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Kapitel 13 - Der verzauberte See

Delilah saß am Seerosenteich und beobachtete missmutig die strahlende Sonne, die sich auf den kleinen Wellen spiegelten.
Der Wind war angenehm, gerade so stark dass die Hitze der Sonne zu schläfriger Wärme abgeschwächt wurde.
Das Blau des Himmels wetteiferte mit dem Grün der Büsche und des Grases um die Wette.
Doch in Delilahs Seele herrschte tiefster Winter.
Geistesabwesend kratzte sie an den weißen und hellroten Strichen, die sich über die gesamte Länge ihrer Unterarme zogen.
Der verwunschene Teich mit den großen, breiten Rosen, die auf dem Wasser schwammen, hätte sie zu Phantasien über Nymphen und Nixen verleiten sollen. Früher einmal hätte sie in ihrem Gedächtnis sofort nach einem Platz auf Mittelerde gesucht, zu dem es gehören konnte. Vielleicht in den Wald der Elben. Arwens Zufluchtsort als Kind, an dem sie Aragorn zum ersten Mal...
Doch sämtliche Zauberhaftigkeit und Kindlichkeit war ihr verloren gegangen; der einzige Gedanke, der sie beherrschte, war die Einsamkeit, die sie hier gefunden hatte.
Keine Menschen, die sie mit neugierigen oder wachsamen Augen beobachteten.
Keine Menschen, denen sie eine normale Miene vorspielen musste.
Keine Menschen, die beobachten konnten, dass etwas Seltsames geschah.
Keine Menschen, die sie verletzen konnte.
Einsamkeit bedeutete Sicherheit und Frieden.
Sie atmete tief durch und lehnte sich zurück, ließ ihre geistigen Fesseln locker und versuchte sich zu entspannen. Das Nirvana, ein Zustand der sie fasziniert hatte, ließ sich mit noch so viel Meditieren nicht erreichen. Im Gegenteil, es schien nunmehr, dass sie diese seltsamen Ereignisse dadurch erst heraufbeschwörte.
Resigniert überlegte das kleine Mädchen, was es denn noch tun könnte, um diese Geschehnisse zu verhindern. Doch alles, was ihr nur einfiel, hatte sie schon ausprobiert. Außer der letzten, endgültigen Lösung, vor der ihr atheistischer Geist zurückschreckte.
Schließlich schweiften ihre Gedanken ab, zu ihrem Geburtstag in der nächsten Woche.
10 Jahre würde sie dann werden.
Ihr Onkel Jordan hielt den 10 Geburtstag für etwas Besonderes: zum ersten Mal würde eine zweistellige Zahl auf ihrem Kuchen stehen, und sie war kein Kind mehr, sondern ein Teen.
Doch da irrte er sich.
Ihre kindliche Unschuld hatte sie schon vor vielen Jahren verloren...
Doch je länger sie in der warmen Septembersonne saß, desto leerer wurde ihr Kopf; schließlich gelang es ihr, nichts mehr zu denken sondern den Moment zu genießen.
Bis ein brummendes Geräusch sie aus diesem seltenen Zustand löste.
Unwillig schüttelte sie den Kopf und kniff die Augen zusammen. Angst vor Insekten hatte sie noch nie gehabt, jedoch musste sie ihnen nicht unbedingt Auge in Auge gegenüber stehen. Sie würden schon wegfliegen.
Das Brummen steigerte sich zu einem brodelnden Geräusch, dass sie an die Küche ihrer Mutter erinnerte.
Wieso dachte sie nur an Mamas Küche? Küche... Kochen...
Sie öffnete ihre Augen und blickte entsetzt auf den kochenden Teich.
Große Blasen, so groß wie ihre Hand, stiegen empor und platzten.
Starr vor Schrecken saß sie da; es erinnerte sie an den Film, in dem ein Ungeheuer dem See entstieg.
Doch das Zischen hielt an, und das Ungeheuer blieb aus.
Nein.
Eine Fontäne aus Wasser schoß empor und stieg auf eine Höhe von 10 Metern.Ein tiefes Loch gähnte an der Stelle, an der sich einst ein kleiner See befunden hatte. Wie die Atemfontäne aus dem Blasloch des weißen Wals erhob sich die Fontäne und verhieß Verderben.
Der Schrei des Mädchens hallte tief in den Wäldern.

Bedrückt schlenderte sie am Rand des Sees herum.
Der Tag hatte seinen dünnen goldenen Überzug verloren.
Schuldbewusst hob sie immer mehr tote Fische auf und starrte in ihre toten vorwurfsvollen Augen. Den meisten in die Augenhöhle; die weiche gallertartige Masse war von dem Wasser buchstäblich heraus geschmolzen worden.
Das war der letzte Versuch gewesen. Neue Regeln mussten her.
Keine Menschen.
Keine Pflanzen, keine Tiere.
Nicht, was Schaden nehmen konnte.
Sie nahm sich vor, den Rest ihres Lebens in ihrem Zimmer zu verbringen.
Und hoffte, dass das Haus leer sein würde, wenn es über ihrem Kopf zusammen fallen sollte.

Kapitel 14 - Zaubereien

Delilah warf das Buch ungeduldig zur Seite und schaltete nach kurzem Überlegen den Computer an.
Doch nachdem sie eine Stunde lang gegoogelt hatte, war sie sicher, dass die Geschichte keinerlei reale Vorlage hatte.
Diese ganzen zitierten Passagen, die immer wieder eingefügt waren, mussten vom Autor ebenfalls erfunden worden sein.
Wie seltsam.
Doch das Buch war immerhin fast 50 Jahre alt – was wusste sie schon von den Koventionen im Jahr 1976? V
ielleicht war es üblich gewesen, ein Buch auf diese Weise zu schreiben, vielleicht war es im Gegenteil eine radikaler Neuerung gewesen.
Doch das Thema ließ sie nicht los und sie gab in das Suchfeld die Worte „ASW“ und schießlich „Telekinese“ ein.

„Vorraussetzungen


Ihr habt euch also entschlossen Telekinese zu erlernen. Das Wichtigste ist regelmäßiges Training um schnelle Erfolge zu erzielen. Jeden Tag mindestens 10 Minuten sollten erste Ergebnisse innerhalb von einem Monat ermöglichen.
Wir stellen euch hier einige verschiedene Übungsmöglichkeiten vor. Versucht am Anfang alle mal, einigen Menschen liegen bestimmte Übungen mehr als Andere.
Natürlich gibt es auch hier, je nach Trainingsfortschritt und Erfahrung, verschiedene Schwierigkeitsstufen.“



Ungläubig mit dem Kopf schüttelnd scrollte Delilah weiter hinunter und wagte kaum ihren Augen zu trauen.

Übersicht der Übung


Anfänger:
Psi Wheel: Bekannteste Übung und auch ein der Einfachsten. Hierzu wird ein gefaltetes Stück Papier auf eine Nadel gelegt und versucht zu drehen.
Schwimmende Gegenstände: In eine Schale mit Wasser wird ein Streichholz oder ein Zahnstocher gelegt (oder ein anderes schwimmfähiges Objekt). Es wird versucht das Streichholz gerichtet zu bewegen.
Münzwurf: Hierbei handelt es sich um ein Zufallsexperiment und relativ unbewusster Telekinese. Es wird versucht eine Seite der Münze beim Wurf zu bevorzugen.
Fortgeschrittene:
Pendel schwingen lassen: Ein Pendel soll zum Schwingen gebracht werden. Dazu wir einfach ein Objekt an einer Schnur befestigt und aufgehängt.
Gabel-Korken- Karussell: Zwei Gabeln werden in einen Korken gesteckt, mit einer Nadel auf eine Flasche gestellt und versucht per Gedanken zu drehen.
Stift rollen: Ein runter Stift wird auf eine gerade Oberfläche gelegt, nun geht es darum den Stift zum rollen zu bringen.
Kleine Objekte schieben: Wir versuchen kleine Papierschnipsel über eine gerade Oberfläche zu schieben.
Professionell:
PSI Wheel unter Haube: Eine Steigerung der ersten Übung, hierzu wird eine Glas oder Plastikhaube über die Anordnung gestellt um jeglichen Kontakt auszuschließen. Zudem wird gelernt durch massive Dinge hindurch Telekinese zu Bewirken.
Löffel Biegen: Es geht darum Löffel oder Gabeln aus massiven Stahl zu verbiegen. Unterschieden wird in Verbiegen Mit oder Ohne Kontakt zum Objekt.
Dose rollen: Diese ist eine Erweiterung der Übung Stift rollen, hierbei wählen wir ein größeres Objekt, zum Beispiel eine Dose. Aufgabe ist es wieder die Dose zum rollen zu bringen.
Große Objekte schieben: Dies ist eine Erweiterung der Übung kleine Objekte schieben. Wir nehmen uns hierbei langsam größere Objekte um diese per Telekinese über Oberflächen zu schieben.




Kopfschüttelnd wollte Delilah den PC ausschalten, sah jedoch einen weiteren Punkt:
Forum. „Ich beherrsche kaum Telekinese, dafür klappt die Aerokinese schon ganz gut.“


Was zur Hölle war Aerokinese?
Aha...
Einflussnahme auf die Luft.
Komm Delilah, finde dich damit ab, Du bist ein verrückter Freak, und zwar der einzige auf der Welt Wahrscheinlich bildest Du Dir alles ein. Und die Riesenkartoffel, die Du zerhackt und im Fluß versenkt hast, war auch nur Einbildung...



Wütend starrte sie auf das Buch in der Zimmerecke: „Carrie, von Bestsellerautor Stephen King“, stand in unschuldigen Buchstaben auf dem Cover, und erwiderte ungerührt ihre bösen Blicke.

Bis das Buch in Tausende von Fetzen explodierte, und Delilah schrie.


* * *



Ausgelassen drängten sich Mitja und seine Freunde vor die kleineren Hexen und Zauberer.
Sie hatten die älteren Rechte an dem Aussuchen der Abteile, immerhin waren sie nun Zweitklässler, also ein ganz anderes Kaliber als die unwissenden Erstklässler.
Mitja, Samson, Daniel und Will belegten ein Abteil und hielten Ausschau nach dem letzten der Truppe. Schließlich tauchte Johnny auf, pfefferte seine Sachen ins Abteil und zischte verschwörerisch „Bin gleich wieder da“.

„Was ist denn mit dem los?“, wunderte sich Daniel und drängte sich auf den Gang.
Irritiert beobachtete er, wie sein vorlauter Freund nicht nur ausnahmsweise darauf zu achten schien, dass nicht zuviel Schwachsinn aus seinem Mund kam, sondern auch einer hübschen Blondine behilflich war, ihre umfangreichen Koffer in ein Abteil zu verfrachten.
„Kommt Jungs, das müsst ihr sehen – Johnny schmeißt sich an ein Mädel ran, das ist ungefähr 3 Köpfe größer als er!“
Neugierig drängten sie die Jungs auf den Gang hinaus.
„Naja, das ist etwas übertrieben, vielleicht eineinhalb“, versuchte William durch das Gelächter von Samson und Daniel durchzudringen. Nur Mitja starrte finster auf das Paar.
Schließlich fuhr der Zug an und sie beschlossen, lieber im Abteil zu warten. Nachdem William mühsam Daniel davon abgehalten hatte, den beiden hinterher zu rennen und zu spionieren.
Es war ein sehr triumphierender Johnny, der zu seinen Freunden zurück kehrte. Mit arrogantem Grinsen ließ er die kleinen Gehässigkeiten über diese seltsame optische Kombination über sich ergehen bis er schließlich überlegen grinsend die Hand hochhielt und selbstgefällig grinsend sagte: „Freunde – da geht was! Ich habe das Gefühl, dieses Jahr in Hogwarts wird verdammt gut werden!“
„Wer war das denn?“, erkundigten sich William und Daniel aufgeregt.
„Ein blonder Engel, der mir die Zeit im Internat versüßen wird“, erwiderte Johnny großspurig.
„Und wie heißt sie?“
„Tja, ähem – keine Ahnung. Ach, ich sag einfach ,Süße', wenn ich den Namen eines Mädels nicht mehr weiß“, sagte Johnny überlegen.
„Oder Engel“, erwiderte Mitja spitz – das erste Mal, das er etwas sagte.
Die anderen Jungs setzten sich gerader hin und betrachteten ihren russischen Freund wachsam. Nicht dass sie Angst vor ihm hatten, doch Mitja war ohne Zweifel mit Abstand der fähigste Zauberer in ihrem Freundeskreis, und sie hüteten sich davor, ihn zu verärgern. Trotz der engen Freundschaftsbande blieb eine gewissen Fremdheit, und sie konnten seine Stimmungen nicht immer sicher einschätzen. Sie hatten zwar gelernt, die Anzeichen zu deuten, wenn er mal wieder seine Ruhe brauchte, genervt oder ernstlich verärgert war; doch waren diese Anzeichen auch immer eine kleine Ernüchterung.
Niemand von ihnen traute sich, einen ernsten Ausraster von Mitja zu provozieren.
Doch der hormontrunkene Johnny war sogar noch weniger sensibel als die quirlige Variante von ihm.
„Ähem – magst Du sie?“, fragte er ungeschickt und leicht verunsichert, doch auf Mitjas kaltes „Ich kann sie nicht ausstehen!“ beruhigte er sich schnell.
„Ach, ich denke ein einsames Klassenzimmer findet sich allemal für uns zwei!“
Mitjas Fingerspitzen zuckten, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos.
Zu ausdruckslos.
„Komm Johnny, Du hast vielleicht 3 Sätze mit ihr gewechselt und ihre Koffer getragen, kein Grund sich so aufzuspielen“, sagte Samson und versuchte, das Thema irgendwie abzulenken.
„Glaubst Du?! Das war pure Elektrizität, Mann, ich spür das einfach, die ist scharf auf mich! Ich wette, ihr seht mich vor den Weihnachtsferien mit ihr rumknutschen!“
Was eigentlich eine wunderbare Vorlage für endlose Sticheleien und Verarschungen geboten hätte, waren sich die Jungs doch sicher, das Johnny noch nie ein Mädchen geküsst hatte.
Doch der Gesichtsausdruck ihres inoffiziellen Anführers zeigte Alarmstufe Rot – und Johnny begriff das einfach nicht.
„Du solltest vorher mal ihren Namen rauskriegen“, sagte Daniel flapsig und versuchte so abzulenken.
Doch das war leider genau die falsche Taktik, denn Johnny öffnete erneut den Mund, mit einem noch viel schlimmeren Gesichtsausdruck als vorher.
Das konnte nicht gut gehen. Samson fühlte sich, als würde er mitten in einem Westernduell stehen. Nur dass der eine von den beiden Kontrahenten von dieser Challenge noch nicht gespürt zu haben schien...
„Irina Karamonova.“
„Irina Karoma... Karano... ach, Irina reicht“, strahlte Johnny. „Ja ich schätze, ihr Russen kennt euch eben untereinander“, sagte er fröhlich.
„Leben ja auch nur 3 Millionen in England.“
Ja, das Barometer stand auf Sturm.
Fieberhaft überlegten die Jungs, wie sie denn für Entschärfung sorgen könnten, da begann Johnny über das Aussehen von Irina zu schwafeln und sie mit anderen Mädchen zu vergleichen.
„Silencio!

- Sie ist meine Cousine und gerade in die erste Klasse gekommen“, sagte Mitja mit gefährlich monotoner, leiser Stimme. „Sie freut sich immer, wenn sie für älter gehalten wird, aber sie ist noch ein richtiges Kind und Du wirst gefälligst Deine dreckigen Finger bei Dir behalten, ist das klar?“
Johnny öffnete hektisch den Mund und versuchte offensichtlich zu reden.
Samson fand diesen Anblick sehr beängstigend, wohingegen Daniel seinen Freund aufzog. So bekam Sam nicht mit, welches Wort der Russe als nächstes rief.
Jedenfalls verschwand Johnnys Mund: weiße Haut spannte sich dort, wo vorher seine Lippen waren. Nun geriet der kleine Frechdachs aber in Panik.
„Petrificus totalus!“


Und ehe sich die Jungs versahen, hatten sie einen stummen, mundlosen, bewegungslos gezauberten Johnny neben sich sitzen.
Mitja knurrte befriedigt, nahm sich ein Buch und begann zu lesen.
Nach einer Weile wurde es Willian zu unheimlich. „Ich, ähem, ich denke, wenn der Lidschlag eingestellt ist, werden seine Augen austrocknen und er wird blind.“
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes ließ Mitja die Augen zuklappen.
So verging die Fahrt recht ungemütlich, bis Mitja das Abteil kurz verließ.
Sie hielten kurzen Kriegsrat, und wandten sich schließlich dem erstarrten Johnny zu.
„Kannst Du uns hören?“, brüllte Daniel in sein Ohr. "Geht es Dir gut??"
„Spinnst Du, er ist stumm und bewegungslos, nicht taub“, gab William zurück. „Johnny, ich bin sicher, der Zauber wird mit der Zeit von selbst aufhören zu wirken,“ versuchte er ihn zu trösten.
„Bei Mitja?“, gab Samson zurück. "Träum weiter!"

Als Mitja sein Abteil wieder betrat, spritzten seine Freunde auseinander und versuchten, so auszusehen als wäre nichts.
„Wir könnten ihn ins Gepäckfach legen, da haben wir mehr Platz“, sagte Daniel und zwinkerte Mitja zu. Schließlich brüllten sie alle vor Lachen.
„So, wie zaubern wir jetzt unseren alten Johnny zurück?“, fragte William forsch.
„Finite incantatem“,

sagte Mitja seufzend und schwenkte seinen Zauberstab.
„Meine Familie ist tabu, klar?“ knurrte er betont finster und versuchte sein schlechtes Gewissen so zu überspielen.
„Sir, ja, Sir!“, fauchte Johnny beleidigt, immer noch schockiert von dem kurzen Zwischenspiel.
Doch als echte Freunde trugen sie einander nichts lange nach.
Und es zeigte Wirkung: solange Johnny in Hogwarts war, behielt er ein gesundes Mißtrauen gegenüber blonden Mädchen.


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Anmerkung:
Diese Telekinese-Übungen existieren wirklich, man findet sowas auf der Internetseite 7 Gates. Es ist ein direktes Zitat.


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Publication Date: 09-03-2010

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