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Cox – Mr. Stinkstiefel

1.

Von einer der anderen Terrassen schallte Lachen herüber, aus einem der offenstehenden Fenster erklang leise Musik. Cox lümmelte in einem Liegestuhl, eine Zeitschrift auf dem Schoß und ein Bier in der Hand. Es tat gut, wieder in gewohnten Gefilden zu sein. Er mochte die seidige Luft am Abend, herrlichen Sonnenuntergänge und entspannte Stimmung auf der Northfolk-Ranch.

Normalerweise schloss er sich gern den anderen Jungs an, wenn die auf einem der Freisitze zusammen herumlungerten, doch momentan war ihm nicht danach. Wie sagte seine Mutter immer so schön? Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Genauso war es ihm ergangen, als er vor einem Jahr wegen Liebeskummer die Ranch verließ und bei einer Viehzucht in Illinois anheuerte. Dort traf er Kurt, der ihn mit Versprechungen und gutem Sex einlullte, bis er erneut sein Herz verlor. Das Ganze währte kaum sechs Monate, da bot man seinem Lover eine attraktive Stelle in Texas an. Kurt zögerte keinen Moment und hatte ihn fallenlassen wie eine heiße Kartoffel.

Tja. Wie gewonnen, so zerronnen. Nun saß er da, schon wieder mit gebrochenem Herzen. Einziger Vorteil: Seine Gefühle für Matt, den Besitzer der Northfolk-Ranch, waren verpufft. Cox wünschte allerdings, das wäre auf anderem Weg geschehen.

Was ihn noch auf die Ranch zurückgezogen hatte: Cranberry, sein Wallach. Das Pferd gehörte nicht ihm, sondern war nur eine Leihgabe, aber sie kannten sich schon viele Jahre. Irgendwann, wenn er den elterlichen Betrieb übernahm, wollte er Cranberry bei Matt auslösen. Noch hatte er keine Ahnung, wann das sein würde. Er scheute davor zurück, in die – wie er es nannte – Einöde in der Nähe Monroes in Michigan umzusiedeln. Dort gab es nur Felder und alte Leute in der Nachbarschaft.

Seine Eltern betrieben Getreide- und Gemüseanbau sowie eine Schnapsbrennerei. Letztere war fast lukrativer als das andere. Mit etwas Knowhow könnte man daraus ein richtig profitables Geschäft entwickeln. Cox hatte sich bereits damit beschäftigt, doch wie gesagt: Er war noch nicht soweit. Vielleicht mit vierzig, also in fünf Jahren, vielleicht eher. Wer wusste schon, was das Schicksal noch alles für ihn bereithielt?

Sein Aufenthalt auf der Northfolk-Ranch war vorläufig befristet. Seine vormalige Stelle hatte sein Nachfolger inne und es sah so aus, als ob Liwanu, so hieß der Typ, hier Wurzeln geschlagen hätte. Mittlerweile lebte der Mann sogar mit Hank, dem Vorarbeiter, in einem Haus in der Nähe. Insofern brauchte er sich auf Liwanus Platz keine Hoffnungen machen. Was das restliche Stammpersonal betraf, galt wohl das Gleiche.

Dennoch hatte Matt ihm in Aussicht gestellt, eventuell länger bleiben zu können. Ein Angebot, das er sehr schätzte, zumal er Hanks altes Appartement bewohnte. Eine Unterkunft mit einigen Vorzügen, wie dem Wannenbad, der blickgeschützte Terrasse und ruhiger Nachbarschaft. Links wohnte Annegret, rechts Jeremy, der sich meist bei den anderen Jungs aufhielt.

Cox leerte sein Glas und warf die Zeitschrift auf den Tisch. Nachdem er in seine Stiefel gestiegen war, verließ er das Haus und schlenderte in Richtung der Ställe. Aus einem der oberen Fenster des Haupthauses drang Kindergekreische. Wahrscheinlich mussten die beiden Kleinen gerade ins Bett.

Als Kinder hatten seine Schwester und er auch so rumkrakeelt, wenn’s in die Heia gehen sollte. Ach ja, Constanze. Mittlerweile lebte sie mit ihrem Gatten, einem Banker, in Los Angeles. Man sah sich nur noch selten. Sie wollte die elterliche Farm keinesfalls übernehmen und ging, mit der Kreditkarte ihres Ehemannes, bevorzugt shoppen. Constanze war ein kleines bisschen oberflächlich, doch er liebte sie trotzdem.

Im Stall empfing ihn eine friedliche Atmosphäre. Sanftes Schnauben, als er an den Boxen entlangschritt. Kurz hielt er bei Patty, die ihren Kopf über die Abtrennung reckte und gab ihr ein paar Krauleinheiten. Das gutmütige Mädchen bekam, seit Liwanu für das Gestüt zuständig war, endlich mehr Auslauf. Insofern und sicher auch in jederlei anderer Hinsicht, hatte Matt mit der Rothaut einen guten Griff getan. Der Typ war fleißig, verschwiegen und stets tiefenentspannt. Wahrscheinlich trug Hank erhebliche Mitschuld an letzterem. Der war ebenfalls erheblich besser gelaunt, als noch vor Liwanus Ankunft.

Apropos: Dass Hank auf Männer stand, hatte Cox irgendwie geahnt. Sein Gaydar funktionierte allerdings unzuverlässig, daher war er bisher unsicher gewesen. Im Grunde ging es ihn auch nichts an. Jeder durfte auf der Ranch nach seiner Fasson leben. Die meisten seiner Kollegen fuhren an den freien Tagen zu ihren Freunden oder Geliebten. Ihm war es egal, ob es sich dabei um Männlein oder Weiblein handelte.

Cranberry wartete schon, als er dessen Box erreichte. Sanft stupste der Wallach ihm gegen die Schulter. Anfangs hatte Cranberry ein wenig geschmollt, wie ein sitzengelassener Liebhaber. Verständlich. Inzwischen waren ein paar Wochen vergangen und sie wieder ein Herz und eine Seele.

„Na, mein Junge. Wahre Liebe gibt es nur zwischen Pferd und Mensch, nicht wahr?“ Er gab Cranberry den Apfel, den er vor seinem Aufbruch eingesteckt hatte.

Während der Wallach die Leckerei vernaschte, lehnte Cox an der Boxentür und ließ seine Gedanken schweifen. Auf der Farm seiner Eltern war genug Platz für ein Pferd, aber es handelte sich nun mal um Herdentiere. Es müsste also mindestens ein zweites her. Andere Möglichkeit: Den Wallach in einem Stall in der Nähe seines Elternhauses unterzustellen. Diese Lösung widerstrebte ihm. Er wollte Cranberry in seiner unmittelbaren Umgebung haben.

Inzwischen hatte das Pferd den Apfel verspeist und schnüffelte an ihm herum, wohl in der Hoffnung, einen weiteren aufzuspüren. Lächelnd schob er die Schnauze weg, kraulte Cranberry ein bisschen und verabschiedete sich anschließend.

Als er durchs Stalltor ins Freie trat, stolperte er fast über ein Huhn, das gackernd davonstob. Verwundert sah er hinterher. Normalerweise war das Federvieh hinter Maschendraht untergebracht. Vielleicht handelte es sich um ein lebensmüdes Exemplar, auf der dringenden Suche nach einem Fressfeind ausgebüxt.

Gemächlich ging er zurück zum Nebengebäude, wobei er Ford, der gerade mit einem der Pickups vor den Garagen hielt, zuwinkte. Über die Jahre waren Annegret, Ford, Matt und Amalie mitsamt Anhang so etwas wie seine Familie geworden. Auch deshalb hatte es arg geschmerzt, die Ranch verlassen zu müssen. Dennoch bereute er die Entscheidung nicht, mal abgesehen von der Tatsache, vom Regen in die Traufe gekommen zu sein.

Zurück in seiner Wohnung, machte er es sich auf der Couch bequem. Noch ein wenig in die Glotze gucken, bevor‘s ins Bett ging. Am nächsten Tag traf ein neuer Cowboy ein, den Hank ihm zur Einarbeitung zugeteilt hatte. Ein Kelch, der von Stammmitarbeiter zu Stammmitarbeiter weitergereicht wurde. Obwohl er nur für die Saison eingestellt war, gehörte er leider weiterhin zum erlauchten Kreis. Zu gern hätte er diese unliebsame Aufgabe abgetreten, doch diesbezüglich kannte Hank kein Pardon.

 

Am folgenden Morgen fand als erstes ein Großeinsatz statt, um das ausgeflogene Federvieh einzufangen. Irgendjemand hatte die Tür zum Hühnerstall offenstehen lassen, durch die nach und nach die halbe Belegschaft geflüchtet war. Cox vermutete, dass die Kinder Schuld daran trugen.

Marsha und Jannis waren in einem Alter, in dem man alles Mögliche vergaß. Glenn schimpfte manchmal, es wäre ein Wunder, dass die Kinder überhaupt noch ihre Namen wüssten. Eine glatte Übertreibung, doch als Vater verzweifelte man bestimmt an solcher Schusseligkeit. Da neigte man eben zu solchen Ungerechtigkeiten.

Nachdem sie die meisten Hühner wieder in den Stall verfrachtet hatten, ging die Mannschaft zur Tagesordnung über. Cox blieb, wegen des Neuankömmlings, zusammen mit Liwanu im Stall zurück. Der Cowboy sollte im Laufe des Vormittags eintreffen, weshalb es sich nicht lohnte, auf die Weiden zu reiten.

Sie brachten die Ponys und zurückgelassenen Pferde auf die Koppel. Anschließend widmete sich Cox der Pflege des Zaumzeugs und der Sättel, während Liwanu die Boxen ausmistete. Letzterer war einsilbig, wie er es schon kannte. Cox störte sich nicht daran. Lieber so, als jemanden um sich haben, der ständig schwatzte. Es würde ihn zwar schon interessieren, wie Liwanu und Hank lebten, doch nachzufragen wäre indiskret.

Irgendwann, er hatte gerade die Sattelkammer fertig aufgeräumt, vibrierte sein Smartphone. Annegrets Nummer blinkte auf dem Display. Sie war Herrin über die Küche im Haupthaus und erfüllte zugleich den Job einer guten Seele.

„Ja?“, meldete er sich.

„Francisco ist eingetroffen“, gab sie zurück.

„Ich bin auf dem Weg.“ Er steckte das Gerät wieder ein und rief im Vorbeigehen Liwanu zu: „Bis später. Ich versorge erstmal das Frischfleisch.“

Liwanu schenkte ihm ein breites Grinsen. Na ja. Im Prinzip hingen Liwanus Mundwinkel ständig unterhalb der Ohrläppchen, selbst beim Ausmisten. Musste erfüllte Liebe schön sein.

Cox marschierte zum Haupthaus, erklomm die Veranda und ging in die Küche, wo ein südländischer Typ am Tisch saß. Nach seiner Einschätzung mexikanisches Blut. Dunkle Locken, Glutaugen, goldfarbene Haut.

„Da bist du ja schon“, begrüßte ihn Annegret. „Das ist Francisco. Er bekommt das Appartement über deinem.“

„Hi. Ich bin Cox“, stellte er sich vor.

„Angenehm“, erwiderte Francisco. „Alle nennen mich Franky.“

„Okay. Mich nennen alle Cox.“ Für diesen Spruch bekam er von Annegret einen bösen Blick zugeworfen. „Dann komm mal mit.“

Francisco folgte ihm auf die Veranda, wo zwei riesige Rollkoffer und ein Rucksack standen. Cox nahm einen der Koffer, der Neuankömmling die beiden anderen Gepäckstücke. Auf dem Weg zum Nebengebäude quasselte Francisco wie ein Wasserfall. Wo er vorher gearbeitet hatte (eine Mastanlage in Kentucky) und wie schrecklich (überall Staub und Dreck) es dort gewesen war. Bla, bla, bla …

Als sie das Appartement betraten, wechselte Francisco zu der Schilderung der bisherigen Wohnsituation (Eng, ungemütlich und dreckig) und verfiel in Lobeshymnen, wie viel besser doch die neue Unterkunft wäre.

„Sag mal“, stoppte Cox genervt den Redefluss. „Kannst du auch mal die Klappe halten?“

Aus unschuldig aufgerissenen Augen sah Francisco ihn an. „Wieso? Rede ich zu viel?“

„Erkannt.“

„Sorry. Das mache ich immer, wenn ich nervös bin.“

„Dafür gibt es keinen Grund. Richte dich erstmal ein bisschen ein und dann komm rüber zu den Ställen.“

„Okay.“ Strahlend lächelte Francisco ihn an. „Bis gleich.“

Wortlos verließ Cox die Wohnung. Hoffentlich brauchte der Typ sehr lange zum Auspacken, sonst fielen ihm heute Abend die Ohren ab.

Zurück im Stall fragte er Liwanu: „Wie heißt eine Plaudertasche auf zwei Beinen?“

Er erntete damit hochgezogene Augenbrauen.

„Francisco, aber alle nennen ihn Franky.“

„Ach, du meinst den Neuen? Sei nicht so hart zu ihm. Es ist immer doof, irgendwo zu einer eingeschworenen Gemeinschaft dazu zu stoßen.“

„Ja, ja“, murmelte Cox, holte zwei Sättel sowie Zaumzeug aus der Kammer und brachte alles auf die Koppel.

Für Francisco war Perdita vorgesehen, eine schwarze Stute. Er sattelte das Mädchen, anschließend Cranberry. Wie üblich, musste er dem Neuen erst das Gelände zeigen. Missgelaunt kehrte er ins Gebäude zurück.

„Du hast nicht zufällig Lust auf einen Ausritt?“, wandte er sich an Liwanu, der gerade das Holz in einer Box ausbesserte. Es stand ihm natürlich nicht zu, seine Aufgabe zu delegieren, aber versuchen konnte man es ja mal.

„Nö.“

„Schade. Ich würde auch das Abäppeln der Koppel übernehmen.“

„Das musst du sowieso tun, wenn du nichts Besseres vorhast.“

Grummelnd schnappte er sich die Schubkarre mit Schaufel und Harke. Mit einem Mal wünschte er, dass der gute Francisco – mit Franky konnte er sich noch nicht so recht anfreunden – umgehend erschien.

Als würde seine Bitte erhört, tauchte jener wenig später auf. Er hatte gerade die ersten Äpfel aufgesammelt, als vom Zaun her „Hier bin ich“ ertönte. Erleichtert legte er die Gerätschaften zurück auf die Schubkarre und näherte sich der Umzäunung.

Francisco sah weiterhin aus, wie einem Hochglanzmagazin entsprungen: Schwarze Jeans und Stiefel, dazu ein rotes Hemd. Cox hatte gedacht, dass es sich um Reisekleidung handelte, da die Klamotten neu wirkten. Zusätzlich trug Francisco einen Sombrero, der an einem Band um den Hals hing. Es hätte ihn nicht gewundert, zu allem Überfluss auch noch Sporen an den Cowboystiefeln zu entdecken.

Zugegeben: Das Outfit stand Francisco gut, zugleich schlug Cox‘ Gaydar bei dem Anblick aus. Kein Hetero – bis auf Greenhorns – würde in solcher Montur zur Arbeit erscheinen. Andererseits erfüllten die Anwesenden die Schwulen-Quote dünn besiedelter Gebiete pro Quadratkilometer bereits mehr als genug. Dazu kannte Cox zwar keine genauen Zahlen, fand jedoch eine derartige Konzentration ungewöhnlich, wenn nicht sogar unmöglich.

„Ist was?“, erkundigte sich Francisco, was ihn daran erinnerte, dass er den Mann unhöflich angaffte.

„Du weißt aber schon, um welche Sorte Job es sich hier handelt, oder?“

„Klar. Sonst wäre ich ja wohl in Flipflops und Bermudashorts erschienen“, konterte Francisco.

Cox hörte ein ersticktes Prusten, was seine Aufmerksamkeit zum Stalltor lenkte. Dort stand Liwanu, offensichtlich amüsiert und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Dieser Ausbund an Fröhlichkeit ist übrigens Liwanu, hauptamtlich für die Hottehüs zuständig“, stellte er den Kollegen vor.

„Freut mich. Ich bin Francisco, aber alle nennen mich Franky.“

„Hi Franky. Willkommen auf der Northfolk-Ranch“, erwiderte Liwanu, winkte und verschwand wieder im Stallinneren.

„Der scheint nett zu sein“, stellte Francisco fest.

Nett, die kleine Schwester von Scheiße. Anscheinend war dieser Spruch bei Francisco noch nicht angekommen. Cox verkniff sich darüber aufzuklären, um keinen unnötigen Gesprächsstoff zu liefern und nickte zu den gesattelten Pferden. „Perdita, die schwarze Schönheit, ist für dich.“

„Klasse!“, freute sich Francisco und kletterte über den Zaun, obwohl dieser einen Meter weiter endete.

Der Typ war fast einen Kopf kleiner als Cox, dafür anscheinend mit einem doppelt so großen Ego ausgestattet. Breitbeinig, wie ein alter Haudegen, stiefelte Francisco auf die Stute zu, nahm sie am Zügel und schloss per Krauleinheiten Bekanntschaft. Perdita, nahezu ebenso gutmütig wie Patty, ließ den Mann gewähren. Sie spitzte sogar die Ohren und drehte sie in Franciscos Richtung. Na ja, schlechter Geschmack war keine Sünde.

Cox ging zu Cranberry, saß auf und wartete, bis Francisco ebenfalls aufgestiegen war. Er lenkte seinen Wallach von der Koppel und wandte sich in Richtung der Weiden. Mit einem Schulterblick versicherte er sich, dass Francisco ihm folgte, bevor er das Tempo etwas anzog. Umso schneller sie ritten, desto eher hatte er diesen Teil seiner Patenschaft erfüllt.

Das Greenhorn und der rastlose Cowboy

1.

Josh arbeitete seit zwei Monaten auf der Northfolk-Ranch, als Matt, der Eigner, ihn vor der Mittagspause ins Haupthaus rief. Etwas verunsichert, was er sich denn bloß zuschulden kommen lassen hatte, folgte er der Aufforderung. Matt saß im Büro gegenüber der Küche und sah von einem Schriftstück auf, als er an den Türrahmen klopfte und eintrat.

„Nimm Platz.“ Matt wies auf den einzigen freien Stuhl und legte das Papier beiseite. „Ich hab eine besondere Aufgabe für dich.“

Erleichterung, doch keinen Fehler begangen zu haben, breitete sich in Josh aus. „Und die wäre?“

„Wir bekommen einen neuen Mitarbeiter. Sagt dir der Name Cyrus Carter etwas?“

Er schüttelte den Kopf. „Nie gehört.“

„Ich musste das auch erst im Internet recherchieren. Der Typ war als Country-Sänger ziemlich bekannt und arbeitet nun hinter den Kulissen.“

„Ach!“, fiel Josh ein. „Ich glaube, von dem hab ich mal was gehört.“

„Dir kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, Cyrus in die Geheimnisse des rauen Cowboy-Lebens einzuweihen.“ Grinsend lehnte sich Matt zurück. „Der Witz an der Sache ist: Der Typ zahlt dafür, hier arbeiten zu dürfen. Du wirst praktisch als sein Bodyguard fungieren und weichst ihm nicht von der Seite, wenn er auf dem Gelände rumkreucht.“

„Und was soll ich mit dem machen?“

„Lass ihn deine Arbeit erledigen.“

„Puh!“ Josh ließ sich gegen die Stuhllehne sinken und merkte ironisch an:„Ein persönlicher Sklave war schon immer mein Wunsch.“

„Na ja. So krass ist es nun auch wieder nicht. Beschäftige ihn einfach. Bekommst du das hin?“

„Über welchen Zeitraum reden wir hier?“

„Erstmal vier Wochen. Cyrus möchte, laut seiner Aussage …“ Matt tippte mit dem Finger auf das Schriftstück. „…Inspiration für neue Songs sammeln.“

„Okay. Wie kommst du gerade auf mich?“

„Hank hat dich vorgeschlagen. Er meint, du bist sehr geduldig und fluchst am wenigsten von allen.“

„Was machen wir, wenn ich mit dem Typen nicht klarkomme?“

Matt zuckte mit den Schultern. „Abwarten. Du machst das schon.“

„Wann kommt dieser Cyrus denn?“

„Heute Nachmittag. Ford wird sich seiner annehmen. Ab morgen früh gehört er dir.“

„Wo habt ihr ihn untergebracht?“, wollte Josh wissen.

„In der Wohnung unter dir. Jeremy war so freundlich sie zu räumen, so lange Cyrus hier bleibt.“

„Alles klar.“ Er machte Anstalten aufzustehen, als Matt ihn zurückhielt. „Eines noch: Niemand, bis auf Jeremy, darf wissen, wer Cyrus ist. Er wird hier unter dem Decknamen Cyrus Miller geführt werden.“

„Wie fantasievoll“, spottete Josh. „Und wie soll ich den anderen klarmachen, was ein Greenhorn bei uns zu suchen hat?“

„Da wird dir schon was einfallen.“

Na, da hielt Matt aber große Stücke auf ihn. Josh erhob sich, nickte seinem Chef zu und verließ nachdenklich das Haus. Während er zum Nebengebäude, in dem seine Wohnung lag, ging, überlegte er, was er mit diesem Cyrus anstellen sollte. Am besten beratschlagte er das wohl mit Jeremy, der schon lange auf der Ranch arbeitete.

Im Anschluss an einen Imbiss klopfte er also bei Jeremy. Keine Reaktion. Da fiel ihm ein, was Matt gesagt hatte. Er zückte sein Handy und wählte Jeremys Nummer. Alle Rancharbeiter befanden sich in seinem Adressbuch, Anordnung von Amalie. So war jeder im Notfall erreichbar. Natürlich bestand keine Pflicht, nach Dienstschluss Gespräche anzunehmen, doch das kam eh nie vor. Jedenfalls nicht in der Zeit, in der Josh auf der Ranch tätig war.

„Ja?“, meldete sich Jeremy.

„Wo bist du? Ähm, ich meine, wo hat man dich untergebracht?“

„In der Wohnung neben deiner.“

Josh stiefelte die Treppe wieder hoch. „Alles klar. Kann ich kurz vorbeikommen?“

„Sicher doch. Ich mach gerade Kaffee. Willst du auch einen?“

„Logo.“ Er klopfte bei Jeremy, woraufhin die Tür sofort geöffnet wurde und er seine eigene Stimme aus Jeremys Handy hörte, als er hinzufügte: „Bitte mit Milch.“

„Tut mir leid, kann ich nicht bieten.“

„Bin gleich wieder da.“ Josh stopfte das Smartphone zurück in seine Gesäßtasche, ging in seine Wohnung und kehrte mit einer Tüte Milch zurück.

Jeremy deutete auf die Couch. „Setz dich doch. Dauert noch einen Moment.“

Er stellte die Milch auf den Couchtisch, nahm Platz und streckte seine Beine aus. Jeremys Bude war genauso wie seine möbliert. Josh hatte schon wesentlich schlechter und selten besser gewohnt. Im Ganzen war die Northfolk-Ranch echt okay, sowohl vom Betriebsklima als auch den Konditionen her. Wahrscheinlich würde er dennoch im Herbst weiterziehen. Zum einen endete dann sein Vertrag, zum anderen bekam er meist nach einigen Monaten Hummeln im Arsch. Auf diese Weise war er schon durch einige Bundesstaaten gezogen, angefangen in New York, wo seine Eltern eine kleine Autowerkstatt betrieben.

„Was gibt es denn?“, erkundigte sich Jeremy, der mit dem Hintern an der Arbeitsfläche der Küchenzeile lehnte.

„Matt hat mich zum Babysitter für diesen Cyrus gekürt.“

Jeremy zog eine mitleidige Miene. „Du Armer.“

„Hast du eine Idee, was ich mit dem anstellen soll? Ich kann den doch schlecht vier Wochen Zäune reparieren lassen.“

„In einer Woche steht an, eine Partie Rinder auf die äußerste Weide am Fluss zu treiben. Das wäre doch was für den feinen Pinkel. Zwei Nächte in der Hütte ohne Dusche mit Plumpsklo, eingepfercht mit fünf stinkenden Cowboys. Hinterher will der garantiert zurück zu seiner Mami.“

„Nette Vorstellung.“

„Fragt sich nur, wie ich Liwanu das verklickern soll. Der wird kein Greenhorn auf solchen Trip mitnehmen.“ Stirnrunzelnd wandte sich Jeremy zur Kaffeemaschine, füllte zwei Becher und brachte sie rüber zum Tisch. „Hast du eine Idee?“

„Na ja, irgendwie muss Cyrus das Geschäft doch lernen, am besten auf die harte Tour. Das wird Liwanu doch verstehen.“

Jeremy ließ sich neben ihm aufs Polster fallen, zog ein Notebook unterm Couchtisch hervor, stellte es auf die Tischplatte und klappte es auf. „Ich hab den Typen gestern mal gegoogelt.“

„Stinkt es dir nicht, wegen dem deine Bude räumen zu müssen?“

„Iwo.“ Jeremy, der auf der Tastatur herumtippte, zwinkerte ihm zu. „Ich bekomme dafür ja einen großzügigen Bonus.“

Auf dem Monitor erschien ein schmales Gesicht mit Oberlippen- und Kinnbärtchen, Cowboyhut und langen Locken, die darunter hervorwallten. Als Jeremy einen Link anklickte, der zu YouTube führte, tönten die Klänge eines eingängigen Country-Songs aus dem Lautsprecher. Nicht unbedingt Joshs Musikrichtung, aber auch nicht übel. Der Typ übrigens ebenfalls, mit samtigen braunen Augen und einem hübschen Mund. Gegenüber Jeremy ließ er das natürlich lieber unerwähnt.

„Sieht eigentlich ganz sympathisch aus“, äußerte er laut.

„Schwer einzuschätzen. Diese Stars tragen ja alle eine Maske. Vielleicht ist der Typ privat ein Arschloch hoch drei.“

„Abwarten. Eventuell ist er ganz in Ordnung“, wiegelte Josh ab, goss etwas Milch in seinen Kaffee und trank einen Schluck. „Ist dir so was schon mal passiert?“

„Vor etlichen Jahren gab es da mal einen jungen Typen, der sich unbedingt beweisen wollte. Leider hatte der Knabe zwei linke Hände und Füße. Nach einem Unfall mit einem Bullen kam er ins Krankenhaus und schwor dem Cowboy-Dasein ab.“

„Na ja. Wir haben alle mal angefangen.“ Josh lehnte sich zurück und nahm noch einen Schluck. „Damals bin ich vom Pferd gefallen und dachte in dem Moment, ich steige nie wieder auf. Tja. Ich hab’s dann doch getan und heute bin ich hier.“

„Das ist trotzdem ein anderes Kaliber. Dieser Cyrus macht das aus Spaß und bezahlt obendrein dafür. Irgendwie ganz schön krank.“

Im Stillen gab er Jeremy recht. Jeder der Anwesenden arbeitete für seinen Lebensunterhalt. Da passte so ein komischer Kauz einfach nicht rein. „Wir gucken uns das Kerlchen erstmal an, bevor wir uns den Kopf zerbrechen.“

Jeremy klappte den Deckel des Notebooks zu und griff nach dem zweiten Becher. „Vielleicht rennt der ja gleich wieder schreiend weg, wenn er seine Bude sieht. Der ist bestimmt ganz anderes gewohnt.“

„Wer weiß? Vielleicht will er stattdessen für immer bleiben“, orakelte Josh schmunzelnd. „Dann sitzt du hier oben fest.“

Jeremy zeigte ihm einen Vogel, enthielt sich aber sonst jeglichen Kommentars.

 

Nachmittags vergaß Josh über die Arbeit den Neuankömmling. Der Veterinär, der sich einige Rinder angucken sollte, hielt ihn auf Trab. Die Patienten waren am Tag zuvor bereits separiert worden und nun musste er mit zwei Kollegen dafür sorgen, dass sie während der Untersuchung stillhielten. Die meisten verhielten sich brav, doch ein paar schossen quer und benahmen sich wie pubertierende Teenager.

Als er nach Feierabend den Stall verließ und zu den Nebengebäuden ging, stach ihm ein Oldtimer ins Auge, der neben den Pickups vor den Garagen stand. Er wechselte also die Richtung, denn so etwas durfte er sich nicht entgehen lassen. Es handelte sich um einen mitternachtsblaues Mustang Coupé V8, Baujahr 1968. Ein Traumstück. Gehörte das Fahrzeug etwa diesem Cyrus? Soviel Geschmack hätte er dem Typen gar nicht zugetraut. Andererseits konnte sich Otto-Normalbürger solchen Wagen kaum leisten.

Josh spähte durch die Scheiben. Beige Echtledersitze. Top gepflegtes Armaturenbrett. 200 PS. Einziger Minuspunkt: Automatikgetriebe. Ansonsten würde er die Kiste sofort nehmen, wenn er ein paar Dollar über hätte. Das Ding kostete schätzungsweise 30.000 und überstieg somit sein Budget um schlappe 27.000.

Seufzend richtete er sich auf und setzte seinen Weg fort. Vermutlich würde er in seinem Leben diese Summe niemals zusammenkratzen. Als chronisch unterbezahlter Cowboy oder Gelegenheitsarbeiter reichte es gerade mal, um seinen Unterhalt zu bestreiten. Immer, wenn er es geschafft hatte ein paar Kröten beiseitezulegen, passierte irgendetwas Unvorhergesehenes und - Schwupps! - waren sie wieder weg. Beim letzten Mal brauchte sein alter Toyota eine neue Kupplung, davor einen Satz Reifen.

Im Haus angekommen zögerte er vor Jeremys ehemaliger Wohnung. Sollte er klopfen und sich vorstellen? Er spähte an sich runter und entschied, vorher zu duschen und saubere Klamotten anzuziehen. Es reichte, wenn der Country-Barde am nächsten Tag mit den Härten des Alltags auf einer Ranch konfrontiert wurde.

Ein Abendessen, Klamottenwechsel und eine Dusche später stand er erneut vor der Wohnungstür. Wegen des warmen Wetters trug er knielange Cargoshorts, ein Tanktop und Flipflops. Auf sein Klopfen hin passierte nichts. Erst beim zweiten Mal wurde die Tür geöffnet. In Natura sah Cyrus genauso gut aus wie auf dem Monitor. Der Typ war in Markenkleidung gewandet, so dass Josh einen Anflug von Minderwertigkeitskomplexen niederkämpfen musste.

„Hi. Ich bin Josh.“ Er streckte die Hand aus.

Cyrus griff zu. „Angenehm. Ford hat dich schon angekündigt.“

Der Händedruck war erfreulich fest, trotz der schmalen Finger. Cyrus trat beiseite. „Komm rein. Ich war auf der Terrasse, deshalb hab ich dich erst nicht gehört.“

„Ähm … eigentlich wollte ich bloß mal guten Tag sagen.“

„Du wirst mir doch ein Willkommensgetränk nicht abschlagen.“

„Okay“, gab Josh nach, ging an Cyrus vorbei und blieb mitten im Raum stehen.

Die Wohnung war etwas größer und komfortabler als seine ausgestattet. Eine komplette Couchgarnitur, statt eines Zweisitzers und ein Tisch für vier Personen, anstelle der Essgelegenheit für zwei. Zusätzlich zum Sideboard gab es ein Bücherregal, an das sich ein TV-Möbel mit Flatscreen anschloss.

„Bier? Oder lieber was Alkoholfreies?“, erkundigte sich Cyrus vom Kühlschrank her.

„Bier ist in Ordnung.“

Cyrus holte zwei Dosen hervor, reichte ihm eine und nickte zur Terrasse. „Lass uns rausgehen.“

Eine Markise spendete Schatten. Zwei Liegestühle mit dicken Polsterauflagen standen an einem Gartentisch, auf dem ein Apple-MacBook lag. Natürlich. Typen wie Cyrus gaben sich nicht mit irgendeinem Notebook zufrieden.

„Ich war gerade dabei, einen neuen Songtext zu schreiben“, erklärte Cyrus, ließ sich auf einem der Stühle nieder und schlug elegant ein Bein übers andere. „Matthias hat dir sicher gesagt, dass ich wegen neuer Inspiration hier bin.“

Matthias? Ach so, Matt. „Richtig. Er meinte, du möchtest das raue Cowboy-Leben kennenlernen.“

„Na ja.“ Cyrus öffnete die Dose und nahm einen Schluck. „Es ist doch so: Ich singe über etwas - oder lasse singen - das ich selbst nie erlebt habe. Karl May hat zwar auch erfolgreich Western geschrieben, ohne je an einem der Schauplätze gewesen zu sein, wurde aber später enttarnt. Genau dem möchte ich vorbeugen. Ich will nicht irgendwann in der bunten Presse lesen: Cyrus Carter - ein Hochstapler, der noch nie ein Rind aus der Nähe gesehen hat.“

„Verständlich“, murmelte Josh ohne große Einsicht.

Niemand erwartete von Künstlern, dass sie ihre Rollen im echten Leben erprobten. Ansonsten müssten manche Bands Leichen ausgraben oder Massenmorde begehen. Hatte Shakespeare seine Geliebte umbringen lassen, um Romeos Part zu schreiben? Wohl kaum. Ganz zu schweigen von all den Schlagerbarden, die von der großen Liebe zu einer Frau sangen. Einige von denen waren sogar schwul.

„Auf eine konstruktive Zusammenarbeit.“ Cyrus prostete ihm zu, woraufhin er ebenfalls seine Dose öffnete und die Geste erwiderte.

„Ist das vor den Garagen dein Mustang?“, wechselte er das Thema.

Cyrus nickte. „Ich weiß, ein Pickup oder Jeep wäre besser gewesen, aber ich fahre das Baby nun mal so gern.“

Blieb nur zu hoffen, dass die Kollegen weniger Sachverstand als er besaßen, sonst flog die Tarnung schneller auf, als Cyrus piep sagen konnte. „Vielleicht solltest du Matt … ähm, Matthias fragen, ob du den Wagen in die Garage stellen darfst.“

„Gute Idee! Das mache ich am besten gleich“, stimmte Cyrus zu, sprang auf und lief ins Haus.

Von einer der nebenan liegenden Terrassen drangen Gelächter und Gesprächsfetzen herüber. Gelegentlich nahm Josh an solchen Zusammenkünften teil, da das Team insgesamt gut zu ertragen war. Generell bevorzugte er jedoch ein bisschen Abstand, damit es nicht allzu persönlich wurde. Freundschaften ergaben bei seinem Lebensstil keinen Sinn. Insofern schloss er gar nicht erst welche und weckte somit keine falschen Erwartungen.

Von Neugier getrieben stand er auf, um über die Abtrennung zu gucken. Die Grillparty fand drei Terrassen weiter statt, mit den üblichen Verdächtigen. Vielleicht gesellte er sich nach der Unterredung mit Cyrus dazu. Auf seine leere Bude hatte er momentan wenig Bock.

Er setzte die Bierdose an seine Lippen, trank einen großen Schluck und wandte sich in Richtung Terrassentür. Im Wohnzimmer stand Cyrus, ein Smartphone am Ohr und den Blick auf sein Fahrgestell gerichtet. Im nächsten Augenblick sah der Typ woanders hin. Vielleicht war das Starren auf seinen Arsch unbewusst geschehen, wobei der rasche Wechsel auf ein anderes Objekt von in-flagranti-erwischt zeugte. Ach, Unsinn. Bestimmt unterlag er nur einer Sinnestäuschung. Dennoch beschloss er, Cyrus im Internet näher unter die Lupe zu nehmen.

 

Imprint

Text: Sissi Kaiserlos
Images: shutterstock
Cover: Lars Rogmann
Editing/Proofreading: Aschure - dankeschön
Publication Date: 08-03-2018

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