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Mein Leben in Farbe verpasste gelegenheit

 

 

  

Sie erinnerte ihn an die Wiesen und Bäume vor seinem Haus. Filigran, fast durchsichtig wirkte sie 

und berührte etwas in ihm, ergriff ihn zart.

 

Er hätte sie gerne in seine Arme geschlossen und fest gehalten. Immer wieder zog sie seinen Blick 

auf sich und er bemerkte, dass sie ihn ebenfalls oft anschaute. Aber keiner der beiden sagte etwas. 

Der Zug war am Abend fast leer. Sie rollte sich auf ihren beiden Sitzen zusammen und schien zu

schlafen, den Rucksack als Kopfkissen verwendend.

Sehr gerne hätte er sie liebevoll gestreichelt... ihre Schulter, ihre schönen Haare.   Rechtzeitig vor der

Endstation wurde sie munter.

 

Er musste umsteigen, wartete im kalten Wind auf den Anschlusszug.

Im Bahnhofsgebäude erspähte er sie. Ruhig stand sie dort, in ihren breiten, grünen Schal gehüllt. Im

nächsten Zug war erneut viel Platz. Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass sie es sich vier Reihen

hinter ihm bequem machte. Sein Herz schlug höher.

 

Es fühlte sich gut an, sie in der Nähe zu wissen. Eine halbe Stunde später musste er zum letzten Mal

umsteigen, stand auf, zog die Jacke an, warf seinen Rucksack über, kam an ihrer Sitzreihe vorbei und

hielt behutsam inne.

 

Wieder lag sie da, wie vorher, die Beine angezogen. Sie schien viel Müdigkeit in sich zu tragen.

Traurig stieg er aus. Ging am Waggon entlang, schaute ein letztes Mal nach ihr.

Sie hatte sich inzwischen aufgerichtet und sah ihn durch die Scheibe an.

 

Er blieb stehen. Blicke aus ernsten Augenpaaren begegneten einander.

Was sie wohl denkt, fragte er sich. Die Idee keimte auf, umzudrehen, einzusteigen, sie anzusprechen.

Doch er ließ es bleiben. Was, wenn sie sich belästigt fühlte? Was, wenn sie auf

dem Weg zu ihrem Partner war?

 

 

Außerdem musste er seinen letzten Zug nach Hause kriegen. Es war schon spät.  So riss er sich los,

schritt wehmütig die Stufen hinab, durch den Tunnel, die Treppe hinauf zum anderen Bahnsteig, wo

sein Zug bereits wartete.

 

Er suchte sich einen Platz am Fenster. Vielleicht konnte er sie in der anderen Bahn einige Gleise

weiter zwischen den vielen blauen Sitz lehnen entdecken. Aber dies gelang nicht mehr.  Ihr Zug fuhr

an und er hoffte, sie gleich auf dem Bahnsteig stehen zu sehen.

 

Dann war ihr Zug verschwunden und die Sicht frei.

Da stand niemand...  

 

Und er schrieb ein kleines Gedicht für sie, welches sie nie lesen würde... 

 

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Publication Date: 06-06-2015

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