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Das seltsame Higgs-Feld

Wenn es das Higgs-Feld wirklich gibt, dann ist es vielleicht auf der Suche nach sich selbst. Warum sonst geben wir 3 Mrd. Euro aus für den Large Hadron Collider bei Genf, um ein unsichtbares Feld zu entdecken, zu erforschen? Schlummert in uns ein Auftrag ein All-Verständnis zu entwickeln, dem All zu ermöglichen sich selbst zu erkennen? Oder ist es einfach nur der Spieltrieb, Neugier, die uns Menschen veranlasst, jetzt mal das Higgs-Teilchen zu suchen? Mal sehen, ob es da ist und was es so macht. Außerdem wäre es schade, wenn wir die mühsam zurechtgebastelte Standardtheorie einfach über den Haufen werfen müssten, nur weil ein so winziges Teilchen nicht existiert. Dabei wäre mit seiner Entdeckung und Bestätigung seiner Existenz eine Vielzahl von neuen Problemen entstanden.

Aber so sind wir Menschen nun mal, wenn es keine neuen Probleme gäbe, nichts Aufzulösendes, wenn wir am Ende des Regenbogens angekommen sind und dort keinen Goldschatz vorfinden – dann sind wir tieftraurig. Etwas in uns – so etwas wie Jagdfieber oder Jagdleidenschaft – will befriedigt werden, sucht nach Ausübung und Betätigung. Wie bei einer Katze, die mit der Maus spielt, sie immer wieder laufen lässt, nur weil ihre Jagdlust noch nicht befriedigt ist. Sind wir Menschen solche Jäger? Kostet uns diese Jagdlust 3 Mrd. Euro und zusätzlich jedes Jahr der immense Strombedarf des Large Hadron Colliders.

Mal angenommen, das Higgs-Feld existiert, ein alles durchdringendes Feld: Könnte solch ein Feld gleichzusetzen sein mit dem himmlischen Königreich, von dem in der Bibel die Rede ist? Reine Energie, die alles durchdringt, verändert, beeinflusst. Alles steht mit allem in Verbindung – spontan und ohne Zeitverzögerung. Und aus der Wechselwirkung zwischen dem Higgs-Feld und unseren Gedanken, unserem Beobachten entsteht Realität – geformt, geboren aus dem Möglichen, dem Unbestimmten.

Wie kann Realität so kompliziert sein, dass man ein Mathematik-Studium und ein Physik-Studium benötigt, um es nur ansatzweise zu verstehen, um hilflose, bemühte Theorien sich zurechtzubasteln, die dann zitternd, hoffend der Realität entgegengehaltenen werden, um sie an der Realität zu messen, zu überprüfen auf ihre Tauglichkeit hin. Und wie erleichternd, wenn Übereinstimmungen festgestellt werden, die Realität die neue Hypothese nicht als ganz unsinnig verwirft.

Aber der Gedanke, überhaupt die Realität heranzuziehen als Messgerät, als Validator für das Ausgeheckte – das hat lange gedauert. Untauglich sei die Realität, oder zumindest das, was wir von der Realität erfahren können, um Theorien damit zu überprüfen. Nur auf das eigene logische Denken sei Verlass. Doch die Logik braucht Nahrung und Bestätigung, ein Feedback. Es ist sonst so wie ein Bogenschütze, der mit verbundenen Augen auf eine Zielscheibe schießt. Wenn man ihm jeweils sagt: etwas höher oder um ein weniges nach rechts, dann wird selbst der blinde Schütze sein Ziel treffen. Und genauso ergeht es uns Menschen als Wissenschaftler: wir brauchen das Feedback, die Bestätigung durch das uns Umgebende, die Natur, die Teilchen. Sagt uns, ob wir euch recht erkannt haben oder wie weit wir daneben liegen mit unseren Vermutungen. So eine Art Befragung findet jetzt statt im Large Hadron Collider. Und die Antworten, die die Teilchen, die Protonen und die Bleiionen uns geben, sind kompliziert, sind verschlüsselt. Zig Rechner müssen in Clustern zusammengeschaltet werden, um diese Datenmengen zu verarbeiten, um eine sinnvolle Antwort zu erhalten.

Und dann immer der Zweifel, ob unser eigener Menschen-Verstand denn ausreichend ist, um die Kompliziertheit um uns herum zu erfassen. Oder machen wir es uns unnötig kompliziert? Es gäbe sicherlich Menschen, die geeigneter sind als andere, um Hochleistungs-Denken zur Verfügung zu stellen. Doch leider wird Wert gelegt auf eine breite Allgemeinbildung, und das Spezialwissen wird viel zu spät erlernt. Unnützes Wissen kann Ballast sein. Was vor Jahrhunderten als vornehm und fein galt, das ist heutzutage Ballast: der rundum-gebildete Bürger ist ohnehin eine Illusion. Die Spezialgebiete in den Wissenschaften vermehren sich explosionsartig. Sich hier und dort ein paar Häppchen herauszusuchen und dann das Ganze zu einem Menü zusammenstellen und dann zu behaupten, das sei Allgemeinbildung – das ist Unfug. Allgemeinbildung lässt sich heutzutage völlig beliebig definieren. Warum ist Theologie mehr von Bedeutung als Technik?

Vielleicht fehlen uns gar nicht so sehr die nötigen Energiemengen in den Teilchenbeschleunigern, sondern die nötigen Intelligenzen, um mit den Wunderwerken umzugehen, sie auf die rechte Art zu befragen. Nicht nur 7 TeV (Tera-Elektronenvolt) oder 450 GeV (Giga-Elektronenvolt) sind wichtig, auch die zugehörige, entsprechende Energie in den Wissenschaftler-Köpfen muss vorhanden sein. Denn Beobachter und Beobachtetes gehören zusammen. Wir sind nicht distanzierte Beobachter, wir stecken mitten drin in der Realität. Sie ist in uns drin, wir sind Energie. Das Higgs-Feld befragt sich selbst. Und es will kluge Fragesteller. Genauso wie jeder Interviewte sich gescheite Fragen wünscht. Nutzen wir das bisschen an Geisteskraft, was uns Menschen zur Verfügung steht, optimal aus. Bilden wir Cluster dann in der Art der Computer: Spezialisten, die sich zusammenfinden, austauschen, um der Realitäts-Datenmengen Herr zu werden.

Doch oftmals scheitert es an der Kommunikation, der Verbindung, der Schnittstelle zwischen den einzelnen Wissenschaftsgebieten. Man redet aneinander vorbei. Das Protokoll stimmt nicht überein, würde ein Computer sagen. Also die ganz banale Technik der Kommunikation gelingt schwer: Zuhören können, sich verständlich ausdrücken, und Verständnis haben für das Nicht-Wissen von Nicht-Fachkollegen.

Mag sein, es ist wie bei der Ostereier-Suche: jemand hat das Higgs-Teilchen versteckt und freut sich diebisch auf den Moment, wenn es gefunden wird und leidet mit uns oder ist amüsiert, wenn wir immer wieder knapp daran vorbei laufen. Wer ist der Osterhase? Vielleicht findet der Large Hadron Collider sogar das heraus.

ENDE

 

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Publication Date: 08-13-2010

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