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BLOOD WARS II - The Ancient Blood

Blood

Wars

II

 

~ The Ancient Blood ~

 

 

 

Stefania Blackthorne

 

 

Kapitel 1

 

Kapitel 1

 

Chicago, 10. September 2037

 

Kayra

 

Die letzten beiden Jahre hatten sich angefühlt als seien Hunderte davon vergangen. Jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde war mir wie eine Ewigkeit vorgekommen. Ohne Michael - und in der Hand von Cole, der zusammen mit seinen Onkeln, Kraven und Thomas Blake, ein strenges Regiment führte. Und als solches konnte man auch unsere „Ehe“ bezeichnen:

Kaum eine Nacht verging, in der Cole seine sadistischen Neigungen nicht an mir auslebte. Ich war für ihn nichts Weiter als ein Stück Fleisch – und genauso fühlte ich mich auch. Wenn ich überhaupt noch irgendetwas fühlen konnte...

Von dem Moment an, in dem ich realisierte, dass ich Michael getötet hatte, war auch ein großer Teil von mir mit ihm gestorben - und ich war nichts als eine leere Hülle ohne Seele.

So spürte ich wenigstens keinen Schmerz, wenn Cole sich an mir verging. Ich ließ es einfach über mich ergehen. Wie auch alles Andere, was er mir antat. Raphael hatte es damals nicht geschafft, meinen Willen zu brechen. Dafür Cole, mein ehemaliger bester Freund.

Er hielt mich in jeglicher Hinsicht an der kurzen Leine. Ich bekam eine minimale Ration an Blut pro Nacht – und für jede weitere musste ich „lieb zu ihm sein“ - wie er es immer bezeichnete. Und ich tat es. Einzig und allein aus einem Grund:

Meine Tochter. Amelia.

Nur, um sie zu beschützen.

Für einige Zeit hatte ich es geschafft, meine Schwangerschaft vor Cole zu verbergen. Doch ich fürchtete bei jedem seiner Übergriffe um das Leben dieses kleinen Wesens, das in mir heranwuchs. Bis ich eines Nachts nicht mehr anders konnte und schrie:

„Cole! Ich bin schwanger!“

Er hatte innegehalten und mich aus großen Augen angesehen. In diesem Augenblick war der alte Cole deutlich erkennbar gewesen, als er fragte:

„Mit meinem Kind?“

In diesem Moment hatte ich einfach, ohne darüber nachzudenken, „Ja“ gesagt. Denn ich wusste, es gab nur eine Möglichkeit, Amelia und mich zu beschützen:

Cole musste glauben, dass sie unsere Tochter war. Wenn ich ihm gesagt hätte, dass sie Michaels Kind war, hätte Cole mich niemals für die restliche Dauer der Schwangerschaft in Ruhe gelassen.

Von dem Augenblick an, in dem Cole erfahren hatte, dass er Vater wurde, änderte sich seine Art und Weise wie er mich behandelte. Er überhäufte mich mit Geschenken, Kleidern, Schmuck...und er gab mir auch genügend Blutvorräte, damit unser Kind gesund heranwuchs.

Zwar ließ er mich in Ruhe, aber dafür war Lydia an meine Stelle gerückt. Sie war mir eines Nachts auf dem Flur begegnet. Mit demselben leeren Ausdruck in den Augen, den ich seit zwei Jahren nur zu gut von mir selbst kannte, wenn ich mich im Spiegel erblickte. Auch, wenn sie mich verraten hatte, wusste ich, wie sehr sie in Cole verliebt war – und es musste sie genauso verletzen wie mich, sich in ihm getäuscht zu haben. Andererseits wusste ich nicht, ob ich Mitgefühl für sie empfinden sollte...Zumal ich noch immer nicht wusste, weshalb sie Michael und mich damals verraten hatte. Sie hatte nie mit mir darüber gesprochen.

Die Notlüge, dass ich Coles Kind in mir trug, hatte mir Zeit verschafft. Und doch war stetig diese Angst in mir, dass er eines Tages herausfinden würde, dass Amelia nicht seine Tochter war.

Als sie geboren wurde, hatte sie glücklicherweise dunkles Haar und blaue Augen. Doch sie war anders als andere Jung-Vampire - zumal sie ein Hybrid-Wesen war. Was Cole allerdings nicht im Ansatz zu stören schien. Trotzdem entdeckte ich bereits nach kurzer Zeit, dass sie schneller heranwuchs als andere Vampir-Kinder. Obwohl sie erst vor anderthalb Jahren geboren worden war, sah sie bereits wie eine Sechsjährige aus. Und nicht nur das: Sie war überaus intelligent für ihr Alter. Allerdings gab es da noch eine Sache, die mir Sorgen bereitete:

Amelia trug definitiv beide Seiten in sich: Sie hatte sowohl das Ur-Vampir-Gen, als auch Michaels Fähigkeiten geerbt. Und damit meine ich nicht, dass sie ein Mischwesen wie ich war: Nein, sie war definitiv ein Vampir und ein Werwolf – unabhängig voneinander.

Glücklicherweise war Cole nie in den Momenten anwesend, wenn sich Amelias beide Seiten einen Weg nach außen suchten.....

Mir waren Tränen der Wehmut in die Augen geschossen, als sie mir zum ersten Mal ihre kleinen Schwingen zeigte – und mich damit schmerzlich daran erinnerte, wie sehr mir meine eigenen fehlten. Wenn in manchen Nächten, ganz besonders bei Vollmond, ihr Werwolf-Anteil nach außen drang, war ihr gräuliches Fell so weich und zart wie das eines Welpen.

Oft war mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, meine Tochter einfach zu nehmen und zu fliehen. Als ich diesen Plan schließlich eines Tages in die Tat umsetzen und bei Tageslicht flüchten wollte, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass mir das Sonnenlicht Schaden zufügte. Dieses Serum schien nicht nur die Bestie in mir zu unterdrücken, sondern auch all meine anderen Fähigkeiten. Bei Nacht war eine Flucht ebenso undenkbar, denn Cole hatte seine Wachhunde überall. Somit hatte ich seit zwei Jahren weder die Nacht noch den Tag erblickt. Ich war vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt. Es war, wie Cole sagte, nur zu meinem Besten, damit Raphael mich nicht finden konnte.

Doch auch, wenn Cole sich während der Schwangerschaft nicht an mir vergangen hatte, so hatte es ihn nicht davon abgehalten, direkt danach wieder da weiterzumachen, wo er aufgehört hatte. Aber wenn es um Amelia ging, erkannte ich stets den liebenden und fürsorglichen Vater. Auch, wenn ich wusste, dass er eine ganz andere Seite in sich trug.

Amelia war Kraven und Thomas Blake ein Dorn im Auge seit sie das Licht der Welt erblickt hatte. Die beiden hätten sie mir am Tag der Geburt am liebsten aus den Armen gerissen und sofort getötet – und mich im Anschluss. Doch Cole hatte sich für uns beide eingesetzt. Es gab Momente, in denen ich den Cole von früher in ihm wiedererkannte. Doch jedes Mal, wenn er mich zu sich ins Schlafzimmer rief, wurde diese Hoffnung zunichte gemacht...

 

 

Heute Nacht jährte sich Michaels Tod zum zweiten Mal. Ich besaß noch immer seinen Ring, den er mir in der Blutmondnacht gegeben hatte. Ich hütete ihn wie einen Schatz. Und oftmals saß ich einfach nur da und starrte ihn an, versuchte mir jeden Augenblick, den ich mit ihm zusammen erlebt hatte, in Erinnerung zu rufen. Versuchte, mir sein Gesicht vorzustellen. Seine graublauen Augen, sein Lächeln...

Gerade brachte ich Amelia zu Bett, deckte sie zu und gab ihr einen sanften Kuss auf ihre Stirn.

„Mama?“

„Ja, mein Schatz?“

Sie sah mich fragend aus ihren blauen Augen an.

„Ich will noch nicht schlafen....“

Seufzend ließ ich mich neben ihr auf dem Bett nieder. Amelia und ich schliefen gemeinsam in meinem alten Zimmer – wenn Cole nicht gerade nach mir verlangte.

Sanft strich ich ihr eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Wieso nicht, Amelia?“

„Ich habe in letzter Zeit so seltsame Träume...“

Ich hob fragend die Augenbrauen.

„Was für Träume?“

Meine Tochter legte die Stirn in Falten.

„Eigentlich nicht nur in letzter Zeit. Ich habe diese Träume schon immer.....“, erwiderte sie leise.

„Willst du mir erzählen, was du in diesen Träumen siehst?“

Amelia stieß einen zarten Seufzer aus.

„Sie sind manchmal verworren und unklar. Aber darin taucht immer wieder eine Person auf. Es ist immer dieselbe Person – und sie sieht ein bisschen aus wie du, Mama. Nur ein wenig älter. Und sie ruft immer meinen Namen. Und sie ruft auch nach dir...“

Der todernste Ausdruck auf ihrem Gesicht schien so gar nicht zu den weichen Gesichtszügen einer vermeintlich Sechsjährigen zu passen, was mich dazu veranlasste, die Stirn zu runzeln. Auch, wenn ein Teil von mir dachte, dass sie sich wohl einfach nur irgendetwas zusammen träumte. Kinder hatten ja bekanntlich eine blühende Fantasie.

„Hat diese Frau denn einen Namen, Amelia?“

Sie schien kurz zu überlegen.

„Ja. Ihr Name ist...Valerica.“

Was? Amelia träumte von meiner Mutter? Ich hatte ihr Geschichten von ihrem Großvater erzählt, aber niemals von ihrer Großmutter. Weil ich selbst nicht wusste, was ich ihr von meiner Mutter erzählen sollte. Ich hatte sie ja nie kennengelernt und wusste somit auch nichts über sie zu erzählen...

Irgendwie erschien mir das Ganze unheimlich. Ich hatte diesen Namen ihr gegenüber niemals erwähnt – und auch sonst niemand. Geschweige denn, dass Amelia wissen konnte, wie Valerica ausgesehen hatte. Hatte Cole ihr vielleicht von ihr erzählt? Aber auch er wusste nicht, wie meine Mutter ausgesehen hatte.

„Warum schaust du so überrascht, Mama?“, riss mich Amelias sanfte Kinderstimme aus den Gedanken.

„Amelia. Valerica war meine Mutter, aber sie ist...schon sehr lange tot. Hat dein Vater dir einmal von ihr erzählt?“

Amelia schüttelte ihren kleinen Kopf.

„Nein, Mama....“

Seltsam. Das Ganze erschien mir immer abstruser. Doch noch viel seltsamer war das, was meine Tochter dann sagte.

„Großmutter ist nicht tot. Sie lebt.“

Ich riss erschrocken die Augen auf.

„Amelia?? Wie kommst du darauf??“

Mit einem Mal setzte sie sich im Bett auf und ich zuckte zusammen, als sie mich eindringlich aus ihren blauen Augen ansah.

„Weil sie zu mir in meinen Träumen spricht. Und wenn sie das tut, dann kann ich sie spüren als stünde sie direkt neben mir. Und sie sagt mir jedes Mal, dass du und ich zu ihr kommen sollen...“

Ihre Worte ergaben für mich keinen Sinn. Und doch schien Amelia es ernst zu meinen. So ernst, dass sich eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper ausbreitete.

„Und ich sehe auch, wo sie sich aufhält. Sie lebt in einem Schloss mit einer hohen Brücke in einem fremden Land. Ganz weit weg in Europa.“

Mir stockte der Atem. Amelia sprach von...Corvin Castle!

Und das, obwohl sie auch davon nichts wissen konnte. Cole nahm Amelia zwar manches Mal nachts mit hinaus in den Garten, aber sie war bisher niemals weiter als bis zu den Mauern des Anwesens gekommen!

War es tatsächlich möglich, dass Raphael gelogen hatte? Hatte er meine Mutter gar nicht getötet? Lebte sie tatsächlich noch und war irgendwie in der Lage, mit meiner Tochter Kontakt aufzunehmen? Wenn das stimmte, dann musste ich herausfinden, was dahinter steckte – und ich musste einen Weg finden, von hier zu verschwinden!

„Wo ist mein Vater, Mama?“, riss Amelia mich erneut aus den Gedanken und ich sah sie überrascht an.

„Er ist wahrscheinlich irgendwo im Anwesen unterwegs – oder drüben in seinem Zimmer, Schatz. Wieso fragst du?“

Amelia presste die Lippen aufeinander und schüttelte energisch den Kopf.

„Ich rede nicht von ihm. Ich rede von meinem richtigen Vater.“

Mir zog sich die Magengegend zusammen. Das alles wurde mir von Sekunde zu Sekunde mysteriöser und unheimlicher. Woher konnte Amelia wissen, dass Cole nicht ihr Vater war?

„Schatz. Was redest du da? Cole ist dein Vater. Das weißt du doch...“

„Nein, ist er nicht.“, erwiderte sie – und ich hatte sie noch nie in einem so ernsten Tonfall sprechen gehört. Sie wirkte beinahe, als sei sie bereits erwachsen.

„Cole Blake ist nicht mein Vater, Mama. Mein Vater heißt Michael Silver.

Mir fiel beinahe alles aus dem Gesicht, als sie Michaels Namen aussprach! Genauso wenig wie ich ihr von Valerica erzählte, hatte ich auch niemals den Namen ihres Vaters in irgendeiner Weise verlauten lassen! Sie konnte es einfach nicht wissen! Das war einfach unmöglich!

Dennoch bestand sie mit der typischen Beharrlichkeit eines Kindes auf ihren Standpunkt.

„Ich fühle keine Verbindung zu Cole.“, meinte sie. „Und ich weiß, was er dir antut, Mama! Mein richtiger Vater würde dir niemals so wehtun...“

Mir krampfte sich das Herz zusammen, weil sie Michael niemals kennengelernt hatte....

Oh, Gott. Und niemals hatte ich gewollt, dass Amelia in ihrem zarten Alter mit derart abscheulichen Dingen konfrontiert wurde.

„Amelia....“, sagte ich mit belegter Stimme und senkte den Blick. „Dein Vater...Michael... Er ist tot.“

Sie legte ihre kleine Hand auf meine und ich sah in ihre blauen Augen, die noch immer fest entschlossen funkelten. Dann schüttelte sie abermals den Kopf.

„Nein, Mama. Mein richtiger Vater ist noch am Leben. Michael Silver lebt...“

 

 

Michael Silver

 

Einige Nächte zuvor

 

Schweißgebadet erwachte ich aus einem Traum, welcher sich so real angefühlt hatte als sei es wirklich passiert. Als ich mit meiner Hand über meinen schweißnassen Oberkörper fuhr, spürte ich dort die verbrannte Haut, welche trotz meiner starken Selbstheilungskräfte dennoch so geblieben war und mich für immer entstellte. Ich drehte mich zu meiner Linken, um einen Blick auf meinen Wecker erhaschen zu können. Die leuchtenden, roten Zahlen darauf zeigten 03:30 Uhr an. Dies war der Beginn einer weiteren, schlaflosen und von Albträumen geplagten Nacht.

Ganz ruhig, Silver. Kein Grund zur Panik. Es ist alles in Ordnung...“, sprach ich zu mir selbst, gönnte mir etwas Whiskey und versuchte, wieder einzuschlafen. Es war inzwischen zwei Jahre her seit Kayra und ich uns getrennt hatten. Nun, von einer Trennung konnte man nicht wirklich sprechen. Vielmehr hatte es an den Umständen gelegen, die dazu führten, dass ich für Kayra mein eigenes Leben opferte, um ihres retten zu können. Und das des Kindes... Unseres Kindes. Natürlich fragte ich mich, wie es ihr und dem Kleinen ging...Ich wusste nicht einmal, ob es Junge oder Mädchen war. Jeder normale Vater würde sich das fragen. Doch wir waren definitiv nicht normal. Wir waren ein Mischblut und ein Werwolf, die trotz dieser schweren und dunklen Zeiten ein neues Leben erschaffen hatten...Weil wir uns geliebt hatten. Meine Liebe zu Kayra hatte sich jedoch in den vergangenen zwei Jahren sehr verändert. Ich hatte mich damit abgefunden, nachdem ich irgendwo in einem Graben im Wald von Chicago wieder zu mir kam und feststellen musste, dass Kayra nicht bei mir war. Sie hatte mir jeden einzelnen Tropfen meines Blutes genommen - wohl wissend, dass dies meinen Tod bedeutet hätte. Doch ich hatte überlebt...Irgendwie. Und eigentlich durfte ich ihr daraus keinen Vorwurf machen, denn ich hatte sie schließlich dazu gebracht, es zu tun. Nichtsdestotrotz….

Ich weiß noch, wie ich mich mit letzter verfügbarer Kraft aus dem Graben gezogen hatte und mich mühsam zum Drake-Anwesen schleppte, um dort nach Kayra zu suchen. Mein Körper schmerzte und die Adern, in denen nur noch wenig Blut zu fließen schien, brannten wie ein inneres Feuer. Als ich das verschlossene Tor des Drake-Anwesens erreicht hatte, klammerte ich mich an die kalten Eisenstangen und versuchte, Kraft zu sammeln. Dann hörte ich etwas, von dem ich dachte, es niemals hören zu müssen:

Ich bereue es, einen Werwolf wie Michael Silver jemals geheiratet zu haben! Diese Schande wird mich immer verfolgen... Immer!

Mir brach in diesem Moment jeglicher Halt unter meinen Füßen weg und wurde von Tränen verschlungen.

Kayra...Wieso tust du das? Was habe ich dir je getan, dass du unsere einzigartige Liebe so in den Dreck ziehst?

Ich löste mich von den Gitterstäben des Tors und verschwand in der Sonne des anbrechenden Tages...

Die letzten zwei Jahre hatte ich damit verbracht, zu „alter Stärke“ zurück zu finden, da ich ziemlich geschwächt war, nachdem Kayra sich an meinem Blut gelabt hatte. Ich beschloss, Chicago für eine Weile zu verlassen, packte nur das Nötigste zusammen, was sich noch im Bunker unter der Holy Name Cathedral befand und zog nach New York City. Dort suchte ich mir einen Job als Mechaniker für Motorräder aller Art und konnte mir dadurch eine kleine Wohnung in Queens leisten. An meine Vergangenheit als Werwolf konnte ich mich zwar sehr gut erinnern, doch angesichts meines neuen Lebens, welches ich nun zu beginnen versuchte, erschien es mir unnötig, noch irgendeinen letzten Gedanken daran zu verschwenden. Wenn da bloß nicht diese Albträume gewesen wären...

Jede Nacht wachte ich schweißgebadet auf und verspürte einen tiefen Schmerz in mir, der meinen gesamten Körper durchzog und mich bis tief ins Mark erschütterte. In diesen Albträumen begegnete mir ein kleines, wunderschönes Mädchen, das ihre zarte Hand nach mir ausstreckte und rief:

Komm zu uns! Hilf uns... Bitte, hilf uns!

Es schien fast so, als würde dieses Mädchen mich kennen. Als wäre ich ihr nicht fremd. Und doch wusste ich nicht, wer sie eigentlich war.

In einem anderen Traum durchlebte ich die Geschehnisse der vergangenen zwei Jahre, die ich so gerne vergessen wollte:

Kayra und ich befanden uns in einer kleinen, nur vom fahlen Licht des Blutmondes erleuchteten Zelle, in der wir von Cole Blake eingesperrt worden waren, um Kayra dazu zu zwingen, mich aus freien Stücken zu töten.

Ich bereute nicht, was ich damals getan hatte. Schließlich hatte ich das Vergnügen gehabt, mehr als zweihundert Jahre leben zu dürfen. Meine Zeit war in diesem Moment gekommen... Ja, ich hatte sterben wollen. Aber... War es töricht, sterben zu wollen, obwohl man sich unwiderruflich in eine so wunderschöne, junge Frau wie Kayra verliebt hatte? Ohne es bestreiten zu wollen: Ich liebte sie so abgöttisch, dass ich mehr als einmal bereit war, mein Leben für das ihre zu opfern. Machte es nicht Sinn, sich für die Liebe in den Tod zu stürzen?

Wie dem auch sei. Ich hatte mein Schicksal gewählt... und wurde dennoch mit dem Leben verschont. Anstatt zu sterben, erhielt ich die Möglichkeit, mein Leben fortzusetzen. Diese Albträume, die mich plagten, beherbergten eine versteckte Botschaft, dessen war ich mir sicher und ich wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, dies herauszufinden. Ich packte meine Sachen, schnappte mir mein verdientes Geld und fuhr mit meiner Harley zum New Yorker Hafen, um dort eine Fähre nach Europa zu nehmen, die mich ins wunderschöne Lissabon bringen sollte, wo sich der einzige Zufluchtsort befand, an dem ich das finden konnte, was ich glaubte suchen zu müssen:

Silver Fortress. Die Festung, die das Domizil meiner Familie gewesen war. Meine Heimat...

 

 

Ganze sieben Tage hatte die Überfahrt nach Lissabon gedauert. Die Festung war mittlerweile sehr alt, brüchig und fast schon zu einer Ruine verkommen. Doch noch immer versprühte sie einen königlichen Charme, dem man sich nicht entziehen konnte. In meiner Kindheit war ich oft in den verschiedenen Korridoren und verwinkelten Katakomben unterhalb der Festung unterwegs gewesen, um dort alleine oder mit meinem Wolf Rufus zu spielen. Meine Mutter, Aurelia Silver, hatte es mir immer verboten. Doch mein Vater sah es nicht so streng und ließ mich gerne dort unten spielen.

Als ich schließlich das alte, massive Tor öffnete, stieß mir ein kalter Windzug entgegen, der mich kurz erschaudern ließ. Danach betrat ich die große Empfangshalle der Festung. All die Bilder meiner Familie sowie die Porträts meiner Mutter und meines Vaters, waren verblasst oder zerrissen. Plötzlich spürte ich etwas, das eiskalt in der Luft lag, drehte mich um und sah... Nein! Das konnte nicht möglich sein!

Hallo, mein Sohn. Es ist schön, dich zu sehen.

Als blau-schimmernder Astralgeist stand vor mir der Mann, von dem ich glaubte, dass ich sein Gesicht ich nie wiedersehen würde:

V-Vater?!

Kapitel 2

  Kapitel 2

 

 

Michael Silver †

 

„Hab bitte keine Angst, mein Sohn. Ich bin es wirklich...“, sagte der Astralgeist, in dessen Schimmer ich das Gesicht meines Vaters erkannte. Mir stockte dennoch der Atem.

„Vater... Wieso kann ich dich sehen? Ich dachte, du seist... tot?! Ist es nicht so?“, wollte ich wissen und entfernte mich ein paar Schritte von ihm.

Er nickte.

„In der Tat... Ich bin tot. Doch, was du hier siehst, ist ein geisterhaftes Abbild meiner Seele. Alle großen Werwölfe sind in der Lage, nach ihrem Ableben als Geist umher zuwandern.“, erklärte mein Vater und es schien, als sei er nie weg gewesen.

„Vater... Ich habe ihn gesehen! Ich habe... Raphael gesehen. Er lebt!“, brach es aus mir heraus und wollte vor Scham im Boden der Festung versinken. So elendig fühlte ich mich in der Gegenwart meines Vaters. Ich fühlte mich als Versager...

„Ich weiß, mein Sohn. Doch du musst dir keinerlei Vorwürfe machen. Ich bin stolz auf dich. Du hast etwas getan, das ich niemals hätte tun können!“, sprach er mit seiner unglaublich sanften und warmen Stimme, wie ich sie in Erinnerung hatte.

„Meinst du etwa... meine Heirat mit Kayra Drake?“

Er nickte wieder und lächelte mich sanft an.

„Ja... Eure Heirat ist das Symbol beeindruckend starker Liebe! Es ist egal, ob du ein Werwolf und sie ein Mischblut ist... Wichtig ist nur, dass ihr beide zusammen am stärksten seid! Das ist es, was zählt!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein... Das mit Kayra ist vorbei... Irgendwie. Vor zwei Jahren ist eine Menge passiert. Es endete in einem gewaltigen Chaos! Seitdem versuche ich, mir ein neues Leben aufzubauen. Es tut mir leid, falls ich dich damit enttäuscht habe, Vater...“, erwiderte ich schuldbewusst.

„Was redest du denn da? Du hast mich nicht enttäuscht! Michael... Es gibt so vieles, das du nicht verstehst! Lass es mich dir erklären. Bitte...“, forderte mein Vater mich auf und wollte, dass ich ihm folgte.

Er führte mich in eine alte Kammer, in der nichts weiter als ein altes Podest stand, welches von einer kleinen Lichtquelle oberhalb der Decke erleuchtet wurde. Dort befand sich eine Kiste aus massivem Gold, auf dessen Vorderseite ein Wolfskopf mit den Initialen „G.S.“ eingraviert war.

„Öffne sie...“, verlangte der Geist meines Vaters. Mit leichtem Zögern folgte ich seiner Anweisung und öffnete die Kiste. In ihr befand sich eine alte Armbrust, die ich staunend betrachtete. Es war keine einfache Armbrust. Sie sah überaus edel aus. Mit vielen filigranen Mustern und Verzierungen aus Silber.

„Diese Armbrust gehörte einst mir. Du musst wissen, mein Sohn, unsere Familie war nicht immer dafür bekannt, als wilde Werwölfe durch die Gegend zu streifen, die alles und jeden töten. Einst gehörten wir einem mächtigen Orden an.“

„Einem Orden? Was für ein Orden?“, wollte ich gespannt wissen, während sich meine Augen auf das Antlitz der Armbrust richteten.

„Vampirjäger... Die ersten Mitglieder der Silver-Dynastie widmeten ihr Leben der Vernichtung aller Vampire.“

Ich konnte meinen eigenen Ohren nicht trauen. Meine Familie gehörte also zu einem uralten Vampirjäger-Orden? Machte das überhaupt... Sinn? Soviel ich wusste, waren alle - mit Ausnahme meiner Mutter - dazu veranlagt, Werwölfe zu sein. Wie konnte es dann möglich sein, einem Vampirjäger-Orden anzugehören?

„Gabriel Silva, dein Ur-Ur-Ur-Großvater, war der erste vollwertige Vampirjäger... Ihm gehörte auch diese Festung hier, in der schließlich unsere Familie lebte. Diese Armbrust gehörte ihm. Er wollte, dass du sie eines Tages bekommst... Nun soll sie dir gehören, Michael.“

„Ich... ich weiß nicht, was von mir verlangt oder erwartet wird. Vater... ich kann mich nicht mehr in einen Werwolf verwandeln!“, gestand ich ihm und konnte zu meiner eigenen Überraschung, keine Anzeichen von Wut oder Zorn in seinen Augen sehen. Er schien...entspannt und völlig unbesorgt zu sein.

„Ich verstehe... Nun, hab keine Angst, mein Sohn. Du hast viel Blut verloren... Daher braucht dein Körper eine gewisse Zeit, um die Energie, die für jede Verwandlung in einen Werwolf benötigt wird, aufzubauen und zu sammeln. Doch deine Werwolf-Gene bleiben tief in dir verwurzelt! Wenn du lernst, ihre Vorteile wie Schnelligkeit, Stärke und die scharfen Sinne, aktiv zu nutzen, ohne dich zu verwandeln, dann wirst du wesentlich mächtiger sein als du es dir jemals vorgestellt hast!“

„Aber wie soll ich gegen Raphael, die Forsaken, die Lykaner und die Vampire kämpfen, wenn mein größter Vorteil weg ist?!“, wollte ich wissen, da ich bemerkte, dass sein Astralgeist sich langsam auflöste - und ihm offenbar nicht viel Zeit blieb.

„Nutze die Armbrust... Oder das Schwert. Jede Waffe kann dir helfen, deine Feinde zu besiegen! Ich muss jetzt gehen, mein Sohn... Leb wohl!“, verabschiedete sich der Geist meines Vaters und verschwand. Ich blieb mit dem Wissen zurück, dass ich noch nicht am Ende war. Dass ich noch genug Willen in mir hatte, der mir helfen würde, Kayra zurück zu gewinnen. Wo immer sie auch war....Und wie auch immer es ihr in den letzten beiden Jahren ergangen sein mochte....

Ich schnappte mir die Armbrust und wollte gerade meine Sachen nehmen, um die Festung zu verlassen, als mir im Augenwinkel eine Bewegung auffiel.

„Michael Silver! Ich habe wirklich lange auf diesen Augenblick gewartet! Und nun ist es soweit!“, rief eine bedrohliche, aber sehr feine, Stimme, welche mir nur allzu bekannt vorkam. Doch ich konnte mich nicht mehr erinnern, wo und wann ich sie zum letzten Mal gehört hatte...

„Wer bist du? Zeig dich!“, wollte ich wissen und blickte zum Eingang der Festung, wo eine vermummte Gestalt mit gezückter Waffe stand und mich bedrohlich an funkelte. Erst bei näherem Hinsehen erkannte ich ihr flammend, rotes Haar und diesen wunderschönen Körper. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

„ALAINE?! DU?!“

 

Kayra †

 

„Amelia. Es ist vollkommen unmöglich, dass Michael lebt. Ich habe ihn....“

Getötet.

Ich wagte es nicht, dieses Wort vor ihr auszusprechen. Ich hasste mich selbst dafür schon genug, dass ich es getan hatte. Und ich würde es nicht auch noch ertragen können, wenn sich das Entsetzen in den Augen meiner Tochter widerspiegelte, dass ihre eigene Mutter die Mörderin ihres Vaters war.

„Hast du nicht, Mama.“

Mir zog sich die Magengegend zusammen. Sie wusste es bereits! War es möglich, dass meine Tochter Dinge sehen und spüren konnte, die sonst keiner fühlte? Vereinte sie nicht nur zwei Rassen in sich, sondern besaß auch seherische Fähigkeiten? Wenn das so war, dann konnte ich mir allerdings nicht erklären, woher sie diese Gabe hatte....Oder vielleicht doch?

Wenn es wirklich stimmte, dass meine Mutter noch lebte und telepathisch mit meiner Tochter kommunizierte, dann musste Valerica die gleichen Fähigkeiten besitzen...

„Du glaubst mir immer noch nicht, oder?“ Amelias Stimme klang enttäuscht. „Ich kann sowohl meine Großmutter, als auch meinen Vater spüren, Mama!“

Es war keinesfalls so, dass ich ihr nicht glaubte. Ich wollte ihr sogar sehr gerne glauben...

Also nickte ich langsam und strich ihr über die Wange, woraufhin sich ihr weiches Puppengesicht erhellte. Trotzdem stellten sich mir in diesem Augenblick so viele Fragen:

Ich erinnerte mich genau an die Blutmondnacht, als die Reaper Michaels leblosen Körper aus der Zelle geschleift und mir nicht einmal die Möglichkeit gelassen hatten, mich von ihm zu verabschieden. Diese Nacht würde ich niemals vergessen, denn sie hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Was, wenn all das stimmte, was Amelia behauptete? Wenn sie Michael wirklich spüren konnte und er tatsächlich überlebt hatte? Wieso war er dann in diesen zwei Jahren nicht zurückgekommen, um Amelia und mich zu holen? Wieso??

In diesem Augenblick realisierte ich, dass ich besser mit der Vorstellung seines Todes umgehen konnte als mit der, dass er uns beide zurückgelassen hatte. Oder hatte Cole ihn womöglich bedroht? Wenn in Michaels Körper tatsächlich ein Funken Leben zurückgeblieben war, dann musste er trotzdem sehr schwach gewesen sein. Vielleicht zu schwach, um sich ein weiteres Mal gegen Cole aufzulehnen. Meine Gedanken drehten sich nur noch im Kreis und ich versuchte krampfhaft, eine Erklärung für all das zu finden. Jedoch musste ich der Tatsache ins Auge blicken, dass Amelia nicht den Anschein erweckte, sich das alles ausgedacht zu haben. Dazu wusste sie einfach zu viele Dinge, die sie nicht wissen konnte. Und damit hatte sie unweigerlich etwas in mir losgetreten:

Ich konnte nicht mehr länger hier verharren und meinem Schicksal trotzen! Wenn sowohl meine Mutter, als auch Michael lebten, dann würde ich weder rasten noch ruhen bis ich beide gefunden hatte! Und ich würde nach Hinweisen suchen. Angefangen bei Cole. Aber ich musste vorsichtig sein. Er durfte auf keinen Fall etwas davon ahnen, was Amelia mir offenbart hatte.

Als ich Amelia überzeugend versichert hatte, dass ich ihren Worten Glauben schenkte, bat ich sie inständig darum, in Coles Gegenwart kein Wort darüber zu verlieren. Es war einfach zu gefährlich – für uns beide.

„Ich bin doch nicht verrückt, Mama...“, meinte Amelia schmunzelnd, als sie sich wieder auf ihr Kissen zurückgelegt hatte und sich endlich dazu bereit erklärte, zu schlafen. Tatsächlich war sie innerhalb weniger Sekunden eingeschlafen. Während ich ihr beim Schlummern zusah, dachte ich darüber nach, wie ungewöhnlich es war, dass Cole noch nicht nach uns gesehen hatte. Nicht, dass ich besonders erpicht darauf war, aber es war....seltsam. War er mit irgendetwas beschäftigt?

Ich beschloss, den Dingen auf den Grund zu gehen.

 

 

Leise schloss ich die Tür hinter mir, um Amelia nicht zu wecken und schlich den Flur entlang bis ich die Treppen erreichte, die hinab in die Eingangshalle des Drake-Anwesens führten. Just in diesem Moment begegnete mir Lydia, die mich zunächst überrascht musterte. Doch dann schlich sich wieder jener Ausdruck in ihre mittlerweile so leer wirkenden, stahlblauen Augen, der mir jedes Mal verriet, wie sehr sie mich verabscheute. Noch immer.

„Kayra“, sagte sie tonlos.

„Lydia“, erwiderte ich in dem gleichen Tonfall, dann gingen wir aneinander vorbei ohne ein weiteres Wort miteinander zu sprechen. Aber dann fiel mir ein, dass sie vielleicht wusste, wo Cole steckte.

„Lydia? Hast du Cole gesehen?“

Zu meiner Überraschung hielt sie inne und warf mir einen Blick über ihre Schulter zu.

„Im Besprechungsraum. Zusammen mit Kraven und Thomas.“

Mit einem Nicken bedankte ich mich bei ihr und stieg die Treppe hinab. Das Besprechungszimmer lag im Erdgeschoss, doch wenn Cole, Kraven und Thomas dort drin zusammen saßen, dann musste es um etwas sehr wichtiges gehen.

Im Erdgeschoss angekommen, schlich ich leise an das große Doppelportal heran, welches zu dem Besprechungsraum führte und das einen Spalt breit offen stand. Die Stimmen von Cole, Thomas und Kraven nach draußen. Letzterer erhob in harschem Ton das Wort und ein Schauer durchfuhr mich von Kopf bis Fuß, als er einen Namen fallen ließ, den ich seit gut zwei Jahren nicht mehr gehört hatte:

Raphael Santoro.

Ich verlangsamte meinen Schritt und drückte mich gegen die Wand neben der Tür, damit man mich nicht sehen konnte und versuchte, dem Gespräch dort drin zu folgen.

„Wie kann er das geschafft haben? Das ist doch unmöglich!“, empörte sich Thomas.

Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Was hatte Raphael geschafft? In den zwei Jahren, die ich innerhalb dieser Mauern verbracht hatte, waren nur sehr wenige Neuigkeiten aus der Außenwelt zu mir durchgedrungen, da man mir nicht erlaubte, das Anwesen zu verlassen. Cole rechtfertigte dies immer noch damit, dass man mich vor Raphael schützen müsse. Dabei war er derjenige, vor dem man mich am allermeisten hätte beschützen müssen! An den Angelegenheiten der Reaper ließ man mich auch nicht mehr teilhaben. Einmal hatte ich Cole sogar darum gebeten, sie wieder trainieren zu dürfen, um wenigstens eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Er hatte es damit abgetan, dass ich nun Mutter sei und mich um Amelia zu kümmern hätte.

Coles Stimme drang aus dem Raum.

„Er muss irgendwie an ihr Blut gekommen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären.“

Ich stockte.

An ihr Blut?

Wessen Blut? Raphael war einzig und alleine von meinem Blut besessen gewesen und...

Unwillkürlich schlug ich mir die Hand vor den Mund und meine Augen weiteten sich vor Schreck.

„Aber wie?“, warf Kraven ein. „Haben die Reaper und du nicht den Bunker bewacht, in dem sie sich mit Silver versteckt hat?“

Meine Magengegend zog sich zusammen. Sie sprachen tatsächlich über mich.

„Nur bei Nacht.“, erwiderte Cole. „Was am Tage passierte, kann ich nicht sagen.“ Er pausierte für einen Augenblick und schien wohl zu überlegen. „Fakt ist, dass Raphael seine übermächtige Spezies bereits erschaffen hat! Und er ist dabei, mit ihnen die gesamte Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen!“

Was? Ich glaubte kaum, was ich da hörte. Nun fragte ich mich ebenfalls ernsthaft, wie Raphael es geschafft hatte, seine Super-Hybriden zu erschaffen, wenn er doch überhaupt nicht...an mein Blut gekommen war? Er hatte mich im Kampf lediglich einmal verletzt und.....

„Kayra??“, erklang Kravens herrische Stimme. „Warum kommst du nicht rein und wohnst unserer Diskussion bei, anstatt da draußen zu stehen und zu lauschen?“

Verdammt.

Nun, was sollte es....

Ich trat durch das Portal und blickte direkt in die fragenden Gesichter der drei Blakes.

Kraven presste die schmalen Lippen aufeinander und musterte mich missbilligend.

„Es ist unhöflich, Andere zu belauschen, Kayra.“

„Das hatte ich auch gar nicht vor“, erwiderte ich unbeeindruckt und mein Blick legte sich auf Cole, in dessen Augen bereits wieder jenes Verlangen aufflackerte, das mir verriet, dass er es heute Nacht wieder tun würde. Es war mittlerweile zur Routine geworden. Dennoch konnte ich noch immer nicht behaupten, dass es spurlos an mir vorbeiging. Trotz der Leere, die ich in mir verspürte.

„Ich war auf der Suche nach Cole.“

Dieser verzog die Lippen zu einem Schmunzeln und bedachte seine Onkel mit einem vielsagenden Blick.

„Meine Frau hat Sehnsucht nach mir“, meinte er süffisant und wandte sich mir wieder zu.

„Keine Angst, meine Liebste. Ich werde dir gleich Gesellschaft leisten. Wie geht es unserer Tochter?“

Sie ist nicht deine Tochter!, schoss es mir durch den Kopf. Und Michael.....schien offenbar am Leben zu sein. Doch irgendwie konnte ich es nicht glauben. Auch, wenn ich es mir so sehr wünschte...

„Amelia schläft seit ein paar Minuten“, gab ich zurück.

Kraven räusperte sich.

„Cole....Da sie schon mal hier ist, warum fragen wir sie nicht einfach?“

Cole warf ihm einen Blick zu und hob die Brauen. Dann richteten sich seine Augen wieder auf mich.

„Kayra“, sagte er ernst. „Wie viel hast du von unserem Gespräch mitbekommen?“

Ich verlagerte mein Gewicht.

„Ihr habt über Raphael gesprochen. Und wie es scheint, ist es ihm gelungen, seine übermächtige Hybriden-Spezies zu erschaffen.“

Thomas verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

„Und wie erklärst du dir das, Kayra? Wie wir alle wissen, war ihm das nur mithilfe deines Blutes möglich.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und hob ratlos die Schultern, obwohl ich genau bemerkte, dass sie mir gerade etwas zu unterstellen versuchten. Es war absolut unmöglich, dass Raphael an mein Blut gekommen war!

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, gab ich zu. Doch dann stiegen erneut die Erinnerungen an jenen Tag in mir auf, als die Forsaken Michael und mich gefangen nahmen. Raphael ließ Michael vor meinen Augen foltern, damit ich ihm mein Blut freiwillig gab. Doch er hatte es nicht geschafft, meinen Willen zu brechen. Nachdem es mir gelungen war, meine innere Bestie zu entfesseln, hatte ich mich aus Raphaels Griff befreit und mich ihm entgegen gestellt. Ich war auf ihn zugeflogen, als er an der Fassade der Lagerhalle hinaufgeklettert war, um Michael zu töten. Und dann hatte er mit seiner Klaue ausgeholt und...Oh, Gott!

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass er mich am Arm verletzt hatte! Er war mit meinem Blut in Berührung gekommen! War es möglich, dass er nur eine geringe Menge davon gebraucht hatte, um seine morbiden Experimente starten zu können?

Ich bemerkte die fragenden Blicke der Blakes auf mir und mir schnürte sich die Kehle zu.

„Was ist los?“, fragte Cole. So, als würde er sich tatsächlich dafür interessieren, wie es mir ging.

„Ich....Ich...“, stammelte ich vor mich hin, da ich Mühe hatte, die Fassung zu bewahren.

„Sprich!“, herrschte Kraven mich an.

Cole erhob sich von seinem Stuhl und trat auf mich zu. Seine Augen funkelten mir bedrohlich entgegen.

„Was ist passiert, Kayra?“, wollte er mit düsterer Stimme wissen. „Gibt es etwas, wovon wir nichts wissen?“

Es gab so viele Dinge, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hatten...

Kraven und Thomas waren inzwischen ebenfalls von ihren Stühlen aufgeschossen und kamen mir bedrohlich näher.

„Was hast du getan, Kayra?“, zischte Kraven und kniff die Augen zusammen.

Entschlossen erwiderte ich seinen Blick. Allmählich hatte ich genug von all diesen Anschuldigungen!

„Ich habe überhaupt nichts getan, Kraven! Ich war einmal in einen Kampf mit Raphael verwickelt, bei dem er mich mit seiner Klaue verletzt hat! Aber ich habe nichts getan!“

Zum ersten Mal seit zwei Jahren klang meine Stimme so gefestigt, dass ich selbst beinahe glaubte, ich sei wieder die Kayra, die ich vor all dem gewesen war. Doch das stimmte nicht.

Thomas schnappte nach Luft.

„Das alleine könnte ausgereicht haben, um an dein Blut zu gelangen!“

Nicht, dass sie sich dabei ernsthaft meinetwegen Sorgen machten. Hätte Raphael mich in jener Nacht zerfetzt, hätten sie ihn womöglich dafür in den Himmel gelobt und ihm ein Denkmal vor dem Anwesen errichtet.

Ich senkte den Blick.

„Ich weiß es nicht. Aber es ist möglich.“

Cole ergriff das Wort.

„Wie dem auch sei...“ Er stieß einen Seufzer aus. „Raphael hat es geschafft – und nun haben wir ein ernsthaftes Problem.“

Kraven schnaubte verächtlich.

„Hätte Victor damals nur seinen Willen durchgesetzt und Kayra direkt nach der Geburt getötet! Dann hätten wir dieses Problem nun nicht am Hals!“

Cole warf ihm einen bösen Blick zu.

„Sag das nie wieder, Kraven...“, zischte er und seine eisblauen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Kraven tat einen bedrohlichen Schritt auf Cole zu.

„Ich sage es so oft ich will, Cole! Ob es dir nun gefällt oder nicht! Sieh dir an, wozu es geführt hat.“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich, während er noch immer Cole fixierte. „Sie hat ein weiteres Mischblut geboren! Und das, obwohl wir dir eindringlich gesagt haben, dass es verboten ist, dein reines Vampirblut mit ihr zu vermischen! Nun haben wir zwei solcher Missgeburten in unseren Reihen. Und das nur, weil du deine Triebe nicht unter Kontrolle hast! Du hättest Lydia zu deiner Frau ernennen können, Cole!“

Cole verzog verächtlich die Lippen.

„Lydia.....“

„Ja, Lydia!“, mischte Thomas sich ein. „Sie ist wenigstens von reinem Blut!“

„Und eine Verräterin!“, stieß Cole hervor.

Was? Wusste Cole etwa doch davon, dass Lydia eine Forsaken war? Mir hatte sie damals gedroht, mich Raphael auszuliefern, wenn ich Cole ein Wort davon sagen würde.

Womöglich hatte sie mich nur einschüchtern wollen.

„Was redest du da?“, wollte Kraven fassungslos wissen.

„Wisst ihr nicht, wer sie ist?“, gab Cole zurück und hob herablassend sein Kinn an. „Ihr Name ist Lydia Serban! Sie ist die Tochter von Adrian Serban.“

Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Adrian Serban...Er war der Forsaken gewesen, den ich in Michaels Wohnung am Navy Pier zerfleischt hatte! Nun setzten sich alle Teile des Puzzles zusammen und mir erschloss sich, weshalb Lydia Michael und mich verachtete:

Sie machte uns insgeheim für den Tod ihres Vater verantwortlich. Mir schnürte sich die Kehle zu. Nur zu gut wusste ich selbst, wie es sich anfühlte, seinen eigenen Vater zu verlieren...

„Adrian Serban?“, wiederholte Kraven stirnrunzelnd. „War er nicht ein Anhänger von Marius Drake?“

Coles Augen funkelten.

„Er war der größte Anhänger von Marius Drake. Mein Vater verbannte ihn nach Marius´ Tod aus dem Clan sowie eine ganze Reihe anderer Vampire, die ihn verehrten. Adrian Serban war der Begründer der Forsaken.“

Ich fühlte mich elend – und schuldig. Nun, da ich verstand, weshalb Lydia solch einen Groll gegen mich hegte, konnte ich es ihr nicht verübeln. Sie hatte jeden Grund dazu, mich zu verachten.

„Willst du uns damit sagen, dass Lydia ebenfalls eine Forsaken ist?“, meldete sich Thomas zu Wort.

„Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“, erwiderte Cole.

Wie bitte? Hatte er das F an ihrem Handgelenk nicht bemerkt? Als er sich während meiner Schwangerschaft an ihr verging, musste er sie unzählige Male nackt gesehen haben. Dabei musste ihm doch das Tattoo aufgefallen sein! Oder schützte er sie aus seinen eigenen verdrehten Beweggründen, weil er nun einmal eine kranke Befriedigung dabei empfand, Andere zu quälen?

„Es spielt auch keine Rolle“, meinte Cole dann. „Wir haben es nun mit wichtigeren Problemen zu tun.“

Und damit beendete er die Versammlung mit seinen Onkeln.

 

 

„Amelia schläft also bereits?“, fragte Cole, als wir gemeinsam die Treppen zu den Schlafräumen hinaufstiegen. „Ich wollte ihr eigentlich noch Gute Nacht sagen, aber ich war so sehr mit...“ Er verzog verächtlich das Gesicht. „...meinen Onkeln beschäftigt.“

„Sie hat nach dir gefragt.“, erwiderte ich und sah, dass Cole schmunzelte.

„Amelia ist ein außergewöhnliches Kind, nicht?“

Von außen betrachtet, schien dies die Unterhaltung zweier normaler Eheleute zu sein. Doch die Wahrheit sah bekanntlich ganz anders aus. Sie war viel, viel düsterer....Und Cole hatte keine Ahnung, wie außergewöhnlich Amelia tatsächlich war.

„Sie wächst beachtlich schnell...“, fuhr er fort. „Ich frage mich, weshalb das so ist.“

Ich schluckte. Natürlich war es ihm aufgefallen. Es war ja auch nicht zu übersehen, dass sie bereits wie eine Sechsjährige aussah. Schon morgen konnte sie einen weiteren Wachstumsschub bekommen. Und ehe man sich versah, war sie...erwachsen.

„Ich weiß es nicht, Cole.“, log ich. „Vielleicht hat es mit unseren vermischten Blutlinien zu tun, dass sie schneller als andere Vampir-Kinder wächst.“

Inzwischen hatten wir die obere Etage erreicht und Cole bedeutete mir, mit in sein Zimmer zu kommen. Natürlich, was auch sonst...

Schweigend folgte ich ihm.

„Stell dir einmal vor, wie mächtig Amelia eines Tages sein wird“, redete er weiter, während ich die Tür hinter uns schloss.

Das brauchte ich mir nicht vorzustellen. Ich wusste es. Sie trug beide Seiten in sich und schien seherische Fähigkeiten zu haben. Amelia würde eines Tages mächtiger als ich sein.

Wenn man mich überhaupt noch als mächtig bezeichnen konnte. Ich verfügte über keinerlei Kräfte mehr. Einzig und alleine der Bluthunger war geblieben. Aber damit hatte es sich auch schon.

Als hätte Cole meine Gedanken gelesen, lief er zu seinem Kühlschrank, um eine Flasche mit Blut herauszuholen, aus der er dann eine minimale Portion in ein Glas schüttete, das nicht größer als ein Schnapsglas war und es mir hinhielt. Das war meine nächtliche Ration an Blut, die mir wie üblich kaum reichen würde. Ich nickte ihm dankbar zu, während ich danach griff und es dann in einem Zug leerte. Ich spürte Coles Blick auf mir.

„Du sagst gar nichts dazu, Kayra.“, stellte er mit ernster Miene fest.

Ich setzte das Glas auf einem Tisch ab und musterte Cole, der mich fragend ansah.

„Du hast Recht. Sie wird eines Tages sicher sehr mächtig sein.“, erwiderte ich schließlich. „Und genau das wird sie in Gefahr bringen.“

Cole verschränkte die Arme ineinander, als sich sein Blick verdüsterte.

„Mit dieser Gefahr meinst du Kraven und Thomas, nehme ich an?“

„Nicht nur Kraven und Thomas. Raphael ist auch da draußen...“

In dir ist noch ganz viel Unschuld.

Ich würde seine Worte niemals vergessen.

„Raphael wird euch nicht zu nahe kommen, Kayra. Genauso wenig wie Kraven und Thomas.“

Wie konnte er sich da so sicher sein? Das Serum in meinen Adern würde zwar meine Spur vor Raphael verdecken, aber was war mit Amelia? Was, wenn er sie wittern konnte? Sie war immerhin auch ein Werwolf. Andererseits hatte er bereits in den letzten anderthalb Jahren jede Gelegenheit dazu gehabt, das Drake-Anwesen anzugreifen – was er nicht getan hatte.

Vielleicht war sein Interesse an mir vergangen. Immerhin hatte er bekommen, was er wollte.

Und das war einzig und allein mein Blut gewesen. Die Gefahr, die von Kraven und Thomas ausging, war hingegen sehr viel größer. Ich traute diesen beiden nicht über den Weg. Und auch deshalb musste ich von hier verschwinden. Ich hatte nur noch nicht die leiseste Ahnung, wie ich das anstellen sollte.

Ich zuckte zusammen, als die Tür hinter uns geöffnet wurde. Als ich einen Blick über die Schulter warf, erkannte ich Lydia – in einem fast durchsichtigen, dunkelblauen Negligé.

Darunter trug sie weiter nichts. Sie blickte mich wieder mit dieser Verachtung an, die ich mittlerweile nur zu gut verstehen konnte. Ich musste unbedingt mit ihr reden. Und zwar alleine. Doch was machte sie nun hier? Ich blickte Cole fragend an, dessen Augen geheimnisvoll aufblitzten.

„Heute Nacht will ich euch beide.“

Ich wollte protestieren, doch die Vergangenheit hatte mich gelehrt, dass es nichts bringen würde...

 

 

Wenige Momente später saßen Lydia und ich nackt nebeneinander auf dem Bett, während Cole uns zufrieden musterte.

„Ihr beide gebt wahrlich ein schönes Bild ab, wie ihr so nebeneinander sitzt.Wirklich bezaubernd...“

Mir drehte sich beinahe der Magen um.

„Ich möchte, dass ihr euch jetzt küsst...“, raunte er, während seine eisblauen Augen berechnend an uns hingen.

„Das kannst du vergessen!“, begehrte Lydia auf – und Coles Miene verdunkelte sich schlagartig, während er hinter sich nach etwas auf seinem Schreibtisch griff. Kurz darauf hielt er eine kleine Flasche mit Blut in den Händen und hielt sie uns entgegen.

„Wollt ihr das? Dann tut gefälligst, was ich euch sage.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass er Lydia wahrlich dasselbe wie mir antat. Er erpresste sie genauso mit Blut wie mich. Vermutlich benutzte er auch Lydias wahre Identität als Forsaken dazu, sie gefügig zu machen.

Cole wippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab.

„Also Ladies....Was ist jetzt?“

Meine Magengegend rebellierte, so sehr wollte ich das Blut. Und ich spürte, dass es Lydia nicht viel anders erging. Ich suchte ihren Blick. Eisblau traf auf mintgrün. Als sich unsere Lippen aufeinander zu bewegten, versteifte sich mein ganzer Körper. Doch wider Erwarten waren Lydias Lippen so weich und zart, dass sich ein ungewolltes Ziehen in meinem Unterleib ausbreitete. Trotzdem gefiel es mir nicht, das hier tun zu müssen.

„Mit Zunge bitte!“, befahl Cole.

Widerwillig öffnete ich meine Lippen einen Spalt, doch Lydia zögerte. Ich spürte genau, wie furchtbar dieser Moment für sie war. Wie demütigend es für sie sein musste, die Mörderin ihres Vaters zu küssen.

„Ich helfe sonst nach.....“, vernahm ich Coles dunkle Stimme - und ich wusste, dass er keine Scherze machte. Cole scherzte nie.

Ich ließ meine Zunge in ihren Mund gleiten und begann, ihre mit meiner zu um spielen. Ich spürte ihren Widerwillen, als sich ihre Zunge dabei so sehr verkrampfte, dass ich glaubte, sie würde meine jeden Moment wieder aus ihrem Mund stoßen.

„Etwas mehr Leidenschaft, Lydia....“

Ich zuckte zusammen, als ich Coles Atem an meiner Schulter spürte und sich die Matratze unter seinem Gewicht senkte. Er saß direkt hinter mir. Dann stieg mir der Geruch von Blut in die Nase. Er musste gerade mit der geöffneten Flasche direkt vor uns herumwedeln.

Als auch Lydias Sinne die Note des Blutes bemerkt zu haben schienen, begann sie, meinen Kuss zu erwidern – mit einer derartigen Hingabe und Leidenschaft, dass ihre schmalen Finger sogar mein Gesicht umfassten. Sie küsste mich als hinge ihr Leben davon ab. Und das tat es in gewisser Weise auch...

„So ist es brav...“, flüsterte Cole, während er mit seinen Lippen meinen Nacken entlang bis zu meiner Halsschlagader wanderte – und dann dort letztendlich seine Zähne versenkte, um kräftig daran zu saugen. Damit bezweckte er, mich zu schwächen und mein Verlangen nach Blut nur noch mehr zu entfachen. Im Stillen hoffte ich, dass er etwas von dem Serum in meinen Adern abbekam und er sich danach nach allen Regeln der Kunst übergab!

Ich hoffte, dass Cole es nur dabei belassen würde, dass Lydia und ich uns küssen sollten, doch da fühlte ich bereits, wie sich etwas Kaltes auf meinen Brüsten ergoss und mir erneut der Duft von Blut in die Nase stieg.

„Leg dich auf den Rücken, Kayra“, ordnete Cole an und Lydias Zunge zog sich aus meinem Mund zurück. Als ich die Augen öffnete, blickte ich direkt in ihr Gesicht, aus dem sie mich mit leeren Augen ansah, in denen sogleich das Verlangen aufflackerte, als sie das Blut auf meinen Brüsten erblickte.

„Hol es dir, Lydia. Worauf wartest du?“, raunte Cole und seiner Stimme war anzuhören, dass es ihm so richtig Vergnügen bereitete, was er soeben tat. Doch das hier ging eindeutig zu weit!

Cole bemerkte mein Zögern und warf mir einen missbilligenden Blick zu, der mich sofort einschüchterte – und ich mich schließlich auf den Rücken legte. Lydia beugte sich über mich und ließ ihren Kopf auf meine Brust sinken, wo ich im nächsten Moment ihre warme, feuchte Zunge spürte, die das Blut rings um meine Brustwarzen aufleckte.

Im Augenwinkel erkannte ich, dass Cole sich hinter Lydia aufgebaut hatte und grob ihre Hüften umfasste. Lydia stöhnte vor Schmerz, als er sich in sie drängte und heftig zustieß.

„So ist es gut. Meine kleine Forsaken-Schlampe...“

Da wurde mir erst so richtig bewusst, dass Cole wusste, wer Lydia wirklich war. Dass er wusste, dass sie eine Forsaken war. Ich hörte, wie in ihr Ohr raunte:

„Wenn du weiterhin so artig bist, werde ich dich auch nicht an Kraven und Thomas verraten...“

Er war so ein mieser Lügner! Er hatte es doch vorhin bei beiden bereits angedeutet!

Nachdem Cole mit Lydia „fertig“ war, stieß er sie grob vom Bett, wo sie für einige Zeit einfach nur liegen blieb. Entsetzen machte sich in mir breit, als ich dies beobachtet hatte. Ja, Lydia war hinterhältig und durchtrieben. Aber das hier hatte sie genauso wenig verdient wie ich! Ich wollte etwas sagen, doch dann kauerte Cole bereits über mir und stieß mir seine Zunge in den Mund, wo sie forsch jeden Winkel darin erkundete. Und dann spürte ich ihn in mir, wie schon so viele Male zuvor...

Doch in diesem Augenblick schwor ich mir, dass es das letzte Mal sein würde.

Kapitel 3

  Kapitel 3

 

Michael Silver †

 

Mein Körper zog sich just in dem Moment krampfhaft zusammen, als Alaine Denvers vor mir stand - und noch immer genau so aussah wie damals. Sie trug eine graue, enganliegende Lederhose, hohe Stiefel und eine leichte Plattenrüstung, die ihren Oberkörper schützte. Und dann waren da noch ihre weichen, flammend-roten Haare, die sanft von einem zarten Wind berührt wurden.

„Alaine?! Was tust du denn hier?", brachte ich hervor, und war noch immer wie erstarrt, als sie mich aus ihren dunkelroten Augen ansah, in denen etwas Vernichtendes aufbrodelte.

„Michael Silver! Du wagst es tatsächlich, dich hier blicken zu lassen?! Wie viele Jahre mag es her sein seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?! Egal... das spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr, denn endlich ist der Augenblick gekommen, auf den ich so lange gewartet habe! Mach dein Testament, Silver! Ich werde dich jetzt töten!", schrie sie, zog ein langes Schwert und rannte schnellen Schrittes auf mich zu. Im ersten Moment blieb mir nichts anderes übrig, als ihrem Angriff auszuweichen, da ich wusste, dass ich noch schwach und kaum bei Kräften war. Als ihr erster Angriff - anstelle von mir - eine massive Wand traf, zerbröckelte diese innerhalb weniger Sekunden in ihre Einzelteile, wodurch ich erkannte, dass sie inzwischen sehr stark geworden war.

„Alaine! Jetzt warte doch! Bitte!“

Ich versuchte, mit ihr zu reden – allerdings erfolglos.

„Ich kann dir alles erklären!", rief ich, während ich schnell einem weiteren Angriff ausweichen musste, um nicht getroffen zu werden.

„Oh, Nein! Ich hab kein Interesse daran, zu reden! Du wirst sterben, Silver!“ Und genau in dem Moment hatte sie es geschafft, mich zu treffen und gegen eine weitere massive Wand zu schleudern, an der ich heftig aufschlug und zu Boden sank.

Verdammt! Alaine ist wirklich stark geworden! Ich muss mir etwas einfallen lassen, bevor sie ihren Plan radikal durchzieht und mich tatsächlich tötet. Was soll ich nur tun?

„Was ist los, Silver? Keine Kraft mehr? Ich muss schon sagen, dass ich wesentlich mehr von dem Mann erwartet hätte, der einst mein Ehemann werden sollte! Du enttäuscht mich sehr...", sagte sie, kam langsam auf mich zu und hielt noch immer ihr Schwert in der Hand. Dann packte sie mich am Kragen meines Hemdes und zog mich mit Leichtigkeit nach oben.

„Silver... Hör mir jetzt gut zu, denn ich werde dich das nur einmal fragen! Wieso hast du mich verlassen?!"

Ich konnte erkennen, dass ihre Augen feucht schimmerten. Weinte sie etwa?

„Alaine... Es gibt... eine Erklärung dafür... Bitte! Lass mich los... und ich werde es dir so gut erklären... wie ich kann! Bitte, Alaine!", bettelte ich hilflos, da mir ihr letzter Angriff sehr zugesetzt hatte und ich zudem spürte, dass ich mir einige Knochen gebrochen haben musste, da ich in der linken Seite meines Körpers starke Schmerzen verspürte. Alaine setzte mich vorsichtig ab, wischte sich ihre Tränen weg und ließ sich neben mir auf dem kalten, steinigen Boden der Festung nieder. Jetzt lag es an mir, ihr alles zu erklären, damit sie es verstehen konnte...

 

 

Kayra †

 

Cole hatte seinen Arm um meine Taille gelegt, während er tief und fest neben mir schlief. Doch ich brachte kein Auge zu. Das tat ich nie, wenn ich neben ihm lag. Besonders heute nicht. Ich dachte an all die Dinge, die Amelia mir gesagt hatte.

Michael Silver lebt.Valerica ist am Leben.

Meine Familie war irgendwo dort draußen, während ich hier gefangen war. Ich konnte diesen Zustand nicht mehr länger ertragen, ihn nicht mehr länger hinnehmen! Wenn Michael tatsächlich am Leben war, dann bedeutete das auch, dass ich mir zwei Jahre lang umsonst Vorwürfe gemacht hatte. Ich hatte ihn nicht getötet...

Ich musste einfach hier weg. Doch wie sollte ich das anstellen? Ich brauchte einen verdammt guten Plan – und ohne meine Kräfte war ich aufgeschmissen......

Der Einzige, der ein Gegenmittel herstellen, der die Wirkung des Serums in meinen Adern aufheben konnte, war tot. Der arme Dr. Lockwood. Es tat mir immer noch von Herzen leid um ihn. Doch wie musste Michael sich gefühlt haben, als er ihn aufgefunden hatte? Dr. Lockwood war so etwas wie sein Freund gewesen. Ich wünschte nur, ich hätte ihn auch besser kennenlernen können. Denn der alte Mann war mir innerhalb kurzer Zeit sehr ans Herz gewachsen. Ich erinnerte mich nur gut an jene Nacht, in der er mir das Blut für mein Serum abgezapft hatte.

Wie Sie wissen, suchte mich Michael eines Tages ebenfalls wegen eines Serums auf. Glauben Sie mir, Kayra. Er hat mir von all den Gräueltaten erzählt, die Raphael Santoro begangen hat. Und auch er fand schließlich einen Wissenschaftler, der ihm zu Diensten ist. Ein alter Kollege von mir...“

Ich stockte.

Ein alter Kollege von mir.

Immer wieder gingen mir diese Worte durch den Kopf. Natürlich! Es gab noch einen Wissenschaftler in Chicago! Und zwar der, der für Raphael arbeitete! Doch wie sollte ich herausfinden, wer er war? Und wenn ich es herausfand, wie sollte ich an ihn herankommen? Ich hatte keinerlei Kontakte zur Außenwelt, geschweige denn zu Raphaels Lykanern oder den Forsaken!

Da schoss es mir durch den Kopf, dass ich gar keine Kontakte nach draußen brauchte! Ich hatte Lydia! Sie selbst war eine Forsaken – und sie würde mit Sicherheit wissen, wie der Name des Wissenschaftlers war, der für Raphael arbeitete! Doch welchen Grund sollte sie haben, mir zu helfen? Keinen einzigen. Trotzdem war ich fest entschlossen, sie aufzusuchen. Und zwar jetzt!

Langsam schob ich Coles Arm von mir weg, der sich grummelnd auf die andere Seite rollte – und weiterschlief. Es war nicht ungewöhnlich für ihn, dass ich mitten am Morgen das Zimmer wechselte.

Draußen im Flur machte ich mich auf den Weg zu Lydias Zimmer, das am anderen Ende des Ganges lag. Als ich vor der Tür stand, zögerte ich zunächst einen Augenblick bevor ich anklopfte. Denn ich hörte von innen Geräusche. Es hörte sich so an, als ob jemand schluchzte. Weinte Lydia etwa?

Behutsam und so geräuschlos wie möglich, öffnete ich die Tür und trat langsam in ihr Zimmer ein. Der Raum war abgedunkelt bis auf eine Nachttischlampe, die brannte. Und dann erblickte ich Lydia, die vor ihrem Bett kauerte, die Arme auf der Bettdecke verschränkt und den Kopf darauf gebettet. Vorsichtig lief ich an sie heran.

„Lydia?“, sagte ich leise.

Sie hob blitzschnell ihren Kopf und funkelte mich vernichtend aus ihren vor Tränen geröteten, blauen Augen an.

„Was willst du hier?“ Ihre Stimme klang krächzend und heiser, doch verachtend genug, um mir einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Wortlos trat ich weiter an sie heran und ließ mich neben ihr auf dem Boden nieder.

„Lydia. Es tut mir leid....“, flüsterte ich, während ich zu Boden starrte.

Was tut dir leid, Kayra?“

„Alles....Alles, was heute Nacht passiert ist....“ Ich sah sie direkt an. „Und vor allem tut mir leid, dass ich deinen Vater getötet habe...“

Für einen Moment musterte sie mich ungläubig als müsse sie meine Worte erst einmal verdauen.

„Es tut dir leid?“, zischte sie leise. „Inwiefern soll das nun ein Trost für mich sein? Du hast meinen Vater auf dem Gewissen. Und du hast ein Kind mit dem Mann, den ich liebe!“

Das konnte nicht ihr Ernst sein. Nach allem, was Cole ihr angetan hatte, liebte sie ihn noch?

„Lydia...Ich weiß, dass du ihn liebst. Aber bitte zerstöre dich nicht selbst nur für ihn! Wir beide sind für ihn nichts weiter als ein Zeitvertreib und Spielzeuge! Er schert sich einen Dreck um unsere Gefühle! Das müsstest du doch mittlerweile auch begriffen haben!“

Sie senkte betrübt den Blick.

„Du hast Recht.....“, gab sie schließlich zu – und es überraschte mich, dass sie mir tatsächlich zustimmte. Doch da gab es noch etwas, das ich ihr sagen musste. Und ich wusste, dass dieser Einwand sie letzten Endes davon überzeugen würde, was für ein Schwein Cole tatsächlich war.

Ich legte die Hand auf ihren Arm – und zu meiner Verwunderung machte sie keine Anstalten, sie von sich zu stoßen.

„Lydia...Ich habe gehört, was Cole heute gesagt hat: Er sagte, wenn du weiterhin so artig bist, würde er Kraven und Thomas nichts davon erzählen, dass du zu den Forsaken gehörst.“

Lydia sah mich erwartungsvoll an. Nun hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit.

„Die Wahrheit ist, dass er es bereits bei ihnen angedeutet hat. Und es ist nur eine Frage der Zeit bis er es ihnen offenbart.“

Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Was?“

Ich nickte ihr zu.

„Es ist wahr. Als ich vorhin Cole im Besprechungszimmer aufsuchte, sprachen sie über dich. Und da erzählte er ihnen, dass Adrian Serban dein Vater war – und dass du womöglich auch eine Verräterin bist.“

„Verdammt!“, fluchte sie leise.

„Lydia. Hör mir bitte zu: Bitte glaube mir, wenn ich dir sage, dass es mir leid tut wegen deinem Vater. Wenn ich gewusst hätte, wer er war, dann...“

Sie sah mich forsch an.

„...hättest du trotzdem nicht gezögert, ihn zu töten, Kayra.“

Ich seufzte. Damit hatte sie womöglich Recht. Ich hatte in diesem Augenblick weder Freund noch Feind gekannt. Ich musste einsehen, dass es keine Entschuldigung dafür gab, was ich getan hatte.

„Du hast Recht, Lydia. Ich war...nicht ganz bei Sinnen. Die Forsaken sind in Michaels Wohnung eingefallen und als mir dein Vater offenbarte, dass Victor selbst für die Forsaken verantwortlich war, da habe ich nur noch rot gesehen. Meine Wut hätte ihn nicht treffen dürfen. Ich war in diesem Moment genauso eine Bestie wie Raphael, als er meinen Vater einfach abschlachtete...“

Für einen Moment herrschte bedrücktes Schweigen. Lydia schien auch nicht die passenden Worte zu finden, ebenso wenig wie ich. Es gab auch nichts dazu zu sagen. Diese Schuld lastete bis in alle Ewigkeit auf meinen Schultern.

„Wieso bist du hier, Kayra?“, fragte Lydia schließlich nach einer ganzen Weile.

„Lydia, ich weiß, es steht mir nicht zu. Und ich weiß auch, dass du mich hasst. Aber...ich brauche deine Hilfe.“

Sie hob fragend die Brauen.

„Meine Hilfe?“

Ich nickte ernst, was sie dazu veranlasste, scharf auszuatmen.

„Und wieso denkst du, dass ich dir helfen würde?“

Ich hatte ja geahnt, dass es schwer sein würde, sie zu überzeugen. Doch einen Trumpf hatte ich noch im Ärmel.

„Die Sache ist, dass wir beide hier in Gefahr sind. Du aufgrund deiner Zugehörigkeit zu den Forsaken – und ich, weil.....“

War es klug, ihr zu erzählen, dass Amelia nicht Coles Tochter war? Ich ging ein hohes Risiko ein, das war mir nur allzu bewusst. Ich bemerkte Lydias fragenden Blick auf mir. Ich atmete tief durch bevor ich allen Mut zusammennahm, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Lydia. Meine Tochter...Sie ist nicht Coles Kind.“

Ein Hauch von Verwirrung, aber auch Erleichterung schlich sich in ihre Augen.

„Wie meinst du das?“

Es gab nun kein Zurück mehr. Dafür hatte ich bereits zu viel angedeutet.

„Amelia ist die Tochter von mir und...Michael Silver.“

Ihre Lippen formten ein stummes „Oh“.

„So ist es.“, bestätigte ich. „Cole glaubt nur, dass sie unser Kind ist. Aber früher oder später wird herauskommen, wer ihr wirklicher Vater ist.“

Lydia runzelte die Stirn.

Ist? Du meinst, wer ihr Vater war.“

Wie viel wusste Lydia über jene Nacht, in der Michael angeblich gestorben war?

„Lydia. Kann ich dich etwas fragen?“

Sie hob verwundert die Augenbrauen.

„Was denn?“

„Ist Michael damals wirklich gestorben?“, fragte ich ohne Umschweife und musterte sie eingehend. In ihre Züge schlich sich Verwirrung und Ungläubigkeit, so als überlegte sie ernsthaft.

„Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Die Reaper schleiften ihn in den Wald und ließen ihn dort liegen.Wieso fragst du mich das alles, Kayra?“

„Ich sagte dir ja bereits, dass Amelia Michaels Tochter ist, Lydia. Und sie sagte mir, dass sie ihn spüren kann. Sie ist der festen Überzeugung, dass Michael lebt.“, antwortete ich ihr. „Und nicht nur das: Sie offenbarte mir ebenso, dass meine Mutter auch noch am Leben ist.“

„Valerica Santoro??“

Ich nickte.

„Genau. Amelia hat außergewöhnliche Fähigkeiten, Lydia. Sie ist ein wahres Mischblut. In Vollmondnächten ist sie dazu fähig, sich entweder in ein geflügeltes Wesen zu verwandeln – oder in einen Werwolf. Und wie es scheint, hat sie seherische Fähigkeiten. Sie weiß Dinge, die sie nicht wissen kann. Und das wird sie eines Tages in Gefahr bringen, wenn ich länger mit ihr hier bleibe. Thomas und Kraven haben es von Geburt an auf sie abgesehen.“

Ich hatte keine Ahnung, ob Lydia sich ernsthaft für meine Sorgen interessierte – und ob es wirklich klug war, ihr all das zu offenbaren.

„Ganz abgesehen davon, was Cole ihr – und dir – antun wird, wenn er davon erfährt...“, meinte Lydia nachdenklich.

Ich musterte sie eingehend. Sie schien sich tatsächlich ernsthafte Gedanken über meine Worte zu machen.

„Ich weiß, was er dir angetan hat, während ich Amelia noch im Leib getragen habe. Er hat all das an dir ausgelassen, was er nicht mehr mit mir anstellen konnte. Und was er heute getan hat, ging einfach zu weit. Für beide von uns.“

Lydia warf mir einen vielsagenden Blick zu, erwiderte jedoch nichts.

„Und deshalb sage ich, dass wir dem Ganzen ein Ende bereiten, Lydia. Je schneller, desto besser.“

„Wie willst du das machen, Kayra? Du verfügst über keinerlei Kräfte mehr. Cole hat überall seine Wachposten...“

Ein Schmunzeln schlich um meine Lippen.

„Ja, sie bewachen mich. Aber nicht dich.“

Lydia überlegte eine Weile.

„Was meinst du damit?“

„Wie eng sind deine Kontakte noch zu den Forsaken ?“

Lydia hob die Schultern.

„Ich habe vor zwei Jahren jegliche Kommunikation mit ihnen abgebrochen und...“ Sie hielt mir Handgelenk hin, an dem ich damals das Tattoo erblickt hatte – das nun eindeutig nicht mehr da war. „Ich habe das Mal entfernen lassen.“ Dann blickte sie mich mit gerunzelter Stirn an. „Wieso fragst du mich nach den Forsaken, Kayra?“

„Dr. Lockwood erzählte mir einst, dass ein alter Kollege von ihm für Raphael Santoro arbeitet. Und ich bin mir sicher, dass dieser Jemand in der Lage ist, ein Serum herzustellen, dass die Wirkung von Dr. Lockwoods Serum aufhebt.“, erwiderte ich. „Wer ist dieser Wissenschaftler, der für Raphael arbeitet?“

„Dr. Jonathan Isaacs“

Für einen Augenblick jubelte ich innerlich auf. Ich hatte Recht behalten, dass Lydia wusste, wie Raphaels Komplize hieß! Und das würde ich nun zu meinem Vorteil nutzen.

„Du wirst deine Kontakte zu den Forsaken aufleben lassen und etwas für mich tun, Lydia. Hast du ein Messer?“

Sie griff in die Schublade ihres Nachttisches und zog einen schmalen Dolch hervor, den sie mir dann mit verwunderter Miene in die Hand legte. Ich erhob mich und lief in das angrenzende Badezimmer. Lydia folgte mir.

„Was hast du damit vor?“

Ich warf ihr einen Blick über die Schulter zu.

„Hast du eine leere Flasche?“

Sie nickte, eilte zurück in ihr Zimmer und erschien kurz darauf mit einer kleinen Plastikflasche, die sie mir übergab.

„Nun, sag mir doch, was du vor hast, Kayra.“

Ich stellte die Flasche ins Waschbecken, schnitt mir dann mit dem Dolch in die Pulsadern und ließ eine größere Menge meines Blutes in die Öffnung hinein sickern.

„Ich möchte, dass du Raphaels Wissenschaftler aufsuchst. Du wirst ihm sagen, dass Raphael dich zu ihm geschickt hat, nachdem du dich dazu entschlossen hast, den Forsaken wieder beizutreten. Du wirst ihm glaubhaft versichern, dass es sich hierbei um dein Blut handelt, und dir von den Blakes ein Serum injiziert wurde, um dich zu schwächen. Und dann wirst du den Wissenschaftler darum bitten, aus diesem Blut ein Gegenmittel herzustellen, das du mir dann letztendlich bringen wirst.“ Ich blickte über meine Schulter zu ihr. „Du kannst doch bei Tageslicht hinaus, nicht?“

Lydia nickte.

„Ja, das kann ich. Als ich noch Mitglied der Forsaken war, habe auch ich mich dem allerersten Experiment unterzogen, das mir die Fähigkeit verlieh, im Tageslicht zu wandeln. Allerdings weiß das hier niemand...“

„Und das ist auch gut so.“, erwiderte ich, schraubte den Verschluss der Flasche zu und überreichte sie Lydia. „Und wenn ich meine Kräfte zurückerlangt habe, dann verspreche ich dir, dass ich Cole für alles büßen lassen werde, was er dir und mir angetan hat.“

Versprich mir, dass du diesen Hurensohn dafür büßen lässt!

Oh, ja. Ich würde Cole dafür büßen lassen. Dafür, dass er mir zwei Jahre meines Lebens gestohlen hatte. Genauso wie ich jeden einzelnen Vampir in diesem Haus vernichten würde...

Bevor ich Lydias Zimmer verließ, drehte ich mich noch einmal zu ihr um.

„Lydia? Ich kann dir doch vertrauen nicht?“, fragte ich sie mit fester Stimme.

Sie nickte kaum merkbar, doch das alleine reichte mir nicht.

„Raphael hat es geschafft, an mein Blut zu kommen bevor ich damals zum Drake-Anwesen kam und es seither nicht mehr verlassen habe. Es würde ihm nun nichts mehr bringen, wenn du mich ihm auslieferst...Aber vergiss nicht: Auch ich weiß, dass du eine Forsaken bist. Solltest du auch nur in Erwägung ziehen, mir in den Rücken zu fallen, dann werde ich nicht zögern, Kraven und Thomas die Wahrheit über dich zu erzählen – noch bevor Cole es tut!“

„Ich habe verstanden, Kayra. Du kannst dich auf mich verlassen. Ich werde mich jetzt gleich auf den Weg zu Dr. Isaacs machen...“

Ich bedachte sie mit einem zufriedenen Nicken. Dann machte ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer.

Als ich selbiges betrat, fuhr ich erschrocken zusammen. Amelia! Sie saß aufrecht im Bett und ihre Augen........ihre Augen waren.....sie leuchteten so weiß, dass ihre Pupillen überhaupt nicht mehr zu sehen waren!

Hastig schloss ich die Tür hinter mir und näherte mich ihr mit langsamen Schritten.

„Amelia? Ist alles in Ordnung mit dir?“

Sie sagte nichts, sondern starrte nur vor sich hin. Sie blinzelte nicht einmal.

„Amelia?“, flüsterte ich. Dann öffneten sich ihre kindlichen Lippen.

„Kayraaaaaa....“

Der Klang ihrer Stimme ging mir durch Mark und Bein und ließ mich sofort an Ort und Stelle erstarren. Amelia sprach nicht mit ihrer eigenen Stimme! Sie hörte sich erwachsen und sehr weise an, während sie leise in ihrem eigenen Echo widerhallte.

„Kayraaaaa.....Te chem, fiica mea.“

Eine Gänsehaut wanderte über meinen Körper und ich riss erschrocken die Augen auf, denn seit Jahrhunderten hatte ich meine Muttersprache nicht mehr gehört.

Ich rufe dich, meine Tochter...

Und da wusste ich, dass es Valerica war, die durch Amelia zu mir sprach.

„Vino la mine, fiica mea....Vino la Castelul Corvinilor.....Te astept de-o vesnicie...“

Komm zu mir, meine Tochter. Komm nach Corvin Castle. Ich warte schon eine Ewigkeit auf dich.

Jede Faser meines Körpers erzitterte.

„M-Mutter?“, stammelte ich so leise, dass ich selbst nicht wusste, ob ich gesprochen oder es mir nur eingebildet hatte. Doch nun wusste ich definitiv, dass sie Amelia als Medium benutzte. Wie auch immer das möglich war...

„Te chem, fiica mea..Vino la mine, fiica mea....Vino la Castelul Corvinilor.....Te astept de-o vesnicie...“

Die Stimme wiederholte diese Worte ohne Unterlass, bis Amelia schließlich den Kopf in den Nacken warf und aufstöhnte. Ich löste mich blitzschnell aus meiner Erstarrung und eilte zu meiner Tochter aufs Bett, wo ich ihre schmalen Schultern behutsam umfasste.

„Amelia?! Geht es dir gut?“

Sie ließ ihren Kopf nach vorne sinken und dann schaute sie mich aus ihren blauen Augen an, während sich ein Schmunzeln auf ihren weichen Gesichtszügen ausbreitete.

„Es geht mir gut, Mama. Hast du es gesehen? Großmutter ruft nach dir....“

 

 

 

Michael Silver †

 

Ich hatte Alaine inzwischen alles erzählt, was damals passiert war. Es stellte sich heraus, dass auch sie zu jener Zeit an der großen Schlacht zwischen Vampiren und Werwölfen beteiligt gewesen war, und dass sie auch gesehen hatte, wie Marius Drake von Raphael Santoro kaltblütig getötet wurde. Ich hatte damals immer geglaubt, dass Alaine im Kampf von Vampiren getötet worden war, deshalb war es auch umso überraschender für mich, sie jetzt sehr lebendig vor mir zu sehen.

„Wieso hast du mich dann nicht gesucht? Ich dachte, du liebst mich? Immerhin wollten wir heiraten... Aber stattdessen bist du nach dieser verhängnisvollen Nacht, in der Marius Drake starb, einfach abgehauen und wie vom Erdboden verschwunden! Ich war... Ich war so wütend! So verletzt! Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich dich noch immer liebte... Das tue ich auch heute noch.“

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Alaine hatte mir soeben gestanden, oder vielmehr offenbart, dass sie mich noch immer liebte! Mir fehlten die Worte.

„Also, Alaine... Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Weißt du, es hat sich vieles geändert. Ich bin verheiratet.", gestand ich ihr und wollte ihr den Finger mit meinem Ehering zeigen, als mir einfiel, dass ich ihn Kayra gegeben hatte. Ich seufzte innerlich auf und begann, mich ein weiteres Mal zu fragen, wie es ihr wohl ging.

„Ah, ich verstehe. Und wo ist deine Frau?", wollte sie wissen und wurde dabei plötzlich ganz rot im Gesicht. Ob es vor Scham oder vor Wut war, konnte ich nicht beurteilen.

„Das ist eine lange Geschichte. Und es ist sehr, sehr kompliziert. Aber, was tust du eigentlich hier?“

„Ich habe dich gewittert, und da ich gerade in der Nähe war, wollte ich der Sache eben auf den Grund gehen. Und wieso bist du hier?“

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus.

“Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Vor zwei Jahren ist etwas zwischen mir und meiner Frau passiert, das uns irgendwie voneinander getrennt hat. Durch diese Sache habe ich meine Kräfte verloren und bin nun bis auf unbestimmte Zeit nicht mehr fähig, mich in einen Werwolf zu verwandeln. Doch dann traf ich meinen Vater."

Sie schluckte schwer, da sie meine Eltern gekannt hatte. Natürlich hatte sie das. Nicht nur, weil wir uns zu dieser Zeit liebten, sondern auch, weil es unsere Eltern so arrangiert hatten. Alaines Vater war ein enger Verbündeter meines Vaters und der Anführer eines Werwolf-Rudels aus Irland gewesen. Um dieses Bündnis zu besiegeln, hatten unser beider Väter unsere Vermählung beschlossen. Doch zu dieser Heirat war es niemals gekommen. Als Raphael meine Eltern hinterrücks tötete und die Führung an sich riss, unterwarf er mich und machte mich zu einem seiner Krieger. Ebenso unterwarf er sich die großen Rudelführer dieser Welt. Raphael war einst ein treuer Anhänger meines Vaters gewesen, doch das reichte ihm irgendwann nicht mehr.

Verwirrung sprach aus Alaines Augen.

„Dein Vater? Er ist doch tot. Oder etwa nicht?“

„Er erschien mir als Astralgeist. Und er sagte mir, dass es einen anderen Weg gibt, meine übernatürlichen Fähigkeiten zu nutzen. Auch ohne eine Werwolf-Verwandlung. Aber wie ich ihn verstanden habe, meinte er mit seinen Worten, dass es sehr viel Kraft und Energie kostet. Keine Ahnung, wie ich das anstellen soll...", gestand ich ihr. Alaine berührte meine Hand und sah mir tief in die Augen.

„Wir werden einen Weg finden, dir zu helfen... Ich werde dir helfen.“

Dann schwieg sie für einen Augenblick und schien in Gedanken versunken zu sein.

„Michael?“, fragte sie nach einer Weile. „Ich weiß, du sprichst nicht gerne darüber, aber: Wer ist sie? Deine Frau, meine ich?“

War es klug, ihr zu sagen, dass ich Marius Drakes Tochter geheiratet hatte? Andererseits, was spielte es für eine Rolle?

„Kayra Drake.“

Wie ich erwartet hatte, weiteten sich Alaines Augen vor Entsetzen.

„Kayra Drake? Doch nicht etwa die Kayra Drake, nach der Raphael all die Jahrhunderte gesucht hat? Die Tochter von Marius Drake und Valerica Santoro? Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist!“

Seufzend erhob ich mich auf die Beine.

„Es ist wahr, Alaine. Ich habe Kayra Drake geheiratet.“

Alaine, die noch immer auf dem Boden saß, blickte mich verständnislos an.

„Sie ist das Mischblut, Michael. Was hast du dir dabei gedacht?“

Ja, was hatte ich mir dabei gedacht? Gar nichts. Ich hatte mich einfach in sie verliebt – und das unsterblich. Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Kayra und ich hatten sogar ein Kind miteinander. Wenn sie denn beide noch am Leben waren. Ich wusste ja noch nicht einmal das...

Kapitel 4

 

Kapitel 4

 

Kayra

 

 

Ich hatte an diesem Morgen kein Auge zugetan. Und das nicht nur wegen der Tatsache, weil ich die Stimme meiner Mutter, von der ich immer geglaubt hatte, sie sei tot, zum ersten Mal gehört hatte. Nein. Ich war nervös, weil ich sehnsüchtig auf Lydias Rückkehr wartete – und inständig hoffte, dass sie mit guten Neuigkeiten zurückkam.

Amelia war seit Stunden wieder in einen tiefen, friedlichen Schlaf gefallen, um den ich sie beneidete. Ich hatte mich neben sie gelegt und meine Augen ruhten auf ihrem hübschen Gesicht, das Michaels von Tag zu Tag ähnlicher zu werden schien. Und in diesem Moment fiel mir auf, dass wohl ein Blinder mit Krückstock sehen musste, dass sie rein gar nichts von Cole hatte. Je schneller sie wuchs, desto gefährlicher wurde es für uns beide. Diese Gewissheit bekräftigte mich nur noch mehr darin, dass es Zeit war zu handeln!

Irgendwann musste ich wohl tatsächlich eingeschlafen sein und wurde erst wieder wach, als es an der Zimmertür klopfte. Mit einem Mal war ich hellwach.

Lydia.

Sie war zurück.

Ich erhob mich vom Bett und lief zur Tür, um sie hereinzulassen. Wir beide sprachen kein Wort bis ich die Tür hinter uns geschlossen hatte. Dann hielt ich es nicht mehr aus.

„Lydia? Warst du erfolgreich?“

Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln und zog unter ihrer Lederjacke eine Spritze mit einer bläulich schimmernden Flüssigkeit hervor.

„Allerdings. Und Dr. Isaacs hat keinerlei Verdacht geschöpft. Er hat mir alles abgekauft.“

Für einen Moment brachte ich keinen Ton heraus und starrte Lydia einfach nur an.

„Willst du es nicht ausprobieren?“, meinte sie stirnrunzelnd. „Hör mal, ich habe den ganzen Morgen nicht geschlafen, ja? Mittlerweile ist der Nachmittag angebrochen.“

Zögernd betrachtete ich das Serum in ihren Händen. Was, wenn es letztendlich gar nichts brachte? Es war immerhin erstaunlich, dass Dr. Isaacs nur wenige Stunden gebraucht hatte, um das Gegenmittel herzustellen. Das zeigte mir, wie viel erfahrener Raphaels Wissenschaftler im Umgang mit Seren war. Das musste er wohl auch sein, wenn er für jemanden wie ihn arbeitete...

„Danke, Lydia.“, sagte ich ehrlich und aufrichtig. Dann schob ich die Haare auf die andere Seite meines Nackens und drehte ihr den Rücken zu. „Du musst es mir in die Halsschlagader injizieren.“

Ich spürte, dass sich Lydia mir näherte und zuckte unwillkürlich zusammen, als sich die spitze Nadel in meine Haut bohrte. Als Lydia das Serum in meine Adern pumpte, fühlte ich zunächst nichts. Doch dann begannen meine Schläfen zu pulsieren und ich spürte etwas, das ich seit zwei Jahren nicht mehr empfunden hatte. Zunächst zaghaft, dann zunehmend stärker, erwachte meine geliebte Bestie in mir wieder zum Leben. Sie hämmerte gegen die Oberfläche, als sei sie in Rage, dass man sie solange unterdrückt und weggesperrt hatte. Doch es gelang mir, sie so zu besänftigen, dass sie sich nicht ungewollt ihren Weg nach draußen bahnte. Die Zeit war noch nicht reif dafür.

„Alles in Ordnung, Kayra?“, hörte ich Lydia hinter mir fragen. Ich sah sie über die Schulter an und nickte ihr zu.

„Ja, ich glaube schon.“ Doch ganz überzeugt war ich noch nicht. „Öffne bitte den Fensterbeschlag, Lydia. Ich will sehen, ob meine Kräfte wieder vollständig zurückgekehrt sind.“

Als ein Sonnenstrahl durch den schmalen Spalt in das Zimmer fiel, hielt ich zögernd meine Hand darunter und rechnete jeden Augenblick damit, mich zu verbrennen. Doch es geschah nichts! Ich lachte innerlich auf. Es hatte tatsächlich funktioniert! Ich hatte meine Kräfte zurückerlangt! Und nun war es an der Zeit zu handeln!

Ich drehte mich zu Lydia um und blickte sie entschlossen an.

„Lydia. Nun ist keine Zeit zum Schlafen.“

Sie warf mir einen irritierten Blick zu.

„Was? Wieso nicht?“

„Noch vor Anbruch der Dunkelheit wird Cole sterben. Und ich möchte, dass du Amelia von hier wegbringst. Sie muss unbedingt außer Reichweite gebracht werden. Ich kann sie nicht unnötig irgendeiner Gefahr aussetzen.“, erwiderte ich. „Und wenn ich das hier erledigt habe, werden wir gemeinsam von hier verschwinden.“

„Wohin?“, fragte Lydia und hob eine Augenbraue.

„Corvin Castle.“

Lydia nickte mir zu.

„In Ordnung. Wohin soll ich Amelia bringen?“

Ich huschte zu meinem Nachttisch, um darin nach etwas zu suchen. Er musste doch hier irgendwo sein...Da! Meine Finger umfassten den Schlüssel und dann übergab ich ihn Lydia.

„Das ist der Schlüssel zu Lockwoods Bunker. Du bringst Amelia dort hin und ich werde heute Nacht zu euch stoßen, wenn ich...hier fertig bin.“

 

 

Lydia und Amelia waren seit ein paar Stunden weg. Glücklicherweise wurden die Tore des Anwesens bei Tag nicht bewacht, da es die Drakes und die Reaper nicht für nötig hielten. Ein böser Fehler, wie sich nun herausstellen sollte.

Für einige Stunden hatte ich die Ruhe im Anwesen genossen, war noch einmal jeden Gang abgelaufen – und bis hinab in die Waffenkammer. Wenn mein Plan funktionieren sollte, dann benötigte ich etwas, womit ich mich im Falle eines Falles verteidigen konnte – abgesehen von meinen Klauen und Zähnen. Ich suchte mir einige Silberdolche zusammen und fand noch einen großen Kanister Benzin sowie eine Schachtel Streichhölzer in einer Schublade. Heute Nacht würde keiner von ihnen überleben. Soviel war sicher...

 

 

Michael Silver †

 

Alaine und ich trainierten in den nächsten Tagen und Nächten oft miteinander, um wenigstens ein bisschen meiner Kraft zurück zu holen. Aber völlig vergebens. Noch immer fühlte ich mich so schwach und hilflos wie zu jener Zeit vor zwei Jahren, als Kayra mir jegliches Blut aus meinem Körper entzogen hatte. Ich weiß, ich hatte es ihr erlaubt. Doch konnte ich nicht ahnen, welche Ausmaße dies annehmen würde. Ich glaubte damals, dass es Kayra gelingen würde, ihren inneren Kampf gegen sich selbst und ihre Bestie zu gewinnen. So wie ich gelernt hatte, meine Werwolf-Instinkte so zu unterdrücken und zu kontrollieren, dass es mir möglich war, ganz ohne dieses Verlangen nach Blut zu überleben.

Als ich einen Moment lang nicht aufpasste, traf mich ein Schlag von Alaine so heftig, dass ich rücklings zu Boden krachte und mich nicht bewegen konnte. Alaine sah mich mit weit aufgerissenen Augen an und stürmte auf mich zu.

„Michael! Es tut mir so leid! Das war nicht meine Absicht! Geht es dir gut?", fragte sie, während ihre Hände meinen geschundenen Körper berührten. Für einen Moment ließ ich dieses sanfte, prickelnde Gefühl ihrer Berührung zu. Doch anstatt an Alaine zu denken, war es Kayra, an die ich dabei dachte.

„Ist schon gut, Alaine. Es ist hoffnungslos. Ich werde meine Kräfte nicht zurückerhalten. Machen wir für heute Feierabend und legen uns schlafen, okay?", schlug ich vor, stand langsam auf und verschwand in einem dunklen Korridor, um mein Schlafgemach aufzusuchen. Dort angekommen, schloss ich die Tür hinter mir, verharrte dort einen Augenblick - und musste ein weiteres Mal an Kayra denken.

Ach, Kayra... Wieso musste es bloß soweit kommen? Würde ich die Chance haben, dich und unser gemeinsames Kind sehen zu können, würde ich euch beiden sagen, wie sehr ich euch liebe.

Ich schlenderte ins Badezimmer, welches direkt neben meinem Schlafbereich lag, zog mir meine Klamotten aus und betrachtete mich im Spiegel. Etwa die Hälfte meines Oberkörpers war mit Narben versehen. Brandnarben von der Folter durch die Schergen Victor Blakes – und nicht zuletzt von den Forsaken, als sie mich mit ihren brennenden Peitschen malträtiert hatten. Daneben waren sehr viele andere Narben zu sehen. Einige von ihnen stammten von Silberkugeln, Silberdolchen, Speerspitzen, Schwertern, Pfeilen, Armbrust-Bolzen... Alles aus Silber gefertigt. So oft war ich von Menschen und Vampiren gleichermaßen gejagt worden. So oft sollte ich getötet werden. Und so oft war ich dem eisigen Hauch des Todes entkommen, weshalb ich mich selbst immer wieder fragte, wozu ich all das ertragen musste. War es mein Schicksal, als Sohn des ersten, reinblütigen Werwolfes, von allen gejagt und verachtet zu werden? Ich fragte mich manchmal, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn Raphael meine Eltern nicht getötet hätte. Wäre ich dann mit Alaine verheiratet? Hätten wir Kinder? Wo würden wir leben? Hier in Silver Fortress?

Vergeude deine Zeit nicht mit diesen lästigen Fragen! Du bist ein Killer! Ein Monster! Du kannst alles erreichen, wenn du willst! Du musst es nur wollen!

Ich schreckte zurück, als ich diese tiefe, bedrohliche und dunkle Stimme in mir hörte. Das Erschreckende dabei war jedoch, dass es meine eigene Stimme war - die immer dann auftrat, wenn ich zum Werwolf wurde. Ich trat wieder etwas näher an den Spiegel im Badezimmer heran und betrachtete meine Augen. Sie waren nicht so wie sonst, sondern...bernsteinfarben?

Was ist los mit dir, Michael? Erkennst du es nicht? Das ist, was du wirklich bist! Ein Jäger der Nacht... Ein Werwolf! , sagte die bedrohliche Stimme, in der ich nur wieder meine eigene erkannte. Irgendetwas passierte mit mir, soviel war klar. Ich spürte, wie meine eigene Bestie sich durch die undurchdringliche Wand in meinem Inneren zu befreien versuchte, was ihr jedoch nicht möglich war.

In dir steckt soviel mehr! Wenn wir uns verbünden, können wir Großes erreichen! Grauenvolles, aber Großes!

„Nein! Ich will... ich will das nicht hören! Ich kann mich nicht in einen Werwolf verwandeln! Ich habe diese Gabe verloren!", presste ich hervor und schlug mit meiner linken Faust gegen den Spiegel, welcher daraufhin in seine Einzelteile zersprang. Doch die Stimme in meinem Inneren hörte nicht auf zu sprechen.

Siehst du? Du bist so stark, Michael Silver! Du brauchst diese lästige Verwandlung nicht! Deine Macht beruht auf dem, was du längst in dir trägst! All die Fähigkeiten, die du als Werwolf besitzt, sind veranlagt! Gib dich ihnen hin und du wirst, selbst in deiner menschlichen Gestalt, für jeden Vampir, jeden Werwolf und jeden Menschen zu einer tödlichen Bedrohung werden! Ich gebe dir mein Wort!

„Nein... Nein... Neeeeein!!", schrie ich und spürte, wie etwas in mir zu wachsen begann. Plötzlich konnte ich neues, frisches Blut durch meine Adern rauschen hören. Meine Muskeln wurden kräftiger und auch jegliche Verletzungen, einschließlich der Brandwunden, waren verschwunden! Als ich vor lauter Erschöpfung zu Boden sank, hörte ich nur noch die verängstigte Stimme von Alaine, die nach mir rief. Dann verlor ich mein Bewusstsein...

 

Kayra

 

Kayras Carnage

 

Bevor die Nacht hereinbrach, kehrte ich in mein Zimmer zurück, um mich umzuziehen. Ich entschied mich für eine schwarze Lederkorsage, gleichfarbige Hotpants, halterlose Netzstrümpfe sowie kniehohe Lackstiefel, in denen ich die Dolche und die Streichhölzer versteckte.

Dann begab ich mich ins Badezimmer, wo mir im Spiegel abermals meine leeren Augen entgegen starrten. Doch heute Nacht würde ich das Feuer in ihnen wieder zum Flackern bringen. Meine Rache würde es wieder entfachen.

Ich bürstete meine silbrig-weißen Haare bis sie glänzten, bevor ich schließlich seit langer Zeit wieder Make-Up auftrug. Und für einen Moment machte es den Anschein, als sei die alte Kayra zurückgekehrt.

Ich klopfte an Coles Zimmertür und kurze Zeit später erklang seine Stimme.

„Herein.“

Cole war wohl gerade aufgestanden. Er stand mit dem Rücken zu mir und war noch immer völlig unbekleidet. Ein perfekter Moment, um die Tür unbeobachtet abzuschließen.

„Ich bin es, Cole.“, erwiderte ich und ließ meine Stimme ein wenig anzüglich klingen, sodass er sich verwundert umdrehte. Seine eisblauen Augen weiteten sich, als ich sein Verlangen darin aufblitzen sah.

„Kayra. Du siehst...toll aus.“, sagte er, während sein Blick meinen Körper entlang streifte. Ich schmunzelte, als ich langsam und lasziv auf ihn zutrat.

„Das habe ich für dich angezogen, mein Liebster...“

Bevor er antworten konnte, stand ich bereits direkt vor ihm, umfasste sein Gesicht und berührte seine Lippen mit meinen. Er schien zunächst verwundert zu sein, doch dann griffen seine Finger in meine Haare, um mein Gesicht näher an seines zu drücken. Er stieß seine Zunge in meinen Mund – und ich hieß sie zum allerersten Mal in freudiger Erwartung willkommen. Denn es würde das letzte Mal sein.

Coles Augen funkelten glasig, als er sich von mir löste.

„Das ist das erste Mal, dass du mich freiwillig aufsuchst...“

Ich grinste.

„Du redest zu viel, Cole...“, raunte ich heiser und begann sofort wieder, ihn zu küssen. Er erwiderte meinen Kuss hungrig, heiß und sehnsüchtig, während ich ihn allmählich rückwärts Richtung Bett bugsierte, wo ich ihm einen Schubser gab und er rücklings auf die Matratze fiel. Er betrachtete mich voller Verlangen, als ich mich über ihn beugte.

„Ich wusste, dass du eines Tages doch noch zur Besinnung kommen würdest, Kayra.“, hauchte er, während er meine Hüften umfassen wollte. Doch ich stoppte seine Hände ab, in dem ich seine Handgelenke griff. Für einen Moment sah er mich irritiert an.

Ich legte den Kopf schief und lächelte ihn so verspielt wie möglich an.

„Heute übernehme ich die Kontrolle, einverstanden? Entspann dich. Schließ deine Augen...“

Er schien zu zögern, doch dann ließ er seine Arme sinken und schloss die Lider.

Ich streifte mit meinen Lippen über seine, was ihn dazu veranlasste, leise aufzustöhnen. Er war bereits überaus erregt, das spürte ich deutlich.

Mein Mund wanderte über seinen Hals, weiter hinab zu seinen Brustwarzen, über die stählernen Bauchmuskeln und noch ein Stück weiter hinab, was sein Verlangen nur noch mehr entfachte - und gleichzeitig die Bestie in mir erwachen ließ. Ich hieß das Spannen und Prickeln auf meiner Haut willkommen, das ich seit zwei Jahren so sehr vermisst hatte. Ich setzte mich auf seine Oberschenkel, als sich meine heiß-geliebten Schwingen einen Weg durch die Haut an meinem Rücken bahnten. Das Geräusch, als sie sich aufspannten, veranlasste Cole dazu, die Augen aufzureißen. Sein Gesicht war aschfahl, als er mich erblickte. Er wollte etwas sagen, doch dann holte ich mit meiner Klaue aus – und entmannte ihn mit nur einem Hieb! Das Blut spritzte mir ins Gesicht und benetzte mich von Kopf bis Fuß.

„Kayra!!!“, schrie Cole auf und krümmte sich vor Schmerz unter mir. Ich verzog die Lippen zu einem genüsslichen Grinsen, so sehr befriedigte es mich, dass ich ihn soeben seiner Männlichkeit beraubt hatte! Er würde nie wieder einer Frau irgendetwas damit antun!

Doch ich war noch nicht fertig mit ihm. Noch lange nicht! Das hier war die Nacht meiner Rache!

Ich beugte mich über ihn bis meine Lippen ganz nah an seinem Ohr waren.

„Wie fühlt sich das an, Cole?“, flüsterte ich. Er stöhnte und wimmerte unter Schmerzen.

„Bitte, Kayra...Bitte...Hör auf!“ Seine Stimme klang zitternd und belegt. Weinte er etwa? Und wenn schon! Er hatte nicht genug Tränen für das, was er mir angetan hatte!

„Du hast gedacht, du könntest die Bestie in mir für alle Ewigkeit wegsperren. Ist es nicht so? Du hast dich bitter getäuscht!“

Ich richtete meinen Körper wieder auf, während Cole mich mit vor Entsetzen verzerrtem Gesicht anblickte. Angst und Panik schlichen sich in seine Augen. Doch es kümmerte mich nicht, sondern stachelte meine innere Bestie nur noch mehr an. Ich holte mit meiner Klaue aus und ließ sie über sein Gesicht gleiten, wo sie tiefe Kratzer in seine Haut ritzten, aus denen sich Blut ergoss.

„Kayra. Bitte töte mich nicht! Denk an Amelia! Sie ist unsere Tochter! Willst du, dass sie ohne Vater aufwächst?“

Oh, wie herrlich, dass er dieses Thema anschnitt...

Ich verzog abermals die Lippen zu einem teuflischen Grinsen, als ich mich wieder zu ihm herabbeugte, um ihm folgende Worte ins Ohr zu flüstern:

„Amelia ist nicht deine Tochter, Cole! Sie ist Michael Silvers Kind!“ Ich hörte, wie er nach Luft schnappte. „Und weißt du, wie sich das angefühlt hat, als du mich ihn hast töten lassen? Als du ihr ihren Vater wegnahmst?“

Ich hob den Kopf an, um seinen Gesichtsausdruck zu mustern. Seine Pupillen waren geweitet und der Angstschweiß perlte von seiner Stirn. Seine Haut war so bleich wie das Laken unter ihm – abgesehen von feinen Blutspritzern, die es mittlerweile befleckten. Doch er schien kein Wort über die Lippen zu bringen.

„Ich werde dir zeigen, wie es sich angefühlt hat!“, fauchte ich in meiner tiefen, dämonischen Stimme – und rammte ihm ohne mit der Wimper zu zucken, meine Klaue in die Brust, wo ich sein Herz umklammerte und sein aufgeregtes, ängstliches Pulsieren direkt an meinen Fingern spürte. Coles Körper bäumte sich mir entgegen, während er röchelnde Laute von sich gab.

„Kayra...Bitte...“, krächzte er.

Er konnte flehen, soviel er wollte. Es beeindruckte mich nicht. Ein letztes Mal beugte ich mich zu ihm herab, um ihm einen zarten Kuss auf die Lippen zu hauchen, während ich noch immer sein Herz fest umklammert hielt.

„Ich wünsche angenehme Träume...“

Dann verfestigte ich den Griff um das vor Angst schneller schlagende Organ in seiner Brust – und riss es ihm heraus, begleitet von einem allerletzten Aufschrei seinerseits!

Ich betrachtete das dunkelrote, blutige Herz in meiner Kralle, meine Lippen öffneten sich. Der Geruch von frischem Blut stieg mir in die Nase, als es so verlockend und frisch in meinen Händen lag. Wie ein ausgehungerter Wolf schlug ich meine Reißzähne in das Herz und saugte jeden Tropfen Blut in meine ausgedörrten Adern, bis es schließlich in sich zusammenfiel.

Mit einem letzten Blick auf Coles Leichnam, legte ich das vertrocknete Herz in das klaffende Loch seiner Brust zurück.

„Jetzt weißt du, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz aus der Brust gerissen wird...“, murmelte ich.

„Was geht hier vor sich??!“

Das war Kravens Stimme, die draußen durch den Flur hallte.

„Hier riecht es überall nach Benzin!“, rief ein anderer Vampir des Drake-Clans.

„Wer hat da geschrien? War das Cole??!“, mischte sich Thomas ein. Und dann waren eilige Schritte von draußen zu hören, die sich auf Coles Zimmertür zubewegten. Im nächsten Augenblick hörte ich, wie heftig an der Klinke der verschlossenen Tür gezerrt wurde. Doch ich war bereit. Ihr Grab war bereits geschaufelt...

Ich erhob mich vom Bett, ging zum Fenster, wo ich die Beschläge weit aufriss – und mir der kühle Septemberwind entgegenwehte. Ich kletterte auf den Fenstersims hinaus, wo ich in die Hocke ging und nach den Streichhölzern in meinem Stiefel griff.

Im Augenwinkel bemerkte ich, dass Kraven, Thomas und die Reaper gerade die Tür auf rammten und in Coles Zimmer stürmten. Blitzschnell entzündete ich das Streichholz und warf es auf das Bett, wo Coles Leichnam direkt in Flammen aufging, dann die Laken davon entzündet wurden, und sich das Feuer von dort aus einen Weg durch das gesamte Zimmer bahnte.

„Kayra!!“, fluchte Kraven und funkelte mich vernichtend an. Dann weiteten sich seine Augen vor Entsetzen, als er zu realisieren schien, dass sie in der Falle saßen. Zuvor hatte ich das Benzin, welches ich im Keller fand, an einzelnen Stellen im gesamten Anwesen verschüttet.

Raus hier! Alle!“

Bevor die Flammen nach mir lechzen konnten, erhob ich mich und ließ mich zum ersten Mal seit zwei Jahren von meinen Schwingen davon tragen, während das Drake-Anwesen unter mir in Flammen aufging und mir die Schreie der Blakes, der Reaper und der anderen Drake-Vampire noch meilenweit nachhallten.....

 

 

Michael Silver †

 

 

Als ich meine Augen öffnete, wurde ich von hellem Sonnenlicht geblendet, weshalb ich sofort meine Hand vor die Augen hielt und erkannte, dass es mitten am Tag war. Mein Blick streifte Alaine, die mich freundlich, aber besorgt, ansah und schnell die Vorhänge zuzog, damit ich nicht weiter geblendet wurde. Sie setzte sich ganz behutsam auf den Rand meines Bettes und strich vorsichtig über meine Stirn.

„Wie geht es dir?"

„Was...ist denn passiert? Wie lange hab ich geschlafen?“

„Du warst eine ganze Woche weg. Ich hab dich noch nie so gesehen. Ich hab dich mit Irgendjemandem reden gehört. Und als du plötzlich zu schreien angefangen hast, habe ich mir solche Sorgen um dich gemacht.“

Ich erinnerte mich. Mein anderes Ich. Der Werwolf. Die unzähmbare Bestie in mir! Sie hatte zu mir gesprochen.

„Alaine. Irgendetwas ist mit mir passiert. Ich fühle, dass ich mich verändert habe. Sieh dir meinen Körper an. Bitte!", forderte ich sie auf und es schien ihr sehr unangenehm zu sein. Doch schließlich kam sie meiner Bitte nach, legte die Decke zur Seite und trat ein paar Schritte zurück, als sie meinen geheilten Körper erblickte. Ich wusste nicht mehr, ob sie die Brandnarben überhaupt gesehen hatte. Doch sie mussten ihr aufgefallen sein.

„Michael! Dein Körper! Du siehst besser aus! Wie ist das möglich?", fragte sie mit großen Augen und hatte sich auf den Rand des Bettes zurück gesetzt.

„Ich weiß es nicht. Aber ich fühle mich mit einem Mal so viel stärker! Als könnte ich...“ Ich sprang vom Bett auf und schlug mit der Faust gegen die nächstbeste Wand, in der daraufhin ein riesiges Loch klaffte.

„Das muss diese Stärke sein, die Vater meinte! Wenn es wirklich stimmt, habe ich damit die perfekte Balance zwischen meiner menschlichen und meiner Werwolf-Gestalt entdeckt! Ein Mensch-Werwolf-Hybrid!", rief ich Alaine zu und war entschlossener denn je, um meine Frau und unser gemeinsames Kind zu kämpfen!

Kapitel 5

 

Kapitel 5

 

Kayra

 

Holy Name Cathedral

 

Die Stille in der Holy Name Cathedral hüllte mich völlig in sich ein, als ich dort eintraf – und mit ihr stieg auch die Wehmut in mir auf. Zwei Jahre war es nun her, dass Michael und ich hier das Blutritual vollzogen hatten. Uns ewige Treue geschworen hatten. Egal, was auch passierte...

Ich trat näher an den Altar heran und erkannte, dass der Kelch, aus dem wir beide unser vermischtes Blut getrunken hatten, noch immer dort stand. Seltsam, dass seit zwei Jahren keine einzige Menschenseele hier gewesen war. Hatten die Menschen ihren Glauben an Gott verloren? Oder traute sich keiner von ihnen mehr auf die Straße seit Raphael und seine Super-Hybriden-Rasse die Stadt unsicher machten?

Zitternd legten sich meine Finger um den Kelch und ich schloss die Augen.

Michael.Wo immer du auch bist.Wenn du mich hören kannst, dann will ich dir sagen, dass ich dich von ganzem Herzen liebe. Und das werde ich immer. Egal, wann und wie sich unsere Wege erneut kreuzen mögen...

Eine heiße Träne lief mir über die Wange. Die erste, tiefe Gefühlsregung seit zwei Jahren. Abgesehen von der Wut und der Befriedigung die ich verspürt hatte, als ich Cole hinrichtete. Doch fühlte ich mich dadurch besser, weil ich ihn getötet hatte? Heilte das die seelischen Wunden, die er mir zugefügt hatte? Nein, in meinem Herzen klaffte nach wie vor ein tiefes Loch, das sich erst wieder schließen würde, wenn ich Michael gefunden hatte. Doch wo sollte ich nach ihm suchen? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er war. Als ich zur Holy Name Cathedral geflogen war, flammte die leise Hoffnung in mir auf, dass er hier sein würde. Doch seine Harley stand nicht mehr an jener Stelle, wo er sie früher abgestellt hatte. Und sein Geruch war mir auf dem ganzen Weg hierher nicht einmal in die Nase gestiegen.

Vielleicht würde Valerica.....meine Mutter.....mir helfen können, Michael zu finden.

Ich unterdrückte ein Seufzen, stellte den Becher auf den Altar zurück und machte mich daran, Lydia und Amelia unten im Bunker aufzusuchen.

„Mama! Da bist du ja!“, schlug mir sofort die zarte Stimme meiner Tochter entgegen, als sie in der Küche auf mich zu rannte. Nun ja, von der Küche war nicht viel übrig geblieben seit Michael sie damals in einem Anflug von Wut in seine Einzelteile zerschlagen hatte...

Ich sank auf die Knie, schloss Amelia in die Arme und sog den süßen Duft ihres rabenschwarzen, seidigen Haares ein. Amelia löste sich von mir und sah mich aus ihren großen, eisblauen Augen an.

„Mama. Du bist ja von Kopf bis Fuß mit Blut befleckt...“ Ihr Blick verdunkelte sich und ließ eine Gänsehaut über meinen Körper wandern. „Du hast ihn getötet, nicht? Du hast sie alle getötet. Cole, Kraven, Thomas...“

Ich nickte ihr zu und schmunzelte müde. Amelia stemmte die kleinen Hände in ihre Hüften.

„Das hast du gut gemacht, Mama. Ich bin stolz auf dich.“ Sie wandte sich zu Lydia um, die gerade aus dem Schlafzimmer kam. Sie hatte sich womöglich für einige Stunden hingelegt. Amelia deutete auf sie. „Tante Lydia hat sich gut um mich gekümmert. Sie ist nett. Wir können ihr vertrauen. Das spüre ich.“

Mein Blick streifte Lydia und sie nickte mir anerkennend zu.

„Amelia ist ein reizendes Kind. Wirklich.“, gab sie zu. „Sie war zwar ein wenig ungehalten, dass ich sie schlafend hier her brachte, aber...“ Lydias Augen wanderten zum Kühlschrank. „Ich konnte sie mit einer Blutkonserve bestechen.“ Sie zwinkerte meiner Tochter zu. „Nicht wahr, Amelia?“

Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken. Wer hätte jemals gedacht, dass ich mich eines Tages mit Lydia verbünden würde? Die Vampirin mit den schulterlangen, dunklen Haaren verschränkte die Arme vor der Brust und trat auf mich zu. Mittlerweile hatte ich mich wieder auf die Beine erhoben.

„Hast du es getan?“, wollte sie wissen und als ich nickte, hellten sich ihre leeren Augen zum ersten Mal seit Langem auf. „Also. Wie geht es nun weiter, Kayra? Du sagtest, wir würden nach Corvin Castle aufbrechen?“

„Das werden wir. Noch heute Nacht. Ich möchte nicht länger als nötig in Chicago bleiben. Raphael treibt hier noch immer sein Unwesen.“ Ich blickte an mir herunter. „Aber vorher muss ich unbedingt duschen gehen und mich umziehen.“

Welch Glück, dass ein Großteil meiner Sachen noch immer hier war.

Als ich mich ins Schlafzimmer begab, flammte erneut die Wehmut in mir auf. Der ganze Raum atmete noch den Duft von Michaels Anwesenheit. Er war ganz schwach und kaum wahrnehmbar. Er wusste vor Kurzem noch hier gewesen sein...

Ich ging zum Kleiderschrank und öffnete ihn. All seine Sachen waren weg.

Wohin bist du nur gegangen?

 

 

 

„Wie sollen wir eigentlich nach Corvin Castle kommen? Kriegen wir um diese Zeit noch einen Flug nach Europa?“, fragte Lydia, als ich soweit war. Ich hatte meine Reisetasche gepackt – und auch die übrigen Blutkonserven darin verstaut.

„Wir brauchen keinen Flug, Lydia.“, erwiderte ich und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. In ihre Züge schlich sich sofort das absolute Entsetzen, als sie zu begreifen schien, was ich andeuten wollte.

„Du willst uns doch nicht etwa selbst dorthin fliegen?“

Ich beäugte Amelia, die gerade auf dem Boden hockte und mit ihrer Lieblingspuppe spielte.

„Das schaffen wir doch. Nicht wahr, Liebes?“

Amelia drehte ihren Kopf zu mir um und sie lächelte übers ganze Gesicht.

„Fliegen?? Ja, das kann ich!“, erwiderte sie und erhob sich auf ihre kleinen Beine. Ich war von Stolz erfüllt, als ich sah, dass sie sich ohne Mühe in ein geflügeltes Vampirwesen verwandelte. Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich mehrere Anläufe gebraucht hatte, um meine Verwandlung willentlich herbeizuführen. Doch für Amelia schien es selbstverständlich zu sein. Und das, obwohl sie niemals geflogen war. Außer einmal durch unser Zimmer, als sie gerade die Größe einer Einjährigen erreicht hatte.

Amelias Haut schimmerte genauso blau-grau wie meine, wenn ich mich in meine Bestie verwandelt hatte. Sie hatte dieselben dichten Wimpern, die weißen Augen, die langen Krallen an Händen und Füßen, die gleichen spitz zulaufenden Ohren - und dieselben Schwingen. Allerdings betrug deren Spannweite allerhöchstens eineinhalb Meter.

Ein schmollender Ausdruck schlich sich auf ihre Züge, als sie versuchte, einen Blick über ihre Schultern zu erhaschen.

„Mein Kleid ist vollkommen kaputt, Mama!“

Ich grinste, als ich mich erinnerte, wie meine Schwingen mir damals meine Lieblingslederjacke zerstört hatten – und das nicht nur einmal. Und ausgerechnet heute trug Amelia auch ihr Lieblingskleid – ein knielanges Kleid mit Puffärmeln aus roter und schwarzer Spitze. Dazu schwarze Strumpfhosen und gleichfarbige Lackschuhe. Sie wirkte beinahe wie eine Gothic-Lolita, wie sie so da stand. Und ich liebte dieses Kind. Ich liebte sie abgöttisch. Sie war wahrlich mein Ein und Alles.

Lydia meldete sich zu Wort.

„Ich unterbreche euch ja nur wirklich ungern. Aber ist das wirklich euer Ernst? Ihr wollt den weiten Weg bis nach Siebenbürgen fliegen? Willst du mich etwa bis dahin auf deinem Rücken tragen, Kayra?“

„Wir werden einige Pausen einlegen müssen. Aber ja. Das habe ich vor.“, erwiderte ich – was nicht wesentlich dazu beitrug, dass sie mich noch immer für vollkommen geistesgestört hielt.

„Lydia....Vertrau mir. Das wird schon klappen!“

Sie stieß scharf die Luft aus und schloss für einen Moment die Augen, als müsse sie scharf nachdenken.

„Also gut. Also gut! Ich gebe mich geschlagen.....“

 

 

Michael Silver

 

In den vergangenen Wochen waren Alaine und ich dauerhaft unterwegs, um meine neuen Kräfte zu testen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die übernatürlichen Selbstheilungskräfte, die ich als Werwolf sowieso hatte, nochmal um einiges angestiegen waren. Selbst kleinste Verletzungen waren innerhalb nur weniger Sekunden einfach verheilt. Auch meine Schnelligkeit, die Reflexe meines Körpers, waren deutlich gesteigert. Ich schlug Alaine vor, mich mit allem, was sie hatte, anzugreifen. Doch sie wollte das Anwesen meiner Familie, welches auch ihres damals hätte werden sollen, aus Respekt vor den Geistern meiner Eltern, nicht noch mehr beschädigen, weshalb sie mich in den angrenzenden Wolfswald mitnahm, der uns ausreichend Platz zum Kämpfen bot.

„Willst du das wirklich, Michael?", wollte sie wissen und sah mich fragend an.

„Natürlich! Ich will, dass du mit all deiner Stärke angreifst! Ergreife jede Chance, mich zu verletzen!", bekräftigte ich sie und klang dabei sehr entschlossen. Sie nickte.

„Alles klar! Bist du soweit?!"

Im gleichen Atemzug stürmte sie auf mich zu. Ich blieb derweil ruhig stehen, schloss meine Augen und versuchte, ihren Herzschlag zu spüren. Als in der Dunkelheit meines Unterbewusstseins das Pochen ihres Herzens zu hören war, bewegte ich mich nur etwas zur Seite, um ihrem Angriff zwar auszuweichen, ihr dabei jedoch einen Schlag in die Magengegend zu verpassen. Meine Augen blieben geschlossen, auch als ich hörte, wie sie vor Schmerzen aufschrie, sich von mir entfernte und schließlich gegen eine Felswand prallte. Als ich meine Augen öffnete, erkannte ich mit Schrecken, dass meine Angriffe sehr viel effektiver als vorher waren. Selbst dieser einfache Schlag auf Alaine, der eigentlich nur leicht hätte sein sollen, hatte eine enorme Wirkung erzielt.

„Oh Gott, Alaine!!! Es tut mir leid!", meinte ich, während ich sie sanft in meine Arme nahm. Sie schien nichts Ernsthaftes davon getragen zu haben, doch ich sah, dass sie an der Schulter und an ihrer Stirn verletzt war, weil sie blutete.

„Ist schon in Ordnung. Ich weiß, dass du mir nicht wehtun wolltest. Lass uns lieber aufhören.", sagte sie mit schwächelnder Stimme, konnte sich dabei jedoch ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

Ich half ihr vorsichtig auf die Beine, als ich plötzlich etwas hörte, das definitiv nicht gut klang. Zudem roch es nach...Forsaken?! Wie waren sie in der Lage, mich ausgerechnet hier zu wittern?! Und warum konnten sie mich überhaupt wittern?!

Forsaken!!!", rief ich Alaine zu, die derweil versuchte, sich aus eigener Kraft vorwärts zu bewegen. Sie schien sich noch rechtzeitig trotz ihrer Verletzung, deren Heilung hoffentlich bald einsetzen würde, in Sicherheit gebracht zu haben, da ich sie nicht mehr sehen konnte. Wieder blieb ich einfach ruhig stehen und versuchte ein weiteres Mal, die Herztöne meiner Gegner zu spüren. Dann hörte ich sie immer näher kommen.

„Eins...zwei....drei....vier...fünf....sechs.....sieben....acht“

Ganze acht Forsaken hatten meine Spur aufgenommen und mich tatsächlich bis hierher verfolgt! Es konnte nur Einer dahinter stecken, dessen war ich mir sicher. Und schon nach kurzer Zeit hatte sich mein Verdacht bestätigt. Ein weiterer, sehr starker und mächtiger Herzschlag drang in mein Bewusstsein ein und ich wusste, dass er nur ihm gehören konnte...

 

Raphael Santoro

 

Endlich! Nach so langer Zeit hatten meine Forsaken- und Lykaner-Späher Michael Silver gewittert und dessen Spur zur Verfolgung aufgenommen! Vor etwa zwei Jahren spürte ich, dass seine Lebensaura irgendwie nicht mehr da war. Doch ich wusste, dass er noch lebte! Es musste etwas mit ihm passiert sein, sodass er nicht mehr aufgespürt werden konnte. Doch vor einigen Wochen gab es schließlich erste Hinweise. Laut einem meiner Späher musste er sich in Lissabon aufhalten. Kein Zweifel, denn dort befand sich auch das ehemalige Silver-Anwesen. Silver Fortress! Ich ließ meine Späher vorauslaufen, um ihn zu beschäftigen, damit ich einen Überraschungsangriff planen konnte. Doch etwas stimmte nicht, als ich sah, wie ein paar meiner Forsaken- und Lykaner-Späher wieder in meine Richtung kamen... und zwar geflogen! Etwas hatte sie attackiert. War das etwa...Michael?! Nein, das konnte nicht sein! Er war nie so stark gewesen. Als ich ihn schließlich sah, konnte ich es nicht fassen. Meine Späher – bis auf die, die mir entgegen geflogen waren! - lagen überall verstreut! Waren sie tot!? Und dann richtete sich mein Blick auf Michael Silver! Er stand einfach nur mit geschlossenen Augen da. Hätte ich nicht das Blut an seinen Armen gesehen, hätte ich geglaubt, dass er nichts getan hatte.

Ich tat überrascht.

„Michael Silver! Verdammt, wie geht es dir? Lange ist es her, nicht wahr?", sagte ich mit entschlossener Stimme und sah ihn bedrohlich an. Er öffnete seine Augen und ich erkannte, dass sie nicht normal waren. Sie glühten bernsteinfarben. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

„Raphael Santoro. Der elende Hurensohn und Mörder meiner Eltern, Jackson und Aurelia Silver! Ich dachte, ich hätte noch etwas mehr Zeit bis sich unsere Wege ein weiteres Mal kreuzen. Aber mal ehrlich: Spielt das jetzt noch eine Rolle?“ Er verzog sein Gesicht zu einem siegessicheren Grinsen, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken.

„In der Tat. Es hat etwas gedauert bis ich dich aufspüren konnte. Doch ich hab es dir damals schon gesagt: Ich werde dich finden! Überall! Und jetzt würde ich gerne wissen, was hier passiert ist? Denn ich glaube nicht, dass du dieses Massaker angerichtet hast! So stark warst du nie!", entgegnete ich, klang dabei bedrohlich und ebenfalls sehr siegessicher. Michael begann mich auszulachen und machte kleine Schritte auf mich zu. Sein Tonfall änderte sich schlagartig. Er wurde berechnend und der Ausdruck in seinen Augen war kühl.

„Ich hab es dir einmal gesagt: Ich werde dich töten! Vielleicht nicht unbedingt heute, oder morgen. Aber glaub mir: Nichts wird sich daran ändern! In meinen Augen bist du bereits so gut wie tot! Und du hast mit deiner Annahme Unrecht: Ich habe deine Männer, deine Soldaten getötet! Einiges hat sich geändert!"

In mir bebte solch eine Wut und auch etwas, das sich wie Fassungslosigkeit anfühlte, da er niemals so stark werden konnte. Etwas musste mit ihm passiert sein. Dank meines ungezügelten Temperaments, stürmte ich auf ihn zu, um ihn dafür büßen zu lassen, dass er meine Männer getötet hatte! Er tat es mir gleich, richtete seine Faust gegen meine und stürmte ebenfalls auf mich zu. Als unsere Fäuste aufeinandertrafen, entstand eine so heftige Energiewelle, dass sie mich regelrecht umhaute und auch den Wald, in dem wir uns befanden, zerstörte. Zum ersten Mal in meinem Leben, verlor ich das Bewusstsein...

 

 

Kayra

 

Corvin Castle

 

Unsere „Reise“ nach Siebenbürgen dauerte mehrere Tage, da wir doch mehrmals Pausen einlegen mussten. Auch, weil Amelia es noch nicht gewohnt war, eine längere Strecke am Stück zurückzulegen.

Mittlerweile war die Nacht über Hunedoara hereingebrochen. Dreihundert-neun Jahre war es her seit ich Corvin Castle zuletzt erblickt hatte.

Mit Lydia auf dem Rücken steuerte ich die prächtige Felsenburg mit der hohen Brücke an, die im 14. Jahrhundert aus einer alten Wehranlage auf einem Kalkfelsen erbaut worden war. Allerdings war sie damals nicht von meinem Vater, Marius Drake, errichtet worden. sondern von einem ungarischen Staatsmann und Heerführer namens Johann Hunyadi. 1458 wurde Castelul Covinilor unter König Matthias Corvinus erweitert. Danach war sie in die Hände von Fürst Gabor Bethlen gefallen, der allerdings in die Türkei flüchtete, als er von Gabriel Bathory, einem transsylvanischen Fürsten, bedroht worden war. Gabor kehrte im Oktober 1613 nach Hunedoara zurück, um Bathory zu besiegen. Doch Gabriel Bathory war ein Anhänger meines Vaters gewesen – und ein Vampir, der Corvin Castle für Marius Drake eingenommen hatte. In den Geschichtsbüchern steht, dass Gabor Gabriel besiegt hatte und sich durch den Landtag zu Klausenburg zum Fürsten von Siebenbürgen ernennen ließ. Das mochte auch der Wahrheit entsprechen, doch auch er wurde letzten Endes zu einem Diener meines Vaters.

Ich landete sanft mit den Füßen auf der hohen Brücke vor den Burgtoren und ließ Lydia von meinem Rücken absteigen, während Amelia ebenfalls neben mir auf dem Boden aufkam. Mein Blick wanderte die Fassade der prächtigen Burganlage hinauf, die vom Mond in ein sanftes Licht gehüllt wurde. Mir fiel auf, dass der Mond wieder zunahm und in wenigen Tagen würde Vollmond sein.

„Ich spüre sie, Mama. Valerica ist hier...“

Kaum hatte Amelia diese Worte ausgesprochen, öffneten sich die Tore von Corvin Castle. Mir stockte der Atem, als ich sie erblickte: Die Frau, die meine Mutter war. Und von der ich all die Jahre geglaubt hatte, dass sie tot war. Und sie war wahrhaftig das Abbild von mir – oder ich von ihr. Ihre Haare waren silbrig-weiß und zu einer kunstvollen Halbfrisur hergerichtet. Sie hatte die gleichen mintgrünen Augen, die nur von wenigen, feinen Fältchen umrandet wurden. Valerica war rein äußerlich vielleicht nicht älter als Anfang Vierzig. Was mir allerdings als Erstes auffiel, war die Bemalung auf ihren weichen Gesichtszügen: Auf der Stirn befanden sich drei schwarze Punkte in einer vertikalen Linie, die auf ihrem Nasenrücken in einen längeren Strich übergingen. Von ihrer Unterlippe bis zum Kinn erstreckte sich ein weiterer, schwarzer Strich. Um ihre Schultern trug sie ein grau-weißes Bärenfell und darunter ein fließendes, bodenlanges, schwarzes Kleid.

Auf ihren Zügen breitete sich ein Lächeln aus, das mich sofort an mein eigenes erinnerte. Auch, wenn es schon sehr lange her war, dass ich wirklich gelächelt hatte.

Fiica mea. Meine Tochter. Du bist endlich hier...“

Als sie diese Worte sprach, erkannte ich eindeutig die Stimme, mit der Amelia neulich in ihrem Zimmer gesprochen hatte.

Für eine Weile brachte keinen Ton über Lippen. Zum ersten Mal stand ich meiner Mutter Auge in Auge gegenüber – und in diesem Moment wurde es für mich zur Realität, dass sie tatsächlich lebte. Nicht ich hatte sie damals getötet – und auch nicht Raphael. Aber warum hatten sowohl er, als auch mein Vater geglaubt, dass sie gestorben war? Es machte für mich alles keinen Sinn. Und doch: Ich war hier, sie stand direkt vor mir. Ich war mir sicher, dass sie die Antworten auf all meine Fragen hatte. Auch, warum sie mich nicht schon viel früher gesucht hatte.Warum hatte sie dreihundert-siebzehn Jahre gewartet?

„Großmama!“, rief Amelia und rannte – als wäre es vollkommen selbstverständlich – auf Valerica zu. Diese begab sich in die Hocke, breitete die Arme aus und hieß Amelia mit einer herzlichen Umarmung willkommen. Es schien beinahe so, als kannten sie sich bereits seit einer Ewigkeit. Während ich noch immer wie angewurzelt hier stand – und überhaupt keine Ahnung hatte, was ich tun sollte. Niemals hatte ich geglaubt, dass es so seltsam sein würde, vor meiner eigenen Mutter zu stehen.

Valericas Augen erfassten mich, als sie Amelia hochhob und auf ihre Hüfte setzte.

„Kayra. Ich weiß, du musst sehr viele Fragen haben...“, sagte sie mit ihrer sanften, weisen Stimme. „Und ich werde sie dir alle beantworten. Kommt rein!“

 

 

Michael Silver

 

Nachdem Raphael und der Wolfswald von der Macht meines Gegenangriffs erfasst worden waren, spürte ich keine negativen Auswirkungen, sondern blickte nur auf den bewusstlosen Körper Raphaels, der vor mir auf dem Boden lag.

Ich könnte ihn jetzt töten! Es wäre die perfekte Gelegenheit und würde all unsere Sorgen einfach beenden!

In diesem Moment kam Alaine zu mir und ich konnte spüren, dass sie mich mit entsetztem Ausdruck anblickte. Meine Fingernägel wurden zu spitzen Werwolf-Klauen und hinterließen auf Raphaels Oberkörper sehr tiefe Schnitte, die ihn aber noch immer nicht töten würden. Sie würden bestimmt so schnell wieder verheilen, wie sie entstanden waren. Da blitzte etwas aus seiner Hosentasche, das wie ein kleines Fläschchen aussah. Neugierig nahm ich es an mich, sah mir die violett schimmernde Flüssigkeit darin genauer an. Das musste es sein! Dies war jenes Mittel, das Raphael seine unnatürlichen Mutationen erreichen ließ!

„Alaine, sieh mal! Das ist Raphaels Waffe! Hierin befindet sich der Schlüssel zu seiner Mutation! Zu seiner Macht! Wir könnten es vernichten!", sagte ich und klang dabei so entschlossen, dass es sie offenbar in Angst versetzte.

„Nein! Ich meine... Ja, wir könnten es tun, aber dir muss klar sein, was danach alles passieren kann! Er würde dich ohnehin unermüdlich jagen oder würde seinen Zorn nicht an dir, sondern an ihnen auslassen! Überlege doch mal!“

Ich wusste, dass sie damit nur Kayra und unser gemeinsames Kind meinen konnte. Trotzdem stand mein Entschluss fest!

„Ich werde es vernichten! Es ist mir egal, was er danach alles tut! Jetzt, da ich stärker bin, könnte ich es sogar mit ihm aufnehmen! Daher spielt es keine Rolle, was er tun wird!“, entgegnete ich, zerdrückte just in dem Moment das kleine Fläschchen und ließ die violette Flüssigkeit neben ihm auf den Boden tropfen. Dann ergriff ich Alaines Hand und verschwand mit ihr in die Tiefen des Waldes....

 

 

Kayra †

 

Zu meiner Verwunderung war Corvin Castle noch immer so gut erhalten wie damals. Die Einrichtung war sogar noch immer dieselbe. Ob mein Zimmer auch noch immer genauso wie früher aussah?

Valerica führte Amelia, Lydia und mich in den großen Thronsaal, wo ich für einen Moment stockte. Meine Mutter lebte hier nicht alleine. Sie hauste hier mit einem ganzen Rudel Werwölfe und....Vampiren?? Einige Werwölfe in Menschengestalt saßen sogar mit Vampiren an einer großen Tafel zusammen und unterhielten sich – als sei es das Normalste auf der Welt! Als sie mich erblickten, verstummten ihre Gespräche – und alle Blicke waren mit einem Mal auf mich gerichtet. Voller Erwartung, voller Ehrfurcht! Was ging hier vor sich?

Valerica warf mir einen Blick über ihre Schulter zu und ein Schmunzeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als wolle sie mir sagen, dass sie mir alles gleich in Ruhe erklären würde. Sie führte Amelia und mich in ihr Gemach, das ich als das meines Vaters und Kendra in Erinnerung hatte. Allerdings bestand sie darauf, dass Lydia unten in der Eingangshalle bleiben sollte – bei den Werwölfen und Vampiren. Sie zögerte zunächst, aber Valerica versicherte ihr, dass sie keine Angst zu haben brauchte.

Ich trat vor Valerica in das Zimmer ein und betrachtete das alte Bett meines Vaters, sofort Kindheitserinnerungen in mir aufstiegen – und unwillkürlich Tränen in meine Augen schossen, was meiner Mutter nicht entging. Amelia war sofort zum Bett gesprungen und hatte es sich darauf gemütlich gemacht, als hätte sie bereits ihr ganzes Leben hier verbracht.

Dieses Kind...

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich Valericas kühle Finger um meine Schultern spürte und mich zu ihr herumdrehten. Ihre sanften, mintgrünen Augen schimmerten mir feucht entgegen, als Tränen in ihnen aufblitzten – und dann zog sie mich fest in ihre Arme. All meine Muskeln versteiften sich zunächst, jedoch begehrte ich nicht gegen ihre warme, mütterliche Umarmung auf. Im Gegenteil. Sie erweckte etwas in mir zum Leben, nach dem ich mich mein ganzes Leben gesehnt hatte: Der Liebe einer Mutter. Der Liebe meiner Mutter.

Meine Glieder lösten sich aus ihrer Erstarrung und ich schloss allmählich die Arme um das weiche Bärenfell, das ihre Schultern bedeckte.

„Mama mea....“

Ganz natürlich kamen diese Worte in meiner Muttersprache über meine Lippen, wodurch Valerica ihre Arme nur noch enger um mich schloss- und ich hörte, wie ein leises Schluchzen ihren Lippen entwich.

„Kayra...“, flüsterte sie. „Meine Tochter. Schon so lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Und jetzt bist du endlich hier...“

Sie löste sich von mir und ihre schmalen Finger umfassten sanft mein Gesicht, ihre Augen funkelten mir voller Stolz entgegen. „Und du bist so wunderschön, mein Kind....“ Plötzlich verdunkelte sich ihr Blick. „Doch da ist diese Leere in deinen Augen, Kayra...“

Ich senkte die Lider, um ihrem durchdringenden Blick auszuweichen. Ja, diese Leere war nicht nur in meinen Augen. Sie war auch noch immer in meinem Herzen.

„Es tut mir so leid...“, flüsterte Valerica. „Es tut mir so unendlich leid, dass ich so lange brauchte, dich zu finden. Aber ich konnte dich nicht aufspüren, Kayra. Erst als ich Amelias Ankunft in dieser Welt tief in meinem Herzen spürte, konnte ich eine Verbindung aufbauen.“

Ich runzelte fragend die Stirn und sah sie wieder an.

„Wieso erst mit Amelias Geburt?“

Mutter ließ ihren Blick zum Bett schweifen, wo Amelia sich auf den Bauch gedreht und den Kopf auf ihren Armen gelegt hatte, während sie uns verschmitzt entgegen schmunzelte.

„Weil sie das alte Blut in ihren Adern trägt, das auch durch mich hindurch fließt.“, erwiderte Valerica und wandte sich wieder mir zu.

„Das alte Blut?“, wiederholte ich.„Valerica. Mutter...Wer bist du wirklich?“

Valerica löste sich von mir und wies auf zwei altertümliche, barocke Sessel in der Nähe des Fensters, die mit rotem Samt bezogen waren.

Fiica mea, setz dich. Ich werde dir alles erklären...“

Als ich Platz nahm, erhob sich Amelia vom Bett und kletterte auf meinen Schoß, wo sie ihren kleinen Kopf an meine Schultern lehnte, ich sanft ihr schwarzes Haar streichelte. Valerica hatte sich mittlerweile auf dem Sessel gegenüber niedergelassen, von dem mir ihre mintgrünen Augen wissend entgegen leuchteten.

„Kayra. Mein Geburtsname ist Valerica Lupascu und ich stamme aus einer Familie angesehener Schamanen und Seher, die allesamt Werwölfe und in den Wäldern Siebenbürgens beheimatet waren. Raphael war der oberste Heeresführer von Jackson Silver.“

Meine Augen weiteten sich.

Jackson Silver. Michaels Vater.

„Jackson Silver war der erste Werwolf und der König aller Werwölfe. Seine Residenz, Silver Fortress, befand sich in Lissabon. Da Raphael ihm seinen treuen Dienst erwies, gewann er natürlich an Ansehen und wurde von Jackson nach Siebenbürgen geschickt, um dort das Bündnis mit meinem Vater, Lucian Lupascu, auszuweiten. Ich war damals noch sehr jung, gerade Anfang Zwanzig – und im besten Alter, um eine Heirat einzugehen. Um das Bündnis zu besiegeln, beschloss mein Vater, mich Raphael zur Frau zu geben. Er nahm mich mit nach Silver Fortress, wo wir einige Zeit bei Hofe verbrachten. Aurelia Silver, Jacksons Ehefrau, und ich wurden sehr enge Freundinnen.“ Valericas Blick verdunkelte sich. „Dann brach die Zeit eines weiteren Krieges zwischen Vampiren und Werwölfen an. Raphael wurde von Jackson in weite Teile Europas entsandt, um dort die Festungen der Vampire dem Erdboden gleichzumachen. Und ich begleitete ihn dabei, denn mit meinen seherischen Fähigkeiten war er im Stande, die Aufenthaltsorte der Vampir-Fürstentümer ausfindig zu machen. Eines Tages führte unser Weg zurück nach Siebenbürgen, in meine Heimat, wo Marius Drake mittlerweile über Corvin Castle herrschte. Die Drakes spürten, dass etwas nicht stimmte – und schnell machte die Nachricht die Runde, dass sich in Raphaels Heer eine Seherin aufhielt. Marius wies seine Vampire an, mich zu jagen und aufzuspüren. Bis....“ Sie hielt inne, als sich ein wehmütiger Ausdruck in ihren Augen bemerkbar machte.

„Bis was?“, wollte ich wissen. Valerica schmunzelte leicht und ließ ihren Blick zum Fenster schweifen. Sie machte den Anschein, als sei ihr Bewusstsein ganz weit weg in die Vergangenheit zurückgewandert.

„Es kommt mir vor, als sei es erst gestern passiert....“

Kapitel 6

 

Kapitel 6

 

Valerica

 

 

Es war das Jahr 1720, als Raphael und ich nach Siebenbürgen zurückkehrten, wo wir uns bei meiner Familie im Unterwald im zentral-östlichen Teil von Hunedoara niederließen.

Ich würde diese eine Nacht nie vergessen, in der der Vampir-Clan von Marius Drake unser Lager stürmte. Denn sie waren auf der Suche nach mir, der Seherin. Doch meinen Fähigkeiten hatte ich es zu verdanken, dass ich ihre Ankunft bereits vorausgesehen – und mich tiefer in den Wald geflüchtet hatte, während Raphael und sein Heer sich angreifenden Vampiren entgegenstellten. Aber was ich nicht vorausgesehen hatte, war, dass ich in dieser Nacht auf ihn treffen würde: Marius Drake höchstpersönlich, der mir auf einer Lichtung im Unterwald auflauerte und im Begriff war, mich anzugreifen. Just in dem Moment, als wir uns in die Augen blickten, hielt Marius inne und ließ sein Schwert sinken. Seine eisblauen Vampiraugen weiteten sich, als sie auf mir ruhten – und auch ich war von seinem Anblick wie verzaubert. Ich hatte bereits Geschichten über Marius Drake gehört – auch über sein makelloses Aussehen. Die Vampir-Töchter der höheren Familien beneideten Kendra Drake darum, dass er sie zu seiner Ehefrau erwählt hatte.

Ich habe bereits von der außergewöhnlichen Schönheit Valerica Santoros gehört. Aber die Geschichten werden Euch kaum gerecht.“, sagte er, als er auf mich zutrat, meine innere Wölfin jedoch in Lauerstellung ging, obwohl ich mich vom ersten Moment an eindeutig zu dem Vampir-Fürsten hingezogen fühlte. Und mich selbst dafür tief in meinem Inneren verabscheute. Anstatt mich anzugreifen, zog er mich an sich und küsste mich so wild und leidenschaftlich wie Raphael es noch nie getan hatte. Sein Kuss entfachte in meinem Herzen ein loderndes Feuer wie ich es nie für möglich gehalten hatte. Und dann ließ er mich ins Lager zurückkehren, bat mich jedoch um ein weiteres Treffen in der Nacht darauf. Auf genau jener Lichtung.

Als ich ins Lager zurückkehrte, waren Marius´ Vampir-Angreifer alle von Raphael in die Flucht geschlagen worden – und es kehrten auch keine weiteren Vampire mehr in jener Nacht zurück, um uns anzugreifen. Marius musste ihnen den Rückzug befohlen haben. Und in diesem Augenblick erkannte ich, dass es einen Weg des Friedens zwischen Vampiren und Werwölfen geben konnte. Schon seit Längerem hatte ich erkannt, dass dieser sinnlose, seit Jahrtausenden andauernde, Krieg irgendwann ein Ende haben musste.

Marius ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als ich später neben Raphael lag und einzuschlafen versuchte. Er war auch immerzu in meinen Gedanken gewesen, als ich meinem Ehemann Beischlaf leistete – aus dem jedoch niemals ein Nachkomme entsprang. Raphael war zeugungsunfähig, was ihn zutiefst frustrierte. Auch, wenn er es niemals zugab.

Als ich in der nächsten Nacht zur Lichtung zurückkehrte, wartete Marius bereits auf mich – und mein Herz schlug bei seinem Anblick schneller. Seine dunklen, schulterlangen Haare umrandeten in weichen Locken sein markantes Gesicht. Marius hatte schmale Lippen und einen dunklen Bart. Sein stählerner Körper steckte in einem edlen Gewand aus schwarzem Brokat-Stoff.

Ohne vorher irgendwelche Worte zu wechseln, gaben wir uns leidenschaftlichen Küssen hin, als wir gemeinsam auf den kühlen Waldboden niedersanken. Obwohl ich wusste, was ich meinem Ehemann und meiner Rasse antat, konnte ich mich nicht gegen dieses Verlangen nach Marius Drake auflehnen. Jede Faser meines Körpers wollte ihn spüren...

In dieser ersten Nacht gaben wir uns unserer Leidenschaft jedoch nicht vollständig hin. Marius und ich trafen uns noch viele weitere Nächte auf dieser Lichtung. Er offenbarte mir letztendlich, dass er seinen Spähern tatsächlich den Befehl erteilt hatte, mich nicht weiter zu jagen. Doch unsere Affäre blieb nicht unbemerkt – weder von Raphael, noch von Marius´ Gefolgsleuten. Darunter war ein gewisser Victor Blake, der Marius eines Nachts gefolgt war und uns aus dem Dickicht heraus beobachtete.

In jener Nacht, als Victor im Wald lauerte, hatten Marius und ich uns zum ersten Mal körperlich vereinigt. Und obwohl ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, stellte es sich nicht ein.

Marius hatte gerade seinen Kopf auf meine Brust sinken lassen, während er noch immer auf mir lag, als Victor aus dem Gebüsch stürmte.

Marius! Was zum Teufel tust du da?“

Marius erhob sich von mir und legte schützend seinen edlen Mantel um mich, damit ich nicht den Blicken Blakes ausgeliefert war.

Victor“, hauchte Marius fassungslos, während dieser ihn missbilligend beäugte.

Was denkst du dir dabei, Marius? Du betrügst deine Frau mit einer Werwölfin? Und dann auch noch mit der Raphael Santoros Frau?? Wie kannst du Kendra das antun?“

Marius versuchte Victor zu beschwichtigen, Kendra Drake gegenüber Stillschweigen zu bewahren.

Du warst für mich immer ein Mann der Ehre, Marius! Und nun begehst du einen Verrat an deiner eigenen Blutlinie, in dem du ein Verhältnis mit ihr hast? Sie muss vernichtet werden! Sie ist eine Gefahr! Sie ist die Seherin von Raphael! Nur durch sie war es möglich, dass er die Vampir-Fürstentümer Europas überrannt hat!“, verurteilte Victor ihn mit messerscharfer Zunge.

Marius griff nach seinem Schwert und baute sich schützend vor mir auf.

Du wirst ihr nichts antun, Victor!“

Da erkannte ich, dass ich Marius tatsächlich etwas bedeutete, wenn er mich beschützte. All das hier hätte genauso gut eine Falle sein können, um mich dennoch hinterrücks zu ermorden.

Geh nach Hause, Valerica....“, sagte Marius, während er mir einen Blick über seine Schulter zuwarf. Ich raffte meine Kleider zusammen und flüchtete hinter einen Busch, um mich dort anzukleiden. Marius Mantel ließ ich dort einfach liegen.

Bisher hatte Raphael nicht den leisesten Schimmer von meiner Affäre mit Marius und so schlich ich mich in der Nacht darauf ein weiteres Mal zu der Lichtung. In der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Doch er war nicht da. Enttäuschung flammte in mir auf und als ich gerade im Begriff war, kehrt zu machen und den Nachhauseweg anzutreten, blickte ich direkt in Victor Blakes Gesicht.

Valerica Santoro.....Marius ist nicht hier.“, sagte er. Die Art, wie er süffisant lächelte, ließ meine innere Wölfin in Lauerstellung gehen und ich war bereit, mich zu verwandeln, sollte er mich angreifen. Oder ich würde ihn bis in alle Ewigkeit mit einem Fluch belegen!

Schweigend nickte ich ihm zu und wollte an ihm vorbeigehen, als Victor es wagte, mir seine Hand auf die Schulter zu legen. Energisch schob ich sie weg und funkelte ihn vernichtend an.

Wage es nicht, mich noch einmal anzurühren, sonst....!“

Victor schien unbeeindruckt zu sein und hob die Brauen.

Sonst was, Hexe? Vergiss nicht, dass ich gesehen habe, was du und Marius getan habt...Und ich nicht zögern werde, es deinem Ehemann – oder Kendra zu verraten, wenn du mir nicht einen kleinen Gefallen tust.“

Mir zog sich die Magengegend zusammen.Was wollte Victor Blake von mir? Ich spürte, dass er es ernst meinte – und ich wollte keinesfalls, dass Raphael davon erfuhr oder Marius in Schwierigkeiten geriet. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn mit hochgezogenem Kinn.

Was willst du, Blutsauger?

Victor schmunzelte selbstgefällig.

Man sagt, du stammst von der Lupascu-Blutlinie ab, dem mächtigsten Schamanen-Stamm in ganz Europa...“

Das ist richtig“, gab ich gleichgültig zurück. Ich wusste, wer meine Familie war. Es war nicht nötig, mir das zu erzählen.

Victor verschränkte die Arme hinter dem Rücken und lief in langsamen Schritten einen Kreis um mich herum, während seine vampirischen Augen mich dabei fixierten.

Du trägst einer der ältesten Blutlinien der Welt in dir, Valerica. Und ich bin mir sicher, dass deine schamanischen Fähigkeiten von außergewöhnlicher Stärke sind...“

Meinen Lippen entwich ein entnervtes Schnauben.

Sag mir endlich, was du willst, Blake...“

Victor blieb abrupt vor meinem Gesicht stehen und ich unterdrückte den Drang, vor ihm zurückzuweichen. Dabei wusste ich selbst nicht, weshalb er die Macht hatte, mich einzuschüchtern.

Es ist ganz simpel, Valerica. Marius....“, begann er und verzog den Mund, als habe er etwas Bitteres geschluckt. „Er wird allmählich zu sanftmütig, um den Clan zu führen. Das sieht man daran, dass er eine Liebelei mit dir hat. Er vergisst, dass wir seit Jahrtausenden gegen euch Werwölfe, Krieg führen. Eine Zeit lang herrschte Waffenstillstand, aber ihr wart es, die den Krieg ein weiteres Mal begonnen haben! Und wenn das so weitergeht, dann wird es eines Tages soweit kommen,

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Meikel Dahlmann, Stefania Breitenbach
Cover: Stefania B.
Publication Date: 09-03-2018
ISBN: 978-3-7438-9296-5

All Rights Reserved

Dedication:
Copyright Texte: Stefania Blackthorne , (unter Mitwirkung von Meikel Dahlmann) Copyright Cover: Stefania Blackthorne https://www.deviantart.com/blacklady999/art/BLOOD-WARS-II-Cover-Art-780674014?ga_submit_new=10%3A1547224804&ga_type=edit&ga_changes=1

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