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Rhönwinter anno dazumal

Tief verschneit liegt das kleine beschauliche Rhöndörflein zwischen den sanften Hügeln eingeschmiegt in der Senke des Waldes. Die Buchen haben dicke Schneemäntel angezogen.
Da in diesem Jahr ein früher und harter Frost eingesetzt hatte, war sie gut diese Schneedecke, für Mensch und Tier, ja auch für die Bäume und Pflanzen.
Dazu bläst ab und an ein scharfer Wind über den nahen Thüringer Wald zu dem Dörfchen hin das den Namen Brüchs trägt. Einige konnten sich diesen Namen nicht merken und machten zum Spass Dücks daraus
Eben in diesem kleinen Dorf war die kleine Hedwig wiedermal krank geworden, wie so oft im Winter waren ihre Mandeln vereitert. Nun gab es in dem Dörfchen keinen Arzt. Die Menschen kurierten sich noch mit vielen Naturheilmitteln und gerne wurde dazu warme Milch mit Honig angewandt. Da meist die Kühe noch mit in den Häusern untergebracht waren, war das nahe liegend. Der Stall war am Wohnhaus angebaut und die Menschen fanden nichts dabei, nein sie waren froh um die Wärme die von den Tieren ausging.
Der Kuhstall wurde meist noch wegen des strengen Winters geschützt, indem die Kuhstallaußentüre mit selbstgestochenem Torf aus dem nahen Moor verstärkt wurde. So entstand einen Doppeltüre die zwar schwer war aber Mensch und Tier Schutz vor dem strengen Frost und sausenden Winden gab.
Hedwig war es in ihrem Bett langweilig geworden, ihre großen Brüder waren schon früh aus dem Haus gegangen. Ihr Vater der auch Bürgermeister in dem kleinen Dörfchen war war schon am frühen Morgen in die nahe Kreisstadt gefahren. Sicher hatte er den Schlitten genommen, denn Brüchs lag auf einer Anhöhe und ein gewundenes aber steiles Sträßchen führte zu dem Städtchen, das kaum den Namen Dorf verdiente so klein war es. Nicht mit den Dörfern in der heutigen Zeit zu vergleichen.
Alles ging damals, als Hedwig noch klein war harmonischer und ruhiger zu.
Die Straßen wurden nicht mit der Schneefräse geräumt, der Schnee blieb liegen und die Leute schnallten sich Schneeschuhe über. In der Rhön waren diese Holzpantoffeln selbstgeschnitzt. Mit den dicken selbstgestrickten Strümpfen von der Oma oder der Mutter an den Füßen waren diese auch wunderbar warm. Die Wolle für Strümpfe und Pullover wurde selbstverständlich auch von den geschorenen Rhönschafen, deren Markenzeichen die schwarzen Köpfe sind, gesponnen und weiterverarbeitet. Rund um die Häuser war ein selbstgeschaufelter Pfad der täglich freigekehrt wurde. Natürlich mit einem Reisigbesen welcher in den späten Herbstmonaten an den Nachmittagen und frühen Abenden mit manchen frohen aber auch traurigen Gesprächen oder Liedern von der Familie hergestellt wurde.
Clever war Hedwig schon immer gewesen und sie sorgte vor, um Proviant oder auch Naschereien für diese lästige und immer wiederkehrende Mandelendzündung zu haben.
Draußen hörte sie die Kinder toben, die zur Schule gingen. Sicher bewarfen sie sich wieder mit Schnee.
Gestern hatte doch der große Otto einen schönen Schneemann vor ihrem Fenster gebaut, nur für sie.
Heute Morgen waren die Fenster aber schon wieder so dick vereist, dass sie diesen Schneemann nicht sehen konnte. Denn Hedwig hielt nichts mehr im warmen Bett, wenn sie die Anderen draußen toben hörte. Es gab nur eine einzige Klasse in dieser Ortschaft, da es nur etwa 15 Kinder gab in den 8 Altersstufen.
Einen Lehrer gab es, der sie meist während der gesamten Schulzeit unterrichtete.
Hedwig suchte den Stein der in ihrem Bett lag, dieser ersetzte damals, 1924, unsere heutige Wärmflasche. Er wurde am frühen Nachmittag auf die Herdplatte des Holzofens oder in dessen Bratröhre gelegt bis er recht heiß war, dann ins Bett gelegt und immer mal an eine andere Stelle verrückt. Bis man ins Bett ging war es mollig warm darin und der Stein wurde zu den Füßen hin verschoben oder unter das Bett gelegt.
Hedwigs Wärmestein lag ganz weit unten am Fußende des Strohsacks. Strohsack, ja klar, damals wurden die Unterbetten noch mit frischem Stroh gefüllt das im Sommer sorgfältig geerntet wurde.
Es roch dann immer wenn es erneuert wurde köstlich frisch nach Heu und Blumen.
Also Hedwig befühlte ihren Wärmestein der noch eine Restwärme in sich trug. Ihre Finger legte sie kurz darauf und ging zum Fenster. Sie bohrte ein Loch in die dicke Eisschicht und bekam so ein kleines Guckloch. Doch das war ihr zu winzig, so versuchte sie das Fenster zu öffnen. Mit einiger Anstrengung gelang es ihr auch, obwohl ihre Mutter Sofie es verboten hatte.
Doch Mutter war sicher noch beim Kühe melken und bemerkte es nicht gleich.
Da gab es ein Hallo bei den Kindern draußen. Sie hatten schon gewartet. Hedwig hatte immer eine besondere Nascherei für die bereit.
Hedwig gab gerne, die hatte sie so von ihren Eltern gelernt, auch das Wertvolle mit denen teilen, welche wenig oder nichts hatten. Es waren ihre Nüsse und Hutzel die sie eifrig gesammelt hatte.
Mit beiden Händen warf sie diese nach draußen. Für die Kinder in der rauen Rhön waren dieses Dinge Bonbon oder Schokoladenersatz. Diese Naschereien waren damals nicht selbstverständliche und wahre Raritäten die es nur in den großen Städten und da selten an Weihnachten gab.
„Nun fragt ihr sicherlich was Hutzeln sind!“ Hutzel sind getrocknete Pflaumen, Zwetschgen oder Apfelschnitze. Das Obst wurde auf die Darre gelegt. Das war ein Holzgitter das neben den Ofen oder am Kamin stand. Langsam begannen diese dann zu trocknen und wurden zuckersüß.
Doch etwas vermissten die Schulkameraden in diesen Tagen in denen Hedwig krank war.
Hedwig konnte wunderbare Geschichten erzählen, so ersetzte sie manches Mal den Schulleiter der mal kurz eine Stockwerk nach oben musste. Er wohnte im gleichen Haus, das sogenannte Schulhaus, er half manch mal seiner Frau oder trank zwischendurch mal etwas Apfelmost.
Hedwigs Phantasie war groß und ihre Geschichten immer spannend.
Auch maß sie ihre Kräfte oft mit anderen Mädchen. Sie ging, nachdem sie ihre Hausarbeiten gemacht hatte auf den Kirschberg und boxte mit ihrer größeren Cousine, dabei gewann sie meist.
Hedwig hatte zwei größere Brüder und wurde daher nicht mit Samthandschuhen von diesen behandelt. So übte sie sich durchzusetzen,was ihr auch gut gelang und Respekt bei ihren Mitschülern einbrachte.
Ungeduldig war Hedwig schon und ungehalten nach zwei Tagen, denn ihre Mitschüler aßen nun sicher geröstete Brotscheiben. Das selbstgebackene Brot aus dem Holzofen schmeckte unwahrscheinlich gut. Meist wurden viele Laibe gebacken, denn es war immer eine Kraftanstrengung für die Frauen den Brotteig zu kneten und der Holzofen in Backhaus wurde nur einmal im Monat befeuert. Am Feuerholz musste auch gespart werden in diesen strengen Wintern die oft lange andauerten.
In der Schule stand so ein richtiger Bullerofen auf dessen Herdplatte dicht an dicht die Brotscheiben gelegt wurden um sie zu rösten. Einmal hatten die Schüler den Holzofen so stark beheizt um ihre Brote zu dörren, dass das gesamte Schulzimmer so voller Rauch war und der Ofen regelrecht glühte, ja Feuer spuckte. Der Schulunterricht fiel aus, es wäre gerade Religion gewesen und der Herr Hochwürden wie damals der Herr Pfarrer genannt wurde droht ihnen an im nächsten Sonntagsgottesdienst einen besonders strenge Christenlehre abzuhalten.
Christenlehre, wieder so ein Fremdwort. Zu der Zeit mussten die Kinder noch jeden Tag zur Kirche gehen, Werktags vor der Schule war Gottesdienst, in den die Mädchen adrett in ihren Schürzen und die Jungen mit genagelten Schuhen und kurzen Hosen gingen. An Sonntagen stand der Herr Pfarrer dann auf der Kanzel und stellte Fragen aus dem Katechismus. Ähnlich einer Religionsprüfung, in der auch die Erwachsenen befragt wurden. Hochwürden rief dann verschiedenen Personen auf zu antworten und die Blamage war groß wenn die Frage nicht beantwortet werden konnte.
Es waren strenge Zeiten damals, denn wer mal ein besonderes Vergehen in den Augen des Herrn Pfarrers begannen hatte musste auf einem spitzen Holzscheit während der Gottesdienste knien.
So konnte jeder den Sünder erkennen der diese besondere Buße über sich ergehen lassen musste.
Doch zurück zu dem gedörrten Brot das Hedwig so gerne aß, es wurde meist mit selbstgerührter Butter bestrichen und warm gegessen. Es schmeckte einfach köstlich.
Ebenso köstlich war für Hedwig wenn sie in der Pause, es gab nur eine, da am Nachmittag auch Schule war endete der Vormittagsunterricht um 12 Uhr. Also in der Vormittagspause sprang Hedwig manches Mal heim und stibitzte vom Hefeteig den ihre Mutter zum Gehen in der Nähe des Herdes mit einem Tuch abgedeckt bereitgestellt hatte. Einen Happen von diesem Teig auf die Herdplatte gelegt mit Zucker bestreut schmeckte oft so gut wie die Wäche die es im Sommer oft gab.
Wäche ist keine ausländische Speise sondern eine Brotscheibe vom Laib geschnitten dick mit Butter und selbstgemachtem Pflaumenmus oder anderer Marmelade bestrichen. Manches Mal durfte Hedwig dieses Brot auch mit Waldhonig bestreichen, was sie gerne machte, wenn sich ihre Mandelendzündung nicht bessern wollte.
Sie wollte doch nun endlich wieder zum Rodeln wie die Anderen. Dann kam sie meist mit starrgefrorenen Strümpfen an denen die Eiszapfen hingen nach Hause. Nicht eher war sie dazu bereit, denn diese Schlittenfahrten waren toll. Meist wurden zwei oder drei Schlitten aneinander gebunden und los ging es. Oft landete dann dieser Schlittenzug im Graben, aber gerade dies machte besonderen Spaß. Rosalia Hedwigs Cousine war eine Heulsuse und ging dann oft frühzeitig heim. Dabei verpasste sei so manche Geschichte die Hedwig beim Stapfen durch den hohen Schnee am Nachhauseweg von sich gab.
So wurde in der Adventzeit in jeder Familie des Dorfes eifig gebastelt.

Die Krippen in der Rhön sind auch etwas ganz besonderes. Jede Familie legt gesteigerten Wert darauf.

Selbstgeschnitzt sind dann die Figuren und der Stall. Hedwig bekam ein weißes Schäfchen von ihrem Vater geschenkt aus Porzellan das dem Ihrigen, welches sie von ihrem Vater im Frühjahr geschenkt bekam, aufs Haar glich. Ein schwarzes Köpfchen hatte es und ein Band am Hals mit einem Glöckchen. Diese Schäfchen hatten ganz klar einen Ehrenplatz an der Krippe in Hedwigs Familie.
In der Heiligen Nacht ging es natürlich zur Christmette mit der gesamten Familie. Doch vorher, am Christmorgen, ging Hedwig mit ihrem Vater in den Wald zum Christbaum holen. Jedes Jahr durfte sie diesen aussuchen und immer war es ein besonders schöner Baum. Einen Fichte die sie schon im Herbst ausspioniert hatte.
Behängt mit Äpfeln, Nüssen und Strohsternen aber auch mit von ihrer Patentante geschenkten silbernen Kugeln und einer glitzernden Christbaumspitze stand er dann im heimelig warmen Raum und unter seinen Zweigen lagen selbst hergestellte Geschenke die nützlich und mit Liebe gemacht waren.
Auch die Tiere wurden nicht vergessen an diesem Abend; sie bekamen besondere Kräuter und Vater und Mutter gingen mit Kerzen und Weihrauch durch den Stall. Dabei wurden ein Vater unser und ein Gegrüßt seist Du Maria gebetet. Manches Mal ging Hedwig auch nach der Mette heimlich in den Stall um die Tiere sprechen zu hören. Dies soll ja am Heiligen Abend so sein, doch Glück dieses zu erleben hatte Hedwig noch nie. Sicher sprachen die Tiere nur bei völliger Stille und im menschenleeren Stall,oder wenn in der Stube nebenan die Weihnachtslieder erklangen wie Stille Nacht, heilige Nacht.
Hedwigs Mutter liebte das Weihnachtslied besonders „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen, wie glänzt er festlich lieb und mild. ……..
Sparsam musste mit der Kleidung umgegangen werden, da in den Tagen zwischen den Weihnachtstagen und Drei König nicht gewaschen werden durfte. Es waren die sogenannten elf Raunächte.
In diesen Nächten streifen die Wintergeister durch die Lüfte und falls diese in der aufgehängten Wäsche hängen bleiben würden, würde ein Unglück im kommenden Jahr geschehen.
Doch ich denke es war wegen dem schlechten Trocken der Wäsche in diesen Tagen, und wer mag schon Trockenwäsche auf der Leine an den Festtagen anschauen.
Doch wer kann das schon wissen? Es geschehen so viele Dinge zwischen Himmel und Erde die nicht zu begreifen sind.
„Ob Hedwig es wissen würde? Sie war meine Mutter doch ich kann sie nicht mehr fragen, sie ging im Jahre 2006 zu ihrem Vater im Himmel.“ Bruni_M







Ein Bild welches den Zauber der Natur zeigt und
zugleich etwas "Märchenhaftes, Verzaubertes"
in sich birgt

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Text: Die Rechte bleiben alle bei der Autorin
Publication Date: 05-25-2009

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Dedication:
Es kommen immer wieder Fragen auf, woher kommen "meine Vorfahren", wie haben sie gelebt, was gefühlt? Diese Geschichte ist meinen Nachkommen gewidmet. Es könnte sein das Leben ihrer Vorfahren interessiert sie.

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