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Kapitel 1 Home sweet Home

 

„Mausi, hilf mir doch mal bitte“, rief eine freundliche Stimme quer durch die Wohnung. Gerumpel und schwere Schritte waren zu hören. Die Kisten, die ich übereinander gestapelt hatte und nun durch den voll gestellten Flur in Richtung Umzugswagen tragen musste, verlangten mir eine Menge Kraft ab. Die Wände der alten Wohnung waren abgenutzt und überall dort, wo einst die Möbel und Bilder hingen, waren nun helle, weiße Flächen zu sehen. Seufzend ließ sich mich im halb vollen Umzugswagen auf eine der größten Kisten sinken. Die Sonne schien hinein und unter den, erst vor kurzem, schwarz gefärbten Haaren, wurde es sehr warm. Ich blieb kurz sitzen und strich mir mit dem Ärmel meines Hoodies über die nasse Stirn. Seufzend kletterte ich wieder aus dem riesigen Wagen und ging zurück zu meiner Mum, die gerade die letzten Kisten in den Flur schob. „Lass doch, ich mach das schon“, meinte ich lächelnd und nahm ihr die Kiste ab. „Aber die ist doch viel zu schwer für dich, Mäuschen…“, wollte sie protestieren, doch ich schüttelte nur den Kopf. „Gar nicht wahr. Außerdem solltest du deinen Rücken nicht unnötig belasten, ich will nicht dass du wieder ins Krankenhaus musst.“ Mit diesem Satz schleppte ich auch die dreizehnte Umzugskiste nach draußen und verstaute sie in dem großen Auto.

Es dauerte noch knapp eine Stunde, bis alle Möbel und Kisten unserer kleinen, aber doch recht voll gestellten Wohnung, in dem Umzugswagen verstaut waren.

Erschöpft und verschwitzt ließ ich mich in den geräumigen Chevy sinken und schlief schon nach wenigen Minuten der Stille ein.

 

 

Gähnend kniff ich die Augen zusammen und blinzelte ein paar Mal, als ich sie wieder öffnete. Die Sonnenstrahlen schienen durch das Fenster des Autos und blendeten mich. Als ich mich langsam aufsetzte und neben mich sah, entdeckte ich meine Mum, die ziemlich erschöpft wirkte und seelenruhig schlief… Sie war anscheinend die ganze Nacht gefahren und hatte am Morgen auf einem Rastplatz, in der Nähe unserer neuen Heimat, geparkt und die Sitze umgeklappt. Die Vorder- und Rückbank diente nämlich nun als gemütliches Bett. Er schmunzelte und stieg aus dem Wagen, um mich in einem der Toilettenräume ein wenig frisch zu machen. Nachdem ich mir etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, um wieder richtig wach zu werden, wusch ich meine Haare notgedrungen in einem der Waschbecken.

Das kühle Wasser tat gut auf der Kopfhaut und ich war auch recht schnell wieder richtig wach. Ich sah in den Spiegel und seufzte leise. Es war noch so ungewohnt… Früher, als ich in den Spiegel sah, lächelte mir ein Blondschopf entgegen, der seine Haare recht unspektakulär zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Seit einigen Tagen jedoch, sah mit eine schwarzhaarige Gestalt an, die immer noch nicht so recht wusste, ob sie sich überhaupt wirklich gegenüberstand. Meine Haare waren schulterlang und pechschwarz gefärbt, mit einigen, wenigen blonden Strähnchen auf dem schrägen Pony, der mir direkt über die Augen fiel.

Seufzend schlappte ich zurück zum Auto und zog ein Handtuch aus der großen Reisetasche, die Mum für uns beide gepackt hatte. Ich rubbelte mir damit die Haare ein wenig trocken und suchte dann nach meinem Kajal… „Mensch… dann eben nich“, seufzte ich und schnappte mir stattdessen meinen Geldbeutel. In der Raststätte gab es zwar kein Fünf-Sterne Menü, aber ich dachte mir, American Pancakes taten es nach einem schweren Schlepptag auch. Ich aß die hälfte der viel zu großen Portion und ließ mir den Rest für die restliche Fahrt einpacken.

Die Pancakes in der einen und zwei Flaschen Cola in der anderen Hand, schlurfte ich in meinen neuen, schwarz-weißen „Vty“ Schuhen zurück zum Chevy. Meine Mum war anscheinend gerade aufgewacht, denn die Sitze waren wieder in ihrer Ursprungsposition und keine Menschenseele war zu sehen. Seufzend legte ich die eingepackten Pancakes, zusammen mit den zwei Flaschen auf die Motorhaube und begab mich auf die Suche nach meiner Mum.

Ich fühlte mich komisch, so weit entfernt von meiner alten Heimatstadt zu sein und nicht wissend, was alles auf mich zukommen würde. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm.

Aber eigentlich, war ich immer ruhig und kümmerte mich um alles. Ich ließ es einfach auf mich zu kommen.

 

 

Nach einer weiteren Stunde fahrt, die ich schweigend verbrachte, kamen wir endlich in der neuen Stadt an. Es war eine schöne Stadt, mit vielen Bäumen, schönen, freistehenden Häusern mit rundum Garten, alten Holzzäunen und netten Gartentoren. Ob unser neues Haus genau so aussah? Ich hatte es noch nicht gesehen, da mir meine Mum eine Überraschung machen wollte. Nur ich wollte keine Überraschung. Aber das wusste sie nicht.

Umso weiter wir fuhren, desto eleganter und garantiert um einige Klassen teurer wurden sie. „Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind, mum?“, fragte ich vorsichtshalber nach. Sie nickte. „Auf jeden Fall, mein Schatz.“, meinte sie geheimnisvoll schmunzelnd. Ich sah es ihr an, sie hielt es kaum mehr aus, mir das Haus zeigen zu wollen. Endlich hielten wir.

Mum schaltete den Motor aus, stieg aus dem Auto und öffnete mir die Türe. „Willkommen zu Hause, mein Engel“, kicherte sie und grinste von einem Ohr bis zum nächsten, als sie mich mit zu einem der wunderschönen Häuser zog. Wir gingen durch das weiße Tor und über einen Steinernen Weg, der sich durch den liebevoll gestalteten Vorgarten zog, hinauf auf die Veranda. Mum holte den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss die Moderne Tür auf. Das Haus war wirklich sehr geräumig und von außen weiß gestrichen.

Der gesamte Boden war mit einem warmen, aber dennoch hellen Laminat ausgelegt und es duftete nach frischer Wandfarbe. Durch den weiten Flur gelangten wir in den großzügigen Wohn-, Ess- und Kochbereich. Ein großer Kamin befand sich in dem hellen Raum, der in Richtung Garten zeigte. Eine riesige Fensterfront ließ viel Licht hinein und über eine Glastüre, gelangte man nach draußen auf die Terrasse. Es war ein wirklich überwältigender Anblick, doch irgendwie drückte es ein wenig auf mich ein. So viel Platz, so viel Freiraum, das Ganze war ich einfach nicht gewohnt. Aber vielleicht fühlte ich mich auch nur so unwohl, weil hier alles noch sehr leer war, denn bis auf die moderne Einbauküche, befand sich in diesem und in den folgenden Räumen nichts. Nur im Badezimmer stand schon eine große Eckbadewanne und eine Glasdusche, in der locker zehn Leute auf einmal hätten duschen können.

Jeder einzelne Raum war große und hell und freundlich. Vielleicht etwas zu freundlich. Als wir vor meinem Zimmer standen, konnte ich schon erahnen, wie es ausfallen würde.

Groß.

Und so war es auch. Es war das größte Schlafzimmer im ganzen Haus und lag in der oberen Etage. Gegenüber der Türe war ein wunderschöner Erker mit riesigen Fenstern und einer gemütlichen Sitzbank, die nur noch mit Polstern und Kissen bestückt werden musste. „Na, mein Schatz, wie gefällt es dir?“, fragte Mum, noch immer mit diesem breiten Grinsen auf dem Gesicht. „Super“, meinte er lächelnd und nahm sie in die Arme. „Danke Mum…“, flüsterte ich leise.

Ich mag meine Mum wirklich sehr, denn sie ist die Einzigste, die mir geblieben ist. Dad, Dennis und Layla starben bei einem Autounfall, als ich sieben Jahre alt war… Ich bin bis Heute noch nicht ganz darüber hinweg, doch solang ich nicht all zu viel nachdenke und mir Beschäftigungen suche, auch wenn es nur im Haushalt helfen ist, dann komme ich ganz gut damit zurecht.

Ich bewundere meine Mum für ihre Stärke, denn sie hatte es geschafft, nicht einmal vor mir zu weinen, sie war immer Stark und tat alles für mich, damit ich mein Leben so schön wie möglich leben konnte und dafür liebe ich sie. Viele mögen meinen, ich sei eines dieser verwöhnten Mama-Kinder, aber mir ist egal was sie sagen, ich bin so wie ich bin und wenn es jemandem nicht passt, dann soll derjenige sich gefälligst nicht mit mir abgeben. Das war schon immer meine Meinung gewesen.

Da wir gerade schon beim Thema sind.

Ich.

Ich heiße Aaron. Ich bin letzten Monat 15 geworden. An meinem Geburtstag hatte ich einen Termin beim Friseur, um mir die Haare schneiden und färben zu lassen. Ich wollte einen Neuanfang, denn meine Mum hatte vor einem halben Jahr schon damit begonnen, Kisten zu packen.

Ein Umzug in ein neues Leben, sagte sie immer. Ich bin ganze 1,64m groß, das ist viel, wenn man den Rest der Familie betrachtet, denn ich bin jetzt schon ganze 4 Zentimeter größer als meine Mum und nur 10 Zentimeter kleiner, als mein Dad. Vor drei Wochen ließ ich mir zwei Piercinge stechen, sogenannte Snakebites. Es fühlt sich komisch an, damit zu essen, aber ich habe mich recht schnell daran gewöhnt, so wie an alles, was neu für mich ist.

Freunde hatte ich eigentlich noch nie wirklich. Ich hoffte, das würde sich mit „unserem neuen Leben“ vielleicht ändern.

Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.

 

 

Der Umzugswagen stand ebenfalls schon vor der Tür. Es dauerte den gesamten Tag, die Kartons und Kisten und Möbel in unser neues Heim zu bringen, doch sie schienen weniger geworden zu sein, dann ich musste keine einzige Kiste stapeln. Mum meinte, das läge daran, dass wir mehr platz hatten. Natürlich hatte sie recht, denn als ich die Kisten nachzählte, waren sie alle noch da. Die Männer vom Umzugswagen halfen uns, die Möbel aufzubauen, damit wir noch an diesem Tag in unseren Betten schlafen konnten. Mum weihte die neue Küche ein und kochte für die Männer und mich einen leckeren Eintopf mit Nudeln. Ziemlich kaputt und müde, sank ich am Abend in die Badewanne und hörte ein wenig Musik…

Spät am Abend legte ich mich dann mit meinem Lieblingsbuch ins Bett, schlief aber irgendwie sofort ein…

Ich träumte nichts. Ich hörte nur meinen Herzschlag und wartete auf den nächsten Morgen…

 

Kapitel 2 Bekanntschaft mit dem Feind

Am nächsten Morgen wurde ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die durch die riesige Fensterfront in mein Zimmer hinab geworfen wurden. Müde und ein bisschen orientierungslos stand ich auf, kramte in einer der Kisten, die in meinem Zimmer standen, nach etwas frischem zum Anziehen und verschwand in dem großen Badezimmer. Ich hatte keine Lust zu Baden, also stieg ich lediglich unter die Dusche.

Meine Mum hatte zum Frühstück Rührei gemacht und Brötchen beim Bäcker geholt…

Die folgenden Tage verliefen immer im selben Muster. Kartons und Kisten ins richtige Zimmer schleppen und deren Inhalt in die Regale und Schränke einräumen, an die Wände hängen oder auf den Kommoden platzieren. Mein Zimmer war wirklich gemütlich eingeräumt, ein richtiger Teenagertraum, in dem ich mich super entspannen konnte. Am Sonntagabend backten meine Mum und ich eine Pizza und sahen uns einen Film an. Danach ging ich in mein Zimmer, an dessen Größe ich mich mittlerweile schon gewöhnt hatte und welches mit der ganzen Einrichtung auch gar nicht mehr so riesig erschien, um meine Tasche zu packen. Leere Hefte, neue Bücher, die ich hatte kaufen sollen und, und, und…

Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder doch lieber vor dem nächsten Tag fürchten sollte, denn während ich so in meinem riesigen, neuen Zimmer, in meinem riesigen, am Tag davor gekauften Bett, lag, wurde mir ein wenig mulmig…

Wie würden sie auf mich reagieren?

Wie würden sie auf mein Äußeres reagieren?

Und überhaupt?

Würden sie mich wahrnehmen? Oder doch lieber links liegen lassen?

Wer wollte schon mit >Dem Neuen< rumhängen, den niemand kannte?

Ich schaltete die Lampe an meinem Nachttisch aus und rollte mich zusammen, während ich in Gedanken versunken, durch die hohen Fenster zum Mond hinauf sah…

Eine sternenklare Nacht...

Ich war wirklich gespannt, was der nächste Tag für mich mit sich brachte.

 

 

Am Morgen wurde ich von meinem Handywecker geweckt, den ich mir noch am Abend zuvor gestellt hatte. Die Sonne war gerade dabei, den Horizont hinauf zu kraxeln, als ich meine Tasche hinunter ins Esszimmer schleppte. Sie war cooler als meine alte. Es war ein grün-brauner Rucksack im Army-look, dem ich mit ein paar Buttons meine eigene Note verpasst hatte. Ich machte mir ein Sandwich und nahm für den Fall der Fälle etwas Geld mit. Man konnte ja nie wissen was so passieren würde. Gähnend nippte ich an meinem Glas und nahm einen Apfel mit nach draußen. Den Weg zur Schule musste ich mir, Gott sei Dank, nicht merken, denn der Schulbus würde mich abholen. Ich schlupfte mit den armen in meine gemütliche, schwarze Jacke und zog den Reißverschluss bis knapp über der Hälfte zu. „Ciao, Mum!“, rief ich noch kurz durch den Flur und schon war die Tür hinter mir zu.

„bah…kalt…“, es war ziemlich eisig draußen und der Tau, der sich über die gesamte Stadt gelegt hatte, glitzerte im licht der Morgensonne. Einmal tief ein und aus geatmet, lief ich vor zum Gartentor und blieb an der Straße stehen.

„Bin ich zu früh…?“, fragte ich mich leise und sah ausgiebig nach links und rechts, doch noch war kein gelber Schulbus zu erkennen.

Nach etwa fünf Minuten begann ich langsam, aber sicher, zu frieren. Ich zog den Reißverschluss bis zum Anschlag zu und vergrub die Hände in den Taschen.

Endlich!

Links von mir, etwa sieben Häuser die Straße hinab, kam ein gelber Bus zum Vorschein, der um die Ecke gefahren kam und in geregeltem Tempo auf mein Haus zu fuhr. Doch irgendwie wurde er nicht langsamer?

Ich hob den Kopf und sah zum Fahrer, der seinen Blick stur auf die Straße gerichtet hatte. Er war doch tatsächlich, drauf und dran, an mir vorbei zu fahren…

„Hey! Warten sie!“, rief ich und lief ihm hinterher. Ich sah den Blick des Busfahrers im Seitenspiegel und endlich hielt der Bus an. Ziemlich außer Atem kam ich an der Tür an, die sich gerade für mich öffnete. „Entschuldigung Junge, du bist bestimmt der Neue“, murmelte der, etwas beleibtere Herr. Er war ungefähr Mitte 40 und trug eine Brille.

Ich lächelte flüchtig. „Kein Problem…“, gab ich als antwort und stieg behutsam die wenigen Stufen hinein in den Bus.

Vorsichtig wandte ich den Blick nach links und überschweifte kurz die Sitzreihen. Ein wenig verwirrt wandte ich mich wieder an den Fahrer, der die Tür hinter mir schloss. „Bin ich der Erste?“, fragte ich leise.

Der Mann nickte und lächelte freundlich. „Setz dich, Junge.“ Ich nickte ebenfalls und lief die Reihen entlang, bis ganz nach hinten.

Mit einem leisen Seufzen ließ ich mich in die hinterste Ecke sinken und nahm meinen Rucksack auf den Schoß.

Ich spürte, wie der Fahrer von der Bremse ging und los fuhr. Langsam zog mein neues Zuhause an mir vorbei und wir fuhren gemütlich die Straße entlang. Ohne weiteren Stop, bogen wir zweimal links und einmal rechts ab, dann hielten wir vor einem Haus, das etwas kleiner war als unseres. Es war gelb gestrichen und hatte, wie fast alle Häuser hier in der Gegend, einen Zaun und ein Gartentor. Genau in dem Moment, als der Busfahrer hielt, wurde die Tür des Hauses aufgerissen und ein großer Typ mit blonden, zu stacheln gegelten Haaren, kam zum Vorschein. Ich schätzte ihn auf 17, bekam aber später noch mit, dass er eigentlich 19 war. Er rief etwas Verärgertes zurück in den Flur und stapfte dann auf den Bus zu.

Ich zog den Kopf ein wenig ein und verfolgte ihn mit meinem Blick.

„Morgen David“, grüßte ihn der Busfahrer. Der Junge murmelte nur ein leises: „Morgen…“ und kam schließlich auf mich zu. Als sich unsere Blicke trafen, wandte ich meinen zum Fenster. Ich hörte seine Schritte immer näher kommen und betete, dass er endlich halt machen würde und sich hinsetzte. Doch dem war nicht so. Erst als ich zwei lange Beine und alte, etwas dreckige Vans vor mir sah, hob ich den Kopf. „Was willst’n du hier?“, raunte er.

Was war das denn bitte für eine Frage? Ich saß dort und fuhr zur Schule. Aber ihm das als antwort zu geben, traute ich mich nicht wirklich. „Na, los, weg da, die letzte Reihe gehört den 10. Klässlern, kapiert? Und zwar nur den coolen du Schlumpf!“, fauchte er mit bedrohlicher Stimme.

Hatte er gerade Schlumpf zu mir gesagt?

Naja, auch egal. Ich nahm also meinen Rucksack und quetschte mich an dem Jungen namens David vorbei, darauf bedacht, ihn nicht zu berühren.

Erleichtert seufzend ließ ich mich einige Reihen weiter vorne auf einen Platz am Fenster sinken. Ich umklammerte meinen Army-Rucksack und legte den Kopf an die Scheibe.

Nach einem Mädchen mit braunen, hüftlangen Haaren, einem Jungen, der drei Mal zurück ins Haus musste, da er etwas vergessen hatte, und einem weiteren Mädchen, welches komplett überstylt und mit 20 Tonnen Make-up im Gesicht, ihre Nase nach dem Einstigen nachpuderte, dass einem die Luft weg blieb, stiegen drei Jungs auf einmal ein. Andy, Joe und Craig. Alle drei hatten dunkelbraune Haare und genau denselben Stachellook wie David. Nur bei David kam er viel besser zur Geltung.

Als sie an mir vorbei liefen warfen sie mir genau denselben giftigen Blick zu und, wer hätte es anders gedacht, setzten sie sich zu ihm.

Mein Herz rumpelte ganz schön schnell…

Ich war wirklich gespannt, wie der Tag weiter verlaufen würde.

Als endlich alle im Bus saßen, ging es auf, in Richtung Schule. Die Schule war wirklich ein riesiger Komplex, mit mehreren Häusern und einem gigantischen Pausenhof. Ich fühlte mich alleine beim Anblick davon verloren…

Als der Busfahrer hielt und die Türen öffnete, wartete ich erst mal, bis alle anderen ausgestiegen waren, um dann, möglichst unbemerkt, die Fliege zu machen. Ich stieg langsam aus dem Bus und blieb erst mal stehen.

So viele fremde Gesichter. Ich ging zu einer leerstehenden Bank, neben einem Gebüsch und stellte meinen Rucksack ab. „…wie war das…?“, seufzte ich leise und suchte nach einem Zettel, den mir meine Mum in die Schultasche gesteckt hatte. „Ah, hier… Gebäude 1…Raum 7. Sekretariat. Hmpf.“ Ich steckte den Zettel in die Hosentasche und nahm den Rucksack auf den Rücken. „Dann such ich mal Gebäude eins.“

 

Im Sekretariat angekommen, glücklicherweise noch vor dem Klingeln, bekam ich eine kleine Karte, auf der die Gebäude aufgemalt waren und einen Stundenplan.  „Erste stunde Mathe…Gebäude 7 Raum 2. Ouh man…“, mit leicht verzweifeltem Gesichtsausdruck und der Karte mit dem Gebäudeplan direkt vor der Nase, suchte ich nach Gebäude sieben. Ich hoffte nur, ich würde David nicht wieder über den Weg laufen.

Doch leider Gottes, verlief der Tag genau so, wie er angefangen hatte.

Nicht gut.

Es klingelte und ich beschleunigte meine Schritte.

WUMMS!

„huh?“, erschrocken sah ich David direkt in die Augen. Doch ehe ich wirklich begreifen konnte, was passiert war, wurde ich an meiner Jacke wieder auf die Beine gezerrt. „Kannst du deine Augen nicht auf machen, Schlumpf?!“, motzte David und seine Kumpanen standen um mich herum.

„E-entschul- “-„Nix da! Ich glaub unser Kleiner Emo will Prügel!“, raunte der blonde Igel.

Ich verzog das Gesicht. „Ich bin kein Emo!“, protestierte ich, was jedoch nicht so wütend und drohend rüber kam wie es eigentlich hätte sein sollen…

„Na,na, nicht weinen, Emoclown, Die barmherzige D. wird dir für heute nichts tun. Für heute!“, schnauzte er und ich spürte wieder den harten Boden unter mir. „nh…au…“

Mit schmerzendem Kopf rappelte ich mich wieder auf und sah mich um. David und seine Lakaien waren abgedampft. Ich sah an mir hinunter und seufzte laut, als ich den kaputten Reißverschluss sah. „Na toll!“

Ich stand auf, nahm meinen Rucksack und schlurfte mit hängendem Kopf in Richtung Gebäude 7.

 

 

Kapitel 3 Das war erst der Anfang

Mit zehn Minuten Verspätung und einem schmerzenden Kopf, betrat ich das Klassenzimmer. Ich entschuldigte mich beim Lehrer, ging jedoch auf die Sache mit David und seinen Igelkumpels nicht weiter ein. *Super, genau so hab ich mir das vorgestellt, unauffällig einfach mal in die Klasse platzen…*, grummelte ich in Gedanken und schlich zu dem Platz, zu dem mich der Lehrer gewiesen hatte.

Schon in der ersten Stunde völlig kaputt zu sein, brachte einen nicht sehr weit, wenn man neue Freunde kennen lernen möchte. Doch anscheinend wollte nicht einmal mein Nebensitzer mit mir sprechen.

Er trug einen drei-zentimeter-Haarschnitt und hatte stahlgraue Augen. Immer wieder warf er mir einen undefinierbaren Blick zu und auch vom Rest der Klasse wurde ich die Stunde über begafft.

Noch unwohler als ich mich ohnehin schon fühlte, packte ich am Ende der stunde meine Sachen wieder in den Rucksack und war der Erste, der beim Klingeln aufstand und nach draußen verschwand. Nun nahm das Übel seinen Lauf.

Ich konnte sehen wie die ersten Mädels aus meiner Mathe-Gruppe zu anderen Mädchen liefen und kichernd in meine Richtung zeigten.

Sogar die Jungs schienen über mich zu reden, denn plötzlich bekam ich immer wieder böse, angewiderte Blicke an den Kopf geworfen.

Wenn es doch nur bei den bösen Blicken geblieben wäre?

In der Mittagspause verstaute ich meine Sachen in dem Spint, der mir zugeteilt wurde und befestigte einen kleinen Spiegel, mit doppelseitigem Klebeband darin. Seufzend schloss ich die Türe und verdrehte das Schloss. Gerade als ich auf dem Weg in den Pausenhof war, fiel mir ein, dass ich mein Sandwich ganz vergessen hatte. Genervt schlurfte ich zurück in Richtung meines Spints.

Ich sah zu meiner Linken durch die Fenster nach draußen und wie es der Teufel gewollt hatte, stieß ich ein weiteres Mal mit dem Igel und seiner gesamten Bande zusammen.

„Hey, Schlumpf!“, grollte David und ich wusste gar nicht wie mir geschah, als ich plötzlich gegen die Wand gedrückt wurde. „Hey, losla-hmm!!“, protestierte ich, doch jemand presste seine Hand auf meinen Mund.

„Ich glaube unser kleiner Emoschlumpf will wirklich ne Abreibung kassieren, hm?“, provozierend sah David in die Runde und einige Jungs und sogar ein paar Mädchen blieben stehen. In mir stieg das Adrenalin, aber was hätte ich schon groß machen sollen? Schließlich war ich wirklich ziemlich klein und stark war eigentlich das genaue Gegenteil von mir.

„Hau ihm eine aufs Maul!“, rief ein Junge, der grinsend, mir gegenüber stand. „Aha, aha, aha…Wie heißt du, Schlumpf?“, fragte David mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen. Die Hand, die sich auf meinen Mund gepresst hatte, lockerte sich. Ich drehte den Kopf weg und presste die Lippen zusammen.

„Och, der kleine Feigling hat wohl Angst mit mir zu reden?...Wie schade!“, höhnte der Stachelkopf und ich spürte, wie er mich am Kiefer packte und meinen Kopf zu sich drehte. Ich hatte keine andere Wahl, als ihm in die Augen zu sehen…

Ich spürte, wie sich die Angst in mir sammelte und mir eiskalt den Rücken hinab lief. „S-sag ich dir nicht…!“, stammelte ich.

„Falsche Antwort, mein lieber!“, lachte David und holte aus. Ich zuckte zusammen, kniff die Augen zu und drehte den Kopf weg, doch nichts passierte. Alle lachten plötzlich und als ich die Augen wieder öffnete, sah ich den grinsenden David, wie er sich verbeugte. Ich ließ den Kopf hängen und musste mir die aufsteigenden Tränen verkneifen. *Toller erster Schultag…*

„Na los, verzieht euch, die Vorstellung ist vorbei!“, kam es von David und die anderen zogen davon, in Richtung Pausenhof. Nun war der Gang leer und ich wurde noch immer an die Wand gedrückt. „W-was wollt ihr eigentlich von mir…?“, platzte es aus mir heraus. David lachte boshaft und drückte meinen Kopf gegen die Wand, indem er seine Faust gegen meine Stirn presste. Ich sah ihn mit glasigen Augen an. „Wir wollen doch nur…“, er strich mir mit dem Zeigefinger über die Wange, „Ein wenig Spaß haben!“, lachte er mit gedämpfter Stimme und Ehe ich mich versah, spürte ich Davids Faust auf meinem Wangenknochen. „ngh…“, ich wurde losgelassen und sank zu Boden, den Kopf in den Händen. Es tat höllisch weh und Schmerzenstränen liefen mir über die Wangen…

Sie tropften zwischen meinen Fingern hindurch und landeten auf dem Boden. Eines war klar, ich war in der Schule vollkommen unerwünscht. Langsam drückte ich mich vom Boden hoch und wischte mir mit dem Handballen die Tränen aus dem Gesicht. „au…au…kh…“ Etwas Warmes lief mir langsam über den Mund und vermischte sich langsam mit meinen Tränen. Als ich auf meine Hände sah, wusste ich, was es war.

Blut.

Ich hielt mir die Hände vor Nase und Mund und suchte nach dem Sekretariat. Die Blutung wollte einfach nicht aufhören und so sammelte sich immer mehr von diesem widerlichen roten Zeug in meinen Händen.

Endlich.

Ich stieß die Tür zum Sekretariat auf. „K-kann mir jemand…-?“, fragte ich etwas überfordert und die Sekretärin kam zu mir. „ach du jemineh! Was ist denn mit dir passiert? Na los, komm mit, erst mal zum Waschbecken…“, die freundliche Dame mit Dutt und den kleinen Lachfalten brachte mich in ein weiteres Zimmer, neben dem Sekretariat und führte mich zum Waschbecken, wo ich endlich meine Hände vom Gesicht lösen konnte.

Mir wurde richtig schlecht, als ich das ganze Blut sah und ich war drauf und dran, mich übergeben zu müssen, doch ich konnte mich zusammen reißen. Ich wusch meine Hände und mein schmerzendes Gesicht und bekam schließlich einen eiskalten Lappen in den Nacken gelegt und ein Handtuch, welches ich auf meine Nase drücken sollte.

So viel Blut auf einmal hatte ich schon lange nicht mehr verloren. Und da ich ohnehin klein und schmächtig war, war es kein wunder, dass es mir allmählich schwindelig wurde…

Ich saß noch eine ganze Weile in dem kleinen Krankenzimmer und antwortete auf die Frage, was denn passiert sei, dass ich im Pausenhof einen Ball ins Gesicht bekommen hatte.

Warum ich David nicht verpfiff?

Ich wollte nicht noch mehr Ärger.

Als die Blutung stoppte, meine Kopfschmerzen schlimmer wurden und meine Wange langsam blau anlief, klingelte es schon zur letzten Unterrichtsstunde.

Entschlossen, die letzte Stunde sausen zu lassen, ging ich zurück zu meinem Spint und kramte meine Sachen zusammen. Ich sah mich um, doch zum Glück waren während der Unterrichtszeit kaum Schüler in den Gängen und auf dem Hof. Seufzend nahm ich den Rucksack auf den Rücken und mein Handy in die Hosentasche und lief vor zum Parkplatz der Schule. Die Schulbusse standen alle in einer Reihe und warteten darauf, ihre Schüler wieder nach Hause zu fahren. Keiner der Busfahrer war schon wieder da, also setzte ich mich auf eine Bank und rief meine Mum an, die gerade Mittagspause hatte. „…Kannst du mich abholen? Okay, danke. Ja, bis gleich…“, seufzte ich leise und legte wieder auf. Ich wartete am Straßenrand auf den Chevy meiner Mum und strich mir langsam über die blaue Wange.

Ein wenig deprimiert über den verlauf meines ersten Schultages und dass ich mir, ich danke dem Herrn, sofort einen Feind geholt hatte, strich ich mir die kinnlangen, schwarzen Haare ins Gesicht und starrte zu Boden.

Der Chevrolet hielt vor mir an und Mum öffnete mir die Tür. „Steig ein, Mausi“, meinte sie schmunzelnd. Sie erschrak regelrecht, als sie sah, dass meine Wange nicht mehr nur blau, sondern auch lila war. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie besorgt, als ich die Türe zu zog. „Hab nen Ball ins Gesicht bekommen…“, murmelte ich leise und schnallte mich an. „Wir sollten zum Arzt gehen!“, entschied sie sofort, wie immer hyperbesorgt. Ich schüttelte lediglich den Kopf. „Lass gut sein, Mum, das ist nicht so schlimm wie es aussieht, ja? Lass uns bitte einfach nur nach Hause fahren…Okay?“, fragte ich vorsichtig und warf ihr einen Blick zu. „hm…okay. Aber wenn es sehr weh tut, dann gehen wir zum Arzt, verstanden?“, befahl sie. Ich nickte nur und endlich fuhren wir los. Ich versuchte mir den Weg nach Hause zu merken, falls ich mal wieder früher Heim wollte, oder sollte, wie auch immer. Ich wollte nicht meine Mum als Taxi benutzen. Vielleicht im Winter.

Als wir vor dem viel zu großen Haus hielten, stieg ich aus und schloss schon mal die Türe auf. Ohne ein weiteres Wort über den Tag zu verlieren, verkroch ich mich in meinem Zimmer und schloss die Türe hinter mir zu.

Ich legte mich in mein Bett und bemerkte gar nicht, dass ich anfing zu weinen, während ich langsam einschlief…

 

 

 

 

 

Kapitel 4 Ein Neubeginn

In den darauf folgenden Tagen plagten mich große Zweifel. War das wirklich der richtige Weg, den ich hier ging oder tat ich das alles nur, damit meine Mum glücklich war? Ich hielt mich vor großen Schülermassen fern und hielt immer die Augen offen. Dem Igel und seiner Bande wollte ich nicht mehr so schnell in die Quere kommen, doch leider war das nicht immer unvermeidbar.

Ich merkte deutlich wie sich die gesamte Schule über mich lustig machen wollte und selbst die Wenigen, die mir doch eigentlich recht sympathisch erschienen, entpuppten sich als Mitläufer. Tag für Tag schleppte ich mich in die Schule und versuchte dem Unterricht zu folgen, doch irgendwie zischte alles nur an mir vorbei. Nachmittags saß ich vor dem Laptop und dem Fernsehr oder ich half meiner Mum im Haushalt, da ich ja sonst nichts zu tun hatte. Ich sah mir die Stadt an und erledigte die Einkäufe.

Schon eine ganze Woche war vergangen, seitdem ich an meinem ersten Schultag ein Veilchen verpasst bekommen hatte und es tat selbst an diesem Abend noch weh.

Ich saß gerade an der Küchentheke und schaufelte ein Müsli in mich hinein, als mir meine Mum eine Zeitschrift vor die Nase legte.

„Was ist das?“, fragte ich flüchtig und warf einen Blick auf die Titelseite. „Ein Jugendmagazin der Stadt. Vielleicht gefällt es dir ja.“, antwortete sie schmunzelnd und wandte sich wieder dem Bügeleisen und meinen schwarzen T-shirts zu.

„hm…“, seufzend schob ich die Schüssel von mir und nahm die Zeitschrift zur Hand.

Nachdem ich es einmal komplett überflog, blätterte ich es ein zweites Mal durch und entdeckte eine Anzeige eines Jugendclubs.

>>Universum<<

Ich runzelte die Stirn und las mir die Anzeige durch. Ein Szene-Lokal für Jugendliche ab 15.

>>Öffnungszeiten:

      Montag-Freitag 18:00-24:00 Uhr.

      Samstag             17:00-24:00 Uhr. <<

Da ich ohnehin nichts zu tun hatte, entschloss ich mich, heute Abend mal dort vorbei zu schauen. Ich entfernte das Blatt mit der Anzeige aus dem Magazin und aß mein Müsli zu Ende. Ich ließ die Schüssel stehen und verzog mich nach oben in mein Zimmer.

Ich betrachtete das Bild auf dem Blatt und suchte im Internet nach „Szene-Firsuren“

Ich entschied mich für etwas, das aussah wie ein Fecher, den man sich auf den Kopf klebte…

Mit einem Kamm und viel Haarspray sah das Ganze sogar richtig gut aus.

Meine Wange war zwar noch immer leicht bläulich, doch das ließ sich einfach überschminken.

Zum Schluss umrandete ich meine Augen noch mit schwarzem Kajal und suchte in meinem Kleiderschrank nach etwas anderem zum Anziehen…

Da ich wirklich null Plan hatte, was man in so einem Club trug, griff ich wahllos hinein und erwischte eine schwarze Röhrenjeans, ein schwarzes Oberteil mit neongrünem Aufdruck und eine schwarz-weiße Jacke im Schachbrettmuster. „hm…“

Als allerletztes suchte ich noch nach meinem Pyramiden-Nietengürtel und meinem Killernietenarmband, das mir mein Cousin geschenkt hatte. Er ist schon seit zwei Jahren in der Punk-szene…

Ich sah auf die Uhr und ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. „…Soll ich da wirklich hin?“ Ich kaute auf meiner Lippe herum und surfte noch ein wenig im Internet, bevor ich dann schließlich doch aufbrach.

Ich hatte mir die Wegbeschreibung ausdrucken lassen und musste auch immer wieder einen Blick darauf werfen, denn ich kannte mich noch nicht wirklich aus.

Mir war nicht nur unser Haus und die Schule zu groß, sondern die ganze Stadt. Man konnte sich unglaublich schnell verlaufen, aber zum Glück hatte ich einen einigermaßen akzeptablen Orientierungssinn.

Nach ca. 20 Minuten laufen, kam ich schließlich zu der Straße, in der, der Club war. Und man konnte auch schon deutlich die Musik hören. Ich schmunzelte. *Wenigstens gibt’s da gute Musik…* Ich konnte schon von weitem einige Jugendliche sehen, die vor dem Club standen und rauchten. Ein wenig unsicher ging ich auf sie zu und sah dann zu dem Gebäude, aus dem gerade ein weiterer Junge kam, der seine Haare komplett in einem grellen blau gefärbt hatte. Ich atmete einmal tief durch und drückte die Türe auf. Warme Luft und dröhnende Musik kam mir entgegen, dass ich erst mal für eine Sekunde stehen blieb, dann aber doch hinein ging. Ich sah mich aufmerksam um und entdeckte vor mir die Tanzfläche, auf der sich ziemlich viele Jugendlichen tummelten und ausgelassen tanzten. Links von mir befand sich die lange Bar, an der hauptsächlich nicht-alkoholische Getränke verkauft wurde, außer unter Vorzeigen des Ausweises. Dort saßen auch ein paar der Szene. Aber, irgendwie sahen sie für mich plötzlich alle gleich aus.

Aber vielleicht lag es auch nur an der Reizüberflutung. Kein Mensch ist genau gleich wie der Andere, ob vom Aussehen oder vom Charakter her.

In einer Ecke waren großzügig sehr gemütliche Sofas hingestellt, auf denen einige Jungs und Mädels saßen, sie sich in den Armen lagen, miteinander lachten, oder sich gegenseitig, auf freundschaftliche Art, ärgerten.

Da ich hier keinen kannte und ohnehin durstig war, ging ich zur Bar und setzte mich auf einen der Stühle. Ich las mir die Getränke-Liste durch, die auf der Bar lag, bestellte mir aber recht unspektakulär einen Sprudel.

 

Ganz unerwartet, setzte sich plötzlich ein ziemlich großer Junge neben mich, der mich aus dem Augenwinkel, sofort an David erinnerte, doch als ich den Kopf zu ihm drehte, lächelten mir ganze vier Piercings entgegen. Er hatte warme, gold-braune Augen und seine Haare waren in solch hellem Blond gefärbt, dass sie beinahe schon weiß erschienen. Er hatte, mit derselben grellen Farbe wie der Junge von draußen, blaue Strähnchen in seinen Haaren und musste dem Barkeeper seinen Ausweis zeigen. Als er seinen Drink bekam, wandte er sich mir zu, doch ich hatte mich schon wieder meinem Sprudel gewidmet. Er tippte mir auf die Schulter und ich drehte mich mit fragendem Blick zu ihm hin. Er beugte sich ein wenig vor, da ich ihn sonst kaum verstanden hätte.

„Woher hast’n das Veilchen?“, fragte er schmunzelnd. Ich überlegte kurz, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, entschloss mich aber, sie ihm vorerst nicht zu sagen. Schließlich kannte ich ihn ja nicht.

„Fußball ins Gesicht bekommen“, meinte ich knapp.

Der Junge grinste und schüttelte den Kopf. „Du wurdest geschlagen, oder?“

Er war wirklich gut. Ich seufzte und nickte. „Ha, wusst’ ich’s doch. Von wem denn?“, hakte der Junge weiter nach. Ich gab mich geschlagen und erzählte ihm vom Igel.

„Ich kenne diesen Typ…“, knurrte der fremde Junge leise.

Ich unterhielt mich noch eine ganze Weile lang mit ihm, über die verschiedensten Dinge. Er war wirklich ein netter Kerl und hatte die lustigsten Sprüche auf Lager.

Er hieß Connor und war schon ganze 19 Jahre alt. Er erzählte mir, dass David sein Cousin war und er selbst schon ziemlich viele Auseinandersetzungen mit ihm hatte. Connor hatte 3 große Schwestern und einen kleinen Bruder, der jetzt 14 wurde. Es war wirklich interessant was bei solch einer Großfamilie alles passierte. Bei mir daheim war es ja immer ruhig und immer ordentlich…

Ich erzählte ihm wiederum von mir, meinen Hobbys und meiner Mum.

„Was ist mit deinem Dad? Sind deine Eltern geschieden?“, fragte er plötzlich. Ich verstummte und schüttelte den Kopf. „Nein… Mein Dad, mein großer Bruder und meine kleine Schwester sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen…“, meine Stimme wurde immer leiser und es schmerzte, daran zurück zu denken. In mir breitete sich eine, nur allzu bekannte, Leere aus…

Connor sah mich entschuldigend an und auch seine Stimme war nun etwas leiser. „Tut mir leid, ich hätte nicht fragen sollen…“, murmelte er, doch ich schüttelte den Kopf und versuchte zu Lächeln. „Es…es geht schon, ich komm eigentlich ganz gut damit zurecht.“ Connor sah mich traurig an. „Vermisst du sie sehr?“, fragte er vorsichtig. Ich dachte kurz über meine Antwort nach. „Klar, sie fehlen mir, aber ich denke, mein Leben geht jetzt erst mal weiter. Und ich kann mich ja immerhin noch an die Zeit mit ihnen erinnern. Sie sind immer ein Teil von mir und das bleiben sie auch.“, schloss ich schließlich und deutet auf mein Herz. Connor lächelte wieder, was bei ihm so unglaublich herzlich aussah und mich zum Schmunzeln brachte. „Genau so musst du denken. Aber wenn du mal jemanden zum Reden brauchst, ich bin immer für dich da, okay?“, fragte er grinsend und hielt mir die Hand hin. „Okay.“, entgegnete ich und nahm seine Hand. Er zog mich zu sich und nahm mich flüchtig in den Arm. Ich dachte mich nichts Großes dabei, sondern genoss die Umarmung, denn ich wurde nur sehr selten umarmt und wenn, dann von meiner Mum. Ich sah ihm in die wunderschönen, braunen Augen und lächelte glücklich. Zu mir war noch nie jemand so freundlich gewesen, außer meiner Familie.

„Hey, willst du mal am Nachmittag zu mir kommen? Dann stell ich dich meinen Homies vor, die werden dich ganz bestimmt mögen, du bist’n cooler Typ“, fragte er schließlich grinsend. Da brauchte ich gar nicht lange nachdenken. Wenn die Anderen mich nicht mögen würden, hatte ich ja immerhin noch Connor. Also war ich einverstanden und wir verabredeten uns für den nächsten Nachmittag.

Wir tanzen noch ein bisschen und dann verabschiedete ich mich, da ich um halb elf zu Hause sein sollte. Wieder nahm er mich kurz in den Arm und ich ging langsam aus dem Club. Die eiskalte Nachtluft wehte mir um die Nase und sofort begann ich zu zittern. Ich machte meine Jacke zu und zog die Kapuze über den Kopf. „brrr…“, mit klappernden Zähnen schlappte ich durch das Licht der Straßenlaternen am Gehwegrand und behielt den Blick auf dem Boden.

Ich dachte darüber nach, wie Connors Freunde wohl sein würden und ob sie mich mögen würden. >…bist’n cooler Typ…< das hatte noch keiner vorher zu mir gesagt.

Bei dem Gedanken an Connor fühlte ich mich schon gleich fiel wohler in der neuen, viel zu großen Stadt. Der nach Hause Weg kam mir viel kürzer vor, als von daheim zum Club, doch das lag vielleicht auch daran, dass ich beim Hinweg so aufgeregt war.

 

Ich lag noch lange wach in meinem Bett und dachte über einiges nach. Ich hatte zwar einige Zweifel, ob mich Connors Freunde auch wirklich akzeptieren würden, aber im Gesamten freute ich mich auf den bevorstehenden Tag. Ich glaubte, dass würde der Beginn, einer neuen und guten Freundschaft werden…

 

 

 

 

 

Kapitel 5 Fieber?

Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und war wach in meinem Bett gelegen, mit den Gedanken immer bei Connor und dem bevorstehenden Tag. Unruhig hatte ich mich von einer Seite auf die andere geworfen, war aufgestanden und hatte mich wieder hingelegt. Die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen und der Morgen kraxelte nur spärlich über die weit entfernten Hügel, hinter Sharrington.

Ich saß am Laptop und schrieb an meinem Blog, während meine Mum gerade ins Badezimmer ging. Stand sie etwa immer schon so früh auf? Es war gerade mal halb sechs. Ich zuckte mit den Schultern und schrieb weiter.

Nach knapp 20 Minuten jedoch, fiel mir nichts mehr ein und ich drehte meinem Laptop den Rücken zu. Mein Zimmer war ziemlich unordentlich…

Überall lagen Hefte, Papiere, Schnipsel, leere Flaschen und Klamotten herum. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, entschloss ich mich, dem Saustall den Kampf an zu sagen. Papiere und schnipsel in den Müll, Hefte in die Schublade für meine Schulsachen, leere Flaschen wurden in eine Tüte gestopft und meine Klamotten, entweder in den Wäschekorb geworfen oder auf Kleiderbügeln in den großen Schrank gehängt. Mit einem zufriedenen Seufzer drehte ich mich einmal im Kreis und schmunzelte. „Geht doch…“

Das Ganze hatte jedoch gerade mal weitere 20 Minuten in Anspruch genommen und ich setzte mich ein wenig miesmutig wieder vor meinen Laptop. Als mein Handy klingelte schnellte ich auf und suchte danach, musste dann aber enttäuscht feststellen, dass es nicht einer meiner vielen Freunde, sondern mein Wecker war. Stimmt. Ich hatte ja gar keine Freunde. Oder? Vielleicht einen…

Connor.

Ich seufzte leise bei dem Gedanken an ihn und mir wurde auf einmal ganz warm. „nuh?“, mit überraschtem Gesichtsausdruck sah ich in den Spiegel und bemerkte, dass sich meine Wangen rosa gefärbt hatten. „Ich werd doch nicht…?“, laut seufzend schlappte ich in Boxershorts und XXL T-shirt nach unten. „Muuuuum?“, rief ich durchs Haus, bekam aber erst nach einigen Augenblicken eine Antwort. „Ja, mein Schatz?“, fragte sie ein wenig müde und schlappte in ihren flauschigen, pinken Pantoffeln die Treppe hinunter. „…Ich glaub ich wird krank Mum. Mir ist ganz warm…“, fiepte ich leise und hielt mir die glühenden Wangen. Sie kam schmunzelnd auf mich zu. „Na, lass mal sehen.“ Sie legte mir eine Hand auf die Stirn und ich spürte ihre kalten Finger auf meiner Haut. Fragend sah ich zu ihr auf. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, mein schatz, du bist nicht krank. Ist es denn in der Schule so schlimm, dass du mir was vorspielen willst?“, fragte sie ein wenig enttäuscht und machte sich in der Küchenzeile einen Kaffe.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht gespielt! Mir ist verdammt warm und das geht nicht weg…“, protestierte ich, doch meine Mum schüttelte nur den Kopf. „Na komm, zieh dich an, mach dich für die Schule fertig und steh das durch. Für deinen Dad und deine Geschwister“, sie sah mir erwartungsvoll in die Augen. *Nein, nicht die ‚für dad’ Nummer…*, meine Miene trübte sich und ich ließ den Kopf hängen. „…okay.“, murmelte ich leise und zog mich die Treppe hinauf in mein Zimmer.

 

 

Ich stand gerichtet und mit fertig gepackter Schultasche am Straßenrand und wartete auf den gelben Bus, mit dem netten Busfahrer namens Harry. Doch die Hitze in meinem Kopf wollte einfach nicht nachlassen. Ich fühlte mich schlecht und alles schwankte ein bisschen, wenn ich auch nur meinen Fuß hob um einen Schritt zu tun. Ich schluckte schwer und hielt mir den Bauch. *Vielleicht liegt’s am Schlafmangel?*, mein Magen knurrte, *oder am Hunger?*

Ich hatte nämlich keinen Bissen runter bekommen. Weder gestern Abend noch heute Morgen. Was war nur los mit mir?

 

Bei der Schule angekommen, stieg ich vorsichtig aus dem Bus und sank erst mal auf eine nicht all zu weit entfernte Bank, die mir gerade sehr gelegen kam, denn die Hitze, der Schwindel, mein Knurrender Magen, all das, wollte einfach kein Ende nehmen… Im Gegenteil sogar, ich glaubte schon, mein Kreislauf und mein Körper hätten sich gegen mich verschworen. An meiner Klasse und der Schule mit ihren hinterlistigen und gemeinen Schülern hatte sich rein gar nichts geändert. David lief mir an diesem Vormittag mehrere Male über den Weg und jedes Mal kam irgendein blöder Spruch oder ich wurde gegen eine Wand gestoßen, sodass es richtig weh tat. Nein ich würde nicht zu einem Lehrer gehen. Was sollte das bringen?

Die Antwort ist klar. Nur noch mehr Ärger, blaue Flecken und Tränen!

In der Pause saß ich in der Cafeteria, ziemlich abgeschattet von den Anderen. Vor mir, ein rotes Tablett mit einer kleinen Sprudelflasche und einem Sandwich. Ich zupfte an den herausstehenden Salatblättern des Sandwichs und kaute darauf herum, mehr aß ich jedoch nicht. Mir war einfach nicht danach.

Mit meinen Gedanken war ich den ganzen Vor- und Nachmittag über bei Connor und seinen Freunden, die ich jedoch noch nicht mal vom Namen her kannte. Das konnte ja was werden…

Aber hey?

Ich hatte noch nie wirklich Freunde, wieso sollte es das Schicksal nicht ein einziges Mal gut mit mir meinen?

Hm. Zweifelhaft. Aber mir war das egal.

 

Je näher der Tag zum Nachmittag heranrückte, desto aufgeregter wurde ich und desto schlechter ging es mir. Ich konnte mich nicht auf eine einzige Aufgabe konzentrieren, die mir gestellt wurde und ich verhaspelte mich fast drei Mal in einem einzigen Satz und musste jedes Mal wieder von vorne anfangen. In Spanisch fielen mir die Wörter nicht mehr ein und in Mathematik verdrehte ich ständig die Zahlen und wie man sie mit was rechnen musste, damit das gewünschte Ergebnis dabei heraus kam.

 

„Man! Was für ein scheiß Tag!“ rief ich, nach dem ich endlich die Haustüre aufgeschlossen hatte. Mir war zuvor drei Mal der Schlüssel aus der Hand gefallen.

Deutlich genervt pfefferte ich meinen Rucksack in die Ecke und warf meine Jacke darüber. Bis jetzt war Heute alles einfach nur schief gelaufen und ich hatte nichts, aber rein GAR nichts auf die Reihe gebracht. Und Fieber hatte ich immer noch. Ich war mir sicher. „Na, mein Schatz? Der Tag hat doch erst angefangen…Was war denn?“, fragte meine Mum, die gerade um die Ecke kam und mich besorgt an sah. „Ach nichts...“, grummelte ich leise und hänge meine Jacke an die Garderobe. Ich packte meinen Schulranzen und zog ihn hinter mir die Treppe hinauf. „Willst du nichts essen?“, rief sie mir noch besorgter hinterher, doch ich warf einfach nur meine Tür ins Schloss und ließ mich auf mein gemütliches Bett fallen. „Maaaaaaaan!!!“ ich packte mein Kissen und schrie wütend hinein, bis es mir zu anstrengend wurde, da sich wieder alles zu drehen begann.

„Was ist nur los mit mir…“, seufzend rollte ich mich zusammen und schloss die Augen. Schlafen konnte ich jedoch auch nicht.

Also setzte ich mich wieder auf und betrachtete mein Zimmer. Seufzend sah ich auf die Uhr und setzte mich wieder an meinen Laptop…

In knapp ein einhalb Stunden war ich mit Connor verabredet… Und mein Fieber nahm zu…

 

 

 

 

 

 

Kapitel 6 Filme, Chips und Autorennen

Ich war schon drauf und dran, doch daheim zu bleiben und nicht zu Connor zu gehen, doch meine Neugierde und irgendetwas in mir, drängten mich dazu, ihn wieder zu sehen. Auf dem Weg zu seinem Haus nahm das Fieber in mir immer mehr zu und ich überlegte mir noch mal, ob ich nicht vielleicht doch…

*Schluss damit. Ich will seine Freunde kennen lernen… *

Ich sah auf den Zettel, den er mir zugesteckt hatte und auf dem seine Adresse stand. „hm…“, nachdenklich sah ich mich um und fand schließlich das Straßenschild. Ich war richtig, also bog ich in die nächste Straße ein und suchte nach der richtigen Hausnummer. 113.

Die Häuser hier sahen so aus wie die bei mir in der Straße. Genau so groß, genau so gemütlich, genau so schön und adrett.

„110…111…112…113! Da ist e-…?“ Ich stand vor dem größten und luxuriösesten Haus der gesamten Straße. „Woah…“, hauchte ich ziemlich überwältigt und bemerkte dann erst die vielen Fahrräder, die an die Hauswand gelehnt wurden. Sechs Fahrräder. Zwei davon standen in einem Fahrradständer, die anderen lehnten nur unspektakulär an der Wand des großen Hauses. Ein wenig eingeschüchtert tapste ich mir meinen Weg voran in Richtung Haustüre…

Die Hitze in meinem Körper wurde immer schlimmer und kurz vor der weiß gestrichenen Türe hielt ich inne. „Soll ich wirklich…?“, fragte ich mich ganz leise, doch schon zu spät.

Die Tür wurde aufgemacht und Connor stand grinsend vor mir. „Haudi!“, lachte er gut gelaunt und ich wurde ein wenig erschlagen von seiner guten Stimmung. Die Hitze in mir war schon längst vergessen. „H-hi…“, brachte ich leise stammelnd hervor und hob die Hand. „Na, nicht so schüchtern. Komm rein, ich stell dir alle vor.

Er winkte mich durch die Türe und ich ging langsam hinein. Aus Gewohnheit zog ich meine Schuhe aus und stellte sie an eine Wand.

Connor machte die Tür hinter mir zu und geleitete mich in das riesige Wohnzimmer, in dem vier Jugendliche herumsaßen, redeten, lachten und Späße machten. Mir war das eine fremde Welt. Doch sie schienen ganz nett zu sein…

„HE!“ Connor meldete sich lautstark zu Wort. „Seit mal ruhig. Ich möchte euch meinen neuen Kumpel vorstellen“, meinte er breit grinsend und legte mir einen Arm um die Schulter. Das war jedoch so unerwartet, dass ich zusammen zuckte. „Er ist ein bisschen schüchtern, also seid gefälligst freundlich zu ihm!“, lachte er. Ich wusste nicht was ich sagen sollte, also wiederholte ich nur mein, noch immer unsauberes „Hi“, von vorhin. „Also“, begann Connor. „Das ist Maddox“, er deutete auf einen der zwei Jungs im Raum, der näher bei Connor und mir war. Maddox, ein, knapp 1,76m großer Junge mit schwarzen, schulterlangen Haaren und einem Schrägen Pony hielt mir seine Hand entgegen. Ich drückte sie nur kurz. „Aaron…“, murmelte ich leise. Maddox trug ein Septum (Das Ding was auch die Bullen immer in der Nase haben) Snakebites und ein weiteres Piercing an der Oberlippe auf der linken Seite. Wie alle im Raum, bis auf den zweiten Jungen, hatte er seine Augen schwarz geschminkt.

„Dieses nette Fräulein hier, ist Scarlette“, stellte Connor mir eines der beiden Mädchen vor, die ihm dafür leicht gegen sein Schienbein kickte. „Hi. Freut mich dass mal jemand neues hier ist“, meinte sie freundlich lächelnd und stand auf. Sie hatte ebenfalls das Bullen-Metall durch die Nase und ihre Haare waren fast weiß und hüftlang. Sie hatte sie hinten auftoupiert und hatte blaue, pinke und schwarze Strähnchen in den Haaren. Sie war zwei Zentimeter kleiner als ich und auch 15. Anstatt mir die Hand zu schütteln, nahm sie mich kurz in den Arm, genau wie Connor es tat. Sie hatte dieselben wunderschönen, rehbraunen Augen wie er…

Die Nächste, die er mir vorstellte, war Catlyn. Sie war drei Zentimeter größer als ich und hatte genau dieselbe Frisur wie Scarlette, doch Catlyn hatte nur pinke Strähnchen in den Haaren. Sie hatte wie ich, nur Snakebites und freundliche, blaue Augen.

Der letzte im Bunde, war ein ziemlicher Riese, mit schwarzen Haaren, in denen man blaue und weiße Strähnchen finden konnte und die hinten zu Stacheln aufgegelt waren, sah er noch größer aus, als er ohnehin schon war. 1,94m wie ich später mitbekam. Ganze 30 Zentimeter größer als ich! Er trug ein Augenbrauenpiercing, ein Septum und ein Bridge-Piercing, welches sich am Anfang des Nasenrückens zwischen den Augen befand. Es stand ihm wirklich gut. Er grinste mich an und zerquetschte mir mit seiner Kraft beinahe die Hand, als er sie schütteln wollte.

Er stellte sich mir, als Thunder vor.

Das waren sie also. Maddox, Scarlette, Carlyn und Thunder…

Ich sah ein wenig überfordert in die Runde und Connor zog mich mit sich auf die riesige Couch. Ich landete weich und lehnte mich zurück. Links neben mich, setzte sich Scarlette und textete mich erst mal eine halbe Stunde lang zu. Von dem Meisten bekam ich jedoch kaum etwas mit, da ich damit beschäftigt war, auf den riesigen Flachbildschirm vor mir zu sehen, auf dem Thunder und Maddox nun Autorennen gegeneinander fuhren. Connor sah immer wieder zu mir und lächelte mich aufmunternd an. Als Scarlette endlich mal Pause machte, da sie auf die Toilette musste, setzte ich mich auf die andere Seite, neben Connor. „puuh…“, erleichtert atmete ich aus und rieb mir den Nacken. „Keine Angst, daran gewöhnst du dich“, lachte Connor leise und deutete hinter sich auf eine Tür, in der Scarlette verschwunden war. Ich lächelte nur kurz und sah dann wieder zum Fernseher. Connor fand es anscheinend besonders amüsant, mich zu beobachten, wie ich vollkommen überfordert inmitten der fremden Leute saß und einfach nur geradeaus starrte.

„Haaaah! Jetzt hab ich dich platt gemacht, wuuuh!“, schrie Maddox plötzlich auf und warf sich auf den riesigen Thunder. „Woha! H-hey!“, lachte dieser und drückte ihn von sich weg. „Na warte, keiner wagt es, sich einfach auf mich drauf zu werfen!“ er sprang auf und Maddox rannte schreiend weg. Ich beobachtete das Ganze mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht. Connor schmunzelte. „Und daran…“, man konnte Maddox schreien hören, als Thunder ihn zu Boden stieß und sich dann auf ihn drauf warf , „gewöhnst du dich ganz bestimmt auch“, lachte Connor. Catlyn setzte sich nun neben mich und nahm den Controller der Playstation in die Hand. Nun fuhr sie eine Runde gegen das Programm. „Weißt du“, begann sie schmunzelnd, während sie konzentriert ihren Blick auf dem Bildschirm behielt, „Thunder und Maddox tun immer nur so als könnten sie sich nicht leiden aber in Wirklichkeit sind sie ein echt süßes Paar“

Ich sah sie ein wenig verwirrt an. „Paar?“, war das ihr Ernst? Sie grinste mich nur kurz an und nickte. „Die Zwei sind schon seit zwei Jahren ein Paar. Und wenn sie sich nicht gerade wie die kleinen Kinder verkloppen oder ärgern, dann sind sie wirklich niedlich. Vorallem Maddox ist immer wie ein kleines Kind wenn er mal kuschelbedürftig ist“, fuhr sie fort. Man konnte die Zwei immer noch hören, wie sie auf dem Boden lagen und miteinander rauften. Catlyn jubelte, da sie beim Rennen die Erste geworden war. „HA!“, lachend drehte sie sich zu Maddox und Thunder. „Ihr könnt echt nich’ fahren!“, rief sie triumphierend. Beide Hoben den Kopf und riefen im Chor „gar nicht wahr!“

Ich drehte mich nach hinten und sah über die Rückenlehne des Sofas, wie Thunder über Maddox auf allen vieren kniete und seine Hände zu Boden drückte.

Vorsichtig wandte ich mich zu Connor und fragte leise: „Die Beiden sind schwul?“ Connor schüttelte den Kopf. „Thunder ist bi und Maddox schwul“, erklärte er zwinkernd.

Ich nickte. „Achso…“ Somit war das Thema gegessen.

Ich kannte zwar noch nie irgendwelche Homosexuellen Menschen, aber das hieß ja nicht, dass ich irgendwas gegen sie hatte. Im Geringsten nicht. Mir war das eigentlich ziemlich egal. Ich sah zu der Playstation und dann zum Bildschirm. „Willst auch mal fahren?“, fragte Connor grinsend. Ich lächelte ertappt und nickte. „Gegen mich?“ er nahm die Controller und drückte mir einen in die Hand. „Okay“, antwortete ich leise. „Weißt du wies geht?“, fragte er vorsichtshalber nach.

Sollte ich mich dafür schämen? Ich wusste nicht wie es funktionierte, denn ich hatte noch nie mit einer Spielekonsole gespielt…

Doch Connor war so nett und erklärte mir alles, so dass ich es super verstand. So konnten wir problemlos gegeneinander rennen fahren, was bei mir Anfangs noch ziemlich wackelig war, da ich mir nicht gleich alles merken konnte und ab und zu nachfragen musste, doch mit Connors und Catlyns Hilfe ging das super. Ich fuhr nicht nur gegen Connor, sondern auch gegen die Quasselstrippe Scarlette und gegen den riesigen Thunder.

Wir redeten auch viel miteinander und so langsam taute ich auf. Ich konnte sogar alle mit einem uralten Witz zum lachen bringen, den mir mein Dad mal erzählt hatte.

Nach knapp drei Stunden ging Scarlette mit dem Fahrrad in die Stadt, um Chips und Popcorn zu holen, da wir uns ein paar Filme ansehen wollten. Horrorfilme!

Auch das war etwas Neues, das ich an diesem Tag kennen lernte. Ich hatte noch nie einen richtigen Horrorfilm gesehen und war schon ziemlich aufgeregt. Gegen halb 9 legten wir den ersten Film ein, nachdem das Popcorn fertig war und setzten uns mit gemütlichen Decken auf die Schlafcouch.

Kurz bevor der Film startete, gaben Maddox, Thunder und Scarlette bekannt, dass sie heute bei Connor übernachten würden. Catlyn rief ihre Mum an und bekam die Zusage, so blieb auch sie.

„Willst du nicht auch bleiben?“, fragte mich Maddox, mit dem ich mich schon gut angefreundet hatte. „Ich kann ja fragen“, schlug ich vor und zückte mein Handy. Ich rief meine Mum an und alle waren leise und lauschten gespannt, da ich den Lautsprecher anstellte.

>Ja?<, meldete sich meine Mum. „Hey Mum, ich bins. Du, ich hätte da mal ne Frage… Wäre es okay wenn ich heute bei Connor übernachte?“, fragte ich vorsichtig. >Wenn du morgen pünktlich daheim bist um deine Schulsachen zu packen und in die Schule zu gehen, gerne.< Ich hatte gewusst, dass das ihre einzige Bedingung sein würde. „Okay, danke Mum!“, zufrieden legte ich auf und alle freuten sich, dass ich bleiben konnte. Ich fühlte mich richtig wohl hier, bei Maddox, Thunder, Scarlette, Catlyn und vor allem Connor. Ihm allein hatte ich zu verdanken, nun endlich Freunde gefunden zu haben.

Ich grinste ihn überglücklich an und dann setzten wir uns alle gemütlich hin, denn der Film ging nun los. Ich saß zwischen Scarlette und Connor und sah mir behutsam den Film an. Immer wieder zuckte ich zusammen, als irgendwo, irgendwas erschien. Scarlette hatte sich an mich gekuschelt, sodass ich immer weiter zur Seite rutschte, in Richtung Connor. Schließlich lehnte ich an ihm, doch ich bemerkte es nicht einmal.

Ihn schien das nicht einmal zu stören. Als es wirklich, wirklich ekelhaft wurde, sah ich weg und drückte mich an Connor, zuckte aber sofort wieder zurück. „T-tschuldigung…!“, flüsterte ich erschrocken. Connor lächelte nur und zog mich wieder zu sich, sagte aber nichts. Scarlette klammerte sich schon so fest an meinen Arm, dass es beinahe weh tat. *Lass doch mal los…* Und endlich. Sie ließ los, sprang auf und lief nach draußen. Erleichtert atmete ich auf und konnte mich nun entspannt an Connor lehnen…

Nachdem der erste Film zu Ende war, machte Catlyn neues Popcorn und ich setzte mich aufrecht hin. Scarlette kam nicht wieder, sodass Maddox nach ihr suchte. Als er alleine wieder kam, grinste er. „Sie liegt in Connors Bett und pennt.“, lachte er und setzte sich wieder zu Thunder. Er kuschelte sich dicht an ihn und wartete, bis Catlyn den zweiten Film startete.

*Die Zwei sind wirklich ein niedliches Paar*, dachte ich schmunzelnd und ich wurde rot, als ich bemerkte, dass auch ich gerade dabei war, mich an Connor zu kuscheln. Wieder stieg diese Hitze in mir empor und nun begriff ich, dass mein Fieber… überhaupt kein Fieber war…

 

Kapitel 7 Der Morgen danach

Beim zweiten Film saß ich aufrecht und stopfte mir Popcorn und Chips abwechselnd in den Mund. Connor schien es überhaupt nicht bemerkt zu haben, dass ich mich an ihn kuscheln wollte… Immer wieder warf ich ihm einen vorsichtigen Blick zu, doch er sah sich einfach nur den Film an und musste sogar ab und zu lachen, als etwas wirklich ekelhaftes passierte.

Ich beschloss, meine Konzentration ebenfalls auf den Bildschirm zu richten und nicht weiter darüber nach zu denken. Doch mit einer ganzen Tüte Chips und einer halben Schüssel Popcorn intus, kratzte dieser Film schon deutlich an meiner Übelkeitsgrenze. Als man dann schließlich, komplett unzensiert, einen Zombie sah, der einen Menschen bei lebendigem Leibe verspeiste, warf ich die Schüssel weg und verschwand in eiligen Schritten nach draußen. Ich schloss die Tür hinter mir und atmete tief die eiskalte Nachtluft ein, die mich sofort zum Zittern brachte.

Ich atmete unregelmäßig und mich wurde kotzübel. Lag das nun am Film oder daran, dass ich so viel gegessen hatte?

An beidem, wahrscheinlich. Ich lehnte mich an die Hauswand und starrte auf die spärlich beleuchtete Straße. So ganz alleine hier draußen, wo alles still war und man die Dunkelheit beinahe schon hören konnte, bekam ich langsam Panik. Was, wenn jetzt gleich einer dieser widerlichen, menschenfressenden Zombies um die Ecke kam? Was könnte ich tun? Würde ich es überleben? Würde ich auch zu einem Zombie werden?

Wirre Gedanken huschten kreuz und quer durch meinen Kopf, der langsam aber sicher, zu platzen drohte. Ich hatte Angst.

Ganz alleine hier draußen zu sein…

Mein Körper zitterte immer stärker und die eiskalte Luft schnürte mir die Kehle zu. Ich schrie vor Schreck auf, als sich plötzlich die Tür öffnete, neben der ich noch immer stand.

„ssht…ganz ruhig…Ich bin’s nur.“

Ich sah zu der großen Gestalt neben mir und seufzte erleichtert, als ich endlich bemerkte, dass es Connor war und kein blutrünstiger, erbarmungsloser Menschenfresser. Ich sah zu Boden und atmete tief durch.

„Ist dir nicht kalt?“, fragte er mit einer so sanften und wohltuenden Stimme, dass mir wieder so ekelhaft warm wurde, ich aber dennoch von der Kälte hier draußen zittern musste. „…“, ich schüttelte den Kopf und starrte auf die Straße. Die Laterne, die vor Connors Haus stand, flackerte unruhig und verlieh der Szenerie eine schaurige Atmosphäre. Auch der leichte Nebeldunst, der durch die Straßen kroch, machte das Ganze nicht gerade gemütlicher.

„Geht’s dir nicht gut?“, wieder sprach er mit dieser unglaublich verführenden Stimme und stand nun so dicht bei mir, dass ich ihn fast schon spüren konnte. Wieder schüttelte ich nur den Kopf und traute mich nicht, zu ihm hoch zu sehen…

„Sicher? Du bist ganz bleich, ist dir schlecht?“, und wieder diese Stimme. Ich hätte schmelzen können und es lief mir eiskalt den Rücken hinunter.

Behutsam hob ich den Kopf und lugte zu Connor hinauf, der mich besorgt mit seinen rehbraunen Augen ansah, die im Licht der flackernden Laterne leicht schimmerten.

„J-ja…zu viel Chips…“, murmelte ich leise und merkte erst am Schluss, dass meine Stimme zitterte.

Connor lehnte sich neben mich gegen die Wand und strich mir ganz zaghaft über die Haare. Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf und wieder lief es mir eiskalt den Rücken hinab. Ich konnte meinen Blick nicht von seinen Augen wenden und auch Connor schien nicht weg sehen zu wollen…

*…was…ist das für ein Gefühl? …Mein Herz zerspringt gleich und ich kann nicht mehr richtig atmen…*, es war etwas völlig fremdes für mich und wieder entschied ich mich, für eine Grippe.

„brauchst du irgendwas?“, fragte Connor leise und legte mir achtsam einen arm um die Schultern.

Abermals gab ich ihm nur ein Kopfschütteln als Antwort. Ich hatte meine Übelkeit schon längst wieder vergessen und fror nur noch. Ich spürte, wie Connors Hand sanft über meine Schulter strich und er seinen Blick zur Straße wandte. Ich sah wieder zu ihm hinauf und seufzte ganz leise, während ich mich vorsichtig an ihn lehnte. Connors Kopf drehte sich wieder zu mir und er schmunzelte leicht. Ich hatte meine Augen geschlossen, als er mich behutsam in den Arm nahm und mir immer und immer wieder sanft durch die Haare strich…

 

 

Irgendwann musste ich wohl eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, lag ich auf der ausgezogenen Couch in dem riesigen Wohnzimmer. Catlyn lag links von mir und neben ihr kuschelten sich Maddox und der große Thunder aneinander. Als ich die Augen langsam öffnete, sah ich vor mir einen leeren Schlafplatz. Ich lag mit dem Rücken zu Catlyn und brauchte erst mal eine Weile, bis ich ganz bei Bewusstsein war. Langsam erhob ich mich und betrachtete die Anderen beim Schlafen. Ein wenig betrübt wandte ich den Blick wieder ab und sah dann zur Küche. Ich entdeckte Connor, der wohl gerade dabei war, Frühstück zu machen, denn ich konnte es leise brutzeln hören und der Duft von frischen Pancakes erfüllte den leicht muffigen Raum. Vorsichtig stand ich auf, darauf bedacht, die Anderen dabei nicht zu wecken.

Connor bemerkte erst jetzt, dass ich wieder wach war. Er sah zu mir und lächelte mich freundlich an. „Na, geht’s dir wieder besser?“, fragte er lächelnd und trug einen großen Teller mit einem noch größeren Stapel Pancakes zum Esstisch. Ich nickte leicht und sah zu dem Teller. Da lief einem glatt das Wasser im Mund zusammen, so duftete es…

Connor kam zu mir und legte den Kopf leicht schief. „Stimmt irgendwas nicht?“, fragte er vorsichtig nach. Ich schüttelte den Kopf. „Nur…müde…“, murmelte ich mit verschlafener Stimme und rieb mir die Augen.

Die Sonne blitzte gerade durchs Fenster und schien mir direkt ins Gesicht. „nuh…“, ich musste gähnen und setzte mich an den Frühstückstisch. „Du kannst so viel essen wie du willst“, meinte Connor schmunzelnd und setzte sich ebenfalls. „Die Anderen werden noch ne Weile schlafen, wie ich sie kenne“, lachte er leise und nahm sich dabei einen der Pancakes. Ich konnte nicht widerstehen und nahm mir ebenfalls einen, der schnell verschlungen war. Ich machte große Augen und leckte mir die Lippen.

„Wow…“, ein wenig überwältigt von Connors Kochkünsten sah ich zu ihm. Connor fing plötzlich zu lachen an. „Dankeschön“

Knapp 20 Minuten und fünf Pancakes später, war ich satt und lehnte mich zufrieden schmunzelnd zurück.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Connor schließlich und sah mich an. Ich nickte wieder. „Ja…Deine Couch ist super gemütlich…“, meinte ich ein wenig schüchtern lächelnd. Connor wanderte mit dem Blick zu etwas hinter mir und legte den Kopf schief. Fraglich drehte ich mich um und erschrak, als ich sah, dass ich schon viel zu spät dran war. „Verdammt! Ich muss doch zur Schule!“, völlig überstürzt sprang ich auf, schlupfte in meine Schuhe und warf ein hastiges „Tschüss!“ zurück in den Raum. Ich rannte in derselben, eisigen Kälte nach Hause und als ich endlich dort an kam, brannten meine Lungen. „mh…mist…“, keuchte ich und öffnete mit zitternden Fingern die Tür. Ich rannte hoch in mein Zimmer, schnappte mir meine Schultasche und eilte wieder zurück nach unten.

Als ich die Tür aufriss, sah ich gerade, wie der Bus um die Ecke bog und verschwand.

„NEIN!“, schrie ich wütend und lief, schon längst außer Atem, dem Bus hinterher, doch er war zu schnell für mich. Ich erwischte ihn erst, als er bei Davids Haus hielt. Wumms!

Da lag ich nun und starrte schwer atmend in den Himmel. Ich spürte etwas warmes, dass sich unter meinem Kopf sammelte und hörte Stimmen, die sich um mich herum sammelten.

Mein Kopf begann zu dröhnen und zu pochen, sodass ich nichts mehr anderes wahr nahm, als die Gedanken, die versuchten, ihren Platz in meinem Kopf zu finden.

Doch das Einzigste, an was ich denken konnte…war Connor.

Alles um mich herum wurde langsam dunkler, blasser und verlor an Bedeutung. Der Schmerz, die Kälte, die Stimmen, mein kratzender Hals, die Tränen, die mir über die Wangen liefen…

Nichts war von Bedeutung.

Alles was ich klar vor mir sehen konnte, war Connor, wie er mich anlächelte, wie seine Augen selbst im geringsten Lichtschein funkelten. Ich könnte seine sanfte, beruhigende Stimme in meinem Kopf hören, die jeden Schmerz und jedes Leid verdrängten und nur Platz für ihn da ließ.

Was war das für ein Gefühl?

Warum schlug mein Herz so schnell?

Warum war mir so unglaublich warm wenn ich an ihn dachte?

Warum sah ich nur ihn und warum nicht Catlyn, Scarlette, Maddox oder Thunder?

War es wirklich nur Freundschaft, was ich für ihn empfand?

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit um sie zu stellen.

 

 

 

 

 

Kapitel 8 Flucht

Ich erwachte in meinem Bett, über mir die weiß gestrichene Decke. Ein Verband drückte auf meinen Kopf und meine Bettdecke wärmte mich, während die kalte Luft durch mein Fenster zog.

War das Alles nur ein Traum gewesen?

Ich drehte den Kopf zur Seite und bemerkte erst jetzt, dass ich mich in meinem Zimmer befand. Das Fenster stand weit offen und der Wind ließ die weißen Gardinen sanfte Wellen schlagen. Ich seufzte leise und hob den Kopf. Alles war wie immer.

Mein Zimmer war aufgeräumt, an meinen Wänden hingen Poster von irgendwelchen Stars und auf meinem Schreibtisch stand mein Laptop.

Die Tür ging auf und meine Mum schob sich etwas umständlich mit einem Tablett in der Hand durch den Türspalt. „Oh. Na mein Schatz? Wie geht es dir?“, fragte sie lächelnd und stellte das Tablett neben meinem Bett auf dem kleinen Nachttisch ab. Nudelsuppe und Tee.

Ich hob langsam meine Hand und befühlte meinen Verband. „Was ist passiert?“, fragte ich leise. Meine Stimme hörte sich irgendwie kaputt an. Als hätte ich drei Tage lang nur geschriehen.

Meine Mum setzte sich auf die Bettkante und lächelte mich ein wenig besorgt an. „Du bist wie verrückt dem Schulbus hinterher gerannt und dann auf dem glatten Boden ausgerutscht. Es hat deinen Kopf erwischt und dich sofort ausgeschalten, doch der Arzt meinte, es ist harmloser als es aussieht.“, erklärte sie mir mit einem aufmunternden Gesichtsausdruck.

Ich seufzte und ließ meinen Kopf wieder in die Kissen fallen. „Kh-au…“, ich verzog das Gesicht vor Schmerz und drehte mich auf die Seite.

„Tut mir leid, ich hab verschlafen…“, murmelte ich leise und sah zu ihr hoch. Sie schüttelte den Kopf. „Schon okay. Hättest du was gesagt, hätte ich dich gefahren“

 

Ich schlief den Tag über immer wieder ein und musste ständig an Connor denken, den ich einfach hatte sitzen lassen, nur um meine Mum nicht zu enttäuschen. Es tat mir leid und ich wollte mich unbedingt bei ihm entschuldigen, doch ich hatte ja nicht mal seine Handynummer. Ein wenig deprimiert schlappte ich an diesem Abend die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Mein Kopfweh wurde gerade wieder schlimmer, da die Schmerztabletten nach ließen und ich mir ohnehin schon den Kopf darüber zerbrach, wie ich Connor am besten Morgen noch erreichen könnte. Meine Mum würde mich vorerst jedenfalls nicht aus dem Haus lassen.

Ich setzte mich vor den Fernseher und hätte jetzt am liebsten ein wenig Autorennen gespielt, um mich abzulenken, doch wir besaßen keine Spielekonsole. Die Nacht über, verbrachte ich auf unserem Sofa, welches auch ziemlich gemütlich war.

 

Am nächsten Tag, gegen Mittags, ging meine Mum schließlich einkaufen, für die kommende Woche und somit hatte ich etwas Zeit, um zu Connor zu gehen und mich bei ihm zu entschuldigen. Ich brach also auf, diesmal jedoch ganz vorsichtig, da es in der Nacht geschneit hatte und nun alles voller Glatteis war. Die Straße glänzte förmlich.

Es war wunderschön wie der Schnee, welcher sich auf den kahlen Bäumen, den gräulichen Büschen und den teuren Häusern befand, im Licht der Sonne glitzerte. Ich konnte sogar ein paar Vögel zwitschern hören und musste unwillkürlich an Weihnachten denken. Ich freute mich darauf, denn es war immer so schön, auch wenn wir nur zu zweit waren. Die ganze Stimmung des Weihnachtsfestes, der Weihnachtsbaum, ein knisternder Kamin, ein super leckeres Essen und natürlich auch die Geschenke. Doch irgendwie, hatte es für mich auch immer etwas Melancholisches.

Weihnachten zu zweit war zwar auch sehr schön, aber ich vermisste meinen Dad, meinen Bruder und meine Schwester…

An Weihnachten musste ich immer daran denken, wie wir früher zusammen vor dem Weihnachtsbaum saßen und wir Kinder eifrig unsere großen Geschenke auspackten. Die Wohnung war uns zu fünft immer viel zu klein gewesen, doch es war einfach sehr gemütlich dort und es hatte immer etwas Vertrautes. Man fühlte sich einfach wohl, wenn man dort war.

Seufzend sah ich auf und bemerkte, dass ich schon bei Connors Haus angelangt war. Ich stand eine Weile lang einfach nur vor der Tür und überlegte, was ich sagen sollte. Als ich mich dann endlich dazu überwand, zu klingeln, machte niemand auf.

War er sauer auf mich, dass ich einfach gegangen bin?

Ich klingelte noch einmal und wieder machte keiner auf. Traurig drehte ich der Tür den Rücken zu und wollte gerade gehen, da standen Connor und Scarlette vor mir.

„Wolltest du zu uns?“, fragte er schmunzelnd und legte den Kopf schief. Beide trugen jeweils zwei Tüten in der linken und rechten Hand. Die von Connor schienen jedoch um einiges schwerer zu sein.

Ich suchte nach Worten, nickte dann aber nur.

Seit wann war sprechen so schwierig?

Er lächelte und öffnete die Haustür. Scarlette ging schon mal rein und Connor stellte die Tüten im Flur ab. „Willst du rein kommen?“, fragte er freundlich.

Ich sah ihn verwirrt an. „Bist du denn nicht sauer auf mich?“ Dafür bekam ich einen verwirrten Blick von Connor zurück. „Ähm…? Nein, wieso? Hast du irgendwas angestellt?“, fragte er mit scherzendem Unterton. Ich schüttelte leicht den Kopf. „Nein…ich…ich dachte nur, du wärst vielleicht sauer, weil ich einfach gegangen bin…“, stammelte ich leise.

„Achso“, Connor lachte, „nein, das ist schon okay. Ich war nur etwas überrascht. Also, willst du jetzt rein kommen, oder war’s das schon?“ Ich sah zu ihm hoch und dann über meine Schulter zurück. Meine Mum würde erst in einer Stunde wieder da sein, also ging ich mit Connor nach drinnen.

Während er die Einkäufe in den Schränken verstaute, herrschte eine bedrückende Stille. Ich konnte mein Herz klopfen hören und mein Kopf brummte laut.

„Was hast du denn da gemacht?“, fragte Connor irgendwann, während er ein paar Gewürze nachfüllte. „Was?“, fragte ich verwirrt, da er mich gerade aus meinen Gedanken gerissen hatte. „An deinem Kopf“, kam es von Connor.

Ich fasste wieder an den Verband an meiner Stirn. „Bin dem Bus nachgelaufen und auf dem Eis ausgerutscht…“, murmelte ich leise. Connor drehte sich zu mir und stützte sich mit den Händen auf der Arbeitsplatte ab. „Tut das sehr weh?“, fragte er vorsichtig.

 

Ich überlegte kurz, ob ich nein sagen sollte, nickte dann aber. „Willst du ne Tablette?“

Wieder musste ich kurz überlegen und abermals nickte ich leicht. Connor kam schmunzelnd auf mich zu und meine Augen weiteten sich, als er plötzlich eine Hand unter mein Kinn legte. „Nicht immer so schüchtern, bitte…“, flüsterte er leise, hob meinen Kopf ein wenig an und berührte mit seinen Lippen den Verband.

Mein Blut schoss mir in den Kopf und ich spürte, wie ich rot anlief, was Connor jedoch, ich danke Gott, nicht sehen konnte, da er schon nach oben ins Badezimmer verschwunden war.

*Ich muss hier weg…*, das Ganze wurde mir einfach zu viel.

Ich hasste mich dafür aber ich ging trotzdem und ließ Connor wieder einmal unerwartet zurück.

Ich flüchtete.

Vor ihm.

Vor mir…

Vor meinen Gefühlen.

Kapitel 9 Zwölf Buchstaben

Die folgenden Tage über, verschanzte ich mich zu Hause in meinem Zimmer und kam nur heraus, um zu essen oder zu duschen. Ich hatte mir im Internet Liebesromane durchgelesen und fühlte mich nun so, als wäre ich mitten in einem drin.

Es war ein komisches Gefühl, nicht zu wissen, was der Andere fühlte. Aber was sollte er schon fühlen? Ich hatte Connor nicht gesagt, dass er, für mich, die schönsten Augen, das bezaubernste Lächeln, die größte Anziehungskraft, die sanfteste Stimme und den tollsten Charakter hatte. Ich träumte jede Nacht von ihm und er wollte mir selbst am Tag nicht aus dem Kopf gehen…

Seine Stimme hallte in meinen Gedanken wider und seine Augen hatten sich in mein Gedächtnis gebrannt. Mit der Zeit hatte es zu schmerzen begonnen, wenn ich an ihn dachte. Ich fühlte mich schrecklich einsam ohne ihn und auch die Anderen fehlten mir, doch weit weniger als Connor selbst.

Es gab etwas, auf das ich wirklich, wirklich nicht stolz war. Es passierte immer wieder. Ich verlor einfach die Kontrolle über das, was ich tat und jedes Mal bereute ich es. Meine Mum hatte bisher, sieben Wochen waren schon vergangen, nichts davon mit bekommen…

 

Es war wieder einer dieser Tage, an denen alles einfach nur schief lief. In der Schule stolperte ich ständig und wurde andauernd von den Anderen verhöhnt und gemobbt. Weinend kam ich nach Hause und schloss mich, wie immer, in meinem Zimmer ein.

An meinen Wänden hatte ich mit einem schwarzen Filzstift immer wieder die Worte : >Stop crying < geschrieben. Ich blieb inmitten meines Zimmers stehen und sank schluchzend zu Boden. *Hör endlich auf damit. Du bist wie ein kleines Kind! Dich will doch eh niemand haben, also was scherst du dich noch darum? Bereite dem Ganzen ein Ende!*, fauchte eine Stimme in meinem Kopf. Es war meine Stimme und der Dämon, der sich in meinem Herzen eingenistet hatte, beherrschte sie. Wie auf Knopfdruck hörte ich mit weinen auf, erhob mich langsam und ohne jegliche Gefühlsregung und schlappte mit hängendem Kopf ins Badezimmer. Willenlos griff ich nach der Rasierklinge, die auf dem Waschbeckenrand lag und starrte in den Spiegel. Eigentlich war es kein Spiegel mehr, denn ich hatte ihn aus einem komplett unerwarteten und sehr furchteinflößenden Wutausbruch zerschlagen.  Ein einziger Schlag und er war zersprungen.

Wie viele Jahre?

Sieben?

Naja, Pech hatte ich schon seit ich geflüchtet war… Bestand mein Herz denn aus einem Spiegel? Denn als er zerbrach, heftete sich das Pech an meine Versen und alles um mich herum begann zu zerspringen und zu zerlaufen. Ich sprach nicht mehr mit meiner Mum und auch sonst war ich komplett in einer anderen Welt. Im Unterricht starrte ich nur zum Fenster hinaus und baute mir vor meinem inneren Auge eine Welt auf, die Nicht vor lauter zersprungenen Spiegeln schrie und in der nicht der Dämon wohnte, der es sich in meiner Brust gemütlich gemacht hatte, dort, wo einst mein Herz war.

 

Mit monotonem Gesichtsausdruck sank ich auf den geschlossenen Klodeckel und zog mir meinen Ärmel nach oben. Ein blutiger Verband kam zum Vorschein und ich wickelte ihn langsam ab. Der Schmerz war unerträglich, doch meine Gesichtszüge regten sich nicht, schon seit Wochen nicht mehr. Meine stummen Tränen und der Ausdruck in meinen Augen, dies war das Einzigste, was den endlosen Schmerz verriet, mit dem ich mir an diesem Abend wieder die Arme aufschnitt und zitternd zurück in mein Bett sank.

Wie so oft, tauchte Connor plötzlich vor mir auf.

>Warum tust du das?<, fragte er mich mit sanfter Stimme. Langsam hatte ich begonnen, seine stimme zu hassen. Ich hob den Kopf und sah ihn ausdruckslos an, sagte aber nichts. Connor setzte sich neben mich und legte mich einen Arm um die Schulter. >Hör endlich auf damit…ich bitte dich<, hauchte er leise in mein Ohr, sodass mir wieder die Tränen kamen. Ich wollte meine Augen schließen, doch ich konnte nicht aufhören, ihm weiterhin in seine wunderschönen, glänzenden, braunen Rehaugen zu schauen.

Es war nur ich, der ihn sah, nur ich hörte seine Engelsstimme, nur ich weinte, wenn er wieder verschwand und nur ich war der Einzigste, der sich davor fürchtete, ihm, einem Trugbild, einer Illusion, meine Gefühle zu offenbaren.

Ich setzte an. Wie jedes Mal startete ich einen weiteren, verzweifelten Versuch, es wenigstens diesem Connor, dem nicht vorhandenen, zu gestehen.

„…I-ich…“, meine Stimme versagte.

Wie kläglich dieses Schauspiel doch war, welches sich hier vortrug. Ich versuchte es erst gar nicht erneut.

Ich war zu schwach…

Zu müde…

Ich war zu feige.

Wieder ein Mal.

*Ich liebe dich…* sprach ich. In meinem Gedanken. Ich sank in die vielen, weichen Kissen und weinte weiterhin Stumm, wegen des Schmerzes und meinem verzweifelten Hass auf alle Welt und mich selbst.

Connor geisterte durch meinen Kopf wie ein himmlisches Etwas, nicht zu nennen, man konnte es nicht beschreiben. Wie ging das? In so kurzer Zeit, einen Menschen so sehr ins Herz zu schließen?

Wirklich, ich wusste es nicht und ich hatte auch nicht die Kraft dazu, darüber nach zu denken. Ich wollte doch nur bei ihm sein und mit ihm sprechen. Ich wollte ihn doch nur sehen und seine Stimme hören, wenn er lachte, wenn er sanft auf mich einredete.

Ich liebte ihn. Er war wie ein Engel für mich, nicht zu erreichen und doch so nah.

Er war mein Engel.

Wie lange würde es noch dauern, bis mein Engel mich vor dem Schmerz und dem Leid dieser Welt befreite?

Konnte ein Engel dies?

Ich war mir sicher, er hätte das gekonnt.

Ob er kommen und mich holen würde? Mit hinauf, auf seine Wolke, dort oben im Himmel? Dort, wo alles wunderbar und friedvoll war?

Nein.

Und das war auch etwas, das ich wusste.

Ich würde die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.  …Nur wann?

 

Connor hatte sich wie immer nach kurzer Zeit wieder in Luft aufgelöst, doch in meinen Gedanken, da saß ich bei ihm und sah ihm einfach nur in die Augen. Der Schmerz in meinem Arm hatte mich von dem Schmerz in meiner Brust abgelenkt. Unaufhörlich pochten die Wunden unter dem blutigen verband. Der Schmerz hatte etwas…Benebelndes.

So konnte ich an diesem Tag doch noch einschlafen.

 

 

„Aufstehen, Schatz!“, rief die freundliche, heitere Stimme meiner Mutter. Sie klopfte an die Türe und öffnete sie dann ein Stück. „Sieh mal, du hast Post“

Sofort schnellte ich hoch. „Post? Von wem?“, fragte ich überrascht.

„Es steht kein Absender drauf…Hm…Aber ich glaube, das ist von einem Mädchen…“, meinte sie schmunzelnd und überreichte mir den Brief. Ich nahm ihn entgegen und betrachtete ihn. Ein schlichter, weißer Umschlag.

„Wieso glaubst du das?“, fragte ich leise und sah ihr in die Augen. „Sieh dir doch die Schrift an. So schön schreibt kein Junge“, meinte sie voller Überzeugung und ging dann wieder zur Türe. „Es gibt gleich Frühstück, wenn du hunger hast.“

Klack.

Die Türe fiel ins Schloss und es herrschte wieder diese deprimierende Stille im Raum. Ich starrte eine Weile lang den Brief an. Ich hatte schreckliche Angst davor, ihn zu öffnen.

Warum? Keine Ahnung.

Ich fragte mich nicht, ob er von Connor war, ich wusste es. Das war genau dieselbe Schrift, wie auf dem Zettel, den ich noch immer auf meinem Schreibtisch liegen hatte, auf dem seine Adresse stand.

Der, abermals, pochende und stechende Schmerz in meinem linken und rechten Unterarm, brachte mich zurück in die Realität und ich öffnete langsam den Umschlag. Darin war ein weißes Blatt Papier, zwei mal gefaltet.

Mein Herz raste wie verrückt und ich konnte meinen schweren Atem hören. Ganz langsam zog ich das Blatt aus dem Umschlag und roch vorsichtig daran.

*…Connor…* Ich faltete den Brief auf.

Einmal.

Und noch einmal…

Ich starrte auf das, fast, leere Blatt und konnte nicht begreifen, was dort geschrieben stand. Eine geschlagene Stunde starrte ich einfach nur diese wenigen Buchstaben an, die alles, alles einfach einstürzen ließen.

Diese eine Zeile mit diesen 12 Buchstaben, trampelte auf meinem zerbrochenen Herz herum und etwas sagte mir, dass das, das Ende war. 

 

 

 

 

 

 

 

Ich liebe dich

Kapitel 10 Wie eine Maschine

Ich verstand es nicht und doch war es dort so klar und deutlich geschrieben, wie es nur ging.

Ein zerreißendes Gefühl wollte mich nicht von dem Gedanken los bringen, dass das, das Letzte war, was ich jemals von ihm zu Gesicht bekommen würde.

Ich hatte Angst.

Angst vor dem was noch kommen würde.

Oder auch nicht.

Ich dachte nach…

Lange starrte ich jedoch nicht mehr auf das Blatt, denn mein Kopf, mein Herz und mein Verstand hatten sich geeinigt und einen Entschluss gefasst.

Ich musste unbedingt zu ihm.

Jetzt. Sofort.

Ich faltete das Blatt Papier einige Male zusammen und steckte es in meine Hosentasche. So schnell ich konnte, stolperte ich aus meinem Bett, meinem Zimmer, welches meine sichere Festung gewesen war und rannte die Treppe hinab, keuchend durch die Haustüre und schnurstracks am Bus vorbei, der mich zu überfahren drohte.

Den Schmerz in meinen Armen nahm ich schon gar nicht mehr wahr, nur das stechende Gefühl in meinem Hals und meinen Lungen, welches mich dazu zwang, langsamer zu laufen.

Doch ich hörte, wie so oft, nicht auf die Schmerzensschreie meines Körpers und rannte weiter. Die Straße hinab, um die Ecke, die nächste Straße hinab.

Mein Herz blieb beinahe stehen, als ich sah, wie sich am Ende der Straße eine Taxitüre schloss und das Taxi los fuhr. „Connor!“, schrie ich verzweifelt und hechtete dem Taxi hinterher, doch es war schon verschwunden.

Ich japste nach Luft und sank vor der Einfahrt zu Connors Haus auf die Knie.

Tränen kullerten mir über die Wangen und der eisige Wind peitschte mir ins Gesicht. Alles in mir, verkrampfte sich.

 

Noch immer schwer atmend, aber ein wenig ruhiger, erhob ich mich.

Wohin war er gefahren?

Ich wandte meinen Blick zur Haustüre und blieb erst einmal stehen, bis mein Blick zu den Fenstern des Hauses fiel. Die Vorhänge hingen nicht mehr dahinter und es schien so, als wäre das ganze Haus leer…

Ich spürte, wie die eisige Kälte meine Kehle durchschnitt und ich wollte nur noch wissen wo Connor war.

Vielleicht… war er es ja auch gar nicht, der da in das Taxi eingestiegen war?

Ich ging mit wackeligen Beinen auf die Haustüre zu und legte meinen Finger an die Klingel.

*Na los, Klingel!*

Fauchte ich mich selbst an und drückte schließlich drauf.

Sogar das Namensschild war fort…

Ich wollte nicht wahrhaben, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf ging. War er fort?

Für immer?

Oder…nur für eine Weile?

Niemand öffnete, also klingelte ich noch mal. Ich kaute auf meiner Lippe herum und meine Finger wurden schon ganz steif vor Kälte und Herzrasen.

Noch immer herrschte  völlige Stille im Haus und niemand wollte mir öffnen.

Doch jetzt, da ich hier war und ich mich endlich dazu entschieden hatte, ihm meine Gefühle- oder zumindest ein Teil davon- zu offenbaren, würde ich mich nicht so einfach unterkriegen lassen.

Ich klingelte noch einmal und noch einmal, doch weiterhin wurde nicht geöffnet.

Verzweiflung stieg in mir auf und vermischte sich mit meinen Tränen. Ich hämmerte gegen die Tür, doch wieder, nichts.

Ich schlug noch ein Mal kräftig dagegen und mit einem leisen „Klick“, öffnete sich die Tür.

Stumm drückte ich die Tür auf und ging ein paar Schritte hinein.

Alles war leer.

„…Connor…?“, hauchte ich mit zittriger Stimme. Ich schluckte schwer und betrat das riesige -leere- Koch-, Ess- und Wohnzimmer.

Die Küche war noch da, doch es standen keinerlei Geräte mehr darin und auch keine Teller oder Sonstiges.

Mein Atem ging ein wenig schneller und meine Augen füllten sich immer wieder mit Tränen, die dann auf meinen Wangen um die Wette kullerten.

Alles war leer. Der Teppich war weg, das große Sofa war weg, die Bilder, die Regale, die Pflanzen, der Fernseher mit den Spielekonsolen und der Esstisch.

Alles war fort.

Auf dem Trümmerhaufen meiner selbst stand ein kleines Etwas. Es hatte eine widerliche Fratze und grinste mit spitzen Zähnen bis über beide Ohren.

Es sprang und hüpfte und trampelte und rollte hin und her.

Sein Gelächter dröhnte in meinen Ohren und seine ätzende Stimme riss mir die Haut auf.

Ich sank zu Boden, schwach und vollkommen überfordert.

Dieses Wesen, das aus meinem zersprungenen Herzen feinen Staub machte und ihn in den Wind blies, sodass nichts mehr übrig blieb, lachte und kratzte und biss.

 

Mit einem Mal, stieß es aus mir heraus, als bräche alles Übel der Welt über mir zusammen.

Ein Schrei. Ein einziger, schmerzender, qualvoller, trauriger Schrei entglitt meiner Kehle und ich warf den Kopf in den Nacken.

Laut schluchzend und heulend brach ich zusammen.

Du hast es geschafft.

Du hast mein Herz getötet.

 

 

 

Ein Junge, unbedeutend und mit leerem Blick, saß stumm auf einem der hübschen Stühle am Esstisch des großen Hauses. Er starrte auf seinen Teller und verspürte – schon seit Tagen – kein Hungergefühl mehr.

Seine Wangen waren leicht eingefallen und seine Augen schimmerten in einem matten blau. Diese Augen hatten einst geleuchtet, als läge die Sonne hinter ihnen und die Sterne schienen durch sie hindurch.

Doch das hatte sich geändert, binnen weniger Wochen.

Der Junge erhob sich, stellte den vollen Teller wieder in die Küche und setzte sich dann wieder auf den Stuhl, gegenüber seiner Mutter. Er senkte den Blick wieder und murmelte stumm etwas vor sich her.

Die Mutter sah ihn besorgt und traurig zugleich an.

Sie schien nach zu denken und plötzlich fiel ihr etwas ein.

Langsam erhob sie sich und ging in das geräumige Wohnzimmer. Es war wunderschön geschmückt, überall standen und hingen kleine, glitzernde Dekoartikel. In der Ecke stand ein reichlich geschmückter Weihnachtsbaum, dessen Lichterketten in einem gleichmäßigen Takt blinkten. Sie holte einen Briefumschlag aus einer Schublade und setzte sich dann wieder an ihren Platz. Der Junge nahm sie gar nicht wahr.

„Aaron?“, fragte sie leise.

Ich hob den Kopf und sah sie mit leerem Blick an. Keinerlei Gefühlsausdruck spiegelte sich darin wider.

Sie überreichte mir den Briefumschlag und setzte ein erzwungenes Lächeln auf. „Schau dir mal die Broschüre an, vielleicht möchtest du dieses Jahr hingehen? Es ist bestimmt sehr schön dort.“, man konnte den, beinahe flehenden Unterton nicht überhören.

Ich öffnete ein wenig gleichgültig den Briefumschlag und zog das weiße Blatt Papier heraus.

//Badumm//

Mein Körper sendete seine Notsignale, denn diese Szene überrannte mich wie ein De-ja-vù. Ich steckte den Brief wieder zurück in den Umschlag, ohne ihn auch nur geöffnet zu haben, schüttelte den Kopf und schob ihn ihr wieder entgegen.

„Soll ich ihn dir vorlesen?“, fragte meine Mutter vorsichtig.

Ich überlegte kurz und nickte dann leicht.

Ein ehrliches Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie nahm den Brief aus dem Umschlag und faltete ihn auf.

Mit einem leichten Hoffnungsschimmer in der Stimme, las sie ihn mir vor und ich lauschte aufmerksam.

 

 

„Hast du deine Tasche fertig gepackt?“, fragte eine sanfte Stimme und meine Mutter sah mir in die Augen. Ich nickte und hob meine Reisetasche ein Stück an. Sie war verdammt schwer, aber mich störte das nicht.

Ich folgte ihr zur Haustüre hinaus und schloss dann ab. Stumm drückte ich ihr den Schlüssel wieder in die Hand, nahm meine Tasche und schleppte sie vor zur Straße. Nur wenige Augenblicke später kam ein Taxi um die Ecke und hielt mit leisem Gebrumme vor uns. Der Fahrer war so freundlich und hievte die schwere Tasche in den Kofferraum, während ich mich auf die Rückbank des Wagens setzte und meine liebe Mum, auf den Beifahrersitz.

Die Fahrt war nicht sehr lang, doch im Auto war es unerträglich warm. Ich strich mir über die vernarbten Arme und starrte zum Fenster hinaus. Sie Sonne brach durch das Fenster hinein und trieb die Hitze im Auto in die Höhe. Langsam kurbelte ich das Fenster hinunter und genoss den Fahrtwind.

 

Die Verabschiedung am Bahnhof fiel mir nicht schwer, doch meine Mutter wollte mich irgendwie nicht gehen lassen und trotzdem, wollte sie, dass ich einen schönen Sommer hatte. Als schließlich der letzte Aufruf für meinen Zug durch kam, ließ sie endlich los und wünschte mir abermals einen schönen Sommer.

Ich hatte gelernt, ein Lächeln aufzusetzen und winkte ihr kurz, bevor ich mich in den geräumigen Zug setzte. Ich hatte lange Zugfahrten schon immer gemocht, vor allem wenn ich dabei meine Ruhe hatte und mir die Landschaften ansehen konnte.

Knapp fünf Stunden später, hielt der Zug das letzte Mal für mich und ich musste aussteigen. Draußen waren es schon fast 30 Grad und ich begann ein wenig zu schwitzen. Ich sah mich um und lief zu einer der großen Karten des Bahnhofes.

Nun wusste ich, wo ich hin musste und schleppte meine schwere Tasche mit mir durch den riesigen Bahnhof.

Ich starrte nur stumm umher, sagte nichts und dachte so gut wie nichts. Könnte man in mich hinein schauen, könnte man denken, ich sei zu einer kalten Maschine geworden.

Doch dem war nicht immer so.

 

Mit einem weiteren Taxi fuhr ich noch etwa eine halbe Stunde, bis ich an dem gigantischen Sommercamp ankam.

Vor mir erstreckte sich ein großer Parkplatz, umstellt von meterhohen Bäumen, die den vielen Jugendlichen, die hier waren, Schatten spendeten.

Jungs und Mädchen von 14 bis 18 waren hier und freuten sich auf den Sommer.

Das Camp lag an einem großen Badesee und besaß drei Sportplätze, eine Schwimmhalle, hunderte Hütten und eine riesige Gemeinschaftshütte, in der gegessen und gefeiert wurde.

 

Schon auf dem Parkplatz bildeten sich kleine Grüppchen von Jugendlichen, die sich angeregt miteinander unterhielten. Ich kannte jedoch keinen von ihnen.

 

Am Abend trafen sich alle in der großen Halle der Gemeinschaftshütte. Der Campleiter gab für alle eine Einweihung und begrüßte die Teenager. Die, die schon öfters hier waren und die, die zum ersten Mal das Camp besuchten.

Er erklärte, dass es viele Freizeitaktivitäten gab, bei denen man sich anmelden konnte. Eines davon, war die Band.

Da wollte ich mitmachen. Ich sprach zwar kaum ein Wort, doch das Singen, das hatte ich für mich entdeckt.

Ob ich eine schöne Stimme hatte, wagte ich zu bezweifeln, aber es machte mir einfach spaß und lenkte mich von allem anderen ab.

Nach dem Essen, hatten wir Freizeit und konnten machen was wir wollten. Ich ging zu den Anmeldeformularen und trug mich in die Liste der Band ein. Ich war gespannt, was da auf mich zukommen würde.

Die Maschine, die mich lenkte, war für einige Zeit auf //Mensch// umgestellt.

 

Kapitel 11 Nie mehr wieder?

An diesem Abend suchte ich, ein wenig überfordert von dem riesigen Campgelände, nach meiner Hütte. Ich hatte die Hütte Nummer 013, zusammen mit vier weiteren Jungs.

Ich schleppte meine große Tasche mit mir durch das Camp und blieb irgendwann unter einer Laterne stehen. Das Camp war bei Dunkelheit ziemlich angsteinflößend, vor allem wenn man hier niemanden kannte und wenn man sich keinen Meter auskannte.

Ich starrte in die kalte Nachtluft und wartete darauf, dass etwas passierte. Und, als hätte ich es geahnt, stand plötzlich jemand neben mir und tippte mir auf die Schulter.

Dennoch zuckte ich zusammen und ließ einen erstickten Schrei los. Als ich jedoch den Kopf nach rechts wand, stand da nur ein großer, gutaussehender Junge. Soweit ich das beurteilen konnte, war er schon mindestens ein Mal hier gewesen und kannte sich ziemlich gut aus, denn er bot mir an, mich zu meiner Hütte zu begleiten, nachdem ich realisiert hatte, dass ich noch ganz war.

Ich nickte ein wenig erleichtert, endlich jemanden gefunden zu haben, der hier nicht wie Kraut und Rüben einfach in der Gegend herumstand.

Der Junge stellte sich mir als Dylan vor, er war 1,83m groß, recht schlank, hatte ehrliche, blaue Augen, strohblonde Haare und ein wirklich bezauberndes Lächeln.

Es war ganz klar, dass so ein Junge eine gewisse Anziehungskraft auf mich hatte. Denn in den vergangenen Monaten, in denen ich alleine in meinem Zimmer saß und nur an diesen einen Jungen denken konnte, dessen Namen ich nicht auszusprechen vermag, wurde mir klar, dass ich mit Mädchen überhaupt nichts am Hut hatte. Weder in der Liebe, noch in Freundschaftlichen Dingen. Gut, bis auf Catlyn und Scarlette, aber die gehörten zu meiner Vergangenheit. Ich hatte damit abgeschlossen diese Clique von damals…Nie wieder sehen zu können.

Ich sah dem netten Dylan in die Augen und nahm seinen Vorschlag dankend an. „In welcher Hütte bist du denn?“, fragte er schmunzelnd.

„Ähm…13…?“, fraglich hielt ich ihm den Zettel hin. „Hey, dann sind wir ja sogar zusammen in einer Hütte!“, lachte Dylan und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. „Na los, lass uns gehen“, grinsend schnappte er mir die Tasche aus der Hand und ich folgte dem Hübschling.

Die Hütte sah von außen aus wie alle anderen. Sie bestand komplett aus Holz, hatte von vorne links und rechts jeweils ein großes Fenster und in der Mitte eine Türe. Über drei Stufen gelangte man auf die wunderschöne Veranda, auf der ein Tisch, eine Bank und zwei Stühle standen.

Dylan öffnete die Tür und ging hinein, in einen kleinen Vorraum, in dem die Jacken und Schuhe waren. Ich folgte ihm vorsichtig durch diese und die zweite Tür und gelangte schließlich in einen sehr großen Raum, mit fünf großzügigen Betten. Jedes Bett hatte eine Nummer und einen dazugehörigen Schrank. In der Mitte des Raumes gab es einen Tisch, den man leicht zur Seite schieben konnte. Außerdem gab es Regale neben jedem Schrank und auf jedem Bett lag ein T-shirt.

„ach…dafür wollten die meine T-shirt Größe…“, murmelte ich und ging auf eines der leeren Betten zu. Dylan und ich waren die Einzigen, die schon hier waren.

Ich setzte mich und nahm das T-shirt in die Hand. Es war weiß und hatte in der Mitte das Camplogo – zwei Löwen, die ihre Pranken gegeneinander legten- aufgedruckt. Es war ganz nett, aber nicht das, was ich normalerweise trug. Vielleicht als Schlafanzug.

Ein wenig schüchtern sah ich zu Dylan, der gerade seinen Kofferinhalt in seinem Schrank und dem dazugehörigen Regal verteilte. Er war wirklich hübsch, doch er konnte „Ihn“ nicht übertreffen.

 

Er fehlte mir sehr. Jeden Abend lag ich noch immer mit Tränen in den Augen in meinem Bett und weinte mich mal leise, mal auch etwas lauter in den Schlaf. Ich hoffte, dass ich das im Camp unter Kontrolle bekam, denn es war ziemlich peinlich.

Ich hatte mich, am Tag vor meiner Abreise, von einem weiteren Menschen verabschieden müssen, der mir sehr wichtig war. Mein Therapeut.

Meine Mutter hatte kurz vor Weihnachten mitbekommen, wie ich mich wieder selbst verletzte und redete mir seitdem so sehr ins Gewissen, dass ich begonnen hatte, eine Therapie zu starten. Es half mir, damit aufzuhören und besser mit meiner Vergangenheit umzugehen. Nicht nur die Sache mit…mit „Ihm“, nein. Auch über den Tod meines Vaters und meiner Geschwister redeten wir viel, da ich damit wohl noch immer nicht richtig abgeschlossen hatte.

Das Sommercamp war ein zweiter Teil der Therapie. Eine Art…Konfrontationstherapie, bei denen ich auf fremde Jugendliche treffen sollte. Denn wenn so viele Jugendliche wie hier auf einem Haufen zusammen sind, dann kann es nicht sein, dass niemand mich leiden kann.

Bestes Beispiel wäre damit nun Dylan, denn ich war mir sicher, er war ein super Freund.

Das der dritte Teil meiner Therapie bestand daraus, dass ich wieder offen werden sollte für neues. Für neue Freunde, neue Gelegenheiten mich zu beweißen und vor allem… Eine neue Liebe.

Aber ich war mir sicher.

Alles.

Nur keine neue Liebe.

Dazu liebte ich „Ihn“ zu sehr.

 

Ich hatte meinen Koffer ebenfalls geleert und starrte nun auf einen Zettel, der ganz unten im Koffer lag. Wer in Gottes Namen hatte diesen Zettel da reingelegt??

Höchstwahrscheinlich war ich es gewesen.

Aber warum?

Ich nahm den Zettel in die Hand. Er sah ziemlich zerfetzt aus und hatte schon so einige Tränen über sich ergehen lassen müssen. Es war der Brief, den „Er“  mir vor fast einem halben Jahr geschickt hatte, zu Anfang des Winters.

Ich hatte Angst, auf ein Mal los zu weinen, deshalb warf ich den Zettel wieder zurück in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.

Schluss damit!

Ein wenig genervt und ziemlich fertig von der langen Reise, stopfte ich die Tasche unter mein Bett und sah mich um. „Sag…sag mal…hat’s hier irgendwo ein Bad…?“, fragte ich leise und drehte mich zu Dylan. „Ähm. Ja, da, hinter der Tür da.“ Er deutete auf eine Türe an der Wand rechts von mir. „Okay, danke.“, murmelte ich und nahm mir das T-shirt und eine Jogginghose aus dem Schrank. Ich verschwand in dem kleinen Bad, welches jedoch lediglich aus einer Toilette, einem Waschbecken und einem Spiegel bestand. Ich schloss mich darin ein und sank erst mal zu Boden. Ich starrte eine Weile lang das T-shirt an und strich mir damit dann die Tränen aus dem Gesicht, die sich schon wieder aus meinen Augen stahlen. Ich versuchte, mich zu beruhigen und zuckte abermals zusammen, als jemand gegen die Tür klopfte. „Hey, alles okay bei dir?“, fragte eine besorgte Stimme. Auch wenn ich ihn erst seit eben kannte, wusste ich, dass es Dylan war.

„J-ja, mir geht’s gut!“, stammelte ich und rappelte mich auf. In Windeseile zog ich mich um und öffnete dann die Türe. „Alles prima“, meinte ich und setzte mein gut geübtes Lächeln auf. Dylan musterte mich und seufzte leise. „Okay. Wenn aber mal was ist, dann komm einfach zu mir okay? Ich helfe gerne“, bot er lächelnd an, doch sein Lächeln verblasste plötzlich. Sein Blick lag auf meinen Armen.

Oh nein. Hatte ich etwa…?

„Was hast’n du mit deinen Armen gemacht?“, der Ton in seiner Stimme wurde schärfer. Ich sah hinab zu meinen Armen und seufzte innerlich erleichtert auf, als ich sah, dass sich meine Verbände nicht gelockert oder gar, verflüchtigt hatten. Denn, obwohl ich mich nicht mehr selbst verletzte, wollte ich meine Verbände an den Armen lassen. Es war ein Schutz vor der Außenwelt, wie es mein Therapeut sagte. Ich solle lernen, sie ab zu nehmen, doch das fiel mir schwer, denn sie verbargen das, wofür ich mich am meisten hasste.

„Kleiner Unfall daheim beim Wandern…“, log ich schnell und zuckte bedeutungslos mit den Schultern. Im Lügen war ich zwar nicht so gut, aber ich hatte diesen Satz schon so oft wiederholt, dass er sogar richtig glaubwürdig klang.

Ich setzte mich auf mein Bett und nahm die Beine hoch. Ich schlang meine Arme um die Beine und legte den Kopf seitlich darauf, sodass ich durch das Fenster nach draußen zum Mond sehen konnte.

Er war fast voll.

Ich liebte den Vollmond, denn er hatte etwas magisches, etwas anziehendes, er war so perfekt…

Genau wie „Er“…

„Die Anderen kommen wohl erst morgen“, warf Dylan zu mir herüber.

„hm?“, ich sah zu ihm und nickte dann einfach. Was hatte er gesagt?

Naja egal. Mit einem leisen seufzen legte ich mich hin und zog mir die Decke bis zum Kinn, auch wenn es ziemlich warm war. „Hu? Willst du schon schlafen gehen?“, fragte Dylan verwundert.

„Ja…ich bin lang gereist. Ich bin müde…“, murmelte ich leise. Dylan lächelte mich an. „Okay, dann wird’ ich dich nicht stören. Ich geh noch ein bisschen zu Freunden in die Hütte 24. Wenn was ist, komm einfach zu uns, okay?“ Wieder nickte ich.

„Schlag schön“, flüsterte er noch, bevor er die Türe hinter sich schloss. Ich drehte mich mit dem Rücken zum Zimmer und lugte nach oben zum Mond. Wie auf Knopfdruck liefen mir abermals Tränen über die Wangen und ich musste unweigerlich so sehr an „Ihn“ denken, dass ich leise zu schluchzen begann…

Seine wunderschönen Augen…

Dieses wunderschöne Lächeln…

Wenn er lachte, wenn er sich sorgte, wenn er mich nachts in der Kälte wärmte, allein indem er mir in die Augen sah…

Ich wollte ihn. Nur ihn und niemanden sonst auf der Welt.

Aber ich würde ihn wohl nie mehr wieder sehen.

 

Kapitel 12 Pause vom Schmerz

Ich war in dieser Nacht mehrere Male aufgewacht, doch jedes Mal auch wieder eingeschlafen. Ich fühlte mich noch immer ein wenig unwohl in der fremden Umgebung, ganz ohne meinen Schutzbunker, dessen Wände bekritzelt und nun wahrscheinlich bald überstrichen wurden. Ich hatte mich geschämt, als meine Mutter zum ersten Mal sah, dass ich wie ein kleines Kind meine Wände bemalte.

Oder was hieß bemalen? Nein, ich schrieb sie voll.

>>Stop crying<<

>>where are you?<<

>>Give me my heart back.<<

 

Dylan war in der Nacht nicht wieder zurück gekommen. Ich fragte mich, was er wohl machte…

Am nächsten Morgen, gegen halb 5, wachte ich ein weiteres Mal auf und beschloss, nun duschen zu gehen, da ich keine Lust mehr hatte, weiter zu schlafen. Also zog ich meine wärmende Decke zurück, setzte mich aufrecht hin und sah zu meinen Verbänden.

*Soll ich wirklich…? Was, wenn es hier nur Gemeinschaftsduschen gibt…?* Ich kaute auf meiner Lippe herum, riss mich dann aber zusammen und nahm ein paar frische Klamotten mit. Ich konnte ja nicht sechs Wochen lang stinken und kein einziges Mal duschen. Das wäre richtig widerlich.

Nein, aber ich vermisste meinen Luxus. Das eigene Badezimmer, die große, gemütliche Badewanne in der ich so einige Abende verbrachte, wenn es mir richtig schlecht ging, ich vermisste die Einsamkeit in meinem Zimmer und doch war ich froh, endlich wieder unter die Leute zu kommen. Wenn auch nur stückchenweise.

Ich ging also dennoch zum Duschen. Super.

Ich war stolz auf mich, denn dies war eines der Dinge, die ich ohne die Therapie sicherlich nicht getan hätte.

Lächelnd betrat ich den Waschraum und legte meine Kleidung in einen der Spinte. Mit einem Handtuch bewaffnet, widmete ich mich der…Gemeinschaftsdusche. Mit einem niedergeschlagenen Seufzer, hängte ich mein Handtuch an einen der Haken und zog mich aus. Wieder starrte ich auf meine Arme und nur ganz langsam, traute ich mich, den Verband ab zu wickeln.

Unzählige, hauchdünne Narben kamen zum Vorschein. Sie hoben sich teilweise ein wenig ab und waren sogar noch heller als meine eigentliche Hautfarbe. Nur die letzten, die frischeren, die waren noch nicht ganz verheilt. Ein wenig Kruste zog sich quer über meinen rechten Unterarm. Ich seufzte leise und stellte das Wasser an, die Verbände hatte ich zu meinem Handtuch getan. Das heiße Wasser tat gut auf der Haut und vor allem auf meinem Kopf. Ich wusch mir die Haare mit meinem Lieblingsshampoo – Apfelduft -  und brauchte gerade mal eine viertel Stunde, bis ich fertig war. Meine Haare waren in dem halben Jahr ein ganzes Stück gewachsen, ich konnte mir sogar einen Zopf machen, wenn ich wollte. Sie hingen mir nun vorne ein ganzes Stück über die Schulter, fast bis zur Brust und hinten waren sie kurz, damit ich sie wie Stacheln aufstellen konnte.

Ich hatte sie immer noch schwarz gefärbt, nur die blonden Strähnen waren nun nicht mehr darin.

Vorsichtig sah ich mich um und hechtete zu meinem Handtuch. Es war ziemlich groß, sodass ich mich gut darin einwickeln konnte. Ich nahm die Verbände und wickelte sie wieder um meine Arme. Schmunzelnd zog ich meine frischen Klamotten an, die ich zuvor rausgesucht hatte und blieb dann noch eine Weile vor dem Spiegel stehen. Schminken würde ich mich erst nachher, in der Hütte. Ich föhnte meine Haare, die sich ein wenig wellten und nachher noch gebügelt werden müssten. Natürlich nicht mit einem Bügeleisen, das wäre ein wenig gefährlich, meint ihr nicht auch?

Egal.

Also lief ich um halb sechs morgens in der Frühe, in der gerade die Sonne aufgehen wollte und ihre wärmenden Sonnenstrahlen über das gesamte, mit nun glitzerndem Tau bedeckte Camp warf. Es war ein zauberhafter Anblick, der mich wieder schmunzeln ließ.

Ich glaube, so viel, wie an diesem einen Morgen, hatte ich schon lang nicht mehr gelächelt.

Vorsichtig öffnete ich die Holztür zu dem großen Zimmer und sah mich um. Als hätte ich es gewusst, lag Dylan schlafend und schnaufend in seinem Bett und kümmerte sich im Geringsten darum, dass ich mich um halb fünf morgens eine ganze Stunde lang aus der Hütte gestohlen hatte…

Naja, auch egal.

Er war bestimmt sehr müde, wenn er jetzt erst zurück kam…Und…eins musste man ihm lassen. Er war wirklich gut gebaut. Eigentlich genau mein Typ…

Er trug nämlich kein T-shirt, sodass ich gut sehen konnte, dass er starke Arme und einen leichten Bauch hatte, nicht diese Dinger, die zu jeder Seite herumschwabbelten, einfach ein bisschen mehr als so kein Knochengerüst wie ich es war. Von Sixpacks wurde mir eher schlecht, als dass ich sie attraktiv finden würde. Was war denn daran so toll, sich an ein hartes Brett kuscheln zu können?

Dann doch lieber ein bisschen knuddeliger.

Zugegeben, ich starrte ihn eine ganze Weile lang an, doch immer wenn ich ihm ins Gesicht sah, musste ich unweigerlich an „Ihn“ denken…

Ich warf meine dreckige Wäsche in einen Korb und verschanzte mich dann im Badezimmer, wo ich meine Augen in einem tiefen schwarz umrandete und meine Haare geglättet wurden.

Ich saß in der Hocke neben dem Waschbecken, um näher beim Spiegel sein zu können, denn das Licht hier war ziemlich spärlich angebracht. Zufrieden mit meinem Make-up hüpfte ich von der Ablage und betonierte meine Haare mit Haarspray.

Vorsichtig lugte ich ins Zimmer, doch Dylan schlief noch. Mit einem leisen Seufzer sank ich auf mein Bett und zog mein Handy aus der Hosentasche. Ich rief meine Mum zurück, die mir gestern Abend noch eine SMS geschrieben hatte.

 

Dylan wachte auf, als ich schon längst mit telefonieren fertig war. Ich saß gerade an dem Tisch und zeichnete ein wenig. Ich war nicht sonderlich gut im Zeichnen, doch es hatte etwas Beruhigendes und ich konnte mir damit gut die Zeit bis zum Frühstück vertreiben, auch wenn ich nichts essen würde. Ich hatte den Kopf in eine Hand gestützt und malte gerade die Haare des Jungen auf dem Blatt schwarz an.

Dylan streckte sich, gähnte und sah ein wenig verschlafen in den Raum. „…“, ich warf einen Blick zu ihm und hielt inne. „Morgen…“, murmelte ich ein wenig schüchtern und wandte mich schnell wieder meinem Blatt zu, denn Dylan stand nur in Boxershorts da und kam auf mich zu. „Was malst’n?“, fragte er schmunzelnd und betrachtete mein Blatt. „…Ich-äh-irgendwas?“, ich zuckte mit den Schultern und schielte zu ihm hoch. Dylan grinste und betrachtete weiterhin das Blatt. „Das ist echt gut gezeichnet“, meinte er und klopfte mir leicht auf die Schulter. „gefällt mir.“

Ich wusste nicht, wohin mit dem Lob und quetschte einfach ein leises „Danke“ aus mir heraus.

Dylan sah auf die Uhr und zog sich etwas an. „hm…Duschen geh ich später… Kommst du? Das Frühstück fängt gleich an“, erinnerte er mich und ich nickte. Ich stand auf und ging schon mal nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Da drin war es mir zu warm, was aber vielleicht auch an Dylan lag.

 

Im großen Saal der Gemeinschaftshütte, versammelte sich wieder das ganze Camp und verteilte sich grüppchenweise an die Tische und Bänke. Das Essen musste man sich an der Essensausgabe holen. Ich wartete jedoch nur, bis Dylan sich sein Frühstück geholt hatte und setzte mich dann zu ihm. „Willst du nichts essen? Du bist doch eh schon so schrecklich dünn…“, fragte er vorsichtig.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich hab’ keinen Hunger.“

„hm. Wie du meinst“, seufzte er leise und schaufelte sein Müsli in sich hinein. „Dylan! Die Betreuer sitzen hier drüben, komm rüber du Spack!“, rief ein Junge, der etwas entfernt an einem großen Tisch saß. Mein Blick huschte sofort über die Jungs und die drei Mädchen, die dort saßen und Frühstückten. Dylan aber, blieb bei mir sitzen. Ich wusste nicht woran das lag, aber anscheinend merkte er das, wenn sich jemand noch so unwohl fühlte, wie ich mich in diesem Augenblick.

Warum auch immer er bei mir blieb, ich war ihm dankbar dafür und wandte meinen Blick wieder auf den grauen Tisch.

„Woher kommst du?“, fragte Dylan schließlich. Ich sah ihn fragend an. „Ähm…Sharrington…das ist… ein paar Stunden mit dem Zug entfernt.“

Dylan schmunzelte. „Also doch…“, murmelte er ganz leise. „Was?“, fragte ich verwirrt. Er grinste nur und schüttelte den Kopf.

„Ich hab’ gehört, Sharrington soll ‘ne schöne Stadt sein“, fuhr er fort. Ich zuckte lediglich mit den Schultern. „Ja, schon…aber sehr groß. Man verläuft sich schnell, wenn man nicht aufpasst wo man hin geht.“

Ja, ich hatte mich auch öfters verlaufen. Selbst dann, als ich schon seit längerem dort wohnte. Aber was wollte man machen? Ich war doch ohnehin immer mit den Gedanken ganz wo anders…

 

Das Frühstück verlief genau in dem Muster. Dylan fragte und ich gab ihm eine Antwort. Als ich ihn etwas fragte, lächelte er mich an und erzählte mir manchmal etwas längere Geschichten. Er wurde mir immer sympathischer und somit konnte ich nun entspannter nach vorn sehen. Auf die Bühne kam der Leiter des Camps und verkündete über das Mikrofon, dass die Zettel mit den Listen der Aktivitäten ausgehängt wurde, also die, wo drauf stand, wer wo drin war. Dylan sah zu mir. „Hast du dich auch schon angemeldet?“ Ich nickte. „Band…“, murmelte ich leise. Dylan grinste. „Cool, die Band leite ich. Ich glaub du wurdest sogar aufgenommen, aber das habe ich leider nicht in der Hand. Wir machen heute erst mal ein vorsprechen, also, vorspielen oder singen. Um halb zwei“, meinte er grinsend und trank seine Cola Flasche leer.

Ich lächelte. „cool.“

 

Nach dem Frühstück entschuldigte Dylan sich bei mir, da er noch den Raum für das Vorspielen und Vorsingen herrichten musste. Mir machte das nicht so viel aus, denn ich wollte mich jetzt erst mal mit dem Camp Gelände vertraut machen.

Die große Wiese am See gefiel mir am Besten. Man konnte dort gut relaxen und mit Freunden etwas machen. Auch der Badesee war wunderschön, mit einem langen Steg hinaus aufs Wasser und einen schwimmenden Plattform, ein wenig entfernt. Die Plattform war, soweit ich das wusste, am Boden befestigt, damit sie nicht davon schwamm. Sie diente als „Sprungbrett“ und sogar eine rutschte war daran befestigt. Schmunzelnd ließ ich mich am Ende des Stegs nieder und seufzte leise. „…“

Nach einer Weile in der Sonne, beschloss ich, wieder zurück in meine Hütte zu gehen. Draußen auf der Veranda standen drei riesige Koffer, die echt schwer aussahen.

Vorsichtig betrat ich den Vorraum. Die Tür zum Zimmer stand offen und man konnte drei Jungenstimmen reden und lachen hören. So aufgeregt wie ich war, machte ich wieder kehrt und blieb draußen ein wenig schüchtern stehen. Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe herum und starrte zu Boden.

Plötzlich legte mir jemand eine Hand auf die Schulter. „Na, was hat dich so schnell wieder da raus befördert?“, fragte Dylans freundliche Stimme und ich konnte genau hören, dass er dabei grinste. Ich wandte meinen Kopf zu ihm und seufzte leise. „Die…die Anderen sind da…“, stammelte ich leise. Dylan lächelte. „Na komm, gehen wir rein und begrüßen sie“, er war wohl schon immer ein so offener Mensch gewesen.

Er ging voraus und begrüßte die drei anderen Jungs. Sie hießen James, Lucas und Neithan alle drei waren ein Charakterkopf für sich. James hatte mittellange, schwarze Haare, die glatt und in eine Richtung liegend einen super Look ergaben, große, grüne Augen und ein schelmisches  Lächeln. Er war knapp 1,78m groß und begrüßte mich mit einem festen Händedruck. Er war etwas stämmiger gebaut als die anderen beiden.

Lucas war ein wenig kleiner, etwa 1,73m und hatte kurze, Blonde Haare, die ihm bis zur Halsbeuge reichten. Er sah mich mit seinen ehrlichen, blauen Augen an und nahm mich kurz in den Arm. Trotz, dass er so schlank war, schien er wirklich stark zu sein. Neithan hatte kurze, braune Haare, die er mit etwas Gel zu einem Stachellook frisierte. Seine braunen Augen sahen mich mit einem Schmunzeln an und auch er hatte einen festen Händedruck. Er trug eine weite Jacke, ein weites T-shirt und weite Hosen. Der typische Hopper-Style. Doch auf seinem T-shirt war das Logo, einer mir nur allzu bekannten Band. „Bring me the Horizon?“, lachte Neithan grinsend. „Meine Lieblingsband.“ Ich sah ihn ein wenig erstaunt an. „Ich dachte…“ – „…dass ich nur so ein Hip Hop Gedöns höre? Ne, danke. Nie im Leben“, lachte er und zog etwas aus seiner Tasche, das aussah wie ein Ordner. Darin waren knapp hundert CDs, alle von den besten Metal und „Core“ Bands, die ich kannte. Ich grinste. „super“, meinte ich und gab ihm den Ordner wieder zurück.

„Du und dein Geschrei“, meldete sich Lucas zu Wort. „Also ich hör ja lieber House und Techno!“, Lucas hatte eine komische Stimme. Als hätte er eine Blase im Hals, so hörte man sich eigentlich an, wenn man Krank war und sich nicht räusperte, oder nicht? Naja egal.

Nachdem die Jungs ausgepackt hatten, gingen sie vor zum See, nur James nicht. Der ging nämlich mit mir gemeinsam zum „Vorsingen und Vorspielen“

 

Das Ganze klappte super und am Ende wurde bekannt gegeben, wer in der Band war. James war als Bassist genommen worden. Die Sänger und Sängerinnen gaben sie als Letztes preis. Zweite Stimme waren ein Mädchen namens Destiny und ein Junge namens Brian. Ich war aufgeregt, als sie den Sänger der ersten Stimme bekannt gaben.

„Aaron, herzlichen Glückwunsch!“, lachte Dylan und drückte meine Hand. Er nahm mich kurz in den Arm und ich konnte erleichtert aufatmen. Super, wenigstens das hatte geklappt wie es sollte. Ich freute mich schon auf die erste Probe, die am Tag danach stattfinden sollte.

 

Wir trafen uns nun jeden Tag  vier Stunden lang im Proberaum und studierten einige Lieder ein. An einem Samstag, zwei Wochen nach unserer ersten Probe, hatten wir den ersten Auftritt. In diesen zwei Wochen hatte ich James, Lucas, Neithan und Dylan näher kennen gelernt. Die Vier waren wirklich coole Typen und wir freundeten uns an.

Als wir am Samstagabend auf die Bühne mussten, bekam ich Lampenfieber.

War meine Stimme wirklich so gut, dass sie allen gefallen würde? Vielleicht vergas ich ja den Text, oder noch schlimmer, meinen Einsatz?

Wenn irgendwas passieren würde, ich von der Bühne fiel oder über ein Kabel stolperte, dann würden mich bestimmt alle auslachen.

Hibbelig und äußerst nervös trommelte ich mit meinen Fingern gegen den Griff des Mikrofons und kaute auf meiner Lippe, bis sie beinahe blutete.

Dylan kam zu mir und legte mir seine Hände auf die Schultern. Er sah mir in die Augen und seine Gegenwart beruhigte mich ein wenig. „Bleib locker, Kleiner, du packst das, ich bin mir sicher. Die Proben verliefen eins A, es kann nichts mehr schief gehen, ich werd’ dafür sorgen, okay? Vertrau mir und deiner Band, wir stehen alle hinter dir und wenn du einen Fehler machst, halb so wild, überspiel das einfach“, munterte er mich auf und ich quetschte ein unsicheres Schmunzeln hervor. „In… in Ordnung, ich denke…ich pack das.“ – „DAS ist die richtige Einstellung!“, Dylan klopfte mir auf die Schulter und schob mich zu den Anderen, die nicht weniger aufgeregt waren.

„Ist das normal?“, fragte ich ein wenig nervös an James gewandt. Der nickte und legte mir einen Arm um die Schulter. „Völlig normal, ich hab auch ein bisschen Bammel vor jedem Auftritt, glaub mir. Danach fragst du dich, was die Aufregung sollte und es macht wirklich spaß“, auch James munterte mich ein wenig auf und ich atmete tief durch.

Mit James fühlte ich mich bei weitem am meisten Verbunden, nach Dylan natürlich. Er war zwar manchmal etwas grob und sagte Dinge, die er eigentlich gar nicht so sagen wollte, aber er war ein wirklich netter Kumpel.

Er gab mir ein wenig das Gefühl, nicht alleine zu sein, denn auch James war – wie ich -  schwul.

Komischer Zufall, was? Aber Hoffnungen machte ich mir aus zwei Gründen keine. Erstens, ich liebte jemand Anderen und dieser Andere würde für immer in meinem Herzen, oder besser gesagt, auf dem Staub meines Herzens, seinen Platz haben.

Und zweitens, James hatte bereits einen Freund, er hieß Oliver und hatte ihn mal im Camp besucht. Die Zwei sind wirklich ein unglaublich süßes Paar, sie singen gerne zusammen, was sich wirklich schön anhört und sie passen zusammen wie die Faust aufs Auge. Naja, äußerlich vielleicht nicht, aber in ihren Herzen, da sind sie füreinander geschaffen, das konnte man genau sehen.

Oliver war wirklich niedlich, denn, obwohl er ganze zwei Jahre älter war als James, benahm er sich oft wie ein kleines Kind. Das brachte mich immer zum Lachen, was Oliver auch nutzte, denn meistens war ich ziemlich traurig, wenn ich bei den Beiden war, denn ich sehnte mich so sehr nach jemanden, der mich in die Arme nahm und mir sagte, dass er mich liebte.. Eigentlich sehnte ich mich nur nach dem Einen, doch wann würde mein Herz aufhören nach ihm zu schreien? Vielleicht wenn es aufhörte zu schlagen?

Nachts lag ich immer noch weinend im Bett, mal mehr, mal weniger heftig. Die Jungs in meinem Zimmer waren manchmal ein wenig genervt, doch James beruhigte mich dann immer, wenn ich schweißgebadet aufwachte. Er war wie ein Bruder für mich geworden und wir hatten herausgefunden, dass er und Oliver nur eine Nachbarschaft weiter wohnten als ich.

So konnten wir auch nach dem Camp noch in Kontakt bleiben, was mir wirklich wichtig war.

 

Also stand ich nun vor der Treppe, die hinauf auf die Bühne führte. Oder doch, hinauf auf ein Sprungbrett, dass mich in den Abgrund der Scham springen ließ?

Nein, quatsch, Schluss, aus!

Ich pack das!

Ich atmete noch einmal tief durch und dann wurden wir von Dylan auf die Bühne geschickt. Der Vorhang war noch unten und davor stand jemand, der den ganzen Abend moderierte. Er sagte ihre Band an und dann hob sich langsam das rote Höllentor…

Mein Herz schlug mir bis unter die Schädeldecke und mir wurde ganz schlecht, doch zum Glück hatte Dylan für meine Aufregung vorgesorgt. Ich saß auf einem Stuhl, so konnten meine Beine nicht nachgeben und vor mir stand das Mikrofon im Mikrofonständer, so konnte es mir nicht aus der Hand fallen.

Ich konnte in der Menge kaum jemanden erkennen, da die Scheinwerfer mir so ins Gesicht schienen, dass sie mich ein bisschen blendeten.

Aber auch das war kein Problem. James hatte gemeint, wenn er und Oliver, den er immer Oli nannte, einen Auftritt hatten und die Scheinwerfer zu sehr blendeten, dann schloss Oli einfach seine Augen.

So wollte ich das auch machen, also legte ich meine Hände auf das Mikrofon und wartete, bis die Menge aufhörte zu klatschen und die Musik erklang…

 

               

Ich wollte nicht,         

dass das passiert.

Ich wollte nicht,  

dass es triumphiert.           

Ich hatte das nie so programmiert 

Hätte nie gedacht,             

dich so schnell zu verliern.              

 

Prt 1      

               

Ich war doch noch so klein              

Ich sah alles         

Mit großen Augen             

Ich war niemals allein

Wollte immer an das Gute glauben

 

Und nun sitz ich hier und lausche

Es gibt Menschen die dich brauchen,

mögest du ruhen wo du bist

auch wenn die Welt

noch so verkehrt ohne dich ist

 

 

Refr.

Ich wollte nicht,

dass das passiert.

Ich wollte nicht,

dass es triumphiert.

Ich hatte das nie so programmiert

Hätte nie gedacht,

dich so schnell zu verlier‘n.

 

Prt 2

 

Doch dann ist es passiert

Du fehlst mir

Du fehlst hier

Es ist am Ende doch passiert

Du fehlst hier

Du fehlst mir

 

Refr.

Ich wollte nicht,

dass das passiert.

Ich wollte nicht,

dass es triumphiert.

Ich hatte das nie so programmiert

Hätte nie gedacht,

dich so schnell zu verliern

 

Prt 3

Doch dann ist es passiert

Du fehlst mir

Du fehlst hier

Es ist am Ende doch passiert

Du fehlst hier

Du fehlst mir

Der Tod hat triumphiert

 

Du fehlst mir

Du fehlst mir

Der Tod hat triumphiert

Du fehlst mir

Du fehlst uns allen hier

 

Die Gitarren verklungen und es wurde still. Mein Herz blieb stehen und ich öffnete langsam die Augen. Hatte es ihnen nicht gefallen?

Jubel, pfiffe, klatschende Hände.

Aufatmen. Anscheinend hatte es ihnen doch ganz gut gefallen. Ich grinste und James kam zu mir. „Siehst du, hat doch alles super geklappt!“, meinte er grinsend und klopfte mir auf die Schulter. Wie ein kleines Kind, das seine Schultüte bekommen hatte, sah ich in die Menge und dann zu James. „Danke…“

Ich stand auf und meine Beine waren noch immer ein wenig wackelig, doch ich fühlte mich super.  Wir winkten den Leuten zu und verbeugten uns zweimal, dann gingen wir wieder hinter die Bühne.

Oliver kam um die Ecke und sprang James in die Arme. „Schaaaaaaaaatz, das war sooo toll!“, rief er grinsend und James küsste ihn auf die Stirn. „Sag das nicht mir, unser Held namens Aaron hat gesungen!“, lachte James. Oliver ließ von seinem Geliebten ab und drehte sich zu mir um.

Mit einem breiten Grinsen und leuchtenden, blauen Augen nahm er mich in den Arm. „Du hast wirklich ganz, ganz super gesungen“, beteuerte er und sah mir in die Augen.

Ich spürte wie ich ein wenig rot wurde und nickte. „D-danke“, stammelte ich leise. Oliver war ein Stückchen größer als ich und hatte knallrote Haare, gefärbt natürlich, die ihm über die Augen hingen. Er war meistens geschminkt und trug einen Lippenpiercing an der rechten Seite. Sein kompletter Oberkörper war tätowiert, sowie seine Arme und sein Hals. Das sah im Gesamten echt krass aus, aber es gefiel mir irgendwie.

Oliver hatte mir schon erzählt warum und wann er die ganzen Tattoos hatte machen lassen. Eines davon fand’ ich unglaublich niedlich. Es war ein kleiner blauer Geist, über dem eine Sprechblase schwebte, in der ein Herzchen war. Es befand sich links über der Armbeuge am rechten Arm und er hatte es sich am Tag seiner Verlobung stechen lassen. Ja, James und Oliver waren verlobt, schon seit 2 Monaten. Nächsten Monat würden sie heiraten und sie hatten mich sogar eingeladen!

„An wen war das Lied gerichtet? Es war ziemlich traurig“, fragte Oliver plötzlich. Ich senkte den Blick und meine Miene trübte sich. „An meinen Dad, meinen Bruder und meine Schwester…“, murmelte ich. Oliver nahm mich in den Arm. „Ich hätte nicht fragen sollen… Suldidung…“, fiepte er und sah mich mit großen Augen an. Er machte einen Schmollmund, was mich zum Lachen brachte. „Guck nicht immer sooo“, lachte ich und drückte ihn von mir weg. Oliver sah mich aber immer noch so an. „Aalon nich daulig sein?“

Wie schon gesagt, eigentlich benahm er sich fast immer wie ein kleines Kind. Ich grinste und wuschelte ihm durch die Haare. „Bin ich nicht“, lachte ich leise, wofür ich als Dank ein breites Grinsen zurück bekam. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und sah zu James. Dieser grinste nur wortlos.

Dann kamen Lucas und Neithan dazu. „WAAA geile Sache, super Vorstellung Jungs!!“, grölte Neithan und gab uns allen einen Klaps auf den Rücken. Lucas grinste und schüttelte, natürlich wie immer mit einem guten Spruch auf den Lippen, meine Hand.

Wir gingen zurück in die große Halle und sahen uns die anderen Vorführungen an, wobei wir oft sehr lachen mussten, was wirklich gut tat, doch das Ganze stimmte mich auch ein wenig traurig.

Wenn diese sechs Wochen vorbei sein würden, dann wäre ich wieder allein daheim, zusammen mit meiner Mum in diesem riesigen Haus und alles wäre still. Ich hatte Angst vor dieser gewissen Stille, die in meinem Haus herrschte.

Neithan sah meinen traurigen Blick und schlug plötzlich etwas vor. „Hey, lasst uns an den See gehen’ und’n bisschen saufen“, er grinste breit und auch die Anderen grinsten. „Ne geile Idee, man“ Lucas, James und Oliver standen auf. James sah zu mir hinunter. „Du kommst doch mit, oder?“, fragte er und Neithan zog mich hoch. „Natürlich kommst du mit!“

Ich überlegte….

Ich hatte noch nie Alkohol getrunken. Traurig aber wahr, ich dachte immer, das hätte ich nicht nötig. Aber, was solls?

Zu diesem Zeitpunkt war mir irgendwie danach und man lebte ja nur einmal! Also ging ich mit ihnen mit.

Mir war sehr wohl bewusst, dass Alkohol im Camp nicht erlaubt war, aber ich wollte meinen neuen Freunden nicht den Spaß verderben…und selbst Spaß haben.

Es schien, als würde ich an diesem Abend mal nicht an ihn denken, der, dem mein Herz gehörte. Das war mir in dem Moment auch gerade recht.

Pause vom Schmerz.

 

Kapitel 13 Kälte Stille Dunkelheit Angst

Dylan und die andere Betreuer bemerkten nicht, dass Oliver, James, Lucas, Neithan und ich uns aus der großen Halle schlichen und uns am See versammelten. Neithan und Lucas verschwanden kurz noch einmal und kamen dann mit einem Kasten Bier und zwei Flaschen Vodka zurück. Wir setzten uns an die Feuerstelle und Oliver und James machten ein Feuer. Ich starrte in die langsam größer werdenden Flammen und zog die Beine dicht an den Körper. Neithan ließ sich mit zwei Flaschen Bier neben mich fallen und drückte mir eine davon in die Hand. „Auf einen gelungenen Auftritt!“, lachte er und alle stimmten mit ein.

Ich starrte etwas unsicher auf die Flasche in meiner Hand und spürte die Blicke der Anderen auf mir.

„Noch nie Alkohol getrunken?“, fragte James grinsend. Ich schüttelte etwas zögerlich den Kopf. „Nein…“, murmelte ich leise und bekam von Neithan einen Klaps auf den Rücken.

„Dann wird’s Zeit! Runter mit dem Zeug!“ lachte er und ich legte etwas überfordert die Flasche an meinen Mund.

Langsam trank ich einen Schluck.

Es schmeckte irgendwie komisch, aber es hatte etwas Wärmendes und draußen wurde es, trotz dem Feuer, langsam aber sicher ziemlich kalt. Also nahm ich noch einen Schluck…

Und noch einen.

Die Anderen lachten und scherzten, die Stimmung war heiter und ich fühlte mich eigentlich richtig wohl, so bei den Jungs zu sitzen, am Lagerfeuer und gemütlich ein Bier trinken.

Ich kannte das alles so ja gar nicht, ich hatte doch nie Freunde gehabt? Wieder nahm ich einen Schluck. Umso mehr ich von dem Zeug in meine Kehle leerte, desto besser schmeckte es mir. Und bei einem einzigen Bier blieb es dann auch nicht.

Irgendwie verflüchtigten sich meine Gedanken mit jedem Schluck ein wenig und meine Stimme wurde lauter. Ich traute mir Dinge zu, die ich sonst nie getan hätte.

Als Oliver vorschlug, Baden zu gehen, war ich der Erste der aufsprang und ins Wasser rannte. Die Jungs rannten mir grölend hinterher und ich spürte wie die Druckwelle des Aufpralls von jedem Einzelnen, mich vom Ufer entfernte. Ich tauchte auf und hustete, denn ich hatte Wasser in die Lungen bekommen.

Ich war von dem Alkohol etwas benommen gewesen, doch das eiskalte Wasser weckte mich wieder auf. Ich japste nach Luft und wollte so schnell wie möglich aus dem Wasser, da ich Angst hatte, zu erfrieren. Keuchend zog ich mich aus dem Wasser und blieb auf dem Steg liegen.

Neithan kam zu mir und stellte eine weitere Flasche Bier neben mir ab. „Hier, Kleiner, trink’ noch was, dann wird’s dir wieder warm!“, lachte er und ich setzte mich grinsend wieder auf. „Gern“

Ich griff zur Flasche und leerte sie in zwei Zügen. Doch das war mir nicht genug. Der Alkohol schlug mir schon deutlich an, doch ich wollte mehr. Endlich hatte ich meinen Geliebten für einen Augenblick vergessen. Es tat gut, nicht an ihn denken zu müssen.

Meine Sicht war etwas verschwommen, deshalb griff ich, anstatt zur Bierflasche, zum Vodka.

Ein wenig torkelnd lief ich zurück zum Steg, öffnete die Vodkaflasche und nahm einen großen Schluck.

„Nuh? Dassis aber kein Bier…“, ich blinzelte ein paar Mal und verlor das Gleichgewicht. So viel Alk auf einmal war wohl doch zu viel gewesen.

„Neeeiiin nicht die Vodkaflasche!“, heulte Neithan und riss sie mir aus der Hand, bevor ich wieder in dem eiskalten Wasser landete.

Irgendwie drehte sich alles um mich herum und es wurde immer dunkler. Das Wasser, welches sich langsam den Weg in meine Lungen bahnte, war mir nun auch egal.

Ich sah ihn vor mir.

Sein besorgtes Gesicht war direkt vor mir… Ich sah ihm in die Augen und lächelte. Träumte ich? Wenn ja, dann wollte ich nicht mehr aufwachen…

Er sah mich an und seine Augen funkelten in der Dunkelheit. Wie ein Scheinwerfer leuchteten sie zu mir hinab und sein Blick war das Einzige, was mich daran hinderte, meine Augen zu schließen.

Große, weich Hände hielten mich fest und ehe ich aus dem Wasser gezogen wurde, wurde alles wieder so dunkel wie in jedem meiner Träume.

Nein, ich wollte nicht, dass es schon vorbei war. Ich wollte nicht, dass er wieder ging, ohne dass ich mit ihm reden konnte.

Doch nun war alles wieder dunkel. Dunkel wie eine Nacht ohne Sterne und ohne den Mond. Eine Nacht ohne ihn, der mein Retter und mein schlimmster Feind war. Ich liebte ihn und ich hasste ihn dafür, dass ich ihn liebte.

 

Kälte.

Stille.

Alles war ruhig um mich herum. Das gedämpfte Pochen meines Herzens drang ganz leise durch mich hindurch und gab mir die Gewissheit, dass ich noch lebte. Aber ich wollte eigentlich gar nicht mehr leben.

Wieso auch?

Die Ruhe in meinem Kopf hielt nicht lange an.

Was war passiert?

Dunkelheit.

Ich konnte nichts sehen. Hatte ich die Augen geschlossen? Keine Ahnung.

Angst…

Ich konnte mich nicht bewegen. Alles war taub, ich spürte meinen Körper nicht mehr. War das das Ende?

Erinnerungen…

Ich sah ihm in die Augen, senkte den Blick aber schnell wieder. Eine unglaubliche Wärme erfüllte meinen frierenden Körper, als er mich in die Arme nahm und ich meinen Kopf an seine Brust legte. Es war ein schönes Gefühl, gemocht zu werden. Es war ein wirklich schönes Gefühl zu wissen, dass sich der Andere um einen sorgte

An diesem Abend, dem Abend an dem ich bei ihm übernachtet hatte, war ich ihm am nächsten gewesen. Ich Dummkopf. Wäre ich doch nur nicht davon gerannt wie ein blindes Huhn.

Ich hätte bleiben sollen. Auf meine Mutter und die Schule scheißen. Ich hätte meinem Herzen folgen sollen, doch mein Herz war blind und taub und stumm.

Mein Herz schlug, doch es schlug nur, um ihn ein letztes Mal wieder zu sehen.

Stille.

Doch ganz leise, drangen nun besorgte Stimmen an mein Ohr. Wie durch eine dicke Wand konnte ich sie flüstern hören.

Wieder diese Frage.

Was war passiert?

Badomm…

Mein Herz schlug leise, langsam und regelmäßig. Noch war alles dunkel. Ich konnte die Worte nicht verstehen, die um meinen Kopf kreisten. Wurden sie wirklich ausgesprochen, oder stellte ich mir das Ganze nur vor? Ich hatte Angst, dass das alles doch kein Traum war.

Aber wenn es kein Traum war, was war es dann? Was passierte hier?

Ich konnte mich nicht erinnern. Aber an was konnte ich mich erinnern? Helles Licht…Eine jubelnde…schreiende Meute.

Viele Menschen, vielleicht sogar Jugendliche?

Sie alle sahen zu mir hinauf und riefen meinen Namen.

Badomm…

Ich lauschte und starrte in die Menge.

Badomm…

Stille.

Plötzlich erblickten mich seine Augen. Augen, die ich niemals vergessen könnte. Sie starrten mich an und blickten zu mir auf. Traurigkeit spiegelte sich in ihnen wieder und ich konnte eine Frage hören, die niemals ausgesprochen worden war.

„Warum haben wir uns aus den Augen verloren?“

Ich konnte nicht antworten, denn ich war noch immer gelähmt.

Aber warum aus den Augen verloren? Ich sah ihm doch direkt hinein, oder nicht?

Kälte umgab meinen Körper wie ein Gefängnis und mit einem Schluchzen zersprang das Bild vor meinen Augen. Alles wurde wieder still. Nichts wurde mehr gesagt, keine Schreie, kein Jubel.

Keine Stimmen.

Kein Herzschlag.

Alles um mich herum war still…

 

Zwischenspiel, Aus der Traum

Die Stille die mich umgab, war erdrückend. Es schmerzte, nicht zu wissen, was um einen herum passierte, oder, ob überhaupt etwas geschah?

Vielleicht lag ich ja auch nur still und leise am Grund des Sees und starb vor mich hin. Oder war ich schon tot?

War das das, wovor so viele Menschen Angst hatten?

In was sich so erschreckend viele Menschen stürzten?

Einfach nur Stille?

Wenn das wirklich das Ende war, dann gefiel es mir. Mehr oder weniger.

Warum?

Ich hatte seine wunderschönen Augen noch einmal gesehen und seine wunderschöne Stimme noch einmal gehört…

Kapitel 14 Vorletztes Kapitel

Eine komische Szene trug sich den Anwesenden vor. Ein Junge, der an einem Bett eines anderen Jungen saß und verzweifelt um ihn weinte.

Eigentlich Herzzerreißend, doch alle Anwesenden fühlten selbst so.

Sie hatten den Jungen, der in einem sterilen, grauen Zimmer lag, selbst sehr gemocht. Doch nicht so sehr, wie der Eine, der, der nun um ihn weinte.

Er trug sein Haar in einem knalligen Feuerrot und seine Augen waren einst mit schwarzem Kajal geschminkt, doch dieser hatte sich hoffnungslos auf seinem gesamten Gesicht verteilt.

Er strich sich mit dem Ärmel über die feuchten Wangen und atmete lange aus.

Noch eine ganze Weile ging es so weiter. Alles war still, dann begann wieder ein leises Schluchzen. Irgendwann schlief der Junge an dem Bett des Anderen ein.

Sieben weitere Jungs und zwei Mädchen standen noch im Raum. Sie legten den, mit den roten Haaren, auf ein Bett, wo er weiter schlafen konnte.

„Lasst uns lieber raus gehen, Connor sollte schlafen…“, flüsterte Thunder, der Größte im Raum. Ein etwas kleinerer Junge, der den Namen Maddox trug, nahm ihn an der Hand und seufzte traurig.

Sie alle hatten geweint. Manche nur ein bisschen, weil es eigentlich nicht ihre Art war.

Maddox, Thunder, Catlyn, Scarlette, James, Lucas, Neithan, Oliver und Dylan gingen nach draußen und schwiegen.

Es war eine bedrückende Stille, so empfand jeder.

„Wir können froh sein, dass er noch lebt“, murmelte Lucas.

James nickte und wandte den Blick ab. „Verdammt ich hätte auf ihn aufpassen sollen!“, wieder kullerten ihm Tränen übers Gesicht. 

 Oliver legte seine Arme um ihn und sah zu ihm auf. „…Du kannst nichts dafür, Schatz. Außerdem sind wir alle ein wenig Schuld daran…Wir hätten den Alkohol einfach mal weg lassen sollen…“, flüsterte Oliver leise und schmiegte sich an James. Dieser streichelte seinem Freund sanft über den Kopf und dachte nach.

Scarlette und Catlyn standen dicht bei Dylan, der ihnen erzählte, wie Er den Jungen in dem weißen Zimmer kennen gelernt hatte…

„Er wusste nicht wohin, er war bestimmt das erste Mal im Camp deshalb hab ich ihn angesprochen als er hilflos irgendwo rum stand.“, meinte er schmunzelnd und fuhr fort „Er war von Anfang an ein bisschen komisch, aber ich dachte er wäre einfach nur sehr schüchtern. Er stellte sich mir als Aaron vor und da wir gemeinsam in einer Hütte waren, verbrachten wir einige Zeit zusammen, wir sind also eigentlich recht gute Freunde geworden…“

Catlyn lächelte leicht. „Bei uns hat Connor ihn angeschleppt. Er sagte, er hätte ihn auf einer Party kennen gelernt und er sei sehr nett, was auch stimmte. Aaron war wirklich sehr nett und wir alle haben sofort bemerkt, dass er Connor am Herzen lag. Und liegt, das ist klar. Er hat sich verändert, als Aaron das letzte Mal abgehauen ist, er dachte, er sei nicht gut genug für ihn.“, sie seufzte traurig.

Thunder und Maddox hatten die ganze Zeit zugehört. „Er hat uns immer wieder vorgeheult wie sehr er Aaron mag“, Maddox lächelte. „Dann sagten wir ihm, er soll ihm doch einen Brief schreiben, wenn Aaron sich nicht meldet“, fügte Thunder hinzu. Scarlette’s Miene trübte sich. „Aber er konnte nie eine Antwort bekommen. Sie mussten umziehen, da Aarons Eltern einen festen Job hier im Camp angenommen haben.“ Dylan nickte. „Ja, das hat er mir auch erzählt… also das mit dem Umzug, aber er hat nie etwas von Aaron erwähnt? Er hätte nur seinen Namen aussprechen müssen, dann hätte ich die Beiden mal zusammen an einen Tisch bestellt“ er verzog den Mund. Thunder schüttelte den Kopf.

„Das konnte er nicht, er hatte Liebeskummer. Er hat nachts oft kein Auge zu getan.“

Oliver und James gingen näher zu ihnen. „Aaron hat nachts auch oft nicht schlafen können und wenn, dann bekam er schreckliche Alpträume. Es war schwierig ihn zu beruhigen, damit er weiter schlafen konnte. Und er sagte auch oft Dinge, während er schlief, aber ich hab’ nie genau nachgefragt“, er schüttelte den Kopf.

Oliver seufzte leise und lächelte dann.

„Sie lieben sich, ist doch ganz klar. Und das Schicksal hat sie wieder zusammen gebracht, wenn auch, nicht auf die schöne Art und Weise.“

Alle stimmten mit ein. „Stimmt genau“, meinte Lucas und grinste. Neithan sah etwas unsicher drein.

„He, keiner macht dir Vorwürfe, freu dich dass er noch am Leben ist, das Ganze hätte schlimmer ausgehen können!“, Dylan klopfte ihm auf den Rücken.

Sie alle waren nach dem Gespräch etwas lockerer und besser drauf.

 

 

Connor war mittlerweile wieder aufgewacht und saß stumm an Aarons Bett. Er streichelte ihm sanft über die Wange und summte eine sanfte Melodie vor sich her. Immer wieder kullerten lautlose Tränen an seinen Wangen hinab und er seufzte leise. „…ich ´hoffe, du wachst bald auf, denn ich muss dir unbedingt etwas sagen, Aaron…“, er stand auf und küsste ihn sanft auf die Stirn. Das Piepsen wurde für zwei Herzschläge schneller, beruhigte sich dann aber. Verwundert sah Connor zu dem EKG und dann zu Aaron.

„Werd…werd wieder gesund, ja?“, er strich sich die Tränen aus dem Gesicht und verließ den Raum. Er fand recht schnell nach draußen zu den Anderen und wurde von Dylan erst mal in den Arm genommen. „Er wird wieder, die Ärzte haben gesagt, er schwebt nicht mehr in Lebensgefahr und er sollte in den nächsten Tagen wieder aufwachen, also mach dir bitte nicht so viele Sorgen, ja?“, versuchte er ihn zu beruhigen. Connor seufzte traurig und nickte. „In Ordnung…“ 

Letztes Kapitel Das Ende vom Anfang

„Warum das Alles?“, seufzte eine kränkliche Stimme leise. Sie klang rau und abgenutzt, als hätte man auf einem Konzert zu lange geschrien. Mit kurzen Abständen konnte man ein Piepsen vernehmen, welches leise, aber penetrant im Raum erklang. Außer diesem Piepsen thronte eine eisige Kälte in der Luft. Die Wände des Raumes waren in einem gräulichen weiß gestrichen… Oder sie waren einst weiß und sind nun dreckig geworden. Der Winter klopfte ans Fenster und verbreitete sich langsam. „mh…“ Wieder diese Stimme. Wem gehörte sie? Alles war ein bisschen zu hell. Weiße Wände, grauer Boden, weiße Bettwäsche, weiße Tische und silberne Stühle. Wie sollte man sich in einem solchen Raum wohl fühlen?

Krankenhäuser sind zum genesen da. Und das waren sie doch schon immer. Warum also, sind sie dann nicht bunt und fröhlich? Wie ein glückliches Kinderlachen? Wenn man sich glücklich fühlt, dann wird man schneller wieder Gesund.

Ich weiß das. Ich lag nun schon seit zwei Wochen in diesem kahlen, kalten Raum. Meine Augen waren stets geschlossen, meine Ohren taub, meine Hände konnten nichts fühlen und ich konnte nicht riechen oder schmecken. Eigentlich war ich nur noch eine leere Hülle eines verschlissenen Körpers. Abgenutzt, aufgebraucht, verstümmelt. Naja, nicht ganz. Ich hatte es nie so weit gebracht, dass ich etwas verlor. Außer meinem Blut.

„…du fehlst mir…“, flüsterte die kränkliche Stimme. Nanu? Konnte ich etwa doch etwas hören? Und ich konnte sogar spüren, wie die Kälte in dem Raum sich langsam an meine Haut heranschlich. „warum haben wir uns aus den Augen verloren?“

Ich bin so müde… Mir ist kalt. Fragen tauchen in meinem Kopf auf. Wo bin ich? Wer ist diese Stimme?

„Warum haben wir uns nur aus den Augen verloren…??“ Die Stimme klang zunehmend verzweifelter. Aber… Kannte ich sie denn nicht? Ich meine… ich kannte sie. Ich konnte sie nur noch nicht zuordnen.

„Warum..bist du weggelaufen…mein Kleiner..“

Es machte mich traurig, wie verzweifelt diese wunderschöne Stimme klang. Und auch jetzt erst, bemerkte ich, wie wärmend sie auf mich wirkte. Wenn diese Stimme, diese wunderschöne Stimme, so wohltuend für meine Seele war, warum konnte ich mich dann nicht an sie erinnern? „mh…“ Es war eigenartig. Eine leichte Regung zuckte durch meinen schwachen, leblosen Körper, als ich etwas spürte. Jemand berührte mich. Große, warme Hände schlossen sich um meine rechte Hand und ganz langsam konnte ich meine Finger ein bisschen bewegen…

 

Mit einem enormen Kraftaufwand, öffnete ich die schweren Augen und sah direkt hinein in die seinen.

Ich erinnerte mich schlagartig. An alles. An jeden… Und vor allem, an ihn.

„connor…“, hauchte ich und sah in verweinte, goldene Augen, die jedoch irgendwie glücklich aussahen. Ich hatte ihn wieder… endlich.

Vielen Dank fürs Lesen ♥

Imprint

Publication Date: 09-06-2010

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