Cover

Teil 1




1

Es war ein grauer, kalter Wintermorgen, und obwohl es erst Halbsieben und draußen noch dunkel war, ahnte Megan bereits, dass dieser Tag nichts Gutes bringen würde. Mit ihrer gewohnten Tasse Kaffee saß sie in der Küche am Tisch, als sie das leise Geräusch der Schlafzimmertür hörte. Sie zuckte zusammen, wusste genau, was ihr jetzt wieder bevorstehen würde.
Am Abend zuvor war sie mit ihrer Nachbarin und Freundin Julie zum Essen ausgegangen, und hatte über der guten Stimmung und der angeregten Unterhaltung völlig die Uhrzeit aus dem Auge verloren. Erst nach Mitternacht war sie nach Hause gekommen, und leise in ihr Bett geschlichen. Ihr Mann Brad hatte wie jeden Abend schnarchend vor dem laufenden Fernseher auf der Couch gelegen, und sie war froh darüber gewesen, hatte ihr dieser Umstand doch unliebsame Diskussionen mitten in der Nacht erspart.
Doch als er jetzt zu ihr in die Küche kam, das Kinn angriffslustig nach vorne gestreckt, war ihr klar, dass es sich nur um einen kleinen Aufschub gehandelt hatte, und er ihr nun wie immer eine Szene machen würde.
»War ja mal wieder spät gestern Abend«, begann er dann auch sogleich, und sein Tonfall war wie gewohnt anklagend und aggressiv.
»Wir haben vor lauter Quatschen ein bisschen die Zeit vergessen«, erklärte Megan ruhig.
»Du erwartest doch nicht, dass ich dir das glaube? Ihr werdet doch sicher nicht bis Mitternacht alleine in der Kneipe gesessen haben. Da waren doch garantiert noch irgendwelche Kerle bei euch.«
Es folgten die üblichen Vorwürfe und grundlosen Verdächtigungen, die er in seiner krankhaften Eifersucht jedes Mal vorbrachte, wenn sie es wagte, sich ohne ihn außer Haus zu verabreden. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie nur noch in der Wohnung gesessen und sich um den Haushalt gekümmert. Brad gefiel es überhaupt nicht, dass sie es sich nicht nehmen ließ, ab und zu mit Julie auszugehen, das einzige Vergnügen, das ihr überhaupt noch geblieben war, seit sie mit ihm verheiratet war.
»Wie siehst du überhaupt wieder aus? Musst du dich für die Arbeit so auftakeln?«, fuhr er jetzt fort, »Du willst doch nur, dass dir die Kerle hinterherglotzen.«
»Ich bin ganz normal angezogen, ich kann wohl schlecht im Kartoffelsack in die Firma gehen«, gab sie trocken zurück, »Außerdem habe ich heute ein Gespräch mit dem Chef.«
Ohne darauf einzugehen, setzte Brad seine Angriffe fort, und resigniert fragte sie sich, warum sie sich diese Litanei eigentlich jedes Mal anhörte. Automatisch schaltete sie ab, hörte ihm gar nicht mehr richtig zu. Ihre Gedanken schweiften zehn Jahre zurück, zurück zu dem Tag, an dem sie Brad kennen gelernt hatte.
Damals war sie sechzehn gewesen, jung, dumm und unerfahren. Es hatte ihr imponiert, dass der acht Jahre ältere Brad sie hofierte, er war gutaussehend, charmant und äußerst hartnäckig gewesen. Entgegen allen Einwänden ihrer Eltern hatte sie sich von ihm um den Finger wickeln lassen, und es hatte nicht lange gedauert, bis sie schwanger geworden war.
Für ihre Eltern war es beschlossene Sache gewesen, dass sie heiraten mussten, und obwohl Brad sich anfänglich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, hatte er irgendwann nachgegeben. Im Nachhinein wünschte Megan, er hätte es nicht getan, denn nur kurze Zeit später hatte Brad sein wahres Gesicht gezeigt. Die Tinte auf der Urkunde war noch nicht richtig trocken gewesen, als er seinen Job verloren hatte, und seitdem hatte er keinerlei Anstrengungen mehr unternommen, sich nach etwas Neuem umzusehen.
»Es reicht doch, wenn du arbeitest«, war sein lapidarer Kommentar gewesen, immer wenn sie ihn darauf angesprochen hatte.
Als sie kurz nach der Hochzeit auch noch herausgefunden hatte, dass er nicht unbeträchtliche Schulden hatte, waren ihre Träume vom Hausfrauen- und Mutterdasein wie eine Seifenblase zerplatzt.
Wenige Monate später war Lisa zur Welt gekommen, und mit schwerem Herzen hatte sie sie tagsüber Brads Obhut überlassen, um für den Lebensunterhalt ihrer kleinen Familie zu sorgen. Doch anstatt froh darüber zu sein, war Brad immer unausstehlicher geworden, er verfolgte sie mit seiner krankhaften Eifersucht und ließ keine Gelegenheit aus, um ihr Vorwürfe zu machen. Lisa war der einzige Grund, warum sie überhaupt noch bei ihm war, die inzwischen Zehnjährige hing sehr an ihrem Vater. Wenigstens in dieser Hinsicht erfüllte Brad seine Pflicht; während er im Haushalt keinen Finger rührte, so kümmerte er sich zumindest einigermaßen um Lisa, solange Megan auf der Arbeit war.
»Gedenkst du denn heute wenigstens pünktlich nach Hause zu kommen?«, fragte Brad jetzt giftig, und holte Megan damit wieder zurück in die Gegenwart.
»Ja sicher«, seufzte sie resigniert, und fügte nach einem raschen Blick auf die Uhr hinzu: »Ich muss jetzt los, ich bin schon zu spät dran.«

Wenig später saß sie in ihrem kleinen Auto und war unterwegs zur Arbeit; es war noch relativ wenig Verkehr, sodass sie zügig fahren konnte. Auf einer vierspurigen, breiten Straße gab sie etwas mehr Gas, um die verlorene Zeit aufzuholen. Plötzlich sah sie in der beginnenden Morgendämmerung am rechten Straßenrand etwas kurz aufblitzen, und nach einem erschrockenen Blick auf ihren Tacho war ihr sofort klar, dass es sich um eine Radarkontrolle handelte.
»Na toll«, fluchte sie in Gedanken, während sie ein wenig Gas wegnahm, »und das schon am frühen Morgen.«
Missmutig legte sie das letzte Stück des Wegs zurück, stellte ihren Wagen auf dem Firmengelände ab und eilte dann über den Parkplatz auf den Eingang zu. In ihrer Hast achtete sie nicht darauf, wo sie hintrat; auf einmal blieb sie mit dem Fuß hängen und wäre beinahe gestürzt, konnte sich gerade noch so fangen. Irritiert schaute sie nach unten und sah, dass der Absatz ihres Schuhs in einem der Schmutzgitter vor dem Eingang steckengeblieben war.
»Oh verdammt«, schoss es ihr durch den Kopf, »das darf doch nicht wahr sein.«
Normalerweise ging sie in Jeans und bequemen, flachen Schuhen zur Arbeit, doch anlässlich des Gesprächs mit ihrem Chef hatte sie sich ausnahmsweise für ein Kostüm und ein Paar elegante, hochhackige Pumps entschieden.
Hektisch versuchte sie sich zu befreien, doch vergeblich, der Absatz steckte felsenfest zwischen den Metallstreben. Völlig entnervt schlüpfte sie aus dem Schuh, bückte sich, und zog mit beiden Händen daran so fest sie konnte.
»Brauchen Sie Hilfe?«, hörte sie auf einmal eine Männerstimme, und als sie aufsah, schaute sie in ein paar graue Augen, die, so schien es ihr, ein wenig amüsiert funkelten.
Sie rappelte sich auf und zuckte hilflos mit den Achseln. Ohne zu zögern, ging der Mann vor ihr in die Hocke, drehte und schob den Schuh ein wenig hin und her, und befreite ihn scheinbar mühelos aus seinem Gefängnis.
»War doch gar nicht so schwer«, schmunzelte er.
Bevor sie reagieren konnte, griff er nach ihrem Fuß und streifte ihr behutsam den Schuh über. Megan war so überrascht, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor und spontan hielt sie sich an seiner Schulter fest.
»Danke«, murmelte sie verlegen, nachdem sie endlich wieder fest auf beiden Füßen stand.
»Keine Ursache«, lächelte er, während sein Blick ein Stück weit ihr Bein hinauf glitt. »Also, ich muss ja zugeben, dass das ein sehr reizvoller Anblick ist, aber ich frage mich doch immer wieder, wie ihr Frauen in diesen Dingern überhaupt laufen könnt.«
Entgeistert starrte Megan ihn an, bemerkte, wie sie feuerrot wurde. Versuchte dieser Kerl etwa, mit ihr zu flirten?
»Wir können mit diesen Dingern noch ganz andere Sachen«, fuhr sie ihn patzig an, »und die sind mit Sicherheit alles andere als reizvoll.«
Abrupt drehte sie sich um und stürmte ins Gebäude, hörte ihn hinter sich leise lachen. Sie erwischte gerade noch einen der Aufzüge, und als die Tür langsam zuglitt, fing sie noch einen letzten Blick aus zwei funkelnden grauen Augen auf.

 

2

So aufgebracht Megan zunächst über diesen Zwischenfall war, so schnell vergaß sie ihn auch wieder. Im Büro herrschte bereits hektische Betriebsamkeit, und da sie sich nun doch um einiges verspätet hatte, wurde sie mitten in das Chaos hineinkatapultiert.
»Na, auch schon da?«, fragte Jennifer Perkins spöttisch, als Megan sich an ihren Schreibtisch setzte und den PC einschaltete.
»Das gibt es doch gar nicht, dass du zu spät kommst«, kommentierte Bridget Fowler grinsend, »wo du doch sonst immer so überpünktlich bist.«
Megan gab keine Antwort; sie war es gewohnt, dass die Kolleginnen sie aufzogen.
Seit ihr bewusst geworden war, dass Brad sich vermutlich niemals mehr um einen Job bemühen würde, hatte sie sich verstärkt in ihre Arbeit gekniet. Normalerweise war sie morgens die Erste, die im Büro erschien, und abends oft die Letzte, die nach Hause ging. Wann auch immer zusätzliche Aufgaben zu erledigen waren, oder Überstunden oder Wochenendarbeit anstanden, war sie stets bereit, das zu übernehmen. Ihre Familie war auf ihr Einkommen hier angewiesen, und sie tat alles, um nicht Gefahr zu laufen, eines Tages auf die Straße gesetzt zu werden.
Sie wusste, dass die Kolleginnen sie hinter ihrem Rücken als Streberin bezeichneten, doch das war ihr egal; niemand ahnte etwas von den wahren Gründen für ihr Engagement, und das war auch gut so, ihre privaten Probleme gingen hier niemanden etwas an.
Nervös versuchte sie jetzt, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das bevorstehende Gespräch mit ihrem Chef spukte in ihrem Kopf herum, und sie fragte sich immer wieder ängstlich, was er wollen könnte. Es war selten, dass der Chef sich hier blicken ließ, oder mit einer der Mitarbeiterinnen sprechen wollte.
»Ob ich irgendetwas vermasselt habe?«, fragte sie sich bang, und warf einen erneuten Blick auf die Uhr. »Hoffentlich ist es nicht so schlimm, dass er mich auf die Straße setzt.«
Schließlich war es kurz vor elf Uhr, und sie stand auf. Vor dem Spiegel in der Damentoilette fuhr sie sich noch einmal durch ihre langen, dunklen Haare, strich ihre Bluse glatt und machte sich dann auf den Weg ins oberste Stockwerk.

Als sie das Vorzimmer des Chefs betrat, deutete Elisabeth Keegan, die Sekretärin, sogleich auf die Tür zu seinem Büro.
»Sie können direkt hineingehen, Sie werden schon erwartet.«
Megan lächelte nervös, klopfte zaghaft an die Tür, und als von drinnen ein knappes »Ja« ertönte, betrat sie das Büro.
William Benson kam hinter seinem Schreibtisch hervor, reichte ihr kurz die Hand und bedeutete ihr dann, sich zu setzen. Sie nahm auf einem der Stühle an dem großen Besprechungstisch Platz und schaute ihn gespannt an.
»Nun Mrs. Turner, Sie wissen, dass ich kein Freund langer Reden bin, also kommen wir gleich zur Sache«, eröffnete er das Gespräch. »Nächste Woche werden wir eine neue Software bekommen, und da ich weiß, dass Sie sich mit dem PC sehr gut auskennen, würde ich Sie bitten, dass Sie die Kolleginnen einweisen.«
Überrascht riss Megan die Augen auf.
»Sie werden natürlich im Vorfeld Gelegenheit haben, sich in Ruhe mit der Anwendung vertraut zu machen, und alles in Ruhe zu testen und auszuprobieren«, fuhr Benson fort.
Im gleichen Moment öffnete sich die Tür, und ein erfreutes Lächeln glitt über sein Gesicht.
»Ah, da bist du ja«, sagte er begrüßend, »du kommst genau richtig.«
Megan wandte sich um und sah zu ihrem Entsetzen den dunkelhaarigen Mann auf sich zukommen, der ihren Schuh befreit hatte.
»David, das ist Mrs. Turner, Mrs. Turner, mein Schwiegersohn David Warner.«
»Freut mich, Mrs. Turner.« Ohne eine Miene zu verziehen, reichte David Warner ihr die Hand.
»Hallo«, murmelte sie leise, während sie sich mit Unbehagen daran erinnerte, was sie ihm an den Kopf geworfen hatte.
»Ausgerechnet der Schwiegersohn vom Chef«, schoss es ihr frustriert durch den Kopf, »noch mehr hätte ich ja wohl nicht ins Fettnäpfchen treten können.«
»Wie gesagt«, nahm William Benson jetzt den Faden wieder auf, »Sie werden in den nächsten Tagen ausgiebig Gelegenheit haben, sich das Programm anzusehen. Wir werden veranlassen, dass Sie einen PC in einem separaten Büro bekommen, dort können Sie sich dann in aller Ruhe damit vertraut machen. Mein Schwiegersohn wird Ihnen dabei behilflich sein, er hat die Software eingekauft und kennt sich bereits ein wenig damit aus.«
Völlig überfahren schaute Megan die beiden Männer an. Während David Warner nach wie vor mit unbeweglichem Gesicht da saß, warf William Benson ihr einen ungeduldigen Blick zu.
»Nun Mrs. Turner, sind Sie damit einverstanden?«
»Ja, sicher«, nickte sie zustimmend, denn ihr war klar, dass sie kaum eine andere Wahl hatte. Wenn sie jetzt ablehnte, würde ihr Chef sie in Zukunft nie wieder mit besonderen Aufgaben betrauen, und sie konnte ihre Hoffnungen auf eine Gehaltserhöhung oder gar Beförderung sofort begraben.
»Gut«, lächelte Benson zufrieden, »dann gehen Sie jetzt wieder an ihre Arbeit, und mein Schwiegersohn wird sich morgen im Laufe des Tages bei Ihnen melden und alles Weitere mit Ihnen besprechen.«

Als Megan wieder in ihr Büro zurückkam, fielen die Kolleginnen sofort über sie her.
»Und, was wollte der Alte? Erzähl mal.«
»Ach, nichts Besonderes«, sagte sie ausweichend.
Sie hatte keine Lust, sich wieder dumme Bemerkungen anzuhören; die Anderen würden noch früh genug mitbekommen, dass sie die Einweisung übernehmen sollte.
»Hoffentlich kriege ich das auch hin«, dachte sie nervös, während sie sich wieder in ihre Arbeit vertiefte, und hoffte, dass die neue Software nicht allzu kompliziert sein würde.
Eigentlich kannte sie sich tatsächlich ganz gut mit dem Computer aus, zumindest wesentlich besser als die Kolleginnen, die stets Berührungsängste hatten. Vor einer ganzen Weile hatte sie sich von mühsam zusammengespartem Geld einen PC für zu Hause gekauft, einfach nur aus Neugier, ohne zu ahnen, dass sie die so erworbenen Kenntnisse einmal auf der Arbeit würde gebrauchen können.
»Was willst du denn mit einem PC?«, hatte Brad sich noch über sie lustig gemacht, »Für das Geld hätten wir lieber einen neuen Fernseher kaufen sollen.«
Doch als dann in der Firma nach und nach die ersten Computer installiert worden waren, war sie froh gewesen, dass sie nicht ganz so hilflos davor saß wie die anderen Kolleginnen. Seitdem war sie immer diejenige gewesen, die den anderen bei Problemen geholfen hatte, und so wie es aussah, hatte sich das wohl bis zum Chef herumgesprochen.
Trotzdem war ihr nicht ganz wohl in ihrer Haut, und als sie sich nach ihrem Feierabend auf den Heimweg machte, dachte sie mit Unbehagen an den nächsten Tag.

 

3

Wie so oft in den letzten Wochen saß David Warner auch an diesem Abend noch lange in seinem Büro und brütete über seinen Unterlagen. Irgendwann schob er die Papiere beiseite, stand auf, trat ans Fenster und schaute nachdenklich über die Lichter der Stadt.
Er war erst seit kurzem hier in der Firma seines Schwiegervaters und hatte bereits jetzt das Gefühl, in Arbeit zu ersticken. Nachdem er sich ein wenig eingearbeitet hatte, hatte er festgestellt, dass in den meisten Bereichen noch gearbeitet wurde wie vor fünfzig Jahren, und als er mit William Benson darüber gesprochen hatte, hatte dieser sofort zugestimmt, einige Neuerungen durchzuführen. Vertrauensvoll hatte er die Verantwortung dafür in Davids Hände gelegt, was dazu geführt hatte, dass er jetzt hier saß, und nicht wusste, wo er zuerst anfangen sollte.
Doch er war nicht allzu unglücklich über den riesigen Berg Arbeit, der sich vor ihm auftürmte, so hatte er wenigstens einen Grund, abends nicht allzu früh nach Hause zu müssen.
Er dachte an Cynthia, seine Frau, und seufzte.
Als sie sich kennengelernt hatten, war er mitten im Studium gewesen, hatte sich neben dem Lernen mit kleineren Aushilfsjobs über Wasser gehalten, unter anderem auch als Bürobote hier in der Firma seines Schwiegervaters. Irgendwann war er zufällig Cynthia über den Weg gelaufen, und als sie ihn auf eine Tasse Kaffee eingeladen hatte, hatte er zugestimmt. Von da an hatten sie sich regelmäßig getroffen und irgendwann hatte das Thema Hochzeit im Raum gestanden. Da sein Schwiegervater ihm für die Zeit seines Studiums ein großzügiges Darlehen gewährt hatte, und er somit in seiner Schuld stand, hatte er kaum eine andere Wahl gehabt, als ja zu sagen.
Zwar war David sich von Anfang darüber im Klaren gewesen, dass weder Cynthia noch er tiefere Gefühle als Freundschaft verspürten, aber sie verstanden sich gut, und die Aussicht, irgendwann hier in die Firma einsteigen zu können, hatte schließlich den Ausschlag gegeben.
Doch bereits kurz nachdem sie verheiratet gewesen waren, hatte Cynthia begonnen, sich zu verändern. Sie wurde immer launischer und streitsüchtiger, ließ sich gehen, und obwohl sie den ganzen Tag zu Hause war, kümmerte sie sich weder um den Haushalt noch um ihn.
Sämtliche Versuche mit ihr zu reden, um etwas zu ändern, waren gescheitert, und inzwischen hatte er es aufgegeben. Er war froh über jede Minute, die er nicht mit ihr zusammen verbringen musste, und wäre da nicht sein Schwiegervater gewesen, der nach wie vor sein Vertrauen in ihn setzte, hätte er sich vermutlich schon längst von ihr getrennt.
Missmutig setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und griff zum Telefon.
»Hey Rick, ich bin es«, meldete er sich, nachdem sein bester Freund den Hörer abgehoben hatte. »Hast du Zeit etwas essen zu gehen? Zu Hause erwartet mich wie immer eine kalte Küche, und ich habe heute keine Lust, selbst noch etwas zu kochen.«
Rick sagte zu, und zufrieden legte David wieder auf. Sein Blick glitt über die Unterlagen auf seinem Schreibtisch.
»Ich könnte wirklich ein bisschen Hilfe gebrauchen«, dachte er unwillkürlich, und merkwürdigerweise ging ihm dabei das Bild eines schlanken Beins in einem hochhackigen Schuh durch den Kopf.

»Wann gibt es endlich Essen?«, knurrte Brad, als Megan leise Lisas Zimmer verließ.
»Gleich, du siehst doch, dass ich gerade die Kleine ins Bett gebracht habe«, seufzte sie genervt. »Es wäre wohl auch nicht zu viel verlangt, wenn du dir selbst mal etwas machen würdest.«
Rasch nahm sie die Lasagne aus dem Ofen, schaufelte ihm eine Portion auf den Teller und stellte ihn auf den Küchentisch.
Ohne ein Dankeschön setzte Brad sich hin und begann das Essen in sich hineinzuschaufeln, während er Megan dabei beobachtete, wie sie das Geschirr abspülte.
Plötzlich stand er auf und stellte sich hinter sie, griff mit seinen Händen nach ihren Brüsten. Sie zuckte zusammen.
»Brad, bitte nicht, du weißt doch, dass Lisa oft noch einmal aufsteht, weil sie Durst hat«, versuchte sie ihn abzuwehren.
»Jetzt stell dich nicht so an, immer hast du irgendeine Ausrede«, fuhr er sie an, und setzte seine Annäherungsversuche ungerührt fort.
Sehr schnell wurde ihr klar, dass sie keine andere Wahl hatte, als nachzugeben, wenn sie nicht wieder eine lautstarke Diskussion riskieren wollte.
Bereits von Anfang an war Brad ein Mann gewesen, der im Bett nur an sein eigenes Vergnügen dachte, doch sie war naiv genug gewesen, sich einzureden, dass es an ihrer Unerfahrenheit lag. Mit der Zeit war ihr jedoch immer deutlicher bewusst geworden, dass er sie lediglich benutzte, um sich abzureagieren, und sie tat alles, um so selten wie möglich mit ihm schlafen zu müssen.
Doch es kam deshalb immer wieder zu Auseinandersetzungen, Brad bestand darauf, dass sie ihre ehelichen Pflichten erfüllte, und wenn sie nicht darauf einging, gab es tagelang Streit und Vorwürfe.
Also gab sie um des lieben Friedens willen ab und zu nach, weit davon entfernt, auch nur einen Funken Gefühl dabei zu haben.
»Dann lass uns wenigstens ins Schlafzimmer gehen«, murmelte sie tonlos und schob ihn weg.
Wenig später lag sie unter ihm, ließ regungslos und voll Ekel seine rücksichtslosen Bewegungen über sich ergehen, während sie stumm betete, dass es schnell vorbei sein würde.
Kurz darauf wälzte er sich von ihr herunter, fiel wie ein Sack neben ihr in die Kissen, und es dauerte nicht lange, bis ein zufriedenes Schnarchen ertönte.
Leise stand sie auf und ging ins Bad, stellte sich unter die Dusche, und versuchte mit viel heißem Wasser seine widerwärtigen Berührungen von sich abzuwaschen.
Anschließend schlüpfte sie in einen Schlafanzug und ging leise in Lisas Zimmer, krabbelte vorsichtig zu ihr ins Bett und nahm sie in den Arm.
»Ich weiß nicht, ob ich das noch lange ertrage«, flüsterte sie unglücklich, während sie ihrer Tochter liebevoll übers Haar strich, »aber für dich werde ich es versuchen.«

 

4

Am nächsten Morgen saß Megan noch nicht lange an ihrem Schreibtisch, als die Tür aufging und David Warner hereinkam. Er grüßte kurz in die Runde und wandte sich dann zu ihr.
»Wie sieht es aus, wenn Sie Zeit hätten, würde ich Ihnen gerne das Büro zeigen.«
Megan nickte und stand auf. Unter den neugierigen Blicken ihrer Kolleginnen folgte sie ihm nach draußen.
»Wie ich sehe, droht mir heute keine Gefahr durch spitze Absätze«, schmunzelte er mit einem kurzen Blick auf Megans Jeans und Ballerinas, während sie zusammen den Korridor entlang liefen, und sie wurde rot.
»Ich … es tut mir leid«, stammelte sie unbehaglich, »ich habe das nicht böse gemeint.«
»Schon gut, ich habe es auch nicht so aufgefasst.«
Wenig später öffnete er eine Tür am hinteren Ende des Korridors.
»Es ist nicht sehr groß, aber hier haben Sie auf jeden Fall Ruhe, und es ist ja auch nur für kurze Zeit«, sagte er, während er den PC einschaltete.
Er bedeutete ihr sich hinzusetzen, und öffnete dann das neue Programm.
»Schauen Sie sich alles an und testen Sie ein wenig herum; ich kenne mich mit Ihren Arbeitsabläufen noch nicht genug aus, um selbst zu wissen, ob es irgendwo Schwachstellen gibt«, erklärte er, »Falls Ihnen etwas auffällt, was nicht funktioniert, oder Sie einen Vorschlag haben, was besser sein könnte, geben Sie mir Bescheid, dann nehme ich Kontakt mit den Programmierern auf.«
»In Ordnung.«
Er sagte nichts mehr weiter, und nervös klickte sie ein wenig in den Menüs herum, während er ihr eine Weile über die Schulter schaute.
»Gut, dann lasse ich Sie jetzt alleine, wenn irgendetwas sein sollte, rufen Sie mich an.«
Rasch schrieb er ihr seine Durchwahlnummer auf einen Notizzettel und ging dann zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal zu ihr um.
»Also dann, auf gute Zusammenarbeit.«

In der Mittagspause ging Megan nach drüben in ihr Büro, und wie erwartet, fielen die Kolleginnen sofort über sie her.
»Was hast du denn mit dem Schwiegersohn vom Chef zu schaffen?«, fragte Bridget Fowler spitz, »Hast du dich bei ihm jetzt auch schon lieb Kind gemacht?«
Überrascht schaute Megan sie an. »Woher wisst ihr denn, wer das ist?«
»Na denkst du etwa, dass ein so gutaussehender Typ hier herumlaufen kann, ohne dass wir alles über ihn wissen?«, grinste Jennifer Perkins. »Aber damit du beruhigt bist, Karen«, sie deutete auf eine zierliche Dunkelhaarige, »ist mit seiner Frau befreundet, deswegen wussten wir das.«
Dann stemmte sie herausfordernd die Hände in die Hüften. »Also raus jetzt mit der Sprache, was hast ausgerechnet du mit ihm zu tun?«
»Ich soll mir eine neue Software anschauen«, erklärte Megan zögernd, »und euch dann einweisen.«
»Was? Wieso du?«, wollte Bridget wissen, und ihr Gesicht verfinsterte sich neidvoll. »Du glaubst doch nicht, dass wir uns von dir hier was erzählen lassen werden.«
Achselzuckend nahm Megan ihre Brotdose aus dem Schreibtisch. »Macht, was ihr wollt«, erwiderte sie genervt, »ich bin auch nicht scharf darauf.«
»Jetzt lasst sie doch gehen, wenn der Chef das so will, wird es eben so gemacht«, mischte Karen Miller sich jetzt ein. »Warum sollen wir deswegen hier lange herumdiskutieren.«
Megan warf ihr einen dankbaren Blick zu und verzog sich dann mit ihrem Mittagessen in das kleine Büro; sie hatte keine Lust mehr darauf, sich die dummen Bemerkungen der Kolleginnen anzuhören. Während sie nebenbei immer mal in ihr Brot biss, beschäftigte sie sich wieder konzentriert mit dem neuen Programm, und stellte erleichtert fest, dass David Warner ein glückliches Händchen beim Einkauf der Software bewiesen hatte.
Es gab keinerlei Probleme damit, und sie würde nicht lange brauchen, um sich mit allen Funktionen vertraut zu machen und den Kolleginnen alles zu erklären. Ihr Chef würde keinen Grund zur Klage haben, und als sie daran dachte, dass David Warner vermutlich auch zufrieden sein würde, glitt ein kleines Lächeln über ihr Gesicht.

Tatsächlich war Megan bereits am nächsten Nachmittag so weit mit allem vertraut, dass sie mit der Einweisung beginnen konnte. Als David Warner kurz vor ihrem Feierabend erschien, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, teilte sie ihm das mit, und er schien erfreut zu sein.
»Sehr schön«, lächelte er, »dann werde ich morgen Ihre Kolleginnen informieren, und anschließend können Sie loslegen.«
Als Megan nickte, fügte er hinzu: »Wie kommt es eigentlich, dass Sie sich so gut mit dem PC auskennen? Normalerweise stehen Frauen mit der Technik doch eher auf Kriegsfuß.«
»Das ist ja wohl ein typischer Macho-Spruch«, entfuhr es ihr vorwurfsvoll, und im gleichen Moment schlug sie erschrocken die Hand vor den Mund.
»Himmel, er ist der Schwiegersohn vom Chef, und mir fällt nichts Besseres ein, als ihm freche Antworten zu geben«, schoss es ihr betreten durch den Kopf.
Doch zu ihrer Erleichterung lachte er nur. »Ja, vermutlich genauso wie das mit den hohen Absätzen. Gut, dass ich es schon wieder geschafft habe, ins Fettnäpfchen zu treten.«
»Tut mir leid«, murmelte sie verlegen, und er schüttelte den Kopf.
»Jetzt hören Sie auf sich dauernd zu entschuldigen, ich bin nicht so humorlos, wie ich auf den ersten Blick vielleicht erscheine.«
Als Megan keine Antwort gab, fügte er hinzu: »Und Sie brauchen sich auch keine Gedanken machen, weil ich zufällig der Schwiegersohn vom Chef bin – ich habe nicht die Absicht, hier den Thronfolger zu spielen. Wenn wir künftig weiter zusammenarbeiten, wäre es mir ganz lieb, wenn Sie mich einfach als ganz normalen Kollegen betrachten würden.«

 

5

Am nächsten Morgen erschien David Warner bereits früh im Büro und informierte die Kolleginnen über die bevorstehenden Änderungen. Er erklärte ihnen, wie wichtig es war, dass sie den Umgang mit der neuen Software beherrschten, und bat um entsprechendes Engagement. Dann deutete er auf Megan.
»Mrs. Turner wird Sie einweisen, und Ihnen alle Fragen rund um das Programm beantworten. Bitte folgen Sie aufmerksam ihren Erklärungen und tun Sie ihr Bestes, damit die Einführung so reibungslos wie möglich über die Bühne geht.«
Megan bemerkte, wie Jennifer und Bridget sich ansahen und die Augen verdrehten, doch sie bemühte sich, es zu ignorieren und sich auf Davids Ausführungen zu konzentrieren.
Nachdem er noch ein paar Fragen beantwortet hatte, verschwand er wieder, während die Frauen alle aufgeregt durcheinander schnatterten.
Kurz darauf hatte Megan die erste Kollegin mit in das kleine Büro genommen, und begann damit, ihr die Anwendung zu erklären und die Bedienung zu zeigen.
Obwohl sie insgeheim mit Widerstand gerechnet hatte, schienen Davids Worte doch einen gewissen Eindruck gemacht zu haben, und die Einarbeitung ging ohne Probleme vonstatten.
Ab und zu schaute David vorbei, erkundigte sich, wie sie vorankam, und war höchst zufrieden mit der Entwicklung der Dinge.
Schließlich kam der Tag der Einführung, und nach einigen anfänglichen Startschwierigkeiten kehrte allmählich ein wenig Routine ein. Megan kümmerte sich um auftretende Fragen und Probleme und behielt trotz des ein wenig chaotischen Einstiegs die Ruhe und den Überblick.
Wie zuvor schaute David des Öfteren vorbei, vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war und unterstützte Megan ein wenig.
Jedes Mal wenn er den Raum betrat, fingen einige der Kolleginnen an zu kichern, unter ihnen auch Jennifer und Bridget, und benahmen sich wie die aufgescheuchten Hühner. Kopfschüttelnd beobachtete Megan, wie Jennifer ganz ungeniert versuchte mit David zu flirten, und sie fragte sich, wie es sein konnte, dass sie keine Hemmungen hatte, ihn so anzumachen, obwohl sie genau wusste, dass er verheiratet war.
Doch er blieb ganz gelassen, ignorierte Jennifers Bemühungen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und wandte sich dann irgendwann an Megan.
»Na das lief ja besser als ich gedacht hatte«, nickte er anerkennend. Als er ihren kritischen Blick bemerkte, lächelte er. »Nicht wegen Ihnen, dass Sie das hinbekommen, wusste ich. Also schauen Sie nicht schon wieder so angriffslustig und lassen Sie die spitzen Absätze bitte im Schrank.«
Er zwinkerte ihr schmunzelnd zu und verschwand, und Megan blieb verdutzt zurück, nicht bemerkend, dass Jennifer ihr einen bitterbösen Blick zuwarf.

»Nun David, wie läuft es mit der Einführung der neuen Software?«, wollte William Benson wissen, als er am späten Nachmittag Davids Büro betrat.
»Oh, sehr gut«, lächelte David zufrieden und berichtete seinem Schwiegervater von der gelungenen Umstellung.
»Das freut mich mein Junge«, lobte William anerkennend, »mach weiter so, und du wirst bestimmt einmal einen guten Chef abgeben.«
Dann wurde seine Miene etwas ernster und er warf David einen prüfenden Blick zu.
»Denkst du, es gibt in anderer Hinsicht auch bald eine Erfolgsmeldung?«
David presste die Lippen zusammen, er wusste genau, worauf sein Schwiegervater anspielte. Seit der Hochzeit mit Cynthia hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass er so bald wie möglich einen Enkel und somit Erben für die Firma haben wollte, doch das war etwas, womit David sich in keinster Weise anfreunden konnte.
Es war nicht so, dass er sich keine Kinder wünschte, allerdings nicht mit Cynthia. Bei der Vorstellung, dass die verwöhnte Cynthia, die kaum in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, sich um ein Kind kümmern sollte, drehte sich ihm der Magen um. Cynthia war in keiner Hinsicht der Typ Frau, der eine liebende Mutter abgeben würde, und es war für ihn ausgeschlossen, unter diesen Umständen ein Kind mit ihr in die Welt zu setzen.
Außerdem schliefen sie schon ewig nicht mehr miteinander; zwar unternahm sie hin und wieder Versuche in dieser Richtung, doch er konnte sich nicht dazu überwinden.
Von Anfang an war Cynthia nicht besonders leidenschaftlich gewesen, und er hatte sich eingeredet, dass sich das vielleicht mit der Zeit bessern würde. Doch sie wurde immer gleichgültiger, lag wie ein Stück Holz im Bett und ließ seine Zärtlichkeiten gleichgültig über sich ergehen, sodass er irgendwann damit aufgehört hatte, sich ihr zu nähern.
Dass sein Schwiegervater ihn jetzt so unverblümt an seine Pflichten erinnerte, behagte ihm überhaupt nicht, und er starrte unangenehm berührt auf seine Unterlagen.
»Ja, wir tun unser Bestes«, log er, in der Hoffnung, damit eine längere Unterhaltung über dieses Thema zu umgehen.
»Das freut mich zu hören«, lächelte der alte Herr jetzt auch zufrieden, »ich kann es kaum erwarten, einen Enkel in den Armen zu halten.«
»Ich weiß«, murmelte David bedrückt, und beschloss dann, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.
»Übrigens, ich könnte ganz gut eine Sekretärin oder Assistentin gebrauchen«, erklärte er und deutete auf den Papierstapel auf seinem Tisch. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, und hätte gerne jemanden, der mir hilft, ein wenig Ordnung in dieses Chaos zu bringen.«
Nachdenklich rieb William Benson sich das Kinn.
»Und an wen hast du da gedacht? Mrs. Keegan ist bei mir völlig ausgelastet, ich kann ihr nicht noch etwas aufhalsen.«
»Nun, Mrs. Turner hat bei der Einweisung sehr gute Arbeit geleistet, und sie kann hervorragend mit dem PC umgehen«, sagte David zögernd. »Mit ihrer Hilfe könnte ich das hier sicher ganz gut in den Griff kriegen.«
William überlegte einen Moment, dann nickte er.
»Also gut, ganz möchte ich sie jedoch nicht aus der Abteilung holen, mir fehlen dort sowieso Arbeitskräfte. Wenn es dir reicht, dass sie dich stundenweise unterstützt, dann soll es mir recht sein.«
»Ja sicher«, stimmte David zu, »ein paar Stunden ab und zu sind doch schon mal ein guter Anfang.«

 

6

Am nächsten Morgen bestellte David Megan in sein Büro. Als sie hereinkam, und er ihr angespanntes Gesicht bemerkte, lächelte er.
»Jetzt schauen Sie doch nicht schon wieder so ängstlich, ich beiße nicht.«
Er bat sie, sich zu setzen, und kam dann auch gleich ohne Umschweife auf sein Vorhaben zu sprechen.
»Wie Sie sehen«, er deutete kurz auf das Papierchaos auf seinem Schreibtisch, »wächst mir der Papierkram hier allmählich über den Kopf, und ich könnte jemanden gebrauchen, der mich ein bisschen unterstützt. Ich habe bereits mit meinem Schwiegervater gesprochen, und er wäre damit einverstanden, dass Sie stundenweise für mich arbeiten würden.«
Völlig überrascht starrte Megan ihn an.
»Stundenweise … für Sie …«, wiederholte sie stammelnd, und stellte im gleichen Moment fest, dass sie sich vermutlich wie ein kompletter Idiot anhörte.
»Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll«, fügte sie dann verlegen hinzu.
»Mir wäre es am liebsten, Sie würden ‚Ja‘ sagen«, schmunzelte er, »ich brauche wirklich dringend Hilfe, und ich glaube, dass Sie dafür ganz gut geeignet wären.«
»Aber wann soll ich denn … wie haben Sie sich das vorgestellt?«, fragte Megan irritiert, »Ich kann doch nicht dauernd zwischen der Abteilung und Ihrem Büro hin und her pendeln.«
David lächelte. »Das sollen Sie auch nicht. Ich habe mir gedacht, dass Sie Ihre Arbeit unten vielleicht eine Stunde früher beenden könnten, und dann noch die restliche Zeit bis zu Ihrem Feierabend hier verbringen.«
Noch immer fühlte Megan sich vollkommen überrumpelt und wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah.
»Ich weiß nicht, ob ich dafür geeignet bin«, sagte sie zurückhaltend.
»Mein Gott, wie kommt es eigentlich, dass Sie so wenig Selbstbewusstsein haben, wenn es um Ihre Arbeit geht, aber den Mut haben, fremden Männern Folterqualen mit Ihren Absätzen anzudrohen?«, grinste David kopfschüttelnd. »Wenn ich nicht der Meinung wäre, dass Sie das können, hätte ich Sie nicht gefragt. Also ein bisschen mehr Selbstvertrauen bitte! Es sei denn, Sie wollen nicht, dann sagen Sie das offen, und ich suche mir jemand anderen.«
Megan zögerte noch einen Augenblick, dann nickte sie zaghaft.
»In Ordnung, ich bin einverstanden.«
»Na also, war doch nicht so schwierig«, lächelte er zufrieden, »dann erwarte ich Sie morgen Nachmittag hier in meinem Büro.«

Noch am gleichen Abend war Megan mit ihrer Freundin Julie zu einem Drink in ihrer Stammkneipe verabredet.
Sie freute sich so sehr über Davids Angebot, dass sie irgendjemandem davon erzählen musste, und ihr war klar, dass Brad in keinster Weise begeistert darauf reagieren würde.
»Vielleicht bekomme ich dann auch bald eine Gehaltserhöhung«, sagte Megan aufgeregt, nachdem sie der Freundin von der neuesten Entwicklung berichtet hatte. »Dann könnte ich Lisa endlich ein paar neue Möbel fürs Kinderzimmer kaufen.«
»Oder du könntest dich endlich von deinem Ekelpaket von Mann trennen«, ergänzte Julie trocken, die über Megans Probleme mit Brad Bescheid wusste.
»Du weißt genau, dass das keine Frage des Geldes ist«, erklärte Megan traurig, »Lisa hängt an ihrem Vater.«
Julie griff nach ihrer Hand. »Ich weiß«, sagte sie leise, »aber wie lange willst du dir das denn noch antun? Du gehst doch langsam vor die Hunde.«
»Es geht schon«, wehrte Megan ab, »es sind ja nur noch ein paar Jahre bis Lisa alt genug ist, um alles zu begreifen, und bis dahin kriege ich das schon noch irgendwie auf die Reihe.«
»Ach Süße, ich verstehe dich wirklich nicht«, seufzte Julie, »es gibt so viele nette Männer, und du hättest auf jeden Fall etwas Besseres verdient als diesen rücksichtslosen, egoistischen Taugenichts.«
»Du weißt, dass mich andere Männer nicht interessieren, ich habe weiß Gott genug Probleme.«
»Ganz ehrlich, wenn ich sehe, wie Brad dich mit seiner krankhaften Eifersucht verfolgt, hätte ich ihm an deiner Stelle schon längst einen Grund gegeben, sich aufzuregen«, erklärte Julie zornig. Dann wechselte sie das Thema. »Also gut, du sollst jetzt also für diesen David arbeiten. Was genau sollst du denn machen?«
»Keine Ahnung«, Megan zuckte mit den Achseln, »ich glaube, er braucht jemanden, der sich um seinen Papierkram kümmert.«
»Und – ist er nett?«
»Ja, er ist sehr nett«, bestätigte Megan, und berichtete kurz, wie sie David vor der Firma kennen gelernt hatte.
Als sie das verschmitzte Grinsen in Julies Gesicht sah, hob sie abwehrend die Hände.
»Oh nein Julie, du brauchst gar nicht so zu gucken, er ist verheiratet, und zwar mit der Tochter vom Chef. Also kein Grund auf dumme Gedanken zu kommen, ich arbeite für ihn und weiter nichts.«
»Ist ja schon gut«, brummte die Freundin, dann zwinkerte sie ihr zu. »Aber immerhin haben deine Beine wohl Eindruck auf ihn gemacht, und du weißt, dass ich jederzeit gerne auf Lisa aufpasse, falls du mal Überstunden machen musst.«
»Du bist einfach unverbesserlich«, lachte Megan, »Danke für das Angebot, aber ich glaube kaum, dass ich es in Anspruch nehmen werde.«
Sie plauderten noch eine ganze Weile über alles Mögliche, und irgendwann schaute Megan erschrocken auf die Uhr.
»Verdammt, ich muss schleunigst nach Hause, sonst gibt es wieder Ärger.«
Obwohl Julie alles andere als begeistert war, bezahlten sie schnell und machten sich auf den Heimweg. Vor der Haustür verabschiedeten sie sich, und rasch ging Megan nach oben.
Wie erwartet, kam Brad sofort aus dem Wohnzimmer geschossen, als er sie hörte, und warf ihr einen anklagenden Blick zu.
»Na, sieht wohl so aus, als hättest du mal wieder Spaß gehabt heute Abend.«
»Brad bitte, es ist spät und ich bin müde. Lass uns jetzt bitte nicht anfangen zu streiten.«
»Es ist spät und ich bin müde …«, äffte er sie mit verstellter Stimme nach, und packte sie dann wütend am Arm. »Das ist mir egal, dann komm gefälligst beizeiten nach Hause.«
Grob begann er, an ihrer Bluse zu zerren.
»Und nachdem du dich ja offenbar gut amüsiert hast, möchte ich jetzt auch noch ein bisschen Spaß haben.«
»Hör auf damit«, fuhr sie ihn an, und im gleichen Moment öffnete sich die Tür zu Lisas Zimmer.
»Warum seid ihr so laut?«, fragte die Kleine und rieb sich schlaftrunken die Augen.
Erleichtert machte Megan sich von Brad los und schob ihre Tochter wieder ins Zimmer.
»Wir haben uns nur unterhalten«, erklärte sie leise und brachte sie wieder in ihr Bett.
Sie zog sich rasch aus und legte sich zu ihr, nahm sie liebevoll in den Arm.
»Und jetzt schlaf weiter meine Süße, es ist alles in Ordnung.«

 

7

Am nächsten Nachmittag gegen sechzehn Uhr machte Megan sich daran, ihre Sachen einzupacken, misstrauisch beäugt von den Kolleginnen.
»Wo willst du denn hin?«, fragte Jennifer, »Es ist doch noch nicht Feierabend.«
»Ich habe eine Sonderaufgabe«, erklärte Megan ausweichend, und verschwand, bevor jemand die Gelegenheit hatte, genauer nachzufragen.
Sie hielt es für besser, sich nicht darüber auszulassen, dass sie für David arbeiten sollte, denn das würde garantiert nur wieder irgendwelche gehässigen Bemerkungen nach sich ziehen.
Ein wenig aufgeregt fuhr sie mit dem Fahrstuhl nach oben, klopfte kurz an, und betrat dann nervös Davids Büro.
»Da sind Sie ja«, begrüßte er sie, »ich dachte schon, Sie hätten es sich vielleicht doch anders überlegt.«
»Tut mir leid, wenn ich zu spät bin, ich wusste nicht genau, wann Sie mich erwarten.«
»Kein Problem«, nickte er, »ich habe es nicht eilig.«
Megan stellte ihre Tasche ab und setzte sich dann auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch.
»Okay, was genau soll ich machen?«
»Wenn ich das nur wüsste«, seufzte er, »ich hoffe, Sie haben eine Idee, wie wir dieses Durcheinander hier in eine vernünftige Ablage verwandeln können.«
»Darf ich?«, fragte sie zögernd und deutete auf den Papierberg.
»Ja sicher, tun Sie sich keinen Zwang an.«
Wenig später saßen sie zusammen auf dem Fußboden, um sich herum etliche kleine Papierstapel. Gemeinsam gingen sie jedes einzelne Blatt durch, und anhand Davids Erklärungen ordnete Megan die Unterlagen den jeweiligen Stapeln zu.
Sie waren so in ihre Arbeit vertieft, dass sie überhaupt nicht bemerkten, wie schnell die Zeit verging, und irgendwann schaute David stirnrunzelnd auf die Uhr.
»Mein Gott, es ist ja schon so spät. Ich wollte Sie gar nicht so lange hier festhalten.«
Obwohl Megan klar war, dass es zu Hause garantiert wieder Ärger geben würde, lächelte sie. »Schon gut, ich habe ja auch nicht auf die Zeit geachtet.«
Er stand auf und reichte ihr dann die Hand, zog sie vom Boden hoch.
»Dann fahren Sie jetzt nach Hause, und wenn Sie einverstanden sind, machen wir morgen weiter.«
Megan warf einen kritischen Blick auf die ganzen Papiere, die auf dem Fußboden lagen.
»Und was machen wir damit?«
»Machen Sie sich keine Gedanken, das kann ruhig so liegen bleiben. Außer mir kommt ja momentan niemand hier herein, und ich werde mich hüten, das Ganze jetzt wieder durcheinanderzubringen«, schmunzelte er.
»In Ordnung«, nickte sie, griff nach ihrer Tasche und ging zur Tür. »Dann einen schönen Feierabend.«
»Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte David leise, »Wir sehen uns dann morgen.«

Als Megan nach Hause kam, war Lisa bereits im Bett, und wie befürchtet begann Brad sofort, sie mit Vorwürfen zu überschütten.
»Hast du mal auf die Uhr gesehen? Wo kommst du jetzt eigentlich her?«
»Ich musste länger arbeiten.«
»Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass du bis jetzt in der Firma warst?«, tobte er.
»Doch, ich habe unserem Chef geholfen, seine Ablage auf Vordermann zu bringen.«
»Ja, sicher – als ob er nicht eine Sekretärin für so etwas hätte.«
»Genau genommen nicht dem Chef, sondern seinem Schwiegersohn«, erklärte sie ruhig, und zuckte zusammen, als Brad ein zynisches Lachen ausstieß.
»Schwiegersohn, aha! Na da kann ich mir ja schon vorstellen, was ihr getrieben habt, so lauschig zu zweit alleine nach Feierabend.«
»Du und deine kranken Phantasien«, fuhr sie ihn an, »Wir haben überhaupt nichts getrieben, sondern Papiere sortiert. Wenn du dich endlich mal um einen Job bemühen würdest, hätte ich es nicht nötig, Überstunden zu machen, um hier das Essen auf den Tisch zu bringen.«
Brad warf ihr einen verletzten Blick zu, sagte aber nichts mehr. Zu ihrer Erleichterung setzte er sich wieder vor den Fernseher, und sie verschwand schnellstens in Lisas Zimmer, bevor er doch noch auf andere Ideen kommen würde.
Unglücklich kuschelte sie sich an ihre kleine Tochter und nahm sich vor, Brad gegenüber nichts mehr von der Arbeit für David zu erwähnen.

In den nächsten Tagen verbrachte sie jeden Nachmittag die letzte Stunde vor ihrem Feierabend damit, sich weiter um Davids Papiere und Unterlagen zu kümmern, achtete aber peinlichst genau darauf, pünktlich Feierabend zu machen, um zu Hause nicht wieder unnötigen Ärger heraufzubeschwören.
Die Arbeit für David gestaltete sich sehr angenehm; nachdem Megan ihre anfängliche Nervosität verloren hatte, plauderten sie entspannt miteinander, und sie stellte fest, dass sie sich in seiner Gegenwart sehr wohl fühlte.
Ihm schien es genauso zu gehen, er war locker und umgänglich und brachte sie mit seinen trockenen Kommentaren mehr als einmal zum Lachen.
Manchmal hatte sie das Gefühl, dass er es bedauerte, dass sie stets pünktlich nach Hause ging, doch er versuchte auch nicht, sie zum Bleiben zu bewegen, und sie war ihm dankbar dafür.
Unterdessen hatten die Kolleginnen irgendwie herausbekommen, wo sie ihre letzte Arbeitsstunde verbrachte, und wie erwartet hatte das einige gehässige Bemerkungen zur Folge gehabt. Vor allem Jennifer und Bridget machten immer wieder zweideutige Anspielungen, und genervt bemühte Megan sich, die teilweise sehr derben Sprüche zu ignorieren und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Die normalen Arbeitsstunden in der Abteilung schienen sich von Tag zu Tag immer quälender und langsamer dahin zu ziehen, und von Tag zu Tag freute sie sich mehr auf die gemeinsame Arbeit mit David.
Nach knapp zwei Wochen hatten sie es schließlich geschafft; das chaotische Durcheinander auf seinem Schreibtisch war einer perfekt geordneten Ablage gewichen, und David war äußerst zufrieden.
»Super, so lässt es sich doch jetzt wenigstens vernünftig arbeiten«, lächelte er, als Megan den letzten Aktenordner beschriftete und in den Schrank stellte.
»Ja, damit wäre dann meine Aufgabe hier wohl beendet«, nickte sie, und verspürte im gleichen Moment ein wenig Enttäuschung darüber.
Doch sofort wischte sie diesen Gedanken wieder beiseite, nahm ihre Tasche und wandte sich zur Tür.
»Einen schönen Feierabend noch«, wünschte sie ihm und wollte nach der Klinke greifen.
»Mrs. Turner?«, hielt er sie zurück, und sie drehte sich um.
»Ja?«
Einen kurzen Augenblick schaute er ihr schweigend in die Augen.
»Vielen Dank für Ihre Unterstützung, es hat mir Spaß gemacht, mit Ihnen zu arbeiten.«
»Mir auch«, gab sie offen zu.
Er lächelte und fügte dann leise hinzu: »Eigentlich finde ich es ein bisschen schade, dass wir schon fertig sind.«

 

8

Nachdem Megan gegangen war, saß David noch eine ganze Weile in seinem Büro, ging ein paar Unterlagen durch, und machte sich schließlich wie immer recht spät auf den Heimweg.
Als er die Haustür aufschloss, kam Cynthia ihm schon entgegen.
»Himmel noch mal, wo bleibst du denn?«, fauchte sie ihn vorwurfsvoll an, »Hast du vergessen, dass wir heute die Familie zum Geburtstags-Essen eingeladen haben?«
David seufzte genervt. Cynthia hatte vor einer Woche Geburtstag gehabt und ihm irgendwann von diesem geplanten »Dinner« erzählt, doch er hatte tatsächlich nicht mehr daran gedacht.
»Tut mir leid, ich hatte noch ziemlich viel zu tun.«
»Dann geh dich jetzt umziehen und beeil dich, es warten schon alle auf dich.«
Mit zusammengepressten Lippen stieg er die Treppe hinauf und ging ins Schlafzimmer, zog seine Jeans aus, tauschte Hemd und T-Shirt gegen ein weißes Hemd und schlüpfte in einen Anzug.
»Wie ich dieses Affentheater hasse«, murmelte er missmutig, während er sich vor dem Spiegel noch einmal kurz durch die Haare fuhr, »als ob wir die Rockefellers wären.«
Wenig später betrat er das Esszimmer, begrüßte mit einem halbherzigen Lächeln Cynthias Familie und setzte sich an den Tisch.
»Sehr schön, dann können wir ja jetzt anfangen«, lächelte Cynthia strahlend, und zu Davids Verblüffung erschienen zwei Kellner, die damit begannen, das Essen zu servieren.
Mit finsterer Miene löffelte er seine Suppe in sich hinein, während er verärgert daran dachte, wie Cynthia mit vollen Händen das Geld aus dem Fenster warf.
Nach dem Essen stand William Benson auf und schlug kurz mit der Gabel an sein Glas.
»Keine Angst, ich will euch nicht mit einer langen Ansprache langweilen«, begann er schmunzelnd, »Ich möchte nur noch einmal mit euch auf den Geburtstag meiner einzigen Tochter anstoßen.«
Er hob sein Glas und prostete Cynthia zu. »Ich wünsche dir für dein neues Lebensjahr alles Gute, und dass du weiterhin so glücklich bist wie bisher. Und natürlich, falls ich das mal so salopp anfügen darf, dass du hoffentlich bald in den Genuss von Mutterfreuden kommst. Auch wenn du noch jung bist, und deine biologische Uhr längst nicht abgelaufen ist – man kann nicht früh genug anfangen, für Nachwuchs zu sorgen.«
Mit einem kleinen Zwinkern in Davids Richtung fügte er dann noch hinzu: »Ich bin mir sicher, dass dein Mann das genauso sieht.«
Alle klatschten, das Kristall der Gläser klirrte leise aneinander, und David war froh, dass ihm dadurch eine Antwort erspart blieb. Mit einem gezwungenen Lächeln prostete er den anderen zu, bemüht, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
Obwohl David es kaum abwarten konnte, dass der Abend zu Ende ging, unterhielt er sich nach dem Essen höflich mit den Anwesenden, sprach mit seinem Schwiegervater über ein paar geschäftliche Dinge, und atmete erleichtert auf, als sich schließlich nach Mitternacht die Tür hinter dem letzten Gast schloss.
»Ich gehe schlafen«, erklärte er kurz angebunden in Cynthias Richtung und stieg die Treppe hinauf.
Sie folgte ihm, und während er sich auszog, drapierte sie sich auf dem Bett und lächelte ihn an.
»War das nicht ein schöner Abend?«
»Reichlich übertrieben, wenn du mich fragst«, knurrte er ungehalten, »Ich möchte lieber nicht wissen, was das alles gekostet hat.«
»Keine Sorge, das bezahlt mein Vater«, gab sie zufrieden zurück.
»Ja, natürlich, wie konnte ich auch nur daran zweifeln«, erwiderte er zynisch. »Nur das Beste für seine einzige Tochter.«
»Als er dir dein Studium finanziert hat, warst du nicht so zimperlich«, zischte sie vorwurfsvoll, und er zuckte zusammen.
»Ja, und ehrlich gesagt, bereue ich es auch sehr, dass ich mich darauf eingelassen habe.«
Für einen kurzen Moment verengten sich Cynthias Augen zu zwei kleinen Schlitzen, dann lächelte sie und schlug einen versöhnlichen Ton an.
»Jetzt komm schon, schließlich geht es dir damit nicht so schlecht. Du hast ein schönes Zuhause, einen gutbezahlten Job, wirst irgendwann einmal die Firma übernehmen – das Einzige, was du dafür tun musst, ist für ein Enkelkind zu sorgen.«
Einladend klopfte sie mit der Hand neben sich aufs Bett. »Vielleicht solltest du dir in dieser Hinsicht etwas mehr Mühe geben.«
David starrte sie an, sah ihr aufgedunsenes Gesicht und ihren übergewichtigen Körper, und bemühte sich krampfhaft, sich seine Abneigung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Seit dem Beginn ihrer Ehe hatte Cynthia, durch den übermäßigen Genuss von Pralinen und das untätige Herumliegen auf der Couch, mindestens zwanzig Kilo zugenommen, und diese Tatsache trug nicht gerade dazu bei, irgendwelche Lüste in ihm zu wecken.
»Es war ein langer Tag, ich bin müde«, sagte er ausweichend, während er sich ins Bett legte und ihr den Rücken zudrehte.
»Du bist immer müde«, erklärte sie vorwurfsvoll, und presste sich an ihn. »Aber wir werden kein Kind bekommen können, wenn du mich nicht anrührst.«
»Würdest du mich jetzt bitte schlafen lassen?«, brummte er und rutschte ein Stück von ihr weg.
»Wie du willst«, zischte sie wütend und knipste das Licht aus, »aber du solltest dir langsam darüber klar werden, dass eine Scheidung heutzutage sehr schnell erledigt ist. Wenn du nicht willst, dass mein Vater dich aus der Firma wirft und sein Geld zurück verlangt, wäre es an der Zeit, ein bisschen umgänglicher zu werden.«
Hilflos starrte David in die Dunkelheit und wünschte sich, er hätte sich niemals auf diese Ehe eingelassen.

Ein paar Tage vergingen, ohne dass Megan David noch einmal zu Gesicht bekam, und sie war ein wenig enttäuscht. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie die gemeinsamen Stunden mit ihm vermisste, und ein bisschen hatte sie gehofft, dass er vielleicht doch noch irgendetwas für sie zu tun haben würde.
»Hör auf mit diesem Unsinn«, schalt sie sich, »seine Unterlagen sind sortiert, er braucht dich jetzt nicht mehr.«
Während sie sich bemühte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, ertappte sie sich jedoch immer wieder dabei, dass sie an David dachte, und als er eines Morgens plötzlich vor ihr stand, blieb ihr beinahe das Herz stehen.
»Guten Morgen«, lächelte er, und sie quetschte ebenfalls ein verlegenes »Guten Morgen« heraus.
»Wie sieht es aus, hätten Sie ein bisschen Zeit für mich? Ich würde gerne Ihre PC-Kenntnisse in Anspruch nehmen.«
Überrascht schaute sie ihn an, und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Jennifer und Bridget voller Neugier die Hälse reckten, um ja kein Wort zu verpassen.
»Eigentlich habe ich viel zu tun«, sagte sie abwehrend, »worum geht es denn?«
»Nun, ich habe mir vorgenommen, unsere ganzen alten Vertrags-Formulare zu aktualisieren. Da stehen teilweise noch alte Beträge drin, und es fehlen wichtige Klauseln. Da ich mich allerdings mit Formularerstellung so gut wie gar nicht auskenne, könnte ich dabei ein wenig Hilfe gebrauchen.«
»Ehrlich gesagt habe ich davon auch nicht viel Ahnung«, erklärte Megan, in dem Bewusstsein, dass auch nur ein falsches Wort von ihr die Kolleginnen wieder zu wilden Spekulationen und anzüglichen Bemerkungen anstacheln würde. »Und wie gesagt, ich habe ziemlich viel zu tun.«
Doch David ließ sich nicht beirren. »Gut, dann erledigen Sie zuerst Ihre Arbeit hier, und kommen am Nachmittag zu mir ins Büro.«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verschwand, und Megan blieb völlig perplex zurück.
»Kommen Sie heute Nachmittag zu mir ins Büro«, äffte Jennifer David spöttisch nach, und Bridget fiel sofort ein.
»Aber eigentlich habe ich viel zu tun«, ahmte sie Megan mit verstellter Stimme nach, und beide lachten.
»Ganz schön clever von dir«, sagte Jennifer dann giftig, »Erzählst ihm, dass du tagsüber zu beschäftigt bist, damit du nach Feierabend zu ihm ins Büro gehen kannst.«
Wortlos schüttelte Megan den Kopf, und vertiefte sich dann wieder in ihre Arbeit, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Gedanken bereits zum Nachmittag wanderten, und ihr Herz dabei ein wenig klopfte.

 

9

Endlich war es Feierabend, und ein wenig unruhig fuhr Megan mit dem Fahrstuhl nach oben.
Als sie nach kurzem Anklopfen Davids Büro betrat, saß er an seinem Schreibtisch, und schaute lächelnd auf.
»Schön dass Sie da sind«, sagte er, und Megan hatte den Eindruck, dass er sich tatsächlich freute, sie zu sehen.
»Hör auf dir da etwas einzureden«, maßregelte sie sich in Gedanken, und schaute ihn abwartend an.
Er winkte sie zu sich an den Schreibtisch und drückte ihr ein Blatt in die Hand.
»Das sind die Vertragsformulare, mit denen wir momentan arbeiten, und sie sind absolut nicht mehr zeitgemäß. Überarbeiten halte ich für sinnlos, ich hätte gerne etwas komplett Neues, und zwar nach Möglichkeit so, dass man das bequem am PC ausfüllen kann. Am besten so, dass die ganzen Berechnungen automatisch erfolgen, es wäre also ein bisschen Programmierarbeit nötig. Trauen Sie sich so etwas zu?«
Megan warf einen kurzen Blick auf den Vertrag.
»Ich weiß nicht, ich habe so etwas auch noch nie gemacht«, erklärte sie zögernd.
»Nun, ich denke, zusammen kriegen wir das hin«, lächelte er, »also, wie sieht es aus – haben Sie Lust dazu?«
Am liebsten hätte sie spontan ja gesagt, die Aussicht, mit David zusammenzuarbeiten, gefiel ihr sehr, doch dann dachte sie wieder an die Bemerkungen der Kolleginnen, und sie biss sich nervös auf die Lippe.
»Wie gesagt, eigentlich habe ich viel zu tun«, murmelte sie dann zurückhaltend, »ich weiß nicht, ob ich die Zeit dafür habe.«
Einen Moment lang schaute er sie durchdringend an, und sie bereute schon, nicht gleich zugesagt zu haben. Bestimmt würde er sich jetzt jemand anderen suchen, und sie nie wieder um etwas bitten.
Doch zu ihrem Erstaunen schien er ihr Zaudern keineswegs übel zu nehmen.
»Okay, ich will Sie natürlich auch nicht von ihrer gewohnten Arbeit abhalten«, erklärte er, »Wie wäre es, wenn wir uns ein oder zweimal in der Woche nach Ihrem Feierabend hier zusammensetzen würden?« Als er Megans überraschtes Gesicht bemerkte, fügte er schnell hinzu: »Natürlich erhalten Sie dafür offizielle Überstunden.«
Schweigend schaute sie ihn an, während in ihrem Kopf die Gedanken ratterten. Sie dachte an die spitzen Bemerkungen von Jennifer und Bridget, und dass es vermutlich noch mehr Gerede geben würde, wenn sie sich jetzt darauf einließ. Dann dachte sie an Brad, dachte daran, wie er auf diese Überstunden reagieren würde, und dass sie ihn vermutlich belügen musste, um nicht weiteren Ärger heraufzubeschwören.
Irgendetwas in ihrem Inneren warnte sie, riet ihr, nein zu sagen, doch als sie Davids Blick sah, der sich fest in den ihren bohrte, nickte sie schließlich.
»Also gut, ich bin einverstanden.«
»Sehr schön«, lächelte er zufrieden, »ich hatte gehofft, dass Sie zusagen.«
Während Megan sich im Stillen fragte, ob es wirklich richtig gewesen war, sich darauf einzulassen, blätterte er in seinem Terminkalender.
»Ich würde gerne so schnell wie möglich damit anfangen. Wie sieht es bei Ihnen aus, haben Sie morgen schon etwas vor?«
Als sie nur stumm den Kopf schüttelte, lächelte er wieder.
»Gut, dann sehen wir uns morgen Nachmittag. Und bringen Sie etwas Zeit mit, wir werden bestimmt eine Weile brauchen.«
»Okay«, murmelte sie unbehaglich und wandte sich dann zur Tür.
»Ich freue mich schon«, hörte sie ihn noch leise sagen, dann war sie draußen im Flur.
Mit weichen Knien lehnte sie sich einen Moment gegen die Wand und atmete ein paar Mal tief durch.
Schließlich raffte sie sich auf und lief zum Fahrstuhl, machte sich dabei energisch klar, dass nichts dabei war, und es sich lediglich um eine ganz normale, zusätzliche Arbeit handelte.
Doch während sie nach Hause fuhr, sah sie wieder Davids graue Augen und seinen eindringlichen Blick vor sich, und ein seltsames Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus.

»Ich gehe heute nach der Arbeit noch mit ein paar Kolleginnen zum Essen«, erklärte Megan am anderen Morgen, als Brad sie misstrauisch dabei beobachtete, wie sie sich sorgfältig zurechtmachte.
»Und dafür donnerst du dich so auf?«
Achselzuckend schaute sie an sich herunter.
»Ich weiß zwar nicht, was an einer normalen Jeans und einer Bluse so ungewöhnlich ist, aber wenn du meinst.«
Sie drehte sich wieder zum Spiegel, knöpfte ihre Bluse zu und schlüpfte dann in ihre Schuhe.
»Und wann gedenkst du, nach Hause zu kommen?«, fragte er giftig.
»Keine Sorge, ich komme nicht spät«, versuchte sie ihn zu beruhigen, und nahm sich im Stillen vor, spätestens um neunzehn Uhr das Büro zu verlassen.
Wenn sie um sechzehn Uhr anfingen, hätten sie drei Stunden, damit würde David sich zufriedengeben müssen. Dafür, dass sie bereit war, freiwillig zusätzlich zu arbeiten, konnte er nicht von ihr verlangen, dass sie sich den ganzen Abend um die Ohren schlug.
»Bis dann«, warf sie Brad noch zu, während sie ihre Tasche nahm, und verschwand dann eilig, bevor er auf die Idee kommen würde, noch weitere unbequeme Fragen zu stellen.

Der Tag schien überhaupt nicht herumgehen zu wollen, immer wieder schaute Megan nervös auf die Uhr, deren Zeiger für ihr Empfinden viel zu langsam vorwärts krochen.
Dann endlich war es sechzehn Uhr. Bevor sie in den fünften Stock hinauf fuhr, ging sie rasch noch einmal den Waschraum, kämmte sich die Haare und trug noch ein wenig Parfum auf. Zufrieden machte sie sich dann auf den Weg und betrat wenig später Davids Büro.
»Hallo, schön, dass Sie da sind«, begrüßte er sie, und sekundenlang blitzten seine Augen erfreut auf.
Dann deutete er auf den Stuhl vor seinem PC und bat sie, Platz zu nehmen.
»Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht, wie das neue Formular aussehen soll, aber vielleicht haben Sie ja auch noch ein paar Vorschläge«, erklärte er, während er über ihre Schulter hinweg ein Programm öffnete. »Außerdem habe ich diese Software hier besorgt, ich denke, damit lässt sich das am besten bewerkstelligen.«
Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie, und zusammen machten sie sich mit den Funktionen des Programms vertraut.
Unsicher begann Megan dann, einen ersten Entwurf zu erstellen, während er neben ihr saß und ihr zuschaute. Ab und zu nahm er ihr die Maus aus der Hand, erklärte ihr, was er anders haben wollte, und zeigte ihr, was er sich vorstellte.
Völlig konzentriert werkelten sie vor sich hin, und als Megan irgendwann auf die Uhr sah, bemerkte sie, dass es bereits auf zwanzig Uhr zuging.
»Es tut mir sehr leid, aber ich muss jetzt nach Hause«, erklärte sie bedauernd und stand auf.
»Kein Problem, wir machen ein anderes Mal weiter«, nickte David und fuhr den PC herunter. »Wann hätten Sie denn wieder Zeit?«
Megan überlegte kurz. Der Nachmittag hatte ihr solchen Spaß gemacht, dass sie am liebsten am nächsten Tag gleich weitergemacht hätte, doch ihr war klar, dass sie nicht zwei Tage hintereinander so spät nach Hause kommen konnte. Außerdem hatte Lisa am Wochenende Geburtstag, sie musste noch ein paar Geschenke besorgen und alles für die Feier vorbereiten, also hätte sie sowieso keine Zeit.
»Vielleicht am Montag?«, schlug sie zaghaft vor, er lächelte.
»In Ordnung«, stimmte er zu, »dann am Montag um die gleiche Zeit.«
Zusammen verließen sie das Büro und fuhren im Fahrstuhl nach unten. Wie selbstverständlich begleitete er sie noch über den Parkplatz zu ihrem Wagen.
»Danke, und einen schönen Abend noch«, wünschte sie ihm leise, während sie ihr Auto aufschloss.
Eine kalte Windböe fegte über den verlassenen Parkplatz und ließ sie frösteln. Fürsorglich öffnete er ihr die Wagentür.
»Steigen Sie schnell ein, ich möchte nicht, dass Sie sich erkälten«, sagte er schmunzelnd, »sonst muss ich mich ohne Sie mit dem Formular herumplagen, und das würde ich sehr schade finden, wir sind ein gutes Team.«
Megan stieg ein und ließ den Motor an.
»Dann bis Montag, gute Nacht«, verabschiedete er sich, und wenig später rollte Megan langsam zur Ausfahrt, während sie im Rückspiegel sah, wie er immer noch da stand und ihr hinterher schaute.

 

10

Obwohl Megan immer wieder versuchte, sich vor Augen zu halten, dass Davids Interesse an ihr rein beruflich war, wünschte sie sich doch während der nächsten Tage sehnsüchtig den Montag herbei.
Abwesend erledigte sie ihre gewohnte Arbeit, besorgte Lisas Geburtstagsgeschenke und bereitete alles für die Feier vor, während ihre Gedanken immer wieder zu David wanderten.
Am Samstag Nachmittag saß sie zusammen mit Julie bei einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer, während Brad sich ausnahmsweise einmal nützlich machte und sich um Lisa und ihre Geburtstagsgäste kümmerte, die ausgelassen in Lisas Zimmer herumtobten.
»Megan?«
Erschrocken zuckte sie hoch.
»Was?«
»Ich habe dich gerade gefragt, ob wir nächste Woche mal wieder zusammen einen Einkaufsbummel machen wollen«, erklärte Julie schmunzelnd, »Wo um Himmels willen bist du denn mit deinen Gedanken?«
»Ich … entschuldige«, sagte Megan, »ich habe gerade überlegt, dass ich froh bin, wenn die Rasselbande nachher verschwunden ist.«
Vorwurfsvoll schüttelte Julie den Kopf. »Süße, du weißt, dass du mich nicht anschwindeln kannst. So wie du gerade geschaut hast, hast du garantiert nicht daran gedacht.«
Als Megan verlegen den Kopf senkte, fügte sie hinzu: »Soll ich mal raten? Ich glaube, dieser David spukt dir in deinem Kopf herum.«
»Quatsch, wie kommst du denn darauf?«, wehrte Megan hastig ab, doch ihr Gesicht verfärbte sich verräterisch. »Du hast wohl schon vergessen, dass er verheiratet ist, genauso wie ich«, sagte sie energisch, doch offenbar eine Spur zu heftig, denn Julie grinste nur.
»Als ob das ein Hindernis wäre.«
»Julie, hör bitte auf damit«, murmelte Megan frustriert, »es ist alles auch so schon schwer genug.«
»Hast du dich in ihn verliebt?«
»So ein Unsinn. Ja zugegeben, er sieht gut aus, er ist sehr nett, und ich mag ihn ganz gut leiden. Aber er ist mein Chef, und weder er noch ich können uns irgendwelche Dummheiten erlauben. Wir arbeiten zusammen, und dabei wird es auch bleiben.«
Nachdenklich schaute Julie die Freundin an.
»Und du denkst wirklich, dass er dich nur um diese Überstunden bittet, weil es ihm um die Arbeit geht?«
»Natürlich, was denn sonst«, erklärte Megan im Brustton der Überzeugung. »Du denkst doch nicht etwa, dass er irgendwelche anderen Absichten hat?«
»Keine Ahnung, schließlich kenne ich ihn nicht«, sagte Julie zögernd. »Aber irgendwie habe ich so das dumpfe Gefühl, dass du mit dem Feuer spielst, und ich hoffe, dass du dir nicht die Finger daran verbrennen wirst.«

Julies Worte gingen Megan nicht mehr aus dem Kopf. Während des ganzen restlichen Wochenendes grübelte sie herum, ob sie tatsächlich anfing, mehr als einen Chef oder Arbeitskollegen in David zu sehen. Gleichzeitig fragte sie sich, ob er bei diesen Überstunden wirklich irgendwelche Hintergedanken hatte, oder ob es ihm tatsächlich nur darum ging, eine willige Arbeitskraft zu seiner Unterstützung zu finden.
Doch schließlich kam sie erneut zu der Überzeugung, dass er mit Sicherheit nichts Schlimmes im Schilde führte, es gab zu viel, was dagegen sprach. Aufgrund seiner Ehe war es sehr unwahrscheinlich, dass er mit dem Gedanken an einen Seitensprung spielte, dafür würde er zu viel riskieren, und außerdem hätte er dann vermutlich sein Ziel schon etwas direkter angesteuert. Kein Mann würde sich die Mühe machen, sich über Wochen hinweg um eine Frau zu bemühen, nur um ein bisschen Spaß zu haben. Dass er irgendwelche anderen Gefühle für sie hegte, war vollkommen ausgeschlossen. Warum sollte er sich ausgerechnet in sie verlieben, wo es so viele attraktivere und hübschere Frauen in der Firma gab, abgesehen davon, dass er immerhin eine Frau hatte.
»Es ist also alles völlig harmlos«, beruhigte sie sich im Stillen, während sie sich am Montag Nachmittag wie verabredet auf den Weg zu Davids Büro machte.
Trotz ihrer Bedenken hatte Julie ihr ein Alibi verschafft, indem sie Brad erklärt hatte, dass sie zusammen ins Kino gehen würden, und zu ihrer Erleichterung hatte er ausnahmsweise einmal kein großes Theater gemacht.
David erwartete sie bereits, und wie bereits in der letzten Woche hatte sie das Gefühl, dass er sich freute, sie zu sehen.
»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht«, sagte Megan, nachdem sie sich begrüßt hatten, und legte ihm ein kleines, mit Alufolie umwickeltes Päckchen auf den Tisch.
Gespannt öffnete er die Folie, und schaute überrascht auf die drei Stücke Kuchen, die sie auf einen Pappteller gelegt hatte.
»Kuchen – womit habe ich das denn verdient?«, fragte er lächelnd, und biss genüsslich in eines der Stücke hinein.
»Meine Tochter hatte am Wochenende Geburtstag, und es war noch so viel übrig«, erklärte Megan, und hielt ein wenig die Luft an, fragte sich, wie er auf diesen dezenten Hinweis reagieren würde.
Doch er schien nicht im Geringsten erstaunt zu sein.
»Haben Sie den selbst gebacken?«, fragte er, und biss noch einmal ein großes Stück ab.
»Ja«, murmelte sie unbehaglich, als ihr bewusst wurde, dass er vermutlich deshalb nicht allzu sehr überrascht war, weil er mit Sicherheit in ihre Personalakte geschaut hatte.
»Sehr lecker«, nickte er, und schob dann den Teller beiseite. »Leider komme ich sonst nicht in den Genuss von selbstgebackenem Kuchen«, fügte er bitter hinzu, und irritiert schaute Megan ihn an.
Bevor sie jedoch dazu kam, sich über diese Bemerkung weitere Gedanken zu machen, war er schon aufgestanden und überließ ihr seinen Platz.
»Dann wollen wir mal weitermachen – setzen Sie sich.«
Wie in der Woche zuvor saßen sie nebeneinander am PC, konzentrierten sich völlig auf ihre Arbeit, und als Megan schließlich nervös auf die Uhr schaute, waren sie beinahe fertig.
»Ich sehe schon, Sie möchten Feierabend machen«, lächelte er, als er ihren Blick bemerkte, »dann will ich Sie auch nicht aufhalten – obwohl ich gerne noch ein wenig weitergearbeitet hätte.«
»Es tut mir leid, aber ich muss nach Hause.«
»Ja, sicher.«
Sie räumten alles zusammen und verließen dann gemeinsam das Büro.
»Wer passt eigentlich auf Ihre Tochter auf, wenn Sie hier sind?«, wollte er plötzlich wissen, als sie im Fahrstuhl nach unten fuhren, und Megan zuckte zusammen.
»Mein Mann«, murmelte sie unbehaglich, während sie krampfhaft überlegte, warum er jetzt auf einmal anfing, sie nach privaten Dingen zu fragen, die ihn nichts angingen.
Einen Augenblick schaute er sie forschend dann, dann fragte er leise: »Und das funktioniert alles gut?«
Im selben Moment wurde ihr schlagartig heiß und kalt, es war offensichtlich, dass er nicht nur von ihrer Tochter, sondern auch von ihrer Ehe sprach, und hilflos senkte sie den Kopf.
»Es muss irgendwie«, sagte sie abwehrend, und offenbar verstand er, dass sie nicht weiter über dieses Thema sprechen wollte, denn er hakte nicht weiter nach.
Schweigend liefen sie über den Parkplatz.
»Hätten Sie diese Woche denn noch einmal Zeit für mich?«, fragte er beinahe zaghaft.
»Ich … ich weiß nicht, ich muss schauen«, erklärte sie zögernd, noch immer völlig aufgewühlt von seiner Fragerei im Fahrstuhl.
»In Ordnung, ich melde mich bei Ihnen«, nickte er, »kommen Sie gut nach Hause.«
»Bis dann«, sagte sie und stieg hastig in ihren Wagen.
Wie beim letzten Mal blieb er stehen und schaute ihr nach.
»Es ist rein beruflich«, versuchte Megan ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen, während sie langsam davon fuhr, »rein beruflich, weiter nichts.«

 

11

Nachdem Megans Wagen verschwunden war, stand David noch eine ganze Weile bewegungslos da und starrte vor sich hin.
Dann wandte er sich um und ging langsam über den Parkplatz zurück zu seinem Auto. Automatisch ließ er den Motor an, legte den Gang ein und wollte schon losfahren, doch dann hielt er inne. Irgendwie verspürte er nicht das geringste Bedürfnis, nach Hause zu fahren, und noch weniger hatte er Lust, Cynthia zu sehen und sich wieder ihrem Gebettel nach einem Kind auszusetzen.
Nach kurzem Überlegen angelte er sein Handy aus der Jackentasche, suchte Ricks Nummer aus dem Adressbuch heraus und drückte entschlossen die Ruftaste.
»Hey, ich bin es«, sagte er erleichtert, als der Freund sich nach zweimaligem Klingeln meldete, »bist du zu Hause? Ich würde gerne auf ein Bier vorbeikommen.«
»Ja klar, aber du müsstest was zu trinken mitbringen, in meinem Kühlschrank herrscht gähnende Leere.«
»In Ordnung, mache ich«, versprach David schmunzelnd.
»Ach, und wenn du schon auf dem Weg bist – du kommst nicht zufällig an einer Pizzeria vorbei?«, fragte Rick hoffnungsvoll, und David lachte.
»Von mir aus auch das, ich weiß ja, dass du ewig hungrig und ewig abgebrannt bist. Bis gleich.«
Eine knappe halbe Stunde später stand er mit einem Sechserpack Bier und zwei Kartons mit Pizza unter dem Arm vor Ricks Wohnungstür, und kurz darauf saßen sie im Wohnzimmer der kleinen Junggesellenbude und ließen es sich schmecken.
Sie unterhielten sich einen Augenblick über alles Mögliche, dann fiel Ricks Blick auf das Kuchenpäckchen, welches David ebenfalls mit nach oben gebracht und auf den Tisch gelegt hatte.
»Was hast du denn da drin?«
»Kuchen.«
»Kuchen? Sag bloß, deine Frau entdeckt doch noch die Welt des Kochens und Backens für sich«, fragte Rick trocken.
»Das glaubst du doch wohl selbst nicht, bevor Cynthia auch nur einen Finger in der Küche krumm macht, friert eher die Hölle ein«, erwiderte David missmutig. Dann lächelte er. »Nein, den Kuchen habe ich von einer Mitarbeiterin in der Firma bekommen.«
Rick grinste. »Aha, das ging aber schnell. Kaum ein paar Wochen dort, und schon hast du die Frauen so um den Finger gewickelt, dass sie dir sogar Kuchen backen.«
Als er Davids angespanntes Gesicht bemerkte, wurde er ernst. »Oh, ich verstehe – es scheint sich wohl nicht nur um Kuchen zu handeln.«
David seufzte. »Nein, ich fürchte, es geht um wesentlich mehr als nur um Kuchen«, sagte er leise.
»Bist du etwa im Begriff, irgendwelche Dummheiten zu machen?«, fragte Rick besorgt. »Mensch, David, ich kann ja völlig verstehen, dass du mal wieder eine Frau brauchst, aber muss das ausgerechnet in der Firma sein? Wenn Cynthias Vater das rauskriegt, kommst du in Teufels Küche.«
»Es geht nicht um Sex«, erklärte David unglücklich, um seine Aussage dann mit einem schiefen Grinsen einzuschränken. »Zumindest nicht nur, obwohl ich sagen muss, dass ihre Beine schon einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben.«
Rick runzelte die Stirn, und David erzählte ihm, wie er Megan vor dem Eingang zur Firma kennengelernt hatte, und dass er seitdem ab und zu nach Feierabend mit ihr zusammenarbeitete.
»Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich muss dauernd an sie denken, und verbringe jetzt schon den lieben langen Tag damit, mir zu überlegen, was ich mir als Nächstes einfallen lasse, um sie wenigstens ab und zu in meiner Nähe zu haben.«
»Du weißt ganz genau, was mit dir los ist«, erwiderte Rick trocken, »du hast dich bis über beide Ohren in diese Frau verliebt.«
Hilflos zuckte David mit den Schultern. »Ja, sieht wohl so aus.«
»Dann mach eben Nägel mit Köpfen und trenne dich von Cynthia. Ich verstehe sowieso nicht, was dich überhaupt noch bei ihr hält. Diese Ehe war der größte Fehler, den du je gemacht hast, und je eher du das hinter dich bringst, desto besser für dich. Außerdem kannst du dich dann ganz in Ruhe mit dieser Megan treffen, und musst keine Angst haben, dass es einen riesigen Knall gibt, wenn irgendjemand etwas herausbekommt.«
»Wenn es nur so einfach wäre«, seufzte David. »Denkst du, dass ich nicht schon selbst darüber nachgedacht habe? Aber wenn ich mich von Cynthia scheiden lasse, wird ihr Vater sofort das Geld zurückhaben wollen, das er mir fürs Studium geliehen hat, und das sind immerhin satte 20.000 Dollar, die ich nicht habe. Ich sitze also in der Falle, zumindest so lange, bis ich dieses blöde Geld zurückgezahlt habe. – Und was Megan anbelangt: Zum einen ist sie ebenfalls verheiratet, und zum anderen habe ich keine Ahnung, ob sie überhaupt nur annähernd ahnt, was in mir vorgeht. Ich habe mir natürlich bisher nichts anmerken lassen, und scheinbar geht sie davon aus, dass ich nur an ihrer Arbeitskraft interessiert bin.«
»Dann sag ihr eben, was los ist«, erwiderte Rick pragmatisch.
»Wie stellst du dir das vor?«, fragte David abwehrend, »Soll ich mich einfach vor sie hinstellen, und ihr erklären, dass ich mich in sie verliebt habe? Damit sie dann im schlimmsten Fall zu meinem Schwiegervater geht und ihm etwas von sexueller Belästigung erzählt?«
»Denkst du, das würde sie tun?«
»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen«, gab David zögernd zu, »Aber trotzdem kann ich das nicht einfach so machen, es steht zu viel auf dem Spiel.«
Rick schüttelte verständnislos den Kopf.
»Was steht denn auf dem Spiel? Deine tolle Ehe? Die Tatsache, dass dein Schwiegervater von dir erwartet, dass du seine Tochter bespringst, um ihm einen Erben zu zeugen? Es tut mir leid, dass ich dir das so offen sagen muss, aber der Alte hat seiner Tochter einen Zuchthengst gekauft, mehr nicht – willst du das wirklich mit dir machen lassen?«
»Er wird kein Enkelkind bekommen, das kann er sich abschminken«, sagte David düster, »ich kann mich nicht überwinden, Cynthia anzurühren, allein der Gedanke daran stößt mich ab.« »Das wird sie sich aber auch nicht ewig gefallen lassen, das dürfte dir doch wohl klar sein. Irgendwann wirst du wohl oder übel tun müssen, was von dir erwartet wird.«
»Auf gar keinen Fall, das Letzte was ich im Sinn habe, ist ein Kind mit Cynthia in die Welt zu setzen«, fuhr David ihn verärgert an. Dann fügte er etwas ruhiger hinzu: »Sag mir lieber, was ich jetzt machen soll.«

 

12

Ein paar Tage lang sah und hörte Megan nichts von David, und sie fragte sich, ob er zu beschäftigt war, oder ob ihn die Tatsache, dass sie genauso verheiratet war wie er, abgeschreckt hatte. Eigentlich hätte sie froh darüber sein müssen, dass die ganze Geschichte offenbar im Sande verlaufen war, zumindest war es das, was ihr Verstand ihr sagte. Doch tief in ihrem Inneren vermisste sie ihn, und wünschte sich, er würde sich wenigstens wie versprochen bei ihr melden.
Als er dann auf einmal wieder völlig unerwartet vor ihrem Schreibtisch stand, klopfte ihr das Herz bis zum Hals.
»Hallo Mrs. Turner«, begrüßte er sie, und sie brachte mit Ach und Krach ebenfalls ein leises »Hallo« heraus.
Er legte ihr den Entwurf ihres Formulars auf den Tisch.
»Ich habe noch ein bisschen daran weitergearbeitet, aber ich muss gestehen, dass ich ohne Sie nicht wirklich vorankomme.«
Kurz schaute Megan auf das Blatt und dann zu David, doch er mied ihren Blick, starrte scheinbar sehr konzentriert auf den Zettel, und ihr war sofort klar, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte.
Sofort verdoppelte sich ihr ohnehin schon rasender Herzschlag, und mühsam versuchte sie, zumindest äußerlich die Ruhe zu bewahren, denn sie bemerkte bereits wieder die lauernden Blicke der Kolleginnen.
»Jedenfalls«, er räusperte sich, »würde ich es begrüßen, wenn sie bereit wären, mit mir weiterzumachen.«
Megan wusste nicht, woran es lag, aber auf einmal erschienen ihr seine Worte sehr doppeldeutig, und sie schluckte.
»Ja, natürlich, wenn Sie das möchten«, murmelte sie zurückhaltend.
Er beugte sich ein wenig zu ihr herunter und senkte die Stimme. »Gut, wenn Sie es einrichten können, erwarte ich Sie morgen Nachmittag nach Ihrem Feierabend in meinem Büro«, sagte er leise. »Falls es nicht klappen sollte, sagen Sie mir bitte kurz Bescheid.«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, verschwand er wieder nach draußen, und Megan machte sich mit zitternden Händen wieder an ihre Arbeit.
In ihr tobten alle möglichen Gefühle wild durcheinander, und sie hatte alle Mühe, ruhig zu bleiben. Immer mehr hatte sie den Eindruck, dass er nicht nur die Arbeit im Sinn hatte, doch sie fragte sich nach wie vor, was er dann mit diesen Überstunden bezweckte. Dann hielt sie sich wieder vor Augen, dass er verheiratet war, und versuchte energisch, ihre aufkeimenden Empfindungen für ihn aus ihrem Kopf zu verbannen.
»Also, so langsam ist es ja doch ein bisschen auffällig«, riss Jennifer sie stichelnd aus ihren Gedanken. »Man muss ja schon vollkommen blind sein, um nicht zu bemerken, wie verknallt du in ihn bist.«
»Was?«
Irritiert schaute Megan sie an, während sie sich erschrocken fragte, ob man ihr ihre Gefühle tatsächlich so deutlich ansehen konnte.
»Na hör mal, andauernd kommt er hier runter, bittet dich in sein Büro, tuschelt mit dir herum, und ihr macht zusammen Überstunden – noch eindeutiger geht es ja wohl nicht«, erklärte Bridget jetzt triumphierend. Dann wandte sie sich an Karen Miller. »Du bist doch mit seiner Frau befreundet – vielleicht solltest du ihr mal stecken, dass unsere kleine Mrs. Unschuld hier die Absicht hat, sich an ihren Mann ranzumachen.«
Karen, die nie viel sprach, und auch bis jetzt nur schweigend zugehört hatte, grinste amüsiert. »Na, da wird Megan aber nicht viel Erfolg haben. Cynthia hat mir erst letzte Woche erzählt, dass sie und David ein Baby planen – ich glaube kaum, dass ihm da der Kopf nach einem billigen Abenteuer steht«, sagte sie, und bemerkte voller Genugtuung, wie Megan blass wurde. »Tja Megan, tut mir leid, wenn ich dir deine Illusionen rauben muss, aber du solltest dich besser damit abfinden, dass David nicht im Geringsten an dir interessiert ist.«

Die Zeit bis zu ihrem Feierabend verbrachte Megan wie auf glühenden Kohlen; immer wieder hallten Karens Worte durch ihren Kopf, und zusätzlich warfen Jennifer und Bridget ihr immer wieder schadenfrohe Blicke zu.
Um Punkt sechzehn Uhr schnappte sie sich ihre Tasche und verließ fluchtartig das Büro, stürmte nach unten und saß kurz darauf in ihrem Auto.
Völlig aufgelöst preschte sie nach Hause, und als sie gerade die Haustür aufschließen wollte, überlegte sie es sich anders und ging wieder nach unten. Sie legte die wenigen Schritte zum Nachbarhaus zurück und drückte ungeduldig auf Julies Klingel.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte die Freundin überrascht, als sie wenige Sekunden später die Tür öffnete.
»Julie, ich brauche jemand zum Reden«, erklärte Megan hilflos, und ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen.
Die Freundin brachte ihr eine Tasse Kaffee, setzte sich dann zu ihr und schaute sie fragend an. »Was ist los?«
»David und seine Frau wollen ein Kind haben«, platzte Megan aufgebracht heraus, als würde dieser eine Satz alles erklären.
»Nun, ich finde das nicht sehr ungewöhnlich«, sagte Julie trocken, »das soll in einer Ehe ab und zu passieren.«
»Mensch Julie, verstehst du denn nicht? Er kommt dauernd zu mir, bittet mich, nach Feierabend mit ihm zu arbeiten, und dabei will er gar nichts von mir. Vermutlich macht er sich hinter meinem Rücken lustig über mich, amüsiert sich bestimmt über die kleine, dumme Megan, die in ihrer blinden Verliebtheit nichts Besseres zu tun hat als für ihn zu springen, wenn er mit den Fingern schnippt.«
Einen Moment lang starrte Julie sie mit hochgezogenen Augenbrauen schweigend an, dann seufzte sie.
»Okay Süße, sieht wohl so aus, als hätte ich Recht gehabt, und du hast dir gewaltig die Finger verbrannt. Nachdem du jetzt offenbar wenigstens mal bereit bist zuzugeben, dass es doch nicht nur um die Arbeit geht – willst du mir vielleicht in Ruhe erzählen, was passiert ist?«
Nach und nach erzählte Megan, was seit ihrem letzten Gespräch geschehen war, berichtete von Davids Fragen nach Lisa und ihrer Ehe, und schilderte, wie er heute bei ihr gewesen war, und wie die Kolleginnen anschließend darauf reagiert hatten.
Ruhig hörte Julie sich alles an, und nahm dann Megans Hand.
»Jetzt hör mir mal gut zu Süße«, sagte sie leise, »als Erstes möchte ich mal feststellen, dass du dich ziemlich heftig in diesen Kerl verliebt hast, das wirst du ja wohl nicht mehr abstreiten, oder?«
»Nein«, murmelte Megan unglücklich.
»Okay, wenigstens das hätten wir dann schon mal geklärt. Und jetzt weiter: Hast du dir mal überlegt, dass deine netten Kolleginnen strohdumm und wahrscheinlich einfach nur tierisch eifersüchtig sind? Überleg doch mal, schon bevor dieser David da aufgetaucht ist, waren diese Weiber nicht gut auf dich zu sprechen, weil du was auf dem Kasten hast, und ehrgeizig bist. Da ist es doch kein Wunder, dass sie jetzt versuchen, dich fertigzumachen, und dummerweise liefert dein David ihnen auch noch einen handfesten Grund dafür.«
»Das kann ja alles sein, aber Karen ist mit seiner Frau befreundet, und es ist doch immerhin möglich, dass sie die Wahrheit gesagt hat.«
»Ja, und es ist auch möglich, dass der Eskimo einen Kühlschrank in seinem Iglu stehen hat«, gab Julie trocken zurück. »Und selbst wenn es so wäre: Würde das etwas an der Situation ändern? Du magst ihn, und er mag dich scheinbar auch, also vergiss diese blöde Babysache, das hat überhaupt nichts mit dir zu tun.«
»Und ob das etwas mit mir zu tun hat«, protestierte Megan, »was ist, wenn er einfach nur mit mir ins Bett will?«
»Tja, da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder schiebst du deine moralischen Bedenken mal an die Seite und gönnst dir ein wenig Spaß, was ich übrigens nicht für das Verkehrteste halten würde, oder du erklärst ihm klipp und klar, dass es keine weiteren Überstunden mehr geben wird, und hältst dich von ihm fern.«

 

13

Völlig gerädert erschien Megan am nächsten Morgen in der Firma.
Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht, hatte sich unruhig hin und her gewälzt, und die ganze Zeit gegrübelt, was sie jetzt machen sollte. Julies Worte hatten ihr mit erschreckender Deutlichkeit klar gemacht, dass sie über all ihren Gefühlen niemals einen Gedanken daran verschwendet hatte, was geschehen würde, wenn sie und David sich tatsächlich näher kommen würden.
Dabei lag es klar auf der Hand, dass er mit Sicherheit niemals daran denken würde, seine Frau zu verlassen, genauso wenig, wie sie die Absicht hatte, Lisa den Vater wegzunehmen. Also wäre es so oder so nur auf eine Bettgeschichte hinausgelaufen, vielleicht auf eine kurzfristige Affäre, aber mehr nicht.
Immer und immer wieder fragte sie sich, ob es das war, was sie wollte, und zu ihrem Entsetzen konnte sie sich diese Frage nicht beantworten.
Brad gegenüber hatte sie bisher noch nicht erwähnt, dass sie vorhatte, am Abend später nach Hause zu kommen, sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich zu David gehen oder ihm absagen sollte.
Doch als es jetzt allmählich auf sechzehn Uhr zuging, gab sie sich einen Ruck und griff nach dem Telefonhörer.
»Brad? Ich bin es. Ich wollte dir nur kurz Bescheid sagen, dass es heute später wird, ich muss länger arbeiten«, erklärte sie mit gedämpfter Lautstärke, und betete, dass er jetzt nicht auf die Idee kommen würde, ihr am Telefon eine Szene zu machen.
»Schon wieder?«, knurrte er, doch er schien nicht ganz so gereizt wie sonst. »Ausgerechnet heute, ich wollte mit den Jungs zum Bowling gehen.«
»Ich rufe Julie an und frage sie, ob sie auf Lisa aufpasst«, bot Megan hastig an, »ich bin mir sicher, dass sie nichts dagegen hat.«
»Na gut, sie soll rüberkommen und sie abholen.«
Ohne sich zu verabschieden, legte er auf, und mit zittrigen Fingern wählte Megan Julies Nummer.
»Julie bitte, du musst mir einen Gefallen tun«, sprudelte sie hektisch heraus, als die Freundin sich meldete. »Kannst du bitte Lisa zu dir holen und auf sie aufpassen? Brad will zum Bowling, und ich … ich komme erst später nach Hause.«
Julie begriff sofort und zögerte nicht lange.
»Na klar Süße, mache ich. Und ich wünsche dir viel Spaß.«
»Danke«, murmelte Megan bedrückt, und legte wieder auf.
Inzwischen war es sechzehn Uhr durch, die Kolleginnen waren bereits alle gegangen, und sie war die Letzte im Büro. Gerade als sie ihren PC herunterfuhr, ging die Tür auf, und David kam herein.
»Sie sind ja doch noch da – ich dachte schon, Sie wollten mich versetzen.«
Megan warf ihm einen verärgerten Blick zu.
»Tut mir leid, es ist etwas später geworden«, erklärte sie abweisend, während sie sich im Stillen fragte, wieso er sich das Recht herausnahm, bereits nach wenigen Minuten Verspätung hinter ihr herzulaufen.
Schweigend fuhren sie mit dem Fahrstuhl nach oben und saßen kurz darauf vor Davids Computer.
»Also gut, was soll ich machen?«, fragte sie zurückhaltend.
»Wir müssten noch die Formeln für die Berechnung hinterlegen«, erklärte er, »das geht irgendwie über diesen Script-Editor.«
Stumm sah sie ihm zu, wie er in der Anwendung herumklickte, und nachdem er nicht lange brauchte, um die erste Formel einzugeben, war ihr mehr als klar, dass er das genauso gut ohne sie gekonnt hätte.
Erneut stieg Ärger in ihr auf, Ärger über sich selbst, dass sie sich überhaupt wieder darauf eingelassen hatte, und Ärger über ihn, dass er sie in diese unmögliche Situation gebracht hatte.
»Wenn er ja wenigstens mal mit der Sprache herausrücken würde, was er wirklich von mir will«, dachte sie wütend. »Dieses Versteckspiel zerrt allmählich an meinen Nerven.«
»Ich glaube, das hätten Sie auch ganz gut ohne mich hinbekommen«, sagte sie laut, und warf ihm einen unwirschen Blick zu.
Überrascht legte er die Maus weg und schaute sie an.
»Ja, das hätte ich wohl«, gab er dann leise zu.
»Dann frage ich mich, warum ich überhaupt hier bin«, erwiderte sie schroff und stand auf. »Ich sollte wohl besser gehen.«
David stand ebenfalls auf und hielt sie am Arm fest. »Megan – was ist denn los?«
»Was los ist?«, fragte sie aufgebracht und schüttelte seine Hand ab, »Wollen Sie das wirklich wissen? Ich frage mich, was dieses Spielchen hier soll. Seit Wochen lassen Sie mich nach Feierabend hier antanzen, Papiere sortieren, Formulare programmieren, und weiß Gott, welcher Schwachsinn Ihnen noch einfällt, dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie ganz gut alleine klarkommen. Seit Wochen muss ich mir wegen Ihnen die dummen Bemerkungen meiner Kolleginnen anhören, und ich kann Ihnen verraten, dass das alles andere als angenehm ist. Ich habe keine Ahnung, was in Ihrem Kopf vor sich geht, aber falls Sie ein billiges Vergnügen suchen, muss ich Sie leider enttäuschen, dafür werde ich nicht bezahlt«, sprudelte sie wütend heraus, ohne zu bemerken, dass er leichenblass geworden war.
Einen Augenblick lang starrten sie sich schweigend an, dann gewann David seine Fassung wieder.
»Ich glaube, Sie haben vergessen, dass ich verheiratet bin«, sagte er kalt.
»Oh nein, keineswegs, es scheint eher so, als ob Sie das vergessen hätten«, erwiderte Megan zornig.
Bevor er noch etwas sagen konnte, war sie zur Tür gestürmt und stürzte nach draußen, wollte nur noch weg, bevor er sehen konnte, dass ihr die Tränen in den Augen standen.
Wie in Trance öffnete sie die Tür zum Treppenhaus, eilte die Stufen hinab, und rannte förmlich über den Parkplatz zu ihrem Auto.
Blind vor Tränen machte sie sich auf den Heimweg, und in ihrem Kopf hämmerte unablässig nur ein Wort: »Vorbei. Vorbei. Vorbei.«

Es war noch früh, als Megan zu Hause ankam, und Brad würde sicherlich noch nicht weg sein. Da sie sich nicht in der Lage fühlte, ihm jetzt gegenüberzutreten, beschloss sie, solange zu Julie zu gehen, bis er verschwunden war.
Als die Freundin die Tür öffnete, war ihr nach einem kurzen Blick auf Megans verweintes Gesicht sofort klar, dass etwas passiert war.
»Komm rein«, sagte sie mitfühlend, und drückte sie dann kurz an sich.
Sie schob sie ins Wohnzimmer, drückte sie auf die Couch und breitete eine Decke über ihr aus.
»Ich mache uns einen Tee, und dann können wir reden, wenn du möchtest. Lisa ist noch bei ihrer Freundin nebenan, ich hole sie in etwa einer Stunde ab, wir haben also genügend Zeit.«
Wenig später kam sie mit zwei Tassen Tee zurück und setzte sich zu Megan aufs Sofa, und wartete still, bis Megan so weit war, dass sie zu erzählen begann.
»Solltest du nicht eigentlich froh sein, dass es vorüber ist?«, fragte Julie kritisch, als Megan ihre Schilderung beendet hatte.
»Ja, vielleicht sollte ich das, aber ich bin es nicht. Es tut einfach nur weh.«
»Du hast es ziemlich vergeigt«, seufzte Julie, »wie kannst du ihm nur so etwas an den Kopf werfen?«
»Ich weiß es nicht, ich wollte das gar nicht«, erklärte Megan leise, »ich hätte ihm viel lieber etwas ganz anderes gesagt. Aber ich war auf einmal so furchtbar wütend, auf mich, auf ihn, auf die ganze Situation, und da sind mir einfach die Nerven durchgegangen. Du hättest ihn sehen sollen, er war kreidebleich.«
»Das ist ja auch kein Wunder. Versuch dich mal in seine Lage zu versetzen. Die ganze Zeit gibst du ihm das Gefühl, dass du gerne mit ihm arbeitest, dass es dir Spaß macht, mit ihm zusammen zu sein, und vielleicht hat er ja auch ein bisschen gehofft, dass du genau weißt, worauf du dich da eingelassen hast. Und dann machst du ihm aus heiterem Himmel solche Vorwürfe, und beklagst dich mehr oder weniger, dass er die Absicht hätte, dich zu belästigen – welcher Mann würde da wohl ruhig bleiben.«
»Es tut mir so leid«, flüsterte Megan, und wieder stiegen ihr die Tränen in die Augen, »ich hatte doch nicht die Absicht, ihn zu verletzen.«
»Das solltest du nicht mir erklären, sondern ihm.«
»Ich fürchte, dafür ist es jetzt zu spät«, sagte Megan unglücklich. »Es würde mich nicht wundern, wenn er nie wieder ein Wort mit mir redet, falls er nicht sogar dafür sorgt, dass ich rausgeworfen werde.«

 

14

Es vergingen zwei qualvolle Wochen, und wie erwartet ließ David sich weder blicken, noch meldete er sich. Jede Minute rechnete Megan damit, dass sie zum Chef gerufen werden würde, und ihre Kündigung erhalten würde, doch nichts dergleichen geschah.
Krampfhaft verbiss sie sich in ihre Arbeit, betäubte sich, indem sie ohne jegliche Pause durchgehend schuftete; Hunger hatte sie sowieso keinen, und auch keine Lust, sich mit den anderen zu unterhalten.
Sie wurde immer dünner, immer blasser, und immer nervöser. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, oder das Telefon klingelte, zuckte sie zusammen, schwankte zwischen der Hoffnung, dass es David sein würde, und der Angst, dass man sie auf die Straße setzen würde.
Dann hatte sie Urlaub, und zum ersten Mal seit langer Zeit war sie froh, zu Hause zu sein.
Doch dieses Gefühl währte auch nicht lange; Brad ließ sie nicht in Ruhe, versuchte ständig, sie zu begrabschen oder ins Bett zu zerren, und reagierte mit Vorwürfen, wenn sie sich weigerte.
Tagsüber unternahm sie Ausflüge mit Lisa, um Brads Annäherungsversuchen zu entgehen, und nachts verkroch sie sich weinend in Lisas Bett und dachte an David.
Sie fühlte sich wie ein verwundetes Tier auf der Flucht und hatte keine Ahnung, wie sie in wenigen Tagen die Kraft finden sollte, wieder die Firma zu betreten.
Schließlich war ihr Urlaub herum, und mit einem dicken Knoten im Magen fuhr sie zur Arbeit.
Wie immer war sie die Erste, und sie war froh, noch ein wenig Ruhe zu haben.
Sie kochte Kaffee und fuhr dann ihren Computer hoch, überflog rasch die ganzen Mails, die sich während ihrer Abwesenheit angesammelt hatten.
Als sie dabei auf eine Mail stieß, die als dringend gekennzeichnet war, den Absender »William Benson« trug, und im Betreff lediglich das Wort »Termin« stehen hatte, blieb ihr beinahe das Herz stehen.
»Okay, das war es dann wohl«, dachte sie geschockt, während sie zögernd darauf klickte.
«Sehr geehrte Mrs. Turner, ich erwarte Sie am Montag, den 22.1., um zehn Uhr zu einer kurzen Besprechung in meinem Büro.
Mit freundlichen Grüßen
William Benson«

Mehr stand nicht darin, kein Wort, worum es ging, und Megan war völlig klar, dass es sich nur um die Kündigung handeln konnte.
Frustriert löschte sie die Mail, schaute dann noch abwesend die übrigen Nachrichten durch, und kümmerte sich anschließend lustlos um die Post auf ihrem Schreibtisch.
»Na Megan, wie war dein Urlaub?«, hörte sie Bridget irgendwann fragen.
Irritiert schaute sie auf, sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, dass sich das Büro inzwischen gefüllt hatte.
»Danke gut«, sagte sie ausweichend und vertiefte sich wieder ihre Post.
Doch offenbar hatten die Kolleginnen sich all ihre Boshaftigkeiten aufgespart, denn Jennifer fing auch sofort wieder an, zu sticheln.
»Wie hast du das überhaupt ausgehalten, zwei ganze Wochen ohne David zu sehen – das muss sicher schrecklich gewesen sein«, spottete sie, und die anderen fingen an zu kichern.
»Ihr solltet euch lieber um eure Arbeit kümmern«, murmelte Megan tonlos, und bemühte sich, die grinsenden Gesichter zu ignorieren.
Schließlich war es zehn Uhr, und mit schweren Schritten ging Megan hinaus zum Fahrstuhl, fuhr in den fünften Stock hinauf. William Bensons Büro lag nur wenige Meter von Davids Büro entfernt auf dem gleichen Korridor, und unwillkürlich hielt sie die Luft an. Doch nichts rührte sich, und mit einem flauen Gefühl im Magen betrat sie das Vorzimmer ihres Chefs.
»Guten Morgen«, wurde sie freundlich von seiner Sekretärin begrüßt, »Sie können gleich hineingehen.«
»Danke«, sagte Megan leise, klopfte kurz an die Tür und betrat dann zaghaft William Bensons Büro.
»Hallo Mrs. Turner«, begrüßte er sie höflich, und bot ihr dann einen Platz an.
»Wie Sie wissen, bin ich kein Freund langer Reden«, begann er wie gewohnt, »daher möchte ich auch gleich zur Sache kommen.«
»Oh mein Gott«, dachte Megan unglücklich, »jetzt ist es also wirklich so weit, in ein paar Sekunden bin ich meinen Job los.«
»Wie mein Schwiegersohn mir mitgeteilt hat, haben Sie außerordentlich gute Arbeit geleistet, und ich möchte mich dafür auch noch einmal bei Ihnen bedanken. Da ich es immer gerne honoriere, wenn jemand sich so sehr für die Firma engagiert, möchte ich Ihnen eine kleine Gehaltserhöhung anbieten, ich denke, das haben Sie sich redlich verdient.«
Megan starrte ihn an, und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
»Darüber hinaus sind mein Schwiegersohn und ich uns einig, dass Sie ein wenig gefördert werden sollten, es wäre sehr schade, Ihre Fähigkeiten dort unten in der Abteilung verkümmern zu lassen«, fuhr Benson fort, und Megans Augen wurden immer größer. »Da David unbedingt eine Sekretärin, beziehungsweise Assistentin braucht, und Sie ja schon bewiesen haben, dass Sie diesen Anforderungen gerecht werden können, werden wir Sie ab sofort in dieser Position einsetzen. Das Büro neben dem seinen ist schon hergerichtet, und ich hoffe, Sie werden sich dort wohlfühlen.«
»Was?«, fragte sie ungläubig, während in ihrem Kopf die Gedanken ratterten.
Assistentin.
Davids Assistentin.
Im Büro neben Davids Büro.
Mit David zusammenarbeiten, öfter und enger als je zuvor.
»Ich … ich … aber …«, stammelte sie hilflos, immer noch nicht wirklich begreifend, dass sie das alles nicht nur träumte.
William Benson runzelte die Stirn.
»Es sei denn, Sie möchten nicht, aber«, er legte ein wenig Nachdruck in seine Worte, »Sie sollten sich das gut überlegen, denn noch einmal werden Sie eine solche Chance nicht bekommen.«
»Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll«, erklärte sie entgeistert.
»Nun, am besten ‚Ja‘. Ich glaube, mein Schwiegersohn wäre sehr enttäuscht, wenn Sie ablehnen würden, er hat sich sehr für Sie eingesetzt, und freut sich bereits auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.«
Megan hatte das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, alles um sie herum schien sich zu drehen.
David.
Er hat das eingefädelt.
Er will mit mir zusammenarbeiten.
»In Ordnung«, nickte sie zaghaft, nachdem sie sich ein wenig gefangen hatte, »ich bin einverstanden.«
»Sehr schön, das freut mich«, lächelte Benson, »aber ich habe auch fest mit Ihrer Zusage gerechnet. Dann gehen Sie jetzt am besten gleich nach unten und packen Ihre Sachen zusammen, es wartet eine Menge Arbeit auf Sie.«
»Jetzt gleich?«, fragte sie erschrocken, und ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Panik.
Sie hatte damit gerechnet, die Nachricht in Ruhe verdauen zu können, und sich noch ein paar Tage darauf vorbereiten zu können, David gegenüberzutreten.
»Ja sicher, je eher, desto besser.«
William Benson stand auf, bedeutete ihr damit, dass das Gespräch beendet war, und vollkommen überrollt trottete sie zur Tür.
»Auf Wiedersehen«, presste sie noch mühsam heraus, dann stakste sie auf weichen Beinen durch das Vorzimmer, verabschiedete sich noch von der Sekretärin und stand kurz darauf am Fahrstuhl.
Nachdem sie so fest damit gerechnet hatte, dass der Chef sie in hohem Bogen hinauswerfen würde, war sie von der Entwicklung der Dinge nun doppelt geschockt, und kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Auf der einen Seite war sie natürlich froh, dass sich ihre Befürchtungen nicht bewahrheitet hatten, auf der anderen Seite ballte sich ein schmerzhafter Knoten in ihrem Magen zusammen, wenn sie daran dachte, dass sie nun täglich mit David zusammentreffen würde.

 

15

»Was hat er sich nur dabei gedacht?«, fragte Megan sich hilflos, während sie nach unten fuhr.
Sie betrat das Büro und begann wortlos, ihre Sachen aus dem Schreibtisch zu räumen.
Jennifer und Bridget beobachteten sie eine Weile, dann grinste Bridget boshaft.
»Na, haben sie dich rausgeworfen? Daran hättest du denken sollen, bevor du hinter dem Schwiegersohn vom Chef hergelaufen bist.«
Ohne eine Antwort zu geben, packte sie ihre wenigen persönlichen Dinge in eine kleine Kiste und verschwand. So sehr sie auch beunruhigt war, über das, was ihr bevorstand, so froh war sie auch, endlich diese ganzen Sticheleien hinter sich lassen zu können.
Mit klopfendem Herzen fuhr sie wieder nach oben, ging über den Korridor, und öffnete zögernd die Tür neben Davids Büro.
Beim Anblick des elegant eingerichteten Raums riss sie überrascht die Augen auf, sie hatte einen kahlen Raum mit einem Schreibtisch erwartet, vielleicht noch ein oder zwei Aktenschränke, aber nicht das.
Vor den beiden großen Fenstern stand ein nagelneuer Schreibtisch aus hellem Holz, daneben ein passender, etwas kleiner PC-Tisch mit einem Laptop darauf. Zwei Aktenschränke aus dem gleichen Holz standen an der einen Wand, ein halbhoher Schrank mit einer Kaffeemaschine darauf an der anderen. Direkt daneben befand sich eine Tür, die vermutlich zu Davids Büro führte, und ein kleiner Besprechungstisch mit vier bequemen Stühlen in der Ecke neben der Tür rundete das Bild ab. Als ihr Blick dann auf den hellgrauen, teuer aussehenden Teppichboden und die Blumentöpfe auf der Fensterbank fiel, war Megan sich sicher, dass sie im falschen Raum war.
»Gefällt es Ihnen?«, hörte sie auf einmal Davids Stimme hinter sich, und erschrocken zuckte sie herum.
»Ich … ja«, stammelte sie verlegen, »aber das hatte ich nicht erwartet.«
»Nun, Sie werden hier ab und zu Kunden oder Gäste für mich empfangen müssen, und da würde ein schäbiges Büro schließlich keinen guten Eindruck machen«, erklärte er kühl, und gab ihr damit klar zu verstehen, dass diese Einrichtung keineswegs für sie angeschafft worden war.
»Natürlich«, murmelte sie und senkte betroffen den Kopf.
»Gut, dann richten Sie sich ein wenig ein, und in einer Viertelstunde erwarte ich Sie in meinem Büro, damit wir alles Weitere besprechen können.«
Ohne ein weiteres Wort verschwand er durch die Zwischentür und ließ Megan total verstört zurück.
Langsam ging sie zum Schreibtisch und ließ sich frustriert auf den Stuhl sinken.
»Okay Megan, was hast du erwartet?«, dachte sie zynisch, während sie ihre Sachen in den Schreibtisch räumte. »Etwa, dass er dir hier um den Hals fallen wird?«
Nach und nach wurde sie etwas ruhiger und machte sich klar, dass es besser war, sämtliche Gefühle für David sofort zu begraben, und sich auf das zu konzentrieren, wofür er sie hierher geholt hatte, nämlich ihre Arbeit.
Wenn er trotz der unschönen Szene an jenem Abend der Meinung war, dass er sie als seine Assistentin haben wollte, dann schien er zumindest ihre Leistung zu schätzen, also hatte er auch das Recht, einhundert Prozent davon zu bekommen.
Sie würden miteinander arbeiten und zurechtkommen müssen, da war kein Platz für irgendwelche Gefühlsduseleien, und sein abweisender Ton hatte das auch sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.
Offenbar war er bereit, den Vorfall zu vergessen, also würde sie das auch tun, und ihren Job zu seiner Zufriedenheit erledigen, dafür wurde sie schließlich bezahlt.

Nachdem sie noch einmal tief Luft geholt hatte, klopfte Megan kurz an die Zwischentür und betrat dann Davids Büro.
Ohne von seinen Unterlagen aufzusehen, deutete er auf einen der Stühle vor seinem Tisch, und sie setzte sich dort hin.
Nach einer ihr endlos erscheinenden Weile hob er schließlich den Kopf und schaute sie an; seine grauen Augen musterten sie kühl, und unbehaglich rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her, wünschte sich, er würde endlich etwas sagen und diese unerträgliche Stille beenden.
»Können Sie Kaffee kochen?«, fragte er plötzlich unvermittelt, und Megan klappte die Kinnlade herunter.
»Was?«, fragte sie irritiert.
»Können Sie Kaffee kochen?«, wiederholte er unwirsch. »Wie ich bereits sagte, Sie werden für mich ab und zu Gäste empfangen müssen, und es wird zu Ihren Aufgaben gehören, für eine entsprechende Bewirtung zu sorgen.«
»Ja, sicher kann ich das«, nickte sie zaghaft.
»Gut, es hätte mich auch sehr gewundert, wenn Sie es nicht könnten.«
Wieder taxierte er sie mit einem forschenden Blick, und Megan spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg.
»Und … was habe ich sonst noch zu tun?«, fragte sie zögernd, um ihn dazu zu bewegen, sie nicht so anzustarren.
»Alles. Ich werde in der nächsten Zeit weitere Aufgaben übernehmen, und brauche dafür einen freien Kopf. Sie werden meine Anrufe entgegennehmen, und meine Termine koordinieren. Sie erledigen die Post und die Ablage sowie sämtliche Schreibarbeiten. Weiterhin kümmern Sie sich um Auswertungen und Statistiken sowie die Vorbereitung von Präsentationen, die ich benötige. Außerdem werden Sie mich nach wie vor bei der Neugestaltung von Dokumenten und anderen organisatorischen Dingen unterstützen, und ich erwarte, dass Sie bei Bedarf dazu bereit sind, Überstunden zu machen«, ratterte er herunter.
Megan schluckte, von der ganzen Aufzählung hallten vor allem die Worte »… unterstützen Sie mich« und »… Überstunden« in ihrem Kopf, und sie presste die Lippen zusammen.
»Es wird bestimmt noch das ein oder andere geben, was ich jetzt hier nicht erwähnt habe, aber das werde ich Sie dann wissen lassen, wenn es so weit ist«, fuhr er ruhig fort, »ich muss mir da selbst erst noch über ein paar Dinge klar werden.«
»Oh mein Gott, wieso hört sich das bloß schon wieder so merkwürdig an?«, schoss es ihr beunruhigt durch den Kopf, »Was zum Teufel hat er vor?«
Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu, doch seine Miene war vollkommen unbeweglich, und so nickte sie schließlich.
»In Ordnung.«
Als er nichts mehr weiter sagte, stand sie auf und ging zur Tür.
»Ach – eines noch«, hielt er sie zurück, und sie drehte sich wieder um.
»Ja?«
»Grundsätzlich ist es okay, wenn Sie in Jeans hier erscheinen, ich bevorzuge auch eher legere Kleidung. Wenn allerdings Termine mit Kunden anstehen, möchte ich Sie bitten, sich entsprechend anzuziehen.«
Sein Ton war nach wie vor kühl, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie ein kaum wahrnehmbares Funkeln in seinen Augen. Sofort war ihr klar, woran er dachte, und sie spürte, wie sie feuerrot wurde.
»Natürlich«, murmelte sie und drehte sich hastig um, flüchtete dann eiligst durch die Tür in ihr Büro.
Mit weichen Knien lehnte sie sich dort an die Wand und fragte sich, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, sich auf diesen Job einzulassen.

 

16

Wider Erwarten gestaltete sich die Arbeit für David angenehm und ohne jegliche Zwischenfälle, sodass Megan allmählich etwas zur Ruhe kam, und in der Lage war, sich völlig auf das Wesentliche zu konzentrieren.
David benahm sich nach wie vor sehr distanziert und zurückhaltend, und sie war froh darüber. Den größten Teil der Zeit bekam sie ihn kaum zu Gesicht, lediglich wenn er ihr neue Aufgaben auftrug, sie ihm die Post brachte oder die von ihr erledigten Dinge mit ihm durchging, sahen sie sich, und diese Zusammentreffen verliefen sachlich und professionell.
Trotz ihrer anfänglichen Befürchtungen, den Anforderungen vielleicht doch nicht gewachsen zu sein, kam sie mit ihren neuen Aufgaben bestens zurecht; sie hatte sich rasch in alles eingearbeitet, und es schien so, als wäre David mit ihrer Arbeitsleistung zufrieden.
Langsam begann sie sich wohlzufühlen, und genoss die Arbeit in ihrem neuen, komfortablen Büro.
Doch je entspannter die Situation auf der Arbeit wurde, desto stressiger gestaltete sich ihr Privatleben.
Wenn sie viel zu tun hatte, nahm sie sich oft noch Arbeit mit nach Hause, um abends nicht länger in der Firma bleiben zu müssen. Dort saß sie dann an ihrem PC, fertigte irgendwelche Diagramme an, tippte seitenlange Aufstellungen, oder entwarf eines der unzähligen Formulare, die David erneuert haben wollte.
»Du hast nur noch deine dämliche Arbeit im Kopf«, hielt Brad ihr dann jedes Mal vor, »kümmere dich lieber um deine Familie, anstatt hier am PC zu sitzen.«
»Genau deswegen nehme ich mir doch die Arbeit mit nach Hause, ich bin doch lieber hier bei Lisa, anstatt im Büro zu sitzen«, rechtfertigte sie sich dann.
»Ich höre von dir nur noch ‚Firma‘, ‚Arbeit‘ und ‚Mr. Warner hinten, Mr. Warner vorne‘«, erklärte er wütend, »du wirst doch nicht dafür bezahlt, dass du hier in deiner Freizeit die Dreckarbeit für diesen Kerl machst.«
»Du hast wohl schon vergessen, dass ich eine Gehaltserhöhung bekommen habe, von der du immerhin auch ganz gut lebst«, zischte sie ihn an, aufgebracht über seine Arroganz und seine ewige Nörgelei. »Ich hätte es nicht nötig, mich so krumm zu schuften, wenn du dir endlich einen Job suchen würdest.«
»Ich werde mir das nicht mehr länger mit anschauen«, tobte Brad ohne jegliches Schuldbewusstsein. »Du kannst es dir aussuchen, entweder hört das hier auf, oder ich werfe diese Kiste aus dem Fenster und werde deinem sauberen Herrn Chef mal einen Besuch abstatten, und ihm ein paar Takte zu dieser Sklaverei erzählen.«
Megan war völlig klar, dass Brad diese Drohung ohne mit der Wimper zu zucken in die Tat umsetzen würde, also gab sie nach und nahm sich keine weitere Arbeit mehr mit nach Hause. Das hatte zur Folge, dass sie oft abends länger im Büro saß, um noch irgendetwas fertigzustellen, was natürlich auch wieder erbitterte Diskussionen mit Brad nach sich zog.
Dennoch hielt sie daran fest, sie war froh, dass man sie nach ihrem Auftritt in Davids Büro an jenem Abend nicht rausgeworfen hatte, und war dankbar für die Chance, die sie stattdessen erhalten hatte. David hatte sein Vertrauen in sie gesetzt, verließ sich darauf, dass sie alles im Griff hatte, und sie würde ihn nicht enttäuschen, da nahm sie lieber den Ärger mit Brad in Kauf.
Die Stimmung zu Hause wurde immer unerträglicher, sodass sie schließlich froh darüber war, wenn sie abends einen Grund hatte, länger in der Firma zu bleiben, und sich nicht Brads Launen und Vorwürfen aussetzen musste. Zwar tat es ihr unendlich leid, dass sie dadurch nicht mehr so viel Zeit mit Lisa verbringen konnte, doch sie wusste, dass Brad zumindest für seine Tochter gut sorgte, und auch Julie kümmerte sich oft sehr liebevoll um die Kleine.

So verging eine geraume Weile, und Megan vergrub sich immer mehr in ihrer Arbeit, betäubte sich regelrecht damit, fand darin ihren Ausweg, weder über ihre häusliche Situation noch über ihre Gefühle für David nachdenken zu müssen, die tief in ihrem Inneren immer noch vor sich hin schwelten.
Als sie an einem Abend wie so oft noch spät an ihrem Schreibtisch saß, ging plötzlich die Tür auf, und David kam herein.
»Was machen Sie denn noch hier?«, fragte er stirnrunzelnd.
Erschrocken drehte sie sich um.
»Ich … ich wollte nur noch schnell etwas fertig machen«, sagte sie verlegen, »ich bin gleich weg.«
Er trat auf sie zu und setzte sich auf eine Kante des Schreibtischs, schaute sie prüfend an.
»Sind Sie abends oft noch länger hier?«
Megan zögerte, nickte dann aber stumm.
»Warum sagen Sie mir nicht, wenn Ihnen das zu viel wird?«
»Es ist mir nicht zu viel, ich mache das gerne«, erklärte sie wahrheitsgemäß, »es ist kein Problem.«
»Möchten Sie denn nicht lieber nach Hause gehen, anstatt hier zu sitzen?«
Mit dieser Frage hatte er genau ihren wunden Punkt getroffen, und fieberhaft überlegte sie, was sie ihm darauf antworten sollte.
»Wie gesagt, das ist schon in Ordnung«, murmelte sie ausweichend.
Einen Moment lang schaute er sie nachdenklich an, dann stand er auf.
»Gut, wenn Sie das sagen.«
Er ging wieder zur Tür und drehte sich dann noch einmal zu ihr um.
»Ich kann Sie verstehen, ich bin ehrlich gesagt auch lieber hier«, sagte er leise, und bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen.

Wie angewurzelt saß Megan auf ihrem Stuhl und starrte auf die Tür.
»… ich bin auch lieber hier«, hallte es in ihrem Kopf, und sie fragte sich, ob er das wirklich so gemeint hatte, wie es sich angehört hatte.
Konnte es tatsächlich sein, dass er lieber im Büro saß, als zu seiner Frau nach Hause zu fahren? Es hatte sich so frustriert angehört, und im gleichen Moment fiel ihr Karens Bemerkung über das angeblich geplante Baby wieder ein. Stimmte das vielleicht gar nicht? Davids Worte hatten nicht den Eindruck erweckt, als könne er es kaum erwarten, seine Frau in die Arme zu schließen, ganz im Gegenteil.
»Vielleicht ist er genauso unglücklich wie ich«, dachte sie mitfühlend, und stellte im gleichen Moment resigniert fest, dass dieser Satz von ihm mit einem Schlag all ihre unterdrückten Gefühle wieder an die Oberfläche gespült hatte.
»Ach verdammt, warum muss das alles nur so kompliziert sein?«, seufzte sie traurig, während sie ihren PC ausschaltete.
Als sie etwa zwei Stunden später neben Lisa im Bett lag, ihre Tochter wie immer liebevoll umarmend, wünschte sie sich mehr denn je, es wäre David, den sie im Arm halten könnte.

 

17

Irgendwie schien es so, als hätte dieses kurze Gespräch am Vorabend auf einmal die Stimmung zwischen Megan und David grundlegend verändert.
Es begann damit, dass er am anderen Morgen zu ihr ins Büro kam, zwei Tassen Kaffee eingoss, und sie dann aufforderte, ihn nach nebenan zu begleiten. Er stellte eine Tasse vor sie hin, und ging dann mit ihr alle anstehenden Aufgaben durch, was er normalerweise nicht zu tun pflegte.
War Megan schon davon völlig überrascht, so erstaunte er sie noch mehr, als sie wieder in ihr Büro hinüberging, und er sie bat, die Zwischentür offen zu lassen.
Völlig verwirrt machte sie sich wieder an ihre Arbeit, wurde ein paar Mal unterbrochen, als er zu ihr kam, um mit ihr irgendwelche Dinge zu besprechen.
Am Nachmittag saß sie an ihrem PC und versuchte händeringend, eine Excel-Tabelle mit äußerst komplizierten Berechnungen zu erstellen, als er plötzlich hinter ihr stand.
»Ich weiß, das ist etwas schwieriger. Wir machen das am besten zusammen.«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, zog er sich einen zweiten Stuhl heran und setzte sich neben sie.
Zusammen knobelten sie nach und nach die entsprechenden Formeln heraus und trugen sie in die dafür vorgesehen Felder ein.
»Na also, war doch nicht so schlimm«, lächelte er, als sie fertig waren, »ich denke, wir haben uns eine Tasse Kaffee verdient.«
Er stand auf, holte seine Tasse aus seinem Büro, und goss dann für Megan und sich Kaffee ein.
»Wir sind ein gutes Team«, erklärte er zufrieden, und setzte sich wie am Abend zuvor auf die Kante ihres Schreibtischs. »Ich glaube, ich habe die richtige Entscheidung getroffen, ich arbeite sehr gerne mit Ihnen zusammen.«
Megan wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah, schweigend schaute sie ihn an, schaute mitten hinein in diese grauen Augen, die sich forschend und unergründlich auf ihr Gesicht geheftet hatten.
Als sie an diesem Abend nach Hause fuhr, hatte sie das Gefühl zu träumen, diese plötzliche Veränderung in Davids Verhalten erschien ihr zu schön, um wirklich wahr zu sein, und sie befürchtete, spätestens am nächsten Morgen schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen aufzuprallen.
Doch auch am nächsten und den darauffolgenden Tagen blieb er umgänglich und entgegenkommend, und allmählich fanden sie wieder zu ihrem anfänglichen, lockeren Umgang miteinander zurück.
Fast den ganzen Tag über arbeiteten sie gemeinsam, er behandelte sie mehr als gleichgestellte Partnerin denn als Sekretärin und fragte sie in vielen Dingen um ihre Meinung oder ihren Rat. Oft scherzten und lachten sie zusammen, und unterhielten sich auch über andere Dinge als die Arbeit, lediglich ihre privaten Angelegenheiten klammerten sie in stillschweigendem Einvernehmen aus.
Megan genoss die Zeit im Büro wie nie zuvor, sie freute sich jeden Morgen auf die Arbeit und konnte es an den Wochenenden kaum erwarten, bis es wieder Montag war. Ab und zu brachte sie ihm Kuchen oder irgendetwas anderes zum Essen mit, und es schien ihm sichtlich zu gefallen, sich von ihr damit verwöhnen zu lassen.
Häufig saßen sie abends länger im Büro, beschäftigten sich mit langwierigeren Dingen, für die sie tagsüber keine Zeit oder Ruhe gefunden hatten, oder saßen einfach nur da und plauderten miteinander.
Je mehr Tage vergingen, desto mehr bemerkte Megan, wie sehr sie sich zu David hingezogen fühlte, und umso schwerer fiel es ihr, abends in ihren häuslichen Albtraum zurückzukehren.
David schien es ähnlich zu ergehen, zumindest hatte er es offenbar auch nie besonders eilig, nach Hause zu kommen, und sie verbrachten viel Zeit miteinander, Zeit, in der sie sich innerlich immer näher kamen.
Trotz allem blieben sie bei einer gewissen Distanz, behielten, auch wenn sie alleine waren, das unpersönliche »Sie« bei, als wüssten sie beide ganz genau, dass es besser war, eine gewisse Grenze nicht zu überschreiten.

Wenn sie abends länger arbeiteten, war es nicht selten, dass David auf die Idee kam, Pizza oder irgendetwas anderes zum Essen zu bestellen.
Als an einem dieser Abende der Pförtner anrief, um Bescheid zu sagen, dass die Pizza da war, saß David gerade äußerst konzentriert am PC.
»Würden Sie vielleicht gerade nach unten gehen?«, bat er, holte seine Brieftasche aus der Hosentasche und drückte sie ihr in die Hand.
»Ich … ich kann doch nicht einfach Ihr Portemonnaie mitnehmen«, sagte Megan verblüfft, »ich lege das Geld einfach vor.«
»Unsinn, warum so kompliziert. Ich glaube kaum, dass Sie die Absicht haben, mit den wenigen Dollar darin nach Südamerika durchzubrennen«, grinste er, »und für ein Paar neue Schuhe wird es sicher auch nicht reichen.«
»Also gut«, gab sie nach, und ging mit einem unguten Gefühl nach unten, es gefiel ihr gar nicht, dass er sie einfach so in seiner Brieftasche herumkramen ließ.
Der Pizzabote stand wartend neben der Pförtnerloge, Megan nahm ihm die beiden Kartons ab und suchte dann in Davids Portemonnaie nach dem passenden Geld. Dabei fiel ihr unbewusst auf, dass er seltsamerweise kein Foto seiner Frau einstecken hatte, das dafür vorgesehene Fach war leer.
Rasch drückte sie dem Jungen einen Geldschein und ein paar Münzen in die Hand, griff dann nach den beiden Pizzakartons und betätigte gerade den Rufknopf für den Fahrstuhl, als sich plötzlich die Tür zum Treppenhaus öffnete, und Jennifer und Bridget heraus kamen.
»Ach schau mal an, da ist ja unsere Chefsekretärin«, sagte Bridget spöttisch, und Jennifer grinste.
»Na, sind mal wieder Überstunden angesagt?«
Sie betonte das Wort »Überstunden«, indem sie mit den Fingern zwei symbolische Anführungszeichen in die Luft malte, und Megan presste die Lippen zusammen. Natürlich hatte sich inzwischen herumgesprochen, dass sie Davids Assistentin war, in einer kleinen Firma wie dieser hier machten Neuigkeiten schnell die Runde, doch sie hatte nicht die Absicht, sich auf ein Gespräch mit den beiden Kolleginnen einzulassen.
Dann fiel Jennifers Blick auf die beiden Pizzaschachteln, und ihre Augen blitzten boshaft auf.
»Also, das sieht mir ja wirklich ganz nach einem sehr vertraulichen Beisammensein aus, habt ihr denn auch Kerzen auf dem Tisch?«
»Nachdem sie es ja geschafft hat, sich nach oben zu schlafen, muss sie jetzt wahrscheinlich dafür sorgen, dass sie auch dort bleibt«, bemerkte Bridget anzüglich.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Aufzugs, und ohne die beiden noch eines Blickes zu würdigen stieg Megan ein und drückte den Knopf für die fünfte Etage.
»Bist jetzt wohl zu hochnäsig geworden, um mit uns zu sprechen, was?«, hörte sie Jennifer noch giften, während die Tür langsam zuglitt. »Aber du solltest lieber etwas kleinere Brötchen backen, Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, und ich bin mir sicher, dass Davids Frau sich sehr dafür interessieren wird, was sich hier abspielt.«

 

18

Ein paar Tage vergingen, und Megan hatte das Zusammentreffen mit Jennifer und Bridget schon wieder völlig vergessen, als sich plötzlich irgendwann abrupt und ohne vorheriges Anklopfen die Tür zu Davids Büro öffnete.
Sie saß gerade an seinem PC und tippte etwas, während er hinter ihr stand, über sie gebeugt auf den Monitor schaute und ihr diktierte, was sie schreiben sollte.
Überrascht drehten sie beide den Kopf, und obwohl Megan Cynthia nicht kannte, wusste sie in derselben Sekunde, dass es sich nur um Davids Frau handeln konnte.
»Hallo David«, sagte Cynthia süßlich, doch ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht.
»Was willst du denn hier?«, fragte er abweisend, während er einen Schritt von Megan weg trat.
»Oh, ich war bei meinem Vater, und dachte, ich schaue mal kurz bei dir vorbei«, erklärte Cynthia kalt, »aber wie ich sehe, bist du wohl sehr beschäftigt.«
Sie warf einen abschätzigen Blick auf Megan und fügte dann hinzu: »Ich wusste ja gar nicht, dass du seit Neuestem eine Sekretärin hast.«
Megan stand auf.
»Ich denke, ich lasse Sie besser alleine«, murmelte sie unbehaglich und ging zur Tür.
»Bringen Sie mir einen Kaffee, ohne Milch, zwei Stück Zucker«, befahl Cynthia ihr und ließ sich auf einem der Stühle am Besprechungstisch nieder.
»In Ordnung«, nickte Megan und wollte hinausgehen, doch David hielt sie zurück.
»Lassen Sie das mit dem Kaffee«, sagte er ruhig, und wandte sich dann an seine Frau. »Wie du eben so richtig bemerktest, ist Mrs. Turner meine Sekretärin und wird nicht dafür bezahlt, dich zu bedienen«, betonte er kühl. »Außerdem habe ich nicht viel Zeit für dich, ich habe noch eine Menge zu tun.«
Erstaunt starrte Megan ihn an, und genauso entgeistert riss Cynthia die Augen auf. Dann kniff sie die Lippen zusammen und stand wieder auf.
»Darüber unterhalten wir uns noch«, zischte sie verärgert, während sie auf die Tür zuging, »und ich erwarte dich heute Abend ausnahmsweise einmal pünktlich zu Hause.«
Mit einem letzten giftigen Blick auf Megan verließ sie den Raum, und hinter ihr krachte die Tür ins Schloss.
Megan zuckte zusammen, und warf einen betretenen Blick auf David, der sich inzwischen scheinbar völlig ungerührt an seinen Schreibtisch gesetzt hatte.
»Ich … ich bin dann erstmal drüben«, sagte sie unsicher, und er nickte abwesend.
Einen Augenblick blieb sie noch stehen, schaute ihn an, sah, wie er nachdenklich den Kopf in die Hände stützte, und am liebsten wäre sie zu ihm gegangen und hätte ihre Arme um ihn gelegt.
Doch dann drehte sie sich um, ging leise hinaus, und schloss das erste Mal seit ein paar Wochen wieder die Tür hinter sich.

An diesem Tag bekam Megan David nicht mehr zu Gesicht, und frustriert fuhr sie am Abend nach Hause.
Cynthias Auftritt und die offensichtlich mehr als unterkühlte Atmosphäre zwischen den beiden ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, und sie sah ihren Verdacht bestätigt, dass David in seiner Ehe offenbar genauso wenig glücklich war wie sie.
Ihre Zuneigung zu David hätte sie eigentlich dazu veranlassen müssen, sich über diesen Umstand zu freuen, doch sie konnte es nicht wirklich. Zum einen tat er ihr leid, zum anderen änderte das überhaupt nichts an der Situation. Er war gebunden, und selbst wenn er Megan auch ein klein wenig Gefühle entgegenbringen sollte, es würde niemals so weit kommen, dass er dafür seine Ehe aufgeben würde. Offenbar hatte er, genauso wie sie selbst, triftige Gründe, an dieser scheinbar lieblosen Verbindung festzuhalten, und daran würde sich nichts ändern, was auch immer vielleicht unausgesprochen zwischen ihnen im Raum stand.
»Ich muss aufhören daran zu denken«, machte sie sich voller Schmerz klar, »wir arbeiten zusammen, er ist mein Chef, und je eher ich mich damit abfinde, desto besser ist es für uns beide. Es kann nicht sein, es darf nicht sein, und es wird nie sein.«

Als David am Abend nach Hause kam, erwartete Cynthia ihn bereits im Schlafzimmer.
Mit einem hauchdünnen, durchsichtigen Nachthemd bekleidet lag sie auf dem Bett, und warf ihm einen lauernden Blick zu.
»So mein Lieber, dann werden wir jetzt mal Klartext reden«, sagte sie drohend, »ich denke, das ist in unserem beidseitigen Interesse.«
»Was soll das? Ich bin hier, ich bin pünktlich, wie du es verlangt hast, also was willst du noch?«, fragte er resigniert.
»Du weißt ganz genau was ich will«, erklärte sie süffisant, »und du wirst jetzt endlich mal tun, was von dir erwartet wird.«
»Cynthia, wenn es wieder um dieses Baby-Thema geht, vergiss es«, wehrte er schroff ab. »Ich habe dir gesagt, dass das nicht in Frage kommt, und dabei bleibt es.«
Sie sprang vom Bett hoch und baute sich vor ihm auf, schob angriffslustig das Kinn nach vorne.
»Du hast wohl schon vergessen, was du meinem Vater und mir schuldig bist?«, keifte sie, »Du solltest lieber von deinem hohen Ross herunterkommen, als es dir um das Geld ging, war ich dir immerhin gut genug.«
»Ja, und das bereue ich inzwischen zutiefst, das kannst du mir glauben«, erklärte er bitter. »Ich war so dumm zu glauben, dass ich in dir eine zärtliche, liebevolle Frau gefunden habe, aber du hast mich ja sehr schnell eines Besseren belehrt.«
Wütend blitzte sie ihn an.
»Ist es diese kleine Schlampe, ja? Hat sie dir den Kopf verdreht? Rührst du mich deswegen nicht mehr an? Wie lange treibst du es schon mit ihr?«, tobte sie voller Hass.
»Nenn sie nicht noch einmal Schlampe«, zischte er leise, »Sie hat mehr Charakter, als du jemals haben wirst.«
»Ach ja, wirklich ein toller Charakterzug, für den Mann einer anderen Frau die Beine breitzumachen«, höhnte Cynthia. »Hast du wenigstens deinen Spaß mit ihr? Tut sie all das mit dir, was du immer von mir verlangt hast?«
»Was habe ich denn schon verlangt? Dass du nicht daliegst wie ein Brett? Dass du vielleicht mal ein kleines bisschen mehr Leidenschaft zeigst? Oh mein Gott, wie konnte ich nur«, sagte David sarkastisch. »Dabei konnte ich ja froh sein, wenn du dich überhaupt dazu herabgelassen hast, mich zu ertragen, wie hätte ich darüber hinaus erwarten können, dass du noch andere Dinge mit mir tust?«
Angewidert schaute er sie an, und fügte dann hinzu: »Und falls es dich wirklich interessiert, weder schlafe ich mit ihr, noch spielt sich da sonst irgendetwas ab.«
»Ich glaube dir kein Wort, aber eigentlich ist es mir auch egal, was du mit ihr treibst.« Cynthia ließ sich aufs Bett fallen und lächelte. »Du hast die Wahl – entweder wirst du dich dazu durchringen, hier deine Pflicht zu erfüllen, oder ich werde meinem Vater berichten, wie hingebungsvoll deine Sekretärin ihre Aufgaben wahrnimmt, und dein kleines Flittchen gehört dann sehr schnell der Vergangenheit an.«

 

19

David wurde blass, stand unbeweglich da und starrte Cynthia fassungslos an.
In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, am liebsten hätte er sie gepackt und geschüttelt. Er war dicht davor, sich einfach umzudrehen und zu gehen, diese abstoßende Frau, seine Frau, und diese qualvolle Ehe einfach hinter sich zu lassen. Wenn es nur noch um das Geld gehen würde, hätte er es vermutlich auch getan.
Doch jetzt gab es da auch noch Megan.
Megan, an die er Tag und Nacht dachte.
Megan, für die er mehr empfand, als es in ihrer beider Situation gut war.
Megan, die er nicht das ausbaden lassen durfte, was er sich in seiner grenzenlosen Dummheit eingebrockt hatte.
Nachdem er inzwischen wusste, dass Megan eine Tochter hatte, und ihr Ehemann offenbar nicht arbeitete, war ihm klar, dass sie auf diesen Job angewiesen war. Wenn er sich jetzt weigerte, Cynthias mehr oder weniger unverhohlenem Erpressungsversuch Folge zu leisten, oder es gar wagen würde zu gehen, würde Megan auf der Straße stehen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass Cynthia ihre Drohung in die Tat umsetzen würde, und das Letzte, was er wollte, war, dass Megan da mit hineingezogen wurde.
Während ihm all das durch den Kopf ging, lag Cynthia auf dem Bett und beobachtete ihn lauernd, ahnte genau, was in ihm vorging. Als David sich schließlich resigniert auszog und zu ihr ins Bett legte, knipste sie mit einem triumphierenden Lächeln das Licht aus.
Wenig später schob er sich widerstrebend über sie, versuchte, sich irgendwie auf das zu konzentrieren, was sie von ihm erwartete. Unbewusst tauchte auf einmal das Bild von zwei langen, schlanken Beinen in hohen Pumps in seinem Kopf auf, und allein dieser Gedanke brachte seinen Körper überhaupt dazu, wie verlangt zu funktionieren.
Plötzlich war es nicht mehr Cynthia, die bewegungslos unter ihm lag, sondern Megan, die seine Bewegungen leidenschaftlich erwiderte, und nach wenigen Minuten war der ganze Spuk vorüber.
Unglücklich rollte er sich zur Seite, und während Cynthia mit einem zufriedenen Grunzen einschlief, dachte er an Megan und bat sie stumm um Verzeihung.

Am anderen Morgen gegen zehn Uhr betrat Megan nach kurzem Anklopfen Davids Büro. Als er nicht wie gewohnt zu ihrem allmorgendlichen Kaffee bei ihr aufgetaucht war, hatte sie schon geahnt, dass das von seiner Frau gestern angedrohte Gespräch vermutlich nicht sehr angenehm verlaufen war.
Ein kurzer Blick auf sein blasses, übernächtigtes Gesicht bestätigte ihren Verdacht, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Wie schon gestern verspürte sie den übermächtigen Wunsch zu ihm zu gehen, und ihn einfach in ihre Arme zu nehmen.
»Guten Morgen«, sagte sie leise, trat neben ihn an den Schreibtisch und legte die Mappe mit der Korrespondenz vor ihn hin. »Ich bringe Ihnen die Post.«
»Ja, vielen Dank«, murmelte er abwesend, und ohne nachzudenken, legte sie ihm kurz die Hand auf die Schulter.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie zögernd, und als er sie irritiert anschaute, zog sie rasch die Hand wieder weg.
»Ja, ja sicher, alles Okay.«
Megan nickte, blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, doch da er sich in die Briefe vertiefte und nichts mehr weiter sagte, ging sie schließlich wieder zurück in ihr Büro, schloss ebenso leise wie am Tag zuvor die Tür hinter sich.

Als sie gegangen war, lehnte David sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, drehte sich dann zum Fenster und schaute nachdenklich hinaus.
Da saß er nun, verheiratet mit einer Frau, die er nicht liebte, und mit der er gezwungenermaßen geschlafen hatte, um die Frau, für die er Gefühle hatte, zu schützen.
Er lachte bitter auf, als ihm die Ironie der ganzen Situation bewusst wurde, und fragte sich, ob Megan überhaupt nur annähernd ahnte, was er für sie empfand.
Doch selbst wenn, es würde nichts ändern. Niemals würde er darauf hoffen können, dass sie irgendwann vielleicht mehr als Chef und Mitarbeiterin sein würden, niemals ihr sagen dürfen, wie wohl er sich mit ihr fühlte, und wie anziehend er sie fand. Sie hatte einen Mann und ein Kind, und er, er hatte Cynthia und den Druck seines Schwiegervaters, dem er eine Menge Geld schuldete, und der unbedingt ein Enkelkind haben wollte.
Sicher hatte er auch schon daran gedacht, ein Verhältnis mit Megan anzufangen, anfangs war ihm dieser Gedanke auch sehr verlockend erschienen. Der Anblick ihrer Beine in den hohen Schuhen hatte eine ziemliche Lawine körperlicher Sehnsüchte in ihm losgetreten, und das allein war der anfängliche Grund dafür gewesen, dass er sie überhaupt gebeten hatte, für ihn zu arbeiten.
Doch inzwischen hatte sich alles verändert, er hatte Gefühle entwickelt, die weit über ein sexuelles Verlangen hinaus gingen, und selbst wenn sie bereit wäre, sich mit ihm einzulassen, so wollte er sie nicht benutzen. Er würde ihr nie mehr bieten können als eine heimliche Büroaffäre, und dafür war sie ihm zu schade.
Noch immer fühlte er die Berührung ihrer Hand auf seiner Schulter, sanft, liebevoll, tröstend, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie in seinen Armen zu halten und mehr davon zu spüren.
Über diesen Gedanken verging der Tag; er war nicht in der Lage sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, immer wieder spukten die Ereignisse des vorherigen Abends qualvoll durch seinen Kopf, und immer wieder musste er an Megan denken, die ahnungslos nebenan in ihrem Büro saß.
Ihm war klar, dass es für sie beide besser wäre, den Kontakt zu ihr auf die anfallenden Arbeiten zu begrenzen, und sich nicht mehr abends mit ihr hier aufzuhalten. Doch er sehnte sich danach, sie bei sich zu haben, und sei es auch nur für profane Gespräche über die Arbeit, oder ihre Nähe zu genießen, wenn sie zusammen am PC saßen und arbeiteten.
Hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen und seinem rationalen Denken saß er auf seinem Stuhl, starrte trübsinnig vor sich hin und rang mit sich.
Am frühen Nachmittag schließlich raffte er sich auf und ging hinüber in Megans Büro.
»Mrs. Turner, wie sieht es aus, haben Sie heute ein wenig länger Zeit?«
Als sie ihn überrascht anschaute, fügte er hinzu: »Ich muss für die nächste Woche eine Präsentation vorbereiten, und ehrlich gesagt hätte ich dabei ganz gerne ein bisschen Gesellschaft.«

 

20

Nachdem sie David zugesagt hatte, zu bleiben, und er wieder in seinem Büro verschwunden war, griff sie zum Telefon und wählte mit fliegenden Fingern die Nummer von zu Hause.
»… ich hätte gerne ein bisschen Gesellschaft«, hämmerte es in ihrem Kopf, während sie nervös auf dem Tisch herumtrommelte, und darauf wartete, dass Brad den Hörer abnahm.
»Brad, ich bin es«, meldete sie sich dann, und bemühte sich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben. »Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich heute länger arbeiten muss.«
»Warum rufst du überhaupt noch deswegen an?«, schnauzte er ins Telefon, »Das ist ja nichts Neues mehr. Melde dich doch lieber, wenn du die Absicht hast, mal pünktlich nach Hause zu kommen und dich um deine Familie zu kümmern.«
»Bitte, jetzt reg dich doch nicht schon wieder so auf. Ich muss noch eine Präsentation vorbereiten, die der Chef morgen braucht«, schwindelte sie nicht ganz wahrheitsgemäß.
»Warum stellst du dir nicht gleich dein Bett ins Büro, dann brauchst du gar nicht mehr nach Hause kommen«, tobte Brad.
»Es wird nicht spät, ich verspreche es dir.«
»Apropos Bett – ich wette, dein Chef wird auch da sein. Wie laufen denn diese Überstunden so? Treibst du es mit ihm auf dem Schreibtisch? Oder kriechst du für ihn sogar unter den Schreibtisch?«
»Diese Geschmacklosigkeiten höre ich mir nicht länger an«, sagte sie tonlos, und er lachte höhnisch.
»Ja, geschmacklos ist wohl genau der richtige Ausdruck dafür. Komm, sag schon, tust du für ihn das, was du mir immer verweigert hast?«
»Du und deine krankhaften Phantasien«, entfuhr es ihr zornig, und ohne nachzudenken, platzte sie voller Wut heraus: »Und wenn du es ganz genau wissen willst, ja, ich würde es für ihn tun, und er bräuchte es nicht einmal zu verlangen, ich würde es freiwillig und mit Vergnügen tun. Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden.«
Wütend knallte sie den Hörer auf, nicht in der Lage, noch ein weiteres Wort von ihm zu ertragen.
Im gleichen Augenblick wurde ihr bewusst, dass es vermutlich sehr unklug gewesen war, Brad eine solche Bemerkung an den Kopf zu werfen, und noch erschreckender wurde ihr bewusst, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatte, dass sie ohne zu zögern bereit war, alles für David zu tun.
Geschockt über ihre eigenen Gedanken schlug sie die Hände vors Gesicht und schüttelte hilflos mit dem Kopf.
»Wie kann ich in dieser Situation nur an so etwas denken?«, fragte sie sich ungläubig, »Wie kann ich bloß auf solche Ideen kommen, während mein ganzes restliches Leben ein einziger Trümmerhaufen ist?«

Irgendwann hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie fähig war, David ruhig und ohne roten Kopf gegenüberzutreten.
Sie goss zwei Tassen Kaffee ein, klopfte an seine Tür und betrat dann sein Büro.
»Hey«, lächelte er, offensichtlich etwas entspannter als am Vormittag, »das nenne ich Service.«
»Ich dachte, Sie könnten vielleicht eine kleine Aufmunterung gebrauchen«, schmunzelte Megan und stellte ihm die Tasse auf den Tisch.
»Oh ja, das kann ich allerdings«, sagte er lakonisch, dann wandte er sich wieder seinem PC zu.
»Setzen Sie sich ein bisschen zu mir, und geben Sie mir ein paar Tipps, wie ich dieses widerspenstige Programm dazu bringe, das zu tun, was ich möchte«, forderte er sie auf. »Irgendwie hat dieses Ding seinen eigenen Kopf.«
Megan tat wie geheißen und schaute ihm eine Weile zu, dann nahm sie ihm die Maus aus der Hand.
»Männer und Technik«, seufzte sie gespielt verzweifelt, »hier ist ausnahmsweise mal keine brachiale Gewalt, sondern etwas Fingerspitzengefühl angebracht.«
»Hm, eigentlich dachte ich immer, ich hätte sehr gefühlvolle Finger, zumindest wurde noch nie das Gegenteil behauptet«, grinste er, und sie wurde rot.
»Vielleicht sollten Sie lieber aufpassen, wie das funktioniert, sonst stehen Sie vor Ihrem Publikum, und wissen nicht einmal, wo Sie die Präsentation starten können«, wies sie ihn zurecht, und schob damit die Bilder, die bei seiner Bemerkung abrupt in ihrem Kopf aufgetaucht waren, rasch wieder beiseite.
Schließlich tauschten sie die Plätze, Megan übernahm die Erstellung der Folien, während David ihr vorgab, was sie schreiben sollte. Sie alberten dabei ein wenig herum, Megan erklärte ihm sporadisch, wie die einzelnen Funktionen des Programms zu nutzen waren, und er rutschte ein wenig dichter an sie heran, um besser sehen zu können.
Ihre Knie berührten sich, sie konnte seine Nähe plötzlich so intensiv spüren, dass ihre Hände zu zittern begannen, und sie anfing, sich ständig zu vertippen.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte er auf einmal leise, und irgendwie klang seine Stimme so weich, dass Megan den Eindruck hatte, dass er ganz genau wusste, was nicht stimmte.
»Sie machen mich nervös«, murmelte sie verlegen, und im gleichen Augenblick wurde ihnen beiden bewusst, dass sie viel dichter beieinandersaßen, als es für eine Arbeitsbeziehung üblich war.
Gleichzeitig rutschten sie beide ein Stück voneinander weg, und David räusperte sich.
»Gut, ich brauche dann noch ein paar Grafiken von den Marktentwicklungen, die möchte ich gerne einbinden.«
Megan wechselte in das Tabellenkalkulationsprogramm, er zeigte ihr, wo er die entsprechenden Daten abgespeichert hatte, und sie begann, daraus Diagramme zu erstellen.
Ohne es zu bemerken, waren sie wieder näher zusammengerückt, und erneut spürte Megan, wie sein Knie leicht ihr Bein berührte.
»Oh mein Gott«, dachte sie beunruhigt, »wie soll ich mich denn so auf die Arbeit konzentrieren?«
Mühsam klickte sie mit der Maus auf dem Bildschirm herum, schob die Diagramme in die Präsentation und tippte dann mit zitternden Händen den Text dazu ein, den er ihr mit leicht belegter Stimme diktierte.
Auf einmal nahm er ihr die Maus aus der Hand und legte sie weg.
»Megan«, sagte er leise und drehte sie mit ihrem Stuhl ein Stück zu sich herum, sodass sie ihn ansehen musste. »Ich weiß, dass …«
Weiter kam er nicht, denn im gleichen Augenblick hörten sie, wie nebenan die Tür zu Megans Büro geöffnet wurde, und als sie sich überrascht herumdrehte, konnte sie durch die offene Verbindungstür Brad im Raum stehen sehen.

 

21

Im gleichen Moment, als Megan Brad dort stehen sah, hatte er sie auch erblickt, und sie sprang auf.
»Brad, was machst du denn hier?«, fragte sie unglücklich, und hoffte, nein, betete inbrünstig, dass er ihr jetzt hier vor David keine Szene machen würde.
Brad machte ein paar Schritte in Davids Büro hinein.
»Ich war zufällig in der Nähe, und dachte mir ich komme dich abholen, und schaue dabei gleich mal, was du so machst«, erklärte er ruhig, doch in seinen Augen blitzte es wütend.
»Wie bist du denn überhaupt hereingekommen? Normalerweise ruft der Pförtner vorher an, wenn Besucher da sind.«
»Oh, als ich kam, war die Pförtnerloge gerade nicht besetzt, also bin ich einfach hineingegangen. Du hattest mir ja irgendwann mal deine Zimmernummer gesagt, und immerhin bin ich dein Mann, da dürfte das ja wohl nicht so schlimm sein«, grinste er, und Megan war völlig klar, dass er vermutlich so lange vor dem Eingang auf der Lauer gelegen hatte, bis der Pförtner irgendwann einmal zur Toilette gegangen war.
»Außerdem wollte ich dich nicht durch einen Anruf stören, und wie ich sehe, war das wohl auch ganz gut so«, fuhr er dann mit einem zornigen Blick in Davids Richtung fort.
Die Aggression, die Brad ausstrahlte, war unübersehbar, und Megan ahnte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er ausflippte.
»Gut, dann lass uns jetzt gehen«, sagte sie leise und ging auf ihn zu, »wir waren sowieso gerade fertig.«
»Tja, da bin ich wohl genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen«, erwiderte Brad mit einem bösen Lächeln, »allerdings sind wir beide noch nicht miteinander fertig.«
David, der bisher schweigend und mit vor der Brust verschränkten Armen dagesessen und sich das Ganze mit gerunzelter Stirn angesehen hatte, stand jetzt ebenfalls auf.
»Mrs. Turner, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe«, sagte er ruhig, doch Megan kannte ihn inzwischen gut genug, um zu spüren, wie es unter der Oberfläche brodelte. »Falls ich noch etwas für Sie tun kann, dann lassen Sie es mich wissen, ich bin noch einen Moment hier im Büro.«
Megan verstand, was er ihr damit sagen wollte, und warf ihm einen dankbaren Blick zu, doch bevor sie noch etwas sagen konnte, packte Brad sie am Arm und schob sie durch die Tür ins Nebenzimmer.
»Danke, aber ich glaube, Sie haben schon genug für meine Frau getan«, warf er David mit verhaltener Wut über die Schulter zu und zog dann die Tür hinter sich ins Schloss.

»Kannst du mir mal sagen was das soll?«, zischte Megan wütend, nachdem sich die Tür geschlossen hatte, und riss ihren Arm aus seiner Umklammerung los. »Wie kommst dazu, einfach hier aufzutauchen und so einen Wirbel zu machen?«
»Habe ich euch etwa gestört? Das tut mir aber leid.« Brad grinste zynisch. »Oder wart ihr wirklich schon fertig, und du warst ihm noch schnell behilflich, seine Hose zuzumachen, als ich hereinkam?«
»Hör auf damit«, fuhr sie ihn an, »dir ist doch wohl klar, dass er jedes Wort hören kann? Es ist hier nichts passiert, rein gar nichts, weder heute, noch sonst irgendwann, also behalte deine schmutzigen Phantasien für dich, oder willst du, dass ich wegen dir meinen Job verliere?«
»Nun, ich will für dich hoffen, dass hier nichts passiert ist, und ich rate dir, dass es auch künftig dabei bleibt«, lenkte er ein. »Ich werde bestimmt nicht ruhig zusehen, wie du hier mit diesem aufgeblasenen Möchtegernchef alles Mögliche treibst, während ich jeden Abend zusehen kann, wo ich bleibe.«
»Ich treibe hier gar nichts«, erklärte sie energisch, »und wage dich nie wieder, hier aufzukreuzen und mich in eine so unmögliche Situation zu bringen, niemals wieder, hast du mich verstanden?«
»Na immerhin hast du mir vorhin am Telefon doch selbst erklärt, dass du nichts lieber tun würdest, als unter seinem Schreibtisch herumzurutschen, also brauchst du dich nicht wundern, wenn ich mal nach dem Rechten schaue.«
»Du bist ja krank«, murmelte sie angewidert, »ekelhaft und krank.«
Sie schaltete ihren PC aus und griff nach ihrer Tasche. »Wir gehen jetzt besser.«
Fröhlich pfeifend folgte Brad ihr zur Tür, und als sie wenig später auf den Fahrstuhl warteten, hörte Megan, wie sich hinten auf dem Flur leise eine Tür schloss.

Unruhig war David in seinem Büro auf und ab gegangen, hatte nervös auf die Geräusche aus dem Nebenraum geachtet, bereit, sofort hineinzustürmen, wenn er den Eindruck haben würde, dass dieser ungehobelte Kerl handgreiflich werden würde, doch außer leisem Gemurmel war nichts zu hören gewesen.
Als er mitbekam, dass die beiden das Büro verließen, hatte er noch eine Weile auf dem Flur gestanden und gehorcht, um sicher zu sein, dass Megan nichts geschehen war. Doch offenbar war so weit alles in Ordnung, und kopfschüttelnd war er in sein Büro zurückgegangen.
»Wie ist sie nur an diesen widerwärtigen Typ geraten?«, dachte er mitleidig, und im gleichen Moment wurde ihm bewusst, dass er mit Cynthia auch nicht gerade besser dran war.
Im nächsten Augenblick fragte er sich, ob Megan wohl mit ihrem Mann schlief, und ob sie es vielleicht sogar freiwillig tat. Unwirsch schüttelte er diese Gedanken sofort wieder von sich ab, das war einzig und allein ihre Sache und ging ihn nichts an.
Müde ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und dachte daran, wie er kurz zuvor noch mit Megan hier gesessen hatte, wie nah sie sich gewesen waren, und dass er drauf und dran gewesen war, ihr zu sagen, was er fühlte. Er hatte deutlich gespürt, dass sie genauso unruhig gewesen war wie er, dass sie genauso mit ihren Gefühlen kämpfte wie er, und wenn ihr Mann nicht aufgetaucht wäre, würden sie jetzt vielleicht hier auf dem Boden liegen, und …
Unglücklich wischte er diese Vorstellung beiseite und wusste nicht, ob er über die Störung froh sein oder sie bedauern sollte.
So sehr er sich danach sehnte, sie im Arm zu halten, und so heftig er sie auch begehrte, wenn es wirklich so weit käme, würde sich schlagartig alles ändern, und vermutlich würden die Probleme für sie beide dann erst richtig anfangen.
Hilflos griff er nach dem Telefon und wählte Ricks Nummer, er wusste nicht mehr weiter, und brauchte dringend jemanden, mit dem er reden konnte.

 

22

Wenig später saßen die beiden Freunde ein paar Straßen weiter in einer kleinen Eckkneipe, jeder mit einem Glas Bier vor sich. Rick hatte am Telefon sofort bemerkt, dass es David nicht gut ging, hatte sich direkt nach dem Anruf in sein Auto gesetzt und war mit Vollgas durch die Stadt geprescht.
»Mensch David, du siehst richtig Scheiße aus«, sagte er in seiner gewohnt laxen Art, nachdem sie beide ein paar Schlucke getrunken hatten, »was ist los?«
»Danke für die Blumen«, murmelte David trocken, »aber du hast Recht, ich fühle mich auch so, wie ich aussehe. Ich habe keine Ahnung was ich machen soll, und wie das alles weiter gehen soll.«
Zögernd berichtete er seinem Freund von den jüngsten Ereignissen, erzählte ihm, wie er mit Megan zusammen im Büro gesessen hatte, wie ihr Mann aufgetaucht war, und schilderte dann auch, was am Abend zuvor zu Hause geschehen war.
Rick saß nur da, starrte ihn schweigend an, und seine Augen wurden immer größer.
»Das ist nicht dein Ernst«, kommentierte er dann entgeistert als David geendet hatte. »Du hast also tatsächlich mit Cynthia geschlafen?«
»Was hätte ich denn machen sollen? Sie hat mich erpresst, sollte ich etwa riskieren, dass sie zu ihrem Vater rennt, damit der Megan dann umgehend auf die Straße setzt?«
»Oh Mann, da hast du dir aber ganz schön was eingebrockt. Dir ist ja wohl klar, dass Cynthia immer wieder damit anfangen wird, nachdem du einmal nachgegeben hast. Sie wird so lange an dir herumzerren, bis du sie endlich geschwängert hast. – Ich frage mich nur, wie du es überhaupt fertiggebracht hast …«
»Das ist mir auch klar«, fiel ihm David ärgerlich ins Wort, »Und falls es dich wirklich interessiert, ich habe dabei an Megan gedacht.«
Als er Ricks ungläubigen Blick sah, fügte er aufgebracht hinzu: »Ja ich weiß, das ist das Allerletzte, und du brauchst nicht glauben, dass ich sonderlich stolz da drauf bin. Aber ich denke sowieso nur noch die ganze Zeit an sie, und irgendwie ist das ganz von alleine passiert, ich habe das mit Sicherheit nicht beabsichtigt.«
Unglücklich griff David nach seinem Glas und trank es fast in einem Zug leer, bestellte danach eine weitere Runde. »Jetzt schau mich nicht so vorwurfsvoll an, sag mir lieber was ich machen soll.«
»Willst du meine ehrliche Meinung hören?«, fragte Rick, und als David nickte, fuhr er fort: »Wenn du es sogar schaffst, Cynthia anzurühren, nur weil du an diese Megan denkst, dann solltest du vielleicht endlich mit ihr schlafen.«
»Ich will nicht einfach mit ihr ins Bett steigen, jedenfalls nicht nur, begreife das doch. Ich will sie nicht benutzen, ich habe Gefühle für sie.«
»Das verstehe ich ja. Aber wenn es sich irgendwie ergibt, dann tu es eben einfach, und schau danach, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Außerdem«, Rick grinste, »würde es dir sicher mal wieder gut tun, richtigen, vernünftigen Sex zu haben, vielleicht kannst du dann wieder etwas klarer denken.«
David schüttelte den Kopf.
»Du und deine tollen Ratschläge«, sagte er trocken, »wie stellst du dir das denn vor? Soll ich sie einfach über den Schreibtisch werfen und mich auf sie stürzen? Ich glaube kaum, dass sie davon begeistert wäre, und ich ehrlich gesagt ebenso wenig.«
»Mein Gott, lass dir eben etwas einfallen, wozu hast du denn deinen Grips? Lade sie zum Essen ein, schenk ihr Blumen, mach sonst was, und sag ihr endlich, was du für sie empfindest. Trau dich einfach, was hast du denn schon zu verlieren? Sehr viel schlimmer und verfahrener kann die ganze Sache doch sowieso nicht mehr werden.«

David und Rick hatten noch bis spät in die Nacht in der Kneipe gesessen, und David hatte seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Er hatte nicht die geringste Lust gehabt, nach Hause zu fahren, und ein Bier nach dem anderen in sich hineingeschüttet, bis Rick ihn schließlich irgendwann nach Mitternacht zu sich nach Hause bugsiert hatte. Dort hatte er die restlichen Stunden der Nacht auf der Couch verbracht, war jedoch trotz seines immensen Bierkonsums nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Bereits früh am Morgen war er wieder wach gewesen, und hatte sich völlig erledigt auf den Weg zur Arbeit gemacht.
Jetzt saß er unrasiert und mit zerknittertem Hemd an seinem Schreibtisch und versuchte krampfhaft, sich auf ein Vertragsangebot zu konzentrieren, das er eigentlich schon am Vortag hätte erledigen sollen.
»Nichtmal solch einfachen Kram kriege ich mehr auf die Reihe«, dachte er bedrückt, und warf frustriert den Kugelschreiber auf den Tisch.
Nach einer Weile klopfte es an die Tür, und Megan kam herein.
Ein Blick auf sein Gesicht und sein Hemd reichte ihr, um festzustellen, dass er die Nacht offenbar nicht zu Hause verbracht hatte.
»Kaffee?«, fragte sie leise, und er nickte.
Wenig später kehrte sie mit einem Becher heißem Kaffee zurück und stellte ihn vor ihm auf den Tisch.
»Danke.«
Er nahm einen tiefen Schluck und merkte, wie die Wärme des Getränks ihn wohltuend durchströmte.
Abwartend stand sie vor seinem Tisch, und nachdem er sich einen Augenblick lang schweigend auf seinen Kaffee konzentriert hatte, hob er den Kopf und schaute sie forschend an.
»Sind Sie gestern noch gut nach Hause gekommen?«
»Ja, es ist alles in Ordnung«, nickte sie. »Was gestern passiert ist, tut mir sehr leid, es wird nicht wieder vorkommen«, erklärte sie dann noch hastig, und fragte sich, wie viel er von dem Gespräch zwischen ihr und Brad wohl mitbekommen haben mochte.
»Schon gut, halb so wild«, winkte David ab, »ich habe mir Sorgen gemacht, dass er Sie vielleicht …«
Er beendete den Satz nicht, doch sie verstand auch so, wovon er sprach.
»Nein«, sagte sie leise, »er wirkt vielleicht ziemlich rabiat, aber er würde mich nie schlagen.« Dass Brad sie anschließend ziemlich grob genötigt hatte, mit ihm zu schlafen, verschwieg sie allerdings, das war nichts, was David etwas anging.
»Gut«, sagte er, doch es klang alles andere als zufrieden.
Er spürte, dass da noch etwas vorgefallen war, hatte eine dunkle Ahnung, was passiert sein konnte, und er musterte sie prüfend.
»Und das war alles?«, bohrte er weiter.
»Ja, sicher«, murmelte sie unbehaglich, »ich … ich gehe dann jetzt wieder an die Arbeit.«
Als sie zur Tür ging, spürte sie seinen Blick in ihrem Rücken, und am liebsten hätte sie sich auf dem Absatz umgedreht, sich in seine Arme geworfen und ihm alles erzählt, hätte ihn nur zu gerne gebeten, sie festzuhalten und nie wieder loszulassen.
»Bis dann«, sagte sie stattdessen leise und zog wie am Tag zuvor sachte die Tür hinter sich zu.

 

23

Ein paar Tage vergingen, und nicht nur David, sondern auch Megan quälte sich mit ihren Gefühlen herum, und litt ebenso wie er unsäglich unter der Situation.
Sie wusste ganz genau, was an dem Nachmittag im Büro geschehen wäre, wenn Brad nicht aufgetaucht wäre, und zu ihrem Erstaunen war sie zutiefst enttäuscht, dass es nicht so weit gekommen war.
Noch vor kurzem hätte sie den Kopf geschüttelt, wenn jemand sie gefragt hätte, ob sie ihren Mann betrügen würde, hätte mit einem ehrlichen und überzeugten »Nein«, geantwortet, und das, obwohl sie mit Brad alles andere als glücklich war.
Aber sie hatte Prinzipien, und zu diesen gehörte unter anderem auch, dass sie ihm die Treue versprochen hatte, und sich daran zu halten pflegte.
Doch jetzt war plötzlich alles anders. Da war Brad, der von Tag zu Tag unerträglicher wurde, der sie gegen ihren Willen zwang, mit ihm zu schlafen, und der sowieso davon ausging, dass sie ihn ständig und überall betrog. Und dann war da David, der in ihr Gefühle geweckt hatte, die sie so nie zuvor empfunden hatte, und auf einmal stand alles, woran sie bisher geglaubt hatte, auf dem Kopf.
Alles in ihr sehnte sich nach ihm, sie spürte ein beinahe schmerzhaftes Verlangen nach ihm, und sie wünschte sich nichts mehr, als ihm nahe zu sein und sich ihm hinzugeben, selbst wenn er ihr niemals ganz gehören würde.
All ihre moralischen Werte hatten sich plötzlich in Luft aufgelöst, sie war bereit, David zu lieben, mit Haut und Haaren, und mit allem, was dazugehörte, selbst wenn sie dafür all ihre Prinzipien über Bord werfen müsste.

»Muss ich mich dafür schämen?«, fragte Megan bedrückt, als sie an einem der folgenden Abende bei Julie im Wohnzimmer saß, und der Freundin ihr Herz ausschüttete. »Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich mir wünsche, mit David zu schlafen, obwohl ich verheiratet bin? Ist es verwerflich, dass ich mir plötzlich vorstelle, Dinge mit ihm zu tun, die ich mit meinem Mann niemals tun würde?«
»Süße, du liebst ihn«, sagte Julie verständnisvoll, »und das ist nichts, wofür du dich schämen müsstest. Gegen Gefühle ist man machtlos, sie sind auf einmal da, und damit auch der Wunsch, dem Anderen nahe zu sein. Wenn das verwerflich wäre, würde über die Hälfte der Menschheit irgendwann in der Hölle schmoren. Also hör auf, dich so zu zerfleischen, und wenn es wirklich dazu kommen sollte, tu es einfach und genieße es.«
Megan seufzte. »Es ist ja nicht so, dass ich es darauf anlegen würde. Weder biete ich mich ihm an, noch versuche ich ihn zu verführen, aber ich hätte an diesem Nachmittag ohne mit der Wimper zu zucken alles getan, was er gewollt hätte.«
»Glaubst du wirklich, dass er die Absicht dazu hatte?«
»Keine Ahnung, aber irgendwie waren wir uns auf einmal so verdammt nahe, es war so ein intensiver Augenblick, und als er mich dann plötzlich zu sich umgedreht hat, hatte ich das Gefühl, dass er mich jeden Moment küssen würde – und dann stand auf einmal Brad in der Tür.«
»Brad.« Julie schnaubte verächtlich. »Dieser widerliche, faule Schmarotzer – warum wirfst du ihn nicht endlich raus?«
»Lisa …«, setzte Megan an, doch Julie unterbrach sie mit einer unwirschen Handbewegung.
»Lisa, Lisa, Lisa«, wiederholte sie ungnädig, »sei mir nicht böse, deinen Mutterinstinkt in allen Ehren, aber sie ist vor kurzem elf Jahre alt geworden, glaubst du immer noch, dass sie nicht mitbekommt, was sich zwischen dir und Brad abspielt? Denkst du, sie ahnt nicht, warum du beinahe jede Nacht in ihrem Zimmer schläfst, anstatt im Bett bei deinem Mann? Sie ist kein kleines Kind mehr, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie begreift, was die Gründe für eure ewigen Streitereien sind. Meinst du, sie wird glücklich sein, wenn sie begreift, dass du dich ihr zuliebe aufopferst und dabei langsam vor die Hunde gehst?«
»Brad würde sie niemals gehen lassen, und mich auch nicht«, sagte Megan dumpf. »Und solange es so noch einigermaßen läuft, will ich Lisa den ganzen Ärger, den eine Scheidung mit sich bringt, ersparen.«
»Aber das muss doch gar nicht sein. Versuch doch, dich in Frieden von Brad zu trennen, vielleicht ist er ja Lisa zuliebe dazu bereit«, erklärte Julie, ohne wirklich selbst davon überzeugt zu sein.
»In Frieden«, wiederholte Megan zynisch, »dieser Mann weiß doch gar nicht, was Frieden bedeutet. Hast du etwa vergessen, was er mir schon alles angedroht hat, falls ich je auf die Idee kommen sollte, ihn zu verlassen? Er bringt sich um, er prügelt mich windelweich, er sorgt dafür, dass man mir das Kind wegnimmt – und da glaubst du, er würde mich einfach so ganz friedlich meiner Wege gehen lassen, und das auch noch mit seinem Kind?«
»Aber das sind doch nur leere Drohungen, außerdem tut er das nicht, weil er dich liebt, sondern aus reinem Egoismus. Er betrachtet dich als sein Eigentum, das er nicht wieder aus den Händen geben will, mehr nicht. Wenn du weg bist, hat er niemanden mehr, der sich für ihn krumm schuftet, und dann müsste er selbst mal seinen faulen Hintern heben und etwas tun.«
Als Megan nicht antwortete, fügte sie leise hinzu: »Was würdest du denn machen, wenn David sich von seiner Frau trennen würde und auf einmal frei wäre?«
Abwehrend hob Megan die Hände. »Es ist müßig sich darüber Gedanken zu machen, das wird niemals passieren.«

 

24

Ein paar Tage vergingen, und allmählich besserte sich die bedrückte Stimmung von Megan und David etwas. Zwar waren sie weit davon entfernt, wieder so locker miteinander umzugehen wie vor jenem Nachmittag, aber die Anspannung zwischen ihnen war einem behutsamen, sanften Miteinander gewichen.
Beide waren sich darüber im Klaren, was beinahe geschehen wäre, ebenso wie sie sich beide darüber im Klaren waren, dass der jeweils Andere es auch wusste.
Ein kleiner Rest Verlegenheit und Unsicherheit stand aus diesem Grund immer noch zwischen ihnen, und sie konzentrierten sich auf ihre Aufgaben, vermieden jeden weiteren Kontakt darüber hinaus. Auch gab es seitdem keine Arbeit nach Feierabend mehr, sobald es sechzehn Uhr war, verließ Megan das Büro, während David sich meistens noch bis spät in die Nacht in seinen Unterlagen vergrub. Er fragte sie nicht mehr, ob sie nachmittags noch Zeit hätte, und sie nahm es enttäuscht, aber mit dem Wissen, dass es so besser war, zur Kenntnis.
Umso überraschter war Megan, als David eines Morgens gutgelaunt bei ihr erschien und sie bat, zwei Fahrkarten nach Springfield zu bestellen.
»Zwei Tickets erster Klasse, für übermorgen. Die Uhrzeit überlasse ich Ihnen, wir müssen allerdings bis spätestens um dreizehn Uhr dort sein.«
»Wir?«, fragte sie stirnrunzelnd, während sie eine dunkle Ahnung beschlich, wen er damit meinte.
»Sie und ich«, erklärte er auch sogleich vergnügt lächelnd, »ich möchte, dass Sie mich zu der Präsentation begleiten.«
»Ich … Sie … Präsentation«, wiederholte sie stammelnd, völlig vor den Kopf geschlagen.
Er schmunzelte angesichts ihrer offensichtlichen Verwirrung.
»Nun, immerhin haben Sie die Präsentation erstellt, und da Sie ja so besorgt waren, dass ich ohne Sie nicht mal den Knopf zum Starten finde, dachte ich mir, ich nehme Sie einfach mit, und Sie erledigen das für mich – oder wollen Sie mich etwa ins Verderben laufen lassen?«
Als sie nichts sagte, sondern ihn nach wie vor nur vollkommen verstört anschaute, fügte er hinzu: »Jetzt schauen Sie mich nicht so an, als hätte ich von Ihnen verlangt, aus dem Fenster zu springen. Es ist eine offizielle Geschäftsreise, mein Schwiegervater hat das Ganze bereits abgesegnet, Sie brauchen sich also keine Gedanken zu machen.«
In Megans Kopf drehte sich ein wildes Gedankenkarussell.
Er wollte mit ihr wegfahren.
David und sie auf Geschäftsreise.
Sie beide ganz allein, weit weg von hier, weit weg von allem, was ihnen im Weg war.
Springfield war fünf Stunden Zugfahrt entfernt, was bedeutete, dass sie nicht am gleichen Tag zurückfahren würden.
Es würde also eine Übernachtung geben.
David und sie zusammen in einem Hotel.
Ihr wurde schwindlig, als sie daran dachte, und sie fragte sich, ob das der wahre Grund dafür war, dass er sie mitnehmen wollte. Hatte er wirklich vor, jetzt doch einen Schritt weiter zu gehen?
»Mrs. Turner?«
Sie zuckte zusammen. »Was?«
»Ich habe Sie gerade gebeten, außerdem noch zwei Zimmer im Regency zu reservieren«, wiederholte er geduldig, und bestätigte damit ihre Vermutung, dass sie auf jeden Fall über Nacht bleiben würden.
»Ist es ein Problem für … für Ihre Familie, wenn Sie wegfahren?«, fragte er im gleichen Augenblick noch.
»Oh mein Gott, Brad«, zuckte es ihr durch den Kopf. »Wie soll ich ihm das nur beibringen? Dass ich überhaupt wegfahre, auch noch über Nacht, und dann auch noch mit dem Mann, von dem er sowieso schon glaubt, dass ich mit ihm schlafe.«
»Nein, ich denke, das lässt sich irgendwie einrichten«, hörte sie sich zu ihrer Überraschung jetzt antworten, obwohl der letzte Rest von Vernunft in ihrem Inneren ihr sagte, dass es besser gewesen wäre, abzulehnen.
»Gut, dann bestellen Sie die Fahrkarten, und sagen mir Bescheid, um welche Uhrzeit wir am Bahnhof sein müssen.«
Mit einem zufriedenen Lächeln ging er zur Tür und drehte sich dann noch einmal zu ihr um.
»Übrigens wäre das eine gute Gelegenheit für ein Kostüm und ein paar hochhackige Schuhe«, grinste er, und verschwand dann vergnügt in seinem Büro.

»Julie, Julie, was mache ich nur, er will, dass ich ihn auf eine Geschäftsreise begleite«, flüsterte Megan wenig später aufgeregt ins Telefon. »Himmel, was soll ich nur machen? Was, wenn er …?«
»Wenn? Wenn? Megan, du bist unglaublich – natürlich wird er!«, amüsierte Julie sich über ihre Freundin. »Und du wirst schön mitfahren und es genießen, sonst werde ich persönlich vorbeikommen und dich mit ihm im Bett festbinden.«
»Julie«, zischte Megan vorwurfsvoll, »das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für dumme Witze. Mir klopft das Herz bis zum Hals, und du machst dich lustig über mich.«
»Nein Süße, ich mache mich keineswegs lustig, sondern ich freue mich für dich. Du liebst ihn, und so wie es aussieht, liebt er dich wohl auch, sonst hätte er wohl kaum so viel Geduld gehabt. Also macht euch eine schöne Zeit, und der Rest wird sich finden.«
»Aber was um Gottes willen soll ich denn bloß Brad erzählen?«, fragte Megan verzweifelt. »Wenn er das herausfindet, bin ich tot, und David vermutlich auch.«
Julie überlegte einen Moment. »Weißt du was? Ich nehme mir zwei Tage frei, bringe dich morgens zum Bahnhof und fahre dann zu meiner Mutter, ich wollte sie sowieso schon seit einer Weile besuchen. Brad erzählen wir, dass du Urlaub hast, und mich begleitest, weil sie dich schon immer mal kennenlernen wollte. Wenn du zurück bist, hole ich dich wieder am Bahnhof ab und voilà– den Rest kannst du getrost mir überlassen, ich werde ihn schon überzeugen, dass ich nicht ohne dich fahren kann.«
»Julie, wenn da irgendetwas schief geht, werde ich meines Lebens nicht mehr froh«, murmelte Megan bedrückt. »Denkst du wirklich, ich sollte das riskieren?«
»Ja solltest du. Und jetzt hör auf dir Sorgen zu machen, wir fahren zusammen weg, und wir kommen zusammen zurück – was soll da schon schief gehen? Außerdem habe ich dann vielleicht mal eine Gelegenheit, einen kurzen Blick auf deinen David zu werfen. So verliebt, wie du bist, muss es ja ein toller Mann sein.«
»Das ist doch jetzt vollkommen unwichtig. Glaubst du wirklich, er hat vor …«, fragte Megan zum wiederholten Male total aufgelöst. »Ich habe Angst. Ich meine, ich hatte doch bis jetzt nur Brad, und das war nicht gerade sehr hilfreich. Was ist, wenn ich … wenn ich ihn enttäusche?«
Sie konnte förmlich hören, wie Julie den Kopf schüttelte.
»Megan, jetzt hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Lass es einfach auf dich zukommen, du wirst sehen, es wird sich alles von ganz alleine finden. Schließlich weißt du zumindest, wie die Sache mit den Blümchen und Bienchen funktioniert, und wenn er dich wirklich gern hat, wird er auch auf dich Rücksicht nehmen. Also beruhige dich jetzt und geh dir lieber noch ein paar schöne Dessous kaufen.«
»Du bist unmöglich«, sagte Megan lächelnd, »aber du hast Recht, ich sollte mir wirklich nicht so viele Sorgen machen.«

 

25

Am Abend saß Megan unruhig im Wohnzimmer, schaute abwesend einen von Brads heiß geliebten Actionfilmen mit ihm an, und wartete darauf, dass die Freundin endlich wie vereinbart erscheinen würde.
»Ach, das wird Julie sein«, sagte sie dann betont gleichgültig, als es klingelte.
Sie ging zur Tür und öffnete, begrüßte Julie mit einer kurzen Umarmung, und bat sie dann ins Wohnzimmer.
»Hi Julie«, knurrte Brad ungehalten, nicht sonderlich erbaut über die Störung.
Megan bot ihr etwas zu trinken an und setzte sich dann zu ihr auf die Couch. Eine Weile unterhielten sie sich leise, dann zwinkerte Julie ihr unauffällig zu.
»Ach, weshalb ich eigentlich hier bin – denkst du, du könntest dir kurzfristig zwei oder drei Tage Urlaub nehmen?«
»Weshalb denn?«, versuchte Megan überrascht zu klingen, und sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen angesichts des Theaters, was sie hier spielten.
»Meine Mutter hat in drei Tagen Geburtstag, und da sie immer nach dir fragt, dachte ich, das wäre eine gute Gelegenheit, dass ihr euch endlich einmal kennen lernt«, erklärte Julie harmlos. »Auf jeden Fall bist du auch recht herzlich eingeladen, und es wäre schön, wenn du mit mir fahren könntest.«
»Ich … ich weiß nicht«, sagte Megan zögernd. »Ich würde ja schon gerne mitkommen.«
Sie warf ihrem Mann einen unsicheren Blick zu. »Brad, was meinst du dazu?«
»Was denn?«, knurrte er gereizt, »Du siehst doch, dass ich hier meinen Film anschauen will. Lasst mich mit eurem Weiberkram in Ruhe. Setzt euch in die Küche und schnattert da weiter, das ist ja nicht zum Aushalten hier.«
»Julie hat mich gefragt, ob ich mit zu ihrer Mutter fahren will. Wäre das für dich okay?«
»Von mir aus, macht, was ihr wollt, Hauptsache hier herrscht jetzt endlich Ruhe, sonst schmeiße ich euch beide raus.«
Julie verdrehte die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Wie immer ein Ausbund an Höflichkeit«, flüsterte sie Megan zynisch zu, und die knuffte ihr warnend in die Rippen.
Sie verdrückten sich in die Küche.
»Na siehst du, war doch halb so wild«, murmelte Julie freudig.
»Ja, aber er war doch völlig abgelenkt und hat gar nicht richtig mitbekommen, worum es geht. Sobald ihm das bewusst wird, wird es mit Sicherheit noch Diskussionen geben.«
»Kann sein, aber er hat zugestimmt, und damit basta. Wenn er zu sehr stresst, dann sag mir Bescheid, und ich regele das. Egal was passiert, du wirst auf diese Geschäftsreise fahren, und wenn ich ihn dafür hier drei Tage einsperren muss.«

Irgendwie schaffte Megan es, sowohl den nächsten Tag, als auch die darauffolgende Nacht zu überstehen, obwohl sie vor lauter Aufregung kaum noch in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen.
Sie fühlte sich wie ein vierzehnjähriger Teenager vor seinem ersten Rendezvous, und wenn sie es genau betrachtete, war sie das beinahe auch. Zwar keine vierzehn mehr, sondern sechsundzwanzig, aber beinahe genauso unerfahren und nervös.
Als sie am Tag der Abreise frühmorgens begann, ihre Tasche zu packen, warf Brad ihr einen fragenden Blick zu.
»Was wird das denn?«
»Oh nein, bitte keine Debatte, nicht jetzt«, dachte Megan unglücklich, während sie im Geiste noch einmal alles durchging, um sicher zu sein, dass sie nichts vergessen hatte.
»Hast du schon vergessen, dass ich mit Julie zu ihrer Mutter fahre?«, fragte sie laut, während sie einen Schlafanzug in die Tasche stopfte. »Sie war doch hier, und wir haben dich extra gefragt, und du warst einverstanden.«
»So, war ich das?«, knurrte er missmutig, während er jede ihrer Handbewegungen mit Argusaugen verfolgte. »Na dann wird es wohl so sein.«
Erleichtert atmete Megan auf, doch im gleichen Moment griff er plötzlich nach der Tasche, drehte sie um und kippte den Inhalt auf den Boden.
»Was machst du denn da?«, fragte sie entsetzt.
»Ich möchte nur mal sehen, was du so eingepackt hast, um sicher zu sein, dass du wirklich zu Julies Mutter fährst und nicht zu irgendeinem Stelldichein.«
Er wühlte in ihren Sachen herum, und Megan war froh, dass er nicht sehen konnte, wie sie rot wurde. Glücklicherweise hatte sie Julies Rat nicht befolgt und sich Dessous gekauft, nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er so etwas jetzt hier in ihrer Tasche gefunden hätte.
»Wozu brauchst du das Kostüm und die Stöckelschuhe?«, fragte er jetzt misstrauisch.
»Meine Güte, Julies Mutter hat Geburtstag, soll ich da etwa wie der letzte Penner herumlaufen?«, erklärte sie genervt, wiederum froh, dass sie sich entschieden hatte, für die Zugfahrt wie immer eine Jeans und eine gewöhnliche Bluse anzuziehen.
Zum einen würde das bei Brad keinen Verdacht erwecken, zum anderen hatte ihr der Gedanke, fünf Stunden in einem kurzen Rock neben David im Zug zu sitzen, auch nicht wirklich gefallen.
Verärgert nahm sie ihm die Sachen aus der Hand und stopfte sie wieder in die Tasche.
»Und jetzt lass mich in Ruhe fertig packen, Julie wird jeden Augenblick hier sein, und ich will mich noch von Lisa verabschieden.«
Er packte sie am Arm. »Wie lange bleibst du weg?«
»Wenn ich Julie richtig verstanden habe, sind wir morgen Abend wieder da«, sagte sie, während sie versuchte, sich von ihm loszumachen.
»Zwei Tage ohne dich – wie wäre es, wenn du dich dann wenigstens angemessen von mir verabschieden würdest«, grinste er und fuhr mit seiner freien Hand unter ihre Bluse.
»Nein«, schoss es ihr voller Panik durch den Kopf, »nicht jetzt, nicht heute, nicht genau heute, kurz bevor …«
In diesem Augenblick läutete es an der Tür, und erleichtert riss sie sich von ihm los.
»Das ist Julie«, sagte sie hastig, und stürzte über den Flur, um zu öffnen.
»Hey Megan, bist du fertig?«, begrüßte die Freundin sie fröhlich.
»Gleich, ich will mich nur noch schnell von Lisa verabschieden, komm doch noch einen Moment herein.«
Julie stand abwartend im Flur, erwiderte gelassen Brads unfreundlichen Blick, während Megan rasch in Lisas Zimmer verschwand und kurz darauf wieder heraus kam.
»Okay, alles klar, wir können fahren.«
Sie wollte nach ihrer Tasche greifen, da packte Brad sie erneut am Arm.
»Sei morgen Abend pünktlich wieder hier, und komm nicht auf die Idee irgendwelche Dummheiten zu machen. Wenn ich rauskriege, dass du dich mit irgendeinem Kerl eingelassen hast, kannst du dich warm anziehen«, warnte er sie gereizt. »Ich lasse mich nicht von dir verarschen.«
Julie zog Megan von ihm weg und machte einen Schritt auf ihn zu.
»Wenn du sie noch einmal so anpackst, oder ihr drohst, gehe ich zur Polizei und zeige dich an.«

 

26

Wenig später saßen die beiden Freundinnen in Julies Auto und waren unterwegs zum Bahnhof.
»Dieses miese Schwein, ich hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt. Der hat doch gar nichts anderes verdient, als dass du ihn betrügst.«
»Julie, bitte hör auf damit«, sagte Megan tonlos. »Es ist so schon alles schlimm genug, auch ohne dass du mich jetzt noch daran erinnerst.«
»Entschuldige Süße, aber wenn ich sehe, wie er dich behandelt, dreht sich mir der Magen um.«
Den Rest der Strecke legten sie schweigend zurück; vor dem Bahnhof hielt Julie kurz an, hob Megans Tasche aus dem Kofferraum und drückte die Freundin dann zum Abschied kurz an sich.
»Ich wünsche dir zwei wunderschöne Tage, und eine wunderschöne Nacht«, sagte sie leise, und gab ihr mit einem verschmitzten Lächeln noch eine kleine Tüte in die Hand.
Überrascht schaute Megan hinein, und ihr Blick fiel auf ein kleines Bündel aus Satin und Spitze, in diversen Farben.
»Die hab ich dir gekauft, da mir klar war, dass du selbst das nicht tun würdest«, schmunzelte Julie. »Die Größe dürfte passen, und ich habe alles extra noch kurz durch die Waschmaschine gejagt.«
Mit Tränen in den Augen fiel Megan ihr um den Hals.
»Ach Julie, ich bin so froh, dass ich dich habe. Jetzt musst du mir nur noch die Daumen drücken, dass nichts schiefgeht, und ich bin glücklich.«

Die Tüte mit den Dessous ganz unten in ihrer Tasche vergraben, stapfte Megan wenig später in Richtung des Bahnsteigs, und als sie dort ankam, war David bereits da und wartete auf sie.
»Guten Morgen«, begrüßte sie ihn mit klopfendem Herzen und wagte es nicht, ihn anzusehen, vor lauter Angst, er könne ihr ihre Gedanken am Gesicht ablesen.
»Guten Morgen«, wünschte er ihr lächelnd und warf dann einen kritischen Blick auf ihre Jeans.
»Nur für die Fahrt, ich dachte mir, das wäre bequemer«, erklärte sie hastig, und spürte, wie ihr bereits wieder das Blut in den Kopf stieg. »Außerdem haben Sie ja auch nur Jeans an«, fügte sie beinahe trotzig hinzu, und er grinste.
»Ich glaube, ich würde mit kurzem Rock und hohen Schuhen auch etwas seltsam aussehen.«
Im gleichen Augenblick fuhr der Zug ein; sie stiegen ein, suchten sich ihre Plätze, und es dauerte nicht lange, bis draußen die Landschaft an ihnen vorbei flog.
Einander gegenübersitzend, schauten sie eine Weile schweigend aus dem Fenster, dann packte David seinen Laptop aus.
»Vielleicht gehen wir die Präsentation gerade noch einmal durch, nur um sicher zu sein, dass wir nichts übersehen haben. Es geht um einen größeren Auftrag, und ich möchte nicht, dass irgendetwas schief geht.«
»In Ordnung«, stimmte sie zu.
Er wechselte den Platz, setzte sich neben sie, und schob den Laptop so hin, dass er zur Hälfte auf seinem Bein und mit der anderen Hälfte auf ihrem Bein lag.
Bedingt dadurch, dass er um einiges größer war als Megan, und dadurch auch etwas längere Beine hatte, war das Ganze eine recht wackelige Angelegenheit, und ohne zu zögern, griff er mit seiner Hand an ihre Seite des Laptops und hielt sie fest, während er mit der anderen Hand das Touchpad bediente.
Sein Unterarm lag locker über ihrem Oberschenkel, seine Hand berührte ihr Knie, und das Gefühl, welches von ihrem Bein aus in ihren Unterleib schoss, nahm ihr augenblicklich jede Chance, noch einen klaren Gedanken zu fassen.
»Ich … ich halte das schon«, presste sie mühsam heraus und schob seine Hand weg.
Er sagte nichts, sondern öffnete die Präsentation, und nach ein paar Minuten hatte Megan sich wieder so weit im Griff, dass sie sich halbwegs auf das konzentrieren konnte, was sich auf dem Bildschirm abspielte.
Nachdem sie alles durchgegangen waren, und zufrieden festgestellt hatten, dass alles in Ordnung war und sie bestens auf das Meeting vorbereitet waren, packte David den Laptop wieder ein, blieb aber neben ihr sitzen.
Nervös kramte sie das Buch aus ihrer Tasche, welches sie sich extra für die Fahrt eingepackt hatte, und begann zu lesen. Obwohl sie krampfhaft auf die Buchstaben starrte, gelang es ihr nicht, einen zusammenhängenden Satz zu erkennen. Seine Nähe erzeugte eine wohlige Unruhe in ihr, und sie spürte, dass er sie des Öfteren von der Seite anschaute, trotz der Tageszeitung, in die er sich scheinbar vertieft hatte.
»Wenn das so weiter geht, bin ich schon fertig mit den Nerven, bevor wir überhaupt angekommen sind«, dachte sie unglücklich, »ich werde nicht mehr in der Lage sein, dieses Meeting zu überstehen.«
Irgendwann schloss sie die Augen, versuchte nicht mehr an David zu denken, sondern sich ein wenig zu entspannen, und schließlich nickte sie tatsächlich ein.

Während der letzten zwei Tage waren David mehr als einmal Zweifel gekommen, ob das mit der Geschäftsreise wirklich so eine gute Idee gewesen war. Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, Ricks Rat zu befolgen, und einfach mit Megan ins Bett zu gehen. Doch inzwischen hatte er diesen Gedanken wieder verworfen, er konnte sie nicht einfach so benutzen, als ob sie ihm nicht das Geringste bedeuten würde. Wenn er mit ihr schlafen würde, würde nichts mehr so sein, wie es vorher war, und obwohl er bereit war, sämtliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen, wäre es unfair von ihm, zu riskieren, dass auch sie unter den Auswirkungen leiden musste. Also würde er sich damit begnügen, ihre Gesellschaft zu genießen, und einfach nur die gemeinsame Zeit mit ihr auszukosten. Mehr durfte nicht passieren, und mehr würde er nicht zulassen, so sehr er es sich auch wünschte.
Sein Blick fiel auf ihr schlafendes Gesicht, sie sah so verletzlich aus, und er wusste, dass diese Entscheidung die richtige war.
Vorsichtig legte er einen Arm um sie und zog sie ein wenig zu sich heran, drückte sanft ihren Kopf auf seine Schulter. Vertrauensvoll schmiegte sie sich an ihn, und behutsam strich er ihr übers Haar.
Nein, er würde sich nicht zu etwas hinreißen lassen, was sie hinterher wahrscheinlich beide bitter bereuen würden.

 

27

»Mrs. Turner, aufwachen, wir sind da«, hörte Megan irgendwann eine Stimme und sie schreckte hoch.
»Tut mir leid, ich bin wohl richtig fest eingeschlafen«, murmelte sie irritiert und rappelte sich von ihrem Sitz hoch.
»Kein Problem, dann sind Sie wenigstens fit für das Meeting«, schmunzelte David und hob ihre Tasche von der Gepäckablage. »Wir fahren erst kurz zum Hotel und ziehen uns um, es ist noch genug Zeit.«
Kurz darauf saßen sie in einem Taxi, und als der Wagen vor dem Regency anhielt, wünschte Megan beinahe, sie hätte statt ihrer Jeans zumindest eine normale Stoffhose angezogen.
»Keine Angst, wenn wir uns gleich umgezogen haben, fallen wir hier gar nicht mehr auf«, erklärte David amüsiert, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Er bezahlte das Taxi, und unsicher folgte sie ihm zur Rezeption. Der Portier legte ihnen das Gästebuch hin, sie trugen sich ein und ließen sich die Schlüssel aushändigen.
Ihre Zimmer lagen im zweiten Stock, direkt nebeneinander, und David nickte ihr noch einmal kurz zu.
»Ich hole Sie in zwanzig Minuten ab – reicht Ihnen das?«
»Ja, sicher.«
Sie verschwanden jeder in ihrem Zimmer, und nachdem Megan sich kurz umgesehen hatte, beschloss sie, noch rasch zu duschen. Die Bahnfahrt war lang gewesen, sie fühlte sich verschlafen und verschwitzt, und wenn sie sich ein wenig beeilte, würde sie trotzdem rechtzeitig fertig sein.
Schnell packte sie ihre Sachen aus, stieg unter die Dusche, und zog sich anschließend an. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel nahm sie ein paar Haarklammern aus ihrem Kosmetikbeutel und steckte sich die Haare zusammen. Es würde sicherlich einen seriöseren Eindruck machen, wenn sie eine vernünftige Frisur hatte.
Rasch trug sie noch ein wenig Lipgloss und einen Hauch Parfum auf, und schlüpfte dann in ihre Pumps.
Genau in dem Moment, als sie fertig war, klopfte es auch schon an die Tür; sie schnappte sich noch schnell ihre Handtasche und ging dann nach draußen.
Als sie David sah, begann ihr Herz wieder zu klopfen. Er trug einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd mit einer dezent gemusterten Krawatte und sah so unglaublich gut aus, dass sie ihn am liebsten ins Zimmer gezerrt hätte.
»Himmel nochmal Megan, reiß dich zusammen«, schimpfte sie im Stillen mit sich selbst, doch als sie sah, wie sein Blick über ihre Beine glitt, ahnte sie, dass er ganz ähnliche Gedanken hegte.
»Können wir?«, fragte er, nachdem er sich kurz geräuspert hatte, und sie nickte.
Vor dem Eingang winkte ihnen der livrierte Türsteher ein Taxi heran, und nach einer knappen halben Stunde erreichten sie das Firmengebäude, in welchem das Meeting stattfinden sollte.
Ein älterer Mann, ebenfalls in einem dunklen Anzug, erwartete sie bereits und führte sie in einen großen Konferenzraum in der ersten Etage. Dort waren schon einige andere Herren anwesend, und während sie sich alle begrüßten, stellte Megan unbehaglich fest, dass sie die einzige Frau war.
David stellte sie als seine Assistentin vor; die Männer schüttelten ihr alle freundlich die Hand, und sie bemerkte, dass einige von ihnen bewundernde Blicke auf ihre Beine warfen.
Nervös baute sie den Laptop auf, schloss ihn dann an den Beamer an, und war froh, als sie das Gerät einschaltete, und alles ohne Probleme funktionierte.
Nach ein paar einleitenden Worten gab David ihr ein unauffälliges Zeichen, und sie startete die Präsentation. Während er alles Mögliche zu den einzelnen Folien erläuterte, beschränkte ihre Aufgabe sich lediglich darauf, im passenden Moment auf die nächste Seite zu blättern, und sie war ganz froh darüber. Davids Nähe machte sie nervös, die Blicke der Männer machten sie nervös, und die Tatsache, dass auch David diese Blicke nicht entgangen waren, machte sie noch nervöser, sodass sie sowieso nicht fähig gewesen wäre, auch nur ein vernünftiges Wort herauszubringen.
Schließlich war die Präsentation vorüber, und erleichtert setzte Megan sich zusammen mit David an den Besprechungstisch, wo noch weitere Gespräche stattfanden. Aufmerksam verfolgte sie die Verhandlungen, notierte alles Wichtige, reichte David die Unterlagen, die er benötigte, und irgendwann war auch das überstanden.
Es war bereits Abend, und eigentlich hatten David und Megan vor, ins Hotel zurückzukehren, doch als sie sich verabschieden wollten, bestanden die Männer darauf, sie beide zum Essen einzuladen, und es blieb ihnen keine andere Wahl, als zuzustimmen.
Kurz darauf saßen sie in einem teuren, eleganten Restaurant, und während sich alle angeregt unterhielten, wünschte Megan sich, sie wäre mit David allein.
Abwesend verfolgte sie die Unterhaltung, plauderte ab und zu mit dem älteren Mann, der links neben ihr saß, und bemerkte voll Unbehagen, dass dieser die ganze Zeit auf ihre Oberschenkel starrte, die durch das Sitzen nur noch zur Hälfte mit dem Rock bedeckt waren.
Immer wieder legte er ihr im Gespräch wie zufällig die Hand aufs Knie oder tätschelte ihr Bein. Genervt rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her, wusste nicht, wie sie ihn abwehren sollte, ohne allzu unfreundlich zu sein und die Geschäftsverhandlungen in Gefahr zu bringen.
Plötzlich legte David ihr die Hand auf den Arm.
»Mrs. Turner, wie wäre es, wenn wir kurz die Plätze tauschen? Ich würde mich gerne einen Moment mit Mr. Beauford unterhalten.«
Sie spürte den sanften Druck seiner Finger, wusste sofort, weshalb er sie darum bat, und lächelte dankbar.
»Ja, natürlich«, nickte sie und stand rasch auf.
David rückte ihr den Stuhl zurecht, und erleichtert setzte sie sich auf seinen Platz.
Allmählich wurde es spät, und irgendwann löste sich die Runde auf. Mit einem Taxi fuhren David und Megan zurück zum Hotel und standen wenig später vor ihren Zimmern.
»Dann … gute Nacht«, sagte Megan zögernd, »und vielen Dank, dass Sie mich gerettet haben.«
Er verstand sofort, wovon sie sprach und lächelte.
»Keine Ursache. Wobei – ein bisschen kann ich ihn ja verstehen, es ist nicht einfach, die ganze Zeit solch einen Anblick vor sich zu haben und dabei die Finger bei sich zu lassen.«
Megan schluckte. »Es tut mir leid … ich wollte nicht … ist der Rock zu kurz?«
Einen Moment lang heftete er seinen Blick auf ihre Beine, dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, murmelte er rau, »ich versichere Ihnen, dass er genau richtig ist.«

 

28

Nachdem sie sich eine gute Nacht gewünscht hatten, verschwanden David und Megan jeder in ihrem Zimmer.
Nervös saß Megan auf ihrem Bett, dachte an das Funkeln in seinen Augen, als er ihre Beine betrachtet hatte, und fragte sich, ob der Abend wirklich schon beendet war.
Sie wünschte sich sehnlichst, dass er zu ihr herüberkommen würde, hoffte jede Sekunde, dass es an die Tür klopfen würde, doch nichts geschah.
Nach einer Weile entschied sie sich, schnell noch einmal unter die Dusche zu gehen. Sicherheitshalber ließ sie die Tür zum Bad offen, um nicht versehentlich sein Klopfen zu überhören, doch als sie wenig später sauber und in einen weichen Hotelbademantel gehüllt wieder ins Zimmer trat, hatte David sich immer noch nicht gerührt.
Hilflos und unruhig lief sie hin und her, wartete, hoffte, und überlegte schließlich, ob sie zu ihm gehen sollte. Doch diesen Einfall wischte sie sofort wieder beiseite; so sehr sie sich wünschte, mit ihm zusammen zu sein, so wenig war sie dazu bereit, sich ihm anzubieten wie faules Obst.
Jede Minute schaute sie auf die Uhr, erwartungsvoll und bangend, doch irgendwann wurde ihr bewusst, dass sie sich vergebliche Hoffnungen machte.
Enttäuscht und traurig kroch sie in ihr Bett und versuchte sich klar zu machen, dass es so sicher das Beste für sie beide war.

David schloss die Zimmertür hinter sich und lehnte sich einen Moment aufatmend dagegen. Es hatte ihn alle Kraft gekostet, Megan eine gute Nacht zu wünschen, und tatenlos zu verschwinden. Als sie dort draußen so vor ihm gestanden hatte, hätte er sie am liebsten ins Zimmer geschoben, sie geküsst und ihr die Kleider vom Leib gerissen.
Nur mit Mühe hatte er dieses Gefühl unter Kontrolle halten können, hätte sie ihm auch nur den geringsten Fingerzeig gegeben, wäre es mit seiner Beherrschung vorbei gewesen.
Kopfschüttelnd und angespannt ging er im Zimmer auf und ab, dachte an Megan, und griff mehr als einmal nach der Türklinke, war drauf und dran, zu ihr zu gehen.
Doch dann hielt er sich wieder vor Augen, dass es keinen Sinn hatte, dass es nichts weiter sein durfte, als eine flüchtige Nacht, und ließ resigniert die Hand wieder sinken.
Nachdem er sich eine ganze Zeit mit diesen widersprüchlichen Gefühlen herumgequält hatte, zog er sich aus, ging ins Bad und stellte sich unter die Dusche, ließ beinahe eine halbe Stunde lang eiskaltes Wasser über sich plätschern, um wieder zur Besinnung zu kommen.
Danach legte er sich ins Bett, versuchte sich auf die am nächsten Tag bevorstehenden, weiteren Verhandlungen zu konzentrieren, und sah doch immer wieder Megans Gesicht vor sich.

Am anderen Morgen trafen sie sich wie verabredet um acht Uhr im Speisesaal des Hotels und frühstückten gemeinsam.
Schweigend saßen sie beide am Tisch, tranken ihren Kaffee und stocherten lustlos auf ihren Tellern herum, hingen ihren Gedanken nach.
Ab und zu trafen sich ihre Blicke, doch sofort senkten sie beide wieder die Köpfe, hilflos, verlegen, unsicher.
Im Anschluss holten sie ihr Gepäck aus ihren Zimmern und fuhren mit einem Taxi wieder zu dem Firmengebäude des potentiellen Auftraggebers; sie wussten nicht, wie lange die Gespräche noch dauern würden, bis Mittag mussten die Zimmer geräumt sein, also würden sie von hier aus gleich zum Bahnhof fahren.
Die Verhandlungen waren zäh, die Stunden schienen sich endlos dahinzuziehen, und weder Megan noch David konnten sich hundertprozentig auf ihre Arbeit konzentrieren. Am späten Nachmittag endlich hatten sie den Vertrag in der Tasche, und müde und zufrieden verabschiedeten sie sich.
Der Bahnhof war nicht weit entfernt, und nachdem sich so schnell kein Taxi finden ließ, beschlossen sie, trotz des einsetzenden, leichten Nieselregens zu Fuß zu gehen.
Stumm liefen nebeneinander durch die Straßen, gedankenversunken und ohne auf ihre Umgebung zu achten. Erst als der Regen stärker wurde und in einen heftigen Wolkenbruch überging, nahmen sie wahr, dass sie beide bereits klatschnass waren, und spontan zog David Megan in einen Hauseingang.
»Wir warten hier einen Moment, bis das Schlimmste vorbei ist, notfalls können wir ja den nächsten Zug nehmen.«
Megan nickte wortlos und schlang schützend die Arme um sich; sie war völlig durchweicht, von ihren Haaren schlängelten sich kalte Regentropfen in ihre Bluse hinunter, und sie fror erbärmlich.
Ohne zu zögern, zog David sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern, schob es fürsorglich zurecht. Dabei fiel sein Blick auf ihre weiße Bluse, die ihr wie eine zweite Haut am Körper klebte, nass und durchsichtig. Darunter war ein beinahe transparenter, spitzenbesetzter BH zu sehen, durch den sich mehr als deutlich ihre Brüste und die Spuren der Kälte abzeichneten, und ohne es zu wollen, krampften sich seine Hände um ihre Schultern.
Überrascht hob Megan den Kopf, schaute ihm in die Augen, bemerkte seinen Blick und augenblicklich begann ihr Puls zu rasen.
»David«, flüsterte sie hilflos, »was geschieht nur mit uns?«
Mit einer hastigen Bewegung bückte er sich und nahm ihre Taschen.
»Komm mit«, murmelte er rau, griff mit der anderen Hand nach ihrem Arm und zog sie hinter sich her in den strömenden Regen hinaus.
Zielstrebig eilte er in Richtung Bahnhof, schaute sich dabei immer wieder suchend um, und Megan hatte Mühe, seinen großen, weit ausholenden Schritten zu folgen.
Es dauerte nicht lange, bis sie an der Rezeption eines größeren Hotels standen, David sich in das Gästebuch eingetragen hatte, und sie mit einem Schlüssel in der Hand in den Fahrstuhl schob.
Schweigend standen sie sich gegenüber, ihre Blicke ineinander versunken, wissend und entschlossen.
Eilig legten sie die letzten paar Schritte über den Flur zurück, die Codekarte ratschte leise durch den Türöffner, dann klickte die Tür hinter ihnen ins Schloss, und das Gepäck fiel mit einem gedämpften Geräusch auf den Boden.
Megan ging ein paar Schritte ins Zimmer hinein, die Knie zitternd, das Herz unkontrolliert klopfend, und blieb dann stehen, heftete ihren Blick auf das breite Bett, das einladend und weich nur auf sie zu warten schien.
David war ihr gefolgt, sanft legte er seine Hände auf ihre Schultern und drehte sie zu sich herum.
Vorsichtig streifte er ihr sein Jackett ab und ließ es achtlos zu Boden fallen.
Langsam hob sie den Kopf, schaute ihm in die Augen, sah darin alles, was sie wissen wollte, und dann, endlich, spürte sie, wie sich seine Arme warm und zärtlich um sie legten.

 

29

Lange standen sie einfach nur da, hielten sich fest, eng umschlungen, kosteten das wohltuende Gefühl aus, dem anderen endlich nahe zu sein.
Davids Hände strichen über ihr Haar, er vergrub sein Gesicht darin, stellte fest, wie gut sie roch, nach Shampoo, einem Hauch Parfum und ein bisschen nach frischem Regen. Seine Finger wanderten zu ihrem Gesicht, er hob es ein wenig an, strich sanft mit seinem Daumen über ihre Wange, dann über ihre Lippen.
Langsam beugte er sich ein Stück weiter zu ihr herunter, senkte seinen Mund auf den ihren, behutsam, zärtlich. Ihre Lippen waren weich, warm und nachgiebig, erwiderten seinen Kuss erst zaghaft, doch dann öffneten sie sich, und langsam eroberte er ihren Mund.
Er spürte, wie ihre Hände seinen Nacken streichelten, über seinen Rücken glitten, sich zögernd unter sein Hemd schoben. Als ihre Finger seine kühle, nasse Haut berührten, stöhnte er leise auf, presste seine Lippen noch fester auf die ihren, fordernd, begierig.
Voll Verlangen schmiegte sie sich an ihn, drängte ihren Unterleib gegen den seinen, genoss das heiße, sehnsüchtige Ziehen in ihrem Bauch, das seine Erregung in ihr auslöste.
Schritt für Schritt schoben sie sich zum Bett, langsam, bedächtig, sich dabei gegenseitig bis auf die Unterwäsche ausziehend, und immer wieder leidenschaftlich küssend.
Sein Mund streifte über ihren Hals hinab, während er geschickt den Verschluss ihres BHs öffnete und ihr dann sanft die Träger von den Schultern streifte. Er zog sie mit sich aufs Bett, ließ seine Lippen langsam tiefer wandern, küsste sanft den Ansatz ihrer Brüste und kehrte dann wieder zu ihrem Mund zurück.
Liebevoll streichelten sie sich, erkundeten nach und nach mit ihren Händen zärtlich ihre Körper, genüsslich und gefühlvoll.
Irgendwann spürte Megan, wie sich Davids Finger behutsam unter ihr Höschen schoben, und obwohl sie sich mit jeder Faser ihres Körpers nach seiner Berührung sehnte, zuckte sie unbewusst zusammen.
Er hielt inne und schaute sie an, forschend und liebevoll.
»Wenn du nicht möchtest, höre ich auf. Es würde mir zwar sehr schwer fallen, aber ich will dich nicht zu etwas drängen, was du nicht willst«, sagte er leise.
Einen Moment schaute sie ihn stumm an. Sie sah das Verlangen in seinem Blick, fühlte die Wärme seiner Finger auf ihrem Bauch, spürte die brodelnde Gier in ihrem Unterleib, und alles in ihr schrie nach ihm.
»Doch ich will, ich will dich«, murmelte sie erregt und tastete sich mit ihrer Hand sehnsüchtig in seine Shorts.
David stöhnte leise auf, begann wieder sie leidenschaftlich zu küssen und fuhr fort, sie zu streicheln.
»Lass dich fallen«, flüsterte er zärtlich, und als seine Finger schließlich ihr Ziel erreichten, spülte eine Welle der Begierde den letzten, winzigen Rest ihrer Bedenken davon.
Bereitwillig überließ sie sich seinen sanften, erfahrenen Berührungen, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie sich mit einem leisen Schrei unter ihm aufbäumte.
Er hielt sie fest, abwartend und zufrieden, und genoss voller Erregung und mit allen Sinnen ihre Lust.
Zitternd klammerte sie sich an ihn und spürte zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es sich anfühlte, gefühlvoll und selbstlos geliebt zu werden.

Viel zu schnell ging die Nacht vorüber. Es waren nur wenige Stunden, die ihnen blieben, kurze, gestohlene Stunden, Stunden, die trotzdem nur ihnen gehörten. Sie liebten sich bis zur völligen Erschöpfung, leidenschaftlich, hemmungslos und voll Hingabe. Sie lagen eng umschlungen nebeneinander, hielten sich im Arm, liebevoll, zärtlich, und voller Zuneigung.
Sie dachten nicht an ein Morgen, dachten nicht an das, was dieser Nacht folgen würde, dachten nicht daran, wie alles weiter gehen sollte.
Es gab nur sie beide, ihre Wünsche, ihre Sehnsüchte, ihr Verlangen, und sie richteten ihr ganzes Bewusstsein darauf, ihre Liebe zu genießen und sich zu spüren.
Schließlich wurde es langsam hell draußen, und mit den ersten Sonnenstrahlen wich auch nach und nach der Zauber dieser Nacht.
»Ich glaube, wir sollten uns bald auf den Weg machen«, murmelte David und löste sich widerstrebend von ihr.
Megan nickte und schaute ihm schweigend zu, wie er die verstreute Kleidung vom Boden aufhob, ihre Sachen dann aufs Bett legte und anschließend ins Bad ging.
Es dauerte nicht lange, bis sie beide geduscht und angezogen waren, und gerade als sie das Zimmer verlassen wollten, hörte Megan ganz leise das Klingeln ihres Handys in ihrer Tasche.
Nach einem kurzen Blick aufs Display wurde sie blass und nahm dann das Gespräch entgegen.
»Himmel nochmal, Megan, wo steckst du denn?«, fragte Julie aufgeregt. »Seit gestern Abend versuche ich, dich anzurufen, und ich könnte wetten, dass Brad es auch schon probiert hat.«
»Ich … es tut mir leid, das Handy war in der Tasche, ich habe es wohl nicht gehört«, murmelte Megan unglücklich.
»Wo bist du?«
»Noch in Springfield.«
»Okay, nachdem du gestern nicht am Bahnhof warst und dich auch nicht gemeldet hast, dachte ich mir schon so etwas. Ich habe Brad angerufen, und ihm gesagt, dass wir heute erst zurückkommen, aber er hat sich nicht sonderlich erfreut angehört. Wenn du also vermeiden willst, dass es tierischen Ärger gibt, solltest du dich in den nächsten Zug setzen und so schnell wie möglich hierher kommen«, erklärte Julie.
»Das hatten wir sowieso vor«, sagte Megan tonlos, »Ich denke, dass wir so gegen Mittag zurück sind.«
»Gut, ich setze mich ins Bahnhofscafé, komm dort hin, sobald du da bist, und bete, dass dein Mann nicht doch noch misstrauisch wird.«
»In Ordnung, bis nachher.«
Megan drückte das Gespräch weg, und warf einen kurzen, bedrückten Blick auf David, der stirnrunzelnd zugehört hatte.
»Wirst du Ärger bekommen?«, fragte er leise, und Megan schüttelte rasch den Kopf.
»Nein, es ist alles Okay«, sagte sie hastig, »aber wir müssen jetzt los.«
Er nickte und nahm ihre Taschen.
»Übrigens, wegen der Firma musst du dir keine Gedanken machen, ich regele das. Die Verhandlungen haben dann eben einen Tag länger gedauert, so etwas kann passieren«, sagte er, während sie das Zimmer verließen.
Megan sagte nichts, verspürte auf einmal den schalen Nachgeschmack einer Nacht, die sich im grellen Tageslicht plötzlich nur noch anfühlte wie schmutziger, billiger Sex in einer heruntergekommen Absteige.

 

30

Ein kurzer Blick auf Megans Gesicht hatte David genügt, um zu wissen, wie sie sich fühlte, und er wusste auch, dass sie ihn angelogen hatte, nach dem Anruf war ihm sofort klar gewesen, dass sie zu Hause Ärger bekommen würde.
Sofort meldete sich sein schlechtes Gewissen und er machte sich Vorwürfe, dass er sich von seinen Gefühlen hatte hinreißen lassen.
»Ich hätte mich beherrschen müssen«, dachte er grimmig, während er an der Rezeption seine Kreditkarte über den Tresen schob, »Das hätte niemals passieren dürfen.«
Schweigend legten sie den kurzen Weg zum Bahnhof zurück, und kurz darauf saßen sie bereits im Zug.
Megan hatte sich in die Ecke ihres Sitzes gedrückt, sie hatte die Augen geschlossen; er saß ihr gegenüber und betrachtete besorgt ihr blasses Gesicht.
Ein Gefühl der Hilflosigkeit stieg in ihm auf, und erneut wünschte er, er hätte sich besser unter Kontrolle gehabt.
Es war nicht so, dass er die Nacht mit ihr nicht genossen hätte, im Gegenteil, er bereute keine Sekunde davon.
Bilder tauchten vor ihm auf, er sah Megan in seinen Armen liegen, spürte, wie sie sich voller Erregung unter ihm wand und sich ihm leidenschaftlich entgegendrängte, hörte, wie sie auf dem Gipfel der Lust stöhnte und seinen Namen rief. Nein, er bedauerte nichts davon, es war vollkommen und zutiefst befriedigend gewesen, noch nie hatte er sich so gesättigt und glücklich gefühlt.
Doch es tat ihm leid, dass er ihr nicht mehr geben konnte, dass sie nun hier sitzen mussten, wie zwei Fremde, die nach einem One-Night-Stand wieder in ihre Alltagsroutine zurückkehrten, ohne die Chance, sich für immer so nahe zu sein wie in dieser Nacht.
Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg, nach einer Lösung, nach einer Möglichkeit. Er wollte sie nicht wieder verlieren, wollte sie festhalten, und ihr nicht das Gefühl geben, dass sie nur eine belanglose Abwechslung für ihn gewesen war, denn sie war alles andere als das.
Aber da war Cynthia, da war sein Schwiegervater, da waren seine Schulden.
Da war Megans Ehemann, da war ihre Tochter, und da war das Wissen, dass sie den Job brauchte, um ihre Familie zu ernähren.
Es war Wahnsinn, überhaupt nur daran zu denken, dass sie unter diesen Umständen je zusammen sein könnten, es war verrückt zu glauben, dass alle diese Dinge keine Rolle spielten.
Innerlich völlig zerrissen starrte er aus dem Fenster und wusste schließlich, dass es bei dieser einen Nacht bleiben musste, dass er seine Gefühle vergessen musste, alles andere wäre unfair ihr gegenüber, noch unfairer, als es die ganze Situation sowieso schon war.
Als irgendwann der andere Fahrgast ausstieg und sie allein im Abteil waren, beugte er sich vor und griff vorsichtig nach ihrer Hand.
»Megan?«, sagte er leise, und erschrocken schlug sie die Augen auf.
»Megan, ich … wir müssen reden.«
Er sah die Angst in ihren Augen, und ihr Blick schnitt ihm ins Herz. Sanft streichelte er ihre Hand.
»Es war eine wunderschöne Nacht«, begann er zögernd, »es war besser und schöner, als alles was ich je erlebt habe, und ich hoffe, ich konnte dich auch ein bisschen glücklich machen.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und betroffen senkte er den Kopf, sprach hastig weiter.
»Ich würde dir gerne etwas anderes sagen, ich denke, das weißt du, aber das, was geschehen ist, darf nicht noch einmal passieren. Wir wissen beide, dass ein Zusammensein unmöglich ist, und wir müssen versuchen, das Ganze zu vergessen. Ich möchte auch nicht, dass du dich benutzt fühlst, oder den Eindruck hast, dass ich mit dir spielen will, denn das lag weiß Gott nie in meiner Absicht. Aber in unserem beidseitigem Interesse müssen wir uns künftig darauf beschränken, miteinander zu arbeiten, und etwas anderes darf nicht mehr zwischen uns sein.«
Sie zog ihre Hand weg, und er sah, wie ihre Kiefermuskeln arbeiteten, wie sie krampfhaft die Lippen aufeinander presste.
»In Ordnung«, murmelte sie dann tonlos, »du hast Recht.«
Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange, und er hob die Hand, um sie wegzuwischen, doch sie wehrte ihn ab.
»Nein«, sagte sie voller Schmerz, »du solltest mich nicht mehr anfassen.«

Als Megan eineinhalb Stunden später das Bahnhofscafé betrat, bemerkte Julie sofort ihr verstörtes Gesicht, und ihr war klar, dass irgendetwas passiert sein musste.
»Komm, setz dich hin und trink etwas, es kommt jetzt auf eine Stunde mehr oder weniger auch nicht an, und in dem Zustand kannst du nicht nach Hause gehen.«
Sie bestellte ihr einen Kaffee und schaute sie dann besorgt an.
»Was ist los? Lief es doch nicht so gut, wie wir gehofft haben? War er rücksichtslos? Oder hat er Dinge von dir verlangt, die …«
Megan schüttelte hastig den Kopf.
»Nein, nein, nichts davon. Er hat überhaupt nichts verlangt, er war zärtlich und liebevoll, und es war wunderschön. Ich habe mich zum ersten Mal als Frau gefühlt, und nicht wie ein Stück willenloses Fleisch.«
»Aber irgendetwas stimmt doch nicht, sonst würdest du nicht so verweint aussehen«, bohrte Julie weiter.
»Kannst du dir das nicht denken?«, erklärte Megan gequält, und berichtete ihr, was nach ihrem Telefonat geschehen war.
Nachdem sie fertig war, spielte Julie eine Weile schweigend mit ihrer Serviette herum, dann schaute sie Megan eindringlich an.
»Willst du dich damit zufriedengeben? Willst du wirklich einfach so hinnehmen, dass ihr in euren Alltag zurückkehrt, als wäre nichts gewesen? Willst du wirklich auf das verzichten, was du mit David haben könntest?«
Erneut stiegen Megan Tränen in die Augen.
»Wie kannst du nur so etwas fragen? Es geht nicht um das was ich will, sondern um das, was die Situation erfordert. Julie, wir werden nie zusammen sein können, damit muss ich mich abfinden. Es gibt viel zu viel ‚Wenn‘ und ‚Aber‘ in dieser Geschichte, und ich werde nicht riskieren, dass David in Schwierigkeiten kommt, nur weil ich mit Gewalt etwas haben will, was ich nicht haben kann.«
»Dann hättest du nicht mit ihm schlafen sollen«, sagte Julie trocken.
Entschlossen wischte Megan sich die Tränen ab und schaute die Freundin an.
»Doch«, sagte sie leise, »denn die Erinnerung daran wird das Einzige sein, was mir für immer bleiben wird.«

 

31

Schließlich brachen sie auf, und mit jedem Meter, den sie sich ihrem Zuhause näherten, wurde Megan nervöser. Unterwegs hatten sie noch einmal genau abgesprochen, was sie Brad erzählen würden, und sie betete, dass er ihr glauben und kein großes Theater machen würde.
»Soll ich noch mit reinkommen?«, bot Julie an, doch Megan schüttelte den Kopf.
»Nein, spätestens, wenn du weg bist, gibt es sowieso Ärger, also kann ich es auch gleich hinter mich bringen.«
»In Ordnung, aber versprich mir, dass du sofort zu mir kommst, wenn er richtig durchdrehen sollte.«
»Mache ich.«
Sie nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum, verabschiedete sich von Julie und stieg dann mit müden Schritten langsam die Treppe hinauf.
Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen, da kam Brad auch schon aus dem Wohnzimmer geschossen und baute sich vor ihr auf.
»Wo kommst du jetzt her?«, fragte er zornig.
»Kann ich bitte erst Lisa begrüßen?«
»Die ist bei einer Freundin, sie hatte wohl keine Lust zu warten, bis ihre Mutter sich irgendwann daran erinnert, dass sie ein Kind zu Hause hat«, erwiderte Brad zynisch. »Also, wo kommst du jetzt her?«
»Von Julies Mutter, das weißt du doch«, sagte sie abweisend und wollte an ihm vorbei ins Bad gehen.
Er packte sie am Arm und drückte sie gegen die Wand.
»Erzähl mir keine Märchen, ich habe gestern Abend versucht, dich anzurufen, und du hast dich nicht gerührt. Und dann kommst du heute erst hier angetanzt, obwohl du schon gestern zurück sein wolltest, und willst mir erzählen, du warst bei Julies Mutter – vermutlich hast du dich mit irgendeinem Kerl im Bett gewälzt.«
Kurz flackerte das Bild von Davids nacktem Körper vor ihr auf, doch sofort hatte sie sich wieder unter Kontrolle.
»Lass mich in Ruhe, ich möchte meine Sachen auspacken«, sagte sie und schubste ihn weg.
»Oh, das geht schnell«, grinste er bösartig, und riss ihr die Tasche aus der Hand, leerte sie wie vor ihrer Abreise mit einem Schwung auf dem Boden aus.
Er begann in ihren Sachen herumzuwühlen, überprüfte pedantisch genau jeden Slip, und Megan war froh, dass sie die Dessous von Julie auf der Bahnhofstoilette in den Müll geworfen hatte.
»Bist du jetzt zufrieden?«, fragte sie ruhig, und wollte sich bücken, um ihre Sachen wieder einzusammeln, doch er hielt sie am Arm fest und schob sie zum Schlafzimmer.
»Noch nicht ganz«, zischte er, »erst wirst du mir zeigen, wie sehr du mich vermisst hast.«
»Nein«, schoss es ihr voller Panik durch den Kopf, »nein, das kann ich nicht. Nicht jetzt und niemals wieder, nicht nach dieser Nacht.«
»Nein«, sagte sie entschlossen und stemmte sich gegen ihn, »nein.«
Überrascht starrte er sie an, es war das erste Mal, dass sie sich so vehement gegen ihn wehrte, anstatt ihm irgendeine lahme Ausrede aufzutischen oder nachzugeben.
»Was? Was soll das denn heißen?«
»Es heißt das was ich gesagt habe: Nein.«
»Hat deine saubere Freundin dir irgendwelche Flausen in den Kopf gesetzt?«, knurrte er wütend, »Diese dämliche Schlampe, ich hätte gleich wissen müssen, dass es nicht gut ist, dich mit ihr wegfahren zu lassen. Aber ich werde dir diesen Unsinn schon austreiben. Du wirst dich jetzt dort hinlegen und tun, was ich dir sage.«
Megan wich ein paar Schritte zurück, stieß an den Türrahmen der Küchentür.
»Nein.«
»Du spinnst wohl«, tobte er, »ich habe noch nie die Hand gegen dich erhoben, aber wenn du jetzt nicht sofort da ins Schlafzimmer gehst, wird heute wohl das erste Mal sein.«
Voller Angst wich Megan immer weiter zurück, stand inzwischen in der Küche, tastete hilflos mit den Händen hinter sich, und fühlte auf einmal den Messerblock unter ihren Fingern.
Ohne lange zu überlegen, zog sie eines der langen Fleischmesser heraus und hielt es abwehrend vor sich.
»Nein«, wiederholte sie fest, »du wirst mich nicht anrühren. Weder jetzt, noch irgendwann. Du wirst mich nie wieder anrühren, hast du mich verstanden?«
Brads Augen weiteten sich ungläubig. »Das meinst du nicht ernst«, murmelte er verblüfft.
»Oh doch, das ist mein völliger Ernst. Ich habe dich lange genug ertragen, dich, deine Faulheit, deine Rücksichtslosigkeit, deine penetrante, krankhafte Eifersucht. Nimm deine Sachen und verschwinde.«

Einen Moment lang starrte Brad Megan entgeistert an, dann schüttelte er den Kopf.
»Das kannst du nicht machen«, erklärte er hilflos, »wo soll ich denn hin? Denk doch an Lisa, ich habe doch nur euch beide.«
»Das hättest du dir vorher überlegen sollen«, erklärte Megan kalt, »du hattest fast elf Jahre Zeit dazu. Statt dessen hast du mich terrorisiert, mich gezwungen, dir zu Willen zu sein, und mir das Leben zur Hölle gemacht. Ich will das nicht mehr, ich will dich nicht mehr. Pack deine Sachen und geh.«
»Megan, Schatz, bitte«, redete er auf sie ein, als er merkte, dass es ihr völlig ernst war. »Ich verspreche dir mich zu ändern, es wird nicht wieder vorkommen.«
»Da hast du Recht, es wird nicht wieder vorkommen, denn unsere Wege werden sich trennen. Und deine Versprechungen kannst du dir sparen, ich bin nicht mehr sechzehn und naiv genug, um darauf hereinzufallen.«
»Du kannst mich doch nicht einfach auf die Straße setzen, ich kann doch nirgends hin. Lass mich wenigstens hierbleiben, bis ich eine Wohnung oder ein Zimmer gefunden habe«, flehte er.
Megan wollte ablehnen, doch in diesem Moment klimperte das Geräusch eines Schlüssels an der Haustür, und Sekunden später stand Lisa im Flur.
Rasch legte Megan das Messer weg, und umarmte ihre Tochter, die strahlend auf sie zueilte.
»Mom«, rief sie freudig aus, und schlang Megan die Arme um den Hals, »ich hab dich vermisst.«
»Ich dich auch meine Süße«, flüsterte Megan und drückte sie an sich, »ich dich auch.«
Nachdem sie sich ausgiebig begrüßt hatten, schickte Megan Lisa in ihr Zimmer, mit dem festen Versprechen, gleich nachzukommen.
»Dad und ich müssen noch kurz etwas besprechen«, erklärte sie, und Lisa verschwand zufrieden.
»Megan, bitte …«, wollte Brad wieder beginnen, doch sie unterbrach ihn mit einer unwirschen Handbewegung.
»Sei still, ich will nichts mehr hören. Um Lisas willen kannst du von mir aus hierbleiben, bis du eine andere Unterkunft gefunden hast«, sagte sie ruhig. »Ich gebe dir maximal zwei Monate Zeit, dann bist du verschwunden, je eher, desto besser. Und ich warne dich, lass dir nicht einfallen, hier irgendwelchen Ärger zu machen, sonst setze ich dich umgehend vor die Tür. Ich werde mir deine krankhaften Anwandlungen nicht länger gefallen lassen.«
»In Ordnung«, murmelte er leise, »in Ordnung.«
»Und noch etwas – solange du hier bist, werde ich nicht ohne dieses Messer unter dem Kopfkissen schlafen. Solltest du also auf die Idee kommen, mich noch einmal anzurühren, wirst du keine Freude daran haben.«

 

32

Nachdem er sich am Bahnhof von Megan verabschiedet hatte, hatte David kurz überlegt, ob er in die Firma fahren sollte, sich dann aber dagegen entschieden. Er fühlte sich müde und ausgebrannt und würde sich sowieso nicht auf die Arbeit konzentrieren können, es war besser nach Hause zu fahren und zur Ruhe zu kommen.
Als er das Haus betrat, herrschte eine bedrückende Stille; Cynthia war offenbar nicht da, und er war froh darüber.
Mit dem Telefon setzte er sich auf die Couch und wählte die Geschäftsnummer von William Benson.
»Ich bin es«, begrüßte er seinen Schwiegervater dann, nachdem dieser sich gemeldet hatte.
»David, Junge, ich habe mir schon Gedanken gemacht. Du wolltest doch gestern schon zurück sein.«
»Es hat alles länger gedauert als erwartet, die Verhandlungen waren äußerst zäh. Aber wir haben den Vertrag in der Tasche, es hat schließlich doch noch geklappt.«
»Das freut mich zu hören«, sagte William begeistert, »danke, dass du dich da so reingekniet hast.«
»Schon gut«, wehrte David ab, »ich wollte dir eigentlich auch nur sagen, dass ich heute nicht mehr ins Büro komme. Mrs. Turner habe ich ebenfalls nach Hause geschickt, die Konferenz war sehr anstrengend, und wir waren beide ziemlich erledigt.«
»Kein Problem, mach dir einen entspannten Nachmittag, genieße das Wochenende, und wir sehen uns am Montag in alter Frische.«
»Danke«, murmelte David, »bis dann.«
Nachdem er aufgelegt hatte, ließ er sich zurücksinken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute hinaus in den Garten.
Sofort waren seine Gedanken wieder bei Megan, obwohl es noch keine zwei Stunden her war, dass sie sich am Bahnhof verabschiedet hatten, vermisste er sie jetzt bereits schmerzlich. Er sehnte sich nach ihr und hätte sie am liebsten angerufen, um einfach nur ihre Stimme zu hören, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging, aber natürlich war das nicht möglich.
Frustriert schaute er sich um, betrachtete die teure, moderne Einrichtung, und stellte ernüchtert fest, wie kalt und ungemütlich dieses Haus eigentlich war.
Cynthia hatte die Möbel angeschafft, überteuerte Designer-Möbel, lieblos hingestellt, bezahlt mit dem Geld ihres Vaters.
Cynthia hatte den Marmorfußboden ausgesucht.
Cynthia hatte die schrille, grasgrüne Wandfarbe festgelegt.
Cynthia hatte die Unmengen von hässlichen Plastikblumen auf der Fensterbank und dem Kamin drapiert.
Es gab in diesem Haus kein Stück, das auch nur im Entferntesten einen Teil seiner Persönlichkeit widerspiegelte, allem war Cynthias geschmackloser Stempel aufgedrückt.
Nach dieser Nacht voller Wärme und Liebe wurde ihm nun umso mehr bewusst, in welch einem goldenen Käfig er sich hier befand, und dass das hier nicht sein Zuhause war und es auch niemals sein würde.
Resigniert legte er sich hin, schloss die Augen und stellte sich vor, wie es sein würde, mit Megan zusammenzuleben.

Megan verbrachte fast das gesamte Wochenende mit Julie und Lisa.
Sie gingen zusammen im Wald spazieren, waren Minigolf spielen, und saßen am Sonntagnachmittag in Julies Wohnung und spielten Monopoly.
»Ich bin froh, dass du endlich einen Schlussstrich gezogen hast«, sagte Julie leise, als sie zusammen mit Megan in der Küche ein paar Brote fürs Abendessen belegte. Lisa saß im Wohnzimmer und schaute sich einen Film an, sodass die beiden Frauen sich ungestört unterhalten konnten.
»Allerdings hätte ich Brad gleich vor die Tür gesetzt, du bist viel zu gutmütig.«
»Ja, vielleicht bin ich das«, seufzte Megan, »aber ich tue das Lisa zuliebe. Je ruhiger die ganze Sache über die Bühne geht, desto besser für sie.«
»Na hoffentlich bleibt es auch dabei.«
Megan zuckte mit den Schultern. »Wird schon irgendwie, bis jetzt hat er sich zumindest zurückgehalten.«
Tatsächlich hatte Brad nach der Auseinandersetzung mit Megan keine Anstalten mehr gemacht, zudringlich zu werden, oder in irgendeiner Form Ärger zu verursachen. Schweigend hatte er sich ins Wohnzimmer verkrochen, er hatte es nur verlassen, um ins Bad zu gehen oder sich etwas zu essen zu machen, und er hatte auch dort geschlafen.
Dennoch traute Megan ihm genauso wenig wie Julie es tat, deswegen hatte sie es auch vorgezogen, das Wochenende mit ihrer Freundin zu verbringen, um ihm so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.
»Süße, wenn du möchtest, kannst du auch für eine Weile hierher kommen. Ich habe genug Platz, du könntest mit Lisa im Gästezimmer schlafen«, bot Julie jetzt an.
»Ich danke dir, aber ich wüsste nicht, wie ich das Lisa erklären soll. Ich muss mir sowieso noch etwas einfallen lassen, wie ich ihr am besten beibringe, dass ihr Vater bald nicht mehr bei uns wohnen wird.«
»Das wird schon«, beruhigte Julie sie, »und glaub mir, Lisa ist vernünftiger als du denkst, sie wird es verstehen. Auf jeden Fall gilt mein Angebot, wenn irgendetwas sein sollte, pack deine Sachen und komm hier rüber.«
Megan nickte, und wie so oft in den letzten beiden Tagen wanderten ihre Gedanken zu David, und sie wünschte sich, sie könnte zu ihm gehen.

Am Montagmorgen war Megan bereits früh im Büro; sie ging die Post durch, die sich während ihrer Abwesenheit angesammelt hatte, und bereitete dann die Verträge für den neuen Auftrag vor.
Irgendwann ging die Tür auf und David kam herein.
Einen Augenblick lang schauten sie sich wortlos an, und Megan stellte fest, dass er elend und unglücklich aussah.
»Guten Morgen«, wünschte sie ihm leise, und er murmelte ebenfalls ein kaum hörbares »Guten Morgen«.
Er goss sich eine Tasse Kaffee ein, ging zur Zwischentür, blieb dann aber nochmal stehen.
»Alles in Ordnung?«, wollte er wissen, und Megan nickte zurückhaltend.
»Gut, dann bringen Sie mir bitte die Post und den Vertrag, sobald Sie damit fertig sind.«
Megan zuckte zusammen, als sie das förmliche »Sie« hörte, doch ihr war klar, dass es besser war, wieder zu ihrer gewohnten Distanz zurückzukehren.
»Ja, mache ich.«
Er verschwand, und sie blieb einen Moment reglos an ihrem Schreibtisch sitzen.
Für einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke, ob es nicht besser wäre, wenn sie kündigen würde. Es erschien ihr beinahe unmöglich, unter diesen Umständen noch länger mit David zusammenzuarbeiten, und für ihn wäre es wohl auch einfacher, wenn er sie nicht täglich sehen musste.
Doch sie brauchte diesen Job und das Geld, jetzt mehr als je zuvor, denn ihr war bewusst, dass sie von Brad niemals einen Cent Unterhalt für Lisa bekommen würde, und sie ganz allein zusehen musste, wie sie zurechtkamen.
Unglücklich vertiefte sie sich wieder in ihre Arbeit, während sie sich im Stillen immer wieder fragte, ob der Schmerz irgendwann nachlassen würde.

 

33

Ein paar Tage vergingen, und wenn Megan gehofft hatte, dass sich das Verhältnis zwischen ihr und David irgendwann auf einem halbwegs normalen Level einpendeln würde, so wurde sie sehr bald eines Besseren belehrt.
Beide bemühten sie sich um eine professionelle Distanz, gingen äußerst zurückhaltend und vorsichtig miteinander um, doch sie bemerkten beide sehr schnell, dass ihre Gefühle sich nicht einfach so unterdrücken ließen.
Es waren nur Kleinigkeiten, wie eine versehentliche Berührung oder ein zufälliger Blick, die sie beide immer wieder daran erinnerten, was zwischen ihnen geschehen war, und dass sie in ihrem Inneren alles andere waren als Chef und Angestellte.
Beide versuchten sie, gegen diese Empfindungen anzukämpfen, quälten sich endlos damit herum, nicht daran zu denken, dass der jeweils andere im Zimmer nebenan saß, nur ein paar Schritte entfernt.
Nach außen hin merkte ihnen niemand etwas an, sie wirkten beide konzentriert und engagiert, doch in ihren Köpfen und Herzen sah es ganz anders aus.

Schließlich stand der Termin für die Vertragsunterzeichnung an; zwei der Herren aus Springfield wurden erwartet, und Megan hatte sich diesem Anlass entsprechend mit Rock, Bluse und passenden Schuhen gekleidet.
Bereits früh am Morgen bereitete sie in Davids Büro alles für den Kundenbesuch vor, stellte Tassen und Gläser auf den Besprechungstisch und richtete ein paar Schalen mit Gebäck an.
Als David hereinkam, war sie gerade fertig.
»Guten Morgen, ich habe schon alles vorbereitet. Die Getränke sind im Kühlschrank, ich bestelle gleich noch ein paar belegte Brötchen beim Catering-Service, und ich werde dann nachher noch rechtzeitig ein paar Kannen Kaffee kochen.«
Er starrte sie einen Moment lang an, sagte aber nichts, sondern ging mit einem leisen »Ja, vielen Dank«, zu seinem Schreibtisch und schaltete seinen PC ein.
Hastig verschwand Megan in ihrem Büro und zog die Tür hinter sich zu; sie wusste genau, warum er sie so angesehen hatte, und hatte das Gefühl, jeden Augenblick würden ihre Beine unter ihr nachgeben.
»Himmel, soll das jetzt jedes Mal so gehen, wenn Kunden kommen? Ich kann die Leute doch nicht im Kartoffelsack empfangen«, dachte sie unglücklich, und musste gleichzeitig zugeben, dass der Anblick von David in seinem dunklen Anzug sie auch nicht völlig kalt gelassen hatte.
Nach einer Weile hatte sie sich wieder ein wenig beruhigt, und sie fuhr mit der Organisation für das Meeting fort.
Gegen Mittag erschienen die beiden Herren, Megan holte sie beim Pförtner ab, begrüßte sie höflich und führte sie dann nach oben in Davids Büro.
Geschickt servierte sie den Kaffee, den sie bereits gekocht und in zwei Thermoskannen abgefüllt hatte, reichte noch ein paar Getränke herum, entfernte die Folien von den Tellern mit den belegten Brötchen und wollte sich dann wieder in ihr Büro zurückziehen.
»Ach, Mrs. Turner, es wäre mir ganz lieb, wenn Sie hierbleiben würden, falls wir noch irgendetwas benötigen«, hielt David sie zurück und deutete auf den Stuhl neben sich.
Sie warf ihm einen unglücklichen Blick zu, nickte dann aber. »In Ordnung.«
Ihre Hoffnung, dass die Vertragsunterzeichnung schnell über die Bühne gehen würde, erfüllte sich nicht. Nach ewig andauernden höflichen Plaudereien erfolgten erneute Diskussionen über einzelne Konditionen des Vertrags, und Megan rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.
Seit ihrer gemeinsamen Nacht hatte sie sich nicht mehr so lange in Davids unmittelbarer Nähe aufgehalten, und die Intensität dieser Nähe erschlug sie fast, nahm ihr beinahe die Luft zum Atmen.
Ihm schien es nicht viel anders zu ergehen, mit fahrigen Bewegungen blätterte er in seinen Unterlagen, seine Stimme klang belegt, und er hatte offenbar Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren.
Als er sie dann zwischendurch bat, noch ein paar Änderungen im Vertrag vorzunehmen, sprang sie erleichtert auf, und flüchtete regelrecht in die sichere Geborgenheit ihres Büros.
Sie ließ sich Zeit, brauchte aufgrund ihrer zitternden Finger ohnehin eine ganze Weile, bis sie alles fehlerfrei eingetippt, ausgedruckt und säuberlich zusammengeheftet hatte.
Dann ging sie zurück nach drüben, reichte ihm die Papiere und setzte sich wieder auf ihren Platz.
Glücklicherweise ging jetzt alles recht schnell, man war sich endlich einig, die Unterschriften wurden auf die Dokumente gesetzt, es gab noch ein letztes, freundschaftliches Händeschütteln, und dann begleitete David die beiden Herren nach unten zum Ausgang.
»Gott sei Dank, endlich«, seufzte sie erleichtert, sie hatte das Gefühl gehabt, die Situation keine Sekunde länger ertragen zu können.
Schnell begann sie den Tisch abzuräumen, trug das schmutzige Geschirr zur Teeküche am Ende des Gangs, deckte die restlichen Brötchen wieder mit der Folie ab und stellte sie in den Kühlschrank.
Als sie sich gerade bückte, um eine heruntergefallene Serviette aufzuheben, ging hinter ihr die Tür auf. Sekundenlang war es völlig still, und als sie sich wieder aufrichtete, hörte sie, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde.
Irritiert drehte sie sich um, sah David mit langen Schritten auf die Zwischentür zugehen und auch diese abschließen.
»Was …?«, wollte sie gerade überrascht fragen, als er auch schon bei ihr war und sie in seine Arme riss.
»Megan«, flüsterte er und küsste sie leidenschaftlich, »das ertrage ich nicht, das kann niemand von mir verlangen.«
Sie ließ die Serviette fallen und schlang ihre Arme um seinen Hals, erwiderte voll Verlangen seinen Kuss, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass noch längst nicht Feierabend war und jederzeit jemand an die Tür klopfen konnte.
In Sekundenschnelle hatte er ihren Rock nach oben geschoben, streichelte die weiche Haut oberhalb des Bunds ihrer halterlosen Strümpfe, während sie mit fliegenden Fingern seine Hose öffnete. Ihr Höschen fiel zu Boden, er hob sie auf den Tisch, und sehnsüchtig schlang sie ihre Beine um ihn.
»Das«, presste er wenige Minuten später heftig atmend heraus, und gab ihr einen zärtlichen Kuss, »war genau das, was ich bereits seit unserer ersten Begegnung mit dir tun wollte.«

Dieser Nachmittag war der erste von vielen Nachmittagen, die Megan und David zusammen verbrachten.
Sobald sie sicher sein konnten, ungestört zu sein, verschlossen sie die Türen zu ihren Büros und fielen sich in die Arme. Oft liebten sie sich, manchmal sanft und zärtlich, manchmal wild und zügellos, aber stets mit völliger Hingabe. Oft saßen oder lagen sie auch einfach nur nebeneinander auf dem Boden, hielten sich im Arm und unterhielten sich.
David hatte zwei Decken besorgt, die sie dann ausbreiteten, sodass sie es sich halbwegs bequem machen konnten, und wenn sie sich dann aneinander kuschelten, vergaßen sie, dass sie sich in einem ungemütlichen, nüchternen Büroraum befanden.
Sie erzählten sich alles Mögliche, unterhielten sich über ihre Jugend, ihre Schulzeit, Davids Studium, Megans Ausbildung und ihre Arbeit in der Firma.
Neugierig erforschten sie nach und nach jeder das Leben des anderen, plauderten völlig offen und ungezwungen. Das Einzige, worüber sie jedoch niemals sprachen, waren ihre Ehen und die Frage, wie es mit ihnen beiden weiter gehen sollte. Sie klammerten dieses Thema in stillschweigendem Einvernehmen aus, begnügten sich damit, jetzt füreinander da zu sein und nicht nach der Zukunft zu fragen.
Es war ihnen beiden klar, dass sie so nicht ewig weiter machen konnten, doch sie genossen das Hier und Jetzt, wollten die wenige Zeit, die ihnen blieb, auskosten, ohne sich mit düsteren Gedanken zu belasten.

 

34

Megan strahlte vor Glück, Davids Liebe ließ sie förmlich aufblühen, und sie tat alles, um ihm genauso viel zurückzugeben.
Doch so glücklich sie tagsüber war, so sehr zerrte ihre häusliche Situation jeden Abend an ihren Nerven.
Zwar hielt Brad sich nach wie vor zurück, er behelligte sie weder mit Vorwürfen, noch versuchte er sich ihr zu nähern, aber stattdessen hatte er sich aufs Betteln und Flehen verlegt. Natürlich war Megans Veränderung ihm nicht verborgen geblieben, und er ahnte, dass nur ein anderer Mann der Grund dafür sein konnte. Ein paar Mal versuchte er vorsichtig, etwas aus ihr heraus zu bekommen, doch als er merkte, dass diese Mühe vergeblich war, probierte er sie mit tränenreichem Gejammer dazu zu bewegen, zu ihm zurückzukommen.
»Megan, ich liebe dich doch, ich kann ohne dich nicht sein«, schluchzte er ständig, und je mehr er heulte und klagte, desto mehr widerte er sie an.
Es wurde immer unerträglicher, und irgendwann hielt Megan es nicht mehr aus.
»Hör zu«, sagte sie energisch zu ihm, nachdem sie sich wieder fast eine geschlagene Stunde lang sein Lamentieren angehört hatte, »es reicht jetzt. Die zwei Monate sind beinahe um, und ich möchte, dass du am Ende der Woche hier verschwunden bist.«
»Aber Megan …«, setzte er wieder an, doch sie unterbrach ihn sofort.
»Kein aber, das ist mein letztes Wort.«
»Ich weiß doch gar nicht, wo ich hingehen soll«, fing er erneut an zu schluchzen.
»Das ist mir egal, du hattest jetzt lange genug Zeit, dich um eine Arbeit und eine Bleibe zu kümmern. Am Samstag will ich dich hier nicht mehr sehen, sonst stelle ich dir deine Sachen eigenhändig vor die Tür.«
Ohne ihm noch weiter Beachtung zu schenken, drehte sie sich um und ging hinaus, und es schien so, als hätte er sich mit ihrer Ankündigung abgefunden, denn sie hörte nichts mehr weiter von ihm.
Jedoch als sie am anderen Abend nach Hause kam, stürzte ihr Lisa völlig aufgelöst entgegen.
»Mom, warum hast du uns nicht mehr lieb?«, fragte sie unter Tränen, und erstaunt nahm Megan ihre Tochter in den Arm.
»Wie kommst du denn darauf?«
»Dad hat gesagt, dass du uns nicht mehr lieb hast, und dass du ihn wegschicken willst, weil du jemand anderes lieber hast.«
Ein heißer Zorn brodelte in ihr auf, und als sie Brad mit lauerndem Gesicht am Ende des Flurs stehen sah, hatte sie alle Mühe, sich zu beherrschen.
»Süße, das ist so nicht richtig«, sagte sie leise, und strich Lisa tröstend übers Haar, »natürlich habe ich dich noch lieb. Ich werde dir gleich alles in Ruhe erklären, aber sei bitte so lieb und geh für einen Augenblick in dein Zimmer, ich habe noch kurz etwas mit deinem Dad zu besprechen.«
Sie gab ihr einen Kuss, und ein halbwegs beruhigt verschwand Lisa in ihrem Zimmer.
»Okay, und jetzt zu dir«, zischte sie leise, schob Brad ins Wohnzimmer und zog die Tür hinter zu. »Wie kommst du dazu, ihr so einen Blödsinn zu erzählen?«
»Es ist doch die Wahrheit«, sagte er trotzig, »du liebst mich doch auch nicht mehr.«
»Ich habe dich nie wirklich geliebt, ich habe mich lediglich von dir blenden lassen«, fuhr sie ihn an. »Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Dass es zwischen uns aus ist, ist richtig, aber wie kannst du Lisa nur weismachen, dass ich sie auch nicht mehr lieben würde? Weißt du eigentlich, was du ihr damit antust?«
»Sie soll ruhig wissen, was für ein eiskaltes, skrupelloses Biest ihre Mutter ist«, erklärte Brad seelenruhig. »Du schiebst mich ab, weil du mit einem anderen Kerl herumvögelst, und es nicht erwarten kannst, ihn hier in unser Bett zu holen. Aber eines sage ich dir, das werde ich nicht zulassen, und ich werde es auch nicht zulassen, dass sich irgendein anderer dazu aufschwingt, Lisas Vater zu spielen.«
»Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen, ich kenne niemanden, der dich perfekt ersetzen könnte«, sagte sie zynisch. Sie öffnete die Tür. »So, ich werde jetzt zu Lisa gehen und mit ihr reden. Wenn du möchtest, kannst du gerne dabei sein, aber ich warne dich, noch irgendeine derartige Lüge aus deinem Mund, und du hast deine Tochter heute zum letzten Mal gesehen. Und danach wirst du deine Sachen nehmen und gehen, auf der Stelle. Ich werde dich keine weitere Sekunde mehr mit ihr alleine lassen, und dulden, dass du hinter meinem Rücken gegen mich intrigierst.«
Abrupt drehte sie sich um und ging hinüber in Lisas Zimmer. Sie setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm sie in den Arm.
»Okay meine Süße, kannst du mir einen Moment zuhören?«
Lisa nickte, und Megan fuhr fort: »Es stimmt schon, dass ich mich mit deinem Dad nicht mehr so gut verstehe, aber das hat nicht das Geringste mit dir zu tun. Ich habe dich lieb, und ich werde dich auch immer lieb haben, egal was kommt. Aber dein Dad und ich können hier nicht mehr zusammenwohnen, du weißt ja, dass wir uns sehr oft streiten, und das möchten wir nicht mehr. Deswegen wird dein Dad sich jetzt eine eigene Wohnung suchen, und wenn alles klappt, kannst du ihn dort bald besuchen.«
Mit einem zögernden Blick auf Brad, der Megan gefolgt war, und mit verschränkten Armen schweigend in der Tür stand, fragte Lisa: »Bekomme ich dann da auch ein eigenes Zimmer?«
»Wir werden sehen, Süße, das lässt sich bestimmt machen«, sagte Megan ruhig, froh darüber, dass Lisa die Nachricht offenbar einigermaßen gelassen und verständig aufnahm.
»Und kriege ich da auch Spielzeug und darf Freunde einladen?«
Die Kleine bombardierte ihre Mutter noch eine ganze Weile mit allen möglichen Fragen, die Megan so gut wie möglich beantwortete, während Brad keinen Ton von sich gab.
Dann war sie offenbar zufrieden, und Megan stand auf.
»Du solltest jetzt packen«, sagte sie leise zu Brad, und zu ihrer Verwunderung nickte er nur und verschwand im Schlafzimmer.
Unruhig ging Megan im Flur auf und ab, rechnete damit, dass Brad es sich doch noch anders überlegen würde, doch dann kam er mit zwei Koffern heraus.
»Wenn du so weit bist, kannst du dir noch weitere Sachen holen«, bot Megan an. »Ich möchte keinen Streit wegen irgendeines wertlosen Plunders, und großartige Reichtümer besitzen wir ja glücklicherweise nicht. Von mir aus kannst du alles mitnehmen, außer Lisas Möbel natürlich.«
Er sagte nichts, ging hinüber in Lisas Zimmer, verabschiedete sich von ihr, und kurz darauf schloss sich für immer die Haustür hinter ihm.

 

35

Am nächsten Morgen fuhr Megan erleichtert und gutgelaunt zur Arbeit.
Julie, die als freiberufliche Journalistin vorwiegend zu Hause arbeitete, hatte ihr versprochen, nach Lisa zu schauen, und sich darum zu kümmern, dass das Schloss an der Tür ausgetauscht wurde.
Während sie Kaffee kochte, überlegte sie, ob sie David etwas von den jüngsten Ereignissen erzählen sollte, doch diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder. Zwar hätte sie sich ihm gerne anvertraut, aber sie befürchtete, er würde sich von dieser Nachricht unter Druck gesetzt fühlen, und das wollte sie nicht. Er sollte nicht den Eindruck haben, dass sie jetzt vorhatte, ihn ebenfalls zu einer Trennung zu drängen, diese Absicht lag ihr fern.
Aber wenigstens war sie jetzt eine große Sorge los, sie fühlte sich wie von einer schweren Last befreit, und zufrieden machte sie sich an die Arbeit.
»Hey, du strahlst ja heute so«, schmunzelte David, als er kurz darauf das Büro betrat, »freust du dich, mich zu sehen, oder gibt es einen besonderen Anlass dafür?«
»Ich freue mich immer dich zu sehen, das weißt du doch«, wich sie lächelnd einer Antwort aus.
Er beugte sich zu ihr und küsste sie zärtlich auf die Wange.
»Ist dir eigentlich klar, dass du unwiderstehlich aussiehst, wenn du so glücklich bist?«
»David, wenn jemand hereinkommt«, ermahnte sie ihn, und er verzog das Gesicht.
»Ja«, seufzte er, »ich werde mich wohl noch etwas gedulden müssen.«
Liebevoll kniff er sie in die Seite. »Ich erwarte Sie dann in meinem Büro, bringen Sie die Post und Ihre sexy Beine mit.«
Megan lächelte und machte sich kopfschüttelnd wieder an die Arbeit.
Gegen Mittag kochte sie noch einmal frischen Kaffee, goss für David eine Tasse davon ein, klemmte sich die Mappe mit der Post unter den Arm und ging zu ihm hinüber.
»Danke«, lächelte er, als sie die Tasse vor ihn hinstellte.
Sie stand neben ihm und schaute ihm über die Schulter, während sie gemeinsam die Post durchgingen, und das ein oder andere besprachen.
»Hast du am Wochenende schon etwas vor?«, fragte er plötzlich. »Also ich meine, denkst du, du könntest vielleicht von Samstag auf Sonntag zu Hause weg?«
»Was hast du denn vor?«, fragte sie überrascht.
Er zog sie auf seinen Schoß.
»Diese kurzen Stunden hier nachmittags sind zwar schön, aber ich hätte gerne ein bisschen mehr Zeit mit dir. Mein Freund ist am Wochenende unterwegs, und ich könnte seinen Wohnungsschlüssel bekommen«, erklärte er.
»David, ich glaube das ist keine gute Idee«, sagte sie nervös, und sprach eigentlich von der Tatsache, dass sie hier am helllichten Tag bei unverschlossener Tür auf seinem Schoß saß. Doch er missverstand sie, dachte, sie spräche vom Wochenende.
»Komm schon Liebling, du und ich ganz alleine, eine warme Wohnung, ein kuscheliges Bett … wir könnten es uns gemütlich machen. Vielleicht ein paar Filme ansehen, uns ein schönes Essen kochen, und ich bin mir sicher, dass mir noch ein paar andere Dinge einfallen werden.«
Er zog ihren Kopf zu sich herunter und küsste sie.
»Wir könnten uns die ganze Nacht lang lieben …«, flüsterte er ihr ins Ohr, und ließ seinen Mund abwärts zu ihrem Ausschnitt wandern.
»David«, stöhnte sie leise, während sie ihm die Arme um den Hals schlang, »wir sollten wirklich nicht …«
Im gleichen Augenblick ging die Tür auf, und entsetzt sprang Megan auf.
William Benson stand im Zimmer, und an seinem Gesicht war deutlich zu erkennen, dass er trotz ihrer schnellen Reaktion genug gesehen hatte, um zu wissen, was sich hier abspielte.
Stocksteif stand sie da, in Erwartung des Jüngsten Gerichts, das jetzt gleich über sie beide hereinbrechen würde, doch Davids Schwiegervater verzog keine Miene.
»David, ich wollte dich eigentlich kurz sprechen, aber wie ich sehe, bist du beschäftigt«, sagte er ruhig. »Ich erwarte dich in fünfzehn Minuten in meinem Büro, bis dahin dürftest du ja hier fertig sein.«
Ohne Davids Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging hinaus, und mit einem leisen Klicken fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Eine ganze Weile stand Megan regungslos da, vollkommen geschockt von Bensons plötzlichem Auftauchen, dann schaute sie zögernd zu David.
Blass und mit unbeweglichem Gesicht saß er da, starrte immer noch auf die Tür.
»Gut, dann ist es jetzt wohl heraus«, sagte er dann leise, und Megan sah, dass er in keinster Weise so ruhig war, wie er sich zu geben versuchte.
Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.
»David, ich werde zu ihm gehen. Ich sage ihm, dass es meine Schuld ist, und dass ich kündigen werde.«
»Auf keinen Fall«, widersprach er sofort, »ich habe uns das eingebrockt, und ich werde nicht zulassen, dass du es jetzt ausbaden musst.«
»Aber ich will nicht, dass du wegen mir Ärger bekommst«, flüsterte sie ängstlich.
»Wenn es Ärger gibt, dann habe ich mir das selbst zuzuschreiben. Mir war von Anfang an klar, dass das mit uns irgendwann Konsequenzen haben wird, und ich habe das ganz bewusst in Kauf genommen. Also werde ich jetzt auch dafür geradestehen, alles andere wäre wohl mehr als feige«, betonte er eindringlich.
Er stand auf und zog sie in seine Arme.
»Mach dir keine Sorgen Liebling, ich werde das schon irgendwie regeln. Geh nach drüben und warte dort auf mich, ich komme zu dir, sobald ich das hinter mich gebracht habe.«
Mit einem liebevollen Kuss schob er sie in ihr Büro und verließ dann mit festen Schritten den Raum.
Megan sackte auf ihren Stuhl, und ihr stiegen die Tränen in die Augen.
Sie hatte David nie gefragt, warum er an dieser Ehe festhielt, in der er offenbar nicht glücklich war, genauso wenig wie er sie nach der Ursache für ihr Ausharren mit Brad gefragt hatte. Doch ihr war klar, dass er einen triftigen Grund haben musste, und ebenso war ihr klar, dass es mit Sicherheit zu einer größeren Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Schwiegervater kommen würde. William Benson machte nicht den Eindruck, als würde er stillschweigend tolerieren, dass sein Schwiegersohn seine Tochter mit einer Angestellten betrog, erst recht nicht während der Arbeitszeit im Büro.
Nervös sprang sie wieder auf, ging ruhelos hin und her, war in Gedanken bei David, und betete inbrünstig, dass er keine allzu großen Schwierigkeiten bekommen würde.

 

36

Mit einem knappen Gruß in Richtung der Sekretärin durchquerte David das Vorzimmer seines Schwiegervaters, klopfte kurz an dessen Tür, holte noch einmal tief Luft und ging dann hinein.
»Setz dich«, forderte William ihn ruhig auf, und er ließ sich auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch nieder.
Einen Moment lang schaute der Alte ihn prüfend an, dann schüttelte er den Kopf.
»Ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden, ich denke wir wissen beide, worum es geht.«
Als David bedrückt nickte, fuhr er fort: »Wahrscheinlich erwartest du jetzt, dass ich dir Vorwürfe mache, aber das ist nicht meine Absicht. Du bist jung und gesund, und Mrs. Turner ist eine attraktive Frau. Bereits als du vorgeschlagen hast, dass sie für dich arbeiten soll, habe ich mir meinen Teil gedacht, aber ich wollte mich da nicht einmischen. So sehr ich meine Tochter auch liebe, ich bin mir durchaus bewusst, dass sie nicht sonderlich anziehend ist, und ich nehme es dir nicht übel, dass du dir anderweitig das holst, was du bei ihr nicht bekommst. Allerdings finde ich es reichlich geschmacklos, das hier während der Arbeitszeit zu tun, und dann auch noch mehr oder weniger öffentlich. Dir dürfte klar sein, dass sich damit eure Zusammenarbeit erledigt hat.«
»Aber …«, wollte David einwenden, doch William machte eine herrische Handbewegung.
»Es wird keine langen Diskussionen geben«, sagte er scharf, » du kannst froh sein, wenn ich diese Frau nicht umgehend vor die Tür setze. Eure Wege werden sich trennen, sie wird wieder nach unten in die Abteilung gehen, und du wirst eine andere Assistentin bekommen, aber die werde ich dieses Mal aussuchen. Außerdem erwarte ich, dass ich in absehbarer Zeit eine positive Nachricht hinsichtlich eines Enkelkinds erhalte, du solltest dich also zumindest ab und zu auf deine ehelichen Pflichten besinnen.«
Als er die Ablehnung in Davids Gesicht sah, fügte er hinzu: »Falls du der Meinung sein solltest, dass dir ein bisschen Spaß wichtiger ist als alles andere, dann werden wir eine andere Regelung treffen. Mrs. Turner wird eine fristlose Kündigung erhalten, und du wirst ebenfalls deinen Platz hier räumen. In diesem Fall würde ich natürlich auch die sofortige Rückzahlung des Darlehens für dein Studium erwarten, und zwar inklusive aller angefallenen Zinsen. Außerdem wirst du Cynthia Unterhalt zahlen müssen, dafür werde ich sorgen. Du solltest dir also gut überlegen, ob du das alles nur wegen einer flüchtigen Bettgeschichte auf dich nehmen willst.«
»Du setzt mir also die Pistole auf die Brust«, sagte David tonlos.
Bedauernd zuckte William mit den Achseln. »Tut mir leid Junge, aber ich habe keine andere Wahl. Ich mag dich wirklich sehr gerne, ich denke, das weißt du, und wir zwei haben uns auch immer gut verstanden. Als Cynthia dich das erste Mal mit nach Hause gebracht hat, war ich mit ihrer Wahl sofort einverstanden. Du bist anständig, fleißig, und hast einen guten Charakter, ich könnte mir wohl keinen besseren Schwiegersohn und Vater für mein Enkelkind wünschen. Wenn ich jetzt riskiere, dass du dich vielleicht wegen dieser Frau von Cynthia trennst, werde ich so schnell keinen anderen Mann für sie finden, zumindest keinen, der deine Kragenweite hat. Wir wissen beide, dass meine Tochter nicht der Typ Frau ist, der Männer anzieht wie Motten das Licht. Da ich aber einen Erben für die Firma haben möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als dich mehr oder weniger zu deinem Glück zu zwingen. Das mag dir jetzt vielleicht alles ziemlich schrecklich erscheinen, aber du wirst sehen, wenn das Kind erst einmal da ist, sieht alles ganz anders aus. Es wird dir gefallen, und du und Cynthia werdet auch wieder mehr zueinander finden.«
David schluckte, er hatte das Gefühl, als würde sich jeden Augenblick der Boden unter seinen Füßen auftun und ihn verschlingen, als wäre er in einen tosenden Strudel geraten, der ihn immer weiter in den Abgrund zog.
Am liebsten wäre er aufgestanden, und hätte William gesagt, dass er weder Wert auf seine Tochter, noch auf seine Firma oder das Geld legte. Doch dann dachte er an Megan, an die süße, warmherzige, liebevolle Frau, die seit Wochen alles riskierte, um ihn glücklich zu machen, die Frau, die er liebte, und die er um jeden Preis beschützen würde.
»In Ordnung«, presste er mühsam heraus, »in Ordnung.«
»Ich wusste, dass du vernünftig sein würdest«, lächelte William zufrieden, »es ist die richtige Entscheidung.«
David stand auf. »Ich gehe wieder an die Arbeit.«
»Gut, und sag Mrs. Turner bitte Bescheid, dass sie dann ab morgen wieder unten in der Abteilung arbeitet. Und da ich ja kein Unmensch bin, kannst du ihr auch ausrichten, dass ich die Gehaltserhöhung natürlich weiterhin zahlen werde.«
Dann zwinkerte er David väterlich zu. »Und übrigens, solange du dich ausreichend um Cynthia kümmerst, ist nichts dagegen einzuwenden, wenn du dir in deiner Freizeit ab und zu mal etwas Ablenkung suchst.«

Je länger David verschwunden war, desto unruhiger wurde Megan. Als sich jetzt endlich die Tür öffnete, stürzte sie auf ihn zu.
»War es sehr schlimm? Was hat er gesagt?«
»Nein, es war nicht so schlimm«, erklärte er, und drückte sie kurz an sich, doch sie sah sofort an seinem Gesicht, dass diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach.
»Was wird passieren?«, fragte sie besorgt.
»Du musst wieder zurück in die Abteilung«, teilte er ihr bedrückt mit, »ich weiß, dass das nicht sehr angenehm für dich ist, und mir gefällt das auch keineswegs, aber ich konnte nichts dagegen tun.«
Megan verzog das Gesicht, bei dem Gedanken, sich wieder mit Jennifer und Bridget auseinandersetzen zu müssen, drehte sich ihr der Magen um. Doch sie bemühte sich, Zuversicht in ihre Stimme zu legen, es hätte schlimmer kommen können.
»O
kayK«, sagte sie dann, »damit kann ich leben. Und das war alles?«
»Ja, das war alles«, sagte er lakonisch. Dann nahm er sie in den Arm. »Megan, es tut mir wahnsinnig leid.«
Sanft strich sie ihm über die Wange. »Schon gut, ich gebe dir keine Schuld.«
»Bitte versprich mir etwas.«
»Ja?«
David schaute ihr fest in die Augen.
»Versprich mir, dass sich zwischen uns nichts ändern wird. Auch wenn wir uns hier tagsüber nicht mehr sehen können, wir werden eine Möglichkeit finden. Ich möchte dich nicht verlieren.«

 

37

Noch am gleichen Abend saß David in Ricks Wohnzimmer und schüttete ihm sein Herz aus.
»Herrgott nochmal, dann schmeiß dem Alten doch den Kram vor die Füße«, sagte Rick aufgebracht, nachdem David geendet hatte. »Du bist doch nicht sein Zuchtbulle.«
»Dann pump mir mal eben 20.000 Dollar, besorge Megan und mir einen neuen Job, dann tue ich das mit Vergnügen«, erwiderte David zynisch. »Denkst du, ich würde das mitmachen, wenn ich eine andere Lösung wüsste?«
»Wenn ich das Geld hätte, würde ich es dir gerne geben«, knurrte Rick, »ich wäre dir sogar dabei behilflich, es ihm vor die Füße zu werfen.«
Sie schwiegen einen Moment, dann schaute Rick den Freund prüfend an.
»Und wie soll das jetzt weiter gehen?«
»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich Megan auf keinen Fall aufgeben werde. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist, keine Frau hat mich bisher so glücklich gemacht, und das in jeder Hinsicht. Sie gibt mir alles, was ich brauche, und ich will sie nicht verlieren.«
»Was wäre, wenn ihr beide es wagen würdet, zusammen neu anzufangen? Denkst du nicht, ihr würdet das irgendwie hinkriegen?«
»Sie hat einen Mann, der nicht arbeitet, und eine Tochter, die sie versorgen muss. Wie sollen wir das anstellen, ohne Job, sehr wahrscheinlich auch ohne eine vernünftige Wohnung, und dann noch der Berg von Zahlungen, der auf mich zukommt.« David schüttelte betrübt den Kopf. »Das ist unmöglich.«
»Tja, dann wird dir wohl nichts übrig bleiben, als weiter zu machen wie bisher. Gelegentliche, heimliche Treffen, ein paar glückliche Stunden mit deiner Megan, und die übrige Zeit darfst du dich mit Cynthia abgeben.«
»Oh nein«, sagte David aufgebracht, »wenn ich eines mit Sicherheit weiß, dann, dass ich nie wieder mit Cynthia in einem Bett liegen werde. Ich habe sie seit dem einen Mal nicht mehr angerührt, und seit der ersten Nacht mit Megan schlafe ich im Wohnzimmer auf der Couch, und das wird auch so bleiben.«

Am anderen Morgen betrat Megan mit einem dicken Knoten im Magen das Büro unten in der Abteilung. Ihr war klar, dass sie sich von den Kolleginnen einiges würde anhören müssen, und während sie ihre Sachen in ihren Schreibtisch räumte, versuchte sie, sich innerlich dagegen zu wappnen.
Nach und nach trudelten die anderen Kolleginnen ein, und als Jennifer und Bridget erschienen, gingen wie erwartet sofort die Sticheleien los.
»Ach schau mal einer an – da ist ja plötzlich unsere Megan wieder«, grinste Bridget gehässig. »Wie kommen wir denn zu dieser Ehre?«
»War doch klar, dass David sie bald satthaben würde. Er hat sich ein paar vergnügte Stunden mit ihr gemacht, und sie jetzt wieder abgeschoben. Tja, wie ich schon sagte: Hochmut kommt vor dem Fall«, spottete Jennifer.
»Naja, vielleicht wird dir das eine Lehre sein, dich an den Männern anderer Frauen zu vergreifen«, zischte Bridget dann bösartig, und Jennifer fügte hinzu: »Sieht wohl so aus, als wäre dein Plan nicht aufgegangen, oder hast du etwa geglaubt, David würde wegen dir seine Frau verlassen? Immerhin planen die beiden ein Baby, da hätte dir doch klar sein müssen, dass du dir keine Hoffnungen machen brauchst.«
Megan biss sich auf die Lippen, am liebsten hätte sie die beiden geohrfeigt, doch es war besser sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr diese Bemerkungen sie verletzten, also schwieg sie.
Einzig der Gedanke an David ließ ihr das Ganze halbwegs erträglich erscheinen, und sie war froh, dass sie mit diesem blauen Auge hier davon gekommen waren und es nicht größeren Ärger gegeben hatte.
»Vielleicht sollte ich mich doch nach einem anderen Job umsehen«, überlegte sie, während sie ihren PC einschaltete, »zumindest würden wir dann hier in der Firma allen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen.«
In diesem Moment bedauerte sie ein wenig, dass sie durch Lisas Geburt gezwungen gewesen war, ihre Träume von einem Architektur-Studium aufzugeben. Zwar hatte sie es noch geschafft, ihre Schule zu beenden, und das trotz der Belastung durch Schwangerschaft und Arbeit sogar mit Bestnoten, aber ein Studium war nicht drin gewesen. Weder hatte sie die finanziellen Mittel dazu gehabt, noch die Zeit; durch Brads Arbeitslosigkeit hatte sie Geld verdienen müssen, und sie war froh gewesen, zumindest diesen Job hier in der Baufirma zu bekommen.
Sie nahm sich vor, am Wochenende die Stellenanzeigen in der Zeitung durchzusehen, vielleicht hatte sie ja Glück, und es war etwas Passendes dabei.
Langsam kroch der Tag vor sich hin, und Megan vermisste David. Ihr fehlten seine liebevollen Blicke, die leisen Geräusche, die aus seinem Büro zu ihr herüberklangen, die kleinen Scherze und Neckereien, die sie zwischendurch zu machen pflegten.
Gegen Mittag hatte sie auf einmal eine Mail von David in ihrer Mailbox, und ihr Herz begann, freudig zu klopfen. Sich kurz vergewissernd, dass niemand in ihrer Nähe war, klickte sie schnell darauf.
«Sehr geehrte Mrs. Turner, ich bitte um einen Rückruf. Mit freundlichen Grüßen, David Warner«
Zuerst war sie ein wenig erschrocken über den unpersönlichen Ton, doch sofort wurde ihr klar, dass David unverfänglich wirken wollte, falls zufällig jemand anderes die Mail lesen würde.
Schnell drückte sie auf »Löschen«, und als eine knappe halbe Stunde später ihre Mittagspause begann, nahm sie ihr Handy und ging nach draußen. Sie verließ das Gebäude und entfernte sich ein Stück, um sicher zu sein, dass ihr niemand zuhören würde.
Mit zittrigen Fingern wählte sie Davids Nummer, und offenbar hatte er schon auf ihren Anruf gewartet, denn er hob sofort ab.
»Megan, Liebling, schön deine Stimme zu hören«, begrüßte er sie erfreut. »Wie geht es dir?«
»Außer dass ich dich vermisse, ganz gut«, lächelte sie.
»Du fehlst mir auch«, sagte er leise. »Wie läuft es unten in der Abteilung?«
»Oh, sehr gut«, log sie.
Sie wollte ihm nicht sagen, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlte, er würde sich sonst noch mehr Vorwürfe machen.
»Wie sieht es mit unserem Wochenende aus? Können wir uns sehen?«
»Ja, das klappt«, bestätigte Megan.
Bereits am Abend zuvor hatte sie Julie gefragt, ob sie sich um Lisa kümmern könnte, und hilfsbereit wie immer hatte die Freundin zugesagt.
»Gott sei Dank«, seufzte David erleichtert, »Sehr viel länger würde ich es ohne dich wohl auch nicht aushalten.«
Sie plauderten noch eine Weile, dann schaute Megan auf die Uhr. »Ich fürchte, ich muss wieder nach oben.«
»In Ordnung, dann halt die Ohren steif, und wir sehen uns am Wochenende, ich freue mich schon auf dich.«
»Ich freue mich auch«, lächelte sie. »Bis dann.«
»Ach, und Megan …«, sagte er auf einmal leise.
»Ja?«
»Ich liebe dich.«

 

38

Endlich war das Wochenende da, und Megan fuhr ein wenig aufgeregt zu der Adresse, die David ihr genannt hatte.
Obwohl sie täglich in Megans Mittagspause miteinander telefoniert hatten, hatte sie schreckliche Sehnsucht nach ihm, und konnte es kaum abwarten, ihn zu sehen, und endlich wieder in seinen Armen zu liegen.
Ungeduldig drückte sie auf die Klingel, kurz darauf ertönte das Summen des Türöffners, und als Megan die Treppe hinaufgestiegen war und an der Wohnungstür ankam, lachte ihr ein blonder Mann fröhlich entgegen.
»Hey, du musst Megan sein – ich bin Rick.«
Er streckte ihr die Hand entgegen, und nachdem sie sich kurz begrüßt hatten, folgte Megan ihm nach drinnen.
»Setz dich«, forderte er sie auf, nachdem er sie ins Wohnzimmer geschoben hatte, »David wird gleich da sein, er wollte auf dem Weg hierher noch ein paar Sachen einkaufen – in meinem Kühlschrank herrscht wie immer gähnende Leere.«
Megan schmunzelte und setzte sich auf die Couch, schaute sich kurz in dem leicht chaotisch wirkenden Raum um.
»Tut mir leid, wenn es hier so aussieht«, grinste Rick, der ihren Blick bemerkt hatte, »aber ich hatte keine Zeit mehr um Ordnung zu schaffen. Außerdem bin ich Junggeselle, da ist das nicht so schlimm.«
»Kein Problem«, lachte Megan, »und du brauchst dir keine Gedanken machen, wir werden bestimmt nicht aufräumen.«
»Oh, das glaube ich allerdings auch, ich schätze, ihr habt Besseres zu tun.«
Er zwinkerte ihr kurz zu und öffnete dann eine angrenzende Tür.
»Ich packe noch schnell meine Sachen und bin dann auch gleich weg. Es macht euch hoffentlich nichts aus, wenn ihr euch das Bett selbst frisch bezieht, ich bin nicht mehr dazu gekommen.«
Durch die offene Tür sah Megan, wie er einen Stapel Bettwäsche aus einem Schrank nahm und aufs Bett warf.
»Ich lege euch einfach alles hier hin, und falls ihr meine megagroße Badewanne benutzen wollt, Handtücher sind im Bad.«
»Er scheint wirklich ein sehr guter Freund zu sein«, dachte Megan schmunzelnd, obwohl es ihr schon ein bisschen peinlich war, dass er offenbar ganz genau wusste, warum David und sie hauptsächlich das Wochenende hier verbringen wollten.
Wenig später stand er mit einer Tasche in der Hand vor ihr und verabschiedete sich.
»Bis dann, ich wünsche euch viel Spaß, vielleicht sehen wir uns ja morgen Abend noch.«
»Bis dann«, nickte Megan.
Er verschwand, und nervös saß sie auf der Couch, blätterte in einer Zeitschrift und wartete auf David.
Es dauerte nicht lange, bis sie das Geräusch eines Schlüssels hörte, und wenige Sekunden später kam David herein, zwei Einkaufstüten in der Hand.
Als er sie sah, stellte er sofort die Tüten ab, stürmte auf sie zu, zog sie in seine Arme und drückte sie so fest an sich, dass sie fast keine Luft mehr bekam.
»Liebling, ich habe dich so vermisst«, murmelte er und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen.
Nachdem sie sich ausgiebig begrüßt hatten, ließ er sie los.
»Ich hoffe, du hast nicht so lange gewartet, ich habe uns noch ein bisschen was zum Essen und eine Flasche Wein eingekauft«, erklärte er, »ich gehe schnell in die Küche und räume das aus.«
»In Ordnung«, nickte sie, »dann werde ich in der Zwischenzeit schon mal die Bettwäsche wechseln.«
David lächelte. »Oh, wenn ich mir das so recht überlege, können die Einkäufe doch noch einen Moment warten, ich glaube, ich helfe dir lieber beim Bettenbeziehen.«

Sie verbrachten ein wunderschönes Wochenende, lagen die meiste Zeit im Bett, kuschelten oder liebten sich, schauten sich ein paar Filme aus Ricks umfangreicher Videosammlung an, und kochten gemeinsam.
»Ich wünschte, wir könnten für immer hier zusammenbleiben«, murmelte David bedrückt, als sie am Sonntag Nachmittag zusammen in der Badewanne lagen, die tatsächlich überdimensional groß war und ausreichend Platz für zwei Personen bot.
Megan saß mit dem Rücken an ihn gelehnt zwischen seinen Beinen, und zärtlich küsste er ihr Ohr.
»Liebling, wir müssen uns irgendetwas einfallen lassen. Im Büro können wir uns nicht mehr treffen, und Rick fährt leider nicht jedes Wochenende weg. Ein Hotelzimmer kann ich mir nicht dauernd leisten, und ehrlich gesagt, hat das auch einen reichlich billigen Beigeschmack, das möchte ich dir nicht zumuten. Aber es reicht mir auch nicht, dich alle paar Wochen mal bei mir zu haben, also brauchen wir irgendeine andere Lösung.«
»Ich wüsste da vielleicht etwas«, sagte sie zögernd.
Eigentlich hatte sie nicht beabsichtigt, David von ihrer Trennung zu erzählen, doch nun war die Situation wieder völlig anders.
»Wir könnten uns bei mir zu Hause treffen«, schlug sie zaghaft vor, und drehte ihren Kopf ein wenig herum, um ihn anzusehen.
»Heimlich, wenn dein Mann nicht da ist? Nein danke, aber das werden wir auf keinen Fall tun.«
»Brad wohnt nicht mehr bei mir, ich habe mich von ihm getrennt.«
Überrascht starrte er sie an. »Seit wann?«
»Schon seit einer Weile. Genau genommen seit dem Tag, als wir beide von der Geschäftsreise zurückkamen.«
Er runzelte die Stirn. »Warum hast du mir nichts davon erzählt?«
Verlegen spielte Megan mit dem Badeschaum herum.
»Ich … ich dachte, du würdest dich davon vielleicht irgendwie unter Druck gesetzt fühlen«, erklärte sie leise. »Es hätte doch so ausgesehen, als würde ich erwarten, dass du dich von deiner Frau trennst.«
»Du hast nie ein Wort in dieser Richtung gesagt, also warum hätte ich das denken sollen?« Liebevoll drückte er sie an sich. »Hast du dich wegen mir von ihm getrennt?«, fragte er dann nachdenklich.
»Nein … zumindest nicht nur.«
Sie berichtete ihm, was sich nach ihrer Rückkehr abgespielt hatte, erzählte ihm auch, wie ihre Ehe mit Brad verlaufen war, und wie rücksichtslos er sie zur Befriedigung seiner Bedürfnisse benutzt hatte.
»Ich hätte es nicht mehr ertragen können, wenn er mich noch angefasst hätte, nicht nach dieser Nacht mit dir.«
Erschüttert hielt David sie im Arm, streichelte sie zärtlich.
»Deswegen bist du in dieser Nacht also so zusammengezuckt, als ich dich berührt habe«, murmelte er kopfschüttelnd, »Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte diesem Mistkerl sämtliche Knochen gebrochen.«
»Schon gut, es ist vorbei«, Megan kuschelte sich an ihn und ließ ihre Finger zärtlich über seinen Oberschenkel gleiten, »du hast mir gezeigt, wie schön es sein kann, und das würde ich jetzt auch ganz gerne noch ein bisschen genießen.«

 

39

Eine knappe Stunde später saßen sie angezogen auf der Couch und kuschelten sich aneinander.
»Liebling, wir haben nicht mehr viel Zeit, Rick wird bald zurück sein, und auch wenn du mich erst einmal von diesem Thema abgelenkt hast, müssen wir uns trotzdem noch einmal darüber unterhalten. Du hättest mir wirklich schon viel früher erzählen sollen, was los ist.«
»Wie gesagt, ich wollte dir nicht das Gefühl geben, dass ich von dir das Gleiche erwarte.«
David seufzte und nahm Megans Hand, spielte sanft mit ihren Fingern.
»Ich denke, dass du dich wohl auch schon gefragt haben wirst, warum ich überhaupt noch verheiratet bin, und ich denke, ich sollte es dir vielleicht erklären.«
»Nein, du bist mir keine Rechenschaft schuldig«, wehrte sie ab, »das ist ganz allein deine Sache. Du wirst deine Gründe haben, und ich respektiere das.«
»Ich weiß, du hast mich nie bedrängt, und ich bin dir sehr dankbar dafür. Aber du solltest es trotzdem wissen, es betrifft dich genauso wie mich.«
Zögernd erzählte er ihr, wie er Cynthia kennengelernt hatte, berichtete von dem Darlehen, welches ihr Vater ihm zur Verfügung gestellt hatte, und erklärte ihr dann auch, was dafür von ihm erwartet wurde.
»Ein Baby«, sagte Megan tonlos, und bei dem Gedanken, dass er nicht nur mit ihr, sondern auch mit seiner Frau schlief, vielleicht sogar direkt, nachdem sie beide zusammen gewesen waren, wurde ihr plötzlich schlecht. »Heißt das, du …«
Sie konnte nicht weiter sprechen, eine Welle der Übelkeit stieg in ihr auf, sie stürzte ins Bad und übergab sich.
Würgend hing sie über der Toilettenschüssel, als David zu ihr kam, sich zu ihr beugte, und sie besorgt festhielt.
»Nein Liebling, nein«, beruhigte er sie, und half ihr vom Boden hoch, »Nein, ich schlafe nicht mit ihr, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.«
Megan trank einen Schluck Wasser aus der Leitung, wusch sich das Gesicht ab, und David legte seine Arme um sie. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel, und sie sah den Schmerz in seinen Augen.
»Entschuldige, ich hätte nicht so überreagieren sollen«, sagte sie leise. »Schließlich bist du mit ihr verheiratet, und es geht mich nicht das Geringste an.«

Am Abend saßen David und Rick zusammen in Ricks Wohnzimmer.
Megan war bereits nach Hause gefahren, ihr Magen hatte ihr immer noch zu schaffen gemacht, und kurz nach Ricks Eintreffen war sie aufgebrochen. David hatte sie noch zu ihrem Wagen begleitet und sich liebevoll von ihr verabschiedet. Sie hatten vereinbart, am nächsten Mittag wie gewohnt zu telefonieren, und waren sich einig, dass sie das nächste Wochenende bei Megan verbringen wollten, zumindest einen Tag davon, je nachdem wie Julie Zeit haben würde, sich um Lisa zu kümmern.
Jetzt saßen die beiden Freunde auf der Couch, und David schwenkte trübsinnig das Bier in seiner Flasche hin und her.
»Du siehst nicht gerade so aus, als hättest du viel Spaß gehabt an diesem Wochenende«, stellte Rick fest, »war euch mein Bett etwa nicht bequem genug?«
»Spar dir deine Sprüche, ich habe ganz andere Probleme«, knurrte David gereizt.
»Also gut, ich höre – was ist los?«
»Megan hat sich von ihrem Mann getrennt«, murmelte David, als würde das alles erklären.
»Und deswegen machst du so ein Gesicht? Freu dich doch, das ist doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht gibst du dir ja auch endlich einen Ruck und tust das Gleiche. Deine Megan macht einen sehr netten Eindruck, und ich glaube, dass ihr zwei das irgendwie hinkriegen werdet.«
»Ja, vielleicht sollte ich das tun«, sagte David nachdenklich, »aber Megan ist jetzt alleine mit ihrer Tochter und mehr als zuvor auf das Geld angewiesen, das sie in der Firma verdient. Wenn sie wegen mir rausfliegt, würde ich mir das nie verzeihen.«
»Ihr müsst es ja nicht überstürzen, schaut euch beide in Ruhe nach etwas anderem um, und sobald ihr was gefunden habt, macht ihr Nägel mit Köpfen«, ermutigte Rick ihn. »So wie es im Moment läuft, kann das jedenfalls nicht ewig weiter gehen, ihr geht beide daran zugrunde.«
»Ich weiß.« David leerte den Rest Bier aus seiner Flasche. »Denkst du, ich kann ein paar Tage hier bei dir bleiben? Ich brauche Ruhe, um mir zu überlegen, was ich tun soll, und kann Cynthias dauerndes Gezänke nicht gebrauchen. Außerdem gehe ich dann wenigstens auch ihren ständigen Annäherungsversuchen aus dem Weg, ohne dass ich mir dauernd irgendwelche Ausreden einfallen lassen muss.«

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug.
Megan war mit Julies Hilfe dabei, ihre Wohnung ein wenig zu renovieren. Als Erstes hatten sie die komplette Schlafzimmereinrichtung entsorgt, und dann entschieden, dass Megan das Zimmer mit ihrer Tochter tauschen würde. Zum einen wollte sie nicht mehr in diesem Raum schlafen, der für sie so viele unangenehme Erinnerungen barg, zum anderen würde David vielleicht auch irgendwann einmal über Nacht bleiben, und sie wollte nicht mit ihm dort drinnen zusammen sein.
Sie hatten etliche Eimer Farbe gekauft, strichen zunächst das Schlafzimmer neu, und räumten dann Lisas Möbel dort ein. Danach war Lisas Zimmer an der Reihe, sie pinselten die Wände in einem warmen Crémeton, Julie schenkte ihr ein fast neues Bett, das sie noch auf dem Dachboden stehen hatte, und nachdem sie noch einen alten Kleiderschrank aufgetrieben und ein paar neue Gardinen angebracht hatten, sah der Raum äußerst behaglich aus.
»Ein richtiges Liebesnest«, schmunzelte Julie, als sie zufrieden ihr Werk betrachteten, »ich denke, ihr werdet euch hier wohl fühlen. Übrigens freue ich mich schon darauf, ihn am Wochenende endlich einmal kennenzulernen, du wirst ihn mir doch hoffentlich wenigstens kurz vorstellen?«
Megan schmunzelte.
»Du wirst doch vorher sowieso keine Ruhe geben«, lachte sie, »ich weiß genau, dass du kontrollieren willst, ob er der Richtige für mich ist.«
»Natürlich«, gab Julie unumwunden zu, »nach deinem Reinfall mit Brad ist es wohl besser, wenn ich ihn mal unter die Lupe nehme, ich will nicht, dass du noch einmal so etwas mitmachen musst.«
»Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, erklärte Megan lächelnd, »Trotz aller Schwierigkeiten ist David das Beste, was mir je passieren konnte. Er ist liebevoll, behandelt mich anständig und macht mich glücklich – es wird mir nie wieder so schlecht gehen wie all die Jahre mit Brad.«

 

40

Obwohl Cynthia erbittert versucht hatte, ihm das auszureden, hatte David sich bei Rick einquartiert. Rick war viel unterwegs, und David nutzte diese Zeit, um mit Megan zu telefonieren. Am liebsten hätte er sie gebeten zu ihm zu kommen, doch es war nie sicher, wann Rick wieder zurück sein würde, und sie würden nicht wirklich Ruhe haben, also beschränkte er sich auf die telefonischen Gespräche mit ihr und freute sich auf das Wochenende.
Seit Sonntag war ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, dass Megan frei war, und er hatte seither genug Muße gehabt, um sich zu überlegen, ob er nicht auch endlich seine Ehe beenden sollte, ungeachtet der Folgen.
Der Gedanke an ein gemeinsames Leben mit Megan erschien ihm verlockend, und immer wieder grübelte er hin und her, ob er Megan wirklich eine finanziell so ungewisse Zukunft zumuten sollte.
Schließlich hatte er sich dazu durchgerungen, am Wochenende mit ihr darüber zu sprechen, und wenn sie einverstanden sein würde, würde er einen Schlussstrich ziehen und Cynthia, ihren Vater und alles, was damit zusammenhing, endgültig hinter sich lassen.

Als er am Freitagmittag das Büro seines Schwiegervaters betrat, um mit ihm ein paar Dinge hinsichtlich eines größeren Auftrags zu besprechen, empfing ihn dieser freudestrahlend.
»David mein Junge, das ist ja eine tolle Neuigkeit. Ich wusste doch, dass du es hinkriegst.«
Er zwinkerte ihm vergnügt zu, und irritiert schaute David ihn an.
»Entschuldige, aber ich habe keine Ahnung, wovon du gerade sprichst.«
»Na, wovon wohl? Von meinem Enkelkind natürlich«, sagte William Benson begeistert. »Eigentlich müsste ich dir ja noch ein bisschen böse sein, dass es so lange gedauert hat, aber besser spät als nie.«
»Enkelkind«, wiederholte David verständnislos.
»Jetzt sag mir nur, Cynthia hat dir noch nichts davon erzählt«, fuhr der Alte fröhlich fort, ohne zu bemerken, wie David plötzlich blass wurde, »tut mir leid, dass ich ihr jetzt die Überraschung verdorben habe. Aber wie auch immer, mein lieber David, du siehst jetzt Vaterfreuden entgegen, und ich erwarte, dass du dich entsprechend um Cynthia und das Kind kümmerst. Keine Eskapaden mehr, deine Familie braucht dich jetzt.«
»Das ist allerdings eine Überraschung«, murmelte David ungläubig, und hatte das Gefühl, als hätte jemand einen Eimer Eiswasser über ihm ausgeleert.
Kreidebleich und mühsam beherrscht besprach er mit seinem Schwiegervater kurz die geschäftlichen Dinge, während in seinem Kopf nur noch das Wort »Kind« herumspukte.
Als sie fertig waren, verabschiedete er sich hastig und stürmte mit großen Schritten den Gang entlang in sein Büro. Er riss den Hörer vom Telefon und wählte die Nummer von Zuhause.
Es dauerte ewig, bis Cynthia sich endlich meldete, und ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten, platzte er sofort mit seinem Ärger heraus.
»Was ist das für ein Schwachsinn? Wie kommst du dazu, deinem Vater zu erzählen, dass du ein Kind bekommst?«
»Ach Schatz, jetzt reg dich doch nicht so auf. Ich habe ihm nur die Wahrheit gesagt.« Mit beleidigtem Ton fügte sie hinzu: »Ich habe gedacht, du freust dich ein bisschen.«
»Du weißt genauso gut wie ich, dass das überhaupt nicht sein kann. Ich habe seit Wochen nicht mehr mit dir geschlafen«, fuhr er sie an.
»Das weiß ich nur zu gut«, zischte sie, »du hast es ja vorgezogen auf der Couch zu schlafen oder dich woanders herumzutreiben.« Dann wurde ihr Ton wieder freundlicher. »Aber du wirst dich doch noch an die eine Nacht vor ein paar Wochen erinnern, scheinbar hattest du dich da noch nicht woanders verausgabt.«
»Du bist geschmacklos«, sagte er kalt. »Wenn das wirklich stimmt, warum kommst du erst jetzt damit an?«
»Ich habe es selbst erst gestern erfahren. Aus irgendeinem Grund hatte ich trotzdem noch meine Periode, und ich dachte, die sporadische Übelkeit kommt vielleicht von den vielen Pralinen.«
»Das werde ich dir erst glauben, wenn ich es schwarz auf weiß gesehen habe«, sagte er wütend. »Du willst doch nur verhindern, dass ich gehe, aber das lasse ich mit mir nicht machen. Ich lasse mich von dir und deinem Vater nicht länger erpressen und als Zuchthengst benutzen, dafür werdet ihr euch in Zukunft einen anderen Idioten suchen müssen. Ich werde noch heute Abend meine Sachen packen, und dann war es das.«
»Nun David, wenn du denkst, dass du das tun möchtest, dann bitte, ich werde dich nicht davon abhalten. Aber wie du weißt, habe ich bereits mit meinem Vater gesprochen, und falls du der Meinung bist, dass du mit deinem Flittchen ein neues Leben anfangen und mich mit dem Kind hier sitzen lassen kannst, muss ich dich enttäuschen. Du weißt, dass mein Vater ziemlich gute Beziehungen zu allen möglichen Geschäftsleuten hat. Ein Wort von mir wird genügen, und du und deine kleine Schlampe werdet keinen Fuß mehr auf den Boden kriegen«, sagte Cynthia drohend. »Also überlege dir gut, was du tust.«
Es klickte in der Leitung, und außer sich vor Zorn warf David den Hörer auf den Boden.
Sekunden später hörte er im Büro nebenan das Faxgerät rattern, und als er das Blatt aus der Ablage nahm und umdrehte, sah er, dass es ein ärztliches Attest war, welches bescheinigte, dass Cynthia tatsächlich in der zwölften Woche schwanger war.

»Mom, kann ich dann auch ein Stück Kuchen haben?«, fragte Lisa, als sie sah, wie ihre Mutter ein Backblech mit Teig auslegte, Obst und Streusel darauf verteilte und dann in den Ofen schob.
»Süße, eigentlich ist der Kuchen für meinen Besuch, aber ich bin mir ganz sicher, dass etwas übrig bleiben wird.«
Lisa zog eine Schnute, und in diesem Augenblick klingelte es an der Tür.
»Das wird Julie sein, gehst du schnell aufmachen?«, bat Megan, während sie einen Kopfsalat zerpflückte.
»Hm, das riecht hier aber gut«, schmunzelte Julie, als sie wenig später die Küche betrat. »Ich sehe schon, du wirst David nach Strich und Faden verwöhnen.«
»Wer ist David?«, mischte Lisa sich ein, »Ist das dein Besuch?«
»Ja Süße, das ist mein Besuch«, erklärte Megan nervös. »Aber du solltest jetzt vielleicht schnell deine Sachen einpacken und dann mit zu Julie gehen.«
»Och menno, wenn ich schon keinen Kuchen bekomme, möchte ich wenigstens sehen, wer das ist«, bettelte Lisa, »du kennst doch auch alle meine Freunde.«
»Schau mal, deine Mom hat noch viel zu tun, und wir lassen sie jetzt am besten ganz in Ruhe«, versuchte Julie Lisa zu überzeugen. »Bestimmt wirst du noch eine andere Gelegenheit haben, um David kennen zu lernen.«
»Dann warte ich, bis der Kuchen fertig ist«, erklärte Lisa resolut und setzte sich auf einen der Küchenstühle. »Kuchen oder David.«
Julie wollte noch etwas sagen, doch Megan hob beschwichtigend die Hand.
»Also gut, du kleiner Sturkopf, bevor du mir jetzt noch ewig die Ohren voll quengelst, in Ordnung, du kannst noch hier bleiben, bis er kommt. Aber dann mach dich wenigstens nützlich und geh mit Julie inzwischen den Tisch decken.«
Lächelnd schaute sie Lisa nach, die sofort aufgesprungen war und ins Wohnzimmer hinüber flitzte.
Auf Julies Kopfschütteln hin sagte sie achselzuckend: »Irgendwann werden die beiden sich doch sowieso kennenlernen müssen, dann können wir das auch genauso gut gleich hinter uns bringen.«

 

41

Während Julie und Lisa im Wohnzimmer den Tisch deckten, bereitete Megan das Essen vor, und schaute immer wieder nervös auf die Uhr.
Als sie so weit mit allem fertig war, eilte sie ins Bad, sprang rasch unter die Dusche und zog sich dann an. Mit einem letzten Blick in den Spiegel stellte sie fest, dass sie trotz ihrer freudigen Stimmung alles andere als gut aussah, und bedrückt musterte sie die Ringe unter ihren Augen und ihr blasses Gesicht.
»Ich sollte glücklicher aussehen«, dachte sie naserümpfend.
Im gleichen Augenblick klingelte es auch schon an der Tür, und mit einem leisen Seufzen verließ sie das Bad und öffnete.
»Hey, komm rein«, lächelte sie und trat zur Seite, damit David an ihr vorbei gehen konnte.
»Megan«, sagte er liebevoll und wollte sie in den Arm nehmen, doch sie schüttelte den Kopf und legte den Finger auf die Lippen.
Da kam auch schon Lisa um die Ecke geschossen, gefolgt von Julie.
»Bist du David?«, fragte sie neugierig, und musterte ihn von oben bis unten.
»Lisa«, sagte Megan vorwurfsvoll, »was ist das denn für eine Begrüßung?«
»Schon gut«, wehrte David schmunzelnd ab, und reichte Lisa die Hand. »Hallo Lisa, ja du hast Recht, ich bin David.«
Sie gab ihm die Hand und schaute ihn dann forschend an.
»Du siehst nett aus«, stellte sie dann mit kindlichem Ernst fest, und Megan gab ihr einen Klaps auf den Po.
»Okay, das reicht jetzt aber. Geh deine Sachen einpacken, und dann ab die Post.«
Lisa hopste den Gang entlang und verschwand in ihrem Zimmer, und Megan warf David einen entschuldigenden Blick zu.
»Tut mir leid, aber sie wollte unbedingt sehen, wer du bist. Jetzt komm erstmal rein.«
Sie schob ihn ins Wohnzimmer.
»Das ist meine Freundin Julie«, stellte sie vor, »Julie, das ist David.«
Die beiden begrüßten sich, und Julie lächelte.
»Ich muss Lisa zustimmen, Sie machen einen netten Eindruck. Zwar hat Megan mir auch nur Gutes von Ihnen erzählt, aber nachdem ich mich jetzt mit eigenen Augen davon überzeugt habe, ist mir doch etwas wohler.«
»Julie«, zischte Megan entsetzt, und David grinste.
Er legte kurz seinen Arm um Megans Taille und drückte ihr einen Kuss aufs Haar.
»Lass nur, ich bin froh, dass ich den Eignungstest offenbar bestanden habe.«
»Das wird sich noch herausstellen«, sagte Julie scherzend und wandte sich dann zur Tür. »Ich helfe Lisa schnell beim Packen, und dann sind wir auch gleich verschwunden, und ihr zwei seid ganz ungestört.«
Megan schaute ihr hinterher und seufzte.
»Oh Mann, du bist das erste Mal hier und wirst gleich so überfallen – hoffentlich schreckt dich das nicht gleich wieder ab.«
Die Zeitschaltuhr am Backofen piepste, und Megan nahm David an der Hand.
»Komm mit in die Küche, ich muss den Kuchen aus dem Ofen nehmen, und nach unserem Essen schauen.«
»Du hättest dir nicht so viel Mühe machen sollen«, sagte David leise, während er ihr zusah, wie sie Fleisch in der Pfanne wendete und nach zwei Topflappen griff.
»Oh, das macht mir keine Mühe«, lächelte sie, »ich koche gerne.«
Sie öffnete die Klappe des Backofens.
»Ich freue mich schon auf unseren Abend, und ich muss dir auch was erzählen«, sagte sie, und angelte vorsichtig das Backblech heraus.
»Ich muss dir auch etwas sagen«, erklärte er unbehaglich, »und ich weiß nicht, ob du danach noch in der Stimmung für einen gemütlichen Abend bist.«
Mit dem Kuchenblech in der Hand drehte sie sich langsam um. Sie hatte bereits am Vorabend während ihres Telefonats bemerkt, dass David sich ziemlich bedrückt angehört hatte, und als sie jetzt sein angespanntes Gesicht bemerkte, war ihr sofort klar, dass irgendetwas passiert sein musste.
»Was ist los?«, fragte sie ahnungsvoll.
Hilflos hob er die Hände. »Ich … ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll«, murmelte er gequält, »aber Cynthia ist schwanger.«
Das Backblech glitt Megan aus den Händen und fiel mit einem lauten Scheppern auf die Fliesen, der Kuchen verteilte sich rings um ihre Füße und verbrannte ihr fast die Haut, doch sie bemerkte es nicht, starrte ihn nur ungläubig an.
» … ich schlafe nicht mehr mit ihr, schon seit einer ganzen Weile nicht …«, hallten seine Worte durch ihren Kopf, und sofort stieg wieder ein heftiger Brechreiz in ihr auf. Mit einem Schritt war sie am Spülbecken und übergab sich, immer und immer wieder.
Irgendwann richtete sie sich auf, wischte sich mit dem Ärmel ihrer Bluse den Mund ab und drehte sich zu ihm um.
»Megan …«, sagte er unsicher und wollte einen Schritt auf sie zugehen, doch sie hob sofort abwehrend die Hände.
»Schon gut, ich habe verstanden«, erklärte sie kalt. »Du solltest dann jetzt vielleicht lieber gehen und dich um deine Frau kümmern.«
Er wollte noch etwas sagen, doch er sah, dass sie jetzt im Moment nicht bereit sein würde, noch weiter mit ihm zu reden, also nickte er resigniert und ging zur Tür.
Dort drehte er sich noch einmal um, warf ihr einen unglücklichen Blick zu, und wenig später hörte sie die Haustür ins Schloss fallen.
Langsam rutschte Megan zu Boden, saß inmitten der Kuchenstücke, und schlug weinend die Hände vors Gesicht.
»Mom, warum weinst du denn?«, hörte sie auf einmal Lisas Stimme. »Wieso ist David schon wieder gegangen? Hat er den Kuchen kaputtgemacht?«
Wie in Trance hob Megan den Kopf, starrte auf die zermatschten Brocken des Kuchens, und schaute dann ihre Tochter an.
»Nein Süße«, sagte sie leise, »Den Kuchen nicht.«

 

Teil 2




42

Mit einem durchdringenden Quietschen kamen die Räder des Zugs zum Stillstand. Die Türen gingen auf, Fahrgäste strömten heraus, vermischten sich mit den Wartenden auf dem Bahnsteig. Zwischen all den Umarmungen, den winkenden Händen und dem Stimmengewirr schaute Megan sich suchend um.
»Megan«, hörte sie im gleichen Augenblick auch schon Julie lauthals rufen, und Sekunden später fiel ihr die Freundin um den Hals. »Megan, es ist so schön, dass du wieder da bist.«
Mit Freudentränen in den Augen hielten die beiden sich eine ganze Weile fest, dann trat Julie einen Schritt zurück und schaute Megan prüfend an.
»Du siehst gut aus«, stellte sie zufrieden fest, »Sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen, und du kommst mir keinen Tag älter vor als damals.«
»Schmeichlerin«, schmunzelte Megan.
Dann wandte Julie sich an die schlaksige Siebzehnjährige, die abwartend hinter ihrer Mutter stehen geblieben war.
»Lisa meine Süße, du bist ja so groß geworden«, sagte sie erstaunt, »muss ich jetzt schon ‚Sie‘ zu dir sagen?«
»Nein«, lachte Lisa und ließ sich Julies Umarmung gefallen, »ich bin immer noch Lisa.«
Julies Blick fiel auf den kleinen, dunkelhaarigen Jungen, den Lisa an der Hand hielt, und der sich schüchtern hinter ihren Beinen versteckte.
»Und du musst Jamie sein«, lächelte sie, »deine Mom hat mir schon viel von dir erzählt – ich bin Julie.«
»Hi«, murmelte der Kleine verlegen, und Megan strich ihm übers Haar.
»Er ist etwas zurückhaltend gegenüber Fremden, aber keine Angst, er wird nach einer Weile auftauen.«
Mit vereinten Kräften schleppten sie das Gepäck zum Ausgang und dann zu Julies Wagen, den sie in der Nähe des Bahnhofs abgestellt hatte.
Wenig später waren sie unterwegs zu Julies Wohnung.
»Es ist schön, dass du wieder da bist, ich hab dich vermisst«, sagte Julie, während sie das Auto durch den Stadtverkehr steuerte. »Zum Glück hat deine Tante dir ihr Haus vermacht, sonst hätte ich dich vermutlich nie mehr zu Gesicht bekommen.«
»Wie oft hast du mir versprochen, dass du mich besuchen kommst, und hast es doch nie geschafft?«, zog Megan sie auf. »Also keine Gardinenpredigt bitte.«
»Ach Süße, ich habe es mir wirklich so oft fest vorgenommen. Aber irgendwie hab ich es nie auf die Reihe gekriegt. Außerdem hätte ich dich doch sowieso nur gestört, du hast doch genug zu tun gehabt. Der Job, die Kinder, und dann auch noch das Studium nebenbei – ich frage mich sowieso, wie du das alles unter einen Hut gebracht hast.«
Megan lächelte. »Ach, so wild war das gar nicht. Zum einen hat Lisa mich tatkräftig unterstützt, und zum anderen habe ich in meiner freien Zeit ja sowieso nichts anderes zu tun gehabt.«
»Ich habe Mom immer gesagt, sie soll nicht so viel lernen, sondern mal ausgehen, um jemanden kennenzulernen, aber sie wollte ja nicht«, erklärte Lisa vom Rücksitz aus.
Für einen kurzen Moment zuckte ein trauriger Zug um Megans Mundwinkel, und sie wechselte sofort das Thema.
»Ich danke dir, dass wir bei dir bleiben können, bis das Haus einigermaßen bewohnbar ist. Ich hoffe, wir werden dir nicht allzu sehr auf die Nerven gehen.«
»Ach Unsinn, das ist doch selbstverständlich«, wehrte Julie ab, »außerdem ist es schön dich hier zu haben, wir haben uns bestimmt eine Menge zu erzählen.«

Eine knappe Stunde später waren sie in Julies Wohnung angekommen.
Während Megan mit Jamies tatkräftiger Unterstützung das Bett im Gästezimmer bezog und ein paar Sachen auspackte, verschwand Lisa mit einem »Ciao Mom, ich geh mal schauen, ob ich noch ein paar von meinen alten Freundinnen wieder finde«, und kopfschüttelnd schaute Megan ihr hinterher.
»Sie ist wirklich erwachsen geworden«, lächelte Julie, und wurde dann ernst. »Sieht so aus, als hätte sie die Trennung von dir und Brad gut verkraftet.«
Megan warf der Freundin einen warnenden Blick zu, schaute kurz in Jamies Richtung, und Julie verstand.
»Okay, bring den kleinen Mann erstmal ins Bett, wir unterhalten uns später.«
Nachdem sie Jamie noch ein Brot gemacht, ihn gewaschen und mit ihm die Zähne geputzt hatte, brachte Megan ihn ins Bett und las noch ihm noch eine Geschichte vor.
»So mein Schatz, jetzt wird schnell geschlafen, morgen gehen wir uns das Haus ansehen«, sagte sie anschließend und zog ihm die Decke zurecht.
»Bekomme ich dann auch ein eigenes Zimmer?«, fragte Jamie müde und kuschelte sich ins Kissen.
»Ich glaube schon«, lächelte Megan, »lass uns morgen einfach schauen.«
Sie drückte ihm noch einen liebevollen Kuss auf die Stirn. »Gute Nacht, schlaf schön und träum was Schönes.«
»Ich träume von meinem Dad«, murmelte er schon halb im Schlaf, und mit einem schmerzlichen Lächeln ging Megan leise hinaus.

Wenig später saßen Julie und Megan im Wohnzimmer und erzählten sich ausführlich, was sie während der letzten sechs Jahre erlebt hatten.
»Wie gesagt, ich finde es bewundernswert, wie du das alles hinbekommen hast«, sagte Julie aufrichtig. »Und du hast tatsächlich am nächsten Montag ein Vorstellungsgespräch in einem Architekturbüro? Wolltest du dich nicht selbstständig machen?«
»Im Moment muss ich erstmal ein bisschen Geld in die Haushaltskasse bekommen. Bestimmt muss in Tante Mollys Haus einiges renoviert werden, dann wird Jamie ja übernächste Woche eingeschult und braucht noch dringend ein paar Sachen, und Lisa hat auch ständig irgendwelche kleinen Wünsche«, seufzte Megan. »Miete für ein Büro kann ich mir derzeit nicht leisten, vielleicht habe ich Glück und es ist im Haus genug Platz, um da vielleicht irgendwann mal was in der Richtung zu machen. Bis dahin habe ich lieber eine feste Anstellung und pünktlich mein Geld auf dem Konto. Es ist zwar nur eine kleine Firma, aber sie zahlen ganz gut und ich hoffe, dass das klappt.«
»Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen«, nickte Julie, »ich kann mir vorstellen, dass zwei Kinder eine Menge Geld kosten.«
Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie leise: »Jamie sieht aus wie sein Vater. Ich habe zwar auf den Fotos, die du mir geschickt hast, schon immer ein paar Ähnlichkeiten erkannt, aber jetzt so aus der Nähe ist er ihm wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.«
»Ja, das ist er«, murmelte Megan bedrückt.
Nach einem kurzen Seitenblick auf Julie schüttelte sie den Kopf. »Oh nein, ich weiß, worauf du hinaus willst, und du kennst meine Meinung dazu.«
»Megan, ich bin immer noch der Überzeugung, du hättest es ihm sagen sollen.«
»Nein«, sagte Megan schroff, »ich habe meine Familie, und er hat seine.«

 

43

Am nächsten Tag fuhren sie zu viert zu dem Haus, welches Megan von ihrer verstorbenen Tante geerbt hatte, und als sie vor dem Grundstück standen, bekamen sie vor Staunen den Mund nicht mehr zu.
»Oh mein Gott, was für ein alter Kasten«, stöhnte Lisa, »und dieser verwilderte Garten – scheußlich.«
Tatsächlich handelte es sich bei dem Haus um eine alte Villa, ziemlich groß, und umgeben von einem riesigen Garten, der allerdings komplett zugewuchert war.
»Na wenn das innen so aussieht wie hier draußen, dann Mahlzeit«, sagte Julie trocken.
»Jetzt macht nicht so einen Stress, mit ein bisschen Arbeitseinsatz kriegen wir das schon hin«, erklärte Megan, ohne selbst so recht davon überzeugt zu sein.
Sie gingen hinein und schauten sich um. Das Haus war noch komplett eingerichtet, allerdings waren die meisten Möbel reif für den Sperrmüll. Vergilbte Tapeten hingen an den Wänden, und die Kacheln in den Bädern und der Küche hatten auch schon bessere Tage gesehen. Das Einzige, was offenbar vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden war, war der Holzfußboden, der in einem wunderschönen Mahagoniton glänzte.
»Uff, das wird eine Menge Arbeit«, seufzte Megan. Dann bemühte sie sich um ein zuversichtliches Gesicht. »Aber das kriegen wir schon hin, und wenn wir erstmal fertig sind, dann wird es richtig schön hier, glaubt mir.«
»Wenn wir erstmal fertig sind«, betonte Lisa, »das kann sich ja nur um Jahre handeln.«
Ohne auf ihren Kommentar zu achten, fuhr Megan fort: »Auf jeden Fall habt ihr jeder ein eigenes Zimmer, und draußen im Garten können wir für Jamie einen Sandkasten und eine Schaukel aufstellen.«
»Mom, ich bin schon viel zu groß für einen Sandkasten«, erklärte Jamie mit dem ganzen Ernst eines Sechsjährigen, »aber ein Baumhaus wäre cool.«
»Wir werden sehen«, schmunzelte Megan, »zuerst müssen wir hier drinnen einiges tun.«

Während der nächsten Tage machten sie sich mit Feuereifer an die Renovierung.
Nachdem sie den größten Teil der alten Möbel entsorgt hatten, nahmen sie sich die Wände vor, rissen die alten Tapeten ab und klebten neue an, schrubbten die Kacheln, putzten die Fenster, und bis zum Ende der Woche hatten sie das Gröbste geschafft.
»Noch ein oder zwei Tage, dann haben wir zumindest die Räume, die wir brauchen, so weit, dass wir einziehen können«, sagte Megan zufrieden, als sie am Sonntagabend müde und verschmutzt auf den Stufen zum Eingang saßen. »Der Rest hat Zeit, das können wir nach und nach machen.«
Sie legte ihre Arme um Lisa und Jamie und zwinkerte Julie zu.
»Ich denke, ihr zwei habt euch jetzt einen Eisbecher verdient. Aber zuerst sollten wir duschen und uns umziehen, so wie wir jetzt aussehen, lassen die uns niemals ins Eiscafé rein.«
Nachdem sie noch ein paar letzte Handgriffe erledigt hatten, schlossen sie die Tür ab und fuhren zu Julie. Eine knappe Stunde später saßen sie frisch geduscht und umgezogen in einer Eisdiele in der Stadt. Während Megan und Julie drinnen saßen und noch einen Kaffee tranken, hatte Jamie seine Schwester nach langem Betteln dazu überreden können, sich ein wenig mit ihm in der Fußgängerzone umzusehen, und die beiden waren verschwunden.
Angeregt unterhielten sich die beiden Frauen, als Megan plötzlich einen blonden Mann auf ihren Tisch zukommen sah. Erschrocken hielt sie die Luft an, sie hatte diesen Mann nur einmal in ihrem Leben gesehen, doch sofort stiegen Bilder in ihrem Kopf auf, Bilder, die sie sechs Jahre lang in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses verbannt hatte.
David und sie bezogen das Bett.
David und sie kochten zusammen.
David und sie lagen in der Badewanne.
Davids Augen im Spiegel.
«… ich schlafe nicht mehr mit ihr, schon seit einer ganzen Weile nicht …«
»Hallo Megan«, riss Ricks Stimme sie aus ihren Gedanken.
»Hi Rick«, murmelte sie unbehaglich.
»Du siehst gut aus, wie geht es dir?«
»Danke, gut«, erwiderte sie kurz angebunden, in der Hoffnung, dass er nicht auf die Idee käme, David zu erwähnen.
Doch er war auch so taktvoll genug, das nicht zu tun, fragte sie stattdessen, was sie so machte, und sie gab ihm ein paar ausweichende Antworten.
Auf einmal sah sie Lisa mit Jamie hereinkommen, und sie sprang auf.
»Tut mir leid Rick, aber wir müssen jetzt gehen. Julie, zahlst du schnell? Du kriegst es nachher wieder.«
Bevor die entgeisterte Freundin etwas sagen konnte, war sie zur Tür gestürmt, zog die ebenso verblüfft drein schauende Lisa und Jamie aus dem Café und eilte mit ihnen um die nächste Ecke.
»Sag mal, was war das denn jetzt?«, fragte Julie, als sie ihnen wenige Minuten später gefolgt war.
Sich kurz vergewissernd, dass Lisa und Jamie weit genug entfernt waren, um etwas mitzubekommen, verzog Megan das Gesicht.
»Die Stadt ist riesengroß, aber kaum bin ich eine Woche wieder hier, schon läuft mir ausgerechnet Davids bester Freund über den Weg.«
»Das ist doch aber kein Grund, so Hals über Kopf davon zu laufen«, sagte Julie kopfschüttelnd.
»Ich wollte nicht, dass er Jamie sieht«, erklärte Megan unglücklich. »Er hätte sofort zwei und zwei zusammengezählt, und ich wollte nicht riskieren, dass er David etwas sagt.«
Julie blieb stehen, und drehte Megan mit einem energischen Ruck zu sich um.
»Du wirst es ihm nicht ewig verschweigen können. Irgendwann wird Jamie alt genug sein, um nach seinem Vater zu fragen, und er hat ein Recht darauf, ihn kennenzulernen, genauso wie David ein Recht darauf hat, zu wissen, dass er einen Sohn hat.«
Megan presste die Lippen zusammen.
»Ich glaube kaum, dass David das etwas ausmachen würde. Es hat ihm damals schließlich auch nichts ausgemacht, mit seiner Frau ins Bett zu gehen, obwohl er ständig mit mir geschlafen hat. Und es hat ihm auch nichts ausgemacht, mich zu belügen, also warum sollte es ihn interessieren, dass er einen Sohn hat.«

 

44

Am nächsten Morgen stand das Vorstellungsgespräch an, und Megan stand im Bad und machte sich sorgfältig zurecht.
Nachdem sie angezogen war, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel und war zufrieden mit dem, was sie sah.
Trotz der zwei Kinder hatte sie immer noch eine tadellose Figur, schlank und wohlgeformt. Ihre Haare, die sie immer noch lang trug, glänzten im durch das Fenster hereinfallenden Sonnenlicht leicht rötlich, und ihre Haut war faltenlos. Wer sie nicht kannte, hätte sie wesentlich jünger als zweiunddreißig Jahre geschätzt, und in dem Bewusstsein, gut und gepflegt auszusehen, machte sie sich zuversichtlich auf den Weg.
Das relativ kleine Firmengebäude lag etwas außerhalb der Innenstadt, und erfreut stellte Megan fest, dass sie nur zwanzig Minuten Fahrzeit vom Haus dorthin haben würde.
»Ich muss mir unbedingt ein Auto anschaffen«, überlegte sie, während sie die wenigen Stufen zum Eingang hinauf stieg.
Eine ältere Dame saß am Empfang und beschrieb Megan den Weg zum Personalbüro.
Dort angekommen holte sie noch einmal tief Luft und betrat nach kurzem Anklopfen zögernd den Raum.
»Guten Tag, ich bin Megan Turner, ich habe für elf Uhr einen Termin mit Ihnen«, erklärte sie höflich, und nachdem der Mann hinter dem Schreibtisch sich als Mr. Arnold vorgestellt hatte, bat er sie, sich zu setzen.
Nervös rutschte sie auf ihrem Stuhl herum, während er sich noch einmal ihre Bewerbungsunterlagen anschaute.
»Nun Mrs. Turner, wie ich sehe, sind Ihre letzten Arbeitszeugnisse tadellos, und die Tatsache, dass Sie Ihr Studium zusätzlich zu einem ganztägigen Job absolviert haben, zeugt von Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Aber warum haben Sie sich erst so spät zu einem Studium entschlossen?«
Megan zögerte kurz, dann entschied sie sich dafür, die Wahrheit zu sagen.
»Ich habe sehr früh meine Tochter bekommen, und konnte deshalb nicht wie geplant zur Universität gehen«, erklärte sie aufrichtig.
Er blätterte zu ihrem Lebenslauf. »Wie ich sehe, haben Sie zwei Kinder.«
»Ja, eine siebzehnjährige Tochter und einen sechsjährigen Sohn.«
»Sie sind unverheiratet?«, hakte er nach, und Megan glaubte, einen leisen Tadel in seiner Stimme zu hören.
»Geschieden. Aber das ist kein Problem, meine Tochter ist fast erwachsen, und mein Sohn wird nächste Woche eingeschult«, sagte sie hastig.
»Sie werden ab und zu geschäftlich verreisen müssen. Wer würde sich in dieser Zeit um ihre Kinder kümmern?«
»Eine gute Freundin wohnt ganz in meiner Nähe; sie arbeitet freiberuflich von zu Hause aus und würde das übernehmen.«
Unbehaglich knetete Megan ihre Finger hin und her, sie kam sich vor wie bei einem Verhör, aber ihr war klar, dass ein Arbeitgeber natürlich sicher sein wollte, dass die Mitarbeiter auch zuverlässig waren.
»Sie haben noch keine Berufserfahrung als Architektin?«
»Nein«, musste sie zugeben, »Ich habe knapp zehn Jahre als Buchhalterin in einer größeren Baufirma gearbeitet, und die letzten sechs Jahre als Bürokraft in einem Architekturbüro.«
»Darf ich fragen, warum Sie sich nicht dort als Architektin beworben haben?«
»Ich bin erst vor ein paar Tagen wieder hierher gezogen. Meine verstorbene Tante hat mir ein Haus vererbt, daher der Ortswechsel, und deshalb suche ich jetzt eine neue Anstellung.«
Der Mann schwieg, raschelte noch eine Weile mit den Papieren herum, dann nickte er.
»Gut, ich denke, das genügt fürs Erste. Wir haben noch andere Bewerber, deren Gespräche noch ausstehen, und im Anschluss daran wird die Firmenleitung beraten, wer die Zusage erhält. Wir setzen uns dann innerhalb der nächsten zwei Wochen mit Ihnen in Verbindung und teilen Ihnen unsere Entscheidung mit.«
Er stand auf. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, einen schönen Tag noch.«
Megan erhob sich ebenfalls, verabschiedete sich höflich von ihm, und kurz darauf stand sie draußen vor dem Eingang, mit dem unguten Gefühl, dass sie vermutlich nie mehr etwas von dieser Firma hören würde.

»Und, wie ist es gelaufen?«, fragte Julie aufgeregt, als Megan zur Tür herein kam.
»Frag bloß nicht«, seufzte Megan, »wenn die mich nehmen, fresse ich einen Besen. Dieser Personalheini hat mich regelrecht auseinandergenommen. Warum, wieso, weshalb – und allein die Tatsache, dass ich alleinerziehende Mutter bin, schien schon moralisch verwerflich zu sein.«
Julie lachte.
»Ach, jetzt mach dir keinen Kopf, das wird schon. Und wenn alle Stricke reißen, kannst du dir immer noch überlegen, dich selbstständig zu machen, genug Platz hast du ja in deiner Villa.«
»Ja, Platz wäre nicht das Problem. Aber wir können nicht von der Hand im Mund leben, und es dauert eine Weile, bis so eine Firma anläuft und genug Aufträge da sind, dass man davon existieren kann. Ich glaube, ich sehe mich zur Sicherheit noch nach ein paar anderen Jobs um.«
»Warum bewirbst du dich nicht in deiner alten Firma?«, grinste Julie.
»Meinst du etwa bei den Bensons?«, fragte Megan entgeistert. »Bist du noch ganz dicht? Nach allem, was dort vorgefallen ist? Außerdem habe ich von einem Tag auf den anderen gekündigt, um David nicht mehr sehen zu müssen, da kannst du doch nicht allen Ernstes glauben, dass ich dort noch einmal einen Fuß in die Tür setzen würde.«
»Ich weiß, das war auch nicht ernst gemeint«, beruhigte Julie sie, »ich habe mir nur gerade vorgestellt, wie die alle aus der Wäsche gucken würden, wenn du da plötzlich wieder auf der Matte stehen würdest.«
»Ja, und allen voran David«, erwiderte Megan trocken. »Nein danke, das möchte ich mir lieber nicht vorstellen.«

 

45

Im Laufe der Woche hatten sie in der Villa endlich alles so weit fertig und eingerichtet, dass sie einziehen konnten.
Inzwischen hatte eine Spedition auch sämtliche Umzugskisten gebracht, und obwohl es teilweise noch ein wenig chaotisch aussah, strahlten die frisch renovierten Räume dennoch eine behagliche Wärme aus, und sowohl Megan als auch Lisa und Jamie fühlten sich sofort wohl.
Sie genossen noch ein paar gemeinsame Ferientage, dann fing für Lisa die Schule wieder an, und Jamies Einschulung stand bevor.
Als sie sich am Morgen von Jamies großem Tag fertigmachten, fragte Megan sich, wer von ihnen beiden wohl nervöser war.
Jamie hopste treppauf, treppab, packte seinen nagelneuen Schulranzen mindestens fünf Mal ein und wieder aus, und war nur mit Mühe davon abzuhalten, jetzt schon in die Schultüte zu schauen.
Anhand einer Liste, welche die Schulleitung den Eltern der angehenden Schüler zugeschickt hatte, kontrollierte Megan, ob Jamie wirklich alles eingepackt hatte, und stellte dann kopfschüttelnd fest, dass sie sein Turnzeug völlig vergessen hatte.
Mit einem Blick auf die Uhr, der ihr sagte, dass sie sich allmählich beeilen mussten, stürmte sie die Treppe hinauf in Jamies Zimmer, warf hastig das Turnzeug in den dafür vorgesehenen Beutel und eilte wieder nach unten.
Im gleichen Augenblick klingelte das Telefon.
»Himmel, doch nicht jetzt«, dachte sie entnervt.
»Mom, da ist ein Mann dran«, krähte Jamie, und hektisch nahm sie ihm den Hörer aus der Hand.
»Ja?«
»Guten Morgen Mrs. Turner, hier ist Greg Arnold von der Firma Capital Construction«, klang eine distanzierte Männerstimme an ihr Ohr.
»Oh, guten Morgen Mr. Arnold«, sagte sie mit einem nervösen Blick auf die Uhr.
»Ich wollte Ihnen mitteilen …«
»Mom«, rief Jamie in diesem Augenblick lautstark, »Du hast mir das falsche T-Shirt in den Turnbeutel getan.«
»Jamie, ich komme gleich«, rief sie hastig, und versuchte sich dann wieder auf den Personalchef zu konzentrieren. »Entschuldigung, mein Sohn wird heute eingeschult, und wir sind gerade ein bisschen in Eile.«
»Nun, wie auch immer«, erwiderte Greg Arnold, und Megan konnte deutlich das Missfallen in seiner Stimme hören, »ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir uns leider für einen anderen Bewerber entschieden haben.«
»Das … ich … in Ordnung, trotzdem vielen Dank für Ihren Anruf«, stammelte sie enttäuscht. »Darf ich fragen, was den Ausschlag gegeben hat?«
»Nun, wir haben uns für einen Bewerber mit«, er hüstelte, »etwas geordneteren Familienverhältnissen entschieden.«
»Ich habe meine Familie bestens im Griff«, erklärte Megan verärgert, »was wissen Sie denn schon?«
»Mom, wir müssen jetzt los«, rief Jamie in diesem Moment wieder.
»Das hört sich aber anders an«, sagte Arnold giftig, »viel Erfolg noch bei Ihrer weiteren Suche.«
Frustriert knallte Megan den Hörer auf die Gabel und Sekunden später schob sie Jamie aus dem Haus. »Jetzt aber schnell, sonst verpassen wir die Hälfte.«
»Mom, hast du jetzt einen Job gefunden?«, wollte Jamie wissen, während er an ihrer Hand neben ihr her hopste.
»Nein mein Schatz, noch nicht.«
»Schade«, sagte er betrübt, »dann haben wir ja immer noch kein Geld, damit ich zu meinem Dad fahren kann.«
Glücklicherweise war Jamie kurz darauf wieder von diesem Thema abgelenkt; die Grundschule lag nur wenige Straßen vom Haus entfernt, und gerade als sie dort ankamen, begann auch schon die Feier.
Nach einer kurzen Ansprache der Direktorin gaben die älteren Schüler ein paar Gesangseinlagen zum Besten, dann riefen die jeweiligen Klassenlehrer ihre neuen Schützlinge namentlich auf und führten sie für eine erste Unterrichtsstunde in ihre Klassenräume.
Während dieser Zeit kam Megan mit einer anderen Mutter ins Gespräch, sie unterhielten sich ein wenig, und es dauerte nicht lange, bis Jamie wieder auf sie zugestürzt kam.
»Mom, darf ich jetzt endlich meine Schultüte aufmachen?«, fragte er ungeduldig.
»Ja Schatz, sobald wir zu Hause sind«, lächelte Megan und verabschiedete sich von der anderen Mutter.
»Und, wie war es?«, wollte Megan wissen, während sie auf dem Weg zurück nach Hause waren.
»Wir haben einen Buchstaben gelernt, das ‚A‘, aber den konnte ich schon«, erklärte Jamie begeistert. »Und ich habe eine neue Freundin, Sarah, sie sitzt neben mir.«
Mit Feuereifer berichtete er seiner Mutter, was er sonst noch in dieser ersten Schulstunde erlebt hatte, und als sie zu Hause ankamen, stürzte er sich auf die Schultüte.
Lächelnd ging Megan in die Küche und bereitete das Mittagessen zu, kurz darauf erschien auch Lisa, und zusammen aßen sie zu Mittag.
Am Nachmittag kam Julie vorbei, sie überreichte Jamie ein kleines Geschenk und setzte sich dann zu Megan in die Küche.
»Sieht so aus, als hätte ihm der erste Tag Spaß gemacht«, schmunzelte sie mit einem Kopfnicken in Jamies Richtung, der im Wohnzimmer saß und mit äußerster Konzentration eine Seite eines Schreibheftes mit dem Buchstaben »A« füllte.
»Ja, wenigstens etwas, was positiv läuft«, murmelte Megan mit schiefem Grinsen. »Den Job habe ich leider nicht bekommen.«
»Schade, haben sie dir gesagt, warum nicht?«
»Meine Familienverhältnisse sind zu ungeordnet«, wiederholte Megan die Worte des Personalchefs.
»Die haben doch wohl eine Meise, als ob das eine Rolle spielen würde«, empörte Julie sich. »Nur weil du nicht verheiratet bist, dabei hast du alles bestens im Griff.«
»Der Personalchef sah das wohl anders. Außerdem bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher, ob er nicht recht hat.«
»Wie kommst du denn da drauf?«
»Jamie fragt dauernd nach seinem Vater, und ich weiß nicht, was ich noch sagen soll«, erklärte Megan unglücklich.
Julie sagte nichts, sondern warf ihr nur einen vielsagenden Blick zu, sodass Megan bereits bedauerte, das Thema überhaupt wieder angeschnitten zu haben. Sie wusste genau, was die Freundin ihr am liebsten darauf geantwortet hätte, und genau diese Antwort wollte sie nicht hören.
»Wie auch immer, es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als mich weiter auf Jobsuche zu begeben, irgendetwas werde ich schon finden.«

 

46

Ein paar Wochen vergingen; Megan und die Kinder hatten sich gut eingelebt, und alles lief allmählich seinen geregelten Gang.
Das Einzige, was Megan jedoch nicht gelingen wollte, war einen Job zu finden. Sie telefonierte sich die Finger wund, lief sich die Hacken ab, doch es war wie verhext, trotz ihrer einwandfreien Zeugnisse wollte niemand sie einstellen, nicht einmal für einfache Büroarbeiten.
»Ich verstehe das einfach nicht«, sagte sie eines Nachmittags händeringend zu Julie, »als ob ich die Pest hätte. Jamie hat bald Geburtstag, bis Weihnachten ist es auch nicht mehr lange, und wenn ich nicht bald etwas finde, sind meine letzten Ersparnisse aufgebraucht.«
»Vielleicht solltest du dir doch überlegen, ob du dich nicht selbstständig machst. Den Platz hast du, und du könntest von zu Hause aus arbeiten, dann hättest du auch mehr Zeit für Jamie.«
»Ich weiß nicht«, sagte Megan zweifelnd, »Aufträge fallen einem auch nicht von heute auf morgen in den Schoß, es wird eine ganze Weile dauern, bis ich mir einen Kundenstamm aufgebaut habe.«
In diesem Moment öffnete sich die Haustür, und Megan zuckte erschrocken zusammen, als ein kleines schwarzes Fellknäuel plötzlich aufgeregt winselnd um ihre Beine herum sprang.
»Oh Gott, was ist das denn?«, entfuhr es ihr überrascht.
»Ein Hund würde ich sagen«, grinste Julie.
Da kam auch schon Lisa um die Ecke, hockte sich auf den Boden und nahm den Hund in den Arm.
»Ist er nicht süß Mom?«
Megan seufzte, seit ewiger Zeit wünschte Lisa sich einen Hund, und bisher hatte sie ihr diese Idee immer mit Erfolg ausreden können.
»Ja, er ist süß, aber er wird nicht hier bleiben.«
»Ach Mom bitte, wir haben doch jetzt genug Platz, ich werde mich auch gut um ihn kümmern, du wirst gar keine Arbeit damit haben«, sprudelte Lisa flehentlich hervor. »Wenn wir ihn nicht nehmen, muss er ins Tierheim.«
»Lisa, du weißt, dass das nicht geht. Jamie und du seid den ganzen Morgen in der Schule, ich muss irgendwann wieder arbeiten und bin auch nicht zu Hause, wer soll dann nach ihm schauen? Außerdem frage ich mich sowieso schon, wo ich das Geld für unser Essen auftreiben soll, geschweige denn, auch noch ein Tier durchzufüttern.«
»Bitte, bitte, bitte Mom.« Lisa setzte ihren berüchtigten Dackelblick auf, von dem sie genau wusste, dass ihre Mutter ihm selten widerstehen konnte. »Er hat doch sonst niemanden, und wir werden das irgendwie regeln.«
Julie hatte sich inzwischen nach unten gebeugt und kraulte dem Hund das Fell.
»Naja, du wolltest doch sowieso überlegen, ob du nicht hier zu Hause arbeiten willst, und wenn alle Stricke reißen, könnte ich ja auch …«
»Danke, dass du mir jetzt so in den Rücken fällst«, sagte Megan vorwurfsvoll, und verdrehte dann genervt die Augen. »Also gut, von mir aus. Aber wehe du kümmerst dich nicht um ihn, ich werde den Teufel tun und dreimal am Tag mit ihm nach draußen gehen.«
Lisa sprang vom Boden hoch und fiel ihrer Mutter um den Hals. »Danke Mom, du bist die Beste. Und ich gehe mit ihm raus, versprochen. Außerdem haben wir ja auch den Garten …«
»Untersteh dich, ich habe vor, dort ein paar Beete anzulegen, und habe keine Lust auf Hundehaufen zwischen meinem Gemüse.«
»Das düngt doch«, lachte Julie und stand auf. »Ich glaube, ich gehe dann jetzt wohl besser, damit ihr euch in Ruhe mit eurem neuen Mitbewohner anfreunden könnt.«
Die beiden Freundinnen umarmten sich zum Abschied, und als Megan Julie zur Tür brachte, kam Jamie herein gestürmt, gefolgt von einem kleinen dunkelhaarigen Mädchen. Es war die Klassenkameradin namens Sarah, mit der Jamie sich inzwischen angefreundet hatte; die beiden waren ein Herz und eine Seele.
»Mom, können Sarah und ich ein paar Kekse haben?«
Dann sah Jamie den Hund und quietschte erfreut auf. »Juhu, ein Hund – gehört der jetzt uns?«
Julie lachte und ging davon, und Megan schloss kopfschüttelnd die Tür hinter ihr.
»Okay«, sagte sie dann resolut, »bevor ihr mir meine restlichen Nerven zertrampelt: Ihr geht jetzt nach oben, nehmt den Hund mit und könnt dort ein bisschen spielen. Ich werde euch in der Zwischenzeit ein paar Kekse backen, und bis ich damit fertig bin, will ich keinen von euch kleinen Nervensägen mehr hier unten sehen.«
Die zwei Kleinen stürmten nach oben, gefolgt von Lisa und dem Fellknäuel, und lächelnd machte Megan sich daran, einen Teig für die Kekse zuzubereiten.
Nachdem sie das Blech in den Ofen geschoben hatte, nahm sie sich ein Blatt Papier und einen Stift, setzte sich an den Küchentisch und schrieb auf, was sie alles benötigen würde, wenn sie sich tatsächlich selbstständig machen würde.
Von oben drang ab und zu das begeisterte Quietschen von Jamie und Sarah zu ihr herunter, durchbrochen von dem freudigen Bellen des Hundes.
Irgendwann klingelte es an der Tür, und im gleichen Moment piepte die Zeitschaltuhr des Backofens.
»Lisa, kannst du bitte mal aufmachen?«, rief Megan nach oben, und schaltete den Ofen aus.
Sie griff nach zwei Topflappen und öffnete vorsichtig den Herd.
»Mom, Sarahs Dad ist da um sie abzuholen«, erklärte Lisa lautstark durch die offene Küchentür.
»Er soll einen Moment hereinkommen, und sag du bitte Sarah Bescheid«, warf Megan ihr über die Schulter zu, während sie das Backblech aus dem Ofen zog.
»Hallo Megan«, hörte sie in der gleichen Sekunde eine leise, nur allzu gut bekannte Stimme hinter sich.
Im Zeitlupentempo drehte sie sich um, überzeugt, sich getäuscht zu haben, doch ein Blick auf den Mann, der in der Küchentür stand, belehrte sie eines anderen. Ungläubig starrte sie ihn an, während ihre Knie weich wurden und ihr Herz begann, wie verrückt zu rasen. Wie in Trance ließ sie langsam die Hände sinken, das Backblech gleichermaßen, die Kekse rutschten herunter und rollten über den Boden.
Hilflos stand sie da, schaute ihn verstört an, und bemühte sich verzweifelt, ihre Fassung wieder zu gewinnen und etwas zu sagen, doch es war nur ein Wort, was sie nach einer ganzen Weile flüsternd herausbrachte: »David.«

 

47

Noch bevor Megan sich von ihrem Schock erholt hatte, kam ein schwarzes Fellbündel in die Küche geflitzt, gefolgt von Jamie und Sarah.
»Dad«, rief Sarah und fiel David um den Hals, während Jamie lautstark versuchte, den Hund davon abzuhalten, sich über die immer noch heißen Kekse herzumachen.
Ohne etwas von dem Chaos rings um sie herum wahrzunehmen, stand Megan immer noch wie angewurzelt da und starrte David an, der sie über die Schulter seiner Tochter hinweg ebenfalls nicht aus den Augen ließ.
Schließlich war es Lisa, die inzwischen ebenfalls wieder nach unten gekommen war, und nach einem kurzen Blick auf die beiden Erwachsenen die Regie übernahm.
»Okay ihr Knirpse, wir gehen nochmal für einen Augenblick nach oben«, befahl sie, und nahm den Hund auf den Arm. »Auf geht‘s, wir können noch eine Runde ‚Mensch-ärgere-Dich-nicht‘ spielen.«
Ohne jeglichen Widerstand verschwanden Jamie und Sarah mit ihr nach oben, und schlagartig wurde es totenstill in der Küche.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht so erschrecken«, entschuldigte David sich und riss Megan damit aus ihrer Starre.
Sie bückte sich und begann die Kekse einzusammeln, froh, etwas zu tun zu haben und ihm nicht in die Augen schauen zu müssen.
»Hast du … ich meine, wusstest du …«, stammelte sie dabei, immer noch völlig aufgewühlt.
»Nein, ich habe es nicht gewusst. Zwar hat mir Rick erzählt, dass er dich getroffen hat, aber der Name Turner ist so häufig, und ich hatte ja keine Ahnung, dass du einen Sohn hast. Erst als ich an der Tür Lisa wiedererkannt habe, war mir klar, wer Jamies Mutter ist.«
David ging in die Hocke und half ihr, das Durcheinander zu beseitigen. Als sie beide gleichzeitig nach einem Plätzchen griffen, berührten sich ihre Finger, und Megan durchzuckte es wie ein Stromschlag. Abrupt zog sie ihre Hand weg und stand auf.
»Lass nur, den Rest kehre ich dann auf.«
Sie standen da und schauten sich schweigend an.
»Seit wann bist du wieder hier?«, wollte er dann wissen.
»Seit ein paar Wochen«, erwiderte Megan einsilbig.
Erneut kehrte Stille ein.
David räusperte sich. »Du siehst gut aus«, stellte er dann leise fest. Als sie keine Antwort gab, fuhr er unsicher fort: »Können wir …«
»Du solltest jetzt besser gehen«, schnitt sie ihm das Wort ab. »Ich muss Jamie baden, es ist schon spät und er muss bald ins Bett.«
»Ja«, nickte er widerstrebend, »für Sarah wird es auch Zeit.«
»Ich gehe sie holen«, murmelte Megan und verschwand nach oben.
Sarah, Jamie und Lisa saßen in Jamies Zimmer auf dem Fußboden und spielten immer noch ihr Brettspiel.
»Sarah, dein Dad möchte jetzt gehen«, unterbrach Megan die drei, und als Jamie noch einmal mit nach unten kommen wollte, schüttelte sie den Kopf. »Oh nein junger Mann, du marschierst jetzt ins Bad.«
»Och«, seufzte Jamie enttäuscht und zog eine Schnute, trottete dann aber folgsam hinaus, und Megan wandte sich an ihre Tochter.
»Kannst du bitte Sarah und ihren Vater verabschieden?«
»Warum denn ich?«, fragte Lisa genervt, doch als sie das blasse Gesicht ihrer Mutter bemerkte, nickte sie. »In Ordnung.«
Sie verschwand mit Sarah nach unten, und Megan folgte Jamie ins Bad und ließ ihm Wasser in die Wanne. »Kletter schon mal rein, ich bin gleich wieder da.«
Vom oberen Treppenende sah sie noch, wie Sarah und David sich von Lisa verabschiedeten und dann hinaus gingen. In der gleichen Sekunde, als sich die Tür hinter den beiden schloss, war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Der Schmerz über das plötzliche, unvorbereitete Wiedersehen trieb ihr die Tränen in die Augen, sie stürzte in ihr Schlafzimmer, warf sich weinend aufs Bett und wünschte, sie wäre nie zurückgekommen.

»Julie, kannst du vielleicht herkommen?«, fragte Lisa, nachdem sie beunruhigt die Nummer der Freundin ihrer Mutter gewählt hatte. »Mom liegt in ihrem Bett und weint sich die Augen aus dem Kopf, und mit mir will sie nicht reden.«
Ohne zu zögern, sagte Julie zu und traf knapp zwanzig Minuten später im Haus der Turners ein.
Während Lisa Jamie badete und ihm dann in der Küche ein Brot schmierte, betrat Julie leise das Schlafzimmer und setzte sich zu Megan aufs Bett.
»Hey Süße, was ist denn los?«, fragte sie besorgt. »Machst du dir solche Sorgen wegen des Geldes?«
Unter Tränen berichtete Megan ihr von Davids plötzlichem Auftauchen, und tröstend nahm Julie sie in die Arme. Sie sagte nichts, hielt sie einfach nur still fest, und nach einer Weile hatte Megan sich ein wenig beruhigt und ließ sich wieder in ihre Kissen sinken.
»Am besten schläfst du jetzt und ruhst dich aus, du brauchst deine Kräfte«, sagte Julie, »Ich schaue nach den Kindern, und alles Weitere wird sich finden.«
Megan schloss die Augen, Julie zog ihr fürsorglich die Decke zurecht und ging dann leise nach draußen.
Zusammen mit Lisa brachte sie Jamie ins Bett, dann machten sie sich daran, die letzten Überreste der Kekse in der Küche aufzukehren.
»Was ist los mit Mom?«, wollte Lisa wissen.
»Ich glaube sie ist einfach nur ein wenig erschöpft«, sagte Julie ausweichend, »der Umzug, die Renovierung, die Jobsuche – das war wohl alles ein wenig zu viel in den letzten Wochen.«
Lisa warf ihr einen kritischen Blick zu.
»Ich glaube eher, dass es etwas mit Sarahs Vater zu tun hat«, stellte sie dann fest. »Er ist doch der Mann, der mal bei uns war, dieser David.«
»Das weißt du noch?«, entfuhr es Julie überrascht.
»Ja, er war damals sehr nett gewesen, und ich kann mich noch gut an den Kuchen auf dem Fußboden erinnern.«
»Das ist lange her und längst vergessen«, murmelte Julie und wich dem durchdringenden Blick der Siebzehnjährigen aus.
»Waren die beiden damals ein Liebespaar?«
Julie starrte sie entgeistert an. »Wie kommst du denn darauf?«
»Naja, sie muss ihn ja mal sehr gern gehabt haben, wenn sie so weint, nachdem er hier aufgetaucht ist. – Außerdem …« Sie stockte, biss sich auf die Lippe.
»Außerdem?«, fragte Julie stirnrunzelnd.
»Jamie sieht genau aus wie er.«

 

48

Nachdem Julie ihren ersten Schreck überwunden hatte, nahm sie Lisa an der Hand, zog sie hinüber ins Wohnzimmer und setzte sich mit ihr auf die Couch.
»Lisa, bitte tu mir einen Gefallen und rühre nicht an dieser alten Geschichte herum«, bat sie eindringlich, »wie gesagt, es ist lange her, und es ist besser, diese Dinge ruhen zu lassen.«
»Also stimmt es?«, bohrte Lisa weiter, »Dieser David ist Jamies Vater?«
»Wir zwei sollten uns nicht über dieses Thema unterhalten«, mahnte Julie, doch Lisa gab nicht so schnell auf.
»Warum sind die beiden nicht mehr zusammen? Jamie fragt so oft nach seinem Dad.«
Julie seufzte. »Die Umstände, unter denen deine Mom und David sich damals kennengelernt haben, waren nicht besonders günstig«, erklärte sie leise, »Und manchmal reicht Liebe eben nicht aus.«
»David ist Sarahs Vater, und wenn Sarah genauso alt ist wie Jamie, dann hat David damals eine andere Frau gehabt«, schlussfolgerte Lisa. »Und Mom war auch noch mit meinem Dad verheiratet.«
Es klang ein wenig vorwurfsvoll, und Julie schüttelte beschwichtigend den Kopf.
»Du solltest die beiden deswegen nicht verurteilen. Solche Dinge passieren manchmal im Leben, und sie haben es sich weiß Gott nicht leicht gemacht.«
Lisa schaute sie einen Moment nachdenklich an.
»Und was machen wir jetzt?«, wollte sie dann wissen.
»Wir werden uns da auf keinen Fall einmischen«, betonte Julie ernst. »David hat seine Familie, und eure Mutter hat euch. Versprich mir, dass du weder Jamie noch sonst irgendjemandem ein Wort davon sagst, auch deiner Mutter nicht. Sie hat genug andere Sorgen und kann nicht noch mehr Aufregung gebrauchen.«

Am anderen Morgen hatte Megan sich so weit gefangen, dass sie halbwegs ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen konnte. Zwar hatte die Begegnung mit David die alten Wunden wieder aufgerissen, doch sie verbot sich, darüber nachzudenken, sie musste sich um andere Dinge kümmern.
Jamie hatte glücklicherweise nichts mitbekommen, und zu Megans Erleichterung fragte auch Lisa nicht nach, was geschehen war.
Nachdem die beiden in die Schule verschwunden waren, nahm sie den kleinen Hund, machte einen ausgedehnten Spaziergang mit ihm, und als sie wieder nach Hause zurückkehrte, hatte sie den Entschluss gefasst, es doch mit einem eigenen Architekturbüro zu versuchen.
Da die Jobsuche sich als so katastrophal erwiesen hatte, und sich allmählich die ersten Rechnungen stapelten, würde ihr nichts anderes übrig bleiben. Neben dem Wohnzimmer gab es noch einen kleinen, bisher nicht genutzten Raum, in welchem sie ihr Büro einrichten könnte, und für den Anfang würde sie nicht allzu viel benötigen, dafür würde ihr Geld gerade noch so ausreichen.
Sie rief Julie an und fragte sie, ob sie ihr Auto ausleihen könnte, um ein paar Dinge zu besorgen, und wenig später klingelte sie bei ihr, um den Wagen abzuholen.
»Geht es dir wieder besser?«, fragte Julie, während sie ihr den Schlüssel in die Hand drückte.
Megan presste die Lippen zusammen. »Ja, und ich möchte auch nicht mehr darüber reden. Ich muss mich jetzt um andere Dinge kümmern, das Letzte, was ich momentan in meinem Leben gebrauchen kann, ist David.«
»Na dann, ich freue mich auf jeden Fall, dass du dich entschieden hast, dich selbstständig zu machen, du wirst sehen, es klappt sicher besser als du denkst«, sagte Julie, obwohl sie keineswegs davon überzeugt war, dass es Megan wirklich so gut ging, wie sie vorgab.
Sie verabschiedeten sich, und Megan machte sich auf den Weg.
Den ganzen Vormittag war sie unterwegs, kümmerte sich zunächst um die notwendigen Formalitäten für die Eröffnung einer Firma, und kaufte dann Wandfarbe, Bürozubehör und ein paar andere Dinge ein.
Nachdem sie alles ins Haus getragen hatte, brachte sie Julie den Wagen zurück, und eilte wieder zurück, um das Mittagessen vorzubereiten.
Mit Jamies und Lisas Hilfe war der kleine Raum bereits gegen Abend fertig gestrichen; zusammen schleppten sie einen alten Schreibtisch vom Dachboden herunter, den Megan dort vor einer Weile entdeckt hatte, und bauten ihren PC auf, der sich immer noch in einer der Umzugskisten befunden hatte.
»Ich danke euch meine Süßen«, lächelte Megan und drückte ihre beiden Kinder nacheinander an sich, »noch ein paar Kleinigkeiten und ich kann loslegen. Hoffentlich bekomme ich dann auch bald die ersten Aufträge, damit ein bisschen Geld in die Kasse kommt.«

Ein paar Tage später war der erste Elternabend in Jamies Schule, und mit gemischten Gefühlen machte Megan sich auf den Weg dorthin. Sie befürchtete, dass David vielleicht auch da sein würde, doch als sie eintraf, konnte sie zu ihrer Erleichterung weder ihn noch Cynthia dort entdecken.
Die Klassenlehrerin bat die Eltern, sich zum Zwecke des Kennenlernens auf die jeweiligen Plätze ihrer Kinder zu setzen, die mit kleinen Namensschildchen gekennzeichnet waren.
Megan suchte Jamies Tisch, und als ihr Blick auf das zweite Schild mit der Aufschrift »Sarah Warner« fiel, war sie doppelt froh, dass David nicht anwesend war.
Als erster Punkt der Tagesordnung stand die Wahl des Elternbeirats an, und nachdem sich die anderen Mütter und Väter alle zierten und sich mit vagen Gründen davor drückten, hob Megan schließlich die Hand.
»In Ordnung, wenn sonst niemand möchte, dann mache ich es eben. Ich war bei meiner älteren Tochter auch schon mal Elternbeirätin und kenne mich ein bisschen damit aus.«
Die anderen Eltern waren froh, eine Freiwillige gefunden zu haben, und die darauffolgende Abstimmung war nur noch eine Formsache.
»Aber wir brauchen leider noch eine zweite Person«, erklärte die Klassenlehrerin anschließend.
Im gleichen Augenblick ging die Tür auf, und ein atemloser David kam herein.
»Tut mir leid, aber ich hatte Schwierigkeiten mit meinem Wagen«, erklärte er entschuldigend, und die Lehrerin lächelte.
»Kein Problem, wir haben noch nicht allzu viel besprochen, Mr. …?«
»Warner, David Warner, ich bin der Vater von Sarah.«
»Dann setzen Sie sich doch bitte auf den Platz Ihrer Tochter«, forderte sie ihn auf und deutete auf den freien Stuhl neben Megan.
Alles in Megan krampfte sich zusammen, am liebsten wäre sie aufgesprungen und hinausgelaufen, doch sie bemühte sich, ruhig zu bleiben.
Mit einem leisen »Hallo Megan« ließ David sich neben ihr nieder, und sie rutschte wortlos ganz ans äußerste Ende des Tisches.
»Gut, dann machen wir mal weiter«, fuhr die Lehrerin fort und wandte sich an David. »Mrs. Turner wurde gerade zur Elternbeirätin gewählt, aber wir suchen noch einen zweiten Freiwilligen, wie wäre es denn mit Ihnen?«
Noch bevor Megan wusste wie ihr geschah, nickte David lächelnd.
»Ja sicher, warum nicht?«

 

49

Vom Rest des Elternabends bekam Megan nicht mehr viel mit; Davids Wahl zum zweiten Elternbeirat war rasch beschlossen, und diese Tatsache löste in ihr eine starke Beklommenheit aus. Außerdem machte seine Nähe sie nervös, seine Ausstrahlung wirkte auf sie trotz des größtmöglichen Abstands so intensiv, dass ihr Puls unablässig raste.
Als die Eltern anschließend beschlossen, in einer nahegelegenen Gaststätte noch etwas trinken zu gehen, um sich ein wenig kennenzulernen, lehnte Megan dankend ab.
Rasch griff sie nach ihrer Jacke, verabschiedete sich, und wollte so schnell wie möglich das Gebäude verlassen, doch David war ihr nach draußen gefolgt und hielt sie zurück.
»Hast du noch einen Moment Zeit?«
»Ich muss nach Hause, die Kinder sind alleine«, wehrte sie ab.
»Bitte, eine Minute.«
»Was willst du?«
»Ich weiß, dass die Situation nicht einfach ist, für uns beide nicht«, begann er zögernd, »aber unsere Kinder sind nun mal in einer Klasse und miteinander befreundet, also sollten wir versuchen, das Beste daraus zu machen.«
»Hast du dich deswegen gleich so bereitwillig auf diesen Elternbeiratsposten gestürzt?«, fragte sie abweisend.
»Megan, wir haben früher sehr gut zusammengearbeitet, es gibt keinen Grund, warum wir das nicht wieder tun sollten.«
»Genau«, sagte sie schroff. »Früher. Das war einmal, und was mich anbelangt, sehe ich nicht den geringsten Anlass, das zu wiederholen.«
Bevor er noch etwas darauf erwidern konnte, drehte sie sich auf dem Absatz herum und stürmte davon, ließ ihn einfach stehen, ohne zu bemerken, dass er ihr nachdenklich hinterher schaute.

In den nächsten Tagen konzentrierte Megan sich auf die Eröffnung ihrer Firma und versuchte so, sich von den quälenden Gedanken in ihrem Inneren abzulenken. Obwohl sie sich all die Jahre bemüht hatte, David zu vergessen, so hatten die beiden kurzen Begegnungen mit ihm bereits ausgereicht, um die alte Wunde wieder aufzureißen.
Erschüttert musste sie sich eingestehen, dass ihre Gefühle für ihn nach wie vor unverändert waren, trotz allem was geschehen war, liebte sie ihn noch immer, und sie fragte sich unglücklich, ob sich das wohl jemals ändern würde.
Damals hatte sie Hals über Kopf die Stadt verlassen, hatte so viele Meilen wie möglich zwischen sich und David bringen wollen, um sicher zu sein, dass er niemals von Jamie erfahren würde. An jenem Abend damals hatte sie eigentlich die Absicht gehabt, ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen, und gehofft, sie würden irgendeine Lösung finden können, um zusammen zu sein. Doch in der gleichen Sekunde, als er ihr gestanden hatte, dass Cynthia sein Kind erwartete, und ihr klar geworden war, dass er sie belogen hatte, hatte sie gewusst, dass es vorbei war.
Doch jetzt war sie wieder hier, und das Schicksal lachte ihr boshaft ins Gesicht, schickte ihr ausgerechnet den Mann über den Weg, den sie immer noch über alles liebte, um ihr gleichzeitig höhnisch vor Augen zu halten, dass er ein offenbar glücklicher Familienvater mit Frau und Tochter war.
»Nein«, dachte sie unglücklich, während sie ein paar Bauausschreibungen ausdruckte, um die sie sich bewerben wollte, »nein, ich werde ihn nicht wieder in mein Leben lassen, nicht noch einmal.«

Ein paar Wochen vergingen, ohne dass Megan etwas von David sah oder hörte, und sie war froh darüber.
Sie verwendete ihre ganze Energie auf die Beschaffung von Aufträgen, denn inzwischen stapelten sich einige unbezahlte Rechnungen auf ihrem Tisch, die schleunigst erledigt werden mussten. Schließlich gelang es ihr, einen kleinen Privatauftrag zu ergattern, der zwar kaum ausreichen würde, um auch nur die Hälfte der offenen Rechnungen zu zahlen, doch es war immerhin ein Anfang, und mit Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.
Die ganze Zeit hatte sie sich bemüht, Jamie ein wenig von Sarah fernzuhalten; sie wollte weitere Begegnungen mit David vermeiden, und vor allem wollte sie vermeiden, dass David Jamie zu oft zu Gesicht bekam und am Ende doch noch etwas ahnen würde.
Doch je mehr sie versuchte, Jamies Aufmerksamkeit von Sarah weg auf ein paar andere Kinder zu lenken, desto inniger klebten die beiden aneinander, und schließlich gab Megan frustriert auf.
»Immerhin sind die beiden Geschwister«, dachte sie unglücklich, »vielleicht fühlen sie sich deswegen so zueinander hingezogen.«

An einem sonnigen Nachmittag im späten Herbst stand sie draußen im Garten und kehrte Laub zusammen, während Jamie und Sarah fröhlich herumtollten, und sich einen Spaß daraus machten, sich in die Laubhaufen zu werfen, die Megan immer wieder mühsam zusammenfegen musste. Der inzwischen bereits um einige Zentimeter gewachsene Hund, den sie »Blacky« getauft hatten, sprang begeistert zwischen ihnen herum und tat sein Übriges, um Megans Arbeit wieder zunichtezumachen.
»Ihr zwei kleinen Strolche, gleich schnappe ich euch und packe euch mit dem Laub in die Tonne«, drohte sie scherzhaft, und die beiden liefen vergnügt quietschend davon.
Gerade als sie sich wieder bückte, um einen Berg Blätter vom Boden aufzuheben und in den Kompostbehälter zu werfen, fuhr ein Auto vor.
Sekunden später sah Megan David aussteigen und lächelnd durch das Gartentor auf sie zukommen.
»Hallo Megan«, begrüßte er sie, und ging in die Hocke, um Blacky zu streicheln, der freudig auf ihn zugelaufen war.
Der Anblick von Davids Händen, die liebevoll das Fell des Hundes kraulten, der diese Berührung offensichtlich sehr genoss, brachte Megan augenblicklich aus der Fassung.
»Ich habe zu tun«, murmelte sie, und wollte gerade wieder eine Ladung Laub aufheben, als Jamie und Sarah angerannt kamen, und sich schwungvoll hineinfallen ließen.
Blacky beschloss, dass er genug Streicheleinheiten bekommen hatte, und jagte laut bellend um die beiden herum.
Kopfschüttelnd betrachtete Megan das Durcheinander und David grinste.
»Liegt es an mir, dass hier immer so ein Chaos ist, wenn ich auftauche, oder ist das normal?«
»Ich fürchte, das ist normal«, seufzte sie, »manchmal frage ich mich, wie ich das eigentlich aushalte.«
David lachte und nahm ihr den Rechen aus der Hand.
»Komm her, ich mache das.«
Sie wollte protestieren, doch da versprach er den beiden Kindern bereits, am Wochenende mit ihnen ins Kino zu gehen, wenn sie ihm helfen würden, und Sekunden später waren die drei einträchtig damit beschäftigt, das Laub zusammenzukehren.
»Ich sehe schon, ich werde hier nicht mehr gebraucht«, schmunzelte Megan, und nutzte die Gelegenheit, um sich ins Haus zurückzuziehen.
Während sie das Abendessen zubereitete, schaute sie immer wieder aus dem Fenster in den Garten hinaus, beobachtete David, wie er mit Jamie und Sarah herumalberte, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Beide Kinder sahen einander so ähnlich, und auch die Ähnlichkeit mit ihrem Vater war unverkennbar, sodass Megan sich ängstlich fragte, wie lange es wohl dauern würde, bis David das auch auffallen würde.

 

50

Allmählich wurde es dunkel draußen, das Essen war beinahe fertig, und Megan begann, den Tisch zu decken.
Da kam auch schon Jamie herein gestürmt, gefolgt von Sarah und David.
»Mom, wir haben Hunger«, rief er bereits vom Flur aus, »wie lange dauert es noch?«
»Du kannst dir schon mal die Hände waschen, es geht gleich los.«
»Können Sarah und ihr Dad mit uns essen?«, fragte er, während er zum Spülbecken trabte und das Wasser aufdrehte.
Megan schaute kurz zu David, der sie von der Küchentür aus ebenfalls unsicher ansah.
»Bestimmt müssen die beiden nach Hause«, sagte sie hastig, und David nickte zögernd.
»Ja, eigentlich bin ich ja auch nur hergekommen, um Sarah abzuholen. Ein anderes Mal vielleicht.«
»Och, bitte«, bohrte Jamie, »schau mal, wir haben doch so viel gearbeitet da draußen.«
Auch Sarah warf ihrem Vater jetzt einen flehentlichen Blick zu. »Bitte Dad, lass uns noch zum Essen bleiben.«
Die beiden schauten so treuherzig aus der Wäsche, dass Megan schließlich schmunzelnd nachgab.
»Also gut ihr kleinen Ungeheuer, wie soll man da widerstehen können?«
Während Megan noch zwei weitere Teller auf den Tisch stellte und Besteck aus der Schublade holte, wuschen David und Sarah sich ebenfalls die Hände, und kurz darauf saßen sie zu viert an dem großen, alten Küchentisch und aßen.
Glücklicherweise plapperten Jamie und Sarah die ganze Zeit munter drauf los, sodass es nicht auffiel, dass die beiden Erwachsenen kaum etwas sprachen und sich fast ausschließlich auf ihre Teller konzentrierten.
»Als wären wir eine Familie«, ging es Megan wehmütig durch den Kopf.
Im nächsten Augenblick fragte sie sich, ob Davids Frau vielleicht auch schon zu Hause mit dem Essen auf ihn wartete, und schlagartig verging ihr jeglicher Appetit. Lustlos und nervös stocherte sie auf ihrem Teller herum, sie spürte, dass David sie ab und zu anschaute, und wünschte nur noch, das Essen möge bald vorüber sein.
Irgendwann sprang Blacky freudig bellend zur Haustür, und Sekunden später kam Lisa in die Küche.
»Hi Mom«, sie drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, »ich wusste ja gar nicht, dass wir Besuch haben.«
»Das hat sich zufällig ergeben«, murmelte Megan, und als sie bemerkte, dass Lisa David mit unverhohlener Neugierde anstarrte, sprang sie rasch auf. »Ich hole dir einen Teller.«
»Danke Mom, nicht nötig, ich habe schon bei Alex gegessen«, wehrte Lisa ab, und reichte David die Hand. »Hi, ich bin Lisa.«
»Hallo Lisa, ich bin David.«
»Alex?«, fragte Megan gedehnt, und Lisa grinste.
»Das erzähle ich dir später. – Soll ich die beiden Zwerge«, sie deutete auf Jamie und Sarah, die fertig gegessen hatten und herumalberten, »noch ein bisschen mit nach oben nehmen, damit ihr euch ungestört unterhalten könnt?«
»Nein nicht nötig, ich denke, Sarah und ihr Vater werden gleich losfahren«, wehrte Megan hastig ab.
Lisa warf ihrer Mutter einen durchdringenden Blick zu, verkniff sich aber jeglichen Kommentar und verschwand nach oben.
David stand auf. »Soll ich dir noch beim Abwasch helfen?«, bot er an, doch Megan schüttelte den Kopf.
»Nein danke, ich mache das dann schon.«
»Na gut«, sagte er leise, und schob Sarah hinaus in den Flur.
Megan half Sarah, ihre Jacke anzuziehen, während Jamie aufgedreht herumhopste. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein, und er hängte sich an Davids Arm.
»Wann bauen wir das Baumhaus?«
»Baumhaus?«, fragte Megan entgeistert, und Jamie nickte fröhlich.
»Ja, Sarahs Dad hat versprochen, mit mir ein Baumhaus zu bauen.«
»Aber das wollten wir doch zusammen machen, außerdem ist es jetzt schon viel zu kalt draußen, das sollten wir bis zum Frühjahr aufschieben«, versuchte Megan voller Unbehagen ihm diese Idee wieder auszureden.
»Ach Mom, als ob du Holz sägen könntest«, schnaufte Jamie, »das kann ein Mann doch viel besser.«
David grinste amüsiert und gab Jamie dann einen freundschaftlichen Klaps auf den Po.
»Das will ich jetzt aber nicht gehört haben, dafür kann deine Mom einige andere Sachen ziemlich gut.«
Megan wurde feuerrot, sie wusste genau, worauf David anspielte, und die Tatsache, dass ihr Herz dadurch für ein paar Sekunden aus dem Takt geriet, gefiel ihr überhaupt nicht.
»Du hast doch bestimmt andere Dinge zu tun«, sagte sie abwehrend zu David, in der Hoffnung, er würde das Vorhaben aufgeben.
»Nein, eigentlich nicht, zumindest nicht soviel, dass ich mir nicht die Zeit dafür nehmen könnte, sonst hätte ich es ja nicht versprochen«, erklärte er jedoch zu ihrer Enttäuschung und warf ihr dann einen fragenden Blick zu. »Also, bist du einverstanden?«
Drei graue Augenpaare schauten sie bittend an, und schließlich nickte sie frustriert.
»Na gut, sieht ja wohl so aus als hätte ich keine andere Wahl.«

Am Wochenende ging David wie versprochen mit Jamie und Sarah ins Kino. Als er Jamie abholte, bot er Megan an, mitzukommen, doch sie lehnte ab. Lisa war ebenfalls unterwegs, und so rief Megan Julie an und lud sie auf eine Tasse Kaffee ein.
Es dauerte nicht lange bis Julie eintraf, und sie setzte sich an den Küchentisch, während Megan Kaffee aufstellte und einen Kuchen aus dem Ofen holte, den sie noch rasch zubereitet hatte.
»Mit wem ist Jamie denn im Kino?«, fragte Julie interessiert, obwohl sie die Antwort schon ahnte, denn auch ihr war nicht entgangen, dass Jamie und Sarah inzwischen beinahe unzertrennlich waren.
»Mit Sarah und David«, erklärte Megan und hob dann sofort beschwichtigend die Hände. »Und bevor du mir wieder irgendwelche Vorträge hältst – nein, ich werde es David nicht sagen.«
Julie seufzte. »Das hatte ich auch gar nicht vor, aber denkst du, David ist blind? Es dürfte doch nur eine Frage der Zeit sein, bis ihm auffällt, wie sehr Jamie ihm ähnlich sieht.«
»Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es wirklich so weit kommen sollte. Bis dahin wird alles bleiben, wie es ist.«
»Seht ihr euch öfter?«, wollte Julie wissen.
»Ab und zu, wenn er Sarah abholt«, berichtete Megan, dann verzog sie das Gesicht. »Allerdings hat er versprochen, mit Jamie das Baumhaus zu bauen, und ich befürchte, das wird nicht an einem Nachmittag erledigt sein.«
Die Freundin warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. »Hat er mal etwas über seine Frau erzählt?«
»Nein, warum sollte er auch«, sagte Megan barsch. »Das ist seine Privatsache, und interessiert mich auch nicht. Wir reden ohnehin nicht viel miteinander, und was mich betrifft, wird es auch dabei bleiben.«

 

51

Irgendwann kam Lisa nach Hause, und nachdem sie Julie begrüßt hatte, fragte sie ihre Mutter, ob sie über Nacht wegbleiben dürfte.
»Von mir aus«, stimmte Megan zu, »bei welcher Freundin übernachtest du denn?«
Lisa zögerte einen Moment, dann murmelte sie: »Bei Alex.«
»Alex? Ich kenne gar keine Freundin von dir, die Alex heißt.«
»Genau genommen ist sie auch keine Freundin, sondern ein Freund«, erklärte Lisa verlegen, und Megan riss erstaunt die Augen auf.
»Ein Freund?«, wiederholte sie entgeistert, »Also wohl dein Freund.«
»Ja Mom, aber du musst dir keine Sorgen machen. Er ist nett, und wir machen keine Dummheiten, versprochen.«
Bilder ratterten durch Megans Kopf, sie sah sich selbst als sechzehnjährigen Teenager, naiv, unerfahren und schwanger, und dachte daran, wie viele Jahre sie wegen dieses einen Fehlers gelitten hatte.
»Lisa, du weißt …«, begann sie stockend, und wollte ihre Tochter an das erinnern, was sie ihr vor noch nicht allzu langer Zeit über ihre geschiedene Ehe erzählt hatte.
»Ich weiß Mom«, unterbrach Lisa sie, »aber du musst dir wirklich keine Gedanken machen. Ich habe nicht die Absicht, mit Alex zu schlafen, und falls es doch einmal so weit kommen sollte, weiß ich, was ich zu tun habe.«
»Ja sicher«, seufzte Megan, »aber du bist noch so jung, ich möchte nur nicht, dass du durch einen dummen Zufall schwanger wirst.«
Lisa grinste. »Ich glaube kaum, dass das etwas mit dem Alter zu tun hat. So etwas kann auch durchaus noch passieren, wenn man ein paar Jahre älter ist.«

Während Megan noch versuchte, die unerwartete Neuigkeit zu verdauen, ging Lisa nach oben, um ein paar Sachen für die Nacht einzupacken, und war kurz darauf verschwunden.
»Das kann auch passieren, wenn man ein paar Jahre älter ist«, wiederholte Megan kopfschüttelnd, »wie hat sie das denn gemeint?«
»Na dreimal darfst du raten«, sagte Julie trocken. »Immerhin warst du sechsundzwanzig, als du mit Jamie schwanger wurdest, ich vermute, dass deine Tochter sich wohl auch schon gefragt haben dürfte, wo sein Vater ist. – Was hast du deinen Kindern eigentlich erzählt?«
»Ich habe gesagt, dass Jamies Vater im Ausland lebt und arbeitet«, gab Megan widerstrebend zu, und als sie Julies vorwurfsvollen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: »Himmel, jetzt schau mich nicht so anklagend an, was hätte ich denn sonst sagen sollen? ‚Tut mir leid Jamie, aber dein Dad wollte nur ein bisschen Spaß haben, und ist lieber bei seiner anderen Familie‘?«
»Ganz so ist es ja wohl auch nicht gewesen.«
»Wie denn sonst? Wenn es ihm ernst gewesen wäre, hätte er nicht gleichzeitig seine Frau geschwängert und mir auch noch ins Gesicht gelogen und behauptet, er würde nicht mehr mit ihr schlafen.«
Julie legte ihr beschwichtigend eine Hand auf den Arm.
»Bist du dir da wirklich so sicher? Du hast ihm nie eine Chance gegeben, dir etwas zu erklären, bist einfach abgehauen, und hast mir verboten, auch nur ein Sterbenswort über deinen Aufenthaltsort zu verraten. Ich habe mich daran gehalten, obwohl David mir die Bude eingerannt hat, und ich mit deiner Entscheidung keineswegs einverstanden war. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es vielleicht eine ganz andere Erklärung für alles geben könnte.«
»Was hätte es denn da noch für eine Erklärung geben können?«, sagte Megan verärgert. »Und selbst wenn, es hätte sich an der Situation nichts geändert, rein gar nichts. Können wir dieses Thema jetzt endlich mal lassen? Ich will nichts mehr davon hören, davon nicht, und von David auch nicht. Es ist lange vorbei, und damit basta.«
In diesem Moment klingelte es an der Haustür, und Megan sprang auf.
»Das wird Jamie sein«, murmelte sie nervös, strich sich über die Haare und ging zur Tür.
Wenig später kam sie mit Jamie zurück, der eine Tüte Popcorn unterm Arm hatte und Julie freudestrahlend begrüßte.
»Es war ganz toll, wir waren noch ein Eis essen, und David hat uns Popcorn gekauft«, sprudelte der Kleine begeistert heraus, »Und nächste Woche kommt er, und wir bauen das Baumhaus.«
Julie schaute ihm schmunzelnd hinterher, wie er mit Blacky nach oben stürmte, und warf Megan dann einen vielsagenden Blick zu.
»Das sieht mir aber ganz und gar nicht danach aus, als wäre es vorbei.«

Tatsächlich erschien David bereits am Montagnachmittag, mit einem Stapel Holzbretter und allerlei Werkzeug im Kofferraum seines Autos.
Während Jamie sich sofort begeistert auf ihn stürzte und ihm half, die Sachen auszuladen, hängte Sarah sich an Megans Arm.
»Und was soll ich jetzt machen? Jamie hat gesagt, Mädchen sind für so was nicht zu gebrauchen«, erklärte sie betrübt.
»Na komm, dann lass die Männer dort alleine in der Kälte schuften, wir zwei gehen ein paar Plätzchen backen und machen es uns gemütlich«, tröstete Megan sie, während sie sich fragte, woher Jamie diese Macho-Einstellung hatte, und sich vornahm, bei Gelegenheit ein ernstes Wort mit ihm darüber zu reden.
Wieder etwas versöhnt folgte Sarah ihr in die Küche, und gemeinsam backten sie ein Blech voller Kekse, bereiteten das Abendessen vor, und spielten bei einer Tasse heißem Kakao Karten miteinander.
Zwischendurch ging Megan kurz nach draußen und brachte Jamie und David ebenfalls etwas Heißes zu trinken.
Lächelnd nahm David ihr den Kaffee aus der Hand, und während er einen Schluck trank, schaute er Megan über den Rand der Tasse hinweg an.
»Danke«, sagte er dann leise, »das erinnert mich sehr an früher.«
Sekundenlang erwiderte sie seinen Blick, versank in diesen grauen Augen, die immer noch eine fast hypnotische Wirkung auf sie hatten, dann drehte sie sich abrupt um und eilte ins Haus zurück.
Als es dunkel wurde, kamen die beiden nach drinnen, und während Jamie begeistert erzählte, wie weit sie mit dem Bau schon gekommen waren, deckte Sarah zusammen mit Megan den Tisch.
Sie aßen gemeinsam zu Abend, und wenig später machten David und Sarah sich auf den Heimweg.
»Danke für das Essen, es war sehr lecker«, sagte er zum Abschied, »und danke, dass du dich so um Sarah kümmerst, ich hoffe, es macht dir nicht allzu viel Mühe.«
Megan schüttelte den Kopf.
»Nein, das tut es nicht«, sagte sie aufrichtig, »kochen muss ich sowieso, und Sarah ist wirklich süß, ich habe sie sehr gern. Außerdem opferst du hier deine Zeit für Jamie, also kann ich mich wenigstens ein wenig revanchieren.«
»Es ist kein Opfer«, erklärte David lächelnd, »es macht mir Spaß. Jamie ist ein lieber kleiner Kerl, und ich habe mir früher schon immer gewünscht, später mal mit meinem Sohn ein Baumhaus zu bauen.«
Ein eisiger Schreck durchzuckte Megan, und in der sicheren Annahme, dass die Wahrheit nun doch ans Tageslicht gekommen war, starrte sie David an.
Doch der fuhr völlig ahnungslos fort: »Und da ich nun mal keinen eigenen Sohn habe, nutze ich diese Gelegenheit jetzt ganz schamlos aus.«
Er lächelte Megan noch einmal arglos an, und folgte Sarah dann zum Auto.
»Bis morgen«, rief er ihr über die Schulter noch fröhlich zu, und mit einem qualvoll schlechten Gewissen schloss sie leise die Tür.

 

52

Die restliche Woche verlief im gleichen Muster; David erschien jeden Nachmittag pünktlich um fünfzehn Uhr, und während er mit Jamie draußen weiter sägte und hämmerte, beschäftigte Megan sich drinnen im Haus mit Sarah. Sie achtete darauf, dass die beiden stets mit warmen Getränken versorgt waren, sorgte für Kuchen und kochte fürs Abendessen.
Ab und zu stand sie am Küchenfenster und beobachtete Jamie und seinen Vater, sah, wie bewundernd der Kleine an Davids Lippen hing, wenn er ihm etwas erklärte, und sah, dass David Jamie hin und wieder liebevoll an sich drückte.
Ihr schlechtes Gewissen verstärkte sich immer mehr, erinnerte sie bohrend und schmerzhaft daran, dass sie eigentlich kein Recht hatte, den beiden die Wahrheit vorzuenthalten.
Doch wenn David dann abends mit Sarah nach Hause fuhr, sah sie im Geiste Cynthia an der Haustür stehen und die beiden zärtlich begrüßen.
Dann schossen ihr jedes Mal unvermittelt Davids Worte durch den Kopf: «… nein, ich schlafe nicht mehr mit ihr, schon seit einer Weile nicht mehr …«, und sie sagte sich unwirsch, dass es so, wie es jetzt war, das Beste für alle war.
Am Ende der Woche war das Baumhaus fertig, und Megan konnte Jamie nur mit Mühe davon abhalten, seine halbe Zimmereinrichtung hinaufzuschleppen.
»Schatz, es ist viel zu kalt, um sich lange dort aufzuhalten«, erklärte sie ihm händeringend, »du kannst von mir aus den ganzen Tag dort oben sein, wenn es wieder wärmer ist.«
»Deine Mom hat Recht«, stimmte David ihr zu, »du wirst dich ganz fürchterlich erkälten.«
»Können wir dann wenigstens mal kurz hinauf?«, fragte Jamie enttäuscht, »Bitte, nur für eine Weile. Ich möchte es doch einweihen, sonst muss ich ja so lange darauf warten.«
»Also gut«, seufzte Megan, »aber nehmt euch ein paar Decken mit, und packt euch gut ein. Wenn es dunkel wird, kommt ihr wieder rein.«
Sie kramte ein paar alte Wolldecken aus einem großen Schrank im Flur und drückte sie David in die Hand.
»Das machen wir schon selbst«, sagte Jamie begeistert und nahm ihm die Decken weg. »Komm Sarah, das wird lustig.«
Sekunden später waren die beiden verschwunden, und David grinste.
»Dein Sohn weiß aber schon ganz genau, wie er dich um den Finger wickeln kann.«
»Von wem er das wohl hat«, schoss es Megan zynisch durch den Kopf.
»Möchtest du einen Kaffee?«, fragte sie dann laut, und er nickte.
»Ja gerne, ich glaube den habe ich mir auch redlich verdient.«
Wenig später saß David am Küchentisch, eine Tasse Kaffee vor sich, während Megan sich demonstrativ mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigte.
»Was hältst du davon, wenn wir am Sonntag Nachmittag mit den Kindern in den Zoo gehen?«, schlug David plötzlich vor, und ihr fiel beinahe der Kochlöffel aus der Hand.
Sie holte tief Luft und drehte sich langsam zu ihm um.
»David, ich mag Sarah wirklich sehr gern, und ich freue mich, dass die beiden sich so gut verstehen. Ich bin dir auch sehr dankbar, dass du dich so um Jamie gekümmert hast, und dieses Baumhaus für ihn gebaut hast. Aber ich bin der Meinung, dass wir darüber hinaus keine gemeinsamen Unternehmungen planen sollten.«
Enttäuscht schaute er sie an, und sie wandte sich hastig wieder ihren Kochtöpfen zu.
»In Ordnung«, hörte sie ihn leise sagen, »ich finde es zwar schade, aber ich respektiere deinen Wunsch. Vielleicht überlegst du es dir ja irgendwann noch.«
»Nein David, da gibt es nichts zu überlegen«, erklärte sie mühsam beherrscht, während sie die Kartoffeln abgoss, »du solltest deine Freizeit mit deiner Familie verbringen, und ich mit meiner.«
Mit dem Topf in der Hand drehte sie sich um, und wollte gerade zum Tisch gehen, um ihn dort abzustellen, als er auf einmal sagte: »Es gibt nur noch Sarah und mich – ich bin nicht mehr mit Cynthia verheiratet.«
Megan erstarrte, der Topf rutschte ihr aus der Hand und knallte auf den Boden, die Kartoffeln rollten über die Fliesen.
Fast zeitgleich kamen Jamie und Sarah in die Küche gestürmt, gefolgt von Blacky, der sich sofort voller Begeisterung über die unerwartete Beute hermachte, und Lisa, die beim Anblick des Durcheinanders amüsiert herausplatzte: »Sag mal Mom, warum fallen dir eigentlich immer die Sachen auf den Boden, wenn David da ist?«

Megan stand da, als würde sie sich irgendeinen merkwürdigen Film ansehen. Irgendwie war alles plötzlich ganz weit weg, wie durch eine Nebelwand betrachtete sie sich das Chaos, hörte sich selbst wie durch Watte tadeln: »Lisa, du kannst doch zu Sarahs Vater nicht einfach David sagen«, als wäre das in diesem Moment die einzig wichtige Sache.
»Doch, das ist schon in Ordnung«, lächelte David, und irgendwie brachte dieses Lächeln sie wieder zur Besinnung.
»Hör auf dich einzumischen und mir in den Rücken zu fallen«, fuhr sie ihn unvermittelt an, »du bist doch überhaupt nur schuld an diesem Chaos hier.«
Tränen stiegen ihr in die Augen, abrupt drehte sie sich um und stürzte aus der Küche, rannte über den Flur und die Treppe hinauf.
»Mom«, rief Lisa entgeistert und wollte ihr hinterher laufen, doch David war aufgestanden und hielt sie am Arm fest.
»Lass sie einen Moment, sie hat zurzeit viel Stress und wird sich wieder beruhigen«, erklärte er ruhig. »Wir räumen inzwischen hier auf.«
Er schickte Jamie und Sarah mit Blacky nach nebenan und machte sich dann gemeinsam mit Lisa daran, den Boden sauber zu machen.
»Okay, ich denke, ich werde dann jetzt fahren. Machst du Jamie etwas zu essen und bringst ihn ins Bett?«, bat er anschließend.
Lisa nickte. »Wirst du dich um Mom kümmern?«, fragte sie zögernd.
»Ja, das werde ich«, versprach er, »aber nicht heute, sie braucht erstmal ein bisschen Ruhe.«
»Gut«, sagte Lisa zufrieden, und fügte dann leise hinzu: »Du hast sie immer noch sehr gern, oder?«
Überrascht schaute David sie an, dann lächelte er. »Ja, das habe ich.«

 

53

Am anderen Morgen saß Megan in ihrem Büro und versuchte, sich auf ihren Auftrag zu konzentrieren, doch sie brachte nicht mal eine grobe Skizze zustande, und ein Blatt nach dem anderen wanderte in den Papierkorb.
Von ihrem Schreibtisch aus konnte sie durch das Fenster genau auf Jamies Baumhaus sehen, und im Geiste sah sie, wie er zusammen mit David daran gearbeitet hatte, und wie liebevoll David mit ihm umgegangen war.
»… es gibt nur noch Sarah und mich …«, spukten Davids Worte immer und immer wieder durch ihren Kopf, »… ich bin nicht mehr mit Cynthia verheiratet …«
Sie war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, und war auch nicht fähig, ihre Gefühle über diese unerwartete Neuigkeit einzuordnen. Immer wieder stiegen ihr Tränen in die Augen, und als Julie gegen elf Uhr bei ihr vorbei kam, um ihr eine alte Schreibtischlampe vorbei zu bringen, die sie noch auf dem Dachboden gefunden hatte, war sie nach wie vor völlig aufgelöst.
»Vielleicht solltest du dich darüber freuen«, sagte Julie, nachdem Megan ihr von den jüngsten Geschehnissen berichtet hatte, »ist es nicht das, was du dir immer gewünscht hast?«
»Ich habe das nie von ihm erwartet, und das weißt du auch«, erwiderte Megan verärgert, »außerdem kommt diese Mitteilung wohl sechs Jahre zu spät.«
»Es ist nie zu spät«, erklärte Julie kategorisch und warf der Freundin einen prüfenden Blick zu. »Du liebst David doch noch, denkst du nicht, dass jetzt vielleicht die richtige Gelegenheit wäre, mal in Ruhe mit ihm zu reden? Ihr solltet euch aussprechen, und mit einigen Dingen reinen Tisch machen.«
Megan wusste genau, dass die Freundin vor allem an Jamie dachte, und hob abwehrend die Hände.
»Jetzt fang bitte nicht wieder damit an. Und außerdem, was soll das denn bringen? Denkst du, ich könnte einfach da weiter machen, wo wir vor sechs Jahren aufgehört haben? So mir nichts, dir nichts, als ob nichts geschehen wäre? Soll ich ihm einfach so verzeihen, dass er mich angelogen hat? Du weißt genau, wie sehr er mich verletzt hat, und das ist nicht mal eben mit einem Gespräch erledigt.«
»Mein Gott Megan, jetzt sei doch nicht so stur. Gib ihm doch wenigstens eine Chance, dir alles zu erklären.«
»Warum? Damit er mich wieder belügt? Ich kann ja noch nicht mal sicher sein, dass er mir dieses Mal die Wahrheit gesagt hat und wirklich nicht mehr mit Cynthia verheiratet ist.«
Julie seufzte. »Das wirst du aber auch nicht herausfinden, indem du weiter schmollst wie ein kleines Kind.«
»Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht«, erklärte Megan schroff, »er soll mich einfach in Ruhe lassen.«

Am darauffolgenden Wochenende fand in der Grundschule das alljährliche Schulfest statt. Obwohl Megan ganz und gar keine Lust hatte, dorthin zu gehen, weil ihr klar war, dass David vermutlich auch da sein würde, konnte sie Jamie zuliebe natürlich nicht ablehnen. Jamies Klasse hatte beschlossen, eine Cafeteria für die Besucher zu organisieren, und nach langem Bitten und Betteln hatte sie Jamie schließlich versprochen, vor Beginn der Feier noch ein wenig bei den Vorbereitungen zu helfen. Kurz nach dem Mittagessen machten sie sich mit zwei Kuchen unter dem Arm auf den Weg zur Schule, und als sie in Jamies Klassenraum ankamen, waren bereits einige Eltern mit ihren Kindern da, unter ihnen, wie Megan bereits befürchtet hatte, auch David und Sarah.
Als David sie hereinkommen sah, leuchteten seine Augen freudig auf, und Megans Herz krampfte sich zusammen.
Seit jenem Abend in der Küche hatte sie ihn nicht mehr gesehen, zwar war Sarah fast täglich bei Jamie gewesen, und David hatte sie ein paar Mal abgeholt, aber er hatte stets draußen gewartet, und Megan hatte nicht gewusst, ob sie darüber froh oder enttäuscht sein sollte.
Immer noch musste sie an seine Worte denken, und auch das Gespräch mit Julie ging ihr ständig durch den Kopf. Auf einmal war sie nicht mehr so überzeugt davon, dass es richtig war, Jamie und ihm die Wahrheit zu verschweigen. Auch über ihre Gefühle für David war sie sich plötzlich nicht mehr im Klaren, so sehr sie einerseits wünschte, er würde sie in Ruhe lassen, so sehr brachte er andererseits immer noch ihr Herz zum Klopfen.
Mühsam versuchte sie seinen Blick zu ignorieren, und stürzte sich unter Jamies Kommando in die Arbeit. Sie rutschten Tische herum, dekorierten die Fenster, stellten Pappteller und Plastiktassen bereit.
»Die Papiertischdecken sind alle«, stellte Megan irgendwann fest, und die Klassenlehrerin drückte ihr einen Schlüssel in die Hand.
»Zwei Türen weiter ist ein Abstellraum, dort stehen noch Kisten mit Sachen vom letzten Jahr, wenn wir Glück haben, sind da irgendwo auch noch Tischdecken drin.«
Megan nahm den Schlüssel und ging hinaus, suchte nach der richtigen Tür, schloss auf und knipste das Licht an. Suchend schaute sie sich in dem fensterlosen Raum um, der mit unzähligen Kartons vollgestopft war.
»Na das kann ja lustig werden«, dachte sie, und zog auf gut Glück eine der Kisten aus dem Regal.
Nachdem sie alle Kartons in Reichweite erfolglos durchsucht hatte, nahm sie die kleine Trittleiter, die in einer Ecke stand, und kletterte hinauf. Vorsichtig zog sie eine Kiste heraus und wollte gerade wieder heruntersteigen, als die Tür aufging.
»Brauchst du Hilfe?«, hörte sie Davids Stimme, und es gelang ihr gerade noch, den Karton nicht fallen zu lassen.
»Nein danke«, wehrte sie ab, während sie sich mit der schweren Kiste abmühte, und spürte dabei genau, dass David ihre Beine anstarrte, auf die er durch seine etwas tiefere Position einen ausgezeichneten Blick hatte.
Während sie noch bereute, dass sie statt einer Jeans einen Rock angezogen hatte, nahm er ihr auch schon die Kiste aus der Hand und hob sie dann von der Leiter herunter. Er drehte sie zu sich um, und eingeklemmt zwischen dem Regal und ihm stand sie da und schaute ihn hilflos an.
»Weißt du eigentlich, dass du immer noch verdammt sexy bist?«, flüsterte er ihr plötzlich ins Ohr, und ein heißer Schauer rieselte ihr über den Rücken.
Sie spürte die Wärme seines Atems an ihrem Hals, und im gleichen Moment waren seine Lippen auch schon auf ihrem Mund. Gleichzeitig schob er seine Hände unter ihren Rock, tastete sich langsam ihre Oberschenkel hinauf, streichelte zärtlich die Haut oberhalb ihrer Strümpfe.
»David«, stöhnte sie leise, »hör auf damit.«
»Soll ich wirklich aufhören?«, murmelte er und ließ seine Finger sanft unter ihren Pobacken entlang gleiten.
»Es kann jeden Moment jemand hier reinkommen«, presste sie kaum hörbar heraus, fast willenlos angesichts seiner Berührungen.
Ohne auf ihren Einwand zu reagieren, küsste er sie wieder, und impulsiv schlang sie ihm die Arme um den Hals, erwiderte seinen Kuss voller Sehnsucht.
»Mom?«, rief in diesem Augenblick Jamie draußen auf dem Gang, und in derselben Sekunde flog auch schon die Tür auf.
Erschrocken fuhren sie auseinander, und entsetzt starrte Megan auf die Gesichter von Jamie und Sarah, die sie beide neugierig beäugten.
»Was macht ihr denn hier?«, wollte Jamie wissen.
David räusperte sich.
»Ich habe deiner Mom geholfen, die Kiste herunter zu heben«, erklärte er gelassen, und beugte sich über die Kiste, während Megan sich hastig ihren Rock wieder zurecht schob, und hoffte, dass Jamie sich mit dieser Antwort zufriedengeben würde.
Doch wie alle Kinder besaß auch er einen untrüglichen Instinkt, und misstrauisch schaute er die beiden Erwachsenen an.
»Habt ihr euch etwa geküsst?«
»Nein, Sarahs Dad hat mir nur von der Leiter geholfen«, erklärte Megan nervös, und hörte, wie David ein amüsiertes Glucksen von sich gab.
»Wir sollten jetzt wieder nach drüben gehen und schauen, was wir noch helfen können«, sagte sie verärgert, und schob die beiden Kinder zur Tür hinaus. Dann drehte sie sich zu David um. »Hör auf zu lachen, das ist überhaupt nicht witzig«, zischte sie ihn an, »und tu so etwas nie wieder.«

 

54

Auf weichen Beinen folgte Megan den beiden Kindern in den Klassenraum. Noch immer hämmerte ihr Puls wie verrückt, und sie hätte nicht sagen können, ob es am plötzlichen Auftauchen von Jamie und Sarah oder Davids Berührungen lag. Sie hätte sich selbst ohrfeigen können; nach all den Jahren hatte er noch ganz genau gewusst, wie er sie anfassen musste, um sie schwach zu machen, und nach all den Jahren reagierte sie immer noch so stark auf ihn, dass sie nichts Besseres zu tun hatte, als ihm um den Hals zu fallen.
Frustriert machte sie sich wieder an die Arbeit, und irgendwann war der Klassenraum fertig. Nach und nach strömten auch die ersten Besucher herein, und bald herrschte reger Trubel.
Obwohl Megan am liebsten nach Hause gegangen wäre, blieb ihr nichts anderes übrig, als Jamie zuliebe zu bleiben. Sie half eine Weile beim Kuchenverkauf, dann wollte Jamie mit ihr unbedingt einen Rundgang durch die Schule machen, und ohne lange zu überlegen stimmte sie zu. Bereits eine Sekunde später wünschte sie, sie hätte es nicht getan, denn natürlich wollte Jamie nicht ohne Sarah gehen, was zur Folge hatte, dass David sie ebenfalls begleitete.
Mit eisiger Miene stapfte sie neben ihm her, angestrengt darauf bedacht, ihm in dem Gedränge nicht zu nahe zu kommen.
David schien es gar nicht zu bemerken, vollkommen locker und entspannt kümmerte er sich um Jamie und Sarah, alberte mit ihnen herum, spielte mit ihnen diverse Spiele, die angeboten wurden, und kaufte jedem einen Becher Cola.
»Jamie darf normalerweise keine Cola trinken«, erklärte Megan bissig, und ihr Sohn rollte genervt mit den Augen.
»Jetzt komm schon Mom, ausnahmsweise.«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, stürmte er auf einen Stand zu, an dem Dosenwerfen angeboten wurde, und zog Sarah am Ärmel hinter sich her.
»Um die Wette«, forderte er sie auf, und mit Feuereifer stürzten die beiden sich in ihr Duell.
Mit verschränkten Armen stand Megan daneben und schaute zu, während David die beiden abwechselnd anfeuerte.
Schließlich gewann Jamie und bekam eine Tüte Gummibärchen, die er großmütig mit Sarah teilte.
»Das ist aber lieb, dass du deiner Schwester etwas abgibst«, sagte die ältere Frau, die den Stand betreute, freundlich.
»Das ist nicht meine Schwester«, erklärte Jamie selbstbewusst, »nur meine beste Freundin.«
»Oh, entschuldige«, lachte die Frau, »dabei seht ihr beiden euch so ähnlich.«
Megan stockte der Atem, sie bemerkte, wie David sekundenlang die Stirn runzelte und irritiert von Jamie zu Sarah schaute.
»Wir sollten wieder in eure Klasse zurückgehen, ihr wolltet uns doch noch eure Bastelarbeiten zeigen«, lenkte sie hastig ab, und drehte sich schnell um, bevor er sehen konnte, wie rot ihr Gesicht geworden war.
Sofort hüpften Jamie und Sarah freudig voraus, und erleichtert folgte Megan ihnen.
Nachdem sie sich die Bastelsachen der Kinder angesehen hatte, unterhielt sie sich noch einen Moment mit ein paar anderen Eltern. Dann beschloss sie, nach Hause zu gehen, bevor es noch zu irgendwelchen weiteren unangenehmen Zwischenfällen kommen würde, ihr Bedarf an Aufregung war für den heutigen Tag mehr als gedeckt.
»Och Mom, kann ich nicht noch ein bisschen bleiben?«, bettelte Jamie.
»Es wird bald dunkel, und ich möchte nicht, dass du alleine draußen herumläufst.«
»Ich bringe ihn nach Hause«, bot David an, und nach kurzem Zögern nickte sie.
»In Ordnung, aber bitte nicht so spät.« Sie wandte sich an Jamie. »Und du versprichst mir brav zu sein und keinen Unfug zu machen, für heute hatte ich genug Aufregung.«

Ein paar Tage später hatte Megan ihren ersten Auftrag fertig gestellt. Der Kunde war zufrieden, und zahlte ihr noch ein paar Dollar extra, doch es reichte bei weitem nicht aus, um alle Rechnungen zu bezahlen, und allmählich begann sie, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Übermorgen hatte Jamie Geburtstag, sie hatte noch ein bisschen Geld für seine Geschenke zurückbehalten, doch wenn nicht bald ein paar weitere Aufträge hereinkommen würden, würde der Platz unter dem Weihnachtsbaum dieses Jahr leer bleiben.
Sie telefonierte sich die Finger wund, bewarb sich auf alle möglichen ausgeschriebenen Aufträge, und bemühte sich zusätzlich auch noch weiter um eine Anstellung, doch es schien wie verhext.
Zusätzlich musste sie dauernd an David denken, an seine Küsse, seine Berührungen, und sie begann, sich nach ihm zu sehnen. Wie zuvor holte er fast jeden Abend Sarah ab, doch wie zuvor wartete er stets draußen und Megan bemerkte, dass ihre Enttäuschung mit jedem Mal größer wurde. Zusätzlich nagte das schlechte Gewissen an ihr; David hatte nach wie vor scheinbar nicht die geringste Ahnung, dass Jamie sein Sohn war, und sie wusste, dass die Situation mit jedem Tag schlimmer werden würde.
Diese ganzen Sorgen begannen allmählich ihre Spuren zu hinterlassen, Megan hatte kaum noch Appetit, wurde immer dünner, immer blasser und immer unruhiger.

Am Morgen von Jamies Geburtstag stand Megan sehr früh auf, bereitete ihm im Wohnzimmer liebevoll seinen Geburtstagstisch vor, stellte den Geburtstagskuchen darauf und ging anschließend nach oben, um Jamie zu wecken.
Es dauerte einen Augenblick, bis er so weit zu sich gekommen war, dass sie ihn umarmen und ihm gratulieren konnte, und natürlich wollte er dann sofort seine Geschenke auspacken.
Als sie wieder nach unten kamen, blieb Megan fast das Herz stehen, sämtliche Geschenke nebst Kuchen lagen auf dem Boden, und Blacky saß eifrig kauend daneben.
Offenbar hatte er es irgendwie geschafft, die Tischdecke herunterzuziehen, und machte sich jetzt schwanzwedelnd über seine Beute her.
»Mom, mein Kuchen«, rief Jamie unglücklich, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Megan nahm ihn in den Arm. »Nicht traurig sein Schatz, ich backe dir nachher einen neuen«, versprach sie, während sie sich im Stillen ärgerte, dass sie nicht daran gedacht hatte, den Hund aus dem Zimmer zu tun.
»Warum packst du nicht erstmal deine Geschenke aus?«, schlug sie dann vor.
Jamie nickte, schniefte noch einmal und widmete sich dann den Päckchen.
Beim Anblick des ferngesteuerten Motorboots war er schnell wieder getröstet und quietschte begeistert: »Oh cool Mom, genau so eins habe ich mir gewünscht.«
Er fiel ihr um den Hals und drückte seine Mutter.
»Kommt mein Dad heute?«, fragte er dann unvermittelt, und sie schluckte.
»Nein Jamie, ich glaube nicht, ich habe dir doch schon erklärt, warum das nicht geht«, sagte sie leise.
»Schade, ich hätte so gerne das Boot mit ihm ausprobiert.« Einen Moment lang machte er ein enttäuschtes Gesicht, dann lächelte er plötzlich. »Ist nicht schlimm, dann mache ich das mit David.«
Megan biss sich auf die Lippe, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, und ihr wurde bewusst, dass sie die Wahrheit nicht mehr lange zurückhalten durfte.

 

55

Bis zum Nachmittag hatte Megan einen neuen Kuchen gebacken, und als Jamies kleine Gäste eintrafen, war alles vorbereitet. Die Eltern lieferten ihre Kinder ab, plauderten kurz mit Megan, und fuhren dann wieder, lediglich David, der Sarah vorbei gebracht hatte, bot sich an zu bleiben.
»Vielleicht sollte ich dir ein bisschen helfen, bevor das Ganze hier wieder in einem Chaos endet«, erklärte er schmunzelnd.
Zuerst wollte Megan ihn einem spontanen Impuls folgend wieder wegschicken, doch dann stellte sie auf einmal fest, dass sie sich freute, ihn zu sehen, also nickte sie.
Während sie die Kinder mit Getränken und Kuchen versorgte, spielte er mit ihnen Topfschlagen und ein paar andere Spiele, und tobte anschließend mit ihnen im Garten herum.
Am späten Nachmittag kam auch Julie vorbei, und als sie zusammen mit Megan durch das Küchenfenster das muntere Treiben draußen beobachtete, lächelte sie. »David ist wirklich der ideale Vater.«
»Ja, das ist er wohl«, nickte Megan unglücklich.
Gegen Abend gab es noch einen großen Topf Spaghetti mit Tomatensoße für die Rasselbande, dann trafen auch nach und nach schon die Eltern wieder ein, um ihre Sprösslinge abzuholen.
Übrig blieben Jamie und Sarah sowie David, Julie und Megan, die zusammen am Küchentisch saßen und plauderten.
»Puh, damit wäre das auch überstanden, jetzt ist erstmal wieder für ein Jahr Ruhe«, seufzte Megan, und wandte sich dann an David. »Danke für deine Unterstützung.«
»Nichts zu danken, es hat mir Spaß gemacht«, lächelte er, und zwinkerte ihr dann zu. »Außerdem wollte ich verhindern, dass wieder irgendwelches Essen auf dem Boden landet.« »Probieren wir dann am Wochenende das Boot aus?«, bat Jamie jetzt, und schaute David flehentlich an.
»Jamie, du weißt doch gar nicht, ob David schon etwas anderes vorhat, du kannst doch nicht einfach so über seine Zeit bestimmen«, mahnte Megan.
»Ich möchte aber so gerne, und mein Dad ist ja nicht da«, erwiderte Jamie vorwurfsvoll.
»Jamie …«, entfuhr es Megan.
»Wo ist denn dein Dad?«, fragte David interessiert und warf Megan einen durchdringenden Blick zu.
»Der ist irgendwo im Ausland, ganz weit weg«, erzählte Jamie.
»Hast du ihn denn schon mal besucht, oder er dich?«, bohrte David weiter, bevor Megan etwas sagen konnte.
»Nein, er hat keine Zeit, und Mom sagt immer, wir haben kein Geld, damit ich zu ihm fahren kann.«
Megan warf Julie einen hilflosen Blick zu, während Davids Miene sich verfinsterte.
»Ich glaube, wir zwei sollten uns mal unterhalten«, sagte er zu Megan und stand auf.
Er packte sie am Arm, zog sie vom Stuhl hoch und aus der Küche, schob sie dann nach nebenan ins Wohnzimmer.
»Hast du mir etwas zu sagen?«, fragte er, nachdem er die Tür hinter ihnen zugezogen hatte, und schaute sie herausfordernd an.
»David, ich …«, wollte sie beginnen, doch er unterbrach sie sofort.
»Wie lange wolltest du mir das eigentlich noch verheimlichen? Denkst du, ich bin blind? Natürlich ist mir die Ähnlichkeit zwischen Jamie und Sarah sofort aufgefallen. Aber ich habe gedacht, ich irre mich, weil ich mir sicher war, dass du mir bestimmt etwas davon erzählt hättest. Allerdings habe ich mich da wohl in dir getäuscht.«
Seine Stimme klang bitter, und Megan zuckte zusammen.
»Was hätte ich denn machen sollen?«, fragte sie unglücklich. »Du hattest deine Frau, und sie war schwanger – hätte ich mich dazwischen drängen sollen?«
Ungläubig schüttelte er den Kopf.
»Du hättest es mir sagen müssen«, erklärte er vorwurfsvoll, »du hast mir sechs Jahre lang mein Kind vorenthalten, und Jamie seinen Vater. Wie konntest du ihn nur so belügen?«
»Gerade du hast es nötig mir Lügen vorzuwerfen«, sagte sie aufgebracht, »was hätte ich ihm denn sagen sollen? Dass ich für seinen Vater nur eine Affäre war, ein flüchtiger Spaß für zwischendurch? Dass sein Vater behauptet hat, mich zu lieben, und trotzdem mit seiner Frau ein Kind geplant hat? Dass sein Vater mir erklärt hat, er würde nicht mehr mit seiner Frau schlafen, und kurz darauf war sie plötzlich schwanger? Wäre dir das lieber gewesen?«
»Du hättest ihm sagen können, dass du es vorgezogen hast, einfach abzuhauen, ohne mir die Chance für eine Erklärung zu geben.«
»Die Situation war ja wohl eindeutig, was hättest du mir da noch erklären sollen.«
»Einiges«, sagte er schroff, »aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.«
Sie starrten sich einen Moment stumm an.
»Und wie soll es jetzt weiter gehen?«, fragte Megan schließlich leise.
»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Wir können nicht einfach da rausspazieren und Jamie die Wahrheit sagen, den Schock würde er nicht so ohne Weiteres verkraften. Ich werde mir etwas einfallen lassen, und bis dahin bleibt alles, wie es ist«, erklärte David ruhig. »In der Zwischenzeit werde ich mich um ihn kümmern, ich denke nicht, dass du mir das verwehren kannst.«
Megan drehte sich rasch um, damit er nicht sah, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
»Das will ich doch auch gar nicht.«
»Gut.«
»David, es tut mir so leid«, flüsterte sie erstickt.
»Das sollte es auch«, sagte er verletzt. Er schwieg einen Moment und fügte dann leise hinzu: »Megan, ich habe dich wirklich über alles geliebt, und das tue ich immer noch. Aber ich weiß nicht, ob ich dir das verzeihen kann.«

Nachdem sich die Tür hinter David geschlossen hatte, schleppte Megan sich zur Couch und ließ sich darauf fallen, vergrub weinend ihr Gesicht in den Kissen.
Wie durch Watte hörte sie draußen im Flur gedämpft die Stimmen von Julie und David, dazwischen das fröhliche Geschnatter von Jamie und Sarah.
Irgendwann wurde es still, und nach einer Weile ging die Tür auf und Julie kam herein.
»Ich habe Jamie ins Bett gebracht«, erklärte sie leise, während sie sich zu ihrer Freundin setzte.
Tröstend nahm sie ihre Hand, und mit einem gequälten Aufschluchzen warf Megan sich in ihre Arme.
Julie sagte nichts, hielt sie nur fest, strich ihr behutsam übers Haar, und Megan weinte ihren ganzen Schmerz heraus, weinte über das, was sie Jamie und David angetan hatte, und weinte darüber, dass sie David nun endgültig verloren hatte.

 

56

Ein paar Wochen vergingen, der November kam, und zwischen David und Megan herrschte absolute Funkstille. Mehr denn je kümmerte David sich um Jamie, holte ihn häufig ab, um mit ihm und Sarah gemeinsam etwas zu unternehmen, doch er vermied es stets, ins Haus zu kommen.
Bei den wenigen Begegnungen, die sich nicht umgehen ließen, benahm er sich kühl und abweisend, sprach nur das Nötigste und strahlte eine eisige Unnahbarkeit aus.
Während Megan von Tag zu Tag mehr unter der Situation litt, blühte Jamie regelrecht auf. Nach wie vor war er nur selten von Sarah loszueisen, er genoss Davids Fürsorge und sprach kaum noch von etwas anderem. Megan spürte, wie sehr er seinen Vater liebte, und je glücklicher er wurde, desto trauriger wurde sie. Sie wartete täglich darauf, dass David zu ihr kommen und ihr sagen würde, wie es weitergehen sollte, doch nichts dergleichen geschah, und sie wagte es auch nicht, ihn danach zu fragen.
Neben all ihren Selbstvorwürfen quälte sie sich nach vor damit herum, Arbeit an Land zu ziehen, doch bis auf zwei kleinere Aufträge, die kaum für das Nötigste reichten, erlebte sie auch hier eine Enttäuschung nach der anderen. Was sie auch tat, alles endete ergebnislos, und allmählich wurde das Geld knapp.

An einem dieser Abende saßen David und Rick bei einem Glas Bier zusammen in ihrer Stammkneipe.
»Wie läuft es mit Jamie?«, fragte Rick interessiert, nachdem die Bedienung ihnen ihre Getränke gebracht hatte.
David hatte ihm bereits kurz nach Jamies Geburtstag von der jüngsten Entwicklung berichtet, und Rick machte sich Sorgen.
»Gut«, erklärte David, »wir unternehmen viel gemeinsam, er ist gerne mit Sarah zusammen, und ich glaube, er mag mich auch ein bisschen.« Nach einem kurzen Moment des Schweigens fügte er hinzu: »Ich wünschte nur, mir würde irgendein vernünftiger Weg einfallen, ihm die Wahrheit zu sagen.«
»Keine Alleingänge, du solltest das auf jeden Fall mit Megan gemeinsam tun.«
»Das weiß ich auch«, knurrte David, »und natürlich werden wir zusammen mit ihm sprechen. Aber im Moment bin ich nicht in der Lage dazu, ich würde ihr am liebsten den Hals umdrehen. Ich kann nach vor nicht verstehen, wie sie Jamie das antun konnte.«
Rick verzog das Gesicht. »Ohne dir nahetreten zu wollen, aber ich kann sie ein bisschen verstehen. Es muss damals ein ziemlicher Schock für sie gewesen sein, und ich kann mir vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss.«
»Das gibt ihr nicht das Recht, mir mein Kind vorzuenthalten«, sagte David schroff. »Außerdem hatte sie keinen Grund, so sauer auf mich zu sein. Wenn sie mir wenigstens noch fünf Minuten zugehört hätte, hätte sich alles geklärt. Du weißt, dass ich an jenem Abend die Absicht hatte, ihr zu sagen, dass ich Cynthia verlassen werde.«
»Dann hättest du ihr das vielleicht zuerst sagen sollen, und ihr nicht vorher die Sache mit der Schwangerschaft um die Ohren hauen sollen«, erklärte Rick trocken.
»Ja, das habe ich hinterher auch gemerkt. Es war selten dämlich von mir, aber ich war einfach zu nervös und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich wollte ehrlich zu ihr sein, und konnte ja auch nicht ahnen, dass sie so darauf reagieren würde.«
»Was hast du erwartet? Dass sie dir freudestrahlend um den Hals fällt?«
»Natürlich nicht, aber ich habe auch nicht damit gerechnet, dass sie einfach so spurlos verschwindet.«
Rick nahm einen Schluck aus seinem Glas und schaute seinen Freund prüfend an.
»Und wie soll es jetzt mit euch weiter gehen?«
»Gar nicht. Ich werde mich um Jamie kümmern, und damit hat sich das Ganze.«
David bemühte sich um einen entschlossenen Tonfall, doch sein Freund sah ihm am Gesicht an, dass er von seinen Worten keineswegs so überzeugt war, wie er vorgab.
»Du liebst sie doch immer noch«, sagte er leise, »Rede mit ihr und erkläre ihr alles. Ich bin mir sicher, dass sich das zwischen euch wieder in Ordnung bringen lässt, und das mit Jamie wird sich dann bestimmt auch irgendwie ergeben.«

In den nächsten Tagen gingen David Ricks Worte nicht mehr aus dem Kopf; obwohl er nach wie vor ziemlich verletzt war, verspürte er doch auch den Wunsch, Megan in den Arm zu nehmen und festzuhalten.
Bereits während der ersten Begegnung nach ihrer Rückkehr war ihm schmerzlich bewusst geworden, dass sie immer noch die Frau war, mit der er sein Leben verbringen wollte, und seither war kein Tag vergangen, an dem er sich nicht danach gesehnt hätte, mit ihr zusammen zu sein.
Doch ihm war auch bewusst, dass die ganze Situation reichlich verfahren war, und dass er nicht einfach zu ihr gehen und so tun konnte, als wäre nichts geschehen. Andererseits mussten sie so bald wie möglich eine Lösung finden, Jamie schonend die Wahrheit beizubringen.
Nach langem Überlegen beschloss er, Megan ein kleines Stück entgegenzukommen, und zu sehen, wie sich alles weiterentwickeln würde.

Als er an einem Samstag Nachmittag Jamie abholte, um mit ihm und Sarah ins Kino zu gehen, blieb er nicht wie gewohnt im Auto sitzen, sondern stieg aus und ging Jamie entgegen.
Dieser fiel ihm freudig um den Hals, David drückte ihn kurz und warf dann einen Blick auf Megan, die an der Haustür stehen geblieben war.
»Was hältst du davon, wenn du deine Mom fragst, ob sie mitkommen möchte«, sagte er leise zu Jamie, und der nickte sofort begeistert.
»Mom, David sagt, ich soll dich fragen, ob du mitkommen willst«, wiederholte er mit kindlicher Unschuld die Worte seines Vaters.
Einen Moment schaute Megan David überrascht an, dann schüttelte sie den Kopf.
»Nein danke, aber das geht nicht.«
»Ach Mom, bitte«, fing Jamie an zu betteln, »zu viert macht es doch noch viel mehr Spaß, und ich verspreche auch, mich zu benehmen.«
»Das weiß ich Schatz, aber ich habe dir doch erklärt, dass wir im Moment nicht so viel Geld haben. Wir müssen sparen, und deswegen ist es besser, wenn ich hier bleibe«, murmelte sie und strich ihm tröstend über den Kopf. »Ein anderes Mal vielleicht.«
David, der ein wenig näher gekommen war und ihre letzten Worte gehört hatte, schickte Jamie zum Auto und wandte sich dann an Megan.
»Diese Ausrede lasse ich nicht gelten, ich lade dich ein. Also gib dir einen Ruck und komm mit, wenigstens Jamie zuliebe.«

 

57

Sie verbrachten einen harmonischen Nachmittag; nachdem sie sich im Kino einen Disney-Film angesehen hatten, gingen sie auf die Bitten der Kinder hin noch einen Hamburger essen, und anschließend brachte David Megan und Jamie nach Hause.
Auf der Rückfahrt hatten Jamie und Sarah ihre Eltern bereits überredet, dass Sarah bei Jamie übernachten durfte, und voller Begeisterung stoben die beiden aus dem Auto und ins Haus.
»Danke für die Einladung«, verabschiedete Megan sich von David, »gute Nacht.«
Sie wollte aussteigen, doch er hielt sie am Arm fest.
»Megan?«
Unsicher schaute sie ihn an. »Ja?«
»Danke dass du mitgekommen bist. Und bitte mach dir nicht so viele Sorgen, wir werden einen Weg finden.«

Dieser Nachmittag war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Nachmittagen, an denen sie gemeinsam etwas unternahmen. Sie gingen zusammen Bowling spielen, nutzten den ersten Schnee um ausgiebig Schlitten zu fahren, oder saßen bei Megan zu Hause im Wohnzimmer vor dem Kamin und spielten irgendwelche Brettspiele miteinander.
Allmählich begann sich die angespannte Stimmung zwischen David und Megan etwas zu lockern; sie gingen freundlich, aber immer noch äußerst zurückhaltend miteinander um, und keiner von beiden brachte den Mut auf, über diese gemeinsamen Unternehmungen hinaus einen Schritt auf den anderen zuzugehen, obwohl sie sich beide nichts sehnlicher wünschten.

Megans finanzielle Situation verschlechterte sich zusehends; obwohl sie an allen Ecken und Enden sparte, gelang es ihr kaum noch, ihre Familie über Wasser zu halten. Als dann Ende November das Geld richtig knapp wurde, und das Öl für die Heizung allmählich zur Neige ging, beschloss sie, nur noch die Zimmer der Kinder und das Bad zu heizen.
Dadurch würde sie die nächste Öllieferung ein wenig aufschieben können, und hätte wenigstens noch ein paar Dollar übrig, um Lisa und Jamie ein paar Weihnachtsgeschenke kaufen zu können.
Es gelang ihr, sich den Kindern gegenüber nichts von ihren Sorgen anmerken zu lassen; tagsüber saß sie dick angezogen in ihrem Büro, und abends rollte sie sich in mehrere Decken eingehüllt in ihrem Bett zusammen.
Allerdings dauerte es nicht lange, bis sie merkte, dass eine Erkältung im Anzug war, und als sie in der letzten Novemberwoche mit Jamie zum Weihnachtsbasteln in die Schule ging, fühlte sie sich bereits hundeelend.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte David besorgt, als er sie anschließend nach Hause brachte. »Du siehst zum Fürchten aus.«
»Na vielen Dank«, murmelte sie, und unterdrückte ein Husten, »danke für das nette Kompliment.«
»Megan, ich meine das ernst. Wenn ich dir irgendwie helfen kann …«
»Nein«, unterbrach sie ihn hastig, »es ist alles in Ordnung.«
Unter seinem prüfenden Blick wurde ihr unbehaglich, und sie verabschiedete sich schnell von ihm.
»Bis dann.«
»Ich hole Jamie am Freitagabend fürs Wochenende ab«, rief er ihr noch hinterher, bevor sie im Haus verschwand.
Sie wollte nicht, dass David etwas von ihren Geldsorgen erfuhr, ihr war klar, dass er sofort alles tun würde, um sie zu unterstützen. Da er in der letzten Zeit sowieso schon ständig alles für sie und Jamie bezahlt hatte, wenn sie zusammen unterwegs gewesen waren, kam das nicht in Frage, sie wollte ihm nicht das Gefühl geben, von ihr ausgenutzt zu werden.
Auch Julie hatte ihr schon mehrfach Hilfe angeboten, doch sie tat ohnehin schon genug für Megan und die Kinder, und sie wollte die Freundschaft zu ihr nicht überstrapazieren, indem sie sie dauernd um Geld bat.

Bis zum Ende der Woche war das Heizöl restlos aufgebraucht, und Megans Zustand verschlechterte sich derart, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Sie hustete fürchterlich, hatte Fieber und wurde immer wieder von Schüttelfrost überfallen.
Damit die Kinder nichts mitbekamen, verfrachtete sie Jamie am Freitag Nachmittag kurzerhand zu Julie, und erlaubte Lisa, das Wochenende bei Alex zu verbringen, wo sie sich eigentlich sowieso fast nur noch aufhielt.
Völlig geschwächt kochte sie sich eine Kanne Tee, nahm ein paar Aspirin und verkroch sich dann in ihr Bett.
Nach einer Weile fiel sie trotz der Kälte in einen unruhigen Halbschlaf und schreckte hoch, als es irgendwann an der Tür klingelte.
Kraftlos wickelte sie sich in eine Decke und schleppte sich zur Tür, in der Annahme, es sei vielleicht Lisa, die ihren Schlüssel vergessen hätte.
»Ach du bist es, dich hatte ich ja total vergessen«, krächzte sie heiser, als ihr Blick auf David fiel, der zusammen mit Sarah vor der Tür stand.
»Nette Begrüßung«, schmunzelte er, »ich wollte Jamie abholen.«
Dann wurde sein Gesicht ernst. »Was ist los?«
»Jamie ist bei Julie«, brachte sie unter qualvollem Husten heraus, und kopfschüttelnd schob er sie ins Haus.
»Megan, hier ist es ja eiskalt«, entfuhr es ihm entsetzt, »was ist mit der Heizung los?«
Hilflos zuckte sie mit den Schultern.
»Das Heizöl ist alle«, gab sie verlegen zu, und nach einem kurzen Blick in ihre fiebrigen Augen packte David sie resolut am Arm.
»Sarah, setz dich ins Auto, ich bringe dich gleich zu Jamie«, befahl er seiner Tochter über die Schulter, während er Megan die Treppe hochzog. »Und du legst dich ins Bett und bleibst da liegen, ich bin sofort wieder zurück.«
Er drückte sie in die Kissen, breitete die Decken über ihr aus, und stopfte sie sorgfältig um sie herum fest. Megan schloss die Augen, und er ging nach draußen, eilte die Treppe hinunter und war kurz darauf unterwegs zu Julie.
Als er kurz darauf an ihrer Tür läutete, dauerte es nicht lange, bis sie öffnete, und ihn überrascht anschaute.
»David, was machst du denn hier?«
»Kann Sarah für eine Weile bei dir bleiben?«, fragte er ohne lange Vorrede, und als Julie sein angespanntes Gesicht bemerkte, nickte sie.
»Natürlich.«
Julie schob Sarah zu Jamie ins Wohnzimmer, schloss dann die Tür und sah David fragend an.
»Was ist denn los?«
»Kannst du mir mal verraten, warum Megan todsterbenskrank in ihrem ungeheizten Haus sitzt?«
»Was?«, entfuhr es Julie entgeistert. »Ich weiß, dass sie in letzter Zeit ein paar Geldsorgen hatte, aber davon hatte ich keine Ahnung, sie hat keinen Ton davon gesagt.«
David nickte grimmig. »Das habe ich mir schon gedacht, dieser kleine Sturkopf treibt mich noch in den Wahnsinn.«
Trotz der wenig erfreulichen Situation konnte Julie sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. »Wem sagst du das – ich glaube es wird Zeit, dass ein Mann ins Haus kommt.«

 

58

Nachdem Julie ihm versprochen hatte, sich so lange um Jamie und Sarah zu kümmern, wie es nötig war, fuhr David im Eiltempo zu Megans Haus zurück. Unterwegs rief er vom Handy aus einen Händler für Brennstoffe an, der ihm gegen eine entsprechende Zuzahlung trotz der späten Uhrzeit zusagte, innerhalb der nächsten zwei Stunden den Tank im Haus zu befüllen.
Zurück in der Villa stürmte er sofort nach oben, um nach Megan zu sehen. Fiebrig und hustend lag sie immer noch im Bett, und ihr Anblick schnitt ihm tief ins Herz. Er schlüpfte aus seinen Schuhen, kroch zu ihr unter die Decken und zog sie an sich, versuchte, sie ein wenig zu wärmen.
»Du kleines, stures Weibsbild«, murmelte er liebevoll, »warum hast du mir denn keinen Ton davon gesagt?«
»David, du solltest von mir wegbleiben, du wirst dich anstecken«, krächzte sie heiser, und kuschelte sich entgegen ihrer Warnung so dicht wie möglich an ihn. »Ich wollte dich nicht damit behelligen.«
»Eigentlich würde ich dich am liebsten übers Knie legen, aber das wird wohl warten müssen, bis es dir wieder besser geht. – Jetzt versuch ein bisschen zu schlafen, ich bleibe hier bei dir.«
Erschöpft schloss sie die Augen, schmiegte sich in Davids Arme, und seine Nähe tat ihr so gut, dass sie trotz ihres Hustens tatsächlich fast augenblicklich einschlief.

David blieb die ganze Nacht bei ihr, kochte ihr Tee, drehte sämtliche Heizkörper auf, nachdem das Öl geliefert worden war, und hielt sie liebevoll im Arm.
Am anderen Morgen fuhr er kurz in die Apotheke, kaufte eine ganze Batterie von allen möglichen Erkältungsmitteln und verabreichte Megan dann immer wieder Hustensaft, Halstabletten und ein Antibiotikum.
Gegen Abend fühlte sie sich allmählich etwas besser, und er ging nach unten, um ihr etwas zu essen zu machen.
Als er mit einer Schüssel Suppe wieder nach oben kam, war sie gerade dabei, aufzustehen.
»Was soll das denn werden?«, fragte er stirnrunzelnd, »du wirst dich sofort wieder hinlegen.«
»Ich bin total verschwitzt, lass mich wenigstens kurz unter die Dusche gehen«, bat Megan kläglich.
»Duschen auf keinen Fall, ich werde dir ein Bad einlassen, und danach legst du dich sofort wieder hin.«
»Sklaventreiber«, murrte sie, »das ist ja schlimmer als im Knast.«
Er trat ans Bett, stellte die Suppe auf dem Nachtschränkchen ab und beugte sich dann zu ihr.
»Du kannst es dir aussuchen – entweder wirst du ohne Widerworte das Bad nehmen und dich anschließend wieder ins Bett legen, oder ich werde dafür sorgen, dass du richtig ins Schwitzen kommst, und ich weiß nicht, ob du das in deinem Zustand wirklich genießen würdest.«
Sein Gesicht war dicht vor dem ihren, seine grauen Augen funkelten sie an, und sofort geriet ihr Herzschlag aus dem Takt.
»Ist ja schon gut«, sagte sie hastig und rutschte ein Stück von ihm weg, »ich werde tun, was du sagst.«
Nachdem er verschwunden war, aß sie die Suppe, rappelte sich dann mühsam vom Bett hoch und suchte sich ein paar saubere Sachen aus dem Schrank.
Leicht schwindelig wankte sie aus dem Schlafzimmer, und David kam ihr im gleichen Moment entgegen.
»Du kannst dich ja kaum auf den Füßen halten«, sagte er vorwurfsvoll, legte einen Arm um ihre Taille und bugsierte sie vorsichtig ins Bad.
Als er ihr helfen wollte, das Oberteil ihres Schlafanzugs aufzuknöpfen, hielt sie seine Hand fest.
»Schon gut, ich denke das kriege ich alleine hin.«
»Ja, das sehe ich«, sagte er trocken, als sie sich im gleichen Augenblick Halt suchend am Waschbecken festklammerte, »jetzt hör auf, dich so anzustellen. Es gibt nichts, was ich nicht schon gesehen hätte, und du bist krank – ich werde also nicht gleich über dich herfallen.«
Megan seufzte, ließ sich dann aber widerstandslos von ihm ausziehen und in die Wanne helfen. Sein Blick glitt kurz über ihren Körper, und sie hörte, wie er schluckte.
»Ich lasse dich für einen Moment alleine und beziehe inzwischen das Bett frisch.« Dann beugte er sich zu ihr, drückte ihr einen Kuss aufs Haar und murmelte: »Du kannst wirklich froh sein, dass du krank bist.«

Nachdem Megan eine knappe Dreiviertelstunde in der Wanne gelegen hatte, kletterte sie vorsichtig heraus und schlüpfte in einen alten Schlafanzug aus verwaschenem Flanell, zog sich ein paar dicke Socken über und ging wieder ins Schlafzimmer.
Zufrieden kuschelte sie sich in ihr Bett, und als David kurz darauf mit einer frischen Kanne Tee erschien, war sie beinahe wieder eingeschlafen.
Er stellte den Tee auf den Nachttisch und wollte wieder gehen, doch sie hielt ihn zurück.
»Danke dass du dich so um mich kümmerst«, sagte sie leise.
Mit einem Lächeln setzte er sich zu ihr aufs Bett. »Schon gut, ist doch wohl klar, dass ich dich hier nicht alleine lasse. Willst du mir vielleicht erzählen, wie das überhaupt passieren konnte?«
»Ach David, manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich nicht zurückgekommen wäre«, seufzte sie, und berichtete ihm, welche Probleme sie bei der Jobsuche gehabt hatte, und dass der Versuch, sich selbstständig zu machen, bisher auch nicht viel erfolgreicher verlaufen war.
Während sie erzählte, verfinsterte sich sein Gesicht immer mehr, und nachdem sie geendet hatte, schüttelte er verärgert den Kopf.
»Warum hast du mir denn keinen Ton davon gesagt?«, fragte er vorwurfsvoll. »Wolltest du erst warten, bis du eine Lungenentzündung hast?«
»Es ist doch zwischen uns sowieso schon alles schwierig genug, und ich dachte, wenn ich dir davon erzähle, würdest du dich bestimmt verpflichtet fühlen, mir zu helfen. Du hast schon die ganzen letzten Wochen jedes Mal alles bezahlt, wenn wir zusammen unterwegs waren, und ich wollte nicht, dass du denkst, ich würde dich ausnutzen.«
»Megan«, seufzte er, »ich glaube du weißt genauso gut wie ich, dass ich dir nicht aus Pflichtgefühl geholfen hätte.«
Er schwieg einen Moment und machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Mal abgesehen davon, dass du mir das längst hättest sagen sollen, sieht das nicht einfach nur nach Pech aus. Ich fürchte ich weiß, warum du solche Probleme hast.«
Als sie ihn fragend anschaute, fuhr er fort: »Es sieht wohl so aus, als hätten Cynthia und ihr Vater ihre Drohungen doch noch wahr gemacht.«

 

59

Verständnislos starrte Megan David an. »Aber … ich dachte … du hast doch gesagt, ihr seid geschieden?«, stotterte sie.
»Ja, das sind wir auch. An dem Abend damals, als ich dir gesagt habe, dass sie schwanger ist, hatte ich meine Sachen bereits im Auto. Kurz bevor ich zu dir kam, hatte ich ihr mitgeteilt, dass ich mich von ihr trennen werde. Du kannst dir vorstellen, dass sie nicht besonders erfreut darauf reagiert hat, ich möchte dir die Einzelheiten lieber ersparen. Sie hatte mir schon am Mittag gedroht, dass sie und ihr Vater dir und mir das Leben zur Hölle machen würden, und ich schätze, nachdem ich mein Vorhaben in die Tat umgesetzt habe, hat der alte Benson wohl seine Geschäftsbeziehungen spielen lassen, und dein Name steht jetzt quasi überall auf der schwarzen Liste.«
»Du … du hattest dich von ihr getrennt«, wiederholte Megan tonlos. »David, warum hast du mir kein Wort davon gesagt?«
»Das wollte ich ja, aber nachdem ich dummerweise zuerst mit der schlechten Nachricht herausgeplatzt bin, hast du mir ja keine Gelegenheit mehr dazu gegeben.«
Völlig aufgewühlt schloss Megan die Augen, sah sich wieder in ihrer Küche in der kleinen Wohnung stehen, hörte David: «… Cynthia ist schwanger …«.
Dann wechselte das Bild, sie stand im Bad in Ricks Wohnung, schaute David im Spiegel an: «… ich schlafe nicht mehr mit ihr …«
Im gleichen Moment griff er nach ihrer Hand.
»Megan, ich weiß, was du in diesem Moment gedacht haben musst«, sagte er leise, »aber ich habe tatsächlich nicht mehr mit ihr geschlafen, seit ich mit dir zusammen war. Als sie mir an diesem Freitag eröffnet hat, dass sie schwanger ist, war sie bereits in der zwölften Woche. Angeblich hat sie vorher nichts bemerkt, deswegen hat sie es mir erst so spät gesagt.«
Eine Träne löste sich von Megans Auge, rollte langsam über ihre Wange. David wischte sie sanft fort, und sie hielt seine Hand fest, schmiegte ihr Gesicht dagegen.
»Sechs Jahre«, flüsterte sie verstört, »sechs verdammte, lange, unglückliche Jahre.«
»Ich weiß«, murmelte David, »ich weiß.«
Er beugte sich zu ihr herunter, nahm sie in den Arm, drückte sie an sich und hielt sie schweigend fest. Nach einer ganzen Weile löste er sich von ihr, küsste sie behutsam und stand auf.
»Du solltest jetzt schlafen, du musst wieder zu Kräften kommen.«
»David?«
»Ja?«
»Ich … kannst du nicht bei mir bleiben?«, fragte sie zaghaft.
Mit einem Lächeln schaute er auf sie herab.
»Ich gehe noch kurz mit Blacky um die vier Ecken, der arme Kerl war heute den ganzen Tag immer nur kurz im Garten, und ich brauche auch ein bisschen frische Luft. Ruh dich aus, ich komme nachher wieder zu dir.«
Kurz nachdem David gegangen war, glitt Megan trotz der vielen Gedanken, die in ihrem Kopf durcheinander wuselten, in einen leichten Halbschlaf.
Irgendwann hörte sie, dass die Tür leise geöffnet wurde, hörte, dass David hereinkam und sich auszog. Wenig später spürte sie, wie er ins Bett krabbelte, ein Stück zu ihr rutschte und vorsichtig den Arm um sie legte. Mit einem glücklichen Seufzer kuschelte sie sich an ihn, er hielt sie fest umfangen, und zufrieden schlief sie ein.

Als Megan am anderen Morgen erwachte, dauerte es einen Augenblick, bis ihr bewusst wurde, dass es tatsächlich David war, der neben ihr lag und sie im Arm hielt.
»Guten Morgen«, sagte er schläfrig und küsste sie liebevoll. »Wie geht es dir?«
»Besser.«
Sie schmiegte sich an ihn, schob sehnsüchtig ihre Hand unter sein T-Shirt und streichelte über seine Brust, fühlte, wie er sich augenblicklich anspannte.
»Das ist keine gute Idee«, murmelte er rau, »Du bist immer noch krank und solltest dich ausruhen.«
»Ein bisschen Schwitzen soll doch bei Grippe ganz gut sein«, lächelte sie, und ließ ihre Finger etwas tiefer wandern.
»Ich fürchte, es wird nicht nur bei einem ‚bisschen‘ bleiben«, erklärte er mühsam beherrscht, »ich habe sechs Jahre wie ein Mönch gelebt und habe einigen Nachholbedarf.«
Ungeduldig zog sie ihn über sich. »Dann sollten wir schnellstens damit anfangen.«

Als sie nach einer ganzen Weile erschöpft voneinander abließen, schüttelte David grinsend den Kopf.
»Wenn wir so weitermachen, werde ich dich noch umbringen. Ich mache dir jetzt erstmal etwas zu essen, und ich glaube, ich könnte auch eine kleine Pause gebrauchen.«
Er stand auf, zog sich seine Shorts an und verschwand nach unten. Kurz darauf kam er zurück, vorsichtig ein Tablett mit Tee, Kaffee, Toast, Marmelade und Wurst hereinbalancierend.
Aneinander gekuschelt saßen sie im Bett, unterhielten sich und genossen ihr spätes Frühstück, als plötzlich das Telefon klingelte.
Glücklicherweise hatte Megan einen zweiten Apparat auf dem Nachttisch, sodass sie nicht aufstehen brauchten, und stirnrunzelnd nahm sie den Hörer ab.
»Hey Süße, ich bin es«, meldete Julie sich, »ich wollte nur mal fragen, wie es dir geht.«
»Schon wieder ein bisschen besser.«
»Die Kinder können bis morgen früh noch bei mir bleiben, ich bringe sie dann zur Schule.«
»Das ist lieb von dir, danke. Ich hoffe, sie benehmen sich und du hast nicht so viel Stress.«
»Nein, sie sind wirklich brav«, erklärte Julie. »Kümmert David sich gut um dich?«
An ihrer Stimme konnte Megan deutlich erkennen, wie diese Frage gemeint war, und Megan warf einen kurzen Seitenblick auf David.
»Ja, das tut er«, sagte sie verlegen, »wir frühstücken gerade.«
Mit einem amüsierten Grinsen beugte David sich über sie und nahm ihr den Hörer aus der Hand.
»Julie, du musst dir keine Sorgen machen, Megan ist bei mir in den besten Händen«, sagte er schmunzelnd, »sie bekommt alles, was sie braucht.«
»David«, entfuhr es Megan vorwurfsvoll.
»Was denn?«, fragte er gespielt unschuldig, nachdem er sich von Julie verabschiedet und den Hörer aufgelegt hatte, »Spätestens morgen hättest du ihr doch sowieso Bericht erstattet, oder?«
Sie boxte ihn scherzhaft auf den Arm, und er zwickte sie in die Taille. Es begann eine kleine Rangelei, bei der sie beinahe das Tablett umgeworfen hätten. David stellte es auf den Boden und zupfte dann an Megans Schlafanzugoberteil.
»Weißt du eigentlich, dass du selbst in diesem alten Schlafanzug noch wahnsinnig verführerisch aussiehst?«, fragte er leise und öffnete die Knöpfe.
Zärtlich liebkoste er mit seinen Lippen ihre Brüste, und im gleichen Augenblick flog die Schlafzimmertür auf.
»Mom, kann ich …«
Erschrocken hielt Lisa inne, und ihr Blick wanderte von Davids bloßem Oberkörper zu dem geöffneten Pyjamaoberteil ihrer Mutter.
»Entschuldigung, ich hatte ja keine Ahnung …«, murmelte sie verlegen, während Megan rasch die Decke hochzog. »Mom, eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob ich mir deinen neuen Bikini ausleihen kann, Alex und ich wollen ins Schwimmbad.«
Als Megan wortlos nickte, kramte Lisa kurz in der Kommode, schwenkte dann die beiden Teile in der Hand. »Dann seid ihr auch schon wieder ganz ungestört«, lächelte sie fröhlich und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und fügte zufrieden grinsend hinzu: »Übrigens wurde das ja auch langsam Zeit.«
Völlig verblüfft starrte Megan ihr hinterher, dann bemerkte sie Davids amüsiertes Gesicht.
»Hör auf zu lachen, das ist nicht komisch«, sagte sie unglücklich.
Schmunzelnd zog David sie in seine Arme. »Mach dir deswegen keine Gedanken, sie weiß doch sowieso schon alles.«
»Was?«
Er ignorierte ihren entsetzten Blick, verschloss ihr den Mund mit einem Kuss und schob dann seine Hände unter die Decke.
»Liebling, ich glaube, ich muss dich noch ein bisschen gesundpflegen«, flüsterte er verlangend, »wo waren wir stehengeblieben?«

 

60

David bestand darauf, dass Megan noch ein paar Tage im Bett blieb. Für diese Zeit blieb er bei ihr, kümmerte sich um Jamie und Sarah, die hellauf begeistert davon waren, dass sie so viel Zeit miteinander verbringen konnten. Aus Rücksicht auf die beiden Kleinen schlief David jedoch nicht bei Megan, sondern verbrachte die Nächte im Wohnzimmer auf der Couch. Erst wenn Jamie und Sarah auf dem Weg in die Schule waren, ging er nach oben und krabbelte zu Megan ins Bett. Sie liebten sich, frühstückten gemeinsam, und lagen eng umschlungen nebeneinander und unterhielten sich.

»Wie kommt es eigentlich, dass Sarah bei dir ist?«, fragte Megan irgendwann.
Davids Gesicht verfinsterte sich.
»Nachdem ich mich von Cynthia getrennt hatte, habe ich versucht, mich trotzdem noch um sie zu kümmern, zumindest soweit es die Schwangerschaft anbelangt. Allerdings wollte sie davon nichts wissen, sie war der Meinung, ich hätte durch die Trennung mein Recht an dem Kind verwirkt. Als Sarah dann auf der Welt war, hat sie mir nicht erlaubt, sie zu sehen, also habe ich mich zunächst auf finanzielle Unterstützung beschränkt. Ich habe mir einen Anwalt genommen, um mein Besuchsrecht durchzusetzen, und als ich dann zum ersten Mal zu Cynthia gefahren bin, um die Kleine zu sehen, hat mich fast der Schlag getroffen. Das Haus war verdreckt und verkommen, und Sarah saß mit schmutzigen Sachen und voller Windel in ihrem Kinderbett. Es war genau das eingetreten, was ich schon immer geahnt hatte, und weshalb ich niemals ein Kind mit ihr haben wollte. Also habe ich den Anwalt erneut bemüht und das alleinige Sorgerecht beantragt, was mir dann auch glücklicherweise recht schnell zugesprochen wurde.«
Erschüttert griff Megan nach seiner Hand und streichelte sie sanft.
»Es tut mir sehr leid, das zu hören, es war bestimmt nicht einfach für dich.«
»Nein, das war es anfangs wirklich nicht. Aber je älter Sarah wurde, desto leichter wurde es, und ich weiß, dass ich das Richtige getan habe.«
»Sie ist wirklich ein liebes Kind, du hast deine Sache gut gemacht«, bestätigte Megan liebevoll.
»Nun, wenn ich Jamie so sehe, scheinst du als Mutter aber auch ganz gut geeignet zu sein«, neckte er sie, dann wurde er wieder ernst. »Ich habe immer noch nicht die geringste Ahnung, wie wir es ihm beibringen sollen.«
»Ich auch nicht«, sagte Megan bedrückt. »Vielleicht sollten wir einfach warten, bis sich eine passende Gelegenheit ergibt.«
Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar. »Ja, das wird wohl das Beste sein. Und in der Zwischenzeit sehen wir zu, dass du ein paar Aufträge bekommst, bevor ich hier irgendwann wieder den Sanitäter spielen muss. Zwar hatte es für mich ein paar ganz angenehme Nebenwirkungen, aber ich hoffe, die werde ich auch noch zu spüren bekommen, wenn es dir wieder gut geht.«
»Danke dass du dich so um mich gekümmert hast, und danke, dass du das Heizöl bezahlt hast. Du bekommst das Geld zurück, sobald ich wieder flüssig bin«, sagte sie leise.
»Mach dir deswegen keine Gedanken, mir geht es finanziell ziemlich gut, ich brauche das Geld nicht.« Als er ihren fragenden Blick bemerkte, erklärte er: »Der alte Benson hatte zwar auch dafür gesorgt, dass ich nicht sofort einen neuen Job gefunden habe, aber ich hatte Glück. Ein Studienkollege von mir hat sich damals fast zur gleichen Zeit mit einem Bauunternehmen selbstständig gemacht und einen Partner gesucht. Ich bin bei ihm eingestiegen, mit der Finanzierung waren wir uns schnell einig, ich konnte meine Schulden bei Benson begleichen, und Sarah und ich leben ganz gut von dem, was ich dort verdiene. Ich werde mich mal mit meinem Freund unterhalten, vielleicht können wir dich ja als freiberufliche Mitarbeiterin beschäftigen.«
»Apropos – du warst jetzt die ganzen Tage hier bei mir, müsstest du nicht eigentlich auf der Arbeit sein?«
David schmunzelte. »Ich habe mir frei genommen. Wenn ich allerdings gewusst hätte, dass ich mich hier so anstrengen muss, dann wäre ich vielleicht doch lieber ins Büro gegangen.«

Am Ende der Woche ging es Megan wieder so gut, dass David ihr erlaubte, aufzustehen.
»Ich kann dich ja nicht ewig im Bett festbinden, so gerne ich das auch tun würde«, lächelte er, »außerdem müssen Sarah und ich mal wieder nach Hause, sie hat mich schon gefragt, ob wir jetzt für immer hier wohnen.«
Megan biss sich auf die Lippe, am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass sie nichts dagegen hätte, doch ihr war bewusst, dass es dafür noch viel zu früh war, und so verkniff sie sich jeglichen Kommentar.
Fürsorglich hatte David ihr angeboten, Jamie über das Wochenende mit zu sich zu nehmen, sodass sie noch ein wenig Ruhe hatte, und sie hatte dankbar zugestimmt.
»Ich hole Jamie dann am Sonntagabend bei dir ab«, versprach sie zum Abschied an der Haustür, und nachdem David sich vergewissert hatte, dass die beiden Kinder draußen damit beschäftigt waren, ihre Sachen ins Auto zu packen, gab er Megan schnell einen liebevollen Kuss.
»Bis Sonntag – ich glaube, ich werde dich vermissen.«
Bevor sie noch etwas erwidern konnte, ging er lächelnd zum Auto, und wenig später waren die drei verschwunden. Mit einem glücklichen Seufzer schloss Megan die Tür und kuschelte sich dann zusammen mit Blacky auf die Couch.

Am späten Sonntagnachmittag fuhr sie zu der Adresse, die David ihr gegeben hatte. Obwohl Jamie und Sarah jetzt schon so lange miteinander befreundet waren, war sie noch nie hier gewesen. Entweder hatte Sarah Jamie besucht, oder David hatte ihn nach Hause gebracht, irgendwie hatte es sich nie ergeben.
Sie parkte das kleine, alte Auto, welches Julie ihr vor einer Weile besorgt hatte, vor dem gepflegten, weißen Einfamilien-Reihenhaus und stieg zögernd die Stufen zum Eingang hinauf.
Nachdem sie kurz geläutet hatte, dauerte es nicht lange, bis die Tür geöffnet wurde, und in der gleichen Sekunde hatte Megan das Gefühl, eine eisige Hand würde ihr Herz zusammenquetschen.
»Nein«, schrie eine Stimme in ihrem Inneren entsetzt, »nein, nicht noch einmal.«
Vor ihr stand die Frau, mit der sie sich an Jamies Einschulungstag unterhalten hatte, und unter ihrem Strickpullover war deutlich die Wölbung eines Babybauchs zu erkennen.

 

61

»Hallo, Sie müssen Jamies Mutter sein, wir kennen uns doch von der Einschulungsfeier«, lächelte die blonde Frau sie freundlich an und streckte ihr die Hand entgegen, »Alicia Warner.«
»Hallo«, presste Megan tonlos heraus und schüttelte ihr die Hand, »Megan Turner.«
»Alicia Warner«, hallte es in ihrem Kopf, »Alicia Warner …«
»Ach wo habe ich nur meine Manieren, kommen Sie doch herein. Mein Mann wird auch gleich da sein, vielleicht möchten Sie mit uns essen?«
»Nein danke«, krächzte Megan fassungslos, und war froh, dass in diesem Moment Jamie auf sie zugestürzt kam.
»Mom, können wir noch ein bisschen bleiben?«, fragte er vergnügt, doch Megan schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte sie, blass wie die Wand neben ihr, »wir fahren nach Hause, Blacky muss noch raus.«
Enttäuscht trottete Jamie zurück in den Flur und angelte nach seiner Jacke.
»Beeil dich bitte ein bisschen«, drängte Megan ungeduldig; auf keinen Fall wollte sie David begegnen.
Kurz darauf zerrte sie den überraschten Jamie hinter sich her zum Auto, warf noch ein hastiges »Tschüss« über die Schulter, und Sekunden später preschte sie wie von Furien gejagt davon.
»Mom, fahr doch nicht so schnell«, ertönte es irgendwann vorwurfsvoll vom Rücksitz, und abrupt trat sie auf die Bremse, brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen.
»Du hast recht, entschuldige«, sagte sie leise, während ihr die Tränen in die Augen schossen.
»Was ist denn los?«, wollte Jamie wissen.
»Nichts«, flüsterte sie voller Schmerz, während sich die Worte »mein Mann« und der Name »Alicia Warner« wie glühendes Eisen durch ihr Herz fraßen.

Irgendwie gelang es ihr, Jamie und ihren Wagen heil nach Hause zu bringen, und nachdem sie Jamie Abendbrot gemacht und ihn anschließend ins Bett verfrachtet hatte, warf sie sich im Schlafzimmer auf ihr Bett und weinte.
Sie vergrub ihr Gesicht in den Kissen, die immer noch leicht nach David rochen, und kämpfte mit der Erkenntnis, dass sie ein zweites Mal auf ihn hereingefallen war.
Wie damals hatte er es perfekt verstanden, ihr Gefühle vorzuheucheln, nur um sie ins Bett zu bekommen. Und genau wie damals war sie nur zu gern bereit gewesen, ihm zu glauben, hatte sich so sehr nach ihm gesehnt, dass sie ihren gesunden Menschenverstand über Bord geworfen und mit wehenden Fahnen in seine Arme gesunken war.
»Ich hätte es besser wissen müssen«, dachte sie unglücklich, »schon an der Schulfeier war es doch offensichtlich, dass er nur an einem interessiert war.«
Sie fragte sich, wie er wohl seiner Frau erklärt haben mochte, warum er mitsamt seiner Tochter eine ganze Woche nicht nach Hause gekommen war; er würde ihr wohl kaum erzählt haben, dass er die Zeit mit einer anderen Frau im Bett verbracht hatte.
Dann erinnerte sie sich daran, dass er abends immer länger verschwunden war, angeblich um mit Blacky spazieren zu gehen. Im gleichen Moment wurde ihr bewusst, dass er diese Zeit vermutlich genutzt hatte, um kurz nach Hause zu fahren.
Bei dem Gedanken, dass er seine schwangere Frau scheinbar genauso belogen hatte wie sie, stieg ein unbändiger Zorn in ihr auf.
Wütend sprang sie auf, wischte sich die Tränen ab und riss energisch die Bettwäsche herunter. Nichts, aber auch rein gar nichts wollte sie mehr mit David zu schaffen haben, selbst seinen Geruch in ihrem Bettzeug wollte sie nicht mehr ertragen. Sie stürzte ins Bad, stopfte Laken und Bezüge in die Waschmaschine und schaltete sie ein. Nachdem sie frische Bettwäsche aufgezogen und ihren ganzen Ärger an den Kissen ausgelassen hatte, ließ sie sich erschöpft ins Bett fallen. Die überstandene Grippe saß ihr noch in den Knochen, sodass ihr trotz des Schocks über ihre Entdeckung kurz darauf die Augen zufielen.
Während sie in den Schlaf hinüber glitt, sah sie Davids lächelndes Gesicht vor sich, und ihr letzter Gedanke war, dass sie ihn nie wieder in ihr Leben lassen würde.

Am anderen Mittag brachte Jamie wie so oft Sarah mit nach Hause, und obwohl Megan das gar nicht behagte, da ihr klar war, dass David sie vermutlich abholen würde, begrüßte sie die Kleine so liebevoll wie immer.
»Du kannst schließlich nichts dafür, dass dein Vater so ein Mistkerl ist«, dachte sie zynisch, während sie Sarah kurz an sich drückte.
Wie erwartet erschien David gegen Abend, als Megan gerade in der Küche stand und das Abendessen zubereitete.
Bevor sie es verhindern konnte, hatte Jamie ihm geöffnet und war wieder nach oben gerannt, sodass David Sekunden später in der Küche stand.
»Hallo mein Liebling«, begrüßte er sie freudig, trat hinter sie und legte die Arme um sie. »Ich habe dich vermisst. Wie geht es dir?«
Megan zuckte zusammen, am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt, doch sie wollte keinen Krach anfangen, solange die Kinder im Haus waren, also beschränkte sie sich darauf, ein Stück zurückzuweichen.
»Danke gut«, sagte sie schroff, und wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab, »ich gehe Sarah holen.«
»Warte«, bat er und hielt sie am Arm fest, »lass uns wenigstens ein paar Minuten für einen Kuss. Außerdem habe ich eine gute Nachricht für dich, ich habe heute mit meinem Partner gesprochen, er hat nichts dagegen, wenn du freiberuflich für uns arbeiten würdest.«
»Nein danke, ich brauche keine Almosen«, fuhr sie ihn an, »und jetzt lass mich los, damit ich deine Tochter holen kann.«
Entgeistert starrte er sie an. »Was ist denn passiert? Ich dachte, du brauchst dringend Geld?«
»Nicht von dir«, zischte sie, »Und du brauchst keine Angst zu haben, das Heizöl zahle ich dir so schnell wie möglich zurück.«
»Megan …« Hilflos hob er die Hände. »Kannst du mir mal erklären, was los ist?«
»Denk mal ein bisschen nach, dann kommst du vielleicht drauf.« Ihre Augen schossen Blitze in seine Richtung. »Und noch etwas: Ich werde Jamie nicht verbieten, weiterhin Kontakt zu dir und Sarah zu haben, die Kinder müssen schließlich nicht auch noch unter deinem Egoismus und deinem miesen Charakter leiden. Aber ich möchte dich bitten, in Zukunft draußen zu warten, ich wünsche nicht, dass du noch einen Fuß in mein Haus setzt.«
Bevor er wusste, wie ihm geschah, war sie auch schon aus der Küche gestürmt und lief die Treppe hinauf, kam kurz danach mit Sarah und Jamie wieder nach unten.
»Können Sarah und David nicht noch mit uns essen?«, fragte Jamie bittend, doch Megan half Sarah schon, ihre Jacke anzuziehen und schüttelte vehement den Kopf.
»Heute nicht«, sagte sie bestimmt.
Sie zog Sarah die Mütze über und öffnete dann die Tür, machte eine auffordernde Handbewegung in Davids Richtung, der stumm und entgeistert im Flur stand.
»Auf Wiedersehen«, betonte sie kühl.
Achselzuckend verabschiedete David sich von Jamie und folgte dann Sarah nach draußen. Auf halbem Weg zum Auto drehte er sich noch einmal um, doch da hatte Megan schon die Tür zugeworfen.

 

62

»Das glaube ich einfach nicht«, sagte Julie kopfschüttelnd, als sie am nächsten Nachmittag zusammen in Megans Wohnzimmer saßen, und Megan der Freundin ihr Herz ausgeschüttet hatte.
»Was gibt es da denn nicht zu glauben?«, fragte Megan, deren Ärger immer noch nicht verraucht war. »Julie, sie hat sich selbst als ‚Alicia Warner‘ vorgestellt, und von ‚ihrem Mann‘ gesprochen. Außerdem war sie bei der Einschulungsfeier, und mit wem sonst außer Sarah soll sie denn da gewesen sein?«
Hilflos zuckte Julie mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber wenn das wirklich stimmt, dann habe ich mich sehr in ihm getäuscht.«
»Nicht nur du. Ich hätte auch nicht geglaubt, dass ein Mensch so dreist sein kann, zweimal die gleiche Show abzuziehen. Kannst du dir vorstellen, wie geschockt ich war, als ich diese Frau gesehen habe, und dann auch noch mit einem Kind im Bauch? Es war ein Déjà-vu ohnegleichen.«
»Ich glaube das nicht. Vielleicht gibt es eine ganz harmlose Erklärung dafür?«
»Ich habe die Nase voll von seinen Erklärungen, ich lasse mir nicht noch mal so eine rührselige Geschichte auftischen. Das hat er letzte Woche erst getan, und ich dusselige Kuh bin natürlich prompt darauf hereingefallen. Oh nein, damit ist es ein für alle Mal vorbei, soll er sich eine Andere für seine Spielchen suchen.«
»Und was ist mit Jamie?«, fragte Julie leise.
»Was soll mit ihm sein? Es bleibt alles, wie es ist, ich werde mich hüten, ihm zu sagen, dass dieser Lügner sein Vater ist. Von mir aus kann er David weiterhin sehen, das werde ich ihm nicht verwehren, aber er wird nicht die Wahrheit erfahren.«
»Das wird doch niemals gutgehen«, murmelte Julie kopfschüttelnd, »spätestens, wenn er noch ein bisschen älter ist, wird er anfangen, unbequeme Fragen zu stellen.«
»Irgendwie werde ich das schon regeln«, erklärte Megan zuversichtlich, »außerdem weiß ich sowieso nicht, ob ich bis dahin noch hier bin. Da ich dank David und seiner Exfrau hier ja scheinbar keine berufliche Zukunft haben werde, sollte ich mir vielleicht überlegen, wieder wegzuziehen.«

Ein paar Abende später kam Lisa zu ihrer Mutter ins Wohnzimmer. Sie war in letzter Zeit nur noch selten zu Hause, hielt sich die meiste Zeit bei ihrem Freund Alex auf, den Megan inzwischen kennengelernt und für in Ordnung befunden hatte. Dennoch war ihr aufgefallen, dass ihre Mutter in den letzten Tagen sehr bedrückt war, und besorgt setzte sie sich zu ihr auf die Couch.
»Mom, geht es dir gut?«, fragte sie leise.
»Ja sicher«, lächelte Megan, »ich hatte nur den üblichen Stress bei der Suche nach Aufträgen, doch heute hatte ich endlich mal Glück. Die Stadt hatte ein größeres Projekt ausgeschrieben, und nachdem ich dort mit meinen Entwürfen einfach mal persönlich vorbei gegangen bin, habe ich den Zuschlag erhalten. Ich habe schon eine kleine Vorauszahlung erhalten, und nach Abzug des Betrags, den ich David noch schulde, bleibt genug für Weihnachtsgeschenke übrig.«
»Apropos David«, sagte Lisa nachdenklich, »ich habe ihn seit Tagen nicht mehr hier gesehen. Was ist jetzt eigentlich mit euch?«
Megan schluckte. »Was soll denn sein?«
»Mom«, seufzte Lisa, »behandle mich nicht immer wie ein kleines Kind. Immerhin habe ich euch zusammen im Bett erwischt, und es sah nicht so aus, als hättet ihr euch über das Wetter unterhalten.«
»Lisa … ich … das solltest du so schnell wie möglich wieder vergessen, es war ein Ausrutscher«, stammelte Megan hilflos.
»Ein Ausrutscher?« Lisa zog die Augenbrauen hoch. »So wie damals, als dann Jamie auf die Welt kam?«
»Woher weißt du das eigentlich?«
»David hat es mir gesagt. Und bevor du sauer wirst, nein, er hat es mir nicht einfach so erzählt, sondern ich habe ihn gefragt, und er war wenigstens so ehrlich, es zuzugeben.«
»Ehrlich – wenn du wüsstest«, schoss es Megan zynisch durch den Kopf.
»Ja, David ist Jamies Vater, wir waren damals eine Zeit lang ein Liebespaar. Aber es hat nicht funktioniert, genauso wenig wie es jetzt funktioniert. Dass wir zusammen … also das da im Schlafzimmer – es ist einfach so passiert und hat nichts zu bedeuten. Es wird auch nicht wieder vorkommen, und ich möchte dich bitten, das Thema David nicht mehr anzusprechen«, erklärte Megan ruhig, aber bestimmt.
»Wenn du meinst«, sagte Lisa, doch ihrem Gesicht war deutlich anzusehen, dass sie mit den Erklärungen ihrer Mutter keineswegs einverstanden war. »Ich werde dich nicht mehr danach fragen, und ich werde auch nichts zu Jamie sagen, aber eines noch: Ich habe keine Ahnung, warum du so sauer auf David bist, aber ich weiß, dass er dich liebt, und ich bin mir sicher, dass du einen großen Fehler machst.«

Langsam ging es auf Weihnachten zu. Megan hatte das Haus geschmückt, backte zusammen mit Jamie und Sarah Plätzchen, doch es wollte in ihr keinerlei festliche Stimmung aufkommen.
Die Enttäuschung über Davids Verhalten steckte wie ein Stachel tief in ihrem Herzen, und obwohl Julie ihr mehrfach gut zuredete, noch einmal mit David zu sprechen, hatte sie sich lediglich darauf beschränkt, Sarah einen Umschlag mit dem Geld für das Heizöl mitzugeben. Sie war sich sicher, dass er ganz genau wusste, warum sie ihn nicht mehr sehen wollte. Die Tatsache, dass er keinerlei Versuch unternahm, noch einmal mit ihr zu reden, sondern stets im Auto auf Sarah wartete, war Beweis genug.
Lisa, die in den letzten Tagen zusammen mit Alex wieder öfter zu Hause gewesen war, hatte noch ein paar Mal vorsichtig versucht, das Gespräch auf David zu lenken, doch Megan hatte jedes Mal sofort abgeblockt. Ihr bedrücktes Gesicht sprach jedoch Bände, und schließlich hielt Lisa es nicht mehr aus, und beschloss eines Nachmittags spontan, bei Julie vorbeizugehen.
»Ich mache mir Sorgen um Mom, es geht ihr nicht gut, und ich weiß, dass es mit David zu tun hat. Hat sie dir irgendetwas erzählt?«, fragte Lisa ohne Umschweife, nachdem Julie sie ins Wohnzimmer gebeten hatte.
»Süße, wir sollten uns da nicht einmischen«, wehrte Julie ab, »die beiden sind alt genug, um zu wissen was sie tun, das geht uns nichts an.«
»Den Eindruck habe ich nicht, Mom ist stur wie ein kleines Kind«, sagte Lisa trocken. »Zwar behauptet sie, es ginge ihr gut, aber ich sehe, dass sie leidet. Es ist Weihnachten, und bei uns herrscht eine Stimmung wie auf dem Friedhof. Kannst du mir nicht wenigstens sagen, was passiert ist?«
Nach kurzem Zögern erzählte Julie ihr in Kurzform, was passiert war, und Lisa schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht«, erklärte sie resolut, »David hat mir gesagt, dass er Mom immer noch liebt, und auch wenn ich ihn kaum kenne, hatte ich nicht das Gefühl, dass das nur so dahin gesagt war. Warum müsst ihr Erwachsenen eigentlich alles so kompliziert machen? Es lässt sich doch ganz leicht feststellen, wer diese Frau ist.«
»Lisa, bitte halte dich da raus«, wiederholte Julie, doch Lisa schüttelte energisch den Kopf.
»Nein, ich werde jetzt zu David fahren und nachschauen, was da los ist.«

 

63

Wie so oft hatte David Sarah bei Jamie abgeholt, und als er jetzt seinen Wagen vor dem Einfamilienhaus abstellte, sah er zu seiner Überraschung Lisa vor der Tür stehen.
»Lisa, was machst du denn hier?«
»Ich wollte dich sprechen, aber es war niemand zu Hause. Ich dachte mir schon, dass du Sarah abholen würdest, und habe auf dich gewartet.«
»Du bist ja halb erfroren«, stellte er fest, »komm rein.«
Er schloss die Tür auf, schickte Sarah in ihr Zimmer und bat Lisa dann in die Küche, wo er ihr einen Tee kochte.
Dann setzten sie sich zusammen an den Küchentisch, und David schaute Lisa fragend an.
»Also dann, schieß los.«
»Ich wollte mit dir über Mom reden«, begann sie zögernd.
Im gleichen Augenblick klimperten draußen im Flur Schlüssel, und kurz darauf betrat die schwangere Frau die Küche, von der Lisa durch Julie erfahren hatte.
»Oh, du hast Besuch«, lächelte sie, und streckte Lisa die Hand hin. »Hi, ich bin Alicia.«
Lisa musterte sie eingehend.
»Und darüber wollte ich auch mit dir reden«, sagte sie dann zu David.
David runzelte die Stirn, und Alicia schmunzelte.
»Ich sehe schon, ich glaube ich lasse euch besser alleine.«
Sie verschwand, und Lisa schaute David durchdringend an.
»Du hast mir gesagt, dass du Mom liebst – wer ist dann diese Frau?«
David runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht, was hat das miteinander zu tun?«
»Als Mom letztens Jamie hier abgeholt hat, hat diese Frau ihr die Tür geöffnet und sich als Alicia Warner vorgestellt«, erklärte Lisa, »Bist du mit ihr verheiratet?«
Einen Moment lang starrte David Lisa entgeistert an, dann fing er an zu lachen.
»Oh mein Gott, deswegen ist sie so sauer gewesen«, stellte er amüsiert fest, »nein, ich kann dich beruhigen. Ich bin nicht mit ihr verheiratet, und das Kind, das sie erwartet, ist auch nicht von mir – Alicia ist meine Schwester.«
Als er Lisas kritischen Blick bemerkte, fuhr er fort: »Ich bin mit Sarah alleine, seit sie ein Baby war, und es war anfangs nicht leicht für mich. Meine Schwester hat mir angeboten, sich um Sarah zu kümmern, während ich arbeite, und der Einfachheit halber sind wir zu ihr gezogen. Ihr Mann arbeitet im Ausland und ist nur ab und zu für ein Wochenende hier, es war für uns beide eine ganz praktische Lösung.«
»Warum hast du das Mom nicht gesagt?«, fragte Lisa kopfschüttelnd.
»Irgendwie hat sich das nie ergeben, und es war ja auch nicht so wichtig. Und dass sie deswegen so wütend war, konnte ich ja nicht ahnen.« Er seufzte. »Nach all den Jahren kann sie mir immer noch nicht vertrauen, und anstatt mich danach zu fragen, setzt sie mich mehr oder weniger vor die Tür.«
»Und was machen wir jetzt?«
Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich brauche gar nicht versuchen, mit ihr zu reden, sie würde mir sowieso nicht zuhören und mich umgehend wieder rauswerfen. Ich werde wohl noch eine Weile warten müssen, bis sie sich wieder beruhigt hat und sich eine Gelegenheit ergibt.«
»Aber in ein paar Tagen ist Weihnachten, und ich habe keine Lust, Mom mit so einer Leichenbittermiene herumlaufen zu sehen. Außerdem ist da ja auch noch Jamie …« Sie stockte, und dann zog ein Lächeln über ihr Gesicht. »Dann müssen wir eben für eine passende Gelegenheit sorgen, und ich habe da auch schon eine Idee.«

Am Abend vor Weihnachten schlenderte Lisa zu ihrer Mutter ins Büro. Megan saß an ihrem Schreibtisch und war mit den Entwürfen für das städtische Projekt beschäftigt.
»Mom? Hast du einen Moment Zeit?«
Megan schaute von ihrer Arbeit auf und nickte.
»Natürlich. Was hast du denn auf dem Herzen?«
»Ich habe eben zufällig gehört, wie Sarah Jamie erzählt hat, dass sie morgen mit ihrem Vater ganz alleine ist«, begann Lisa zögernd. »Ich weiß, dass du von dem Thema nichts mehr hören willst, aber ich wollte dich fragen, ob wir die beiden nicht zu uns einladen können.«
Megan presste die Lippen zusammen und schwieg.
»Mom, bitte denk wenigstens drüber nach. Es ist Weihnachten, und die beiden tun mir leid; es ist bestimmt nicht schön, alleine unter dem Baum zu sitzen, während überall die Familien zusammen feiern«, bat sie. Dann fügte sie noch leise hinzu: »Außerdem wäre es auch für Jamie schön, seine Schwester und seinen Vater bei sich zu haben.«
Lisa hatte genau den Nerv getroffen; Megans Augen füllten sich mit Tränen, und sie schluckte. Bei dem Gedanken, dass David und Sarah den Weihnachtsabend alleine verbringen würden, wurde ihr das Herz schwer, und als sie daran dachte, wie sehr Jamie sich freuen würde, wenn die beiden hier wären, nickte sie schließlich.
»Also gut«, stimmte sie zu, »dann sprich mit David und frag ihn, ob sie hierher kommen möchten.«
»Danke Mom, ich wusste, dass du es nicht übers Herz bringen würdest, die beiden alleine da sitzen zu lassen«, lächelte Lisa und umarmte ihre Mutter. »Es wird bestimmt ein schöner Weihnachtsabend.«

Nachdem Lisa wieder gegangen war, lehnte Megan sich auf ihrem Stuhl zurück und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Trotz der Dunkelheit waren draußen deutlich kleine Schneeflocken zu erkennen, die langsam zu Boden rieselten. Es sah alles nach einer weißen Weihnacht aus, und obwohl sie nach wie vor eine schmerzliche Enttäuschung verspürte, musste sie sich doch eingestehen, dass sie sich ein bisschen darauf freute, David und Sarah an Heiligabend hier zu haben.
Sie fragte sich, was wohl mit seiner Frau sein mochte, und warum sie den Weihnachtsabend nicht zusammen verbrachten. Doch sofort wischte sie diese Gedanken und ihre aufkeimende Freude beiseite. Was auch immer die Gründe dafür sein mochten, es war eine Sache zwischen den beiden und ging sie nichts an. Sie würde Sarah, Jamie und Lisa ein schönes Weihnachtsfest bereiten, würde höflich zu David sein, aber mehr nicht. David war gebunden, er hatte seine eigene Familie, würde bald noch ein Kind haben, und es war an der Zeit, dass sie sich endgültig damit abfand, dass es für sie keinerlei gemeinsame Zukunft geben würde. Auch wenn sie diese Vorstellung furchtbar schmerzte, sie hatte es vor sechs Jahren schon einmal geschafft, und sie würde es auch dieses Mal wieder schaffen.

 

64

Am Weihnachtstag herrschte den ganzen Morgen schon eine aufgeregte Stimmung. Während Megan noch eine letzte Ladung Plätzchen in den Ofen schob und das Essen für den Abend vorbereitete, sprang Jamie die ganze Zeit unruhig um sie herum, fragte, wann sie endlich den Baum holen würde, und wollte wissen, wann Sarah und David kämen.
»Ich möchte doch so gerne mit Sarah den Baum schmücken«, erklärte er jetzt bereits zum mindestens fünften Mal, und Megan seufzte.
»Also gut, sobald die Plätzchen fertig sind, mache ich mich auf den Weg. Damit du in der Zwischenzeit beschäftigt bist, könntest du dich nützlich machen, und mit Lisa auf dem Dachboden die Kisten mit dem Baumschmuck suchen.«
Begeistert stob er davon, gefolgt von Blacky, und Megan seufzte.
»Wenn das so weiter geht, bin ich schon fertig mit den Nerven, bevor wir überhaupt mit der Bescherung beginnen«, murmelte sie vor sich hin, doch nicht ohne ein kleines Lächeln.
Kurz darauf nahm sie die Plätzchen aus dem Ofen, zog sich dann eine dicke Jacke an, und kämpfte sich wenig später mit ihrem kleinen Auto durch die verschneiten Straßen, um den Baum zu holen.
Als sie wieder zurückkam, schleppte sie die Tanne mühsam durch den Garten und stellte sie am Haus ab.
Unterdessen hatten Jamie und Lisa die Kisten mit dem Schmuck vom Dachboden geholt, und voller Vorfreude kramte der Kleine darin herum.
»Jamie, bitte warte damit, bis wir den Baum aufgestellt haben«, mahnte Megan ihn, und er zog eine Schnute.
Irgendwie schaffte sie es, ihn noch bis nach dem Mittag zu beschäftigen, und gegen fünfzehn Uhr trafen David und Sarah ein.
»Endlich«, jubelte Jamie begeistert und fiel ihnen nacheinander um den Hals, »können wir dann jetzt gleich den Baum schmücken?«
»Ja, du kleiner Quälgeist, damit du Ruhe gibst«, lächelte Megan.
Dann begrüßte sie Sarah liebevoll und warf David einen unsicheren Blick zu.
»Hallo David.«
»Hallo Megan, vielen Dank für die Einladung.«
»Schon gut«, wehrte sie ab, »ich dachte, es wäre schön für die Kinder.«
Einen Moment schauten sie sich schweigend an, doch da zupfte Jamie schon wieder ungeduldig an ihrem Ärmel.
»Mom, der Baum.«
David schmunzelte. »Ich glaube, ich werde mich mal darum kümmern, bevor die beiden hier vor Aufregung noch platzen.«
Zusammen mit Jamie und Sarah trug er den Baum ins Wohnzimmer, stellte ihn auf, und half den beiden dann, die Lichter und den Schmuck anzubringen.
Megan werkelte unterdessen in der Küche herum, und nach einer Weile kam Lisa nach unten. Sie warf einen kurzen Blick ins Wohnzimmer und ging dann hinüber zu ihrer Mutter.
»Und Mom, so ist es doch richtig schön, oder?«, fragte sie leise, und legte die Arme um ihre Mutter.
»Ja«, nickte Megan und drückte sie an sich, »es ist schön.«

Nachdem der Baum fertig war, saßen sie noch eine Weile mit Kaffee, Kakao und Plätzchen im Wohnzimmer, und schließlich wurden die Kinder so unruhig, dass sich die Bescherung beim besten Willen nicht mehr weiter aufschieben ließ.
»Ihr geht mit Lisa nach oben, wir rufen euch dann, wenn es so weit ist«, ordnete Megan an, und in Erwartung ihrer Geschenke folgten die beiden Lisa ohne Widerspruch nach oben.
Zusammen legten Megan und David die Päckchen unter den Baum, David fröhlich und ungezwungen, Megan angespannt und nervös.
Schließlich riefen sie die Kinder nach unten, konnten sie mit Müh und Not davon überzeugen, zumindest ein kurzes Lied zu singen, bevor sie sich auf die Geschenke stürzten.
Während Lisa und die beiden Kleinen mit dem Auspacken beschäftigt waren, drückte Megan David ein kleines Päckchen in die Hand.
»Es ist nur eine Kleinigkeit«, sagte sie zurückhaltend.
Er packte es aus und eine lederne Geldbörse kam zum Vorschein. »Sarah hat mir vor einer ganzen Weile mal erzählt, dass dir ständig das Kleingeld aus dem Portemonnaie fällt, weil es kaputt ist.«
»Die ist sehr schön, vielen Dank«, lächelte er, und griff in seine Hemdtasche. »Ich habe auch etwas für dich.«
Zögernd nahm Megan die kleine, in goldene Folie eingewickelte Schachtel entgegen, sie ahnte bereits, dass sich darin Schmuck befand, und das behagte ihr gar nicht.
Sekunden später hielt sie eine filigrane, silberne Kette in der Hand, an der ein winziges, mit einem Diamanten besetztes Herz baumelte.
Entgeistert starrte Megan auf die Kette, fragte sich, was ihm einfiel, ihr ein solches Geschenk zu machen.
»Gefällt sie dir nicht?«, fragte er leise.
»Doch, sie ist wunderschön«, gab sie zu, »aber ich kann das nicht annehmen.«
»Megan, sie war halb so teuer, wie sie aussieht, du brauchst also kein schlechtes Gewissen zu haben.«
»Sag mal, bist du so schwer von Begriff oder tust du nur so?«, zischte sie leise, »Du weißt ganz genau, warum ich das nicht haben will. Vielleicht hättest du sie lieber deiner Frau schenken sollen.«
Obwohl die beiden ein Stück weit von den Kindern entfernt auf der Couch saßen, hatte Sarah scheinbar doch etwas mitbekommen. Sie stand vom Boden auf und setzte sich neben Megan.
»Gefällt dir die Kette nicht?«, fragte sie treuherzig.
»Doch meine Süße, sie gefällt mir wirklich sehr, aber dein Dad darf mir nicht so teure Geschenke machen.«
»Schade«, murmelte Sarah enttäuscht, »dabei haben wir uns solche Mühe gegeben. Mein Dad hat extra Tante Alicia und mich mitgenommen, damit wir ihm beim Aussuchen helfen.«
»Das ist wirklich lieb von euch«, wollte Megan sie trösten, ohne zunächst zu begreifen, was Sarah da eben gesagt hatte.
Vorsichtig legte sie die Kette wieder in die Schachtel, und plötzlich hielt sie inne und starrte Sarah an.
»Was? Was hast du da eben gesagt?«
»Wir haben uns solche Mühe gegeben …« wiederholte die Kleine verständnislos.
»Hast du ‚Tante Alicia‘ gesagt?«
Sarah nickte, und stirnrunzelnd schaute Megan zu David, der sich bemühte, ein unschuldiges Gesicht zu machen, sich aber ein kleines, amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte.
Hilflos drehte Megan die Schachtel in den Händen hin und her, wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.
»Sarah, geh doch noch ein bisschen mit Jamie spielen«, bat David seine Tochter nach ein paar Minuten, und als sie außer Hörweite war, sagte er leise zu Megan: »Ich glaube wir sollten in der Küche mal nach dem Essen schauen.«

 

65

Verstört folgte Megan David in die Küche. Er schloss die Tür hinter ihnen und schaute sie dann auffordernd an.
»Gibt es vielleicht etwas, was du mich fragen möchtest?«
»Ich … du … was …«, stotterte sie völlig verwirrt herum, nicht in der Lage, einen vernünftigen Satz herauszubringen.
»Megan.« David legte ihr eine Hand unters Kinn, hob ihr Gesicht an und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Hast du mich wirklich für so ein Schwein gehalten? Hast du wirklich gedacht, ich würde dich so belügen?«
Ihr stiegen die Tränen in die Augen.
»Ich wollte das nicht«, murmelte sie gequält, »aber da stand diese Frau, mit deinem Nachnamen, und war auch noch schwanger. Was hätte ich denn denken sollen, nach allem, was damals passiert ist?«
»Du hättest mir vertrauen können. Du hättest mich fragen können. Du hättest mit mir reden können, und ich hätte dir erklären können, dass Alicia meine Schwester ist. Aber du kleiner Sturkopf hast es ja lieber wieder vorgezogen, die beleidigte Leberwurst zu spielen«, sagte er ernst, doch ein kleines Lächeln lag um seine Mundwinkel. »Soll das jetzt unser restliches Leben so weiter gehen?«
»Es tut mir so leid«, flüsterte sie unter Tränen, »es tut mir so unendlich leid.«
»Das sollte es auch«, sagte er leise, und wischte ihr liebevoll die Tränen ab, »und versprich mir bitte, dass so etwas nicht wieder passiert.«
Megan nickte, und er lächelte. »Gut, und jetzt zieh diese Kette an, bevor ich es mir anders überlege und sie zum Juwelier zurück bringe.«
David nahm ihr die Schachtel aus der Hand, holte das Kettchen heraus und legte es ihr um. Zufrieden strich er mit den Fingern über den Anhänger und küsste sie dann zärtlich.
»Ich denke, du weißt was ich dir damit sagen will.«
Megan schüttelte mit unschuldigen Augen den Kopf. »Nein, ich habe nicht die geringste Ahnung.«
Mit einem Klaps auf den Po schob er sie zur Tür. »Das vertiefen wir später, wir sollten jetzt erstmal wieder nach drüben gehen, bevor unsere Rasselbande dir das Haus auf den Kopf stellt.«

Sie verbrachten noch einen harmonischen Abend, aßen zusammen, und spielten dann alle gemeinsam eines der neuen Spiele, welches die Kinder zu Weihnachten bekommen hatten. Irgendwann fing Jamie an, sich müde die Augen zu reiben, und David nahm ihn liebevoll in den Arm.
»Ich glaube, es wird Zeit fürs Bett.«
Jamie schlang ihm die Arme um den Hals.
»Können du und Sarah nicht hier bleiben? Dann können wir gleich morgen früh weiterspielen«, fragte er schläfrig.
David warf Megan einen fragenden Blick zu. »Wenn deine Mom es so lange noch mit uns aushält?«
»Naja, das wird wohl gerade noch so gehen«, schmunzelte sie.
Lisa, der nicht entgangen war, dass Megan und David sich den ganzen Abend zärtliche Blicke zugeworfen hatten, stand auf.
»Ich bringe die beiden ins Bett, dann habt ihr noch ein bisschen Zeit für euch.«
Nachdem Jamie und Sarah ihren Eltern »Gute Nacht« gesagt hatten, schob sie die beiden zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um.
»Übrigens – ich werde dieses Mal nicht nach einem Bikini suchen«, erklärte sie und verschwand dann grinsend nach draußen.
Kopfschüttelnd schaute Megan ihr hinterher, und David zog sie in seine Arme.
»Deine Tochter ist ganz schön erwachsen geworden«, sagte er amüsiert, »und ich muss sagen, ich bin ziemlich froh darüber.«
Mit einem Glas Wein setzten sie sich vor den Kamin, kuschelten sich aneinander, und David erzählte Megan, dass Lisa bei ihm gewesen war, und dass sie die Idee mit dem gemeinsamen Weihnachtsabend gehabt hatte.
»Das glaube ich doch wohl nicht«, entfuhr es Megan entgeistert, »so ein kleines, gerissenes Biest.«
»Offenbar ist sie etwas vernünftiger als ihre Mutter«, zog David sie auf, »und du solltest ihr eigentlich dankbar sein.«
»Du wärst also von alleine nicht zu mir gekommen?«, fragte Megan gespielt vorwurfsvoll.
David grinste. »Doch. Ich wollte nur eine Weile warten, bis du dich wieder beruhigt hast. Immerhin hatte ich ja die Kette schon gekauft, also wäre mir ja wohl nichts anderes übrig geblieben.«
Sie alberten noch eine Weile herum, schmusten dann ein wenig, und schließlich flüsterte David ihr sehnsüchtig ins Ohr: »Ich glaube, unsere Kinder schlafen fest. Lass uns nach oben gehen, ich glaube, ich habe da noch ein weiteres Geschenk auszupacken.«

Nach einer überaus anstrengenden und sehr leidenschaftlichen Nacht erwachte Megan am nächsten Morgen in Davids Armen und stellte erschrocken fest, dass es bereits zehn Uhr durch war.
Verwundert darüber, dass die Kleinen noch so ruhig waren, versuchte sie vorsichtig, sich von David loszumachen, um aufzustehen, doch er hielt sie fest.
»Bleib noch ein bisschen bei mir«, murmelte er schlaftrunken, »lass uns noch ein wenig kuscheln.«
»Hast du denn immer noch nicht genug?«, fragte sie gespielt vorwurfsvoll, als er sie an sich zog und mit seinen Lippen an ihrem Hals entlang fuhr.
»Ich glaube, ich werde von dir nie genug bekommen«, flüsterte er zärtlich.
»Trotzdem sollte ich vielleicht mal nach den Kindern schauen«, gab sie widerstrebend zu bedenken, obwohl seine Liebkosung bereits wieder ein wildes Kribbeln in ihrem Bauch verursachte.
Sie hatte noch nicht richtig ausgesprochen, als die Tür aufgerissen wurde und Jamie hereinstürmte, gefolgt von Sarah.
Erschrocken fuhren sie auseinander, und Megan zerrte panisch die Bettdecke über sich und David.
»Ha, ihr habt euch geküsst«, stellte Jamie triumphierend fest, »dieses Mal habe ich es genau gesehen.«
»Warum seid ihr nackt?«, wollte Sarah wissen.
Megan warf David einen hilflosen Blick zu, und er lächelte.
»Ja, wir haben uns geküsst. Und wir sind nackt, weil uns warm war«, erklärte er ruhig, und Megan betete, dass die Sache damit erledigt wäre.
»Habt ihr die ganze Nacht in einem Bett geschlafen?«
Neugierig schaute Jamie seine Mutter an.
»Ja, irgendwo musste David ja schließlich schlafen«, gab sie nach kurzem Zögern zu.
»Aber das geht doch gar nicht«, sagte Jamie nachdenklich, »du hast mir doch selbst erklärt, dass du nur mit meinem Dad in einem Bett schlafen darfst.«
Unglücklich starrte Megan ihn an, wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
Plötzlich zog ein Lächeln über Jamies Gesicht, er krabbelte aufs Bett und legte David die Arme um den Hals. »Aber wir könnten es doch einfach so machen, dass du ab jetzt mein Dad bist.«

 

66

Völlig überfordert von der Situation saßen Megan und David im Bett und schauten sich an. Nach einer Weile räusperte David sich.
»Ich würde vorschlagen, ihr geht schon mal nach unten, wir kommen gleich nach, und dann unterhalten wir uns noch einmal darüber, in Ordnung?«
Als Jamie nickte, drückte er ihn noch einmal kurz und gab ihm einen Klaps auf den Po.
»Also dann, Abmarsch ihr zwei.«
Nachdem sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, warf Megan David einen fassungslosen Blick zu. »Was machen wir denn jetzt?«
David zuckte mit den Schultern. »Sieht wohl so aus, als wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, ihm die Wahrheit zu sagen.«
Als er ihr unglückliches Gesicht bemerkte, nahm er sie in den Arm.
»Jetzt schau nicht so trübsinnig drein, wir kriegen das schon irgendwie hin. Wir werden es ihm vorsichtig erklären, er ist alt genug und versteht es vielleicht besser, als wir denken. Auf jeden Fall ist es dann endlich raus, und es ist Schluss mit den Heimlichkeiten.«
Er stand auf und zog sie sanft aus dem Bett.
»Na komm schon«, sagte er liebevoll und strich ihr über die Wange, »lass uns anziehen und nach unten gehen.«

Wenig später saßen sie zu viert im Wohnzimmer.
»Jamie, wir müssen dir etwas sagen«, begann Megan zögernd, und legte ihren Arm um ihn. »Weißt du, auch Eltern machen manchmal Fehler, und ich habe leider einen ganz dummen Fehler gemacht. Ich habe dir immer erzählt, dein Dad wäre im Ausland, aber das stimmt nicht, ich habe dich angeschwindelt.«
»Aber man darf doch nicht schwindeln«, wandte Jamie ein, »das hast du mir selbst immer gesagt.«
»Ich weiß, und es tut mir auch sehr leid. Ich habe das gemacht, damit du nicht traurig bist, aber jetzt bist du groß genug, um die Wahrheit zu erfahren.«
Sie hatte plötzlich einen dicken Kloß im Hals und warf David einen hilfesuchenden Blick zu.
Er nahm ihre Hand, drückte sie, und sprach dann für sie weiter.
»Jamie, deine Mom und ich haben uns vor langer Zeit schon gekannt. Wir haben uns damals sehr lieb gehabt, und wenn zwei Menschen sich sehr lieb haben, entsteht manchmal ein Baby. Bei uns beiden warst du das, also bin ich dein Dad.«
Verletzt starrte Jamie ihn an. »Aber wo warst du dann die ganze Zeit? Wieso warst du nicht bei uns?« fragte er anklagend.
David wollte etwas sagen, doch Megan kam ihm zuvor.
»Das ist meine Schuld«, gab sie leise zu, »David – dein Dad konnte nichts dazu, du darfst ihm deswegen nicht böse sein. Ich habe mich mit ihm gestritten, und weil ich dumm war, bin ich einfach weggelaufen. Er wusste die ganze Zeit gar nicht, dass es dich gibt, deswegen war er nicht da.«
Jamies Augen füllten sich mit Tränen.
»Du hast mich angelogen«, sagte er vorwurfsvoll, »wegen dir konnte ich meinen Dad nicht sehen.«
»Jamie …«, sagte Megan voller Schmerz und wollte ihn in den Arm nehmen, doch er schubste ihre Hand weg und klammerte sich an David.
»Lass mich in Ruhe«, wehrte er sie weinend ab, »ich will dich nicht mehr sehen. Ich will bei meinem Dad bleiben.«
David hielt ihn im Arm und streichelte ihn tröstend, schaute über seine Schulter hinweg Megan an und schüttelte kaum merklich den Kopf.
»In Ordnung«, murmelte sie erschüttert, »ich glaube ich lasse euch einen Moment alleine.«
Mit erzwungener Ruhe stand sie auf und wandte sich an Sarah. »Komm mit mir in die Küche, ich mache dir einen Kakao und etwas zu essen.«
Sarah, die das Ganze mit großen Augen verfolgt hatte, wagte nicht zu widersprechen und folgte ihr nach draußen.
Während Sarah sich an den Küchentisch setzte, toastete Megan mechanisch ein paar Scheiben Weißbrot, bestrich sie mit Nuss-Nougat-Creme und machte Milch heiß.
»Ist mein Dad wirklich Jamies Dad?«, wollte Sarah wissen, als Megan ihr alles hinstellte und sich dann zu ihr an den Tisch setzte.
Megan nickte. »Ja, das ist er.«
»Dann ist Jamie mein Bruder?«, fragte die Kleine nach kurzem Überlegen.
»Dein Halbbruder«, erklärte Megan ihr, »du hast eine andere Mom. Aber ihr seid Geschwister, und ihr habt euch ja auch gern wie Bruder und Schwester.«
Sarah warf ihr einen zaghaften Blick zu.
»Wenn mein Dad jetzt auch Jamies Dad ist, könntest du dann vielleicht meine Mom sein? Ich habe dich nämlich sehr lieb.«
»Wenn du das möchtest, gerne meine Süße«, sagte Megan gerührt und nahm sie in den Arm, »ich habe dich auch sehr lieb.«

Nach einer ganzen Weile kam David in die Küche und schickte Sarah nach oben.
»Geh mal nach Jamie schauen, und hilf ihm, ein paar Sachen einzupacken.«
Sarah nickte und verschwand, und Megan schaute David fragend an.
»Ich nehme Jamie für ein paar Tage mit zu uns«, erklärte er mit blassem Gesicht, »ich habe versucht mit ihm zu reden, aber er lässt sich im Moment nicht davon abbringen, dass er mit dir nichts zu tun haben will.« Mit einem schiefen Grinsen fügte er hinzu: »Er ist genauso ein Sturkopf wie seine Mutter.«
Dann wurde er wieder ernst. »Du hättest das nicht auf dich nehmen sollen, ich habe daran mindestens genauso viel Schuld gehabt wie du, und mir wäre es lieber, er wäre auf mich sauer anstatt auf dich.«
»Das ist nicht wahr, und das weißt du auch. Wenn wir ihm schon die Wahrheit sagen, dann auch die ganze Wahrheit.« Sie machte ein unglückliches Gesicht. »Denkst du, er wird sich wieder beruhigen?«
David trat zu ihr und nahm sie in den Arm. »Mach dir keine Gedanken Liebling, lass ihm einfach ein bisschen Zeit, er muss das erstmal verdauen. Ich werde natürlich nochmal mit ihm reden, und ich bin mir sicher, dass er sich schnell wieder fangen wird.«
»Ach David, warum muss das alles nur so schwierig sein?«, seufzte Megan und kuschelte sich an ihn.
Er lächelte und küsste sie zärtlich.
»Versuch es von der positiven Seite zu sehen – wenn wir das alles erstmal ausgestanden haben, kann nicht mehr viel kommen, was uns noch erschüttern könnte.«

 

67

Kurz darauf kam Jamie mit einer Tasche in der Hand die Treppe heruntergetrottet, gefolgt von Sarah, der er großzügig erlaubt hatte, seinen Lieblingsteddy zu tragen.
Er wollte an Megan vorbei zur Haustür gehen, doch David hielt ihn zurück.
»Verabschiede dich noch von deiner Mutter«, bat er ihn leise, und widerstrebend machte Jamie einen Schritt auf sie zu.
»Auf Wiedersehen«, sagte er trotzig, ohne sie anzusehen, und wandte sich dann wieder zur Tür.
Sein Anblick schnitt Megan ins Herz, doch ihr war klar, dass sie im Moment nichts tun konnte, als darauf zu vertrauen, dass er sich wieder beruhigen würde.
Sie verabschiedete sich von Sarah, und David nahm sie in den Arm.
»Machs gut Liebling, ich rufe dich heute Abend an. Versuch dir nicht so viele Gedanken zu machen.«
Er gab ihr einen liebevollen Kuss und folgte Jamie und Sarah dann nach draußen.
Traurig schaute Megan ihnen hinterher bis Davids Auto um die Ecke verschwunden war, dann schloss sie langsam die Tür.
Mutlos ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich vor den Kamin und weinte, weinte ihren ganzen Schmerz heraus, bis sie keine Tränen mehr hatte.

Weihnachten war herum und es ging auf Silvester zu. Obwohl Lisa und Julie sich alle Mühe gaben, Megan zu trösten, fühlte sie sich von Tag zu Tag elender. Jamie fehlte ihr entsetzlich, und da sie durch die momentane Situation auch David nicht sehen konnte, vermisste sie ihn ebenso schmerzlich. Der einzige Lichtblick waren die Telefonate mit ihm, mehrmals am Tag sprachen sie miteinander, doch alles, was er ihr berichten konnte, war, dass Jamie sich bei ihm wohl fühlte und nach wie vor nicht nach Hause wollte.
»Ich werde nochmal mit ihm reden«, versprach David ihr am Abend vor Silvester, »ich würde nämlich gerne mit dir zusammen das neue Jahr begrüßen, und ich kann die Kinder ja schlecht hier bei meiner Schwester lassen.«
»Denkst du, du bekommst das hin?«, fragte Megan mutlos.
»Nun, ich glaube ich habe eine gewisse Erfahrung im Umgang mit kleinen Sturköpfen«, erklärte er zuversichtlich, und sie konnte hören, wie er lächelte.
Im gleichen Moment hatte sie eine Idee.
»Was hältst du davon, wenn wir hier eine richtige Silvesterparty machen?«, schlug sie vor. »Wir könnten deine Schwester und ihren Mann einladen, Julie, Lisas Freund und Rick – Jamie liebt Partys, und er wird sich nicht so unter Druck gesetzt fühlen.«
»Das hört sich gut an«, stimmte David zu, »ich könnte mir vorstellen, dass ich ihn dafür begeistern kann. Wenn ich ihm dann noch verspreche, dass er um Mitternacht mit mir ein paar Kracher anzünden darf, müsste ihn das doch eigentlich überzeugen, und alles Weitere wird sich dann hoffentlich finden.«
»Gut«, sagte Megan erleichtert, »ich habe schon befürchtet, ich würde Silvester alleine hier sitzen und mit mir selbst anstoßen.«
»Denkst du, das hätte ich zugelassen? Ich vermisse dich, und morgen Abend werde ich auf jeden Fall bei dir sein.«
Sie unterhielten sich noch eine Weile, planten ein paar Dinge für die Party, dann verabschiedeten sie sich liebevoll voneinander.
Direkt im Anschluss rief Megan Julie an und lud sie ein, und ging dann nach oben um Lisa Bescheid zu sagen.
Zusammen setzten sie sich auf Lisas Bett und besprachen, was noch alles besorgt werden musste.
Als Megan eine knappe Stunde später erschöpft und elend in ihr Bett fiel, kreisten ihre Gedanken um den morgigen Abend, und sie betete inständig, dass es David gelingen würde, Jamie zu bewegen, wieder nach Hause zu kommen.

Am anderen Morgen fuhr Megan los, um alles für die Party einzukaufen. Lisa begleitete sie, und sie war froh darüber, die Aufregung hatte einen schmerzhaften Knoten in ihrem Magen entstehen lassen, und sie fühlte sich alles andere als wohl.
Mühsam schleppte sie sich an Lisas Seite durch den Supermarkt und war erleichtert, als sie endlich die lange Schlange an der Kasse hinter sich gelassen hatten und wieder draußen waren.
Sie verstauten alles im Kofferraum und machten sich auf den Heimweg. Als sie an einer Apotheke vorbei fuhren, hielt Megan spontan an.
»Mom, was ist los? Geht es dir nicht gut?«, fragte Lisa besorgt.
»Nichts Schlimmes, ich bin nur so aufgeregt wegen heute Abend und hole mir schnell ein paar Tabletten für den Magen«, beschwichtigte Megan sie. »Warte du hier, ich bin gleich wieder da.«
Es dauerte nicht lange, bis sie wieder zurückkam, und kurz darauf waren sie zu Hause.
Den restlichen Tag verbrachten sie mit den Vorbereitungen für den Abend, und gegen achtzehn Uhr hatten sie alles fertig.
Megan sprang rasch unter die Dusche, und als sie anschließend vor ihrem Kleiderschrank stand, entschied sie sich nach kurzem Überlegen für einen Rock, die weiße Bluse, die sie vor jener Nacht in Springfield angehabt hatte, und die hochhackigen Pumps, die sie getragen hatte, als sie sich kennen gelernt hatten.
Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel, ihre Figur war immer noch makellos, doch unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab, und seufzend ging sie nach unten.

Wenig später stand auch schon Julie vor der Tür, und kurz darauf Rick. Alex war schon den ganzen Nachmittag da gewesen, und so wartete Megan bang auf das Eintreffen von David.
Es dauerte nicht lange, bis es erneut klingelte, und voller Anspannung öffnete Megan die Tür.
»Hallo Liebling«, begrüßte David sie und küsste sie zärtlich, dann wandte er sich an seine Schwester. »Ihr beiden kennt euch ja schon«, er zwinkerte Megan kurz zu, »und das ist Alicias Mann, Lucas Randell-Warner.«
Megan gab ihm die Hand, schielte dabei jedoch unruhig zu Jamie, der sich betont abweisend hinter Davids Rücken versteckte. Nachdem sie Sarah noch liebevoll begrüßt hatte, wandte sie sich zu ihrem Sohn. »Hallo Jamie«, sagte sie leise, »ich freue mich sehr, dass du da bist.«
Er warf ihr einen unsicheren Blick zu, murmelte dann ein leises »Hi Mom«, und ohne sie weiter zu beachten, nahm er Sarah an der Hand und zog sie die Treppe hoch in sein Zimmer.
Ihr stiegen die Tränen in die Augen, und David, der es bemerkte, legte seinen Arm um sie.
»Gib ihm noch ein paar Minuten, er muss erstmal auftauen.«
Zusammen mit Alicia und ihrem Mann gingen sie ins Wohnzimmer, Megan machte sie mit Julie, Lisa und Alex bekannt, und im Nu entspann sich eine angeregte Unterhaltung, die Megan ein wenig von ihrer Sorge um Jamie ablenkte.
»Du weißt schon, dass du ziemlich fies bist, oder?«, flüsterte David ihr ins Ohr, als sie in die Küche hinübergingen, um das Essen zu holen. Als sie ihn irritiert anschaute, fügte er hinzu: »Hast du etwa gedacht, ich würde diese Bluse nicht wiedererkennen? Ich weiß noch ganz genau, wie du damals in dem Hauseingang darin ausgesehen hast, so völlig durchnässt. Und dann auch noch diese Schuhe – du kannst von Glück sagen, wenn ich es heute Abend schaffe, meine Finger bei mir zu behalten.«

 

68

Kurz darauf saßen sie alle um den großen Esstisch im Wohnzimmer und ließen es sich schmecken. Es herrschte eine angenehme Stimmung, und irgendwann fiel Megan auf, dass Jamie sie immer wieder unauffällig von der Seite anschaute. Wenn sie ihn dann anlächelte, schaute er schnell auf seinen Teller, und sie spürte, dass er ein schlechtes Gewissen hatte und offenbar nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte.
David hatte es ebenfalls bemerkt, unauffällig griff er unter dem Tisch nach Megans Hand und drückte sie. »Was um Himmels willen hast du denn zu ihm gesagt?«, fragte sie ihn leise, als die anderen alle abgelenkt waren.
Schmunzelnd flüsterte er zurück: »Die Sache mit den Krachern hat Wunder bewirkt, ich habe ihm gesagt, dass er das nur machen darf, wenn du einverstanden bist, und dass er dich vorher um Erlaubnis fragen muss.«
»Und da sagst du zu mir, dass ich fies bin«, entrüstete sie sich.
»Ich sagte dir doch, ich weiß, wie man mit kleinen Dickköpfen umgeht«, lächelte er und küsste sie sanft aufs Ohr. »Bis jetzt haben meine Methoden doch immer wunderbar funktioniert.«

Nach dem Essen halfen Julie und Lisa ihr den Tisch wieder abzuräumen, und Megan wandte sich an Sarah und Jamie. »Wie sieht es aus ihr zwei, vertragt ihr noch ein Eis?«
Ein begeistertes Nicken von Sarah war die Antwort, während Jamie sich zurückhielt, ihnen dann aber trotzdem in die Küche folgte.
Megan nahm zwei Portionen Eis aus dem Kühlschrank und reichte sie den beiden.
»Und, freut ihr euch schon aufs Feuerwerk?«, fragte sie dann beiläufig, um Jamie den Anfang ein wenig zu erleichtern.
»Dad hat Kracher gekauft«, berichtete Sarah eifrig und verschwand zufrieden mit ihrem Eis.
Unsicher blieb Jamie stehen, und scharrte verlegen mit dem Fuß über den Boden.
»Jamie«, sagte Megan liebevoll, und ging vor ihm in die Hocke. »möchtest du mich vielleicht etwas fragen?«
Er nickte zaghaft, und Megan lächelte. »Na dann raus mit der Sprache.«
»Darf ich nachher mit Dad ein paar Kracher anzünden?«, fragte er leise, und sie nickte.
»Ja, das darfst du, wenn du mir versprichst, dass du vorsichtig bist, und hörst, was dein Dad dir sagt.«
»Danke«, sagte er, sichtlich erleichtert. Er zögerte einen Moment, dann fügte er unglücklich hinzu: »Mom, es tut mir leid, dass ich zu dir gesagt habe, dass ich dich nicht mehr sehen will. Bist du noch böse auf mich?«
Liebevoll nahm sie ihn in den Arm und drückte ihn an sich, und er ließ es sich ohne Widerstand gefallen, schlang ihr die Arme um den Hals.
»Nein mein Schatz, ich war auch nicht böse, ich habe dich nur schrecklich vermisst. Es tut mir auch sehr leid, dass ich dich so lange beschwindelt habe, das hätte ich nicht tun dürfen.«
»Ich hab dich lieb Mom«, flüsterte Jamie, »und ich habe Dad auch lieb, ich bin froh, dass er jetzt da ist. Wird er bei uns bleiben?«
Megan schob ihn vorsichtig ein Stück von sich und schaute ihn an. »Ich weiß es nicht Jamie, aber auf jeden Fall wird er immer für dich da sein.«

Zufrieden verließ Jamie die Küche, und Megan folgte ihm, glücklich und erleichtert, dass zumindest diese Sache jetzt endlich ausgestanden war.
»Alles in Ordnung«, sagte sie leise zu David, der sie gespannt anschaute, als sie wieder ins Wohnzimmer kam und sich neben ihn setzte.
»Gott sei Dank, ehrlich gesagt hatte ich ja doch noch ein bisschen Bedenken«, gab er zu.
Froh über diese positive Entwicklung genossen sie den weiteren Abend; Jamie und Sarah waren oben in Jamies Zimmer und spielten, während sich die Erwachsenen angeregt unterhielten.
»Trink doch auch einen Schluck von der Bowle«, forderte Julie sie irgendwann auf, die einen großen Topf voll Pfirsichbowle mitgebracht hatte, »oder willst du dich den ganzen Abend an deinem Wasser festhalten?«
»Nein danke, ich hatte den ganzen Tag so Magenschmerzen wegen Jamie, ich glaube ich sollte lieber die Finger vom Alkohol lassen«, lehnte Megan ab, und übersah geflissentlich den kritischen Blick, den die Freundin ihr zuwarf.
Irgendwann kam das Gespräch auf Megans Auftrag, und anschließend berichtete Alicia überglücklich, dass ihr Mann ab Januar endlich ganz aus dem Ausland zurückkehren würde.
»Unser Baby kommt ja auch bald, und dann möchte ich zu Hause sein«, erklärte Lucas und streichelte seiner Frau liebevoll über den Bauch.
»Tja, dann wird es langsam Zeit, dass ich für mich und Sarah eine neue Bleibe suche«, seufzte David mit einem unauffälligen Seitenblick auf Megan, »dabei habe ich es so sehr genossen, von Alicia nach Strich und Faden verwöhnt zu werden.«
Bevor Megan wusste, wie ihr geschah, platzte Lisa heraus: »Warum zieht ihr nicht bei uns ein? Jetzt wo Jamie endlich Bescheid weiß, würde er sich bestimmt freuen, seinen Vater und seine Schwester hier zu haben. Außerdem glaube ich, Mom wäre das auch nicht ganz unrecht, dann muss David nicht immer heimlich in ihr Schlafzimmer schleichen, wenn er hier übernachtet.«
»Lisa«, entfuhr es Megan entsetzt, und sie wurde feuerrot, während die anderen alle lachten.
»Nun«, schmunzelte David, »so ganz unrecht hat sie ja nicht. Vielleicht sollte ich mich wirklich bei dir einnisten, zumindest würde ich dann öfter in den Genuss deines leckeren Essens kommen – sofern du es nicht mal wieder auf den Boden fallen lässt.«
Sprachlos starrte Megan ihn an. »Du willst zu mir ziehen?«
»Hast du etwa gedacht, du würdest mich so schnell wieder loswerden? Nein mein Liebling, da muss ich dich enttäuschen, dieses Mal werde ich dich festhalten.«
»Aber … Sarah braucht ein Zimmer, wir haben gar nicht so viel Platz«, erklärte Megan entgeistert.
»Wir könnten für Lisa den Dachboden ausbauen, und Sarah könnte Lisas Zimmer haben. Rick wird mir bestimmt ein bisschen helfen, das sollte kein Problem sein.«
»Oh ja«, sagte Lisa begeistert, und Rick nickte zustimmend.
Megan schwieg einen Moment, dann schaute sie David an. »Das hast du dir ja sehr schön ausgedacht, aber ich fürchte, daraus wird nichts.«

 

69

Einen Moment lang wurde es plötzlich totenstill im Raum, und David schaute sie irritiert an.
»Willst du mir damit sagen, dass du nicht mit mir zusammenleben möchtest?«, fragte er ungläubig, ungeachtet der ganzen Zuhörer, »jetzt, wo wir endlich zusammen sein können?«
Megan schüttelte den Kopf. »Nein, das heißt, dass es vermutlich besser sein wird, wenn du künftig auf dem Dachboden schlafen wirst.«
»Ich verstehe kein Wort«, sagte David hilflos, »würdest du vielleicht mal ein bisschen deutlicher werden?«
»Liebling, wenn du weiterhin bei mir im Schlafzimmer schläfst, wird das Haus bald aus allen Nähten platzen«, erklärte Megan lächelnd. »Wir werden in Kürze noch ein viertes Kinderzimmer brauchen, und wenn das so weiter geht, brauchen wir einen Anbau.«
»Was?«, entfuhr es ihm ungläubig, »soll das etwa heißen, du …«
»Nicht ich – wir«, unterbrach sie ihn liebevoll, »deine intensive Krankenpflege hatte offenbar ein paar unbeabsichtigte Nebenwirkungen, und das Antibiotikum, das du mir verabreicht hast, hat wohl das Übrige dazu getan.«
»Megan«, stieß er überglücklich hervor und riss sie in seine Arme, »Liebling, das ist das Schönste, was du mir zum Anfang des neuen Jahrs sagen konntest.«
Unter dem freudigen Gemurmel und den Glückwünschen der anderen küsste er sie hingebungsvoll, und wenn nicht kurz darauf Jamie und Sarah erschienen wären und lautstark daran erinnert hätten, dass es nur noch wenige Minuten bis Mitternacht waren, hätten sie vermutlich alles um sich herum vergessen.

Nachdem sie alle miteinander angestoßen und sich ein gutes, neues Jahr gewünscht hatten, zogen sie sich ihre Jacken an und gingen hinaus in den Garten.
Rick hatte sich bereitwillig angeboten, das Anzünden der Knaller mit den Kindern zu übernehmen, sodass David und Megan einen Moment für sich alleine hatten.
Sie lehnten an einem der alten Bäume, David stand hinter Megan und hatte wärmend seine Arme um sie gelegt, zufrieden lehnte sie sich an ihn, und sie schauten gemeinsam in den von bunten Lichtern erleuchteten Himmel.
»Denkst du, das wird gut gehen?«, fragte sie leise, »Vier Kinder, ein Hund, und jede Menge Chaos – ich frage mich, wie du das aushalten wirst.«
»Solange wir zwei zusammen sind, halte ich das schon aus«, murmelte er mit seinem Mund an ihrem Ohr, »Außerdem bin ich mir sicher, dass das Chaos etwas nachlassen wird, wenn endlich mal ein Mann im Haus ist.«
Megan lächelte. »Ich muss also keine Angst haben, dass du irgendwann Zigaretten holen gehst und nicht zurückkommst.«
»Nein, das musst du nicht.« Er drehte sie zu sich um und schaute ihr in die Augen. »Es war ein langer Weg für uns beide, aber jetzt sind wir endlich zu Hause, und nichts in der Welt wird daran mehr etwas ändern.«

ENDE

Imprint

Text: M. Schuster
Images: CandaceHill, Pixabay – Coverdesign: Marina Schuster
Publication Date: 10-19-2011

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /