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BLOOD WARS ORIGINS - KAYRA DRAKE

Blood Wars

Origins

 

Kayra Drake

 

 

 

 

Stefania B.

 

PROLOG

 

PROLOG

 

Mein Name ist Kayra Drake. Ich habe blassgrüne, beinahe mintfarbene Augen und meine silbrig-weißen Haare reichen mir bis zur Taille. Aufgrund meiner Selbstbeschreibung könnte man vermuten, dass ich bereits eine alte Frau bin. Nein, bei Weitem nicht, denn ich gehe locker als fünfundzwanzig durch – auch wenn ich bereits älter bin. Sehr viel älter sogar.... Mein ungewöhnliches Aussehen verdanke ich dem Blut, das durch meine Adern fließt: Ich bin eine Vampirin – allerdings nur zur Hälfte, denn ich bin ein sogenanntes „Mischblut“ - und das Einzige meiner Art. Zumindest zum damaligen Zeitpunkt.

Ich bin das uneheliche Kind eines Vampirs und einer Werwölfin. Leider lernte ich meine Mutter niemals kennen, da sie meine Geburt nicht überlebte. Vermutlich hatten die beiden Blutlinien, aus denen ich entstanden war, ihren Körper ausgezehrt und ihr alle Kräfte genommen. Als mein Vater mir davon erzählte, konnte ich nur schwer mit dem Gedanken umgehen, dass ich meine eigene Mutter „getötet“ hatte.....Zumindest hatte ich das damals geglaubt.

Mein Vater wusste allerdings nichts von der Schwangerschaft meiner Mutter. Nachdem ich geboren wurde, setzte mich der Werwolf-Clan, dem sie angehört hatte, an der Türschwelle des Drake-Clans aus. Vermutlich, weil auch die Werwölfe kein „schmutziges Blut“ in ihren eigenen Reihen haben wollten. Denn ich galt in beider Augen als eine „Missgeburt“. Als Etwas, das es nicht geben durfte. Vermutlich hatten die Werwölfe gehofft, dass auch die Vampire kein „Mischblut“ unter sich dulden würden – und letztendlich die Drecksarbeit für sie erledigten. Doch ich schien wohl Glück gehabt zu haben. Mein Vater nahm mich in seinen Clan auf und zog mich groß – unter den missbilligenden Blicken seiner Ehefrau, Kendra Drake.

Seit ich denken konnte, hatte Kendra mich aus tiefstem Herzen verabscheut. Ich war ein „Schandfleck“ für die Blutlinie der Vampire – und für sie eine schmerzhafte Erinnerung an den Seitensprung ihres Mannes, den er auch noch mit einer Werwölfin – einer Todfeindin – begangen hatte.....

 

Kapitel 1

 

Kapitel 1

 

Corvin Castle

Hunedoara, Rumänien

17. Juni 1728

 

Es war die Nacht meines achten Geburtstags. Wie jedes Jahr würde ich diese Nacht alleine in meinem Zimmer verbringen, bis mein Vater kam, um nach mir zu sehen. Wenn er nicht gerade mit wichtigen Clan-Angelegenheiten beschäftigt war.

Ich wusste nicht warum, aber er war der Einzige, der sich um mich zu kümmern schien und mir von ganzem Herzen seine Liebe entgegen brachte, während meine Mutter Kendra und meine Geschwister Danica, Vasilica, Julian und Marcus mich stets irgendwie kühl behandelten. Hatte ich ihnen etwas getan? War ich böse?

Nicht nur Kendra und meine Geschwister behandelten mich seltsam. Auch der Rest des Dracu-Clans verhielt sich mir gegenüber ablehnend und eigenartig. Mochte es vielleicht daran liegen, dass ich anders aussah als alle Anderen? Während die meisten Vampire hier dunkle Haare hatten, war ich mit meiner silbrig-weißen Mähne wirklich eine Ausnahme, ebenso mit meinen mintgrünen Augen. Wenn ich meine Mutter, meinen Vater und meine Geschwister betrachtete, fragte ich mich manchmal, ob ich wirklich mit ihnen verwandt war. Aber bisher hatte ich es niemals gewagt, meinen Vater danach zu fragen.

Neben Vater gab es noch jemand Anderen, der mich manchmal besuchte. Es war Cole Blake, der Sohn von Victor – meines Vaters bester Freund und engster Berater. Doch auch in Victor´s Augen lag dieser verachtende Ausdruck, wenn er mich sah. Sein Blick jagte mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken und hatte mich von klein auf schon immer dazu veranlasst, mich vor ihm zu verstecken. Seine Brüder Kraven und Thomas musterten mich jedes Mal mit der gleichen Verachtung in den Augen. Und ich hatte keine Ahnung, warum mich jeder so abfällig ansah. Was hatte ich ihnen allen getan?

Die Blake´s stammten aus dem Fürstentum England und waren vor vielen Jahren in den Clan meines Vaters eingetreten. Allerdings waren sie keine reinblütigen Vampire, sondern wurden von meinem Vater verwandelt, als sie ein Bündnis miteinander schlossen.

Als ich gerade an meinem Fenster stand und hinab in den Burghof sah, erblickte ich Victor, seine Frau Luciana – und Cole, der genauso alt wie ich war. Er hatte die schwarzen Haare und eisblauen Augen seines Vaters geerbt, aber die feinen Gesichtszüge seiner Mutter. Luciana war eine edle Dame mit stets kunstvoll aufgesteckten rot-braunen Haaren.

Doch die Blake´s waren wohl keinesfalls gekommen, um mir zum Geburtstag zu gratulieren. Nein, sie waren gekommen, um eine Versammlung mit Vater abzuhalten. Ebenso wie Kraven, Thomas und dem Rest der Berater meines Vaters.

Was sie immer zu besprechen hatten, konnte ich gar nicht sagen. Sie taten immer alle furchtbar geheimnisvoll und schotteten sich in ihrem großen Besprechungsraum im obersten Turm von Corvin Castle ab.

Das Klopfen an der Tür riss mich aus den Gedanken und als ich Cole´s jungenhafte Stimme vernahm, hüpfte mein Herz vor Aufregung.

„Kayra? Bist du da?“

„Ja! Komm herein!“

Die Tür öffnete sich, Cole rannte sofort auf mich zu und fiel mir um den Hals.

„Alles Gute zum Geburtstag, Kayra!“

„Danke, Cole“, erwiderte ich lächelnd.

Seine eisblauen Augen leuchteten, als er sich von mir löste und nach etwas in den Taschen seines schwarzen Gehrocks kramte. Dann zog er eine Kette mit einem Kreuzanhänger heraus und hielt sie mir vor die Nase.

„Hier. Das ist mein Geschenk für dich“

Staunend betrachtete ich die Kette und nahm sie vorsichtig in die Hände. Das war wohl die schönste Kette, die ich jemals gesehen hatte. Und sie sah verdammt edel aus....

„Wo hast du die her, Cole?“, wollte ich wissen und sah ihn fragend an. Er zwinkerte mir zu, und meinte:

„Ist unwichtig“

Dann packte er mich an den Händen, um mich hinaus in den Flur zu ziehen.

„Komm, Kayra. Lass uns im Innenhof spielen! Es ist so eine schöne Vollmondnacht!“

„Oh ja!“, erwiderte ich freudig und ließ mich von Cole bis nach unten vor die Burgtore führen. Wir spielten dort unten eine Weile Fangen, tollten herum und lachten aus vollem Halse.

„Macht nicht so einen Lärm!“

Wir hielten beide inne und als ich mich umdrehte, erkannte ich Kendra. Sofort senkte ich schuldbewusst den Blick.

„Es tut mir Leid, Mama....“

Sie schnaubte nur und lief weiter an uns vorbei, während ich ihr verständnislos hinterher sah. Ich konnte mich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem sie mich einmal in den Arm genommen hatte. Oder mir sonst irgendwie Zuneigung entgegen brachte. Ich spürte zu ihr auch keinerlei engere Bindung. Sie hielt es auch nicht für nötig, mir zu meinem Geburtstag zu gratulieren.

Ich spürte Cole´s Finger an meiner Schulter und ich drehte mich zu ihm um.

„Lass uns im Wald weiterspielen, Kayra. Dann stören wir hier keinen“

Um meine Mundwinkel zuckte ein leichtes Schmunzeln.

„Du hast Recht! Lass uns gehen!“

 

 

Cole und ich liefen weiter in den Wald hinein bis zu einem kleinen See. Das war unser Lieblingsort zum Spielen. Dort spielten wir Verstecken.

„Du bist dran, Kayra! Zähl bis zehn!“

Ich schlug die Hände vor die Augen und zählte, während ich auf Cole´s Schritte lauschte, die sich immer weiter von mir entfernten.

„Sechs....Sieben....Acht...Neun....Zehn!“, rief ich, ließ die Hände sinken und blickte mich zu allen Seiten um. Wo hatte er sich dieses Mal versteckt? Ich lief weiter zurück in den Wald und suchte Baum um Baum ab. Doch ich konnte ihn nicht finden. Ein paar Meter weiter entdeckte ich eine Höhle. Vielleicht war er dort? Zumindest spürte ich dort eine Präsenz. Ein Schmunzeln umspielte meine Lippen. Das würde ihm zumindest ähnlich sehen.

Langsam lief ich auf den Eingang der Höhle zu.

„Cole? Komm raus! Ich hab dich gefunden!“

Ich erhielt keine Antwort, sondern hörte nur einen gleichmäßigen Atem, der......allerdings so gar nicht zu Cole passte. Er war lauter, stärker......und dieser Geruch war so anders als der meines besten Freundes. So etwas hatte ich noch nie gerochen. Es roch beinahe nach....Hund. Ein Grollen drang an meine Ohren und ich wich panisch zurück. Dann ging alles so schnell! Ein riesiger Schatten schoss aus der Höhle, etwas packte mich an den Schultern und riss mich rücklings zu Boden. Als ich die Augen öffnete, stockte mir der Atem.....Über mir kauerte tatsächlich etwas, das wie ein riesiger Hund aussah! Allerdings konnte ich erkennen, dass er körperliche Merkmale eines Menschen aufwies! Seine Schnauze war riesig...und erst die scharfen Zähne, die glühenden Augen!

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war wie gelähmt.....und trotzdem.....Irgendwie schien dieser riesige Wolf keinerlei Anstalten zu machen, mich zu verletzen. Der vernichtende Ausdruck in seinen Augen wich mit einem Mal …..Überraschung. Und auch ich spürte etwas tief in mir.....eine Verbundenheit. Wir waren auf irgendeine Art und Weise gleich – und doch verschieden. Ich konnte mir dieses Gefühl nicht erklären! Dann zog er seine Krallen von mir zurück, richtete sich auf und verschwand zurück in die Höhle.

„Kayra?!“, hörte ich Cole aus der Ferne rufen und vernahm seine schnellen Schritte, die sich mir näherten. Blitzschnell erhob ich mich auf die Beine, als er bereits auf mich zu rannte.

„Oh, mein Gott! Kayra! Hat dir der Werwolf etwas getan??“

Ich hob verwundert die Brauen.

„Werwolf??“

Cole nickte ernst.

„Ja.....Weißt du nichts über sie? Sie sind unsere größten Todfeinde!“

„Er.....er hat mir nichts getan....“, meinte ich mit zitternder Stimme.

Cole beäugte mich misstrauisch.

„Das ist seltsam....Normalerweise hätte er dich zerfleischt, weil du ein Vampir bist. Sie kennen keine Gnade, wenn es um uns geht! Das hätte böse ausgehen können!“

Dann blickte er sich hektisch zu allen Seiten um. „Wir sollten besser zurück nach Hause gehen, bevor er zurückkommt! Es war eine dumme Idee, bei Vollmond in den Wald zu gehen. Dann sind sie besonders blutrünstig!“

Ich folgte Cole zurück durch den Wald in Richtung Corvin Castle, doch irgendetwas ließ mich nicht los. Ein Gefühl, das ich bisher nicht gekannt hatte. Es war seltsam. Irgendwie konnte ich meinen Blick nicht vom Vollmond abwenden, während wir durch den Wald liefen. Er wirkte eine enorme Anziehungskraft auf mich aus, zog mich in seinen Bann. Und löste etwas in mir aus, das sich wie Hunger anfühlte. Es war nicht mein normales Verlangen nach Blut. Es war....mehr.....

Irgendwie gelüstete es mich nach Fleisch. Rohem, blutigen Fleisch!

Was stimme nicht mit mir?

An uns huschte ein Hase vorbei und ich hielt inne. Ohne, dass ich irgendetwas dazu tat, setzen sich meine Beine in Bewegung, um ihm hinterher zu jagen.

„Kayra, was machst du denn??“

Doch ich hörte nicht auf Cole´s Rufen, sondern lief immer weiter dem Hasen hinterher. Der Drang, der Hunger nach Blut und Fleisch, trieben mich dazu an. So etwas hatte ich noch nie gespürt. Ebenso reagierten meine körperlichen Reflexe vollkommen anders als sonst. Meine Sicht schien noch schärfer als sonst zu sein, als meine Augen jede Bewegung des Tieres in Zeitlupe zu erfassen schienen, während ich mich immer schneller vorwärts bewegte.

Bevor sich der Hase in seinen Bau zurückziehen konnte, hechtete ich nach vorne und bekam ihn im Ansturm an seinem Nacken zu packen. Ausgelöst von der Wucht meines Griffs, vernahm ich das Knacken seines kleines Genicks, doch es kümmerte mich nicht. Alles, woran ich mich im nächsten Moment erinnerte, war, dass ich meine Fänge in das Fell des Hasen schlug – und ihm dann ein Stück Fleisch aus dem Bauch riss! Das Blut spritze mir nur so entgegen und benetzte mich von Kopf bis Fuß, während ich auf die Knie gesunken war – und mich dem Rausch dieses Geschmacks vollkommen hingab....Ehe ich mich versah, waren von dem Hasen nur noch die Knochen übrig, als ich ihn auf den Boden fallen ließ.

Allmählich klarten meine Sinne auf – und ließen mich vor Entsetzen aufschreien, als ich erkannte, was ich gerade getan hatte! Doch ich hatte nicht Gelegenheit, mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn da kam Cole auch schon angerannt, der plötzlich abstoppte und mich mit vor Schreck geweiteten Augen ansah. Das Blut des Tieres klebte noch an meinen Lippen – und auch sonst überall an meinem Körper, auf meinem Kleid....

„Kayra!“, stieß er hervor. „Was hast du getan? Du hast Tierblut getrunken??“ Dann pausierte er und schien zu überlegen. „Nein, du hast es nicht nur getrunken. Du hast den Hasen vollkommen zerfetzt und aufgefressen!“

Er hatte Recht. Normalerweise konnten wir Vampire kein Tierblut vertragen....und ich spürte auch schon, dass es mir regelrecht übel wurde. Mein Magen rebellierte – und im nächsten Augenblick stürzte ich hinter einen Baum und erbrach mich dort. Selbst das Fleisch, welches ich gerade noch genüsslich verzehrt hatte, bahnte sich seinen Weg aus meinem Körper heraus. Keuchend ließ ich mich schließlich an dem Baum herunterrutschen und starrte für eine Weile nur vor mich hin. Cole kniete vor mir nieder und musterte mich besorgt.

„Wieso hast du das gemacht, Kayra?“

Ich hob entschuldigend die Schultern.

„Ich weiß es nicht, Cole...Es kam einfach über mich. Ich konnte mich gar nicht dagegen wehren....“

Mein bester Freund runzelte die Stirn und kniff dabei die Augen zusammen. Er schien angestrengt zu überlegen.

„Wir Vampire tun so etwas normalerweise nicht, Kayra....Wir fressen kein rohes Fleisch und wir zerfetzen unsere Opfer auch nicht auf diese Art und Weise.....So etwas tun sonst nur....“ Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen und er schlug sich die Hände vor den Mund. „Werwölfe...“

Was??

Was wollte Cole damit andeuten? Ich verstand überhaupt nichts mehr. Doch dann erinnerte mich an die Begegnung mit dem Wolfs-Wesen. Er hatte mir nichts getan. Ich hatte eine Verbundenheit zu ihm verspürt....Hatte gefühlt, dass wir uns irgendwie ähnelten....

Sie sind unsere Todfeinde, Kayra!

Oh, Gott.....Irgendetwas schien tatsächlich nicht mit mir zu stimmen! Was für ein Geheimnis umgab mich? Und war das vielleicht der Grund, weshalb mich alle – bis auf Vater und Cole – mieden oder mich verachtend musterten, wenn sie mich sahen? Behandelte Kendra mich deshalb so kühl, weil ich.....etwas Anderes war?

Ein weiteres Mal fragte ich mich, ob die Drake´s tatsächlich meine Familie waren. Ich musste unbedingt mit meinem Vater sprechen. Ich musste die Wahrheit herausfinden...

 

Kapitel 2

 

Kapitel 2

 

Cole und ich erreichten die Brücke des Schlosses. Die Wachposten musterten mich entsetzt von oben bis unten, aber sie sprachen kein einziges Wort. Verdammt! Ich hatte gar nicht mehr darüber nachgedacht, dass ich von oben bis unten mit Blut beschmiert war!

Die Wachen öffneten die Tore von Corvin Castle und ich lief mit Cole in die Eingangshalle. Ich musste unbemerkt in mein Zimmer gelangen – und mich dort im Badezimmer unbedingt von den Spuren meines kleinen Massakers reinwaschen! Doch soweit kam es gar nicht erst. Wir liefen sofort meinem Vater, Kendra, meinen Geschwistern – und Victor Blake in die Arme, in dessen Augen sofort wieder die Missbilligung aufflammte, als er mich sah. Er wollte etwas sagen, aber da warf sich mein Vater schon vor mir auf die Knie und umfasste sanft meine Schultern. Seine Augen jedoch waren vor Entsetzen geweitet.

„Kayra! Was ist passiert? Wieso klebt überall Blut an dir? Wurdest du angegriffen?“

Seine Stimme zitterte förmlich vor Panik.

„Ich bin einem Werwolf begegnet, Vater...“, erwiderte ich kleinlaut und senkte den Blick. Ich hörte, wie Vater erschrocken die Luft einsog.

„Hat er dich angegriffen??!“

Ich schüttelte den Kopf, dann nickte ich.

„Nein....Ja.....Zuerst schon, aber dann ließ er von mir ab.....“

Vater musterte mich von Kopf bis Fuß, während seine Augen noch immer vor Schreck aufgerissen waren.

„Ich sehe keine Verletzungen, Kayra....Woher kommt das ganze Blut?“

Ich blickte ihn an und schluckte hart.

„Vater....das Blut ist von einem Kaninchen, das ich gerissen habe.....“

Ich erzitterte innerlich, als ich das aufgeregte Raunen der anderen Vampire um uns herum vernahm – und ich richtete meinen Blick auf sie alle. Ich musterte sie regelrecht mit Verachtung in den Augen! Sie alle hatten ein Geheimnis vor mir! Und ich wollte endlich die Wahrheit wissen! Gehörte ich zu dieser Familie, oder nicht?

„Ja!“, rief ich. „Ich weiß, dass ich anders bin als ihr!“

Dann richtete ich meinen Blick wieder auf meinen Vater, der mich noch immer erschrocken ansah.

„Vater......irgendetwas stimmt mit mir nicht! Und ich muss wissen, was es ist!“

Er seufzte und ließ die Schultern hängen.

„Marius“, schaltete sich die kühle Stimme Kendra Drake´s ein. „Es ist an der Zeit, dass sie es erfährt...“

Er warf seiner Frau einen Blick zu und nickte dann schließlich.

„Komm, Kayra....Ich werde dir alles erklären....“

Er erhob sich und streckte mir seine Hand hin, die ich zögerlich ergriff. Ich war innerlich so verwirrt. War er überhaupt mein Vater? Wer waren alle diese Vampire, um mich herum, von denen ich immer gedacht hatte, sie wären meine Familie? Ich fühlte mich so fremd unter ihnen – und das, seit ich denken konnte.

Ich ließ mich von Vater hinauf in mein Zimmer führen, wo er mich allerdings zu erst in das angrenzende Badezimmer bugsierte.

„Bitte nimm erst ein Bad, Kleines....Danach werde ich dir alles erzählen....“

Widerwillig kam ich der Bitte meines Vaters nach...

 

 

Als ich schließlich eine halbe Stunde später, gewaschen und in frischer Kleidung, auf meinem Bett saß, betrat mein Vater mit schuldbewusster Miene mein Zimmer. Er hielt etwas in den Händen, das wie ein Stück Papier aussah. Wortlos ließ er sich neben mir nieder und überreichte mir das zusammengefaltete Schriftstück, während ich ihn fragend musterte.

„Lies das, meine Tochter.....Dann wirst du die Antworten auf all deine Fragen erhalten....“

Zögernd und mit zitternden Händen begann ich, den Brief auseinanderzufalten. Die Schrift darauf war fein.....und ließ vermuten, dass die Worte von einer Frau geschrieben worden waren. Ich begann zu lesen.

Dragul meu Marius...

 

Mein liebster Marius,

 

wenn du diese Zeilen liest, dann bin ich bereits tot.

Dieses Baby, das dir meine engen Vertrauten am heutigen Tage überreichen, ist unsere Tochter. Ihr Name ist Kayra.

Ich übergebe sie dir nicht, um Schande über dich zu bringen. Ich gebe sie in deine Hände, weil ich weiß, dass du sie lieben wirst. So, wie du mich geliebt hast. Zumindest für eine kurze Zeit. Dieses Kind ist die Frucht unserer kurzen, aber leidenschaftlichen Liebe.

Bitte versprich mir, dass du sie beschützen wirst. Versprich mir, dass du sie mit Liebe überhäufen wirst – weil ich es nicht mehr kann. Mir läuft die Zeit davon, mein Ende ist nah....

Ich wünschte, wir hätten eine gemeinsame Zukunft haben können, aber Blut ist nun einmal dicker als Wasser....Ich werde für mein Vergehen büßen. Ich werde diese Nacht vermutlich nicht überleben.

Kayra kann für dieses Vergehen nichts. Sie ist nur ein unschuldiges Kind, das es verdient, geliebt zu werden.

 

In Liebe, V.

 

 

Meine Hände zitterten noch immer, als ich den Brief zu Ende gelesen hatte. Ich starrte die Worte an, versuchte, sie zu verstehen. Zu begreifen, was ich seit jeher geahnt hatte. Kendra Drake war nicht meine Mutter. Danica, Vasilica, Julian und Marcus nicht meine Geschwister. Aber Marius......er war tatsächlich mein Vater.

„Nun kennst du die Wahrheit, Kayra......“, sagte er und sah mich betrübt an.

„Das ist ein Brief von meiner Mutter....“, stellte ich fest, so als wollte ich mir diese Tatsache noch einmal mit laut ausgesprochenen Worten begreiflich machen. Tränen bahnten sich einen Weg in meine Augen. „Und sie ist tot......“

Vater nickte.

„Sie ist meinetwegen gestorben...“, flüsterte ich und schluckte. Dann blickte ich meinen Vater entschlossen an. „Aber jetzt weiß ich, warum mich jeder so abweisend behandelt. Ich trage das Blut unserer Feinde in mir. Ich bin zur Hälfte Werwölfin, nicht wahr??“

Ich schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

„Deshalb hassen mich alle!“, schluchzte ich. Vater legte seinen Arm um meine Schultern und zog mich zu sich heran.

„Das stimmt nicht. Nicht alle hassen dich. Ich liebe dich über alles, meine kleine Kayra....“

Ich hob den Kopf und blickte ihn mit tränenverschleierten Augen an. Ich glaubte seinen Worten. Ich wusste, dass er die Wahrheit sprach.

„Du bist das Wertvollste in meinem Leben. Von all meinen Kindern bist du mein Liebstes“, sagte er und strich mir mit beiden Händen über die Wangen. Dann zwinkerte er mir zu. „Aber lass das auf keinen Fall deine Geschwister hören“

Ich unterdrückte ein Lachen und schmiegte mich an seinen Körper. Natürlich wusste ich, dass er Danica, Vasilica, Julian und Marcus genauso sehr liebte. Aber meine Halbgeschwister waren bereits ausgewachsene Vampire. Marcus war mit Zwanzig der Älteste, Julian war Achtzehn, Danica Sechzehn und Vasilica Vierzehn. Ich mochte meine Geschwister und ich hatte immer versucht, Zeit mit ihnen zu verbringen. Aber da sie viel älter als ich waren, konnten sie mit einem Kind wie mir einfach nichts anfangen. Außerdem hielt Kendra sie stets auf Abstand zu mir. Nun ahnte ich auch, weshalb sie so distanziert zu mir waren. Zum Einen, weil ich ein uneheliches Kind war, das aus der Affäre zwischen meinem Vater und dieser Werwölfin enstanden war. Und zum Anderen, weil Kendra darüber sehr traurig gewesen sein musste und sie ihre Kinder vermutlich beeinflusst hatte.

Ich drückte mich ein wenig enger an meinen Vater.

„Wir bleiben auf ewig zusammen, nicht wahr?“, fragte ich und ich spürte, dass er nickte.

„Natürlich bleiben wir das....“

 

 

 

 

Als ich in der nächsten Nacht erwachte, war ich noch immer todmüde. Ich hatte nicht sonderlich gut geschlafen. All die Dinge, die sich mir offenbart hatten, schwirrten in meinem Kopf herum und ließen mich kein Auge zu tun. Irgendwann war ich schließlich doch in einen traumlosen Schlaf gefallen. Aber als ich die Augen aufschlug, kehrte die Erinnerung daran zurück, was mir in der Nacht zuvor passiert war. Die Begegnung mit dem Werwolf, mein plötzlich erwachter Hunger nach Fleisch......Ich war selbst zur Hälfte Werwölfin. In mir floss zur Hälfte das Blut unserer Feinde. Machte mich das auch zu einem Feind der Vampire?

Seufzend wälzte ich mich schließlich aus dem Bett, ließ meine nackten Füße in meine Pantoffeln gleiten und machte mich auf die Suche nach meinem Vater. Er musste bereits wach sein.

Ich lief den langen Flur entlang zum Gemach meiner Eltern. Besser gesagt, zu dem Zimmer meines Vaters und Kendra. Bevor ich anklopfen konnte, drangen die Stimmen der beiden durch die Tür zu mir durch.

„....und das ist nur der Anfang, Marius!“, empörte sich Kendra. „Nun ist das Verlangen in Kayra erwacht. Ihre andere Seite ist nach Außen gedrungen! Du weißt, wie stark der Hunger der Werwölfe bei Vollmond wird. Gestern hat sie nur ein Tier gerissen, aber überlege nur: Was ist, wenn sie einen von uns irgendwann angreift?Was, wenn ihr Werwolf-Anteil in ihr stärker wird? Dann liegt es ihr im Blut, die Vampire zu hassen! Bist du nun immer noch der Ansicht, dass es gut war, sie aufzunehmen? Du hättest sie direkt töten sollen, als man sie vor dieser Schwelle ablegte!“

Was ist, wenn sie einen von uns irgendwann angreift??

Warum sollte ich das tun? Ich würde niemals jemandem hier etwas tun.....Wie konnte Kendra das von mir denken?

„Kendra.....Kayra ist ein Kind! Ganz egal, welches Blut in ihren Adern fließt. Ich glaube nicht, dass sie ihr Werwolf-Anteil stärker ist. Sie hat sich noch niemals in einen Werwolf verwandelt, Kendra“, gab Vater ruhig und sachlich zurück. „Ich weiß, dass du sie hasst, aber ich konnte sie nicht töten! Sie ist ein Teil von mir....“

„Und von dieser Werwolf-Frau, Marius! Weißt du, wie ich mich damals gefühlt habe, als dieses Baby hier her gebracht wurde? Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich! Und das ist es immer noch jedes Mal, wenn ich sie Nacht für Nacht anblicken muss! Aber das ist dir egal!“

Ich hörte, wie mein Vater resigniert seufzte.

„Kendra.....Ich weiß, welchen Schmerz es dir bereitet. Und es tut mir Leid....Ich weiß, dass ich Schande über uns gebracht habe. Aber was hättest du an meiner Stelle getan?“

Kendra schnaubte verächtlich.

„Ich hätte es niemals soweit kommen lassen, Marius! Es ist wieder die Natur, sich mit dem Feind einzulassen! Und dazu noch die Blutlinien miteinander zu vermischen! Werwölfe und Vampire erhalten sich stets ihre Reinblütigkeit! Kayra ist eine Schande für beide Rassen! Sie ist ein Mischblut. So etwas sollte es nicht geben! Und sieh nur, was nun geschehen ist: Ein Werwolf hat sie gefunden! Er hat sie nicht angegriffen, aber ich bin mir sicher, dass er ihre Witterung verfolgen wird. Sie wird die Werwölfe direkt hier her führen!“

„Du tust ihr Unrecht, Kendra!“ Die Stimme meines Vaters klang herrisch. „Was kann sie dafür, dass ich damals schwach wurde? Was kann Kayra für mein Vergehen? Es ist nicht ihre Schuld. Und du solltest sie auch nicht so behandeln! Für Kayra wäre es wichtig gewesen, die Liebe einer Mutter zu erfahren. Aber du warst und bist nicht bereit, über den Tellerrand zu blicken und einfach nur ein liebenswertes, kleines Mädchen in ihr zu sehen!“

„Wieso denkst du denn, haben die Werwölfe sie damals zu uns abgeschoben? Denk doch einmal genau nach! Sie konnten die Schande ebenso wenig ertragen! Und obendrein wollten sie uns vermutlich den Makel aufdrücken, damit ein jeder Vampir sieht, welch Unheil du und diese Frau über uns alle gebracht habt!“

Vater stieß scharf die Luft aus.

„Ich will nicht mehr darüber diskutieren, Kendra! Ich habe genug von diesem Gespräch!“

Dann hörte ich, wie er hastig auf die Tür zu lief. Bevor ich weglaufen konnte, hatte er bereits die Tür aufgerissen und blickte mich mit vor Schreck geweiteten Augen an.

„Kayra...“, hauchte er. „Wie lange stehst du schon da?“

Ich erhaschte einen Blick auf Kendra hinter ihm, die mit verschränkten Armen und finsterer Miene am Fenster stand. Aus ihren Augen sprach der pure Hass, als sich unsere Blicke kreuzten. Vater schloss die Tür hinter sich und kniete sich zu mir herab.

„Es tut mir Leid, dass du dieses Gespräch mit anhören musstest....“

Ich hob gleichgültig die Schultern.

„Ich weiß doch schon lange, dass sie mich hasst.....Es endlich aus ihrem Munde gehört zu haben, macht es einfacher für mich, es zu akzeptieren....Aber ich bin nicht wie der Feind, Vater...Ich würde niemals einen von euch angreifen....“

Vater verzog die Lippen, während die Wehmut in seine Augen trat.

„Du bist auch eine von uns, Kayra. Zwar nur zur Hälfte, aber du bist auch eine Vampirin.....Du gehörst zu uns...“

Ich seufzte.

„Das sehen die Anderen nicht so.....Sie alle verachten mich. Kendra, Danica, Vasilica, Julian und Marcus......Victor, Kraven und Thomas....Ich spüre es ganz genau. Sie hassen mich alle....“

Vater strich mir sanft über die Wange.

„Dann musst du ihnen beweisen, dass du wirklich zu uns gehörst, Kayra. Du bist ein Teil der Dracu´s , der Familie der Ur-Vampire. In dir fließt auch das alte Blut deiner Ur-Ur-Großeltern Ileana und Tudor....“

„Was ihr allerdings nicht viel nützen wird!“

Erschrocken drehte ich mich um und blickte direkt in das verkniffene Gesicht von Victor Blake. Die Blake´s waren noch hier? Hatten sie hier geschlafen?

Vater erhob sich und ein bedrohlicher Ausdruck trat in seine Augen.

„Was willst du damit sagen, Victor?“

Dieser verschränkte die Arme vor der Brust und schmunzelte genüsslich.

„Deine Tochter wird ein einsames Leben führen, Marius. Sie wird ihr Leben lang unverheiratet bleiben“

Vater verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.

„Wie kommst du darauf, Victor?“

Victor hob das Kinn an und sein Blick wirkte herablassend.

„Denkst du denn wirklich, dass sich einer unserer reinblütigen Vampire jemals mit ihr einlassen wird? In ihren Adern fließt schmutziges Blut! Kein männlicher Vampir, der etwas auf sich hält, wird sich freiwillig mit ihr einlassen, da sie ihm keine reinblütigen Nachkommen schenken können wird“

Vater schnaubte.

„Ich glaube, das ist nun nicht der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch wie dieses, Victor. Kayra ist gerade einmal acht Jahre alt! Außerdem steht es dir nicht zu, über ihre Zukunft zu entscheiden!“

Victor hob die Brauen.

„Vielleicht steht es mir als Einzelperson nicht zu, das mag stimmen. Aber was ist mit der Meinung deiner Berater und Anhänger? Sie alle sind sich einig, dass Kayra das einzige Mischblut dieser Welt sein wird. Es wird ihr verboten sein, sich unter den Vampiren fortzupflanzen!“

Ich stand da und verstand überhaupt nichts von dem, was Victor da erzählte. Aber er wirkte sehr entschlossen und auch....furchteinflößend auf mich. Ich mochte ihn nicht. Er machte mir Angst. Cole hatte so überhaupt nichts von ihm. Er war ganz anders als sein Vater. Er war mein bester Freund und ich war mir sicher, dass er mich so akzeptierte, wie ich war....

„Du wirst dich dem beugen müssen, Marius. Auch, wenn du unser Oberhaupt bist. Aber wir wollen nur das Beste für unsere Rasse“ Seine Augen richteten sich auf mich und ich erschauderte ein weiteres Mal unter der Kälte seines Blicks.

Vater musterte ihn schweigend, aber ich spürte, dass er innerlich in Rage war. Dann sah er mich an und sagte:

„Kayra. Geh und sieh nach Cole. Er wartet sicher schon auf dich, um mit dir zu spielen“

Zögerlich nickte ich und machte mich auf die Suche nach meinem besten Freund.

Dann musst du ihnen beweisen, dass du wirklich zu uns gehörst, Kayra. Du bist ein Teil der Dracu´s , der Familie der Ur-Vampire. In dir fließt auch das alte Blut deiner Ur-Ur-Großeltern Ileana und Tudor....

Vater´s Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, während ich den Korridor entlang lief, der hinab in die Eingangshalle führte. Er hatte mir in der Vergangenheit oft von meinen Ur-Ur-Großeltern erzählt. Es hieß, dass sie die ersten Vampire dieser Welt waren und sie hatten eine besondere Fähigkeit: Ileana und Tudor konnten ihre Gestalt verändern und wenn sie sich verwandelten, ähnelten sie übergroßen, menschlichen Fledermäusen mit riesigen Schwingen! Ich hatte sie niemals kennengelernt, da sie bereits vor meiner Geburt starben.

Ich wusste, es gab nur einen Weg, zu Anerkennung in diesem Clan zu gelangen. Ich musste ihnen wirklich beweisen, dass ich mehr Vampirin, als Werwölfin war. Vielleicht würden sie dann endlich aufhören, mich wie einen Schandfleck zu behandeln. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass Victor sich seine Meinung schon lange über mich gebildet hatte, ebenso wie Kendra.....

Als ich in der Empfangshalle ankam, erblickte ich Cole, der sofort auf mich zukam – gefolgt von Luciana, seiner Mutter, die ihn am Arm zurückhielt.

„Nicht, Cole! Halte dich nicht in Kayra´s Nähe auf!“

Cole riss sich aus dem Griff seiner Mutter los.

„Sie ist meine beste Freundin, Mutter! Wieso soll ich nicht mehr mit ihr spielen?“

„Weil sie anders ist! In ihr schlummert ein anderes Monster!“

Ich ballte meine kleinen Hände zu Fäusten. Also hatte Kendra Luciana auch bereits gegen mich aufgebracht! Oder Victor.....

Luciana´s Blick richtete sich auf meinen Hals, um den ich die Kreuz-Kette trug, die Cole mir gestern zum Geburtstag geschenkt hatte. Entsetzen machte sich auf ihren sonst so feinen und freundlichen Zügen breit. Sie streckte ihren Zeigefinger aus und deutete damit auf mich:

„Was ist das denn?? Das ist meine Kette! Wie kommst du dazu, sie zu tragen?? Hast du sie gestohlen?? Antworte!“

Ich stand da und starrte sie mit großen Augen an. Dann warf ich Cole einen missbilligenden Blick zu. Ehe ich etwas sagen konnte, schaltete er sich ein.

„Kayra hat deine Kette nicht gestohlen, Mutter!“ Dann senkte er schuldbewusst den Blick. „Ich war es....“

Luciana hob ihre rechte Hand und verpasste ihrem Sohn eine Ohrfeige.

„Wie kannst du es wagen??!“, schimpfte sie ihn und er hielt sich schützend die Arme vors Gesicht, um nicht einen weiteren Schlag seiner Mutter einstecken zu müssen. Ich hatte Luciana noch nie so grausam im Umgang mit Cole erlebt.....Mir schnürte sich die Kehle zu bei diesem Anblick. Wie verängstigt Cole gerade zu vor seiner Mutter stand. Ich konnte das Zittern seines Körpers beinahe am eigenen Leib spüren.

„Ich wollte ihr Geschenk zu ihrem Geburtstag machen......Es tut mir Leid...“, wimmerte er.

„Indem du mich bestiehlst??“, wetterte seine Mutter und war dabei, erneut mit der Hand auszuholen. Aber ich stellte mich dazwischen und breitete die Arme zu beiden Seiten aus.

„Nein, bitte nicht! Bitte schlagt ihn nicht mehr!“ Schnell zog ich die Kette über meinen Kopf und hielt sie ihr hin. „Ich gebe sie Euch zurück! Aber hört bitte auf, Cole wehzutun! Er hatte keine bösen Absichten!“

Mit einem verächtlichen Blick entriss Luciana mir die Kette, dann packte sie Cole am Arm, um ihn hinter sich her zu ziehen.

 

 

 

 

 

Kapitel 3

 

Kapitel 3

 

 

 

Ein paar Nächte später waren die Blake´s abgereist nach England. Ich hatte Cole nicht mal verabschieden können. Er tat mir furchtbar Leid und ich war noch immer erschüttert darüber, wie Luciana ihn behandelt hatte. Und nur, weil er ihre Kette genommen hatte.....Wobei ich mir sicher war, dass Kendra genauso reagierte, wenn ich ihr etwas gestohlen hätte. Aber ich war auch nicht ihr leibliches Kind. Cole hingegen war Victor´s und Luciana´s einziger Sohn.....

Während ich darüber nachgrübelte, stand ich am Fenster im Thronsaal und blickte verstohlen hinaus. Vater hatte sich erneut mit seinen Beratern in den Turm zurückgezogen, während der Rest meiner Familie hatte sich an der großen Tafel hinter mir versammelt, wo wir vor ein paar Minuten gerade zu Abend gegessen hatten. Ja, wir Vampire aßen auch normales Essen. Wir ernährten uns nicht nur von Blut. Allerdings wurden wir von menschlichem Essen nicht wirklich satt, aber es machte Spaß, all diese Köstlichkeiten zu verspeisen.

Da Danica, Vasilica, Julian, Marcus und Kendra mir keinerlei Beachtung schenkten, was sie ja ohnehin sehr selten bis gar nicht taten, entschied ich mich dazu, nach oben in mein Zimmer zu gehen, um in einem Buch zu lesen. Das war meine Art, aus der Realität zu flüchten. Doch bevor ich den Thronsaal verlassen konnte, hielt ich inne. Etwas stimmte nicht. Ich vernahm einen Geruch, der mir bekannt vor kam, aber er war sehr viel stärker als beim letzten Mal.

Werwölfe!, schoss es mir durch den Kopf.

Im nächsten Augenblick vernahm ich eilige Schritte, die von oben kamen und erblickte meinen Vater mit seinen Beratern im Schlepptau, die mit panischen Mienen die Treppen herab eilten.

„Wir müssen verschwinden!“, rief mein Vater. Ich blickte ihn irritiert an. Wieso? Lag es an den Werwölfen? Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, brach vor den Toren des Schlosses ein Tumult los! Ein ohrenbetäubendes Poltern war von außen gegen das Burgtor zu hören! Vermutlich versuchten sich mehrere Leute, mit einem Rammbock Zugang zu Corvin Castle zu verschaffen! Alle redeten auf einmal durcheinander, alle rannten wie wild umher......

Raphael Santoro! Raphael Santoro!

Dieser Name drang mir ein paar Mal aus dem Stimmenwirrwarr ans Ohr. Wer war das? War er da draußen?

Aus reiner Neugier lief ich zum Fenster und spähte in den Burghof hinab. Meine Augen weiteten sich vor Schreck, als ich sie alle dort draußen sah. Die Werwölfe! Es mussten an die Tausend sein! Ich erkannte deutlich das dunkle Fell, die langen Schnauzen, die Klauen und scharfen Zähne! Nur einer von ihnen schien kein Werwolf zu sein, oder er hatte sich nicht verwandelt. Er führte die Gruppe an, hatte breite Schultern, die zu einem muskulösen Körper gehörten, der in einer schweren Rüstung steckte, schulterlange, dunkle Haare und markante, von einem dunklen Bart umrandete Gesichtszüge.

„Komm da weg, Kayra!“, rief mein Vater, packte mich an der Hand und zog mich hinter sich her.

„Papa! Was ist denn los??“

Er antwortete mir nicht, sondern führte mich, zusammen mit Kendra und seinen anderen Kindern, in den Keller des Schlosses. Von dort führte ein geheimer Gang nach draußen, wo bereits mehrere geschlossene Kutschen mit dicken Eisenplatten vor ihren Fenstern auf uns warteten, in die die Berater meines Vaters eingestiegen waren. Vater ließ zuerst seine Frau und meine Halbgeschwister einsteigen, dann schubste er mich ebenfalls hinein und folgte schließlich als Letzter. Dann gab er dem Kutscher Anweisung loszufahren.

„Wo fahren wir hin??“, fragte ich ein weiteres Mal.

„Weg von hier, Liebes...Weit weg....Wir fahren nach England. Zu Cole!“

Meine Miene hellte sich auf.

„Wirklich? Wir fahren zu Cole?“

Vater nickte und nahm mich in die Arme.

„Ja, dort werden wir vor den Werwölfen erst einmal in Sicherheit sein....“

Nach einer Weile war ich wohl eingenickt, aber die aufgeregte Stimme von Kendra riss mich wieder aus dem Schlaf. Allerdings hielt ich meine Augen noch immer geschlossen. Obwohl Kendra leise sprach, konnte ich jedes Wort verstehen.

„Habe ich dir nicht gesagt, wozu all das führt, Marius?“, zischte sie. „Es ist gekommen, wie ich es dir prophezeit habe! Kayra hat die Werwölfe zu uns geführt – und deshalb mussten wir nun unser schönes Zuhause verlassen!“

 

 

Die Reise dauerte mehrere Nächte, da sich die Kutscher bei Tag ebenfalls in die Kutschen zurückziehen mussten, um nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt zu sein. Wir durchquerten Ungarn, Österreich und Deutschland, bis wir schließlich die Grenze zu Frankreich erreichten. Dort war Calais das nächste Ziel, von wo uns ein Schiff nach England bringen würde. Mittlerweile hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Ich wusste nicht, seit wie vielen Nächten wir bereits unterwegs waren, als wir den Hafen von Dover erreichten, wo ein weiterer Konvoi von Kutschen auf uns wartete, der uns nach Hever Castle, dem Sitz der Blake´s bringen sollte.

Das Schloss lag in der Nähe des Dorfes Hever und war, wie man sagte, einst der Landsitz der Familie Boleyn gewesen. Ja, ganz richtig. Es war das Herrenhaus der berühmten englischen Königin Anne Boleyn gewesen, die König Heinrich den VIII heiratete – und von ihm des Hochverrats bezichtigt und hingerichtet wurde. Nachdem die Boleyn´s alle verstorben waren, übereignete Heinrich der VIII das Haus an seine vierte Ehefrau Anna von Kleve, die allerdings nur kurze Zeit darin hauste. In den darauffolgenden Jahren wechselte Hever Caslte mehrmals die Besitzer – bis die Blake´s es schließlich kauften und seither dort wohnten. Das Schloss besaß einen 1,6 Hektar großen ummauerten Garten im italienischen Stil. Ein künstlich angelegter See war rings um Hever Castle zu sehen, den man über eine Brücke überqueren musste, um zum Hauptor zu gelangen, dessen Fassade mit wildem Efeu bewachsen war.

„Marius!“, schlug uns die Stimme von Victor Blake entgegen, als wir aus den Kutschen gestiegen waren und jene Brücke überquerten. Er blickte uns irritiert an, denn er war wohl nicht auf einen Besuch unsererseits vorbereitet. „Was tut ihr alle hier?“ Sein Blick wanderte in meine Richtung und veranlasste mich dazu, mich unwillkürlich hinter meinem Vater zu verstecken. Ich fühlte mich schon jetzt wieder unwohl in seiner Gegenwart.

„Victor....Wir mussten aus Corvin Castle fliehen. Raphael Santoro und sein Werwolf-Rudel wollten das Schloss angreifen“, erwiderte mein Vater.

Victor verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, noch immer den Blick auf mich gerichtet.

„Wieso wollte er Corvin Castle angreifen?“

Ich wusste genau, was er dachte. Er war derselben Meinung wie Kendra. Es war meine Schuld, weil ich die Werwölfe auf unsere Spur gebracht hatte.

„Ich weiß es nicht, Victor“, gab Vater zu, was seinem engsten Berater ein verächtliches Schnauben entlockte.

„Ich kann es mir denken, Marius....“, knurrte er. Vater hielt schützend einen Arm vor mich, weil auch er bereits verstanden hatte, worauf Victor anspielte.

„Es ist nicht Kayra´s Schuld....“

Victor´s Blick verfinsterte sich.

„Natürlich ist es das. Hätte sie nicht die Aufmerksamkeit der Werwölfe auf sich gezogen, hätten sie Corvin Castle vermutlich nicht angreifen wollen!“ Er stieß scharf die Luft aus.

„Victor......Ich bin zu dir gekommen, weil du mein engster Freund und Berater bist. Und meine Familie benötigt nun deinen Schutz.....“, erwiderte mein Vater.

Der Älteste der Blake´s blickte ein weiteres Mal verachtend in meine Richtung. Es schien ihm überhaupt nicht zu gefallen, dass ich hier war. Ich war ihm seit jeher ein Dorn im Auge gewesen und es passte ihm auch nicht, dass ich mich so gut mit Cole verstand. Doch er schien letzten Endes einzulenken. Es blieb ihm nichts Anderes übrig.

„In Ordnung, Marius. Kommt alle rein“

 

 

Kaum hatten wir einen Fuß in die Hallen von Hever Castle gesetzt, stürmte Cole voller Freunde auf mich zu, stoppte aber abrupt ab, als Luciana neben ihm erschien und ihm einen warnenden Blick zu warf, was ihn dazu veranlasste, an Ort und Stelle zu verharren.

„Kayra....“, sagte er. „Was machst du denn hier?“

Ich rang mich zu einem Schmunzeln durch.

„Das erkläre ich dir später....“, antwortete ich und warf einen prüfenden Blick in Luciana´s Richtung. Wenn sie es denn zulassen würde, dass wir Zeit alleine miteinander verbrachten.

Victor ließ für uns alle Zimmer herrichten und zu meiner Überraschung bekam ich sogar ein eigenes nur für mich. Freiwillig hätte er dies sicherlich nicht getan, aber er unterstand meinem Vater und musste ihm Folge leisten. Vermutlich hätte er mich am Liebsten in den Keller gesperrt und niemals mehr herausgelassen.

Ich saß auf meinem Bett und starrte das Fenster an, das mit einem schweren Eisenbeschlag verriegelt war, damit das Licht des in Kürze anbrechenden Tages nicht in die Gemäuer des Schlosses dringen konnte. Vater und Kendra hatten natürlich ihr eigenes Zimmer, welches gleich neben meinem lag. Danica und Vasilica, sowie Julian und Marcus teilten sich jeweils ein Gemach.

Ich war gerade im Begriff, die Decke über mich zu ziehen, als es zaghaft an meiner Tür klopfte.

„Herein?“

Die Tür öffnete sich und zu meiner Überraschung betrat Cole das Zimmer, den Blick schuldbewusst auf mich gerichtet, was mich dazu veranlasste, mich im Bett wieder aufzusetzen.

„Cole.....“, sagte ich. „Was machst du denn hier? Du bekommst noch Ärger mit deiner Mutter und deinem Vater, wenn sie herausfinden, dass du hier bei mir bist....“

Er setzte sich auf den Rand meines Bettes und hob gleichgültig die Schultern.

„Das ist mir egal, Kayra.....Ich bin es eh gewohnt, Schläge von meiner Mutter einzustecken....“

Mir zog sich die Magengegend zusammen. Also war es damals nicht das erste Mal gewesen, dass sie ihn geschlagen hatte. Wie grausam....Warum tat Luciana Blake das? Warum verletzte sie ihr Kind?

Ich tastete nach seiner Hand, deren Finger sich zögerlich um meine schlossen.

„Es tut mir Leid, dass du Ärger bekommen hast wegen der Kette, Cole.....Versprich mir, dass du so etwas nie mehr tust. Nicht für mich, hörst du? Deine Eltern verachten mich so schon genug. Man muss ihnen nicht noch mehr Gründe dafür liefern....“

Cole ließ die Schultern hängen.

„Du hast Recht, Kayra.....Aber ich wollte dir unbedingt etwas zu deinem Geburtstag schenken....“

Irgendetwas schmolz in mir, als ich ihn diese Worte sagen hörte und ich nicht anders konnte, als meine Arme um ihn zu schließen und meinen Kopf auf seinen schmalen Schultern abzulegen.

„Ach, Cole......Deine Anwesenheit an meinem Geburtstag war mir bereits das schönste Geschenk...“

Abgesehen von dem Verlangen nach Blut und Fleisch, der in jener Nacht in mir erwacht war. Ein flaues Gefühl breitete sich in mir aus, als ich daran dachte, dass in Kürze ein weiterer Vollmond bevorstand. Würde ich dann dieses verzehrende Verlangen nach Fleisch wieder in mir spüren? Was, wenn ich wieder etwas Abscheuliches anrichtete? Was, wenn sich die Befürchtungen des Clans bewahrheiteten und ich tatsächlich einen der Vampire angriff? Was, wenn ich Cole angriff? Abrupt löste ich mich von ihm und sah ihm starr in die Augen, was ihn dazu veranlasste, die Brauen zu heben.

„Was hast du?“, wollte er wissen und blickte mich fragend aus seinen eisblauen Augen an.

„Cole....Ich bin vielleicht wirklich gefährlich......“, sagte ich und wandte mich von ihm ab. „Vielleicht solltest du tatsächlich keine Zeit mehr mit mir verbringen....Irgendetwas ist in der Nacht meines achten Geburtstags mit mir passiert und ich weiß nicht, ob es vielleicht noch schlimmer wird in Zukunft.....“ Ich seufzte. „Ich habe Angst, dich zu verletzen....Womöglich ist es besser, du hältst dich von mir fern. Vielleicht hat deine Mutter sogar Recht....“

Zu meiner Verwunderung legte er die Arme um mich und zog mich an sich heran.

„Kayra.....Du bist und bleibst meine Freundin. Ich vertraue dir, dass du mich niemals verletzen wirst.....Ich will mich nicht von dir fernhalten. Ich hab dich unendlich gerne....“

Diese Worte veränderten alles. Sie veränderten meine Gefühlsleben und die Art, wie ich Cole in Zukunft sehen sollte.....

 

 

Hever Castle

1734

 

Bereits sechs Jahre waren vergangen, seit wir Corvin Castle verlassen und uns auf dem Landsitz der Blake´s niedergelassen hatten. Inzwischen war ich vierzehn Jahre alt und auch Cole wuchs allmählich zu einem jungen Mann heran. Und je älter wir beide wurden, desto mehr fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Seine kindlichen Züge waren maskuliner geworden, ebenso sein ganzer Körperbau. Er verbrachte viele Stunden im Untergeschoss von Hever Castle, um dort im Schwertkampf ausgebildet zu werden. Meine Halbgeschwister trainierten mit ihm zusammen. Nur mich bezog man nicht ein, – was mich eigentlich nicht hätte wundern dürfen.

In den letzten sechs Jahren hatten sowohl Kendra, meine Halb-Geschwister, als auch die Blake´s mich wie Luft behandelt. Und auch das verwunderte mich nicht weiter. Womöglich würde sich daran nie etwas ändern. Doch ich verbrachte viel Zeit mit meinem Vater. Wir spazierten bei Nacht durch den Garten oder ließen uns in dem Pavillon nieder, der im palladischen Stil erbaut worden war und als Loggia fungierte, von der man einen Blick auf den See hatte. Die Mauer der Loggia war im pompejanischen Stil gestaltet worden, die Nischen und Rotunden für Statuen, und andere in Rom geplünderte archäologische Funde, aufwiesen. Wie Victor Blake an all diese Dinge gekommen war, vermochte ich nicht zu sagen. Es war mir auch nicht wichtig.

Auch heute war eine dieser wunderschönen, lauen Sommernächte, die ich mit meinem Vater in der Loggia verbrachte. Uns einen Rotwein gönnend, saßen wir auf edlen Stühlen an einem Tisch und blickten auf den Brunnen vor der Loggia, dessen Wasser beruhigend vor sich hin plätscherte.

„Es ist schön hier, nicht?“, fragte Vater nach einem langen Moment der Stille zwischen uns. Ich nickte und nahm einen Schluck von dem Wein. Ja, Hever Castle war wahrlich ein schöner Ort, doch es gab Zeiten, in denen ich Corvin Castle sehr vermisste. Ich vermisste die hohen Berge der Karpaten, einfach alles. Denn obwohl Hever Castle eine gemütliche und einladende Atmosphäre verströmte, wehte doch ein kühler Wind durch die Gemäuer. Es lag an Victor Blake , seiner Frau und seinen Brüdern, in dessen Nähe ich mich immerzu unwohl fühlte. Auch wenn sie uns keine Gesellschaft leisteten, wie gerade in diesem Augenblick. Der einzige Lichtblick hier für mich war, dass ich mit Cole Zeit verbringen konnte. Auch, wenn es Victor und Luciana noch immer nicht gerne sahen. Doch es schien ihm egal zu sein. Er setzte sich darüber hinweg. Inzwischen musste Luciana damit aufgehört haben, ihn regelmäßig zu schlagen. Zumindest hatte ich es nicht mehr mitbekommen und seit er zu einem jungen Mann mit breiten Schultern heranwuchs, schien sie endlich Respekt vor ihm zu haben. Ich wusste, dass Cole unter enormem Druck stand, seinem Vater und seiner Mutter gerecht zu werden. Er war ihr einziger Nachkomme und würde irgendwann in die Fußstapfen von Victor als Berater meines Vaters treten. Allerdings war es fraglich, ob dies jemals eintreffen würde. Denn wir Vampire waren unsterblich. Jedoch hatte uns die Vergangenheit gelernt, dass auch wir nicht unverwundbar waren. Obwohl wir in den letzten Jahren auf keine Werwölfe mehr trafen, hatte es in der Vergangenheit mehrere verheerende Kriege zwischen ihnen und den Vampiren gegeben. Das war vor meiner Geburt geschehen. Der König der Werwölfe, dessen Hauptsitz sich in Lissabon befand, hatte einst ein ganzes Heer nach Europa entsendet, um die Vampir-Fürstentümer dem Erdboden gleich zu machen. Seit jeher hatte ein Krieg zwischen beiden Rassen getobt. Und es würde sicherlich immer wieder dazu kommen.

„Du bist sehr still, Kayra...“, bemerkte Vater und musterte mich fragend. „Was geht in deinem hübschen Köpfchen vor sich?“

Ich seufzte und stellte mein Glas auf dem Marmortisch vor uns ab.

„Ich denke nur nach. Über verschiedenste Dinge, Vater....“

Ein Schmunzeln schlich sich auf seine markanten Züge. Mein Vater war ein hübscher Mann, das musste ich zugeben. Seine schwarzen, schulterlangen, welligen Haare fielen ihm bis auf die Schulter und sein ebenmäßiges Gesicht, dessen Züge nicht älter als Mitte Dreißig waren, wurden von einem dunklen Bart umrandet. Sein äußerliches Alter würde sich nicht mehr ändern. Wir Vampire wurden wie sterbliche Wesen geboren, wir hatten eine Kindheit, wuchsen zu jungen Erwachsenen heran, bis unser Altersprozess eines Tages endete und nicht mehr weiter fortschritt.

„Denkst du vielleicht an Cole?“, fragte er spitzbübisch, was ihn mit einem Mal noch viel jünger erschienen ließ, als er tatsächlich war. Denn obwohl er rein äußerlich wie Mitte Dreißig wirkte, war er im Inneren doch viel älter und weiser. Denn er lebte schon lange auf dieser Welt. Sein wahres Alter musste an die fünfhundert Jahre betragen.

Sofort schoss mir die Röte ins Gesicht, als er auf Cole anspielte. Ich räusperte mich und nahm hastig einen kräftigen Schluck Wein.

„Wie kommst du darauf??“ Meine Stimme klang heiser, als ich ihm diese Frage stellte. Vater warf mir einen vielsagenden Blick zu.

„Kayra....Ich sehe doch, wie du ihn ansiehst......Du magst ihn“

Verdammt. Wenn mein Vater es mir ansehen konnte, dann würde es sicherlich auch nicht vor Victor und Luciana verborgen bleiben. Und ich wusste genau, wie sie dazu standen. Wie jeder unter den Vampiren dazu stand: Denn ihrer Meinung nach, sollte es mir auf ewig verwehrt bleiben, mich mit einem reinblütigen Vampir einzulassen. Ganz gleich, ob es sich dabei um Cole handelte oder nicht. Es galt für jeden männlichen Vampir auf dieser Welt. Ich seufzte innerlich. Sollte es mir wirklich niemals erlaubt sein, die Liebe zu finden? Das war meines Erachtens....grausam und nicht gerecht.

Ich wich Vater´s Blick beschämt aus.

„Das spielt keine Rolle, Vater. Das weißt du.....Ich kann ihn noch sehr mögen, wie ich will. Erstens weiß ich nicht, ob er das gleiche für mich empfindet und Zweitens, dürfte ich sowieso nicht mit ihm zusammen sein....“

Er stieß einen amüsierten Laut aus, der mich dazu veranlasste, ihn wieder anzusehen.

„Ja, wenn es nach Victor und meinen Beratern geht...“ Dann seufzte er lang und tief. „Es tut mir Leid, Kayra....Ich genieße ihr Vertrauen und du bist dir sicher im Klaren darüber, dass ich auf ihre Unterstützung angewiesen bin. Aber wenn es nach mir ginge, so wäre ich glücklich, wenn Cole und du ein Paar werden würdet. Denn wie ich es sehe, steht er von Kindheit an zu dir, Kayra. Für ihn hat es nie einen Unterschied gemacht, wer du bist. Das ist etwas sehr Wertvolles......“

Seine Worte brachten mein Herz zum Schmelzen. Sie zeigten mir, dass es für Vater wichtig war, mich glücklich zu sehen. Jedoch sah die Wirklichkeit nun einmal anders aus. Und Victor und Luciana als Schwiegereltern zu haben, war sicherlich auch kein großes Vergnügen.....

Ich wollte etwas erwidern, als ich plötzlich inne hielt und mich hektisch zu allen Seiten umblickte. Etwas war mir in die Nase gestiegen....ein Geruch, der mir sehr vertraut war – und der mir eine Gänsehaut über meinen ganzen Körper wandern ließ! Zuletzt hatte ich ihn vor sechs Jahren gewittert, als der Werwolf aus seiner Höhle im Wald auf mich zugeschossen war – und in jener Nacht, als die Wölfe Corvin Castle umstellten....

Oh, mein Gott! Irgendwo vor den Mauern von Hever Castle waren Werwölfe, ich hegte keinen Zweifel daran!

Ich bemerkte den irritierten Blick meines Vaters auf mir. Er schien diesen Geruch nicht wahrnehmen zu können.

„Vater...“, flüsterte ich, während meine Augen noch immer hektisch hin und her huschten, jeden Winkel der Loggia absuchten, um sicher zu gehen, dass sich hier keiner von ihnen befand. Doch sie wären wohl kaum einfach so hereingelangt, ohne Aufsehen zu erregen. Allerdings bescherte es mir Unbehagen, weil Hever Castle nicht so geschützt lag wie Corvin Castle. Während das Schloss, in dem ich aufgewachsen war, aus einer ehemaligen Wehranlage auf einem Fels mit einer hohen Brücke errichtet worden war, lag der Sitz der Blake´s ebenerdig. Nicht einmal eine Schutzmauer umgab das Schloss.

In Vater´s stahlblauen Augen lag ein Ausdruck von Panik, als ich ihm noch immer nicht antwortete. Er musste spüren, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist denn, Kayra? Sag es mir doch endlich“

„Werwölfe...“, erwiderte ich leise. „Ich kann sie spüren. Ich kann sie riechen. Sie sind hier irgendwo....“

Vater´s Augen weiteten sich vor Schreck.

„Du kannst sie spüren, Kayra? Wie ist das möglich?“

Ich hob ratlos die Schultern.

„Ich weiß es nicht, Vater....Es muss mir im Blut liegen. Denn, als sie damals Corvin Castle angriffen, habe ich sie ebenfalls gewittert.....“

Seine Augen wurden immer größer, als er mich sprachlos anblickte.

„Es gab noch niemals einen Vampir, der diese Fähigkeit besaß! Kayra, du bist etwas Einzigartiges und Besonderes! Ich habe es immer gewusst!“ Sein Blick wurde ernst. „Und das, meine Tochter, ist nun die Gelegenheit für dich, den Vampiren deine Treue zu beweisen! Sie werden erkennen, dass du unentbehrlich für uns bist, wenn nur du in der Lage bist, unsere Feinde zu wittern! Du bist keine Schande für unsere Rasse! Du bist ein Segen für uns. Und das werden sie alle erkennen!“

Er erhob sich abrupt von seinem Stuhl und ich tat es ihm gleich.

„Aber jetzt muss ich die Anderen warnen.....“ Er legte die Stirn in Falten, als überlegte er krampfhaft. „Kannst du spüren, wo sie sind?“

Ich war für einen Moment irritiert. Nein, das konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, aber......Instinktiv schloss ich meine Augen und es schien, als würde mein innerer Blick auf Wanderschaft gehen. Er überflog das Schloss und erreichte das dahinter liegende Dorf Hever. Ein kleiner, beschaulicher Ort aus Fachwerkhäusern. Und dort sah ich sie! Eine Schar Werwölfe, die gerade durch das Dorf marschierte und sich Hever Castle bedrohlich näherten! Unter ihnen erkannte ich jedoch nicht den Mann mit den breiten Schultern und den langen, dunklen Haaren. Andererseits hatte ich ihn damals nur in seiner menschlichen Gestalt erblickt. Wenn sie sich verwandelten, glich ein Werwolf nahezu dem anderen und es war schwierig, sie voneinander zu unterscheiden. Mir fiel lediglich auf, dass ein paar von ihnen bräunliches, während andere von ihnen schwarzes Fell hatten.

Ich riss erschrocken die Augen auf und starrte meinen Vater an.

„Sie sind in Hever! Sie schreiten gerade durch das Dorf, direkt auf das Schloss zu! Wir müssen sie aufhalten, bevor sie uns erreichen!“

Mein Vater nickte entschlossen und machte sich auf den Weg ins Schloss, während ich verzweifelt und verwirrt zurückblieb. Gerne wollte ich wissen, was nun geschah. Gerne wollte ich ihnen allen helfen. Doch ich war niemals für den Kampf ausgebildet worden! Trotzdem würde ich nicht wie angewurzelt hier stehen bleiben und machte mich ebenfalls auf den Weg ins Innere des Schlosses.

Im Saal hatten sich bereits die Vampire versammelt, unter ihnen mein Vater, Kendra und meine Halb-Geschwister, Victor, Luciana und Cole. Alle trugen Rüstungen, die teilweise aus Metallplatten und Leder bestanden, an ihren Körpern und waren mit Schwertern bewaffnet. Ehe ich zu ihnen gelangen konnte, schritten sie Einer nach dem Anderen durch die Tore von Hever Castle. Cole war der Letzte, der im Begriff war, nach draußen zu gehen. Ich eilte zu ihm und bekam ihn an der Schulter zu fassen. Er drehte sich um und warf mir einen verwunderten Blick über die Schulter zu.

„Kayra...“

„Cole...Bitte pass auf dich auf, ja??“, sagte ich und es musste sich ziemlich verzweifelt anhören. Aber es war mir egal, was er dachte. Ich war immerhin seine beste Freundin seit Kindertagen und ich machte mir Sorgen um ihn. Ich wollte nicht, dass ihm etwas passierte.

Er nickte mir aufmunternd zu und schritt ebenfalls durch das Tor. Nur ich blieb alleine in den Hallen von Hever Castle zurück – und fühlte mich noch mehr fehl am Platze denn je. Ich wusste überhaupt nicht, wohin mit mir selbst. Was sollte ich tun? Mein Vater und Cole waren da draußen, um gegen eine Schar von Werwölfen zu kämpfen! Und ich sollte hier bleiben – und gar nichts tun?

Ich eilte ins Obergeschoss des Schlosses, wo sich mein Zimmer befand und dessen Fenster einen Ausblick auf das Dorf Hever freigaben. Als ich davor stand, konnte ich bereits erkennen, dass Vater und die anderen Vampire auf Pferden auf das Dorf zu ritten – und sich die Werwölfe ihnen bereits bedrohlich näherten. Ein Kampf brach aus. Einige wenige Menschen, die noch auf der Straße unterwegs waren, flüchteten sich schreiend in ihre Häuser. Mein Herz war von Panik erfüllt, als ich sah, dass ein Werwolf im Begriff war, sich auf Vater zu stürzen, um ihn vermutlich von seinem Ross zu stoßen! Doch es gelang ihm, dem Wolf mit seinem Schwert einen heftigen Schlag zu verpassen, sodass der Angreifer zurückgeschleudert wurde und gegen eine naheliegende Hauswand prallte. Aber sobald er sich aufgerappelt hatte, stürzte er erneut meinem Vater entgegen, der Mühle hatte, dem Werwolf Parole zu bieten. Den anderen Vampiren erging es nicht viel anders! Ich erkannte mit Schrecken, dass einige von ihren Pferden gerissen wurden, nur um im nächsten Augenblick zerfetzt zu werden! Oh, mein Gott! Dieser Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren! Mein Herz wurde von Panik erfüllt, dass es meinen Vater – oder Cole – ebenfalls erwischen konnte! Oder meine Halb-Geschwister, Kendra.......Und obwohl Letztere mich stets abweisend und kühl behandelt hatten, wusste ich, dass sie meinem Vater viel bedeuteten! Die Unruhe in mir wuchs stetig an. Ich konnte nicht hier an Ort und Stelle verharren! Auch ich musste etwas tun! Ganz gleich, ob ich nun im Kampf ausgebildet war oder nicht!

Und das, meine Tochter, ist nun die Gelegenheit für dich, den Vampiren deine Treue zu beweisen! Sie werden erkennen, dass du unentbehrlich für uns bist, wenn nur du in der Lage bist, unsere Feinde zu wittern! Du bist keine Schande für unsere Rasse! Du bist ein Segen für uns. Und das werden sie alle erkennen!

Ermutigt von Vaters Worten, begab ich mich schnellen Schrittes nach unten in die Waffen – und Rüstungskammer, wo ich mich suchend umblickte. Auf einem Waffenhalter erblickte ich ein Schwert, das ich mir sofort schnappte und im Begriff war, nach draußen zu stürmen. Doch dann dämmerte es mir, dass ich in dem schwarzen Barock-Kleid wohl kaum kämpfen können würde. Der Rock war eindeutig zu schwer, das Korsett darunter zu eng! Nur mit Mühe gelang es mir, das Kleid, sowie den schweren Reifrock abzustreifen, bis ich letzten Endes nur noch in meinem Schnürkorsett und der langen Unterwäsche da stand. Dann blickte ich mich um und....verdammt! Jeder einzelne Rüstungsständer war leer! Was sollte ich denn nun tun? Ich konnte wohl schlecht nur in Unterwäsche in den Kampf ziehen! Ich stieß scharf die Luft aus und blickte mich hektisch und suchend im Raum um. Da! Auf einem Stuhl hing ein schwarzer Gehrock, sowie eine passende Hose! Diese würde zwar meinen Körper nicht schützen, aber wir Vampire hatte im Falle eines Falles beachtliche Selbstheilungskräfte – und sollte ein Werwolf mich zerfetzen, nützte mir eine Rüstung an meinem Leib auch recht wenig.

Hastig zog ich mir den Gehrock über, streifte meine langen Unterhosen ab, um die Hose anziehen zu können. Glücklicherweise fand ich noch ein passendes Paar Frauenstiefel vor! Ich packte das Schwert, stürmte nach oben ins Erdgeschoss, begab mich nach draußen zu den Stallungen, wo ich ein gesatteltes Pferd vorfand, und stieg auf. Ja, ich konnte reiten. Das hatte ich bereits im Kindesalter gelernt.

Ich gab dem Pferd die Sporen und ritt auf Hever zu, wo ich aus der Ferne erkannte, dass dort noch immer der Kampf tobte. Ich trieb das Pferd zum Galopp an und mischte mich mitten unter die kämpfenden Vampire und Werwölfe. Und obwohl ich keine Ahnung hatte, wie man mit einem Schwert kämpfte, vertraute ich allein auf meine Instinkte! Einer der Werwölfe richtete seine glühenden Augen auf mich und stürzte sofort auf mich zu. Mein Herz klopfte bis zum Hals und plötzlich kam es mir wieder so vor, als liefe alles in Zeitlupe ab. Er setzte zum Absprung an, um mich vom Pferd zu reißen. Doch bevor er mich erreichen konnte, holte ich mit dem Schwert aus, dessen Klinge die Kehle des Wolfs durchtrennte und er heulend zu Boden fiel. Ich hatte keine Ahnung, woher ich diesen Reflex auf einmal genommen hatte! Es war, als wusste mein Körper instinktiv, was er zu tun hatte!

„Kayra??!!“ Das war die entsetzte Stimme meines Vaters. „Was tust du hier?? Geh sofort zurück nach Hever Castle!!!“

„Nein, Vater!“, rief ich ihm zu, während ich einen weiteren Wolfs-Angriff mit meinem Schwert abwehrte. „Ich bin auch ein Teil von euch! Lasst mich mit euch kämpfen! Seite an Seite!“

Was Vater mir dann zurief, hörte ich nicht mehr. Denn der Aufschrei Victor´s erregte meine Aufmerksamkeit. Meine Augen weiteten sich vor Schreck, als ich erkannte, dass ein Werwolf ihn vom Pferd gestürzt hatte und nun über ihm kauerte. Erneut lief ein Film in Zeitlupe vor meinen Augen ab. Ich sah, wie der Werwolf langsam die Klauen erhob, um sie im nächsten Augenblick vermutlich auf Victor niedersausen zu lassen! Das war meine Chance! Obwohl mir nicht viel an seinem Leben lag, wusste ich jedoch, dass Cole seinen Vater liebte! Und deshalb musste ich ihm helfen!

Erneut gab ich meinem Pferd die Sporen, um im Galopp auf Victor und den Werwolf zu zureiten. Bevor der Wolf Victor mit seinen Klauen malträtieren konnte, schwang ich mein Schwert über dem Kopf und ließ es im Vorbeireiten auf das haarige Ungetüm niedersausen! Der Schlag traf ihn so präzise an seinem Genick, dass sein Hals dabei durchtrennt wurde – und der Wolfskopf im nächsten Augenblick von seinen haarigen Schultern zu Boden krachte. Danach vernahm ich das Geräusch seines wuchtigen Körpers, der zur Seite fiel. Ich stoppte mein Pferd ab, ließ es kehrt machen und ritt zu der Stelle zurück, an der Victor lag – von Kopf bis Fuß mit dem Blut des Werwolfs benetzt und mich aus großen Augen anstarrend. Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken. Es schien ihm gar nicht zu gefallen, dass ausgerechnet ich ihm das Leben gerettet hatte. Doch ich genoss das Gefühl der Genugtuung für einen Moment und streckte ihm von meinem Pferd aus die Hand hin, damit er sie ergreifen konnte. Doch er verzog nur verächtlich das Gesicht und erhob sich dann von selbst auf die Beine, um dann wieder auf sein Pferd aufzusteigen.

„Kayra! Das war einfach....grandios!“, vernahm ich Cole´s Stimme neben mir und wir tauschten einen Blick, während um uns herum noch immer der Kampf tobte. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Dann setzten wir beide unsere Pferde in Bewegung, um erneut den Kampf gegen die Werwölfe aufzunehmen. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als mehrere Schüsse ertönten. Im Augenwinkel erkannte ich Thomas und Kraven, die von ihren Pferden Silberkugeln aus ihren Radschlossbüchsen abfeuerten, unter denen die Werwölfe der Reihe nach zu Boden gingen. Sie krümmten sich vor Schmerzen und schrien, während sich einer nach dem Anderen wieder in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelte - und dann schließlich regungslos liegen blieben.

„Wir haben es geschafft!!!“, rief mein Vater irgendwo in der Ferne und die Vampire brachen in Jubelrufe aus. Ich steuerte mein Pferd auf ihn zu und brachte es neben ihm zum Stehen. Stolz leuchtete mir aus seinen Augen entgegen und ich lächelte ihm aus vollem Herzen zu. Dann umfasste er meine rechte Hand und zog behutsam meinen Arm senkrecht nach oben, bevor er einen weiteren Jubelschrei ausstieß und ich in diesen mit einstimmte. Im Augenwinkel erkannte ich, dass zögerlich ein paar Menschen aus ihren Häusern kamen – und just in dem Moment erwachte der Hunger nach ihrem Blut in mir. Ich hatte Mühe, mich zu beherrschen, um nicht direkt von meinem Pferd zu springen und mich auf einen von ihnen zu stürzen. Was ich wohl auch im Normalfall getan hätte, doch diese Menschen sahen uns mit einer derartigen Ehrfurcht in den Augen an, dass eine Gänsehaut über meinen Körper wanderte. Sie hielten uns für Helden – und womöglich auch für Menschen. Kaum einer von ihnen wusste von unserer Existenz und ich war mir sicher, dass die Bewohner von Hever auch die Blake´s für Ihresgleichen hielten.....

Victor Blake lud die Bewohner von Hever auf das Schloss ein, um gemeinsam den Sieg über die Werwölfe zu feiern. Wir alle saßen um eine riesige Tafel, die mit reichlich deftigem Essen und edlem Wein gedeckt war. Die Menschen hatten ebenfalls einige Speisen mitgebracht – und waren sich wohl nicht darüber im Klaren, dass eigentlich sie der Hauptgang sein sollten.....Doch es wäre unklug gewesen, ein ganzes Dorf auszurotten, weshalb nur einige Bestimmte unter ihnen ausgewählt wurden. Und das waren die Menschen, die eine schlechte Seele besaßen. Die Kriminellen unter ihnen, die deutlich durch die Note ihres Blutes von den guten Menschen zu unterscheiden waren. Während die rechtschaffenen Menschen die Feier zügig wieder verließen, blieben die gierigen und schamlosen unter ihnen natürlich bis kurz vor Sonnenaufgang, - den sie allerdings nicht mehr erleben würden.....

Etwas später saßen nur noch Vater, Victor und ich an der Tafel. Letzterer warf mir einen argwöhnischen Blick zu, während er einen Schluck Wein nahm.

„Kayra, denkst du nicht, dass du langsam schlafen gehen solltest?“, meinte er kühl und stellte das Glas auf dem Tisch ab.

Just in diesem Moment vernahm ich das verächtliche Schnauben meines Vaters.

„Und denkst du nicht, dass du Kayra dafür danken solltest, weil sie dir das Leben gerettet hat, Victor?“, warf Vater unbeeindruckt ein und musterte ihn eingehend. Victor erwiderte nichts, sondern sah nur zwischen Vater und mir hin und her.

„Also, darf ich das als Nein auffassen, Victor?“, bohrte Vater nach und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Dann beugte er sich nach zu sehen. „Vielleicht ändert das ja deine Meinung: Wer glaubst du, hat uns vor den Werwölfen gewarnt, bevor sie auf Hever Castle einfallen konnten?“ Er blickte in meine Richtung. „Es war Kayra, Victor. Und weißt du auch, wieso? Weil sie so etwas wie einen sechsten Sinn besitzt! Sie hat sie gewittert und gespürt. Sie wusste, dasssie bereits im Dorf angekommen und auf dem Vormarsch waren! Sie hat uns alle vor einem Überraschungs-Angriff bewahrt. Begreifst du das, Victor?“

Dieser sagte immer noch nichts, sondern verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte.

„Und weißt du auch, was das für uns bedeutet, Victor?? Kayra ist keine Schande für die Vampire! Sie ist ein wahrer Segen, wenn sie Werwölfe auf diese Art und Weise wittern kann! Ihre Sinne sind derart stark ausgeprägt, wie bei keinem von uns!“

Vater stand auf und hielt mir seine Hand hin, um mir damit zu bedeuten, dass ich sie umfassen sollte. Ich tat es und erhob mich ebenfalls.

Vater seufzte.

„Ich hoffe, das ist nun Beweis genug für dich, dass Kayra zu uns gehört. Dass sie mehr Vampirin, als Werwölfin ist, Victor“

Dann zog er mich sanft an der Hand hinter sich her. Bevor wir den Raum verließen, hielt Vater noch einmal inne und blickte über seine Schulter zu Victor, der noch immer mit verbissenem Gesichtsausdruck am Kopfende der Tafel saß.

„Kayra wird ab morgen Nacht zu einer Kriegerin des Clans ausgebildet. Sie wird zusammen mit deinem Sohn und ihren Halb-Geschwistern trainieren“

 

 

 

Kapitel 4

 

Kapitel 4

 

Dunnotar Castle

Schottland, 1766

 

 

Zweiunddreißig Jahre lag der Kampf mit den Werwölfen auf Hever Castle nun bereits zurück. Zweiunddreißig Jahre, in denen es zu weiteren Übergriffen auf das Dorf und das Schloss gekommen war. Jedes Mal boten wir den Werwölfen erfolgreich die Stirn, doch es schien, dass mit jedem Angriff mehr und mehr von ihnen in Hever einfielen – mit dem einzigen Ziel, uns zu töten. Und allmählich wurden die Menschen in Hever auch darum aufmerksam, dass mit uns etwas nicht stimmte. Denn Victor lud immer wieder Sterbliche ins Schloss ein, die es lebend nicht mehr verließen. Und dadurch wurden auch unweigerlich die Werwölfe jedes mal von Neuem auf unsere Fährte gelenkt. Es schien, dass sie uns verfolgten.

Daher entschied mein Vater, den Sitz der Blake´s zu verlassen und nach Schottland aufzubrechen, wo mein Vater dem Earl Marischal ein Schloss abkaufte – Dunnotar Castle. Es lag in Aberdeenshire und befand sich rund drei Kilometer südlich der Stadt Stonehaven, wo es majestätisch auf einem Sandsteinfelsen an der Nordküste thronte.

Die letzten Jahre waren überraschend friedlich verlaufen. Ich war mittlerweile zu einer ausgewachsenen Vampirin herangewachsen und war von meinem Äußeren her nicht von einer Zwanzigjährigen zu unterscheiden. Mein jahrelanges Kampftraining hatte ebenso Früchte getragen. Man hatte meine Fähigkeiten, die ich den scharfen Sinnen meines Mischblutes verdankte, anerkannt – und mich letzten Endes sogar dazu auserkoren, die Vampire zu trainieren, was tagtäglich geschah. Denn nur, weil wir in den letzten zweiunddreißig Jahren nicht mehr auf Werwölfe gestoßen waren, bedeutete das nicht, dass sie nicht eines Tages wieder auf unsere Spur kommen würden. Doch ich würde es spüren, wenn es soweit war....

Für uns war es in den letzten Jahren zunehmend wichtiger geworden, unsere Existenz vor den Menschen, so gut es ging, zu verbergen. Denn die Bediensteten auf Dunnotar Castle waren nahezu menschlich, was es für mich in Vollmondnächten oftmals schwierig machte, mich zu beherrschen. Ich hatte festgestellt, dass sich mein Hunger nach Blut und Fleisch dann jedes Mal verzehnfachte. Doch irgendwie musste ich mein Verlangen befriedigen, denn ohne Blut war es keinem Vampir möglich zu überleben. Daher hatten wir uns noch immer auf die schlechten Menschen eingeschworen. Und die fand man Zuhauf. Es gab in den umliegenden Gebieten von Dunnotar Castle einige Banden von Banditen, deren Blut nur darauf wartete, von uns getrunken zu werden.

Heute Nacht unternahm ich mit Cole einen nächtlichen Ausritt durch das umliegende Gebiet von Dunnotar Castle. Das taten wir des Öfteren, auch um sicher zu gehen, dass sich in der näheren Umgebung keine Werwölfe befanden. In den letzten zweiunddreißig Jahren hatten sich meine Gefühle für Cole nicht verändert. Sie waren sogar noch intensiver geworden. Jedoch wagte ich es noch immer nicht, ihm von meinen Gefühlen zu erzählen. Uns verband nach wie vor eine tiefe Freundschaft – und das musste mir genügen. Trotzdem erwischte ich mich oft dabei, dass ein Gefühl der Eifersucht in mir aufflammte. Vor allem, wenn sich Danica in seiner Nähe aufhielt und ihn mit leuchtenden Augen ansah. Ich wusste nur zu gut, was das bedeutete. Sie hatte sich in Cole verliebt. Allerdings verhielt Cole sich in ihrer Gegenwart vollkommen neutral, was darauf schließen ließ, dass er kein Interesse an ihr hegte. Doch ich war mir sicher, dass Victor nur zu sehr erfreut darüber gewesen wäre, da Danica – im Gegensatz zu mir – eine reinblütige Vampirin war. Und wunderschön obendrein. Mit ihrer langen, schwarzen Mähne, den hohen Wangenknochen und den weichen Gesichtszügen wirkte sie wie ein schwarzer Engel. Dabei hätte es auch keine Rolle gespielt, dass Danica biologisch gesehen sehr viel älter als Cole war, denn auch sie wirkte rein äußerlich gerade einmal wie Mitte Zwanzig, wenn nicht sogar noch ein paar Jahre jünger. Sie war die älteste Töchter meines Vaters, des hoch angesehenen Marius Drake – und die Söhne seiner Berater umwarben sie, doch sie schien nur Augen für Cole zu haben. Manchmal begleitete sie uns auf unseren nächtlichen Ausritten, jedoch nicht, weil sie Zeit mit mir, ihrer Halb-Schwester verbringen, sondern schlicht und einfach in Cole´s Nähe sein wollte. Das war eine Sache, die wir beide gemeinsam hatten. Trotzdem standen ihre Chancen, mit ihm verheiratet zu werden, besser als meine. Auch, wenn er keine Gefühle für sie zu haben schien, bedeutete das nicht, dass eine Heirat zwischen den beiden nicht doch arrangiert werden konnte. Und dieser Gedanke nahm mir manches Mal die Luft zum Atmen.

Umso erleichterter war ich, dass Danica uns heute Nacht keine Gesellschaft leistete und ich alleine Zeit mit Cole verbringen konnte. Wir ließen unsere Pferde im Trab über die grünen Wiesen von Aberdeenshire laufen, während der langsam zunehmende Mond auf uns herab schien. Es war Juli, jedoch stieg die Temperatur in Schottland auch in den heißesten Sommermonaten nicht über zwanzig Grad, was es sehr angenehm machte, hier zu leben. Ich mochte Schottland. Es erinnerte mich mit seinen weiten grünen Wiesen und der unberührten Natur in gewisser Weise an mein geliebtes Siebenbürgen.

Als Cole und ich ein weites Feld erreichten, gaben wir unseren Pferden die Sporen und lieferten uns ein kleines Wettrennen. Dabei versuchten wir gegenseitig den Anderen einzuholen und lachten so ausgelassen wie damals, als wir Kinder gewesen waren.

„Ich hole dich ein, Kayra!“, rief er hinter mir, während ich meine rabenschwarze Stute, die ich auf den Namen Shadow getauft hatte, weiter antrieb.

„Das wollen wir ja mal sehen, Cole!“, antwortete ich ihm lachend über meine Schulter. Wir ritten weiter querfeldein und lieferten uns ein wahres Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Hufe unserer Pferden klapperten dumpf über die Wiese und der Wind wirbelte meine weiße Mähne durcheinander. Plötzlich passierte etwas, worauf ich nicht gefasst war: Shadow stoppte abrupt ab, begann zu Scheuen und stellte sich auf ihre Hinterhufe! Panisch umklammerte ich die Zügel und presste mich mit all meinem Gewicht in Sattel, um nicht von ihrem Rücken zu rutschen. Wobei mir eine Bruchlandung auf dem Boden nicht sehr viel ausgemacht hätte.

„Sssssh.....Shadow...Ist ja gut. Beruhige dich...“, sprach ich sanft auf sie ein und die Stute stellte sich allmählich wieder auf ihre Vorderhufe ab, jedoch schien sie ziemlich unruhig zu sein, was mich stutzig werden ließ. Cole brachte seinen Hengst neben mir zum Stehen und blickte mich fragend an.

„Alles in Ordnung, Kayra? Was war los?“

Ich hob die Schultern.

„Ich weiß es nicht, Cole. Vielleicht hat sie sich vor etwas erschreckt. Vor einem Hasen vielleicht?“

Ich schenkte meinen eigenen Worten allerdings keinen Glauben, denn ich hatte nichts dergleichen erkennen können. In mir stieg ein Gefühl auf, dass mir sagte, dass hier etwas nicht stimmte. Irgendetwas war mir nicht ganz geheuer. Doch meine Augen erfassten nur einen See, der vor uns lag und hinter dem sich prächtige Hügel emporhoben, die im Dunkel der Nacht beinahe bedrohlich wirkten. Das Gras auf diesem Feld war hochgewachsen, sodass es unsere Pferde beinahe zur Hälfte verdeckte.

Etwas ließ mich innerlich zusammenzucken! Ein Geräusch, kam von irgendwo in der Nähe. Ein Grollen.....oder waren es mehrere?

„Kayra?“, hörte ich Cole besorgt fragen. „Was ist los??

Ich achtete nicht auf Cole´s Frage, denn in diesem Moment kroch eine Gänsehaut über meinen Körper. Und der Geruch, der mir in die Nase stieg, brachte die Gewissheit mit sich, dass unser jahrelanges Training nicht umsonst gewesen war....Ob mich das nun beruhigen oder beunruhigen sollte, wusste ich nicht so recht.

„Werwölfe...“, flüsterte ich und warf Cole einen Blick von der Seite zu, dessen Augen sich panisch weiteten. Ebenso wie ich, suchte er das Feld um uns herum mit seinen Augen ab. Und dann leuchteten uns mindestens zehn glühende Augenpaare aus den hohen Gräsern an, die zu jenen haarigen, wuchtigen, menschenähnlichen Wolfsgestalten gehörten, gegen die die Vampire seit Jahrhunderten Krieg führten!

Nach und nach sprangen sie aus dem hohen Gras hervor, trampelten es mit ihren dröhnenden Schritten platt und stürmten uns entgegen! Oh, mein Gott! Das waren viel zu viele – Cole und ich waren nur zu Zweit!

Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, wendeten wir unsere Pferde und galoppierten mit ihnen davon. Wir waren ein beachtliches Stück von Dunnotar Castle entfernt und unsere Pferde würden nicht den ganzen Weg über galoppieren können, ohne zu erschöpfen!

Trotzdem trieben wir die Pferde bis zum Äußersten an, um vor der Horde Werwölfe hinter uns zu fliehen, die natürlich sofort unsere Verfolgung aufgenommen hatten.

„Wir dürfen Sie keinesfalls zum Schloss locken!“, rief ich Cole zu. „Sonst wissen sie, wo unser Versteck ist!“

„Was schlägst du denn stattdessen vor??!“, erwiderte er und seine Stimme wurde vom peitschenden Wind verzerrt. Ich hatte ehrlich gesagt, nicht die leiseste Ahnung! Und ich hatte auch nicht die Zeit, darüber nachzudenken! Denn just in diesem Moment spürte ich einen Lufthauch über mir und ich zog reflexartig den Kopf ein. Mit einem dumpfen Aufprall landete einer der Werwölfe einige Meter vor mir und baute sich bedrohlich auf, das Maul weit aufgerissen, sodass ich seine spitzen Zähne sehen konnte! Einige seiner Artgenossen taten es ihm gleich, sodass sie sich nun wie eine Mauer vor uns aufbauten. Dann war wohl Angriff die beste Verteidigung!

Blitzschnell griff ich nach meinem Bogen auf dem Rücken, der eine Vorrichtung aufwies, die mit mehreren Silberpfeilen gleichzeitig bestückt werden konnte. Ich erfasste meine Ziele vor mir – und feuerte ab! Volltreffer! Mindestens drei von den rund zwanzig Werwölfen ging vor uns mit schmerzerfüllten Schreien zu Boden und blieben dort bewegungslos liegen. Denn das Silber in den Pfeilen drang sofort in ihre Körper ein und tötete sie unweigerlich! Cole feuerte neben mir ebenfalls eine ganze Reihe von Salven ab, die ihr Ziel nicht verfehlten. Er war ein überaus guter Schütze – und ich hatte viel von ihm gelernt, als er mich zu Anfang trainiert hatte. Zehn von unseren Angreifern waren wir los geworden, doch da waren immer noch die verbliebenen zehn, die sich unerbittlich an unsere Fersen geheftet hatten.

Cole und ich warfen uns einen kurzen Blick zu, dann wendeten wir unsere Pferde in eine andere Richtung, um die Wölfe zu verwirren – doch sie durchschauten unser Vorhaben und dachten nicht im Geringsten daran, aufzugeben. Einer der Werwölfe holte mich ein und rannte auf allen Vieren neben mir her, im Begriff, zum Absprung anzusetzen, um ich von Shadow herunter zu reißen. Doch bevor er auch nur einen Satz machen konnte, zog ich meine Steinschloss-Kavallerie-Pistole aus dem Waffengürtel um meine Hüfte – und feuerte einen Reigen von Silberkugeln auf ihn ab, wovon ihn eine mitten zwischen die Augen traf und er aufheulend zu Boden ging. Doch ich hatte nicht annähernd Zeit dazu aufzuatmen, da sich mir ein weiterer Wolfsmensch zu meiner Linken näherte, den ich ebenfalls mit einem gekonnten Schuss ins Jenseits beförderte.

„Da wären es nur noch Acht!“, rief ich Cole zu, der einige Meter vor mir ritt und gerade einem dieser Ungetüme mit seinem Schwert im Vorbeireiten den Kopf von den Schultern trennte.

„Sieben!“, erwiderte er und warf mir über seine Schulter ein Lächeln zu, dass mein Herz ein paar Oktaven höher schlagen ließ. Gefesselt von seinem Anblick, achtete ich nicht sonderlich darauf, dass sich mir von hinten zwei weitere Werwölfe näherten! Im Augenwinkel erkannte ich, dass einer von ihnen einen Satz nach vorne machte. Doch bevor er mich erreichen konnte, wich ich mit Shadow zur Seite hin aus, sodass er mich nicht erreichen konnte. Doch fühlte ich einen heftigen Ruck gegen meinen Körper, der mich direkt aus dem Sattel beförderte und ich gleich darauf das Gras unter meinem Rücken spürte. Dabei fiel mir die Pistole aus der Hand und landete irgendwo hinter mir im hohen Gras.Verdammt! Den anderen Werwolf hatte ich vollkommen aus dem Blickfeld verloren – und der näherte sich mir nun bedrohlich, während ich mich schnellstens wieder aufrappelte. Mit glühenden Augen und gefletschten Zähnen kam er mir bedrohlich auf mich zu. Sein tiefes Grollen ließ mich innerlich erschaudern.

„Mischblut....“, glaubte ich zu verstehen. „Missgeburt....“

Meine rechte Hand wanderte zu meinem Schwert und zog es blitzschnell aus seiner Scheide.

„Letzteres kann ich nur zurückgeben!“, knurrte ich, schwang das Schwert über meinem Kopf und rannte wie der Teufel auf ihn zu, was ihn dazu veranlasste, ebenfalls brüllend und mit irrsinniger Geschwindigkeit loszustürmen. Eine Handbreit lag zwischen uns, als wir uns gegenseitig erreichten, und er seine Klauen gegen mich zu richten versuchte. In diesem Moment stieß ich mich mit meinen Stiefeln vom Boden ab, machte einen Satz in die Luft, sodass ich auf seinen breiten haarigen Schultern zum Stehen kam – und dann ließ ich mich von ihm gleiten, drehte mich blitzschnell in der Luft und ließ die Klinge meines Schwertes senkrecht durch seinen Körper gleiten, sodass er in zwei Hälften zerteilt wurde.

Irgendwo in der Nähe erblickte ich Shadow, rannte auf sie zu und sprang mit einem Satz in den Sattel zurück. Zum Glück hatten die Werwölfe meine geliebte Stute nicht zerfetzt! Sie war mir lieb und teuer, denn Vater hatte sie mir jüngst erst zum Geburtstag geschenkt!

Als ich Cole einige Meter vor mir ausmachen konnte, den die Werwölfe bisher nicht aus dem Sattel werfen konnten, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass wir mittlerweile alleine waren. Von den übrigen Werwölfen war nichts mehr zu sehen. Schwer atmend blickte er mich über seine rechte Schulter an und schmunzelte.

„Wie es scheint, haben sie aufgegeben“ Er deutete in die Richtung eines Hügels. „Sieh nur!“

Er hatte Recht. Die restlichen Werwölfe flohen geradewegs über den Hügel – wohin auch immer.

„Lass uns schnell nach Hause zurückkehren, bevor sie es sich anders überlegen!“, meinte ich und gab Shadow ein weiteres Mal die Sporen, um davon zu reiten. Cole heftete sich mit seinem Hengst an meine Fersen und dann schlugen wir gemeinsam den Rückweg nach Dunnotar Castle ein....

 

 

 

„Was sagst du da, Kayra? Werwölfe? Hier in Aberdeenshire?“, fragte mein Vater mit weit aufgerissenen Augen, als ich ihn nach meiner Rückkehr davon unterrichtete. Wir befanden uns im Obergeschoss des Palais, genauer genommen im Salon des Westflügels, wo mein Vater sich auf einem gemütlichen Sessel niedergelassen hatte.

Ich nickte ernst, während ich vor ihm stand.

„Ja, Vater. So ist es....“

Er stützte seinen rechten Ellenbogen auf der Sessellehne auf, massierte sich mit seinen Fingern die Stirn, während er die Augen schloss und stieß dabei die Luft aus. Er schien besorgt zu sein – was ich durchaus nachvollziehen konnte.

„Cole und du, ihr hattet heute Nacht großes Glück....“ Er öffnete seine Augen wieder und sah mich an. „Zweiunddreißig Jahre lebten wir zurückgezogen vor den Werwölfen, sind keinem einzigen von ihnen begegnet. Doch wie es scheint, finden sie uns immer wieder aufs Neue. Auch, wenn es dieses Mal länger gedauert hat....“

„Woran liegt das, Vater? Warum jagen sie uns eigentlich?“

Bisher hatte ich diese Frage nie gestellt. Ich hatte es immer als gegeben hingenommen, dass Werwölfe und Vampire Todfeinde waren.

„Dieser Krieg geht bereits bis in die Antike zurück, Kayra....Ich selbst kann dir seinen genauen Ursprung leider auch nicht erklären. Ich weiß nur, dass deine Ur-Ur-Großeltern die ersten Vampire dieser Welt waren und dem alten, antiken Dacia entstammten. Aber einer Sache bin ich mir sicher: Der König der Werwölfe von Lissabon entsendet seit Jahrhunderten seine Armeen quer durch die Welt, um die Vampir-Fürstentümer dem Erdboden gleich zu machen. Dabei geht es nur um eines: Das Blut der Menschen, Kayra! Sie sind, ebenso wie wir, blutrünstige Wesen. In Vollmondnächten zerfetzen sie Menschen bei lebendigem Leibe, reißen ihnen die Eingeweide heraus...“

Ich schluckte, als ich mich wieder an jene Nacht meines achten Geburtstags zurückerinnerte, in der ich das Kaninchen zerfetzt hatte. Seither unterdrückte ich meine Gier nach Fleisch mit der doppelten Menge an Menschenblut – oder gönnte mir hin und wieder ein Stück rohes, blutiges Rindfleisch.....Doch der Gedanke daran, einen Menschen zu zerfleischen, machte mir Angst. Auch, wenn er oftmals noch so verlockend auf mich wirkte, so konnte ich mir diesen Ausreißer einfach nicht leisten, da ich unter den Vampiren sonst mein Gesicht verlieren würde. Wobei sich an ihren Verhaltensweisen mir gegenüber noch immer nicht großartig etwas verändert hatte in den letzten Jahren. Ja, sie mochten mich dulden. Aber das bedeutete nicht, dass sie mich mochten.

„Also geht es bei diesem Krieg alleine um die Menschen als Hauptnahrungsquelle“, stellte ich fest und mein Vater kommentierte dies mit einem Nicken. Dann seufzte er und erhob sich von seinem Sessel. Er trat an mich heran und legte mir die Hände auf die Schultern.

„Wir müssen die Augen offen halten, Kayra. Wenn sie euch in den Highlands aufgespürt haben, dann werden sie sicherlich auch eure Fährte aufgenommen haben. Einige unter ihnen bezeichnet man als „Sucher“. Ihre Sinne sind schärfer ausgebildet als die der Anderen. Und sie sind die Gefährlichsten von allen. Denn sie heften sich an die Fersen ihres Feindes bis sie ihn gefunden haben....“

 

 

Cole

 

Marius hatte uns zur Versammlung in die Ratskammer gerufen. Es ging um Kayra's und meine Begegnung mit den Werwölfen heute Nacht. Doch ich hörte nicht richtig zu, denn mein Blick hing nur an ihr. Meine Gedanken waren nur bei ihr. Kayra – und was ich alles gerne mit ihr tun wollte, aber nicht durfte. Und vielleicht war es auch besser so. Denn meine Gedanken, meine Neigungen, waren keinesfalls von der schönsten Sorte. Ich respektierte sie zu sehr, um sie mit den tiefsten Abgründen meiner Seele zu konfrontieren. Nein, es war gut so, dass es ihr verboten war, sich mit reinblütigen Vampiren einzulassen – und somit auch mit mir. Welch Verschwendung…Kayra war in den letzten Jahren zu einer wunderschönen, jungen Frau erblüht und niemandem im Clan würde es erlaubt sein, ihr zartes Fleisch zu berühren. Und nichtsdestotrotz...Die Vorstellung nahm mich gefangen, sie hier und jetzt bäuchlings über diesen Tisch zu beugen und...

Ich spürte den missbilligenden Blick meiner Mutter auf mir, ebenso den meines Vaters, die mir beide an der großen Tafel gegenüber saßen. Ja, meine Mutter….wie sehr ich sie doch hasste. Tief in meinem Inneren hasste ich alle Frauen dieser Welt. Eine Zeit lang hatte ich versucht, mich von ihnen allen fernzuhalten, weil der Wunsch, die Gier, in mir erwacht war, ihnen wehzutun. So wie meine Mutter mir als kleiner Junge immer wehgetan hatte. Doch in letzter Zeit suchte ich des Öfteren die Hurenhäuser in Stonehaven auf und fand dort zuhauf menschliche Frauen, die mir zu Willen waren. Nicht zuletzt, weil ich ihre Gedanken manipulierte und sie so alles mit sich machen ließen, was ich von ihnen wollte. Oftmals ließ ich auch weibliche, menschliche Bedienstete auf mein Zimmer rufen, wenn alle im Schloss bereits schliefen. Nur um sie zu foltern, zu misshandeln, zu benutzen – und im Anschluss ihr Blut zu trinken. Doch ich tötete sie nicht – weder die Huren, noch die Dienerinnen, da es zu viel Aufsehen erregen würde. Innerhalb des Schlosses waren sie mir hörig, da auch sie unter meiner Gedankenkontrolle standen.

Mein Blick fiel auf Danica, Kayra’s Halbschwester. Sie himmelte mich an, das wusste ich. Und sie war, ebenso wie Kayra, eine Schönheit. Sie versuchte seit einiger Zeit meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nun ja, sie war nicht Kayra, aber sie war ebenfalls eine Tochter von Marius Dracu. Eine reinblütige Vampirin und vielleicht…fand sie ja Gefallen an meinen sexuellen Vorlieben. Vampirfrauen waren in der Regel anders gestrickt als konservative Menschenfrauen. Aber ich bezweifelte, dass Danica jemals ein männliches Wesen auch nur im Ansatz zwischen ihren zarten Schenkeln gehabt hatte....Und das, obwohl sie im besten Alter war, um eine Ehe mit einem Vampir einzugehen. Die Sohne von Marius Beratern umgarnten sie alle – und sie wies sie einen nach dem anderen ab. Nein, Danica war sicherlich viel zu sittsam, um es heimlich mit einem von ihnen zu tun. Aber Kayra....Mein Blick fiel erneut auf sie, wie sie ernst drein blickte und ihrem Vater zuhörte, der gerade eine Debatte mit meinem Vater führte, wer denn nun Schuld daran war, dass die Werwölfe uns ein weiteres Mal aufgespürt hatte. Natürlich gab mein Vater Kayra erneut die Schuld dafür. Das tat er immer, denn sie war ein rotes Tuch für ihn seit sie damals vor die Schwelle von Corvin Castle abgelegt worden war.

Unsere Blicke kreuzten sich und in ihren mintgrünen Augen loderte ein Feuer, das mir galt. Die Leidenschaft darin verriet mir, dass sie keinesfalls so sittsam wie ihre Halb-Schwester Danica war – obwohl auch sie noch niemals mit einem männlichen Wesen das Bett geteilt hatte. Sie wollte mich. Sie liebte mich. Aber die Art, auf die ich sie wollte, war falsch. Nun, nicht für mich. Aber ich wagte es nicht, ihr auch nur zu Nahe zu kommen.

Mein Vater bedrängte mich schon seit einiger Zeit, wann ich denn nun endlich vorhatte, eine Ehe innerhalb des Clans zu schließen. Und ich wusste, dass er in Marius´ reinblütigen Vampir-Töchtern eine gute Partie für mich sah. Vasilica war zwei Jahre jünger als ihre Schwester und sie hatte bereits einen Verlobten. Was Danica betraf, so wollte ich herausfinden, wozu sie bereit war. Als sich unsere Blicke ein weiteres Mal kreuzten, zwinkerte ich ihr unauffällig zu, was sie sofort erröten ließ...

 

 

Danica †

 

Nach der Versammlung hatte ich mich in mein Gemach zurückgezogen, saß gedankenverloren an meinem Fenster und sah in die Nacht hinaus.

Cole....Er hatte mir vorhin zugezwinkert! Mein Herz klopfte noch immer vor Aufregung, als ich daran zurückdachte. War es möglich, dass....er mich endlich bemerkt hatte? Es schien, dass er heute Nacht während der Versammlung zum ersten Mal wirklich Notiz von mir genommen hatte. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen und seufzte verträumt auf.

Ein Geräusch, welches von meiner Zimmertür kam, erregte meine Aufmerksamkeit und als ich meinen Blick dorthin richtete, erkannte ich, dass unter dem Türschlitz ein zusammengefaltetes Stück Papier hindurch geschoben wurde. Mit wild klopfendem Herzen entfernte ich mich vom Fenster und nahm die Nachricht in Empfang. Meine Finger zitterten vor Aufregung, als ich den Brief auseinander faltete und las, was darin stand:

 

Veehrte Danica,

 

triff mich im Palais auf dem großen Balkon.

 

Cole

 

 

 

 

 

 

 

Ich hatte es mir nicht zweimal sagen lassen, Cole auf dem Balkon zu treffen. Als ich dort ankam, stand er am Geländer und starrte hinauf in den Nachthimmel. Gott....Er war so schön....Die schwarzen Haare, die er im typischen Renaissance-Stil schulterlang und zu einem Zopf zusammengebunden trug. Sein Profil mit den markanten Gesichtszügen, der geraden Nase, den schmalen Lippen....In seinem schwarzen Gehrock, den engen dunklen Hosen und kniehohen Stiefeln wirkte er wie ein verführerischer Engel der Nacht.

Mit einem leisen Räuspern lenkte ich seine Aufmerksamkeit auf mich, als ich langsam durch die offen stehende Tür nach draußen schritt. Seine eisblauen Augen funkelten mich an und um seine Lippen zuckte ein Schmunzeln.

„Danica....Wie schön, dass du meiner Einladung nachgekommen bist....“, sagte er sanft und trat ein paar Schritte auf mich zu.

„Wie hätte ich sie ausschlagen könnten?“, erwiderte ich und schlug verlegen die Augen nieder, weil sein eindringlicher Blick mir die Hitze in den Wangen schießen ließ. Ein Prickeln breitete sich über meinen ganzen Körper aus, als ich seine Finger an meiner Wange spürte.

„Sieh mich an, Danica Dracu....“ Das Flüstern seiner dunklen, rauen Stimme bescherte mir nur noch mehr Gänsehaut – und ich kam seiner Bitte nach.

„Wieso wolltest du mich sehen, Cole?“, wollte ich wissen und konnte meinen Blick nicht von seinen schönen Augen abwenden. Er lächelte – und in diesem Augenblick schmolz mein Herz völlig dahin.

„Danica....Seit einiger Zeit bemerke ich, dass du mir auf Schritt und Tritt folgst. Dass du Zeit mit mir verbringen möchtest.....“

Ich errötete und senkte sofort wieder den Blick.

„Das ist wahr...“, gab ich leise zu. „Ich möchte Zeit mit dir verbringen, Cole. Denn...“ Ich suchte wieder seinen Blick. „...ich habe mich in dich verliebt....“

Für einen Moment herrschte Stille zwischen uns und wir sahen uns einfach nur in die Augen. Mein Herz klopfte wie wild gegen meinen Brustkorb – und ich wünschte mir, dass er endlich ein Wort sagen würde. Als er seine Lippen öffnete, hielt ich den Atem an. Doch er sagte nichts, sondern bewegte sie langsam auf meine zu. Ich schloss die Augen, als ich die Süße seines Mundes schmeckte und mich seinem Kuss vollkommen hingab.....Er küsste mich sanft, zärtlich.....So wie ich es mir immer erträumt hatte. Mein ganzer Körper bebte noch immer vor Aufregung, als er sich von mir löste – und ich mir wünschte, er hätte es nicht getan. Er suchte meinen Blick und legte mir erneut seine Hand auf die Wange.

„Danica Dracu.....Möchtest du dich mit mir verloben?“

Mein Herz setzte einen Schlag aus und für einen Moment blickte ich ihn aus großen Augen an.

„Ich.....Ich...“, stammelte ich und verfluchte mich im Geiste selbst für meine ungelenke Art. Nun umfasste er mein Gesicht mit beiden Händen und seine Augen leuchteten mir sanft, aber auch mit einem Anflug von Wildheit, entgegen.

„Sag einfach ja....“

Ein Lächeln breitete sich auf meinem ganzen Gesicht aus.

„Ja!“, rief ich aus, schlang meine Arme um seinen Hals und küsste ihn....

 

 

 

 

 

Kayra

 

Ich war gerade auf dem Weg in mein Zimmer und lief durch den Palais. Als mir auffiel, dass die Balkontüre offenstand, verlangsamte ich meinen Schritt und spähte vorsichtig hinter den Vorhängen nach draußen. Mein Herz machte einen Hüpfer, als ich Cole dort draußen stehen sah. Ich wollte nach draußen zu ihm gehen und setzte dazu an, leise seinen Namen zu rufen, als ich innerlich erstarrte und mitten in meiner Bewegung inne hielt. Danica war bei ihm und....Meine Augen weiteten sich vor Schreck, als ich sah, dass die beiden sich....küssten!

Cole löste sich von ihr, legte seine Hand auf ihr Gesicht und sein Blick war zärtlich, als er sprach:

„Danica Dracu.....Möchtest du dich mit mir verloben?“

„Ich.....Ich...“, hörte ich Danica stammeln, und Cole umfasste ihr Gesicht nun mit beiden Händen.

„Sag einfach ja....“

„Ja!“ Meine Halb-Schwester schlang freudig ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Ich glaubte, dass meine Beine mir jeden Augenblick den Dienst versagen mussten, so weich waren meine Knie, doch ich schaffte es, mich lautlos weiter durch den Flur zu bewegen. Mit schwerem Herzen, mit einem Ziehen in der Magengrube....und feuchten Augen, als sich die Tränen einen Weg in sie hinein bahnten.

Cole und Danica......Seit wann hatte er Gefühle für sie? Er hatte sie doch sonst immer so neutral behandelt und keinerlei Interesse an ihr gezeigt? Wieso auf einmal dieser Wandel? Ein Gefühl der Wut und Eifersucht stieg in mir auf, das ich verzweifelt versuchte zu verscheuchen.

Sei nicht dumm, Kayra...Du kannst sowieso nicht mit ihm zusammen sein! Niemals! Sieh das doch endlich ein!

Im Weitergehen wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Wir hatten weitaus wichtigere Probleme! Die Werwölfe waren hier in Schottland – und es war nur eine Frage der Zeit bis sie womöglich Dunnotar Castle angriffen! Ich hatte keine Zeit für Gefühlsduseleien! Ich musste die Vampire ab der morgigen Nacht auf einen Kampf vorbereiten und mit ihnen trainieren!

Doch ich tat kein Auge zu. Immerzu musste ich daran denken, dass Cole Danica gefragt hatte, ob sie sich mit ihm verloben wollte......Wie sie sich geküsst hatten. Ich seufzte. Wie gern ich an Danica´s Stelle gewesen wäre....Doch ich musste mir mit aller Kraft in Erinnerung rufen, dass ich keinen Platz in Cole´s Leben hatte. Zumindest nicht auf die Art. Im gesamten Clan würde es keinen einzigen männlichen Vampir geben, der mir freiwillig seine Liebe schenken würde. Und in diesem Moment wurde mir schmerzlichst bewusst, dass ich wohl mein ganzes Leben lang einsam sein würde. Dass ich wohl niemals die Liebe finden würde....

 

 

Um noch Salz in die Wunde zu streuen, gaben Cole und Danica in der nächsten Nacht vor dem gesamten Clan ihre Verlobung bekannt. Ich konnte Victor ansehen, dass er beinahe vor Freude platzte, als er mit meinem Vater auf die zukünftige Verbindung zwischen seinem Sohn und meiner Halb-Schwester anstieß.

„So sei es nun, verehrter Marius....Unsere Blutlinien werden sich verbinden...“, sagte er mit stolz geschwellter Brust – und ich hätte mich am Liebsten übergeben, weil er dabei so überheblich und gekünstelt wirkte.

In den darauffolgenden Wochen stürzte ich mich ins Kampftraining mit den Vampiren, um Cole und Danica möglichst aus dem Weg zu gehen. Ich ertrug es nicht, die beiden miteinander zu sehen – und wie verliebt sie dabei wirkten. Glücklicherweise hatten wir von den Werwölfen bisher nichts gesehen oder gehört. Ich hatte sie noch nicht einmal in der Nähe des Schlosses gewittert. Doch ich war in stetiger Alarmbereitschaft....

 

 

Cole

 

 

Mit Danica lief es nicht so wie, wie ich es mir wünschte. Zwar zeigte sie sich recht schnell damit einverstanden, mit mir zu schlafen, bevor wir verheiratet waren, aber sie wollte es auf die „normale“ Art. Die langweilige, konventionelle Art. Aber ich gab mich für einige Zeit damit zufrieden, in der Hoffnung, dass es Danica vielleicht schaffen würde, mich zu bezähmen. Mich auf den rechten Weg zurückzuführen. Aber der normale Geschlechtsverkehr gab mir dennoch nicht die Befriedigung, die ich erlangte, wenn ich es wie sonst auf meine Art tat. Ich kam mir beinahe vor, als würde ich von Danica kontrolliert – und dabei war ich derjenige, der stets die Kontrolle übernahm. . Insgeheim suchte ich noch immer die Hurenhäuser in Stonehaven auf oder ließ die Dienerinnen auf mein Zimmer rufen, wenn Danica bereits in ihrem Zimmer war und schlief. Wir waren zwar verlobt, dennoch teilten wir noch nicht da gleiche Zimmer.

Nun, bisher hatte ich Danica meine andere Seite auch noch nicht gezeigt. Aber das würde sich nun ändern. Ich wollte sie langsam an die Sache heranführen, um heraus zu finden, ob sie darauf ansprang.

Gerade saßen wir gemeinsam auf ihrem Bett und ich küsste sie leidenschaftlich, umfasste dabei ihr zartes, weiches Gesicht, vergrub meine Hände in ihren schwarzen Locken. Dabei stellte ich mir vor, dass es Kayra war, die ich berührte – aber niemals berühren durfte....

Ich wich von Danica zurück und sah tief in ihre Augen, die mich fiebrig an funkelten. Ich spürte ihre Erregung. Sie konnte es kaum erwarten, wieder mit mir zu schlafen.

„Danica...“, flüsterte ich, während ich mit meinen Lippen ihren Hals entlang wanderte und ihr somit ein leises Stöhnen entlocken konnte.

„Ja, Cole?“, hauchte sie heiser.

„Ich möchte dir etwas zeigen.....Ich habe eine Überraschung für dich...“, sagte ich und blickte in ihr Gesicht, aus dem sie mich überrascht musterte.

„Eine Überraschung?“, erwiderte sie schmunzelnd. „Was für eine?“

Ich legte ihr einen Finger auf die Lippen und lächelte sie an.

„Wenn ich es dir verrate, dann ist es keine Überraschung mehr“

Sie unterdrückte ein leises Kichern.

„Da hast du wohl Recht....“

Ich schmunzelte.

„Steh auf und dreh mir den Rücken zu“, verlangte ich von ihr und zu meiner Freude leistete sie meinen Worten Folge. Bevor ich mich erhob, griff ich nach ihrem schwarzen Seidenschal, der auf dem Bett lag. Dann trat ich ganz nah von hinten an sie heran, befreite ihren Nacken von ihren schwarzen, samtigen Locken und hauchte einen Kuss auf die freie Stelle dort. „Schließ´ deine Augen....und vertraue mir...“, flüsterte ich. Obwohl ich nicht sehen konnte, ob Danica tatsächlich die Augen schloss, sagte mir mein Gefühl dennoch, dass sie es getan hatte. Langsam hob ich den Schal vor ihr Gesicht und als ich ihn über ihren Augen platzierte und hinter ihrem Kopf zu knotete, versteifte sich ihr ganzer Körper.

„Was machst du da, Cole?“, fragte sie und war gerade im Begriff, ihre Hände zu der Augenbinde zu führen, doch ich hielt sie davon ab, in dem ich von hinten sanft ihre Handgelenke packte.

„Sssssh....Du zerstörst die Überraschung...“, flüsterte ich ihr zu. „Ich sagte doch, du sollst mir vertrauen...“

Ich sah, dass sie nickte. Trotzdem war ihr Körper bis zum Äußersten angespannt, ich konnte ihr Herz aufgeregt schlagen hören. Und das war es, das mich nur noch mehr erregte. Ich hatte die Kontrolle über sie.

Meine Hände wanderten zu den Schnüren an der Rückseite ihres Mieders und lösten dort den Knoten, mit welchem sie dort zusammengehalten wurden. Während mein Mund ihren Nacken weiterhin mit heißen Küssen bedeckte, befreite ich ihren wohlgeformten Körper mit einem heftigen Ruck von ihrem Korsett, riss es ihr vom Leib und ließ es zu Boden fallen.

Ich umfasste von hinten ihre Brüste und knetete sie hart, was Danica aufstöhnen ließ. Es schien ihr zu gefallen. Gut...das war sehr gut. Ich hatte sie da, wo ich sie haben wollte.

„Cole...“, hauchte sie und ich konnte förmlich spüren, wie erregt sie war. Ich packte sie an den Schultern und drehte sie zu mir herum, um von ihren Lippen Besitz zu ergreifen, sie forsch mit meiner Zunge zu teilen und ihre damit zu umgarnen. Ihr entwich erneut ein unterdrücktes Stöhnen, als ich sie langsam rücklings zum Bett zurück bugsierte und mich dort mit ihr auf die Decke fallen ließ. Während ich sie noch immer küsste, streiften meine Hände ihr den langen Rock von den Hüften und entledigten sie auch dem Rest ihrer Kleidung. Dann drehte ich sie ruckartig auf den Bauch, die Finger meiner linken Hand streichelten ihr Hinterteil zunächst ganz sanft, was Danica offenbar ebenfalls Freude zu bereiten schien, so wie sie plötzlich anfing vergnügt zu seufzen. Eine Gänsehaut wanderte über ihren ganzen Körper, das konnte ich deutlich erkennen. Wo meine Hand ihre Pobacken zuvor noch gestreichelt hatte, packten meine Finger nun kräftig zu und kneteten sie forsch. Danica entwich ein Laut des Erstaunens....oder war es Entsetzen? Ich hob meine Hand von ihrem Hintern, nur um sie dann wieder auf ihn niedersausen zu lassen.

„Aaah...!“, entfuhr es Danica und sie war im Begriff, sich auf den Rücken zu drehen. Ich ließ sie gewähren, kauerte mich allerdings im nächsten Moment über sie und verhinderte so, dass sie vom Bett aufstehen konnte. Ihr Atem ging schnell und heftig. Sie versuchte, die Augenbinde zu lösen, doch ich umfasste blitzschnell ihre Handgelenke und drückte ihre Arme nach oben über ihrem Kopf zusammen, sodass sie sich nicht mehr rühren konnte.

„Cole....Was machst du da? Bitte lass das sein! Du tust mir weh! Du....“

Ich brachte sie zum Schweigen, in dem ich ihre Lippen mit meinem Mund verschloss und meine Zunge erneut forsch in sie drückte.

„Gefällt es dir etwa nicht, Liebste?“, hauchte ich an ihrem Ohr und knabberte an dem Läppchen. Ihr aufgeregtes Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Ich konnte es deutlich spüren, als ich meinen Oberkörper gegen ihren presste. Sie versuchte sich gegen meinen Griff um ihre Handgelenke zu wehren, doch ich umfasste sie noch stärker.

„Cole...es.....macht mir Angst. Hör auf damit....“, krächzte sie. Doch je mehr sie sich wehrte, desto mehr wollte ich weiter machen.

„Ja...“, flüsterte ich ihr ins Ohr. „Wehr dich, Danica...Das gefällt mir....So gefällst du mir. Vollkommen in meiner Hand...“

Sie wand sich unter mir, versuchte noch immer sich aus meinem Griff zu befreien, scheiterte jedoch, da ich mich mit all meinem Gewicht auf ihren Körper presste.

„Cole...Bitte...“, wimmerte sie. „Du tust mir weh...“

An ihrem Hals verzog ich die Lippen zu einem Schmunzeln.

„Genau das will ich auch.....Und du willst auch, dass ich dir weh tue, Danica....“

„Nein!“, presste sie hervor – und schaffte es zu meiner Überraschung sich von meinem Griff um ihre Hände zu lösen und mich von sich zu stoßen. Hastig löste sie den Schal um ihre Augen und warf ihn zu Boden. Doch bevor sie vom Bett aufstehen konnte, umfasste ich ihre Taille und warf sie wieder auf die Decke zurück. Sie lag rücklings auf dem Bett und ich kauerte mich wieder über sie, griff nach ihren Händen und drückte ihre Arme zu beiden Seiten von ihrem Körper weg. In ihren Augen lag die blanke Panik – und es bescherte mir ein wohliges Ziehen in meinen unteren Regionen. Das war genau der Ausdruck, den ich sehen wollte. Den ich bei jeder Frau sehen wollte. Den ich so gerne bei Kayra sehen würde.....Aber sie blieb mir verwehrt. Und das machte mich so wütend!

„Was soll das, Cole? Warum tust du mir weh?“, fragte Danica verzweifelt und eine Träne lief ihre Wange hinab. Ich legte meine Lippen auf ihr Gesicht und küsste sie weg. Doch ihr Körper zeigte keinerlei Regung darauf. Es war, als sei sie vollkommen erstarrt, ihre Leidenschaft für mich erloschen.

„Das ist es, was ich will, Danica. Das ist, was ich bin....“, erwiderte ich trocken und sah sie eindringlich an. „Und wenn du mich heiraten willst, dann wirst du dich damit arrangieren müssen.....“

Danica presste die Lippen aufeinander und unterdrückte ein Wimmern.

„Das kann nicht wahr sein, Cole....Das kannst du nicht von mir verlangen...“

„Was willst du tun, Danica? Die Verlobung lösen? Unsere beiden Väter enttäuschen?“

Sie wimmerte und schüttelte den Kopf.

„Nein....Ich will sie nicht enttäuschen....“ Sie schluchzte. „Und ich liebe dich, Cole......Aber.....wenn du mich auch liebst, dann kann es nicht dein Wunsch sein, mir weh zu tun...“

Mit einem Mal tat sie mir Leid – und ich gab es ungern zu. Ich lockerte meinen Griff um ihre Handgelenke und ließ meine Stirn an ihren Hals sinken, während ich scharf die Luft ausstieß.

„Es tut mir Leid, Danica....Ich....weiß nicht, was in mich gefahren ist“

Oh, doch. Das wusste ich genau. Aber ich hatte mir die Suppe nun eingebrockt. Ich hatte ja unbedingt herausfinden wollen, wie Danica tickte - und mich mit ihr verlobt. Ich hatte nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Sie konnte jederzeit zu ihrem Vater rennen und mich bloß stellen. Wieso hatte ich dem nur zugestimmt? Warum hatte ich mich nicht zügeln können? Aber vielleicht war es genau das, was mich letztendlich heilen würde: Eine Frau wie Danica, die mir die Normalität vor Augen führte. Die mir zeigte, wie es war, eine Frau richtig zu behandeln – und ihr nicht körperliche Schmerzen zufügen zu wollen. Mir entwich ein Schluchzen – und ich war überrascht. Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr geweint.

Danica´s Finger vergruben sich in meinem Haar und ihre Lippen hauchten einen Kuss darauf.

„Cole, bitte.....Weine nicht....Ich....verzeihe dir....“, flüsterte sie. „Aber bitte versprich mir, dass du das nie mehr tust...“

 

 

† Kayra †

 

Ich hatte mich nach draußen in die Stallungen begeben, um Shadow zu satteln. Vater hatte angeordnet, das umliegende Gebiet nach Werwölfen zu durchkämmen. Seiner Meinung nach war es besser, direkt auf Konfrontation mit ihnen zu gehen – und sie möglichst von Dunnotar Castle fern zu halten.

Allerdings sollte ich natürlich nicht alleine gehen. Er hatte Julian und Marcus, sowie einige andere Vampire des Clans dazu angewiesen, mit mir zu kommen. Darunter natürlich auch Cole. Selbiger betrat gerade den Stall und ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meiner schwarzen Stute zu. Seit Wochen ging ich ihm und Danica aus dem Weg. Hatte er es überhaupt mitbekommen?

„Kayra...“

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich ihn meinen Namen sagen hörte. Langsam drehte ich mich zu ihm um.

„Hallo, Cole...“

Er musterte mich fragend von Kopf bis Fuß – und mein ganzer Körper kribbelte unter seinem Blick.

„Ich habe dich die letzten Wochen kaum zu Gesicht bekommen...“, meinte er. „Du hast mich auch nicht zur Verlobung mit Danica beglückwünscht. Ist alles in Ordnung?“

„Was soll denn nicht in Ordnung sein?“, fragte ich und hob die Augenbrauen.

„Naja. Es scheint mir, als seist du nicht besonders glücklich darüber, dass ich nun mit deiner Schwester verlobt bin“

„Halb-Schwester...“, korrigierte ich. „Und weshalb sollte ich nicht glücklich darüber sein, Cole?“ Ich räusperte mich und rang mich zu einem Schmunzeln durch. „Natürlich bin ich das...“

Elende Lügnerin.

„Ich war nur.....gedanklich mit den Werwölfen beschäftigt – und mit dem Training der Vampire...“, fügte ich schnell hinten an und führte Shadow an der Zügel nach draußen. Cole´s Hengst war bereits fertig gesattelt, als er den Stall betreten hatte, und folgte mir mit seinem Pferd ebenfalls nach draußen.

„Ich verstehe...“, meinte er und stieg auf das Pferd, während ich es ihm gleich tat.

„Wann wollt ihr heiraten?“, fragte ich und ließ Shadow im Schritt neben seinem Hengst hergehen, während Julian, Marcus und die Anderen uns nun ebenfalls hinterher ritten.

„Wir haben noch keinen Termin....“, erwiderte Cole.

 

 

Cole

 

 

Um ehrlich zu sein, will ich Danica gar nicht heiraten, dachte ich bitter, als ich neben Kayra her ritt. Ich wollte lediglich meinen Spaß mit ihr haben, aber sie war nicht auf meine Vorlieben angesprungen. Ich hatte ihr versprechen müssen, dass ich es nie wieder tat. Trotzdem fuhr ich weiterhin fort wie bisher, wenn ich den Drang verspürte, meine Lust zu befriedigen. Ich stillte meinen Hunger weiter an den Dienerinnen im Schloss, wenn Danica zu Bett und ich in mein eigenes Zimmer ging. Für einen kurzen Moment hatte ich geglaubt, dass ich es schaffen könnte, meine dunklen Begierden abzulegen. Aber ich hatte mich getäuscht. Je mehr ich darauf verzichtete, desto stärker wurde mein Verlangen danach.

Danica durfte es nur nicht mitbekommen. Das war alles.

Ich musterte Kayra von der Seite. Sie war eifersüchtig auf Danica und mich. Deshalb ging sie mir seit Wochen aus dem Weg. Aber sie wollte es nicht zugeben, das war mir bewusst. Ach....wie sehr wünschte ich mir doch, dass ich einfach Kayra zur Frau hätte nehmen können. Aber mein Vater und meine Mütter würden dies niemals billigen. Und es war besser für Kayra. Sie war meine beste Freundin. Ich schätzte und liebte sie. Unter keinen Umständen wollte ich, dass sie von meiner düsteren Seite erfuhr – geschweige denn, sie am eigenen Leibe erlebte. Zumindest war es mir vergönnt, sie bewundern zu dürfen. Aber ich durfte sie niemals berühren. Nicht auf die Art, wie ich es mir wünschte. Und niemand sonst durfte es. Sie war meine Kayra. Ganz alleine meine.

 

 

 

 

 

Imprint

Text: Stefania B.
Images: Stefania B.
Cover: Stefania B.
Publication Date: 10-13-2018

All Rights Reserved

Dedication:
Dieses Buch ist Teil der Reihe: Blood Wars Cover: https://www.deviantart.com/blacklady999/art/Kayra-Drake-778940101

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