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Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber

 

Kalendergeschichten

 

 

 

verlag.bucher@gmail.com

Eine kleine Plauderei als Vorrede.

Es ist eine eigene Sache um das Kalendermachen, ich meine nicht, um das Aufteilen der Tage und das Zuteilen heiliger oder profaner Namen für einen jeden derselben, das Vorberichten von Mondes- und Sonnenfinsternissen, Aufzählen der Fest- und Fasttage und Anführen der Bauernregeln, welche so heißen, weil sich wohl die Bauern danach richten, aber leider nicht immer die Witterung, kurz, ich meine nicht das Zusammenstellen alles dessen, wovon laufenden Jahres über jeder Käufer jedes Kalenders aufs beste unterrichtet zu sein verlangt, sondern ich meine die Abfassung des erzählenden Teiles, denn der soll das Büchelchen dem Käufer wert machen, viel mehr wert, als die Pfennige oder Groschen, welche dafür ausgelegt werden. Den Kalendermann, der es mit den Jahreszeiten und Mondläuften zu thun hat, den plagen – wie einmal ein Dorfkomödiant als »Faust« deklamierte – weder Kruspel noch Zweifel, wenn für die Tanzlustigen der Fasching zu kurz gerät, oder für die Wanderlustigen Ostern gar spät fallen, so ist das nicht seine Sache und er steht über alle böswilligen Anwürfe erhaben, und spielt ihm ja einmal die Witterung den Schabernack und macht alle seine Vorhersagungen zu nichte, so wäscht er seine Hände wie Pilatus – mit Kleie hätt' ich bald geschrieben, der that es aber mit Wasser, wird wohl kölnisches gewesen sein, was der Herr Statthalter gebrauchte – und fragt: »Was ist Wahrheit?« Ganz anders dagegen verhält sich's mit dem Erzähler, der geht mit dem Bewußtsein der etwas bedrückenden Machtvollkommenheit ans Werk, daß er sich selbst gute oder böse Zeit, schönes oder schlechtes Wetter, Beifall oder Mißgunst schaffe und es ist viel leichter zu sagen, wie er sich dabei nicht anstellen soll, als wie er es zu machen habe.

Nehm' einer an, er hörte in einer Gesellschaft eine Geschichte erzählen, eine von jenen, welche man sich Zeitvertreibs halber gern einmal gefallen läßt, wo nach dem letzten Worte kein weiteres mehr not thut und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts nachklingt im Gemüte, doch würde er es gleich allen andern zufrieden sein und dem Erzähler zum Abschied freundlich die Hand bieten; wenn er nun aber in jeder Gesellschaft diesen Erzähler träfe und immer dessen Geschichte zu hören bekäme, so würde er – wir wollen christliche Gesinnung bei ihm voraussetzen – den Mann wohl nicht hassen, aber ihm thunlichst aus dem Wege gehen und es würde ihm zur großen Befriedigung gereichen, an dessen, wie er sie nun nennen würde, alberne Geschichte durch nichts erinnert zu werden.

Nun, eine solche Geschichte, die man sich gerne einmal gefallen läßt, bei der das letzte Wort wirklich das letzte ist und bleibt und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts im Gemüte nachklingt, die soll der Kalender-Geschichtenschreiber nicht bringen, denn der Kalender hängt das ganze Jahr über an der Wand, oder wird unzähligemal aus der Lade und zur Hand genommen und der Leser würde bei jedem Aufblättern an diese Leistung erinnert werden; im ersten Drittel des Jahres wäre er ihrer überdrüssig geworden, im zweiten bekäme sie, je nach Temperament des Beurteilers, eine mehr oder minder kräftige Klassifikation, aber nicht zum Guten, und im letzten hätte sie ihm den ganzen Kalender verleidet. Er kauft ihn nie wieder. Also sollte es wohl eine Geschichte sein, die man gerne auch des öftern liest, wo über das letzte Wort hinaus Gedanken sich fortspinnen und Gefühle nachklingen? Ei freilich!

Nun wüßte der Kalender-Geschichtenschreiber, was er sollte, aber – nicht kann; denn wenn er nichts anderes zu erzählen weiß, als was andere schon vor ihm erzählt haben, – von der alten Geschichte, die ewig neu bleibt und auch immer ihren Anwert findet, bis zur Schilderung all der andern tausendfältigen Lust und Qual, die das arme Menschenherz beglückt und bedrückt – dann müßte es in der Art schon ein ganz kapitales Stück von einer Erzählung sein, wenn sie ein volles Jahr vorhalten soll, und das ist doch von einer armen Feder, wie sie unsereiner führt, billigerweise nicht zu verlangen.

Aber der Kalender-Geschichtenschreiber braucht weder zu unternehmen, was er nicht soll, noch sich auf das einzulassen, was er nicht kann, weder langweilig zu werden, noch eine unmögliche Konkurrenz zu versuchen, er braucht sich bloß zu erinnern, daß er eben für einen Kalender schreibt, und wenn er dann die Arbeit seines Kollegen, der es mit den Jahreszeiten und Mondläuften zu thun hat, durchblättert, so wird er manches finden, vom Jahresregenten durch der Astrologie Gnaden bis hinunter zu den etwas dreisten Wettervorhersagungen von hundert Jahren her und auf hundert Jahre hinaus, das er gerne, je eher je lieber, hinausgeworfen sähe; aber sein Kollege wird ihm sagen: »Sachte, Freundchen, die Leute suchen danach, sie sind gewöhnt, all das Zeugs in einem richtigen Kalender zu finden und gegen Gewohnheit hilft nur das Abgewöhnen, und das braucht gute Weile. Zur Zeit der großen Revolution haben die Franzosen nebst dem Landes- und Himmels- auch den Jahresregenten abgesetzt, indem sie Knall und Fall einen neuen Kalender einführten, als es aber mit Knall der Flinten und Fall des Mordbeils vorbei war, da bekamen sie 'n alten Kalender wieder, mit 'm Jahresregenten und 'n Wetterprophezeiungen, und der zwölfte Monat hieß, wie vordem der zehnte, nämlich: Dezember.

Wenn sich dann der Kalender-Geschichtenschreiber vorhält, daß die Menschen in ihrem Herzinnersten auch so 'ne Art Kalender hätten, voll unheiliger Gedenktage, voll Namen arger und wunderlicher Heiliger, voll aber- und aftergläubiger Prophezeiungen und unverläßlicher Sittenregeln, die, den Bauernregeln gleichend, ebensowenig die Sitte machen, wie diese das Wetter – wenn er das, bald von Thränen, bald von Lachen angewandelt, überprüft und auch gerne, je eher je lieber, hinausgeworfen sähe, so wird er sich nun selber sagen: »Sachte, Freundchen, gegen Gewohnheit hilft nur das Abgewöhnen.«

Und nun geht er mit Bedacht und Ueberlegung an die Arbeit, ein Mann, der nicht nur etwas zu erzählen weiß, sondern auch etwas zu sagen hat. Unter dem Erzählen blättert er den Kalender, den die Menschen in ihrem Herzinnersten tragen, auf und wo er auf eine gute Seite trifft, da spricht er zum Bessern, und wo er eine böse findet, zum Guten; dieses »Belehrsame« hängt jeder richtigen »Kalendergeschichte« an. Es mag da eine kleine Eitelkeit mit unterlaufen, die Voraussetzung, manches besser zu wissen, als andere, vielleicht auch ein großer Irrtum, die Anschauung, daß sein Besseres auch wirklich das Bessere sei; doch schon allein das Aussprechen einer offenen, ehrlichen Meinung hat das Gute für sich, daß es die Leute veranlaßt, mitunter auch auf eine andere als die eigene zu hören.

Ehe er aber an sein Erzähl- und Lehramt geht, sieht er sich vorerst den Leserkreis seines Kalenders genauer an. Es ist dies gleichsam eine Gesellschaft, in die er eingeführt wird, und als Mann von Welt weiß er, daß es sehr unschicklich wäre, eine Sprache zu reden, welche in diesem Kreise nicht verstanden würde, daß es dagegen sehr gewinnend und einnehmend läßt, sich so weit als thunlich in die Art der Versammelten zu schicken, freilich muß deren Art auch danach sein, daß sich ein anständiger Mann darein schicken kann. In einem ängstlichen Kreise, wo man stets fürchtet, das Kind mit dem Bade zu verschütten, wird er nicht einmal an die Wanne rühren, sondern nur sein Bedauern für das liebe Kleine nachdrücklich aussprechen, das nun, sauber gewaschen, gleichwohl im Unreinen – im Badewasser – sitzen gelassen werde. Unter unbefangenen Gesellen wird er nicht anstehen, wie 'n Jahrmarktsmann mit dem Sonnenmikroskop, Floh und Laus, die uns ins Ohr und in' Pelz gesetzt werden, elefantengroß an die Wand zu werfen. Für das erste Stück werden ihn freilich Kraftgeister einen Reaktionär und für das zweite Kleingeister einen Revolutionär schelten; weil aber bei Zuwendung dieser Titel das einzig Beunruhigende, die Kostenfrage, entfällt, da die Verleihung taxfrei geschieht, so braucht er sich dadurch nicht anfechten zu lassen, er weiß ja nur zu gut, daß es noch keinem auf der Welt gelungen ist, es allen Leuten recht zu machen, daß man nur den Gläubigen predigen kann, und daß noch keiner zu einem »besseren« Glauben bekehrt wurde, dem sein alter eben noch »gut« genug war. Es muß erst der Zweifel die alten Götter entwerten, ehe sie der Mensch im Tausche gegen neue aufgibt. Nun treibt aber der Kalendermann beileibe nicht einen Hausierhandel mit neuen Göttern, er verlegt sich bloß auf den Umsatz guter, edler, schöner und fruchtbringender Gedanken, – mag solche vor tausend Jahren ein weiser Heide ausgesprochen haben, oder heutigestags ein warmherziger Mensch aussprechen – und bequemt er sich dabei auch nach Land und Leuten, sein Absehen hat er doch auf die Welt und die Menschen, denn er ist der Ueberzeugung, käm' morgen der jüngste Gerichtstag – er glaubt 'n allerdings nicht so nah' und zum Frommen mancher Frommen wäre vielleicht zu wünschen, er fiele ganz aus – aber käm' er morgen, so wird es nicht heißen: »Warst du ein guter unierter oder nicht unierter Grieche, Katholik, Protestant, Jude, Türke oder Fetischanbeter?« Sondern die Frage wird lauten: »Warst du ein guter Mensch?« Und nur der Unglaube, der mit Unthat Hand in Hand gegangen, hat zu bangen. Daß aber die Ahnung, die Frage werde so und nicht anders lauten, die Herzen der Menschen durchzittert, zeigt das zu allen Zeiten nachweisbare, in unsern Tagen aber allgemein rege gewordene Streben nach Humanität; »Menschlichkeit« schreibe ich zu deutsch, denn so gut auch die Sache ist, das Wort »Menschenliebe« ist mir doch noch zu gut dafür, die liegt wohl des Weges, aber eine Strecke weiter. Nun dieses Streben nach Menschlichkeit braucht heutzutage nicht erst an einzelnen vorgeschrittenen Exemplaren unseres Geschlechtes nachgewiesen zu werden, es hat sich verallgemeinert, es zwingt selbst den Widerwilligen in einem oder dem andern Stücke zur Nachgiebigkeit und dringt durch den wetterfesten Lack von Konfession, Nationalität und Parteianschauung. (Letztere ist freilich oft nur Wasserfarbe.)

In diesem Sinne hat der Kalender-Geschichtenschreiber sein Absehen auf Welt und Menschen, wenn er sich gleich Land und Leuten anbequemt, und darum wird auch alles, was er aufgreift, um davon belehrsam zu erzählen, jedem Leser mehr oder minder nahe gehen, und wenn er noch obendrein seine Meinung so einzukleiden versteht, daß sie ehrlichen Leuten zu Kopf und Herzen spricht, dann wird er seine »Kalender-Geschichte« haben, die vorhält, die man gerne auch des öftern liest, weil sie, über das letzte Wort hinaus, Gedanken anregt oder im Gemüte nachklingt.

Vorliegendes Büchlein enthält eine Anzahl Geschichten, aus verschiedenen Jahrgängen verschiedener Kalender gesammelt; da durch die jedesmalige Rücksichtnahme auf den Leserkreis derselben bei Wahl und Behandlung der Stoffe die einzelnen Arbeiten verschiedenartige Färbung erhielten, so daß sie sich jetzt als Ganzes, nicht wie aus einem Gusse darstellen, so ließ ich mich die Mühe nicht verdrießen, durch diese Einleitung wenigstens darzuthun, daß sie einer Gattung angehören und was es mit dieser für eine Bewandtnis habe. Ich verwahre mich aber gegen den Verdacht, daß ich bei den Färbungen selbst Farbe gewechselt hätte, daß ich irgend welche etwa als Schutz- oder Nutzfarbe angenommen, um mich den Blicken meiner Feinde zu entziehen, oder Harmlose anzulocken und zu verderben, welches Verhalten von zeitgenössischen Gelehrten mehreren niederen Tiergattungen zugeschrieben wird, schon im Hinblick auf diesen Umstand möchte ich es mir doch höchlich verbeten haben, in die Kategorie dieser Farbkünstler gezählt zu werden. Auch habe ich weder Lock- noch Appetitfarbe angenommen, um Schwirbler zu fangen, und bei Gefräßigen auf deren Verdauung zu spekulieren, wie einige Pflanzen thun, – darunter Fliegenfalle und Vogelbeerstrauch, – und durch solche ebenso fein ausgeklügelte, als unschöne Handlungsweise gegen die bisher als unschuldig verschrieene Pflanzenwelt ein leider nicht ganz unberechtigtes Mißtrauen erwecken. Ich habe nur Farbe auf anderes übertragen und auch das nur, wo es mit meinem Denken und Fühlen verträglich war, Helläugige werden ohnedies, trotz der Buntheit der Farben, merken, daß eine Hand sie aufgetragen.

Indem ich dieses Bändchen der verehrlichen Lesewelt übergebe, zerbreche ich mir durchaus nicht den Kopf darüber, worin ich es etwa dem einen oder dem anderen nicht zu Dank gemacht hätte, denn manchmal bekommt man in dieser Hinsicht Dinge zu hören, auf die man bei allem Scharfsinne nicht verfallen wäre. Ich denk' mir's, daß einige die Erzählungen: »Treff-Aß«, »Zu fromm«, »Der Verschollene« für zu zahm erklären werden und dem entgegen andere, die daran Gefallen finden, wieder anderes für gar sehr gewagt; so, ganz sicher – um weitere Anführungen zu meiden, sei das vornehmste herausgegriffen – »Die Märchen des Steinklopferhanns«, und da hätt' ich zum Schlusse nur noch paar Worte über besagte Zahmheit und beklagtes Wagnis beizufügen.

Will's zwar nicht glauben, aber gesetzt, ein skrupulöser Freigeist machte mir den Vorwurf, daß ich in die Erzählung »Der Verschollene« eine Gespenstergeschichte hineinspielen lasse, so müßt' ich ihm sagen, er habe keine glückliche Hand fürs Lesen und was ihn ärgert, stäk' nicht im Buche, sondern in seinem Kopfe. Ich hab' mir die Gespenstergeschichte lediglich als eine Erfindung des Polizeiagenten, der sie vorträgt, gedacht, will es ein anderer damit anders halten und den Fall der Selbstanzeige, von dem dabei die Rede ist, als Geschehnis hinnehmen und den ganzen Spuk im Gehirn des geisteskranken Verbrechers rumoren lassen, so habe ich auch gegen diese Auffassung nicht das geringste einzuwenden; ich weiß es wohl, diese beiden Lesarten sind nur für jene, die zwischen den Zeilen sich auswissen, und es gibt noch eine dritte, die einfach das Gespenst als handelnde Person gelten läßt. Niemand wird sagen können, daß ich in der genannten Erzählung dem Gespensterglauben das Wort rede, aber es lag auch nicht in meiner Absicht, ihm auf den Leib zu rücken und vorliegenden Falls hielt ich dafür, es sei besser, daß das Gruseln die mich Mißverstehenden nachdenklich mache, als daß ich ihnen und mir durch unzeitigen Spaß oder trockenen Ernst die Stimmung verderbe. Kurz, ich habe hier auf die Gefahr eines Mißverstehens hin mir die Einheitlichkeit der Wirkung gewahrt und hier, wie anderswo, die Gelegenheit, landläufigerweise Aufklärerei zu treiben, verschmäht; wenn ich dagegen manchmal jene ergreife, den Leuten nach dem Sinne zu reden, so lasse ich mir das nicht verübeln, es geschieht, unabträglich meiner Meinung, damit ich den Leuten zeige, daß ich um ihr Denken und Fühlen Bescheid weiß, nicht davon schwatze wie ein Blinder von der Farbe und mir für Fälle, wo ich wider das eine oder das andere meine Karte auswerfe, wenigstens das Vertrauen sichere, daß ich es auf ein ehrlich' Spiel abgesehen habe, – »freilich, mit Finessen, halt ja mit sakrische Finessen!«

Damit genug über den einen Punkt, bezüglich des andern glaub' ich im vorhinein – und brauch' nicht erst als möglichen Fall zu setzen, – daß ich mit Leistungen wie »Die Märchen des Steinklopferhanns« mir es gründlich bei allen jenen verschütte, die über die zunehmende Glaubenslosigkeit der Welt zu jammern pflegen, und klagen, daß man die Leute im Unglauben bestärke. Das ginge an? Dann wurde zur schönen, mittelalterlichen Zeit kein Hexenmeister, keine Hexe unschuldig verbrannt, denn alle Unmöglichkeiten, die sie ins Werk gesetzt haben sollten, sind glaubwürdiger als obgedachte. Ach, wenn nur die Guten von der Güte wären, vorerst näher zu besehen, was sie einem in die Schuhe zu schieben gedenken! Du grundgütiger Himmel, kann man denn jemand im Unglauben bestärken! Im Glauben kann man ihn bestärken, in der Arbeit, in jedem Unternehmen, aber doch nicht im Unterlassen, nicht im Müßiggange, nicht im Unglauben! Kann denn einer, was er ohnehin bleiben läßt, noch mehr bleiben lassen, tagedieben, länger als der Tag ist, und was er nicht glaubt, noch mehr – nicht glauben?!

Was aber die Klage über die mehr und mehr um sich greifende Glaubenslosigkeit anlangt, so habe ich dieselbe hingenommen wie jedermann, ungefragt, ob sie berechtigt oder übertrieben sei, dachte jedoch, daß es ein großes Unglück wäre, wenn durch sie den ehrlichen Leuten, die an echter Frömmigkeit festhalten, ihre gleichfalls ehrlichen Mitmenschen, die im Anstürme der Zweifel den Glauben einbüßten, entfremdet würden, – nach Heuchlern und Hetzern, Laurern und Lumpen frag' ich ja nicht, – und da hielt ich für dienlich zur Beruhigung der ehrlich Frommen manchmal auch darauf hinzuweisen, daß das, was den Menschen zum Menschen macht, in den Tiefen seiner Seele sitzt, daß es wohl durch den Glauben verklärt, aber nicht mit selbem abgelegt werden kann, daß das Sittengesetz ein ewiges sei und ein Verstoß dagegen gleich drückend und quälend sich heimzahlt, ob er nun von dem Gläubigen als Sünde, oder von dem Glaubenslosen als Schuld empfunden wird.

Nun, lieber Leser, das gehört so mit zu dem »Belehrsamen«, davon wirst du auch in den folgenden Erzählungen zur Genüge finden und in dieser Hinsicht sind sie richtige »Kalendergeschichten«, daß du sie auch im andern Sinne als solche gelten lassen müßtest, – als Geschichten, die man gerne des öftern liest, wo über das letzte Wort hinaus Gedanken sich fortspinnen und Gefühle nachklingen, – das ist mein vielleicht nicht bescheidener, aber desto aufrichtigerer Wunsch.

Wien, im Frühjahr 1882.

Ludwig Anzengruber.

Die drei Prinzen

Ein Märchen.

(1876.)

 

Es war einmal ein guter, alter König; böswillige Leute behaupteten zwar, er wäre so gut wie gar keiner gewesen, das heißt, man vermerkte es in seinem Reiche nicht, daß es da überhaupt einen Herrn König gäbe; aber er selbst war ganz davon überzeugt, denn als sein hochseliger Vater verstorben war, da kamen die Großen des Landes zu ihm und sagten: Geruhen Sie jetzt allergnädigst uns zu regieren! Er hatte damals gleich eine huldvolle Antwort zur Hand, denn er hatte es ja vorausgesehen, daß es so kommen würde und war nicht unvorbereitet und so übernahm er denn die Regierung und setzte die Jahre durch unter alle Schriftstücke, die es nötig hatten, seinen leserlichen Namenszug; gab es etwas Gutes für das allgemeine Beste, oder Belohnungen und Gnadenakte, da that er einen Mundsprung und es flog ihm das »Monosogoporibius I.«, so hieß er nämlich, nur von der Hand, als ob es eine einzige Silbe wäre; betraf es aber Steuerausschreibungen, Rügen oder etwa gar Strafen, da hatte er erst lange an der Feder herumzuschnitzeln, mußte sich noch länger auf seinen Namen besinnen und der Herr Hofsekretär, der ihm die Papiere zur Unterschrift unterbreitete, hatte stets auf der Hut zu sein, daß Seine Majestät sich nicht in der Zerstreuung statt der Streusandbüchse des Tintenfasses bediente; darum liebte ihn das Volk und er liebte es wieder.

Monosogoporibius I. war kinderlos, hatte aber drei Neffen, unter welchen ihm frei stand, seinen Thronfolger zu erwählen, das machte ihm denn schwere Sorge; obwohl er sich gestehen mußte, daß er sein ganzes Leben lang immer nur unterschrieben habe, und daß ein anderer – natürlich aber wieder nur ein Prinz – dasselbe zu leisten leicht im stande sein dürfte, so konnte er sich doch nicht verhehlen, daß Falle eintreten könnten, wo man seiner, Monosogoporibius I., bedauernd und klagend sich erinnern möchte, da er nur den einen Ehrgeiz hatte, seinem Volke nie eine Thräne gekostet zu haben, so hatte er sich recht gut mit dem Gedanken abgefunden, daß nach seinem Tode niemand im Reiche seinen Abgang fühlen dürfte und die Liebe zu seinem Volke ließ ihn wünschen, daß Zeiten ferne bleiben mögen, wo man den Tag seines Hintrittes als Verlust empfinden könnte.

Als Monosogoporibius seine Kräfte merklich abnehmen fühlte, dachte er ernstlich daran, sich für einen seiner drei Neffen zu entscheiden; er dachte zuerst an den mit der hübschesten Handschrift, da er aber immer gewohnt war, den Rat der Großen seines Reiches einzuholen, so berief er sie auch diesmal vor die Stufen seines Thrones. Der alte Herr im Königsmantel, mit Krone, Scepter und Reichsapfel sah prächtig aus, wie auch die hohen Herren in ihren Galaröcken, an denen Sterne und Kreuze funkelten, einen überwältigenden Eindruck machten.

Der König stellte seine drei Neffen der Versammlung vor, obwohl sie jeder, der zugegen war, schon von früher sehr gut kannte, aber das heißt man Zeremoniell, und das muß sein; dann hielt er eine lange Rede über Regententugenden, das wegen der Handschrift behielt er aber für sich, darauf sollten sie selbst kommen, das heißt man Staatsklugheit, die muß gerade nicht sein, aber es ist gut, wenn man davon hat. Als der König mit der großen Rede fertig war, fragte er die Versammelten, was sie dazu meinten.

Die Versammlung gestand zu, daß Tugenden für einen Regenten erforderlich wären, je mehr, je besser, so viel eben zu haben wären, doch müsse man sich auch zu begnügen wissen. Einige sagten, Monosogoporibius solle ihnen nur einen Regenten geben, die Tugenden wollten sie dem Auserwählten dann schon selber glauben machen.

Aber der alte König schüttelte den Kopf.

Endlich trat ein Greis vor.

»Edler Monosogoporibius,« sagte er, »du denkst billig und gerecht, wenn du nur jenen von den drei Prinzen auf den Thron zu setzen gewillt bist, welcher der würdigste ist; aber indem du uns die Wahl zuschiebest, setzest du uns in arge Verlegenheit: schnell könnte sich für jeden Prinzen eine Partei bilden, denn gleich würdig erscheint ja ein jeder; krönt man endlich einen von ihnen, so wird er Feind aller derer sein, die früher zu seinen Brüdern gestanden, abgesehen davon, daß man solchergestalt leicht alle brüderliche Liebe in ihren Herzen austilgen und der Bruderzwist bis zum Bürgerkriege ausarten könnte.«

Da trocknete sich der gute, alte König den Schweiß von der Stirne. »Du bist ein entsetzlicher Mensch,« sagte er zu dem Sprecher, »du bringst mich um die Ruhe meiner Nächte!«

»Geruhe mich allergnädigst weiter anzuhören,« fuhr der Greis fort; »ich habe von den Gefahren einer Wahl gesprochen, weil sie nicht alle Stimmen für einen Prinzen ergeben wird, und wenn Stimmenmehrheit entscheiden soll, die beiden andern sich empfindlich zurückgesetzt fühlen dürften. Es ist somit in diesem Fall für alle Teile gut, wenn uns keine Wahl gelassen wird, und wenn derjenige Prinz dir auf dem Throne folgt, dessen Eigenschaften die Probe halten.«

»Wie meinst du das?« fragte Monosogoporibius.

»Ich vermeine, erhabenster Gebieter, du solltest, solange noch dein Auge wacht, jeden der Prinzen, einen nach dem andern, zur Probe das Reich regieren lassen. Ihre Reihenfolge mögen sie unter sich durch Abmachung oder durch das Los bestimmen. Jeder regiert so lange, bis etwa das Land sich durch seine Mißgriffe genötigt sieht, dich wieder auf den Thron zu rufen, der aber soll dein Nachfolger sein, der selbst, nach wohlverbrachter Probezeit, zum Bedauern des Volkes das Scepter in deine Hand zurücklegt.«

Monosogoporibius gestand sich, der Vorschlag habe etwas Unerhörtes und die Höflinge meinten, den Alten habe der Teufel geritten.

Aber als man die Stimmen für und wider sammelte, da blieb es bei dem Unerhörten, denn es zeigte sich eine ziemlich starke Partei dafür, der sich denn auch einige Unentschlossene zugesellten und ihr so zur Majorität verhalfen. Diese Partei, munkelt man, wäre eigentlich die der erlauchten Schwägerin des Königs, der Mutter der drei Prinzen, und von ihr sei auch auf diesen Tag der ehrwürdige Sprecher, des Teufels Reitpferd, vorgeritten worden; das heißt man Intrigue, die muß zwar auch nicht sein, es ist auch nicht gut, wenn man davon hat, aber Hörensagen nach soll sie einen nicht am Fortkommen hindern.

Monosogoporibius I. gab mit einem tiefen Seufzer seine Einwilligung und die drei Prinzen dankten ihrem königlichen Oheim so demütig, als glaubten sie wirklich, er hätte schon heute früh morgens als freien Entschluß im Herzen getragen, was man ihm jetzt abends in den Mund gelegt, und der hohen Versammlung empfahlen sie sich so huldvoll und gnädig, als wären sie schon Könige, alle drei zusammen!

Wie das heißt, braucht nicht gesagt zu werden, das ist etwas von allgemeiner Umgangssprache, die von allem, was sie nicht Sprache haben will, Umgang nimmt.

Die Prinzen hatten, wie man bemerkt haben wird, eine kluge Frau Mutter, freilich nur klug in der Weise, wie man das häufig bei Frauen findet, die, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt haben, auch durchzuführen wissen; es ist das eine artige Kunst, an die schon mancher hat glauben müssen.

Die hohe Frau konnte es gar nicht erwarten, ihre Söhne regieren zu sehen, und sie war außer sich vor Freude, als die drei Prinzen heimkamen und ihr berichteten, daß sich in der heutigen Versammlung herausgestellt habe, wie auch das Reich, in Anerkennung ihrer – der drei Prinzen nämlich – ausgezeichneten Eigenschaften, es gar nicht erwarten könne, von ihnen regiert zu werden.

»Liebe Jungens,« dachte die hohe Frau, »ihr wißt eben nicht, was ihr ›Muttern‹ verdankt.«

Mit Feierlichkeit schritt sie zu einem Schranke und holte daraus den verrosteten Kriegshelm ihres verstorbenen Gemahls hervor.

»Kinder,« sagte sie, »jetzt müßt ihr losen, damit man weiß, in welcher Reihenfolge ihr zur probeweisen Regierung gelangt. Ich werde hier in den ehrwürdigen Hauptschmuck eures höchstseligen Vaters, den er in so mancher heißen Schlacht getragen, ein weißes, ein grünes und ein gelbes Zettelchen werfen und ihr werdet ziehen! Erlauchte Söhne, hoffnungsvolle Pflanzen in der Baumschule der Zukunft dieses Landes! Ich habe die genannten Farben erwählt, weil das Bäumchen im Frühlinge weiß, im Sommer grün und im Herbste gelb erscheint und gleichwie der Frühling vorangeht, der Sommer folgt und der Herbst den Reigen schließt, so soll auch der, welcher die jungfräuliche Farbe des Frühlings zieht, als der erste den andern vorangehen; derjenige, welchen die hoffnungsgrüne Sommerfarbe trifft, ihm folgen und den Reigen soll jener schließen, welchem die gelbe Farbe zufällt, doch hoffe ich von seiner brüderlichen Liebe, daß er sich gelben Neides entschlagen werde!«

Die Prinzen fanden diese Rede ihrer erlauchten Frau Mutter sehr sinnreich und erbaulich.

Die hohe Frau hatte ihren beiden jüngeren Sühnen dabei freundlich und verheißungsreich zugelächelt, bei dem letzten Satze ihrer Rede jedoch den ältesten ernst angeblickt.

Die hohe Frau liebte nämlich überaus die beiden jüngeren Prinzen, welche sich noch in kindlicher Liebe an die Falten ihrer reichgestickten Robe schmiegten, während der älteste ihr nicht mehr als den schuldigen Respekt bezeigte, womit bekanntlich oft ganz ordinären Müttern nicht gedient ist, geschweige denn gar einer dreifachen Königin-Mutter! Hätte sie nach ihrem Herzen handeln können, sie würde dem jüngsten als dem ersten zum Throne verholfen haben, denn er war gar so herzig; aber es ist eine alte Klage in den Palästen der Großen dieser Erde, daß die Rücksicht auf das Wohl der Kleinen der Stimme ihres Herzens Schweigen auferlege; so auch hier, der jüngste Prinz war eben auch gar so jung.

Die Prinzenmutter schüttelte den Helm mit den Losen. »Kinder,« rief sie scherzend, »wer zuerst zulangen kann, der zieht auch zuerst!«

Da stürzten die beiden jüngeren Prinzen vor, der dritte aber blieb voll Anstand und Würde auf seinem Platze stehen, auch um ein Königreich wollte er sich nicht mit seinen erlauchten Brüdern balgen.

»Du willst ein König werden,« sagte der zweitältere zu dem jüngsten, »dir wird ja die Krone bis über die Nase fallen und die Füße werden dir vom Throne herabbaumeln.« Und er stieß ihn weg, griff in den Helm und die Mutter schob ihm geschickt das weiße Zettelchen in die Hand.

Dann kam der jüngste herzu, er meinte, aber die Mutter versprach ihm ein Zuckerbrot, da griff auch er in den Helm und sie schob ihm das grüne Zettelchen zu.

Nun trat der dritte heran und holte den gelben Zettel heraus, wobei die Prinzenmutter dachte, er werde wohl nie von dieser Thronanweisung Gebrauch machen können, da doch gewiß einer von seinen Brüdern schon allen Anforderungen entsprochen haben wird.

Nun war es bestimmt, wie die Prinzen der Reihe nach zur probeweisen Regierung gelangen sollten.

Nur eines gab es zu bedenken, die Zeit drängte, wo sollten die Prinzen in aller Eile die Regierungskunst hernehmen? Sie zu einem befreundeten Könige in der Nachbarstadt in die Lehre zu schicken, dazu war es zu spät, aber der greise Sprecher, der schon einmal die Sache der königlichen Schwägerin so gut geführt hatte, glaubte hier Rat zu wissen.

»Dreifache Frau Königin-Mutter,« begann er, »nicht weit von hier haust ein weiser Einsiedler, derselbe bewahrt den Schlüssel zu einer Höhle, welche viel Wunder umschließt, sie ist, wie mir erzählt worden, von sprachkundigen Geistern bewohnt und gar mancher, der später berufen war, die Welt durch seine Thaten und Werke in Erstaunen zu setzen, hat sich vorerst bei diesen Wesen Rates erholt. Ich denke, wir ließen immer den betreffenden Prinzen nach jener Höhle reisen, versehen ihn mit einigen erfreulichen Geschenken für den alten Pförtner derselben, denn auch weise Einsiedler thun nichts umsonst, und überlassen das Weitere der Fügung des Himmels. Es gleich, ohne diese Umstände, derselben zu überlassen, wäre zwar einfacher und käme auch billiger, aber es kann nicht schaden, wenn man heutzutage der himmlischen Fügung nach der gewünschten Richtung hin den Anstoß gibt.«

Der Rat war eben so gut gemeint als einleuchtend und so wurde er denn auch befolgt. Der zweitälteste Prinz reiste mit einem großen Gefolge nach dem Wohnsitze des weisen Einsiedlers ab.

Nach wochenlanger, beschwerlicher Fahrt gelangte man in eine greuliche Wildnis, rings starrten nackte Felsen zum Himmel, kein Baum, kein Strauch, ja kaum ein Halm war in der ausgebrannten Oede zu sehen, nur hie und da stand ein Kaktus mit brennend roten Blüten; man konnte nicht sagen mitten inne, denn nach gewöhnlichen Begriffen war ja eigentlich ringsherum nichts zu sehen, aber hier in dieser trostlosen Gegend befand sich die Hütte des weisen Einsiedlers.

Der Prinz pochte ungeduldig an, er erwartete wenig von hier zu holen und gedachte dieses Wenige auch so schnell als möglich wieder fortzutragen.

Der Einsiedler war ein freundlicher alter Herr, der, wie sich von selbst versteht, einen schneeweißen Bart hatte; er erschien sofort unter der geöffneten Thüre und lud den Prinzen ein, in die Hütte zu treten; der aber bedankte sich schön, sagte, er habe große Eile und brachte sein Anliegen vor, nämlich, daß er in die bewußte Höhle eingelassen sein wolle.

»Ohne alle Vorbereitung?« fragte der Einsiedler. »Soll ich dir nicht ein oder das andere Sprüchlein mit auf den Weg geben?«

»Sind die notwendig?« fragte der Prinz.

»Notwendig nicht, nützlich vielleicht,« sagte der Alte.

»Dann danke ich,« meinte der Prinz, »und du würdest mich sehr verbinden, wenn du ohne weiteres mir mit meinem Gefolge die Höhle erschließen würdest.«

»Dir wohl, Prinz,« sagte der Einsiedler, »aber deinem Gefolge mit nichten! Die Höhle darf nur einer allein betreten!«

»Nun denn, ich bin bereit, schließe auf!«

Da führte der Einsiedler den Prinzen nach einem hohen Felsen, an welchem sich eine eiserne Pforte befand, über dieser waren in Lettern aus gleichem Metall die Worte »Höhle der Phrasen« angebracht.

Der Alte löste das Schloß, bedeutete dem Prinzen, wenn er die Höhle werde verlassen wollen, nur von innen zu pochen, die verrosteten Angeln kreischten und der Prinz trat hinein in das Dunkel, hinter ihm schloß der Einsiedler wieder sorgsam die Thüre und blieb lauschend an derselben stehen. Die Herren des prinzlichen Gefolges hätten für ihr Leben gerne mitgelauscht, aber es konnte leider niemand hinzutreten, entweder war die Pforte zu schmal, oder der würdige Einsiedler zu breit, oder wohl auch beides zugleich; so bildeten sie denn, die hohle Hand am Ohre, einen den lauschenden Weisen belauschenden Halbkreis.

Es dauerte nicht lange, so sagte der greise Horcher an der Thüre: »Aha!«

Die lauschenden Hofleute ringsum sagten mit großer Befriedigung auch: »Aha,« denn sie wähnten, jetzt würden sie eines jener prächtigen, beschreibenden Selbstgespräche zu hören bekommen, welche sich auf der Bühne so gut ausnehmen, und durch dasselbe über den Stand der inneren Angelegenheiten in der Höhle unterrichtet werden. Leider pochte es unmittelbar darauf von innen, der Einsiedler schloß auf und der Prinz trat heraus. Wohl sah man ihm an, daß ihm etwas Außergewöhnliches begegnet sei, aber er trug auch eine freudige Zuversicht zur Schau. Der alte Weise machte bei dieser Wahrnehmung gar ein ernstes Gesicht und verneigte sich stumm, als der Prinz auf das freundlichste von ihm Abschied nahm.

Auf der Rückreise sagten die Herren des Gefolges unter sich noch oft mit bedeutsamen Mienen: »Aha,« um den Prinzen aufmerksam und glauben zu machen, daß sie schon um manches wüßten und nur darauf warteten, daß er sich über ohnehin schon Bekanntes etwas näher gegen sie ausließe; aber zu ihrem großen Verdrusse verlor er über den so hochinteressanten Gegenstand nicht ein einziges Wort. Also erreichten sie wieder die Residenz Monosogoporibius' I., und wie das auch anderen Leuten manchmal geschehen soll, kamen sie von der Reise nicht klüger zurück, als sie ausgezogen waren.

Der königliche Oheim empfing sehr huldreich seinen Neffen, übertrug demselben unter großen Feierlichkeiten die Regierung und zog sich auf ein stilles entlegenes Jagdschloß zurück. Sohin führte der zweitältere Prinz probeweise das Regiment.

Gleich in dem ersten Manifeste an seine probeweisen Völker frischte der neue Herrscher das Gedächtnis der grauen, heldenhaften Vorzeit auf, versprach diese Tage der Größe und Macht des Vaterlandes wieder aufleben zu machen und gab der Erwartung Ausdruck, daß jeder Patriot begeistert Folge leisten werde, wenn das Vaterland zu großen Thaten ruft.

Und nun hatte das Volk oft und vielmals der Stimme des Vaterlandes Folge zu leisten, denn dieses ward nicht müde, zu den Waffen zu rufen; aber dieser Ruf des Vaterlandes war nicht der klagende Weckruf gegen fremde Unterdrücker, nicht der entrüstete Aufschrei über mutwillig zugefügte Schmach und Ungerechtigkeit, nicht das tiefernste Grollen des Beleidigten, es war der gellende Hetzruf des Beleidigers!

Aber dieses immerwährende Schlagen und Kriegen war von ebenso andauerndem Glücke begünstigt, so daß der junge Regent bald seinen Namen gefürchtet, die Grenzen seines Reiches erweitert und seinen Staat alle anderen an Macht und Grüße überragen sah. Mit Stolz fragte er sich, wer nunmehr den wahnwitzigen Gedanken auch nur denken könnte, dem Gründer all dieser Herrlichkeit den Thron streitig machen zu wollen! Mit Grausamkeit beugte er in widerrechtlichen Kriegen besiegte Stämme unter sein Joch und mit noch größerer Härte verfolgte er die seiner Herrschaft Angestammten, welche etwa schüchtern die Stimme für den Frieden zu erheben wagten.

Indessen saß der gute Monosogoporibius auf seinem stillen Jagdschlosse. Tags über durchpirschte er den Forst, das heißt, er durchstreifte denselben mit seinem Gefolge, denn er selbst hatte nie eine Armbrust gehandhabt; dabei geschah es immer, gewiß nicht aus Neid über die Geschicklichkeit anderer, sondern lediglich aus Mitleid mit dem armen Getier, daß der beste Schütze wenigstens für den laufenden Tag in Ungnade fiel. Abends – das war er so gewohnt – mußte ihm sein alter Hofsekretär sauber geschriebene Schriftstücke zur Unterfertigung vorlegen, da waren Belobungen und Belohnungen an die Dienerschaft, ein Dekret, das den armen Vögelchen über die harte Winterszeit genügendes Futter bewilligte, welches immer »an im betreffenden Paragraphen genau ersichtlich gemachter Stelle« hinterlegt werden würde; ein anderes, das die Herstellung von »mit genügsamem Heu versehenen Remisen« zur Aesung des Wildes im Walde anordnete; nur eines, welches auch den Raupen und Engerlingen einige Freiplätze im kleinen Schloßgarten anweisen wollte, wurde über energische Einsprache des alten Gärtners fallen gelassen. Von Zeit zu Zeit ward auch einem alten Jagdhunde, für dessen während der Dienstzeit bewiesene Pflichttreue andere einstehen konnten, allerhuldreichst ein Gnadenbrot zugewiesen, wobei der alte König sich nie enthalten mochte, zu bemerken, daß er das Institut der Jagdhunde nicht billige, sondern nur als eine Notwendigkeit beklage, übrigens aber, wie unter alle Schriftstücke, seinen reinlichen, leserlichen Namenszug darunter setzte, denn es war doch eines mehr.

Aber nun wurde ihm schon längere Zeit sein stilles Jagdschloß verleidet, die Witwen und Waisen der zahllosen Krieger, die in den Feldzügen des Regenten gefallen waren, kamen in Scharen jammernd herbeigezogen und baten ihn um Erbarmen für das Land.

Was aber wollte der gute, alte König machen? Darauf durfte er ja nichts geben, das waren ja nicht die Großen des Reiches, das waren ja nur die Kleinsten und Aermsten, die ihn zurückverlangten. Da ward er, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, sehr zornig, verwünschte seinen Neffen, und um von dem ganzen Jammer nichts sehen und hören zu müssen, gebot er, die Fensterläden zu schließen und stopfte sich Baumwolle in die Ohren.

Mittlerweile aber kamen noch härtere Tage über das Land, die Grausamkeit des Regenten und seine nie rastende Kriegssucht zwangen endlich alle benachbarten Staaten in. ein großes Bündnis wider ihn, der Ueberzahl mußte er erliegen, er suchte und fand in offener Feldschlacht den Tod, und nun sah das arme Reich die ganze Zeche sich aufgekreidet, so daß es fast an seinem Bestände verzweifeln mußte.

In dieser Bedrängnis eilten denn auch die Großen des Reiches nach dem stillen Jagdschlosse, um die Krone an Monosogoporibius I. zurückzustellen. Der alte König war vor Freude außer sich, als er sie kommen sah, nicht darüber, daß er nun wieder regieren sollte, sondern weil er nun dem Jammer, soviel in seinen Kräften lag, abhelfen konnte.

Er vergaß ganz auf die Baumwollpfropfen in den Ohren, und der Sprecher der Deputation der Großen des Reiches mußte seine ganze Rede noch einmal hersagen, nachdem der König die Watte entfernt hatte.

Sofort eilte Monosogoporibius I. nach der Hauptstadt, mit seinem Erscheinen kehrte Mut in die Herzen seiner Unterthanen zurück, und da die siegreichen feindlichen Fürsten es nicht auf einen Verzweiflungskampf ankommen lassen wollten und überdem mit dem alten König persönlich befreundet waren, so gelang es ihm, einen leidlichen Frieden zu schließen, der das Reich in jenen Grenzen beließ, wie er es seinem zweitältesten Neffen übergeben hatte; leider waren damit im Innern die Spuren von dessen Regentschaft nicht ausgetilgt. Der jüngste Prinz hatte unterdem gerade jenes Alter erreicht, in welchem sein verstorbener Bruder zur probeweisen Regierung gelangte. Da nunmehr die Reihe an ihm war, so entschloß er sich gleichfalls, die geheimnisvolle Höhle aufzusuchen, aber er gedachte vorsichtiger zu sein. Auf der Reise dahin forschte er jene Herren seines Gefolges, welche schon das erste Mal mit gewesen waren, genau über das Wenige aus, das sie wußten.

Wieder erreichten sie jene traurige Oede und der Prinz, dem die Reise viel Beschwerde gemacht, brannte schon vor Begierde, die Höhle zu betreten, um nach rascher Erledigung seiner Geschäfte an die Heimkehr denken zu können. Er pochte an der Hütte des weisen Einsiedlers; dieser erschien sofort unter der Thüre und lud den Prinzen ein, Rast zu halten; der aber bedankte sich schön, sagte, er habe große Eile, und brachte sein Anliegen vor, nämlich, daß er in die bewußte Höhle eingelassen werden wolle.

»Ohne alle Vorbereitung?« fragte der Einsiedler. »Soll ich dir nicht ein oder das andere Sprüchlein mit auf den Weg geben?«

Auf diese Frage war der Prinz durch seine Begleiter schon vorbereitet; er wollte es sich mit dem, wie es schien, redseligen Alten nicht verderben und so antwortete er: »Das mag wohl nicht notwendig, aber vielleicht doch nützlich sein, sage mir ein solches Sprüchelchen.«

Da wiegte der alte Einsiedler das Haupt und sagte: »Vor allem merke dir dies:

Bleib dir getreu nur,
Laß dich nicht irren.
Was auch die Tiere
Brüllen und girren!«

»Das ist barer Unsinn,« dachte der Prinz bei sich. »Wie werde ich mir denselben merken?« Er hatte nämlich ein sehr schwaches Gedächtnis.

»Das ist das erste,« sagte der Alte.

»Sind ihrer denn mehrere?« fragte der Prinz.

»Es sind mehrere,« sagte verdrießlich der Einsiedler.

»Dann verzichte ich darauf,« sagte verbindlich der Prinz. »Du würdest mich aber sehr zu Dank verpflichten, wenn du mir sagen könntest, was meinem höchstseligen Herrn Bruder in der Höhle begegnet ist.«

»Ich darf zu keinem über die Geheimnisse der Höhle sprechen, der sich nicht vorbereiten lassen will, und dazu ist nötig, daß er alle meine Sprüchlein erlernt.«

»Das ginge mir ab,« sagte der Prinz stille für sich, und dann laut: »Vielleicht aber könnte ich doch erfahren, wie ich dem Geschicke entgehen kann, das ihn betroffen hat, denn daran liegt mir vor allem.«

»Da brauchst du nur zur ersten Erscheinung, die dir entgegentritt, zu sagen:

Haß ist stets ein traurig' Erbe,
Oft der Sieg ein ungerechter,
Krieg sei nimmer ein Gewerbe
Und der Held, er sei kein Schlächter!«

»Gerechter Himmel,« klagte der Prinz, »das klingt nicht viel klüger als das erste, wie werde ich das behalten können? Ich bitte, sage mir das noch einmal!«

Und der geduldige Alte sagte den Spruch noch einmal, dann auf allerhöchstes Verlangen ein drittes Mal und nachdem er ihn so ein Dutzend Mal wiederholt hatte, gestand sich der Prinz, daß man mit ein wenig Mühe, die man anderen mache, sich derlei ganz gut merken könne.

»Nun schließe mir nur auch rasch die Höhle auf,« sagte er, »damit ich den Spruch gleich vor der ersten Erscheinung hersagen kann, ich hoffe, sie wird doch so artig sein und sich blicken lassen, bevor ich ihn vergesse.«

Der Einsiedler löste das Schloß an der eisernen Pforte, bedeutete dem Prinzen, wenn er die Höhle werde verlassen wollen, nur von innen zu pochen, und die verrosteten Angeln kreischten –

»Halt einen Augenblick,« sagte der Prinz, ehe er in das Dunkel hineintrat. »Wie geht das Silben- und Reimgetrommel, das du mich gelehrt hast? Sieg ist stets ein traurig Erbe ...«

»Haß, Haß,« verbesserte der Einsiedler.

»Ach ja, ich weiß es nun schon,

Haß ist stets ein traurig' Erbe,
Und der Sieg, er sei kein Schlächter!«

»Du lieber Himmel,« sagte der Alte und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Nun, nun,« meinte huldreich der Prinz, als gälte es, den Einsiedler über eine von dessen eigenen Angelegenheiten zu beruhigen. Dann ließ er sich das Sprüchlein noch einmal vorsagen und dann hatte er es weg und trat hinein in die Höhle.

Hinter ihm schloß der Einsiedler wieder sorgsam die Thüre und blieb lauschend an derselben stehen. Die Herren des prinzlichen Gefolges hätten für ihr Leben gerne mitgelauscht, aber – doch das ist ja schon einmal erzählt worden und hat sich auch jetzt zum zweitenmal nicht anders zugetragen.

Es dauerte wieder nicht lange, wenngleich ein wenig länger als das

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Editing/Proofreading: verlag.bucher@gmail.com
Publication Date: 09-20-2013
ISBN: 978-3-7309-5044-9

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