis ganz nach oben.

 

Diese Techtelmechtel, mit den zu vergebenden Superposten innerhalb von COP, diese Taktiererei, wer macht was, wann? Ging ihm irgendwie schon gehörig auf die Nerven. Er bekam ja mit, dass die betroffenen Leute, plötzlich ganz anders dachten und sich auch anders verhielten. Denen ihre eigene Brieftasche anscheinend viel wichtiger wurde, als ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

 

OK, sagte er sich, du bist zwar im Moment gut dran. Verdienst auch ganz ordentlich, hast keine finanziellen Sorgen. Arbeitest nur ein paar Monate im Jahr, das dann zwar fleißig. Riskierst immer dabei, dass du eines Tages nicht mehr heimkommst, oder dein restliches Leben irgendwo als Krüppel im Rollstuhl verbringen musst. Die arbeitsfreie Zeit, gammelst du irgendwie herum, kommst auf blöde Gedanken mit Frauen und so. Plötzlich taucht der alte Fette, nach Zigarrenrauch stinkende, Krakorian auf. Wirft dir, einen Haufen Geld vor die Füße, für ein bisschen Zelluloid und öde Sprüche. Im Endeffekt bringt es auf ungefährliche und leichte Art dreimal so viel ein, wie du, das ganze Jahr über bei COP bekommst.

 

Da stimmen doch die Proportionen einfach nicht, dachte er sich zähneknirschend. Einfach nicht auszudenken, was du alles noch erreichen könntest, wenn du die Dinge gezielt, wohlüberlegt und professionell angehen würdest. Verglichen zu den Typen in der Formel 1, oder den Kerlen, die in Amerika die Dampfnudeltopf-Rennen fahren, Indianapolis usw., den Rallye-Assen, die, die Weltmeisterschaft bestreiten, bist du doch noch ein ganz kleines Licht.

 

Alle bekommen ja für einen Wettbewerb, mehr Kohle, als du, das ganz Jahr. So schaut es doch aus, das ist doch die ungeschminkte Realität, da brauchst du dir doch absolut nichts vorzumachen.

Andererseits, was machen denn diese Typen schon anderes, als ich? Fragte er sich, denn mehr als gut und schnell fahren, können die ja auch nicht. Jetzt hängst du mit einem Rennstall herum, der am Anfang große Sprüche klopfte, wie ein Pilz erfolgreich aus der Erde schoss und plötzlich irrsinnige Angst vorm weiteren Wachstum hat.

 

Nein! Nicht mit mir! Auch so nicht! Dachte er sich, am besten ist wohl, du fährst diese Saison noch einmal brav durch und machst dabei einen Hals, wie eine Giraffe, um sich alle anderen dir bietenden Gelegenheiten, schön von oben, wahrnehmen zu können.

 

27. Kapitel

 

Wie ausgemacht holte er dann Marcel vom Hotel ab, fuhr mit ihm ins Zentrum, parkte dort in einer Tiefgarage. Zu Fuß machten Sie sich auf den Weg zum nahegelegenen Stefansplatz. Ihr Weg führte durch die kleinen engen Gassen, die den Platz umrahmten. Zunächst wollten sie ein gutes Restaurant finden und erst einmal gemütlich zu Abend essen. In einer kleinen Gasse, stießen sie dann auf ein Bistro, das eine für Marcel verlockende Speisekarte, in einem Glaskasten am Eingang feilbot.

 

Zu lesen stand, Beefsteak, Pommes frites, Schnecken und all dem Zeug, der Nouvelle Cuisine, dem Marcel einfach nicht widerstand. Das er dann drinnen auch eilig bestellte. Alex war zwar nach einem kräftigen Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat zumute, doch dafür war das Lokal, die falsche Adresse, wie er schnell merkte. So bestellte er sich ebenfalls ein Steak, die Schnecken empfand er als grässliches Ungeziefer und ließ sie daher einfach weg, begnügte sich mit einer herzhaften Bouillon mit Ei. Marcel vollauf begeistert über die erhältlichen Halbliterkrüge Bier, die es ja in Belgien fast bis überhaupt nicht gab, wie er sagte, schüttete dann gleich zwei davon hintereinander in sich hinein.

 

»Nun, Marcel, wie ist es ihnen denn in letzter Zeit in Belgien ergangen?«, wollte Alex wissen um das Gespräch in Gang zu bringen.

»Oh, wirklisch gut! Viel Familie, als es schon zu viel wurde, habe isch ein wenig Vancance, äh, wie sagt man in Deutsch? Äh, Ferien, mit Freundin gemacht, in den Ardennen. Andere Zeit abe isch viele Automobile verkauft, gutes Geld gemacht!«

»Was? Wirklich? Sie verkaufen auch Autos?«

»Meine Vater, hat große Autogarage in Bruxelles, wissen sie? Sehr große Ford Garage!«

»Interessant! Wann werden sie eigentlich nach Österreich übersiedeln? Cindy, sagte da so etwas in der Richtung?«

»Isch weiß noch nicht! Bin gar nich sischer, ob isch überhaupt fest nach Österreich ziehen werde!«

 

»Ja, irgendwie kann ich das sogar verstehen, schließlich sind Sie während der Rennen sowieso nie hier, selbst wenn Sie einen Wohnsitz in Wien hätten.«

»Is korrekt, wir leben ja immer aus Koffer, wie sie wissen!«

»Was glauben sie, wie wird denn die nächste Saison?«

»Isch weiß nischt ob ich die ganze Saison überaupt fahren werde für COP!«

»So? Sie wollen sich verändern?«

»Wissen Sie Alex, es ist so bei misch, Bergrennen ist nicht meine Welt! Isch möchte viel lieber Rundstreckenrennen oder Rallyes fahren!«

»Haben sie schon Angebote dafür? Weiß man bei COP darüber Bescheid?«

»Angebote abe isch schon, aber sagen sie nicht zu Cindy, isch werde selbst mit sie spreschen, Ok?«

»Natürlich, schließlich ist es ja ihre private Angelegenheit, ich mische mich da nicht ein, in keiner Weise. Tut mir auch Leid falls sie das so aufgefasst haben!«

»Außerdem hat misch die Manipulation ier nischt gefallen, letzte Jahr!«

»Wie meinen sie das?«

 

»Alex, wissen sie, isch glaube fest, dass man mit misch ier nischt ehrlisch war. Man at meine Wagen absichtlisch manipuliert, das denke isch.«

»Wie kommen sie denn darauf?«

»Wahrscheinlisch wollte man, dass eine österreichische Fahrer gewinnt und keine Belgier!«

»Marcel, ich glaube jetzt sie machen sich da etwas vor. Die internen Untersuchungen haben doch eindeutig ergeben, dass die Technik von COP den Fehler begangen hat, unabsichtlich! Typische österreichische Schlamperei, wie ich meine!«

»Mais oui, aber isch glaube es nischt, isch verstehe dass sie das so sagen!«

»Marcel, trösten sie sich! Für mich sind sie, letztes Jahr der Gewinner! Die Zeiten bei den Rennen, die sie gefahren sind, kann Ihnen niemand mehr wegnehmen, auch wenn Punkte gestrichen wurden, ihre Leistung bleibt aber doch in jedem Fall bestehen, verstehen sie?«

»Ok, es ist fair, was sie sagen, merci!«

 

 

»Marcel, schauen sie, eine neue Saison bedeutet eine neue Chance für alle! Was nützt es eigentlich, wenn irgendeiner zum Beispiel von sich sagen kann, ich war neunzehn hundert-soundso, Weltmeister in irgendetwas! Wenn derjenige sonst nichts daraus machen konnte, bringt es doch außer dem eigenen Ego, eigentlich auch nichts, oder?«

»Oui, so gesehen aben sie sischerlisch Recht! Aber spreschen wir jetzt etwas anderes, ja?«

»Also, gut, lassen wir einfach dieses traurige Kapitel, ich verstehe ja, dass sie sich darüber immer noch ärgern. Mir ginge es wahrscheinlich auch nicht anders. Kommen Sie, wir ziehen jetzt ein bisschen durch die Nightclubs, das bringt uns auf andere Gedanken, was meinen sie dazu?«

»Oh, oui, parfait ! Gibt es wenigstens schöne Mädchen dort?«, er trank gerade ein viertes Bier aus.

 

»Natürlich, jede Menge und alles was sie wollen!«

Alex ließ den Ober kommen, verlangte die Rechnung, die auch prompt kam. Sie spazierten über den Stefansplatz, nahmen über die Kärtnerstraße, die Richtung zur Oper. Unterwegs war dann die grell erleuchtete Reklame einer Bar, die sprang Marcel ins Auge, die sogleich zu leuchten begannen, wie Alex bemerkte.

»Ist das dort gut?«, wollte Marcel wissen, rückte seine Krawatte zurecht.

»Gehen wir doch einfach hinein, ich, war ja noch nie dort. Wenn es uns dann nicht gefällt, könnten wir ja immer noch woanders hingehen!«

Der Türsteher, in einer Art Operettenuniform, mit breitem Grinsen, öffnete das Portal.

Sie kamen in einen schummrig beleuchteten Vorraum, artig gaben sie ihre Mäntel an der Garderobe ab. Ein Kellner, der eher wie ein Gorilla anmutete, begleitete sie ins Lokal. Wollte ihnen gleich einen Tisch für vier Personen anbieten, wobei er gleich zwei Mädchen heranwinkte, die er dazusetzen wollte.

Marcel stöhnte auf,

»Ah non! Un moment! Wir gehen an die Bar, oui?«

 

Der Gorilla blickte gleich böse, fügte sich aber mehr oder minder zähneknirschend.

Marcel zupfte Alex am Ärmel, während sie auf den Barhockern Platz nahmen, er flüsterte ihm zu,

»Olala! Die sind ja noch schneller, als wir beim Rennen!«, er grinste verschmitzt dabei.

»Marcel, was trinken sie?«

»Bierre, sil vous plait !«

Alex bestellte Bier und für sich Campari Orange. Die Barmaid, natürlich oben ohne und nur mit einem winzigen glänzenden Slip bekleidet, lächelte kokett und richtete die Getränke her.

Marcels Augen klebten an der ausgesprochen knackigen Figur der Barmaid, wie Alex bemerkte, wäre sie nicht schon beinahe nackt gewesen, durch Marcels Blicke, wäre sie es jetzt sicherlich schnell geworden.

»Regardez, Olala ! Elle et belle !«, entfuhr es Marcel, als er das Bier in sich kippte, »Übsch, die Kleine! Nicht?«, fragte er Alex noch einmal.

 

Der antwortete, »Eigentlich ja, sehr hübsch und so popolär!«

Alex ließ seine Blicke im Lokal umherschweifen, gegenüber der Bar befand sich eine Bühne, davor einige unbesetzte Tische. Seitlich an der Bühne, gab es Nischen, an deren Tischen einige Gäste gelangweilt lümmelten. Leise Pianomusik, vermutlich von einer Platte wie Alex glaubte, schwirrte durch den Raum. Er dachte sich, ein typisches Nepplokal, die Gäste waren überwiegend Ausländer und darunter jede Menge Japaner, die laut, mit den Animiermädchen herum schäkerten. Bei näherem Hinsehen, entdeckte er überall ziemlich viel Staub, der rote Teppichboden war schmuddelig und fleckig, an manchen Stellen glänzte er speckig, im rötlichen Schein der kleinen Tischlampen.

 

Marcel schien das alles aber nicht zu bemerken. Es blieb anscheinend seinen von bereits sechs Bier getrübten Blicken verborgen. Denn Alex sah bei ihm keine Anzeichen von Abneigung gegen den Laden. Denn Marcel unterhielt sich inzwischen angeregt mit der Barmaid, die ausgesprochen gut Französisch sprach und heftig mit ihm flirtete, wie Alex verwundert feststellte. Etwas später versuchten dann zwei Mädchen ihr Glück bei ihnen. Alex schickte sie jedoch höflich, aber bestimmt wieder weg, die gefielen einfach nicht, die eine roch stark nach Knoblauch, die zweite war in ihren Bewegungen so graziös, wie ein Nilpferd. Mist verdammter, sagte sich Alex. Warum spricht die Barmaid auch ausgerechnet noch Französisch und nicht etwa Türkisch, Spanisch oder sonst was.

 

Jetzt bleiben wir sicherlich eine ganze Weile in dem miesen Laden hängen, der ihm überhaupt nicht gefiel. Der Gorilla schlich ständig, ziemlich sauer dreinblickend, um sie herum, vermutlich da sie seine Dienste gar nicht in Anspruch nahmen.

Marcel schäkerte ziemlich lautstark mit der Barmaid herum, sie schien glücklich darüber, sich nicht weiter langweilen zu müssen, und ein bisschen Umsatz machte sie auch noch dabei.

 

Marcel war bereits bei Bier Nummer acht, Alex noch bei Campari Nummer eins, aus Verzweiflung bestellte er sich einen großen Braunen, der eindeutig nach Seife schmeckte. Er begann sich schon etwas zu langweilen, fragte den Gorilla, ob es denn, eine Show geben würde. In dreißig Minuten wäre es soweit, gab der von sich und gähnte herzzerreißend dabei. Vorsichtig fragte er, Marcel, der sich bei der Knackigen immer mehr ins Zeug legte,

»Marcel! Gefällt es ihnen eigentlich hier? Ich ...«, weiter kam er gar nicht.

Denn der antwortete vergnügt, »Ein wenisch noch Alex, es ischt gerade sehr lustig mit sie, isch abe ihr gerade 1.000,-- für ihre Slip geboten. Sie will aber nur für 4.000,-- verkaufen. Muss isch noch sehr art verhandeln, sie verstehen?«

 

Na prima, dachte sich Alex, das wird sicherlich Stunden dauern, langsam geriet er an den Rand der Verzweiflung. Plötzlich, ein Trommelwirbel kündigte Aktion auf der Bühne an, Scheinwerfer flammten auf, tauchten den Vorhang in bläuliches Licht. Ein Typ mit einem ziemlich blassen Gesicht, wie dem einer Wasserleiche, in einem für ihn viel zu großen Frack, stand etwas steif da und kündigte lautstark, wie eine Weltsensation, die kommende Show, mit den Worten,

Ladies and Gentlemen’s! The show begins now! As first, our international star, Miss Lilly!, an.

 

Die Japaner spendeten daraufhin stürmischen Beifall, als ob Hiroito himself, jetzt gleich auftreten würde. Selbst die Barmaid klatschte heftig und ihre Brüste wippten dabei wie Medizinbälle, daraufhin erhöhte Marcel, gleich das Angebot auf 1.200,--, wie Alex hörte.

Der Vorhang öffnete sich langsam, ein Herzschmerzstück ertönte, dessen Titel Alex nicht kannte. Miss Lilly, vermutlich mit bürgerlichen Namen, Eulalia Muckenschnabel, oder so. Wahrscheinlich aus der Gegend um Mistelbach oder sonst irgendeinem verschlafenen Nest, wo niemand Geld verdienen konnte, wie sich Alex so dachte. Miss Lilly bewegte sich zur Mitte der Bühne, wo als Requisit, ein wackliger Stuhl auf Aktion wartete. Miss Lilly tanzte um ihn etwas herum und begann sich langsam auszuziehen.

 

Ihre Darbietung wirkte so erotisch gekonnt, wie, wenn sich Frau Müller in der Praxis beim Frauenarzt entkleiden würde. Der schwache Applaus, sogar der Japaner, bestärkte Alex in dieser Wahrnehmung noch. Mittlerweile bekam er Sehnsucht, eine große Sehnsucht, nach seinem Bett. Marcel stand nun bei Bier Nummer neun und bei Slip-Angebot 1.500,-- und die Uhr an der Bar stand bei 23.30, wie Alex mitbekam. Etwas später, Marcel musste verständlicherweise seinen Blasenüberdruck regulieren, wie er sagte, verschwand eilig von der Bar. Alex nützte diese einmalige Gelegenheit, der Barmaid rasch viertausend zuzustecken, und bat sie, Marcel bei seiner Rückkehr, den nunmehr käuflich erworbenen Gegenstand auszuhändigen.

 

Ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass er ihn bezahlt habe. Sie war anscheinend überglücklich darüber und versprach ihm hoch und heilig den Mund zu halten. Marcel erschien wieder, erleichtert, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie Alex an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen glaubte, orderte sofort Bier Nummer zehn, das sofort vor ihm stand, dazu auf einem Tablett drapiert der Slip. Worüber sich Marcel, sehr wunderte, wie Alex an seinem verblüfften Gesichtsausdruck sah. Zur Krönung des Abends erfolgte eine weitere Darbietung von Miss Lilly, die genauso missraten war, wie die Erste. Nachdem, das Spielchen mit der Barmaid, für Marcel abrupt seinen scheint’s prickelnden Reiz verlor. Steckte dieser kurzerhand den Kaufgegenstand in die Tasche, trank sein Bier aus und war jetzt endlich bereit, mit Alex das Lokal zu verlassen.

 

Was dann auch geschah, nachdem Alex die Rechnung bezahlt hatte. Alex sah mit schon etwas müden Blick auf die Uhr, sie zeigte 0.30 Uhr. Marcel war noch immer nicht in der richtigen Stimmung sein Hotel aufzusuchen, wie er meinte, und schlug daher vor, noch irgendwo anders hinzugehen. Diesmal versuchten sie ihr Glück, in der entgegengesetzten Richtung. Rotenturmstraße, stand auf einem Straßenschild an einer Hausmauer. Marcel, sah eine Bar, die von außen ganz manierlich wirkte und ihn anscheinend magnetisch anzog. Sie betraten das Etablissement, auf den ersten Blick erkannte Alex den krassen Unterschied, hier war auch alles gepflegt und wirklich sehr sauber. Auf der Bühne lief gerade die Show. Sie gesellten sich gleich zu den Mädchen an der Bar, die sie beide freundlich begrüßten, aber nicht aufdringlich wurden. Es handelte sich um durchaus hübsche Geschöpfe, gut geschminkt und gepflegt, wie sie einheitlich feststellten.

 

Die Musik war angenehm, auch dezent. Die Tänzerinnen waren des Tanzes tatsächlich mächtig, man merkte ihnen ihre professionelle Ausbildung an und die boten optisch wirklich etwas. Das Lokal war auf jeden Fall sehr gut besucht, alles in allem machte der Laden einen guten, halbwegs soliden Eindruck, wie Alex zufrieden feststellte. Sich darüber zu ärgern begann, nicht schon vorher hierher verschlagen worden zu sein. Eines der Mädchen sprach auch Französisch, eine Schlanke hübsche Rothaarige, die von Marcel gleich mit Beschlag belegt wurde.

 

Eine Stimme kündigte die Sensation des Abends an, die Bühnenlichter wechselten auf andere Farben. Im flackernden diffusen Licht erschien eine anmutige Gestalt, gekleidet mit einem weißen prunkvollen Hochzeitskleid, das Gesicht von einem Schleier verhüllt. Orgelmusik ertönte, wie bei einer Trauungszeremonie, die Musik sprang um, in ein etwas schnelleres Stück. Die Braut begann zu tanzen und entledigte sich peu a peu, professionell, anmutig zugleich sehr erotisch wirkend, im gedämpften Licht ihrer Bekleidung. Sie war dunkelhäutig, soweit er dies, in dem ständig wechselnden Licht erkennen konnte und hatte eine ganz zauberhafte Figur. Alex faszinierte der Anblick, die Darbietung gefiel ihm, die Figur der Tänzerin wirkte sehr stark auf ihn.

 

Sie war schlank, hatte sehr lange Beine, war überaus gut gebaut, ein wahrer Augenschmaus. Ihre Bewegungen, sehr rhythmisch, über durchschnittlich rhythmisch und zugleich harmonisch, wie er sah. Die letzten Bekleidungsstücke fielen, bis nur mehr der Schleier übrig war, gegen Ende des Stückes fiel auch der. Plötzlich erschrak Alex, er erkannte jetzt auf einmal das Gesicht der Tänzerin, er sah Victoria, wie sie leibte und lebte. Tosender Applaus quittierte das Ende der Darbietung. Der Vorhang fiel, die Gäste applaudierten begeistert und wollten eine Zugabe, die jedoch nicht erfolgte.

 

Alex winkte einem Typ, der so vermutete er, der Geschäftsführer sein musste, der dann auch sofort bei ihm war. Er äußerte ihm, den Wunsch, er würde gerne das Mädchen, der letzten Nummer einladen. Selbstverständlich, werde er, sobald sie aus der Garderobe komme, sie zu ihm schicken. Meinte der Typ Händereibend, lächelnd und sagte noch vorsichtshalber, Alex müsse sich aber auf eine höhere Rechnung gefasst machen. Denn das Mädchen würde nur auserlesenes und sehr exquisites konsumieren. Alex meinte, es wäre im bewusst und es würde eigentlich keine Rolle spielen.

 

Dabei zog er ein Bündel Tausender Noten, die mit einem Gummiband gehalten wurden aus der Hosentasche, er zeigte ihm dies dezent. Der Typ nickte zufrieden und meinte, er werde sich jetzt um alles Nötige kümmern. Inzwischen flirtete Marcel heftigst mit der Rothaarigen. Alex war es im Moment völlig egal, was er dieses mal beabsichtigte, von ihr käuflich zu erwerben. Der Geschäftsführer bugsierte ihn dann in ein Separee, dort fieberte Alex der Zusammenkunft mit Victoria entgegen.

Plötzlich erschien sie, prallte im ersten Moment erschreckt zurück, als sie Alex erkannte.

 

Der Geschäftsführer, der hinter ihr einherging, schob sie aber dezent dennoch bestimmt vorwärts. So blieb ihr eigentlich gar nichts anders übrig, als doch zu Alex zu gehen. Er lächelte sie freundlich an,

»Hi, Victoria, kommen sie, setzen sie sich! Ich beiße ja nicht!«

Victorias Ausdruck, ein Gemisch aus Scheu, schlechtem Gewissen und Fassungslosigkeit, wich plötzlich einem gequälten Lächeln,

»Monsieur Alex! sie hier?«, entfuhr es ihr.

»Ja ich! Warum nicht?«, meinte er, »haben sie mich denn nicht schon von der Bühne aus gesehen?«

 

»Mais non, nein, verzeihen sie, aber gegen die Scheinwerfer zu sehen. Man kann das Publikum nicht im Detail erkennen, wissen sie?«

»Kommen sie Victoria, trinken wir etwas zusammen, was möchten sie denn gerne?« Der Geschäftsführer entfernte sich schmunzelnd und schien zufrieden, dass es doch noch klappte. Victoria schien sich wieder gefangen zu haben, deutete dem Barkeeper, der mitgegangen war,

»Hans, für mich bitte das Übliche, Merci«, der Barkeeper nickte verständnisvoll, deutete zu Alex,

»Was nehmen der Herr? Champagner vielleicht?«, fragte er.

»Ja, ja, was sie wollen.« Alex war es so ziemlich egal, denn er wollte ohnehin keinen Tropfen mehr anrühren.

Der Barkeeper sichtlich froh über diesen Freibrief, machte sich gleich ans Werk. Die Rothaarige küsste jetzt intensiv Marcel, dem es anscheinend sehr gut gefiel, wie Alex durch den Separeeeingang sah.

Der Ober servierte inzwischen den Champagner und für Victoria einen Tumbler, mit einer hellbraunen Flüssigkeit, zog sich dann diskret zurück, wobei er einen Paravant vor der Nische schloss.

 

Victoria nippte an ihrem Glas, dabei sagte sie mit verschmitzten Lächeln,

»Russischer Tee! Das Glas kostet sie mindestens 350,--, wollen sie mal probieren, ist wirklich sehr guter Tee!»

Alex grinste, »Nun ja, von irgendetwas muss der Laden ja Leben, das verstehe ich schon, ich meine, Tee ist auch für sie gesünder, oder?«

»Ja schon, aber er putscht mich immer so auf!«

»Das kann ich mir gut vorstellen, ich sah es an Ihrer Show, im Übrigen hat mir ihre Nummer gut gefallen, ausgesprochen am besten gefallen!«

Trotz ihrer ebenholzfarbenen Gesichtsfarbe bemerkte er, wie sie leicht errötete,

»Nett, dass sie das Sagen!«, hauchte sie.

Er blickte sie an und war ganz hingerissen, ihr dezent geschminktes Gesicht beeindruckte ihn. Es war viel ausdrucksvoller, als es damals in seiner Erinnerung war. Ihre schwarzen Augen und auch die Haare glänzten eigenartig, wohl auch verstärkt durch den Schein der kleinen Tischlampe. Sie trug ihre langen Haare offen und die waren ja keineswegs krause, wie er seinerzeit vor dem Heurigen noch vermutete. Ihr eng anliegendes Körperbetonendes Abendkleid, das ihre wohlgeformte Figur unterstrich und sehr betonte, gefiel ihm besonders gut, es gefiel ihm eigentlich alles an ihr.

 

»Victoria, sagen sie, macht ihnen diese Tätigkeit hier eigentlich Spaß?«, wollte er neugierig wissen.

»Wo denken sie hin, ich wüsste mir da schon etwas Besseres, aber ich muss ja hier arbeiten!«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Wissen sie, das ist eine lange Geschichte, aber um das wesentliche zu sagen. Als mein Vater nicht mehr in der Lage war, den monatlichen Scheck zu schicken, hatte ich nur zwei Dinge zur Auswahl. Einmal, ich breche das Studium ab, fahre in mein Land zurück und sehe dort einer ungewissen Zukunft entgegen. Oder, ich bleibe einfach hier und verdiene mir mein Studium selbst und sehe zu schnell fertig zu werden. Ich hatte mich für Letzteres entschieden, verstehen sie?«

»Ja, verstehe, gab es denn keine andere Möglichkeit, als hier ihre Haut zu Markte zu tragen, sie wissen, wie ich das meine?«

»Ich habe schon viel probiert, glauben sie mir, aber nichts war so einträglich, inzwischen musste ich aber meine damalige Entscheidung schon sehr bereuen!«

»Aus welchem Grund?«

 

»Da ich aus Kostengründen das Studentenheim aufgeben musste, wohne ich jetzt hier auch gleichzeitig, bekomme Verpflegung und etwas Taschengeld. Die Gage meiner Auftritte, wird mit dem gesamten Aufwand gegen verrechnet. Jetzt habe ich, hier 120.000,-- Schulden, den Vorschuss eingerechnet, den ich für die Studienkosten brauchte, so sieht es aus, merde! Verzeihen sie bitte!«

In ihren Augen standen Tränen, während sie sprach, sie versuchte sie tapfer zu unterdrücken, wie er bemerkte.

»Wenn ich so weitermache, wie bisher, bleibe ich wohl eine Ewigkeit hier. Man will mich, nun irgendwie auch dazu zwingen im Separee Betrieb mitzumachen. Aber mir graut einfach vor dem Gedanken, irgendwelchen miesen betrunkenen Männern, zu willen sein zu müssen. Denen dann ihre unanständigen manchmal abartigen Wünsche erfüllen zu müssen. Wie mir andere Mädchen hier schon erzählt haben, die da mitmachen müssen.«

 

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen,

»Bisher konnte ich immer noch ausweichen, aber lange schaffe ich es sicher nicht mehr. Die Kosten stehen ja in keinem Verhältnis zu meinen Einnahmen, natürlich wird da manipuliert, aber was kann ich denn schon dagegen unternehmen?«

Alex überlegte, Victorias ungute Situation berührte ihn plötzlich,

»Sie wollen weg von hier. Richtig?«

»Oui, Monsieur Alex, aber ich kann ja nicht. Ich habe schon so oft darüber nachgedacht!«

»Warum eigentlich nicht?«

»Ich musste blanko Wechsel unterschreiben, wenn die platzen, bin ich geliefert. Man wird mich einsperren, wie die drohten, so einfach ist das, dann bin ich kriminell, verliere meinen Studienplatz, ich darf gar nicht weiterdenken!«

»Victoria! Geben sie mir bitte ihre Hand!«

 

Sie blickte ihn erstaunt an, zögernd reichte sie ihm die Hand.

»Ich kann nämlich aus der Hand lesen, wissen sie!«, er nahm ihre Hand, eine gepflegte zarte Hand, wie er sah, drehte sie langsam um, sah die helle Innenfläche, strich sanft darüber, als würde er die Linien glätten,

»Oh! Ich sehe, dass sich Ihre Probleme ganz schnell lösen!«

»Sie scherzen wohl! Mir ist aber im Moment nicht nach Scherzen zumute!«

»Nein, im Ernst! Ich sehe, wie sie dem Kerl hier plötzlich ein Papier zeigen und er lässt sie unbehelligt ziehen!«

Ungläubig und gebannt, mit großen weit aufgerissenen Augen, starrte Victoria ihn an.

 

»Außerdem sehe ich auch noch, sie studieren weiter, machen bald ihren Abschluss und viele kleine Kinder nennen Sie ehrfurchtsvoll, Frau Doktor. Sie befreien sogar viele Kinder von den Leiden!«

»Woher wollen sie denn das alles Wissen?«

»Hier sehen sie mal! Steht doch alles in ihrer Hand, sehen sie die Berufslinie, da!«, er deutete darauf, fügte hinzu, »Ist doch wirklich ganz eindeutig!«

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, Monsieur Alex, ich sehe da überhaupt nichts!«

 

Alex lächelte innerlich, sie hat ja recht, aber nicht auf den Arm, sondern in den Arm. Ich würde sie gerne in die Arme nehmen, dachte er sich. Ja, sie hätte es sich verdient, respektiert und geliebt zu werden. Sie, ein Mensch, mit edler Gesinnung, der anderen nur gutes tun will. Den man nun hier versucht zu verheizen und aus reiner Profitgier auf die schiefe Bahn bringen will. Diese Schweine, denen werde ich aber ordentlich in die Suppe spucken, es soll ihnen nicht gelingen, niemals! Lächelnd antwortete er,

»Victoria glauben sie mir, es steht alles in ihrer Hand, zudem haben sie es auch in der Hand, wenn sich etwas ändern soll, wenn sie mir vertrauen!«

»Warum sollte ich einem Mann vertrauen? Wer sagt mir, dass sie besser sind, als alle anderen! Die doch immer nur das eine wollen!«

»Sie haben ja ganz Recht, Victoria, ich bin auch nur ein Mann, der Gedanke mit dem „das eine“ ist sehr verlockend, wirklich, das gebe ich ja auch unumwunden zu. Schließlich kann niemand aus seiner Haut heraus. Trotzdem werde ich ihnen beweisen, dass es mir nicht darum geht, glauben und vertrauen Sie mir?«

 

Prüfend sah sie ihm in die Augen, ihr Blick wechselte von hart, zeichnete plötzlich weich,

»Oui, ich glaube, man kann ihnen doch einfach vertrauen!«

»Warum eigentlich?«

»Wir sind jetzt über eine Stunde hier und sie haben von mir nichts verlangt, was sonst alle anderen haben wollen, verstehen sie?«

»Victoria, ich habe noch nie von einer Frau verlangt, etwas zu geben, was sie nicht selbst geben wollte! Ich werde es in Zukunft auch nie tun!«

Ein Räuspern vor dem Paravant, der Ober machte sich bemerkbar. Alex fragte, was er denn wolle. Er meinte, Victoria sollte ihre Show machen, es wäre wieder die Zeit dafür.

 

Alex knurrte ihn forsch an, er solle den Geschäftsführer sofort kommen lassen.

Wenige Minuten danach erschien der Typ, der sich Geschäftsführer schimpfte, mit servilem Ausdruck und flüsterte Alex zu,

»Wenn der Herr unzufrieden ist, ich schicke ihnen gerne ein anderes Mä ...«

»Setzen sie sich!«

»Wie bitte?«

»So setzen sie sich endlich, bitte schön!« Alex deutete auf den Platz vor sich.

Der Mann setzte sich zaghaft, zu Victoria gewandt sagte er,

»Ihre Show ist gleich dran! Sie müssen gleich wieder auf die Bühne!«

Victoria wollte sich sofort erheben, Alex drückte sie sanft auf den Sitz zurück, er funkelte den Typ streng an,

»Ich glaube, sie übernehmen sich da jetzt etwas, schon mal ganz abgesehen, vom Ton, den ich so überhaupt nicht leiden kann. Victoria muss nämlich gar nichts! Sie kann, wenn sie will und, dass sie kann, wissen wir beide! Das Problem ist nur, sie will nicht, nicht mehr!«

 

»Sagen sie mal was erlauben Sie sich eigentlich?«, fragte der Typ aufbrausend.

»Ich erlaube mir, sie höflich aber dringend zu bitten, die Unterlagen auf den Tisch zu bringen, die als Basis ihres Arbeitsverhältnisses mit Victoria dienen!«

Dem guten Mann, entfuhr jetzt in gut wienerisch,

»Wau, i man i traam!«

»Möglicherweise haben sie sogar ganz recht! Viele Träume haben sich schon so oft mitten in der Nacht erfüllt, vielleicht erfüllt sich ja auch ihrer?«

Der Kerl sah ihn jetzt total verstört und ungläubig an,

»Hören sie, was wollen sie eigentlich?«

»Ganz einfach, schlicht und ergreifend, ich will wissen auf den Schilling genau, wie viel Victoria Ihnen schuldet, ist das für sie so schwer zu verstehen?«

»Nein, nein, ganz und gar nicht, einen Moment!«, wie von der Tarantel gebissen sprang der Kerl plötzlich auf und verschwand hinter dem Paravant. Inzwischen verkündete eine Stimme eine Programmänderung auf der Bühne.

 

Victoria flüsterte mit ängstlichem Blick Alex zu,

»Monsieur Alex, was machen sie denn da? Sie bringen mich ja jetzt in große Schwierigkeiten, mon Dieu!«

Alex tätschelte ihre Hand, lächelnd antwortete er,

»Nur ruhig Blut, Victoria, Schwierigkeiten? Im Gegenteil! Glauben sie mir, vertrauen sie mir einfach!«

Der Mann erschien wieder, unter dem Arm eine schwarze Ledermappe.

»Also, wie viel?«

In den Papieren blätternd, dann auf eine Zahl deutend, antwortete er rasch,

»Hier steht’s, summa summarum, 185.000,--, bis heute!«

»Nun gut, freut mich ja ausgesprochen, dass ihre Unterlagen so a jour sind!«

Alex zückte sein Scheckbuch, ergriff seinen Schreiber, schlug das kleine Heftchen auf, entnahm einen Scheck, notierte in das kleine Kästchen 180.000,--, setzte seine Unterschrift, reichte dem verblüfften Typ den Scheck, in dem er sagte,

»Keine Angst, der Scheck ist gedeckt! Können ja später die Bank anrufen, Ok? Skonto habe ich auch gleich abgezogen!«

 

Er reichte ihm den Schreiber, schob ihm eine Serviette zu,

»Sie quittieren mir bitte jetzt den Empfang des Schecks!«

Der Typ schrieb geschäftig, bestätigen Erhalt Scheck über 180.000,--, Datum, Nummer des Schecks, unterschrieb die Bestätigung. Alex steckte rasch die Serviette ein.

»Gut so! Die Akzepte haben Sie doch hier sicher auch dabei?«

»Ja natürlich! Hier sind sie!«, er fischte sie aus den Unterlagen heraus und zeigte sie her.

Alex lehnte sich zurück, musterte den Mann eindringlich, setzte einen fragenden Blick auf,

»Wären sie nun bereit, die Wechsel zu entwerten, indem Sie, die zerreißen, vor uns beiden?«

»Wer sagt mir denn eigentlich, dass der Scheck wirklich gedeckt ist?«

»Ich sage es ihnen! Und Morgen früh sagt es ihnen meine Bank! Und Ihre langjährige Menschenkenntnis, sagt es ihnen jetzt!«

Der Kerl musterte ihn, wie mit Röntgenaugen.

 

Alex spürte es fast warm werden auf der Haut, so intensiv empfand er den Blick des Mannes. Der Typ starrte ihn mit versteinerter Miene an, er starrte eisern zurück ohne mit einer Wimper zu zucken. Des Mannes starrender Blick, schlug plötzlich in einen bewundernden Ausdruck um, ohne ein Wort zu sagen, zerriss er die Wechsel und reichte die Reste Victoria, zudem zerriss er noch den Dienstvertrag, den er ihr ebenfalls zuschob,

»Ich nehme doch an, sie nehmen sie dann gleich mit?« Er deutete auf Victoria, die vollkommen verblüfft, fast versteinert, mit weit aufgerissenen Augen dasaß.

»Ganz recht, ihre Annahme ist vollkommen richtig, aber erst, wenn ich die Zeche beglichen habe, natürlich auch die, für meinen Freund draußen an der Bar!«

 

»Vergessen Sie`s einfach, geht heute für sie alles aufs Haus! Zudem wünsche ich ihnen zusammen noch alles Gute. So etwas habe ich ja noch nie erlebt! Sagenhaft! Das glaubt mir ja keiner!«

»Gut also, akzeptiert, danke ihnen, ich werde Ihre Bar auch sehr gerne weiterempfehlen!«

Der Geschäftsführer nickte immer noch konsterniert und fragte neugierig,

»Aber bitte verraten sie mir noch eines, warum tun sie das eigentlich? Ich meine, die Summe ist doch schließlich kein Pappenstiel, oder?«

 

»Schauen Sie. Im Leben ist alles relativ. Victoria ist sehr unglücklich in diesem Beruf. Wirklich sehr unglücklich und solche Menschen leisten ja wenig. Können dadurch auch ihren Verpflichtungen schwer nachkommen. Ich habe ja ihren Ausdruck, während Victorias Show beobachtet, suchen sie sich ein Mädchen, das es gerne macht! So eine kleine Exhibitionistin, eine, die den Männern gerne in die Hose fasst. Da haben sie mehr Freude und die Kasse klingelt gleich wesentlich besser! Ich liege da sicher nicht ganz falsch, oder?«

»Nein, sie haben ja völlig recht! Es ist bestimmt besser so, besser für alle!«, er erhob sich, lächelte, nahm seine Mappe unter den Arm und verschwand leise hinter dem Paravant.

 

Victoria schien vor Schreck wie gelähmt, sie konnte das Geschehene sichtlich gar nicht fassen und sah Alex verblüfft und sprachlos an. Er sagte zu ihr,

»Nun, sie sehen ja jetzt, dass, ich Handlesen kann?«

»Mon Dieu ! Ich ...«, wie Perlen quollen plötzlich Tränen aus ihren Augen, zerplatzten auf ihrem tief ausgeschnittenen Dekolleté.

»Victoria, holen sie sich schnell ein paar Sachen, wir hauen hier ab, bevor sich’s der Kerl noch anders überlegt, ja? Ich klaube noch schnell meinen Freund zusammen oder das, was von ihm noch übrig ist, dann verschwinden wir schleunigst, Ok?«

 

Kurz danach saßen zu dritt auf der Rückbank eines Taxis. Marcel saß singend in der Mitte völlig abgefüllt. Dennoch lustig und erstaunlicherweise gut drauf. Alex wusste, dass er, selbst wenn er schon vollkommen betrunken war, nie unangenehm wurde und meist sogar noch selbst gehen konnte. Am Hotel angekommen, bat er dann den Nachtportier, sich Marcels Resten anzunehmen, gab ihm ein gutes Trinkgeld. Der Portier, eine ältere, scheinbar sehr erfahrene Kraft, fragte Alex noch, Holländer? Ach so! Belgier! Na ja, die sind ja noch schlimmer, Hektoliter weise Bier! Aber keine Angst, wir machen das schon! Beruhigt stieg Alex wieder ins Taxi, setzte sich zur verschreckten Victoria, die es immer noch nicht fassen konnte, endlich frei zu sein.

 

Während der Fahrt kuschelte sie sich an ihn, wie ein schutzbedürftiges Kind, fragte ihn leise,

»Wohin fahren wir jetzt?«

»Nach Sievering zu mir nach Hause. Sie wissen ja, Platz ist dort genug. Morgen beim Frühstück halten wir dann zusammen Kriegsrat und sehen mal wie es weiter geht, ja?«

»Monsieur Alex, ich schulde ihnen so viel, ich ...«

Er drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange und flüsterte ihr ins Ohr,

»Victoria! ... Pssst! Sie schulden mir überhaupt nichts, aber nicht einmal das Geringste!«

 

28. Kapitel

 

Noch in der Nacht quartierte er Victoria im Gästezimmer ein. Am darauf folgenden Tag, erst am späten Vormittag, wachte er dann nach einem Tiefschlaf auf. Es war schon kurz vor zehn Uhr, machte sich sorgfältig zurecht, ging dann nach unten, fand sein Frühstück vor, dass ihm Irene noch, bevor sie immer das Haus verließ, vorbereitete.

 

Victoria, schien auch noch zu ruhen, er vermutete, auch ihr musste die ereignisreiche vergangene Nacht wahrscheinlich noch nachhängen. Als er die Küchenuhr erblickte, durchzuckte es ihn, er sollte eigentlich schon seit neun Uhr bei Sasha im Studio sein. Blitzschnell ergriff er das Telefon und wählte.

»Sasha Bogdan, hier!«, sprach der mit forscher Stimme.

»Hmm, Äh, Rathey spricht, entschuldigen sie, dass ich erst jetzt anrufe, eigentlich sollte ich ja schon über eine Stunde bei ihnen sein, aber......«

»Sagen sie mal, halten Sie Vereinbarungen immer so unpünktlich ein?«, fragte Sasha kalt.

»Natürlich nicht! Aber unvorhergesehene Ereignisse kann ich ja auch nicht ahnen, geschweige den voraussehen. Denn da wüsste ich auch die richtigen Lotto Tipps, wäre Multimillionär und müsste jetzt gar nicht mit ihnen telefonieren!«

 

»Ha, ha, ha, das ist gut!« Sashas Stimme klang plötzlich heiter, »Wenn sie jetzt gleich losfahren, geht es sich vielleicht noch aus. In einer Stunde kommt Krakorian vorbei und der macht uns einen Riesenwirbel, wenn wir nicht pünktlich anfangen, sie wissen ja, wie er sein kann!«

»Ja, ich hatte schon das Vergnügen, einmal dabei sein zu dürfen!«

»Sie auch? Das beruhigt mich! Also los, setzen sie, sich gleich in Bewegung, ich zögere die Sache noch ein wenig heraus, bis sie da sind, Ok?«

»Also, gut, ich werde fliegen!«

Alex rannte die Treppe schnell rauf, sah vorsichtig im Gästezimmer nach, Victoria lag halb abgedeckt vollkommen nackt im Bett, sie schlief tief und fest. Am liebsten hätte er sich ja gleich dazugelegt. Er spürte einen Druck, einen Riesendruck, den Zeitdruck, unter dem er jetzt stand.

 

Er flitzte dann im rennmäßigen Tempo zum Studio, wo er vierzig Minuten danach eintraf. Das Studio entpuppte sich als stillgelegte Fabrik. In der vermutlich seinerzeit irgendetwas hergestellt wurde, was sich nicht mehr verkaufen ließ. Die Fabrik war, scheinbar etwas umgebaut worden. In den Hallen, wo Tore offen standen, befanden sich Unmengen von Scheinwerfern und all dem Zeug, dass man wahrscheinlich für Werbefilme bräuchte, wie sich Alex so dachte. Sasha sah ihn dann hereinkommen, Alex hätte ihn auf Anhieb gar nicht wieder erkannt, denn er trug seine langen glänzenden Haare offen. Von hinten sah er wie ein junges Mädchen aus.

»Da sind sie ja endlich! Kommen sie bitte mit, hier entlang!«, meinte Sasha ruhig, er schien sich beruhigt zu haben.

»Ganz schön groß hier!«, sagte Alex beeindruckt, als sie dann durch das Gelände schritten.

»Ja, das war einmal alles die Zündholzfabrik meines Vaters, aber wer, kauft heute noch Zündhölzer? Dazu noch in den Mengen, die hier produziert wurden!«, er klopfte auf eine Backsteinmauer,

»Ja und jetzt gehören mir diese edlen traditionsreichen Gemäuer und ich muss die Krot fressen, dies alles zu erhalten. Kostet ein Vermögen, Glauben sie mir! Aber ich bin verliebt in diese Fabrik, ich möchte sie niemals aufgeben müssen, lieber würde ich sterben!«

 

Alex dachte sich, Hilfe, noch ein verrückter, wahrscheinlich ein Ziegelfetischist, denn alle Gebäude, waren aus unverputzten roten Backsteinziegeln gemauert, manche Dächer waren sogar neu gedeckt, wie man erkennen konnte.

»Treten sie ein, bitte sehr!« Sasha bat ihn in sein Büro. Alex sah nur Ziegel, an der Wand prangte ein gediegenes großes Emailleschild, darauf las er: E. von Bogdan – K&K Hoflieferant – vereinigte österreichische Zündwarenproduktionen.

Irgendwie beschlich Alex das Gefühl, nun hier in einer ehemaligen Pulvermühle zu verweilen, die wohl vermutlich nach dem Ersten Weltkrieg, mangels Bedarf und Abnehmer, Pleite machte. Er behielt aber seine Gedanken für sich.

»Nun, Sasha, wie geht es jetzt weiter? Ich meine mit mir!«

»Ganz einfach, ich hetze ihnen jetzt die Visagistin auf den Hals, die Macht sie, in stundenlanger Kleinarbeit noch schöner, dann knipsen wir eine Fotoserie, thats it!«, er lächelte freundlich dabei, »aber glauben sie nicht, dass, das einfach sein wird, hier hatten schon viele Leute Schreikrämpfe dabei!«

 

»Schöne Aussichten, macht ja richtig Laune ihre Darstellung!«

»So ist es eben, aber viel wichtiger ist, dass wir bald anfangen, denn Krakorian muss dann die Päckchen herausrücken, verstehen sie? Ich brauche es ganz dringend. Denn die Filmcrew will nur bares auf der Hand sehen, ohne dem läuft nichts!«

»Verstehe! Dann lassen sie uns eben schnell anfangen, ja?«

Sie verließen das ehrwürdige Büro, begaben sich in eine nebenstehende Halle, ebenfalls Ziegelbau. Die innen jedoch dem neuesten Stand der Technik entsprach, der, so glaubte Alex, notwendig ist professionelle Aufnahme zu gewährleisten.

 

Es wurde dann alles wahr, wie Sasha schon schilderte. Die Visagistin fummelte eine Stunde lang an seinem Gesicht herum, bis sie es dann endlich für würdig hielt, es ablichten zu lassen. Die Fotoserie brauchte dann vier Stunden, wobei die Aufnahmen selbst in minutenschnelle aufs Zelluloid gebannt wurden. Lediglich, Szenenwechsel, Lichteinstellungen, Requisiten und alle anderen damit verbundenen Maßnahmen, waren die eigentlichen Zeitfresser. Die Alex Nervensystem stark anknabberten. Krakorian tauchte zwischendurch auf, lieferte brav seine Päckchen ab. Freute sich derart über den pünktlichen Beginn der Produktion, dass er die mitgebrachte Flasche Champagner fast alleine austrank und den Kaviar auch selbst aß.

 

Endlich nach sechs Stunden Nerven vernichtender Tätigkeit, war die erste Serie im Kasten. Alex posierte, im Rennoverall, mit Helm, ohne Helm, schwitzend, vor allen möglichen Kulissen, die eine Rennumgebung simulierten. Stets eine schwere Familienflasche eines Magenbitters in Händen, manches mal mit Glas oder auch ohne. Musste ständig den visuellen Ausdruck vermitteln, als ob er, ohne des Zeugs nicht Leben könnte. Obwohl ihm, wenn er das gefüllte Glas in die Nähe seiner Nase brachte, der Inhalt, schon vom Geruch her, einen starken Brechreiz erzeugte.

 

Am späten Nachmittag kam er dann ziemlich geschlaucht nach Hause, telefonierte mit einigen Leuten, wofür er fast eine Stunde benötigte, schmiss dann seine Schuhe von sich. Seine Füße schmerzten ein wenig, die lange Steherei im Studio war er ja nicht gewöhnt. Ansonsten war er einigermaßen fit, die Unmengen Cola, die er konsumierte, mussten wohl durch das enthaltene Koffein entsprechend aufputschen, dachte er sich. Sein Puls war erhöht, als würde er die vierundzwanzig Stunden von Le Mans bestreiten.

 

Verblüfft stellte er fest, keines der Mädchen war gegenwärtig. Auch Essen war keines vorbereitet, dass er sich üblicherweise nur aufzuwärmen brauchte. Hungrig bereitete er sich Spiegeleier zu, die er gerade eifrig verspeiste, als das Telefon plötzlich läutete,

»Rathey«, sprach er mit einem Bissen im Munde.

»Servus Alex!« Klang eine Stimme an sein Ohr.

»Sibylle du? Fein, dass ich jetzt weiß, dass du noch lebst!«

»Alex, sei bitte nicht böse! Ich weiß ja, dass ich Schuld bin, hätte dich schon vor einiger Zeit anrufen sollen!«

»Nein! Wirklich?«

»Sei nicht so, du bist ja sonst auch nicht so kleinlich! Du, es gibt ja viele Neuigkeiten bei mir, erfreuliche Neuigkeiten, wirst staunen!«

»Das freut mich für dich!«

»Du klingst so abweisend? Interessiert dich denn das nicht? Interessiere ich dich, nicht mehr?«

 

»Entschuldige! Natürlich interessierst du mich, aber die erfreulichste Mitteilung wäre für mich. Wenn du mir beweisen könntest, dass du das Zeug nicht mehr nimmst und brauchst, du weißt ja genau, was ich da meine?«

Plötzlich klickte es in der Leitung, er dachte an eine Störung.

»Sibylle? Sibylle, bist du noch dran?«, rief er lauter.

Er bekam keine Antwort, es kam nur das Besetztzeichen, sie hatte wohl aufgelegt. Scheiße, dachte er sich, die Kleine ist ja wieder sehr renitent, wahrscheinlich doch wieder voller Koks. Diese Spanienreise hatte ihr bestimmt auch nicht sonderlich gutgetan, Mist verdammter.

 

Er überlegte krampfhaft, was er nun tun sollte. Ruhig Blut, Alex, sagte er sich, nimm deinen Verstand zusammen und mach jetzt keine Fehler. Nicht so wie früher, wo du in deinen Emotionsstürmen mehr verdorben als gutgemacht hast. Um etwas Abstand zu gewinnen, verfrachtete er die Geldpakete ins Arbeitszimmer und schloss sie weg. Dabei überlegte er sich, wenn sie dich schon anruft und dir etwas sagen will, dann braucht sie dich. Du solltest es dir zumindest einmal in Ruhe anhören, willst du nicht vor dir selbst als wortbrüchig dastehen. Er wählte ihre Nummer, das Dienstmädchen meldete sich und meinte Frau Schmidt, könne im Moment nicht gestört werden. Er bat, dann das Mädchen auszurichten, er bitte um dringenden Rückruf.

 

Etwas später saß er im Kaminzimmer, neben sich das Telefon, er wartete, dass es läutete, doch es gab keinen Ton von sich. Um sich etwas abzulenken, las er in illustrierten, der Tratsch darin begann ihn schon zu langweilen. Blitzartig legte er die Hefte weg, als er das Aufsperren der Eingangstür vernahm. Lautes Gekicher vermischt mit leichtem Gesang drang vom Gang an sein Ohr. Dem Vernehmen nach, handelte es sich um die zwei Abgängigen, die scheinbar feuchtfröhlich Wiedersehen gefeiert hatten und sich etwas beschwipst anhörten, wie er vernahm. Kann ja lustig werden, dachte er sich.

 

Die Mädchen erblickten ihn durch den Bogen, der den Gang vom Kaminzimmer trennte. Freudestrahlend, leicht wackelnd, steuerten sie gleich auf ihn zu, standen vor ihm. Irene ergriff das Wort,

»Hallo Alex! Entschuldigen sie bitte, wir haben beide einen kleinen Schwips! Aber nur einen sehr Kleinen! Hupps!«, sie lachte ihn spitzbübisch an,

»Als, ich nach Hause kam, war Victoria auf einmal hier, ich bin vor Erstaunen fast aus den Schuhen gefahren, so verblüfft war ich! Sie hat mir dann in aller Ruhe erzählt, was in der Nacht so alles vorgefallen war. Ich konnte es ja gar nicht glauben. Vor lauter Freude darüber, haben wir ihre neue Freiheit ein wenig begossen, hupps! Sie sind uns doch deshalb nicht böse, oder? Hupps!«, sie sah ihn prüfenden Blickes an.

 

»Warum sollte ich? Wir sind doch alle freie Menschen!«

Wie auf Kommando knieten sich die Mädchen, an den Seiten des Fauteuils hin, legten ihre Köpfe an seine Hände, die auf den Armlehnen ruhten. Er spürte ihre heißen Wangen auf der Haut, ein wohliges Gefühl umarmte ihn. Er kam sich beinahe vor, wie der Scheich von Abu Daabi, mit zwei seiner Lieblingsfrauen, die Mädchen blickten ihn dabei verehrend an. Das verstärkte seine Vorstellungskraft noch immens, es fehlte nur noch der kleine Schwarze mit dem Turban, hinter sich, der den großen Straußenfedernwedel schwenkte, um ihm kühle Luft zuzufächeln. Kühle Luft hätte er jetzt gerne gehabt, er glühte innerlich, ein leichtes Kribbeln zog durch seinen Körper, ein angenehmes Kribbeln, wie er fühlte.

 

Er hätte sich belügen müssen, wenn er sich gesagt hätte, die Situation gefiele ihm im Augenblick nicht und überhaupt. Im Gegenteil, sie begann ihm sogar sehr zu gefallen, er dachte, welcher Mann kann sich schon so glücklich schätzen, zwei so entzückende Wesen um sich zu haben. Eine hübscher und vom Wesen her, lieber als die andere. Vielleicht findet sich eine Möglichkeit, dass Victoria einwilligt ebenfalls hierzubleiben, das Haus wäre ja groß genug. Außerdem verstehen sich die zwei ja auch außerordentlich gut, möglicherweise fast schon zu gut, wenn er da noch an ihre stürmischen Küsse dachte, nun ja mal sehen.

 

Irene meldete sich wieder zu Wort,

»Sie haben bestimmt noch nichts, Richtiges im Magen, wir machen schnell einen kleinen Imbiss, wenn sie wollen. Außerdem möchte Ihnen Victoria noch etwas sagen!«

»Oh ja! Gute Idee, ich mache inzwischen hier ein wenig Musik und tüchtig wie ich nun mal bin, decke ich den Tisch. Wir essen dann alle zusammen und köpfen dann einen Schampus. OK?«

Sehr entzückt verschwanden die beiden in der Küche. Er legte eine Instrumentalplatte mit dezenter Musik auf, richtete den Tisch her, zündete gerade Tischkerzen an, als die Mädchen mit Sandwich-platten erschienen. Sie hatten sich selbst übertroffen, ihm lief das Wasser im Munde zusammen, so appetitlich sah alles aus. Gemeinsam nahmen sie am Esstisch Platz und ließen sich die Sandwichs schmecken. Er merkte, dass sich der leichte Schwips der beiden verflog, da sie sich wieder ganz normal benahmen.

 

»Victoria, wollte da etwas sagen?«, meinte er und sah sie fragend an.

»Ah, oui Monsieur Alex, ich habe inzwischen auch mit Irene darüber geredet, sie weiß Bescheid«, dabei blickte sie Irene fragend an, die, wiederum nickte ihr zustimmend zurück und sagte,

»Nun sag es schon Vicky, den Kopf wird es schon nicht kosten!«

»Monsieur Alex, es ist so, sie haben so viel Geld ausgegeben, ich fühle mich beschämt. Ich kann Ihnen ja im Moment gar nichts zurückgeben, aber ich könnte doch für Sie arbeiten?«

»Was wollen sie? Mir Geld zurückgeben, wo denken sie denn hin? Sie schulden mir ja nichts, ich sagte es ihnen doch schon im Taxi!«

»Ahh non, Monsieur Alex!«

 

»Also gut ich sehe ein, sie wollen etwas verdienen und brauchen ein Dach über dem Kopf. OK. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag, nehmen sie sich die Gästezimmer, Platz ist ja genug! Im Haus teilen Sie sich die Aufgaben mit Irene, sie bekommen das gleiche Gehalt, wie sie, OK? Ich melde sie bei der Sozialversicherung an, ich kann ja so viele Leute beschäftigen, wie ich will. Studieren sie weiter, wenn sie Ihren Abschluss haben, entscheiden sie, was sie dann weiter machen wollen. Aber bis dahin wäre doch alles geregelt, könnten sie sich das auch so vorstellen?«

Erstaunt blickten sich die beiden Mädchen an, ihr Plan schien irgendwie anders gewesen zu sein, vermutete er, als er sie so sah. Sie schienen etwas sprachlos im Moment.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, wollte er neugierig wissen.

Irene antwortete,

»Also, mit dem Vorschlag haben wir ja nie gerechnet, dass sie gleich zwei Gehälter bezahlen wollen!«

»Was dachten sie denn?«

»Wir wollten uns alles teilen, die Zimmer, das Gehalt ebenso. Ich hätte es mit Victoria gerne geteilt, wenn sie bleiben kann!«

»Ist ja sehr lieb gedacht, aber ich finde meinen Vorschlag auf Sicht gesehen besser. Jede von Ihnen braucht ihr Geld, außerdem leisten sie ja auch etwas dafür, oder? Wenn sie die Arbeiten zu zweit machen, auch die, bisher von externen Kräften geleistet wurden, bis auf die Gartenarbeiten, die soll der Rentner weiterhin machen. Es macht ihm ja auch sichtlich Freude, dann haben sie doch Arbeit genug und brauchen sich nicht als Almosenempfänger zu fühlen. Was halten sie denn davon?«

Victoria stammelte verzückt,

»Monsieur Alex, ich glaube es einfach nicht, so viel Glück auf einmal, das gibt es doch gar nicht ...!«

»Victoria, Irene! Sind sie einverstanden? Ich glaube damit wäre doch jedem geholfen und mir natürlich am meisten!«

 

»Wieso denn ihnen am meisten?«, wollte Irene jetzt wissen.

»Nun ich denke bei zwei tüchtigen Kräften, brauche ich mich doch einfach um gar nichts mehr im Hause zu kümmern. Sie beide, schaffen doch das alles mit links, sogar neben ihren Studien.«

Die Mädchen nickten zustimmend.

»Also, meine Damen, sie sind also einverstanden? Was meinen sie?«

Er sah Irene dabei fragend an,

»Was meinen sie denn dazu?«

»Ich bin ganz platt, freue mich höllisch für Victoria. Wissen sie, ich fühle mich irgendwie auch für sie verantwortlich. Natürlich bin ich einverstanden!«

»Victoria, was meinen sie?«

 

»Ja! Naturellement, ich freue mich wirklich. Sie werden Ihren Vorschlag nicht bereuen!« Sie sah ihn immer noch ungläubig aber dennoch irgendwie dankbar an.

»Also gut, dann ist alles klar!« Er nahm den Champagner aus dem Kühler, schenkte die Gläser voll, reichte jedem der Mädchen eines,

»Nun meine Damen! Auf die zukünftige harmonische Zusammenarbeit prost!«

Hell wie Glöckchen klangen die Gläser, als die zusammenstießen.

»Irene, sie sagten zuerst, sie fühlen sich für Victoria verantwortlich. Was meinten sie denn damit?«

 

»Sehen sie Alex, ich bin ja eigentlich die Ursache allen Unglücks. Ich hatte sie ja damals in die Bar vermittelt, ich Idiotin! Ich arbeitete seinerzeit selbst, bis vor einem Jahr dort. Kam dabei ebenso in größere Schulden, die musste ich dann im Separee sechs Monate lang ab arbeiten, Sie verstehen? Wären Sie nun nicht hingekommen, Victoria hätte wohl dasselbe geblüht, wie mir seinerzeit.«

 

»Das wusste ich nicht, aber ich glaube, ich kann jetzt so einiges viel besser verstehen!«, meinte er und schaute etwas verdutzt drein.

»Mich hatte es damals sehr viel Kraft gekostet, in jeder Beziehung, mich aus dem Sumpf selbst zu befreien. Bei Victoria war ich mir da nicht so sicher, ob sie es überhaupt ganz alleine schaffen würde, da jemals alleine heraus zu kommen. Wahrscheinlich wäre sie früher oder später wohl vor die Hunde gegangen. Gott sei Dank, haben sie, sie ja gerettet. Trotzdem bleibt es mir ein Rätsel, wie sie es eigentlich geschafft haben, sie da einfach raus zu holen. Nur wegen Geld alleine? Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Denn diese miesen Kerle dort, haben ja selbst Geld wie Würfelzucker! Also, muss es doch etwas ganz anderes gewesen sein?«

 

»Nun, wie auch immer, wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich weiß es ja selbst nicht! Ich habe es halt einfach versucht. Möglicherweise hatte der Typ gerade seinen menschlichen Tag, wer weiß?«, antwortete er, da er es sich ja im Nachhinein gesehen auch selbst nicht erklären konnte.

»Wissen sie, Victoria und ich, hatten schon öfters gemeinsam etwas ausgeheckt, aber es ließ sich eigentlich nichts vernünftig realisieren. Diese Kerle sind ja so raffiniert, die lassen einem ja keine Möglichkeiten!«, meinte Irene, nahm einen Schluck Champagner und sprach gleich weiter, »Flüchten kann man nicht, die geben sofort die Wechsel weiter, dann suchen einen auch noch die Behörden. In Victorias Fall, sie könnte wohl nie mehr ohne ärgere Probleme nach Europa einreisen und was erwartet sie denn in Zaire schon ohne Abschluss? Ich wollte ihr ja Geld geben, hatte ein wenig gespart, aber es reichte natürlich hinten und vorne nicht. Vermutlich wäre wohl nichts anderes übrig geblieben, als die Schulden „abzuarbeiten“. Zu zweit hätten wir wohl Monate dazu gebraucht. Immer vorausgesetzt wir wohnten nicht auch noch dort, verstehen Sie?«

 

»Ja verstehe, aber machen sie sich beide darüber jetzt die Köpfe nicht mehr heiß, das ist nun Geschichte und lassen sie die Geschichte einfach ruhen. Nur die Zukunft zählt jetzt, der Blick nach vorne.« Er wollte sie wieder etwas aufrichten, denn beide schauten sehr zerknirscht drein. Ihre nachdenklichen Gesichter, bestätigten ihm die Vermutung, dass sie wohl viel unerfreuliches durchgemacht hatten und es sah aus, als ob es gerade wieder in ihren Köpfen abspulte.

»Victoria! Eines sollten sie unbedingt wissen, ich habe meine Bank angerufen und den Scheck, den ich dem Kerl gab einfach gesperrt. Der wird sich jetzt ganz schön wundern, wenn er kein Geld bekommt. Wahrscheinlich wird er irgendwelche Maßnahmen setzen und wie ich die Sache so einschätze, nicht gerade die Behörden einschalten, sondern versuchen das Ganze auf rein privater Ebene zu regeln!«

 

»Um Gottes willen! Alex! Das hätten sie aber lieber nicht tun sollen! Diese Typen sind ja zu allem fähig. Sie haben völlig recht, die werden das bestimmt nicht auf sich sitzen lassen und es eben auf ihre eigene Art regeln!«, meinte Irene mit angsterfüllten Augen. Victoria starrte ihn ungläubig an.

»Haben sie Erfahrungswerte, die ich dabei nützen könnte?«, wollte er von Irene wissen.

»Ich denke, die werden irgendwelche miesen, schräge Typen kaufen, die sie dann fertigmachen sollen!«

»Damit habe ich ja auch schon gerechnet, aber beruhigen sie sich, ich habe da vorgesorgt. Es ist ein Sicherheitsdienst beauftragt, das Haus samt Inhalt und Personen, rund um die Uhr im Auge zu behalten und zu beschützen. Dazu sind ständig mehrere Leute in Bereitschaft, einzugreifen. Trotzdem wäre es gut, wenn sie beide, die nächste Zeit nicht ganz alleine aus dem Haus gingen.«

»Kann ja richtig lustig werden!«, meinte Irene und sah Victoria an, die jetzt ihrerseits vollkommen verschreckt schien und unter ihrer dunklen Haut richtig blass aussah und schreckerfüllt stammelte,

»Monsieur Alex, das ist ja sehr gefährlich! Ich glaube, ich gehe jetzt freiwillig wieder dorthin zurück!«

 

An ihrem resignierenden Ausdruck, als sie sprach, kam es Alex vor, als würde sie sich innerlich aufgeben.

Er konterte energisch, »Kommt doch überhaupt nicht in die Tüte, Victoria, sie bleiben! Wir stehen das schon durch, glauben Sie mir. Wir werden die nächste Zeit viele Leute um uns haben, sie aber nicht bemerken, der Sicherheitsdienst weiß schon wie man das macht. Ich selbst, habe ab morgen einen Chauffeur, der mich auf Schritt und Tritt begleitet, verstehen sie? Wundern Sie sich bitte nicht, dass wir dann überall mit ihm, mit einem gepanzerten Mercedes auftauchen werden.«

»Wird aber teuer die Angelegenheit!«, meinte Irene, sie schien sich aber schon geistig mit dem Projekt anzufreunden, wie er innerlich deutete.

»Irene machen sie sich darüber keine Gedanken, passen sie bitte auf Victoria auf, damit sie am Ende nicht doch noch aufgibt, OK?«

Irene tätschelte zärtlich Victorias Arm, »Cherie fürchte dich nicht, wir machen das schon. Dir passiert nichts. Sie werden bestimmt auf Alex losgehen, er ist ihr Ziel. Aber er hat ja seinen Gorillas!«

 

»Monsieur Alex, sie hätten wirklich zahlen sollen! Ich habe Angst! Um sie!«, sprach sie immer noch ganz verzagt dreinschauend.

»Sehen sie Victoria, Gemeinheit muss mit Gemeinheit beantwortet werden, das ist die Sprache, die Kerle verstehen, oder nicht?«

»Ich weiß nicht recht, Monsieur Alex, aber die Kerle sind ja zu allem fähig, die werden das nicht auf sich sitzen lassen, jamais!«

»Nun einerlei! Ich werde der Konfrontation mit allen Mitteln die Stirn bieten. Hier im Hause sind wir sicher, wenn wir ausgehen, dann nie alleine und nur mit Chauffeur, sie verstehen?«

 

Er hatte zwar selbst ein ziemlich mulmiges Gefühl bei der Sache, irgendwie Angst vor seiner eigenen Courage, trotzdem war er fest entschlossen die Angelegenheit so durchzuziehen und keinesfalls klein beizugeben.

Er vermutete, dass seine neu gewonnenen Freunde, erst einmal etwas organisieren müssten. Daher hielt er den nächsten Tag für relativ ungefährlich und er musste ohnehin erst zu Sasha ins Studio, dort würde er den ganzen Tag unter Leuten sein. Inzwischen würde der Sicherheitsdienst für die Mädchen und fürs Haus aktiv werden, also was sollte daher schon groß passieren können.

Die beiden Mädchen schienen, ihren ersten Schock, bereits überwunden zu haben, er glaubte, dass sie sich sogar schon darüber etwas zu freuen begannen, dass ihren ehemaligen Peinigern ein Denkzettel verpasst wurde. Ganz Wohl war ihnen vermutlich zwar immer noch nicht dabei, denn die Angelegenheit barg noch zu viele unbekannte Größen in sich, die noch nicht ein schätzbar wären. Irene mutete da wesentlich zuversichtlicher an, als Victoria, die ihrerseits noch nicht ganz überzeugt war und sich viel mehr ängstigte, wie er feststellte.

»So, meine Damen!«, sagte er verschmitzt, »die Show kann also beginnen, die Frage ist nur, wer dabei am Ende in die Hände klatscht!»

 

Alex nippte an seinem Glas, stellte es wieder ab und sprach,

»Während meiner Warterei im Studio, bin ich geistig viele Details durchgegangen und habe mir so einiges überlegt. Ich meine, den Kopf wird es schon nicht kosten, dazu ist die Sache zu klein, man wird wohl eher versuchen, mich zu verprügeln oder mir finanziellen Schaden zuzufügen. Die wahre Summe, die zur Debatte steht, bewegt sich meiner Schätzung nach, auf unter 50.000,--, das ist in diesen Kreisen bestimmt nur ein besseres Trinkgeld. Das verdienen die Kerle bei gutem Wind, ja in der Stunde. Worum es denen wirklich geht, ist wohl eher die gekränkte Ehre. Soweit die überhaupt eine besitzen, wahrscheinlich wohl eher dem gekränkten Selbstwertgefühl, einer Finte aufgesessen zu sein. Das ist wahrscheinlich das Unverdaubare für diese Kerle. Ich meine Victoria hat ja eigentlich gar nichts zu befürchten, sie hat man dort bestimmt schon geistig abgeschrieben. Sie werden sich bestimmt wieder ein anderes Mädchen suchen, eine, bei der die Fremdenpolizei kein Auge drauf hat. So denke ich mir das!«

 

Irene nickte zustimmend, während er sprach, sie meinte dann,

»Ja, ich glaube auch, dass die Leute das so sehen, soweit ich die kenne. Bestimmt werden die, ein Prügelkommando ansetzen. Die Frage ist nur, ob dieses dann den Job nicht allzu genau nimmt?«

»Nun, wie dem auch sei, in einigen Tagen Wissen wir es, aber leicht werden die es sicher nicht haben, glauben sie mir!«, meinte er und trank sein Glas leer.

 

Der Abend war schon vorgerückt, die Diskussionen kreisten noch ständig um diesen Themenkreis, ergab dennoch, keine neuen Erkenntnisse. Es schien ja alles gesagt worden zu sein. Alex überließ die Mädchen sich selbst, die immer noch angeregt weiter diskutierten. Er war müde, begab sich nach oben und fiel bald in einen befreienden Tiefschlaf.

 

Beim Frühstück am nächsten Morgen, waren sich die Mädchen einig, sie wollten die Sache jetzt mit ihm gemeinsam durchstehen und beteuerten dies auch. Victoria war plötzlich nicht mehr so zaghaft und verschreckt, wie er feststellte. Anscheinend hatte Irene sie ordentlich bearbeitet, der Wiederrum die Sache anfing zu gefallen, denn sie gönnte den Barbesitzern die Schlappe von ganzem Herzen, wie sie betonte.

Alex war rechtzeitig aufgestanden, diesmal wollte er pünktlich im Studio sein, er frühstückte schnell zu Ende und machte sich auf den Weg. Als er die Garage verließ und Richtung zur Donau fuhr, bemerkte er im Rückspiegel eine rote Limousine, die ihm schon längere Zeit in einem gleichbleibenden Abstand folgte.

 

Das Beschäftigte, ja beunruhigte ihn, so näherte er sich den Kreuzungen, sodass es ihm gelang, kurz bevor die Ampeln auf Rot umschalteten, noch durch die Kreuzungen zu kommen. Zweimal hielt die rote Limousine mit, beim dritten Mal, schaffte sie es einfach nicht mehr. Er hängte sie endgültig ab. Vorsichtshalber wechselte er danach ein paar mal die Richtung, fuhr durch belebte enge Gassen. Als er sah, dass das Auto nicht mehr folgte, nahm er wieder die Hauptstraße Richtung Studio. Dort, stellte er den Wagen hinter einer Halle in der Nähe der Fabrikmauer ab. Er begab sich dann zu Sasha, der gleich die zweite Fotoserie schoss, wobei fast alles genauso wie am ersten Tag ablief. Der einzige Unterschied war, dass ungefähr eine Stunde später, die er ja im Studio verbrachte, ein ziemlicher Tumult auf dem Fabrikgelände entstand. Plötzlich zogen dicke schwarze Rauchschwaden übers Gelände, es roch auf einmal, als ob Gummi brennen würde. Gummi brannte auch, Alexs Wagen stand in hellen Flammen, die Reifen brannten schon lichterloh, wie er sah, als er mit den anderen aus der Halle kam.

 

Alle Löschversuche, mit einem kleinen Fabrikfeuerlöscher, schlugen fehl. Als dann endlich die Feuerwehr mit lautem Tatütata anrollte, war der Wagen schon fast ausgebrannt. Die Feuerwerker löschten dann schnell, den verbleibenden unbrauchbar gewordenen Rest, der Wagen war zu einem verkohlten Blechklumpen geworden. Na, bum, dachte sich Alex, die Kerle sind ja schneller, als ich dachte, da ist jetzt aber größte Vorsicht geboten.

 

Während im Hof noch eifrig diskutiert wurde, über den Grund des Feuers. Die einen waren für Kabelbrand, die anderen waren eher für defekte Benzinleitungen, eilte Alex schnell ans Telefon und rief vorsichtshalber in Sievering an, um sich dort ein Bild der Lage zu verschaffen. Irene sagte ihm, es sei alles normal, keine besonderen Vorkommnisse. Vom Autobrand, erzählte er lieber nichts, er wollte die Mädchen nicht beunruhigen.

 

Verdammter Mist, sagte er sich, wärst du doch mit einem Taxi hergefahren, jetzt gibt es bestimmt einen endlosen Papierkrieg mit COP wegen des Wagens. Als er später etwas angeschlagen nach Hause kam, stürzten sich die Mädchen aufgeregt auf ihn. Zeigte ihm die zerschlagene Fensterscheibe an der gartenseitig gelegen Veranda. Aufgebracht sagten sie ihm, ein Stein wäre plötzlich durchs Fenster geflogen gekommen, er war in ein Papier gewickelt, dort waren Buchstaben schlampig aufgeklebt. Als Text las er:

Auge um Auge – Zahn um Zahn! Wir sind jetzt quitt!

 

Alex grinste übers ganze Gesicht, als er das las und den Pflasterstein begutachtete, der die Nachricht transportierte. Die Mädchen sahen ihn verstört und ungläubig an, sie verstanden anscheinend die Welt nicht mehr und mussten ihn wohl für verrückt halten. Er erzählte ihnen dann auch den Vorfall auf dem Fabrikgelände.

»So meine Damen, ich glaube, wir können die Aktion als gelaufen betrachten. Der Spuk dürfte wohl vorbei sein, es ist abgerechnet!», sagte er amüsiert über ihre erstaunten Gesichtsausdrücke.

 

Irene fasste sich dann als erste wieder, sie fragte mit neugierigem Blick,

»Was soll das denn jetzt heißen? Wie kommen sie denn darauf?«

Victoria bekam scheinbar wieder Gewissensbisse und meinte,

»Ihr schönes teures Auto! Und ich bin Schuld!«

Alex streichelte zärtlich über ihr glänzendes Haar, das schien sie etwas zu beruhigen,

»Machen sie sich nichts daraus, der eigentliche Schaden umfasst, eine Lederjacke, eine Glasscheibe, ein paar Schreckminuten und das war es dann schon. So gesehen war doch unsere Aktion ein voller Erfolg, meinen sie nicht?«

»Ja und das Auto?«, wollte Irene wissen.

»Tja, das Auto ist Versicherungsangelegenheit, ist ja Kasko versichert, in drei Tagen bekomme ich ein neues vor die Tür gestellt, leider nicht in der Farbe, die ich wollte, aber was soll's. Die Sache muss ja jetzt schnell erledigt werden. Leid tut es mir eigentlich nur um meine schöne Lederjacke, so ein erlesenes Einzelstück bekomme ich ja bestimmt nie wieder!«, er blickte traurig und überlegte blitzartig, wo er wieder so eine Jacke auftreiben könnte.

 

Er riss sich aber von dem Gedanken los und umarmte Victoria, die immer noch ängstlich dreinblickte,

»Wir haben gewonnen! Victoria, sie sehen jetzt, dass Sie mir gar kein Geld schulden, also hören sie mit den Selbstvorwürfen auf, ja?«, er tätschelte leicht ihre Wange,

»Sie können jetzt ganz beruhigt sein, Ihr Saldo steht auf null! Das traurige daran ist nur, dass vermutlich jetzt ein anderes Mädchen dafür schwer büßen muss. Denn ein zweites Mal gelingt es sicher niemand mehr so einfach, ein Mädchen aus der Höhle des Löwen herauszuholen!« Alex grinste übers ganze Gesicht, wurde wieder ernsthaft,

»Trotzdem werde ich dem Sicherheitsdienst Beine machen und ihn noch eine Weile weiterbeschäftigen, einfach nur so vorsichtshalber!«

Anscheinend begriffen die Mädchen erst jetzt, die näheren Zusammenhänge und auch die Tragweite der Ereignisse und das beruhigte sie sichtlich wieder, wie er glaubte, bei ihnen zu bemerken.

 

In den darauffolgenden Tagen widmete er sich dann den Aufgaben im Studio, die ihm ziemlich viel Nerven kosteten. Denn der Regisseur der Filmcrew, stritt sich andauernd mit dem Kameramann herum. Jeder Filmsequenz, ging ein mindestens um eine Stunde andauernder Disput voran, um Licht, Kameraeinstellungen, Szenegestaltung und allerlei anderen Details, über die, sich die beiden nicht gleich einigen konnten.

 

Alex nervte das inzwischen schon gehörig, er musste derart viele Szenewiederholungen drehen, dass es ihm schon bald überdrüssig wurde.

Nur der Gedanke an die schönen Geldpakete versöhnte ihn immer wieder und er biss tapfer die Zähne zusammen. Sascha verfolgte das ganze maliziös lächelnd. Hielt sich aber schlauerweise vollkommen aus der Sache heraus, er war ja nur für die Standfotos verantwortlich und die, hatte er bereits erfolgreich im Kasten, wie er sagte. Als die letzten Filmrollen endlich verbraucht waren und anschließend zum Kopierwerk gingen, war Alex auch sehr froh, aus dieser verrückten Welt entfliehen zu können. Er wusste, dass der Start der Werbekampagne in zwei Monaten geplant war und zu diesem Zeitpunkt sollte er dann auch die letzte noch offene Zahlung erhalten.

 

Durch die vergangenen turbulenten Ereignisse fand er überhaupt keine Zeit, sich mit der unerledigten Angelegenheit mit Sibylle zu befassen. Er dachte zwar zwischendurch einige Male daran. Es bereitete ihm jedes mal Unbehagen, da er nicht aktiv werden konnte, er sich ja selbst im Wort stand, da etwas zu unternehmen. Zudem, der erste Renntermin immer drohender auf ihn zukam. Schon zum nächstem Wochenende, würde das erste Rennen in der Steiermark wieder über die Bühne gehen, wie er wusste. Dadurch kam er schon unter Druck die Reisevorbereitungen zu treffen und sich mit dieser Causa wieder intensiv zu beschäftigen. So blieb ihm einfach nichts anderes übrig, als den Entschluss zu fassen, Sibylle von irgendwo unterwegs zu kontaktieren. Auch die Mädchen waren traurig darüber, dass er, sie verlassen musste. Sie hatten sich inzwischen an ihn gewöhnt, wie sie zugaben.

 

Ihm selbst war zwar nicht sehr wohl zumute, wenn er daran dachte, wieder ins Cockpit zu steigen und die angenehme Wohngemeinschaft aufgeben zu müssen, um wieder aus Koffern zu leben. Andererseits reizte es ihn schon, wieder den Duft von Castrol R40 in der Nase zu spüren, diesem Duft, der wie Äther anmutete. Das infernalische Geheul der Motoren zu hören und sich wieder dem Nervenkitzel, auch dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben.

 

Seinen Mitbewerbern zu zeigen, was mit einem erstklassigen Wagen zustande gebracht werden konnte. Diesmal nahm er sich vor, es ihnen einmal so richtig zu zeigen, wo Gott wohnt. Er wollte, es auf keinen Fall mehr darauf ankommen lassen, dass irgendjemand vor ihm ist und er sich womöglich wieder mit einem geschenkten Titel zufriedengeben sollte. Die Chancen, die er sich ausrechnete, standen ja eigentlich gar nicht so schlecht für ihn, wie er sich sagte. Marcel stand an der Kippe abzuspringen und wie er ihn kannte, würde er abspringen so bald die Zeit für ihn günstig war. COP müsste sich dann um einen anderen Fahrer umsehen. Vielleicht würde es ihm gelingen bei einem Wechsel darauf Einfluss nehmen zu können, bei der Auswahl des neuen Fahrers ein Wörtchen mitzureden. Wäre doch nicht schlecht, dachte er sich. Müsstest es halt mal mit Cindy ausloten, wenn es, dann soweit ist.

 

Er vermutete nämlich das Marcel, wahrscheinlich mitten in der Saison, das Handtuch werfen würde. Denn er hatte durch die Fachpresse erfahren, dass im Rallyesport große Veränderungen bevorstanden, die im nächsten Jahr wohl voll zum Tragen kommen werden. Nachdem Marcel sich ohnehin mehr zu dieser Disziplin berufen fühlte. Er wusste, dass die Weichenstellungen schon immer geraume Zeit davor stattfinden, daher schien ihm ein Wechsel Marcels in nächster Zeit als sehr wahrscheinlich.

 

Wie auch immer, sagte er sich, wird die kommende Saison ganz sicher wieder eine ereignisreiche Zeit werden. Nahm sich vor, die Augen offen zu halten und jede erdenkliche Gelegenheit, die sich ihm bieten würde genau zu überprüfen. Denn die, etwas festgefahrene Ideologie, bei COP missfiel ihm schon gewaltig, er hätte die Organisation für wesentlich flexibler erwartet, ja für wesentlich dynamischer gehalten. Dass kommerzielle Dinge so stark in den Vordergrund gerückt wurden, war ja seinerzeit schon kein Geheimnis. Aber dass, dies so plötzlich hereinbrach und in die Agenden des Rennstalles so hart durchgriff, mit dem hatte er nicht so schnell gerechnet.

 

Er sagte sich, ein Rennstall ist wohl dazu da, Rennen zu gewinnen, koste es, was es wolle. Es kann doch nicht seine Aufgabe sein, darüber nachzudenken wie viel Kupplungen, Öle oder sonst irgendwelche Teile, in einem Markt absetzbar sind.

Damit soll sich doch gefälligst ein Handelsunternehmen beschäftigen.

 

Warum können diese Dummköpfe in den USA, es nicht eindeutig auseinanderhalten, diese Strategen, denen es auf den Sport scheinbar überhaupt nicht so stark ankommt. Für die ist eigentlich nur wichtig, dass das Markenzeichen gut funktioniert und in allen Gehirnen verankert wird und erste Erfolge in dieser Richtung lagen ja schon zur Genüge vor, wie er wusste.

 

29. Kapitel

 

Das erste Rennen der neu angefangenen Saison war gerade beendet worden. Alex fuhr dabei auch einen fulminanten Sieg heraus. Die Strecke lag ihm, er kam gleich vom Fleck weg sehr gut mit den Bedingungen zurecht. Es handelte sich um eine kurvenreiche Bergstraße, die eine perfekte Kurventechnik voraussetzte und die beherrschte er ja inzwischen auch bestens. Seine anfänglichen Überlegungen die Sache zaghaft anzugehen, warf er kurzerhand über Bord und fuhr gleich von Anfang an, voll auf Angriff. Es lohnte sich dann auch. Er holte in seiner Klasse nicht nur die Bestzeit, sondern fuhr außerdem noch die Tagesbestzeit. Da ein Favorit mit einem Formelwagen, gleich im ersten Lauf, technisch K.o ging und dadurch aus der Wertung kam.

 

Marcel schien demoralisiert und landete außerhalb der Wertung, auf dem vierten Platz. Alex vermutete, dass er wohl geistig schon in einer anderen von ihm bevorzugter Disziplin war und vielleicht dadurch jetzt keine Veranlassung mehr sah, irgendwelche unnötige Risiken einzugehen. Am Abend, dann bei der Siegerehrung im Hotel, wollte er mit ihm darüber sprechen. Marcel zeigte sich jedoch sehr zugeknöpft und rückte überhaupt nicht mit der Sprache heraus, trieb wieder seine undurchsichtigen Spielchen. Das ärgerte Alex und er beschloss, in Zukunft den Mund zu halten und den Dingen beim guten Marcel einfach ihren Lauf zu lassen.

Einerseits kam ihm das zaghafte Fahrverhalten seines Stallgefährten beim Rennen sogar sehr entgegen.

 

Denn mit dem demotivierten Marcel, hätte er ja leichtes Spiel. Die Frage war nur für wie lange, denn er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass COP da lange tatenlos zusehen würde. Zudem wäre es sehr interessant für ihn, die Reaktion der COP Leute zu sehen. So nahm er sich vor, besonders darauf zu achten. Zumal er ja selber irgendwie schon an der Kippe stand, sich aber eisern vorgenommen hatte, seine Bestrebungen geheim zu halten und sich nach außen überhaupt nichts anmerken zu lassen. Er wollte seine Arbeit verrichten, und zwar gut verrichten, schließlich bezahlte man ihn ja dafür und das nicht einmal so schlecht. Es war sein fester Vorsatz, erst dann etwas darüber von sich zu geben, wenn es schon konkrete Angebote für einen Wechsel gäbe. Die ihm, dann bessere Chancen und Bedingungen bieten würden und ihn seinem Ziel, die angepeilte Europameisterschaft, näher bringen würde.

 

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, war Cindy schon beim ersten Rennen anwesend und verfolgte die Vorgänge mit Aufmerksamkeit. Marcels schlechtes Abschneiden, rief bei ihr natürlich nicht gerade einen entzückten Gesichtsausdruck hervor. Er erinnerte sich, bevor der zweite Durchgang gestartete wurde, erschien sie plötzlich an seinem Wagen und rief ihm durch den großen Lärm der Motoren ins Ohr,

»Sag Mal, was ist denn eigentlich mit Marcel los? Der hat ja Zeiten wie ein Nachtwächter. Der Mann ist doch völlig anders als sonst! Weißt du da vielleicht etwas?«

»Keine blasse Ahnung!«, rief er mit Unschuldsmiene zurück, »ich weiß auch nicht, was er heute hat!«

 

Cindy packte seinen Arm und drückte ihn fest, beugte sich zu ihm und rief ihm zu,

»Dann drücke wenigstens du ordentlich auf die Tube, du weißt ja, was auf dem Spiel steht, oder? Hau ordentlich drauf, wenn es klappt, wird es nicht dein Schaden sein! Als los, Hals und Bein, Alex!«, sie klopfte mit einem harten Schlag auf seinem Helm, als wollte sie ihre Worte in sein Gehirn hämmern, es dröhnte im Helm, als ob jemand ein Scheunentor zuschlagen würde.

 

Alex beherzigte ihre Worte, die er kurz vor seinem Start aufnahm und wie sich zeigte, konnte er ja die Ehre von COP retten. Denn gerade das erste Rennen der Saison, wurde von der Motorsportwelt quasi als Barometer für die weiteren betrachtet. Es würde sich auch nicht allzu gut ausmachen, gleich beim ersten Rennen, mit einem negativen Ergebnis in der Presse und den Medien dazustehen.

Am späten Nachmittag anlässlich der Siegerehrung, Alex stand gerade im Blitzlichtgewitter der Reporter, den riesigen Lorbeerkranz am Hals, in den Händen einen schweren prunkvollen Pokal, als Cindy sich in die vorderste Reihe vorschob. Sie lächelte ihm Stolz zu und genoss sichtlich die Zeremonie. Die Meute der Reporter schob und drückte heftig und wollte ständig neue Schnappschüsse.

 

Obwohl Alex zwar den ganzen Trubel rund um die Siegerehrung hasst, musste er aber schon aus PR Gründen doch alles über sich ergehen lassen. Obendrein war ja auch noch seine Chefin anwesend, die ja sehr darauf erpicht war, dass ja nur jeder Fotograf zu seinem „Schuss“ kam. Mitten im Gedränge drückte ihm dann ein Sportfunktionär auch noch eine Magnumflasche Sekt in die Hand. Eingedenk der Tatsache, dass die meisten Fahrer am Treppchen, diese dann sofort öffneten und den Inhalt auf die Meute versprühten, wichen die Reporter ängstlich zurück und bedeckten gleich ihre teuren Fotokameras. Seine beiden Kollegen am Siegerpodest, ließen sich auch gar nicht lange lumpen und bedachten die Gaffer und Presseleute, mit einem Sektsprühregen erster Güte.

 

Alex fand das immer total überflüssig und unangebracht, ließ seine Magnum einfach am Podest stehen und machte sich schleunigst aus dem Staub, frohen Herzens, dem entstandenen Chaos nun zu entfliehen. Er hatte den sehnlichen Wunsch sich zu duschen, die verschwitzte Fahrermontur abzulegen und sich im Hotelzimmer ein wenig auszuruhen. Es gelang ihm auch, im entstandenen Wirbel, ohne von Reportern verfolgt zu werden, zu entkommen und unauffällig sein Zimmer zu erreichen.

 

Wohltemperiertes Duschwasser umspülte gerade seinen Körper, als es an der Zimmertür klopfte, stark und fordernd klopfte, wie er trotz der fließenden Wassermassen aus dem Brausekopf hörte. Verflucht und zugenäht, dachte er sich, hat man denn nicht einmal unter der Dusche seine Ruhe. Am liebsten hätte er gar nicht reagiert, doch die Neugierde ließ es einfach nicht zu. Schnell band er sich, ein Handtuch um die Hüften und öffnete. Mit erstauntem Blick sah er ins Gesicht von Sibylle.

»Hi, Alex!«, begrüßte sie ihn fröhlich.

»Hallo Sibylle! du hier?«, entfuhr es ihm immer noch erstaunt.

 

»Ja ich, da staunst du wie?«

»Und ob. Alles hätte ich ja erwartet, aber dass du hier auf einmal aufkreuzt?«

»Darf ich herein kommen?«

»Natürlich! Bitte entschuldige, auch für meinen Aufzug.«, er hielt krampfhaft das Handtuch fest, beinahe wäre es von seinen Hüften gerutscht.

Mit etwas lüsternem Blick musterte sie ihn von Kopf bis Fuß,

»Du scheinst ja sehr abgenommen zu haben, passt dir aber sehr gut. Außerdem erinnert mich deine jetzige Bekleidung auch an eine schöne Zeit!«

Sie trat näher, er schloss die Tür, stürmisch umarmte sie ihn, ihr langer inniglicher Kuss verschloss ihm den Mund.

 

»Oh Alex, ich hatte ja solche Sehnsucht, die Zeit ohne dich war die reinste Hölle. Bist du mir eigentlich noch böse, weil ich dich so spärlich informiert habe? Hoffe, du verzeihst mir. Übrigens, es gibt eine Menge, neuer Nachrichten!«

Inzwischen hatte er sich wieder gefangen, sein vorher großes Erstaunen schlug nun in blanke Freude um,

»Ach wo, Sibylle, warum sollte ich dir denn böse sein? Eigentlich müsste ich mich ja bei dir entschuldigen, da ich dich damals, so grob behandelt habe und beim letzten Telefonat auch so dumm reagiert habe. Nimms bitte nicht krumm, aber ich hatte in letzter Zeit soviel um die Ohren! Wie dem auch sei, ich freue mich, dich wieder zu sehen!«

 

»Ist schon gut, Alex, vergiss es einfach. Ich bin dir ja überhaupt nicht böse!« Spontan wickelte sie das Handtuch von ihm und begann ihn zärtlich abzutrocknen. Er hätte sich belügen müssen, wenn er sich gesagt hätte, das gefiele ihm nicht, ganz im Gegenteil. Während sie seinen Körper zart frottierte, schob sie ihn sanft aber unaufhaltsam in Richtung des Bettes, das einladend nur wenige Meter entfernt war.

 

Früh morgens erwachte Alex, nach einem kurzen aber festen Tiefschlaf. An seinen Körper an gekuschelt, lag Sibylle, tief atmend neben ihm. Sie schien entspannt und lächelte im Schlaf. Er ließ seine Blicke im Zimmer umherschweifen und sah ihre achtlos im Raum verstreuten Sachen herumliegen. Er gähnte herzhaft und spürte ein aufkeimendes Hungergefühl, er bekam Appetit auf Frühstück und griff nach dem Telefon.

 

Nachdem, er ein reichhaltiges Frühstück aufs Zimmer bestellte, stand er leise auf und begab sich ins Badezimmer. Das Wiedersehen war ja äußerst heftig ausgefallen, zeugten doch die tiefen Kratzspuren, ihrer langen Fingernägel auf seinem Rücken davon und das Duschwasser brannte darauf, wie Feuer.

Kurze Zeit später, erschien das Zimmermädchen mit einem Frühstückswagen, um dann mit einem wissenden grinsen, den Frühstückstisch zu decken, danach verließ sie mit einem neidisch klingenden Seufzer das Zimmer.

 

Sibylle war inzwischen erwacht und rekelte sich noch genussvoll in den Kissen. Alex kannte ja ihre Vorliebe für Frühstück im Bett und brachte ihr den Kaffee hin. Während sie im Bett das Frühstück einnahmen, plagte ihn plötzlich die Neugier, er fragte sie, »Du sagtest, es gibt viele Neuigkeiten? Gestern kamen wir ja irgendwie nicht mehr so dazu, darüber zu reden!«

»Ganz recht. Also, erstens ich habe mich dazu entschlossen die Firma zu verkaufen. Ich will einfach nicht mehr. Ich will mir die ganze Geschichte einfach nicht mehr antun!«

 

Alex spitze die Ohren und beschloss, schnell keine Zwischenfragen zu stellen, er blickte sie nur fragend an, »Ja, du hast ganz richtig gehört. Ich will ganz einfach nicht mehr, aus, vorbei! Finit! Vom Erlös kann ich gut und gerne ein paar Jahre sehr gut leben.» Sie strich sich gerade ordentlich Konfitüre auf ihr Brötchen und biss herzhaft ab. Zwischen zwei Bissen, meinte sie lächelnd,

»Du sagst ja gar nichts, was meinst du denn dazu?«

»OK, das war erstens, was kommt danach?«

 

»Nun, zweitens, wenn ich dann die ganze Angelegenheit vom Hals habe und das wird ganz schnell gehen, denn die Verhandlungen sind ja schon so gut wie abgeschlossen. Dann nehme ich meine Gesundung in Angriff, du weißt ja, was ich damit meine?«

»Freut mich ja außerordentlich das zu hören, wirklich!«, antwortete er und wollte wissen, »hast du da schon einen genauen Plan?«

»Und ob! Ich werde mich einer Kur in Spanien unterziehen, in einer Privatklinik. Mein Onkel hat das eingefädelt und seine Verbindungen spielen lassen. Er hatte mich ja auch dabei ertappt, so wie du!«

»Scheint ja ein sehr vernünftiger Mann zu sein, dein Onkel?«

»Ja, das ist er ohne Zweifel. Ihr zwei, könntet von der Art her, direkt Zwillingsbrüder sein, noch besser eineiige Zwillinge!«

 

»Also, das sind wirklich Neuigkeiten, die du da berichtest. Die Angelegenheit mit der Firma, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber ich denke, du weißt schon, was du tust! Die Sache mit der Kur finde ich einfach toll!«

»Weißt Alex, ich hatte ja viel Zeit über all die Dinge nachzudenken, sogar sehr viel Zeit, durch die langen Nächte im Krankenhaus bei meiner Tante.«, ihr Blick wurde plötzlich sehr traurig.

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen, tut mir auch sehr Leid, das mit deiner Tante!«, er streichelte sanft ihr glänzendes dunkles Haar.

»Ein Wahnsinn, dass Tante erst sterben musste, damit man in der Familie einander näher kam und Probleme besprechen konnte. Was für eine verrückte, unmenschliche und abgekapselte Welt ist es doch, in der wir heutzutage leben müssen«, meinte sie mit traurigem Blick.

 

Er erinnerte sich an seine eigenen Gedanken, die er sich seinerzeit auch schon einmal in dieser Richtung machte,

»Ja, hast ganz Recht, manches Mal geht mir das auch sehr nahe, anstatt die Menschen zusammenrücken. Gemeinsam versuchen, das beste aus dem Leben zu machen, entfernen sie sich zusehends voneinander. Lassen ihren egoistischen Trieben freien Lauf und interessieren sich fast überhaupt nicht mehr, um das was links und rechts, mit anderen geschieht.«

»Du bist da aber ganz anders, Gott sei Dank! Das ist es auch, warum ich so gerne bei dir bin!«, ihre Augen bekamen wieder Glanz, als sie es sagte.

»Nun, ich versuche halt das Menschliche in mir, nicht einschlafen zu lassen«, äußerte er, »obwohl, ich mich dabei, schon manches mal sehr schwertue!«

 

»Warum sagst du das?«

»Weil mache Zeitgenossen, eben ganz gewisse Leute, einem die guten Vorsätze schon zunichtemachen können.«

»Gehöre ich denn auch dazu?«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Mit mir hast du doch eigentlich nur Troubles?«

»Also, ich meine, ich habe mit dir nicht so viele Probleme, wie du sie eigentlich mit dir selbst hast. Aber soviel ich hören konnte, arbeitest du bereits mächtig daran!«

»Findest du?«

»Ja gewiss, ich meine, wenn du an deinen Vorsätzen und Zielen festhältst und sie realisierst, dann gewinnst du am Ende doch das Rennen.«

»So wie du, die Rennen gewinnst?«

 

 

»In etwa, der Vergleich ist durchaus realistisch. Schau, ich gehe mit einem festen Vorsatz, mit Enthusiasmus, mit besten technischen Voraussetzungen und auch mit einer Portion Glück an die Starts und wie sich zeigt, gelingt mir damit einiges!«

»Alex, du weißt ja gar nicht, wie sehr du mir damals an jenem Abend geholfen hast. Dafür werde ich dir immer dankbar sein. Du hast damals die Weichen gestellt, dass ich in Zukunft ein anderes Leben führen will und wenn alles glückt, führen werde, ganz sicher.«

»Es ist gut, wenn du so denkst, an deine Vorhaben und Ziele glaubst und daran festhältst. Du wirst davon, bin ich auch überzeugt, falls du nicht von der Bahn abkommst, dein Leben neu zu ordnen. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, das alles gelingt.«

 

Im Laufe des Vormittags trennten sie sich, Sibylle reiste weiter nach Wien, sie wollte die Übernahmeverhandlungen weiterführen und abschließen. Er bereitete sich vor, den nächsten Veranstaltungsort anzusteuern, verließ das Hotel und machte sich auf den Weg dorthin. Unterwegs wollte er noch kurz in Wien anrufen und sich bei den beiden Mädchen zu Hause, nach dem Stand der Dinge erkundigen. Dies geschah auch bei einem Tankstopp, wobei ihm Irene sagte, in Sievering wäre alles in bester Ordnung, er könne ganz beruhigt sein. Nachdem das kommende Rennen in Oberösterreich über die Bühne gehen würde, genau auf der Strecke, auf der er, damals sein aller erstes Rennen überhaupt bestritt, beschloss er, bei dieser Gelegenheit auch Susis Grab aufzusuchen und seine ehemaligen Wirtsleute zu besuchen.

 

Er verweilte dann eine Zeit lang an Susis letzter Ruhestätte, dort holten ihn die Erinnerungen wieder ein. Er wurde den Gedanken nicht los, doch große Schuld an ihrem so frühen Tod auf sich geladen zu haben. Wie konntest du nur aus lauter Bequemlichkeit verlangen, dass sie damals selbst fahren musste? Jetzt stehst du hier hilflos an ihrem Grab. Zerbrichst dir den Kopf und stellst einen Strauß rote Rosen auf, dachte er sich. Es zerriss ihm fast das Herz, als er nach einer Weile, die Grabstätte verließ. Sich immer wieder um blickend in die Richtung, in der es lag, eingefangen von der Stille und Ruhe, die auf dem Friedhof herrschte, im Herzen zu tiefst traurig.

 

Während er zum Wagen schritt, dachte er, welch schöne Zeit sie sich noch gemeinsam machen wollten, damals in Italien. Sicher wäre es ihm gelungen, die Spannungen zwischen ihnen aufzulösen. Ihre Beziehung auf eine vernünftige Basis zu stellen. Vielleicht wäre auch mehr daraus geworden, von seiner Seite hätte er sich ja durchaus vorstellen können mit Susi eine Familie zu gründen. Vorausgesetzt sie wäre auch einverstanden gewesen, dies wollte er damals beim geplanten Urlaub klären und ihr im positiven Fall einen Heiratsantrag machen. Als einziges Handicap und Hindernis sah er seinerzeit den Umstand, dass Susi hätte hinnehmen müssen, dass er seinen Beruf trotz allem weiter ausüben wollte, ja sogar musste.

 

Denn er hatte ja keinen anderen, auch keine Alternative dazu, die so einträglich wäre, um ihr doch etwas bieten zu können. Er wollte ihr ja etwas bieten. Er malte sich damals schon aus, wie er sich erinnerte. Die Karriereleiter steil und schnell emporzuklettern, die Europameisterschaft in der Bergwertung zu erreichen. Danach, wenn möglich in den internationalen Rallyesport umzusatteln, um dort an der Spitze der Fahrer mitzumischen. Es zu Ruhm und Ehren bringen. Um später dann, wenn auch genug finanzielle Mittel vorhanden wären, sich selbstständig zu machen mit der Vertretung einer exklusiven Automarke oder im Autozubehörhandel kräftig umzurühren.

 

Er war sich zwar dessen bewusst, dass es ein steiniger Weg sein könnte, der all seine Energien und Kräfte erfordern würde, dies alles umzusetzen und Realität werden zu lassen. Trotzdem war er zuversichtlich es auch schaffen zu können. Dass das Erreichen dieser Zielsetzung einiges an Zeit verschlingen würde, war ihm ja klar, in der Zwischenzeit wollte er ja daher schon so einiges tun, um Susi endgültig für sich zu gewinnen.

 

Nun war ja alles ganz anders gekommen, der Tod hatte ihm einen großen Strich durch die Rechnung gemacht. Der hatte gesiegt und Susi auch sicher nicht freiwillig endgültig für sich gewonnen. Alex schauerte beim Gedanken, der Tod diese schwarze Macht, geheimnisvoll, unergründlich, die sich von niemand etwas vorschreiben lässt. Unerbittlich, unwiderruflich, ganz einfach bestimmt, wann es an der Zeit ist, aus der irdischen Hülle zu entschlüpfen und sich irgendwo hinzubegeben, wohin weiß eigentlich niemand.

 

Diese dunkle Macht hatte ihm ja bereits übel mitgespielt. Entscheidungen getroffen, die ihm schon so einiges abverlangten, erst bei Egon, danach bei Susi und in ihrem Fall ganz besonders. Nicht einmal vor Egons Katze hatte sie halt gemacht. Ein abgrundtiefes Hassgefühl keimte in ihm auf. Er hasste diese dunkle Macht auf einmal ganz intensiv. Rückblickend kam ihm in den Sinn, dass er sich damals in seiner Verzweiflung und aus eigener Entscheidung, auch, in deren Fänge begeben hätte. Die Frage, die sich ihm danach stellte, war, warum es damals nicht klappte?

 

War seine spontane Entscheidung einfach nicht akzeptiert worden, oder, war es einfach nur Egon, der Einfluss nahm? Wie auch immer, eines ist für mich jetzt ganz sicher, irgendwann kommst du dieser Macht bestimmt wieder einmal in die Quere. Dann aber sicher nicht mehr freiwillig, ganz im Gegenteil und ich werde gegen sie kämpfen mit allen Mitteln, aller Kraft und alle Fluchtmöglichkeiten wahrnehmen, soweit dann überhaupt welche verfügbar wären.

 

Dieser Friedhofsbesuch trübte seine Stimmung derart, dass er sich einfach nicht mehr fähig fühlte, seine ehemaligen Vermieter zu besuchen. Er wollte den Leuten nicht in gedrückter Stimmung auf die Nerven gehen und doch lieber ein anderes mal hinfahren. Nachdem noch zwei Tage, bis zum nächsten Rennen Zeit war. Mietete er sich in der Nähe der Rennstrecke, in einem gemütlichen Landgasthof ein, den er von früher her kannte. Dort genoss er die Ruhe vor dem Sturm, und nutzte die Zeit um ausgedehnte Spaziergänge, in der Umgebung zu unternehmen. Sich einfach auszuruhen, um für den kommenden Wettbewerb fit zu sein.

 

Er wollte die Dinge auf sich zukommen lassen und in aller Ruhe mit Besonnenheit durchführen. Sich sowenig wie möglich, mit Dingen befassen, die ihn in innerliche Unruhe versetzen konnten, so seine Balance, stören. Er wusste aus Erfahrung, dass er dann immer Erfolge einfuhr, wenn er in einer guten seelischen Verfassung und physisch einigermaßen gut bei einander war.

 

Aus unerfindlichen Gründen musste Marcel, wohl auf dieselben Erkenntnisse gekommen sein, plötzlich stand sein Wagen auf dem Parkplatz. Er selbst saß mit einem unvermeidlichen Bier auf der Terrasse in der Sonne, als Alex verschwitzt und schnaufend im Trainingsanzug gerade von einem Waldlauf zurückkehrte und ihn erblickte,

»Hallo! Marcel, auch schon da?«, begrüßte er ihn.

»Mais oui, bon jour, Alex. Comment ça vas?«

»Merci, tres biens, et vous-même?«, kratzte er seine spärlichen Schulkenntnisse zusammen. Da ihm die französische Sprache eigentlich immer gut gefiel, sich daher auch in der Schule schon sehr bemühte. Schon auch deswegen, weil damals die Lehrerin, eine gebürtige Französin, gleichzeitig sein erster weiblicher Schwarm war.

 

»Isch abe gute Neuigkeiten, vielleischt auch für sie?«, meinte Marcel und sah ihn fragend an.

Alex schnaufte noch immer, spitzte aber die Ohren und wunderte sich über seinen Kollegen, der anscheinend gut aufgelegt war und sogar ein Gespräch suchte, wie er vermutete.

»Was denn für Neuigkeiten?«

»Isch abe ein Angebot bekommen, die 24 Stunden von Le Mans zu fahren und isch brauche dazu eine Kompagnon, ist es interessant für sie?«

»Le Mans, 24 Stunden, en suite ! Mörderisch! Na, ich weiß nicht recht?«, antwortete er nachdenklich.

»Überlegen sie Alex, wir ätten auch erstklassige Wagen, Ford GT 40 !« Marcel lächelte und blickte ihn mit großen treuen Hundeaugen an.

 

»Was GT 40? Na ja, reizen könnte mich so einer schon«, antwortete er immer noch gedankenversunken.

»Wissen sie, meine Vater at beste Kontakte zu die Leute von Ford und die aben Order von ganz oben, in Europa mit amerikanische Produkt Siege zu bringen. Die Big Boss von Ford, at es nämlich satt bei Frühstück immer in Zeitung zu lesen, dass immer nur europäische Marken gewinnen. Deshalb at er die GT 40 konstruieren lassen und Millions of Dollars, in die Kampf geworfen!«

 

»Interessant, eigentlich sehr interessant!«, meinte Alex und erinnerte sich an die Worte Oberholzners, der ja seinerzeit einmal von sich gab, dass eines Tages, die Automobilhersteller die Sache selbst in die Hand nehmen würden.

Anscheinend war es jetzt schon soweit und der Mann behielt absolut recht.

»Werden sie das Angebot wahrnehmen und in Le Mans starten?«, hakte Alex gleich nach.

 

»Aber gans sischer! So eine einmalige Chance, muss isch einfach nehmen. Schon wegen große Publicity und isch brauche viel Publicity!« Marcel trank sein Bier aus und bestellte gleich ein neues, lächelte Alex an und sprach gleich weiter,

»Sie aben es ja viel besser, isch abe auf Fahrt nach irr, ihre Gesicht von viele Plakate lachen gesehen, bei die Werbung für die Magenschnaps!« Marcel sprach mit einem etwas neidischen Ausdruck.

 

»Na ja, das war eben eine günstige Gelegenheit, hat ja auch ein bisschen Geld eingebracht«, meinte er und schloss aus dem gesagten, dass wohl, die Werbekampagne für den Magenbitter schon angelaufen war und somit die nächsten Päckchen fällig würden, er müsste wohl deshalb bald einmal den Zigarrenfreak Krakorian kontaktieren.

»Und was kommt dann nach Le Mans?«, wollte er dann wissen.

»Isch denke viele wichtige europäische Rennen, die Ford gewinnen will, damit die Big Boss beruhigt die Zeitung lesen kann. Aber isch ab nur für Le Mans eine Vertrag geplant. Wenn gewonnen, dann fertig. Isch möchte Sprung in die Rallye Europameisterschaft machen, ab schon mit die Leute von British Leyland Kontakt, dort wird man mit erstklassige Mini Cooper an die Start gehen!«

 

»Was meint denn Cindy zu diesen Plänen? Weiß die schon davon?«

»Mais oui, isch ab meine Vertrag mit COP gelöst, gestern. Cindy wünscht misch viel Glück und ist jetzt böse auf misch, weil isch nischt mehr mitmache!« Marcel nahm einen ordentlichen Schluck Bier, sprach dann weiter,

»Wissen sie, COP ist mir einfach zu kommerziell. Sie denken einfach viel zu viel über Automobilteile nach und wie man Märkte erobert, nischt wie man Rennen gewinnt. Alex, sie werden auch noch darauf kommen und merken, dass man, mit diese Leute nischt lang zusammenarbeiten kann. Rennsport braucht Enthusiasmus, Leute die planen und konstruieren und Fahrer, die letzte ergeben, keine Kaufleute, die in Shareholders Value denken! C`est ça! Oui !«

 

Gar nicht so schlecht gedacht und dumm der Junge, dachte sich Alex und fand Parallelen zu seinen eigenen Gedanken und Wahrnehmungen, die ihn ja auch schon längere Zeit beschäftigten und auf Trab hielten.

»Und sie sind der Meinung, sie hätten mit mir, eine Chance in Le Mans etwas zu erreichen?«

»Mais oui, Alex, sonst würde isch nischt zu ihnen sagen. Isch ab gemerkt, dass sie eine sehr gute Fahrer sind und eine Mensch mit Mut zu Risiko, wie damals in Italy. Wenn sie wollen, kommen sie nächste Woche mit misch nach Belgien, wir können in Spa, die Ford Wagen testen. Wenn sie, dann mehr wissen können sie entscheiden, gut?«

 

»Gute Idee, Marcel, ich bin einverstanden, so könnten wir es machen! Nach dem Test, werde ich mich entscheiden, OK? Sagen sie werden Sie am Sonntag an den Start gehen?«

»Oui, isch ab mit Cindy abgemacht, dass isch noch diese eine Rennen fahre. Sie sucht inzwischen neue Mann als Ersatz für misch.«

»Okay, Marcel, dann ist im Moment ja alles klar, danke für die Information und ihr Angebot. Ich muss darüber noch etwas nachdenken, wir sehen uns ja dann später. Ich gehe mich inzwischen mal etwas restaurieren, ciao Marcel!«

»Gut, Alex bis später dann.«

 

Alex begann unter dem Eindruck der soeben erhaltenen Informationen über sich selbst nachzudenken, als er am Balkon seines Zimmers im Liegestuhl saß und die viele Natur um sich herum beobachtete. Geistig zog er für sich ein Resümee. Er dachte sich, wo stehst du eigentlich jetzt? Was ist dein Status im Rennsport? Du bist vom Hobbyfahrer zum Berufsfahrer geworden, hast dich wacker geschlagen, bist sogar österreichischer Staatsmeister, wenn auch irgendwie getrickst, aber immerhin.

 

Hast öffentlich einen klingenden Namen, du bist bekannt, wenn auch mit Hilfe von Sibylle, die maßgeblich daran beteiligt war, ein Image für dich, durch ihre Verbindungen aufzubauen. Stehst momentan in den Diensten einer Organisation, die den Motorsport als reinen Werbeträger betrachtet und auch weidlich ausnützt. Du konntest durch einen glücklichen Zufall in einen Werbevertrag einsteigen. Der, viel Geld brachte und wahrscheinlich ein mehr an Popularität, man wird ja noch sehen.

 

Jetzt kommt plötzlich unerwartet Marcel daher, mit neuen Verbindungen und einem Projekt, das international von großer Bedeutung sein könnte, ja sicher ist. Selbst wenn der erste Platz nicht erreicht wird, rein skeptisch gedacht. Worauf es aber sicherlich bei der ganzen Sache ankommt, ist einfach dabei zu sein und das Beste daraus zu machen. Was meinst du dazu? Die Frage richtete er an sein Zweites ich, seiner inneren Stimme. Rechnete zwar mit keiner Antwort. Da es sich ja manchmal als sehr unzuverlässig zeigte und ihn öfters auch keiner Antwort würdigte, gerade zu Anlässen, wo er sie aber schon dringend gebraucht hätte.

 

Er zuckte plötzlich zusammen, als er die innere Stimme doch vernahm, die ihm unerwartet antwortete:

So mache es doch einfach! Pack es an! Du kannst persönlich dabei eigentlich nur gewinnen! Ohne ein gewisses Risiko geht eben gar nichts! Er war froh, die Antwort zu hören, und beschloss daraufhin, ohne viel weiter darüber nachzudenken, die Sache durch zuziehen, ohne Wenn und Aber.

 

Am Sonntag dann beim Rennen, brach für Cindy scheinbar gleich eine Welt zusammen. Beide COP Wagen landeten auf hintere Plätze. Alex, machte es Marcel gleich und fuhr auf volle Sicherheit, vermied jedes Unfallrisiko, verlor dadurch natürlich wertvolle Zeit. Die Konkurrenz katapultierte sich auf die ersten Plätze und sahnte den Erfolg ab. Die Insider und Reporter, verstanden die Welt auch nicht mehr, und begannen ihre Nasen neugierig auszufahren und Cindy ins Kreuzverhör zu nehmen, um die genauen Hintergründe für dieses schlechte Ergebnis auszuloten.

 

Alex zusammen mit Marcel, machten sich danach gleich still und heimlich aus dem Staub, vorher gaben sie noch einige nichtssagenden Ausflüchte von sich, von wegen technischen Problemen an den Wagen. Begleitet von mentaler Indisposition, bedingt durch leichte Grippeanfälle und was ihnen sonst noch so allerhand einfiel und herhalten konnte, die Verhinderung auf erste Plätze zu untermauern.

 

Noch, bevor Cindy, beide genau ins Verhör nehmen konnte, saßen sie schon in einer Sabena Maschine nach Brüssel-Zaventem.

Marcel, der noch vor dem Rennen alles telefonisch organisierte, freute sich wie ein Schneekönig riesig. Endlich einmal COP ordentlich eins auswischen zu können, als Retourkutsche für seine erlittene damalige Demütigung, wie er sagte, die COP seinerzeit so ziemlich kampflos seitens der OSK (Obersten Sport Kommission) hingenommen hatte.

 

30. Kapitel

 

Früh morgens in Spa Francorchamps, eine leichte Brise wehte von der Nordsee, über die Piste des Rundkurses, der von Ford angemietet worden war. Obwohl der Ort tief im Landesinneren lag, spürte man die kühle seehaltige Luft auch den darin enthaltenen feinen Dünensand.

 

Es war nun geplant einen ganzen Tag lang mit den Ford Boliden Testfahrten durchzuführen und die auch einer harten Probe zu unterziehen. Die flunderartig niedrigen Wagen standen in den Boxen bereit, umringt von einer Schar Mechaniker, die, die Wagen startklar machten und letzte Arbeiten erledigten. Flunderartig deswegen, wie Alex fand, da ihm die Dachoberkante des Cockpits nur bis zum Hosengürtel reichte.

 

Marcel erklärte ihm auch, woher die Typenbezeichnung stammte, sie war abgewandelt von der Gesamthöhe von 40 Zoll über dem Boden.

Alex saß auf einem Reifenstapel, neben sich Marcel. Beide sahen aufmerksam bei den letzten Vorbereitungen zu und warteten auf die Startfreigabe, die ihnen ein Kaugummi kauender Rennleiter aus Texas geben würde.

 

Das Procedere in der Box unterschied sich ja nicht wesentlich von dem, das Alex ja schon von seinem bisherigen Team her kannte. Die Ford Leute arbeiteten ruhig und professionell und machten einen guten Eindruck. Der technische Leiter, ein dürres Männchen mit Nickelbrille, gab präzise Anweisungen und wachte mit Adlerblick darüber, dass auch alles nach seinen Wünschen geschah.

 

Als dann, die hochgeklappten Heckteile der Wagen endlich geschlossen wurden und die Triebwerke, großvolumige 7 Liter Motoren, dröhnend angelassen wurden und mit infernalischem Gebrüll losheulten. Da wusste Alex, dass nun die Stunde der Wahrheit schlug. Der dickbäuchige Texaner, spukte den Kaugummi in hohem Bogen aus. Deutete den Fahrern, mit einer einladenden Geste, die dem Portier vom Hilton, alle Ehre gemacht hätte, die Cockpits zu besteigen.

 

Marcel klopfte Alex auf die Schulter,

»Alex, viens, es geht los! Bonne Chance!«

Alex sah, wie er dann behände im Cockpit, des blaumetallic, glänzenden Monstrums, mit gelbem Mittelstreifen, verschwand und sich den Sturzhelm aufsetzte. Er begab sich dann zum zweiten Wagen, den ein weißer Mittelstreifen zierte und bestieg ebenfalls das Cockpit. Zwei Mechaniker waren ihm dann auch, beim Anlegen der Hosenträgergurte behilflich und überzeugten sich, dass er fest im Schalensitz saß, den sie vorher mit Schaumgummistreifen auf seine Körpermaße angepasst hatten.

 

Alex stopfte sich gerade die Ohrstöpsel in die äußeren Hörorgane, setzte dann seinen Helm auf, als Marcels Wagen sich in Bewegung setzte und der Boden der Box zu vibrieren begann. Es war abgemacht worden, fünf Runden lang, die Achtzylinder Triebwerke warm zu fahren und die Reifen, wuchtige Walzen, auf Temperatur zu bringen. Danach sollte jeder Fahrer ein paar verhaltene Runden ziehen, um sich erst mal an das Handling des Wagens zu gewöhnen. Nach diesen Einführungsrunden, sollte dann jeder für sich, die Geschwindigkeit steigern und sich ans Limit herantasten.

 

Ungefähr eine Stunde später, würde dann ein Signal von der Box erfolgen. Ab dem, dann zehn Runden lang volles Rohr gefahren werden sollte, die Geschwindigkeiten gestoppt und dokumentiert werden würden, um entsprechende Vergleiche ziehen zu können. Am Nachmittag würde sich dann alles so wiederholen. Wobei beide Fahrer, dann mit einem und demselben Wagen arbeiten würden, damit würde ausgeschlossen, dass jemand einen technischen Vorteil vom Fahrzeug her hätte.

 

Alex fuhr also, hinter Marcels Wagen, der sich anscheinend kühl lächelnd über alles hinwegsetzte und sofort Tempo machte. Alex wurde in seinen Sitz gepresst, als er dann Gas gab. Fühlte sich wie eine Briefmarke, die gerade an gedrückt wurde, er spürte die unheimliche Kraft, die im Fahrzeug steckte. Ein Blick auf den Tourenzähler signalisierte ihm, dass noch jede Menge Drehzahl zur Verfügung stand. Er blieb Marcel auf den Fersen und sah wie aus den Auspuffendrohren an dessen Wagen, grelle Flammen zuckten, besonders in den Kurven, wo Gas zurückgenommen werden musste.

 

Alex fühlte sich zunächst ganz Wohl im engen Cockpit, der Wagen reagierte exakt auf seine Befehle, die Lastwechselreaktionen hielten sich absolut in Grenzen. Das Fahrzeug schien ausgewogen und lag sicher auf der Bahn. Nur am brutalen Antritt beim Beschleunigen musste er, sich ja erst einmal gewöhnen. Es war, als würde ihm jedes mal jemand einen Prügel ins Genick schlagen, wenn er Vollgas gab und das tat er häufig. Umgekehrt beim Bremsen, wurde er, durch die starke Verzögerung, so in die Gurte gedrückt, dass an den Auflagestellen am Overall, die vom Schweiß gereizte Haut darunter stark zu brennen begann.

 

Die Temperatur im Cockpit stieg Runde um Runde an, das Triebwerk, wenige Zentimeter hinter seinem Sitz, wärmte ja mächtig. Ganz abgesehen, vom Geräuschpegel, der trotz zu gestöpselten Gehörgängen dicht an der Schmerzgrenze lag. Alex musste die, im Kunststoffseitenfenster, eingelassenen Schiebefenster ganz öffnen, um einigermaßen erträglich atmen zu können. Es schoss ihm dann durch den Kopf, wie soll man denn hier drin stundenlang solche Hitze aushalten können, ohne auszudörren, wie die Sahara in der Mittagsglut. Kann ja richtig lustig werden in Le Mans, da sollte sich die Technik aber vorher noch etwas einfallen lassen. Sonst ist man ja gegrillt, noch bevor das Rennen zu Ende ist.

 

Als er, dann wieder einmal an den Boxen vorbeirauschte, sah er das Signal auf Grün. Er gab volles Rohr und wusste, dass von nun an, zehn Runden lang die Zeiten gestoppt würden. Er gab sein Bestes, ließ alles an Erfahrungen aus sich heraus, bremste sehr spät, so spät wie möglich. Einmal fast zu spät, konnte trotz Adrenalinstoß, aber noch rechtzeitig korrigieren, sah sich im Geiste schon von der Strecke abfliegen und in der Botanik landen. Gerade in jener lang gezogenen Kurve. Die er vorher schon öfters problemlos mit 270 km/h nahm und es dann mit 280 auch mal ausprobieren wollte.

 

Doch die Bodenhaftung der Reifenprofile war da scheinbar ganz anderer Ansicht und spielte einfach nicht mehr mit, wie er ja schnell bemerkte. Um aus dem Wagen keinen Schrotthaufen zu machen und auch seiner Gesundheit zuliebe. Begnügte er sich vorsichtshalber mit 275 km/h an dieser Stelle und vergewaltigte weiter die groß dimensionierten Scheibenbremsen und das schon malträtierte Getriebe, das schon etwas zu haken begann.

 

An der Box, wurden auf einer Tafel die Rundenzeiten gezeigt. Beruhigt stellte er dabei fest, Marcel konnte aber auch keine besseren Rundenzeiten erreichen. Zwei bis drei hundertstel Sekunden Differenz zwischen ihren Rundenzeiten waren durchaus akzeptabel und fielen momentan gar nicht ins Gewicht, wie er wusste. Marcel war also absolut ebenbürtig, ebenso umgekehrt, da konnte sicher keiner meckern, sagte er sich und ließ nach der zehnten Runde etwas nach. Er wollte sich und den Wagen nicht gleich beim ersten Zusammentreffen überfordern.

 

Am zufriedenen Grinsen des Texaners, als er an die Box zurückkam, merkte er, dass er scheinbar gute Arbeit geleistet hatte. Der Mann klopfte ihm anerkennend, mit wohlwollender Miene, auf die Schulter und hielt ihm einen großen Chewinggum Gum hin, denn er dankend annahm. Marcel kam von der Strecke ebenfalls herein, stieg dann aus und ließ sich gleich seine malträtierte rechte Hand behandeln, auf deren Innenfläche eine riesige Blase thronte. Einige hundert Schaltvorgänge und nicht gerade geeignete Fahrerhandschuhe, zusammen mit einem rauen Schaltknopf, mussten ihm wohl stark zugesetzt haben.

 

»Alors, ça vas ? Auto gut? Machen Sie Vertrag?«, wollte Marcel gleich wissen, während seine lädierte Hand verpflastert wurde.

»Okay Marcel, ich will eigentlich schon, wenn der Rennstall mitmacht. Ich meine, wenn auch die Ford Leute es wollen?«

»Aber kein Problem, Alex. Meine Vater wartet in die Stadt im Restaurant „Chez Napoleon“ mit Boss von Ford Europe, eine Deutsche, der will uns haben. Die Amerikaner wollten ja eigene Leute aus USA schicken, das will aber der Deutsche nicht akzeptieren und er at die Verantwortung. Wir sollen Vertrag dort unterschreiben, können dann noch ein wenig um die Gage pockern, Sie verstehen?«

 

Einen Tag darauf, landete Alex dann pünktlich auf dem Flughafen Wien-Schwechat, den unterschriebenen Ford Vertrag in der Tasche. Es war also mit Brief und Siegel vereinbart, dass er zusammen mit Marcel, die 24 Stunden von Le Mans absolvieren sollte. Natürlich mit dem Ziel, diese auch zu gewinnen. Sollte dies der Fall sein, so würde die Vertragssumme auf Achthundearttausend Dollar verdoppelt, wobei jeder Fahrer fünfzig Prozent der Vertragssumme erhalten würde. Zudem stellt der Ford Rennstall alles, Wagen, technisches Personal und kommt außerdem noch für alle anfallenden Spesen auf. So gesehen war Alex ganz zufrieden, denn wer, verdient schon in einer Woche, so einen Haufen Geld.

 

Denn mehr Zeitaufwand würde das Projekt ja nicht brauchen. Er nahm sich vor mit Cindy zu sprechen und ihr den Vorschlag zu machen, dann für Le Mans eine Woche Urlaub zu nehmen. Einziges Problem war, dass, das 24 Stunden Rennen von Le Mans traditionell immer am zweiten Juni Wochenende gefahren wird. Gerade zu diesem Termin gab es in Österreich natürlich ebenso für COP Rennen zu bestreiten. Er musste es, also zuwege bringen zu diesem Termin freizubekommen.

 

Danach, aber die Rennen für COP trotzdem weiter zu bestreiten, und zwar erfolgreich. Vom Flughafen fuhr er dann ohne Umschweife nach Pressbaum, er wollte den Stier gleich bei den Hörnern packen und die ganze Angelegenheit unter Dach und Fach bringen. Cindys Vorzimmerdrache bat, ihn kühl lächelnd etwas zu warten, nachdem sie Cindy von seiner Anwesenheit in Kenntnis gesetzt hatte. Kurze Zeit später bat sie ihn dann ins Allerheiligste. Cindy telefonierte gerade und deutete auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, er solle doch inzwischen Platz nehmen. Alex machte es sich gemütlich und beobachtete sie, während sie am Apparat hastig sprach und ebenso hastig rauchte. Sie schien ja mit den Amis zu telefonieren, wie er dem Gespräch entnahm und um ihre Laune schien es nicht gerade zum besten zu stehen, als sie das Gespräch beendete.

 

Mist, dachte er sich, wohl nicht gerade der geeignete Augenblick, um weitreichende wichtige Entscheidungen zu erreichen.

»Na Alex, du traust dich noch unter meine Augen?«

»Ja, warum denn nicht, ich wüsste, nicht was ich verbrochen habe?«

»Hier schau mal«, sie deute auf ein Packen Zeitungen auf ihrem Schreibtisch, »Du hast wohl die Zeitungen noch nicht gelesen?«

»Wenn ich ehrlich sein soll, nein, ich hatte einfach wenig Zeit dazu!«

»Hat man denn Töne? Scheint dich ja gar nicht zu interessieren, wenn es derart im Blätterwald rauscht! Oder?«

 

»Ich verstehe gar nicht, dass du dich darüber so aufregst, schließlich willst du ja, dass die Presse immer Notiz von COP nimmt, egal wie!«

»Also, das schlägt doch dem Fass den Boden aus. Dein sauberer Kollege konspiriert gegen uns und du machst da gleich mit? Ich hätte mir von dir doch schon etwas anderes erwartet!«

»Ja gut und was, wenn ich fragen darf?«

»Loyalität und ein gewisses Maß an Dankbarkeit, wäre doch wohl angebracht!«

»Das geht aber zu weit, wenn alles angezweifelt wird, brechen wir am besten das Gespräch gleich ab. Scheint, dass man an manchen Tagen mit Frauen überhaupt nichts anfangen kann!«

»Mit Männern ebenso nicht!«, antwortet sie mit verärgerter Miene und ihre Nasenflügel vibrierten leicht.

 

»Sag mal, über was regst du dich jetzt eigentlich so auf?«

»Dass du mit Marcel, diesem hinterhältigen Mistkerl gemeinsame Sache machst!«, sie funkelte ihn mit bösem Blick an.

»Also, mach mal halblang, wer hat denn zugelassen, dass man ihm den Staatsmeistertitel aberkennt? Wer hat denn große Töne von sich gegeben, was nicht alles geschehen soll und wird, damit COP, ein international anerkannter und berühmter Rennstall wird?«

»Nun ja, ich gebe zu, dass da schon gewisse Fehler begangen worden sind, aber ...«

 

»Aber was? Wie willst du denn Beziehungen, Verträge und Vereinbarungen aufrechterhalten. Wenn nicht einmal im Traum darüber nachgedacht wird, wem COP bis jetzt alles zu verdanken hat. In so kurzer Zeit, in aller Munde zu sein? Dem Gebäude hier? Den Wagen? Oder vielleicht den Werkzeugschlüsseln und Hebebühnen? Möglicherweise bist du noch gar nicht drauf gekommen. Ich werde es dir sagen, den Menschen! Die hier ihre Arbeit verrichten und nicht nur, weil sie Geld dafür bekommen. Bezahlt werden sie schließlich woanders auch! Nein, weil sie eben an eine Sache geglaubt haben, die weit über dem Materiellen steht!«

 

Was heißt geglaubt haben?», wollte sie jetzt ganz erstaunt wissen.

»Mensch Cindy! Mach doch endlich deine Augen auf, oder bist du schon so abgehoben, dass du nicht mehr merkst, was in den Leuten um dich herum vorgeht? Bekanntlich fängt ja der Fisch vom Kopf her zu stinken an!«

»Riskierst ja eine große Lippe heute, wie?«

»Im Gegenteil, ich halte mich sogar noch zurück, versuche nur, dir in alter Freundschaft die Augen zu weiten und dich auf Dinge aufmerksam zu machen, die du anscheinend nicht mehr für wichtig erachtest und das ist ein großer Fehler, glaube mir!«

 

Cindy schien etwas Ruhiger geworden zu sein, machte ein nachdenkliches Gesicht, vermutlich überlegte sie sich etwas. Sie musterte ihn schweigend und rauchte jetzt bedächtig.

»Alex, ich kenne dich allmählich gut, sogar verdammt gut, denke ich. Du führst doch da etwas im Schilde. Ich sehe es dir doch an der Nasenspitze an, da ist doch etwas im Busch? Oder?«

»Okay, wenn du mich so fragst, dann sage ich dir, du hast völlig recht! Mir geht nämlich der Zirkus, mit dem ständigen hin und her, ob nun der Rennstall weiter über die Grenzen hinaus wächst oder nicht, ganz ordentlich gegen den Strich!«, ohne auf eine Entgegnung zu warten, sprach er gleich weiter,

»Paul ist ja auch nicht mehr der Alte. Er denkt nur mehr in Öldosen und Kupplungen. Dem ist ja außer diesem Kram, der Rennstall völlig wurscht. Kümmert sich einen feuchten Kehricht, was die Technik angeht und lässt stattdessen die Mechaniker herum wursteln. Kassiert aber trotzdem voll ab dabei. Nun zu dir, dich haben die Kaugummiboys drüben, völlig in der Hand. Du tanzt nach deren Pfeife und wagst nicht einmal aufzumucken, aus lauter Angst um deinen Stuhl. Wohin soll denn das alles führen? Wo ist eigentlich die alte Cindy geblieben? Die schon so manchem zeigte, wo Bartel den Most holt. Die immer eine feste Meinung vertrat und bis zum Umfallen verteidigte? Was haben die bloß aus dir gemacht? Eine biegsame, wenn auch zugegebenermaßen äußerst Hübsche Marionette! Ich kenne dich nicht wieder! Wirklich!«

 

»Gut, jetzt hast du ja ordentlich Dampf abgelassen, trotzdem hast du meine Frage nicht beantwortet?«

»Also, gut, ich sage dir ganz ehrlich und offen, dass mich das Gehabe von COP ziemlich ankotzt und ich nicht das Gefühl habe, dass die mit dem Motorsport, im sportlichen Sinne, überhaupt etwas am Hut haben. Es zählt eigentlich nur Publicity, Marketing und Werbung und all dieser neudeutsche Kram, nicht mehr und weniger. Nicht einmal, die eigenen Leute, die, für sie hart arbeiten und sich abschuften. Marcel hatte das blitzartig erkannt und ist einfach abgehauen und recht hat er! So gesehen, wenn ich es mir richtig überlege, müsste ich es, ihm auf der Stelle gleich tun!«, er wunderte sich plötzlich, wie scharf sein Ton ausfiel.

 

»Bist wohl verrückt geworden, Alex, dann kann ich mich ja gleich aufhängen, wo nehme ich denn so schnell neue gute Fahrer her?«, ihr Blick war auf einmal irgendwie ängstlich.

»Na rufst halt die an, die du damals so zahlreich an der Hand hattest, wie du ja sagtest!«, meinte er lächelnd.

»Bitte werde jetzt nicht zynisch, das bringt uns ja auch nicht weiter!«, sie starrte auf die Schreibtischplatte.

 

»Also, was würde uns denn weiterbringen?«

»Nun, dass du deinen Job machst wie bisher, so wie in der vergangenen Saison, wo dir eigentlich niemand das Wasser reichen konnte und du die Konkurrenz ordentlich verblasen hast, dass die nicht mehr wussten, wo sie wohnten!«, sie sah ihm plötzlich tief in die Augen.

»Was bringt das schon? Wozu sollte ich das denn wieder tun? Nur wegen Geld? Damit COP zufrieden ist, auf der alten Welle weiter schwimmt und dich hier in Ruhe lässt?«, sprach er mit forschendem Blick.

»Heißt das jetzt, du willst nicht mehr?«

»Wollen schon, aber nicht mehr so, wie bisher, nur nationale Rennen fahren!«

 

»Alex, aber ich hatte dir doch schon gesagt, dass COP im Moment keine Rennen auf internationaler Ebene plant und bestreiten will!«

»Genau das ist ja das Problem! Ich sehe doch überhaupt nicht ein, warum noch einmal für einen Titel anzutreten und zu kämpfen, welchen man ohnehin schon in der Tasche hat. Wo es doch genug andere Möglichkeiten gibt, einen wesentlich Wichtigeren zu erringen. Denn eines ist ganz sicher, die Konkurrenz ist zwar schmutzig, aber sie schläft sicher nicht! Sie wird sich formieren, dann wird der Vorsprung schmelzen und die Sache wird sicherlich nicht leichter. Aber die Holzköpfe, jenseits des Großen Teiches, von denen du ja abhängig bist, scheinen ja darüber ganz anders zu denken, leider!«

»Ich muss ja zugestehen, dass du aus deiner Sicht irgendwie Recht, hast, aber was bitte soll ich denn machen? Etwa gegen den Wind Klavier spielen?«

»Sag, was wollen denn die Amis konkret von dir?«

»Ganz einfach, die Lokalmatador Position verteidigen, auch um jeden Preis halten bis die Vertriebsgesellschaft aktiv wird!«

 

»Und wann, bitte wird diese Gesellschaft aktiv?«

»Frühestens im Herbst, eher wohl Ende des Jahres, wenn alles klappt!«

»Also, gut, Cindy, ich mache dir einen Vorschlag zur Güte. Du warst ja immer anständig und fair zu mir. Ich will es auch zu dir sein. Ich werde heuer noch alle Rennen für COP fahren, versuche dabei, das beste heraus zu holen, schon alleine wegen dem Preisgeld und du versprichst mir während der Saison eine Woche Urlaub, Ok?«

»Ja gut, wenn's weiter nichts ist, könnte ja schließlich auch nichts machen, wenn du krank würdest, oder?«, ihr Gesicht hellte sich auf.

 

»Übrigens, hast du schon einen Ersatzmann für Marcel?«

»Ja, in Aussicht, verhandle gerade mit einem Jungen aus der Formel-V, der bisher immer Bergrennen mit einem Privatwagen fuhr!«

»Ok, er sei herzlichst willkommen!«

»Also, gut Alex, ich wusste doch, dass du mich nicht im Stich lässt. Es steht doch so einiges auf dem Spiel, bist also doch ein guter!«, sie deutete einen spitzen Kuss an.

»Cindy, ich tue es für dich und nur für dich! Das weißt du hoffentlich, säße jetzt an deiner Stelle jemand anderer hier, die Vereinbarung wäre nie zustande gekommen. Im Prinzip kann mir COP ja den Buckel herunter rutschen, und zwar heftig!«

 

Innerlich war er froh, da das Gespräch diese Wendung nahm und Cindy an ihrer ursprünglichen Frage nicht mehr festhielt und ihn nicht festnagelte, wahrscheinlich hätte er irgendwann zugegeben, mit einer Po Backe bereits in einem anderen Nest zu sitzen. Auch froh darüber Luft, für das Le Mans Projekt, bekommen zu haben, verabschiedete er sich und fuhr Richtung Sievering.

 

Er war sich dessen auch vollkommen bewusst, dass COP ihm ohne Weiteres juristische Schwierigkeiten bereiten könnte. Wenn gewahr würde, dass er einer nicht genehmigten Nebenbeschäftigung nachging. Trotzdem war es ihm egal und er würde im Falle dieses Problem akut wäre, mit der Sache schon fertig werden.

Cindy würde ihm ja sicher beistehen, zumal sie ja nach diesem Gespräch in einer gewissen Abhängigkeit zu ihm stand, empfand er und glaubte fest daran.

 

Zuhause angekommen, sprang ihm die Sauberkeit und Ordnung des Domizils sofort ins Auge, als er durch die Räume nach oben ging. Sogar frische Blumen fehlten nicht. Insgeheim hoffte er sich, die Mädchen anzutreffen, dem war aber nicht so, niemand war anwesend. Schließlich hatte er seine Ankunft nicht angekündigt und konnte daher eigentlich auch nicht damit rechnen, dass jemand auf ihn wartete. Im Arbeitszimmer lag fein säuberlich die Post sortiert auf dem Schreibtisch, er sah das Packen flüchtig durch, wobei ihm ein Kuvert besonders ins Auge stach.

 

General Advertising stand darauf, hastig öffnete er es, vermutete irgendein Problem mit Krakorian, der ihm ja noch die dritte Tranche seines Honorars schuldete. Die Befürchtungen erwiesen sich jedoch schnell als unbegründet, denn General Advertising bot ihm einen neuen Werbevertrag an. Diesmal sollte für ein bekanntes Reise- und Touristikunternehmen geworben werden, wie er nun las. Nun gut, dachte er sich, darüber werde ich noch einmal in aller Ruhe nachdenken und dann Krakorian Bescheid geben.

 

Die restliche Post bestand aus Alltagskram. Mit dem er sich momentan nicht beschäftigen wollte, so ließ er die Papiere einfach liegen. Ging rüber ins Schlafzimmer, nahm sich ein paar Kleidungsstücke dazu Wäsche. Stopfte alles in eine Reisetasche, begab sich damit in die Garage und fuhr los, um den nächsten Renntermin, ohne Hast und Eile wahrzunehmen.

 

31. Kapitel

 

Viele Wochen vergingen, Alex bestritt alle Rennen in gewohnter Manier, lag dabei stets vorne und machte damit seinem Rennstall alle Ehre. Es störte ihn momentan auch nicht, dass er jetzt ganz alleine die Verantwortung trug. Er wusste dass ein Ausfall oder gar Unfall für COP katastrophale Folgen hätte, doch er konnte damit leben, und bemühte sich so gut er es eben konnte.

 

Der angekündigte Fahrer Kollege, als Ersatz für Marcel, war nicht in Sicht, warum wusste er eigentlich nicht. Es war ihm aber auch im Moment mehr oder weniger gleichgültig. Soll sich doch gefälligst Cindy darum kümmern, schließlich wäre es ja ihr Job, sagte er sich. Er war bestrebt, seinen Part voll und ganz zu spielen, wie er es ja mit ihr vereinbarte. Zudem spürte er immer mehr den gewaltig zunehmenden Druck seiner Kontrahenten. Die sich, wie er vorausschauender weise ja schon geahnt hatte, immer mehr formierten und ihm, mit wesentlich verbessertem Material, das Leben bei jedem Rennen ziemlich erschwerten. So musste er sich voll und ganz auf seine Aufgabe konzentrieren und durfte sich nicht den geringsten Fehler leisten. Er nützte die rennfreien Zeiten um sich körperlich fit, zu halten, in dem er, ausgedehnte Waldläufe und kleine Radtouren unternahm.

 

Dazu suchte er sich stille Landgasthöfe aus, wo er dies ungestört von der Außenwelt durchziehen konnte. Immer, wenn er ans Le Mans Projekt dachte und das tat er in letzter Zeit öfters, da ja der Termin immer näher rückte, befiel ihn ein flaues Gefühl. Den genauen Grund konnte er sich gar nicht erklären, so viel er darüber auch nachdachte und ergründen wollte. Als er dann einmal einen ausgedehnten Waldlauf unternahm, glaubte er, die Hintergründe herausgefunden zu haben. Einerseits hatten sich ja die Bedingungen, unter der er jetzt arbeiten musste wesentlich geändert. Das Geschehen im Bergrennsport war ganz im Allgemeinen viel härter geworden, seit dem die verschiedensten Autohersteller diese publikumswirksame Sportart für ihre Zwecke erkannten und sich zunehmender weise voll engagierten.

 

Die Presse, natürlich auch die Veranstalter der Bergrennen, taten dann auch noch das übrige dazu, um „ihre“ Sache entsprechend zu fördern und zu festigen. Zumal es ja auch ihre Kassen zum Klingeln brachte. Alex erkannte jetzt immer mehr, dass es damals für ihn, doch die richtige Entscheidung gewesen war, in den Profibereich zu wechseln. Denn, für die Privatfahrer war die Luft schon äußerst dünn geworden. Diejenigen, die es sich finanziell noch leisten konnten oder wollten, waren noch dabei, bereits auf erste Plätze ziemlich chancenlos, aber immerhin.

 

Andere waren inzwischen am Rande der Pleite ausgeschieden oder hatten aus Geldmangel bereits die Segel gestrichen. Von seinen seinerzeitigen Kollegen aus dem ASC in Oberösterreich, waren nur mehr ganz wenige bei den Rennen am Start und fuhren eigentlich chancenlos als Statisten mit. Die größte Konkurrenz bestand für ihn jetzt, aus ausländischen Fahrern, die voll Werks-unterstützt antraten, dadurch immer gefährlicher wurden.

 

Es war also ganz sicher nur mehr eine Frage der Zeit, bis das Vollständige aus, für die Privatfahrer und für jene, aus irgendwelchen finanzschwachen Klubs kam, wie er vermutete. So gesehen waren die damaligen Prognosen seines ehemaligen Klubobmannes prompt eingetreten und der Mann hatte, wie sich zeigte, absolut recht behalten. Alex erkannte, dass seine Intention, raus aus dem Lokalmatador Kolorit, rein in eine internationale Karriere. Wohl der einzige richtige Weg in die Zukunft ist, um im Motorsport am Ball zu bleiben. So gesehen, sagte er sich, ist das Le Mans Projekt für dich von aller größter Bedeutung und könnte so zum Sprungbrett in eine internationale Laufbahn werden. Er war, so dämmerte es ihm langsam aber stetig in seiner jetzigen Situation schon in ein gewisses Dilemma geraten.

 

Einerseits musste er seinen Verpflichtungen, gegenüber COP nachkommen. Das barg jetzt die Gefahr einerseits die Rennen mit hohem Risiko für Leib und Leben wahrnehmen zu müssen. Auch, im krassen Falle eines Unfalls, womöglich den Sprung nach Le Mans zu verpassen. Andererseits konnte er bei den heimischen Rennen keineswegs mehr auf Sicherheit fahren und sich dabei irgendwie schonen. Denn die Meute seiner Konkurrenten wartete ja nur darauf und ließ ihm nicht die geringste Chance dazu. Diese Überlegungen, so schien ihm, waren der Schlüssel und die Ursache seines Unbehagens, das ihn nun ständig quälte. Wenn er sich dabei mit Marcel verglich, überkam ihn das Gefühl, dass der Junge, ihm schon um einiges in der Planung überlegen war. Marcel hatte ja für sich eine definitive Entscheidung getroffen und auch durchgezogen.

 

Die es ihm ermöglichte, sich ohne jedes Risiko auf Le Mans zu konzentrieren und sich auch voll auf diese Herausforderung einzustellen. Und du Alex? Blödmann, lässt dich darauf ein, so schimpfte er mit sich innerlich. Nur in Österreich herum zu Gurken, deine Haut zu riskieren, nur des Geldes Wegen. Auch, um Cindy zufriedenzustellen. Er nahm sich fest vor, eine Lösung zu suchen, die seinen Zukunftsplänen entgegenkam. So musste also ein System entwickelt und auch in die Tat umgesetzt werden, das Gewährleisten konnte, einerseits das Geld für die nationalen Rennen, natürlich unter Ausschluss jedes Risikos, zu kassieren. Andererseits aber auch die 24 Stunden von Le Mans zu bestreiten.

 

Es war ihm vollkommen bewusst, dass das Vorhaben durchaus eine steile Gratwanderung sein würde und die Angelegenheit gar nicht leicht zu bewerkstelligen wäre. Er dachte sich, Alex sei auf der Hut! Es darf dir kein Fehler unterlaufen, sonst bist du schneller weg vom Fenster, als dir lieb ist. Je mehr er über die Dinge nachdachte, um so mehr beruhigte er sich und sah auf einmal nicht mehr so schwarz. Zumal er sich irgendwie in Erinnerung rief, schon viele Dinge geschafft zu haben, die er mit Elan, Verstand und eisernem Willen in der Vergangenheit schon durchgezogen hatte. So, sagte er sich, also los Junge, streng dich an, du musst es schaffen, koste es, was es wolle.

 

Am darauf folgenden Samstag, zerbröselte sein neu aufgeflammter Enthusiasmus plötzlich ganz schnell wieder ins Bodenlose. Beim Trainingslauf rückte ihm ein Konkurrent unvermutet derart auf den Pelz, es trennten sie nur zwei hundertstel Sekunden. Alex war sich daher durchaus bewusst, dass dieser minimale Zeitunterschied dann beim Rennen. Ohne Weiteres die Gefahr mit sich bringen könnte, beim kleinsten Fahrfehler seinerseits, er sich dann mit dem zweiten Platz zufriedengeben müsste. Dies musste er natürlich mit allen Mitteln verhindern, nur wie? War ihm noch ein völliges Rätsel.

 

Der Konkurrent der, diese »Hetzjagd“ auf ihn veranstaltete, war ein junger Mann, der erfolgshungrig, scheinbar ohne Furcht, fast wie ein Selbstmörder, Rennen fuhr. Durch sein fahrerisches Können und vollem Risiko, so manche technische Schwäche an seinem Fahrzeug kompensierte. Er fand auch heraus, dass der Junge früher einmal Motorradrennen bestritten hatte. Dabei dort schon eine „Klasse für sich“ geworden war, der so manchem arrivierten Fahrer dieser Disziplin das Fürchten lehrte. Verflucht und zugenäht, dachte sich Alex, warum muss ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt der Mann hier antreten und mit seinem „Kamikaze Fahrstil“ Unruhe stiften.

 

Es ärgerte ihn zwar, doch im innersten empfand er trotzdem so etwas wie Sympathie für den Jungen. Da er ihn an seinen eigenen Fahrstil, bei den ersten Rennen erinnerte. Als er selbst noch unbefangen, vollkommen frei von Ängsten, die Berge hochjagte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her gewesen. Die „Spinner“ sterben eben nie aus, sagte er sich. Eine Vision begann in ihm Gestalt anzunehmen, wobei ihn die Ereignisse am Sonntag beim offiziellen Rennen dabei noch beflügelten. Beim Rennen dann, setzte er dann gleich alles auf eine Karte, irgendwie gelang es ihm, den inneren Schweinehund zu begraben und alle Sicherheitsbedenken über Bord zu werfen. Er preschte den Berg rauf, als wäre es im Leben sein letztes Rennen. Meisterte den Kurs mit mehr Glück als Verstand.

 

Zweimal im Mittelteil der Strecke kam er schon in ärgste Schwierigkeiten, blieb aber ohne genau zu wissen, warum, trotzdem auf der Piste. Fast wie in Trance, nur beseelt vom Gedanken, das Allerletzte aus sich und seinem Wagen herauszuholen, überquerte er die Ziellinie. Sekunden danach zerplatzte das Triebwerk mit lautem Knall, wie ein Osterei. Er war nur mehr fähig wahrzunehmen, dass das Malheur im zweiten Lauf passierte. Gott sei Dank, dachte er sich, jetzt ist es endlich überstanden. Nach Beendigung des Wettbewerbs ließ er den lädierten Wagen einfach achtlos stehen. Sollen sich doch gefälligst die Mechaniker darum kümmern, wozu hat man denn die schließlich, waren seine Gedanken. Als er den Wagen des Rennleiters bestieg, der ihn dann zum Start zurückführte. Dort kannte er nur mehr ein Ziel, die Hütte der Zeitnehmung. Er musste unbedingt wissen, wie seine halsbrecherischen Läufe Zeit mäßig ausgefallen waren. Hatte sich der volle Einsatz, verbunden mit dem hohen Risiko, überhaupt gelohnt? Fragte er sich, als er auf die Zeitnehmung etwas knieweich zuging.

 

Dort wurde gerade auf der klapprigen »Adler« die Rennzeiten eingetippt. Ein Funktionär stellte sich ihm gleich in den Weg, fauchte ihn ziemlich unfreundlich an. Er möge sich doch gedulden und gefälligst in der Schlange, der bereits wartenden Fahrer bleiben, bis die Listen eben fertig sind. Alex musterte den Mann mit strengem Blick, zumindest versuchte er es, schob ihn dann sanft, aber sehr bestimmt zur Seite. Er war überhaupt nicht gewillt dessen Aufforderung, dazu noch in diesem Ton, zu folgen. Wortlos strebte er an ihm vorbei, missachtete den in Erstaunen umschlagenden Blick, der in Sekundenbruchteilen in Verblüffung wechselte, wie er dem Kerl ansah. Er baute sich neben dem Mann an der Schreibmaschine auf und überflog die bereits getippten Spalten auf dem eingespannten Blatt.

 

Was er auf dem Papier sah, verschlug ihm momentan den Atem, in seinen Schläfen begann es zu pochen und er fühlte, wie ein Adrenalin stoß durch seinen Körper jagte. Er musste noch einmal ganz genau hinsehen, wobei er die Augen zukneifen musste, um die Zahlen besser lesen zu können. Zwischen der Zeit von ihm und seinem Kontrahenten, waren nur zwei heiße Sekunden Differenz und das, zu seinen Gunsten.

 

Er atmete die aufgestaute Luft aus seinen Lungen aus, das erleichterte sofort sein inneres Spannungsgefühl. Drehte sich auf dem Absatz, ließ alle erstaunten Zuschauer einfach stehen und verließ wortlos die Hütte. Er hatte nur mehr einen Wunsch, den Schweiß nassen Overall abzustreifen. Sich unter eine wohltuende Dusche zu stellen und sich dann einfach hinzulegen, die Augen zu schließen und das Gehirn auszuschalten.

 

Im Hotel erfüllte er sich dann die Wünsche. Als er bei Tagesanbruch wieder langsam erwachte. Er hatte geschlafen wie ein Toter, war nicht einmal zur obligatorischen Siegerehrung gegangen, hatte nichts zu Abend gegessen. Die vielen Leute, die wohl auf den stolzen Sieger gewartet haben mussten, waren ihm vollkommen egal. Ebenso die Presseleute, denen er laut COP nicht hätte ausweichen dürfen, waren ihm, aber gleichfalls völlig Schnuppe gewesen war. Langsam kam wieder Leben in ihn, er wurde hungrig, sein Magen verlangte nach einem ausgiebigen Frühstück.

 

Er sprang gerade behände aus dem Bett, als das Telefon auf dem Nachttisch läutete.

»Rathey hier!«

»Servus, Alex«, hörte er Cindys stimme, die gar nicht wie sonst klang, »sag mal, was ist eigentlich in dich gefahren, ich hörte da so einiges?«

»Cindy, bitte quäle mich nicht, nicht jetzt!«

»Was heißt denn hier quälen, ich will dir doch nur helfen! Du bist ja in einer grauenhaften psychischen Verfassung, sagte man mir!«

»Ach Cindy, vergiss es, glaubst du denn immer alles, was man dir so zuträgt?«

»Alex, ich mache mir ernsthafte Sorgen um dich, wirklich! Bitte bleib im Hotel, ich mache, mich gleich auf die Socken und komme zu dir. Gegen Mittag bin ich dort, OK?«

 

»Das ist ja recht lieb von dir, aber ich denke, es ist wirklich nicht nötig, dass du dich so strapazierst, mir geht es gut, glaub mir!«

»Alex, bitte keine Widerrede, schließlich bin ich ja auch für dich verantwortlich. Ich kann einfach nicht zulassen, dass du dich so aufreibst. Tu mir bitte den Gefallen und warte auf mich, ja? Sonst muss ich am Ende noch, von meinem dienstlichen Weisungsrecht Gebrauch machen!«, ihre Stimme klang jetzt fröhlich, wahrscheinlich grinste sie dabei, als sie es sagte, so stellte er es sich zumindest vor.

»Na gut, wenn es dich unbedingt beruhigt, warte ich eben hier auf dich und gebe in der Rezeption Bescheid, wo du mich findest, gut?«

 

»Alex, perfekt, so gefällst du mir wieder, also bis bald, Servus!«

Er war überaus überrascht, mit einer solchen Aktion hätte er ihrerseits niemals gerechnet. Irgendwie freute es ihn schon, dass sie sich anscheinend um ihn sorgte. Es musste ihr also doch etwas an ihm liegen oder steckte da etwa nur pures Geschäftsinteresse dahinter? Nun, ich werde es schon noch herausfinden, dachte er sich und machte sich gleich auf den Weg, ersehntes Frühstück einzunehmen.

 

Danach gammelte er etwas im Hotelzimmer herum, las die Morgenzeitungen, besonders die Sportberichte. Die Presse lobte COP nach Siegen, wie immer, gab dennoch auch deutlich zu verstehen, dass wohl die Vormachtstellung im Sinken begriffen wäre. Schließlich war denen auch die Stärkung der Mitbewerber gar nicht entgangen. So rührte die Presse eben ordentlich um, vermutlich um ihre Auflage etwas in die Höhe zu treiben. Ein Blatt betonte besonders die ruppige Art, die er sich heraus genommen hatte. Man stellte ihn dort als arroganten, ungehobelten Zeitgenossen hin, dem anscheinend, der ständige Erfolg schon zu Kopfe stieg.

 

Alex ärgerte sich nicht besonders darüber, da es sich ja um ein Yellow-Press Blatt handelte. Das sowieso in der Vergangenheit, nie ein gutes Haar an ihm ließ, egal wie nett er sich auch immer gab. Mittlerweile war es schon gegen 13.00 Uhr, als es plötzlich an seiner Zimmertür klopfte.

 

»Herein, die Tür ist offen!«, rief er, vermutete den Zimmerservice, der das Mittagessen bringen würde, dass er telefonisch bestellt hatte. Die Tür öffnete sich, ein Servierwagen wurde herein geschoben, an dessen Ende befand sich Cindy, sie lächelte ihn an.

»Das Essen, mein Herr! Steak mit Salatplatte, dazu Zitronenlimo und Pudding als Dessert, wie bestellt! Wo soll ich denn aufdecken?«, wollte sie wissen.

»Ah, Servus, Cindy, stell es einfach irgendwo ab, ich mache das dann schon!«, meinte er fröhlich.

»Nein, mein Herr, ich mache das jetzt. Es ist oberstes Gebot in unserem Hause die Gäste zu verwöhnen!«, sie lächelte kokett, etwas schelmisch, als sie den Esstisch am Fenster deckte. Mit geübter Hand war alles schnell aufgedeckt, vorsorglich hatte sie auch für sich ein Essen mitgebracht. Bouillon mit Ei, Rindsgulasch mit Nockerl und Salat, kam da herrlich duftend zum Vorschein.

 

»Bitte nimm Platz, guten Appetit!«

Er ließ sich nicht lange bitten und setzte sich ihr gegenüber. Während des Essens, blickte er sie schweigend an und genoss irgendwie den Augenblick. Schließlich kommt es ja nicht jeden Tag vor, dass die „Chefin“ einen Untergebenen bedient. Zudem hatte er irgendwo einmal gelesen, dass meistens derjenige in Zugzwang gerät, der als Erster ein Thema anspricht und er wollte es jetzt bestimmt nicht sein.

»Ist dein Steak in Ordnung? So wie du es gerne hast?«, eröffnete sie plötzlich das Gespräch, was ihm ganz und gar nicht unangenehm war.

 

»Nun, eigentlich bestellte ich es „saignant“ aber es ist gerade noch so an der Grenze!«, meinte er zwischen zwei Bissen.

»Tut mir Leid, soll ich dir vielleicht ein anderes bringen?«

»Nein, danke, lieb von dir, ich sagte ja, es geht gerade noch!«, er wollte sie nicht quälen oder gar den Macker herauskehren.

»Fein, ich möchte nämlich, dass d