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Als mein Mann als junger Pastor in Mecklenburg ordiniert wurde, kamen wir in eine landschaftlich sehr schöne Gegend mit „dorfeigenem“ See. Und was noch schöner war,im Umkreis von etwa fünfzig Kilometern waren die Pfarreien fast alle mit gleichaltrigen jungen Pastorenfamilien besetzt. Die meisten waren Studienkollegen meines Mannes, die er schon kannte. Und auch ich kannte schon einige von ihnen.

Diese Konstellation brachte uns hauptsächlich Vorteile, denn wir hatten auch regen freundschaftlichen Kontakt untereinander. Das war in der DDR nicht selbstverständlich, denn man konnte in diesem Beruf auch sehr einsam werden. Aber diese Gefahr bestand bei uns nie.

Einmal im Jahr trafen sich die Pastoren unserer Propstei eine Woche lang jeden Tag bei einem der Kollegen, um die alljährliche Bibelwoche vorzubereiten und schwärmten dann abends aus, um die Bibelwochenabende zu halten.

Einige der jungen Pastoren, die wir kannten, gehörten zu anderen Kirchenkreisen. Zum Beispiel Hermann P. mit seiner Familie, den mein Mann von irgendwelchen Kirchentreffen kannte.

Irgendwann waren wir bei ihm und seiner Familie eingeladen, packten unsere Kinder in den Trabant und fuhren hin.

Hermann war etwas älter als wir, hatte eine Frau und drei Kinder. Wir wurden herzlich aufgenommen und mit Kaffee und Kuchen bewirtet.

Mein Hellmut wusste, dass Hermann ein begnadeter Radio- und Fernsehbastler war. Als wir dort waren, konnten wir nur staunen über die Technik, die er so stehen hatte. Er war auch ein leidenschaftlicher Funker.

Wir waren naiv und völlig arglos, denn schließlich war Hermann ja Pastor. Wir gaben ihm auch mal unseren alten Fernsehapparat zur Reparatur. Er reparierte die Geräte seiner ganzen Gemeinde und aller Freunde und hatte selbst immer das Neuste stehen. Wenn wir danach fragten, hatte es immer seine „Tante aus dem Westen“ gesponsert. Großzügige Tante, dachten wir ein bisschen neidvoll.

Nach der Geburt des vierten Kindes, wurde Hermanns Frau sehr krank und starb etwa ein Jahr danach.

Irgendwie riss der Kontakt ab. Dann folgte unsere Ausreise nach Bayern und drei Jahre später die Wende.

Und dann kamen die Enthüllungen – natürlich auch in Kirchenkreisen!

Ganz schnell sprach sich herum, dass Hermann ein ausgebildeter Stasi-Offizier war, der im Auftrag der Stasi Theologie studiert hatte und die ganze Zeit mit zwei vollen Gehältern lebte.

Wir verstehen nicht, warum das niemand geahnt hat – auch wir nicht! Eigentlich war es ganz offensichtlich. Jedenfalls im Nachhinein.

Heute fragen wir uns, was er wohl über uns weitergemeldet und vor allem, was er wohl in unseren Fernseher eingebaut hat…

Vom Hörensagen wissen wir nur, dass er keinerlei Unrechtsbewusstsein hat. Da die Kirchengesetze für diese „Vergehen“ keine Strafe vorsehen, wurde er erst einmal in den „Wartestand“ versetzt und später nahtlos in den Ruhestand. Heute lebt er irgendwo als Rentner. Von wem seine Rente bezahlt wird, weiß ich nicht.

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Text: Cover internet
Publication Date: 01-19-2012

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