Cover

Nur noch einen Tag.
Nur einer noch!

Nachdem ich mein Arbeitspensum für erledigt erachtet hatte, räumte ich meinen Schreibtisch auf und aus.
Alles, was ich nicht mehr brauchte hier, wanderte direkt Richtung Ablage rund. Dann ging's ins Apartment. Sachen zusammenpacken und den Rest des Abends entspannt bei Film und Bier verbringen. Der von mir auserwählte Film trug den Namen: Spy game. Hauptdarsteller waren Robert Redford und Brat Pitt. Irgendwann ging der junge Agent in China verschütt und der Meister erzählte in Rückblicken seine Geschichte.
Mir gefiel der Film sehr, nach zwei Stunden und zehn Minuten war es dann vorbei und Zeit für's Bett. Wecker stellen, ich wollte ja nicht länger als nötig bleiben, Augen zu und schlafen.

Vielleicht lag es ja an dem Film, dass mich in dieser Nacht seltsame Träume heimsuchten...


Moskau, 16. März 1984
Ljubjanka
Lubjanskaja Ploschtschad Nr. 2


Trotz Mitte März waren die Straßen Moskaus bedeckt mit schumtzig-grauem Schnee, der am Tag versuchte, zu tauen, aber nur um in der Nacht in reiner Form zurück zukommen. Der Himmel war von dicken grauen Wolken verhangen und die Ehrenwache am Lenin-Mausoleum zitterte sich jeden Tag durch ihre Wache. Die Menschen im ersten Arbeiterparadies auf Erden gingen wie jeden Tag zur Arbeit. Mehr oder weniger motiviert und mehr oder weniger nüchtern. Ich befand mich seit etwa drei Stunden in Moskau. Oberstleutnant Khulov hatte mich aus dem behaglichen Zürich nach Moskau befohlen. Meist heißt eine Einladung nach Moskau ja Abschied nehmen von den Verwandten und Bekannten. Denn es gab dort nur eine Endstation. Der Keller in der Ljubjanka.

Ich aber saß im vierten Stock der Ljubjanka und wartete auf Oberstleutnant Khulov. Seine Sekretärin strafte mich mit Missachtung. Wäre ich das erste Mal hier gewesen, hätte mich das vielleicht verängstigt, oder mich denken lassen, dass gleich drei Herren aus dem Keller hinauf kamen, um mit mir im Schlepp dahin zurückzukehren. Dem war aber nicht so.

Olga Sarakova machte es jedem schwer.

Ich glaube, dass sie die einzige Russin war, die feuerrote Haare hatte und deren grüne Augen perfekt dazu passten. Sie war ungefähr einen Meter und dreiundsiebzig groß, sechsundfünfzig Kilo schwer und alle weiblichen Rundungen saßen da, wo sie sein sollten. Ich fand sie spitze! Aber alle Avancen mit ihr scheiterten an einem harten Njet!
Ich sollte vielleicht hier erwähnen, warum ich vor Oberstleutnant Khulovs Büro saß und meine Wohnung in Zürich mit den harten Stühlen aus bewährter sozialistischer Produktion vertauschte.

Ich bin ein Kundschafter für den Frieden.
Nein, kein Agent oder Spion. Das gab es im Sozialismus nicht. Das hatte man nur im Kapitalismus. Mir war's egal, denn die Jobbeschreibung war im Osten wie im Westen gleich. Ich stand in meiner Zürcher Wohnung keinesfalls den ganzen Tag hinter der Gardine und beobachtete meine Nachbarin. Ich ging dort durchaus einer ehrenwerten Tätigkeit nach. Das, was die meisten Schweizer machten.
Reich sein.
Das war allerdings nur Tarnung und auf meiner Legende aufgebaut. Hauptberuflich stehe ich auf der Gehaltsliste des KGB und Oberstleutnant Khulov ist mein Führungsoffizier. Er leitete außerdem die Erste Hauptverwaltung im KGB. Auslandsaufklärung. Er hatte mich "entdeckt". Entdeckt hatte er mich in Ostberlin. Ich war der Einzige damals, der bei der GST schon mit außergewöhnlichen Schießleistungen geglänzt hatte. (Wer nicht weiß, was die GST ist. Gesellschaft für Sport und Technik. Hier lernte man Schießen, Funken, Autofahren, Motorrad fahren, marschieren und und und.) Schießen und funken waren meine Spezialfächer und beim Geländetag war ich stets allein unterwegs. Denn ich ging meinen Ausbildern regelmäßig "verloren" um dann überraschend irgendwo anders wieder aufzutauchen. Das waren wohl die Aspekte für eine Anwerbung. Außerdem wollte er auf keinen Fall, dass ich mit "Oll Erich seiner Truppe in Lichtenberg" anbandelte. Damit war das Ministerium für Staatssicherheit der DDR gemeint.

Nachdem ich die Schule beendet hatte, holte mich (damals noch) Oberst Khulov persönlich nach Moskau. In der hauseigenen KGB Schule wurde mir dann beigebracht wie man:
- Beschattet und Beschatter erkennt,
- mit allen Waffen dieser Welt schießt,
- tote Briefkästen benutzt,
- untertaucht,
- versteckt Kontakt aufnimmt und so weiter.
Der Höhepunkt und Abschluss war dann das Beschatten der Kameraden auf Moskaus Straßen. Für mich war das eher ein Räuber-und-Gendarm-Spiel für Erwachsene, bis ein zwanzig minütiges Gespräch mit Oberst Khulov alle Zweifel beseitigte.
Durch meine Fähigkeiten, unverhofft zu verschwinden und dann irgendwo wieder aufzutauchen, war ich innerhalb des KGB zu Höherem bestimmt.
Unbequeme Gegner lautlos zu beseitigen. Das nannte man dann "nasse Operation" . Da flossen dann Blut, Schweiß und Tränen. Allerdings nie bei mir. Nur bei meinem Gegenüber. Der Job hatte auch eine gute Seite, man kam in der Welt herum.
Alle drei Monate musste ich zum Rapport nach Moskau. Heute war es soweit.

Nach zwei Stunden warten hatte er dann endlich Zeit. Ich wurde in sein Büro gebeten.
"Dobruji djen, Tawarisch Podpolkovnik. Kak djela?"
"Charascho. Spassibo. Sadijs!"
"Da."
"Skashij mne, potschemu tuj sdjesdt!"

Okay, vielleicht sollte ich hier in der übersetzten Version weitermachen.
Für alle Nichtrussen:
"Guten Tag, Genosse Oberstleutnant. Wie geht's?"
"Gut, Danke. Setz Dich!"
"Ja."
"Sag mir, warum Du hier bist."
Er sah mich während dieser Worte nicht an, sondern aus dem Fenster. Dieses führte direkt auf die Statue des Eisernen Felix. Felix Dserschinski, Begründer der Tscheka, eine der unzähligen Vorläufer des KGB....
Erhoffte er sich etwa Hilfe von ihm. Dann gnade uns allen aber Gott. Oder Lenin, oder Marx.
Mit der kommunistischen Lehre stand ich etwas auf Kriegsfuß. An der KGB Schule war ich der Einzige, der durch alle Prüfungen fiel. Nur Oberst Khulov hat mich gerettet.
Wenn ich in London, Zürich, Paris, oder Bogotá war, dann halfen mir Marx, Engels und Lenin nicht viel.
"Ich bin hier zum obligatorischen Rapport, Genosse Oberstleutnant."
"Richtig, wie ist das Wetter in Zürich?"
"Wärmer als hier. Sie mussen mal nach Zürich kommen. Am Zürichsee sitzen, wenn die Tram bimmelnd um die Ecke kommt, das hat durchaus was."
"Das kann ich hier auch haben!"
'Ja, aber ohne Berge.'

Oberstleutnant Khulov hatte Moskau noch nie verlassen. Außer im Großen Vaterländischen Krieg. Da war er dann bis Berlin gekommen. Er war sechsundsiebzig Jahre alt. Trug immer seine Uniform. Er hatte bis auf einen dünnen Haarkranz alle Haare verloren, stand immer steif wie ein Stock und seine Kommandostimme füllte das Büro ohne Probleme. Das einzig westliche, das er sich gestattete, waren Zigaretten und Kaffee. Er hatte vier Kinder und eine mehr als geduldige Ehefrau. Er war immer etwas schlecht gelaunt, denn er dachte offenbar, dass er der Einzige ist, der dieses Riesenreich retten und bewachen konnte. Heute allerdings war er sehr übel gelaunt. Vielleicht hatte seine Frau Svetlana den Borschtsch anbrennen lassen. Lieber nicht fragen, eine brauchbare Antwort kam nicht.

"Die Zeit des Faulenzens ist vorbei, Sascha. Es gibt jede Menge Arbeit."
Er ließ mir etwa vier Sekunden dieses zu verdauen, dann füllte seine Stimme ganz Moskau.
"Kirenkov!"
Keine zehn Sekunden später stand Leutnant Alexej Kirenkov im Büro.
Kirenkov war Khulovs Adjutant. Wenn beide um mich herum gruppiert waren, roch es nach Ärger. Nach viel Ärger. Für die Gegenseite.
Alexej stand mit einem dicken Din-A-4 Umschlag in der Hand, legte diesen auf Khulovs Schreibtisch, zog die Vorhänge zu und machte mich mit meinem nächsten Auftrag vertraut.

Der Diaprojektor ging an - und der gesamte Raum war in weißes Licht getaucht. Ich wurde an den Schreibtisch gebeten. Nahm Platz, öffnete den Umschlag, schüttelte seinen Inhalt auf den Tisch und began die Papiere zu studieren:

Ein unrasiertes Gesicht guckte mich an. Weitere Fotos zeigten die Person in verschiedenen Einstellungen. Was mir sofort auffiel, war sein Kleidungsstil. Schwarze Baumwollhosen, ein weißes Seidenhemd und ein gelber Schal.
"Was hat er falsch gemacht?"
"Das musst Du nicht unbedingt wissen. Er stammt aus Bukarest und hat etwas falsch gemacht in Rumänien. Nun soll er dafür bestraft werden."
"Gab's das nicht schon einmal? Wozu braucht Nicolae seinen großen Bruder denn? Hat er seine Securitate in die Ferien geschickt?"
"Sie sollten sich im Ton mäßigen Alexander Iwanowitsch. Vielleicht machen wir es ja möglich, dass die Securitate zu ihnen kommt!"

Oh je. Das roch nach Ärger. Denn hier wurde der komplette Name verwendet, nebst Vatersnamen und keine Kosform.

"Das stimmt Genosse Tschebrikow. Aber mir ist es einfach unklar, weshalb die Rumänen das nicht allein machen."
Jetzt schaltete sich der Chef des KGB persönlich ein. Nicht, dass er etwa vor oder hinter mir gestanden hätte, nein wir waren mit seinem Büro verbunden.
"Sein Name ist Ion Filipescu und die Rumänen haben mit ihm ein Problem. Er hatte Zugang zum inneren Zirkel der Securitate. Also kennt er jeden und alle ihrer Methoden."
"Wann und wo soll er sterben?"
"Er ist untergetaucht. Von den Rumänen weiß keiner, wo er ist."
"Falls Sie mir wirklich mal die Kameraden aus Rumänen auf den Hals schicken wollen, sollte ich eine Kontaktadresse hinterlassen, sonst finden die mich selbst dann nicht, wenn ich neben denen in Bukarest stehe."
"Das reicht. Für übermorgen ist ein Flug von Moskau nach Bukarest für Sie gebucht. In Bukarest treffen Sie sich dann zehn Stunden später mit Ihrer Kontaktperson. Im Hotel liegt eine Nachricht für Sie mit weiteren Instruktionen. Genießen Sie ihre Zeit hier in Moskau, wie ich höre, wohnen Sie ja im Arbat."
Klar wusste er das. Wozu war er auch der Chef hier?!
"Morgen sind Sie dann um zehn Uhr hier, damit Sie ihren neuen Pass in Empfang nehmen können"
Damit war ich entlassen.

Vom Lubjanskaja Ploschtschad ging ich zielstrebig Richtung Süden.
Ich hätte auch die Metro nehmen können, wollte aber meinen freundlichen Begleitern etwas frische Luft verschaffen. Mein erstes Ziel war das Kaufhaus GUM. Hier gab es eine Abteilung, die der normalen Bevölkerung nicht zugänglich war und daher nur Partei- und Geheimdienstmitgliedern geöffnet war. Da konnte man alles kaufen.
Mein Plan war es, meine Beschatter bis zum Ploschtschad Revoluzii mitzunehmen. Es war eigentlich ganz schön frech von Oberstleutnant Khulov, mir zwei Schatten an die Fersen zu heften. Noch dazu so offensichtlich. Vielleicht lernten die Zwei ja noch. Dann waren sie heute Abend um eine Lektion reicher.
Das klappte eine Viertelstunde später hervorragend. Die war ich los und ging links Richtung GUM.
Im GUM hatten die Verkäuferinnen alle Hände voll zu tun um mich glücklich zu machen. Dass ich in der "verbotenen Abteilung" einkaufte, kam mir gelegen. Denn ich wurde nicht mit der marxistisch-leninistischen Zuvorkommenheit behandelt, sondern so, wie ich es durch mein Leben in Zürich gewohnt war. Dann war ich zufrieden und konnte gehen. Vom GUM hatte ich einen herrlichen Blick über den Roten Platz und dem Lenin Mausoleum. Doch für Tourismus war keine Zeit. Also zurück zum Lubjanskaja Ploschtschad. Von dort fuhr ich natürlich nicht ins Hotel, sondern in ein Haus vom Dienst. Ich fuhr mit der Metro Linie 1. Dserschinskaja - Prospekt Marxa - Biblioteka imeni Lenina - Kropotkinskaja - Park Kultury - Frunsenskaja - Sportiwnaja - Uniwersitet - Prospekt Wernadskogo - Jugo-Sapadnaja. Das war meine Route. Ich konnte so auch gleich prüfen, ob ich wieder ungewünschte Begleitung hatte. Nur einmal, an der Station Kropotkinskaja hatte ich für einen kurzen Augenblick diesen Eindruck. Die vier Herren hatten Sicherheitsdienst quer über die Stirn geschrieben. Jugo-Sapadnaja war Endstation und in der ulitza Pokryshkina lag die "sichere" Wohnung.

Wie jedes KGB-Haus hatte auch dieses seine eigene Deshurnaja. Übersetzt heißt das "die Diensthabende". Diese Diensthabende gibt es auch in jedem Hotel und in jeder großen Stadt in der Sowjetunion zwischen Minsk und Wladiwostock; sie alle stehen auf der Gehaltsliste des Dienstes.
Unsere war die Seele des Hauses. Ihr Name:
Elisaweta Plattmannowa.
Sie war achtundsiebzig Jahre alt und trug immer diese scheußlich schwarzen Witwengewänder. Obwohl sie diesen deutschklingenden Namen hatte, hatte sie ihr gesamtes Leben in Moskau verbracht. Sie war die Einzige, die selbst Oberstleutnant Khulov das Fürchten lehren konnte.
Sie hatte ihre Wohnung im ersten Stock, links und ihr entging nichts. Von meiner Ankunft wusste sie natürlich schon.
Denn kaum hatte ich die Tür geöffnet, erschien sie in der Tür und musterte mich misstrauisch. Obwohl sie mich doch kannte.
"Guten Tag, Genossin Plattmannowa."
"Hier sind ihre Schlüssel, halten Sie die Wohnung sauber und machen Sie da nichts kaputt."
Rumms - zu war die Tür.
Ich ging die Treppe zum vierten Stock hoch und stellte zu meiner freudigen Überraschung fest, dass Olga Sarakova nur einen Stock über mir wohnte. Ich hatte nur noch knapp achtundvierzig Stunden bis zum Abflug. Vielleicht sollte ich es ja wagen, die unnahbare Olga zu knacken... Ich nahm mir vor, mein Glück am nächsten Tag zu versuchen. Durch die Zeitumstellung und den Flug war ich erstmal reif für's Bett, außerdem wartete eine Einsatzbesprechung auf mich...


Moskau, 17. März 1984
Mawsolej W. I. Lenina
Krasnaja Ploschtschad


Entgegen ursprünglichen Befehlen, fand das Treffen nicht im KGB Hauptquartier statt, sondern umgeben von Millionen von Menschen vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz. Man versteckte einen Baum, eben am Besten im Wald. Da stand ich nun und wartete auf Leutnant Alexej Kirenkov, vielmehr wartete ich darauf, dass er mich endlich bemerkte. Warum um alles in der Welt, schickten sie nur immer die Bürofritzen, wenn ein Briefing in Moskau anstand? Wenigstens waren wir auf heimischen Boden, das war nicht London, oder Paris. In Moskau beschattete nur ein Dienst die Menschen. Meiner. Mir war's dann genug. Zeit, Leutnant Kirenkov seine Grenze zu zeigen.
"Guten Tag, Genosse Leutnant. Sie sollten hier nicht so verträumt am Eingang stehen. Da sieht man schlecht, wer oder was von hinten kommt. In London hätten sie die Tower-Bridge jetzt das letzte Mal gesehen."
Der Ärmste war im Begriff der Ehrenwache in die Arme zu springen. Ich hielt ihn aber am Gürtel fest.
"Gehen wir. Sie gehen vor und ich folge Ihnen. Richtung Aleksandrovskiy Sad."
Natürlich stand ich nicht hinter ihm, sondern die ganze Zeit neben ihm und blickte zum Eingang von Lenins letzter Ruhestätte. Ich ließ ihm fünf Minuten Vorsprung, dann folgte ich ihm.
Am Grabmal des unbekannten Soldaten hatte ich ihn dann eingeholt. Wir verharrten davor etwa eine Minute mit gesenktem Kopf, wobei meine Augen stetig von links nach rechts und zurück glitten.
Dann ging er, ich nahm seine Aktentasche, hinterließ eine Nachricht und fuhr mit der Metro heim.
Dort studierte ich alle Akten und Papiere.

Meine Zielperson hieß also Ion Filipescu.
Geboren und aufgewachsen in Bukarest. Mit zweiundzwanzig Angehöriger der Securitate. Galt dort als der Topmann. Dass die Rumänen in ihrer Beurteilung falsch lagen, offenbarte er ihnen dann letzten Monat.
Von Nicolae Ceausescu persönlich durch Westeuropa geschickt, überlegte er sich irgendwo zwischen Schweden und Spanien unterzutauchen. Nun galt er in den osteuropäischen Ländern als "verbrannt", als enttarnter Agent und die Rumänen hatten die Jagdsaison für eröffnet erklärt. Wollten selbst aber nicht die Rolle des Jägers übernehmen. Das überließen sie den Anderen. Vielleicht hatten sie ja daraus gelernt, was GRU, MfS und NSS (die Bulgaren) vor knapp drei Jahren in Rom veranstaltet hatten. Dilletanten! Dazu noch einen türkischen Nationalisten schießen lassen! Natürlich schob uns jeder die Schuld zu. Unwissenheit über die inneren Strukturen, ließen wohl diese Schlüsse aufkommen.
Vielleicht war es jetzt an uns, zu zeigen, was GRU und MfS und Securitate und und und nicht konnten. Mir war's egal.
Auf Landesverrat stand die Todesstrafe. Überall in der Welt.
Nun waren überall auf der welt die Männer und Frauen im Dunkel in Alarm versetzt wurden, um nach dem Verräter zu suchen. Ich sollte morgen nach Bukarest fliegen, um dort meinen Kontakt zu treffen.

Elena Hagi.

Ich hatte keine Ahnung, wer das war und wie sie aussah. Das gefiel mir gar nicht, also musste ich mir während des Fluges Sicherheitsmaßnahmen überlegen, um vor Überraschungen sicher zu sein.
Als letztes kam ein Pass zum Vorschein. Ein Diplomatenpass. Französisch.
Gut, dann war ich ab jetzt Hénry Lével und arbeitete für eine obskure Import-Exportfirma in Marseille, die nun versuchte, ihre Produkte dem Sozialismus anzubieten. Dem entsprechend führte meine Reise von Marseille nach Zürich und über Ostberlin und Warschau ging es weiter nach Moskau, Bukarest, Budapest und Prag.
Natürlich konnte sich Oberstleutnant Khulov einige liebe Grüße nicht verkneifen.
"Anständig Sascha. Elena ist die einzige Person, die Dir etwas über Ion Filipescu erzählen kann. Das Du in Bukarest aufpassen musst, brauch ich Dir ja nicht zu erzählen. Wir verlassen uns da auf Dich."
Ich ließ alle Pläne bezüglich Olga Sarakova fallen, machte mir Tee und Soljanka, kippte etwas Wodka in den Tee beendete mein Mahl - und ging dann schlafen.


Moskau, 18. März 1984
Internationaler Flughafen Scheremetjewo-2,
Bukarest, 18. März - 21. März 1984


Pünktlich um sechs Uhr holte mich eine vom Dienst gestellte ZIL-4104 Limousine ab, um mich zum Moskauer Flughafen Scheremetjewo-2 zu bringen. Etwas unauffälliger wäre mir lieber gewesen, aber wir waren in Moskau - das bedeutete Heimspiel. Von der ulitza Pokryshkina ging's inrasanter Fahrt Richtung Lobnja. In der Nähe dieser Stadt lag der Flughafen. Für meinen Fahrer stellte es allerdings ein Problem dar, mich zum richtigen Terminal zu bringen. Scheremetjewo-1 ist nur für den Inlandsflug, Scheremetjewo-2 hingegen für den Auslandsflugverkehr. Gemäß der Lehren der Kommunistischen Partei waren zwar alle Länder "Bruderländer", aber Bukarest lag eben in der sozialistischen Republik Rumänien und nicht in der sozialistischen Sowjetrepublik Rumänien.
Also drehten wir noch zwei Ehrenrunden um den Flughafen, dann stand ich am richtigen Terminal. Einem Kasten aus Glas und Beton und mit mir wollten ungefähr eine Million Leute irgendwohin. Ich gab mein Gepäck auf, ging in die Warteräume, um mir bei Zigarette und Kaffee die Zeit zu vertreiben, als mir ein etwas suspektes Pärchen auffiel. Die passten nicht so richtig in die Umgebung. Falsches Verhalten, falsche Bekleidung, noch dazu setzten sie sich ungefragt an meinen Tisch. Offenbar hatte der KGB Angestellte auf diesem Flughafen gerade Frühstück.
"Ich würde es mir an Deiner Strelle gut überlegen, ob Bukarest eine Reise wert wäre." Das ließ mich nicht wirklich von meiner Zeitung aufblicken, sondern erwiedern:
"Bukarest ist immer eine Reise wert, allerdings bezweifel ich, dass Du heute noch irgendeine Stewardess, oder einen Taxifahrer zu Gesicht bekommst."
Damit stand ich auf und verließ mich ganz auf seine Dummheit, mir auf die Toilette zu folgen.
Er enttäuschte mich auch nicht.
Die erste Kabine war meine, ich verriegelte sie und wartete. Zwei Minuten später lief er in die Falle. Er befahl allen mit herrischer Stimme das WC zu verlassen. Offenbar hielt er dabei eine rote Karte hoch (Die Dienstausweise des KGB waren in einer roten Hülle). Dann blockierte er die Eingangstür - und wartete.
"Ich weiß, dass Du irgendwo hier bist, Sergej. Wir wissen, dass nur einer hier lebend raus kommt."
Leise entriegelte ich die Tür, an der er gerade vorbei schlich, öffnete diese, nahm zwei Schritt Anlauf, sprang ihm von hinten ins Kreuz und platzierte einen Faustschlag hinter sein Ohr, ich traf ganz exakt die weiche und empfindlichste Stelle.
Die absolut tödliche.
"Ja, Du hattest Recht. Hier kommt nur einer lebend raus.... und Du bist es nicht." Ich packte ihn am Kragen, setzte ihn auf die Toilettenschüssel, drehte seine Krawatte um neunzig Grad und befestigte das längste Ende am oberen Ende der Spülung.
Danach verließ ich die Toilette und rief Oberstleutnant Khulov an.
"Ich brauche ein Reinigungsteam am Flughafen. Schere-2. Toiletten. Erste Kabine. Dann wüsste ich auch gern, wie er es geschafft hatte, Informationen über unsere Pläne zu kriegen. Ich habe Moskau noch nicht mal verlassen, da gibt es schon Probleme. Vielleicht sollte ihr Personal mal wieder überprüft werden, Tawarisch Podpolkovnik."
Damit war ich fertig.

Zehn Minuten später wurde mein Aeroflotflug nach Bukarest aufgerufen und ich ging an Bord der wartenden Iljuschin Il-62M, die mich nach Bukarest brachte. Der Flug verlief ohne Zwischenfälle und Aufregung.


Dann war ich in Bukarest. Schon am Aeroportul Internaţional Bucureşti Otopeni wusste ich, dass mein Gegenüber in Moskau Recht hatte. Ich hätte es mir überlegen sollen, ob Bukarest eine Reise wert war. War es nicht. Das bestätigte sich auf der Fahrt vom Flughafen Richtung Hotel erneut.
Man fand in Bukarest wirklich alle Baustile aus allen Bauepochen. Nur war Nicolae jetzt dabei, dem Stadtbild den typisch sozialistischen Zuckerbäckerstil aufzudrücken. Einfach gräßlich. Die Fahrt führte vom Boulevard des Sieges des Sozialismus, der von den typischen Wohnblöcken gesäumt war, zum Gradina Cişmigiu. Dem Cismigiu-Garten. Hier sollte ich mich mit Elena treffen. Der Park hatte eine Fläche von etwa siebzehn Hektar. Eine gute Gelegenheit um etwaige Verfolger auszumachen. Ich musste hier aber vorsichtig sein, denn Monsieru Lével war ein Handelsvertreter und kein Agent und hatte keine Ahnung wie man Verfolger erkennt und abschüttelt. Sie waren zu sechst. Welch Aufwand. Wechselten sich ab und versuchten natürlich nicht Vorsicht walten zu lassen.

Imprint

Publication Date: 08-12-2009

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /