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Mama hat Geburtstag

 

Der kleine Tom – eigentlich hieß er Thomas, aber so nannte ihn niemand – war gerade mal vier Jahre alt und schon ein pfiffiges und helles Kerlchen. Praktisch seit er laufen konnte, stieg er gern in zu große Schuhe, am liebsten in die hochhackigen seiner Mama, wie kleine Kinder das allgemein gern tun. Inzwischen verkleidete er sich auch gern. Heute aber hatte er andere Sorgen. Die Mama hatte Geburtstag und Tom hatte kein Geschenk für sie! Seine große Schwester Sara hatte ein schönes Bild für die Mama gemalt. Aber er wollte seiner Mama etwas anderes schenken, etwas richtig Schönes, über das sie sich ganz doll freuen würde.

 

Kaum war die Sonne aufgegangen, stand Tom auf und schlich sich aus seinem Zimmer. Er zog sich nicht erst an, sondern stieg im Flur in seine kleinen Gummistiefel und weil es draußen leise nieselte, nahm er sich Saras Jacke vom Haken und ihren kleinen Regenschirm. Die Jacke reichte zwar bis zum Boden, aber das störte ihn nicht. Seine eigene hatte er in der Eile nicht gefunden.

 

So stiefelte er nun aus dem Haus in Richtung Blumenwiese. Er hatte sich überlegt, er würde der Mama einen ganz tollen großen Blumenstrauß für ihre Lieblingsvase pflücken. Gedacht, getan.

 

Beim Blumenpflücken störte der Schirm ihn nur. Also ließ er ihn einfach auf der Wiese liegen und wanderte immer weiter. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber die Wiese war natürlich noch sehr nass. Doch Tom hatte ja seine Gummistiefel an, so konnte gar nichts passieren. Und nasse Füße hätten ihn sowieso nicht gestört.

 

Tom war so vertieft in sein Tun, dass er nicht bemerkte, wie er sich dem Wald immer mehr näherte. Die Eltern hatten ihm und seiner Schwester streng verboten, allein in den Wald zu gehen, weil sie Angst hatten, die Kinder könnten sich darin verlaufen. Zwar hatten sie zusammen schon viele Waldspaziergänge gemacht, aber sicher war sicher. Die Kinder waren doch noch recht verträumt und achteten auf alles andere, nur nicht auf den Weg.

 

Und schon war es passiert. Unversehens war Tom tief in dem großen Wald gelandet. Als er es bemerkte, war es schon zu spät. Er hatte sich verirrt! Er probierte es mal in die eine, dann in die andere Richtung, fand aber nicht nach Hause. Er hatte zwar keine Angst, war aber irgendwann so erschöpft, dass er sich auf einer Lichtung im weichen Gras zusammenrollte und einschlief.

 

Inzwischen wunderte sich zu Hause die Mama, wo denn ihr Sohn heute Morgen blieb. Er war doch sonst kein Langschläfer. Als sie in seinem Zimmer nachschaute und sein Bett verlassen vorfand, wunderte sie sich erst einmal nur. Sie fragte dann nach und nach ihren Mann und Sara, ob sie Tom schon gesehen hätten. Hatten sie nicht! Wo konnte er nur sein?

 

Sara bemerkte nach einer Weile, dass ihre Jacke, ihr Schirm und auch Toms Gummistiefel in der Garderobe fehlten. Das bedeutete, der junge Mann musste irgendwo draußen auf dem Gelände sein. Aber auch in Hof und Garten war Tom nicht zu sehen.

 

Sara meinte zu den Eltern: „Kommt, wir verfolgen seine Spur! Dann werden wir ihn schon finden.“

 

Anhand des niedergetretenen Wiesengrases konnten sie leicht seine Spur verfolgen und merkten bald, dass er wohl im Wald gelandet sein musste. Dort war die Spur nicht so leicht zu verfolgen, denn auf dem weichen Waldboden war sie nicht auszumachen. Die Eltern und Sara riefen abwechselnd nach Tom, doch er antwortete nicht.

 

Langsam machten sich die Eltern doch Sorgen und überlegten, ob sie die Polizei einschalten sollten. Da rief Sara plötzlich: „Mama, Papa, schaut doch mal dort auf der Lichtung!“ Und tatsächlich, dort lag er, friedlich schlummernd mit einem großen bunten Wiesenblumenstrauß im Arm. Die Mama erkannte natürlich sofort seine Absichten und war sehr gerührt. Sie weckte ihren kleinen Tom sanft und war überglücklich, ihn heil und gesund wiedergefunden zu haben. Und Sara hatte ihren Ärger über die entführte Jacke längst vergessen. Den Schirm hatten sie auf der Wiese schon gefunden.

 

So wurde es doch noch ein schöner Geburtstag, wenn auch die Blumen schon ein wenig die Köpfe hängen ließen.

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Images: Cover: Manuela Schauten
Publication Date: 02-28-2017

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