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Gegenüber

 

Von unserem Schlafzimmerfenster wie auch vom Arbeitszimmer meines Mannes schauen wir auf einen Balkon gegenüber.

 

Jahrelang sahen wir dort eine Kette rauchende Frau in den Sechzigern stehen. Schon frühmorgens stand sie dort – noch im Morgenmantel - auf dem Balkon mit einem Becher Kaffee und einer Zigarette. Ab und zu stand auch der Sohn rauchend daneben, die Frau eigentlich den ganzen Tag, mindestens halbstündlich.

 

Sowie die Sonne schien, saß ihr offensichtlich etliche Jahre älterer Mann dort in einem weißen Plastikstuhl und sonnte sich. Er tat nie irgendetwas, saß nur in der Sonne und hatte die Augen geschlossen. Er rauchte nicht. Seine Frau sonnte sich nie, saß oder stand nur da und rauchte und verschwand dann wieder in der Wohnung.

 

Vor etwa zwei Jahren fiel mir plötzlich auf, dass ich die Frau schon einige Zeit nicht mehr gesehen hatte.

 

Von Nachbarn erfuhr ich, dass sie gestorben war.

 

Ab und zu stand der Sohn noch rauchend auf dem Balkon – dann wurde auch er nicht mehr gesehen. Das war im vorigen Jahr.

 

Wieder erfuhr ich von Nachbarn, dass auch er gestorben sei. Der Sohn war noch jung – Mitte dreißig vielleicht.

 

Den Alten sah ich oft auf dem Balkon – wie zuvor in der Sonne sitzend, mit seinem kleinen Smart wegfahren oder zu Fuß in die Stadt laufen, eine große Tasche schräg umgehängt.

 

Gestern Nachmittag kam eine Nachbarin von unten aus unserem Haus zu mir nach oben und fragte, ob wir noch immer eine Wohnung suchten. Vor zwei Tagen sei gegenüber eine frei geworden, wir sollten uns beeilen und beim Verwalter melden. Das Haus gehört ihrer Mutter.

 

Jetzt könnten wir eine Wohnung zwei Etagen tiefer und mit Balkon haben…

 

Warum nur reizt mich gerade diese Wohnung überhaupt nicht?

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Publication Date: 05-08-2014

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