Cover

Allerlei Kurzgeschichten

 

Texte

Sandy Reneé

Brida Baardwijk

Milly B.

 

Webseite: Sunnys Geschichten

Facebook: Sunnys Geschichten

Privates Facebook-Profil

Twitter: @Sandy_sunny768

 

 

A rainy Night in Paris

 

Von einer verlorenen Liebe

 

Leise plätscherten die Regentropfen gegen das Fenster im Wohnzimmer, vor dem Mary stand und schweigend in die Nacht hinaus schaute. Im Hintergrund klang leise Musik aus der Stereoanlage – „A rainy Night in Paris“. Es war Edwards und ihr Song, nach dem sie so oft eng umschlungen getanzt hatten. Doch die Musik machte sie heute noch melancholischer als sie schon war. Seit vielen Tagen lebte sie wie in Trance, alles um sie herum schien sie wie durch einen Schleier zu sehen. Sie kam sich fast vor als wäre sie nur Zuschauer eines Theaterstücks, das auf einer Bühne gespielt wurde. Doch war diese Bühne, kein Spiel, es war Realität und sie war der Hauptakteur.

Es regnete, genau wie vor einigen Jahren im Juli in Paris. Damals, als sie so glücklich war mit ihm und sie sich ewige Liebe schworen. Sie liefen durchnässt über die Champs-Élysée und erfreuten sich des Lebens, tauschten Küsse, lachten. Bis sie an ein Blumengeschäft kamen und dort Halt machten. Edward kaufte alle Rosen, die es im Laden gab und legte ihr diese zu Füßen. Er hielt in aller Öffentlichkeit um ihre Hand an. Die vielen Menschen um sie herum konnten es hören, Applaus erscholl und Glückwunsch-Rufe der Passenten prasselten auf sie ein. Ja, sie war die glücklichste Frau der Welt. Und sie liebte ihn, Edward, den Mann ihres Herzens, der ihr die Welt zusammen mit seiner Liebe zu Füßen legte. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin. Aus dem Geschäft erscholl „A rainy Night in Paris“, wie passend zu einer regnerischen Nacht wie dieser. Später dann, als sie sich endgültig das Ja-Wort gaben, waren sie endlich auch vor dem Gesetz ein Paar.

 

Mary war traurig, sehr traurig. Je länger sie aus dem Fenster schaute, desto trauriger wurde sie. Ihre Gedanken schweiften zurück zu Edward, der sie vor einigen Wochen verlassen hatte, für immer. Und daran war sie schuld, sie ganz allein. Was war geschehen?

Viel zu schnell waren sie unterwegs auf der Straße oben in den Bergen. Es war regnerisch, genau wie jetzt auch. Es war dunkel, der Mond versteckte sich hinter den Wolken, als wäre es auch ihm zu kalt, die Erde zu beleuchten und den Menschen, die noch unterwegs waren, den Weg zu erhellen.

Edward steuerte gekonnt den großen Wagen, den sie sich gemietet hatten, der sie zu ihrem Ziel bringen sollte. Doch es sollte nicht sein, dass sie dort ankamen.

Wie aus heiterem Himmel stürzte es auf sie ein, als Edward ihr gestand, eine andere Frau zu lieben, für die er sie, Mary, nun verlassen wollte. Das Wochenende hoch oben in den Bergen sollte das Letzte sein, das er mit ihr verbringen wollte. Dort wollte er ihr gestehen wie es dazu kam und sie dann verlassen.

Mary spürte, es lag etwas in der Luft. Sie drängte Edward, ihr zu gestehen, was war.

Doch Edward wollte noch nichts sagen, wusste er wohl, wie sie reagieren würde. Ja, er kannte sie zu genau. Das wusste sie. Doch Mary ließ nicht locker, bis er nachgab.

Erst rollten Tränen über ihre Wangen. Ohne ein Wort zu sagen, starrte sie aus dem Wagenfenster, sah die Bäume, die die Straße säumten an sich vorbeiziehen. Sollte das schon alles gewesen sein, kam ihr in den Sinn. Wollte er sie wirklich verlassen und eine andere Frau lieben, nicht mehr sie, der er vor Jahren auf dem Champs-Élysée die Liebe geschworen hatte.

Dann kam Wut in ihr hoch, unbändige Wut auf die Frau, die ihr den Mann nehmen wollte und wegen der er sie verlassen wollte.

Für Mary war es selbst nach Wochen Düsterheit immer noch nicht verständlich, warum sie so reagierte. War es verletzter Stolz? War es die Liebe, die sie nun für immer verloren hatte? Sie wusste es nicht. Alles in ihr schmerzte, so schlimm, dass sie dachte, sie würde daran zerbrechen. Sie fühlte sich so leer, so unnütz ohne ihn. Doch wusste sie, daran würde sie niemals etwas ändern können.

„Sag das noch einmal!“, schrie sie ihn an und schlug voller Verzweiflung auf ihn ein.

„Ich verlasse dich“, sagte er nochmals ohne eine Regung im Gesicht. Edward war die Ruhe in Person.

„Aber warum? Liebst du mich nicht mehr? Sollten all die Jahre einfach so vergessen sein?“, stürmten ihre Fragen auf ihn ein.

„Ich liebe dich nicht mehr“, war immer wieder Edwards Antwort auf ihre Fragen. „Und ich habe eine andere“, gab er dann nochmals zu.

Nun schien die Welt gänzlich über Mary zusammenzustürzen. Hastig kramte sie in ihrer Handtasche, in der sie immer die CD mit ihrem Song mit sich herumtrug. Sie nestelte am Stereoradio, das CD-Fach fuhr heraus, sie legte die Platte ein und startete. Leise klang aus den Lautsprechern „A rainy Night in Paris“. Mary drehte die Lautstärke höher auf.

„Das ist unser Lied“, sagte sie wie in Trance zu Edward. „Erinnerst du dich nicht? Es lief damals in dem Blumenladen, vor dem du mir den Antrag machtest.“

Doch Edward verzog keine Miene, wie stur sah er gerade aus auf die Straße.

Immer wieder schrie sie ihn an, doch er ließ sich nicht beirren, sondern fuhr immer weiter höher in die Berge. Dass er zu schnell war, schien er nicht zu bemerken – oder wollte er es nicht?

Mary griff ihm ins Lenkrad, gerade als er eine enge und gefährliche Kurve nehmen wollte. Der Abgrund kam nahe, Edward konnte den Wagen gerade noch herumreißen, ehe er abstürzte. Er war ein guter Fahrer, der sich der Gefahr der engen Serpentinen nachts sehr wohl bewusst war.

„Tu das nie wieder!“, fuhr er Mary zornig an und stieß sie beiseite.

Erschrocken schrie sie auf, als sie gegen die Wagentür geschleudert wurde.

Leise vor sich hin weinend kauerte sich danach Mary in die Ecke ihres Sitzes. Die Tränen wollten nicht enden. Immer wieder versuchte sie, auf Edward einzureden und ihn umzustimmen. Doch es war aussichtslos. Er blieb dabei, sie zu verlassen.

„Wenn ich dich nicht bekommen kann, dann soll dich auch keine andere bekommen“, schrie sie Edward wieder voller Zorn an. Heftig stieß sie ihn in die Seite, dass er ins Straucheln kam und der Wagen gefährlich schlingerte.

Wieder konnte Edward im letzten Moment gerade noch den Wagen davon abhalten, in den Abgrund zu stürzen. Doch den riesigen Hirsch, der plötzlich auf der Straße stand, bemerkte er deswegen nicht. Wie ein Pfeil schoss er auf ihn zu. Das Tier wurde immer größer, die Bremsen des Wagens quietschten. Vergeblich. Ein Aufprall, Blut spitzte, außen und auch innen. Mary schrie, Edward ächzte, als sein Kopf gegen das Lenkrad knallte und sein Blut wie eine Fontäne durch das Auto schoss. Dann war Dunkelheit um Mary.

Stille um Mary. Blinzelnd versuchte sie die Augen zu öffnen. Endlich gelang es ihr. Sie blickte neben sich. Edward hing leblos im Gurt, den Kopf gegen das Lenkrad gelehnt. Langsam sickerte Blut aus einer Wunde am Kopf, auch aus seinem Mund tropfte welches.

Mary blickte sich um. Vor ihr die Windschutzscheibe und der Airbag, der sich bei dem Aufprall geöffnet hatte. Etwas neben ihnen am Straßenrand der Hirsch, auch er bewegte sich nicht mehr. Wieder blickte sie hinüber zu Edward. Doch was war das? Kein Airbag? Er schien versagt zu haben.

„Edward! Edward!“, schrie Mary verzweifelt. Doch Edward antwortete nicht. Mary versuchte, sich aus ihrem Gurt zu befreien. Endlich gelang es ihr. Sie tastete nach Edward, suchte am Hals die Schlagader. Nichts war zu spüren, nur Stille um sie herum. Der Mond schien nun, es hatte aufgehört zu regnen, die Wolken hatten sich verzogen und das Licht des Mondes erhellte die Straße.

Hastig versuchte sie, nun auch Edwards Gurt zu lösen. Als es ihr gelungen war, lehnte sie Edward nach hinten gegen die Lehne seines Sitzes. Kraftlos kippte sein Kopf zur Seite und blicklose Augen sahen sie an. Mary schrie, wie sie noch nie geschrien hatte. Dann versank sie in eine erlösende Ohnmacht.

„Hallo, aufwachen!“, hörte Mary wie durch eine Nebelwand. Endlich war es ihr möglich, die Stimme zu orten. Sie schlug die Augen auf. Doch es war nicht Edward, der sie anblickte und versuchte, sie auf die Welt zurückzuholen. Ein ihr unbekannter Mann schaute sie besorgt an und fühlte dabei ihren Puls.

„Wo bin ich?“, stammelte sie und wollte sich aufrichten.

„Bleiben sie liegen“, hielt der Fremde sie zurück.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Sie blickte sich weiter um. Sie lag auf einer Trage, die neben einem Krankenwagen stand. Ein junger Mann versorgte ihre Schrammen.

„Wo ist Edward?“, fragte sie mit krächzender Stimme.

„Es tut mir leid, er hat den Unfall nicht überlebt“, sagte der Fremde und zeigte auf einen Rollwagen, der etwas abseits neben einem schwarzen Leichenwagen stand. Darauf stand ein Sarg, der schon verschlossen war.

„Edward!“, schrie Mary und wollte wieder aufspringen. Doch sie wurde zurückgehalten.

„Er hört sie nicht mehr“, sagte traurig der junge Mann neben ihr. „Wir konnten ihm nicht mehr helfen.“

Weinend fiel sie zurück auf die Trage. Erst Wochen später wurde sie wieder richtig wach und konnte am Leben teilnehmen, das doch eigentlich so schön sein sollte. Doch für Mary war es nicht mehr schön, es war traurig, hatte sie doch das verloren, das sie am meisten liebte. Edwards Beerdigung erlebte sie wie in Trance. Es schien ihr, als würde sie nicht dazu gehören. Doch sie gehörte dazu, zu den vielen Trauernden, die gekommen waren, um Abschied für immer zu nehmen.

Immer, wenn es nun nachts draußen regnete und sie aus dem Fenster schauen musste, erinnerte sie sich an die Nacht in Paris, als alles begann. Dann schaltete sie die Stereoanlage an und spielte ihren Song ab. „A rainy Night in Paris“, Edwards und ihr Lied, mit dem alles begann und alles endete.



Das erste Date

 

Auf das erste Date mit Anthony freute ich mich schon lange. Ich hatte ihn in einem Chatroom kennengelernt. Frau musste sich irgendwie behelfen, wenn sie nicht jede Woche die Möglichkeit hatte, auszugehen. Anfangs schrieben wir nur so hin und her. Belanglose Dinge waren die Themen, die nach und nach ein wenig langweilig wurden. Also machte ich einfach Nägel mit Köpfen und schlug vor, uns doch einfach mal persönlich kennenzulernen. Eigentlich kein Problem, wenn man in derselben Stadt wohnt. Gesagt, getan. Heute war es soweit. In zwei Stunden sollte ich den Schwarm meiner Träume treffen.

„Hallo Anthony“, rief ich durch die kleine Kneipe, die wir uns als ersten Treffpunkt auserkoren hatten. Ich hatte ihn sofort erkannt. Er war ein Traum von einem Mann. Ich geriet sogleich ins Schwärmen.

Mit weit ausladenden Schritten strebte er meinem Tisch zu. Galant küsste er mir die Hand. Ich kam mir vor wie im Film.

„Setz dich doch“, bot ich ihm an. Gelassen nahm er mir gegenüber Platz und orderte sich einen Drink. Nachdem seine Bestellung vor ihm stand, schaute er mich interessiert an. Ich kam mir schon vor wie auf einem Basar, auf dem Frauen zum Verkauf angeboten wurden. Meinen Unmut darüber ließ ich mir jedoch nicht anmerken. Außerdem kam mir Anthony etwas eigenartig vor. So beschloss ich, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

„Schön, dass du da bist“, sülzte ich.

 

Lässig lehnte sich Anthony zurück und griente mich an. „Einer schönen Frau kann ein Mann doch keinen Wunsch abschlagen.“

Woher er wusste, wie ich aussah, entzog sich hier leider meiner Kenntnis. Ein Profilfoto hatte ich in diesem Chatraum nicht und von mir geschickt hatte ich ihm auch keines. Ich überlegte, wie ich weiter verfahren sollte.

„Süßholz raspeln musst du aber nicht“, wehrte ich ab. „Aber sag mal, kennst du dich hier in der Gegend aus?“, fragte ich interessehalber. Ich wusste, er lebte am anderen Ende der Stadt und kam sehr selten hierher.

„Ach, ich habe Freunde hier, gleich in der Nebenstraße. Daher war es kein Problem, diese kleine Kneipe zu finden. Überdies war ich schon einmal hier. Es ist zwar etwas länger her, aber ich vergesse so schnell nichts.“ Er zeigte ein Blendamed-Lächeln, wohl um mich zu bezirzen.

„Das hast du mir noch gar nicht erzählt“, tat ich interessiert. „In welcher Straße wohnen deine Freunde denn? Weißt du, ich bin hier aufwachsen und kenne so gut wie jeden in den umliegenden Straßen.“

 

Anthony schien es ein wenig mulmig zu werden. „Das ist die Wendlandstraße“, sagte er dann.

„Ach, die kenne ich gar nicht“, erwiderte ich erstaunt tuend. „Wendlandstraße? Ich wüsste nicht, dass es die hier geben soll.“

„Vielleicht habe ich mich auch vertan“, warf er ein. „Kann sein, dass ich die mit der Wielandstraße verwechselt habe. In der Wendlandstraße wohnen nämlich noch andere Freunde von mir. Ich dachte, die wäre hier.“ Er redete sich in eine Sackgasse und ich genoss es, ihn auffahren zu lassen.

„Die Wielandstraße gibt es hier auch nicht“, sagte ich. Nun war ich mir sicher, er belog mich nach Strich und Faden. „Kann es sein, dass du dich hier gar nicht auskennst. In der Stadt gibt es weder eine Wendland- noch eine Wielandstraße.“

„Wie komme ich denn dazu, dich zu belügen?“ Ich bemerkte, am liebsten wäre er wutentbrannt aufgesprungen.

„Weißt du, ich merke sofort, wenn mich jemand anlügen will“, entgegnete ich ganz ruhig.

„Nein, nein, ich lüge nicht“, wehrte er ab. „Du kannst mir glauben, meine Freunde wohnen wirklich hier in der Nähe und ich auch in dieser Stadt.“

 

Ich stellte ihm noch einige Fragen, die die Stadt betrafen. Alle beantwortete er falsch. Für mich ein Indiz, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

„Ich bin traurig“, sagte ich nach einer Weile. „Schade, dass du mich anlügst und dann auch noch behauptest, du sprichst die Wahrheit. Solche Menschen kann ich nämlich gar nicht leiden.“ Ganz sicher war ich mir nicht, dass er mich belog oder auch nur teilweise belog. Daher wollte ich Anthony noch ein wenig herauslocken.

„Erinnerst du dich an unser Stadtfest letztes Jahr?“, fragte ich ihn, um vom Thema abzulenken. „Das war echt der Renner. Die Band, die am Samstagabend gespielt hat, die war echt super.“ Ich tat so, als würde ich überlegen. „Wie hieß die nur?“

Auch Anthony tat als würde er überlegen. „Ach, mir fällt es ein“, sagte er nach einer Weile. „Das waren doch die Millivanillis. Eigentlich eine No-Name-Band, aber gut.“

 

Jetzt hatte ich ihn. Die Band hieß keinesfalls so. „Weißt du was! Verarschen kannst du dich selber“, motzte ich.

„Wie meinst du das?“, fragte er.

„Du warst gar nicht auf dem Stadtfest letztes Jahr!“, platzte mir nun der Kragen.

„Aber…“, begann er zu stottern, ganz bleich um die Nase.

„Letztes Jahr gab es hier kein Stadtfest. Also können die Millivanillis auch nicht gespielt haben. Du lügst mich nach Strich und Faden an. Das ist mir zuwider. Das auch noch beim ersten Date. Ich bin arg enttäuscht von dir.“

Anthony wurde noch bleicher.

„Weißt du, was ich glaube?“

„Was denn?“, kam anstatt einer Antwort eine Gegenfrage.

„Du wohnst weder hier in der Stadt, noch hast du hier Freunde. Du bist nur auf Dummfang, um wieder einmal eine dumme Alte abzuschleppen.“

„Das ist doch…“, Anthony wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er sprang auf. „Du blödes Weib“, schimpfte er mit mir. Er riss seine Geldbörse aus der Hosentasche und nahm einen kleinen Schein heraus. „Hier, für meine Zeche. Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich nähme harmlose Frauen aus.“ Er warf mir den Geldschein auf den Tisch. „Auf Nimmerwiedersehen“, zischte er mich an, drehte sich um und verschwand durch die Tür nach draußen.

 

„Getroffene Hunde bellen und beißen“, dachte ich mir und schaute hinaus. Ich sah gerade noch, wie er in einen alten rostigen Wagen mit Berliner Kennzeichen stieg und mit quietschenden Reifen davonbrauste. Ich war mir ganz sicher, das Autokennzeichen von Heldrungen begann nicht mit B.

 


Das kleine Schwarze

 

Mit sich hadernd stand Caro vor ihrem riesigen Kleiderschrank, in dem ein Wohnzimmer Platz gefunden hätte. Angestrengt überlegte sie, was sie ins Büro anziehen sollte. Heute war ihr erster Tag im neuen Job. Zu diesem Anlass wollte sie nicht zu aufreizend auftauchen. Erst schauen, wie die Kollegen so drauf waren. Später konnte sie immer noch ihren Lieblingsbürodress anziehen.

Oder sollte sie es doch wagen? Caro nahm das enge Kleid vom Bügel und hielt es sich vor den Körper. Nachdenklich begutachtete sie sich im Spiegel. Der Rock endete sehr weit über dem Knie. Fast könnte man meinen, es wäre ein etwas zu breit geratener Gürtel. Das Oberteil hatten einen sehr gewagten Ausschnitt. Etliche ihrer männlichen Kollegen an ihrer vorhergehenden Arbeitsstelle hatten ihr hechelnd nachgeschaut, wenn sie das Kleid im Büro trug. Doch das war vorbei. Heute begann für sie ein neues Leben in einer anderen Stadt und einem anderen Job.

„Nein“, dachte sich Caro. „Ich gehe lieber erst einmal auf Erkundung. Am ersten Tag gleich auffallen, kommt selten gut an.“ Widerstrebend entschied sie sich für das hochgeschlossene, fast züchtig geschnittene Kostüm.

 

Als Caro eine Stunde später im Büro ankam, saß bereits ein Kollege an seinem Schreibtisch und las seine Mails. Er sah auf, als sie das Großraumbüro betrat.

„Ich bin die Neue“, stellte sie sich vor.

„Ach, die Caro“, erwiderte der Kollege. „Ich habe dich bereits erwartet. Ich bin Max und die ersten Tage für dich verantwortlich. Ich zeige dir deinen Schreibtisch und dann erwartet uns auch schon der große Boss Luis.“ Max grinste sie unverfroren an.

Caro ignorierte das Grienen. Sie kannte das von vielen Männern, die etwas von ihr wollten. Oft fühlte sie sich wie eine Puppe, die von einem zum anderen gereicht wurde. Manchmal aber machte sie sich einen Spaß aus dem Spiel und ließ die Typen, wenn die sich am Ziel fühlten, auflaufen. Wie sie bei Max vorgehen würde, musste sie sich noch überlegen. Anschleichen, Sondieren, Zugreifen oder Fallenlassen, waren die Möglichkeiten.

 

Die nächsten Tage vergingen wie im Fluge. Caro hatte alle Hände voll zu tun und kaum Gelegenheit, Max zu beobachten. Doch ab und an ertappte sie ihn, wie er sie unverfroren anstarrte. Hatte sie ihn ertappt, tat er so, als wäre nichts gewesen und wandte sich seiner Arbeit zu.

Lächelnd fand sie dafür Zeit, den Kollegen, den sie überaus attraktiv fand, genauer zu betrachten. So übel, wie sie anfangs angenommen hatte, war Max nicht. Er war zuvorkommend, half ihr sofort, wenn sie nicht weiterkam, rückte in der Kantine ihren Stuhl zurecht. Man begann schon über sie zu tuscheln, dass sich da etwas mit der Neuen anbahnte. Doch dem war nicht so.

 

Eines Tages erreichte Caro eine Mail. „Wichtige Besprechung heute Abend 19 Uhr, Treffpunkt Parkhaus. Kleiderordnung: kleines Schwarzes. Erscheinen ist Pflicht“, stand in dem Schreiben. Keine Unterschrift, keine Signatur verriet, wer der Absender war. Doch aufgrund der Endung der Mailadresse nahm Caro an, dass es sich um einen Mitarbeiter der Firma handelte.

Was der wohl von ihr wollte? Bei kleinem Schwarzen wusste sie, was verlangt wurde. Nur verstand sie nicht, warum sie nicht persönlich zu diesem Treffen eingeladen wurde. Was sie noch verwirrender fand, sie hatte bisher nie bemerkt, dass jemand an ihr interessiert war. Stets hatten sich alle korrekt verhalten, sie behandelt wie jeden anderen Kollegen auch. Und nun das! Wichtige Besprechung war so kurzfristig auch recht eigenartig.

 

Der Tag zog sich in die Länge wie ein Gummiband. Caro konnte es kaum bis zum Feierabend aushalten. Dementsprechend unkonzentriert erledigte sie ihre Aufgaben und demzufolge unzufrieden war ihr Chef mit dem Ergebnis ihrer Arbeit.

„Caro, was ist heute mit ihnen los? So kenne ich sie gar nicht“, wurde sie gerügt. Sie zuckte nur mit den Schultern und wusste keine Antwort. „Morgen erwarte ich mehr Aufmerksamkeit von ihnen“, kündigte Luis an.

„Kommt nicht wieder vor“, murmelte Caro beschämt und verabschiedete sich in den ungewissen Feierabend. Sie war froh, endlich das Büro verlassen zu können.

 

Zu Hause nahm sie in aller Ruhe ein entspannendes Bad. So aufgeregt wie sie war, konnte sie keinesfalls zu ihrem Date erscheinen. Während sie sich im heißen Wasser aalte, trank sie zur Beruhigung ein Glas Sekt. Der Alkohol zeigte die gewünschte Wirkung. Wenig später stand sie, wie sonst am Morgen, vor ihrem riesigen Kleiderschrank und überlegte, welches von ihren kleinen Schwarzen sie anziehen sollte. Sie hatte mehrere zur Auswahl, aus Spitze, fast durchsichtig, aus Samt, Seide, Leinen, schlicht, aufgepeppt mit Pailletten. Zu guter Letzt entschied sie sich für das aus fast durchsichtiger Spitze. Nur die Bereiche um den Busen und die Hüften waren mit Seide unterlegt. Der Rest ließ blanke Haut durchblitzen. Mit sich zufrieden schaute sich Caro nach dem Ankleiden im Spiegel an. Da der Grund der Einladung nicht genannt wurde, musste das gewagte Spitzen-Schwarze richtig sein. Wenn nicht, wäre das ihr Pech und sie würde sich wieder bis auf ihre Knochen blamieren.

Caro fuhr mit dem Taxi zum Parkhaus der Firma. In einem der Büros brannte noch Licht. Es musste um diese vorgerückte Stunde wohl noch jemand arbeiten. Ungeduldig lief sie vor dem Lift auf und ab. Die Absätze ihrer Stilettos klickten auf dem Asphalt und hallten durch das Parkhaus. Die Zeit verging, Caro wurde ungeduldig, als zum verabredeten Zeitpunkt niemand erschien. Eben wollte sie hinausgehen und ein Taxi rufen. Da hörte sie, wie jemand nach ihr rief. Sie drehte sich um und blickte direkt in die Augen von Max.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

Max setzte wieder sein verschmitztes Grinsen auf. „Wir sind verabredet“, antwortete er.

„Mit dir? Da täuschst du dich. Ich erwarte Luis, nicht dich“, erwiderte Caro.

„Nein, mich“, sagte Max und grinste noch mehr.

Fragend schaute Caro ihn an. Nun verstand sie gar nichts mehr. Warum tauchte Max hier auf und nicht Luis?

„Ich bin der Firmeninhaber. Luis ist nur Geschäftsführer“, löste Max das Rätsel um die eigenartige und wahrlich geheimnisvolle Einladung auf.

„Du?!“ Caro war baff.

„Ja, ich“, erwiderte Max und reichte ihr seine Hand. „Gehen wir?“, fragte er. „Ich habe uns einen Tisch im besten Sushi-Restaurant der Stadt reserviert. Du magst doch Sushi?“



Das peinliche Missverständnis

Es gehörte schon eine Portion Mut dazu, als Neue in einer Firma die Aussage des Chefs in Frage zu stellen. Luisa hielt sich doch nur daran, was sie als Erinnerung an ihr Vorstellungsgespräch hervorgekramt hatte: keine sexuelle Anmache! Dass sie genau damit bei ihrem Vorgesetzten ins Fettnäpfchen getreten war, schlug dem Fass wahrlich den Boden aus. Luisa war zwar eine recht offene junge Frau, aber das ging ihr dann doch zu weit. Sex mit dem Boss war für sie genauso ein NoGo wie Sex mit dem Ex.  

Zweifel nagte an ihr. Der biss sich richtig fest. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ständig darüber nachzudenken und sich die Haare zu raufen. Hatte sie sich richtig verhalten, indem sie André in die Schranken wies? Dabei hatte sie doch nur getan, was sie für richtig hielt. Sie wollte nicht angemacht werden, egal von wem, auch wenn es der Firmeninhaber war. Ihre Zweifel wurden immer größer. War diese Firma wirklich die, in der sie die nächsten Jahre verbringen und Karriere machen wollte. Diese peinliche Panne gleich zu Beginn war sehr viel mehr, als sie vertragen konnte. Aber blieb ihr eine Wahl? Der Arbeitsmarkt sah nicht besonders rosig aus für alleinerziehende Mütter, wie sie eine war. Daher konnte Luisa das Angebot für diesen Job nicht ablehnen, vor allem auch, da die Firma Gleitzeit anbot, um eben solchen Müttern zu ermöglichen, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Natürlich war auch das Finanzielle ein Anreiz, den Arbeitsplatz zu wechseln und umzuziehen. Sie musste mehr verdienen, um ihrem Kind und sich den Luxus bieten zu können, den sie genießen durfte, als sie noch mit dem Vater des Kindes zusammen war. Schon wieder in einer anderen Stadt neu anfangen, sich an neue Kollegen gewöhnen? Nein, auf keinen Fall!  

„Ich wünsche mir Mitarbeiter, die täglich voller Schaffenskraft und Elan an die Arbeit gehen, die sich freuen, hier arbeiten zu können. Dabei sollen sie nicht einfach tun, was ihnen aufgetragen wird, sondern sich in die Firma mit einbringen, an deren Entwicklung mitwirken und sich auch über die Erfolge freuen“, hörte Luisa ihren Boss zu ihr sagen. „Dazu gehört auch voller Körpereinsatz.“ Er duldete möglichst keinen Widerspruch, erinnerte sie sich, aber Ideen für Lösungswege. Nur was er mit Körpereinsatz meinte, darauf konnte sie sich keinen Reim machen. Nun wusste sie es und sie schämte sich, nicht bereits bei ihrem Vorstellungsgespräch nachgefragt zu haben.  

 

In Gedanken versunken spazierte Luisa den Weg durch den Park in Richtung Innenstadt. Seit sie in die Stadt gezogen war und den Park in der Nähe ihrer Wohnung entdeckt hatte, kam sie regelmäßig hierher. Meist mit ihrem Kind, wenn sie es von der Tagesmutter abholte. Heute allerdings war sie allein unterwegs. Sie musste den Kopf frei bekommen, nach dem, was am Vormittag in der Firma geschehen war. Sollte sie es bereits nach so kurzer Zeit bereuen, ihren alten Job gekündigt und den lukrativeren angenommen zu haben?  

„Ich muss es wagen!“, führte sie ihr Selbstgespräch weiter. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, war ihre Devise. Irgendwie würde sie es schaffen, dass ihr Chef André ihr die peinliche Panne verzieh. „Wie konnte ich ihn nur vor versammelter Mannschaft ohrfeigen?“, sprach Luisa laut weiter. 

Ein Passant blieb erstaunt stehen und schüttelte verständnislos den Kopf. 

„Ja, gaffe du nur, du Hanswurst. Du hast gar keine Ahnung, wie es ist, in solch einer Zwickmühle zu stecken, wie ich“, wollte sie ihn anschreien. Sie besann sich jedoch. Der Typ konnte nichts dafür, dass sie schlecht drauf war und mit sich haderte. Außerdem wusste er gar nicht, mit welchem peinlichen Problem sie sich auseinandersetzen musste. Ohne ihn weiter zu beachten, lief sie weiter. Dabei dachte sie an das peinliche Vorkommnis am heutigen Vormittag:  

 

Luisa saß an ihrem Arbeitsplatz. Sie war in ihre Arbeit vertieft und achtete nicht auf das, was um sie herum geschah. So bemerkte sie auch nicht, wie ihr Chef André das Büro betrat. Von den Kollegen wusste sie, das tat er ab und an mal, um sich über die Arbeitsatmosphäre ein Bild zu machen und seine Angestellten besser kennenlernen zu können. André war kein Boss, der sich abkanzelte und sich für etwas Besseres hielt. Im Gegenteil, er suchte die Nähe. Zwar hatte er sein Büro zwei Etagen höher, wo er Geschäftspartner empfing, oder auch mal persönliche Gespräche mit den Angestellten führte. Eine Sekretärin hütete sein Heiligtum. Wollte man zu André vordringen, musste man an ihr vorbei.  

André schlenderte zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen hin und her. Mal sah er hier jemanden über die Schulter, mal da, gab Ratschläge oder nannte Lösungsvorschläge, wenn die übernommene Aufgabe das Wissen des Kollegen zu sehr strapazierte. Auf keinen Fall war er rechthaberisch.  

Luisa arbeitete an einem Kassenbuch, dessen handschriftliche Eintragungen sie in das Abrechnungsprogramm eintragen wollte. André hatte am Vortag die Unterlagen höchstpersönlich abgeholt und die Barkasse gezählt. Die musste mit dem Endbetrag im Kassenbuch übereinstimmen. Das Kassenbuch selbst kontrollierte er nie, das taten immer diejenigen, bei denen es zur weiteren Bearbeitung auf dem Tisch landete.  

Wie Luisa es immer tat, rechnete sie per Hand dagegen, um zu schauen, ob das Ergebnis mit den Aufzeichnungen übereinstimmte. Doch heute war gar nichts richtig. Sie verglich, hakte ab, aber fand den Fehler nicht. Missmutig schmiss sie ihre Aufzeichnungen über ihren Schreitisch, dass die Papiere herunterflatterten. Genau vor Andrés Füße.  

„Na, na, wer wird denn hier“, foppte André sie.  

Zornig schaute Luisa auf, direkt in Andrés lachende Augen. „Sie müssen sich ja auch nicht mit diesen blöden Papieren hier rumschlagen“, fauchte sie ihn an. „Hier stimmt nichts, aber auch gar nichts. Ich frage mich, was Ihre Filialleiterin sich dabei gedacht hat, eine derart schludrige Arbeit abzuliefern. Hier, schauen Sie selbst!“ Sie reichte André ihre Aufzeichnungen und die passenden Papiere dazu.  

Aufmerksam schaute sich André alles an. Dann kam er zu ihr an den Tisch und zog sich einen Stuhl heran. „Immer mit der Ruhe. Suchen wir gemeinsam den Fehler“, sagte er.  

Gemeinsam verglichen sie die Eintragungen im Kassenbuch und die Eintragungen im Programm. Die Summen stimmten wirklich nicht mit dem gezählten Betrag überein. Es war und blieb am Ende zu wenig Bargeld in der Kasse. André war fassungslos, Luisa genauso. Sollte die Filialleiterin ihn betrogen haben? Das konnte er beinahe nicht glauben.  

„Wissen Sie was“, sagte André nach einer Weile zu Luisa, „gehen wir erst einmal in die Küche und machen wir uns einen schönen Heißen. Danach sehen wir weiter.“  

Luisa erstarrte. Hatte sie sich verhört? „Was wollen wir machen?“, fragte sie vorsichtshalber nach.  

„Wir machen uns einen Heißen“, wiederholte André und grinste sie auffordernd an.  

Das war doch wohl die Höhe! Luisa sprang auf, dass ihr Bürostuhl fast nach hinten kippte. Sie wurde rot, aber noch schlimmer war es, dass alle Kollegen gehört hatten, was André zu ihr gesagt hatte. „Sie sind… Sie sind ein Scheusal!“, schrie sie ihn aufgebracht an.  

„Aber Luisa, was ist denn auf einmal mit Ihnen los? Habe ich etwas Falsches gesagt?“ André war verwirrt.  

„Sie wagen es auch noch so scheinheilig nachzufragen!“, knurrte Luisa zähnefletschend. 

„Ich verstehe nicht, weswegen Sie plötzlich so aufgebracht sind“, wehrte sich ihr Chef.  

„Ach, Sie verstehen nicht!“, höhnte sie ihn an. „So seid Ihr alle, Ihr Männer, Scheusale und ausnutzen könnt ihr uns Frauen. Was bei drei nicht auf dem Baum ist, wird hergenommen! Aber nicht mit mir!“ Sie holte aus und gab ihm eine Backpfeife.  

André schaute Luisa erschrocken an. Was hatte er nur falsch gemacht, dass sie sich so sehr aufregte und ihn sogar schlug. Er hätte es noch verstanden, wenn sie sich angegriffen gefühlt hätte, wenn sie allein gewesen wären. Immerhin saßen sie recht nah beieinander, dass sich sogar ihre Schultern berührten. Aber nicht hier vor allen Kollegen. „Es ist besser, Sie gehen jetzt nach Hause und beruhigen sich ein wenig. Kommen Sie morgen wieder. Bis dahin wird Ihr Adrenalinspiegel hoffentlich wieder gesunken sein, dass ich mich in Ihre Nähe wagen kann“, presste André nach einer Weile Stille zwischen zusammengekniffenen Lippen hervor. Er musste an sich halten, um nicht die Fassung zu verlieren. Noch nie war es vorgekommen, dass sich eine Angestellte von ihm belästigt fühlte. Es käme ihm auch nie in den Sinn, so etwas zu tun. Für ihn waren die weiblichen Angestellten, aber auch die männlichen, Tabu. Arbeit und Privates trennte er rigoros. „Nun gehen Sie schon. Ich will Sie heute hier nicht mehr sehen”, herrschte er Luisa an, drehte sich um und verließ das Großraumbüro.  

Jetzt erst wurde Luisa bewusst, sie hatte ihren Chef vor allen Kollegen geohrfeigt. Aber weswegen? Er hatte recht, sie musste erst einmal aus der Schusslinie und zur Ruhe kommen. Schnell packte sie ihre Sachen zusammen, grüßte kurz in die Runde und ging ohne ein weiteres Wort und sich umzuschauen.  

Nun lief sie hier im Park herum, machte Selbstgespräche und verstand die Welt nicht mehr.  

 

Am nächsten Morgen schlich sich Luisa mehr zur Arbeit als sie ging. Ihr Magen grummelte fürchterlich vor Aufregung. Außerdem war ihr speiübel. Mit Grauen dachte sie an ihren Chef André, dem sie heute garantiert begegnen würde. Wie sollte sie ihm nur gegenübertreten, ohne vor Scham im Boden zu versinken. Doch krankfeiern wollte sie auch nicht. Lieber stellte sie sich dem Übel. Da musste sie durch, ob sie wollte oder nicht.  

Im Büro angekommen, verstummten die bereits anwesenden Mitarbeiter. Luisa kam es vor, als hätte sie die Kollegen bei etwas ertappt. Sie setzte sich an ihren Platz und startete den PC. Sie schaute sich um, doch das Kassenbuch vom Vortag lag nicht auf ihrem Schreibtisch, dafür eine Notiz, was sie als nächstes tun sollte.  

Die anderen beachteten sie nicht weiter und begannen ebenfalls mit ihrer Arbeit. Kurz darauf war nur das Rascheln von Papier und das gelegentliche Piepsen eines Computers zu hören, wenn eine Mail einging. Nachdem sie sich auf ihre Aufgaben konzentriert hatte, war der peinliche Vorfall fast vergessen.  

 

Plötzlich klingelte das hausinterne Telefon. Sie erschrak, nahm dann aber nach mehrmaligem Klingeln ab.  

„André hier“, hörte sie die schnarrende Stimme ihres Chefs aus dem Hörer.  

Luisa wurde es noch übler als auf dem Weg zur Arbeit. Was wollte er von ihr?  

„Kommen Sie in einer Stunde in mein Büro“, sagte André mit einem Tonfall, der Luisa erschauern ließ. „Haben Sie gehört, in einer Stunde. Und seien Sie pünktlich“, wiederholte André. Seine Tonlage ließ keinen Widerspruch zu.  

„Ich habe verstanden“, erwiderte Luisa endlich. „In einer Stunde in Ihrem Büro.“ Sie stieß die Worte so laut aus, dass die Kollegen hellhörig wurden. Neugierig starrten sie in ihre Richtung.  

„Was ist? Ich werde wohl die Kündigung bekommen“, fuhr Luisa ihre Schreibtischnachbarin an.  

„Das geschieht dir auch recht, du einfältige Trine. Einfach den Chef ohrfeigen. Wo gibt es denn so was?“, knurrte diese zurück. Dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu und ließ Luisa links liegen. 

 

Ungeduldig starrte Luisa auf die Zeitanzeige an ihrem PC. Der Termin mit ihrem Chef rückte immer näher. Als die Stunde fast vergangen war, machte sie sich mit einem Grummeln im Bauch auf den Weg. Sie lief den langen, hellerleuchteten Flur entlang, an dessen Ende sich der Aufzug zur Chefetage befand. Luisa drückte den Rufknopf des Lifts und wartete, bis er mit einem leisen Summen hielt und sich die Tür öffnete. Resolut trat sie ein, blickte kurz in den Spiegel und betätigte den Knopf zur Chefetage.  

Oben angekommen, wurde sie von Andrés Sekretärin in Empfang genommen. „André erwartet Sie bereits“, wurde sie von dieser lächelnd begrüßt. Dann führte sie Luisa durch ihr Büro hindurch zu Andrés Büro. Sie klopfte kurz und meldete, Luisa wäre zum Termin erschienen.  

„Soll reinkommen“, schnarrte Andrés Stimme aus dem Hintergrund, dass es Luisa erneut kalt den Rücken herunterlief.  

Sie trat ein und blieb vor dem riesigen Schreibtisch stehen, auf dem sich Akten stapelten.  

André blickte kurz hoch. „Setzen Sie sich“, sagte er und wies auf einen einsamen Stuhl vor seinem Schreibtisch. 

Luisa nahm Platz. Dabei achtete sie darauf, dass ihr Rock nicht zu hoch rutschte. Sie zupfte ihn kurz zurecht und schlug ein Bein übers andere. André beobachtete sie dabei. Seine Augen funkelten eisblau.  

„Sitzen Sie bequem?“, fragte er wie nebenbei. „Ich nehme an, mein einladendes Sofa möchten Sie für unsere kleine Unterredung nicht als Sitzgelegenheit nutzen.“  

Die vor ihm sitzende Frau wurde rot. „Besser nicht“, erwiderte sie. Ihr Hals kratzte, als hätte sie Sand geschluckt. Am liebsten hätte sie nach einem Glas Wasser gefragt, um sich die trockene Kehle zu benetzen.  

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht“, begann André, ohne auf Luisas Befinden zu achten. Während er sprach, blätterte er in einer Akte. Luisa erkannte ihren Namen auf der Vorderseite.  

„Ich weiß auch nicht“, brachte sie leiser als gewollt hervor. „Ich verstehe selber nicht, wie ich mich so gehen lassen konnte. Es tut mir unheimlich leid.“ Mühsam versuchte sie, die Tränen zu unterdrücken. Eine wagte es trotzdem, über ihre Wange zu rollen.  

„Luisa, Luisa. Was soll ich nur mit Ihnen machen“, sprach André unbeeindruckt von ihrer Gefühlslage weiter. „Dabei hatte ich angenommen, Sie wären die Frau unter meinen weiblichen Angestellten, die meine Sekretärin ablösen könnte, die mich demnächst leider verlassen wird.“ Er sah Luisa an. „Aber so wie Sie sich mir gegenüber verhalten haben.“ Er zuckte mit den Schultern.  „Ich weiß wirklich nicht, ob Sie für diese Anstellung geeignet sind.“ 

Nun war es an Luisa, die Augen aufzureißen. Beinahe hätte sie auch einen spitzen Schrei ausgestoßen. Sie und Chefsekretärin? Das hätte sie nach so kurzer Zeit nicht erwartet. „Ich, ich…“, begann sie zu stottern.  

„Ach, seien Sie doch still“, unterbrach André sie barsch und starrte sie wütend an.   

„Ich nahm an, ich sollte Ihnen…“, Luisa wurde rot wie eine Tomate, während sie versuchte, sich zu rechtfertigen. Doch es gelang ihr nicht. Ihre Stimme versagte gnadenlos.  

„Sie dachten was?“, fragte André. Sie sah ihm an, er war gespannt auf ihre Antwort.  

„Es war etwas sehr Ungebührliches, was ich gedacht habe“, gab Luisa zu. „Ich dachte, ich sollte Sie… hm, wie soll ich es sagen.“ Sie wurde noch roter. „Ich dachte, ich sollte Sie oral…“  

„Halten Sie ein! Ich will Ihr Gestotter nicht hören“, stieß André entsetzt aus. Nun bekam auch er einen roten Kopf. „Glauben Sie wirklich, ich würde so etwas von Ihnen verlangen? Aber Luisa! Nein, keinesfalls! Das würde mir im Traum nicht einfallen!“ André war empört über diese Anmaßung. „Ich bin glücklich liiert mit meinem Freund!“  

Luisa nickte nur schüchtern. Dann riss sie die Augen auf. Hatte sie richtig gehört, André machte sich nichts aus Frauen? Ihr Blick ging vor Scham zu Boden, um ihren Chef nicht ansehen zu müssen.  

„Aber Luisa, ich wollte doch nur, dass wir uns einen Kaffee kochen und dabei gemeinsam überlegen, was an den Aufzeichnungen falsch ist“, brachte es André endlich zustande, das Missverständnis aufzuklären.  

Die Frau wurde blass. „Ich sollte nur… und Sie sind…“, stotterte sie erneut. Sollte sie sich wirklich so sehr geirrt haben? Ihr kam die Angelegenheit nun noch peinlicher vor.  

„… ja, ich bin schwul und Sie sollten uns nur einen Kaffee kochen“, beendete André ihren Satz. „Aber trotz alledem kann ich Ihre Verhaltensweise mir gegenüber nicht dulden. Sie hätten nachfragen müssen, wenn Sie etwas nicht verstanden haben, anstatt gleich handgreiflich zu werden.“ Er schaute Luisa streng an. „Daher tut es mir leid, dass ich Sie aus diesem Grund nicht weiter in den engeren Kreis als Anwärterin für die Stelle belassen kann.“ Er stand auf, Luisa tat es ihm nach. „Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit“, verabschiedete André die verdutzt schauende Frau und deutete zur Tür. „Ach ja, Luisa, warten Sie“, hielt er sie dann doch noch kurz zurück. „Ich habe den Fehler gefunden. Meine Filialleiterin hatte Geld für eine Barrechnung aus der Kasse entnommen und diese nicht eingetragen. Die Rechnung lag in ihrem Büro. Die hatte sie wohl vergessen. Daher die Differenz.“ 

Erstaunt blieb Luisa stehen und drehte sich zu André um. „Ach wirklich? Ich dachte schon, ich habe falsch gerechnet.“  

„Mitnichten, Ihre Berechnung war richtig, nur die Eintragung der Filialleiterin fehlte. Und nun gehen Sie, Sie haben zu tun.“  Damit war für ihn das Gespräch endgültig beendet. 

Luisa nickte erleichtert. Wenigstens hatte sie ihre Arbeit nicht verloren. Dafür stand sie als Gelackmeierte da und musste den Spott der Kollegen ertragen.  

Ein Unglück kommt selten allein

 

Vor sich hin grummelnd stand Sina vor einem Haufen mit Kostümen. Sie hatte keine Ahnung, was sie zum diesjährigen Faschingsball ihres Vereins anziehen sollte. Dabei war ihre Auswahl an geeigneten Stücken recht groß. Seit vielen Jahren warf sie die Kostüme nicht mehr weg, sondern bewahrte sie akribisch aneinander aufgereiht in ihrem Kleiderschrank auf. Die meisten passten ihr noch, dass sie nie ein Problem hatte, ohne auffälliges Outfit zum Fasching gehen zu müssen. Diesmal jedoch wollte sie sich ein neues kaufen, doch sie fand keines, das ihr zusagte. Ihr fiel das Teufelchen-Kostüm ein, das sie vor ein einigen Jahren getragen und damit den Sieg des schönsten und erotischsten Outfits errungen hatte.

„Mein Gott“, schimpfte sie, „das kann doch nicht wahr sein. Wo ist dieses verdammte Ding nur!“ Aufgeregt kramte sie in dem wild durcheinandergebrachten Haufen, doch das gesuchte Kleidungsstück war einfach nicht aufzufinden. Angestrengt dachte sie nach. „Wo könnte es sonst sein?“ Da fiel es Sina wieder ein, sie lieh es im letzten Jahr ihrer besten Freundin Mary. So vergesslich wie sie war, musste sie es noch haben. Sina griff zum Telefon und rief Mary an.

 

„Hey, Mary“, begann sie, als der Hörer abgenommen wurde. „Sag mal, hast du da Teufelchen-Kostüm noch, das ich dir einmal ausgeliehen habe? Du weißt doch, heute ist die Faschingsveranstaltung meines Vereins.“ Sie ließ ihre Freundin nicht einmal zu Wort kommen. Wie ein Wasserfall redete und redete sie.

Als Sina endlich eine Sprechpause machte, gelang es Mary, zu antworten.

„Hm, lass mich mal überlegen. Ich glaube, Antonia hat es.“

„Wie kommt Antonia dazu?“, fragte Sina erstaunt nach. Sie mochte Antonia gar nicht. Dass gerade sie ihr geliebtes Kostüm haben sollte, gefiel ihr keinesfalls.

„Ach, entschuldige, ich vergaß, dir Bescheid zu sagen, dass ich es weiterverliehen habe“, entschuldigte sich Mary reuevoll. „Antonia sah es bei mir, als sie mich letztens besuchte. Sie wollte selbst auch noch auf einen Ball und hatte kein passendes Kostüm.“

„Wie ich Antonia kenne, gab sie es nie zurück“, knurrte Sina böse.

„Stimmt“, entgegnete Mary. „Entschuldige, ich hätte es dir sagen müssen.“

„Das hilft mir jetzt auch nicht weiter“, motzte Sina und legte einfach auf. Wütend schaute sie auf den vor ihr liegenden Kleiderhaufen. „Mir vergeht gleich die Lust, dieses Jahr zum Faschingsball zu gehen“, knurrte sie. Sie ließ sich aufs Bett fallen, starrte zur Decke und überlegte. Nach einiger Zeit schaute sie auf die Uhr. Bis zum Beginn des Faschingsballs war noch genügend Zeit, zu Antonia zu fahren und das Kostüm zu holen.

 

Sina sprang auf und zog sich an. Dann verließ sie die Wohnung, um zu ihrem Auto zu gehen, mit dem sie zu Antonia fahren wollte. Doch ihr PKW wollte und wollte nicht anspringen.

„Es ist heute wie verhext“, schimpfte Sina. „Erst ist mein Kostüm weg, dann von Mary verliehen und nun springt diese Mistkarre nicht an.“ Als sie auf ihre Armbanduhr blickte, erkannte sie, den Pannendienst zu holen, würde zu viel Zeit vergeuden. Sina stieg aus ihrem Auto und ging zur nächsten Haltestelle. Der Fahrplan sagte ihr, der nächste Bus würde in ein paar Minuten eintreffen. So wartete Sina ungeduldig auf dessen Ankunft.

 

Endlich kam der Bus. Als sie einstieg, war dieser schon überfüllt mit laut plaudernden Fahrgästen. Der Busfahrer entschuldigte sich, dass sie keinen Sitzplatz mehr ergattern konnte. Sina biss in den sauren Apfel und zwängte sich in die Massen. Zu ihrem Unmut waren die meisten der Fahrgäste bunt gekleidet, viele trugen Faschingskostüme, was sie wiederrum an ihr eigenes erinnerte.

Nach für Sina unendlich langer Fahrt kam ihr Bus an der Haltestelle an, an der sie aussteigen musste. Bis zu Antonias Wohnung waren es von dort nur wenige Gehminuten. Die ganze Stadt schien heute auf den Beinen zu sein. Viele Passanten waren wohl schon auf dem Weg zu ihren Faschingsveranstaltungen. Sina konnte dem noch nicht viel abgewinnen. Grimmig ging sie den Gehweg entlang, wo sie bereits mehrmals von leicht angetrunkenen Menschen beinahe umgeworfen wurde.

„Pass doch auf“, fuhr sie einen jungen Mann an, der ihr eben über den Weg gelaufen und sie angerempelt hatte. Sie rieb sich ihren schmerzenden Arm und hoffte, es bildet sich kein blauer Fleck.

 

Als Sina an ihrem Ziel angekommen war, schaute sie auf die Klingelschilder und suchte nach Antonias Namen. Sina war noch nie bei Antonia gewesen und wusste nicht, in welchem Stockwerk sie wohnte. Zu ihrem Unglück war das ganz oben. Gerade als Sina klingeln wollte, ging die Haustür auf und eine ebenfalls verkleidete Frau mit einer Maske vor dem Gesicht trat aus dem Haus. Schnell schlüpfte Sina ins Haus, ohne auf die Frau zu achten. Hastig stieg sie die vielen Treppen bis ins oberste Stockwerk hinauf. Sina war gut durchtrainiert, dass es ihr keine Mühe machte, die Stufen hochzugehen. Sie kam nicht einmal außer Atem.

Vor Antonias Wohnungstür hielt Sina an. Sie verschnaufte kurz, ehe sie die Klingel betätigte. Da sich in der Wohnung nichts rührte, klingelte Sina noch einmal. Wieder kam keinerlei Reaktion. Auch nach mehrmaligen Klingeln, öffnete Antonia nicht die Tür.

Sina legte ein Ohr an das Türblatt und horchte. Drinnen war alles still.

„Vielleicht schläft sie“, dachte Sina und begann gegen die Tür zu klopfen. Doch auch da keinerlei Reaktion. Allerdings würde die Wohnungstür gegenüber geöffnet und eine alte Dame schaute heraus.

„Wollen sie zu Antonia?“, wurde Sina gefragt.

„Denken sie, ich hämmere hier umsonst beinahe die Tür ein!“, antwortete Sina schroff. Sie wendete sich ab, ohne weiter auf die Frau zu achten.

„Da können sie ewig klopfen. Dort wohnt niemand mehr“, berichtete die Frau, die inzwischen herangetreten war und an ihrem Ärmel zupfte.

Sina drehte sich um und schaute die Frau fassungslos an.

„Wie, wohnt hier nicht mehr?“

„Weggezogen“, kam als Antwort.

„Wohin?“

„Weiß ich nicht“, wurde ihr gesagt.

„So ein Mist“, schimpfte Sina lauthals. „Mein Tag ist versaut. Wehe Mary, wenn ich dich kriege. Du bist schuld, dass ich heute kein Kostüm habe. Wie konntest du nur einer mir verhassten Person mein Eigentum geben.“

„Beruhigen sie sich doch“, versuchte die alte Frau zu schlichten.

„Lassen sie mich in Ruhe“, entgegnete Sina schroff. „Versaut ist versaut! Basta!“



Ein für alle Mal

 

Wie so oft war Konrad, kurz genannt Konni, auf der Autobahn unterwegs, um einem Kunden einen Besuch abzustatten. Er liebte seinen Beruf, in dem er aufging. Durch nichts ließ er sich ablenken, wenn es darum ging, viel Geld zu verdienen, um seinen hohen Lebensstandard halten zu können. Nein – Konni war kein Staubsaugervertreter. Er verkaufte etwas ganz anderes, nämlich für viel Geld seinen Körper an gut zahlende Herren und Damen, die es sich leisten konnten, einen Callboy für gewisse Dinge zu buchen.

Eigentlich mochte er es sehr, die Autobahn mit seinem großen Cabrio entlang zu sausen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Doch heute war irgendwie der Teufel los. Die Straßen verstopft bis zum geht nicht mehr, die Sonne prallte unbarmherzig auf ihn hernieder, dass er es nicht einmal wagte, das Verdeck zu öffnen, aus Angst, er könne sich einen Sonnenbrand zuziehen. Zu guter Letzt hatte er auch noch seinen Kopfschutz, den er trug, wenn er offen fuhr, zu Hause liegen lassen. Schimpfend stand Konni fast am Ende des Staus, der sich lang vor ihm hinzog. Der Verkehrsfunk berichtete auch nichts Gutes. Ein schwerer Unfall war geschehen, der den Stau verursachte und die nachfolgenden Wagen zwang, sich nur in Schrittgeschwindigkeit fortzubewegen.

Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, auch zum Termin mit dem Kunden würde er zu spät kommen. Fluchend suchte er sein Handy, um wenigstens die Verspätung zu melden. Doch der Kunde nahm nicht ab, war der Termin doch schon vor einer knappen Stunde angesetzt und Konni stand immer noch in der riesigen Schlange von Autos. Wie peinlich und geschäftsschädigend, wo er doch bekannt war für seine Überpünktlichkeit.

Konni stellte sein Navigationsgerät ein, das er eigentlich nur nutzte, wenn er zu einem neuen Kunden fuhr und sich in dessen Gegend nicht auskannte. Doch dieses Mal suchte er eine Möglichkeit, die Autobahn zu verlassen, um auf Umwegen zum Ziel zu gelangen. Doch das Navigationsgerät zeigte keinen Weg an, der für ihn halbwegs akzeptabel war. Alles nur kleine Nebenstraßen oder, was für ihn noch viel schlimmer war, Waldwege, die er seinem über alles geliebten Cabrio nicht antun wollte.

 

Sollte er es wagen, oder doch lieber nicht. Konni stand kurz vor der nächsten Ausfahrt und überlegte angestrengt, was er weiter tun sollte. Niemand vor ihm bog ab, so hatte er die Hoffnung, schneller voranzukommen als auf der Autobahn. Doch die Ausfahrt, entschied er kurzerhand, obwohl er nicht wusste, was ihn dort erwartete. Egal, dachte er. Ich bin eh zu spät und der Kunde verärgert. Mehr als schiefgehen kann es nicht. So setzte Konni den Blinker und fuhr von der Autobahn.

Je weiter der junge Mann fuhr, desto mehr fühlte er sich im Niemandsland. Weit und breit kein Ort zu sehen, geschweige denn ein Schild, das ihm den Weg in die nächste Stadt wies. Sogar das Navi streikte und weigerte sich vehement, eine geeignete Route preiszugeben.

Endlich, nach für Konni unendlich langer Zeit, ein Weg, der rechts abbog und sich in Richtung eines Waldes schlängelte. Konni schwitzte und erhoffte sich Abkühlung zwischen den Bäumen, wo er gedachte, Rast zu machen und sich ein wenig auszuruhen.

Doch anstatt eines großen Waldes erblickte Konni nur einen wenige hundert Meter breiten Gürtel aus Bäumen, der einen riesigen See vor neugierigen Blicken schützte.

 

„Oh wie schön“, rief der junge Mann erstaunt aus, als er des Sees ansichtig wurde. Er stoppte am Rande und stieg aus.

Leise plätscherte das Wasser ans Ufer und schien ihn regelrecht anzuziehen, ja sogar zu locken. Schnell entkleidete er sich. Dass er keine Badehose dabei hatte, war ihm egal. War er hier doch ganz allein und konnte somit auch wie Gott in schuf, herumtollen. Er sprang in die Fluten, die seinen erhitzten Körper abkühlen sollten. Konni ließ sich in den Wellen treiben und genoss die unverhoffte Möglichkeit, sich zu erholen und der Hitze zu entfliehen.

Nach und nach fiel der Stress des Tages von Konni ab. Inzwischen war es ihm einerlei, ob er den Kunden verlieren würde oder nicht. Das, was er hier sehen und erleben durfte, die Unberührtheit der Natur, die Stille und Erholung, war weitaus mehr wert, als ein Kunde, der ihm seine kostbare Zeit sowie seine Dienstleistung mit viel Geld bezahlte.

Mit kräftigen Schwimmstößen schwamm Konni durch das angenehm kühle Wasser, das sich herrlich an seinem nackten Körper anfühlte und ihn scheinbar an allen, sogar an den intimsten Stellen kitzelte. Kleine Schwärme von Fischen folgten ihm und schienen neugierig auf diesen eigenartigen Fisch zu sein, der durch ihren See schwamm. Ab und an kreischte eine Möwe, die wohl auf Nahrungssuche war. Schwäne zogen in der Ferne ihre Bahnen, während es sich am Ufer eine Entenfamilie bequem gemacht hatte und ebenfalls das Treiben des Mannes bestaunte.

Nach einiger Zeit hatte Konni genug und schwamm zurück ans Ufer. Er legte sich in den warmen Sand und streckte sich der Länge nach aus. Über ihm die Wolken schienen ihm zuzulächeln, einige schienen sogar zu winken. Konni zwinkerte in die Sonne, die erneut unbarmherzig auf ihn herniederbrannte. Doch es war ihm nicht heiß, eher angenehm und entspannend.

Um nicht einzuschlafen, zählte Konni die Vögel, die über dem See ihre Kreise zogen. Die unberührte Natur entzückte ihn. Sie war so ganz anders als die Hektik, die in der Stadt, in der er wohnte, alltäglich war. Frische Luft, Sonne, Sand, wilde Tiere, kitzelndes Gras, alles, was es in einer Großstadt nicht gab.

Konni erkannte, sein Leben, das er bisher führte, war nicht das, wofür es sich zu leben lohnte.

 

Ein Klingeln riss Konni plötzlich aus seinen Tagträumen. Erschrocken schaute er sich um und erkannte, das Klingeln kam aus seiner Hosentasche, wo er sein Handy verstaut hatte. Er robbte dorthin, um das Telefon herauszufischen. Ein Blick auf das Display verriet ihm den Namen des Anrufers, sein verpatzter Termin. Konni nahm ab. Ein nicht zu stoppender Redeschwall strömte auf in ein. Der Anrufer war aufgebracht und beschimpfte Konni ungestüm.

„Es ist mir scheißegal“, schrie Konni zurück. „Egal was du denkst oder über mich erzählen wirst. Für mich ist Schluss damit, ein für alle Mal.“


Der Silvesterball

 

Dieses Jahr sollte Silvester für Claudia etwas ganz Besonderes werden. Nur wusste sie noch nichts davon. Francesco, ihr langjähriger Freund machte ein großes Geheimnis daraus. So sehr Claudia auch drängelte und bettelte, Francesco blieb stur. Er meinte nur, sie solle sich für den Silvesterball so richtig gut aufbrezeln.

Der letzte Tag des Jahres war gekommen. Claudia war im Bad und machte sich für den Abend schön.

Francesco kam eben nach Hause. Er hätte noch ein paar Besorgungen zu machen, meinte er vorhin, als er die Wohnung mit für Claudia unbekannten Ziel verließ.

Claudia hörte ihren Freund die Wohnungstür öffnen. Sie schaute aus dem Bad heraus und begrüßte ihn. „Da bist du ja wieder“, rief sie. „Konntest du alles erledigen?“, fragte sie noch.

„Ja, alles erledigt“, antwortete Francesco.

„Was musstest du denn noch so dringend besorgen?“, versuchte sie die Kurve gekonnt zu umschiffen. Doch Francesco fiel nicht darauf hinein.

„Nur was für heute Abend“, ging er Claudias Frage aus dem Weg. Zu mehr ließ er sich nicht verlocken.

So musste Claudia weiter auf den Abend hoffen, wo dann die angebliche Überraschung stattfinden sollte.

„Was ziehst du zum Silvesterball an?“, fragte Francesco.

„Das lange, schwarze Kleid mit den Pailletten“, antwortete Claudia und ging zurück ins Bad.

 

Das Taxi, das Francesco gerufen hatte, um sie zum Ball zu bringen, war pünktlich vor Ort. Francesco führte seine Liebste nach unten und hielt ihr die Wagentür auf, damit sie gut einsteigen konnte. Erst danach setzte er sich hinten in den Fond zu ihr.

„Du machst heute aber auf Gentlemen“, feixte Claudia, die solch Anwandlungen von ihrem Lebensgefährten gar nicht kannte.

„Mit einer schönen Frau muss man ja auch galant umgehen“, schmeichelte er ihr.

So ging das Geplänkel der Beiden weiter, bis das Taxi vor der großen Stadthalle hielt, wo der jährliche Silvesterball stattfinden sollte. Francesco bezahlte die Fahrt und dann gingen er und Claudia in den festlich geschmückten Saal.

Der Saal glänzte, als wäre er mit Goldstaub bestäubt worden. Die kristallenen Lüster, die an der Decke hingen, erhellten die Örtlichkeit. Auf den Tischen, die einzeln oder auch paarweise für mehrere Leute an den Seiten aufgestellt waren, waren mit edlem Geschirr gedeckt. Weiter vorne war eine Bühne aufgestellt worden, wo sich schon die ersten Musiker warm spielten.

Inzwischen waren nach Claudia und Francesco immer mehr Menschen angekommen. Der Saal füllte sich. Francesco führte seine Liebste an den von ihm bestellten Tisch und ließ sie da Platz nehmen.

„Ich bin gleich wieder da“, sagte er zu ihr, als sie sich hingesetzt hatte.

Ehe Claudia etwas erwidern konnte, war Francesco auch schon in Richtung Ausgang verschwunden. Sie konnte nur noch den Kopf schütteln.

Nach wenigen Minuten war Francesco wieder an ihrer Seite. Als er sich neben sie setzte, lächelte er das schönste Lächeln, das er aufsetzen konnte.

„Hast du mir was zu sagen?“, fragte Claudia, der Francescos Gehabe heute schon fast unheimlich war.

„Nein, gar nichts“, erwiderte Francesco. Doch war ihm die Unruhe anzumerken.

„Meine Damen und Herren“, ertönte es plötzlich von der Bühne her. Der Bürgermeister der Stadt persönlich eröffnete den Ball. „Ich freue mich sehr, sie zu unserem diesjährigen Silvesterball begrüßen zu dürfen. Wie jedes Jahr singt eine Live-Band ein ausgewähltes Repertoire weltbekannter Songs. Am Buffett kann sich nach Belieben bedient werden, auch Getränke sind reichlich vorhanden. Kurz vor Mitternacht bitte ich sie, sich draußen auf dem Vorplatz zum Feuerwerk zu versammeln“, sprach der Herr auf der Bühne weiter, „und nun wünsche ich ihnen viel Vergnügen“, beendete er seine Rede.

Applaus erscholl und gleich darauf begann die Band zu musizieren. Im Saal begann wieder das Geplauder der Gäste. Auch Claudia und Francesco vergnügten sich.

„Darf ich die Dame zum Tanz bitten?“, fragte Francesco seine Begleitung mit einer höflichen Verbeugung.

„Aber gerne“, ging Claudia auf sein Spiel ein. Sie erhob sich und reichte Francesco ihre Hand, damit er sie auf die Tanzfläche führen konnte.

Gleich darauf wiegten sich beide im Takt der Musik. Sie waren ein eingespieltes Team beim Tanz und schon bald wurde rund um sie geklatscht. Rufe erklangen, doch mehr ihres Tanzes zu zeigen, was die beiden gerne taten.

Nach einigen Runden schnellen Tanzes wechselte die Band den Takt. Langsame Weisen wurden gespielt. Claudia schmiegte sich an Francesco und genoss den langsamen Tanz mit ihm.

Als der Song beendet war, löste sich Francesco von Claudia, verbeugte sich wieder vor ihr und sagte: „Ich muss dich kurz verlassen. Warte bitte hier auf mich“, sprach er und verschwand.

Claudia sah sich um und entdeckte ihren Liebsten vorne auf der Bühne. Sie sah, wie er mit den Musikern diskutierte. Nach einiger Zeit schienen sie sich geeinigt zu haben.

Francesco nahm das Mikrofon in die Hand, räusperte sich kurz und begann dann, nachdem der der Band ein Zeichen gegeben hatte, zu singen. „Tears in Heaven“, sang Francesco. Dabei sah er Claudia an, die wie erstarrt in den Massen stand und ihn anschaute. Dann sah sie, wie er die Stufen der Bühne herunter und auf sie zukam.

Genau vor ihr blieb er stehen, sang aber weiter, ohne auf die Menschen um ihn herum zu achten. Er sang nur für seine Claudia, der Frau seines Herzens. Francesco beendete sein Lied. Er kniete vor seiner Herzensdame nieder, nahm ihre Hand und küsste diese. „Schatz meines Lebens, willst du meine Frau werden?“, fragte er sie, laut und deutlich sprach er die Worte ins Mikrofon. Alle Leute im Saal konnten es hören.

Kreidebleich stand Claudia mitten im Saal. Die Gäste im Saal starrten sie an, sie erwarteten gespannt ihre Antwort. Die ersten Rufe Sag ja!, waren zu hören. Ihr Herz schlug heftig vor Aufregung.

„Ja, ich will“, kam endlich über ihre zitternden Lippen.

Jubel ertönte um sie herum und ehe sich Claudia versehen konnte, war Francesco aufgesprungen. Aus seiner Smokingjacke zog er einen Ring hervor, den er Claudia auf den Finger steckte. Dann umarmte und küsste er sie innig.

„Ich liebe dich“, flüsterte er, als sich seine Lippen von den ihrigen lösten und sie mit glänzenden Augen ansah.

Den Applaus, der wieder erscholl, schienen sie nicht mehr zu bemerken. Es gab nur sie.


Heimweh

Ein Beitrag 

zum Wortvorgabe-Wettbewerb 

in der Gruppe Kurzgeschichten bei Bookrix

im Juli / August 2019

Thema: "Wenn alle Stricke reißen"

 

So viele wie möglich der folgenden Worte mussten eingebaut werden:

Wasserfall, Wiege, Wegweiser, Wanne, weglaufen, winken,

wohnen, wandern, wehmütig, windschief,

wunderlich, wachsam

 

***

 

Lilly war in einem kleinen Schwarzwalddorf aufgewachsen, das weit entfernt von befestigten Straßen lag. Eigentlich wäre befestigter Feldweg die bessere Bezeichnung für die enge Straße, die mitten durch den Wald ging. Den kleinen Ort Dorf zu nennen, war schon übertrieben. Gerade mal 50 Menschen lebten dort, die meisten bereits im hohen Alter. Junge Leute zog es nicht in die Gegend, die, die dort geboren waren, zog es in die Städte, wo es Arbeit und besseres Auskommen gab. Die Ortschaft lag zu weit ab vom Schuss und war nur schlecht zu erreichen. Doch Lillys Eltern hatten es gewagt. Gestresst vom Alltag in der Großstadt wollten sie so weit wie möglich weg. Als sie das leerstehende Häuschen fanden, es kaufen und dort einziehen konnten, waren sie überglücklich. Lilly war dort geboren, aufgewachsen und fand es schlimm, in diesem Kaff, wie sie es nannte, wohnen zu müssen. Gerade als Zugezogene hatten ihre Eltern es schwer, sich in der eingeschworenen Dorfgemeinschaft zu etablieren. Sie waren halt die Fremden, die den Frieden störten.

 

Viele Jahre nachdem Lilly weggegangen war, dachte sie wehmütig an das Haus, in dem ihre Wiege stand. Obwohl die Zeit dort nicht einfach war, verbrachte sie dort die glücklichsten Jahre ihrer Kindheit. Die Erinnerungen schmerzten ein wenig.

Schon als Kind bemerkte sie, die Leute im Dorf schnitten sie. „Das Kind ist äußerst wunderlich“, hörte sie oft die Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand flüstern. Sie verstand noch nicht, warum sie sich so eigenartig ihr und ihren Eltern gegenüber verhielten. Dass sie auch nach vielen Jahren noch als Fremde, Zugezogene, angesehen wurden, verstand sie nicht. Sie gehörten doch zu dieser kleinen Dorfgemeinschaft. Aber so oft, wie die Dörfler über sie tratschten, so oft machte sich Lilly einen Spaß daraus, ihnen im Vorbeigehen zu winken oder ihnen spaßige Worte zuzurufen. Wenn sie sich an die erschrockenen Gesichter erinnerte, musste sie sogar jetzt noch darüber lachen.

Es gab Tage, an denen Lilly am liebsten alle Brücken hinter sich abgebrochen hätte. Doch weglaufen war für sie noch keine Option. Sie war noch zu jung, um ihr Elternhaus auf eigenen Füßen verlassen zu können. In diesem Dorf war sie geboren, es war ihre Heimat. Eine andere kannte sie nicht, ihre Eltern liebten die Gegend und das kleine, schmucke Häuschen. Lilly liebte es genauso, wie auch den Schäferhund Axel, der mit Argusaugen wachsam jeden Vorbeigehenden beobachtete, damit dieser nicht zu nah an das Haus herankam.

 

Eines Tages allerdings, Lilly war inzwischen zu einer hübschen, jungen Frau herangewachsen, hielt sie es nicht mehr aus. Die große, weite Welt lockte. Der Drang, ihr Heimatdorf zu verlassen, wuchs ständig. Sie wollte nicht mehr in dem winzigen Ort wohnen, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten und sie immer noch ein Außenseiter war. So packte sie ihre Sachen, zog los und ließ alles hinter sich. Ihre Eltern ließen sie ziehen. Sie hatten längst bemerkt, dass die Tochter nicht glücklich war und sie ihren eigenen Weg gehen wollte.

Lilly liebte ihr Leben in der Stadt und genoss es in vollen Zügen. Nur noch selten dachte sie an ihre Heimat, das winzige Dorf mitten im Schwarzwald.

Eines Tages aber erinnerte sie sich. Sie konnte nur schlecht schlafen, da eine innere Unruhe sie davon abhielt. Sie sah den kleinen Wasserfall vor sich, den der Bach im nahen Wald bildete und der sich leise plätschernd über einen Felsen in eine Art natürliche, aus Stein gehauene Wanne stürzte. Im Sommer erfrischte sich Lilly dort oft. Sie mochte es, wenn das eisig kalte Quellwasser auf ihrer Haut prickelte und sie vor Kälte erschauern ließ oder sie sich am Rand des Felsens ausstreckte und einfach nur dem Wald zuhörte. Anstatt abends nach Hause zu gehen, wollte sie im Dunkeln durch den Wald wandern und den Stimmen der Nacht lauschen. Sie erkannte viele Tiere nur anhand ihrer Stimmen. Sie ängstigte sich nicht in der Dunkelheit. War es einmal ganz still, ließ sie dies auf sich einwirken und die frische, klare Luft des Waldes in ihre Lungen strömen.

Lilly erkannte, sie hatte Heimweh. Heimweh nach dem kleinen Dorf, dem Wald, dem Häuschen ihrer Eltern. Anfangs versuchte sie, es zu unterdrücken. Es gelang ihr nicht. Die Sehnsucht bohrte sich in ihr fest wie ein kleiner Widerhaken im Fleisch. Sie wollte so bald wie möglich zurück. Wenn alle Stricke rissen, würde sie sogar dort bleiben und in der Großstadt die Brücken hinter sich abreißen. Trotz Heimweh versuchte sie ihr Bestes, es zu ignorieren. Nichts half, es wurde immer größer und drängender.

Eines Tages hielt Lilly es nicht mehr aus. Sie packte erneut ihre Koffer, hievte sie ins Auto und fuhr los. Je näher sie dem Schwarzwald kam, desto aufgeregter wurde sie. Nirgendwo hatte sie sich abgemeldet, keinen Freunden von ihrem Vorhaben erzählt. Schon bald klingelte ihr Handy Sturm. Sie ignorierte es und schaltete es nach einer Weile ganz aus. Durch nichts wollte sie sich stören lassen.

 

Bald näherte sich Lilly dem alten Wegweiser, der bereits windschief war, als sie das Dorf verließ. Er hatte schon bessere Tage gesehen und trotzte immer noch jedem Wetter. Verrostet stand er am Straßenrand und zeigte ihr wie ein mahnender Finger die Richtung, die sie einschlagen musste.

Langsam fuhr Lilly die enge Bergstraße entlang. Sie hatte die Fenster heruntergekurbelt und versuchte zu horchen. Aber das Geräusch des Motors überstimmte den Gesang der Vögel. Sie musste sich konzentrieren, um nicht den Abhang hinunterzustürzen. Die Kurven waren eng und gefährlich. Der Weg teilweise so schmal, dass nicht einmal zwei Autos aneinander vorbeifahren konnte. Kam ihr eines entgegen, musste sie in eine der Ausbuchtungen lenken, die in regelmäßigen Abständen am Straßenrand gebaut wurden.

Als sie das Dorf erreichte, glotzten die Leute. Es war alles wie immer. Nichts hatte sich verändert, auch die Leute nicht. Lächelnd winkte sie ihnen zu und grinste über die verdatterten Gesichter.

 

Als sie in die Sackgasse am anderen Ende des Ortes einbog, konnte sie schon ihr Elternhaus sehen, sowie den nahen Waldrand, der sich dahinter wie eine mächtige, dunkle Wand auftürmte. Das Haus sah eigentlich aus wie immer. Ein wenig verwitterter als beim letzten Mal. Die Fensterläden hingen etwas windschief in den Angeln und knarrten im Wind.

Neugierig kam Lillys Mutter aus dem Haus, als sie ein unbekanntes Motorengeräusch vernahm, das vor dem Grundstück erstarb. Erfreut rief sie nach Lillys Vater, der auf einen Gehstock gestützt herbeieilte. Vor der Hundehütte saß ein anderer Hund, der sie genauso wachsam beäugte, wie früher ihr geliebter Axel vorbeigehende Wanderer. Lilly lockte den neuen an. Sanft streichelte sie über seinen wuscheligen Kopf und ließ ihn an sich schnuppern. Er leckte an ihrer Hand und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Instinktiv spürte er wohl, vor ihr musste er sich nicht in Acht nehmen.

Mutter und Vater drückten und herzten die verlorene Tochter. Sie lachten und weinten vor Glück darüber, dass sie wieder zu Hause war. Wie lange hatten sie auf diesen einen Moment warten müssen. Die Hoffnung, dass ihr Kind eines Tages zurückkehren würde, hatten sie nie aufgegeben. Nun war sie da, einfach so, ohne Ankündigung stand sie wie aus dem Boden geschossen vor ihnen und bat darum, bleiben zu dürfen. Natürlich durfte sie dies, da gab es gar keine Frage. Immer wieder musste Lillys Mutter ihre Tochter ansehen, als wäre sie ein unbekanntes Wesen.

 

Lilly fühlte sich willkommen. Sie war in ihrer Heimat, zu Hause und wusste, sie würde nie wieder gehen. Das war ein wunderschönes Gefühl.

 

© Milly B. / 10.07.2019

Hüttenzauber

 

Es war Heiligabend. Richardt und Lucie saßen in Wolldecken eingemummelt vor dem großen Kamin, in dem ein prasselndes Feuer brannte und im Raum eine angenehme Wärme verbreitete. Der Schein des Feuers und die im Raum aufgestellten Kerzen erhellten das Zimmer. Eigentlich wollten die beiden den 24. Dezember bei Richardts Eltern verbringen. Doch es kam anders, als sie geplant hatten. Das begann so:

 

Vor zwei Wochen kam Richardt gut gelaunt von der Arbeit nach Hause. „Hallo Lucie, Schatz, bist du da?“, rief er, während er sich im Flur Schuhe und Jacke auszog.

„Ich bin im Wohnzimmer“, rief Lucie zurück. Sie stand auf und ging hinaus zu ihrem Mann. Als sie den freudestrahlenden Richardt sah, fragte sie ihn: „Du bist heute so fröhlich, gibt es einen Grund dafür?“

„Ja, das bin ich“, erwiderte er. „Das hat wirklich einen Grund. Ich habe eine Überraschung für dich.“ Er zog aus der Jackeninnentasche eine zusammengefaltete Broschüre heraus und gab diese seiner Frau.

Lucie schaute sich das Mitbringsel an. Darauf stand: Brauchen sie absolute Stille, um sich zu erholen? Dann buchen sie ein Wochenende in einer unserer rustikalen aber sehr wohnlichen Holzhütten mitten im Wald. Einsamkeit, Ruhe und Erholung pur erwarten sie. Darunter sah man das Bild einer heimeligen Hütte inzwischen vieler Tannen mitten in der Natur. Aus dem Kamin kräuselte sich Rauch gen Himmel. Wie ein kleines Hexenhäuslein sah sie aus.

„Oh, Schatz. Du hast diese Hütte gebucht, in der wir vor Jahren unsere erste Liebesnacht hatten!“, freudig umarmte Lucie ihren Mann.

„Das sollte eine Überraschung werden“, begann Richardt. „Wir feiern genau an diesem Wochenende ja auch unseren zehnten Hochzeitstag. Da dachte ich mir, ein romantisches Wochenende mit dir dort wäre auch in deinem Sinne.“

 

Am Wochenende vor Weihnachten machten sich die beiden auf den Weg zu der Hütte im Wald. Ihr Auto war bis oben hin vollgepackt mit Leckereien und allerlei Lebensmitteln, die sie gebrauchen würden. Die Sonne strahlte hell vom Himmel und es war für diese Jahreszeit wärmer als normal. Ganz und gar nicht wie Dezember und ein paar Tage vor Weihnachten.

Richardt und Lucie verbrachten drei schöne, ruhige Tage mitten im Wald in der Einsamkeit. Sie genossen diese Zeit ohne Telefon, Internet und Alltagsstress, mit ganzem Herzen.

Am Abend, bevor sie wieder nach Hause fahren mussten, begann es zu schneien. Der Himmel hing voller Wolken und verhieß noch mehr Schnee. Der Wald sah binnen kurzer Zeit aus, als wäre er mit einer dicken Schicht Watte bedeckt. Kein Weg war mehr zu sehen. Die beiden schafften es gerade noch, die Hüttentür zu öffnen, um Holz für den Kamin zu holen. Am nächsten Tag war an eine Abreise nicht mehr zu denken. Das Auto, mit dem sie gekommen waren, lag unter einer dicken Schicht Schnee, die Wege aus dem Wald waren nun gänzlich zugeschneit und unpassierbar.

„Und nun?“, fragte Lucie ratlos.

„Wir werden wohl hierbleiben müssen“, antwortete Richardt. „Genug Holz ist da, frieren müssen wir nicht, und im Schrank habe ich genug Dosen gefunden, deren Inhalt noch essbar ist. Machen wir uns einfach noch ein paar schöne Tage, irgendwann muss ja jemand merken, dass wir nicht zurückgekommen sind.“

„Eigentlich kommt es uns ganz gelegen, hier eingeschneit zu sein“, meinte Lucie. „So können wir noch ein paar Tage hier verbringen.“

„Und Heiligabend? Meine Eltern haben uns eingeladen. Du erinnerst dich?“

„Natürlich“, erwiderte Lucie. „Aber ein Weihnachten zu zweit hier in dieser Einöde, denk mal dran, nur wir zwei vor dem Kamin, das wäre doch auch schön. Das Feuer prasselt, wir lieben uns … und …“, Lucie hielt inne. Ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz.

Lächelnd schaute Richardt seine Frau an. Er wusste genau, worauf sie aus war. Es war schon so lange her, als sie das letzte Mal ohne gestört zu werden so zusammen sein konnten.

Am Tag des Heiligen Abends schmückte Lucie die Hütte festlich. In einem der Schränke hatte sie Kerzen gefunden, die sie rundherum auf den hölzernen Sidebords verteilte. Draußen fand sie eine Tanne, von der sie einige Zweige abschnitt und daraus einen kleinen Weihnachtskranz band, dessen Duft durch das ganze Zimmer zog.

Abends saßen sie gemeinsam auf dem breiten, gemütlichen Sofa, eng aneinander gekuschelt und in eine der Wolldecken gewickelt. Draußen stürmte es, noch mehr Schnee fiel, doch drinnen in der Hütte war es kuschelig warm. Lucie hatte das elektrische Licht ausgeschaltet, nur die Kerzen spendeten romantisches Licht. Im Kamin prasselte das Feuer, die Kerzen tauchten den Raum in heimeliges Wärme. Auf dem Küchenherd stand ein Topf mit Glühwein, der langsam vor sich hin dampfte.

Lucie lehnte mit dem Kopf an Richardts Schulter. Eine besonders sentimentale Stimmung war aufgekommen. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie Weihnachten allein verbrachten, ohne ihre Kinder, die inzwischen erwachsen waren. Nun genossen sie die aufgezwungene Zweisamkeit.

„Es ist schön so mit dir hier zu sein“, flüsterte Richardt. Er drehte sich zu seiner Frau um und sah ihr verliebt in die Augen. „Wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich dich zur Frau nehmen“, sagte er leise zu ihr. Sanft drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen.

„Und wenn ich noch einmal wählen könnte, würde ich dich zum Mann nehmen“, flüsterte Lucie zurück. „Es ist so schön mit dir“, gab sie zu. Ein Lächeln verirrte sich in ihr Gesicht. „Ich liebe dich so sehr.“

Die Beiden rückten noch enger aneinander. Jeder schien den Herzschlag des anderen wahrzunehmen. Mit glänzenden Augen sahen sie sich an. Ihre Lippen berührten sich, erst zaghaft, dann fester, bis sie miteinander zu einem langen, innigen Kuss verschmolzen.

„Schöne Weihnachten, mein Schatz“, flüsterte Lucie, als Richardt sie losließ, um Luft zu holen.

„Dir auch schöne Weihnachten“, erwiderte Richardt, ehe er seine Frau wieder an sich zog, um sie erneut zu küssen.


Nur ein Jahr

 

Klara hatte es satt, pappensatt. Eben frisch getrennt von ihrem Ehemann, wollte sie sich nur noch erholen. Die letzten Wochen, ja sogar Monate waren die Hölle. Streit, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sie wollte nicht mehr. So machte sie kurzen Prozess und warf ihren Noch-Ehemann aus der gemeinsamen Wohnung. Der Kerl konnte bleiben, wo der Pfeffer wächst. Da sie ein Mensch war, der keine halben Sachen mochte, führte ihr erster Weg zu einem Rechtsanwalt, um sich beraten zu lassen. Dass sie nun noch ein Jahr aushalten musste, bis dieser vor Gericht die Scheidung einreichen konnte, hatte sie geschockt. Noch ein Jahr, dann wäre sie frei. Keine Fesseln mehr, die sie beengten. Keine ständigen Vorwürfe, warum sie gerade dies tat und nicht das, was der werte Herr sich wünschte. Und endlich jede Nacht Ruhe vor den ständigen Belästigungen und Wünschen nach perversen Sexspielen, die ihr Mann bevorzugte.

„Ein Jahr“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Nur ein Jahr!“ Klara stand im Badezimmerin in ihrem Hotel vor dem Spiegel und schminkte sich. „Scheiß ein Jahr!“, schimpfte sie dann doch, als ihr bewusst wurde, wie lang es sich hinziehen könnte. „Ach was“, machte sie sich selber Mut, „was ist schon ein Jahr, das geht doch rum wie nix. Die Hauptsache ist, ich bin diesen widerlichen Kerl ein für alle Mal los.“

 

Klara war eigentlich nie ein Kind von Traurigkeit. Aber nach der Trennung brauchte sie einfach nur ein wenig Ruhe, um ihren Kopf wieder frei zu bekommen. So opferte sie kurzerhand zwei Wochen ihres Jahresurlaubs und mietete sich in einem Hotel im Schwarzwald ein. Schön abgelegen war es, ein Insider-Tipp einer Freundin brachte sie hierher. Sie bedauerte es nicht, den Tipp angenommen zu haben.

„Dort ist es stiller als du es dir je vorstellen kannst. Du wirst es lieben“, meinte eine Freundin zu ihr, als sie diese um Rat fragte. Dabei steckte sie ihr die Visitenkarte zu. „Ruf nur an. Die haben ganz bestimmt noch ein Zimmer frei.“ Klara tat es und nur eine Woche später machte sie sich von Hamburg aus auf den Weg nach Sasbachwalden.

 

In der Hoffnung, dort wirklich Ruhe zu haben, fuhr sie beschwingt die weite Strecke allein mit dem Auto. Mit Freude erfuhr sie, das Hotel hatte sogar Sauna, Spa und einen eigenen Pool. Was wollte sie mehr?

Klara brauchte nicht einmal das Hotel zu verlassen. Es gab dort alles, was das Herz begehrte. Sogar Abendveranstaltungen. Erst wollte sie keine davon besuchen. Aber dann lockte sie Musik und Gesang aus ihrem Zimmer.

Sie begab sich in die Lobby und von dort aus in den Festsaal, der heute voll besetzt war. Ein noch unbekannter Sänger gab dort sein bestes, die Zuhörer zu unterhalten. Es gelang ihm recht gut, das Publikum klatschte, manch einer sang sogar mit oder schunkelte im Takt.

Klara ließ sich gerne mitreißen. Der junge Mann vorne auf der Bühne riss sie mit seinem Enthusiasmus mit. Es dauerte nicht lange und Klara stand ganz vorn an der Bühne und himmelte ihn an. In einer Pause wagte sie es sogar, den Sänger anzusprechen und um ein Autogramm zu bitten.

Während er die Autogrammkarte signierte, schaute sie ihn ein wenig genauer an. Klammheimlich versteht sich. Er hatte lange Finger, gepflegte, leicht gebräunte Hände, auch sein Gesicht war leicht gebräunt. Er ging scheinbar ins Solarium. Seine Kleidung war edel, etwas leger zwar, aber es stand ihm gut.

Klara bemerkte nicht einmal, dass auch sie Opfer von heimlicher Beobachtung wurde, so sehr war sie in den Anblick des Sängers vertieft.

„Na hallo“, wurde sie aus ihrer Betrachtung gerissen. Sie schaute auf, direkt ins Gesicht des jungen Mannes. Er lächelte sie verführerisch an.

Sie erschrak und wurde prompt rot.

„Ich scheine ihnen zu gefallen“, sagte der junge Mann grinsend zu ihr. Auch er betrachtete sie von oben bis unten, ehe er sie zu einem Drink einlud. Klara sagte gerne zu und nach Veranstaltungsende trafen sie sich in der Bar. Es wurde noch ein schöner Abend, Klara lachte viel. Hendrik, so nannte der Sänger seinen wahren Namen, war ein guter Unterhalter. Er verstand es, Klara zu bezirzen und sie zum Lachen zu bringen. Sie fühlte sich so wohl und so begehrt wie schon lange nicht mehr.

Wie eine Erleuchtung erkannte sie, was ihr in den letzten Jahren so gefehlt hatte. In ihrer Ehe war es selbstverständlich, dass sie immer an der Seite ihres Mannes war. Was kam als Dank zurück? Nichts. Hendrik aber machte ihr deutlich, wie sexy und begehrenswert sie war, sie, die wahrscheinlich zehn oder mehr Jahre älter war als er.

 

Der Abend neigte sich dem Ende zu. Klara wurde immer beschwingter, was nicht nur die Folge des Alkohols war, den sie konsumierte. Kurzentschlossen sagte sie zu, Hendrik auf sein Zimmer zu begleiten.

„Du bist eine schöne Frau“ flüsterte Hendrik im Lift in ihr Ohr. Er zog sie an sich und küsste sie. Leicht legten sich seine Lippen auf ihre. Sein Kuss ließ sie schwindlig werden. Schon bald fand sie sich in Hendriks Zimmer wieder, auf seinem Bett. Kundige Hände nestelten am Reißverschluss ihres Kleides, öffneten die Haken des BH´s, zogen ihre Strümpfe und das Höschen aus. Klara wusste gar nicht, was ihr geschah.

Als Hendrik sie mit der Zunge verwöhnte, rekelte sie sich wohlig auf dem Bett. Aber dann wurde ihr bewusst, was sie hier tat. Entsetzt sprang sie auf und schubste ihn weg.

Hendrik schaute sie erstaunt an. „Ich dachte, du willst es auch“, stieß er erschrocken aus.

Klara bedeckte ihre Blöße. „Es tut mir leid“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen und wurde schon wieder rot. „Ich kann nicht. Es tut mir leid.“

„Aber warum nicht?“, wollte Hendrik wissen.

„Ich…“, Klara wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. „Ich bin noch verheiratet. Außerdem bin ich der Meinung, nicht gleich beim ersten Mal mit einem Mann ins Bett zu gehen.“

Hendrik schmunzelte ein wenig. Er verstand Klaras Einwände. Liebevoll zog er sie an sich. „Das macht doch nichts“, sagte er liebevoll zu ihr. „Lernen wir uns halt erst ein wenig kennen. Sex können wir später auch noch haben.“


Von Weihnachtsmänner, Exceltabellen und anderen heimtückischen Dingen

 

Es war einmal ein Weihnachtsmann, den nannte man Nummer Sieben. Der war ein ganz besonders garstiger Typ. Anstatt den Menschen am Heiligen Abend die Geschenke zu bringen, machte er sich einen Spaß daraus, ständig falsche Dinge oder sogar gar nicht auszuliefern. Auch seine Kollegen waren vor seinen schlimmen Späßen nicht gefeit.

Dabei war seine Aufgabe laut seinem Arbeitsauftrag eine ganz andere. Ständig verstieß er gegen den mit dem Oberweihnachtsmann abgeschlossenen Dienstvertrag, kam zu spät, erledigte die Aufträge falsch. Wenn er schlechte Laune hatte, dann tat er auch einmal gleich gar nichts und ließ den lieben Gott einen frommen Mann sein.

Der Oberweihnachtsmann war deswegen schon sauer. Er wollte Nummer Sieben bereits abmahnen, ja sogar kündigen. Doch was sollte er machen? Es herrschte akuter Weihnachtsmannmangel. So sehr er sich auch bemühte, einen anderen Weihnachtsmann als Ersatz zu finden, es gelang ihm einfach nicht. Dabei hatte er schon so viele Annoncen in Tageszeitungen, ja sogar in der Dlibzeitung aufgegeben. Er hatte sich nicht einmal gescheut, bei der Stadtverwaltung eine Ausschreibung zu machen und einen Aufruf bei dem beliebten Privatsender TAS 1 senden zu lassen. Sogar beim Amt der Himmlischen Jobvermittlung sprach er vor, damit die ihm helfen. Doch die Bewerber, die von dort geschickt wurden, hatten weder Ahnung vom Geist der Weihnacht noch waren sie motiviert genug, die schwere Arbeit zu übernehmen.

 

Übermorgen war es nun wieder soweit, der Heilige Abend stand bevor. Es war noch viel zu tun. Alle Weihnachtsmänner arbeiteten von früh bis spät, um den Menschen alle Wünsche zu erfüllen, die über das Jahr hinweg im Weihnachtsmannbriefkasten gelandet waren. Nur einer schoss wieder einmal quer und lag nur auf der faulen Haut: Weihnachtsmann Nummer Sieben.

Während seine Kollegen sich den Arsch aufrissen, saß er nur Kaffee schlürfend an seinem Schreibtisch und drehte Däumchen. Dabei dachte er sich neue Streiche aus, mit denen er die Menschen ärgern wollte, surfte verbotenerweise während der Arbeitszeit im Internet und chattete bei Facebook, was laut Betriebsvereinbarung strikt verboten war. Oft schleuste er sogar eine ganze Batterie Flachmänner mit an seinen Arbeitsplatz und besoff sich dann so sehr, dass er nicht einmal mehr in der Lage war, den Computer zu bedienen und seine Arbeit wieder einmal liegen bleiben musste.

 

Plötzlich hörte Nummer Sieben ein Räuspern hinter sich. Als er sich umdrehte, sah er den Oberweihnachtsmann hinter sich stehen, der ihn die ganze Zeit beobachtet hatte, was er im Chat für Sauereien schrieb.

„Weihnachtsmann Nummer Sieben“, brüllte der Oberweihnachtsmann los. „Wie lautet heute dein Arbeitsauftrag?“

Weihnachtsmann Nummer Sieben war solch ein Gehabe von seinem Chef gar nicht gewohnt und schrak auf.

„Ich sollte die Briefe sortieren, zu denen wir noch Geschenke machen müssen und auflisten, was wir dafür noch brauchen“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Dazu sollte ich eine Excel-Tabelle erstellen, die mit Wenn-, Und- und Oder-Funktionen genau die benötigte Menge anzeigt.“

„Und was ist mit den Serienbriefen, die du gestern schon schreiben solltest?“, fragte der Oberweihnachtsmann, ahnend, dass auch dieser Auftrag nicht erledigt wurde.

Nummer Sieben wurde blass. Die Serienbriefe hatte er ganz vergessen.

„Ich hatte gestern so viel zu tun, dass ich das nicht mehr geschafft habe“, log er dass sich die Balken bogen. Jedoch sagte er aber nicht, dass er wieder einmal nur Unsinn gemacht und die Kollegen geärgert hat, indem er perverse Bilder mit deren Konterfei verziert und ins Internet gestellt hat.

„Dann erledige zuerst die Serienbriefe, die müssen heute unbedingt noch raus, damit sie auch pünktlich ankommen. Danach erstelle die Excel-Tabelle. Ich muss wissen, was wir noch dringend brauchen“, raunzte der Oberweihnachtsmann Nummer Sieben an. „Mach hin, es eilt, übermorgen ist schon Weihnachten!“

„Chef, kann die Serienbriefe nicht deine Weihnachts-Elfe Eins schreiben. Die kann das viel besser als ich“, versuchte Sieben die Arbeit von sich abzuwälzen. „Die Excel-Tabelle kann sie doch auch gleich mit übernehmen. Ich habe noch so viel zu tun, dass ich das nicht ohne Hilfe schaffen kann.“ Dabei dachte er an den Feierabend, den er am liebsten vorziehen würde.

„Was bist du nur für ein Faulpelz!“, schrie der Oberweihnachtsmann Nummer Sieben an. Langsam aber sicher hatte er die Nase voll von diesem Mitarbeiter.

„Chef, das ist eine Behauptung“, motzte Sieben rum. Er ließ sich ungern als Faulpelz beschimpfen, dabei war er der größte Faulpelz unter allen Weihnachtsmännern.

„Das ist keine Behauptung, sondern eine Feststellung. Ich beobachte dich schon einige Zeit, es wird immer schlimmer mit dir. Lange lasse ich mir das nicht mehr gefallen. Von den Kollegen kommen auch viele Beschwerden über dich. Ständig ärgerst du sie und störst sie beim Geschenke basteln“, schimpfte der Oberweihnachtsmann weiter. „Nun troll dich und erledige flugs deinen Arbeitsauftrag. Ansonsten muss ich endlich andere Saiten aufziehen, damit du mal mitbekommst, wer hier der Chef ist!“ Damit drehte er sich um und ging zurück in sein Büro, fest darauf hoffend, Nummer Sieben genug eingeschüchtert zu haben, dass er endlich tat, was er sollte und nicht das, was er wollte. Sein Entschluss, sich von Nummer Sieben zu trennen, war gefasst.

„Oh, weh“, seufzte der Oberweihnachtsmann, als er in sein Büro kam. „Wenn (Nummer Sieben gleich arbeitsunlustig; dann Weihnachten steht auf der Kippe; wenn (nicht arbeitsunlustig; dann gut für uns; sonst großer Mist und die Menschen traurig.)) Was mache ich nur mit ihm? Wenn (oder (er gleich so weitermacht; Streiche ausheckt; dann ganz schlecht für uns; wenn (nicht; dann natürlich gut; sonst ich muss ich ihm kündigen.)))

 

Inzwischen raffte sich Nummer Sieben auf, die Serienbriefe an die Lieferanten zu schreiben. Es war schon eine Herausforderung für ihn, die gestellten Aufgaben zu lösen. Dabei hatte er Bürokaufmann gelernt und hätte so etwas mit links erledigen können. Was sollte er hier tun? Lieferant Geschenkbänder sollte etwas nicht lesen können, was Lieferant Geschenkpapier lesen sollte. Diese blöden Wenn-Funktionen in Word machten ihn ganz kirre. Trotz der Vorlage für Geschäftsbriefe nach der neuen DIN 5008 quälte sich Nummer sieben noch lange mit den Briefen herum. Wenn nur Weihnachts-Elfe Eins helfen würde. Doch die hatte er ja mit dem gefakten Sexbild, das er von ihr bei Facebook eingestellt hatte, ganz vergrault. Jetzt war sie mehr als sauer auf ihn und hatte ihn sogar bei der Polizei angezeigt. Die Excel-Tabelle, die er dann noch erstellen sollte, machte ihm noch mehr Sorgen. Denn gerade damals, als er das lernen sollte, musste er mit seinem Banknachbarn schwatzen und die anderen in der Klasse stören. Nur lernen tat er nicht. So verpasste er viele wichtige Dinge, die er jetzt in seinem Berufsleben benötigte.

Genervt kratzte sich Nummer Sieben am Kinn und überlegte. Auf die anderen Weihnachtsmänner konnte er auch nicht mehr zählen. Mit denen hatte er sich ebenfalls überworfen, als er im letzten Jahr ihre Rentierschlitten manipuliert hatte. Das gab einen Trubel, als die Schlitten nicht wo sie sollten zu Stehen kamen und die Rentiere überfahren hatten. Gerade noch so konnte er sich in einen Schornstein retten, sonst hätten ihn seine Kollegen gelyncht. Seitdem schaute ihn keiner mehr auch nur mit dem Hinterteil an.

Weihnachtsmann Nummer Sieben kam ins Grübeln. Excel-Formeln und Wenn-Funktionen schwirrten ihm durch den Kopf und veranstalteten ein wahres Chaos. War es richtig, was er tat? Nach längerem Überlegen kam er zu dem Schluss:

Wenn (Ich gleich schlecht mit den Kollegen bin; dann sie schauen mich nicht mehr an, meiden mich und sind böse mit mir; dann bin ich immer alleine und habe keine Freunde mehr.) Aber: wenn (Ich gleich zuverlässig, kollegial und immer höflich bin; dann sind meine Kollegen bestimmt sehr erfreut; dann bin ich auch zufrieden und glücklich; sonst ist alles Mist.)

 

„Ja“, sagte Nummer Sieben laut zu sich selbst, „so ist es!“, und nahm sich vor, ab sofort ein fleißiger, hilfsbereiter und kollegialer Weihnachtsmann zu sein.

 

Und die Moral von der Geschicht?
Das, was ich auch nicht will, das tu ich nicht.
Das, was ich mag, das leg ich an den Tag.
Doch Freunde und Kollegen, die sind ein wahrer Segen,
wenn man wandelt zusammen auf denselben Wegen.

Imprint

Text: sunny768
Images: alphacoders.com
Publication Date: 08-21-2017

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /