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Die Entdeckung

Verzeihen Sie, ich habe mich hier im Wald verlaufen“, sagte Herr Reich zu der jungen Frau, die an einer Quelle saß, und gerade beginnen wollte, auf ihrer Harfe zu spielen. Anmutig lächelte sie ihn an: „Mir will scheinen, Ihr habt euch nicht nur hier im Wald verirrt.“
Verunsichert starrte Herr Reich sie an, aber da er im Moment nichts lieber wollte, als schnell aus dem Wald wieder herauszukommen, verzichtete er darauf, sich weiter danach zu erkundigen, fragte stattdessen nur drängend: „Gute Frau, eine Menge von äußerst wichtigen Aufgaben und Angelegenheiten muss ich heute noch in der Stadt erledigen. Könnt ihr mir nun helfen, mich zurechtzufinden, oder nicht?“
„Sicher kann ich Euch diesen Wunsch erfüllen. Nehmt dort nur einen Moment Platz!“ Mit ihrer zarten Hand wies sie auf einen Felsblock, der gleich neben der Quelle lag. Da er in großer Eile war, wollte Herr Reich zunächst nicht ihrer Aufforderung nachkommen, gab dann aber doch mit einem leichten Seufzen nach. „Viel Zeit habe ich aber nicht.“ Kaum hatte er sich hingesetzt, war die junge Frau auch schon verschwunden. Ungeduldig schaute Herr Reich sich um. Nichts als goldfarbene Sonnenstrahlen, die überall durch die dichten Äste und Zweige sickerten und geheimnisvolle Muster auf dem Waldboden zeichneten.
Trrrrrt! Trrrrrt! Trrrrrt! Ein Specht, der auf einen Baumstamm einhämmerte. Gleich Herrn Reich gegenüber huschte ein Eichhörnchen geschickt einen Baumstamm hinauf, immer wieder anhaltend, um sich umzuschauen. Verwirrt rief Herr Reich nach der jungen Frau, horchte, ob er sie in der Nähe hören konnte. Nichts als das lustige Zwitschern eines kleinen bunten Vogels, der nach seiner Partnerin rief. Ein Huschen im Laub: Nichts als ein Fuchs mit buschig rotem Schwanz, der vorbeitrottete. Viel ruhiger geworden lauschte Herr Reich weiter in den Wald hinein: Nichts als das leise Rauschen des Windes in den Blättern, das gelegentliche Glucksen der Quelle neben ihm.
So schaute und lauschte er ein lange Weile, erkannte wie wenig er von all diesen kleinen Geheimnissen des Waldes bisher bemerkt hatte: Wie viele kleine Wunder der Schöpfung gab es doch um ihn hier herum. Als er sich der ganzen Schönheit des Waldes bewusst wurde, vergass er all seine Geschäfte in der Stadt. So saß er lange dort und sann darüber nach, was wirklich wichtig in seinem Leben war, verstand, dass er einen großen Teil seiner Jahre vergeudet hatte.
Als er nach unendlich langer Zeit in die Stadt zurückkehrte, traf er einen Mann, den er von früher kannte und der ihn auch sofort ansprach: „Herr Reich, Ihr? Weil man Euch für tot hielt, wurde Euer Geschäft bereits vor Jahren verkauft.“ Sanft lächelte Herr Reich, als wenn er an etwas Wunderschönes denken müsste: „Nicht schlimm! Es gibt wirklich Wichtigeres auf dieser Welt!“

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Publication Date: 04-01-2011

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Dedication:
Dieses Märchen hat den 3. Preis beim Schreibwettbewerb "Der Holzstift" 2011 gewonnen

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