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Shakespeare und Merlin

Der junge Shakespeare bleibt vor einem der Londoner Wirtshäuser stehen. Er sagt zu Merlin: „Ich lade dich ein. Wann isst du eigentlich was? Du begleitest mich seit Wochen, doch du scheinst keinerlei Appetit zu haben.“

Merlin lächelt. „Es wird Zeit, dass ich dir einiges erkläre. - Du nennst mich Merlin – und du denkst, es sei ein Scherz. Wegen meines geheimnisvollen Wesens und dieses großen spitzen Hutes? Das würde in der Tat den Namen Merlin rechtfertigen. Doch ich bin der berechtigte Träger dieses Namens – der einzige, der wahre.“

Shakespeare nickt. „Ist gut. Du kannst glauben, was du willst. Ich mache meinen Freunden da keinerlei Vorschriften. Schau mich an: ich fantasiere mir unentwegt Könige herbei und schönste Hofdamen, bevölkere mit ihnen meine Bühnenwelt, die vor meinem geistigen Auge aufgebaut ist.“

Merlin schüttelt den Kopf. Sein großer Hut schlackert von einer auf die andere Seite. „Ich gehöre nicht in deine Zeit. Fremd bin ich hier. Ein Gast, dem keiner anmerken soll, dass er ... Ach, eigentlich durchschaut mich jeder auf Anhieb. Ich kann mein wahres Wesen schlecht verbergen.“

Shakespeare zupft an Merlins langem blauem Gewand. „Dann zieh dir etwas Unauffälligeres an. Ich würde dir etwas leihen. Doch dieses Gewand, was ich trage, ist das einzige, was noch nicht völlig zerschlissen ist.“

Sie gehen in das Wirtshaus und setzen sich an den langen Tisch, der vor dem Kamin steht. Grillhähnchen hängen über dem Feuer auf einem Spieß. Shakespeare beugt sich hinüber und reißt sich eine Keule ab von einem der Hähnchen. Merlin rückt mit seinem Stuhl dicht an Shakespeare heran. „Ich rücke ein wenig dichter zu dir. Denn ich will nicht, dass meine Worte frei umherfliegen und sich niedersetzen können auf jedermanns Ohr. - Wir in der Anderswelt, in Avalon, haben dich, Shakespeare für würdig befunden. Ich erkläre dir nun unser Anliegen. Wenn du nicht einverstanden bist, dann wird dieses Gespräch mit mir nie stattgefunden haben. Du wirst dann keinerlei Erinnerung daran haben. Solltest du aber meinem Vorschlag die Gunst gewähren, ihn dir in Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen, um dann bereit zu sein, den Pakt zu schließen mit mir, dann stünde dir eine großartige Zukunft bevor. Du wirst Talent erhalten. Unendlich viel Talent, um Meisterwerke zu schreiben, die alles das übertreffen, was bislang den Schauspielern auf Theaterbühnen zur Verfügung stand.“

Shakespeare knabbert an dem Hühnchen, was er sich vom Spieß heruntergeschoben hat. „Du meinst, so eine Art Teufelsbündnis? Wenn sie mich dabei ertappen, dann ist Grillen über dem Feuer die harmloseste Strafe. - Großartige Zukunft? Ich glaube, du irrst dich: meine Worte sind nicht großartig und werden es wohl auch nie sein. Da, wo ich herkomme, da spricht man schlicht. Keine Überhöhung. Das normale Maß. Stratford-upon-Avon. Naja, Avon, das klingt doch beinahe schon so wie Avalon. Aber genau dieses entscheidende Bisschen bin ich entfernt vom wirklichen Talent.“

Er schiebt Merlin den Brotlaib zu und schneidet sich selber eine dicke Scheibe ab vom Schinken, der auf dem Tisch liegt. „Die Kerzen kriegen diesen Raum nicht richtig erhellt. Zu kleine Fenster. Dieses Wirtshaus liebe ich vielleicht deshalb so sehr: dieses Düstere hat etwas von einer Zwischenwelt an sich. An solchem Ort suche ich tiefe Gedanken in mir. Hier schreibe ich des Öfteren. Hier gelangen mir einige gute Formulierungen.“

Merlin: „Ich spüre, dass du mir glaubst.“

Shakespeare sagt leise: „Merlin, mein Wunsch mag dich zu mir geführt haben. Begünstigt zu sein von den Feen. Ihren Zauber an meiner Seite zu wissen, wenn ich kämpfe mit den Worten – das wünsche ich mir. - Wir waren eben im Theater. Wie oft habe ich dort die Schauspieler bewundert. Und viel mehr noch die wundervollen Worte, denen sie Leben einhauchen durch ihr Mitempfinden. Ihr Gefühl verleiht toten Worten Leben.“

Merlin: „Wir sind einen großen Schritt weiter, wenn du begriffen hast und dem innerlich zustimmen kannst, dass ich der echte Merlin bin.“

Shakespeare: „Ich bin gutgläubig. Wenn du mir erzählst, du seiest Achilles und lüdest mich ein nach Troja – ich würde dir glatt folgen. Naiv und schlicht bin ich. Wie soll ich jemals komplizierte Charaktere mir erdenken, die komplizierte Handlungen ausführen und das mit komplizierten Gedanken wortreich begleiten, wobei die Worte, die sie verwenden, unkompliziert sein müssen?“

Merlin lacht. „Wie gut, dass ich kein Dichter bin, sondern Zauberer.“

Über ihrem Tisch hängt das Rad einer Kutsche und ein Dutzend Kerzen sind darauf befestigt. Merlin deutet mit seinem Zauberstab auf das Rad und die Kerzen leuchten wesentlich heller. Shakespeare: „Man hätte durch Verdreifachung der Kerzenanzahl dasselbe Ergebnis erzielt – aber so geht es bequemer. Geht es darum? Bequemer zu meinem Ziel zu gelangen? - Ich spüre doch, dass sämtliche Theaterstücke in mir vorhanden sind. Nur sie gebären, sie in die Welt hinein bringen und das lebendig – dieses Meisterstück – dafür ist Avalons Macht notwendig?“

Merlin deutet mit seinem Zauberstab auf den Schinken. Shakespeare nimmt den Schinken rasch weg. „Oh, nein! Der Schinken ist großartig, so wie er ist! Der bedarf nicht der Zauberei.Wenn du die Güte hättest deinen Zauberstab auf mich zu richten, dann könnte ich heute noch anfangen, meine Theaterstücke zu bearbeiten und ihnen eine Eleganz verleihen und Prächtigkeit, dass sie vor Hofe glänzen könnten.“

Shakespeare rückt mit seinem Stuhl dicht neben Merlin. Er hebt dessen Hand, so dass Merlins Zauberstab auf sein Kinn zeigt. „Hier sitzt das Problem. Wenn ich die Verse meiner Theaterstücke spreche, deklamiere, dann spüre ich den grotesken Mangel, der sie trennt von den Gedanken, aus denen sie hervorgegangen. Meine Gedanken sind groß, edel, vollendet, sie sind mein Schatz. Doch verwandle ich sie in diese tückischen Worte, die ihren eigenen Willen haben und mir nur dann gehorchen, wenn es ihnen beliebt – das kann ich als Dichter doch nicht dulden!“

Merlin steckt seinen Zauberstab in den Brotlaib und faltet seine Hände vorm Gesicht. „Betest du?“

Merlin: „Nein, ich denke nach. Ich kann nicht sagen, dass meine Zauberei stets nur Gutes hervorgebracht hat. Es liegt an demjenigen, dem ich die Macht Avalons überlasse. Was wird er damit anfangen?“

Shakespeare wirft die Hühnchen-Knochen in eine Ecke des Wirtshauses. „Du siehst, ich höre dir gespannt zu. In meiner Situation darf man nicht wählerisch sein, von wem man Hoffnungsbrocken zugeworfen bekommt. Mögen sie noch so fantastisch und unwirklich scheinen. Ein Schriftsteller macht aus Schein Bühnenrealität.“

Merlin legt eine Goldmünze auf den Tisch. „Ich zahle für dich. Du wirst ab nun im Dienste stehen von Avalon? Die Mission ist sehr arbeitsaufwendig. Doch der Lohn ist überwältigend.“

Shakespeare rollt die Goldmünze zwischen seinen Fingern. „Es mangelt nicht an guten Ideen meinerseits, aber an meiner Fähigkeit sie umzusetzen, sie zu münzen in Worte. Das Gold meiner Gedanken findet nicht die richtige Prägung im Wort-Format. Wie ein Schmied, der auf ein Hufeisen schlägt, so will mein Verstand einschlagen auf die unfertigen, rohen Gedanken und sie zu einem nützlichen Satz formen. Doch jeder Satz, der meine Gedanken-Schmiede verlässt ist unschön, nicht meisterlich.“

Merlin: „Die Worte tun dem geheimen Sinn nicht gut. Es wird alles immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht, ein wenig närrisch. Das, was eines Menschen Schatz und Weisheit ist, klingt dem anderen immer wie Narrheit.“

Merlin holt eine weitere Goldmünze hervor, legt sie auf seine offene Hand, schließt die Hand – und als er sie wieder öffnet, ist die Goldmünze grau. „Feine Nuancen, kleine Veränderungen und schon ist das Wertvolle wertlos. Kein Gold mehr in meiner Hand. Sondern Blei.“

Shakespeare wärmt sich seine Hände am Kamin. „Du bist sonderbar. Alle Welt bemüht sich Blei in Gold zu verwandeln und dir bereitet es keinerlei seelischen Schmerz, das Gold einzutauschen gegen Blei, nur um mir deutlich zu machen, was ich längst schon weiß: das Gold, was ich in mir trage, kann ich noch nicht ergreifen und es hinlegen der Welt, dass es jedermann sähe. - Ich deklamiere hier oft, spreche meine rohen Verse und Bianca, die Wirtin, hört mir zu. Bestärkt mich in meinem Bemühen aus rohen Versen einen delikaten, genießbaren Theater-Braten zu grillen – mit der Hitze und Glut meines Gefühls und ihres Gefühls. Ach, dass sie mir zuhört, das hat meine Theaterstücke am Leben erhalten, sie wären sonst verdorben! Allesamt!“

Bianca, die Wirtin, setzt sich zu ihnen an den Tisch. „Ich habe Euch Weintrauben und Käse gebracht. Die anderen Gäste sind gerade friedlich. Vielen Dank, dass du mir so oft beigestanden hast, wenn es galt wildgewordene Gäste zu zähmen.“

Sie streicht Shakespeare über seinen Oberarm. Shakespeare: „Du hilfst mir meine zahmen Gedanken wild zu machen, da muss ich mich doch erkenntlich zeigen mit ähnlichem Dienst.“

Er lächelt. Bianca gibt ihm einen Kuss. Dann wendet sie sich zu Merlin und sagt: „Verzeiht, ich blicke schon eine ganze Weile zu euch herüber. Ich habe ein Gespür, wenn Veränderungen bevorstehen. Um euch beide ist eine Aura, eine Stimmung des Besonderen. - Ich bin auch Wahrsagerin. Nicht nur betreue ich ein Wirtshaus. Meine eigentliche Befriedigung und Erfüllung finde ich in der Wahrsagerei. Dem Aufspüren des Übernatürlichen. Und dein Freund hier, mein lieber Shakespeare, der strahlt etwas aus ... dem würde ich gerne auf den Grund gehen.“

Shakespeare: „Das ist Merlin. Kommt aus der Anderswelt, naja Avalon, du weißt schon. Verwandelt Gold in Blei. Noch mehr Nützliches plant er mit mir: will erreichen, dass ich Verse dichten kann, die wohllautend sind – auf dass ich deine Ohren nicht weiter quälen muss mit Satz-Brocken, die zäher sind als der Braten, den ich gestern Abend hier serviert bekam.“

Bianca: „Du zahlst fast nie. Ich speise dich mit Köstlichkeiten. Speise auch dein Gemüt mit sinnlichen Genüssen. Auf dass du stark bist und die Worte reichlich hervorströmen aus dir mit gewaltiger Pracht.“

Shakespeare: „Vielleicht solltest du mich noch intensiver betreuen. Dann bräuchte ich nicht die Hilfe eines Merlin.“

Bianca beugt sich zu Merlin vor. „Vertraue dich nicht zu vielen Menschen an. Es ist so wie bei gesprochenen Worten: haben sie die schützende Behausung deiner Innenwelt verlassen, dann sind sie Freiwild für jedermann. Jeder jagt und schnappt nach ihnen, dreht den Worten die Gedärme aus, so dass vom heilen, ganzen Wort nichts übrig bleibt und es dir zerfetzt und blutig vor den Füßen liegt.“

Shakespeare reißt sich noch eine der Keulen ab von den aufgespießten Grillhähnchen. Shakespeare: „Du glaubst, das sei wahrlich Merlin? Dieselbe Naivität wie bei mir. Bedarf es der Naivität, muss man ein Meister sein in der Kunst der Naivität, um wirklich zu erkennen was da ist? Nehme ich die Meinungen der Welt und spanne sie mir vor mein Sichtfeld und blicke dann da hindurch wie durch tausend Schleier, wie undeutlich muss mir dann alles scheinen. Mit Kinderaugen sehen. Noch nichts wissen von Weltgesetzen, dem großen Zusammenhang, was jedes Ding mit jedem anderen verknüpft. Alles nur als Einzelnes nehmen – ungedeutet – dann hat alles Bedeutung.“

Bianca füttert Shakespeare mit Weintrauben. Shakespeare deutet auf Merlin: „Merlin isst nichts. Nahrung aus unserer Welt könnte dir schaden? - Könnte denn Nahrung aus Avalon, aus deiner Anderswelt mir schaden? Du willst mich füttern mit Talent. - Sag Bianca, soll ich Avalon-Kost annehmen? Wäre es verdaulich oder würde ich für immer flach daniederliegen wie nach einem viel zu üppigen Mahl – was mir die Gedärme sprengt?“

Shakespeare wird angestoßen an der Schulter von einem Mann. „Hej! Was erzählst du da von Merlin? Dich kenne ich doch. Du bist oft im Publikum bei uns im Theater. Solche Zuschauer liebe ich: aufmerksam, gebannt lauschen sie jedem Wort, was ich hinausschicke in die Welt. Nicht so wie manche, die nur die Gelegenheit suchen, sich hervorzutun durch Pöbelei. - Ich pöbele auch gern – aber mit Niveau!“

Der Mann setzt sich gleichfalls zu ihnen an den Tisch. „Ich heiße Thomas. Und das da soll Merlin sein? Also Merlin, ich habe dich oft bei uns im Theater gesehen. Ich musste dich immer anschauen, während ich da oben auf der Bühne stand und meinen Blick schweifen ließ über die Zuschauermenge. Magisch ziehst du den Blick auf dich, gekleidet in schäbige Stofffetzen. Doch die Aura, das Besondere, das schimmert hindurch durch jede Lumpen-Kostümierung! Dir würde ich den Merlin abnehmen ohne weiteres. Solche Ausstrahlung bräuchte man als Schauspieler! Dann wäre man fein raus. Einfach nur noch auf der Bühne stehen und die Blicke magisch anziehen. Es gibt keine Erklärung für Ausstrahlung – mancher Schauspieler hat sie, mancher leidet darunter, dass er sie nicht ersetzen kann durch ausdrucksvolles Minenspiel und wichtiges Gebaren.“

Shakespeare: „Ich finde deine Schauspielerei beachtlich. Du bist der Held in einem halben Dutzend meiner Theaterstücke! Dich habe ich vor Augen, wenn ich mein geistiges Puppentheater inszeniere. Vorbild um Könige und Lords aus diesem Bild entspringen zu lassen.“

Thomas. „Du machst mich neugierig auf deine Texte. Ich wäre bereit sie mir durchzulesen. - Hah! Ausstrahlung. Was muss ich mich schinden und die Worte kraftvoll sprechen, sie dem Publikum entgegenschleudern oder behutsam, beinahe widerwillig, nur aus meinem Munde entlassen – muss variieren besser als es der Teufel vermag, nur um ein wenig Aufmerksamkeit mir zu sichern.“

Merlin nimmt seinen Zauberstab und richtet ihn auf Thomas. „Silentium!“

Thomas Kopf fällt nach vorne auf die Tischplatte. Seine Arme hängen schlaff herunter. Shakespeare stupst Thomas an. „Er rührt sich nicht mehr. Mausetot?“

Merlin: „Nein. Nur schön schweigsam. Ich muss mich konzentrieren, wenn ich an dir gleich das Wunder vollbringen will der Verwandlung in den größten Theaterdichter des Jahrzehnts.“

Shakespeare: „Sprachen wir eben nicht noch von wirklichem Ruhm? Was sind zehn Jahre, wenn es gilt eine Ewigkeit auszufüllen?“

Shakespeare schnappt sich den Zauberstab von Merlin. „Man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Ein Ritter, der sich selbst zum Ritter schlägt – so in der Art werde ich diesen Zauberstab verwenden bei mir.“

Shakespeare tippt sich mit dem Zauberstab links und rechts auf die Schulter. Er wartet. Dann tippt er erneut. Diesmal schneller und in raschem Wechsel.“

Bianca: „Das ist kein Salzstreuer, das ist ein Zauberstab. Aus dem kannst du den guten Segen nicht schütten, als seien es Salzkörner.“

Shakespeare klopft das Gewand von Merlin ab. „Du trägst nicht das dicke Zauberbuch bei dir? Das wäre sinnvoll.“

Merlin streckt die Hand aus. „Darf ich um meinen Zauberstab bitten - ich fühle mich nackt ohne ihn.“

Bianca sieht Shakespeare an; sie sagt: „So fühle ich mich stets, wenn du mich ansiehst. Du schaust durch meiner Kleider hinweg direkt auf das, was du begehrst. - Mag sein, dass ich deshalb gerne deinen Blick auf mir ruhen habe.“

Shakespeare: „Was benötige ich Merlins Zauberstab, wenn mein eigener Zauberstab dir Quelle ist der Zufriedenheit und des Eintauchens in jubelnde Sphären.“

Bianca gibt Merlin seinen Zauberstab zurück. „Sei sorgsamer damit, wem du dich zu erkennen gibst. Du hast deine Welt verlassen, dein Avalon, so wie das Wort hinaustritt in die Welt, um dort zu wirken. Du willst Talent verteilen, suchst dir deine Günstlinge aus.“

Merlin: „Nicht ich alleine bestimme das. Ein ganzes Gremium – mit Elfen, Feen, Gnomen, Riesen – wir sind ein lustiger Haufen, wenn wir uns zusammenfinden aus den weit entfernten Teilen unsres Avalon. Avalon ist riesig. Ihr Menschen glaubt, es sei von Insel-Größe – doch es ist größer als jedes Meer. So groß wie eure Seele - genau so groß.“

Shakespeare: „Ist Avalon und meine Seele – und die von jedermann – identisch mit Avalon? Ist es dasselbe Reich?“

Merlin blickt sich um im Wirtshaus. „Immer mehr interessierte Blicke treffen uns. Ich muss mich bald entfernen von diesem Ort. Nur dieses noch: Shakespeare, willst du das Talent, was Avalon dir zu überreichen gedenkt, annehmen? Schreib-Talent, die Gabe Menschen zu fesseln, zu unterhalten und Tiefsinniges zu sagen auf harmlose Art. Die Welt umspannen könnte deine Wortkunst dann, dringen bis in fernste Reiche.“

Shakespeare schüttelt den Kopf. „Ich habe es versucht. Meinen Theaterstücken fehlt etwas Entscheidendes. Ich sehe und erlebe sie anders in mir, als ich sie dann herübertransportiere in das gesprochene Wort. Denn du musst wissen: ich schreite in meiner Stube auf und ab und spreche die Worte zu mir selber, bin mein eigenes Publikum. Doch kaum gesagt, kritisiere ich mein eigenes Wort und finde es unzutreffend. Ich finde den wahren Sinn, den ich ausdrücken wollte nicht wieder in den Worten, die in der Stube schweben. Sie sind nicht mein! Sie sind verändert, als ob ein Dämon sie entstellt hat!“

Shakespeare stützt seinen Kopf auf seine Hand und fährt sich durchs Haar. Bianca streckt ihren Arm aus und streicht ihm gleichfalls über sein Haar. Dann fasst sie seine Hand an und hält sie fest. „Lass mich deine Handfläche sehen. Ich kann darin eine Menge lesen und erkennen. Die Handlinien zeigen mögliche Wege an, die du gehen könntest. Nicht jeder Weg ist jedem möglich.“

Shakespeare öffnet seine Hand und hält sie ihr entgegen. Sie beugt sich vor um Shakespeares Handfläche zu betrachten, dabei stößt sie gegen Thomas, der vom Stuhl fällt. „Merlin, könntest du diesen Schauspieler nicht doch wieder teilhaben lassen am Weltgeschehen?“

Merlin: „Die Welt wird in ihrer Interessantheit überschätzt. Viel Wiederholung. Kaum Spielraum für echte Kreativität. Darum geht es uns in Avalon: uns einzusetzen für mehr Spielraum, mehr Freiraum für freien Geist, der spielerisch den Ernst meistert.“

Shakespeare: „Ich ahne schon, dass hinter deinen großen Worten nur ein winziger Zauberstab steckt, der womöglich nie zum Einsatz kommt.“

Merlin: „Willst du mich provozieren, dass ich dir besonders reichlich von Avalons Macht zuteile? - Du verträgst noch nicht so viel, wie ich dir gerne geben würde. Zu viel Macht macht schwindelig, berauscht und trennt dich von dir selbst, als ob der Vogel Greif dich mit seinen Klauen emporreißt aus deiner Gedankenschmiede. - Ich kann dir einen stärkeren Hammer geben, damit du besser deine Verse schmieden kannst.“

Bianca setzt sich zu Shakespeare auf den Schoß: „Und ich kann die Glut heißer machen, das Feuer schüren.“

Thomas rappelt sich vom Boden wieder auf. Er nimmt sich den großen Schinken und will damit Merlin schlagen. Merlin reißt seinen Zauberstab empor und ruft: „Tabula rasa!“

Thomas betrachtet den Schinken in seiner Hand. „Wer bin ich? Was für ein seltsamer Ort.“

Shakespeare: „Erhält er seine Erinnerungen wieder? - Gibt es Nebenwirkungen wenn ich Avalons Macht in mir aufnehme? - Mir kommen Bedenken.“

Bianca nimmt Shakespeares Hand und betrachtet seine Handinnenfläche. Thomas lehnt sich an Shakespeares Stuhl und betrachtet gleichfalls dessen Handfläche. Shakespeare: „Wundert euch nicht über den Büchergeruch. Der Duft Dutzender alter Bücher haftet an meinen Händen. Ich war in der Bibliothek eines Lords. Er gestattet mir, dass ich dort verweile. Ich lese seiner Familie oft aus den Büchern vor, besonders oft seiner Mutter, die das Bett nicht mehr verlassen kann. Ihre einzige Freude sind die Worte, die ich ihr aus den Büchern sorgsam auswähle, damit sie ein Höchstmaß an Unterhaltung erhält. Sinnvoll erschienen mir diese Monate und ich habe gerne gelesen. Wohl während dieser Zeit reifte bei mir der Entschluss, es den großen Autoren gleichzutun. Wollte wachsen auf ihre Größe. Klein fing ich an – bin auf mittlere Größe herangewachsen mittlerweile – und nun willst du, Merlin, mich ganz groß machen? So einfach? - Würde mir nicht etwas Entscheidendes fehlen? Erfahrung? Fehler? Mit einem Riesenschritt soll ich das Reich der Wort-Magie betreten?“

Merlin: „Ja. Denn ich würde und kann dir dieses Angebot nicht machen, wenn es denn nicht alles vorhanden wäre in dir: schlummernd. Betrachte mich als Aufwecker, als krähenden Hahn. Das, was schlummert in dir, soll und muss nun erwachen.“

Merlin streckt seinen Arm aus. Shakespeare nickt. Merlin hält seinen Zauberstab ausgestreckt vor sich hin. Aus dem Stock schlagen Flammen, Funken. Shakespeare weicht nicht zurück. Merlin: „Es ist kein normales Feuer. Es verbrennt dich nicht.“

Er hält den brennenden Stock an Shakespeares Kleidung. „Nun tritt der Funke über auf dich. Sei inspiriert! Sei Feuer und Flamme für das, was du die nächsten Jahre schreiben wirst!“

Shakespeares Körper ist von einem gelben Licht umgeben. Es wird heller und heller dieses gelbe Licht. Die anwesenden Gäste im Wirtshaus schließen die Augen und halten schützend ihre Arme vors Gesicht. Plötzlich erlischt das strahlend gelbe Licht. Merlin ist verschwunden. Thomas applaudiert. „Gefällt mir. Schönes Licht. Wer bringt mich nach Hause? Wo wohne ich?“

Shakespeare betrachtet Thomas. „Dem einen wurde sein Verstand genommen und dem anderen wurde etwas hinzugefügt – angeblich. Doch merke ich keine Veränderung, spüre nicht, dass Welle auf Welle sich auftürmt, um am Gestade des Sinnvollen treulich zu landen und mir von Meeres-Tiefe Nachricht zu bringen. Noch immer spüre ich in mir das Bemühen, das Ringen mit Wörter-Wogen, die das Gedachte unter sich begraben. Wahres Dichten will mir noch nicht gelingen! Tröste ich mich mit der Hoffnung, dass die Zeit mein Freund sein wird und mir das Ersehnte bringt? Wenn mir dann ein schönes Theaterstück nach dem anderen gelingt, dann will ich Merlin danken! Doch momentan sehe ich nur Thomas Schwanken.“

Er stützt Thomas und setzt ihn auf einen Stuhl vor den Kamin. Shakespeare blickt in das Feuer. „Ich fühle mich kein bisschen inspiriert. Nach wie vor will mir erscheinen, dass – selbst wenn ich spreche in Reimen – der Sinn ist sonderbar verdreht – und noch gar nichts besser geht. In mir spüre ich Weisheit, Tiefe – das ist wahr. Doch wie wähle ich die Worte, dass dies wird euch offenbar? Dem Publikum das zu präsentieren, was auf Seelen-Tafeln wie zu einem Bankett hübsch angerichtet ist – wann wird mir das gelingen? Mir fehlen die rechten Manieren, um das zu servieren mit höfischer Sitte. In mir mag es Festsaal sein, doch außen ist nur eine Hütte, in der meine Worte wohnen müssen. Meine guten, wertvollen Gedanken, wie bringe ich diesen Schatz hinüber sicher in die Welt, diese große Bühne? Dort sollen meine Worte klingen, doch der Klang ist disharmonisch.“

Shakespeare seufzt. Bianca: „Üben. Merlins Geschenk besagt nicht, dass du bereits am Ziel bist. Es ermöglicht dir nur, das Ziel zu erlangen. Der Weg wäre frei. Alles andere, den Weg auch zu gehen, das liegt bei dir.“

Shakespeare steht auf. „Dann will ich die inneren Schätze mir vermehren, und auf der Bühne kommen sie dann zu Ehren. Wollen doch mal sehen, welche Figuren ich mir erdenke. Neues Leben ich ihnen schenke!“

Bianca ergreift nochmals die Hand von Shakespeare und betrachtet seine Handinnenfläche. „Das ist seltsam. Diese eine Linie hier, die ist länger als zuvor. Tiefer auch. - Es ist die Linie, die ... Ach, das erzähle ich dir in einigen Jahren.“

Ein helles, gelbes Licht leuchtet plötzlich vor dem Kamin. Thomas schreit auf. „Es blendet mich! - Dieser verfluchte Merlin! Jetzt reicht es mir aber!“

Thomas nimmt sich den Schinken und haut damit mehrmals auf das helle, gelbe Licht. Das helle, gelbe Licht erlischt. Shakespeare betrachtet Thomas. „Ich bin sehr erleichtert, dass Thomas nicht mehr der Macht Avalons ausgesetzt ist. Nur auf mir verbleibt nun diese Macht. Ist es ein Segen, ist es ein Fluch? Bin ich auf groteske Art verändert, so wie Thomas es war – und bemerke es nicht?“

Thomas massiert sich seinen Nacken. „Ich habe mich schon beruhigt. - Genial. Der Merlin versteht etwas von Effekten. Nur gut, dass ich nicht neben ihm auf der Theaterbühne stehen muss. Er würde mich überstrahlen gnadenlos mit seiner Ausstrahlung und so kann ich mich trösten damit, dass eines Tages ein Bewohner Avalons mich aufsucht und mir eröffnet, dass auch mir ein Riesensprung gewährt wird in Richtung höheres und höchstes Talent und der Meisterschaft in der Schauspielerei. - Ich war wohl noch nicht würdig genug.“

Thomas haut Shakespeare auf die Schulter. „Na, dann können wir damit rechnen bald deine Stücke aufzuführen? Schreibe mir maßgeschneiderte Rollen. Dann bezahle ich dir das schönste Essen hier im Wirtshaus jeden Tag!“

Bianca: „Ja, das wäre gut. Komm mich weiterhin besuchen, so oft du kannst. Wer weiß, vielleicht kann mein Gespür für Avalon dir nützlich sein.“

Vor der Wirtshaustür ist ein helles, gelbes Licht zu sehen. Das Licht entfernt sich. Shakespeare geht aus dem Wirtshaus und folgt dem Licht.

***




Bianca setzt sich auf einen Stuhl dicht neben Thomas. Sie flüstert: „Danke, das hast du großartig gemacht. - Ich wusste, dass du der beste Schauspieler bist. Hier sind die versprochen sechs Goldmünzen.“

Sie schiebt ihm die Goldmünzen verstohlen zu. Thomas: „Dieser Merlin war ein Glücksfall. Dass er sich bei dir einquartiert hat im Wirtshaus. Du hast die Möglichkeiten gleich erkannt, die sich da auftun. Deinen Gast bitten, dass er den wahren Merlin spielt – Shakespeare glauben lässt, dass er künftig mit der Macht Avalons gesegnet sei.“

Bianca: „Er hat so viel Talent, unendlich viel. Doch mir schien, er käme da nicht ran, irgendetwas blockiere ihn, Zugang zu finden zu diesem Schatz. Und ein kleiner Trick wird doch erlaubt sein, um jemandem den Weg frei zu machen, den er sich selber blockiert.“

Thomas: „Merlin hat ebenfalls sechs Goldmünzen erhalten? - Das ist womöglich die beste Investition, die je ein Mensch gemacht hat und jemals machen wird. Du hast investiert auf Talent.“

Bianca: „Mein Glück war, dass ich eine Cousine habe, die bei Hofe arbeitet. Sie kennt den Hofmagier – einen der besten Alchimisten. Von ihm habe ich das Pulver und die Zutaten, um Avalons Licht leuchten zu lassen, wo und wann ich will. In meinem Wirtshaus vorm Kamin, in den Kerzen oder an einem Stock, der damit zu einem Zauberstab wird. - Investition. Ja, das Ganze hat mich einiges gekostet. Aber auch ich betrachte es als gerechtfertigt: ein Trick, der mit Liebe erdacht ist und dessen Ziel das Geniale ist, der muss gerechtfertigt sein. Da muss Gott und auch seine Engelschar ein Einsehen haben. Gleichwohl werde ich Rosenkränze verteilen im Wirtshaus und Rosenkränze beten regelmäßig.“

Thomas: „Aber vernachlässige dabei nicht deine Gäste. - Und als Gast wünsche ich jetzt ein üppiges Mahl. Ich kann mir alles leisten. Ich habe Geld.“

Thomas schnippst eine der Goldmünzen in die Luft und fängt sie wieder auf. „Shakespeare darf es nie erfahren. - Sage es ihm nie. Avalons Macht soll mit ihm sein von nun an.“

Bianca: „Ich werde schweigen. Denn es wird alles immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.“


ENDE

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Publication Date: 01-19-2011

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