Cover

Ungeahnte Wirkungen falscher und richtiger Ernährung

 

Vorwort

 

In unabsehbaren Reihen zogen sie vor meinem Blicke vorüber: Die Gesundheitsschicksale der Menschen. Immer klarer und deutlicher zeichneten sich die Zusammenhänge. Wie sich das Dunkel lichtete? Nur sehr langsam, denn Ursachen und Wirkungen liegen für unsere Erkenntnis weit auseinander, oft ausgedehnt über Generationen. Die Wirkungen können sich im Einzelfalle allmählich und schleichend offenbaren oder wie Blitzschläge hereinbrechen. Aber ob die Gesundheit langsam oder plötzlich abgewürgt wird, ob es jung oder alt trifft, stets ist der Eindruck ein furchtbarer. Dieser Eindruck überschreitet jedoch kaum je einen kleinen, sehr begrenzten Kreis, dem der Erkrankte, seine nächsten Angehörigen und der Arzt angehören. Die Mitwelt nimmt höchstens für einen kurzen Moment Notiz: Bei der Todesanzeige. Wie die Wasserteilchen eines Stromes läßt man sich durch den Strom des Lebens vorübertragen, seinem eigenen Schicksal entgegen. Die Wissenschaft bemüht sich, aus den Geschehnissen die Zusammenhänge zu erkennen. Sie stößt auf harte, fast undurchdringbare Widerstände, auf eine endlose Fülle von Einzelergebnissen, deren Zusammenfassung dem Verstande kaum mehr gelingen will; denn, was ein Anderer erlebt und erkannt hat, wird für den Hörer leicht ein kraft- und lebloses Wissen. Doch gibt es noch eine andere, nicht vom Intellekt geleistete Synthese (Zusammenfassung). Sie vollzieht sich unbemerkt und unbewusst in der Seele des Arztes und tritt eines schönen Tages erst scheu, dann bestimmter vor sein Angesicht. In ihr vereinigen sich die Zusammenhänge, die die Forschung erschloß mit denen seines Erlebens zu einem großen einheitlichen Bilde, einem Bilde des Grauens und zugleich des Wissens. Und siehe da: Dieses Bild ist nicht seine eigene Schöpfung, es ist ein Werk der über alle Zeiten lebenden Menschheitsseele, dem nur die größten Künstler Gestalt zu geben vermochten, das vor Zeiten, da ein Volk sich zu hoher Blüte erhob, seinen ewigen und endgültigen Ausdruck fand in der Gruppe des Laokoon.

Vom Menschengeschlecht des Laokoon und seiner großen Not spricht diese Schrift. Sie spricht aber auch noch von etwas Anderem: Von der Kraft, die aus der Not herausführt. Zugleich mit der Erkenntnis des Unheils ersteht auch die Erkenntnis des Heils. Diese Zwei liegen ja ganz natürlicherweise beieinander. Wirkungen bringen das Unheil, Wirkungen bringen das Heil. Welches sind die einen, welches die andern? Darüber wird hier ein ganz entschiedener Standpunkt eingenommen. Neue Entdeckungen, neue Forschungen und die ganz eigenartigen Erfahrungen eines dreißigjährigen Arztlebens bilden die Grundlage. Sonst bearbeitet man die geängstete und gequälte Menschheit mit Lehren von Sünde und Schuld. Moralisch vor allem soll der Mensch sein, moralisch in einem bestimmten, aus Enge, Willkür und Kurzsichtigkeit geborenen Sinne. Der Geist sollte den Körper besiegen und beherrschen. Doch der Körper läßt sich weder besiegen noch beherrschen. Er ist ja als lebendes Gebilde selber Geist. Nein! Das Körperliche will vor allem wieder erhöht werden. Es will verstanden, gepflegt und geliebt sein. Es verlangt Ehrfurcht und Achtung. Es ist Offenbarung der Weisheit und Weisheit selbst. Alles Niedrige und alles Hohe, aller Irrtum und alle Erlösung beginnen im Körperlichen, im Physiologischen. Erst aus dem reinen Körperlichen heraus kann lebendige Moral und edle Ethik hervorgehen. Eine neue Menschheit, eine neue Welt, eine neue Religion, — sie werden nur aus einer Revolution in unserer Einstellung zum Körperlichen kommen. Alles schreit danach. Nun! Hier ist der kleine Anfang.

Zürich, im Februar 1928.

M. Bircher-Benner.

 

 

Meine Damen und Herren!

 

Das menschliche Leben hat zwei Gesichter, eines voll Tatkraft und Lebenslust, das andere verkrampft in Schmerz und Leid. Beim Lächeln des Ersten vergißt man nur allzuleicht das Bild des Zweiten. Das Auge des Arztes dagegen wird unausgesetzt auf das Zweite gerichtet, auf dieses «Haupt voll Blut und Wunden». Ihm enthüllen sich, als ob ein Schleier nach dem andern sich höbe, die Zusammenhänge der beiden und damit die Ursache alles Leidens. Betroffen und bewegt steht der Arzt vor der Erkenntnis, daß der Mensch sich im Jagen nach Lebenslust und Kraft verirrt und so dahin gelangt, daß Lebenslust — und Tatkraft verschwinden und Schmerz und Leid erscheinen. Nicht das Ende des Lebens, der Tod, ist das Furchtbare im Leben, sondern die Zeit der Schmerzen und des Leidens unter dem erstarrenden Anblicke der Meduse.

Die Griechen, diese Meister der symbolischen Kunst, haben das zweite Gesicht des Lebens in der rätselhaften Gruppe des Laokoon dargestellt, in der ein Vater mit seinen zwei Söhnen von zwei mächtigen Schlangen umschlungen dastehen. Der jüngere Knabe erliegt eben dem Biß der Schlange, die beiden Andern wehren sich noch mit letzter Kraft gegen den Druck der Umschlingung und den züngelnden Rachen. Die Deutung ist nicht schwer. Der Vater mit den zwei Söhnen versinnbildlichen zwei aufeinander folgende Generationen des Menschengeschlechts, die durch ein und dieselbe Ursache — hier durch Schlangen gekennzeichnet — unter großen Qualen erdrosselt werden. Die Schlange ist von Alters her das Symbol des Irrtums, der Verirrung in der Sinnenwelt, des Truges, des Abfalles vom Geiste und von der Wahrheit. Es gilt dies, falls man die beiden noch unterscheiden will, sowohl vom geistigen wie vom materiellen Leben. Das «materielle» Leben aber ist ein Ernährungsprozeß, eine brennende Flamme, ein leuchtendes Licht. Verfällt dieser Prozeß dem Irrtum, so wird auch er zur mordenden Schlange, die mit der ersten auch die zweite Generation erwürgt.

Es gibt nur eine erfolgreiche Kampfart, diese Schlange zu besiegen, nur ein Entrinnen vor dem Schicksal des Laokoon: die Aufdeckung und die Beseitigung des Irrtums aus unserem Leben, hier aus unserer Ernährung.

Der große Ernährungsforscher McCarrison gelangte, nachdem ihm seine Forschungen Irrtum über Irrtum aufgedeckt und ganz neue Einsichten gewährt hatten, zu dem Ausspruche:

«Es gibt in der Tat im gegenwärtigen Augenblicke keine wichtigere Aufgabe, als geeignete Vorkehrungen zu treffen, um unserem Volke eine richtige Nahrung zu verschaffen, und keine dringendere Not, als die Aufklärung in der Ernährungsfrage.»

Die Nahrungswirkungen, von denen hier gesprochen werden soll, haben nichts zu tun mit jenen, die bisher allgemein bekannt waren, nach denen man sich bei der Volksernährung, in der Familie und am Krankenbette richtete, ja, sie stehen dazu sogar in einem grellen Widerspruche. Bis vor wenigen Jahren waren sie noch völlig unbekannt, und sie sind heute noch nicht einmal Gemeingut der Ärzte, ja, sie werden dies aus psychologischen Gründen noch lange nicht sein.

Ihr Widerspruch zum Bestehenden, Anerkannten und Allgemeingeglaubten ist hart und unerbittlich. Sie decken Fehler von immenser Tragweite für das Volkswohl und die Volksgesundheit auf und fordern gebieterisch eine gründliche Wandlung.

Jedermann hat das Empfinden, daß es mit den zivilisierten Völkern schlecht steht, daß der Boden unsicher geworden ist, daß eine Remedur dringend not tut. Es gärt im Osten gegen den Westen. Man spricht schon vom Untergang des Abendlandes. Man will mit politischen Umstürzen Hilfe schaffen. Das Physiologische aber, den Menschen und sein Leben, sieht man nicht. Am Physiologischen krankt die Zivilisation und dieses Physiologische ist die Ernährung. In seinem Anfang ist alles, physiologisch; so ungefähr sprach einmal Nietzsche. Eine neue, günstigere Ordnung der seelischen und sozialen Kräftespannungen kann nur aus diesem physiologischen Boden hervorwachsen.

Was unser irregeführtes Urteil für «nahrhaft, kräftig und gesund» hält, — die eiweißreichen Nahrungsmittel, namentlich die Fleischkost und selbst die Eier, — was es für wohlbekömmlich und zuträglich hält, — die gekochte Speise — unterminiert oder zerstört in dem Masse, in welchem es in der Regel dem Leibe zugeführt wird, die Kräfte und die Gesundheit.

Die Ärzteschaft von heute, — Hippokrates lehrte anders, — lehrt die Kranken, Schwachen und Leidenden immer noch und immer wieder, es sei «wissenschaftlich»: sich mit eiweißreicher Nahrung, vor allen Dingen tierischer Herkunft, zu «kräftigen»; die Speisen gut und lange zu kochen; weißes Brot, oft zweimal durchgebacken (Zwieback), und weißes Mehl zu genießen; alles Rohe, wie frische Früchte und Salate, zu meiden.

 

Auf solche Lehren baut das Volk und irrt immer weiter vom gesunden Wege ab. Und dies ist so bedeutungsvoll, daß ein englischer Ernährungsforscher sich zu dem Ausspruche

gedrängt sah: «Die «wissenschaftliche» Ernährung ist nicht nur völlig unwissenschaftlich, sondern tödlich.»

In der Tat! Die ganze übliche Diätetik, sei es, daß sie auf Kräftigung oder auf Verdaulichkeit ausgeht, hat mit Wissenschaft blutwenig zu tun. Und ebensowenig haben die Nahrungswirkungen, von denen heute die Rede sein soll, mit solcher «wissenschaftlicher» Diätetik zu tun. Die bisherige Ernährungslehre war ein Anfang, sicher ein wertvoller Anfang, aber sie reichte nicht an die Forderungen des Lebens heran und vermochte bei weitem nicht, eine Richtschnur für die Ernährung des gesunden und kranken Organismus zu geben. Man entnahm ihr Weisungen für das Leben, bevor sie solche geben konnte, und diese Weisungen waren Irrtümer und vermehrten noch die Dunkelheit, die über dem Mysterium der Ernährung lagerte.

 

Anmerkung: Im Sunday Herald vom 1. Mai 1927 veröffentlicht J. Ellis Barker, der englische Krebsforscher, Betrachtungen fiber die Beziehung der Ärzte zum Ernährungsproblem unter dem Titel: «Warum sterben unsere Doktoren jung?» Er vergleicht darin die Sterblichkeits-Statistik der Ärzte und der Landarbeiter in England. Die große Mehrzahl der Ärzte, sagt er, leben in guten Verhältnissen. Sie nehmen gute Nahrung, wohnen in sanitarisch gut eingerichteten Häusern; sie erhalten die besten ärztlichen Ratschläge von den Autoritäten gratis. Trotzdem sterben sie jung und ertragen den Vergleich mit manchen anderen Berufsarten nicht. Die ärmsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind die Landarbeiter: kleinstes Einkommen, oft große Familie, nur einfachste und billigste Nahrung, oft ungenügende Kleidung, unhygienische Hütten, kein Baderaum, keine modernen sanitären Einrichtungen. Ihre Wohnungen sind oft feucht und zugig. Sie haben oft nicht genug Heizmaterial und ihr Trinkwasser ist oft sehr mangelhaft. Sie können sich selten erlauben, zum Arzte zu gehen, und ihre Zähne bleiben oft völlig ungepflegt. Dennoch ist die Sterblichkeit der Ärzte um fünfzig Prozent größer als die der Landarbeiter.

«Man stellt fest, daß die Sterblichkeit der Ärzte an Krankheiten der Zirkulation, der Leber und der Verdauungsorgane, sowie an Diabetes und Nierenleiden zwei, drei, vier und fünfmal so groß ist, wie die Sterblichkeit der Landarbeiter. Alle diese Krankheiten beruhen auf falscher Ernährung und gehemmter Ausscheidung».

Nach dieser Feststellung verwahrt sich Ellis Barker dagegen, daß ihm die Absicht zugemessen würde, die ärztliche Kunst herabsetzen zu wollen. Er stamme aus einer Arzt-Familie und seine besten Freunde seien Ärzte. Er habe die größte Bewunderung für den selbstlosen Dienst der Ärzte beim Kranken zu allen Tag- und Nachtstunden.

Das Unglück sei, daß die Ärzte falsch unterrichtet würden. «Sie sind falsch unterrichtet über die Natur und die Ursachen der Krankheiten, und in ihrem Unterricht werden Drogen, Serums und andere künstliche Heilmethoden unverdient überschätzt, während einfache Heilkräfte des gesunden Menschenverstandes, wie Diät, natürliche Ausscheidung, Körperübung, frische Luft, Ruhe etc. keine genügende Beachtung finden.»

«Richtige Nahrung ist der allerwichtigste Erzeuger von Gesundheit und Glück, die sicherste Verhütung und die mächtigste Heilkraft der Krankheiten. Fraglos kann manche Arznei durch Diätetik und andere einfache, natürliche Heilmittel ersetzt werden.»

 

So tönt es heute aus England. Den Ärzten aber möchte ich sagen: Caveant consules! Die Steine fangen an zu sprechen.

In diese Dunkelheit brach wie ein Blitz in die tiefe Nacht die erste Entdeckung einer ungeahnten Nahrungswirkung herein. Da sie zum Ausgangspunkt einer großen Wandlung auf dem Ernährungsgebiete wurde, wollen wir ihr unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick lang zuwenden.

Das große Ereignis geschah im Jahre 1897. Der holländische Gefängnisarzt Eijkman in Batavia beobachtete, daß die Hühner des Geflügelhofes im Gefängnis an einem schweren Siechtum erkrankten, das mit völliger Lähmung der Muskulatur und dem Tode endete. Es fiel ihm auf, daß auch die Gefangenen an einer ähnlichen Krankheit zu Grunde gingen, an einer Krankheit, die man schon lange kannte, die dort im Osten wie eine Seuche unter manchen Völkern wütete und die den schönen Namen Beriberi, die «große Schwäche», trug. Da die Hühner mit den Nahrungsabfällen der Gefangenen gefüttert wurden, fragte sich Eijkman , ob die Ursache der Krankheit in der Nahrung liege. Die Nahrung bestand zur Hauptsache aus poliertem Reis. Einem Gedankengange folgend fügte Eijkman diesen Reisabfällen der kranken Hühner die Reiskleie bei, die beim Polieren entfernt worden war. Und siehe da, die sonst unrettbar verlorenen Hühner genasen. Nun fügte er auch der Reiskost der kranken Gefangenen die Reiskleie bei und sah auch dort das Wunder der Genesung sich vollziehen.

Um dies richtig zu würdigen, muß man wissen, daß die ärztlichen Forscher sich schon lange mit dieser schweren Volkskrankheit beschäftigt hatten und zu ganz andern Schlüssen gelangt waren. J. Ellis Barker, der englische Ernährungsforscher, zählt vierzehn Theorien auf, die sich um die Gültigkeit stritten, und von denen jede eine andere Ursache der Beriberi-Krankheit behauptete. Vorherrschend war die Ansicht, daß es sich um eine Infektionskrankheit handle. Der Charakter der Krankheit schien ganz für die Tätigkeit von Bakterien zu sprechen. Als die Entdeckung Eijkmans bekannt wurde, antworteten selbst japanische Gelehrte mit Hohnlachen. Sie sagten: «Seht doch zu, überall, wo in Japan neue Schienenwege ins Innere des Landes gebaut wurden, wanderte die Beriberi mit den Schienen ins Land hinein, dahin, wo man sie vorher überhaupt nicht kannte. So etwas geschieht doch nur, wo Bakterien die Ursache sind.» Es zeigte sich aber, daß mit den Schienenwegen auch der polierte Reis ins Land hinein gewandert war, dahin, wo vorher nur unpolierter Reis verzehrt worden war. Es war nichts zu machen. Alle vierzehn Theorien waren falsch. Die Tatsachen und Geschehnisse sprachen eine so unzweideutige Sprache, daß man schließlich die Eijkman’sche Entdeckung anerkennen mußte.

Man kann den Forschern das heftige Widerstreben gegen die neue Entdeckung leicht nachfühlen. Was wurde denn beim Polieren des Reiskorns mit der Kleie, mit dem Samenhäutchen oder Silberhäutchen, entfernt? Diese Kleie war ja nach der Ernährungslehre von dazumal völlig wertlos. Nun sollte sie auf einmal ein völlig unbekanntes ernährendes Prinzip enthalten, dessen Entfernung und Mangel im menschlichen Organismus die furchtbarsten Verheerungen entstehen läßt! Sehen wir uns diese Verheerungen etwas näher an.

Zuerst stellt sich eine ungeahnte Ermüdbarkeit ein, die allmählich größer und größer wird. Dann treten Verdauungsstörungen auf, im allerersten Stadium vielleicht Heißhunger, bald aber ein stetiges Sinken der Eßlust. Dann gesellen sich heftige Nervenschmerzen (Neuralgien) zu dem Krankheitsbilde. Es gibt Besserungen und Rückfälle. Die Krankheit kann sich über viele Jahre hinziehen. Sie zeigt auch Abhängigkeit vom Wetter und von der Jahreszeit. Schon faßt man wieder Hoffnung auf Genesung, da treten plötzlich ernstere Erscheinungen auf und die Hoffnung liegt, wie von einem Keulenschlage getroffen, wieder am Boden. Die Muskeln an den Beinen, dann auch die an den Armen werden gelähmt und fangen an zu schwinden. Kinder, von beriberikranken Müttern geboren, sind schwach und elend und sterben bald dahin. Oft stirbt die Frucht im Mutterleib oder die Frauen werden unfruchtbar. Die Muttermilch hat keine Kraft, um die Säuglinge zu ernähren. Bald treten auch Zirkulationsstörungen und Schwächeerscheinungen des Herzens auf. Oft bemächtigten sich des Gemütes schwere Depressionen und bisweilen treten sogar Delirien und Geistesstörungen hinzu. Vor dem Ende wird die Herzschwäche oft so groß, daß sich Wassersucht einstellt. Auch die Widerstandskraft gegen Infektionen wird stetig geringer und viele erliegen hinzukommenden Infektionskrankheiten.

Der Anatom, der die Leiche der an Beriberi Verstorbenen untersuchte, fand tiefgehende Veränderungen: Zerfall und Schwund der feinen Nervenfasern und der Muskelfasern. Dies erklärt die Nervenschmerzen, die Nervenentzündung und die Muskellähmung. Ganz überraschend aber war es zu finden, daß alle drüsigen Organe eingeschrumpft waren, namentlich die Drüsen der inneren Sekretion: der Hirnanhang, die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüse, die Geschlechtsdrüsen und die Nebennieren. Doch halt! Starb der Kranke vor dem letzten Stadium an einer Zwischenkrankheit, so zeigten sich alle inneren Drüsen geschrumpft, die Nebennieren aber waren vergrößert. Die Nebennieren arbeiteten also bis zum letzten Stadium der Krankheit übermäßig und zehrten gleichsam die anderen inneren Drüsen auf. Erst wenn die Nebennieren auch nicht mehr arbeiten konnten, wenn auch sie einschrumpften, kam das letzte tödliche Stadium. Daran war also gar kein Zweifel, daß bei der Beriberi-Krankheit die allerwichtigsten Organe angegriffen wurden und zugrunde gingen.

Und diese Verheerungen, dieser furchtbare Zerfall des lebendigen Leibes, des Tempels des Lebens, sollten daher rühren, daß dem Reis der Nahrung das Silberhäutchen fehlte! Das unschuldige Polieren sollte solche Folgen zeitigen! Wer konnte das glauben?

Aber ebenso schwer wurde es den Forschern zu glauben, daß bei schon entwickelter Krankheit die Zugabe des Silberhäutchens oder die Ernährung mit unpoliertem Reis die Genesung bringen, also alle diese Verheerungen, wenn man nicht zu spät kam, wieder beheben sollte. Was hatte man doch nicht alles Menschenmögliche getan, um gegen die Krankheit zu kämpfen! Die allermächtigsten Arzneien waren ins Feld geschickt worden. Man hatte die Kranken ja mit Arsen und mit Strychnin behandelt, man hatte alle bekannten Kräftigungsmittel verabreicht. Alles umsonst. Der Tod holte sich seine Opfer erbarmungslos. Und nun sollte das Silberhäutchen das große Wunder der Heilung vollbringen. Das verachtete Silberhäutchen sollte den Tod zu besiegen wissen, den alle Medikamente der Welt nicht zu besiegen vermochten!

Doch die Tatsache hielt stand. Die Beriberi-Kranken genasen mit dem Silberhäutchen. Die elenden Kinder blühten wieder auf. Die Mütter brachten wieder reife und gesunde Früchte auf die Welt. Und bei der Ernährung mit unpoliertem Reis trat keine Beriberi-Krankheit auf.

Das war ein Schlag! Nein! Es war mehr. Es war ein Erdbeben! Alles wankte und manches stolze Gebäude fiel in Trümmer. Auch da zerriß ein Vorhang. Man erblickte auf einmal Dinge, die er bisher verborgen hatte.

Die gesamte bisherige Therapie der Beriberi-Krankheit war bloßgestellt. Man schaute den völligen Mangel jeglicher wissenschaftlichen Begründung derselben, ihre unverantwortliche Sinnlosigkeit. In Japan allein lebten 50’000 Beriberi- Kranke. Wie hatte man doch diese Armen bisher ärztlich behandelt! Diese Arzneien konnten ja nicht die leiseste Heilwirkung ausüben auf eine Krankheit, die entstand, weil der Nahrung das Samenhäutchen des Reiskornes mangelte. Was hatten Arsen und Strychnin mit dem Silberhäutchen des Reiskornes zu tun? Was mit den wahren Ursachen der Krankheit? Weder behob man damit die Ursache, noch milderte man sie. Aber man hatte nicht nur nichts geleistet; diese Arzneien waren ja Gifte, schwere Gifte! Man hatte also der schweren tödlichen Krankheitsursache noch eine Vergiftung hinzugefügt! Wie hatten moderne, «wissenschaftlich gebildete» Ärzte nur so handeln können?

Und wie stand die «wissenschaftliche» Ernährungslehre da, gestützt auf welche man bisher Volks-, Massen- und Armee-Ernährung geleitet und die Kranken zu heilen und zu kräftigen unternommen hatte? Die Lehre von dem hohen Eiweißbedarf, von dem Bedarf an den drei Nährstoffen und an Kalorien; die Lehre, die jeder Schulmeister verkündete und mit schönen Nährwert-Tabellen dem Gedächtnis der Jugend aufzwang, so daß weiteres Nachforschen unnötig erschien und alle Welt in einen sanften Schlummer völligen Wissens versank? Nicht einen Gedanken hatte sie enthalten, der solches voraussehen ließ. Keine Ahnung derartiger Zusammenhänge ließ sie aufkommen. Was galt ihr das Samenhäutchen? Das Reiskorn war ja «verdaulicher» ohne. Das Gewissen begann ihr zu schlagen. Hatte sie nicht unentwegt verkündet, daß Brot aus weißem Mehl verdaulicher und der Gesundheit zuträglicher sei? Millionen aßen nun weißes Brot. Die Bauern, die noch vor fünfzig Jahren ihr grobes Vollbrot gebacken hatten, überließen ja nun, der «überlegenen Einsicht» folgend, das Backen dem Bäcker und aßen ebenfalls Weißbrot. Aber in diesem Weißbrot, in diesem weißen Mehl, da fehlte ja das Samenhäutchen ebenfalls. War es recht, war es unrecht?

Und dabei war die ungeahnte, neu entdeckte Nahrungswirkung so gewaltig, so furchtbar.

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: adlima GmbH, CH-Luzern; info@adlima.ch
Images: adlima GmbH, CH-Luzern; info@adlima.ch
Publication Date: 12-31-2014
ISBN: 978-3-7368-6779-6

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /