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LESEPROBE Wie Blätter im Wind ein Roman von Miluna Tuani

Wie Blätter im Wind

ein Roman von Miluna Tuani

 

LESEPROBE

Wie Blätter im Wind ein Roman von Miluna Tuani

Wie Blätter im Wind

ein Roman von Miluna Tuani

 

Wer zu glauben hofft, die Blutrache wäre mit beginn der sogenannten, Zivilisation ausgerottet, der wird beim Lesen dieser Geschichte vielleicht noch einmal darüber nachdenken müssen, was Zivilisation eigentlich ist...

Prolog

Prolog

Die Sonne senkte sich allmählich dem Horizont entgegen. Der Abend legte sich über die friedlich scheinenden Bergdörfer der Insel Korsika, die an den steilen Hängen der Berge dicht an den Fels geschmiegt waren, wie Adlernester.

In den letzten Strahlen der noch lauen Maisonne flogen schon die ersten Fledermäuse aus den hoch hinauf ragenden alten Gemäuern in die Dämmerung hinein.

Ein kleiner Weg, nicht breiter, als dass ihn zwei Eselskarren befahren konnten, schlängelte sich in eins dieser typischen korsischen Bergdörfer, aus dem man plötzlich Lärm eines Fahrzeuges und Stimmengeschrei hören konnte.

Neben dem Brunnen am Dorfplatz des Ortes hielt ein klappriger Renault an. Zwei Männer mit Gewehren bewaffnet, stiegen aus.

Die noch eben auf Bänken und Treppen gesessenen Dorfbewohner verzogen sich eiligst in Ihre Häuser und verbarrikadierten Türen und Fenster. Man hörte eine alte Frau klagen:

"Jetzt kommen sie auch noch seine Witwe und das Kind holen!" -

"Wie konnte er auch nur so kopflos sein und mit diesem Kerl eine Prügelei beginnen! Als Epileptiker musste dieser ja so ungünstig fallen, und sich den Schädel aufschlagen!“ - bemerkte der Mann der alten Frau, die gerade das Fenster schloss.

"So liegt der arme Fredu unter der Erde, kaltblütig erstochen mit einer Mistgabel von dem Bruder seines Rivalen!" - entgegnete die Frau wieder und fügte noch hinzu: "Man erzählt, dass Fredu im Untergrund aktiv gewesen sein soll und dass seine Frau von Dingen weiß, nach denen die Gendarmen schon lange suchen!" -

"Lucia, das ist doch Geschwätz!"- bemerkte der Alte, „Fredu hätte doch nicht seine Frau in eine solche Gefahr gebracht!" -

"Und warum suchen sie dann nach Ihr?" -

"Was geht das uns an? Lass diese Angelegenheit wie sie ist, sonst kommen sie auch noch zu uns!" -

"Alter Angsthase!" - fauchte seine Gattin, und verriegelte das Fenster endgültig, nachdem sie beobachtet hatte, wie die bewaffneten Männer den Weg zum letzten Haus im Dorf einschlugen; dem Haus der Witwe des ermordeten Fredu.

 

 

In die Abendstille, die vereinzelt von dem leisen Kauzen einer Waldohreule unterbrochen wurde, erhob sich plötzlich ein hysterisches Gackern von aufgescheuchten Hühnern. Ein Hund bellte wütend auf. Ein Schuss fiel und jämmerliches Jaulen gefolgt von dem grellen Aufschrei einer Frau, durchschritt eisern die friedliche Stille und sogar die Eule verstummte augenblicklich. 

Man sah eine junge Frau, ganz in schwarz gekleidet, den Kopf unter einem Mandile, einem großen schwarzen Kopftuch versteckt, mit einem Bündel fest an sich gedrückt eilig aus dem unteren Teil ihres Hauses rennen. Sie hetzte über ihren Garten hinaus auf den gepflasterten Weg, der aus dem Dorf hinein in die Kastanienwälder führte.

Die Eindringlinge beschäftigten sich währenddessen das Türschloss von innen aufzubrechen, da es der Witwe von Fredu gelungen war, durch den Keller ihres Hauses zu fliehen und die Männer von außen einzusperren.

Vannina hoffte, den nahe gelegenen Ziegenpferch zu erreichen, den ihr Mann für ihre kleine Herde zum Melken errichtet hatte und dessen Innere in eine Felsenhöhle führte.

Die junge Frau lief und liebkoste ihr Baby dabei, welches sie dicht an die Brust drückte. Von ihrem Haus her hörte sie Lärm und Geschrei und wusste, dass ihre Verfolger bald aufholen würden.

Gerade als sie in das Gebüsch hinein klettern wollte, donnerte hinter ihr schon der erste Gewehrschuss und einer der Männer rief:

"Da ist sie! Los, ziel auf ihre Füße! Wenn wir sie den Gendarmen lebendig übergeben, kassieren wir eine beträchtliche Belohnung und das Balg da, werfen wir in die Macchia, da können es die Schweine fressen!"- fügte er mit einem hämischen Lachen hinzu.

Als Vannina diese Worte vernahm, hetzte sie wie wahnsinnig weiter die Straße entlang. Sie rannte an dem Weg, der zu dem schützenden Pferch führte, vorbei. Vor ihr machte die Straße eine scharfe Biegung nach rechts und kurz bevor sie die Kurve erreichte, fiel ein weiterer Schuss, der den Fuß der jungen Frau traf.

Die beiden Männer sahen, wie sie hinter der Kurve taumelnd verschwand.

Vannina rannten die Tränen über ihr schönes mädchenhaftes Gesicht, das von schwarzen Locken umrahmt war, die ihr jetzt strähnig in die Stirn hingen.

Sie drohte zu fallen, der Schmerz und die Erschöpfung machten sich in ihr breit.

Da vernahm sie ein herannahendes Motorengeräusch, das aus der Richtung kam, in die sie lief. Sie sah einen weißen PKW auf sich zukommen, der mit quietschenden Reifen kurz vor ihr zum Stillstand kam.

Am Steuer entdeckte Vannina eine Frau in ihrem Alter, die vor Schreck beinahe das Lenkrad losließ, als sie Vanninas schwankende Gestalt auf sich zu rennen sah.

Doch der Beifahrer griff schnell ein und brachte den Wagen sicher am Straßenrand zum Stehen.

Vannina riss die Wagentür auf und rief verzweifelt, sich dabei ständig nach ihren Verfolgern umschauend: "Fahren sie weiter! Schnell! Nehmen sie meine kleine Alena mit und bringen sie sie in Sicherheit, bitte! Sie ist in Lebensgefahr! Bitte fahren sie und bringen sie mein Baby weit weg! Schnell!" -

Das letzte Wort blieb ihr vor Verzweiflung und Schmerz im Hals stecken, als sie ihr Baby dem Beifahrer in den Schoß legte, der mit äußerst verdattertem Gesicht seine Frau fragte, was er um Himmels Willen mit dem Baby hier machen sollte. Denn er selber verstand weder Französisch noch Korsisch. Er war sich nicht einmal sicher, welche der beiden Sprachen die Frau benutzt hatte.

Seine Frau antwortete: "Ich glaube, sie bittet uns sehr schnell von hier zu verschwinden...und und und...das Baby, welches Alena heißt, in Sicherheit zu bringen!" -

"Aber, wieso das denn? Wir können doch nicht ein fremdes Baby mitnehmen, zumal wir morgen abreisen!

Wie..."- Er verstummte augenblicklich, als er zwei Männer mit Gewehren auf sie zu rennen sah. Sie legten gerade auf Vannina an, die sich auf gemacht hatte, weiter weg zu rennen.

Ohne weiter zu überlegen, gab die Frau im Auto Gas und schoss in einem Tempo los, das für die mit Schlaglöchern übersäte "Straße" bei weitem nicht geeignet war.

Sie zog so schnell an den beiden Männern vorbei, das diese wütend fluchend zur Seite sprangen und dem Wagen hinterher schrien: "Immer diese Touristen! Nur Ausländer lassen ihre Frauen Auto fahren!" -

Dann eilten sie weiter hinter Vannina her, die ihre Verfolger immer näher kommen sah; an der nächsten Biegung blieb sie völlig erschöpft stehen, blickte in die Tiefe des Abgrundes, in der sich ein Bergbach seinen Weg durch die zerklüfteten Felsvorsprünge bahnte.

Noch bevor die Männer erneut auf ihr Opfer anlegen konnten, schloss Vannina die Augen und tat mit einem leisen Schrei ihren letzten Schritt nach vorne.

Ihr Körper stürzte die schroffen Felsen entlang und blieb zerschunden und bewegungslos in der Schlucht am Bachufer liegen.

Eine Wunde an Vanninas Stirn färbte das vor sich hin plätschernde Wasser rot.

Ihre toten Augen starrten in die endlose Weite des Abendhimmels, der sich allmählich mit Sternen zu überziehen begann.

Die Frau im Auto hatte große Mühe das schreiende Baby zu beruhigen, welches sie jetzt im Arm hielt, und sanft hin und her wiegte.

Ihr Mann hatte inzwischen das Steuer übernommen. Ohne Rast zu machen, fuhren sie zu ihrem Urlaubsquartier zurück und bereiteten dann ihre Abreise am kommenden Morgen vor.

Kapitel I ERSTE BEGEGNUNG

Jahre später...

...in einem Bergdorf in der Castagniccia im Nordosten der Insel Korsika

Der Morgentau dieses neuen Maitages gab den Pflanzen ihre tägliche lebensnotwendige Wasserration, die sie dankend aufnahmen und ihre Umgebung mit zarten, süßen Düften belohnten. Die ersten Hummeln flogen um und in die Blüten, der so vielfältigen und farbenprächtigen Flora der Insel Korsika.In einem kleinen Bergdorf, nicht weit von der Ostküste entfernt, wurden schon die ersten Frühaufsteher aktiv.

Einige Hunde bellten, gefütterte Hühner gackerten erfreut. Ein Esel schrie und sein Laut hallte in den nahen Bergen wieder. In den höher gelegenen Gefilden des Ortes kehrte eine Frau mittleren Alters aus dem Hühnerstall zurück. Sie hing den Futtersack an einen dafür vorgesehenen Haken an der Hauswand.

Dann hielt sie ihre kleinen aber kräftig wirkenden Hände unter das tröpfelnde Wasser des Brunnens, der sich neben dem Hühnerstall befand. Danach eilte sie zurück ins Haus, dessen massive Hauptpforte offen stand. Das Haus war im Verhältnis zu anderen typisch korsischen Häusern größer und machte einen weitaus wohlhabenderen Eindruck. Die Fenster waren mit verzierten Eisengittern geschmückt.

Vor dem Haus und auf der Terrasse blühten wild und in Kübeln wachsend, violette Schwertlilien. Der Garten neben und hinter dem Haus verlief weitläufig bis zum Waldrand und auf den terrassenförmig angelegte Beeten blühten und wucherten Kräuter, Blumen sowie einige Gemüsegewächse wie Zucchini- und Auberginenpflanzen. Kirschbäume, beladen mit den ersten Früchten dieses Jahres, spendeten Schatten über einen kleinen Teich, in dem einige Frösche auf Seerosenblättern sassen.Im Haus begann sich allmählich auch Leben zu regen.

Marcella di Damiani stand nun in der Küche und bereitete das Frühstück für ihre Familie. Ihr Mann, Daniel kam gerade die Treppen aus dem oberen Wohnteil des Hauses herunter, begrüßte seine Frau mit einem Morgenkuß auf die Wange und fragte mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen:

"Du bist heute noch früher auf den Beinen als sonst?"- Sein Gesicht war das eines Mannes, der gerne und oft lachte, nur die kleinen Fältchen um Augen und Mundpartie ließen ahnen, dass er schon mehr als die Hälfte seines Lebens hinter sich hatte.

"Na, was denkst du denn! Wie soll ich denn sonst heute alles schaffen! Bestimmt nicht, wenn ich nach euch allen aufstehe!"- rief sie mit aufgesetzt ernster Miene ihrem Gatten zu, der aus der Küchenschüssel einen Finger voll Teig stibitzte. Sie schlug ihm sachte auf die Hand und entgegnete: "Sieh zu, daß du die Kinder weckst!" -

"Die Kinder..."- entgegnete er versonnen. „Dariu, unser Jüngster wird heute 13 Jahre alt und ist ja auch schon fast erwachsen. Mutter Maria, wie die Zeit vergeht! Weißt du noch, wie zart und zerbrechlich er als Baby gewirkt hat? Und jetzt ist er unser ganzer Stolz, und weit aus bereit mein Erbe anzutreten. Er hat die Gabe zur Poesie von mit geerbt und seine Stimme und seine Sicherheit wenn er die Paghjelle  singt, sind vielversprechend..."-

Daniel ließ sich auf dem Sofa nieder und verträumt starrte er in den noch vom Winter schwarzen Kamin.

"Daniel!"- rief Marcella unwirsch. "Du hast ja Recht, unser Dariu hat deinen Schatz, aber zum Glück hat er auch etwas von meiner Kunst wirtschaftlich zu denken geerbt, die dir leider nicht in großen Massen gegeben ist. Er denkt jetzt schon darüber nach, wie er sich in seinem zukünftigen Beruf finanziell absichern kann!" - bemerkte sie mit stolzer Miene, einen Teller abtrocknend.

"Natürlich lenkst du ihn auch in deine Bahnen, was diese typische Pfiffigkeit im Umgang mit allen Dingen angeht. Aber schließlich hat man ja Eltern, um von ihnen zu profitieren, so und nun werde ich unseren "kleinen" Dariu wecken gehen." -

"Tue das, Daniele, und sage den anderen, sie sollen endlich herunterkommen, der Frühstückstisch ist noch nicht gedeckt!" -

"Mache ich!"- erwiderte ihr Gatte und stieg die Treppen in den oberen Teil des Hauses hoch...

 

Ein wenig später war die Geburtstagsrunde versammelt. Dariu sass vor seiner Geburtstagsjuchen aus Kastanienmehl und Walnüssen aus dem eigenen Garten und machte sich daran, die dreizehn Kerzen auszupusten. Seine Geschwister lachten und schrien, als er tief Luft holte und alle zehn auf einmal ausblies und die letzten drei mit dem übrig gebliebenen Luftrest löschte.

Er strahlte über sein noch kindlich glattes Gesicht, das dieselben Züge seines Vaters aufwies. Dariu warf seinen Kopf stolz nach hinten, so dass seine glatten schwarzen Haare flogen. Erfreut rief er: "Seht ihr! Das soll mit erst jemand nachmachen!" -

"Ja, ja ist ja schon gut, Dariu, wir wissen doch, daß du der größte bist!"- entgegnete sein fast zwei Jahre älterer Bruder Marcel, der ihm bis auf sein rot blondes Haar wie ein Ei dem anderen glich. Obwohl sich die beiden nicht gerade selten stritten, hingen sie doch wie Kletten aneinander; immer im Wetteifer um die Anerkennung des über alles geliebten Vaters und eines selten ausfallenden Lobes der strengen, aber doch herzlichen Mutter.

Die anderen Kinder der di Damiani, klatschten in die Hände und lachten froh, wie die Zwillingsschwestern Filippa und Geraldina, je ein Abbild ihrer zwei Jahre jüngeren Brüder, der älteste Sohn Antoine, ein ruhiger besonnener junger Mann und die älteste Tochter, Marina, die Anfang des Jahre geheiratet hatte und nun mit ihrem Mann im Süden der Insel lebte.

Dariu fragte ungeduldig in die Runde: "Papa, wann brechen wir endlich auf?"- Seine Mutter antwortete ihm unwirsch:

"Du hast weder deine Milch ausgetrunken, noch deinen Kuchen aufgegessen!"-

Dariu zappelte nervös auf seinem Stuhl herum und war damit beschäftigt, mit der Gabel in dem Stück Torte auf seinem Teller herumzubohren. Seine Gedanken kreisten schon längst in weiter Ferne; denn heute zu seinem Ehrentag würde er mit sieben anderen Jungen aus seiner Gesangschulklasse sein erstes öffentliche Konzert geben...

 

 

 

 

 

 

 

...auf dem Festland zur selben Zeit...

"Komm, beeil dich Moni, iß dein Brötchen auf und dann geht es los! In fünf Minuten ist das Taxi da!" -

"Ich hasse es so früh am Morgen zu verreisen, Papa!" -

"Ich bin auch kein Frühaufsteher, aber das Flugzeug fliegt nun mal um diese Zeit!" -

"Also eigentlich wollte ich ja Stewardess werden, aber wenn die immer so früh fliegen müssen, überlege ich mir das noch einmal!" -

"Dazu hast du auch noch genügend Zeit. Wenn man in deinem Alter ist, muss man sich noch nicht entschieden haben, was man in etwa zehn Jahren machen möchte!"- entgegnete ihr Vater und schlürfte dabei verschlafen seinen Café.

Seine Frau hingegen packte eilig die letzten Dinge zusammen und brachte einen Teil des Gepäcks die Treppen hinunter, um es im Flur abzustellen.

"Ich gehe noch schnell zu Oma herunter, sie hat noch eine Überraschung für mich, die ich aber erst auf Korsika aufmachen darf!" -

"Tue das Moni, aber beeile dich, sonst wird Mama wieder nervös!"-

"Na klar, ich beeil mich!"- lachte die Kleine und rannte die Treppen des Zweifamilienhauses im Galopp herunter, die Arme weit von sich gestreckt und singend: "Wir fliegen, wir fliegen..."-

Martin Ellmann schaute seiner Tochter mit einem zufriedenen Lächeln hinterher, dann half er seiner Frau das restliche Gepäck vor die Tür tragen, wo gerade das Taxi eingetroffen war, welches die Familie Ellmann zum Flughafen bringen sollte.

Nur die Oma blieb mit dem Haushund "Foxl" zum Haushüten zurück.

Nach kurzer aber herzlicher Verabschiedung ging es dann endlich zum Flughafen.

Moni konnte es kaum noch erwarten, sich in die Luft zu erheben...

 ...

 

An dem Frühstückstisch der Familie di Damiani hatte sich inzwischen die Geburtstagsrunde versammelt. Dariu sass vor seiner Geburtstagstorte und machte sich daran, die dreizehn Kerzen auszupusten. Seine Geschwister lachten und schrien, als er tief Luft holte und alle zehn auf einmal ausblies und die letzten drei mit dem übrig gebliebenen Luftrest löschte.

Er strahlte über sein noch kindlich glattes Gesicht, das dieselben Züge seines Vaters aufwies. Dariu warf seinen Kopf stolz nach hinten, so dass seine glatten schwarzen Haare flogen. Erfreut rief er: "Seht ihr! Das soll mit erst jemand nachmachen!" -

"Ja, ja ist ja schon gut, Dariu, wir wissen doch, daß du der größte bist!"- entgegnete sein fast zwei Jahre älterer Bruder Marcel, der ihm bis auf sein rot blondes Haar wie ein Ei dem anderen glich. Obwohl sich die beiden nicht gerade selten stritten, hingen sie doch wie Kletten aneinander; immer im Wetteifer um die Anerkennung des über alles geliebten Vaters und eines selten ausfallenden Lobes der strengen, aber doch herzlichen Mutter. Die anderen Kinder der di Damiani, klatschten in die Hände und lachten froh, wie die Zwillingsschwestern Filippa und Geraldina, je ein Abbild ihrer zwei Jahre jüngeren Brüder, der älteste Sohn Antoine, ein ruhiger besonnener junger Mann und die älteste Tochter, Marina, die Anfang des Jahre geheiratet hatte und nun mit ihrem Mann im Süden der Insel lebte.

Dariu fragte ungeduldig in die Runde: "Papa, wann brechen wir endlich auf?"-Seine Mutter antwortete ihm unwirsch: "Du hast weder deine Milch ausgetrunken, noch deinen Kuchen aufgegessen!"-

Dariu zappelte nervös auf seinem Stuhl herum und war damit beschäftigt, mit der Gabel in dem Stück Torte auf seinem Teller herumzubohren. Seine Gedanken kreisten schon längst in weiter Ferne; denn heute zu seinem Ehrentag würde er mit sieben anderen Jungen aus seiner Gesangschulklasse sein erstes öffentliche Konzert geben...

...

 

Die Lampen über den Passagieren erlöschten und zeigten an, dass die Maschine auf dem Flughafen von Bastia-Poretta auf Korsika sicher gelandet war.

Renata und Martin Ellmann fassten sich an den Händen und atmeten beide gleichzeitig tief durch; jedes Mal, wenn sie wieder auf Korsika ankamen, waren es die Erinnerungen, die sie einerseits beunruhigten, anderseits nur mir Dankbarkeit erfüllten, wenn sie ihre kleine Tochter betrachteten.

Alena-Monica war mit ihren acht Jahren ein aufgewecktes intelligentes Mädchen, das vielseitig interessiert und lebendig war und doch mit ihrer Umwelt ruhig und gelassen umging. Selten gab es etwas, was sie aus der Ruhe brachte, selbst dann nicht einmal, wenn ihrer oft von Nervosität geplagten Mutter ohne triftigen Grund die Hand ausrutschte.

Doch Renata Ellmann war stolz auf ihre Tochter und fasziniert von dieser Insel, auf der es ihr gelang den Stress des Alltages zu vergessen und einfach nur zu leben und zu gemessen.

"Papa, Mama! Wollt ihr wieder zurückfliegen? Ihr sitzt da, als seid ihr eingeschlafen! Kommt schon, die Maschine ist schon fast leer!"-

Erstaunt blickten ihre Eltern auf, suchten dann ihr Handgepäck zusammen und begaben sich mit ihrer Tochter an der Hand zum Ausgang. "Auf Wiedersehen, einen angenehmen Aufenthalt!"- wünschte die Stewardess ihren Passagieren und Alena-Monica entgegnete: "A vedeci!"-

Sie betrat lachend die Ausstiegstreppe. Renata und Martin Ellmann schauten überrascht ihrer Tochter nach und ihr Vater fragte sie: "Was heißt das denn, das war eben doch kein Französisch, oder?!" -

"Nein, das war korsisch und heißt "Auf Wiedersehen", Papa!"- antwortete ihm seine Tochter.

"Aha, und woher weißt du das?!" - "Durch Zuhören lerne ich jedes Mal ein bisschen mehr von dieser Sprache, wenn wir hier sind!"- rief sie mit einem freudigen Lachen und ihre schwarzen Locken wehten hinter ihr her, als sie die Treppen mehr hinunter hüpfte als ging.

Sie spazierte wie die anderen Passagiere über den Landeplatz zum Flughafengebäude, wo in der leichten Brise die korsische Flagge, ein schwarzer Mohrenkopf auf weißem Untergrund, wehte und ihre Eltern folgten ihr sich leise unterhaltend: "Es ist wirklich unglaublich, schon jetzt in ihrem Alter lernt sie von Mal zu Mal mit der Sprache dieser Insel besser umzugehen..." -

"Ja sicher, warum auch nicht, aber komm, lass uns jetzt abschalten, und Urlaub machen und natürlich mit dem forschen Schritt unserer Tochter mithalten!"-

Alena-Monica hatte schon die Passkontrolle hinter sich gelassen und machte sich am Zeitungsstand des kleinen Flughafengebäudes zu schaffen. Sie griff sich eine korsische Tageszeitung, blätterte in einigen Bildbänden über Korsika und entschied sich noch für einige Comichefte.

Diesen Stapel trug sie Richtung Kasse, als sie mit einem Jungen zusammen stieß, der in einem Buch blätterte und aus der andren Richtung zur Kasse kam.

Beiden fiel ihre Lektüre auf den Boden; zuerst blickte Alena ziemlich ungehalten drein, genau wie ihr Gegenüber, dann fingen sie beide gleichzeitig an zu lachen und als sie sich bückten, um die Einzelteile der Zeitschriften aufzuheben, stießen sie noch leicht mit den Köpfen zusammen, und konnten sich erst recht nicht mehr vor Lachen einfangen.

Von dem ungewöhnlich munteren Lärm angelockt, erschien der Vater des Jungen hinter dem Zeitungsständer und schaute nicht schlecht, als er seinen Sohn mit einem schwarz gelockten Mädchen auf dem Boden hocken sah und feststellte, dass den beiden vor Lachen die Tränen in den Augen standen.

Inzwischen war auch Alenas Mutter heran geeilt und ging dem lebendigen Lachen ihrer Tochter nach. Als sie sie erreicht hatte, rief sie erregt:

"Alena-Monica! Steh sofort auf! Was soll denn das?"-

Alena verging ihr Lachen urplötzlich, als sie das wütende Gesicht ihrer Mutter sah. Sie wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht, während sie sich von dem Jungen hoch helfen ließ, der immer noch in sich hinein lachte. Er konnte sich kaum beherrschen, da er auch bemerkte, wie sein Vater über das ganze Gesicht schmunzelte, sich aber bemühte ernst zu wirken, als er den Ärger von Alenas Mutter sah.

"Mama, ich wollte die Zeitungen hier kaufen und dabei sind wir zusammengestoßen, einer von uns hat die Vorfahrt nicht beachtet!" -

Ein Grinsen überzog das Gesicht des Jungen und Alena fragte ihn in Französisch: "Als erstes, Entschuldigung und...wie heißt du eigentlich?!"-

"Ich heiße Dariu, und...keine Ursache, darf ich dir meinen Vater vorstellen, und ich nehme an, das dies deine Mutter ist?!" -

"Ja, richtig! lächelte sie ihm zu und stellte fest, dass er nur ein paar Zentimeter größer war als sie selbst. "Seid ihr auf Urlaub hier?"- fragte er.

"Ja, das sind wir!"- mischte sich Alenas Mutter in das Gespräch der beiden ein, nachdem sie seinem Vater grüßend zugenickt hatte. "Aber wenn wir uns nicht gleich auf den Weg machen, dann fahrt dein Vater mit dem Leihwagen ohne uns über die Insel, Alena-Monica!"- fügte sie in akzentreichen französisch hinzu. Renata nahm ihre Tochter an die Hand, die sich noch einmal Dariu und seinem Vater zu wandte und leise "A vedeci" flüsterte.

Dariu nahm ihre Hand und sagte laut: "Papa, du hast doch nichts dagegen, wenn ich Alena und ihre Eltern zu unserem Konzert heute Abend einlade, oder?!" -

Er schaute seinen Vater fragend fordernd an und dieser erwiderte: "Aber natürlich nicht, wenn sie Lust und Zeit haben, Madame, sind sie und ihre Familie herzlich zu dem ersten Konzert meines Sohnes eingeladen, das er heute Abend zusammen mit seiner Gesangschulklasse in der Kathedrale von Bastia gibt, gegen 20 Uhr!" -

"Herzlichen Dank für die Einladung, Monsieur, wir werden sehen, ob es unser kompakter Urlaubsplan zulässt."-

"Mama!!!"- rief Alena ungehalten, doch ihre Mutter zog sie mit sich. "Wie sagt man bei ihnen? A vedeci!" -

"A vedeci!"- kam es gleichzeitig von Vater und Sohn wie aus einem Munde und sie blickten den beiden hinterher.

Nach einem kurzen Schweigen bemerkte Dariu: "Ihre Mutter ist typisch wie viele ausländische Touristen, zwar gezwungenermaßen freundlich, aber irgendwie kalt, kurz angebunden! Aber sie ist ganz anders, Alena..."-

Versonnen schaute er ihr und ihrer Mutter nach, die inzwischen das Leihwagenbüro erreicht hatten, wo Alenas Vater die Formalitäten regelte.

Daniel di Damiani beobachtete seinen Sohn aufmerksam mit einem leicht bedenklichen Gesicht und entgegnete dann: "Komm, Dariu, wir wollen doch Onkel Geraldu und deine Cousine nicht verpassen, sie müssen gerade angekommen sein!"-

"Ja Papa, meinst du, dass sie heute Abend kommen wird? Papa, ich wünsche es mir zum Geburtstag, dass sie kommt!" -

"Dariu, mein Sohn, wenn dein Wunsch deinem Herzen entspringt, dann wird er in Erfüllung gehen!"- antwortete sein Vater leise aber bestimmt.

Dariu seufzte leise und trottete lustlos hinter ihm her.

Ende der Leseprobe...

...bald geht es weiter...

...das Skript ist in Überarbeitung!

Danke fürs Reinlesen,

LG,

Miluna

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 ZUR AUTORIN

Miluna TUANI, KORSIKA KULTUR AKTIVISTIN UND AUTORIN

Autorin für spannende Lektüre aus Korsika in deutscher Sprache: Romane, Gedichte, Kurzgeschichten, Erzählungen, Legenden, Kriminalerzählungen, Novellen, RealliveFiction, Bildbände, Reiseratgeber u.v.m. , u.a. auf diversen Literaturplattformen wie Bookrix u.v.a.

AUTORIN DES KORSIKA ROMANS WURZELN DER HOFFNUNG

Sitemanagerin des ersten Korsika Musik und Kultur Online Agendas Korsika Musik und Kultur Events

und hier zu den aktuellen Korsika Musik Events

Blogredakteurin im virtuellen Reisemagazin, spezialisiert auf Korsika, korsika.fr mit Informationen, Anekdoten, Unterhaltsamen, Rezepten Kulturellen und vielen mehr über Korsika, direkt von der Insel der Schönheit

Chilloutmusikdesignerin, Chilloutmusik made in Corsica, zum chillen, träumen und meditieren... 

GRÜNDERIN UND ADMINISTRATORIN DER KORSIKAGRUPPE AUF FACEBOOK FÜR ALLE KORSIKA FANS UND DIE DIE ES NOCH WERDEN MÖCHTEN...

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Imprint

Text: Miluna Tuani 1990
Images: Miluna Tuani
Cover: Miluna Tuani
Editing/Proofreading: Walter H. Hänig
Translation: Miluna Tuani
Layout: Miluna Tuani
Publication Date: 04-21-2011

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Dedication:
...mein erster Roman ist allen denen gewidmet, die sich darin wiedererkennen... und natürlich allen Korsikafans und all denen die es noch werden möchten...

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