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Christa Kügler
Der Spieler

Zartes Hellgrau färbte den Himmel im Osten. Der junge Tag kündigte sich zögernd und verschlafen an.
Langsam kam der kleine, unscheinbare Mann um die Ecke. Sein Gang war müde, die Füße wollten sich nicht mehr vom Boden abheben. Schritt für Schritt ging er den bekannten Weg, wie fast jede Nacht. Sein Blick war gesenkt. Ohne hoch zu schauen bog er an der richtigen Stelle rechts in einen kleinen Vorgarten ein. Er betrat sein Haus. Es war dunkel.
Er spürte mehr, als er sah, dass eine der Katzen auf ihn gewartet hatte. „Murr, murr, schön, dass du da bist!“ Er hob die große schwarze Kater hoch und ging nach einer liebevollen Begrüßung mit ihm in die Küche. Aus dem Kühlschrank holte er für sich ein Bier und für die Katze ein Stück Wurst.
Er ließ sich auf den Küchenstuhl fallen, öffnete die Bierflasche und trank in großen Schlucken aus der Flasche. Ein leises Rülpsen kam aus seiner Kehle, ein wohliger Schauer durchlief ihn. Endlich Feierabend, endlich Ruhe!
Seine Gedanken schweiften zum vergangenen Abend. Die Nacht war erfolgreich gestartet. Als erstes war er im Klub „Lucky Pig“ gewesen. Der Chef hatte ihn persönlich begrüßt und ihn an den runden Haupttisch geführt. „Mensch Robby, ein Glück, dass Du da bist, Roger ist heute ausgefallen und ich brauche Dich dringend, damit Du den Tisch für den Klub hältst.“ Robby hatte geseufzt und sich gelangweilt gezeigt. Natürlich war er froh, Chancen auf einen guten Lauf zu haben. Seine rechte Fußsohle juckte und das verhieß Erfolg und war immer ein gutes Zeichen.
Als Chinese maß er Zeichen großen Wert zu. Manchmal kam es ihm zwar vor, als wären sie ein Hindernis. Wenn sein Horoskop an diesem Tag nichts Gutes verhieß, war er niedergeschlagen und konnte sich vielleicht deswegen dem Erfolg nicht öffnen. Aber heute stimmte alles. Also, es ging los!
Seine Partner waren Chinesen aus dem gleichen Stadtviertel. Alle kannten sich seit vielen Jahren. Jeder wusste, was er vom anderen zu halten hatte. Ihre chinesischen Namen hatten sie längst abgelegt. Die englischen Namen gingen ihnen leicht über die Lippen. Alle waren mit ihren Familien vor langer Zeit aus Unfreiheit und Not geflüchtet. Die Länder, in denen sie Aufnahme fanden, gehörten zur englischen Krone und so konnten sie in England leben und ihre Traditionen zum Teil behalten. Nur wenn ihre Familienangehörigen aus den verschiedenen Ländern Asiens zu Besuch kamen, wurden die alten chinesischen Namen wieder verwendet.
Daran dachte jetzt niemand, jeder hatte nur den Wunsch, heute endlich wieder einen guten Stich zu machen. Sie spielten alle möglichen Glücksspiele, mit Würfeln, mit Karten, was gewünscht wurde. Robby war seit langem in dieser Szene unterwegs. Eigentlich hatte er seiner Frau versprochen, sich um einen bodenständigen Beruf zu kümmern, aber irgendwie verging die Zeit, und das Schicksal hatte nicht gewollt, dass er etwas änderte.
Wie sollte sie sich beschweren, schließlich hatte er für sie und die gemeinsame Tochter bis jetzt immer gut gesorgt. Na ja, manchmal war es schwierig, wenn das Glück nicht auf seiner Seite war. Dann konnte es sein, dass seine Sicherheiten - überall legte er in guten Zeiten kleine Depots an - dahinschmolzen wie der Schnee in der Märzsonne. Meistens gelang es ihm prima, seine Lage zu verbergen. Seine Frau war keine Strategin. Wenn er sagte, mach Dir keine Sorgen, dann machte sie sich keine Sorgen. Wenn allerdings die Pechsträhne zu lange andauerte und die Bank die Kreditkarten sperrte, dann kam es vor, dass er in Bedrängnis geriet. Seine Frau und seine Tochter waren daran gewöhnt, ohne große Überlegung ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Zugegeben, sie waren nicht sehr anspruchsvoll. Er war froh, kein Buchhalter zu sein, sonst hätte er einsehen müssen, dass sie fast immer über ihre Verhältnisse lebten.
Bis jetzt ging es immer gut, was sollte er sich Gedanken machen. Nun ja, ein Gedanke schlich sich schon immer wieder, so ganz heimlich und tückisch, ein. Wie war das eigentlich, er hatte seine Frau doch immer geliebt und nie hatte er auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass er mit ihr das Glück fürs Leben gefunden hatte. Sie war groß, europäisch, mit einer prima Figur. Alles dort, wo es sein sollte. Ein bisschen hatte sie Ähnlichkeit mit der jungen Sophia Loren und nie hätte er gedacht, dass er diese Frau erobern könnte. Vielleicht war es der Altersunterschied, vielleicht sein fremdes Aussehen und der Anstrich von weiter Welt, auf jeden Fall hatte sie seine Annäherungen bemerkt und sich – oh Wunder – darauf eingelassen. Ihre Hochzeit war – zwar im kleinen Kreis – aber sehr fein und edel gewesen. Er hatte sein ganzes Geld zusammengekratzt und den schönsten Diamantring gekauft, den er dafür bekommen konnte. Seine Braut schmolz förmlich dahin.
Stolz trug er sie in der Hochzeitsnacht über die Schwelle ihrer kleinen, möblierten Wohnung im Stadtteil Kensington. Wo sie wohnten war eher Zufall, ein Freund brauchte die Wohnung gerade nicht und hatte sie ihnen für ein halbes Jahr überlassen. Sie waren sehr glücklich. Susan war sehr leidenschaftlich und er lehrte sie die asiatischen Spielarten der Liebe. Eine bessere Schülerin hätte er sich nicht wünschen können. Der Himmel hing voller Geigen und es schien, dass es immer so bliebe.
Seinen Gelderwerb durch Glückspiel fand sie hinreißend. Die Möglichkeit, heute viel Geld zu haben und sich vermeintlich die Welt leisten zu können, nur um dann morgen nicht zu wissen, wovon die Milch für die Katze gekauft werden sollte, das war die Erfüllung ihrer Vorstellungen vom freien, ungebundenen Leben. Ihre Herkunft war bürgerlich. Als Kind lernte sie Enge, Spießigkeit, Verlogenheit und zum Teil Geiz kennen. Ihre Eltern verstanden sich schlecht und die drei Kinder hatten keine glückliche Kindheit. Umso mehr genoss sie die Freiheit und Unbekümmertheit ihrer jungen Ehe.
Sie konnte ihren Interessen nachgehen, studieren, einen akademischen Abschluss erwerben. Kurz darauf meldete sich ihre Tochter an und die beiden waren überglücklich. Sie hatten ein Baby bekommen und auf einmal sah die Welt, zwar mit mehr Pflichten, aber auch mit vielen neuen Gefühlen und Erfahrungen, wieder auf überraschende Art wunderbar aus.
Seine Glückssträhne hielt lange an und sie konnten sich ein Reihenhaus in einem typischen Londoner Vorort kaufen. Alles war wohlgeordnet und es schien, als würden sie glücklich wie im Märchen bis an ihr seliges Ende sein.
Robby schaute die leere Bierflasche in seiner Hand an. Vor dem Küchenfenster zeigte sich der neue Tag mit rosaroten und hellgelben Streifen. Das Licht reichte aus, dass er sah, wie unaufgeräumt die Küche war. Aber das störte ihn nicht, auch nicht, dass drei Katzen vor ihm auf dem Tisch saßen und hofften, er würde ihnen Frühstück geben.
Wie kam es eigentlich, dass er hier saß und schweren Gedanken nachhing? In der Nacht hatte er noch alles in freundlichem Licht gesehen, so wie es seine Art war.
Hatte ihn das gestrige Telefonat, das nicht für ihn bestimmt war, dem er unfreiwillig gelauscht hatte, doch mehr beeindruckt, als er es sich eingestand? War es vielleicht auch der Grund für seine Pechsträhne in der vergangenen Nacht, obwohl es doch ausgesehen hatte, als stünden seine Karten gut?
Wann hatte er übersehen, dass seine Frau sich immer mehr von ihm abwandte und ihrer Wege ging? Wann hatte er nicht mitbekommen, dass seine Tochter ihn zwar liebte, aber immer wenn etwas entschieden werden musste, ihre Mutter fragte?
Wann war aus gegenseitiger Freiheit, Sich gewähren lassen und Vertrauen Gleichgültigkeit, Ablehnung oder teilweise gar Verachtung geworden?
Nach außen war alles wie immer. Na gut, sie hatten mal vier Häuser besessen, jetzt war es nur noch das eine, in dem sie wohnten. Hätte seine Frau nicht irgendwann darauf gedrungen, das Haus auf ihren Namen eintragen zu lassen, wäre es – man kann ja mal Pech haben – bestimmt auch schon weg. Aber das war doch kein Grund, sich nicht mehr zu lieben?
Er holte sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank. Eigentlich trank er fast nie Alkohol, aber heute war ihm danach. Er nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Die Gedanken zogen durch seinen Kopf, ob er wollte oder nicht.
War die Stimme seiner Frau gestern wirklich so sanft und lieb gewesen, wie er das früher auch gekannt hatte? Bestimmt bildete er sich das nur ein. Sie dachte, er sei nicht im Haus. Er war früher zurückgekommen und durch die hintere Tür ins Haus gelangt. Sie hatte ihn nicht gehört. Ganz ungeniert sprach sie mit ihrem Gesprächspartner. Die „darlings“ und „sweethearts“ ließen sich einfach nicht überhören. Sein Inneres war ganz stumpf geworden. Er war nicht bereit wahrzunehmen, dass seine Frau diese Worte für jemand anderen brauchte. Bestimmt hatte er sich getäuscht. Immer hatte er ihr vertraut, er hatte ja meistens die Nächte zum Tag gemacht und war seiner Passion und Profession nachgegangen, während die meisten Menschen ihre Nachtruhe genossen. Aber das war nie ein Problem gewesen, warum also jetzt?
Die Bierflasche war fast leer. Schwerfällig erhob er sich und ging zur Treppe. Die Katzen schauten ihm enttäuscht nach. Er war sehr müde und wollte nur noch ins Bett zu seiner Frau und spüren, dass er sich alles nur eingebildet hatte.
Er schlich leise in das obere Stockwerk. Alles war still. Im Bad war er ganz schnell fertig. Vorsichtig öffnete er die Tür zum Schlafzimmer, um seine Frau nicht zu wecken. Aber sie hatte einen guten Schlaf. Er ließ sich auf die Bettkante sinken. Als er die Decke hob, spürte er, dass es nicht so war wie immer. Keine Wärme kam ihm entgegen. Verwundert drehte er sich um und schaute zur anderen Betthälfte. Sie war leer.
Konnte es sein, dass ihn gar nicht die rechte sondern die linke Fußsohle gejuckt hatte? Als Zeichen für großes Unglück?

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Publication Date: 01-21-2009

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