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Victoria schleuderte die hohen Schuhe von sich und genoss das Gefühl des kühlen Parketts unter ihren Füßen. Die Satinschuhe waren ruiniert, aber die würde sie sowieso nie wieder anziehen müssen. Während der gesamten Trauzeremonie hatte sie nur an ihre eingequetschten Zehen gedacht und gefürchtet im unpassendsten Moment umzuknicken. Die Worte des Pastors waren an ihr vorbei gegangen. Ihre Tränen waren nicht Resultat der Predigt, sondern nur der Enge der High-Heels geschuldet. Den Brauttanz hatte sie noch mit einem starren Lächeln ertragen, aber bei den nachfolgenden Tänzen war ihr die gesamte männliche Verwandtschaft auf die Füße getreten. Und ihr Lächeln war immer starrer und gequälter geworden.

Von der Hotelterrasse klang der Lärm der feiernden Gesellschaft hoch durch die geöffnete Balkontür in die Hochzeits-Suite. Irgendwo da unten lachte und trank auch ihr Bräutigam, ihr Mann.
Mein Mann! Sie schmeckte das ungewohnte Wort in ihrem müden Mund, erschöpft vom ständigen Lachen und Lächeln. Eine Braut hatte glücklich aus zu sehen! Warum fühlte sich sich nicht glücklich? Warum blieb von diesem schönsten Tag nur ein fader Nachgeschmack auf ihren Lippen?
Mein Mann. Wie hatte sie sich danach gesehnt, dieses Wort stolz aussprechen zu können. Und nun bedeutete es ihr nichts. Er war immer noch Bodo, nur in einem schicken Smoking, mit einer weißen Rose im Knopfloch und neuen Lackschuhen, die in Zukunft in der hintersten Ecke des Schuhschranks verstauben würden. Ihr Glanz würde stumpf werden, ihr Leder brüchig. Genau wie diese Ehe, die mit einer ausgelassenen Feier begonnen hatte und im grauen Alltag verblassen wird.


Sie musterte stirnrunzelnd ihr Brautkleid, dass sie wie einen Sahnetorte aussehen ließ. Ihre Freundinnen hatten sie überredet, dieses Modell zu nehmen. Ihr hatte das rote, kurze Kleid viel besser gefallen. Es hatte ihre schlanke Figur betont, den Ansatz ihrer üppigen Brüste frei gelassen und sie fand sich unwiderstehlich sexy darin. Weiß tragen doch Alle, hatte sie gesagt. Genau das meinten ihre Freundinnen auch, und deshalb sollte sie auch ein traditionell weißes Brautkleid wählen. Das trägt man nur einmal im Leben, es ist doch Dein großer Tag! Und sie hatte sich überreden lassen.

Der hohe Spiegel und die aufgeklappten Spiegeltüren vervielfältigten ihr Bild und sie sah sich einer Unzahl von Bräuten gegenüber. Es schien, als stehe sie hier stellvertretend für alle Frauen dieser Welt, die die unbeschwerte Freiheit hinter sich ließen und einer ungewissen Zukunft entgegen blickten.
Der schönste Tag im Leben einer Frau? Das kann doch nur bedeuten, dass es danach bergab geht, dass die schönste Zeit vorbei war, dass nun schwierige Zeiten vor ihr lagen. In guten wie in schlechten Tagen, hatte der Pfarrer gesagt.
Natürlich hatte sie nur an die guten Zeiten gedacht, als ihr Freund sie fragte, ob sie nicht endlich heiraten sollten. Er war ein wunderbarer Mann und sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Da war dieses verheißungsvolle Funkeln in seinen Augen gewesen, das ihr Blut in Wallung brachte. Ja, er sah gut aus, war ein leidenschaftlicher Liebhaber, ein verlässlicher Freund, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Warum also sollte sie an ihrer Entscheidung zweifeln?
Schluß damit! Sie wischt die störenden Gedanken, wie eine Strähne ihres blonden Haares aus ihrer Stirn.

Sie hob ihren Arm, winkelte ihn über die Schulter und angelte nach dem Reißverschluss.
Warum ist das Ding so schwer erreichbar auf dem Rücken angebracht? Hingen die Schneider noch den romantischen Vorstellungen nach, dass der Bräutigam vor Erregung zitternd die Braut aus ihrer Seidenwolke pellt?
Mein Bräutigam wird wahrscheinlich weder dazu in der Lage sein, mich von dem Kleid zu befreien, noch dazu mir eine aufregende Nacht zu bereiten.

Unwillig riss sie den albernen Schleier herunter und schleuderte ihn aufs Bett. Das Zeichen der Jungfräulichkeit! Der pure Hohn! Welche Braut geht denn noch unberührt in die Ehe? Und sie hatte bei dem verlogenen Theater mitgemacht. Stell Dich doch nicht so an, weiß doch jeder, dass das nur Show ist – hatte Bodo gemeint.

Die suchenden Finger fanden endlich den Reißverschluss und das Kleid sank ermattet von ihren Schultern. Raschelnd und rauschend glitten die vielen Meter Stoff zu Boden. Nur noch bekleidet mit ihrer Spitzenunterwäsche und den hauchzarten Strümpfen verharrt sie vor ihren Ebenbildern. Bezaubert von ihrer Schönheit betrachtet sie sich atemlos.
Und das Alles sollte jetzt nur noch einen Mann verführen? Den Ehemann? Sie hatte so gerne geflirtet, den Ausdruck des Verlangens in den Augen der Männer genossen, hatte sich nehmen lassen und sich hingegeben. Vorbei!


Achselzuckend streifte sie das blaue Strumpfband ab und rollte die Strümpfe wie eine Haut die Beine herunter, zog sie über die blutrot lackierten Fußnägel. So viele Stunden hat sie sich gepflegt, geschminkt, gepudert und gemalt. Ihr Bräutigam war begeistert gewesen und hatte ihr fiebernd ins Ohr geflüstertt, sie sei die allerschönste Braut der Welt. Und nun johlte und lachte er dort unten mit seinen Freunden. Als ob er beim Junggesellenabschied nicht schon ausgelassen genug gefeiert hätte.

Ärgerlich öffnete sie das Brilliantarmband, das die Schwiegermutter ihr am Morgen geschenkt hatte. Ein Familienerbstück, dass seit Generationen an die Braut des erstgeborenen Sohnes weiter gereicht wird. Eine recht luxuriöse Handschelle, die durch die diamantene Härte noch an Deutlichkeit gewinnt.
Ihre Mutter hatte ihr die Perlenkette und die Perlenohrringe geschenkt, die sie seit Kindertagen bewundert hatte. Wie sehr hatte sie diesen Schmuck an ihrer Mutter geliebt! Nun hatten die Perlen ihren Schimmer verloren. Wie ein Bad in Essig hatte der Kommentar von Bodos Mutter sie verätzt.
Perlen, das bedeutet doch Tränen, wie unpassend für eine Braut!

Das Hotelzimmer verschwamm unter dem Auffluten von Trauer und Wut. Sie tupfte die Tränen ab, atmete tief durch und wand sich aus ihren Dessous.
Nackt, wie Gott sie schuf, stand sie da und drehte sich langsam vor dem großen Spiegel. Ein perfekter Körper! Wohl proportioniert und straff! Der jahrelange Besuch von Fitness-Studios und die schweißtreibende Arbeit hatte sich wahrlich gelohnt.
Noch bin ich jung und begehrenswert, in einigen Jahren werden meine Brüste an Spannkraft verlieren, die Haut erschlaffen, Zellulite wird die straffen Oberschenkel eindellen. Die Geburt des, von der Familie heiß ersehnten, Stammhalters und seiner Geschwister werden meinen Körper verändern.

Sie öffnete ihr hochgestecktes Haar und ließ es über den Rücken fluten. Langes Haar – das Symbol für Jugend und Schönheit. Nicht verwunderlich, dass die Frauen vom Judentum bis zum Christentum aufgefordert werden, ihr Haar zu verbergen. Früher trug die verheiratete Frau eine Haube, heute trägt sie bald nach der Hochzeit eine flotte Kurzhaarfrisur. Ist doch viel praktischer, hatten ihre Freundinnen auf Nachfrage geantwortet. Ob das der wahre Grund ist? Signalisieren sie damit nicht doch auch ihre Gebundenheit als Frau und Mutter?

„Vivi! Vivi!“ Der Ruf ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken.
„Vivi! Kommst Du wieder runter oder wartest Du auf mich?“
Bodo schien ihre Abwesenheit doch tatsächlich inzwischen bemerkt zu haben und rief nun nach ihr, begleitet von dem Pfeifen und Lachen seiner Kumpel.

Wie schnell würde der Lärm ersticken, wenn sie jetzt auf den Balkon träte, sich nackt auf die Brüstung stellte. Der Wind würde ihr Haar erfassen und wie eine Flamme in den Nachthimmel lodern lassen. Sie würde die Arme ausbreiten und sich in das flackernde Licht der Kerzen fallen lassen. Sie bliebe jung und schön in der Erinnerung. Alltag und Alter verlören ihren Stachel.

Sie schaute zurück in den Spiegel, stellte sich dem schweigenden Vorwurf der anderen Bräute. Sei kein Feigling! Gib Dich nicht auf! Laß uns nicht allein!

Kämpferisch warf Victoria ihr Haar zurück und trat auf den Balkon.
Sie winkte der jäh verstummten Gesellschaft zu und ging leise lächelnd zurück in ihr Brautgemach.


© Elke Moritz

Imprint

Text: Titelfoto von der Autorin
Publication Date: 07-11-2009

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