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Vermisstmacher

Anni saß da und starrte auf ihre gefalteten Hände auf der grauen Tischplatte. Sie wollte ihr Spiegelbild in dem riesigen Ungetüm an der gegenüberliegenden Wand nicht sehen, welches in Wirklichkeit von neugierigen Augen durchlöchert wurde.

Nach schier endloser Zeit näherten sich Schritte und stoppten vor der Tür in ihrem Rücken.

„Bin ich froh, dass du das übernimmst“, hörte sie einen Mann sagen. „Die ist genauso irre wie der Typ. Kein Wunder, dass er sie umbringen will.“ Ein anderer lachte.

Anni zwang eine ausdruckslose Miene auf ihr Gesicht, als die Türklinke nach unten gedrückt wurde. In ihrem Leben hatte sie genug Gelegenheit gehabt, dass zu perfektionieren.

„Tut mir leid, dass es länger gedauert hat, Frau Annabelle Schmidt, nicht wahr?“, entschuldigte sich derjenige, der eben noch gelacht hatte.

Anni verzichtete darauf, ihn auf den ausgelassenen Professorentitel hinzuweisen, sah auf und nickte. Pomade glänzte ihr über einem perfekt sitzenden Anzug entgegen und gleichgültige Augen musterten sie.

Er ließ sich ihr gegenüber auf den Metallstuhl fallen. Stille breitete sich aus. Anscheinend überlegte er, wie er ihr die Nachricht am besten beibringen sollte.

Anni beschloss, das ganze abzukürzen.

„Ich bin sein nächstes Opfer“, sagte sie.

Die Pupillen in den gleichgültigen Augen weiteten sich ein winziges bisschen. „Er hat Ihnen Ihre schon gebracht“, stellte er fest.

Natürlich hatte er das. Sie war die Einzige, die noch übrig war. Sie hatte gewusst, dass er ihren Tod bis zum Schluss aufsparen würde. So konnte sie sein Werk bewundern, ohne die Möglichkeit einzuschreiten. Verrückten glaubte niemand. Und sie hatte es schon lange aufgegeben, etwas daran ändern zu wollen.

„Wir werden Sie in Schutzhaft nehmen, bis…“

„Das ist nicht nötig“, unterbrach sie ihn.

Wieder senkte sich Stille über den kleinen Raum.

„Hören Sie…“ Jetzt sprach er zu ihr, wie zu einem kleinen Kind. Annis Finger zuckten, doch sie blieb ruhig. „Der Vermisstmacher ist hinter ihnen her.“ Sie hasste den Namen, den ihm die Presse gegeben hatte. „Damit ist nicht zu spaßen.“

„Hat Schutzhaft bisher je etwas gebracht?“, fragte sie.

Die Lippen ihres Gegenübers pressten sich aufeinander und neigten sich nach unten.

„Das waren immer unglückliche Zufälle.“ Dann fragte er: „Warum hat er gerade Sie ausgesucht?“

Anni erwiderte seinen forschenden Blick ohne jede Regung.

„Sollten Sie mir das nicht sagen können?“, entgegnete sie.

Er legte die Handflächen auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorne. Die Drohung war unmissverständlich.

„Ich frage aber Sie.“ Seine Stimme war kalt.

„Wie Sie wissen, weiß ich nichts“, erwiderte sie mit einem schmallippigen Lächeln.

Das war eine glatte Lüge. Schließlich hatte sie selbst die tragende Rolle in diesem Projekt innegehabt. Future hatten sie es damals genannt, denn um nichts anderes ging es dabei. Einen Blick in die Zukunft hatte es ermöglichen sollen und dann war es ein Blick in die menschlichen Abgründe geworden.

Dabei hatte Anni ihre Arbeit geliebt. Für sie war es wie eine Berufung gewesen. Eine Offenbarung, dass noch jemand außer ihr glaubte, dass es möglich war.

Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie festgestellt hatte, was wirklich mit der Technologie geschehen sollte. Was wirklich geplant war. Was man damit anrichten konnte.

Die Augenbrauen ihres Gegenübers zogen sich zusammen und ein Muskel an seiner Wange zuckte.

„Woher hat er ihrer Meinung nach die Zeitungsausschnitte, von Vermisstmeldungen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existieren dürften?“, fragte er und verlor dabei etwas von seiner Beherrschtheit.

Anni lächelte und hob hilflos die Hände. Sie hatten ihr nie zugehört. Etwas in ihr sträubte sich dagegen, es jetzt noch einmal zu versuchen.

Dennoch meinte sie: „Vielleicht aus den Zeitungen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht existieren dürften? Aus der Zeit, in der er zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte sein dürfen?“

Er schnaubte. Und sackte wieder auf seinen Stuhl zurück.

„Natürlich, Frau Schmidt.“ Er wollte das Kleinkind nicht zum Weinen bringen.

Anni blickte wieder auf ihre gefalteten Hände auf der grauen Tischplatte.

„Dann kann ich ja jetzt gehen“, sagte sie.

Sie spürte den gleichgültigen Blick auf sich.

„Ich werde Sie zurück in die Klinik bringen lassen.“

Dort wo sie hingehörte. Er sagt es nicht, und doch wusste sie, dass er es dachte. Anni nickte.

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Text: Tess M. Heingand
Images: Pixabay
Publication Date: 07-01-2020

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