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Professor Aschenbrandt erreichte seinen Mercedes, ließ sich auf den Fahrersitz fallen und klappte sein Mobiltelefon auf. Doch anstatt die Nachricht aufzurufen, ließ er die Fotos noch einmal durchlaufen, die Claudia in einem Anfall von Übermut geschossen hatte. Sie und er, Wange an Wange, mit nackten Oberkörpern; Claudia mit zum Kussmund gespitzten Lippen; dann er, mit verdrehten Augen unter ihr und – nach dem Liebesspiel – ermattet auf dem Bettlaken. Zuletzt noch einmal beide nebeneinander, Kopf an Kopf, auf dem Rücken liegend. Auf dem winzigen Display waren Details kaum zu erkennen, man müsste die Bilder ver- größern. Aber das war zu riskant. Früher hatte er Fotos von seinen Affären und auch das eine oder andere sehr private Video auf seinem Dienstcomputer gespeichert. Doch nachdem bei einem Professorenkollegen aus der Medizin Kinderpornos aus dem Internet auf dessen Bürorechner gefunden worden waren, hatte er alle problematischen Dateien gelöscht. Die Bilder auf dem Handy würde er wohl auch besser irgendwann wieder löschen.
Aschenbrandt seufzte und rief die eingegangene Nachricht auf. Als der Text auf dem Display erschien, erfasste ihn ein Schwindelgefühl: Zu so später Stunde noch im Hotel! Und nicht allein! Was wohl deine Frau dazu sagen würde?
Je länger er auf die Zeilen starrte, desto stärker wurde der Druck in der Magengegend. Niemand konnte wissen, dass er heute hier mit Claudia verabredet war. In Hotels trafen sie sich selten und niemals ein zweites Mal im selben Haus. Falls jemand sein Verhältnis zu der Studentin entdeckt und ihn beobachtet hatte, musste er ihm gefolgt sein. Aschenbrandt starrte durch die Windschutzscheibe nach draußen, versuchte im Rückspiegel zu erkennen, ob irgendwo in der Straße ein Wagen stand, dessen Fahrer auf ihn gewartet haben könnte, um ihm die SMS in diesem Augenblick zu senden. Doch weit und breit war kein Fahrzeug zu sehen. Ein Taxi rollte heran, hielt vor dem Hotel. Der Fahrgast zahlte, stieg aus und verschwand im Eingangsbereich, ohne sich umzusehen.
Aschenbrandt startete den Motor, schaltete das Licht ein und ließ den Wagen langsam anrollen. Immer wieder wanderte sein Blick zum Rückspiegel, doch niemand schien ihm zu folgen.
Nachdem er die Innenstadt erreicht und den Mercedes in Richtung Geismartor gelenkt hatte, ohne dass er einen Verfolger bemerkt hatte, beruhigten sich seine Nerven ein wenig. Vielleicht war die SMS gar nicht für ihn bestimmt gewesen. Jemand konnte sich vertippt haben. Ein Zahlendreher. Der Absender erfuhr nicht, ob seine Nachricht den Adressaten erreicht hatte. Ohnehin kannten nur wenige Menschen seine Handy-Nummer. In Gedanken ging er alle Möglichkeiten durch. Außer seiner Frau und den Kindern wussten nur ein paar Kollegen, seine Sekretärin, der Seminarvorstand und die Sekretärin des Seminars, das Dekanat der Fakultät und einige Freunde, wie er per Mobilfunk zu erreichen war. Und natürlich Claudia. Sie hatte das Hotelzimmer zehn Minuten vor ihm verlassen. Ob sie ihn auf den Arm nehmen wollte? Manchmal hatte sie eigenwillige Ideen.
Beinah hätte er das Lenkrad verrissen und wäre mit dem schweren Wagen auf den Mittelstreifen geraten. Die Nummer des Absenders! Er hatte überhaupt nicht auf die Zahlen geachtet!
Während er bemüht war, sich richtig einzuordnen und die Spur zu halten, tastete er nach dem Handy und klappte es auf. Die Ampel an der Reinhäuser Landstraße kam ihm zu Hilfe. Es dauerte eine Weile, bis er die Nachricht wieder- gefunden hatte. Enttäuscht ließ er das Mobiltelefon auf den Beifahrersitz sinken. Als Absender war angegeben: meph@submarine.sms.com.
Erneut warf er einen Blick in den Rückspiegel. Hinter ihm hielt ein dunkler Mittelklassewagen, am Steuer saß ein junger Mann, der Kopf und Hände im Rhythmus einer Musik bewegte, deren dumpfes Dröhnen bis an Aschen- brandts Ohren drang. Ein Student? Nicht ausgeschlossen. Er würde ihn im Auge behalten. Doch als er die Geismar- landstraße einbog, fuhr der junge Mann geradeaus in die Keplerstraße.
Auf der Höhe der Gothaer Versicherung schloss plötzlich ein anderer Wagen auf und blieb dicht hinter ihm. Er folgte ihm noch, als Aschenbrandt in Geismar in die Teichstraße einbog. Sein Puls schoss in die Höhe, im Nacken und auf der Stirn spürte er Schweißtropfen. Fieberhaft suchte er nach einer Möglichkeit, den Verfolger abzuschütteln. Sollte er einfach anhalten und abwarten? Oder in eine Seiten- straße einbiegen? Nur mit Mühe widerstand er der Versuchung, das Gaspedal durchzutreten, um den anderen Wagen abzuhängen. Schließlich erschien ihm ein einfacher Trick als die Lösung. Er würde einen Umweg über die Charlottenburger Straße fahren, den Wagen unterhalb des Wohnstifts abstellen und die letzten Meter zu seinem Haus im Meininger Weg zu Fuß zurücklegen.
Plötzlich war der Verfolger verschwunden. Aschenbrandt stoppte und sah sich um. Weit und breit war kein Auto zu sehen. Erleichtert wischte er mit dem Taschentuch über Stirn und Nacken und setzte seine Fahrt fort. War es doch nur ein Hirngespinst gewesen?
Als er den Wagen in den Carport rangierte, meldete sich sein Handy erneut. Diesmal ertönten einige Takte aus Mozarts Zauberflöte. Dreimal klimperten klavierähnliche Töne die Papageno-Melodie, dann drückte er die An- nahmetaste. In dem Augenblick sah er, dass die Rufnummer des Anrufers unterdrückt war. Aschenbrandt zögerte einige Sekunden und meldete sich dann mit einem »Ja?«
»Alle Achtung, Professor Faust! In deinem Alter noch Studentinnen poppen!« Der Anrufer kicherte. »Das nennt man wohl reife Leistung. Auch wenn das Gretchen nicht mehr ganz so jung ist. Wir sehen uns in der Walpurgis- nacht.« Mit einem Piepton brach das Gespräch ab.
Verbindung beendet. Aschenbrandt starrte auf das Display, ohne die Information wirklich wahrzunehmen. Wer wusste von seinem Verhältnis zu Claudia? War das der Beginn eines Erpressungsversuchs? Woher hatte der Mann seine Handy-Nummer? Und woher wusste er von seiner Verabredung? Oder versuchte jemand, einfach nur im Nebel zu stochern – in der Hoffnung, auf eine einträgliche Quelle zu stoßen? Während die Fragen in seinem Kopf kreisten, spürte er, wie eine Faust seinen Magen zusammenzudrücken begann.

Copyright © Prolibris Verlag Rolf Wagner

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Text: erschienen im Prolibris Verlag Rolf Wagner ISBN:978-3935263634
Publication Date: 05-26-2010

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