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Kapitel 9

„Das… Das ist unmöglich“, stotterte Dean, „Sie… Sie ist vor 160 Jahren ertränkt worden…“
„Dean, halt die Klappe.“ Mir war schwindelig und übel. Mom eine Hexe? Niemals. Als ich kurz vor dem Umkippen stand, zog ich mir einen Stuhl heran und liess mich darauf plumpsen.
Ich atmete tief ein und versuchte, etwas Klarheit in meinen Kopf zu bringen.
„Also, es gibt sicher eine völlig normale Erklärung dafür, dass du das Gefühl hast, meine Mutter vor 160 Jahren gekannt zu haben. Es ist sicher…“ „Sie sah genauso aus wie auf den Fotos oben, nur ein wenig älter“, unterbrach er mich jäh. Ich zuckte zusammen, als ich hörte, was er sagte.
„Wie kann das sein?“, flüsterte ich vor mich hin. „Mom war 47, als es passierte, nicht 160… Was ist da nur passiert?!“ Mittlerweile klang ich richtig hysterisch und begann unruhig umher zu tigern. „Dean, das kann nicht so gewesen sein. Das geht nicht. Das ist völlig unrealistisch. Das ist…“ Meine Stimme bebte vor Verzweiflung.
„Scht“, sagte er und nahm mich in den Arm, „Beruhige dich, Cassie. Es wird alles gut. Alles wird gut, glaub mir.“ Und wie ich ihm in dem Moment glaubte. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter und atmete seinen Geruch nach Wald und Kiefern tief ein. Ich stellte mir vor, ich sei irgendwo da draussen und streife durch die Wälder. Langsam beruhigte ich mich wieder und riss mich zusammen. Wir würden das schon hinkriegen, irgendwie.
„Gehen wir die Sache mal ganz rational an“, beschloss ich und sperrte alle anderen Gedanken aus. „Nehmen wir an, sie sei wirklich eine Hexe gewesen. Wie alt werden Hexen denn überhaupt? Alterns sie auch langsamer als durchschnittliche Menschen?“, fragte ich ihn.
„Ja, auch sie altern viel langsamer, wenn sie regelmässig Magie verwenden. Ich glaube, dass das bei allen so ist, die irgendetwas mit Magie zu tun haben: Sobald sie damit in Berührung kommen, ist es, als ob ein Reset-Knopf gedrückt wird und ihren Körper wieder in Hochform bringt. Bei unserer Begegnung war sie etwa 15 Jahre alt… 32 mal fünf… Ja, das kommt hin“, meinte er.
„Aber dann wissen wir immer noch nicht, was bei ihrer vermeintlichen Ertränkung passiert ist…“ „Vielleicht hat sie Magie verwendet? So wie bei dem Kraut in Harry Potter. Oder sie hat einen Illusionszauber verwendet – falls es so etwas gibt“, schlug ich vor. Mein Hirn begann langsam zu akzeptieren, dass Mom vielleicht wirklich etwas mit Magie zu tun gehabt haben könnte. Langsam.
„Hm.“ Dean schien zu überlegen. „Es könnte sein – aber dann war sie eine wirklich mächtige Hexe. Vielleicht hat ihre eigene Mutter noch zusätzlich Kraft auf sie übertragen… Ja, das könnte wirklich sein!“ Aufgeregt sah er mich an.
„Weisst du, was das für dich bedeutet?“ Apathisch starrte ich ihn an. Die Diskussion über meine Mom hatte Erinnerungen hervorgerufen – Erinnerungen, die ich am liebsten verbrannt und aus meinem Kopf verbannt hätte. Und plötzlich war ich wieder 12 Jahre alt, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können.
Ich sass im Auto, neben mir Dylan im Kindersitz, vorne Mom. Dad war wieder einmal nicht mitgekommen, er hatte zu viele Patienten, die ihn heute brauchten.
Draussen zogen die Bäume an mir vorbei und schillerten in allen Rot- und Orangetönen.
„Über was grübelst du wieder nach?“, fragte Mom von vorn. Ich konnte das Lächeln in ihrer Stimme schon fast sehen, wie immer, wenn sie wissen wollte, ob mich etwas beschäftigte.
„Eigentlich nichts…“ In dem Moment begann Dylan zu brüllen. Mein zwei Monate alter Bruder mochte Autofahrten eben nicht.
„Scht, Dylan, alles ist gut, wir kommen gleich im Zoo an. Dort hat viele Tierchen, die dir hallo sagen wollen!“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Auch wenn er es noch nicht wirklich verstand.
Besorgt drehte Mom den Kopf. „Geht es ihm gut?“, fragte sie.
„Klar“, antwortete ich, „Es ist nur…“
In dem Moment zerspreng meine Welt. Ich wurde nach vorne geschleudert, der Sicherheitsgurt schnitt mir in die Brust und ich schlug mir den Kopf an der Lehne an. Neben mir hörte ich Dylan schreien.
„Mom?“, fragte ich benommen. „Geht es dir gut?“
Aber Mom antwortete nicht mehr. Sie hing reglos in ihrem Sitz, Blut strömte aus einer hässlichen Wunde an ihrem Kopf. Das Blut färbte ihre schönen Locken rot.
Verzweifelt versuchte ich, mich aus dem Sicherheitsgurt zu befreien, doch es klemmte und ich konnte mich nicht losmachen. Neben mir wimmerte immer noch Dylan, der nicht verstand, was um ihn herum geschah. Irgendwo hörte ich die Sirenen von Krankenwagen und Polizei heulen, doch nichts davon interessierte mich. In meinem Kopf war es still geworden, und ich hatte nur Augen für meine Mom. Egal wie verzweifelt ich sie anflehte, sie antwortete mir nicht. Sie würde mir nie mehr antworten. Nie mehr. Nie wieder würde ich ihr Lachen hören, nie wieder ihr Lächeln sehen, nie wieder…
Langsam wiegte ich mich vor und zurück. Ein Mann mit einem weissen Kittel kam auf mich zu und sprach mich an, doch ich hörte nicht hin. Nichts war wie zuvor, als ich Dylan in die grossen unschuldigen Augen sah. Ich würde für ihn sorgen.
Jemand hatte mich losgemacht, und ich rannte auf den Barren, auf den man meine Mom gelegt hatte. Sie öffnete kurz ihre Augen.
„Pass auf euch auf“, keuchte sie. Ich drückte ihre Hand, in meinen Augen schwammen Tränen. Ich wollte sie nicht verlieren! „Ich verspreche es, Mom, ich passe auf Dylan und mich auf, bitte ich verspreche es“, weinte ich, „Aber bitte verlass mich nicht!“ Sie lächelte ein letztes Mal. „Braves Mädchen, Cassandra. Ich weiss, du wirst es schaffen.“ Sie schloss die Augen und ihre Hand erschlaffte in meiner. „Nein, Mom, geh nicht ins Licht! Du musst bei uns bleiben! Ich brauche dich!“ Verzweifelt packte ich den Mann mit dem weissen Kittel am Arm. „Tun Sie doch etwas! Helfen Sie ihr! Bitte!“, flehte ich ihn an. Er schüttelte traurig den Kopf. „Es tut mir leid. Ich kann nichts mehr für sie tun.“
„Mom, bitte, komm zurück!“, weinte ich. Ich schrie und tobte, als man den Barren wegschob und mich in einen anderen Wagen brachte. Doch nichts davon brachte Mom zurück. Sie war tot. Und mit ihr starb ein Teil von mir.


Plötzlich spürte ich, wie mich starke Arme umschlossen und mich zurück in die Gegenwart holten. Ich nahm an, dass ich alles wiedergegeben hatte, und ich weinte immer noch bittere Tränen und wurde von Schluchzern geschüttelt.
„Sie ist tot“, wimmerte ich an Deans Schulter. „Tot, und sie kommt nicht mehr zurück, nie mehr, nie mehr kommt sie zurück“, schluchzte ich.
Beruhigend strich mir Dean über die Haare. „Scht, ich weiss“, murmelte Dean an meinem Ohr. „Ich weiss, aber du musst jetzt stark sein. Für sie. Sie will bestimmt nicht, dass du ihretwegen dich verrückt machst.“
„Ich weiss es ja“, weinte ich weiter, „Aber es ist so schwer, ohne sie. Ich habe nie etwas gesagt, aber es tut so weh, immer sehe ich sie an der Küchenkombi stehen, oder über Dylans Bett gebeugt um ihm Gute Nacht zu sagen, aber ich konnte es niemandem sagen, weil es niemand verstanden hätte!“
„Ich weiss, was du durchmachst. Auch wenn es bei mir ein wenig länger her ist. Die Zeit wird den Schmerz nicht heilen, aber sie wird ihn erträglich machen“, tröstete er mich.
„Bist du dir sicher?“ Ich sah ihn mit tränenüberströmtem Gesicht an. „Ganz sicher“, antwortete er und legte seine Stirn an meine.
Dankbar schloss ich die Augen und hoffte, dass sie nicht allzu verheult aussahen. Ich öffnete sie erst wieder, als ich wieder atmen konnte, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Verwirrt blinzelte ich, als ich bemerkte, dass Deans Gesicht immer noch höchstens zwei Zentimeter von meinem entfernt war. Ich schlang die Arme um ihn und hielt ihn fest.
„Danke“, sagte ich leise und wischte mir die Tränen ab. „Kein Problem“, antwortete er ebenso leise.
Ich versuchte die Stimmung aufzulockern und lachte unbeholfen. „Weisst du, ich heule mir die Seele aus dem Leib und klammere mich an dich, ohne dass es dich gross stört. Ich weiss das wirklich zu schätzen, nicht jeder hätte das ausgehalten.“
Langsam löste er sich von mir. Erst in dem Moment wurde mir bewusst, dass ich ihm so nahe gestanden hatte, dass ich sein Herz schlagen hörte.
Ernst sah er mich an. „Das ist nichts, was ich aushalten musste“, erklärte er mir ohne eine Spur seines üblichen Humors und legte mir so vorsichtig die Hände an den Kopf, als fürchte er, er könnte kaputt gehen.
„Nicht?“, fragte ich atemlos und legte sachte meine eigenen darüber und spürte seine Wärme.
„Nein.“ Sein Kopf kam meinem immer näher. „Keine einzige Sekunde lang.“
Und dann küsste er mich. Es verschlug mir den Atem, ich stellte mich auf die Zehenspitzen und schlang wieder die Arme um ihn.
Seine weichen Lippen auf meinen liessen mich vergessen, was ich vorhin wieder erlebt hatte, und die Schmetterlinge in meinem Bauch fuhren gerade Achterbahn.
Ich konzentrierte mich ausschliesslich auf ihn und liess den Rest der Welt verschwimmen.
Wir standen eine kleine Ewigkeit so da, versunken in den Armen des anderen, doch als wir unsere Lippen voneinander lösten, hatte ich das Gefühl, nur ein winziger Moment sei vergangen. Ich sah ihn an und sah, dass seine Augen tief grün und leicht vernebelt waren.
„Glaubst du mir?“, fragte er schwer atmend. „Absolut“, antwortete ich lachend und vergrub die Hände in seinen Haaren und zog seinen Kopf wieder näher zu mir.
Doch plötzlich machte er sich los und liess mich alleine dastehen.
„Was ist denn…“ „Nichts“, antwortete er barsch. „Wir haben immer noch keine Lösung für unser Problem mit den Vampiren“, wechselte er abrupt das Thema.
„Hey, was soll das? Im einen Moment verführst du mich praktisch, und im andern lasse ich dich völlig kalt?“, fragte ich mit verschränkten Armen. Ich mochte es gar nicht, wenn man mit meinen Gefühlen spielte; vor allem, wenn es um intensive Gefühle ging und ich mir schon Hoffnungen gemacht hatte.
Abgesehen davon wollte ich mehr von ihm. Es war schliesslich fies, mir eine Kostprobe zu geben und dann plötzlich aufzuhören, oder etwa nicht?
„Nein, so ist es nicht“, sagte er versöhnlich. „Mein anderer Teil war kurz davor… Naja, auszubrechen und die Kontrolle zu übernehmen“, erklärte er gequält.
„Ich nehme an, wenn du von deinem anderen Teil sprichst, dann meinst du nicht die Schmusekatze, oder?“ „Nein.“ Mist. Da hatte ich meinen Traumtypen endlich gefunden – und dann musste er ein Werpuma sein, der bei einem heissen Kuss fürchtet, die Kontrolle zu verlieren. Das waren ja tolle Aussichten. Ein kleines Problem, wenn man es mit dem Vampir verglich.
„Okay, dann hören wir eben auf, wenn du das Gefühl hast, du kriegst es nicht mehr in den Griff… Aber kuscheln ist doch erlaubt, oder?“ Hoffnungsvoll sah ich ihn an.
„Klar“, grinste er. Wenigstens etwas.
Wir gingen ins Wohnzimmer und machten es uns auf dem Sofa bequem.
„Wir haben immer noch keine Lösung für unser Vampirproblem“, bemerkte ich, während ich mich an ihn schmiegte.
„Weisst du… Deine Mom war eine Hexe… Und vielleicht.. Ach, egal, vergiss es“, meinte er. Ich richtete mich auf. „Was wolltest du damit andeuten?“
„Naja, wenn deine Mutter ihre Kräfte… Wenn sie sie auf dich übertragen hat, dann wäre unser Problem gelöst“, erklärte er. Und wieder einmal war ich baff und es verschlug mir die Sprache.
„Ich und eine Hexe? Nie im Leben. Ein Stein hat mehr Veranlagung zur Hexe als ich.“ Ich war keine Hexe! In Filmen passiert doch immer so etwas Cooles, wenn die Leute ihre Magie entdecken. Sie lassen Scheiben verschwinden oder schweben plötzlich an der Decke. So etwas war mir jedenfalls nicht passiert. Oder, falls Dean wirklich Recht hatte, noch nicht.
„Hey!“ In dem Moment kam mir eine riesige Erkenntnis. Falls ich tatsächlich eine Hexe war – was ich zwar immer noch nicht glaubte -, dann war mein Problem mit der B.M.A. gelöst! Ja!
„Hm? Hast du gerade einen Geistesblitz oder hüpfst du einfach gern auf dem Sofa rum?“, fragte mich Dean mit hochgezogener Augenbraue. Da war er wieder: Der alte, zynische Dean, mit dem ich herrlich streiten konnte.
Ich boxte ihn auf die Schultern. „Bist du immer so charmant? Nein, ich will es gar nicht wissen“, seufzte ich, als er gerade zu einer passenden Antwort ansetzte.
„Willst du wenigstens wissen, um was es in meinem Geistesblitz ging?“
„Sicher“, antwortete er, „Wenn du schon so grosszügig bist und mir einen Blick in deine streng geheimen Gedanken gibst, sag ich nicht nein.“ Ein richtig breites Grinsen lag auf seinem Gesicht.
Ich konnte nicht anders, als auch zu grinsen. Ich sah dabei sicher nicht so gut aus wie er, aber ich konnte mich wenigstens auch richtig… verliebt fühlen.
„Also, dann sperr deine Ohren auf: Falls ich wirklich eine Hexe oder so was in der Art bin, dann muss die B.M.A. nicht mehr eingreifen, weil ich somit streng genommen bereits ein Teil der magischen Gemeinschaft bin, oder?“, fragte ich in der Hoffnung, dass ich einmal Recht behielt.
Er schien einen kurzen Moment zu überlegen, bevor er sich mit mir darüber freute.
„Endlich mal gute Neuigkeiten“, seufzte er. Ich kuschelte mich an ihn und sah ihn tröstend an.
„Irgendwie kriegen wir das schon hin.“ Glaubte ich zumindest.
Als ich mich in seine warmen Arme schmiegte, kam mir gerade wieder in den Sinn, wie viel sich in den letzten Tagen geändert hatte. Plötzlich war Mom eine Hexe, ich hatte einen Werkater, vielleicht war ich sogar selbst eine Hexe… Bis dahin hatte ich noch nicht einmal daran gedacht, dass so etwas wie Magie existieren könnte, und jetzt steckte ich mittendrin.
Aber endlich passierte etwas in meinem Leben – na gut, einem mörderischen Meistervampir zu begegnen stand nicht auf der Liste der Dinge, die ich unbedingt einmal erleben wollte, aber… Man kann eben nicht immer alles im Leben haben, oder?
Und das Loch, das seit dem Unfall in meinem Herzen sass, begann zu heilen, seit ich Dean begegnet war.
Ich beschönigte nichts, nein, aber ich liess es langsam hinter mir und konnte damit beginnen, wieder mein eigenes Leben zu leben, ohne mir ständig zu überlegen, wie es gekommen wäre, wenn sie überlebt hätte.
Ein mir unbekanntes Geräusch riss mich aus meinen Gedankengängen. Es war wie ein Brummen, das direkt neben mir…
„Schnurrst du etwa?“, fragte ich Dean und konnte mir nur knapp ein Kichern verkneifen.
Abrupt verstummte das Geräusch.
„Hast du ein Problem damit?“, brummte er. Ich lächelte. „Nein, ich finde es nur… niedlich.“
„Niedlich?! Ich bin eine grosse böse Kreatur der Dunkelheit, also fürchte dich gefälligst vor mir!“
Ich konnte nicht mehr und musste einfach lachen. „Du und eine Kreatur des Bösen?“, prustete ich, „Also ich finde, Schnurren wirkt nicht sehr bedrohlich.“
Beleidigt sah er mich an. „Nur weil ich dich nicht gefressen habe…“ „Wie war das nochmal mit: Ich habe dich keinen Moment lang als Beute gesehen?“
Entnervt stöhnte er auf. „Du hast wirklich auf alles eine Antwort!“
„Nein, ich rede nur gerne“, erwiderte ich. „Wenn ich auf alles eine Antwort hätte, wären wir diesen Vampir schon längst los.“
„Ja, stimmt“, gab er zu. „Aber noch mal zurück zu der Vorstellung, dass deine Mutter dir wirklich ihr Erbe hinterlassen hat…“ „Erbe?!“
„Die Kraft“, erwiderte Dean, „Damit geht eine ziemlich grosse Verantwortung einher, weil…“
„Was? Verantwortung?! Ich habe doch gar nichts gemacht, wofür ich Verantwortung übernehmen muss!“ Im Moment reichte mir mein kleiner Bruder völlig, um Verantwortung zu übernehmen. Das war sogar Verantwortung für zwei!
„Würdest du mich auch einmal ausreden lassen?“ Er sah mich tadelnd an.
„Entschuldige, aber es ist so viel auf einmal… Und ich weiss gar nicht, ob ich dieses Erbe überhaupt will…“
„Wenn du einmal still wärst, wüsstest du auch schon lange alles Wichtige“, bemerkte er trocken. Ich zuckte zusammen. Mir war gar nicht aufgefallen, wie viel ich plötzlich in den letzten Tagen redete.
Vielleicht hatte er ein winziges Bisschen recht, was das Zuhören beanlangte. Aber nur ein Bisschen.
„Okay, ich höre“, lenkte ich ein. Schliesslich sollte ich wissen, was Mom mir da hinterlassen hatte.
„Danke für deine Aufmerksamkeit!“ Ich knuffte ihn in die Seite. „Dann erzähl mal, sonst fange ich wieder an, über irgendetwas zu reden und lasse dich nicht mehr zu Wort kommen“, grinste ich.
„Jedenfalls, ich denke, ich erkläre dir erst den Unterschied zwischen Vampiren und Vampyren.“ Skeptisch sah ich ihn an. „Nun schau nicht so“, schnaubte er, „Du wirst es noch genug früh verstehen. Die Vampyre sind eigentlich diejenigen, die man nicht bemerkt und die still unter euch leben. Sie leben allein und ernähren sich gerade so von ihren Spendern, dass diese überleben und sich an nichts davon erinnern können. Das sind in der Regel auch die, die Jahrhunderte überdauern und nicht von irgendwem geköpft werden.“ Das wurde ja immer besser.
„Sind sie die Guten? Oder sind sie genauso fies wie der von vorhin?“ Er zuckte mit den Schultern. „Blut saugen sie alle. Aber im direkten Vergleich sind sie einiges besser als Vampire.“ Na super.
„Und worin besteht jetzt genau der Unterschied? Bis jetzt hören sie sich ziemlich gleich an“, bemerkte ich. „Naja, eigentlich überlebt man als Mensch eine Begegnung mit einem Vampir nicht, ausser wenn er gerade getrunken hat oder nicht schon völlig den Verstand verloren hat.“
Ich erbleichte. „Dean, dieser gottverdammte Typ vorhin - sag mir, dass er ein Vampyr ist!“ Mir gefror das Blut in den Adern, als ich mir vorstellte, dass ein ausgehungerter Vampir an einer Schule rumhing, wo es genügend frisches Blut gab, um ein ganzes Rudel davon zu ernähren.
„Ich weiss es nicht so recht“, gab er zu. „Du weißt es nicht?!“ Ungläubig starrte ich ihn an.
„Aber ich glaube wenigstens, dass er noch ein Vampyr ist“, rechtfertigte er sich, „Sonst wäre er nicht so ruhig am Baum gestanden, ohne irgendwen anzufallen.“ „Unglaublich beruhigend, dass es wenigstens kein geisteskranker Blutsauger ist“, erwiderte ich ironisch. „Ja, ich weiss, es hört sich nicht wirklich ungefährlich an, aber es ist besser als nichts. Und ich bin mir sehr sicher, dass Manuel noch nicht übergewechselt ist, sondern sich immer noch in der Grauzone bewegt.“
Ich zog die Augenbraue hoch. „Manuel? Es macht den Anschein, als ob ihr euch schon einmal begegnet seid.“
Dean fluchte leise. „Mist! Ich hätte seinen Namen nicht erwähnen sollen“, murmelte er finster.
„Tja, hast du aber. Dein Pech, wenn du den Mund nicht halten kannst“, lachte ich, wurde aber sofort wieder ernst, als ich seine Miene sah.
„Also, was hat es mit diesem Manuel auf sich?“, bohrte ich nach.
„Er hat den Angriff auf meinen Clan angeführt.“
Sofort bereute ich es, vorhin darüber gelacht zu haben.
Ich spürte seine Trauer aufwallen und schloss die Arme fester um ihn, um ihm ein wenig Trost zu spenden.
„Weisst du, was er will?“, fragte ich leise nach. „Nein, aber ich habe eine Ahnung“, antwortete Dean düster. Ich getraute mich fast nicht, danach zu fragen. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich die Antwort nicht hören wollte.
„Was glaubst du, was er wollen könnte?“ Ich hielt den Atem an und wagte es nicht, mich zu rühren.
„Dich.“ Mich?! Ich war ein absolut durchschnittliches Mädchen, nichts an mir war aussergewöhnlich. Na gut, ich hatte eine Katze, die sich in einen Menschen verwandeln konnte, aber das zählte ja nicht wirklich.
„Wieso? Was unterscheidet mich von den anderen?“ Ich war kurz vor dem Verzweifeln. Bis vor ein paar Tagen führte ich ein völlig normales Leben, und jetzt war ich aus irgendeinem Grund für die Vampire des Ortes interessant geworden.
Dean lächelte mich schief an. „Erstens, du bist wahrscheinlich eine Hexe. Die letzte. Ahnst du, was sie alles tun könnten, wenn sie dich unter Kontrolle hätten und du für sie arbeiten würdest?“ Oh-oh. Nicht gut. Ich schluckte einmal leer. „Ich will es mir lieber nicht vorstellen“, erwiderte ich, „Abgesehen davon, ich würde nie für die arbeiten. Ich könnte nicht für solche Monster…“ „Klar, wenn du die Wahl hättest, würdest du ablehnen. Aber wenn sie dich wirklich wollen, lassen sie dir keine Wahl“, unterbrach mich Dean mit belegter Stimme.
„Was meinst du damit schon wieder?“ „Stell dir vor: Sie wollen, dass du für sie ein hohes Tier in der B.M.A. verfluchst, aber du weigerst dich. Dann setzen sie dich unter Druck, nehmen dir irgendetwas weg, was dir so viel bedeutet, dass du alles dafür tun würdest.“ „Dylan“, flüsterte ich. Bedrückt nickte Dean.
„Aber im Moment ist er in Sicherheit; nicht einmal ein Meistervampir wagt sich, ein Kind am helllichten Tag zu entführen“, versuchte er mich zu beruhigen, aber mein Beschützerinstinkt hatte sich in mir gemeldet. „Aber was, wenn sie genau das tun, was man am wenigsten von ihnen erwartet?“
Ich sprang auf und lief wieder nervös im Wohnzimmer auf und ab. „Was, wenn sie ihn schon gefangen genommen haben? Ich muss unbedingt zu ihm, bevor…“
„Beruhige dich, Cassie! Er ist ja bei Carry, und sie betreut noch andere Kinder. Es sind viel zu viele Menschen da, um sich unbemerkt an ihn heranmachen zu können, und überhaupt, Manuel ist der Einzige von ihnen, der sich ohne Gefahr in der Sonne aufhalten kann, ohne zu einem Häufchen Asche zu zerfallen.“
„Trotzdem, ich muss zu ihm! Ich kann ihn nicht verlieren, ich muss doch auf ihn aufpassen, ich habe es versprochen!“ Ich wusste, dass ich hysterisch klang, aber ich konnte nichts dafür. In meinem Kopf waren sämtliche Alarmglocken losgeschrillt, als ich realisiert hatte, dass Dylan tatsächlich in Gefahr sein könnte.
Nun stand auch Dean auf und hielt mich an den Armen fest. „Cassandra, hör mir zu. Dein Bruder ist nicht gefährdet, er ist bei Carry am sichersten Ort, wo er sich zurzeit befinden könnte“, sagte er langsam und deutlich, als versuche er einem Kleinkind das Sprechen beizubringen. Und tatsächlich, mein Unterbewusstsein schrie mir zu, dass ich Dean vertrauen konnte und ich auf ihn hören sollte. Also entspannte ich mich, so gut es möglich war.
Immer noch ein wenig aufgewühlt machte ich mich von ihm los und tigerte weiter umher.
„Okay, jetzt ist er noch in Sicherheit, aber was soll ich tun, wenn er wieder zurückkommt?“, fragte ich verzweifelt, denn ich wusste, dass ich ihn keinen einzigen Moment noch aus den Augen lassen würde.
Nachdenklich legte Dean den Kopf schief. „Hm… Ich könnte Melinda fragen, ob sie zu einem Umzug bereit ist“, überlegte er laut. Verwirrt blinzelte ich. Was hatte Melinda mit all dem zu tun?
„Wieso sollte Melinda umziehen wollen?“ „Sie könnte immer ein Auge auf Dylan werfen und ihn vor möglichen Eindringlingen beschützen“, erklärte er mir. „Ach ja?“ Insgeheim fragte ich mich, was eine Türe schon gross anstellen konnte. Ja, ich weiss, eigentlich ist Melinda keine richtige Tür, mehr so etwas wie ein Hausgeist. Aber die erste Begegnung bleibt einem eben am besten im Gedächtnis.
„Ja“, bestätigte er mir. „Glaub mir, auch wenn es nicht danach aussieht, Melinda weiss sich äusserst effektiv zu helfen, wenn sie jemanden schaden will“, erklärte er mir im Nachhinein. Ich fragte mich, ob er wirklich nicht in meinem Kopf herumwühlte.
Ich war immer noch skeptisch, aber immerhin versuchte er, mich zu beruhigen und mir zu helfen.
„Gut, gehen wir zu ihr und fragen sie, was sie dazu meint“, schlug ich vor. Ich ertrug die Vorstellung nicht mehr, untätig herumzusitzen und einfach nichts zu unternehmen, um Dylan vor Manuel und… seinem Rudel zu schützen.
Ich wollte gerade zur Garderobe gehen, als Dean plötzlich wie aus dem Nichts heraus vor mir stand. Perplex starrte ich ihn an und fragte mich, was das ganze geben sollte.
Mir wurde schnell klar, was er vorhatte, als sich sein Gesicht stetig näher zu meinem senkte, und die Schmetterlinge in meinem Bauch flatterten wie wild, als seine Lippen meine berührten. Wenn ich schon vorhin fast den Verstand verloren hatte, war es spätestens jetzt endgültig fertig mit meinem Denken. Mein Kopf fühlte sich wie leergeblasen an, ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an Deans warme Lippen, die fordernd auf meinen lagen.
Ich hätte ewig so dastehen können, doch die Zeit verstrich unbarmherzig. Schliesslich löste er sein Gesicht von meinem und vergrub es stattdessen in meinem Haar.
„Ich dachte, wir wollten zu Melinda“, lachte ich leise an seinem Ohr. Seine Stimme kitzelte mich, als er mir antwortete. „Niemand hat gesagt, WANN wir gehen…“ Ich kicherte, als er erneut zum Sprechen ansetzte, es kitzelte, wenn er etwas sagte.
„Weisst du, wie du für mich riechst?“, murmelte er. „Nein, sag es mir“, raunte ich ihm zu.
„Nach zu Hause“, flüsterte er. Wow. „Das war gerade das Schönste, was je ein Junge zu mir gesagt hat“, hauchte ich und umarmte ihn so fest, dass ein normaler Mensch daran erstickt wäre.
„Weisst du, ich sage das nur ungern, aber wenn wir Melinda noch dazu überreden wollen, auf Dylan aufzupassen, müssen wir jetzt langsam aber sicher los“, meinte er und sah mich an.
„Na gut“, seufzte ich wehmütig und schnappte mir die Autoschlüssel. „Gehen wir.“

Auf dem Weg zu Melinda war Dean ungewöhnlich schweigsam. Er redete zwar nicht, aber dafür starrte er mich wieder an. Ich konnte richtig fühlen, wie die Röte sich in mein Gesicht schlich.
„Was ist so interessant daran, mich anzusehen?“, erkundigte ich mich bei ihm, als ich es nicht mehr aushielt.
„Du siehst niedlich aus, wenn du rot wirst“, erklärte er und betrachtete mich wieder. „Niedlich?! DU willst nicht als niedlich bezeichnet werden, wenn du schnurrst wie ein 200 PS-Motor, aber ich darf niedlich sein?“
„Du BIST niedlich“, erwiderte er, „Darüber lässt sich nicht diskutieren.“ Und damit hatte sich das Thema für ihn offenbar erledigt. Ich seufzte entnervt – und setzte es mir zum Ziel, ihm immer wieder unter die Nase zu reiben, dass sein Schnurren absolut süss war.
Wenn er das konnte, konnte ich das schliesslich auch.
Endlich kam die Einfahrt in Sicht.
Ich stellte den Wagen vor der Garage ab und folgte Dean, der schon voraus gegangen war.
Vor der Haustüre blieb er stehen und rief nach Melinda.
„Melinda? Würdest du mir bitte die Türe aufmachen?“ Seine Augen glitten suchend über die glatte Holzfläche.
Er beugte sich verschwörerisch zu mir herunter und flüsterte mir zu: „Ich glaube fast, sie ist ein wenig beleidigt, dass ich sie so lange…“ „Dean Aston! Worüber hast gerade gelästert? Ich bin sicher, es ging um mich.“ Dean grinste mir zu, als sich Melindas hübsches Gesicht zeichnete sich auf der Tür ab. „Wo, zum Teufel, warst du die letzten Tage? Ich wäre fast gestorben vor Sorge um dich!“
„Ich schwöre dir, wenn sie denkt, dass man über sie lästert, taucht sie immer auf“, sagte Dean zu mir und stellte sich Melindas Zorn.
„Ich bin, falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, erwachsen und kann alleine entscheiden, wo ich mich aufhalte.“ Das schien Melinda überhaupt nicht zu interessieren, es regte sie bloss noch mehr auf.
„Bilde dir ja nichts ein, nur weil du zwei Jahrzehnte älter bist als ich. Immerhin schmeisse ICH den Haushalt, weil DU es ja nach 200 Jahren immer noch nicht kannst“, erwiderte sie hochmütig, während Dean rot anlief. Ich verfolgte ihre Auseinandersetzung und musste es mir verkneifen, lauthals loszulachen. Irgendwie war es ziemlich unterhaltsam, Dean in einer Situation zu erleben, in der er definitiv nicht die Oberhand hatte und sich von einer Frau zusammenstauchen lassen musste.
„Lass meine nicht vorhandenen Haushaltskünste aus dem Spiel“, forderte er und verzog das Gesicht – anscheinend hatte Melinda einen wunden Punkt getroffen.
„Nein, werde ich nicht“, beschloss sie und spießte ihn förmlich auf mit ihren Blicken, bis sie mich bemerkte. Sofort verschwand ihr stechender Blick, und sie sah mich mit sanften Augen an.
„Hallo, Süße. Ich hab dich gar nicht gesehen“, sagte sie mit freundlicher Stimme. „Hei, Melinda“, begrüsste ich sie. „Macht doch nichts, kann ja jedem mal passieren.“
„Komm rein!“, sagte sie, worauf sich schwungvoll die Tür öffnete. „Fühl dich wie zu Hause!“
Schadenfroh sah ich Dean an, der nun zerknirscht hinter mir stand. „Das zahl ich ihr noch heim“, zischte er verärgert und folgte mir ins Haus. Ich grinste still in mich hinein und verkniff mir jeglichen Kommentar.
Instinktiv ging ich in die Küche, wo ich Melinda an der Wand erblickte. Langsam war das richtig unheimlich, dass sie überall aus dem Nichts einfach so auftauchen konnte.
Als Dean schliesslich auch die Küche betrat, verdrehte sie theatralisch die Augen und seufzte.
„Was beehrt mich eigentlich mit der Ehre, dir wieder einmal zu begegnen?“, fragte sie. Dean sah sie böse an. „Jetzt reg dich nicht so auf, auch wenn du es mir nicht glaubst, ich bin kein Kind mehr.“ Melinda zog lediglich eine Augenbraue hoch und sagte nichts dazu. „Deshalb bin ich nämlich hier: Ich, also besser gesagt Cassandra…“ Nun war ich es, die die Augenbraue hob. Wessen Idee war es gleich noch mal gewesen, hier her zu kommen? Richtig, seine.
Er schluckte kurz und fuhr dann fort. „Eben, wir wollte dich fragen, ob du zu einem Umzug bereit bist. Es geht um Dylan, Cassies Bruder. Manuel könnte ihn als Druckmittel gegen Cassie einsetzen“, sagte er und sah mich dabei besorgt an. Mein Herz machte einen Sprung; es war unglaublich süss von ihm, wie er sich auch um Dylan sorgte.
Ich wurde jedoch wieder ernst, als ich Melindas entsetzten Gesichtsausdruck sah. „Manuel ist in der Gegend?“, fragte sie schockiert. Dean nickte düster.
„Dann haben wir ein Problem“, stellte sie fest.
Das hatte ich mir heute auch schon öfters gedacht.

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Imprint

Text: Text by Fabienne H.
Publication Date: 02-28-2010

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Dedication:
Migih, ohne Dich und Oli gäbe es dieses Buch nicht. Danke.

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