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Die drei großen Kuhs



Die Gier nach Quoten, Quanti- Qualitäten, kurz QQQ oder einfacher das 1.Kuh, das 2.Kuh, das 3.Kuh, quält die Leute. Auch Menschen haben dann und wann Sorgen, hier nicht ins Hintertreffen zu geraten. Mit Recht!

Zur Quotenermittlung wird eine Panelgruppe erwählt. Die Haushalte bestimmt man nach dem Zufallsprinzip und übergibt dem Haushaltsvorstand die Quotenbox, den GfK-Meter. Jedes Mitglied des Haushaltes darf hier den Knopf drücken, vorausgesetzt es schaut fern.
Wenn viele drücken, dann ist die Quote hoch, ergo: die Sendung muss gut sein.

Es gibt ein Literaturforum, welches leider noch über keine GfK-Meter verfügt, sondern dafür über die Möglichkeit, Herzen herzlich zu drücken. Das ist lieb. Es ist ja auch ein liebes Forum und kein böses Mediensystem.
Vermutlich wissen sie, was GfK-Meter wirklich bedeutet. Ich wage es einmal unverblümt auszusprechen: es handelt sich um das „Gut für Kacke-Meter“

. Damit wäre ausführlich genug erklärt, was Quote und deren Messung bedeutet.

Quote ist Maßstab. Hohe Quoten heißt auch viel, viel Beachtung. Was ist daran verwerflich? Na, sehen Sie.

Wie aber kommt man zur Qualität, fragt sich plötzlich ein besorgter Mensch?

Man wartet schlicht auf den "qualitativen Sprung", der von einer gewissen Schwelle an, wie man hofft, den Umschwung von der Quantität in die begehrte Qualität bringt.
Das denken die Hoffnungsvollen, manchmal sterben sie auch schon vor dem Sprung. Es ist die Schwelle, die erstens schwierig auszumachen und zweitens, falls man schwach auf den Beinen ist, kaum zu überspringen gelingt. Das mag bitter klingen, doch aussichtslos ist es nicht, denn einige schaffen es. Einige kräftige Lachse machen es immer wieder vor.
Oben angekommen ereilt sie ein gewisses Schicksal. Sie ahnen es, sie müssen erst jetzt wirklich zeigen, was sie können. Sonst ist es aus mit dem Tripple A.

Die Sache mit der Qualität zeigt sich kompliziert. Quote ist einfacher. Man drückt einfach und was heraus kommt, wissen wir:
Viele Herzen, ganz viel Schmalz und es ist selten Gehirnschmalz aber dafür hat man das erste Kuh. Meine Güte habt Mitleid... doch die Qualitätsansprüchler geben sich verstockt... manchmal werden sie sogar davongejagt ...

Helga





Gütesiegel



Beide fangen sie mit ‚Q‘ an; der Schnellschwätzer und der Rapiddenker könnten sie leicht verwechseln: Qualität und Quantität. Gibt es eine Eselsbrücke?

Einerseits: Qualität durch Quantität?

Hochproduktive Autoren, die sich in ihrem gestreckten Galopp nicht durch so elitäre Korsette, wie Grammatik, Rechtschreibung und Deutschkenntnisse, behindern lassen und damit ihre spirituelle Behinderung zügellos in die Welt posaunen, sprechen durch die spuckebefeuchtete Auslassöffnung ihres Instrumentes – wunderbarerweise ohne zum Dezibel greifen zu müssen – all die anderen ebenso herrlich spontanen Reim-Produzenten an, die ihr Innerstes nach außen kehren und die Brüste schwingen lassen - meist direkt, manchmal im übertragenen Sinne.

Ehedem war ein Sternenregen die Folge. Heute wird man so zum König der Herzen. Oder zur Königin, aber die gibt es schon.

Wie anders ist zu erklären, dass in minimaler Zeit - sagen wir einmal - 500 „Bücher“ produziert und damit 5000 Herzen realisiert werden? Welche Potenz!

Wenn man es eingehender betrachtet, keine erstaunliche Ausbeute: 10 auf 1. Also macht’s die Menge. Mengenrabatt.

Wenn man‘ s noch eingehender betrachtet, sucht man händeringend nach der fehlenden Qualität, stößt notgedrungen auf ein schwarzes Loch.

Die schon erwähnten Grundsätze von Grammatik, Rechtschreibung, Sprachkenntnis werden durch ihr Außer-Kraft-Setzen nicht aufgehoben.

Das zu diesem Moment bereits geschwollene Auge versucht, Kontakt mit dem Empathiezentrum im Hirnstamm aufzunehmen, denn man hat gehört:

Beim Autor handelt es sich um einen kranken Menschen.

Man peitscht sich weiter durch den Dschungel ständig stolpernden Versmaßes, bleibt am Zeilenende an falschen Reimen hängen, klickt mit letzter Kraft den X-Button an.
Ein Abenteuer! Eine Herausforderung auf dem Weg zu weniger Lüge, zur Entlarvung falscher Gefühle, zur Befreiung von der Klebrigkeit der süßen, einschläfernden Duselei.
Andererseits: Quantität durch Qualität?

Der, der das Handwerkszeug beherrscht, sich gebildet und belesen hat, mit seinen Gedanken in philosophischen Gefilden gewandert ist und – geführt von Dichtern und Poeten – die weißen Höhen in der klaren Luft des Geistes erklommen hat, setzt sich an seinen Schreibtisch.

Jedes der Worte, die er auf’s Papier bringt, wiegt schwer wie Gold. Seine Texte sind bunte Stickereien, Pfauen wandern darin durch den Paradiesesgarten. Der Apfel hängt am Baum. Die Wahrheit feiert einen Triumph. Der Schreiber ist nicht zu verführen. Er verdichtet, er dichtet.

Langsam ist die Produktion geworden, Manufaktur. Geboren aus der Verantwortung für das Wort. Das Wort, das Kriege entzünden, das Frieden besiegeln kann, das Wort, das Liebe sät und Freundschaft knüpft. Das Wort, das die Wörter des Hasses in der Luft zerreißt. Das Wort, das über den Wassern des Mainstreams schwebt, allein, von Vielen ungesehen, aber von der Sonne beschienen.

Damit beantwortet sich die Frage: 'Quantität durch Qualität?‘ wie von selbst. Sie erledigt sich sogar.

Wir haben zu kriegen, wir haben Gütesiegel zu bekommen, nach denen wir uns ohne viel geistigen Aufwand richten können. Wir wollen uns nicht auf den beschwerlichen Weg machen, eigene Gütekriterien zu entwickeln; wir wollen der Masse folgen. Wir sind eben clever.

Ein Wort mit Q?
Gequirlte Scheisse: Ist an sich nicht schön, kann aber schön braun sein.

Und eine Brücke, über die die Esel gehen können, gibt es nicht.

Da kann man nichts machen.

Cecilia


Anti und Ali


(Auszug aus „Belvedere-miramare“ von Cecilia Troncho, 2009)


Anti und Ali sitzen am Stammtisch. Nach getaner Arbeit.

Anti ist mit sich und der Welt höchst zufrieden. Den lieben langen Tag hat er viel Zuspruch für sich und seinesgleichen gehört. Nun ist er fast sicher, daß er als Messlatte für die Allgemeinheit gelten könnte. Gemein und allgemein.

Ali hingegen schaut sorgenvoll drein. Er ist zwar kein Türke - so schlimm ist es noch nicht -, aber Tag für Tag sieht er mehr seine Felle davonschwimmen. Sorgfältig ausgewählte, mit Kunst bearbeitete und höchst wertvolle und schöne Natur-Felle. Jammerschade.

"Wer will denn so etwas? Wer kann es sich leisten? Wer kann es beurteilen?" So beginnt Anti das Resumé des Tages.

Ali stößt sich sofort an der Dumpfheit dieser Fragen. Aber er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß man mit Überzeugungsarbeit einiges erreichen kann. Er spült also seinen Ärger mit einem Schluck Wein hinunter, den er während der Passage durch den Gaumen ordentlich schmatzend goutiert.

"Plastik knistert. In PVC schwitzt man. Und stinkt."

Anti ist sprachlos, sollte er die letzte Aussage auf sich selbst beziehen? Er hebt sein Bierglas und nimmt einen langen Schluck. "Aber man kann es leichter mit der Maschine waschen und trocknen. Eine Waschmaschine und einen Trockner hat doch heute jeder."
Lange Pause, unterbrochen durch diesen oder jenen Schluck Wein beziehungsweise Bier.

"Geschmack hat nicht jeder."

"Über Geschmack läßt sich nicht streiten."

Hm.

"Was ist eigentlich ‚Geschmack'? Mir schmeckt mein Wein, aber kein Bier, zu pappig, zu harntreibend, zu schwerfällig."

"Darf's noch was sein? Ich höre ‚Wein' und ‚Bier': Jeder noch eins?" Die Kellnerin ist aufmerksam geworden.

"Jetzt geh' ich erst mal raus, bin gleich wieder da."

"Wenn du dich erleichtert hast, kannst du dir ja gleich ein Argument ausdenken."

Die Kellnerin serviert. Dabei macht sie Ali schöne Augen. Kommt aber leider bei ihm nicht so gut an, ist nicht sein Typ, zu blondiert.

"Schön, diese Tulpe." Anti ist wieder da. Die Kellnerin ist geschmeichelt.

"Ich höre. Wir hatten's vom Geschmack."

"Geschmack hin, Geschmack her, bei mir muß es Wirkung zeigen. Der Effekt ist alles."

"Wirkung, Effekt. Was ist das? Wo und bei wem?"

"Du kannst saublöd fragen. Was Wirkung ist, weiß man, normalerweise."

"Schönheit wirkt auf jeden Fall an sich. Wert auch."

Darauf einen Schluck.

"Ist mir, bei Licht besehen, etwas zu elitär." Die Bierzunge scheint schon etwas dick und schwer beweglich zu werden.

Die Kellnerin dimmt die Saalbeleuchtung.

"Richtig, Elite. Eliten braucht das Land."

"Wer schert sich um die paar elitären Einfaltspinsel? Die Masse macht's."

"Die Masse macht was?"

"Die Masse kauft, konsumiert, bestimmt den Markt, zahlt jeden Preis, schert sich nicht um Qualität."

"Da haben wir's" sagt Ali und fühlt sich beim Namen genannt.

"Die Masse wird beeinflußt, instrumentalisiert, von Werbung verführt. ‚Das Kaufverhalten läßt zu wünschen übrig', ‚die Konsumfreudigkeit hat ihren Tiefststand erreicht', damit sind Leute wie du gemeint."

"Da siehst du, was wir bewirken können. Wir haben es in der Hand. Du stehst recht alleine da."

"Wir? Ich sehe nur einen dasitzen. Und ich stehe übrigens nicht, sondern sitze bei dir, damit du nicht so allein bist. Masse!"

Die Kellnerin reagiert prompt und bringt eine neue Lage. Sie zieht sich einen Stuhl herbei und setzt sich zu den Herren. "Stört es euch, wenn ich eine rauche?"

"Fühl dich wie zu Hause." Anti überschlägt sich als Kavalier. Er hat schon lange ein Auge auf das Frollein geworfen. Seine Antwort bahnt sich einen Weg in sein Zielorgan. In seinem Navi-Hirn gibt er ein: zuhause.

"Ein Scheißtag ist das heute, keine Kundschaft."

"Jetzt mal nicht so schwarz sehen: Sind wir niemand?"

"Kommt auf das Trinkgeld an."

Schon hat Anti eine Idee, wie er Eindruck machen kann.

Das Wortgeplänkel entwickelt sich schwerfällig zwischen Schwarz und Grau.
Ali, der schon deprimiert hereingekommen war, fühlt sich durch den spritzigen Wein alles andere als erleichtert und leichtfüßig. Er beschließt, zu Hause die Toilette zu besuchen - der Geruch nach Bierurin scheint ihm unerträglich. Er tritt ab.

Anti und die Kellnerin entwickeln ihr Tete-à-tete. Es endet am Zielpunkt: zuhause. Auf dem PVC-Fell vor dem Sofa. Anti legt sich heftig in's Zeug und entwickelt auf dem Fake four eine solche Dynamik, daß es Wärme entwickelt und eine Stichflamme aussendet, die die ganze Pracht seiner Schamhaare im Bruchteil einer Sekunde versengt.

Keiner weiß, wie groß der restliche Schaden ist.

"Halt! Das riecht nach verbranntem Fell! Naturfell."

Zwei -täten: Qu-Anti- und Qu-Ali-.

Cecilia


„Neue Fiskalarchitektur ist Qualitätssprung



PASSAU (dpa-AFX) - Als starkes Signal an die Märkte hat Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer das Ergebnis des EU-Gipfels in Brüssel bewertet. 'Es ist der erste der europäischen Krisengipfel, nach dem die Finanzmärkte nicht sagen werden: Zu wenig und zu spät', sagte Mayer der 'Passauer Neuen Presse' (Samstag). Es sei auch der erste Gipfel gewesen, der nicht aktuelles Krisenmanagement betrieben, sondern nach vorne geschaut habe. 'Die neue Fiskalarchitektur stellt einen Qualitätssprung dar', lobte Mayer, schränkte aber ein: 'Die weniger gute Nachricht ist, dass völlig unklar ist, wie der Weg bis dahin aussieht.'“



Nun fragt man sich erstaunt, hat jemals ein Gipfel, welcher auch immer, einen konkreten Weg irgendwohin gewiesen?

Nein, meine Damen und Herren, wo sollte derselbe denn auch hinführen? In den Himmel etwa?
Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass ein Gipfel oben ist. Den Weg hinab wird niemand der Beteiligten der Gipfelgespräche in Erwägung ziehen. Nun man zieht es vor, persönlich möglichst oben zu bleiben, bekanntlich sind ja die Probleme aus den Wolken betrachtet, auch ganz klein. Natürlich weiß man, dass sie vorhanden sind und es wird auch eine Fäkalarchitektur beschlossen, die unsere nervösen Märkte tolerieren. Entschuldigen sie den Versprecher, es heißt natürlich Vokalarchitektur.

Die Bevölkerung nimmt diese Architektur inzwischen völlig resigniert hin, denn man kennt den Ausgang. Man braucht mehr Geld, wer es zahlen wird ist jedem klar. Der Steuerzahler, wenn er denn dieselben auch entrichtet. Nun, dem Lohnsteuerzahler wird die Steuer sowieso sofort vom Entgelt abgezogen, wie jeder weiß. Der Begüterte legt einen kleinen Teil seines Einkommens später offen, andere Teile sind anderweitig gesichert. Man weiß das. Altersvorsorge muss sein. Hier ruhen die Stützen der Gesellschaft, man darf sie nicht antasten. Man muss nach vorne schauen.
Wo und wann ein Qualitätssprung, in welche Richtung auch immer, stattgefunden hat oder stattfinden wird, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis.

Helga

Du liebe Güte, wir sagen es mit Goethe



Wie nimmt ein leidenschaftlich Stammeln


Geschrieben sich so seltsam aus!
Nun soll ich gar von Haus zu Haus
Die losen Blätter alle sammeln.
Was eine lange weite Strecke
Im Leben von einander stand,
Das kommt nun unter einer Decke
Dem guten Leser in die Hand.
Doch schäme Dich nicht der Gebrechen,
Vollende schnell das kleine Buch;
Die Welt ist voller Widerspruch,
Und sollte sich's nicht widersprechen?

An die Günstigen


Dichter lieben nicht zu schweigen,
Wollen sich der Menge zeigen.
Lob und Tadel muss ja sein!
Niemand beichtet gern in Prosa;
Doch vertraun wir oft sub Rosa
In der Musen stillem Hain.
Was ich irrte, was ich strebte,
Was ich litt und was ich lebte,
Sind hier Blumen nur im Strauß;
Und das Alter wie die Jugend,
Und der Fehler wie die Tugend
Nimmt sich gut in Liedern aus.

Der neue Amadis


Als ich noch ein Knabe war,
Sperrte man mich ein;
Und so saß ich manches Jahr
Über mir allein,
Wie im Mutterleib.
Doch Du warst mein Zeitvertreib,
Goldne Phantasie,
Und ich ward ein warmer Held,
Wie der Prinz Pipi,
Und durchzog die Welt.
Baute manch kristallen Schloss
Und zerstört' es auch,
Warf mein blinkendes Geschoss
Drachen durch den Bauch,
Ja, ich war ein Mann!
Ritterlich befreit' ich dann
Die Prinzessin Fisch;
Sie war gar zu obligeant,
Führte mich zu Tisch,
Und ich war galant.
Und ihr Kuss war Götterbrot,
Glühend wie der Wein.
Ach! Ich leibte fast mich tot!
Rings mit Sonnenschein
War sie emailliert.
Ach! Wer hat sie mir entführt?
Hielt kein Zauberhand
Sie zurück vom schnellen Fliehn?
Sagt, wo ist ihr Land?
Wo der Weg dahin?

Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg


Nach Mittag saßen wir
Junges Volk im Kühlen;
Amor kam, und stirbt der Fuchs
Wollt' er mit uns spielen.
Jeder meiner Freunde saß
Froh bei seinem Herzchen;
Amor blies die Fackel aus,
Sprach: "Hier ist das Kerzchen!"
Und die Fackel, wie sie glomm,
Ließ man eilig wandern,
Jeder drückte sie geschwind
In die Hand des andern.
Und mir reichte Dorilis
Sie mit Spott und Scherze;
Kaum berührt mein Finger sie,
Hell entflammt die Kerze,
Sengt mir Augen und Gesicht,
Setzt die Brust in Flammen,
Über meinem Haupt schlug
Fast die Glut zusammen.
Löschen wollt' ich, patschte zu;
Doch es brennt beständig;
Statt zu sterben, ward der Fuchs
Recht bei mir lebendig.



Johann Wofgang von Goethe

Imprint

Publication Date: 01-31-2012

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Dedication:
Allen Kämpfern für Qualität gewidmet

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