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Prolog


In der Unterwelt leben die seltsamsten Wesen: Vampire, Dämonen, Hexen, Geister und Teufel, um nur einige Wenige zu nennen. So verwundert es nicht, dass zwischen all diesen verschiedenen Gestalten nicht immer der Frieden gewahrt sein kann.
Am wenigsten geachtet sind wohl die Dämonen, weil sie wiederholt aggressives Verhalten an den Tag legen und an beinahe allen Kriegen der Unterwelt Schuld tragen.
Am zivilisiertesten sind die Teufel und die Vampire, die, ähnlich den Menschen, große Firmen und ertragreiche Unternehmen errichtet haben. Zusammen arbeiteten sie jedoch nicht, da sie sich gegenseitig nicht unbedingt schätzten.
Ein Wesen gab es, das sich weitestgehend aus all den Konflikten heraushielt, es sei denn, es wurde angeheuert. Dieses Wesen ist bekannt als Gestaltenwandler. Niemand weiß, wie genau es aussieht – doch die übliche Gestalt, die es annahm, war ein junger Mann mit langen, lilanen Haaren, roten Augen und einer weiß-schimmernden Haut, der in einen langen, dunkelblauen Umhang aus Satin gekleidet war. Stets trug er ein brennendes Schwert mit sich, ein Schwert, von dem man sagte, es sei so tödlich wie der Stich eines Skorpions.
Der Stoff dieser Erzählungen ist legendenreif, und so wurde er zu einer Legende: Sirius, der Gestaltenwandler.


Kapitel 1: Captain Vicious


„Ed, bringst du noch etwas Wechselgeld?“
„Jo, mach‘ ich!“
Julie seufzte tief, während sie ein Glas abtrocknete. Um diese Uhrzeit war im Pub nicht mehr viel los. In der Unterwelt wurde die Zeit mittels des Mondstandes gemessen, ein stets wandernder Mond, der je nach Tageszeit die Farbe wechselte. Es war sehr früh am Morgen, die meisten hatten sich längst in ihre Häuser zurückgezogen, um ihren Rausch auszuschlafen, oder sie waren unterwegs umgekippt. An den Tischen saßen nur noch sechs Männer und zwei an der Bar, die sich an ihren Drinks festklammerten und ab und zu müde grunzten.
Julie arbeitete jetzt seit zwei Jahren für Damien als Barmädchen, und sie hasste diesen Job. Die Männer, die jeden Abend den Pub besuchten, begafften sie wie eine dieser Freudenmädchen in der Achtzehnten Straße. Dafür hatte Damien schließlich auch gesorgt: Es war Julie nur erlaubt, so aufreizend wie möglich gekleidet zu sein. „Eine schöne Frau lockt die Männer an. Auch, wenn es nur eine stinkende Dämonin ist“, hatte er gespottet.
Doch seine Worte entsprachen nicht ganz der Wahrheit. Julie war die Tochter eines Dämonen und einer Hexe. Sie hatte das Aussehen ihrer Mutter geerbt: Lange, dunkelrote Haare, giftgrüne Augen, ein Puppengesicht, von dem man nichts Böses erwartete und eine Figur, von der die anderen Dämoninnen nur träumen konnten.
Der einzige, dem Julie in ihrem Leben vertrauen konnte, war Ed, der Barmann, der ihr immer aushalf. Eine ehrliche Haut und ohne die Vorurteile gegen Dämonen, die jedermann hegte. Ed war ein Vampir, dessen Eltern von einem Vampirjäger in der Menschenwelt ermordet worden waren. Seither lebte er in der Unterwelt und versuchte, sich durchzuschlagen, so wie Julie. Sie hatten sich angefreundet und nahmen sich gegenseitig etwas die Last des Alleinseins.
„Noch’n Bier, Missie“, lallte der Mann an der Bar und hickste einmal.
„Sie sollten sich lieber auf den Heimweg machen, Duard“, riet Julie ihm. „Es ist schon spät, oder besser gesagt früh.“
„Aach, du hasja Recht“, jammerte Duard, „Wir hammja morgen diese nerv’ge Vlsammlung… Gimmir die Reschnung, bidde…“
„Das waren dreizehn Bier, das macht 19,50.“
„Daa, hasde zwanzsch… Weilde heut wieder soo jud ausschaust, Süße…“ Er kicherte, dann stand er auf und verließ wankend den Pub. Ed scheuchte die restlichen Gäste nun auch hinaus und schloss die Tür ab. Der Wind war stärker geworden und das Schild mit der Aufschrift „Jackson Pub“ quietschte laut. Scheinbar zog ein Sturm auf. Julie verzog den Mund. „Oh nein, muss ich jetzt bei dem Wetter nach Hause?“
„Nur keine Sorge, Julie. Wir räumen hier noch auf, dann bring ich dich heim, okay?“ Ed zwinkerte ihr zu.
Julie lächelte erleichtert. „Danke, Ed.“

Etwa eine Stunde später fuhr Ed Julie zu ihrer Wohnung, gegen den heftigen Regen und Wind an. Julie lehnte den Kopf ans Fenster und blickte auf die Straße. Einige wenige Personen streiften durch die Gassen, die Mäntel über dem Kopf oder den Schirm vor dem Gesicht, auch auf dem Weg nach Hause, vermutete Julie. Julie war froh, als sie bei ihr ankamen. Ed kam mit hoch, Julie wollte es ihm nicht zumuten, bei dem Wetter auch noch aus der Stadt rausfahren zu müssen und bot ihm ein Gästebett an, was er dankend annahm.
Julie zog sich sofort um und ging schlafen, sie war hundemüde. Doch ihr Schlaf wurde nach nur wenigen Stunden gestört.
Draußen gab es laute Rufe und ein Geschrei, das Julie aus ihren Träumen von einem Märchenprinzen riss. Julie erhob sich verschlafen und ging ins Wohnzimmer ans Fenster, da es als einziges in Richtung Straße zeigte. Ed stand schon dort.
Auf der Straße war etwa ein Dutzend Personen, die Hälfte davon trugen Fackeln, die das ganze etwas erhellten. Die einen, ganz in schwarz gekleidet, zielten mit Schwertern auf die anderen, scheinbar einfache Stadtbewohner.
„Was geht da vor?“
„Banditen, schätze ich“, flüsterte Ed. „Wir sollten uns da raus halten… Geh wieder schlafen, Julie, ich bleib wach und behalte das Ganze im Auge.“
„Aber – “
„Na los schon, Julie, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, okay?“
„Okay…“ Julie ging wieder ins Bett und versuchte, zu schlafen.

Im Endeffekt hatte Julie nicht viel geschlafen und sah dementsprechend müde aus, als sie und Ed gegen Abend im Jackson Pub aufkreuzten. Damien war fuchsteufelswild. Sie bekam eine saftige Ohrfeige für die Augenringe und musste sich sofort schminken gehen und ihre ‚Arbeitskleidung‘ anlegen. Ed sah ihr mitleidig nach. Gerne würde er ihr helfen, doch das konnte er sich nicht leisten, er brauchte diesen Job. So bereitete er alles für die Gäste vor.
Julie saß vor dem Spiegel und wischte sich die Tränen weg, da sie ihre Schminke verschmierte. Sie verabscheute das Leben als Barmädchen, vor allem bei Damien. Jede Nacht träumte sie nur von einem Märchenprinzen, der sie aus diesem stinkenden Loch herausholt. Doch welcher Mann sollte denn eine Dämonin haben wollen?
Als sie fertig war, setzte sie sich an die Bar und zog schon mal einige Flaschen hervor. Bald darauf füllte sich der Pub und es wurde laut und gesellig. Jetzt kam Julie auf andere Gedanken, denn sie musste aufpassen, dass die Kerle nicht so aufdringlich wurden.
Gegen Mitternacht wurde die Tür des Pups aufgedonnert, dass die Wände wackelten, und es wurde schlagartig still. Ein stattlicher Mann in Uniform und mit einem Dreispitz Hut betrat den Raum, ebenso wie vier weitere uniformierte Männer ohne Kopfbedeckungen. Der Mann, der wohl der Anführer war, kam an die Bar und setzte sich. Hinter ihm wurde gemurmelt, die Männer im Pub flüsterten: „Ist das Captain Vicious?“ – „Captain Vicious? Der hier?“
„Gib mir ein Bier, Puppe“, wies Captain Vicious Julie an.
„Ja, sofort, Sir!“ Julie sprach etwas höher als sonst, auch sie hatte schon von Captain Vicious gehört. Angeblich war er das Oberhaupt der Seeflotte, die Lucifer persönlich unterstellt war. Er war ein gefürchteter Mann, der in seinem früherem Leben Pirat gewesen war und damals wie heute furchteinflößend war. Und tatsächlich jagte er Julie Angst ein, obwohl er sie nicht mal böse ansah oder sie irgendwie bedrohte. Sie schob ihm sein Bier zu und wandte sich dann rasch ab.
Doch natürlich waren nicht alle im Pub so klar bei Verstand wie sie und ignorierten den Mann, nein, es gab auch jene, die bereits einiges intus hatten und Ärger suchten, wo immer sie welchen finden konnten.
„Ey, Vicious!“, rief einer und baute sich hinter ihm auf, die Hand auf seinem Schwert. „Traust dich nur mit deiner Garde her, hä? Feigling!“
Captain Vicious trank einen Schluck und stellte das Glas ab. Dann drehte er sich gemächlich um und sah dem Aufmüpfigen in die Augen. „Das hättest du nicht sagen sollen.“ Er zog sein Schwert und schlug zu, und in dem Moment ging eine Massenschlägerei los: Alle Gäste sprangen auf und kämpften mit den Soldaten.
Julie sah erschrocken in das Gemenge. Sie hatte schon einige Schlägereien erlebt, doch dieses Ausmaß hatte noch keine erreicht. Hilflos waren Ed und sie an die Theke gefesselt, denn sie konnten unmöglich allein schlichten.
Plötzlich ging erneut die Tür auf und ein heftiger Wind wehte herein. Eine starke Macht schob die Kämpfenden voneinander weg und zwang ihnen die Schwerter aus den Händen. Die Leute waren so perplex, dass sie ihre Verletzungen völlig außer Acht ließen, und auch Julie blickte ungläubig zum Eingang. Dort stand hochgewachsener Mann im wehenden Umhang mit langen, lilafarbenen Haaren, leuchtend roten Augen und einer bleichen Haut. Auf seiner Schulter saß ein pechschwarzer Rabe, dessen ebenso schwarze Augen das blutrote Licht des Mondes spiegelten. Langsam kam er die Stufen herab und sah einmal in die Runde. „Das ist kein Spielplatz“, sagte er leise, doch seine Stimme war so durchdringend und klar, dass jeder im Raum ihn hören konnte. „Wenn ihr euch umbringen wollt, tut es draußen…“ Eine seltsame Aura ging von dem Mann aus, die allen die Zunge am Gaumen festklebte, sodass niemand antwortete. Er näherte sich der Bar, während Captain Vicious seine Leute zusammenrief und die Bar wieder verließ. Er bezahlte nicht mal, doch Julie hätte niemals den Mut aufgebracht, ihn danach zu fragen, zudem war ihr Blick immer noch starr auf den Neuankömmling gerichtet, der sie nun ins Visier nahm. Ganz gemächlich ließ er sich auf dem Platz nieder, auf dem eben noch Captain Vicious gesessen hatte. Lange sah er Julie nur an, bevor er endlich sagte: „Habt ihr hier auch alkoholfreie Getränke?“
„Äh – j-ja, haben wir… Vielleicht eine Cola?“
Er nickte. Während sie ihm eingoss, blickte er über die Runde. Die Männer hatten sich schon wieder abgewandt und tranken, redeten und lachten ausgelassen. Keiner war ernsthaft verletzt worden. Dennoch hing ein Schatten über der Bar, jetzt wo Captain Vicious erst mal wütend war.
Gedankenverloren streichelte der Mann seinen Raben, der die ganze Zeit still dasaß und nur blinzelte. „Du bist jung…“ Er blickte Julie wieder direkt in die Augen. Das hatte etwas Hypnotisches, sie konnte nicht wegsehen. „Was tust du in einem Loch wie diesem..?“
„I-Ich… Also, ich brauch das Geld…“
„Tatsächlich…“ Er nickte erneut nachdenklich. „Wie heißt du?“
„Julie, Julie Portal.“
„Julie…“ Wieder schwieg er lang. Dann nahm er seinen letzten Schluck. „Gut, Julie…“ Er erhob sich. „Hier… Für den Schaden und so…“ Er legte ihr einen Hunderter hin. „Pass gut auf dich auf.“ Er verließ den Pub, diesmal schnellen Schrittes. Julie starrte ihm lange nach.

Der nächste Tag war ein Montag, Julies freier Tag, doch konnte sie diesen nicht so recht genießen. Dieser Mann aus dem Pub spukte in ihrem Kopf herum. Seine Augen waren so angsteinflößend und faszinierend zugleich gewesen. Und diese seltsame Aura…
Nachdenklich blickte Julie aus dem Fenster auf die Straße. Es war still, nur das leise Tröpfeln des Regens war zu hören. Auf der Straße war nicht viel los, doch Julie starrte sowieso die ganze Zeit nur auf eine Stelle, ohne irgendetwas zu sehen.
Das plötzliche Klingeln ihres Telefons ließ sie zusammenfahren und riss sie aus ihrer Trance. Noch etwas benommen nahm sie erst nach dem dritten Klingeln ab. „Ja?“
„Julie, alles klar?“ Es war Ed, wie sie schon vermutet hatte. „Das war ja echt seltsam gestern.“
„Ja, das stimmt. Was das wohl für ein Wesen war?“
„Ich weiß nicht, der Geruch war mir nicht bekannt. Das ist seltsam. Ähm, wie dem auch sei. Hast du vielleicht heute Abend Zeit?“
Julie lächelte leicht. Ed versuchte schon lang, bei ihr zu landen. Er fuhr alle Register: Romantisches Dinner, romantische Ausflüge, romantische Briefe und und und. Manchmal tat es Julie leid, aber sie konnte an ihm einfach nichts finden, das sie als liebenswert einstufte. Sie mochte ihn gern, aber eben nur als Freund, nicht als Partner.
„Tut mir leid, aber mir geht’s nicht so gut. Ich kann heute nicht.“
„Na gut, schade. Dann ruh dich mal ordentlich aus, ja? Ich ruf dich nachher nochmal an. Bis dann.“
„Bis dann.“ Julie legte auf und seufzte tief. Sie warf sich in den Sessel und schloss die Augen.
Plötzlich gab es einen Rumms. Mit einem Mal saß Julie kerzengerade da und blickte zur Tür. Jemand hatte dagegen getreten, sie hatte es genau gehört. Rumms! Da wieder! Die Tür barst. Julie sprang erschrocken auf und wich von der Tür zurück. Im Rahmen stand wieder er: Captain Vicious, sein Schwert in der Hand und ein fieses Grinsen im Gesicht. „Hallo, Puppe“, sagte er in seiner rauen Stimme, „Wir sind hier, um dich mitzunehmen.“
„Nein“, hauchte Julie und wich weiter zurück, bis sie gegen die Wand stieß, die Augen erfüllt von Angst. Der bullige Mann trat auf sie zu, bei jedem Schritt donnerte er den Fuß fest auf. Er packte ihre Hand und zog sie mit raus. Um Hilfe schreiend wehrte sie sich, doch er hielt sie mit Leichtigkeit im Zaum und brachte sie raus. Sie zeterte und tobte vor Angst, was den Captain und seine Männer jedoch überhaupt nicht beeindruckte.
Doch dann spürte sie wieder diese Aura, wie am Tag zuvor, diese drückende Aura, die von dem Mann ausgegangen war. „Was bei Lucifer – “, fluchte Captain Vicious, er ließ den Griff um Julies Handgelenke gezwungenermaßen locker, was sie sofort nutzte, um sich loszureißen. Sie rannte um ihr Leben in irgendeine Richtung, ohne auf den Weg zu achten, und lief in jemanden hinein. Als sie aufsah, blickte sie wieder in die leuchtend roten Augen des Mannes, er hielt ein Schwert in seiner rechten Hand, dessen Klinge lichterloh brannte. Sie brachte kein Wort hervor, doch auch er sagte nichts: Er legte einen Arm um sie, sie hörte nur noch kurz einen lauten Fluch von Captain Vicious und plötzlich wurde alles schwarz um sie herum.


Kapitel 2: Lymphosius


Als Julie die Augen aufschlug, blickte sie geradewegs in strahlend blauen Himmel. Erschrocken hielt sie sich die Augen zu, es war so hell, sie war geblendet. Langsam setzte sie sich auf und versuchte, mit zusammengekniffenen Augen herauszufinden, wo sie war. Sie lag im Gras unter einem Baum, gleich neben einem Bach. Sie rieb sich die Schläfen und versuchte angestrengt, sich zu erinnern, was passiert war.
„Hier.“ Julie zuckte zusammen, als sie plötzlich angesprochen wurde, und blickte auf. Da stand der Mann mit den roten Augen, und alles fiel ihr wieder ein: Captain Vicious und seine Männer, die in ihr Wohnzimmer eindrangen und sie mitnahmen. Die seltsame Aura, der Mann mit den roten Augen und die plötzliche Schwärze um sie herum.
Der Mann hielt ihr ein Glas hin. „Trink etwas. Du musst völlig dehydriert sein.“
Tatsächlich spürte Julie, dass sie wahnsinnigen Durst hatte, und so nahm sie bedenkenlos an, obwohl sie den Mann überhaupt nicht kannte. In einem Zug trank sie es aus, verschluckte sich, musste husten.
Der Mann setzte sich neben sie. Er sagte nichts. Als Julie wieder halbwegs normal atmen konnte, wandte sie sich an ihn. „Wo sind wir?“
„In der Menschenwelt…“ Er sah zum Himmel. „Die Unterwelt ist momentan zu unsicher für dich.“
„Wieso?“
Wieder schwieg er. Dann, nach einer Weile, meinte er langsam: „Ich bin nicht befugt, dir das zu sagen.“
„Befugt?“ Julie war verwirrt. „Wer – wer sind Sie überhaupt?“
„Ich wurde beauftragt, dich zu beschützen und nach Lymphosius zu bringen. Ich heiße Sirius.“
„Sirius..?“ Irgendwie hatte Julie das Gefühl, dass sie diesen Namen schon einmal gehört hatte. Vielleicht in einem Buch? Sie schüttelte den Kopf. „Lymphosius? Was soll das sein?“
„Eine Stadt am äußersten Rand der Unterweltdimension. Dort leben Zauberer, Elfen, Feen, Kobolde und dergleichen, einige wenige Dämonen und Vampire.“
„Was soll ich denn da?“
„…du stellst zu viele Fragen. Ich bin nicht befugt, dich aufzuklären.“
„Was soll denn das mit dem befugt? Wer ist denn der Auftraggeber?“
„Auch das kann ich dir nicht sagen.“
„Ach, Teufel nochmal!“ Sie stand auf. „Wenn du mir gar nichts sagst, dann geh ich eben!“ Sie wandte sich zum gehen, doch er packte sie am Arm. Ohne zu ziehen hatte er eine wahnsinnige Kraft und hielt sie locker zurück. „Das kann ich nicht zulassen.“
„Was soll das?! Das ist Freiheitberaubung!“
„Julie.“ Er zog sie zu sich. „Du musst mir vertrauen. Allein wirst du nicht überleben. Sämtliche Kopfgeldjäger der Unterwelt sowie Vicious persönlich sind dir von heute an auf den Fersen.“
„Aber warum nur? Ich bin doch nur ein einfaches Barmädchen?“
„Ich kann es dir nicht sagen.“ Er ließ sie los. „Du wirst es noch früh genug erfahren. Das kann ich dir versprechen.“
Sie sah ihn schweigend an. Er wirkte nicht vertrauenserweckend, doch das taten die wenigsten in der Unterwelt. Irgendetwas an seinem Ausdruck störte sie, doch sie kam nicht darauf, was es war. „Also gut…“, meinte sie langsam. „Ich hab ja, wie es scheint, sowieso keine andere Wahl. Also, wohin?“

Sirius war kein sehr gesprächiger Zeitgenosse. Er führte sie über weite Felder, stundenlang durch Wälder und Weiden, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Der Rabe, der in der Bar noch auf seiner Schulter gesessen hatte, war nicht mehr bei ihm. Mehrmals fragte Julie ihn nach ihm, doch Sirius antwortete ihr nicht. Überhaupt beantwortete er Fragen höchstens mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ oder ‚Das darf ich dir nicht sagen‘. Irgendwann war Julie es ziemlich leid und gab es auf, es überhaupt erst zu versuchen.
Immerhin hatte er ihr gesagt, wo sie denn überhaupt hingingen: Scheinbar gab es in der Oberwelt jemanden, den Julie sehen sollte. Wo genau diese Person lebte, hatte Sirius nicht gesagt, nur dass es etwa einen Tag dauerte, um dort hinzugelangen. Auf die Frage, warum Sirius sie nicht direkt von der Unterwelt dorthin gebracht hatte, antwortete er wiederum nicht.
Nachdem sie den ganzen Nachmittag gegangen waren, kamen sie an einen Weiher, an dessen anderen Ende ein paar Häuser standen.
„Wir werden die Nacht in diesem Dorf verbringen“, erklärte Sirius. „In der Nacht ist es zu gefährlich. Die Unterweltler trauen sich nur bei Mondlicht in die Menschenwelt…“
Julie sah zweifelnd zu Sirius. Mit seinen lilanen Haaren und seinen roten Augen würde er wohl kaum als Mensch durchgehen. Gerade, als sie diese Zweifel äußern wollte, passierte etwas Seltsames: Vom Ansatz an färbten sich Sirius‘ Haare dunkelbraun und die Augen wechselten die Farbe zu graublau. Seine Haut bekam eine leichte Bräune und der Umhang verschwand; stattdessen trug er nun ein einfaches Baumwollhemd und eine Cordhose.
Julie stand der Mund offen. „Wie hast du das denn gemacht?“
Sirius blickte sie an. „Was?“
„Du siehst anders aus!“
Er nickte. „Ich weiß.“
„Aber wie?!“
„Ich kann sein, was ich will, und aussehen, wie ich will.“ Er setzte seinen Weg fort. Julie lief ihm nach. „Das find ich echt spannend. Bist du sowas wie ein – “ Und plötzlich fiel ihr ein, wo sie den Namen Sirius schon gehört hatte. Dieses Legendenbuch. Sirius. „Gestaltenwandler…“
Er sah wieder zu ihr.
„Sirius, der Gestaltenwandler… Das bist du! Es gibt dich wirklich!“
Sirius antwortete nicht, da es keine Frage, sondern eine völlig korrekte Feststellung gewesen war.
„Wow, dass ich dich kennenlerne! Du bist eine lebende Legende!“
„Wir sollten jetzt wirklich weiter.“ Sirius ging voraus, Julie folgte widerwillig. Sie fand es unglaublich aufregend und wollte so gern tausend Dinge Fragen, doch sie wusste genau, dass sie keine Antwort kriegen würde.
Sirius führte sie in ein kleines Gästehaus. Die Frau, die es betrieb, empfing sie freudig; sie hatte wohl nur sehr selten Kundschaft.
Erleichtert ließ Julie sich auf das Bett fallen. Sie war ziemlich müde, wie sie jetzt bemerkte. Sirius saß im Schneidersitz auf seinem. Irgendetwas sagte Julie, dass er die Nacht nicht schlafend verbringen würde.
„Wir müssen morgen früh raus. Du solltest jetzt schlafen“, meinte er, ohne sie anzusehen.
Julie folgte der Aufforderung und legte sich hin. Es dauerte nicht lang, da war sie eingeschlafen.
Sirius beobachtete sie eine Weile. Dann stand er auf und trat ans Fenster. Es war dunkel, ein strahlender Halbmond stand am Himmel, niemand war noch draußen. Auf das Fensterbrett kam ein Rabe geflogen und er klopfte mit dem Schnabel ans Fenster. Sirius ließ ihn herein, er flog sofort auf seine Schulter. „Hallo, Silja…“ Sanft strich er über das Gefieder des Vogels. „Du hast lang gebraucht…“ Silja hob ihren Fuß an, ein Zettel war daran befestigt. Sirius band ihn los und las:
„Sirius,
Ich habe deine Nachricht erhalten und merke, wie eilig du eine Antwort erwartest, also habe ich Silja sofort wieder losgeschickt.
Deine Bedenken sind durchaus nicht unbegründet, dennoch rate ich dir, nicht zu voreilig zu handeln. Ich weise dich erneut darauf hin, dass du Miss Portal auf keinen Fall irgendetwas erklären darfst und baue darauf, dass ihr rechtzeitig ankommt, bevor es los geht. Falls doch etwas passieren sollte, hast du die Erlaubnis, sie niederzuschlagen, aber sei nicht zu grob.
Ich erwarte eure Ankunft.
N.“
Sirius ließ den Zettel in Flammen aufgehen und setzte sich wieder auf das Bett. Silja flog auf das Bettgestell, steckte den Kopf unter den Flügel und schlief. Sirius blickte schweigend zu den tanzenden Schatten, die der Baum vor dem Fenster an die Wand warf. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, das ganze überforderte ihn und das gefiel ihm nicht. Er war in seinem Leben selten so hilflos gewesen. Julie sah einen Helden in ihm, auch das gefiel ihm nicht. Ein Held sein war das letzte, was er wollte. Da wäre er ja noch fast lieber der Bösewicht der Geschichte. Aber sein liebster Platz war eigentlich der neutrale Punkt.
Durch diesen Auftrag war er in eine Meinung gezwungen worden. Er hoffte, dass er sich in Lymphosius absetzen konnte, doch ihm war jetzt schon klar, dass es nicht so sein würde. Er hätte Julie sicher noch eine ganze Weile am Hals.

Julie wurde ziemlich rüde von Sirius geweckt. „Steh auf, wir müssen weiter.“ Schlecht gelaunt machte sie sich ihre Haare, während Sirius der Herbergsbesitzerin ihr Geld gab, dann machten sie sich wieder auf. Die Landschaft veränderte sich langsam, es wurde zunehmend hügeliger und kälter. Julie fror, doch Sirius schien das nicht zu interessieren. Er sah wieder aus, wie bei ihrer ersten Begegnung. Irgendwann wurde es Julie zu bunt. „Sirius, ich friere!“
„Und?“
„Was heißt hier ‚und‘? Du bist hier der Mann, du musst mir deine Jacke geben!“
„Was hat das damit zu tun, dass ich ein Mann bin? Und überhaupt“, er breitete die Arme aus und sah ihr in die Augen, „Vielleicht bin ich ja gar kein Mann?“
„Was?!“ Julie blieb stehen. „Du bist eine Frau?!“
„Nein.“ Sirius ging weiter und antwortete auf keine Frage mehr.
Bis zum Mittag sprachen sie kein Wort, dann sagte Sirius: „Hier ist es.“
Die Landschaft hatte sich nicht im Geringsten verändert und so war Julie ein wenig verwirrt. „Wo?“
Statt zu antworten griff Sirius ihren Arm und wieder wurde es schwarz um sie herum. Als sie wieder etwas sehen konnte, standen sie im Tor einer Stadt, die überhaupt nicht in die Unterwelt passte (in der sie sich jetzt wieder befanden). Sie war auf einem Hügel erbaut, an der Spitze stand eine schöne Villa, drumherum lauter kleine Häuser. Sie waren weiß gestrichen und über der Stadt schwebte ein goldenes Licht, das alles erhellte, wie in der Menschenwelt die Sonne.
Julie sah sich staunend um. „Das ist Lymphosius?“
„Du stellst wirklich intelligente Fragen.“ Sirius ging voraus.
Julie sah ihm empört nach. „Frechheit!“ Doch dann rannte sie ihm rasch hinterher. Er führte sie hoch und immer höher, und als Julie merkte, wohin es ging, rannte sie, bis sie gleich auf war mit ihm. „Gehen wir etwa zu der Villa?“
„Ja.“
„Wer wohnt da?“
„Madame Portal und ihr Ehegatte.“
„…was? Meine Eltern?“
Er sagte nichts mehr. Julie war jetzt vollends verwirrt. Ihr Vater war vor Jahren von einem Teufel getötet worden und ihre Mutter galt als verschollen. Wie konnten sie hier wohnen?
Sirius zog an einer Klingel und fast zeitgleich wurde die Tür geöffnet. Ein Mann mit zerfurchtem Gesicht, grauen Haaren und wässrigen Augen in einem schwarzen Anzug öffnete. „Sie wünschen?“
„Sirius Saeculus und Julie Portal. Wir werden erwartet.“
„Folgen Sie mir, Sir.“ Der Mann führte die beiden durch die riesige Eingangshalle durch eine Flügeltür und dann weiter durch einen langen Flur. An einer der Türen blieb er stehen und klopfte. „Madame empfängt sie nun“, sagte er. Sirius trat ohne zu zögern ein, Julie folgte langsam. Sie kamen in ein großes Zimmer mit mehreren Sofas und Sesseln, einem Kamin, einigen Schränken und Zimmerpflanzen sowie diverse Dekorationen. In einem Sessel saß ein Mann, der die Beine übereinandergeschlagen und das Gesicht hinter einer Zeitung verborgen hatte. Auf dem Sofa saß eine ältere Frau, ihr Haar war so rot, wie Julies, die Augen grau. Sie hatte einen strengen Gesichtsausdruck und ähnelte Julies Mutter, die jedoch viel jünger hätte sein müssen. Mit diesem Blick nahm sie Julie jetzt ins Visier. Sie stand auf und kam auf die beiden zu. „Julie.“
„H-Hallo…“ Julie hatte einen Kloß im Hals. Sie wusste, wer diese Frau war. Julie stand gerade ihrer Großmutter gegenüber, der großen Adrienna Portal.
„Ich freue mich, dich kennenzulernen.“ Adrienna lächelte sanft. Durch das Lächeln ging etwas von der Härte in ihrem Ausdruck verloren. Sie nahm sie in den Arm und drückte sie fest an ihre Brust. „Du siehst genauso aus wie deine Mutter.“
Julie brachte kein Wort hervor. Sie war völlig von den Socken.
„Du hast sicher viele Fragen. Doch bevor ich sie dir beantworte, solltest du etwas essen, du musst völlig ausgehungert sein. Und Ihr“, wandte sie sich an Sirius, der schon wieder gehen wollte, „leistet uns Gesellschaft, Edler Lord Saeculus.“
„Kein Lord mehr“, meinte Sirius, ohne sie anzusehen.
„Oh.“ Adrienna schien kurz überrascht, lächelte dann jedoch wieder. „Herr Saeculus, leistet uns Gesellschaft.“ Sie führte die beiden in das Speisezimmer. Sie setzten sich an einen langen Tisch, Julie saß neben Sirius und Adrienna ihnen gegenüber.
Sirius schien etwas unruhig zu sein. „Ma’am“, sagte er irgendwann, „Mein Auftrag ist erfüllt. Kann ich – “
„Unsinn, Saeculus, Ihr Auftrag ist noch nicht erfüllt. Sie sollen Julie auf ihrem Weg beschützen vor jeglicher dunklen Kreatur.“
„Bis nach Lymphosius.“
„Danach auch.“
„Das kostet mehr.“
„Das sollte kein Problem darstellen.“
In dem Moment wurde das Essen aufgetragen. Julie, die einen Bärenhunger hatte, stürzte sich darauf wie ein Wolf. Auch Adrienna wandte sich nun dem Essen zu. Sirius blieb starr sitzen und blickte auf die Tischdecke. Es herrschte eine drückende Stille, niemand wusste etwas zu sagen. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, traute sich Julie doch endlich: „Adrienna, ich… Ich muss dich das jetzt fragen.“ Sie schluckte. „Was ist mit Mama passiert?“
Adrienna seufzte. „Achja, meine Tochter… Maria-Lousia ist vor einigen Jahren verschollen… Niemand weiß genau, ob sie noch lebt, doch ich bezweifle es stark. Deine Mutter gehörte nicht zu der Sorte, die sich von allem abgrenzt, wie gefährlich es auch sein mag. Daher denke ich, weilt sie nicht mehr unter den Lebenden.“
„Achso…“ Julie sah auf ihre Hände.
„Tut mir leid.“
„Schon gut.“ Julie lächelte. „Aber warum wurde ich hergebracht? Und was wollten diese Verbrecher von mir?“
„Es ist an der Zeit, dass du es erfährst.“ Adrienna stand auf und trat ans Fenster. „Du, deine Mutter, ich, meine Mutter und alle unsere weiblichen Vorfahren besitzen ein magisches Talent, das nicht vielen gegeben ist. Es stammt direkt von unserer Urahnin Lilith, der Göttin der Hexen.“
„…was? Eine Göttin?“
„Dir ist diese Magie gegeben, doch das ist eine unglaubliche Macht, die du nicht einschätzen kannst. Du hast nun das Alter erreicht, in dem die Magie in dir erwacht. Dadurch bist du für Verbrecher und anderes Gewese interessant geworden.“ Adrienna sah jetzt zu Sirius, der sich die ganze Zeit nicht gerührt hatte. „Ich schickte den besten Mann aus, um dich zu beschützen und herzubringen. Damit du die Kontrolle über die Magie erlernen kannst und dich mit deiner Herkunft vertraut machen kannst.“
„Ich werde also unterrichtet? Von wem?“
„Von einem reizenden jungen Mann namens Percival Di Cielo. Er ist der am besten ausgebildete Magier in ganz Lymphosius.“
„Ahja…“ Julie war etwas überfordert.
„Das war sicher etwas viel für dich.“ Adrienna lächelte gnädig. „Albert wird dir nun dein Zimmer zeigen.“ Der Butler kam wieder herein und wies sie an, ihr zu folgen.
Julie sah zu Sirius. „Kommst du nicht mit?“
Sirius sah zu ihr. Lange schwieg er und rührte sich nicht, dann seufzte er leise, stand auf und folgte ihr, als der Butler sie zu ihrem Zimmer führte. Julie war begeistert. Es war ein riesiges Zimmer mit hohen Fenstern, einem großen Himmelbett, hellen Möbeln und einer angenehmen Atmosphäre. Der Butler ließ sie allein und sie ließ sich auf das Bett fallen. „Wow“, meinte sie, „Das war echt… Überraschend…“
Sirius blieb mitten im Raum stehen und beobachtete sie schweigend. Sie sah zu ihm auf. „Sag mal, schläfst du nie?“
Sirius schüttelte den Kopf. „Schlafen ist unnötig und raubt mir nur Lebenszeit.“
„So ein Unsinn. Schlafen ist doch schön!“
Sirius sagte nichts dazu.
„Komm, heute Nacht wirst du dich hinlegen und wenigstens so tun, als ob du schläfst.“ Sie deutete neben sich.
„Bei dir im Bett? Ist das nicht irgendwie… Unrecht?“
„Weil ich eine Frau bin? Also, ich will dir ja nicht zu nahe treten oder so, aber du wärst so absolut überhaupt gar nicht mein Typ. Also so gar nicht.“
„So etwas interessiert mich nicht. Ich frage nur, weil Frauen recht empfindlich auf Nähe reagieren.“
„Wenn du meinst.“ Julie zog sich aus und ging ins Bett. „Ab ins Bett.“
Sirius gehorchte; irgendwo war Julie ja seine Vorgesetzte. Er legte sich hin und starrte an die Decke.
Julie kicherte. „Du musst die Augen schließen.“ Wieder gehorchte er. „Und jetzt entspann dich.“ Das überforderte ihn, doch er ließ es sich nicht anmerken. „Schlaf gut!“ Julie schloss die Augen.
Sirius versuchte, einzuschlafen, doch er wusste gar nicht, wie das ging. Er lauschte Julies Atem, der langsam und gleichmäßig ging, und machte es nach.
Er schlief ein.

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Publication Date: 06-14-2011

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