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Latein – eine tote Sprache?

Ja, das eben ist die Frage: Ist Latein eine tote Sprache?

Na klar, wirst du antworten. Was denn sonst? Und mit so was werden die armen Schüler und Schülerinnen heute noch geplagt?

Freilich, so oder so ähnlich lautet die, sagen wir, die volkstümliche Antwort. Die weniger volkstümliche und dafür genauer überlegte Antwort lautet hingegen klipp und klar: Ja und nein.

Also, erstens: Ja. Latein ist eine tote Sprache.

Natürlich, Latein wird heute nirgendwo mehr als Volks- und Umgangssprache verwendet, nicht einmal mehr im Vatikan (außer in Enzykliken und sonstigen offiziellen Dokumenten). Die Römer – sie haben ja bekanntlich Latein gesprochen – sind ja ausgestorben, nicht wahr?

Das stimmt nun ganz und gar nicht. Die Römer sind weder ausgestorben noch etwa von den Hunnen oder den Germanen ausgerottet worden. Und ihre Sprache hat im Mittelalter und zum Teil noch in der Neuzeit nicht nur als Kirchen- und Gelehrtensprache, sondern vor allem auch als Literatursprache weitergelebt, so etwa in der Lyrik (siehe zum Beispiel die berühmten, von Carl Orff vertonten Carmina Burana), und hat darüber hinaus als internationale Lingua franca gedient so wie heute Englisch. Nur, als Volks- und Umgangssprache ist Latein zwar nicht im eigentlichen Sinn ausgestorben. Aber sie hat sich halt wie jede Sprache und überhaupt wie jedes „lebende“ Wesen natürlich ständig verändert – man kann auch sagen, weiterentwickelt. Und so haben sich aus ihr, je nach Region, die verschiedenen romanischen Sprachen gebildet, man nennt sie daher auch Tochtersprachen, vom Portugiesischen und Spanischen bis zum Rumänischen (das sich auf Rumänisch româna, „die Sprache Roms", nennt). Deshalb spricht man im Englischen von „Latin Europe“ und „Latin-speaking countries“ und meint die romanischsprachigen Länder und Regionen. Und dazu gehören nicht nur Frankreich, Italien und so weiter, sondern auch große Teile Belgiens und der Schweiz.

So gesehen, ist Latein natürlich eine tote Sprache.

Aber, und das ist jetzt zweitens, in dieser Frage gibt es auch ein kräftiges Nein: Nein, Latein ist keineswegs tot.

Jedenfalls nicht ganz. Sprachen sind zwar, wie erwähnt, „lebende“ Wesen. Aber sie sind halt doch keine Lebewesen wie Menschen, Tiere oder Pflanzen, die nur entweder lebendig oder tot sein können. Und ich wage zu behaupten, dass Latein, wenn man es schon nicht als lebende Sprache bezeichnen will, auf jeden Fall eine Zwischenstellung zwischen lebenden und toten Sprachen einnimmt. Es lebt ja in seinen Tochtersprachen weiter, so wie die Menschen in ihren Nachkommen weiterleben. Ferner wage ich zu behaupten, dass es für die allermeisten von uns Europäern bei weitem lebendiger oder zumindest lernenswerter ist als die meisten heute lebenden Sprachen der Welt. Oder meinst du, wir sollten unsere Kinder lieber mit lebenden Sprachen wie Telugu oder Kikongo plagen?

Natürlich nicht. Hingegen lebt Latein in der heutigen Welt zwar nicht als gesprochene Sprache weiter, dafür aber in tausenden und abertausenden Formen und Aspekten. Ich will gar nicht erst damit anfangen, sie alle aufzuzählen. Es käme, glaube ich, eine ganze Bibliothek dabei heraus. Oder, wie der heilige Johannes sein Evangelium schließt (21,25): Wollte man das (alles) im Einzelnen aufschreiben, so könnte, glaube ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die da zu schreiben wären.

Aber ein Beispiel möchte ich doch anführen: Den bekannten und überaus häufig zitierten Aphorismus Carpe diem. So nennen sich im Übrigen nicht nur Zeitschriften, Kaffeehäuser und Restaurants, Hotels, Agenturen, Musikalben, ein amerikanisches Streichquartett, auch etwa ein sogenannter Energy Drink von Red Bull, und ungezählte weitere Objekte. Man könnte direkt von einem geflügelten Wort sprechen.

Was die Worte Carpe diem bedeuten, weiß, glaube ich, eh jedermann (und jede Frau): „Genieße den Tag“.

Ja, das stimmt. Und stimmt nicht. So steht es zwar, gemeinsam mit „Nütze den Tag“, im Lateinwörterbuch. Aber nur quasi unter ferner liefen. Soll heißen, es ist keine wirkliche Übersetzung, sondern nur eine Interpretation. Denn die wirkliche, also genaue Übersetzung lautet: „Pflücke den Tag“.

Pflücke den Tag? Aber bitte, wirst du jetzt sagen, das gibt doch keinen Sinn. Tage kann man nicht pflücken. Oder?

Gegenfrage: Gibt die vorhin erwähnte Phrase „Geflügeltes Wort“ einen Sinn? Natürlich genauso wenig wie „Pflücke den Tag“. Worte besitzen keine Flügel. Und überhaupt existiert dieser Ausdruck im Sinn von allgemein geläufiger Redewendung erst seit 1864. Damals erschien zum ersten Mal „der Büchmann“, das heißt, das berühmte, von Georg Büchmann verfasste und bis heute immer wieder neu aufgelegte Sammelwerk „Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des deutschen Volkes“. Darin findet sich selbstverständlich auch Carpe diem. Büchmanns Übersetzung lautet übrigens: „Beute den Tag aus.“

In der Einleitung zu seinem Werk bezeichnet er die Formulierung „Geflügelte Worte“ als durchaus willkürlich gewählt. Bis dahin hatte sie nämlich stets dieselbe Bedeutung wie bei Homer und in der klassischen Homernachdichtung von Johann Heinrich Voß, nämlich „Worte, die wie auf Flügeln vom Mund des Sprechenden zum Ohr des Hörers fliegen“ in der feststehenden Wendung: Er sprach die geflügelten Worte (zum Beispiel Ilias 2,7; im Original: epea pteroenta proseuda; ganz nebenbei: der Singular von epea ist ein dir bestens bekanntes Wort: epos). Seit Büchmann ist diese Wortverbindung also selbst zum geflügelten Wort geworden.

Eine solche Redefigur bezeichnen wir seit Aristoteles (in seinen Büchern Poetik und Rhetorik) als Metapher, griechisch metaphora („Übertragung“). Sie besteht, grob gesagt, aus einem verkürzten Vergleich und ist seit jeher, das heißt, seit Homer, ein beliebtes Stilmittel der Dichtersprache. Sie erfüllt dieselbe Funktion wie ein homerisches Gleichnis. Sie schmückt eine an und für sich triviale Mitteilung (wie er sagte) mit einem anschauliches Bild („Bild“ natürlich im übertragenen Sinn wie englisch „image“), ebenso wie ein Bild (im eigentlichen Sinn) eine zuvor kahle Wand schmückt.

Beim „geflügelten Wort“ dachte also Homer offensichtlich an ein Vögelchen, vielleicht eine Brieftaube, die die Botschaft vom Absender zum Adressaten trägt. Und, um wieder zu Carpe diem zurückzukehren, bei „Pflücke den Tag“ dachte der Dichter, auf den diese Phrase zurückgeht, wohl an eine Blumenwiese oder an eine blühende Rosenhecke und an das Abpflücken der Blüten, ehe sie verwelken, und an an das Pflücken reifer Früchte, ehe sie faul und ungenießbar werden.

Der Urheber dieses heute so „geflügelt“ gewordenen Wortes ist einer der bedeutendsten Dichter des alten Rom, Quintus Horatius Flaccus, abgekürzt Horaz. Er lebte von 65 bis 8 vor Christus, war also ein Zeitgenosse des Kaisers Augustus, mit dem er, ungeachtet seiner niedrigen Herkunft, befreundet war. Befreundet war er auch mit seinem „Mäzen“, nämlich dem „Ur-Mäzen“ Maecenas, der die Dichter Roms fleißig sponserte.

Die elfte Ode in Horazens erstem Band der Oden, er selbst nannte sie Carmina, lautet (in möglichst wörtlicher und daher prosaischer Übersetzung):

Du, forsche doch nicht nach (wissen kann man es eh nicht), welches Ende mir, welches Ende dir die Götter gegeben haben, Leuconoë, und probier’s nicht mit babylonischer Astrologie! Um wie viel besser ist es doch, einfach alles zu ertragen, was kommen mag. Egal, ob uns Jupiter noch weitere Winter zugedacht hat, oder ob dieser Winter für uns der letzte ist, der jetzt das Tyrrhenische Meer an die Klippen branden lässt – sei gescheit, filtere den Wein und schneide den langen Hoffnungsfaden auf ein kurzes Maß zurück. Während wir hier plaudern, entflieht die neidische Zeit. Pflücke den Tag und vertraue so wenig wie möglich auf den nächsten!

Und hier müssen wir also die berüchtigte Frage aller Germanisten an ihre armen Schüler (und -innen) wiederholen: Was will uns der Dichter damit sagen? Im Übrigen wird diese Frage, bezogen auf Carpe diem, auch von Nichtgermanisten gern und oft gestellt. Dir sicher auch schon das eine oder andere Mal, ja?

Nun, ich würde sagen, das lässt Horaz offen. Einerseits sollen wir wohl an die Schönheit und den Duft von Blüten denken oder eben auch an die reifen, süßen Früchte der Obstbäume und -sträucher. Im Klartext heißt das sehr wahrscheinlich: Man soll die Schönheit und Süße des Lebens genießen. Dies entspräche seiner philosophischen Einstellung als Epikureer. Er nennt sich ja selber scherzhaft „Schweinchen aus der Herde Epikurs“ (Epicuri de grege porcum; Episteln 1,4,16). Gleichzeitig könnte man aber auch an die Arbeit und Mühe denken, die mit dem Pflücken und Verarbeiten der Früchte und Blüten, etwa zu den bei Griechen und Römern so beliebten Blumenkränzen, vor allem den Rosenkränzen. Und das heißt im Klartext: Man soll den Tag, also seine Lebenszeit, gut nützen und rechtzeitig seine Pflichten erfüllen – ein wichtiges Prinzip der bei den Römern weitverbreiteten stoischen Philosophie. So ist auch der wohl bekannteste Stoiker, der römische Kaiser Marc Aurel, berühmt für seine Entschlossenheit, trotz aller widrigen Umstände seine Pflicht zu tun, solange seine Kraft reicht. Und Horaz selbst war ja nicht einzig und allein auf die Lehre Epikurs fixiert, sondern entnahm auch anderen philosophischen Schulen all das, was er für gut und richtig hielt.

Um nun wieder zu unserer anfänglichen Frage zurückzukehren: Nein, tot ist Latein jedenfalls nicht. Es wird zwar von keinem heutigen Volk mehr gesprochen. Aber es genießt, wie übrigens auch Griechisch, ein unglaublich reiches Nachleben, vergleichbar mit dem Nachleben berühmter Dichter. Zitate aus ihren Werken werden ja üblicherweise in der Gegenwart eingeführt, als ob die Autoren noch leben würden. Beispiel: Pflücke den Tag, rät Horaz. Oder: Grau, teurer Freund, behauptet Goethe, ist alle Theorie. Und nicht: riet Horaz, behauptete Goethe. Und was habe ich selber gerade vorhin von mir gegeben? Erinnere dich: Büchmann übersetzt es mit: „Beute den Tag aus.“ Dabei ist er doch schon seit weit über hundert Jahren tot.

Ja, Latein lebt in ungezählten Aspekten des heutigen Lebens weiter. So zum Beispiel in einer Fülle an geflügelten Worten. Um nur eine winzige Auswahl daraus anzuführen:

Aus Nichts wird Nichts

Die nackte Wahrheit

Goldener Mittelweg

Wehret den Anfängen

Frommer Betrug

Zahn der Zeit

Dichterische Freiheit

Ein seltener Vogel

Gegen den Strom schwimmen

Natürlich auch im jedermann (und jeder Frau) wohlbekannten und vielzitierten lateinischen Original; und hier ist Latein definitiv noch nicht tot:

Summa summarum

Corpus delicti

Lupus in fabula

In medias res

Non scholae, sed vitae discimus

Panem et circenses

Mens sana in corpore sano

In flagranti

Und, nicht zu vergessen: Carpe diem

Weitere Neuerscheinungen aus der Feder von Karl Plepelits

Kostenlose Titel (darum keine Abbildung des Covers möglich):

 

Der Irrtum des Turnvaters Jahn. Eine nicht ganz ernsthafte Betrachtung

Warum ich mit Lyrik nichts am Hut habe. Ein literarischer Scherz

Der Papst, die Muttergottes und die Liebe. Erinnerungen eines Reiseleiters

Liebelei in Libyen. Zwei Frauen sind eine zu viel

Stets gewinnt der Liebesgott. Jugenderinnerungen eines "alten" Griechen

Reise durch die Zauberwelt der Kykladen

Reise durch Andalusien zur Semana Santa

Mit dem Fahrrad durch Marokko

Quer durch die Türkei mit dem Fahrrad (und mit sehr viel Çay)

Den bestraft der Liebesgott

Ausweglos. Homo homini lupus – Der Mensch ist dem dem Menschen ein Wolf

Angaben zum Autor

Geboren 1940 in Wien, wuchs Karl Plepelits in Melk an der Donau auf, besuchte das Gymnasium im berühmten Benediktinerstift Melk, studierte Klassische Philologie, Alte Geschichte und Anglistik in Wien und Innsbruck, plagte Schüler mit Latein, Griechisch und Englisch, vertrat die Österreichische Akademie der Wissenschaften als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Thesaurus linguae Latinae in München, leitete Reisende in alle Welt (oder auch in die Irre), veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Artikel auf dem Gebiet der Latinistik, Gräzistik und Byzantinistik, übersetzte griechische Romane der Antike und des Mittelalters (erschienen im Hiersemann Verlag, Stuttgart). Und angeregt durch einige von ihnen, die unglaublich spannend und ergreifend sind, widmet er sich seit Jahrzehnten auch dem aktiven Literaturschaffen.

 

Imprint

Text: Karl Plepelits
Cover: John William Waterhouse (1849-1917): Gather Ye Rosebuds While Ye May (1909) aus dem Gedicht „To the Virgins, to Make Much of Time“ von Robert Herrick (1648). Sotheby's image, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=184819
Publication Date: 07-03-2019

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