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Insel der Überraschungen (01 - 10)

 

 

 

 

1. Sturmwarnung

 

 

* Seit drei Tagen herrschte die große Flaute, gab es nicht den leisesten Windhauch für die Segel der "Peter", des zur Luxusjacht umgebauten Robbenjagdschoners aus der Zeit des "Seewolfs".

 

* Anton Dieger, der Südtiroler mit Kapitänspatent, sichtet in der Ferne einen japanischen Treibnetzfischer. Den "Ausrotterkübel" zeigt Dieger dem fünfzehnjährigen Markus Unger und seiner zehnjährigen Schwester Nadda, die er nacheinander beide durch ein Fernrohr schauen läßt.

 

* Gina Davies, die Engländerin und professionelle Reisebegleiterin, liest den Ausdruck der Meldung, die der "Peter" durch den Wettersatelliten übermittelt wurde.

 

* Ruth Depart, die Ehefrau von René Depart, des Besitzers der "Peter", und Jack Meyers, der Dauer-Smutje an Bord der "Peter", beginnen mit den Vorbereitungen für das fünfgängige Menü, das auf dem abendlichen Fest zur Feier von Irene Departs einundzwanzigstem Geburtstag serviert werden sollte.

 

* René Depart, im gewöhnlichen Leben in Frankreich Herr über verschiedene Anwaltskanzleien und der Eigentümer der "Peter", wird von Gina Davies in der Kajüte überrascht. Davies unterrichtet Depart über die letzte Wettermeldung: daß sich überall im Pazifik Stürme zusammenbrauen.

 

* Beim täglichen "Vier-Uhr-Tee" in der mittschiffs sich befindlichen Großraumkajüte für Spiel, Spaß und Gesellschaft wird diskutiert, was man angesichts der Stürme, die drohen, unternehmen soll. Ergebnis: Zunächst einmal will man Ruhe bewahren, allerdings zuschauen, die Dinge, die nicht niet- und nagelfest waren, aufzuräumen und festzumachen.

 

* René Depart geht auf dem Kajütengang Helmut Unger an, den Vater von Markus und Nadda. Der Punkt ist, daß Unger seine beiden Kinder entgegen aller Abmachung mit an Bord gebracht hatte. Zu Beginn der Weltumsegelung beschwichtigte Unger mit dem Versprechen, mit Markus und Nadda ein Lernprogramm durchzuziehen. Gegenwärtig sah es jedoch eher so aus, als ob die Teenager nicht viel lernen müßten, davon abgesehen, daß Markus und Nadda, nahm man die lockeren Sitten auf der "Peter", an sexueller Erfahrung reicher würden.

 

 

 

2. Der Sturm

 

 

* Die Dunkelheit war hereingebrochen. Über dem Meer frischte die Brise zunehmend auf, zogen sich die Wolken immer bedrohlicher zusammen. Auf der "Peter" scherte man sich wenig darum, begann man unter Deck in der geräumigen Gesellschaftskajüte mit Irene Departs Geburtstagsfest; einundzwanzig wurde sie. Ruth Depart und Jack Meyers servierten den ersten Gang des Fünf-Gänge-Menüs, einen leichten Pudding, dessen Besonderheit Trüffel waren.

 

* Unter Deck bekam die Geburtstagsgesellschaft mit, daß der Seegang langsam immer heftiger wurde; beunruhigen wollte sich darum erst einmal weiter niemand. Nach dem vierten Gang brachte Meyers die Geburtstagstorte herbei. Einundzwanzig Kerzen mußte Irene ausblasen. Anschließend erhielt Irene Geschenke. Gina Davies hatte etwas Besonderes für Irene vorbereitet: Das Geburtstagskind durfte aus einem Hut eines von drei Losen ziehen. "Markus" stand auf dem entrollten Papier geschrieben. Viel Gelächter. Markus Unger war Irenes Geburtstagsgeschenk für die spätere Nacht. Darüber freute Irene sich ziemlich.

 

* Die Schaukelbewegungen der "Peter" wurden so stark, daß sie das Fest wirklich störten. Renè Depart übernahm es mit Anton Dieger zusammen, auf Deck nach dem Rechten schauen zu wollen. Dieger ging voraus, öffnete die Achtertür ins Freie; sofort wurde er von einer harten Welle Meerwasser voll getroffen, sauste der Schwall die Holzstiege herunter. Gräßlich schlug sich Dieger den Kopf an der Wand an. Depart schloß mit Müh und Not die Achtertür, ehe er sich um Anton Dieger kümmern konnte, dem das Blut aus der Nase lief, der allerdings bei Bewußtsein war.

 

* Zum Glück fehlte Anton Dieger sonst nichts weiter. Aber es war eine Tatsache, daß das Geburtstagsfest vorbei war und daß alle auf der "Peter" sich in den tiefsten Nöten befanden. Das Licht fing an zu flackern; schließlich gab der Generator für den elektrischen Strom den Geist auf. In tiefster Schwärze entdeckte man sich. Von oben war ein Krachen zu vernehmen, als  wäre ein Mast entzweigebrochen. Rene Depart befahl, alle sollten augenblicklich zusehen, in die Schlafkajüten zu kommen, sich dort auf den Betten festzuschnallen. Was blieb, das war die Hoffnung, daß der Sturm irgend etwas von der "Peter" und von ihnen selber übrig ließe.

 

 

 

3. Der Nebel

 

 

* Der Sturm war vorbei. Sofort stürzten Renè Depart, seine Frau und die anderen an Bord der "Peter", die es nicht weiter schlimm erwischt hatte, an Deck. Jedem verging das Hochgefühl, die Geschichte mit dem Unwetter relativ heil überstanden zu haben. Die Schäden, die angerichtet waren: Der Fock- und der Schonermast waren geknickt, das teure Segeltuch: in Fetzen. Eine fatale Dummheit, mit nichts zu rechtfertigen, es versäumt zu haben, die Segel einzuholen. Seetang verdreckte das Schonerdeck; es herrschte erhöhte Rutschgefahr. Von den drei Beibooten der "Peter" war überhaupt nur noch eines vorhanden.

 

* Mit dem Bug voran trieb die "Peter" manövrierunfähig in einer starken Strömung auf eine weiße Nebelwand zu. Unheimlich wirkte der Nebel. Die Nachrichten, die Helmut Unger, der Techniker, und Heide Imienen, die einen Notruf für die Welt absetzen wollte, aus dem Bauch der "Peter" mitbrachten, waren nicht erbaulich: Der Generator und der Speicher für den Solarstrom: hinüber. Also blieb die gesamte Elektronik der "Peter" erst mal tot. Außerdem war infolge eines Lecks im Tank Diesel ausgelaufen, auch in den Motorraum. Das hieß, man sollte es besser bleiben lassen, auf die Idee zu verfallen, den Motor anwerfen zu wollen.

 

* Die "Peter" tauchte in den Nebel ein. In der ekligen, kühlen "Suppe" sah man manchmal kaum die Hand vor Augen. Urplötzlich klang an die Ohren Departs und der anderen, die sich an Deck zusammendrängten, ein Geräusch. Eindeutig: Rotorenlärm. Wie von einem großen Militärhubschrauber. Plötzlich begann wildes Schießen aus Nordosten: mehrere Gewehre; am Schluß ein einzelnes Maschinengewehr, das in einer Tour feuerte, bis die Schießerei abrupt abbrach. Unerklärlich. Spielte sich hier Krieg ab?

 

* Kurz hintereinander wurde die "Peter" von drei heftigen Schlägen erschüttert. War das Rumpf über ein Riff gescharrt? Anton Dieger, Helmut Unger und Gonzales Rigid begaben sich unter Deck, um zu prüfen, ob durch irgendwelche Lecks im Schiffsbauch Wasser einlief. Glücklicherweise waren die Stableuchten, die die Szene erhellen sollten, an Ort und Stelle.

 

* Dann war die "Peter" aus der kalten Nebelsuppe draußen. Die Männer und Frauen, die die Besatzung der Luxusjacht bildeten, staunten: Land! Sie sahen - Land. Mit der Strömung trieb das angeschlagene Segelschiff auf weißen Strand zu, Palmen, Gesträuch. Eigentlich aber auch logisch, daß alles so sein mußte, denn wo bitte hätte sonst das Geballere und das Koptergeräusch herkommen sollen, wenn nicht von Land.

 

 

 

4. Vor Anker

 

 

* René Depart reichte das mit der Strömung; es war nicht sein Wunsch, daß die "Peter" auf den Strand auflief. Das sagte er auch zu Ivan Hammer, dem Rußlanddeutschen. Hammer sollte zusehen, daß der Buganker ins Wasser sauste; er selber, Depart, würde den Backbordanker ablassen. Hammer nickte und gehorchte stumm. Nachdem das Ausgemachte zur gleichen Zeit getan war, die schweren Anker auf Grund ankamen, hielt die "Peter" regelrecht mit einem Ruck an.

 

* Palmen waren weiterhin zu sehen, verschiedenes Gesträuch dazwischen, Zeug eben, das überall sonst auf der Welt genauso in Strandnähe heranwuchs. Ruth Depart machte die Leute nervös, weil sie fürchtete, jeden Moment könnten bewaffnete Kerle am Sandstrand auftauchen, mit ihren Waffen zu schießen anfangen. Es blieb aber alles ruhig, niemand ließ sich blicken, mit Gewehr oder ohne; auch zeigte sich kein Hubschrauber am blauen Himmel, tauchte aus dem Nebel hinten auf.

 

* Die "Peter" würde nicht absaufen, da keine Lecks im Schiffsrumpf aufgetreten waren, hörte Renè Depart von Anton Dieger. Auch der ausgelaufene Diesel war kein Problem, weil Lisa Murat, die in Paris Chemie und Biologie studiert hatte, den Dieseltreibstoff mit einem Pulver, dessen Namen bloß Lisa behalten konnte, binden wollte; anschließend reichte ein Spachtel aus, alles zu entfernen.

 

* Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies weigerten sich standhaft, sich sofort für die Aufräumarbeiten überall an Bord der "Peter" einspannen zu lassen. Statt dessen wollten die drei Spaß haben. Hammer, Raul und Davies stiegen in ihre Neoprenanzüge, halfen sich mit den Preßluftflaschen. Zu dritt ließen sie sich, Harpunen in den Händen, über Bord fallen, um ein bißchen zu tauchen und unter Wasser zu jagen.

 

 

 

5. Am Strand

 

 

* Irene Depart hatte endlich keine Freude mehr daran, mit den anderen mit Schrubber und Eimer das Deck der "Peter" zu säubern. Irene sagte es laut und deutlich, daß sie es war, der der Sturm das Geburtstagsfest versaut hatte, und daß nach dem Mittagessen aus der Dose eigentlich erst mal Siesta angesagt gewesen wäre. Auf der anderen Seite wollte sie gar nicht faul auf der Matratze liegen, sondern was unternehmen; am besten mit dem Dingi an den Strand rüberrudern, die ersten Schritte auf Sand tun.

 

* René Depart war der Vater und ein "Schatz"; weil er, im Gegensatz zur ängstlichen Mutti, dem Drängen der Tochter nachgab. Das einzig verbliebene Beiboot der "Peter", in keinster Weise irgendwie beschädigt, wurde zu Wasser gelassen. Als erstes ging Irene Depart von Bord, dann kamen Markus und Klein Nadda; den Schluß machte Ivan Hammer, der eines seiner Gewehre mitnahm, geschultert trug: man sollte gewappnet sein, falls es eine unliebsame Überraschung geben sollte. Markus Unger und Hammer übernahmen den Part, das Boot an den weißen Sandstrand zu rudern.

 

* Irene Depart, Markus und Nadda liefen ausgelassen den Strand hinauf und hinunter, während Ivan Hammer auf Wache stand. Im Sand fand Nadda eine große Meermuschel, die sich alle ans Ohr halten mußten. Krabben, die sich dummerweise blicken ließen, wurden aufgesammelt und in einem Bastkorb gelegt, Tuch drüber. Sonst wollte nichts passieren, eine Enttäuschung, die anfing, sich auf Irenes Miene widerzuspiegeln.

 

* Nadda näherte sich einem größeren Gebüsch, aus dem sie lustiges Gezwitscher gehört hatte. Aber es flogen keine Vögel auf, was Nadda befremdete. Es tat sich nicht das geringste, auch nicht, als Nadda in die Hände klatschte. Nichts anderes sah Nadda als saftiges Grün, das sich in der leichten Brise bewegte, eine Art rötliches Blatt, das sich wegdrehte, komischerweise nicht wieder erschien. Ivan Hammer störte die Szene; er schrie Nadda, sie solle kommen, "Prinzessin Irene" langweile sich schrecklich, möchte sofort an Bord der "Peter" zurück, und wenn sie die Strecke alleine rudern müßte. Also hätte Nadda herzukommen.

 

* Gehorsam lief Nadda fort vom Gebüsch, zu Ivan Hammer und ihren Freunden hin. Leben kam in den Busch: zwei grünschuppige Köpfe, wie Reptilienköpfe, groß. Die eine Kreatur, die einen roten Flecken rundum auf der vorderen Schnauze hatte, reckte den Hals lang vor, um Nadda hinterherzustarren, wie nachdenklich. Dann hatte das Unwesen genug, zog den Langhals ruckartig zurück, wendete sich mit aufgerissenem Maul dem Artgenossen zu, zischte ihm eins, woraufhin der mit einem beleidigten Zwitschern antwortete. Echsenmäuler näherten sich, wichen jeweils den nicht ernstgemeinten Beißversuchen des andern aus.

 

 

 

6. Eine Begegnung

 

 

* Irenes Launen waren echt zum Lachen, fand Ivan Hammer, der den Korb mit den Krabben in das Ruderboot stellte; erst wollte Irene auf die "Peter" zurück, dann entdeckte Irene Markus. Plötzlich nahm Hammer aus den Augenwinkeln etwas Komisches wahr: Nadda, die irgendwie dastand, als hätte sie was Komisches hinter sich im Rücken. Hammers Blick weitete sich; das Herz hüpfte ihm vor Schreck, der Mund öffnete sich ihm weit: Hinterrücks von Nadda verharrten geduckt zwei Kreaturen, grün. Waren das Warane? Mördergefahr genug.

 

* Nadda hatte Hammers Aufmerksamkeit bemerkt, wollte sich umdrehen. Sofort schrie Hammer, Nadda solle sich ja nicht bewegen. Gleich drauf hatte Hammer das Gewehr von der Schulter gerissen, brachte es in Anschlag. Die unmöglichen Kreaturen - sie wirkten eigentlich nicht wie Warane, sondern waren irgendwie was anderes - schienen die Gefahr genau zu kennen, denn sie klappten beide die zähnestarrenden Mäuler auf, drohten Nadda in den Kopf zu beißen. Mörderisch. Es war ein hundsgemeines Patt, das Hammer die Tränen in die Augen trieb.

 

* Irene Depart, die sich von hinten an Markus anschmiegte, Markus am Ohrläppchen knabberte, ihm vorne an die Badehose gefaßt hatte, dort herumdrückte, kam unvermittelt etwas seltsam vor. Sie schaute auf Hammer hin, der mit dem Gewehr in Anschlag zur Salzsäule erstarrt schien. Irene drehte sich seitlich von Markus weg, überschaute die gesamte Situation auf der Szene. Als sie alles im vollen Ausmaß erfaßt hatte, gellte Irene los. Markus schrie ebenfalls, kippte vor Schreck um.

 

* Ivan Hammer fauchte zu Irene und Markus hin, nicht noch mal mit der Schreierei anzufangen und sich nicht mehr zu rühren. Was Hammer wollte, geschah bei Irene und Markus. Die eine der übergroßen Echsenkreaturen - sie hatte deutlich einen roten Flecken auf der Schnauze - erhob sich langsam zu voller Höhe,  übermannshoch. Das Wesen erzeugte eine Grimasse, die man fast als eine Art launiges menschliches Grinsen deuten konnte. Er, sie zwitscherte - eine fröhliche Tonart -, setzte sich in unaufgeregte Bewegung, begab sich im Wiegeschritt mit Schaukelschwanz zum Wasser hin. Bis zum Bauch schritt es hinein. Dann fing er, sie an, Meerwasser zu treten, daß es platschte, spritzte. Das Wesen hörte mit dem Spaß wieder auf, blickte konzentriert auf Hammer, erzeugte Gezwitschere, machte eine Freßpantomime, tauchte den Schädel unter die Wasserfläche, um hochzustoßen. Wiederholte alles noch mal.

 

* Markus Unger sprach einen Gedanken laut aus: daß der "Dino" fressen wolle. Vielleicht wollte der "Dino" Fisch fressen. Ja, vielleicht hieß das, daß die beiden da Fisch wollten. Die wollten, daß man ihnen gefangenen Fisch brächte. Ivan Hammer wurde es zuviel, er fauchte, Markus sollte den Mund halten. Markus schwieg allerdings nicht, Markus erinnerte Hammer an die beiden Riffhaie, die mit der Harpune erlegt worden waren und die sich an Bord der "Peter" befanden. Wenn einer von ihnen die Haie an Land holen würde, sie vor die "Dinos" hinzulegen?

 

* Ivan Hammer hätte am liebsten losgeballert; nur durfte er das wegen Nadda nicht. Statt dessen meinte Hammer - eine verrückte Idee -, Markus solle zum Dingi gehen, wenn er sich das traute; Markus solle sehen, was geschieht, wenn er das Dingi ins Wasser schiebe. Markus Unger zog Irene am Arm mit sich mit, und Irene und Markus schoben das Beiboot der "Peter" ins Wasser. Auf einmal kreischte Irene, sie wolle zur "Peter" rudern. Nein, widersprach ihr Hammer, Markus solle alleine ins Dingi steigen; Irene sollte weiter Ruhe bewahren, die ganze Sache Markus überlassen, der der bessere Ruderer wäre. Hammers Worte entschieden, Markus sprang in das Dingi rein, hockte sich an die Ruder.

 

 

 

7. Zwei mal Hai, frisch geliefert

 

 

* An Bord der "Peter" waren alle beschäftigt. Kein Mensch hatte irgendeine Kleinigkeit von dem Strandgeschehen mitbekommen. Erst als Markus' Rufe wiederholt klangen, kam Pierre Raul herbei, ein Seil für Markus hinabzuwerfen, das Dingi festzumachen, eine Strickleiter abzurollen, damit Markus an ihr hinaufsteigen konnte. Erst wollte keiner Markus' Bericht Glauben schenken; es brauchte, bis einer auf der "Peter" den Blick überhaupt zum Strand hin richtete.

 

* Mit dem Fernglas überblickte Anton Dieger die Strandszene. Alles Entsetzen der Welt herrschte an Bord der "Peter"; niemand wollte das Geschehnis auf die Reihe kriegen. Margot Unger, Naddas hysterische Mutter, mußte beruhigt werden. Dann kam die Wut: Raul rannte unter Deck, um Gewehre zu holen, die Viecher schnell abzuschießen. René Depart rief seine Freunde zur Ordnung, schlug Pierre Raul den Lauf seiner Waffe zur Seite, nachdem Raul mit seiner Elefantenbüchse bereits Richtung Strand zielte.

 

* Noch mal mußte Markus Unger seine Geschichte erzählen. Schließlich nickte René Depart. René Depart hielt fest, daß am Sandstrand für Nadda unmittelbare Lebensgefahr bestand. Das Leben des Mädchens wollte man retten; alles dafür tun. Auf Anweisung Departs wurden die Riffhaie aus dem kühlenden Wasserbecken in der Kombüse geholt. Dieger begab sich in das Dingi hinunter, anschließend hoben Depart und Raul Dieger die Plastikwannen mit den Haien hinab. René Depart entschied darüber, daß er selber, Helmut Unger, der Vater Naddas, und Markus, Naddas Bruder, an den Strand rudern würden.

 

* Die Ruderei zum Sandstrand war schnell erledigt, das Dingi an den Strand geschoben. Markus Unger und René Depart hoben die Plastikwannen mit den Haien drinnen aus dem Holzboot heraus, während Helmut Unger im Dingi sitzen blieb. Markus und René Depart trugen die Wannen in die Nähe der unbeschwert miteinander zwitschernden Reptilienabkömmlinge. Als alles geschehen war, stellten Depart und Markus sich vor das Dingi hin, um zu sehen, was weiter geschehen würde.

 

* Die Mundwinkel schob René Depart hinunter, nickte Markus zu. Markus hatte es erraten, was die Ungeheuer wollten: Fisch. Fisch wollten sie. Der Echsen-Kerl mit dem roten Stirnfleck näherte sich den Plastikwannen, hob seinen Hai mit dem Maul an, griff dann mit den Brustarmen zu. Das andere Exemplar hinter Nadda wollte jedoch nicht losmachen. Er, sie benahm sich irgendwann, daß es zu beunruhigen anfing. Renè Depart fiel ein, daß das Gewehr in Hammers Händen schuld haben könnte. Depart befahl Hammer, die Waffe, die Hammer hüfthoch schußbereit hielt, aus den Händen zu legen. Widerwillig gehorchte Ivan Hammer, plazierte den Schießprügel auf dem weißen Sand.

 

* Das war es. Das entschied die Szene. Das zweite Groß-Reptil kam, sich ebenfalls seinen Fisch zu holen. Ein letztes Gezwitscher des Duos, und die beiden Monster rannten los, waren auf ihren muskelbepackten Laufbeinen samt ihrer Beute im Nu zwischen den dicht wachsenden Palmen und dem Strandgesträuch verschwunden. Es war, als hätte es den Spuk nie gegeben. Lediglich die Spuren im Sand bewiesen, daß alles für die Leute der "Peter" nicht lediglich ein Traum war.

 

 

 

8. Hai und Robbe

 

 

* Bis tief in die Nacht hinein hatte man an Bord der "Peter" gesoffen und über nichts als die unmögliche Begegnung am Strand geredet. Im Laufe des späten Vormittags des darauffolgenden Tages war Lisa Murat die erste, die wieder hinaufstieg, sich die Welt an Deck anzuschauen. Oben lehnte Murat sich über die Reling, um sich erst mal ins Meer zu übergeben.

 

* Gezwitscher! Lisa Murat kam zu Bewußtsein, daß sich Zwitscherlaute an ihr Ohr drängten. Kein Vogelgezwitscher - irgendwie anders. Am Sandstrand sah Murat ein halbes Dutzend der echsenartigen Kreaturen hüpfen, von denen jetzt alle Leute überzeugt waren, daß das keine Warane waren. Sämtliche Personen an Bord der "Peter" waren also immer noch am gleichen, seltsamen Ort, nirgendwo sonst auf der Welt. Mit heftigem Herzrasen eilte Lisa Murat unter Deck, die Mannschaft der "Peter" zu unterrichten: Die "Dinos" waren zurückgekehrt. Nicht mehr nur zwei, sondern sechs. Sechs an der Zahl.

 

* Helmut Unger, Ivan Hammer und Pierre Raul glotzten auf die Strandszene; die urzeitlichen Echsenkreaturen hüpften, zwitscherten, lärmten. Bald stimmten die drei überein, daß das ein Ende haben mußte. Jeder von ihnen würde jetzt ein Gewehr von unten holen, auf das Viehzeug am Strand da schießen, dem "verkommenen Echsendreck" zeigen, was hier auf der Welt los wäre. René Depart hatte sich dazugestellt, die drei Freunde mal daherreden lassen; nun mischte René Depart sich in die Unterhaltung ein. Depart gab zu Bedenken, daß alle an Bord der "Peter" bereits Geschieße gehört hätten. Diese Leute, die geballert hatten, hätte bisher noch keiner der "Peter"-Besatzung zu Gesicht gekriegt. Die Frage wäre, ob man diese Personen auf sich aufmerksam machen sollte. Die Ballerer wären sicher besser bewaffnet, als die dort am Strand, die eher mit Messern als Waffen kämpften. Das Problem wurde Unger, Hammer und Raul bewußt. Grinsend führte Depart aus, daß er zu wissen glaubte, was die Riesenechsen dort am Strand wollten: Fisch. Frischen Fisch. Fisch, frisch aus dem Meer.

 

* Fünf Riffhaie und zwei ausgewachsene Robben: tot. Von Pierre Raul, Gina Davies und Ivan Hammer harpuniert. Das müßte reichen, war der Gedanke. Damit ruderten René Depart und Markus Unger zum Sandstrand hin. Rege zwitschernd blickte ihnen das halbe Dutzend der Großechsen entgegen. Wie die Urwesen sich aufstellten, das war eine Fächerformation; vielleicht hatten sie mal herausgefunden, daß diese besser für sie wäre, meinte Depart mit gedämpfter Stimme zu Markus.

 

* Während René Depart und Markus Unger das Dingi an Land zogen, unterrichtete Markus, daß der mit dem roten Flecken auf der Schnauze auch mit von der Partie war, sogar wichtig im Gehabe, inmitten der Gruppierung. Um nicht lange auf irgendwas zu warten, zögerlich zu erscheinen, stellte René Depart sich breitbeinig am Strand auf, hob die Rechte zum Gruß, sprach freundlich ein paar Grußworte. Nachdem ihnen nicht passieren wollte, machten René Depart und Markus Unger sich an die Arbeit. Depart und Markus legten ohne Hast Stück für Stück das tote Meeresgetier, Hai und Robbe, am weißen Sandstrand aus.

 

* Die Zwitschertöne schienen jede der Bewegungen René Departs und Markus Ungers zu kommentieren. Als endlich alles erledigt war, plapperte René Depart zum Abschied wieder einige warme Sätze Gemeingut Richtung der sechs "Echsen". Auch Markus verbeugte sich tief, wie bei einem höfischen Empfang mit Damenwahl. Dann schoben René Depart ohne jede Hast das Dingi ins tiefere Wasser, kletterten ins Innere des Ruderbootes. Die echsenartigen Wesen zwitscherten fröhlich, schauten dabei zu, wie René Depart und Markus Unger anfingen, Richtung "Peter" zurückzurudern. Das Am-Sand-Herumliegende wurde dann beschnuppert, mit dem Maul geschnappt. Die dünnen Ärmchen faßten zu.

 

 

 

9. Die Lage peilen

 

 

* An Bord der "Peter" hatte es bis tief in die Nacht Kriegsrat und Alkohol gegeben. Irgendeine Kleinigkeit mußte unternommen werden; man konnte nicht auf der "Peter" herumhocken, Däumchen drehen, auf irgendwas warten. Das Beste wäre ein Landgang von zwei Leuten. Das wurde schließlich auch so beschlossen. Der Spähtrupp müßte herausfinden, was auf dem Eiland vor sich ginge. Wer waren die, die ballerten? Die Helikopterbesatzung, zu wem gehörte die? Vielleicht wurde auf die "Echsen" geschossen; wenn die noch ein paar mehr waren, möglicherweise sich woanders überhaupt nicht friedfertig aufführten. Entdeckte der Trupp von der "Peter", daß die anderen, deren Geschieße man erlauscht hatte, von denen welche in einem Helikopter herumflogen, freundliche Leute waren, konnten sie gewiß eine Hilfe sein, die "Peter" wieder seetüchtig zu machen. War das nicht der Fall, kriegte die Besatzung der "Peter" jedenfalls Bescheid. Entweder durch die Späher. Oder dadurch, daß diese nicht zurückkehrten.

 

* René Depart entschied sich, mit Ivan Hammer und Pierre Raul, die beide zuerst den Spähtrupp bilden wollten, mitzugehen. Weil René Depart mitkam, wollte auch Gina Davies mitkommen. Daraufhin bestand Irene, René Departs Tochter, da drauf, ebenfalls bei der Unternehmung dabeizusein; schließlich war Gina ihre, Irenes, allerbeste Freundin. Entweder erlaubte man es, daß sie, Irene, sich dem Spähern anschließen durfte, oder sie würde auf eigene Faust losgehen; dazu müßte sie am Schluß nur an Land schwimmen. Ruth Depart, die Mutter, faßte ihre Tochter Irene zum wiederholten Male nicht, Tochter Irene, die die Gefahr suchte. Und René Depart, der Vater, war schließlich von dem Gerede genervt, bestimmte, daß, wenn Gina dabei war, auch Irene sich dem Trupp anschließen dürfte. Außerdem war er der Vater Irenes, und Irenes Vater war auch bei den Leuten dabei, würde auf Irene aufpassen.

 

* Nach ein paar Stunden Schlaf oder keinen Schlaf weckte Anton Dieger, der die letzte Nachtwache zugewiesen bekommen hatte, die Mannschaft der "Peter". Das Nötige wurde für den Spähtrupp vorbereitet: ein paar Essensrationen, Schlafsäcke, Gewehre und Pistolen. Helmut und Markus Unger ruderten als erstes Ivan Hammer und Pierre Raul samt Zeug an den weißen Sandstrand rüber. Ein letztes Mal versuchte Ruth Depart ihre Tochter Irene davon abzubringen, sich sinnlos einer gefährlichen Situation auszusetzen. Irene langte sich an den Kopf, erwiderte der Mutter, daß es auf der "Peter" doch nicht weniger gefahrvoll wäre. Mutti Ruth sollte bloß an die "Dinos" denken; wenn die zum Beispiel vom Strand her zur "Peter" schwammen, an Bord schlichen, dann ... Ob Mutti denn noch nicht daran gedacht hätte, daß die Viecher vielleicht auch schwimmen könnten.

 

* Die Zeit, als er die "Peter" verließ, rübergerudert wurde, war für René Depart später wie weggewischt. Eine Art Filmriß. Departs Blick fixierte traurig Helmut und Markus Unger, die im Dingi zur "Peter" zurückruderten. Ivan Hammer räusperte sich müde, angenervt, als hätte er bereits bei Beginn des Abenteuers kein gutes Gefühl. Hammer, Raul und Davies standen in voller Kampfmontur da, Rucksäcke und Gewehre geschultert, Leute wie frisch aus dem Militärlager. Irene Depart, ein Gegensatz dazu, trug Wanderstiefel, eine schwarze Turnhose und eine Korbballmütze verkehrt herum auf dem Kopf. Wie Vater René hatte Irene eine Pistole im Holster am Gürtel. Ein Krachen riß René Depart aus der Betrachtung seiner Tochter. Jeder des Spähtrupps von der "Peter" war erschrocken zusammengezuckt. Noch viermal wiederholte sich der Lärm. Mörsergranaten, erläuterte Raul, der sich als ehemaliges Mitglied der französischen Fremdenlegion in solchen Dingen auskannte; irgendwer feuerte mit Mörsern, irgendwohin, auf irgendwen. Vielleicht auf welche von den großen Echsen, die gestern am Sandstrand gehüpft hatten. Vielleicht, daß die Viecher deswegen an diesem Morgen fehlten: weil sie mit was anderem beschäftigt waren.

 

 

 

10. Taschen unter Palmen

 

 

* Außer frisch aus den Eiern geschlüpften Mini-Schildkröten, die sich aus ihren Schlupfplätzen auf dem Weg ins Meer gemacht hatten, obwohl der frühe Morgen wegen den vielen Möwen gefährlich war, begegnete dem Spähtrupp, der den Strand runtermarschierte, nichts und niemand. Irene Depart und Gina Davies ließen wissen, daß sie sich mal kurz entfernen würden, "Frauengeschäfte". Stumm warteten René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul; die Damen ließen sich Zeit. Plötzlich war Schreierei. Irenes Schreie; kein gekreischtes Wort war zu verstehen. Schlagartig brach Irenes Gekreische ab. Ohne daß einer von ihnen ein Zeichen gegeben hätte, stürzten René Depart, Hammer und Raul jetzt zwischen die Büsche, stürmten mit vorgehaltenen Waffen dorthin, wo geschrien worden war.

 

* René Depart, die Pistole vor sich haltend, Hammer und Raul, ihre Gewehre in Anschlag, entdeckten Gina Davies, die im Sand dahockte, Irene streichelte, die ihr den Kopf in den Schoß gelegt hatte. Irene schluchzte, zitterte am ganzen Leib wie ein Espenlaub. Leise redete Gina auf Irene ein.

 

* Gina Davies berichtete, daß Irene und sie, Gina, einer Fußspur gefolgt wären. Unter Palmen hätte Irene eine mannsgroße Tragtasche entdeckt. Die Neugierde hätte Irene übermannt, und Irene habe den Reißverschluß der Tasche aufziehen müssen. Das Gesicht einer Frau sei zum Vorschein gekommen, da hätte Irene zu kreischen angefangen. Und dann war Irene weggelaufen.

 

* Nur kurz mußten Ivan Hammer und Pierre Raul suchen. Es waren sogar vier schwarze Tragtaschen in Männergröße mit zweimal zwei Griffen aus Leder, aus denen ein Summgeräusch zu vernehmen war. Von jeder der Taschen aus lief ein Draht eine Palme hinauf. Das seien Kühltaschen, rief Pierre Raul aus; durch den Draht würde Strom geleitet. Vielleicht zu Solarzellen. Ein bleiches Frauengesicht, das, weil Irene vorhin neugierig den Taschenreißverschluß herunterziehen hatte müssen, aus der Tasche herausschaute. Auf sicher auch im Leben starre, unbewegte Gesichtszügen blickte René Depart. Einen Fund zum Frösteln, fand René Depart die Frau, teilte das seinen Begleitern mit. Da war Irenes ausgeflippte Reaktion durchaus zu verstehen.

 

* Für Ivan Hammer und Pierre Raul war das jedoch das Allerwenigste, auch noch die Reißverschlüsse der übrigen Kühltaschen aufzuziehen. Drei glatzköpfige, mittelalte Kerle und eine kurzhaarige Frau undefinierbaren Alters, alle splitterfasernackt, die danach zu überblicken waren. Sehr merkwürdig, die Toten. Denn die Art, wie die Männer und die Frau aussahen, wirkte, als könnten die vier eigentlich jeden Augenblick die Augen aufschlagen, sich mit einem Ruck aufsetzen, fragen, was denn hier los wäre, wie sie hierhin kämen.

 

* Ivan Hammer konnte nicht genug kriegen; grinsend machte er sich daran, den am nächsten bei sich befindlichen Toten in der Tragtasche aufzusetzen. Das Haupt des Mannes kippte nach vorne auf die Brust. Irene entfuhr ein schriller Schrei. René Depart, Pierre Raul und Gina Davies sahen das gleiche wie Irene, jedoch ohne sich Besonderes dabei zu denken: zwei  fingernagelgroße Wundmale am Nacken des verstorbenen Unbekannten. Hysterisch sprach Irene von "Vampiren" drauflos; genau solche Male, wie sie sich an diesem Leichnam befanden, hätten die Opfer in Vampir-Filmen.

 

* Die drei Männer und die Frau, sie hatten allesamt ähnliche Verletzungen: zwei parallel befindliche, kreisrunde Wunden, fingernagelbreit, ungefähr fünf Zentimeter auseinander. Bei allen im Nacken. Irene wollte nicht von dem Vampir-Gedanken abkommen. Das wäre doch glasklar, wiederholte Irene, daß die vier infolge eines Vampir-Bisses an Blutverlust gestorben seien. Ivan Hammer zuckte die Schulter, bleckte die Zähne, meinte, er glaube, er hätte noch etwas anderes hier gesehen. Grob rollte Hammer einen der toten Männer in seiner Tragtasche in die Seitenlage. Alle hier sollten mal zum Schauen zu ihm herkommen, verlangte Hammer. Jeder von der "Peter"-Besatzung gehorchte, guckte, las. Das Emblem eines Seehundes mit dem Schriftzug "American Navy" darunter war zu blicken. Das seien tote Amerikaner, kommentierte Ivan Hammer; Tatsache, amerikanisches Militär kannte das Eiland. Sicher eine Freude, amerikanische Soldaten zu treffen. Alle könnten sie nicht auf die Amerikaner zugehen; erst müßten sie, die Leute von "Peter", das sehen, ob nicht der eine von ihnen sofort standrechtlich erschossen würde. Amerikanern in Uniform war wirklich alles zuzutrauen; unbedarft sollte sich solchen keiner nähern.

 

 

Insel der Überraschungen (11 - 20)

 
 
 
11. alter Mauerrest
 
 
* Mit großen Augen verharrten alle Leute des Spähtrupps am Platz. Ihrem Gesichtsfeld war eine marktplatzgroße Fläche entstanden, auf der nicht ein Sträuchlein aus dem Sand wuchs. Das aufregendste war jedoch dieses Stück meterhohe Steinmauer, das ehemals ein Tor besessen haben mußte. Wo der natürliche Bewuchs zu beiden Seiten des Mauerwerks wieder die Herrschaft übernahm, fiel die Mauer unregelmäßig steil ab, bis nichts mehr war. Als wäre der Mauerüberrest irgendein Scherz, den eine unbestimmte Natur sich mal erlaubte. Aus Pierre Raul plapperte es raus, daß er die Mauer auf eine Höhe von neun, zehn Stockwerken schätze, dort, wo sie am höchsten war.

 

 

* Irene Depart biß den Knöchel ihrer Faust. Seit Irene die Toten in den Tragtaschen gesehen hatte, wirkte Irene angeschlagen. René, der Vater, wiederholte es Tochter Irene, daß sie wieder zur "Peter" zurückgehen könnte, wenn sie das wollte. Gina Davies würde sie, Irene, zurückbegleiten; zu zweit mit Gina müßte Irene sich weniger um irgendwas Sorgen machen. Daraufhin zog Irene ihre beste Kleinmädchenschnute, schüttelte den Kopf, sagte, nein, sie wolle nicht zur "Peter" zurück, sondern mit dem Trupp weitergehen; mit ihren Ängsten würde sie schon fertig werden. Wenn dann bissen jeden die Vampire. Gereizt zuckte René Depart die Schulter; zu Ivan Hammer hin verdrehte René Depart die Augen.

 

* Alles sehr, sehr alt, übernahm Ivan Hammer das Wort, während alle des Spähtrupps der "Peter" weiter herumstanden; das Mauerwerk hier hätte die Ausstrahlung von hohem Alter. Pierre Raul stimmte dem zu, erklärte, er fühle sich auch ganz anders an diesem Ort; er hätte sich gewünscht, er hätte sich alles unter anderen Umständen anschauen können, als durch die Umstände, für die die Macht des Schicksals verantwortlich war. Irene eröffnete mit einigermaßen fester Stimme, daß das Aussehen der Mauersteine sie an einen Dokumentarfilm erinnere, den sie vor ein paar Wochen im Fernsehen gesehen hätte. In der Umgebung von Calais hätten Archäologen mysteriöse Mauerreste ausgegraben, Mauern, mit denen die Wissenschaftler nicht gerechnet hätten; wirklich ominös, die Mauern. Dickste Mauern, ohne jeden Mörtel und scheinbar ohne Bearbeitung millimetergenau angepaßt hochgezogen. Eine Bauweise, die die Menschen späterer Epoche ähnlich nicht wieder entwickelt hätten, hieß es in dem Film.

 

* Gina Davies zeigte, rief aus, dort, genau in der Mitte der steinernen Querstrebe, dort, wo drunter einmal das rechteckige Tor gewesen sein mußte, würde sie so was wie ein riesiges Affengesicht erkennen. Nachdem Gina Davies darauf aufmerksam gemacht hatte, meinten sofort alle des Trupps von der "Peter", daß sie ebenfalls genau das blicken würden, wovon Gina Davies redete. Mit ausreichender Phanatasie mochte das sogar die grinsende Affenfratze sein, eine Art eines Gorilla, jedoch übergroß; sicher eine Art Idol. Vielleicht ein Gottwesen, das über die Stadt herrschte.  René Depart, dessen Laune wegen Tochter Irene sehr schlecht war, lachte die anderen wegen ihrer Phantasie aus.

 

 

 

12. Jenseits der Mauer

 

 

* Es war Pierre Rauls Vorschlag, die Passage durch das alte Tor zu nehmen. Jeder des Spähtrupps von der "Peter" war einverstanden; nur Ivan Hammer moserte, daß man auch nicht unter Leitern durchging, wenn man kein Pech haben wollte. René Depart, Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies und Irene Depart machten sich auf den Spazierweg. Als erstes durchquerte René Depart die Gesteinspforte für einen Riesen.

 

* Irene Depart redete nicht laut, dafür aber wie ein Wasserfall in Richtung Gina Davies, daß René Depart dem Trupp auf der anderen Torseite das Anhalten befahl. Was Irene meinte, war, daß sie es schade fände, daß keiner von ihnen ein Mineralist wäre. Eventuell wäre das droben schwarzer Alabaster gewesen, das sie auf der anderen Seite für eine Affenfratze gehalten hätten. Nichts mehr wäre aus der Nähe von einem Affengesicht zu erkennen gewesen. Die Sonne ließ das Gestein plötzlich sogar gleißen. Eine ungeheure Leistung der unbekannten Bevölkerung, das dort oben einzufügen, diesen Riesenstein, wie in einem Stück. Die anderen Gesteinsbrocken, wie in dem Dokumentarfilm im Fernsehen, praktisch fugen- und mörtellos ineinandergefügt. Daß alles exakt paßte. Daß kein Blatt dazwischen paßte. Kein High-Tech heutiger Tage hätte das besser geschafft. Deutlich aber auch der Zahn der Zeit, der an allem nagte. René Depart nervte die aufdringliche, besserwisserische Fasellaune seiner Tochter. Vater Depart schnarrte, es nütze niemandem irgendwas, an diesem Ort Wurzeln zu schlagen; sie alle sollten zusehen, weiterzukommen. Ob die andern ihm folgten oder nicht, schritt René Depart voran.

 

* Nichts als ein Streifen trockener, rissiger Erdkruste von der Breite eines Fußballfeldes fand sich jenseits des antiken Mauerndurchgangs; nach links und rechts machte das Feld jeweils eine Biegung, ohne daß dort Wege weiterführten. Nicht der allerkleinste Halm wuchs aus diesem toten Boden. Während René Depart gegenüber der "fettste" Dschungel die Herrschaft übernahm. Als Pierre Raul neben René Depart hintrat, meinte Raul zu Depart, daß er jetzt gerne einen Geigerzähler zur Hand gehabt hätte. Das wäre gewiß interessant gewesen, abzulesen, welche Strahlenwerte an dem Ort angezeigt würden. Sonst wäre das mit der staubtrockenen Erdkruste nich erklärbar. Nachdem Pierre Raul das ausgesprochen hatte, kam Eile in die Gruppe. Gina Davies übernahm sogar an René Departs Statt sogar die Führung; Gina sorgte dafür, kraftvoll mit der Machete zuschlagend, die sie am Gürtel gehabt hatte, daß sie allesamt schnell in den Dschungel eindrangen, drinnen vorankamen. Eine seltsame Stille herrschte hier zwischen den Bäumen. Als hätte sich die Vogel- und Tierwelt mit ihrer Geräuschkulisse, die sonst ständig stattfand, aus einem unübersichtlichen Grund irgendwohin verzogen.

 

* Plötzlich entstand um René Depart, Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies und Irene Depart herum wieder Gezwitscher. Gezwitscher einer Art jedoch, wie sie alle sie jetzt kannten. Ivan Hammer fluchte hemmungslos drauflos. Pierre Raul hielt fest, daß er jedes dieser komischen Echsenungeheuer sofort abknallen würde, sobald es auch nur Anstalten mache, heranzukommen. Irene Depart korrigierte Raul, das seien "Raptoren"; das müßte doch lange jeder von ihnen mittlerweile klar im Kopf mitbekommen haben, daß das Raptoren wären. René Depart beschwor Pierre Raul, Ivan Hammer, Gina Davies, nicht die Nerven zu verlieren, nur dann auf irgend etwas zu schießen, wenn es wirklich die Notwendigkeit dafür gäbe.

 

* Abrupt war die Gruppe von der "Peter" aus dem Dschungelwirrwar draußen. Eine weitläufige Lichtung, die sich ihren Blicken eröffnete. Das Gras wuchs grün und knöcheltief. Irene Depart kreischte, deutete rechter Hand, schrillte, da sei ein "Monster". Tatsächlich, dort lag etwas sehr, sehr Großes. Das sich allerdings nicht das bißchen regte.

 

 

 

13. "Ankylo"-Riese

 

 

* Ohne lange über ihre Absichten zu unterrichten, rannte Irene Depart los, Richtung des reglosen Monsterdings. Vater René Depart fluchte, sprach, erst mache Irene sich vor Angst in die Hosen, dann müßte Irene drauflosrennen, keine Gefahren kennend. Pierre Raul, der sein Gewehr hüfthoch feuerbereit hielt, seufzte zu René Depart hin. Ivan Hammer nickte zu Gina Davies hin, bezeigte Gina Davies, daß er ihr gerne den Vortritt ließ, und Pierre Raul, Ivan Hammer und Gina Davies schafften sich in Bewegung, Irene Depart hinterher. Reglos stand Irene bei dem Großkadaver herum.

 

* Ein dreifaches aufdringliches Klickgeräusch wie ein Signalton ließ René Depart zusammenzucken, René Depart, der keine Lust gehabt hatte, sich von Ort und Stelle zu rühren. Linker Hand von ihm, René Depart, daß standen sie auf der Wiese dastanden, drei der großen grünen Schuppen-"Echsen". Der mit dem roten Flecken auf der Schnauze, den René Depart jetzt bereits kannte, war auch dabei. Der in der Mitte. "Rot-Schnauze" fixierte René Depart mit seinen gelben Augen, komisch. Auf einmal glaubte René Depart zu verstehen, was der Blick ihm sagen wollte: daß erst einmal er und seine menschlichen Freunde an der Reihe wären, dort vom Fleisch zu fressen, dann aber ...

 

* Ganz atemlos vor Schrecken erreichte René Depart die anderen vier. Irene Depart war in ihrem Element, schwatzte. Irene Depart erläuterte, daß hier am Ort bei dem Monstrum nicht bloß der hornbewehrte Schädel fehlte, sondern auch am Schwanz ein Stück. Abgetrennt, die "Keule". Die "Schwanzkeule". Fragte man sie, Irene Depart, hätte sie in ihrem Dinosaurierbuch bereits Bilder solch eines Dinos gesehen. Nach ihrer Meinung ein "Ankylosaurus", üblicherweise drei, vier Meter, Tümpelbewohner. Der "Ankylo" da war jedoch größer, bräuchte auch einen größeren Tümpel, vielleicht das Meer in Strandnähe. Ivan Hammer lachte, versetzte feixend, daß das wohl stimmen müßte; diese "Ankylosaurus"-Ausgabe hätte sicher fünfmal die Größe von drei, vier Metern. Und zu fressen, das müßte man dem 'Ankylo' mit einem Bus anliefern, "Essen auf Rädern" als Busfahrt.

 

* Um sich schlagend, flüchtete Pierre Raul vor einem großen schwarzen Schwarm Aasfliegen, der ihn aus irgendeinem Grund alleine angriff. Von der anderen Seite des toten Ungetüms her meinte Pierre Raul, Irene hätte wahrscheinlich ganz recht. Hier müßten Jäger am Werk gewesen sein, Jäger, die sich Trophäen geholt hätten. Denn den "Ankylo" hätte hier auf der Flanke eine Panzerfaust erwischt; gegen das Geschoß von der Panzerfaust nützte der allerstärkste Hornpanzer nichts; das Horn war glatt aufgesprengt. Was ihm Raul noch auffiel, war, daß der "Ankylo" wäre woanders gestorben sein müßte; denn das Blut des "Ankylo"-Viehs hätte die Wiese tränken müssen; davon wäre allerdings nichts zu erkennen.

 

* Gina Davies zischte, Pierre Raul sollte bitte alle einmal den Mund halten. Raul schwieg, starrte in Ginas Richtung. Zunächst war da das Fliegengesumm, ziemlich laut. Bis jeder des Spähtrupps es erlauschte: Helikoptergeräusch. Die Tonart eines Hubschraubers. Die Geräuschquelle näherte sich gefährlich schnell. René Depart gellte den Befehl, man sollte sofort losrennen, zwischen die Bäume hinein.

 

 

 

14. Helikopter

 

 

Der Helikopter drehte nicht schnell wieder ab, sondern flog über der Dschungellichtung eine Runde nach der anderen. Der hätte entweder eine Wärmebildkamera an Bord oder könnte einen von ihnen, der zum Spähtrupp von der "Peter" gehörte, laufen gesehen haben, zischte Ivan Hammer mißmutig zu René Depart hin. René Depart blies die Wangen auf; irgendwie war ihm, er hätte den Tod unmittelbar vor Augen. Wenn sie einfach auf die Lichtung hinausginge, hinaufwinke, würde der Pilot sie sehen und sofort landen, versetzte Irene mit ihrem unschuldigsten Kleinmädchengesicht Richtung ihres Vaters René. Daraufhin faßte René Depart, dem das Herz bis zum Hals schlug, seine Tochter Irene am Arm, ehe die ihre Idee Wirklichkeit werden lassen konnte.

 

* Wenn irgendwer etwas wolle, müßte der Pilot bald mal landen, sprach Pierre Raul es aus. Vater René Depart packte Irene erneut am Unterarm, zog die Tochter nach hinten zurück, Irene, die sich aufs neue grinsend aufmachen wollte, um auf die Dschungellichtung zu treten, sich offen den Blicken der Hubschrauberleute zu präsentieren. Dann begann vom Hubschrauber herunter das Schießen. Rund um sich sah René Depart, der sich hinter einen dicken Baumstamm stürzte, Erde spritzen. Zum Glück reichte dem Helikopterpiloten eine Salve, hatte der  Rundumflug die Schnauze voll, flog in der Diagonale über die Lichtung, Richtung Landinneres des Eilands. Im Nu war das Flugobjekt davon. Im Nu war kein Hubschraubergeräusch mehr zu vernehmen.

 

* Keiner vom Spähtrupp von der "Peter" hatte von der Ballerei eine üblere Verletzung davongetragen. Pierre Raul erwischte ein Streifschuß am Oberarm. Verband kriegte Pierre Raul angelegt. Ivan Hammer hatte ein Baumsplitter am Bauch erwischt, den Ivan Hammer sich herausholte. Selber versorgte Ivan Hammer seine Wunde mit Jod. Gina Davies meinte, daß sie die Hosen voll hätte, auch das käme mal vor; zum Glück hätte sie immer einen kleinen Flakon Parfüm dabei. Um sich zu säubern, entfernte Gina Davies sich kurz hinter Gebüsch. Irene Depart war zornig. Wegen Vati René. Auf der Meinung beharrte Irene Depart, daß es keine Schießerei gegeben hätte, wäre sie einfach auf die Lichtung hinausgetreten, hätte gezeigt. Hätte sie, Irene, ihre Absicht in die Tat umsetzen könne, wäre klarerweise die gesamte Geschichte mit all ihren Problemen erledigt. Der "Peter" und den Freunden auf der "Peter" wäre ebenso geholfen gewesen. Der Helikopter hätte keinem ein gutes Gefühl gemacht, meinte Pierre Raul zu Irene Depart. Vielleicht hätte das Geballere überhaupt nicht ihnen, denen von der "Peter" gegolten, sondern den Grünschuppenkreaturen der Marke "Dino". Selbst Gina Davies, Irenes beste Freundin auf der "Peter", die wieder von hinter dem Busch zurück war, schaffte ein Kopfnicken. Um die Sache abzuschließen, erklärte René Depart, daß sie es mit diesen Leuten, die den Helikopter flogen, früh genug zu tun bekämen; jetzt wüßte jeder von der "Peter" Bescheid, daß die "anderen" freiweg auf alles schossen, was sich bewegte.

 

* Sein Punkt wäre, daß an dem Hubschrauber kein amerikanisches Hoheitszeichen zu erkennen gewesen war, übernahm Ivan Hammer; das hätte doch gewiß jeder von ihnen gesehen, daß das kein Fluggerät war, das eindeutig als eines der Vereinigten Staaten zu identifizieren war. Das Zeichen am Hubschrauberbauch sei ihm, Hammer, total unbekannt: zwei diagonal sich gegenüberliegende Kreuze. Nicht, daß er wüßte, daß er, Hammer, so was von irgendwoher kannte. Religiöse Gefühle bekäme er bei dieser Symbolik nicht. Auch Pierre Raul erklärte, daß er mit diesem Hubschraubersymbol nichts anfangen konnte. Irene Depart zog die Schnute eines äußerst unzufriedenen Mädchens, wiederholte es allen, die sich um ihr herum befanden, noch einmal, daß sie die Welt hier nicht verstünde. Wenn Vati René nicht gesponnen hätte, wäre vielleicht nicht geballert worden, wüßte man jetzt vielleicht schon über alles Bescheid, befände sich auf dem Weg zu einer Ortschaft dieser Leute. Wissenschaftler könnten das sein; man könnte sich doch nicht vor Wissenschaftlern verstecken. Diese Wissenschaftler wollten von nichts nichts wissen, sondern hätten Lust am Schießen gehabt, versetzte Pierre Raul zu Irene Depart hin. Bei solchen, da spähte man besser weiter, ehe man ihnen offen gegenübertrat.

 

 

 

15. Kampf-Tanz

 

 

* Eben war der Trupp auf seinem Weg zur gegenüberliegenden Seite der Dschungellichtung an dem "Ankylo"-Kadaver vorüber, da vernahmen alle Gezwitscher. René Depart verfluchte die Welt. Eigentlich hätten sie sich ja denken können, daß die auch noch da waren, sich nur weggeduckt versteckt hätten, war von Ivan Hammer zu belauschen. Das seien jetzt zwölf Schnauzen, konstatierte Pierre Raul, nachdem er sich langsam im Kreis herumgedreht hatte; er würde zwölf zählen, wenn keiner mehr zähle, wären das zwölf. Eine lebensgefährliche Geschichte. Wie die Taliban. Amerikanische "Marines".

 

* Niemand des Spähtrupps von der "Peter", der sich groß regen wollte. Die grünbeschuppten "Dinos" näherten sich zwar bedächtig aus der Richtung Baumbestand von der anderen Seite. Angriffslustig wirkte das jedoch nicht; eher als hätte das mit was anderem zu tun. Trotz dieser Wahrnehmung mußte René Depart sich zur Kühle zwingen; auch von den anderen, Raul, Hammer, Davies und Irene, blieb jeder äußerlich ruhig. Fast ein kleines Wunder, daß keiner ausflippte, zur Waffe greifen wollte.

 

* Der "Dino"-Bursche mit dem roten Flecken auf der Schnauze, wo etwas Gelbliches lief, als hätte er dort einen Streifschuß abgekriegt, trippelte heran, baute sich in voller Größe den Menschen von der "Peter" gegenüber auf. Beinahe eine menschliche Geste, mit der "Rot-Schnauze" mit seinem dünnen Ärmchen zum "Ankylo" hin nickte. Ohne großartig zu überlegen, rein instinktiv, machte René Depart mit der Rechten eine zustimmende einladende Handbewegung; noch einmal lud René Depart alle ein. Ein erfreutes Gezwitscher von "Rot-Schnauze". Mit dem Finger zeigte René Depart auf den "Ankylo", winkte, daß niemand auf irgendwas warten müßte. Fröhlich zwitschernd tauschten die von "Dino"-Bande sich aus. Zwei der "Grünlinge" konnten sich nicht länger zurückhalten, liefen auf den "Ankylo" los. Zwei Hüpfer, und die beiden standen auf dem Rückenpanzer des "Ankylo" droben.

 

* Mit großen Augen beobachteten die menschlichen Zuschauer der Szene, daß einer derer wie aus einer "Dino"-Welt, vor dem "Ankylo"-Halsstück sich aufbaute, dort, wo in der Gegenwart der Gigantenkopf fehlte. Weit öffnete sich Maul des "Grünlings"; scharfe Zähne frästen eine Schneise ins Fleisch, von oben nach unten und zurück. Mit dem "Echsen"-Schädel voraus bohrte sich der grünfarbene "Dino" ins Weiche hinein, tiefer und tiefer. Am Schluß verschwand mit dem letzten Stück Schwanz das ganze gierige grüne, mannshohe Ungeheuer im "Ankylo"-Innern.

 

* Als ob nirgends sonst Platz wäre, tänzelte ein "Kollege" samt großem Fleischbatzen in den Ärmchen auf "Rot-Schnauze" zu. Deutlich hatte das zu bedeuten, "Rot-Schnauze", der sollte zur Seite treten, Platz machen. "Rot-Schnauze" fiel das überhaupt nicht ein, seitwärts von der Stelle wegzumachen. Ein Zwitscher-Duell entspann; zuletzt kreischten die Kontrahenten nur noch laut. Dann beabsichtigte der mit dem Batzen Fleisch, davonzuspringen, als sei ihm plötzlich die Idee gekommen, daß er "Rot-Schnauze" nicht besiegen würde können. Das Laufbein von "Rot-Schnauze" schwang hoch, es klickte. Der Stich der feststehenden Kralle verletzte nicht, weil der andere reaktionsschnell rückwärts hüpfte. Beide Gegner führten jetzt Stiche, benutzten dafür ihre Kralle. Das wäre die "Sichelkralle" der "Raptoren", raunte Irene René Depart, ihrem Vater, ins Ohr; deswegen, wegen dieser Kralle, wären das dort "Raptoren", keine Echsen wie die Warane. René Depart blickte Irene einen Moment groß an, wischte sich mit der Hand über die Lippen.

 

* Ein tänzelnder Kampf. Wie wenn Menschen mit einem Messer gegeneinander antraten: Attacke, Abwehr, dem Hieb ausweichen, davonspringen, dem Feind etwas antäuschen. Mit bloßem Auge war es manchmal schwer, alles genau mitzubekommen, so rasend bewegten sich die Kämpfer. Bis es war, als hätte irgendwer mit der Fernbedienung die Szene angehalten; nach vielleicht einer halben Minute das Bild stand. Der Zweikampf war entschieden. "Rot-Schnauze" zielte mit der "Sichelkralle" auf den ungeschützten Unterbauch seines Gegenübers. Dagegen gab es nicht die allergeringste Abwehrmöglichkeit; der Stoß war tödlich, wurde er geführt. Vom Besiegten war ein jämmerlich traurig-feiges Zwitschern zu vernehmen. Abrupt ließ er sich nach hinten auf den Rücken fallen, präsentierte der Welt am Grasboden eine geschlagene Kreatur, schicksalsergeben. "Rot-Schnauze" jedoch bezeigte Großzügigkeit, erlaubte es dem Geschlagenen, sich hochzurappeln. Auf schnellen Laufbeinen warf sich der eine, Hoch sprang, der vorhin der Herrscher sein wollte, auf seine Laufbeine, warf sich herum, um mit hoher Laufgeschwindigkeit davonzumachen, im Unterholz des Dschungels den Blicken der menschlichen Beobachter und seines Kontrahenten zu entschwinden.

 

 

 

16. Rübermachen

 

 

* Der dichte Dschungel war zurückgeblieben. Die schweigsamen Mitglieder des Spähtrupps marschierten auf härterem Boden, aus dem nur vereinzelt Baumriesen und fremdartiges Krüppelgebüsch in die Höhe wuchs. Da sei ein Abgrund, rief Gina Davies aus, die dauerhaft die Spitze des Spähtrupps für sich erwählt hatte. Knapp vor der Spaltkante verhielten alle von der "Peter", blickten auf die andere Seite hinüber. Das wäre über dem Daumen gepeilt eine Dreißig-Meter-Erdbebenspalte, meinte Ivan Hammer. Links und recht verlief der breite Spalt so weit das Auge reichte. Pierre Raul seufzte; es müßte der Spalt irgendwo ein Ende nehmen, sprach Pierre Raul den anderen hin. Eine Münze holte Ivan Hammer aus seiner Hosentasche. "Kopf" war Marschrichtung linker, "Zahl" Marschrichtung rechter Hand. "Kopf" fiel, also würden sie alle nach links gehen, wenn keiner was dagegen hatte. Also war es entschieden. In der Hoffnung, daß der Riesenspalt irgendwo enden müßte, schritten die Leute der "Peter" schweigsam den Felsspalt in die Richtung längs, die der Zufall gewählt hatte.

 

* Abrupt stoppte Gina Davies, daß Raul gegen sie stieß. Mit ausgestrecktem Arm zeigte Davies voraus. Jeder des Spähtrupps der "Peter" sah es.  Schon die Frage, ob man sich an dem Ort über irgendwas freuen sollte, öffnete Pierre Raul den Mund, brachte seine Gefühle zum Ausdruck. Es wäre wirklich die Frage, die sich jeder stellen sollte: ob man nicht besser zur "Peter" zurückmarschieren sollte, statt hier auf der andern Seite sein Glück zu versuchen. Weder René Depart, Ivan Hammer, Gina Davies oder Irene Depart wollten Pierre Rauls Worten irgendwas hinzufügen. Das, auf das die Leute von der "Peter" starrten, war eine Art stählerne Hängebrücke; das Ding schien stabil für eine ganze Gruppe. René Depart fragte alle, was man nun anstellen sollte: Umkehren oder rübermachen? Entschlösse man sich zum Rübergehen, müßte man Weitergehen, bis zum Ende.

 

* Tochter Irene war launisch, gereizt. Und irgendwie und irgendwo schien Ivan Hammer nicht den passenden Augenaufschlag gebracht zu haben, was Irene anging. Jedenfalls mochte Irene den Schokoriegel nicht, den Ivan Hammer ihr anbot. Auch aus der Wasserflasche Hammers wollte Irene nicht trinken. Das einzige Wasser, das schmeckte, war das von Gina Davies. Zu Ivan Hammer hin zuckte René Depart die Schulter, sagte, daß, wenn die Gruppe dann hinüberginge, das ein nicht wieder gut zu machender Fehler sein könnte. Jetzt könnte noch darüber nachgedacht werden, auf die "Peter" zurückzukehren. Irene meinte zu Gina Davies, daß die Kerle daran dächten, daß die Mädchen die sein könnten, die sich zur Umkehr entschlossen. Böse Blicke Richtung Vater René werfend, begab sich Irene aus der unmittelbaren Umgebung der Leute fort. Breitbeinig baute Irene sich knapp vor dem steilen Abgrund auf, starrte in die Tiefe hinab. Unvermittelt entfuhr Irene Depart ein Schrei; dort drunten an der Felswand gegenüber wäre ein riesiges Netz gespannt; ein Netz von einer Riesenspinne. Das Spinnenvieh müßte ja einen Durchmesser von einem Meter haben.

 

* Ivan Hammer war der, der seine Gedanken laut aussprach, sagte, die Augen müßten Irene einen Streich gespielt haben; nichts als Dunkelheit sähe er, wohin Irene deutete, drunten, Irenes Meinung nach, dieses Spinnennetz sein sollte. Kopfschütteln Irene Departs. Plötzlich sei das weißfädrige Netz verschwunden, verstand Irene die Welt nicht.  Ivan Hammer zuckte die Schulter, es wäre sowieso alles ziemlich egal, solange die "Spinne" nicht hochkäme ... Ein Aufschrei Ginas erschreckte; wo Gina Davies herumstand, deutete Gina Davies in die Abgründigkeit hinunter. Jedem des Spähtrupps von der "Peter" schlug das Herz sofort bis zum Hals. Alle konnten das gleiche blicken: bleiche Viecher. Bleiche Riesenviecher, sicherlich mannsgroß, die aus ihren Nischen zwischen dem Fels herausschlüpften. Die bleichen Monster wie übergroße Raupen machten sich relativ geruhsam, unaufgeregt daran, heraufzukriechen.

 

* Von einer Dreckssituation in die nächste würden sie in diesem Alptraum tanzen, lamentierte Ivan Hammer, der sich das Gewehr von der Schulter riß, entsicherte. Nicht schießen, befahl René Depart; Schießerei nur in allerhöchster Not. Pierre Raul sollte als erster gehen, Gina Davies Pierre hinterher, dann Irene, Hammer und er selbst, René, entschied René Depart die Reihenfolge. Pierre Raul ließ sich nicht lange bitten, begab sich mit entschlossener Miene auf die stählerne Hängebrücke, hielt sich links und rechts an den zweimal fingerdicken Stahllängssträngen fest. Zu Rauls Füßen waren Ein-Meter-Stahlplatten ineinandergeschoben, und als Raul einmal hochhüpfte, schaukelte das Ding nur ein wenig. Also in dieser Hinsicht alles bestens und sicher; man konnte hinüberkommen.

 

* Als René Depart hinter Ivan Hammer auf der Stahlplattenhängebrücke etwa die Hälfte des Weges nach der anderen Seite zurückgelegt hatte, fiel ihm ein, daß er doch gerne gesehen hätte, was sich in seinem Rücken abspielte. Herum wandte René Depart sich, sich nur mehr mit einer Hand am Stahlseil festhaltend. Dort, wo der Spähtrupp eine Pause eingelegt hatte, krochen acht bleiche Ungetüme durch die Gegend. Die größte der herumsuchenden "Raupen" schätzte René Depart auf drei Meter. Was sein würde, befand man sich den Viechern in der Mitte, während sie ihren Kreis enger schlossen, daran wollte René Depart lieber nicht denken. Auch wenn man Gewehre, Pistolen hatte, mußte das nicht heißen, daß sich damit eine Sache schnell erledigt hatte.

 

 

 

17. Dschungelstraße

 

 

* Der Dschungel kehrte mit seinem dichten Pflanzenwuchs zurück. Mit ihrer Machete schlug Gina Davies, die weiter die Anführerin spielte, dem Trupp von der "Peter" links und rechts den Weg frei. Plötzlich schrie Gina, stoppte, und René Depart, in dessen Gedanken die vergangenen Geschehnisse irrlichterten, stieß gegen Gina. Soeben schaffte Gina es, auf den Beinen zu bleiben, nicht wegen René Departs Rempler nach vorn hinzustürzen.

 

* Ein aufgeschütteter Kiesweg im Dschungel, den Gina Davies entdeckt hatte. Eine bequeme Straße, breit genug für einen Geländewagen oder sogar größere motorisierte Fahrzeuge; auch Gegenverkehr konnte es geben. Weil der Ort eine Kurve war, hatten unbekannte Arbeiter zwei armdicke Stahlrohre in den Erdboden getrieben; an den Rohren droben fanden sich hölzerne Pfeilschilder angeschraubt. Weiße Flächenfarbe, schwarze Schrift. Auf dem einen Schild stand "Station IV" geschrieben; auf dem zweiten, ein einfaches Rechteck, kein Richtungspfeil, stand "Kasino", darunter, Pfeil in die gegenüberliegende Richtung: "Station II". Irene meinte, sie wolle ins "Kasino". Damit entschied Irene Depart die weitere Marschrichtung des Spähtrupps, "Kasino" und Richtung "Station IV".

 

* Ivan Hammer und Gina Davies, ihre Gewehre in Anschlag, schritten etwas voraus; Pierre Raul sicherte als letzter hinten, ebenfalls die Waffe schußbereit. Dort sei etwas, da im Gebüsch, meinte Irene Depart, huschte, ohne irgendwas abzuwarten, zwischen das Gesträuch, bückte sich auf den Boden herab. Zurückkommend präsentierte Irene einen fleckigen hellbraunen Safarihut, den sie weit genug von sich hielt und schüttelte. Der Hut hatte auf der Stirnseite ein Einschußloch, durch das Irene ihren Zeigefinger bohrte. Dann kreischte Irene, schleuderte den Hut weg, zurück ins Gebüsch, dorthin, wo sie das Teil hergeholt hatte. Heulend hüpfte Irene, wischte die wuselnden, zentimetergroßen roten Viecher runter, die sie aus dem Hutbauch heraufkrabbelnd unvermittelt angriffen und in die Finger, den Handrücken bissen.

 

* Irene Depart hatte sich nach ein paar Minuten, weil sie gesund blieb, von Gina Davies verarztet und bemitleidet wurde, wieder soweit beruhigt. Ivan Hammer kam zu René Depart und Pierre Raul, versetzte, alles hier wäre ihm viel zu ruhig, direkt wie tot; es müßten doch Dschungeltiere in der Umgegend rumschreien. Pierre Raul lief auf seine Freunde zu, rief, das sollten sie sich alle mal selber anschauen, das, was da voraus wäre. Unlustig eilte René Depart Hammer und Raul hinterher, während Gina Davies und Irene nachfolgten. Mit ausgestrecktem Arm zeigte Raul, auf das, was an diesem Ort vorzufinden war, was jetzt alle überblickten: eine abgeholzte Fläche im Urwald mit vier Pfahlbauten, die Dächer mit dickem Stroh ausgelegt; drei offen stehende gemauerte Garagen. Irgendwelche Fahrzeuge standen nicht drinnen herum. Auf dem größten der Pfahlbauwerke war ein meterlanges Holzschild angebracht, auf dem in weißer Malfarbe "Kasino" draufgeschrieben stand.

 

 

 

18. Der Besuch im "Kasino"

 

 

* Bei den Pfahlbauten blieb es ruhig. Stille beherrschte die Szene, Blätterrauschen. Vielleicht möglich, daß es hier bei Dunkelheit richtig abginge, konnte Pierre Raul den Mund nicht halten; wenn die Lichter brennen würden, die Neonreklame ganz oben dort am Dachgiebel des größten Holzbaus aufleuchtete, das Wort "Kasino" blinke ... Pierre Raul lachte. Männliche, weibliche Soldaten, setzte Raul fort, Alkohol, was zu rauchen. Das Leben, das müßte doch nicht immer aus langweiligem Dienst bestehen, aus Sitte, Ordnung und Gehorsam; zwischendurch könnte man doch auch Spaß miteinander haben, ein klein wenig über die Strenge schlagen. Die Offiziere mehr, die gewöhnlichen Soldaten weniger.

 

* Sie sollten von hier verschwinden, zurück, in die Richtung, aus der sie gekommen wären, sprudelte es aus René Depart heraus; dort müßten sie überlegen, wie das mit dem Spähtrupp weitergehen sollte. Irene Depart schüttelte zu ihrem Vater hin den Kopf, das bockige Mädchengesicht aufgesetzt. Gleich darauf, ohne über ihre Absichten zu unterrichten, brachte Irene Depart sich in Bewegung, schritt davon. Beobachtet von allen, spazierte Irene Depart über den Platz, auf den großen Pfahlbau zu, auf dem die aufgerichtete Neonreklameleiste mit dem Wort "Kasino" draufstand, das Strohdach oben schmückte, als hätte das ordinäre Holzschild mit den Malbuchstaben über dem Türeingang, wenn die Gäste die Holzstiege hinauftänzelten, nicht gereicht.

 

* Wenn Irene zurück wäre, würde man umkehren, meinte René Depart. Es gab nur einen Weg für den Trupp: sich zur "Peter" auf den Weg zu machen. Die Mannschaft der "Peter" müßte eben zusehen, die "Peter" alleine irgendwie flott zu bekommen. Und dann: nichts wie weg von dem Ort, dieser Insel. Oder was immer es war. Die Schulter zuckte René Depart. Außerdem hätten sie Diesel und einen Motor, dem nicht viel fehlen konnte. Auf alle Fälle konnte der Dieselmotor auf Vordermann gebracht werden. Werkzeug und Ersatzteile genug gäbe es auf der "Peter". Zusätzliches Segeltuch hätte man außerdem unter Deck. Müßte eben genäht werden. Müde nickte Pierre Raul René Depart eins hin. Gina Davies hatte sich von René Depart abgewandt. Ivan Hammer zupfte an seiner Kleidung herum, als wären dort irgendwelche Stacheln wegzureißen.

 

* Ein Schrei, der aufklang. Ein schriller Schrei aus dem größten der Pfahlbauwerke. Eine weibliche Stimme. Irene, die die Holzstiege in das "Kasino" hinaufgemacht hatte, die drinnen aus einer Räumlichkeit zu schreien angefangen hatte. Ohne groß sich mitzuteilen, rannten Ivan Hammer und René Depart, Irenes Vati, los, Irene zu Hilfe eilen. Mit gerunzelter Stirn verstellte Pierre Raul Gina Davies den Weg, ehe Gina Davies ebenfalls hinterherlief. Irgendwer müßte hier sichern, erklärte Pierre Raul, holte sein Gewehr von der Schulter herunter, entsicherte; es wäre nett von Gina, mit ihm, Raul, dazubleiben. Es sah aus, sie beide müßten das mal übernehmen.

 

* Die Holzstiege hatte René Depart hinter Ivan Hammer hinaufgemacht. Droben auf der Veranda horchte René Depart, an der Holztüre, die angelehnt war. Wieder erlauschte René Depart ein Schluchzen; Irenes Schluchzerei. Langsam stieß Depart die Türe ganz auf. Da stand Irene, fast in der Raummitte. Irene heulte wie ein waidwundes Tier auf, warf sich in die Arme Ivan Hammers, der René Depart mit vorgehaltenem Gewehr gefolgt war. Den Kopf, den Irene an Ivan Hammers breite Männerbrust drückte.

 

* Früher mußte das einmal ein angenehmer Gesellschaftsraum mit allem Drum und Dran gewesen sein, empfand René Depart: ein großer Billardtisch, bei dem Ivan Hammer und Irene beieinanderstanden, Irene, die ihr Gesicht bei Ivan Hammer anschmiegte, an Ivan Hammers Brust flennte. Bequeme Bastsessel. Rundtische. Sofas. Eine langgestreckte Bartheke mit Tür seitlich, wahrscheinlich in die Küche. Der einzige Bildschirm im Raum war der eines großen Fernsehgeräts, mit einer Vorrichtung knapp unter der Decke angebracht. Mitten im Fernseherbildschirm steckte ein armdicker Ast. Die Scherbenbatterie der Flaschenwand hinter der Theke: es wirkte, als hätte jemand zum Vergnügen herumgeballert, die Flaschen als Zielscheiben benutzt. Die bunten Langsofas waren komisch unregelmäßig zerschnitten, der gelbe Schaumgummi herausgerissen. Ein paar Stühle, sahen zusammengetreten aus; andere waren einfach bloß umgeschmissen. Am Billardtisch: das Grün durchstoßen und an einigen Stellen mit viel Liebe mit der Schere zerschnitten. Irgendwie für Zeichen. Für den, der da in der Zukunft mal käme, sich das Ganze anzuschauen.

 

* Ivan Hammer, den Irene losgelassen hatte, Irene, die sich die Hände vors Gesicht geschlagen hatte, forderte René Depart auf, beim Nordfenster mal hinter die an die Wand gestellte Tischfläche zu gucken. Da wäre was. Die Ahnung René Departs, daß er dort nichts Angenehmes zu sehen bekommen würde, bestätigte sich für René Depart: fünf Totenköpfe und ein Haufen Knochen. Im Dschungel müßte niemand lange warten, bis er abgefieselt wäre, wenn sich niemand drum kümmerte, versetzte Hammer. Und Hammer setzte fort: Ein Schädel hätte einen glatten Durchschuß. René Depart erblickte einen Stoffetzen, das Stück einer khakifarbenen Uniform. Samt Abzeichen. Ein Offizier. Die Toten, amerikanische Soldaten, Marinesoldaten, "Navy". Aber anders tot als die, die man in den Tragtaschen gefunden hatte, für die es weiter Kühlung der Aggregate gab, Stromzufuhr.

 

 

 

19. Fernes Schießen

 

 

* Am "Kasino"-Platz hatte Ivan Hammer das Gefühl, als säße er in einer Falle. René Depart teilte die Gefühle seines Freundes, und Irene torkelte ohnehin nur rum, als hätten ein paar Schläge sie getroffen. Anscheinend hatte der Anblick der hergenagten Totenschädel und sonstigen Skelettknochen im "Kasino" oben Irene erst mal ziemlich mitgenommen. Die roten, zentimeterlangen Ameisen, die Irene aus dem Hut heraus angriffen, könnten die Leute im "Kasino" bis auf die Knochen aufgefressen haben, mutmaßte Ivan Hammer.

 

* Der Trupp der "Peter" stand versammelt hinter einem meterdicken Baumstamm. Zwischen ihnen herrschte Schweigen. René Depart betrachtete seine Freunde. Auffällig wie Pierre Raul der Schweiß von den Wangen tropfte; außerdem hatten Rauls Wangen dunkle Flecken, an solche Flecken konnte Depart sich bei Raul überhaupt nicht erinnern. Ivan Hammer zuckte der Mundwinkel; verstohlen wischte der dunkelhäutige Ivan Hammer immer wieder über Stirn und Wangen. Auch bei Gina Davies war auszumachen, daß etwas nicht stimmte; eine Art Verstörtheit, Unruhe bei Davies, nichts, das viel mit Davies' üblichem Gehabe einer lebenslustigen Abenteuerin zu tun hatte. Ihr Gewehr hielt Gina Davies außerdem schußbereit. Und Tochter Irenes Blick: ewig leer, seit sie aus dem "Kasino" draußen war; Irene, ein hübsches Püppchen, dem der eigene Wille abhandengekommen schien. Das alles erzählte René Depart, daß es bei ihm nicht viel besser aussah. Daß es mit dem Spähtrupp jetzt reichte; hier und jetzt reichte es.

 

* Jeder hatte der Leute von der "Peter" hatte seine Meinung zum Ausdruck gebracht. Weder Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davies noch René Depart wollten weiter. Der Entschluß stand fest: Der nächste Weg wäre der auf die "Peter". Wenn sie alle Glück hätten, kämen sie vielleicht an Deck der "Peter" zurück. Und auf der "Peter mußte alles unternommen werden, damit man die Anker lichten konnte. Jetzt: Abmarsch, meinte René Depart. Nur Irene Depart, die rührte sich nicht von der Stelle, obwohl die anderen schon meterweit von ihr entfernt anhielten, um zu ihr zurückzuschauen. Zurück zu Irene schritten René Depart und Ivan Hammer, sahen sich Irene an, Irene, die überhaupt nicht gut aussah, Irenes Gesicht, das eher an eine teigige, bleiche Totenmaske erinnerte. Eben beabsichtigte René Depart, Ivan Hammer zu bezeigen, daß sie beide Irene in die Mitte nehmen sollten, um mit ihr zusammen vom Ort, aufzubrechen, um nach Möglichkeit vor Einbruch der Dunkelheit noch auf der "Peter" anzukommen, da schrak René Depart heftig zusammen. Er hörte Schüsse. Alle hörten das Geballere. Eindeutig das Geräusch von Gewehrfeuer. Großes Schießen. Irgendwer schoß auf irgendwen oder irgendwas. Nichts Neues, seitdem sie an Bord der "Peter" vor dem Eiland eingetroffen waren. Auch Mörsergranaten hatte jemand bereits hörbar abgefeuert.

 

* Herausfordernd starrte Ivan Hammer René Depart mit herabgezogenen Mundwinkeln ins Gesicht. Sich hinterm Ohr kratzend, redete Hammer, ob das nun Glück oder Unglück wäre, egal; das Glück der Welt müßte das gewiß nicht sein. Trotzdem wäre die Ballerei ein Zeichen, ein Zeichen dafür, daß er, der Spähtrupp von der "Peter", noch ein letztes vorhätte. Und zwar das, einen Blick auf diese Leute zu werfen, die Schußwaffen benutzten. Sonst wäre der ganze Auftrag sinnlos gewesen, mit dem sie von der "Peter" aufgebrochen wären. Am besten wäre es jedoch, sich diese viel schießenden Leute anzuschauen, ohne selber gesehen zu werden. Das müßten sie jetzt bringen, wenigstens das, sonst hätten sie ja gleich an Deck der "Peter" bleiben können.

 

* Die Örtlichkeit der "Kasino"-Pfahlbauten und der gesamte Rest blieb hinter der dicht wachsenden Dschungelwand zurück, als hätte jeder von "Peter" die Bilder der Aufbauten nur geträumt. Der aufgeschüttete Kiesweg setzte sich in den Dschungel hinein fort. René Depart und Ivan Hammer hatten gemeint, man sollte die Gewehre nicht offen schußbereit tragen, sondern sie geschultert lassen. Es müßte reichen, die Waffen entsichert zu wissen. Langsam schritten die Leute von der "Peter" voran. Fast waren sie auf jede Überraschung gefaßt, nur daß sich nichts abspielte. Ein paar vereinzelte Schüsse, die sich bei jedemmal lauter anhörten, das war es.

 

* Die Leute des Spähtrupps der "Peter" verhielten abrupt im langsamen Marsch. Nachdenklich überblickten René Depart, Ivan Hammer, Irene Depart und Gina Davies, Pierre Raul, die den Abschluß der Gruppe bildeten, die Szene. Vor ihnen allen fand sich hoher Fels, dort mündete die Dschungelstraße in eine Passage. Als wäre dahinter eine Falle. Unvermittelt war von jenseits des Felsspalts Männergejohle zu vernehmen; schrill kreischte Weiblichkeit. Das klang spaßig, ob es aber lustig war, das war die andere Frage. Nur, direkt etwas Bedrohliches hatte das erst mal nicht. Irene Depart meinte, Männer, Frauen, dort wollte man doch hin, oder? René Depart forderte Irene, die losschritt auf, stehenzubleiben. Besser wäre, Irene blieb bei ihren Freunden. Die auf der anderen Seite des Felsens, das wären vielleicht nicht ihre, Irenes, Freunde. Erst mal müßte Irene das sehen. Wie sie alle das sehen müßten.

 

 

 

20. Die Jagdgemeinschaft

 

 

* Das war eine Qualität Ivan Hammers: er fand Wege. Ivan Hammer führte die Truppe erst tiefer in den Dschungel, auf Umwegen einen Abhang hinauf. Schließlich dorthin, wo sie ankommen sollten. Als der Spähtrupp von der "Peter" droben zwischen verschiedenen Bäumen heraustrat, war vor ihnen ein paar Meter Fels, gestört von Grasbüscheln. Fast ein Eindruck wie daheim. Gelächter von unterhalb. Fröhlich, unbeschwert, daß es bei denen, die man noch nicht sah, eben zuzugehen schien. Irgend jemand blies falsch in ein Horninstrument. Das sei ein Jagdhorn, flüsterte Pierre Raul, der bei René Depart stand.

 

* Jeder von der "Peter" hatte sich auf das Zeichen Ivan Hammers hin niedersinken lassen. Knapp vor dem Abgrund ließen sich René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul, Irene Depart und Gina Davies auf die Knie nieder. Auf dem Bauch robbten alle, Rucksäcke, Gewehre vorsichtig nachziehend, an die Kante. Ein überraschter Aufschrei Irenes; Pierre Raul faßte nach Irene, hielt ihr die Hand vor den Mund. Mit aufgerissenen Augen schüttelte Pierre Raul den Kopf, stierte mit verschwitzter Miene Irene wild an.

 

* Die Kiesstraße drunten querte eine gewöhnliche Wiese. Leute bevölkerten den Ort. Überall stand scheinbar wahllos Zeug herum, größere, kleinere Plastikbehälter, Metallkisten, längliche Koffer von Gewehrlänge. Mitten am Platz jedoch lagen Seite an Seite grüne Körper im Gras bei der mit Kies aufgeworfenen Straße, "Raptoren", tot, erschoßen. Siebzehn dieser Kreaturen waren von René Depart zu zählen. Die "Raptoren"-Jäger, fünf Männer, zwei Frauen, trugen auf dem Kopf typische Jägerfilzhüte mit Federschmuck und diversen metallenen Abzeichen, Thermo-Westen oder Lang-Jacketts, Jagdbundhosen verschiedener grüner Schattierung, Wander- oder Langschaftstiefel. Wie direkt aus dem Werbeteil einer Jägerzeitschrift. Als wäre ein Foto daraus zu Leben erwacht.

 

* Die Waffen für die "Raptoren"-Jagd lehnten an einem dicken Baumstamm. Bei den Gesprächsfetzen, die den Leuten von der "Peter" an die Gehörgänge heraufdrangen, drehte sich ausschließlich ums Schießen: "das richtige Ziel, das anvisiert werden mußte"; "der Druckpunkt,  je nachdem einstellbar, für den man mit dem Finger einfach das Gefühl entwickeln mußte"; "das Kaliber mußte hier stimmen, und es stimmte" ... Zwischen den Mitgliedern der "Raptoren"-Jagdgemeinschaft wuselte Jungvolk. Kahlköpfige Knaben, Mädchen. Neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt. Lediglich ein bleiches, schmales Tüchlein hatten die Kinder um den Hüften.

 

* Das wären "Lustmädels und Lustknaben", raunte Ivan Hammer nahe von René Departs Ohr. Ein großer Mann mit dem Aussehen von einem auf Safari im Busch klatschte in die Hände, gab Zeichen. Die fast nackten Angehörigen der Kinderschar fingen auf der Stelle an, zusammenzulaufen und Behältnisse zu öffnen. Auf Zinktellern plazierten die kindlichen Diener mit Löffeln und Gabeln irgendwelche Köstlichkeiten. Ein Mädchen, das, für den Ort dort drunten, schon eher gut entwickelte Brüste hatte, verteilte Zinkbecher; zwei Knaben schenkten aus großen Flachmännern Alkoholisches ein. Die in der Jägerkleidung, die "Raptoren" gejagt und erlegt hatten, toasteten einander lautstark zu. Einer warf juchzend den grauen Filzhut in die Luft, fing das gute Stück wieder auf. An den Schmerbauch eines besonders dicken Jagdbruders schmiegten sich links und rechts zwei der kahlköpfigen Knäblein, die der Mann sich gegriffen hatte. Sicher nicht älter als zwölf, die beiden. Selbst aus der Distanz war den Knaben anzumerken, daß sie sich schwer damit taten, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie nur gute Miene zum bösen Spiel machten. Daß sie am liebsten woanders gewesen wären. Weit, weit weg.

Insel der Überraschungen (21 - 30)

 
 
 
 
21. Die Strecke verblasen
 
 
* Nicht die halbwüchsigen Nackedeis vom Teenager- und Kindersklavenmarkt wären hier die Treiber gewesen, sondern die im Piraten-Look, das wäre er sich sicher, meinte Ivan Hammer. Nicht gleich begriff René Depart, den das Treiben bei denen im Waidmannkleid voll in den Bann schlug, wovon Hammer redete. Ausschließlich die Gruppe der "Raptoren"-Jäger und die nahezu nackten mittelalten Kinder, die René Depart im Auge hatte. Aber, nachdem Ivan Hammer es leisen Tones angesprochen hatte, weitete sich René Departs Blickhorizont. Das fand René Depart sehr ärgerlich, daß erst Ivan Hammer ihn darauf aufmerksam machen mußte, daß hier noch andere vor Ort waren. Das wären die wirklich gefährlichen Leute, raunte Ivan Hammer. Und dem war für René Depart nicht zu widersprechen. Mit Sicherheit waren das diejenigen Personen, die den Jägern die "Raptoren" im Grunde genommen zum reinen Abknallen vor die Flinten getrieben hatten. Die Treiber der Jagd.
 
* Die "Piraten". Es war die dritte Gruppe auf der Szene drunten. Zur Absicherung standen sie überall verteilt. Schwerbewaffnete Männer und Frauen, eine Bewaffnung, fast wie Soldaten: Maschinenpistolen, Schnellfeuergewehre. Zu dem Dolch, der Machete in Lederscheiden, der Pistole im Lederholster, die jeder "Pirat" am Gürtel trug. Schwarze oder rote Kopftücher; weiße, blaue Hemden; rote Pluderhosen, das "Piraten"-Kleid. Die roten Signal-Jacken, die sicher die Jagdtreiber bis vor kurzem getragen hatte, befanden sich auf einem Haufen über ein Gestell geworfen. Die "Piraten", die wären da und wären doch nicht da, meinte Pierre Raul beeindruckt; die verstünden ihr Geschäft der Unsichtbarkeit. Pierre Raul rutschte von der Felskante weg etwas nach hinten, drehte sich auf den Rücken, um sich einen Schluck aus der Wasserflasche zu genehmigen.
 
* Zwei stämmige Kerle mit einem roten Kopftuch, weißem Hemd und roter Pluderhose waren mit Metallkoffern mitten auf die Bühne unten getreten. Aus den Kofferteilen holten die  Männer mittelgroße Motorsägen, längliche Gegenstände, wie Langmesser. Diese Kleinigkeiten wurden am Erdboden verteilt ausgelegt. während er suchend herumschaute. Dann verfing sich bei ihm der Blick eines Knaben, und den winkte der aus der "Piraten"-Mannschaft zu sich. Der Bursche war sicherlich der älteste der Kinderschar, groß gewachsen. Vorher war er auf dem Schoß der weißhaarigen Dame aus der Jägergesellschaft herumgehockt, bis die mit dem Fingern aufhörte. Dem Teenager drückte der "Pirat" die Motorsäge in die Hand, erörterte sichtlich die Aufgabe. Der zweite Pirat schrie jetzt nach den Knaben, Mädchen. Einige eilten auf der Stelle herbei. Langmesser wurden verteilt. Der eine Jüngling schritt mit der Motorsäge von dannen. Zwei dreizehn-, vierzehnjährige Mädels bekamen ebenfalls Motorsägen ausgehändigt gekriegt.
 
* Die, die die langen Messer in der Hand hatten, mußten Bastkörbe holen gehen. Als die Mädchen, Jungs zurückkamen, begaben man sich zu der Strecke dahingemetzelter "Raptoren". An die Arbeit machte man sich pärchenweise oder zu dritt. Die mit den Motorsägen trennten den reglosen "Raptoren"-Körpern den Kopf vom Hals. Den ließ man dann erst mal liegen; das Teil sollte sichtlich ausbluten. Die Kleinmädchenschönheiten und kleinen Jungs beschäftigten sich damit, dem "Raptoren" die Sichelkralle und restlichen Klauen abzuschneiden. Das Abgetrennte warfen sie in den nächsten Bastkorb.
 
* Drei aus der Jägerclique - eine jüngere Dame und zwei mittelalte Männer mit Durchschnittsgesichtern - stellten sich in ihrer Jagdmontur auf dem Kiesweg gegenüber den abgeschlachteten "Raptoren" Seite an Seite in Positur. Der Mittlere des feierlichen Trios gab ein Zeichen mit gestrecktem Zeigefinger, darauf setzten sich das Trio beinahe gleichzeitig die Jagdhörner an die Lippen. Die drei begannen, nach gutem Jägerbrauch, die Strecke erlegtes Wild zu verblasen. Die Hornbläser verstanden ihr musikalisches Geschäft.
 
 
 
22. Jaques
 
 
* Unten auf der freien Fläche Wiesenboden ging das lustige Treiben bei den Jägern weiter, die sich zutoasteten, unterhielten, Mädchen, Knaben zu sich auf den Schoß zogen. Metallisches Klicken ließ die vom Spähtrupp von der "Peter" zusammenzucken. Irgendwie jedem ein allzu bekanntes Geräusch: das Entsichern einer Waffe.
 
* Sie sollten allesamt keinen Blödsinn machen, langsam sich auf die Füße erheben und die Hände hochnehmen, ließ sich eine spöttische Männerstimme hinterücks erlauschen. Reglos lagen Ivan Hammer, René Depart, Pierre Raul, Irene Depart und Gina Davies am Felsboden. Um dann anzufangen, in Zeitlupe auf die Beine hochzumachen und die Hände über den Kopf zu heben. Langsam wandten sich die von der "Peter" um. Drei grinsenden Kerlen in roten Pluderhosen, blauen Hemden und mit schwarzen Kopftüchern standen sie gegenüber; zwei Maschinenpistolen waren von denen links und rechts auf sie gerichtet, von denen eine mit Sicherheit schußbereit war.
 
* Das war ärgerlich, daß keiner vom Spähtrupp von der "Peter" mit so was gerechnet hatte. Keiner, der den Wächter spielen hatte wollen. Alle hatten sie am Fels drunten gelegen, um auf das Geschehen unterhalb am Wiesengrund zu gaffen. Ein Narbengesicht hatte der, der der Anführer des "Piraten"-Trios zu sein schien. Als einziger hatte der Mann keine Waffe in der Hand, dafür ein Sprechfunkgerät. Auf dem schwarzen Ding drückte er unten eine Taste, redete in die hinein: Henry hier, sie hätten oben am Fels einen netten Fang gemacht. Drei in Soldatenkleidern, aber keine Soldaten, zwei in zivilen Safari-Hosen. Fünf Nasen. Zwei davon Frauen. Wahrscheinlich die, die vom Hubschrauber aus gesichtet worden wären. Richtig, Jaques hätte recht gehabt, daß die überlebt hätten. Nicht lange, daß es gedauert hätte, bis die ins Netz gingen. Ziemlich dämliches Volk.

 

* Ihre Rucksäcke, die Gewehre und Handfeuerwaffen mußten die Leute von der "Peter" am Felsboden zurücklassen. Henry machte mit seinem großkalibrigen Revolver einen Wink zu René Depart hin, Depart sollte schnell fliehen, das wäre eine gute Gelegenheit. Trotzig blieb René Depart in der Reihe hinter Ivan Hammer. Henry, der "Pirat" feixte; das wäre doch zu spaßig, würde einer der frisch eingefangenen Leute einen Fluchtversuch unternehmen. Hätte man schon den ersten erschossen.

 

* Ohne jede Eile wurden René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davis und Irene Depart auf einem längs dem Fels abwärts verlaufenden Pfad auf die Dschungelstraße hinabgeführt. "Pirat" Henry versuchte seinen Spaß auf der Dschungelstraße nochmals, diesmal bei Ivan Hammer. Henry meinte zu Hammer, daß er ihm jetzt noch schnell eine Chance gäbe, hier abzuhauen. Keiner würde schießen. Keinerlei Regung von Ivan Hammer. Grinsen bei Henry, das Henrys Narbengesicht gräßlich entstellte. Großzügig erklärte Henry, er bekäme seine Extraprämie, auch wenn er Affen lebend anbrächte.

 

* Alle die Hände hinter dem Kopf in den Nacken gelegt, von den Maschinenpistolen von Henrys Kumpanen bedroht, durchschritt der in Gefangenschaft geratene  Spähtrupp von der "Peter" die Felspassage. Bei der Clique der "Raptoren"-Jäger ging ausgelassen fröhlich zu. Der dicke Grünrock beschäftigte sich, aus der Kinderschar Paare zusammenzustellen: Jungen mit Jungen, Mädchen mit Mädchen, Mädchen mit einem Jungen. Klar, was sie jetzt miteinander anfangen sollten. Hier würde die Musik spielen, schnarrte Henry, das Narbengesicht, der, der todernst blickte. Nach dem Wink Henrys wandten sich alle Neuankömmlinge von Deck der "Peter" von dem Jagdtrupp und ihren Späßen ab.

 

* Ein Mann kam in Sicht, der auf einem vereinzelten Felsbrocken oben hockte. Einer, ganz in Schwarz gekleidet. Das Schnellfeuergewehr zwischen den Beinen. Mit dem Stetson fächelte sich der Cowboy Luft zu. Aus der Distanz, mit der der Spieleveranstalter und Besitzer eines Kasinos die Glücksspieler an den Tischen betrachtete, überschaute der Cowboy die Szenerie bei der "Raptoren"-Jagdgesellschaft, wo Mädchen, Jungen sich hingekniet hatten, während die anderen dahinter standen. Henry sprach den schwarzgekleideten Cowboy an, nannte ihn "Jaques", sagte, hier wären die Leute, die man oben beim Heruntergaffen erwischt hätte. Jaques war ein wirklich gut aussehender Herr: schwarzes gegelltes Haar, ebenmäßige Gesichtszüge, gerade Nase, volle Lippen. Ein Frauenliebling erster Güte, wenn er ein Frauenliebling sein wollte. Erst beguckte Jaques Ivan Hammer, dann Pierre Raul. Bei Irene Depart blieb Jaques' Blick hängen. Nur noch Augen für Irene Depart hatte Jaques.

 

 

 

23. Handschellen - Fußfesseln

 

 

* Die Handschellen rieben an den Handgelenken, und die Fußfessel ließ niemandem vom Spähtrupp von der "Peter" ganze Schritte machen. Sehr zur Freude von Henry. Henry, der Anführer und Herschreier, der es vor Minuten gerne eigenhändig übernommen hatte, allen Gefangenen außer Irene Depart die die Bewegungsfreiheit einschränkenden Fesseln anzulegen. Im Schritt am Kiesweg verhielt René Depart, daß Pierre Raul und Ivan Hammer ihm parallel kamen. Einen Moment begegneten sich die Blicke René Departs, Pierre Rauls und Ivan Hammers. Henry, der die Szene beobachtet hatte, lachte, erkundigte sich, ob sie alle lebensmüde wären. Sie sollten nicht nebeneinander gehen, sondern zuschauen schön hintereinander an der Schnur aufgereiht. Unterhaltung hätte sich bei den Gefangenen, die glücklich sein sollten, nicht schon lange tot zu sein, auch keine abzuspielen. Wenn keiner die hochwohlgeborenen Herrschaften was fragte, hätten keiner von ihnen was zu sagen. Angst müßten sie im übrigen auch nicht haben, "Lager eins" wäre gar nicht so weit entfernt.

 

* Unvermittelt war Henry an der Seite von René Depart, der dahinschritt, rempelte René Depart mit der Schulter, daß René Depart sich taumelnd nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Das wäre also wirklich eine Süße, die Kleine, seine, René Departs, Tochter, quakte Henry mit gemeinem Unterton, schlug René Depart gegen das Schulterblatt, daß es sehr schmerzte. Im Moment hätte Jaques sich das Engelsgesicht ausgeguckt, setzte Henry fort; aber das müßte nicht bedeuten, daß nicht bald einige mehr etwas davon hätten. Unter anderem auch er, Henry; einiges, das er machen könnte. Trotzdem, trotzdem, er, Henry, hätte das anders gemacht: er hätte der Bitte Irenes, dem Töchterchen René Departs, entsprochen. Er hätte die Leute von der "Peter" gehen gelassen, und sie dann beim Abmarsch von hinten allesamt abgeknallt. Aber das, daß sie jetzt alle nach "Lager eins" gehen müßten, und das in Handschellen und mit einer Fessel an den Füßen, das wär auch was Nettes. "Lager eins", das müßten sie alle gesehen haben. Dort müßten sie in ihrem Leben einmal gewesen sein.

 

* Der Schweiß rann ihnen in Strömen herunter, und weder René Depart noch Pierre Raul oder Ivan Hammer konnten ihn sich abwischen oder dorthin fassen, wo es zwickte. Henry, der Nerver mit dem Narbengesicht, kam zu René Depart, erkundigte sich, ob alles gut bei ihm wäre. Gut die Handschellen, gut die Fußfessel? Er, Henry, würde Leute kennen, die in Handschellen und mit den gleichen Fußfesseln schneller vorankommen könnten, wenn die Straße schon so gut wäre. Sein breitestes Grinsen aufgesetzt, das ihn wirklich abscheulich unsympathisch aussehen ließ, präsentierte Henry ein handliches Elektroschockgerät. Henry erklärte, daß sie, wenn sie hier nicht augenblicklich in einem höheren Tempo voranmachten, sie alle die gesunde Wirkung des Schockers zu spüren kriegen würden. So ein Schocker, der konnte besser sein als jede Peitsche. Schade, daß sie keines ihrer Mädels dabei hätten; Mädels mochten das, "geschockt" zu werden. Kleine Mädels wimmerten so schön.

 

* Der Marsch auf der mit Kies aufgeschütteten Dschungelstraße endete, als er zu dauern anfing. Die Gruppe der Wächter und der Gefangenen kam zwischen den Bäumen auf eine weite Lichtung heraus. Jede Menge fettes Gras und ungefähr in der Mitte der Dschungellichtung Palisaden. Lautstark lachte Henry, unterrichtete, daß das der Ort wäre, den Jaques "Lager eins" taufte. Die Palisaden, das wären amerikanische Palisaden. Einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche genehmigte sich Henry, säuselte sich weiter voran: Jaques wäre sich sicher, daß die Lichtung nicht natürlichen Ursprungs wäre, sondern daß die Amerikaner den Dschungel hier extra rodeten. Hinter den Palisaden wären die "Navy-Leute" zusammengekommen, hätten Andachten abgehalten. Die "Amerikanos" liebten es, zu beten, Beter wären die "Amerikanos", nicht zu fassen. Vor einem behauenen Felsstück stünde ein großes Holzkreuz, an dem mal ein mit Stroh gefülltes Püppchen hing. In das Stück Fels hätten die "Amerikano"-Soldaten mit Meißeln Buchstaben geschlagen, für Namen mit Rang und Kreuzsymbol dahinter. An die Namen der Wissenschaftler; an die hätte die "Amerikanos" deren Doktortitel und das Gebiet, auf dem sie Forscher gewesen waren, angefügt. Wenn man sich das überlegte, wären das echt viele Namen. Das Leben hier in der Ortschaft kostete schon früher einigen das Leben; jetzt bräuchten die "Amerikanos" auch noch, kamen sie zurück, einen neuen Stein hier. Gäbe ein paar Tote mehr zu beklagen.

 

 

 

24. "Lager eins"-Absurdität

 

 

* Obwohl Henry wiederholt lautstark schrie, zeigte sich oben auf den Palisaden kein Mensch. Schließlich verfluchte Henry, der "Pirat", die Welt, zog seine Pistole, schoß in die Luft, dreimal. Kurz darauf erschien droben über einem angespitzten Palisadenstamm ein Gewehrlauf und ein Frauengesicht. Die Dame war nicht bereit, sofort zu schießen, schien Henry doch irgendwie zu kennen. Ungläubigkeit im Gesicht, fragte Henry, ob man denn hier völlig durchgeknallt wäre, daß kein Mensch auf Wache wäre; wenn Jaques das erführe, könnte es was geben. Die blonde Mittdreißigerin verschwand von ihrem Standort, Ohne einen Ton für Henry unterhalb übrig zu haben, verschwand die blondhaarige Mittdreißigerin von ihrem Standort hinter der Palisade drobenzu. Einige Momente drauf tat sich die gut vier Meter hohe Palisadentorhälfte rechter Hand mit krächzendem Scharniergeräusch auf, von je zwei Männern in roter Pluderhose, mit nacktem Oberkörper und rotem Kopftuch aufgeschoben. Das erste, worauf René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul schauten, als sie in "Lager eins" hineinblickten, waren bunte Tipis und zwei große Expeditionszelte. Zu beiden Seiten des für fahrbaren Untersatz freigehaltenen Weges waren zur Begrüßung Fahnenmäste in den Boden getrieben, an denen die amerikanischen Flaggen auf Halbmast hingen. An dem größten Mast jedoch war eine Totenkopffahne wie aus dem Piratenfilm angebracht; darunter präsentierte sich eine Fahne mit weißem Hintergrund und zwei diagonal sich gegenüber gelegten schwarzen Kreuzen.

 

* Drinnen in "Lager eins" erinnerte alles eher an ein provisorisches Camper-Lager als an sonst etwas. Überall standen Kisten, Behälter neben den vielerlei Arten von Zeltaufbauten. Schnell hingestellt, um ebenso schnell abgebaut zu werden; oder: auch gut fürs Zurücklassen, weil allgemeines Gebrauchsgut, wie es jeder haben konnte. Auffällig waren für René Depart die Maschinengewehrnester alle paar Meter auf dem inneren Palisadendeck; schwere, große Maschinengewehre für den Krieg auf den Sandsäcken, wegen des Verbergens seitlich gelegt. Nebendran standen massenhaft Panzerfäuste ans Palisadenholz gelehnt auf der Gehfläche, Panzerfäuste, die der Schütze bloß hochzunehmen brauchte, um zu entsichern und Feuer zu geben. Außerdem marschierte die Blonde droben auf den Holzplanken. Eine einzige müde Wache. Dabei sah die Bewaffnung nach kriegerischen Vorkommnissen aus.

 

* Männer, Frauen waren aus der Innenwelt der Zelte ins Freie herausgekommen. Männer, Frauen, in ihrem Piratenkleid; einige jedoch ganz nackt, als wäre man bis vor einer Sekunde miteinander beschäftigt gewesen. Bauchige Wein-, Schnapsflaschen, daß der eine oder andere sich torkelig ansetzte, um zu trinken. Die ganze Szene sah aus als wären man mitten in eine Filmszene mit feiernden Piraten geraten. Die Menschenmenge, nicht wenige, hielt Maulaffen feil.

 

* Vor einen Holzbau mit einem oben angebrachten Eisenkreuz kam der Trupp von der "Peter", dem Henry vorausging, an. Stimmengewisper hatte jeder von der "Peter" in den Ohren. Die Hände in die Hüften gestemmt, drehte Henry sich um die eigenen Achse, beglotzte die Menge rundherum. In Henrys Gesicht arbeitete es merklich. Bis Henry den Männern und Frauen im Rund erst mal nach allen Himmelsrichtungen den Mittelfinger zeigte. Dann brach bei Henry Geschrei aus. Alle Idioten sollten sich schleunigst wieder in ihre Zelte verziehen, um bitteschön mit der Sorglos-Party weiterzumachen. Man würde das schon noch mitkriegen, demnächst, daß er, Henry, darüber mit Jaques würde reden müssen; über diese Geschichte müßte er sich mit Jaques unterhalten, daß nur ein einziger Wächter droben auf den Palisaden war. Einige hier würden zu ihrer Verantwortung stehen müssen, daß sie Dinge leicht nahmen. Wenn man keine Disziplin hatte, nicht das mindeste Maß an Ordnung halten konnte, gäbe es irgendwann auf den Arsch. Hier wären wirklich viel zu viele besoffen, fickrig und lebensmüde. Zumindest die Plätze neben den Maschinengewehren hätten besetzt sein müssen.

 

* Nach der Ansprache von Henry liefen ein paar der männlichen, weiblichen "Piraten" los, um die Palisadenplanken wieder neu zu besetzen. Die letzten der übrigen, denen die Ansprache Henrys scheinbar nicht aufs Gemüt geschlagen hatte, verzog sich in den jeweiligen Zeltbau hinein. Drinnen wurde die Plane heruntergemacht oder ein Reißverschluß heruntergezogen. Daß das Tipi, das Zelt zu war, und man drinnen seine Ruhe hatte. Um weiterzutrinken oder was immer zu tun. Obwohl überall Gelächter, weibliches Gekreisch und Schreierei war, waren die Zwischenräume von "Lager eins" wie ausgestorben.

 

* Minutenlang verharrte Henry mit finsterem Blick an Ort und Stelle. Die Henry begleitenden "Piraten" umklammerten ihre Gewehre, als könnten sie Henry gehorchen, würde Henry befehlen, nach den Zelten, Tipi-Aufbauten Gewehrfeuer zu geben. Das dumpfe Motoregeräusch wurde dröhnend laut. René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies konnten nicht mehr anders, mußten hochblicken. Und weil Henry das nicht untersagte, starrte jeder von der "Peter" weiter in die Lüfte hinauf. Über die Palisadenfestung hinweg flog ein großer Militärhubschrauber, mächtige Rotoren drehten sich hinten und vorne. Am Bauch des Lasthubschraubers hing an einem dicken Stahlseil eine durchsichtige meterdicke Kunststoffröhre. In dem mit Wasser gefüllten Behältnis fand sich ein regloses Ungeheuer, groß wie der größte Wal, aber kein Wal. Ein gewaltiger Drachenkopf, ein Schwimmflossenpaar an der Brustpartie und dort, wo der Schwanz anfing. Ob das Monsterding lebte oder tot war, nicht wahrzunehmen für den Betrachter. Auf alle Fälle eine Kreatur wie direkt dem nächsten Saurierbuch entnommen. Einfach ein unfaßliches Wesen.

 

 

 

25. Irene erscheint

 

 

* Die Nacht verbrachten Ivan Hammer, René Depart, Pierre Raul und Gina Davies in einem geräumigen Zelt mit Wachposten draußen, die sich alle zwei Stunden ablösten. Weiterhin waren die von der "Peter" in Handschellen, hatte jeder die Fußfessel an. Außerdem hatte jeder von ihnen eine drei Zentimeter dicke Stahlkette um den Leib geschlungen und hinten durch den Gürtel geschlungen. Die Kette war an der dicken, tief in die Erde getriebenen Zeltstange festgemacht. Während den Nachtstunden war außerhalb des Zelts verschiedenstes Geräusch: Motorenlärm fahrenden Fahrzeuge, immer wieder Schießen, auch aus den Maschinengewehrnestern, die die Palisaden des Camps schützten. Dazu hörten die Leute von der "Peter" vielfach interpretierbares Gekreische von Frauen, Männern. Männer-, Frauenstimmen, die sich Kommandos zuriefen. Die "Raptoren"-Biester wollten anscheinend jede Stunde ans Lager heranschleichen, um die drinnen anzugreifen. Als René Depart, Ivan Hammer und Pierre Raul aus dem Schlaf erwachten, war von alledem nichts mehr, Stille beherrschte die Umgebung, als wären alle schlafen gegangen. Deutlich dafür die Kopfschmerzen, die alle von der "Peter" Kopfschmerzen hatten. Raul meinte, eine Dröhnung müßte im Wasser oder im Fraß gewesen. Wahrscheinlich eine Gabe Henrys, der höchstselbst am Abend hereingekommen war, ihnen das schale Müsli in einer flüssigen Pampe zu servieren.

 

* Langsam verstrich für die im Zelt gefangenen die Zeit. Unvermittelt hob sich die Zeltplane. Henry, der hereinmarschierte, den Schalter drückte, daß das elektrische Licht der leuchtkräftigen Glühbirne an der Leitung an einem der dünnen Zeltrahmenpfosten die Innenwelt flutete. Als sich die Augen René Departs, Ivan Hammers, Pierre Rauls und Gina Davies' an die Helligkeit gewohnt hatten, erkannten sie, daß drei Leute reglos bei Henry dabeistanden. Vor allem eine Person elektrisierte die von der "Peter": Irene! Irene, René Depart, die lächelte. Irene, die an der Seite Henrys stand, als wäre das das Natürlichste auf der Welt.

 

* Ausdruckslos beobachtete Irene Depart Henry dabei, wie Henry die Rückenketten entfernte, die Handschellen aufmachte und die Fußfesseln löste. Nachdem Henry sein Werk stumm vollbracht hatte, reichte Henry Ivan Hammer, René Depart und Pierre Raul je einen Wasserschlauch. Jetzt erst öffnete Irene Depart ihren Mund und ihre Freunde. Irene meinte zu Vater René, Jaques hätte es besser gefunden, daß sie, die von der "Peter", erst mal weiter gefesselt blieben, damit keiner Unsinn anstellte. René Depart schüttelte zu seiner Tochter Irene hin den Kopf. Irene berichtete ihren Freunden von der "Peter" großzügig weiter, wegen ihr, Irene, hätte sich niemand Sorgen machen müssen. Sie hätte die Stunden, seit sie Jaques getroffen hätte, wirklich eine tolle Zeit gehabt. Im "Basislager", das Fest, da hätten die von "Peter" dabeisein müssen. Das Fest wäre nicht von schlechten Eltern gewesen. Jede Menge zu essen, zu trinken, zu rauchen. Geile Musik von einer Tanzgruppe. Die ganze Zeit hätte sie, Irene, mit Jaques abgehottet. Jaques wäre auf der Skala von eins bis zehn einer, ganz weit oben. Daß sie, Irene, Jaques kennenlernen durfte, das wäre das Beste, was ihr, Irene, passiert wäre, seit sie auf der Scheißinsel landen mußte. Der Mund hatte sich nicht nur bei René Depart weit aufgesperrt, auch bei Raul, Hammer und Davies, die eigentlich die beste Freundin Irenes war, war das der Fall. René Depart brachte seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck, sagte, daß er, René, es nicht glauben könne, was Irene hier daherschwatze.

 

* An der Seite Irenes war Henry die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit in Person, beste Marke Arschkriecher. Eigenhändig trug Henry das Essen für die von der "Peter" auf, stellte den Pappteller samt dem Steak und der Jägersauce und dem Kartoffelsalat vor René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies auf den Stelltisch. Irene, die nichts reichen ließ, beim Mahl nicht mitmachen wollte, redete erneut drauflos: Es wäre ihr auch lieber gewesen, wenn Jaques mit ihr mitgekommen wäre. Um sich vorzustellen. Aber Jaques hätte gerade so viel zu tun. Was Jaques alles zu erledigen hätte - e-Mails zuhauf müßte Jaques schreiben. Das Krypto-Programm wäre der Wahnsinn. Dann müßte Jaques Listen mit Tabellen durchackern. Den Vorschlag Jaques' könnte sie, Irene, aber auch ohne Jaques an ihren Vater und ihre Freunde von der "Peter" weitergeben. Jaques schlug vor, daß ihr Vater, René Depart, Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies auf die "Peter" zurückkehrten. Auf der "Peter" könnten sie die Mannschaft der "Peter" darauf vorbereiten, daß Jaques mit ein paar von seinen Leuten morgen für einen Besuch an Bord käme. Jaques wollte außerdem tatkräftig dabei mithelfen, die "Peter" wieder seetüchtig zu kriegen. Das würde sich von seinen, Jaques' Leuten, schon machen lassen.

 

* Ruhig erkundigte sich René Depart bei seiner Tochter, ob sie auch mit der Gruppe mitkäme. Irene schüttelte den Kopf. Irene sagte, daß sie bei Jaques bleiben wollte. Das wäre nicht das Allerschlimmste, weil Jaques sie gerne an seiner Seite hätte. Sie und Jaques, sie verstünden sich von der ersten Sekunde ihrer Begegnung so gut. So gut. Sie, Irene, würde dafür sorgen, daß die Mannschaft von der "Peter" mit allem versorgt würde; alles würden sie bekommen, was auf der "Peter" nötig wäre. Mit gerunzelter Stirn schaute René Depart Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies an. Ivan Hammers Blick sprach Bände. Irene Depart lächelte, wiederholte, ihr Vater müßte sich wegen ihr und auch wegen sonst nichts wirklich Sorgen machen; Jaques, das wäre der netteste, liebenswerteste Mann. Wenn René Depart Jaques erst kennengelernt hatte, würde er, Vater René, das sofort merken. Das Schweigen bei René Depart und den restlichen von der "Peter" hatte Weile. Irene räusperte sich, sagte, daß sie nun aber wieder zu Jaques zurückfahren wolle, Jaques die Neuigkeiten zu übermitteln. Zum Abschied schmatzte Irene Depart René, ihrem Vater, noch ein kleines Küßchen auf die Wange. Dann war Irene fort, aus dem Zelt hinausgeschlüpft. Henry, der zurückblieb, setzte wieder einen anderen Blick auf, den des unberechenbaren, bösartigen Henrys. Henry erklärte, sie würden alle vier jetzt noch eine halbe Stunde im Zelt bleiben, bis die Fotze fort wäre. Dann die von der "Peter" abgeholt; leider dürfte er, Henry, sie alle nicht auf der Stelle erschießen. Liebend gerne hätte er, Henry, das auf der Stelle gemacht, ihnen eine Kugel zwischen die Augen gejagt. Bei einem Fluchtversuch aus dem Zelt heraus, wäre das eine gute Gelegenheit, die seine, Henrys, Lezute kriegen würden. Man müßte nur losmachen.

 

 

 

26. Herausgescheucht

 

 

* René Depart strich sich über das wegen Aufschürfungen noch mal frisch bandagierte Handgelenk. Ivan Hammer grüßte zum wiederholten Male zu der Maschinengewehrschützin auf den Palisaden rechter Hand hinauf. Hammer meinte zu der Mittdreißigerin in roter Pluderhose, weißem Hemd und schwarzem Kopftuch, das wäre heute wieder ein schöner Nachmittag; an so einem herrlichem Tag, da müßte sie die mörderische Sonne sein. Als Antwort kriegte Ivan Hammer von der Angesprochenen den Mittelfinger gezeigt. 

 

* Pierre Raul fingerte an seinem Gewehr herum. Raul meinte, das wäre ja schon gut, daß jeder von ihnen dreien das gleiche Fabrikat einer Schußwaffe überreicht bekommen hätte; die eigenen Waffen wäre aber besser gewesen. Endlich schritt Gina Davies durch die Palisadentorhälfte zu ihren Freunden von der "Peter", die warteten heraus, gesellte sich zu Ivan Hammer, René Depart und Pierre Raul. Gina Davies schien aufgebracht, zornig zu sein. Die Langwaffe, die ihr gehörte, reichte Hammer Gina hin.

 

* Gina Davies sagte zu René Depart, daß Irene vor einer halben Stunde abgefahren wäre, Trotzdem hätte sie, Gina, bei Henry im Zeit sitzen bleiben müssen, mit Henry noch einen Tee trinken, obwohl Irene längst gegangen war, zu Jaques in das Basislager zurückzufahren. Henry, hätte sie, Gina, nicht doch noch in einem Geländewagen ihrer Freundin Irene hinterherfahren wollte. Irene hätte sich darüber doch gefreut, Jaques auch. Dasselbe wie davor hätte Irene bei Henry im Großzelt gelabert: So viel logistisches Zeug, das Jaques derzeit zu erledigen hätte, da hätte keiner eine Vorstellung von. Die nächste Zeit wollte sie, Irene, erst mal an Jaques' Seite bleiben. Außerdem würde sie ihren Vater René und ihre Freunde sowieso die nächsten Tage an Bord der "Peter" sehen. Zusammen mit Jaques. Ivan Hammer guckte Pierre Raul und René Depart mit großen Augen an, blies die Wangen auf. Dann drehte Ivan Hammer sich um, winkte zu Henry hinauf, der droben auf der Palisade erschienen war, zu denen von der "Peter" runterzugucken. Ein neues Winkewinke an jedermann von Hammer. Sie würden jetzt hier langsam weggehen, verschwinden, rief Hammer; das sollten sie doch jetzt, wo Gina als letztes wieder zu ihnen dazugestoßen war. Antwort erhielt Ivan Hammer keine von Henry.

 

* Gina hatte René Depart den Arm hingehalten, um sich bei René Depart unterzuhaken. Sie würden dann jetzt weggehen, meinte Pierre Raul noch mal zu Henry hinauf, verbeugte sich tief, um sich umzuwenden, voranzuschreiten. Ohne jede Eile schlenderte der kleine Trupp von der "Peter" am Kiesweg voran. Würden sie ihnen in den Rücken schießen, würden sie das nicht, meinte Hammer zu seinen Freunden hin. Der Wind strich über das satte Grün der Wiese, auf der das Gras kniehoch wuchs.

 

* Das wäre wirklich die Frage, wie dieser Jaques Irene so schnell um den Finger wickeln hatte können, hörte René Depart von Gina Davies an seiner Seite. Irene wäre eben manchmal ein komisches Ding, erwiderte René Depart. Bloß noch eine relativ kurze Strecke wäre das bis zur Dschungelstraße, sprach Pierre Raul es aus; das wären hübsche Maschinengewehre. Das man nicht beschossen würde, wüßte man erst, wenn man im Dschungel war. Vielleicht würden sie alle hier Irene ja falsch einschätzen. Am Schluß war das ein Opfer, das Irene brachte. Weil, wenn die Liebe nicht wäre, die Welt wäre eine andere. Vielleicht wäre es doch möglich, daß sie alle auf die "Peter" zurückkommen würden. Wegen Irene und Irenes Schönheit. Die so toll auf Jaques wirkte. Müßte jeder irgendwann bei Irene seine Abbitte leisten, weil man gesund geblieben war. Wenn sie in den Dschungel eingetaucht waren, wüßten sie Bescheid. Sie sollten alle wieder losgehen. Gina zuckte zu René Depart hin die Schulter. In dem Moment fing das Schießen an. Aber es kam nicht von hinterrücks der Leute von der "Peter" her, sondern von den Seiten. Jede Menge der grünen "Raptoren" stürmten rechter und linker Hand aus dem Dschungeldickicht, wie freigelassen und durch das Schußgewitter herausgescheucht. Zu viele davon rannten geradewegs auf den Menschentrupp von der "Peter" los.

 

* Pierre Raul schrie, sie sollten laufen; vielleicht schafften sie es zwischen die Dschungelbäume. Ivan Hammer folgte Pierre Raul auf dem Fuß. Gina Davies wußte nicht, wohin sie rennen sollte; auch nach "Lager eins", das war für sie eine anscheinend eine Möglichkeit. René Depart hatte was gegen Gina Davies' Wahl, zog Gina Davies hinter sich her, lief Richtung Baumbestand. Dicht zischten die Kugeln René Depart am Kopf vorbei, während die "Raptoren" in ihrer Panik vorüberstürzten, statt einen einzigen von der "Peter" anzugreifen. Gina stolperte, René Depart mußte Gina in die Höhe reißen. Aus den Augenwinkeln erblickte Renè Depart, mitten in der Bewegung, "Rotschnauze", der mit aufgerissenem Maul zu ihm hinzischte, fast wie eine Aufforderung, noch schneller zu machen. Wie der Donner rannte "Rotschnauze" in Höchstgeschwindigkeit. Die einzige Wahl: hinein in den Dschungel. Rechts von René Depart stürzte ein grüner "Raptor", schwer tödlich getroffen. Einem anderen in unmittebarer Nähe Departs und Gina Davies' erging es ebenso.

 

 

 

27. Verschiedene Jagdgenossen

 

 

* Total außer Atem, stand René Depart gegen einen Baum gelehnt. Gina war vor Departs Beinen in die Knie gegangen, rang nach Luft. René Depart schaute rum, ob nicht irgendwo etwas von Ivan Hammer oder Pierre Raul zu entdecken wäre. Ein Schuß hätte sie erwischt, keuchte Gina, daß René Depart zusammenzuckte; zum Glück nur ein Streifschuß. Aus ihrer hellbraunen Expeditionshose holte Gina ein kariertes Taschentuch, drückte sich den Stoff gegen den linken Oberarm, dorthin, wo ihr die Kugel das schöne Jackett zerfetzt hatte. Es täte ihm sehr leid, meinte René Depart leise; aber er wäre sich sicher, daß die Geschichte nicht vorbei wäre, sie müßten die andern irgendwo entdecken und weiter, sofort. Entsetzen war auf Ginas Gesicht zurückgekehrt; gleich drauf hatte Gina sich aufgerappelt.

 

* Von irgendeinem der "Raptoren" wäre weit und breit nichts mehr zu blicken, redete Gina an der Seite René Departs leise daher. Schräges Gelächter linker Hand ließ Gina Davies und René Depart zusammenzucken. Am Arsch sollten sie ihn lecken - war Pierre Rauls Stimme deutlich zu vernehmen, als wäre der Ton plötzlich wieder an. Kein weiter Gehweg, schätzte René Depart, faßte Gina Davies am Jackettstoff ihres heilen Oberarms, zog Gina Davies in Richtung Pierre Raul. Für René Depart und Gina Davies kam Pierre Raul in Sicht; mit offenem Mund und aufgerissenen Augen verharrte Ivan Hammer an Rauls Seite. Mit seinem Gewehr zielte Pierre Raul auf zwei Männer, welchen von denen der Marke "Jäger": grüne Röcke, Kniebundhosen und Langschaftstiefel.

 

* Der Waidmann mit dem ordinär braunen Filzhut auf dem Schädel hob den Finger wie ein Schüler in der Klasse vor dem Lehrer. Als der Mann die Aufmerksamkeit aller gewahrte, versetzte er, sie beide, die sicher Scheißnamen hätten, wüßten doch, daß in ihren Scheißgewehren keine Scheißkugel wäre; ihre Scheißgewehre wären nur mit Scheißplatzpatronen geladen. Der zweite der Jäger, der mit dem grünen Filzhut, an dem eine lange weiße Feder dransteckte, konnte nicht mehr mit ernstem Gesicht dastehen. In schrilles, bösartiges Gelächter brach der Mann aus. Dann faßte der Kerl seine Büchse fester, als wolle er jetzt endlich mal wieder schießen.

 

* Ein Entsetzenslaut entfuhr Gina Davies, eine Sekunde drauf hatte Gina Davies sich herumgeworfen, um vor allem wegzurennen. Ungefähr in der Mitte der Distanz zwischen den beiden jetzt bekannten Jagdfreunde und ihm, René Depart, erschien wie aus dem Nichts ein neuer Jagdmann mit brauner Joppe und schwarzer Kniebundlederhose zwischen den Bäumen. Dem Neuankömmling war nicht nach langem Geschwätz; die Knarre an der Wange, verfolgte er Gina Davies' Lauf, drückte ab. Um Gina Davies' Hinterkopf entstand eine rote Wolke, spritzte auseinander; die Wucht des Kopfschusses warf Gina nach vorne, Gina landete zwischen moosartigem Grünzeug. Das heulende Geschrei Gina Davies' war abrupt abgebrochen.

 

* Wie ein Tier heulte Pierre Raul auf. Pierre Raul drückte ab. Zwei Schüsse krachten aus Pierre Rauls Gewehr. Die beiden Jäger, auf die Pierre Raul, der ein ausgezeichneter Schütze war, gezielt hatte, grinsten breit. Der eine verbeugte sich tief in Richtung Pierre Raul. René Depart schaute zu, wie Pierre Raul sein nutzloses Gewehr am Lauf packte, es hoch über dem Kopf hob und auf die beiden in der Waidmannskluft losstürmte, es ihnen mit dem Schaft und allem zu geben. Keiner der Jagdmänner war deswegen weiter beunruhigt. Seelenruhig ballerten beide aus der Hüfte mit ihren Schießprügeln, zwei Schüsse. Schwere Schläge trafen Pierre Raul vor die Brust, daß er abstoppte, keuchte. Aber dann gewann Pierre Raul, dem die eigene Waffe entfallen war, überraschend wieder an Tempo. Trotz zweier weiterer Schüsse, war Pierre Raul über dem Filzhuttypen, dem die Überraschung im Gesicht stand. Mit beiden Händen hatte Pierre Raul den an der Gurgel. Raul und sein Kontrahent entschwanden hinter dem dicken Baumstamm außer Sicht. Ein Gegurgle, das in einer Sekunde abbrach.

 

 

 

28. Verjagt

 

 

* In René Departs Rücken war jemand, hüstelte. Langsam wandte René Depart sich herum. Die großkalibrige Büchse auf den Oberschenkel gestemmt, den Revolver locker in der Hand, saß dort eine lässige Type wie frisch von der Safari im afrikanischen Busch eingeflogen auf einem dicken Wurzelstrunk. Sichtlich hatte der andere seinen Spaß an allem. Zu René Depart hin reckte der Fremde den Sechsschüsser, meinte, das hier wäre jetzt mal vorbei; jeder müßte über kurz oder lang woandershin, ohne das Licht auskommen.

 

* Großäugig glotzte René Depart. Der mit dem hellbraunen Safarihut mit rotem Band auf dem Kopf, der hellbraunen Jacke und Hose und den hellbraunen Stiefeln wollte ihn, René Depart, allerdings nicht einfach erschießen. Mit dem Westerncolt fuchtelte er herum, bezeigte René Depart, daß René Depart was unternehmen sollte. Angreifen, wegrennen, irgendwas. Damit es einen Grund gäbe. Freudlos nickte René Depart. Unvermittelt warf René Depart sich herum. Das Gefühl war in René Depart, die erste Kugel könnte ihm jeden Moment in den Rücken treffen. Trotzdem lief René Depart voran, ohne daß ein Schuß knallte. Ivan Hammer entdeckte René Depart plötzlich vor, eilte ihm entgegen, Hammer, der kühl, distanziert René Depart entgegenblickte. Schüsse ließen am Baumstamm über Ivan Hammer das Holz spritzen.

 

* Zwischen den Bäumen rannten René Depart und Ivan Hammer. Eine Treibjagd auf sie beide, die die Jäger veranstalteten; es reichte denen in Jagdkleidung nicht, ihre Opfer einfach wie ein Erschießungskommando abzuknallen. Die Gnade einer Chance gewährten sie. Schüsse krachten. Ein Geschoß sah René Depart nur knapp über Kopfhöhe in kurzer Entfernung vor sich in einen Baum einschlagen; die Rinde, die wegspritzte.

 

* Seltsamerweise hörte die Ballerei unvermittelt auf, als ob die Jägersleute urplötzlich die Lust an ihrer Jagd verloren hätten. Ivan Hammer, der sein nutzloses Gewehr weiterhin mit den Händen umfaßt gehalten hatte, warf das Ding zwischen zwei Stauden. Der Blick Hammers, sobald er René Depart, seinen Kameraden von der "Peter" kurz anblickte, war voller Feindseligkeit, Haß. Nachdem René Depart Anstalten machte, seinen Mund aufzumachen, um bei Hammer zu fragen, ob sie beide Richtung der "Peter" liefen, stieß Hammer mit beiden Armen nach René Depart, daß René Depart an einem Baumstamm landete, knapp den Aufprall seines Kopfes am harten Holz vermeiden konnte.

 

* Ivan Hammer war fort. Nirgendwo mehr war für René Depart irgendwas von Ivan Hammer zu sehen oder zu hören. René Depart verfluchte Ivan Hammer, der durchgedreht hatte. Immer ausgeprägter wurde es René Depart, daß er in sumpfiges Gebiet geraten war. Immer öfter trat er mit den Füßen in ein brackiges Wasserloch. Einmal waren die Beine René Depart wie festgesaugt, es wollte ihn hinabziehen. Hin und her schaukelnd befreite René Depart sich nach mehreren Minuten der Verzweiflung aus seiner mißlichen Lage. Auf festerem Boden lauschte René Depart auf Dschungelgeräusch. Gezirpe, Gequake, Gurren, schrille Schreie von Vögeln oder anderem Getier. Dann klang ein Lachen auf. Als hätte ein Mann höhnisch lauthals losgelacht.

 

 

 

29. Der dicke Brummer aus dem Mund

 

 

* Jede Art Zeitgefühl war René Depart abhanden gekommen. Immer größere Verzweiflung machte sich in Depart breit. Als hätte es die Viecher vorher nicht auf der Welt gegeben, umschwärmten ihn Massen von Insekten. Sobald René Depart einmal eine kleine Pause einlegte, wurde es für ihn unerträglich. Überall, wohin er auch hinbegab, war er von Schwärmen von Fluginsekten umgeben. Punktiert wirkte seine Haut von den Stichen, reflektierte René Depart kühl. Außerdem hatte er sich beide Hosenbeine zerrissen. Im Sumpf hatte er Blutegel aufgesammelt, das sich an ihm festgesaugt hatte.  Getier war schon auf ihm, Depart, gekrochen, daß René Depart sich wunderte, daß er wegen den Bissen, die er spürte, nicht lange tot irgendwo am durchweichten Untergrund herumlag. Ständig konnte er immer noch weiter durch die Gegend zwischen den Baumgestalten und Grasbüschelflächen, die blühende Blumen und Zeugs schmückten, taumeln.

 

* Leider war das aufregend, das Gehusche um ihn herum. Ohne daß René Depart bisher irgendwas zu Gesicht gekriegt hätte, was dort huschte. Einmal war René Depart, daß sich ihm im Sumpfwasser etwas Größeres näherte. Dem Gefühl René Departs nach war das andere was Riesiges, ihm bereits sehr nahe. Bloß, es tauchte noch nicht auf. Eine fürs Davonkommen länger anhaltend feste Fläche Erdboden im Sumpf war die Rettung, bewahrte ihn, René Depart, davor, das bald doch mal kennenzulernen, was da ankommen wollte. Reines Glücksmoment.

 

* Zwei Schüsse krachten, daß René Depart sich auf den Boden Sumpf niederwarf. Ein schriller Schrei hatte Depart in den Ohren geklingelt. Von einem Mann. Gar nicht so weit von ihm, René Depart, entfernt. René Depart raffte sich von dem dicken Wurzelstrunk hoch, nachdem er, weil er in Sumpfwasser gestürzt, Blutegel von sich runtergezupft hatte. Die kleinen Drecksviecher, die sich ständig auf ihn draufhockten, Blut zu saugen, die nahm René Depart mittlerweile nur noch wahr, wenn eines der Biester größer war, kräftiger hineinstach. Der wahnsinnige Einfall kam René Depart, einen der Schießer zu überwältigen. Das mußten Jäger gewesen sein, die ballerten; die Jäger hatten die Waffen, die funktionierten. Mit einer Schußwaffe in der Hand, das war sofort eine andere Liga. Dann war ein anderer in den Tod mitzunehmen; konnte er, René Depart, zurückschießen. Oder erschießen, was ihm an fremden Leuten in Jägerkluft vor die Flinte kam. Wie ein Jäger. Von diesem Gedankengang befeuert, schlug René Depart ungefähr die Richtung ein, aus der die Schüsse zu vernehmen gewesen waren.

 

* Vor René Depart erschien ein vermoderter Baum, übermannshoch, bloß noch meterhohe Doppelstümpfe droben. Hier war er, René Depart, schon mal; die Wahrheit, daß er wieder mal nichts anderes getan hatte, als im Kreis herumzuturnen. Gereizt näherte sich Depart dem Baumüberrest; ein Weg, so gut wie jeder andere. Unvermittelt glaubte René Depart, irgendwas im Wasser zu blicken, so was ähnliches wie ein grünes Hemd. Ein paar weitere vorsichtige Schritte. Weiterhin festerer Boden. Scharf sog René Depart die Luft ein, als er genau sah. Das war Hammer, Ivan Hammer, der dunkelhäutige Russe. Ivan Hammer, bis zur Brust in Sumpfwasser. Verschiedene Insekten umschwirrten Ivan Hammer, der die Augen weit aufgerissen hatte, dem der Mund offenstand. Mitten in der Stirn hatte Ivan Hammer einen daumennagelgroßen roten Punkt. Wie mit einer Pistole dort erwischt. Zwischen Ivan Hammers Lippen schlüpfte in einer Sekunde ein echt fetter, schwarzer Brummer heraus, erhob sich in die Luft, wählte zweimal die Umlaufbahn um Hammers Kopf. Um wegzufliegen.

 

* Wenn einer aussah, als könnte er nie sterben, dann war das Ivan Hammer. Ivan Hammer, das war Lebenskraft in Person. Und jetzt war dort ausgerechnet Ivan Hammer: tot. Ivan Hammer, der Tote an diesem Ort im Irgendwo einer fremdartigen Inselwelt. Eine Leiche im Sumpf. Eine Stimme drängte sich René Depart ins Bewußtsein. Die Männerstimme meinte, ehe er seine Trophäe nicht hätte, wäre daran kein Gedanke zu verschwenden, zurückzugehen. Den Kopf würde er abtrennen, einpacken. Das würde ein schöner Schrumpfkopf, und die Kugel, wäre die im Schädel, die würde er herauspullen und in eine Schatulle legen. Eine Klarsichtschatulle, unten mit rotem Samt. Konnten Bräute sich anschauen. Würden es nicht glauben, wenn er es ihnen sagte. Gelächter.

 

* In Ruhe, aber doch so geräuschlos und schnell wie möglich, suchte René Depart, sich davonzumachen; ins Sumpfwasser durfte er dabei nicht treten; das Plätschergeräusch des Trittes würde unmittelbar gehört. Da wäre der andere, gellte eine Frauenstimme. Schüsse krachten, und René Depart spürte einen heftigen Schlag vor die linke Brust, der ihn nach rückwärts warf. Zum Glück fiel er nicht ins Schmutzwasser, sondern landete zwischen Wurzelsträngen. Scheiße, die "Grünen" griffen an, kreischte eine Männerstimme; wo die Mistviecher denn plötzlich herkämen. Aus dem Frauenmund gellte es panisch. Schießen. Das Geballere war das letzte, was René Depart erlauschte. Dann nichts mehr.

 

 

 

30. Paste

 

 

* Schmerz ließ René Depart zu sich kommen. Irgendwer war über ihm, fummelte an ihm rum; aber das war gleichgültig, wer das war, wenn man die Augen nicht aufbrachte, sich nicht rühren konnte. Dieses Lied hieß Hilflosigkeit. Und die Welt, sie bestand aus Pein. Daß man eigentlich von nichts was hätte wissen wollen. René Depart war, als würde ihm Weiches auf die linke Brustseite geklatscht. Melodisches Zwitschern. Dieses Gezwitschere, nach Vogelart, das kannte er; Vögel waren das bloß keine. Das waren die "Raptoren". Diese Erkenntnis brachte René Depart die Bewußtlosigkeit zurück.

 

* Beim nächsten Erwachen konnte René Depart die Augen aufmachen und wenigstens ein kleines bißchen die Füße bewegen. Die "Raptoren" waren kein Traum, nicht für ihn. Drei der "Raptoren" waren über ihm. Drei gewaltige "Raptoren"-Köpfe, unmittelbar nahe. Glotzende gelbe Augen. Gefährliche Mäuler öffneten sich, präsentierten rasiermesserscharfe Zahnreihen. Zum Fleischrausreißen und Töten gemacht, zu keinem anderen Zweck. Die offenen Biestmäuler senkten sich auf René Depart herab, und wieder kam für René Depart das Dunkel des Nichtwissens.

 

* Das war Weiterleben, das Leben eine Pein; wild warf René Depart sich hin und her, wand sich in der Gegend rum. Die brennende Qual vermehrte sich auch noch, hatte mit dem zu tun, was er von den "Raptoren" zielsicher auf die linke Brust geklatscht kriegte.  Irgendein hellgrünes Zeug. Das war direkt böse, unerträglich. Warum brachten die Viecher ihn, René Depart, nicht einfach um? Was hatte er ihnen getan, daß sie mit ihm herumspielen mußten, eine Schinderei bei ihm veranstalten? Ein schneller Tod, und nichts mehr, das wäre es doch gewesen. Für ihn. Warum fraßen die ihn denn nicht endlich auf. Gefiel ihnen das Foltern so sehr? Wie sehr er sich das Sterben wünschte. So hatte er sich das nie gewünscht, sterben zu dürfen. Lag es daran?

 

* Wieder war es die gleiche Szene mit den "Raptoren". Dann: Mit der flachen Hand klatschte René Depart gegen die Schnauze des "Raptoren", der sich gerade herabbeugte. Das hätte René Depart nicht tun sollen, der "Raptor" mit dem roten Flecken zischte böse. "Rot-Schnauze" näherte sich mit seinem Monstermaul René Departs Gesicht. Dann öffnete sich das Maul mit seinen Rasiermesserzähnen, fuhr herab, verpaßte René Depart ein sattes, schmerzhaftes Zwicken an der Kehle.

 

* Der Atem der "Raptoren" roch nach Minze; endlich hatte René Depart das Wort dafür. Dauernd hatte er herumüberlegt, war nicht draufgekommen, was das für ein Geruch war. Dann der Geistesblitz: Minze! Da, sie waren zurück: immer dieselbe Prozedur. Zu dritt beugten sie sich über ihn, René Depart, spuckten ihm das, was sie hergekaut hatten, auf die Brust. Für die Geschichte mit dem Rücken wurde er, René Depart, von zwei "Raptoren" angehoben und vorsichtig etwas gedreht. Anfangs wohlige Wärme, wenn das Zeugs seine Wirkung entfaltete, brannte es gräßlich. Ziemlich unerträglich weiterhin, aber ohnmächtig wurde er davon mittlerweile nicht mehr.

 

* Über René Depart wiegten sich die Äste; dichtes Blattwerk schützte vor der prallen Sonne. René Departs Lager fand sich auf weichem Stroh. Sobald René Depart den Kopf nach links oder rechts drehte, erblickte er "Raptoren", ebenfalls auf Strohlagern. Verletzte "Raptoren". Verschiedenste Verwundungen hatte die "Raptoren", am Unterbauch, an den Laufbeinen. Einem fehlten Krallen. Von den dreien rechter Hand war einem unter Tags öfters Blut aus dem Maul gelaufen. Der ging jetzt ab. Also mußte das Ende gekommen sein, war bei dem nichts mehr zu machen.

Insel der Überraschungen (31 - 40)

 

 

 

 

31. Re-Vital

 

 

* Interessant fand René Depart die Beobachtung, daß es die Jung-"Raptoren" waren, die das meiste der geheimnisvollen Kräuter feinkauten und auf große Lilienblätter spuckten. Die "Alten" speichelten das wenig später noch mal länger durch, fügten die eine oder andere Blüte und noch mal grünes Zeug der Paste zu. Jedenfalls hätte er, René Depart, gerne das genaue Rezept gehabt; das wäre interessant gewesen, aus welchen Pflanzenbestandteilen die lange nicht austrocknende, heilfördernde Grünpaste gemischt wurde. Hätte man schließlich verkaufen können. Denn das Zeug half. Stunden des Vortages hatte René Depart bewußt erleben können, ehe die Schwärze des Nichtwissens wiederkehrte. Und der neue Tag, der war jetzt sogar noch besser, was seinen körperlichen Zustand anbetraf. Größerer Schmerz entstand René Depart nur, wenn er sich einmal zu heftig bewegte.

 

* Fast wollte René Depart alles wie eine wundersame Erscheinung vorkommen. Das allergrößte Geschenk, das ihm dabei zuteil wurde: das Leben. Er, René Depart, durfte am Leben bleiben. Während Ivan Hammer, "Hammer der Schreckliche", Pierre Raul und Gina Davies tot waren. Beste Freunde waren sie für ihn, René Depart, gewesen; viel hatte man gemeinsam miteinander erlebt. Überdies Irene, Irene, seine einzige Tochter, Irene, die war ganz woanders. Tanzte in der Umgebung dieses Jaques' herum. Das war die Frage, ob Irene sich dieser Verhältnisse sicher sein konnte. Ob für Irene das bei Jaques auf die Dauer gutging. Auch Irene war eine, die man, hatte der Boß sie satt, der Mannschaft übergeben konnte. Freigegeben für deren kurzes Gelüst. Um Irene in einem halbtoten Zustand dem Dschungel zu überantworten.

 

* René Depart hatte nicht die Absicht, sich nur in trüben Gedanken zu verlieren. In die Höhe rappelte René Depart sich, stellte sich auf die Füße. Kein Schwindelgefühl mehr; das hatte ihn verlassen. Fast war sein Befinden wie sonst. Die nächsten Schritte wagte René Depart, weiter als zuvor. Neben René Depart hinkte ein grünschuppiger "Raptor" her, einer, der sich ebenfalls daranmachte, nach einer bösen Verletzung neu ins Leben zurückzukehren. Der "Raptor" blickte aus seinen gelben Augen trübe, stumpf auf René Depart. Als läge er doch noch mehr darnieder, als daß er Teil der lebhaften, hüpfenden Welt wäre.

 

* Zu leben, das war schön. Das Leben wurde immer besser. Überall sah René Depart geschäftiges Treiben. Ungefähr armlange Jung-"Raptoren", die herumsprangen, sich um alles und jedes kümmerten. Die boshaften Kleinen waren den Älteren wirklich eine Last. René Depart beobachtete, daß die Kleinen wie Vögel im Nest von ihren Vogeleltern gefüttert wurden: Sie bezwitscherten das Elterntiere, bis die beruhigend zurückzwitscherten, endlich die großen Mäuler aufrissen. Die Kleinen fraßen den Großen das Vorgekaute aus dem Maul heraus.

 

* Einge der erwachsenen "Raptoren" schleppten Geäst. Andere beschäftigten sich mit bewässertem Sand mit dem Bau von Erdhügeln. Wahrscheinlich, daß in dem einen oder anderen halbmannsgroßen Hügelchen, wenn sie nicht als Vorratskammer diente, die nächste Brut schlüpfen würde. Dachte er, Rene Depart, nach, überschaute er die Zahl der Jungtiere, waren das vier-, fünfmal so viele wie die Erwachsenen. Das war so viele, als müßte noch eine Auslese stattfinden. An strategisch wichtigen Punkten des Lagers waren Wächter aufgestellt. Grimmig wirkten diese Wächter. Guckte man sich diese "Raptoren" an, war es die Frage, ob die nach außen wachten oder die Wache denen drinnen galt. Trotzdem marschierten die "Raptoren" an ihnen vorüber, ohne sie großartig zu beachten. Wahrscheinlich, weil die Welt in Ordnung war. Es wollte niemand an den Machtverhältnissen rütteln.

 

* Ein Stöhnlaut entwich René Depart; er hatte "Chef Rotschnauze" entdeckt. "Chef Rotschnauze", der mit zwei "Kollegen" daherstolzierte. Die nächste "Krankenvisite", die für René Depart anstand. Und die Erinnerung an kürzlich erlittene Qualen durch die Heilpaste machte, daß bei René Depart recht wenig Freude aufkam. Auch der "Raptor", der neben ihm dastand, empfand das nicht anders, ließ einen Jammerquietschlaut vernehmen, wandte sich um, um auf sein Strohlager zurückzukommen. Weit weg von der Welt neuer Qualen war das allerdings nicht.

 

 

 

32.  Kleine Biester

 

 

* Das Fleisch, das die "Raptoren" ihm, René Depart, und anderen Verletzten ans Krankenlager brachten, von dem er sich ausreichend was griff, war gekocht; sogar Wurzelgemüse war im Blatt dabei, ein bißchen scharfe Würze. Da nirgends eine Feuerstelle brannte und auch keine Kochtöpfe vor Ort waren, mußten die "Raptoren" in der Nähe eine heiße Quelle wissen. Das war zumindest René Departs Gedankengang. Möglicherweise legten die "Raptoren" größere Fleischstücke mit dem Knochen nach oben ins siedende Wasser, während sie Innereien und das in Blätter einwickelten, reinwarfen. Auf alle Fälle mußte das Ganze einfach zu greifen und herauszuholen sein, ohne viele Spritzer Kochwasser abzukriegen.

 

* Das war ein glatter Durchschuß, den ihm der Jäger verpaßt hatte, resümierte René Depart, sich betrachtend. Knapp genug beim Herzen, aber hinten wieder raus, ohne daß das Schulterblatt getroffen worden wäre. Jedenfalls eine Wunde, die heilbar war, wenn man sich darum kümmerte; wie es bei ihm, René Depart, geschehen war. Glück im Unglück, das René Depart hatte. Schrilles Gekreisch ließ René Depart aus seinem Nachdenken hochrumpeln. Da waren sie zurück, die drei Jungtiere, die es besonders darauf anlegten, bei ihm, René Depart, Ärger aufkommen zu lassen. Mit den Mäulern stießen sie, als der eine es vormachte, nach René Depart, als wollten sie was picken. Nachdem René Depart auf die Beine gehüpft war, sprangen die Mini-"Raptoren" mit spöttischem Gekreisch und Gezwitscher von dannen ins nahe Gebüsch.

 

* Der eine Kleine hatte es auf ihn, René Depart, besonders abgesehen; die anderen beiden, das waren nichts als jämmerliche Mitdabei, denen der Saft sofort fehlen würde, wenn ihnen einmal der Anführer abhanden kam. Gerne suchte das Trio, René Depart mit lautem Gekreisch zu erschrecken; zum Beispiel, wenn er nach dem Genuß seiner Eßration nachmittags am Einschlafen war. Es war ein Spaß für sie, wenn alle drei zwischen den Stauden heraussprange, dorthin, wo René Depart eben getreten war; gefährlich führten alle drei sich auf, als wollten sie jede Sekunde echt angreifen. Noch dazu war lustig, wie langsam der Zweibeiner war, wenn er hinterhersetzte. Nie kriegte er einen von ihnen zu fassen kriegte, sosehr er sich auch mühte, ganz anders als andere Erwachsene in der Umgebung, die mit den Mäulern zuschnappten, hochhoben, bis doch ängstlich gequiekt wurde.

 

* Abermals kehrten die heranwachsenden Biester zurück; ihr zudringliches Fiepen klang auf. Das alles kannte René Depart jetzt zur Genüge. Diesesmal beabsichtigte René Depart, der sich friedlich gegen den Baum gelehnt hatte, das Treiben im "Raptoren"-Lager zu überblicken, die lustigen drei nicht zu beachten. Plötzlich fühlte René Depart etwas, Schmerz. An seiner rechten Hand war das Gefühl von Zähnen, die sich auf seine Haut draufklemmten. Nicht um zu beißen, sondern gemein zu zwicken. Als der kleine Drecks-"Raptor" wegzuckte, schaute René Depart sofort nach der Handkante: tatsächlich kein Blut. Das miese Mistvieh hatte lediglich gezwickt, auf den Biß verzichtet.

 

* Das miese Stück Kleinst-"Raptor" bleckte die Zähnchen, verharrte weiter ganz nahe bei René Depart. Als könnte ihm nie irgendwas passieren, wäre es gegen alles gefeit. Unvermittelt trat René Depart mit seinem Stiefel nach dem Unterbauch des Jungtiers. Das erste Mal, daß der Kleine seinen Gegner anscheinend unterschätzte, nicht schnell genug reagierte. Ausgezeichnet traf René Depart den Ball. Zwei Meter flog das Drecksstück eines "Raptors" durch die Luft, blieb sogar geschockt länger liegen. Als wäre ihm eine Idee gekommen, sprang der Mini-Boß, der die Augenpaare seiner beiden Freunde, die er gewöhnlich beherrschte, auf sich wußte, nach kurzem Herumliegen wie ein Flummi auf.

 

* Alles hatten die Freunde ganz genau gesehen. Mitgekriegt, daß er, der Boß, erwischt worden war; sogar mit ein wenig Tran. Wutentbranntes Gefauche und Gezwitscher des Kleinen Richtung René Depart. Schreck, Ungläubigkeit, tiefere Verletzung, davon erzählten die hellblauen Äuglein des Nachwuchsmonsters. Nicht zu fassen, daß dieser dämliche, langsame Depart ihn am Bauch erwischen hatte können. René Depart meinte, aus dem Ausdruck der gelben Augen des Mini-"Raptoren" herauslesen zu können, daß Mini-Boß alles andere als ein guter Verlierer war; was ihm durch René Depart passiert war, hätte ihm nie und nimmer passieren dürfen. Konsequenzen müßte das für René Depart haben, die über das bisherige hinausgingen. Für Schlimmeres war René Depart nun vorgemerkt, als das, was ihm bisher geschehen war.

 

 

 

33. Das Unglück

 

 

* Unruhe fand sich in René Depart. Er konnte nun als Mensch nicht für immer in dem "Raptoren"-Lager bleiben. Das war eine endliche Zeit. René Depart fand es komisch, wie ruhig es in der Gegend der "Raptoren"-Ansiedlung war. Keine Angriffe durch die Jäger-Clique, die Jaques kontrollierte. Die vergangenen Tage hatte René Depart hin und wieder gemeint, das Geräusch eines Hubschraubers zu erlauschen. Jedoch ziemlich fern. Genausogut hätte es eine Einbildung sein können. Jedenfalls: Keine Schießerei  mehr nirgendwo. Dabei war "Chef Rotflecke" bereits einmal in die Gefangenschaft der Jäger geraten. In Strandnähe hatte sich die "Raptoren"-Gemeinschaft sich niedergelassen. Nachts hörte René Depart das Meeresrauschen immer am deutlichsten. War das Meer nahe, war die "Peter" nicht im Bereich des Unmöglichen. Kein Ding der Unmöglichkeit für René Depart, zu seinen Freunden von der "Peter" gelangen zu können. Damit sich ihm, René Depart, endlich die Frage beantwortete, was die Mannschaft der "Peter" trieb. Das wäre es für René Depart gewesen, einfach in eine Richtung am Strand längs zu marschieren, zufällig jemandem von der "Peter" zu begegnen. Andererseits: Existierte die "Peter" überhaupt noch? Angesichts der Gefahr, die von Jaques, dem Piraten, ausging. Jaques, den Irene gesehen hatte, um von Jaques geblendet zu werden. Wenn es die "Peter" noch massiv gab, mußte René Depart das erfahren.

 

* René Depart zögerte. Es war echt der Widerwille in ihm, die Grenze zu überschreiten. Bisher hatte René Depart sich das nie getraut, die nächste Umgebung seines Krankenlagers zu verlassen, in das "Raptoren"-Lager hineinzuspazieren. Zwischen den Nest- und den anderen Hügeln herumzugehen, als wäre das das Allernormalste auf der Welt. Andererseits: Wenn er, René Depart, erst drüben war, konnte er jenseits der Palmen laufen. Auf der Strandseite war René Depart frei, sich unbesehen oder ohne daß es größere Beachtung fand davonzumachen. Wenn René Depart von einem Ausflug nicht zurückkehrte, würde das der mit dem roten Fleck auf der Schnauze gewiß verstehen. Der Anführer. Schließlich gehörte René Depart in keinster Weise in seinem Lager irgendwie dazu.

 

* Endlich hatte René Depart genügend Antrieb gefunden; lange genug hatte es gedauert. Ziel war jenseit der Palmen der Strand. Der Strand und den Strand hinauf irgendwann die "Peter". Er mußte wissen, wie es seinen Freunden von der "Peter" ergangen war. Dort war René Departs Platz, dort gehörte René Depart hin. Langsam, zaghaft schritt René Depart voran, als könnte einer der "Raptoren" seine Absichten erraten. Hin und wieder blieb René Depart stehen, betrachtete interessiert einen der Erdhügel. Dann setzte René Depart seinen bedächtig langsamen Spzierweg wieder fort. Wie vor eine Wand gelaufen, Dann verhielt René Depart wie vor eine Wand gelaufen im Schritt: seine drei "Freunde". Seine kleinen Quälgeister. Als der Mini, der den Anführer des Trios abgab, die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen hatte, krähte er lauthals. Die beiden Kumpane links und rechts daneben glotzten matt und undefinierbar.

 

* Eine bessere Lösung des Problems fiel René Depart nicht ein als Nichtbeachtung. René Depart drehte sich einfach zur Seite, eine andere Marschrichtung einzuschlagen. Das halbe Anführerlein zwitscherte aufgebracht. Plötzlich merkte René Depart, daß er von hinten angesprungen worden war. Einen kleinen Stich in den Rücken spürte René Depart. Der Angreifer, der außer Reichweite davonhüpfte, war nicht der kleine Chef selbst, es war einer seiner Knilche. Auf das zwitschernde Kommando des Anführers hin griffen alle drei an. Nach besten Kräften suchte sich René Depart der Attacken zu erwehren, trat, schlug zu, schmiß sie von sich herunter. Aber jedesmals rappelte man sich hoch, um erneut anzugreifen. Abermals spürte René Depart, daß eine Sichelkralle ins Ziel gefunden hatte, an der rechten Hüfte. Die Verzweiflung bei René Depart wuchs von Sekunde zu Sekunde. Immer häufiger, daß die Mini-Monster ihn stachen. Die Verletzung auf der linken Brusthälfte heilte zwar gut, aber der Beweglichkeit des linken Armes half der Schmerz und das Ziehen nicht. Das durfte es nicht sein, demnächst am Boden zu liegen zu kommen, während das Angreifer-Trio das Angriffsziel Hals frei hatte. Auch wenn das nur die Kleinen der "Raptoren" waren, wäre das für ihn, René Depart, das sichere Ende gewesen.

 

* Schlagartig war dann alles vorbei, Ruhe herrschte auf der Szene. Schweiß wegblinzelnd guckte René Depart auf den Nachwuchsanführer des Mini-"Raptoren"-Trios herab, der im Staub dalag. In Agonie zuckte der Mini, blutüberströmt. Die beiden restlichen Kerlchen, die ständigen Satelliten des einen, waren spurlos verschwunden. Rundum sich im Kreis drehend, überschaute René Depart die stille Runde erwachsener "Raptoren". "Chef Rotflecke" zwitscherte niedergeschlagen. Sonst tat sich bei "Chef Rotflecke" nichts. Eine der "Raptoren", die René Depart umstanden, trat zur Seite, gab für René Depart den Blick frei Richtung altbekanntem Platz Krankenlager. Sofort begriff René Depart, daß das jetzt sein Weg war. Der einzige, der für ihn zu nehmen war. Und René Depart, der an Händen und Füßen zitterte, ließ sich torkelnd nicht lange bitten, brachte sich in Bewegung, stellte einen Schritt vor den nächsten, ohne hinzusinken. Der Einfall, alle Kraft zusammenzunehmen, loszulaufen, das wäre sicherlich der tödliche der Fehler gewesen. Solange er, René Depart, schließlich lebte, war das Zeitgewinn. Vielleicht ergab sich doch noch was für ihn.

 

 

 

34. Stufen, hinaufzusteigen

 

 

* Es herrschte Ruhe auf der "Krankenstation". Die drei anderen Patienten, von denen der eine oder andere sonst immer längere, kürzere neugierige Blicke über René Depart hinwegschweifen ließ, drehten ihre Schnauzen nur mehr selten Richtung René Depart. Blieben abgewandt. Als hätte René Depart jetzt ein Stigma erhalten. Die Gefühlslage René Departs war ganz weit unten im Keller; mit zittriger Hand wischte er sich Tränen weg. Langsam überforderte ihn die Geschichte wirklich. Das, was sich mit dem Kleinen abgespielt hatte, das hatte er, René Depart, nicht gewollt; der Mistvogel aus der Nachwuchsmannschaft war selber schuld an seinem Geschick. René Depart schimpfte auf sich, weil er Mitleid mit der krallenbewehrten halben Portion hatte, das ihm den Rücken hergestochen hatte, daß ihm Blut gelaufen war. Das kleine Drecksvieh, das es geliebt hatte, sich als Anführer zu gebärden. Besser, der war hinüber, als er, René Depart. Interessant bei der Angelegenheit war nur eins: daß sich der "Raptoren"-Nachwuchs im Staub wiederfand, im Sterben liegend. Hätte das nicht umgekehrt sein sollen?

 

* Hemd und Unterhemd hatten die Mini-Biester, die ihn angegriffen hatten, René Depart zerrissen. Das Männerhemd hing hinten sogar in Streifen; bloß der Kragen hielt die Stoffware noch zusammen. Die Kratzer und die im Grunde harmlosen Stichwunden würden relativ bald heilen. Nur, er, René Depart, war auch gebissen worden. Von Waranen wollte auch keiner gebissen werden. Warane, wußte René Depart, mußten ihren Opfern nicht lange nachstellen, ihnen einen schnellen Todesbiß zu verpassen. Waranen genügte es, einmal irgendwo ihre Beißer in die Flanken reinzuschlagen. In absehbarer Zeit lag das unglückliche Tier, das es erwischt hatte, am Erdboden. Der Waran mußte lediglich der Riechspur nachgehen, die Mahlzeit war ihm serviert.

 

* "Chef Rotflecke" kam als Arzt zu René Depart zurück, begleitet von zwei "Raptor"-Riesen. Seine Gesten bezeigten, René Depart sollte sich ausziehen. Und René Depart gehorchte. Dann kriegte René Depart eine Heilpastenbehandlung. Nur, Fröhlichkeit beherrschte nicht mehr die Szene. Die "Raptoren" zwitscherten nicht untereinander. Keinen Ton hörte René Depart von ihnen. Nur Schnauben, das gefährlich klang. Weil René Depart sich einwandfrei verhielt, ergab sich jedoch für keinen des Trios die Gelegenheit, René Depart gegenüber Aggression zu entwickeln. Fort schritt "Chef Rotflecke", setzte die Krankenvisite bei einem anderen auf der "Krankenstation" fort. 

 

* René Depart fand, er sollte endlich davon runterkommen, daß Irene nicht recht gehabt hätte. Die reptilienartigen Wesen waren keine gewöhnlichen Reptilien wie etwa ein Krokodil. Das war eine ganz andere Art. Das mußten Raptoren. Raptoren, die es aus der Dino-Zeit in die Gegenwart geschafft hatten. Aus irgendeinem Grund. Lebendige, übermannshohe Raptoren. Zweieinhalb Meter bis drei Meter, wenn sie sich aufrichteten. Auf diesen komischen Eiland, daß sie lebten. Genauso wie andere Kreaturen, von denen er, René Depart, bereits Abkömmlinge zu Gesicht gekriegt hatte. Leider sehr lebendige Monster, wenn das kein Traum war, aus dem René Depart irgendwann aufwachen würde.

 

* Dreimal hatte René Depart sich erwischt, wie ihm der Kopf auf die Brust gesunken war. Nachdem die Spannung bei ihm nachgelassen hatte, wollte die Müdigkeit ihren Tribut von ihm verlangen. Wenn eins sicher: Sogar im Auge des Wirbelsturms konnten Menschen irgendwann schlafen. Der Schlaf, der übewältigte einfach. Plötzlich wurde René Depart etwas bei sich gewahr, ruckte erschrocken hoch. Die Raptoren! Unhörbar waren sie zu ihm, René Depart, zurückgekommen. Wie aus dem Nichts materialisiert, standen drei Gestalten reglos vor René Depart herum. "Chef Rotflecke" und drei weitere des Rests, die wichtig blickten. Die Art, wie die vier auf ihn, René Depart, herabglotzten, verhieß keine angenehme Zeit.

 

* "Chef Rotflecke" zwitscherte auf eine ungute Weise, beugte sich herab, hatte die gelben Augen auf René Departs Augenhöhe. Der Schreck überwältigte René Depart, machte, daß er einen Meter rückwärts rutschte, nur fort von diesem Maul. Obwohl, im Grunde genommen gab es es keine Fluchtmöglichkeit für René Depart. Eine sinnlose Sache. Der mit dem roten Fleck auf der Schnauze war nicht zufrieden mit René Depart und seinem ängstlichen Getue. Nach René Departs Hemdskragen in René Departs Nacken schnappte er zielsicher. Strampelnd half René Depart dabei mit, auf die Beine zu kommen. Das mit der "Krankenstation" und dem Strohlager war für ihn vorüber, begriff René Depart. Von dem Ort der Heilung wurde René Depart fortgezerrt. Wollte "Chef Rotflecke" ihn, René Depart, irgendwo anders exekutieren?

 

* Aufgeregt deutete René Depart in die andere Richtung, dorthin, wo er den Sandstrand wußte. Wenn ihn "Chef Rotflecke" und seine drei Begleiter nicht umbringen wollten, sondern fortschicken, wäre der Strand sein Weg. Was sollte er hier an dieser Felswand, die steil nach oben ging? Diesmal stieß "Chef Rotflecke" René Depart den Schädel vor die Brust, daß René Depart das Gleichgewicht verlor. Hart landete René Depart auf Gestein. Zum Glück konnte er den Faller mit seiner Rechten abfangen; links, das hätte zu viel Pein gebracht. Daß fast eine Ohnmacht fällig werden hätten können. Sehr gefährlich.

 

* Nachdem René Depart sich unverzüglich aufgerappelt hatte, panisch nach rückwärts glotzte, entdeckte er, daß er auf einer Steinstufe dastand. Steinstufen, die hinaufführten. Das Ganze, als hätte er das nicht vorher sehen können, mußte er darauf gestoßen werden, die steinernen Stufen zu bemerken. Böse starrten die Raptoren auf René Depart. René Depart hatte das Gefühl, ein Angriff stand bevor. Ein Gezwitscher von "Chef Rotflecke", und die drei, die ihn begleiteten, fauchten und kreischten los. Das war der finale Angriff, meinte René Depart, warf sich mit panischem Schrei herum, nahm die ersten der schmalen Stufen hinauf. So schnell er konnte, stieg René Depart aufwärts. Dann merkte René Depart, der beinahe kurz ausgerutscht wäre, daß etwas fehlte. Schwer atmend schaute René Depart zurück, abwärts. Zu seiner Überraschung erblickte René Depart die vier Raptoren nicht unmittelbar hinter ihm, sondern einige Meter unter sich am Fuß der Steintreppe. "Chef Rotflecke" und die, die bei ihm waren, hatten sich dort nicht von der Stelle gerührt. Es war dem vier überhaupt nicht eingefallen, René Depart hinterherzusetzen. Daß dem so wäre, das hatte er, René Depart, sich nur eingebildet. Aber eins war trotzdem sonnenklar: Nach unten zurück konnte er, René Depart, nicht mehr. Unten, daß sie nur darauf warteten, daß der Mensch umkehrte. Außerdem sicher, daß dort welche Posten stehen würden ...

 

 

 

35. Der weite Blick

 

 

* Die Todesangst saß René Depart im Nacken. Die Überlegung, umzukehren, war etwas Unmögliches. Vielleicht gaben die "Raptoren" ihm zwei, drei Minuten Vorsprung, ehe sie dem Menschen hinterhergesprungen kamen. Dann konnte René Depart, der sich für diesen Sport nicht fit fühlte, nicht mehr. Mit rasselndem Atem hockte er sich auf die nächste der Stufen, eine, auf die sein Hinterteil paßte. René Depart war es egal, ob die "Raptoren" nachkamen oder nicht.  Den Kopf legte René Depart auf die Arme, schloß die Augen. Zurück, das konnte er zu einhundert Prozent nicht. Wenn "Chef Rotschnauze" ihm, René Depart, eine Chance gab, dann die nach oben und voran. Sollten die Raptoren ihn erwarten, sobald er droben angekommen war, mußte das eben so sein. Wie schön hätte die Welt für ihn, René Depart, sein können, hätte es dieses halbstarke Biest, das den anderen den wichtigen Chef vorspielen mußte, nicht gegeben. Auf René Depart abgesehen hatte es das Drecksstück aus dem "Raptoren"-Nachwuchs. Daran war es verstorben. Weil es keine Ruhe hatte geben können.

 

* Er konnte nicht ewig an Ort und Stelle herumhocken. Stöhnend erhob sich René Depart, hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Kein angenehmer Sturz. Vielleicht hätte der erste Treppenknick den Faller gestoppt. Die Stufen waren für kleine Füße gemacht, wenigstens die meisten. Kleingewachsenes Volk, das diese Stiege in den Fels schlug, in früherer Zeit hier heraufstieg.

 

* Kein Raptor, nirgendwo. Zur Linken schaute René Depart Baumbestand. Die felsige Mitte war weit wie ein städtischer Marktplatz. Alles begrenzte eine Steinmauer, die rechter Hand an einem gewaltigen Steinquader endete, der sich wiederum an die Fortsetzung des Felsens anschloß. Reichlich Stufen führten zu dem Granitblock hinauf. Das Mauerwerk schien von den gleichen Leuten und ihren Arbeitskräften geschaffen, die auch das große Steintor gefügt hatten, durch das er, René Depart zusammen mit seinen Freunden Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davies und Tochter Irene vor ewigen Zeiten geschritten waren. Die Arbeit eines Riesen bewunderte René Depart. Der "Riese" war Volk mit Kinderfüßen.

 

* Einhundertundsiebenundvierzig Stufen zählte René Depart, der zu der Tischfläche des Steinblocks hinaufsteigen mußte. Die obere Fläche des granitenen Blocks mußte als Altartisch gesehen werden. Ein Opferaltar. Hier wurden in altvorderer Zeit Opfer dargebracht, Blutopfer. Klar, daß die Rinnen im leicht abfallenden Stein Blutablaufrinnen sein mußten, nichts anderes. Blut war hier geflossen. Jede Menge Blut. Von unbekannten Hohepriestern wurde unbekannten Gottheiten geopfert. War es aber auch Menschenblut? Sah man die "Raptoren" als Tiere, waren hier Menschen am Werk. Aber, diese "Raptoren" waren verflucht organisiert. Da konnte es schon die eine oder andere Entwicklung gegeben haben. Generationen, während denen man einmal klüger, dann wieder weniger klug war.

 

* René Depart stieg auf den Opfertisch, begab sich an den Rand. Verlor er, René Depart, das Gleichgewicht, fiel er tief, tief. Steil führte der Fels hier in die Tiefe. Ein monströser Felsabsturz. Die Weite, die sich hier dem Blick René Departs eröffnete, das war der Hammer. Das haute in den Kopf. Unterhalb schaute René Depart bis zum dunstigen Horizont nichts als Dschungelgrün mit weißen Nebelklecksen. Milchiges Weiß, die Ausdünstung des feuchten Dschungels. Welch eine Ferne! Das Wort "Normalität", an diesem Ort vollends zu vergessen. Welche Größe hatte dieses Gebiet? Konnte das die Erde sein? Auf der man alles und jedes kannte. Die Erdkugel, von Satelliten umflogen. Meßgeräte zuhauf, die ihre Impulse herabsandten. Millionen von Bildern, die geschossen wurden, an ein Rechnerzentrum weitergeleitet ...

 

* Das, was er, René Depart, hier überblickte, schrie geradezu danach, in jedem Nachrichtenmagazin an erster Stelle zu stehen, überall der Aufmacher zu sein. Ob geschrieben oder in Worten. Hatte es nicht geheißen, sie hätten die Welt bis in die Untiefen der Meere hinein und die höchsten Gipfel hinauf mit ihren exakten Geräten vermessen? Nichts konnte den Messungen dabei entgehen, nicht an Land, nicht zu Wasser. Nicht die allerkleinste Unebenheit. Eine vollständige Karte der Erdenwelt hätten sie hergestellt. Wie konnte das dann allerdings sein, daß noch kein Mensch von dem, auf das er, René Depart, herabschaute, irgendwie vernommen hatte? Warum wußte niemand von diesen "Raptoren", den restlichen Monstern? Normal war, das überall hinauszuplärren, daß derartiges Getier auf einem Eiland seinen Platz hatte. Was für Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Es sei denn, es sei denn, es wurde einiges dafür getan, daß das unterblieb, daß die Menschenwelt irgendeine Neuigkeit von der Örtlichkeit vorgeführt kriegte. Schließlich befand sich amerikanisches Militär auf dem von Meerwasser umgebenen Gebiet.

 

 

 

36. Brüller

 

 

* Entlang der Steinmauer verlief ein Weg, einmal schmäler, einmal breiter, der für René Depart Richtung abwärts führte. Fast wirkte es auf René Depart, als wäre es dem Dschungel mit seinem satten Pflanzenbewuchs verboten, zur granitenen Mauer rüberzuwachsen. Obwohl die Wahrscheinlichkeit größer war, daß die "Raptoren" ihm einfach entgegenliefen, hatte René Depart nicht die geringste Lust, sich ohne das kleinste Messer durch Dschungeldickicht zu kämpfen. Nur wenn die Umstände ihn zwangen, würde er, René Depart, den Weg in die Bepflanzung hinein nehmen, aus der Getier herausschrie, firpte, quäkte. Die Erinnerung an die Geschehnisse im Sumpf, noch frisch genug für René Depart.

 

* Die Hände in den Hosentaschen schlenderte René Depart ohne Eile dahin. Ab und an blieb René Depart stehen, bewunderte die Mauer, betrachtete gegenüber schön erblühtes Gesträuch, das Insektenwelt herschwirrte und mit Summen erfüllte. Jedenfalls half die Raptorenpaste gut gegen anfliegendes Kleingetier; vor diesen miesen Satelliten, die sich auf ihn herabstürzen wollten, ihm die Haut herzustechen, hatte René Depart bis auf weiteres Ruhe. Grob schätzte René Depart, daß er bald sechs, sieben Kilometer Wegstrecke zurückgelegt haben mußte. Da es stetig abwärts ging, mußte er irgendwann auf Höhe Wasserspiegel ankommen, Ebene erreichen. Vielleicht kam er alsbald am Strand heraus. Weißen Sandstrand und Palmen zu blicken, das wäre eine Entwicklung gewesen. Einem von der "Peter" in die Arme zu laufen, die Freude schlechthin. Wenig später auf die "Peter" rübermachen, sich erst mal in die Koje zu werfen, auszuschlafen. Das hieß, wenn es die "Peter" noch gab. Wenn Jaques' "Piraten" die "Peter" nicht bereits versenkt hatten. War nicht anzunehmen, daß Jaques Zeugen brauchte. Auf jeden Fall keinen von der "Peter". Mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht Irene, Tochter Irene.

 

* Die Mauer endete. Mit dem Rücken lehnte sich René Depart gegen einen Granitklotz in Würfelform gegenüber des Abschlußstückes Mauerwerk. Vor sich überblickte er Eine saftig grüne Wiese überblickte René Depart; satter Rasen, der ausschaute, als hätte eine Schafherde an dem Ort geweidet, die Halme gekürzt. Jenseits der Wiesenfläche gab es Bäume, Gestrüpp. Fragen über Fragen, die René Depart im Kopf hatte. hauptsächlich aber die: Wo waren die Feinde? Zum Beispiel die in der Form der "Raptoren". Die grünschuppigen übermannshohen Biester, die zwei Laufbeine hatten, krallenbewehrt. Wenn das nicht der Ort war, wo sie lauerten, wo waren sie dann zu erwarten? Davon war auszugehen, daß sie irgendwo auf ihn, René Depart, warteten. Irgendein guter Platz, den sie sich ausgeguckt hatten, den Menschen zu metzeln. Der ein paar Stunden noch eine friedliche Zeit hatte.

 

* Ein heftiges Gebrüll ließ René Depart zusammenzucken. Welch ein Brüller! Zweimal wiederholte sich das Brüllen; wirklich ohrenbetäubend laut. Sehr unmittelbar. Das schien ein äußerst großes Tier zu sein, das herausbrüllte, daß es da war. Versonnen blickte René Depart den Steinbruch hinauf, der rechter Hand so fünfzig Meter entfernt von der uralten Steinmauer anfing. Der Fels war an manchen Stellen steil, dann wieder nicht. Sah alles aus, wie erkletterbar. Wenn er, René Depart, den Felsen erklimmte, würde er eventuell sehen, welche Kreatur das war, die dermaßen einen Lärm verursachen konnte. Schätzte René Depart das Felsstück richtig ein, war dort trotz Verletzung seinerseits locker ein Aufstieg möglich. Oft genug hatte er, René Depart, in Paris im Verein an Kletterwänden trainiert; meist freitags, gegen sieben Uhr am frühen Abend. Eine Stunde Kletterei war das mindeste. Und das an der künstlichen Kletterwand, das war schlimmer, als das hier aussah. Wenn er dort raufkletterte, hatten die "Raptoren" für eine Weile keine Chance, ihn vor die Sichelkralle zu kriegen. War es für die Monster nichts damit, ihm das Gedärm aus dem Leib zu reißen. Um ihm zuzuschauen, wie er langsam starb. Dieser Gedanke entschied es, René Depart machte sich daran, zum Felsabsatz hinzuspazieren. Ohne Hast begann René Depart, das relativ angenehm geneigte Felsterrain hochzusteigen.

 

 

 

37. Gigant

 

 

* Hätte er mit seiner Linken besser zupacken können, wäre der Aufstieg für René Depart ziemlich locker gewesen. Weil René Depart aufpassen mußte; zog das mit der Raufsteigerei zeitlich deutlich in die Länge. Eine Weilchen her, seit René Depart den letzten Brüller gehört  hatte. Fast schien es René Depart, daß er das mysteriöse Wesen, das ohrenbetäubend gebrüllt hatte, nicht mehr vorfinden würde, war er droben auf der Felsfläche angekommen.

 

* Endlich war René Depart droben. Was René Depart blickte, das fand er, das war der Wahnsinn. Mit dem Anblick hatte René Depart nicht gerechnet. Das, was er schaute, das war etwas wie die Abart eines haarigen, dunkelbraunen Gorillas. Nur gigantisch. Dieser Affe war ein Gigant. Zyklopisch in den Ausmaßen. Reglos verharrte das Affenmonstrum, starrte Richtung weitläufiger Geröllhalde in der Gegend rum. Unvermittelt riß der alle Dimensionen der Vorstellungskraft sprengende Monster-Gorilla das Maul auf, kreischte, daß René Depart es von dem Lärm die Ohren überschlug. Das gewaltige Affenwesen trommelte sich mit beiden Fäusten vor die Brust, reckte darauf die geballte Faust drohend gen Himmel. Nochmals ein kreischendes Gebrüll, und die Riesenkreatur, ein Gorilla-Abkömmling, hockte sich nieder. Es regte sich nicht mehr, sah aus wie in eine Meditation versunken.

 

* René Depart überlegte, daß das jetzt langsam auch langweilig wurde, ewig einen Affen anzuschauen, der sich nur in einem von anderem Affen unterschied: in seiner Größe. Zwar die Frage, warum das Vieh so riesig sein konnte. Wie direkt einer anderen, phantastischen Weltensphäre entstammend, aus irgendeinem Grunde an diesem Ort materialisiert. Trotz dieses Gedankens: René Depart gähnte herzhaft. Blinzelte müde.

 

* Unvermittelt kehrte das Leben in die Monströsität eines Menschenaffen zurück. Auf die Beine hüpfte das Riesentier, unternahm auf der Gehfläche mehrere Trippelschritte zur Seite, winkte. Die Augen wurden René Depart wieder groß: Ein kleineres Wesen derselben Art erschien zaghaft auf der Bühne, deren Hintergrund eine Felswand voller Klüfte war. Etwa halb das Format des ersten Giganten hatte es. Das war ein Junges, schoß es René Depart durch den Kopf; ein Muttertier und ihr Junges. Die Mutti nickte freundlich zum Nachwuchs herunter, deutete im Halbkreis herum. Dann beugte sich die monstermäßig aufgewachsene Gorilla-Mutter herab, rannte auf allen vieren dem Nachwuchs voraus. Beide Abkömmlinge einer Gorillaart, von der René Depart noch nie was gesehen oder gehört hatte, entschwanden René Depart Blick einem dunklen Spalt. Die nachtdunkle schmale Öffnung zu einer Höhle mußte das sein, verstand René Depart die Welt richtig; sicher eine Felshöhle gewaltigen Ausmaßes, wenn die zwei Monster drinnen hausen konnten.

 

* Beinahe wollte in René Depart Zweifel aufkommen. Der Zweifel, ob er das wirklich gesehen hatte, was er zu sehen gekriegt hatte. Konnte die Szene nicht eine Halluzination sein? Eine Fata Morgana? Vielleicht hatte er, René Depart, einen Sonnenstich. Andererseits, wirklich es geschaut oder es nicht geschaut, das war am Schluß für ihn, René Depart, vollkommen gleichgültig. Total egal. Klein, groß, ungeheuerlich riesig, betraf ihn, René Depart, das denn in irgendeiner Weise? Im Grunde sollte das für René Depart das Interessante sein, daß hier das Meer nahe war. Möglicherweise war gerade Ebbe. Wenn das Meerwasser wieder anstieg, überspülte das Wasser die Gesteinsfläche drunten. René Depart entschied, daß er lange genug an dem Ort herumgelegen war. Die schräge Felswand, die er hochgestiegen war, würde er jetzt sofort wieder hinuntersteigen. Unten zurück, daß er einfach geradeaus weitergehen würde. Wenn hier Meernähe war, konnte der Sandstrand nur einige Steinwürfe weg sein. Wenn er, René Depart, das schaffte, heil auf die "Peter" zu kommen, dann war der erste Teil geschafft, der zur Rettung nötig war. Auf der "Peter" gab es zu essen und zu trinken. Vielleicht auch nur, um sich zu besaufen. Das wäre es, für ihn, René Depart, die andere Lösung all seiner Sorgen und Nöte. Nichts weiter hören und sehen zu müssen. Sollte es sich auf der "Peter" herausstellen, daß es nichts damit war, davonzusegeln, dem Eiland zu entkommen, konnte man sich wenigstens noch mit Alkohol zuschütten.

 

 

 

38. Irene, eiskalt

 

 

* René Depart lag auf dem Rücken, schaute in den blauen Himmel hoch. Die Liegerei hatte ihm überhaupt nicht gutgetan. Die Schußverletzung, immer noch im Heilungsprozeß, tat verdammt weh. Außerdem war das vielleicht doch zuviel, an diesen Ort am Felsen oben hinaufzusteigen. Voll matt und mitgenommen, daß René Depart sich fühlte, und jetzt mußte er dieselbe Passage, die er heraufgekommen war zurück und hinunter. Eben beabsichtigte René Depart, sich probeweise auf die Beine zu schaffen, als voraus drunten Knallerei losging. Schüsse klangen. Wüste Schießerei.

 

* Nachdem René Depart an den Felsrand heranrobbte, hinabschaute, sah er unten auf der Geröllhalde zwei Männer laufen. Gleichzeitig wandten sich beide um, gaben mit ihren Gewehren Schüsse ab. Den einen Kerl, den erkannte René Depart auf der Stelle: Henry. Henry kahlköpfig. Henry, den er, René Depart, als Befehlegeber kennengelernt hatte. Im Lauf wurde Henry in den Rücken getroffen. Schnell, daß am Hemd Henrys ein roter Fleck zu sehen war. Ein gellender Schrei Henrys, Henry schleuderte sein Schnellfeuergewehr von sich, ging hinter größeren Gesteinsbrocken zu Boden, war damit für René Depart außer Sicht verschwunden. Der zweite Bursche aus Jaques' "Piraten"-Mannschaft in roter Pluderhose und weißem Shirt sprang im Zickzack von Stein zu Stein, warf sich dann hinter eine annähernd halbmannsgroße Steinkugel in Deckung. Ohne Unterlaß, daß geballert wurde. René Depart sah das Gestein bei dem einen "Piraten" förmlich spritzen.

 

* Droben auf seinem Felsplatz liegend, wunderte sich René Depart, daß der gigantische Gorilla nicht aus seiner Höhle herauskam. Das Monstervieh mußte die Ballerei mit Sicherheit hören. Als der unbekannte Schwarzhaarige aus Jaques' "Piraten"-Bande wieder einmal hochkam, um mit ein paar Schuß aus seinem Gewehr zu antworten, kriegte er es in den Oberkörper. Ungeschützt kam er am Rundstein zu liegen. Für René Depart war deutlich zu erkennen, wie der Mann bei jeder Kugel, die er abkriegte, zuckte, während er die Steinrundung runterrutschte.

 

* Die Schießerei war vorüber. René Depart fragte sich langsam, ob damit schon alles erledigt war, weil keiner drunten auftauchte, nachzuschauen, ob die, die niedergingen, wirklich tot waren. Andererseits empfand René Depart die Tatsache als brauchbar, wenn er die, die geschossen hatten, überhaupt nicht erst zu Gesicht kriegte. Als René Depart sich eben von der Felskante in luftiger Höhe zurückschieben wollte, hüpfte drunten eine ganz in Schwarz gekleidete Gestalt mit schwarzem Stetson auf dem Kopf ins Blickfeld. Natürlich unverzüglich, daß René Depart den Mann wiedererkannte. Es war Jaques. Jaques höchstselbst. Von nichts irgendwie bekümmert, sprang Jaques der Cowboy, links und rechts zwei Revolver am schwarzen Gürtel um die Hüften, das Gewehr in beiden Händen wie eine Balancestange nutzend, von Stein zu Stein. Der schöne Jaques. Und natürlich: Jaques der Boß. Keine Ahnung, was das für ein Spaß war. Henry und sein Kumpel mußten irgendwas für Jaques besonders Schlimmes angestellt haben, wenn Jaques sich darangemacht hatte, höchstpersönlich ihnen hinterherzusetzen.

 

* Eine Dame erschien unterhalb auf der Szene. Wasserstoffblonde Lockenfrisur, wie es schon bei Schauspielerinnen, Sängerinnen in Hollywood Mode werden konnte. Ein weißes, knielanges Miederkleid trug die Schönheit, wie eine Tänzerin aus dem Westersaloon gegen Mitternacht. Ziemlich mit Verspätung, daß René Depart erkannte, wer die Frau war, obwohl er sie sofort erkennen hätte müssen. Schließlich war sie das, Irene. Seine eigene Tochter Irene. Den zweien, Jaques und Irene, folgte jetzt noch ein Trupp verschiedener Männlein und Weiblein, die ihre Schießgewehre weiterhin nervös in Anschlag hielten. Welche aus der "Piraten"-Sippschaft, sämtlichst in roten, weißen Pluderhosen, blauen oder weißen Hemden, mit roten, weißen Kopftüchern.

 

* In unmittelbarer Nähe von dem Ort, wo Henry niedergegangen war, verhielt Jaques, das Gewehr schußbereit. Irene, die sich an die Seite Jaques' stellte, die Hände in die Hüften gestemmt. Der Pulk der Begleiter schwärmte im nahen Umkreis Jaques' und Irenes aus. Leute, die mal nicht da waren, trotzdem zur Lebendigkeit erwachen konnten. Irgendwas besprachen Irene und Jaques. Schließlich zeigte Jaques mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in die Richtung von Henrys Liegeplatz. Irene zuckte die Schulter. Das Schulterzucken zu Jaques hin wiederholte Irene. Daraufhin zog Jaques einen seiner Revolver aus dem Holster, wog das Ding in der Hand, als müßte er das Gewicht der Waffe prüfen. Lachend sagte Jaques zu Irene ein paar Worte, Irene, die in ihrem weißen Miederkleid seltsamerweise eher aus- als angezogen aussah. Fahrig zupfte Irene nun an ihrer neuen weißblonden Lockenpracht herum. Nun hielt Jaques Irene den Sechsschüsser mit Nachdruck hin. Nach kurzem Zögern faßte Irene den Knauf des Teils.

 

* Auf den Revolver in ihrer Hand hinabschauend, stand Irene da. Sichtlich wurde Jaques ungeduldig, deutete vor sich Richtung des Ortes, wo René Depart wußte, daß Henry herumlag. Einige Worte sprach Jaques, winkte zu Irene hin ab. Irgendwas mußte Irene demnächst anstellen, oder er, Jaques, würde es selber machen. Jetzt packte Irene Jaques' Colt fester. Unvermittelt schaute René Depart zwei Arme, die vom Boden her zwei Arme in die Höhe ragten. Arme, die abwehrend verzweifelt wedelten, Henrys Arme, Henry, der irgendwas schrie, was René Depart nicht verstand. Verständlicherweise, Henry, der die Panik hatte. Gereizt aussehend trat Jaques aus der unmittelbaren Umgebung Irenes fort. Unvermitelt jetzt richtete Irene die Schußwaffe auf ihr für René Dapart, der oben am Fels lag, unsichtbares Ziel, Henry. Zweimal vernahm René Depart auf dem Felsen oben das Schießen. Zweimal, daß Irene geschossen hatte. Ungerührt reichte Irene Jaques die Waffe zurück, Jaques, der sich den Revolver ins Holster zurückschob. Tief verbeugte sich Jaques vor Irene. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, umarmte Jaques Irene. Irene, die war das doch, die Beste. Sein Liebling.

 

 

 

39. Jaques' Sprechgerät

 

 

* René Depart konnte das Beobachtete nicht fassen. Das konnte Irene, seine Tochter, doch nicht einfach so machen, einen umbringen. Nur um sich vor einem wie diesem Jaques zu beweisen. Ganz egal, ob der, den sie erschoß, ein bösartiger Kotzbrocken wie Henry war oder nicht. Einer mit wichtigtuerischen Gesten und herablassender, gemeiner Ansprache. Irgendeinen einfach so lässig zu erschießen, das, zu was Irene sich hatte hinreißen lassen, das überstieg jede Vorstellungskraft René Departs. Wenn jener Jaques etwas gegen den diesen Henry hatte, mußte Irene Henry deswegen lange nicht für Jaques erschießen. Das mit dem Abknallen war getrost Jaques oder jemand anders seiner Bande zu überlassen. Der Wahnsinn, Irene. Irene, immer noch ein weiblicher Teenager. Zwar oft exzentrisch, jähzornig, ungeduldig, eine, die nicht viel nach irgendwas fragte, Irene. Aber das hatte mit dem Charakter einer Mörderin, den Irene unten auf der Geröllhalde vorzeigte, nichts zu tun. Das war eine ganz andere Geschichte für eine junge Frau wie Irene, die man auch noch "Mädchen" nennen konnte. Jaques sein Mördergeschäft abzunehmen, Henry für Jaques praktisch zu exekutieren, sich da drauf einzulassen, nein, das durfte Irene nicht. Überhaupt die Frage, ob Jaques das ernstlich von Irene verlangt hatte, das zu bringen, was sie für ihn gebracht hatte. Bloß leider, Irene hatte es getan, für Jaques getan. Sich Jaques gleichgemacht. Mit unabsehbaren Folgen. Jaques, der wußte jetzt, zu was Irene fähig sein konnte.

 

* Sich Tränen der Wut fortblinzelnd, glotzte René Depart auf Jaques und Irene, seine Tochter, auf der steinernen Halde. Jaques und Irene unterhielten sich, wirkten dabei, als wäre das eine Badeunterhaltung. Im Rund ließen Jaques und Irene ihre Blicke herumschweifen. Jaques wandte sich seinen zwei Dutzend wie ausgeschaltet in der Gegend herumstehenden Leuten zu, deutete auf zwei männliche Rothosen-Figuren mit weißem Kopftuch. Die Kerle traten vorsichtig vor, horchten auf Jaques' Befehle. Anschließend näherte sich der eine der "Piraten" dem Unbekannten, der bei Henry an der Seite vorhin mitgelaufen war. Denjenigen, der lange den Rundstein heruntergerutscht war, sich seitdem nicht mehr regte. Der zweite "Pirat" begab sich an Irene vorüber, schaute zu Henry hinunter, stellte sich in Position. Ein Zeichen Jaques', und das Duo schoß mit den Gewehren, je dreimal. Schüsse, die weithin hallten.

 

* Tief atmete René Depart durch. Ein Maschinengewehr, das René Depart sich wünschte, auf die Bande drunten zu schießen. Mit einem Armzeichen gab Jaques den Befehl zum Abmarsch. René Depart war überglücklich darüber, daß er von dem mörderischen Gesocks nun nicht mehr länger was sehen kriegen mußte. Wo er auf dem Fels dalag, fuhr René Depart vor Schreck zusammen: brüllendes Gekreisch. Das des Monsteraffen. Das zyklopenartige Ungetüm von einem Menschenaffen schaute aus dem für René Departs Blickwinkel schmalen Spalt seiner Großhöhle heraus. In voller Körpergröße verließ er auf seinem stämmigen Beinen die Höhlenbehausung. Ungeheuer mächtig ragte das gigantische haarige Wesen vor der dunklen Spaltöffnung in der Felswand in die Höhe.

 

* Auf der Geröllhalde blickte René Depart hinunter. Auf der steinernen Halde war nur noch von Jaques in seiner Cowboy-Montur etwas zu sehen. Jaques war an Ort und Stelle geblieben. Jaques, der sich das monströse Gorillaungetüm In aller Ruhe, daß Jaques sich das Goriallaungetüm auf der Gehfläche vor dem hochragenden Fels anguckte, die Macht des Bildes auf sich wirken ließ. Unaufgeregt holte Jaques einen handgroßen Gegenstand aus der Brusttasche seines schwarzen Hemdes, klappte das Ding auf. Eine Telefonie. Ein Sprechgerät bereit. In die Membrane sprach Jaques Worte. Irene kehrte tänzelnd auf die Szene zurück, Irene, die sich gezwungen sah, zu Jaques zurückzumachen, um sich an Jaques' Seite zu plazieren. Jaques, der sich von Anfang an nicht erschrecken hat lassen, der kühl stehengeblieben war, während der Rest gelaufen war.

 

* Der Gorilla-Gigant glotzte auf die Winzlinge auf der Geröllhalde. Das Monster ließ erneut Gebrüll hören. Weiterhin rührte sich bei dem lästigen Kleinvieh dort auf den winzigen Steinen nichts, also packte das Monstrum kreischend der Zorn, und es brachte sich in Bewegung, als könnte es hinabgehüpft kommen. Jetzt sah René Depart Jaques laufen, Jaques, dem Irene hinterherrannte. Der riesige Affe bemerkte die Flucht des Zwergenvolks, verhielt in der Bewegung. Der monsterhafte Gorillaart-Abkömmling brüllte lautstark, trommelte mit den Fäusten vor die eigene Brust.

 

 

 

40. Abschuß

 

 

* Der Affengigant wollte nicht wieder kehrt machen, um sich in seine Höhlenbehausung zu verziehen. Statt nochmals sein Gebrüll hören zu lassen, fauchte das Monstervieh gereizt durch die Gegend, wandte den Kopf nach links und rechts, trippelte unruhig auf der Stelle. Dann stierte der zu groß geratene Affe Richtung Himmel Die Riesenhand, die über die gewaltige Nase wischte, zitterte leicht. Das ganze Gehabe nun, als wäre etwas Unerfreuliches zu erwarten. Unterhalb huschte Schwarzes, lenkte René Departs Blick ab. Jaques war zurückgekehrt, überblickte René Depart, Jaques, der mit dem Arm weitschweifig gestikulierte, in seine Telefonie hineinredete. Das monsterhafte Affentier hatte keinerlei Interesse an Jaques' Erscheinung, verhielt reglos am Platz, horchte, wie atemlos. Dann erlauschte ein Geräusch René Depart: die Geräuschkulisse eines Hubschraubers, von Sekunde zu Sekunde lauter.

 

* René Depart drehte sich auf den Rücken, als der schwarzfarbige Helikopter direkt über seinen Liegeplatz hinwegflog. Ein Kampfhelikopter aus Armeebeständen, eine Kriegswaffe; das Emblem: weißer Hintergrund, zwei schwarze Kreuze sich diagonal gegenüberliegend. Die ungeheuerliche Affenabnormität brüllte seinem angekommenen fliegenden Gegner feindselig entgegen, trommelte sich mit den Fäusten vor die Brust. Sicherlich, um sich selber Mut zuzusprechen.

 

* Der Hubschrauberpilot verhielt sein Fluggerät in sicherer Entfernung in der Luft, richtete die Heli-Schnauze Richtung des Monstrums aus der Affenwelt aus. Ohne lange auf irgendwas zu warten, wurde aus dem Hubschrauber das Feuer eröffnet, Raketenbeschuß, zweimal. Die Raketen detonierten am Bauch des Affenungetüms. Das gigantische Gorillaweibchen kreischte vor schierer Pein; die Augen quollen ihm vor Schmerz aus dem Kopfes. Zwei feingliedrig wirkende Riesenhände hatten nach der Bauchgegend gefaßt, die eine einzige klaffende Wunde, aus der es rot strömte. Gedärm rutschte heraus; eine haarige Affenhand faßte reflexartig nach dem auseinanderdrängenden Darm, versuchte in einer unwillkürlichen Reaktion, alles zurückzustopfen.

 

* Da war nichts mehr zu machen, das hieß Tod für die monströse Kreatur, war es René Departs Gewißheit, René Depart, den die Grausamkeit der Szene gleichzeitig anzog wie abstieß. Sich die blutbesudelte riesige Hand vor die schmerzverzerrte Fratze haltend, stand die monströse Affenkreatur gegen den Vorsprung seitlich der Großhöhle gelehnt. Sichtlich konnte das Affenmonster es nicht fassen, welches böse Mißgeschick von einer Sekunde zur anderen über es gekommen war.

Insel der Überraschungen (41 - 47)

 
 
 
41. Der faszinierte Pilot
 
 
* Der zu groß geratene Gorillaabkömmling stand seitlich mit der Schulter gegen den abgeschrägten Vorsprung gelehnt. Die Säulenbeine zitterten bedenklich; jede Sekunde mußten sie unter dem eigenen Körpergewicht nachgeben. Das Gedärme hing der tödlich verwundeten Riesenkreatur schon ein Weilchen losgelassen auf den Boden runter; der Blutfluß war weitgehend versiegt. Agonie beherrschte die Szene. Allzu lange konnte das mit dem Sterben nicht mehr dauern.
 
* Endlich hockte sich der Affentitan auf das Hinterteil nieder. Der Armeehubschrauber, dessen Rotorblatt laut fluppte, fing an, seine Position zu verändern. Langsam flog das mit schwarzem Anstrich versehene Fluggerät mit dem der weiten Welt unbekannten Hoheitssymbol auf das sterbende Affenmonstrum zu. In nächstmöglicher Entfernung zu dem blutbesudelten Antlitz des Monsteraffen, dem das Blut noch dünn rot aus der platten Nase lief, verhielt das Fluggerät.
 
*Wie es aussah, hatte das dem Hubschrauberpiloten nicht länger gereicht, den Fortgang des Geschichte mit dem gigantsichen Gorilla aus bereits relativer Nähe zu beobachten. Derjenige mußte direkt heran, den letzten Todesaugenblick des monströsen Affenviehs unmittelbar als unmittelbar zu genießen. Den Zeitpunkt, wenn das, was Leben hieß, diese riesigen starren Augen verließ, ihr Glanz für immer erlosch. Jaques unten auf seinem Stehplatz schüttelte zu Irene hin den Kopf. Seinen Stetson schmiß Jaques auf die granitene Fläche des Steins herab, auf dem er mit Irene machtlos herumstand. Wegen des Hubschrauberpiloten machte Jaques den Scheibenwischer.
 
* Die Gestik Jaques' war die eines Mannes, der die Welt einfach nicht faßte, während er in sein Sprechgerät hineinschrie. Alles vergebliche Liebesmüh, denn die Person, die den Hubschrauber für Kampfzwecke lenkte, war kühl, nicht zum augenblicklichen Verändern der Hubschrauberposition zu bewegen. Die Rotorenblätter verwirbelten die Luft, damit sichtbar auch die blutverschmierte Gesichts- und Brustbehaarung bei dem unsäglich riesigen Gorillawesen. Der monströse Affe blinzelte mit einem dumpfen, matten Ausdruck zu dem von Menschen geschaffenen Flugapparat hin. Etwas anderes schien dem Riesenvieh nicht mehr möglich. Der Moment des Todes, der unmittelbar bevorstehen mußte.

 

* Urplötzlich schwangen die ewig langen Affenarme in die Höhe. Die trotz der Titanengröße feingliedrig wirkenden Finger faßten oben und unten nach je einem der vier Räder am Hubschrauberbauch. Obwohl die Type, die in dem schwarzen Kampfhubschrauber hinter dem Steuerknüppel plaziert war, augenblicklich durchstartete, dagegenlenkte, war kein Entkommen möglich. Die neue Schubkraft aus dem Motor beschleunigte die Szene eher noch. Im Griff des Gorillatitanen schwang der Helikopter auf den Felsvorsprung über dem Gorillagesicht zu, schrammte im Nu dagegen. Die Rotoren knickten, Metall- und Kunststoffteile flogen funkensprühend davon.

 

* Auf den Fußballen wippend, schleuderte der kreischende Monsteraffe den Hubschrauber Richtung Geröllhalde von sich. Das von Menschenhand geschaffene Fluggerät jagte diagonal nach unten, krachte in der Mitte der Steinfläche auf. Gleich darauf war ein gelber Blitz sehen, ein roter Feuerball erstand; der Knall der Explosion betäubte die Ohren. Schwarzer Rauch hing schließlich über der Szene auf der steinernen Halde.

 

 

 

42. Das Jungtier

 

 

* Mit schwarzem Rauch brannte das Hubschrauberwrack langsam zwischen den Steinen aus. Drunten fehlte René Depart von Irene und diesem Jaques jede Spur. Nur zwei der "Piraten"-Mannschaft Jaques' hatte René Depart kurz weglaufen gesehen. Mit schwarzem Rauch brannte das Hubschrauberwrack langsam zwischen dem Gestein der Geröllhalde aus. Waren Irene und Jaques von irgendwelchen herumfliegenden Trümmerteilen des Helikopters getroffen worden? Wenn Irene irgendwas geschehen war, wollte er, René Depart, das wissen. Schließlich war Irene seine Tochter; weiterhin sein Kind. Und er würde Ruth, Irenes Mutter, eine Geschichte erzählen müssen. Sicher jedoch nicht die, was Irene für Jaques getan hatte. Daß Irene für Jaques einen hilfos zwischen Stein liegendem Menschen umgebracht hatte. Auch wenn der eine ganz miese Marke war. Andererseits würde Ruth nur schwer zu beruhigen sein, das eine oder andere, das sie nicht gerne hörte, überhören.

 

* Der unsäglich riesige Affe hockte still neben der Großhöhle, den Kopf auf die Brust gesunken. Anscheinend war das Monstervieh jetzt tot. Auf der Steinhalde unterhalb bemerkte René Depart neue Bewegung. Sofort erkannte René Depart den Mann: Jaques. Jaques in seinem schwarzen Cowboydress, aber ohne Hut. Nichts hatte Jaques abbekommen, Jaques war gesund und munter. Die Dame, die mit etwas Verzögerung hinter Jaques daherkam: Irene. Irene, alles andere als verstorben. Irenes ursprünglich weißes Miederkleid war am Oberkörper blutgetränkt. Allerdings die Frage, ob das Irenes eigenes Blut war. Denn Irene schien Irene vollkommen unverletzt; nicht das geringste, das Irene fehlte. Hatte sich einer der Leute Jaques' auf Irene draufgeschmissen, damit Irene nichts von einem Trümmerstück abkriegte? Ein edler, tapferer Ritter mitten unter Jaques' ausgesuchtem Personal? Gut möglich, daß der abgekratzt war, während sich Irene gesund und putzmunter weiter bei Jaques herumtrieb. Die eiskalte Mörderin Irene, für die noch einer sein Leben hingab. Welch eine absurde Vorstellung, daß René Depart den Kopf schüttelte.

 

* Jaques war bester Stimmung, so machte es auf René Depart den Eindruck. Jaques, überhaupt nicht geknickt wegen dem teuren Hubschrauber aus Armeebeständen, der samt menschlichen Insassen zu Bruch gegangen war. Beschwingt hob Jaques ein dünnes Kunststoffteil vom Boden auf. Von unten nach oben und zurück begutachteten Jaques und Irene das Viereck, drehten es um. Als Jaques das rechteckige Teil eben mit Handgelenksschwung weggeworfen hatte, fuhr alles auf der Szene vor Schreck zusammen: ein heulender Schrei, der durch und durch ging, klang auf. Es war nicht das große Untier einer der breiten menschlichen Öffentlichkeit unbekannten monströsen Gorillaart. Die riesige Gestalt hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Es war das Jungtier. Der Nachwuchs, der sich aus der Großhöhle herauskam, nachzuschauen, was denn nur plötzlich mit Mutti los war. Warum Mutti so seitlich der Höhlenbehausung dahockte, sich nicht erheben wollte, obwohl alles ruhig war.

 

* Die halbe Portion von einem Monsteraffen faßte den Arm der unbewegten Mutti, schüttelte ihn. Mehrmals wiederholte sich das. Die Finger tauchte das "Kleine" in die klaffende Bauchwunde, hob sich die behaarte Pratze vor die Augen, beguckte voller Unverständnis die rote Färbung. Darauf schmierte sich das Jungvieh, das anscheinend überhaupt nichts begriff, die Sauce auf die wulstigen Lippen, leckte mit der Zunge.

 

* Unwillkürlich kehrte René Departs Blick zu Jaques auf der Geröllhalde zurück. Jaques erweckte den Eindruck, er hätte soeben einen Schatz ausgegraben. In die Höhe sprang Jaques, juchzte. Wie ein Irrer tanzte Jaques um Irene herum, umarmte Irene, schwang Irene, sich am Absatz drehend, durch die Luft. Als es gefährlich auszuschauen anfing, setzte Jaques Irene wieder ab. Danach war bei Jaques kurz Ruhe; versunken starrte Jaques auf den Sprößling einer fremden Art Monstergorillas. Sein Sprechgerät legte Jaques sich vor die Wange. Eindringlich, daß Jaques in die Membran hineinsprach, seine Anweisungen mit ausschweifender Gestik untermauerte. Währenddessen sich das zottelige Affenkind vor die Mutti hinhockte. Öfters zog das Riesengorillajunge die Mutter am Arm, zupfte an Mutterns Armbehaarung. Aber die Affenmutti kannte keinen Schmerz mehr. Ihr war gleichgültig, egal, was um sie her passierte. Es war nichts mit irgendeiner Art Zorn, in den sie sicher früher geraten wäre.

 

 

 

43. Zwei Pakete

 

 

* Mit weitausholender Gestik unterhielten sich Jaques und Irene über das Jungtier. Sicherlich drehte es sich bei der Unterhaltung hauptsächlich darum, welches Schicksal es haben könnte. Die Begleitmannschaft Jaques' kehrte drunten auf die Bildfläche zurück. Zerrissene Hemden, Pluderhosen. Drei hatten den Arm in der Schlinge; andere Kopfverbände. Anscheinend hatte es ärztliche Versorgung gegeben. Nach René Departs Empfinden, beim Überblick über die "Piraten" drunten, waren das vor der Hubschrauberexplosion ein paar mehr gewesen wären. Schwer für ihn, René Depart, zu sagen, wie viele der "Piraten"-Abteilung abgingen. Offen lagen auf der Geröllhalde unten keine Leichen herum. Waren zwischen den Gesteinsbrocken unsichtbar.

 

* Neues Hubschraubergeräusch klang auf. Diesesmal erschien das Fluggerät von der Meeresseite her. Eine kleinere Maschine, Modell Zweisitzer, wie geradewegs von der nächsen Verkehrswacht herbeigerufen, an diesen Ort hinzufliegen. Hinter der durchsichtigen Kanzel hockten zwei menschliche Gestalten. Derjenige am Steuerknüppel wartete, nachdem er mit seinem Hubschrauber eingetroffen war, sich ein Momentchen orientiert hatte, auf nichts. Auf das reglose Gorillamonstrum, das abgekratzt war, und das halbe Tier, den Nachwuchs, hielt der Hubschrauberpilot zu.

 

* Mehrere Momente Stillstand in der Luft. René Depart sah, daß zwischen den Landekufen des Helikopters etwas ausgeklinkt wurde, herabfiel, das aussah wie zwei Schachteln, wie sie jedermann auch per Postweg zugeschickt bekommen hätte können. Die beiden Pakete prallten auf die granitene Lauffläche seitlich rechts des Monstergorillajungtiers. Der Hubschrauberpilot zog seine Maschine daraufhin aus der Position weg. Überraschenderweise für René Depart machte der Hubschrauber augenblicklich ganz den Abflug, verschwand Richtung Meer.

 

* Mit den zwei Paketen Pappschachteln schien überhaupt nichts zu sein. Bis jedem Paket plötzlich eine Stichflamme entwich. Hatte Jaques, der den Arm langgestreckt hatte, sein Sprechgerät in die Richtung hielt, den Paketinhalt gezündet? Mußte so sein, anders konnte René Depart die Zusammenhänge nicht begreifen. Eine Art weißliches Gas trat aus den Schachteln aus, weißer Nebel, der sich ziemlich schnell bei den riesenhaften Affengestalten ausbreitete. Ganz, daß die monströs hochgewachsenen Gorillaabkömmlinge in weißen Nebel gehüllt wurden.

 

* Davon war René Depart echt überrascht, wie rasch sich das Nebelartige dann wieder verflüchtigte. Höchstens eine Minute dauerte die gesamte Geschichte. Das mußte René Depart sich eingestehen, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, was das mit der Nebelentwicklung sollte. Waren jetzt beide Affenungeheuer tot? Der halbe Monsteraffe, das Jungtier, lag mit dem Wange mitten in der klaffenden Bauchwunde des Muttertiers, von Blut besudelt. Ein paar lange Momente brauchte René Depart, um zu gewahren, daß das Junge atmete. Flach zwar, aber immerhin. Das kleinere Exemplar schlief. War lediglich betäubt und nicht erstickt worden. Das hieß, daß Jaques den Nachfahren des Gorilla-Titanen bewegungsunfähig, bewußtlos haben wollte. Die eine Kreatur von halber Größe sollte weiterleben, zu welchem Zweck auch immer.

 

 

 

44. Abtransport

 

 

* Von Richtung Meer her flog René Depart ein großer Transporthubschrauber in Sicht. Per Sprechfunk schien Jaques nochmals seine Anweisungen zu erläutern; jedenfalls begleitete Jaques seine Worte mit einer Vielzahl eindringlicher Gesten. Der grüne Großraumhubschrauber mit den Rotoren in Tandemanordnung näherte sich langsam dem ermordeten Gorilla-Titanen und seinem Jungen. Der Hubschrauberpilot, der hinter dem Steuerknüppel, war ein Hasardeur, der seinen Frachthubschrauber in gefährliche Nähe zu den vorstehenden Felszacken brachte, das Ding da in der Luft verhielt.

 

* Personen in schwarzen Einheitsdressen seilten sich aus dem Innern des Großhubschraubers ab. Zehn Mann waren das schließlich, die nacheinander am Rücken des in Sitzposition vorgekippten Monsteraffennachwuchses landeten. Am Bauch des Transporthelikopters befand sich eine metallene Längs- und Querstrebe mit allerlei Gurten dran. Diese Vorrichtung glitt herab. Die Uniformträger beschäftigten sich daraufhin damit, die Verschlußhaken an den Gurtstücken zu öffnen und die einzelnen Bänder zu ordnen. Plötzlich wußte René Depart, wo er solche Gurte bereits einmal gesehen hatte: an Deck des Schatzsucherschiffs "Grub". Gekümmert hatte er, René Depart, sich darum allerdings nicht viel. Auf der "Peter" brauchte niemand so was. Höchstens Kondome. Außerdem waren damals die Kisten mit den chinesischen Keramiktellern, Tonvasen und die Elfenbeinschnitzereien interessanter.

 

* Beim halbwüchsigen Gorillatitan verschwand ein schwarzuniformierter Mann mit einem Langgurtende; anscheinend war dort unter dem Brustkorb eine ausreichende Lücke, durch die der Bursche kriechen konnte. Jedenfalls sahen René Departs Augen den Uniformtypen auf der anderen Seite wieder heraufklettern. Die gleiche Tätigkeit wiederholte der Unbekannte nun mit dem nächsten Bandteil, das ihm von einem Kollegen hingereicht worden war. Mit den Art Karabinerhaken wurden die langen Gurte an der Querstrebe der stählernen Vorrichtung festgemacht. Je drei weitere der kürzeren Stoffbänder zogen die uniformierten Leute dem gewaltigen Affensproß unter den Achseln durch.

 

* Nachdem anscheinend die Arbeiten an dem Nachwuchs des Gorilla-Titanen den Ansprüchen genügten, man sich noch ein bißchen fotografiert hatte, ließen sich die Uniformierten zu zweit mittels einer Korbvorrichtung in das Hubschrauberinnere hinaufziehen. Daraufhin wurde die Längs- und Querstrebeneinrichtung per Knopfdruck des Hubschrauberkommandanten näher an den Helikopterbauch herangezogen. Die Gurte strafften sich, wodurch sich die Wange der kleine Monsteraffe vom Bauch der Mutter weghob. Schön, daß sich der halbe Gorillaart-Gigant hinsetzte. Der Großhubschrauber stieg Meter um Meter in die Höhe, bis der riesige Gorillaabkömmling mit leicht gebeugten Knien dazustehen schien.

 

* Es sah aus, als wäre der Affenriese eine Marionette, die der Puppenspieler nur noch ausschreiten lassen mußte. Bei den Leuten Jaques' drunten auf der Geröllhalde brach Jubel aus. Männer und Frauen in roten Pluderhosen, verletzt oder nicht, umarmten sich, rissen die Arme hoch, tanzten herum, daß René Depart meinte, er wäre im falschen Film. Der Großraumhubschrauber mit dem Rotorentandem, der auch schwere Lasten zu tragen vermochte, schwenkte zur Geröllhalde hin, verharrte. Der bewußtlose Jungaffentitan hing ohne jede Bodenhaftung der Länge nach herunter, das Haupt zur Brust gesunken. Alle Gurte hielten das Gewicht. Jaques ballte die Faust, die Pose eines Siegers nach einem lange andauernden Wettkampf. Das war sie jetzt gewesen, die letzte Probe. Der Hubschrauberkommandant wartete auf nichts mehr weiter, flog sein großes Fluggefährt samt Anhängsel Richtung Meer. Nur ein Augenblicke später war der Frachthubschrauber mit dem, was er mit sich nahm, außer Sicht.

 

 

 

45. In letzter Sekunde

 

 

* Sich zu lange ungeschützt direkter Sonnenbestrahlung auszusetzen, das war nicht gut. Als René Depart sich erheben wollte, merkte er, wie schwindlig ihm war. Niedersetzen mußte sich René Depart sofort wieder. Kroch dann mit Pausen rückwärts. Trotz den Schwindelattacken, dem Flirren vor Augen, schaffte es René Depart, die zum Glück nicht allzu schwierige Felspartie auf der den Geröllhalde-Geschehnissen abgewandten Seite hinunterzukommen. Eindeutig, die Auswirkungen einen Sonnenstichs, die René Depart mitspielten. Viel zu lange, daß er droben in der prallen Sonne gelegen; das hatte er jetzt davon, zu viele Dinge gesehen zu haben. Irgendwo mußte René Depart außerdem bald etwas zu trinken herbekommen, sonst starb er noch vor Durst. Das Gezwitschere, das René Depart in den Ohren hatte, hörte sich lustig an. War sehr melodiös. Einen Moment überwältigte René Depart die Schwärze, daß er sich gegen Fels lehnte. Als René Depart die Augen aufschlug, entdeckte er sich, wie er eben langsam auf den Erdboden herabrutschen wollte.

 

* Dieses Geklicke war störend. Das Klicken war René Depart außerdem nicht ganz unbekannt. Plötzlich raste René Depart das Herz; entsetzt blickte er dorthin, woher die Klickgeräusche kamen. Drei standen dort Seite an Seite. Drei von den "Grünlingen". Den grüngeschuppten "Raptoren". Tagelang, daß er, René Depart, sie sich hatte ansehen müssen; eigentlich hätte ihm das fürs ganze Leben gereicht. Das Raptoren-Trio bezwitscherte sich. Allerbeste Stimmung hatte man. Mit nichts hatten es die drei außerdem irgendwie eilig. Auch als René Depart voranmachte, sich auf schwachen Beinen langsam zu entfernen, störte das nicht die gute Unterhaltung. Schon klar, die Fluchtmöglichkeiten René Departs waren bescheiden.

 

* Das war es, überwältigte René Depart die Erkenntnis mit aller Macht; hier erfüllte sich sein Schicksal. Kein Ausweg; nirgendwo Entkommen möglich. Eigentlich hatten sie ihn, René Depart. Das hieß Tod. Eine andere Geschichte erzählte das nicht. Am Fels entlang torkelte René Depart weiter. Ein zu unmittelbarer Zwitscherton seitlich links von ihm, René Depart zuckte zusammen. Das Trio Grünschuppen-"Raptoren" war ihm auf leisen, geschmeidigen Laufbeinen sehr, sehr nahe gekommen. Als der in der Mitte etwas zuckte, als wollte er losspringen, da war es bei René Depart mit der Beherrschung vorbei: Er rannte. Er rannte um sein Leben; sinnlos zwar das Ganze, aber er konnte nicht anders.

 

* Der erste Raptor war heran, riß das Maul auf, kreischte und hüpfte. Ein Entsetzensschrei entwich René Depart. Das Grünschuppenmiststück war absichtlich vorbeigesprungen. In den Hüften wiegte es sich Renè Depart gegenpber. Der nächste Angriff, der René Depart zwang, zur Seite zu springen. Das Raptoren-Trio spielte Katz und Maus. Gestoßen wurde René Depart mti dünnen Armen. René Depart kreischte, als ein aufgerissenes Maul auf ihn herabfuhr. Ohne sich in ihm, René Depart, zu verbeißen. Erst mal noch. René Depart lief. Mitten auf eine grüne Wiese, die er entdeckte. Eine weitläufige Fläche Grün. lmmer gaben die drei René Depart das Moment, das ihm das Entkommen erlaubte. Ein weiteres Mal, daß René Depart, der auf dem Hosenboden gelandet war, sich hochrappelte. Höhnisches Zwitschern in René Departs Rücken. Diesesmal drang die Kralle ihm in die linke Hüfte. René Depart fand nicht, das wäre ein tiefer Stich; irgendwie nchts Lebensbedrohliches. Bloß: Es floß richtig Blut, Blut, das den drei grünen Raptoren in die Nüstern stieg.

 

* René Depart konnte nicht mehr. Er war fertig, geschafft, total am Ende. Einfach nach vorne auf das tiefgrüne Gras ließ Renè Depart sich auf den Bauch fallen. Beide Hände legte René Depart sich über den Kopf. Jede Sekunde erwartete er hinterrücks das Tödliche, daß eine mörderische Sichelkralle ihr Werk begann. Das "Raptoren"-Trio erweckte den Eindruck, das konnte es jede Sekunde sein. Allerdings war es das nicht. Jedenfalls nicht für René Depart. Weil geschossen wurde. Schüsse knallten in René Depart Gehörgängen. Es war eine richtige Schießerei. "Raptoren"-Kreischen hörte René Depart, das mittendrin abbrach. Über sich sah René Depart einen "Raptor" hinwegspringen. Kugeln schlugen in den "Raptoren"-Rücken ein, Rötliches spritzte weg. In Höchstgeschwindigkeit lief das grüngeschuppte Ungeheuer weiter. Erreichte die Lücke zwischen zwei Bäumen, war wie der Blitz im Dschungeldickicht verschwunden.

 

* Seufzend drehte René sich aus der Seitenlage auf den Rücken, glotzte in den blauen Himmel hinauf. Über René Depart tauchte ein menschliches Antlitz auf. Schwarze Haut, schwarze Augen; verschwitztes Gesicht. Ein schwarzhäutiger Mann in einer Uniform, ein schweres Gewehr in den Händen. Der Kerl grinste mit irre weißen Zähnen breit. Er, René Depart, kannte ihn nicht; der Mensch war ihm total unbekannt. Blieb nur eine Lösung: die Drecksvisage eines Satelliten Jaques'. Dann war für René Depart nichts mehr, nur Bewußtlosigkeit.

 

 

 

46. Zurück auf der "Peter"

 

 

* Weiche Kissen, eine kuschelige Decke. Schluchzen weckte René Depart auf. Unfroh schlug René Depart die Augen auf, blinzelte, atmete tief durch. Ruth, seine Frau, sah René Depart auf einem Holzsessel dasitzen. Alles in der Schoner-Kabine rundum war ungefähr, wie es war, als er es verlassen hatte. Ehe der Spähtrupp von der "Peter" aufgebrochen war. Als wäre in der Zwischenzeit nichts geschehen. Das war auch das Gefühl René Depart, bis er Ruth' Frage hörte, wo Irene denn wäre. Wo Irene, sein Kind Irene, denn wäre, die anderen, Ivan Hammer, Pierre Raul, Gina Davies. Grob gab René Depart Ruth zur Antwort, daß Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies tot wären. Irene sei jedoch noch am Leben. Irene hätte er, ihr Vater René Depart, erst vor kurzem wo beobachtet.

 

* Er, René Depart, war auf die "Peter" zurückgekehrt, ein sehr großes Glück. Andere hatten so ein Glück nicht. Ivan Hammer, Pierre Raul und Gina Davies blieben für immer auf der Insel. Auch Lisa Murat war tot, hatte Anton Dieger ihn informiert. Plötzlich war Lisa Murat am Sandstrand verschwunden. Alle hatten sie nach Lisa Murat gesucht. Und sie fanden Lisa Murat auch: Lisa Murat war mausetot. Zwei fingernagelgroße Wundmale hatte Lisa Murat hinten im Nacken, als wäre sie das Opfer eines "Vampirs" geworden. Und Markus und Helmut Unger fehlten ebenfalls auf der "Peter". Markus war verbotenerweise alleine auf Tauchgang gegangen. Nachdem Markus nicht wieder zurückkam, begann die Unterwassersuche. Eine vergebliche Suche. Helmut Unger hatte mit der Sucherei unter Wasser nicht aufhören wollen. Seit drei Tagen gäbe es auch von Helmut Unger keine Spur mehr. War schon festzuhalten: Viele Leute lebten an Bord der "Peter" nicht mehr.

 

* Klopfen. Ohne daß René Depart gerufen hätte, derjenige, der angeklopft hatte, dürfte hereinkommen, öffnete sich die Kajütentüre. Anton Dieger kam herein, gefolgt von dem Schwarzhäutigen, an den René Depart sich durchaus sofort erinnern konnte. Jack Spearbow, so hieß der Mann. Jack Spearbow, der amerikanische Marinesoldat, starrte finster auf René Depart. Hustend meinte René Depart zu Jack Spearbow, daß er sich nochmals herzlichst dafür bedanken wollte, daß Spearbow ihm das Leben gerettet hätte. Jack Spearbow zuckte die Schulter, raunte, daß das nicht anders hätte sein können, weil er und Anton Dieger ja mitgekriegt hätten, wie er, René Depart, den Fels hinaufgestiegen wäre. Darauf hätten Anton Dieger und er, Spearbow, gewartet, daß René Depart runterkam. Irgendwann mußte René Depart dort wieder runterkommen, weil er sicher auf der anderen Felsseite nicht würde runterklettern können. Weil es dort zu glatt und zu steil war. Höchstens was für einen professionellen Kletterer, und der würde Probleme haben.

 

* Schweigen im Raum. Einige Momente der Fahrt im Militärjeep auf der Dschungelstraße mit Jack Spearbow am Steuerrad liefen plötzlich vor René Departs geistigem Auge ab. Wie aus dem Nichts entstanden. Spearbow war wie ein Irrer gefahren. Ein Wunder, daß Spearbow keiner aus dem Jeep gefallen war. Anton Dieger störte die Stille der Gedanken, sagte, daß sie alle auf der "Peter", die noch lebten, dafür dankbar sein müßten, daß Jack Spearbow am Strand aufgetaucht war. Das sei ungefähr zwei Stunden später gewesen, nachdem er, René Depart, mit Ivan Hammer, Gina Davies, Pierre Raul und Irene aufgebrochen war. Ohne Jack Spearbow würde es heute vielleicht die "Peter" gar nicht mehr geben. Jack Spearbow, derjenige, der den abgesoffenen Dieselmotor erst zum Laufen gebracht hätte. Und dann hätte Jack Spearbow, der zu der Truppe amerikanischer Marinesoldaten gehörte, die auf der Insel stationiert waren, die "Peter" in die Felshöhle an den Anlegeplatz für Klein-Uboote gesteuert. Dort war die "Peter" in Sicherheit. In der Höhle hätten sie mit Jack Spearbow alle weiteren Reparaturen in aller Ruhe durchführen können. Nur die Mastbrüche mußten bleiben; da hatte Jack Spearbow nichts machen wollen. Dafür hätte Jack Spearbow mit Diesel ausgeholfen, so daß der Dieseltank der "Peter" jetzt bis oben voll war. Zur Abreise wäre die "Peter" bereit; sie alle könnten mit Motorantrieb die Insel auf der Stelle verlassen. Jack Spearbow nickte ernst zu Anton Dieger hin, meinte, daß die Leute von der "Peter" das tun sollten. Die "Peter", die sollte die "Segel streichen"; am besten auf der Stelle. Wollten die Überlebenden der "Peter" weiter überleben, sollten sie nicht viel länger auf irgendwas warten. Nicht viele Tage, die jedem von der "Peter" blieben. Irgendwann käme das standrechtliche Erschießungskommando. Amerikanische Gewehrkugeln. Kein Unterschied zwischen jenen Leuten, die amerikanische Soldaten getötet hatten, und denen von der "Peter" würde gemacht.  Am Strand würden die von der "Peter" einfach liegenbleiben. Das müßte jeder von der "Peter" wissen, daß man hier im Nirgendwo wäre. Wo keiner von der "Peter" irgendwas zu suchen hätte.

 

 

 

47. Keine Wahl

 

 

* Ruth blieb wegen Irene unausstehlich; kaum auszuhalten für René Depart. René Depart wußte nicht, was er noch zu Ruth sagen sollte. Jack Spearbow, der mit Anton Dieger von einer dreistündigen Rundfahrt auf der Insel zurückkehrte, meinte, daß die Verbrecherbande ihre Lager bereits ziemlich verlassen hätte. Anton Dieger nickte zu Jack Spearbows Worten. Schluchzer entflohen Ruth, und Ruth drückte sich an René Departs Brust, als wolle sie etwas von ihm. Auch wenn Irene, ihre gemeinsame Tochter, in Jaques' Händen wäre, müßte das nicht bedeuten, daß Irenes Lage aussichtslos wäre, redete René Depart leise auf Ruth ein. Kopfschütteln bei Ruth. Irene wäre wie eine Katze, hätte neun Leben, plapperte René Depart. Der Griff von Ruths Händen an René Departs Rücken war schmerzvoll. Die "Raptoren"-Wunde, dort hatte Ruth hingefaßt. Dann löste Ruth sich von Ehemann René, reckte ihre Arme anklagend gen Himmel, schrie Worte in Cockney, ihrem Londoner Slang, die René Depart trotz bester Englischkenntnisse unbekannt waren.

 

* Die "Peter" schwamm in einer Minute wieder unter freiem Himmel, statt in der vermeintlichen Sicherheit der von amerikanischem Militär genutzten Grotte. Die Anker wurden herabgelassen. Ruth hielt sich an der Reling fest, starrte auf das Wasser hinab, den Arm um die Schulter Klein Naddas gelegt, Klein Nadda, die leise schluchzte. Bruder Markus und Vater Helmut hatte Klein Nadda verloren. Helmut und Markus Unger schien unter Wasser ein Unglück passiert zu sein, sonst wären sie sicherlich auf die "Peter zurückgekehrt.

 

* Auf dem Kapitänsdeck redeten Anton Dieger und der amerikanische Marinesoldat namens Jack Spearbow leise miteinander. Der Blick René Departs wanderte von Jack Meyers zu Anton Dieger und Jack Spearbow auf dem Kapitänsdeck zurück. Auf den Blickkontakt schien Anton Dieger gewartet zu haben, Anton Dieger winkte zu René Depart hin, René Depart sollte zu ihm und Spearbow heraufkommen. Irgendwie geknickt stand Anton Dieger René Depart gegenüber, knüllte seine alte Kapitänsmütze mit den Händen. Die Augen verdrehte René Depart, weil Anton Dieger den Mund nicht aufbrachte, um das mitzuteilen, was er mitteilen wollte. René Depart schnauzte Anton Dieger an, daß man mit ihm, René Depart, sprechen müßte, wenn man ihm was sagen wollte. Es wäre etwas passiert, druckste Anton Dieger weiterhin rum, um doch auf den Punkt zu kommen; daraus würde nichts werden, wegen Irene noch mal ins Innenland der Insel zu machen. Jack Spearbow nickte, erklärte mit fester, lauter Stimme, daß es das Allerbeste für die gesamte überlebende Besatzung der "Peter" wäre, unverzüglich die Anker zu lichten, den Motor anzuwerfen, um schnell so weit wie möglich von der Insel weg zu sein. Anton Dieger redete erregt bei Jack Spearbow dazwischen, Jack Spearbow hätte vorhin auf seinem "Piraten"-Sprechgerät mitgehört, daß die "Piraten" Sprüche miteinander austauschten, in denen davon die Rede war, daß eine kleine amerikanische Flottilie auf der Fahrt zur Insel hin wäre. Es hätte ohnehin lange genug gebraucht, bis die Yankees ihre Schlüsse gezogen hätte; jetzt kämen Rednecks nachschauen.

 

* Nun, daß sie alle auf der "Peter" den Grund wüßten, was los wäre, warum sich die meisten "Piraten" schon aus den Camps davongemacht hatten. Gereizt rieb sich René Depart die Nase, während der Blick Jack Spearbows fest auf ihm ruhte. Aufs neue fing Jack Spearbow die Angelegenheit zu beschreiben an, meinte, daß René Depart das sehen müßte, daß die Bosse der "Piraten" sicher als erstes von der Insel verschwunden waren. Jaques würde Irene, René Departs Tochter, entweder bereits umgebracht haben oder Jaques hätte Irene mit sich genommen. Sobald aber auch der letzte "Pirat" von der Insel fort wäre - was sehr bald geschehen sein würde -, würden die "Piraten" zu einhundert Prozent den Sicherheitsgürtel um die Insel aktivieren. Schon alleine, um alles aussehen zu lassen, als wäre auf der Insel doch nicht viel passiert. In der Hoffnung, das würde den "Piraten"-Schiffen weiteren Vorsprung gewähren. Und wenn der die Insel umgebende Gürtel erst wieder eingeschaltet wäre, dann funktionierte bei den Unterwasserbojen nicht nur der Magnetismus, sondern auch jeder Sprengzünder. Den Code würde er, Jack Spearbow, nicht kennen, mit dem die Zünder ausgeschaltet werden könnten. Und wenn die Kriegsschiffe auf der Insel angekommen wären, die Besatzungen an Land rübermachten, würden sie bald festgestellt haben, daß die gesamte militärische Mannschaft, die auf der Insel stationiert gewesen war, umgebracht worden war, ebenso die Wissenschaftler und ihre Teams. Daraufhn begänne auf der Insel die Suche. Alle an Bord der "Peter" sollten sich das vor Auge halten: Selbst wenn die Marines wüßten, die Leute von der "Peter" wären Privatleute, die zufällig auf der Insel gelandet wären, änderte das nichts. Sie würden die von "Peter" nicht einfach fortsegeln lassen. Dalassen konnte man die von der "Peter" aber auch nicht. Nichtmilitärische Leute, die nur eins im Kopf hatten, als bei guter Gelegenheit die Flucht von der Insel zu ergreifen. Noch niemand, der nicht auf einem amerikanischen Kriegsschiff Matrose war oder dem vom Miltär unterhaltenen Wissenschaftlern angehörte, es also erlaubt wurde, auf der Insel seine Forschung zu betreiben, hätte die Insel betreten.

 

* Schwarzhäutige Insulaner auf Einbäumen hätten die Soldaten früher schon einfach abgeknallt, kaum daß die einen Fuß an Land setzten. Die Insel wäre militärisches Sperrgebiet. Ein Geheimnis für die Welt. Das bewahrt werden sollte. Unter diesen Voraussetzungen durfte keiner der "Peter" auch nur daran denken, er würde die Insel lebend verlassen, um irgendwie wieder in sein altes Leben und in die Öffentlichkeit zurückzukehren. Das Schicksal von solchen, die das Pech hatten, Schiffbruch gemacht zu haben, zählte hier keinen Deut. Das wäre die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Das Zeitfenster, während dem sie noch fortmachen könnten, müßten die Leute von der "Peter" ausnützen, begann Jack Spearbow von neuem, der René Departs Nachdenklichkeit im Auge hatte. Sie von der "Peter" müßten so weit wie möglich von der Insel fort sein, sollten sie von amerikanischen Kriegsschiffen gesichtet werden. Aber selbst dann müßten sie von der "Peter" noch auf ihr Glück hoffen, daß die "Peter" nicht versenkt würde. Er, René Depart, hätte jetzt die Entscheidung zu treffen, zum Ausdruck zu bringen, was ihm wichtig wäre: die sicher lebenden Leute von der "Peter". Oder seine Tochter Irene und der Rest, der bei Tauchgängen verschwunden war, vielleicht wieder an Bord der "Peter" auftauchen könnte. Die Zeit des Wartens sei vorbei, oder sie warteten für immer. Auf der Insel hätten die von der "Peter" dann ihr Grab. Übermorgen. In ein paar Tagen. Seine, René Departs Tochter, die war eventuell jetzt längst tot war oder mit den Anführern der "Piraten" schon auf einem "Piraten"-Schiff. René Depart müßte wissen, daß er, Jack Spearbow, nichts von Schiffbrüchigen wüßte. Grimmig versetzte René Depart zu Jack Spearbow, daß Jack Spearbow sich augenblicklich von Bord der "Peter" herunterscheren sollte. Auf der "Peter" würden die Anker gelichtet und der Motor angeworfen. In fünf Minuten würde er, René Depart, auf ihn, Jack Spearbow, schießen; Amerikaner hätte er schon seit jeher gehaßt. Ruth kreischte, rannte heulend davon, um mit Klein Nadda unter Deck zu verschwinden.

 

 

Das Geschick der weißen Frau (01 - 10)

 
 
 
Elf Jahre später
 
 
 
1. Der Expreßbote
 
 
* Julia würde nicht wieder zu ihm zurückkommen, das schwor sich René Depart; diesesmal war es das. Gerade zwei Stunden hatte er die Nacht geschlafen, wegen Julia und Julias wüsten Beschimpfungen und Drohungen. So was stand nicht in den Geschäftsbedingungen mit dem Eskortservice. Dort war nichts fixiert, was "Liebe" hieß; oder daß der Kunde, zu dem die Liebesdienerin hochkam, ihre Dienstleistungen anzubieten, diese heiraten sollte. Ob die Philosophiestudentin Julia Coré noch einmal von einem Freier solch eine Summe kriegte, wie sie sie von ihm bekam, das war die Frage. Für jede Nacht, die Julia Coré exklusiv bei ihm verbracht hatte, hatte er den Betrag bezahlt, den Julia Coré erhalten hätte, wenn sie die Nachtstunden durch bei zwölf Männern gelegen wäre. Dazu die Geschenke, die Julia Coré nebenbei mitnahm: teure Halsbänder, Diamantringe und Pelzmäntel. Aber: Das Thema "Heirat" stand nirgends als Beschriftung auf einer Geschenkeschachtel oben.
 
* Wutentbrannt schmiß René Depart den elektrischen Naßrasierer ausgeschaltet in die volle Badewanne. Julia, das Miststück, dachte, sie könnte das für sich ausnützen, daß bei René Depart eben die Scheidung von Frau Ruth durch war. An die Stelle Ruthies wollte Julia Coré sich ihm zur Rechten plazieren. Einziehen hätte Julia Coré bei ihm, René Depart, wollen. Und jetzt, weil sich die Dinge nicht so entwickelten, wie Julia Coré sie sich vorstellte, meinte Julia Coré, daß sie an Presseleute wenden könnte, der Journaille ihre Geschichten zu erzählen. Wenn er, René Depart, sie wirklich verließ. Der Wahnsinn! Was glaubte Julia Coré? Was war das für ein Gott Julia Corés bei den vielen, zu denen man sonst noch beten konnte? Götter krochen einem wirklich von überall her daher. Praktisch aus jedem Loch. Vollkommen durchgeknallt, Julia, die kleine Hure.
 
* Mies gelaunt war Julia bereits raufgekommen. Als könnte Julia sich die Launen erlauben. Und Julia war schmutzig; erst ihre Unterwäsche, dann sie selber. Nur aus dem Mund hatte Julia Coré nicht gestunken; von dem abgesehen, was sie sprach. Julia quakte, jeder dürfte mal dreckig sein, riechen; sie beide, sie könnten doch jederzeit zu zweit in die Wanne steigen. Danach wäre sie sofort sauber, und auch er, René Depart, würde sofort besser duften. Wie die zu reden wagte, wie die sich aufführte, keifte, schrie, diese Julia Coré, von Beruf Nutte, als er zu ihr meinte, das wäre es jetzt. Jetzt wäre es endgültig aus, bräuchte sie nicht wieder zu René Depart herfahren und zu ihm hochkommen. Ruthie, seine Ehefrau, hätte das kaum besser gebracht. René Depart trat den außen mit rotem Samt verkleideten Abfalleimer zur Seite, daß es ein echter Umstand war, daß das Teil samt Inhalt nicht umfiel.
 
* Da traf Julia den Nagel auf den Kopf: Die Schlagzeilen der Regenbogenpresse, die geschäftsschädigend waren, würden nicht weniger werden, wenn sie über ihr Verhältnis mit René Depart plauderte. Ruthie hatte ja bereits nicht darauf verzichten können, jedem Reporter, der bei ihr wegen eines Interviews nachfragte, ins Mikrophon zu plappern. Die Journalisten hatten Überschriften verfaßt wie: "Der alternde Staranwalt und der wilde Sex im Nutten-Land"; "Madame Ruth Depart - das Scheitern einer offenen Ehe"; "Geiziger Anwalt der oberen Zehntausend ficht Ehevertrag an" ... Wenn Julia Coré jetzt tatsächlich dazukam, nachlegte, das würde die Auflagen und Klickzahlen weiterhin hochhalten. Zumindest war es das mit Ruthie, hatte er von nun an Ruhe vor Ruthie und ihren Freundinnen, Verwandten und Ruthies Einflüsterern. Und Julia Coré, die hatte nicht warten können, bis René Depart sich an ihre Ideen, Gedankengänge gewöhnt hatte. Mindestens bis alles mit Ruthie über die Bühne gegangen war, hätte Julia Coré warten müssen. So blieb am Schluß von Julia Coré, daß sie eine war, die die Geduld verlor. Julia Corés Pech.
 
* Es klingelte an der Wohnungstüre. Seufzend schaute René Depart auf sein Geschlecht herunter, band den goldfarben bestickten Bademantel im Blümchendesign zu, schritt in Badelatschen aus dem Bad, den langen Gang zur Wohnungstür hinunter. Durch das Guckloch schaute René Depart, öffnete. Der orange uniformierte Expreßbote lächelte freundlich, grüßte, als wäre er eine Ausgeburt der Höflichkeit, der Mann. Ob er Herr René Depart wäre, fragte der Briefe-und-Pakete-Bringer. Natürlich wäre er er, René Depart, antwortete René Depart. Der Postbote nickte, hielt René Depart das schuhschachtelgroße, hellbraune Paket hin, das er zu René Depart Apartment hochgebracht hatte. Als René Depart den Namen des Absenders gelesen hatte, traten ihm die Augen aus dem Kopf: Jack Spearbow. Jack Spearbow, NY, USA. Wie in Trance unterschrieb René Depart die Quittung, reichte dem Expreßdienstangestellten aus dem Geldbeutel für alle Fälle von der Ablage rechter Hand der Türe einen Fünfhunderterschein als Trinkgeld, daß der Mittzwanziger die Augen aufriß.
 
 
 
2. Aus Zeitungen und Magazinen
 
 
* Verloren saß René Depart auf dem schwarzledernen Ruhesofa in seinem Privatbüro; die tausendsten Erinnerungen daran, wie und wo er Jack Spearbow zum ersten Male begegnen mußte, waren in seinem Kopf. Das Expreßpaket Jack Spearbows stand vor ihm auf dem niedrigen Getränketischchen; unversehens war da diese Scheu gewesen, sich das anzuschauen, was der Paketinhalt war. Zittrig griff René Depart erneut nach der Schere. Auf einmal entschlossen, stieß René Depart die Metallspitze mitten in das dunkelgraue Klebeband, schnitt das Paket in der Mitte auf, riß die Pappflügel mit beiden Händen auseinander. Auf einer blauen Plastiktüte fand sich ein weißer Briefumschlag, auf den in schwarzen Großbuchstaben "Für René Depart" gemalt war.
 
* Gereizt schlitzte René Depart den Umschlag mit dem Brieföffner vom Schreibtisch auf. Zwei zusammgeheftete, gefaltete Blatt Papier waren drinnen. "Persönlich zu Händen von Monsieurs René Depart", schrieb Jack Spearbow in Französisch mitten auf die erste Seite. Im amerikanischen Text auf Seite zwei erzählte Jack Spearbow, daß er sich vor drei Jahren aus den Diensten bei den "Marines" verabschiedet und sich ins Privatleben zurückgezogen hatte; darauf folgte die genaue Anschrift Jack Spearbows in New York. Wenn er, René Depart, demnächst in die Staaten abreisen würde, könnten sie sich zu jeder Zeit treffen. Das wäre auch so sicher wie das Amen in der Kirche, daß er, René Depart, bald in die Staaten reisen würde.
 
* Als René Depart in die Plastiktüte hineinblickte, sah er nichts als einen dicht zusammengepreßten Papierhaufen. Ohne große Umstände schüttete René Depart den Tüteninhalt auf den Teppichboden. Das blieb ein ziemliches Brikett. Nichts als zusammengelegte Zeitungsseiten, Seiten aus Hochglanzmagazinen, ausgeschnittene Zeitungsartikel ... Mit dem Müll sollte er, René Depart, sich anscheinend spielen. Also plazierte René Depart sich mit dem Hinterteil am Teppich, begann mit dem Geschäft. Jack Spearbow schien ein Faible dafür zu haben, was die Damen und Herren Schauspieler, Models und sonstige der Promi-Welt wie zum Beispiel Milliardäre in den Vereinigten Staaten von Nordamerika so trieben und mit wem.
 
* Die Zeit verstrich, und René Depart fühlte sich langsam von Jack Spearbow verarscht. Eben wollte René Depart sich erheben, zur Abwechslung mal zum lautlos gestellten, ewig blinkenden Telefon sich begeben, dem erstbesten, der ihn da mit seinen Neuigkeiten belästigen wollte, einige nette Worte ansagen, egal, wer das war, da zuckte René Depart zurück. Weit riß René Depart die Augen auf. Auf dem Hochglanzfoto, das er anschaute, erkannte er ein grobschuppiges grünes Wesen. Aber es war kein Waran. Sondern etwas mit Echsenähnlichkeit. Sofort hatte René Depart das Erinnerungsbild von "Chef Rotflecke" vor seinem geistigen Auge. Jenem "Raptor", einem "Raptor" der besonderen Art. Die grünschuppige Kreatur, die war ihm, René Depart, nur zu gut bekannt. Aus einer Zeit in einer Wahnsinns-Welt.
 
* Das Farbfoto brachte den "Raptoren"-Sproß sehr realistisch rüber, aber im Text drunter hieß es, daß der Präparator seiner Phantasie wohl ziemlich freien Lauf gelassen hätte. Zweifellos sei das ein sehr kunstfertig präpariertes Tier. Aber gewiß eine Fälschung. Es konnte wohl kaum die Rede davon sein, daß ein Jäger solch ein Lebewesen tatsächlich in der Gegenwart erlegen würde können.
 
* Das große Zittern war René Depart überkommen. Öfters als oft hatte er in der Vergangenheit von den grünschuppigen Raptoren oder Nicht-Raptoren geträumt. Manchmal erinnerte ihn bloßes Vogelgezwitscher in einem Garten an jene Unwesen. Diese urzeitlichen, menschenhohen Monster. Sehr gefährlich wären sie. Weil sicherlich lernfähig und hochintelligent. Arme zum Zufassen hatten sie außerdem ... René Depart jedenfalls, wenn er sich die Geschehnisse auf der Insel überlegte, konnte daran denken, daß solch ein Grünschuppen-Mistvieh eine Pistole nehmen konnte. Schießen, bis das Magazin leer war. Und, im Grunde genommen, war manche Technik, wenn es ums Töten ging, überhaupt nicht kompliziert.
 
* Richtig das Fieber hatte René Depart befallen. Alle Welt um sich herum vergessend, schaffte er sich von Papierstück zu Papierstück. Endlich kriegte er wieder was in die Finger. Der Artikel brachte René Depart voll durcheinander. Es haute aus den Socken. Von einem Wanderzirkus las René Depart, der "Sponti" hieß. "Zirkus Sponti" ware in den Vereinigten Staaten auf Tournee war. Mit einer "Dschungelblick"-Schau sorgten die Zirkusleute für helle Aufregung. Dabei präsentierte der Zirkus nicht nur gewaltige, präparierte Krokodile aus Australien, Nord- und Südamerikaner, Afrika, Warane und ähnliches - er hatte noch ganz andere Ungeheuer auf Lager. Urzeitliche Lebewesen, daß es nicht zu fassen war. Einen "Anatotiten", einen "Torosaurus", zwei "Ankylosaurusse"; dazu sieben Exemplare der grünschuppigen Raptorenart. Der Zirkusdirektor Dominik Sponti meinte zu dem Journalisten, daß die urzeitlichen Ungeheuer erst vor einigen Monaten im Amazonasgebiet erlegt und dort bald darauf von fachkundigen Männern und Frauen präpariert worden wären. Jeder Wissenschaftler könnte prüfen. Und wenn die von der Wissenschaft geprüft hätten, würde jeder die Wahrheit sehen. Daß das keine Plastiken waren, aus Tieren zusammengesetzt. Sondern daß die Viecher echt gelebt hatten. Bis erst vor kurzem.
 
 
 
3. Wiedersehen mit Jack Spearbow
 
 
* Zum Spaß in die Vereinigten Staaten von Amerika zu fliegen, das wäre René Depart nicht eingefallen; die USA, das unternahm einer wirklich nur, wenn einer mußte. Oder dort lebte. Die Fragekataloge, denen René Depart nach seiner Ankunft am Flughafen ausgesetzt gewesen war, wie ein menschlicher Offenbarungseid. Die Vereinigten Staaten fraßen Daten von überallher wie der alte Moloch selber. Die Sicherheitsmaßnahmen, denen René Depart begegnete: schwerlich zu überbieten. Warum sich die Sicherheitsleute, wenn sie sich anschauten, nicht sofort gegenseitig mit ihren Waffen erschossen, die Frage. Letztens hatte René Depart in einem Artikel, der die Staaten behandelte, gelesen, daß die Staaten-Geheimdienste die einheimische Elektriker-Gewerkschaft in die Pflicht nahm. Jeder Elektriker, der einem ins Haus kamen, Stromleitungen zu prüfen, nach dem elektronischen Gerät zu schauen, sollte bei seinen Arbeiten nebenher das betreffende Haus verwanzen.
 
* Ohne jegliches Gepäck war René Depart auf dem Flughafen angekommen; nur seine Scheckkarten hatte er dabei. Scheckkarten, die gut waren für ein Zwei-Millionen-Dollar-Geschäft; gedeckte Schecks, auszuschreiben bis zum Abwinken. Als erstes hatte René Depart sich, im Taxi in New York unterwegs, eine Zahnbürste gekauft, dann die restliche Ausrüstung für die Körperpflege. Und wenn René Depart gewollt hätte, hätte er schon am nächsten Straßeneck eine Fünfundvierziger bekommen, eine Pumpgun und einen Chemie-Kasten, samt der Farmerware, die bei der Verfertigung von Sprengstoff half. Alles kein Problem. Er, René Depart, wäre auf jeden Fall gefährlich. Er hätte gewußt, wie man Zeug mischte und es später auch erfolgreich zur Explosion brachte. Von Polizisten, FBI, CIA war hierbei nirgendwo die Rede, die untersuchten den Fall erst danach. Aber so war er ein französischer Anwalt von Beruf. Ein anständiger Kerl. Der in Frankreich sogar die "Yellow-press" fütterte. Mit seinen Eheproblemen, den Geliebten, die er hatte. Auch solchen aus dem "Escort"-Gewerbe.
 
* Das Greenwich Village in New York. Mit Sonnenbrille vor den Augen, die keine Elektronik enthielt, telefonlos, stieg René Depart aus dem gelben Taxi. Der Taxifahrer hatte ihn genau gegenüber dem "Greece No. III" abgesetzt. Das "Greece No. III" sah mit seinen Rissen in der Hauswand aus, als müßte das ganze Gebäude jeden Moment zusammenstürzen. Im "Greece No. III" wollten Jack Spearbow und er, René Depart, sich gegen halb acht Uhr treffen. Jetzt war es erst sieben, René Depart war also viel zu früh dran, begab sich trotzalledem auf der Stelle in das Restaurant für griechische Spezialitäten, was das Essen anging.
 
* René Depart winkte dem ersten Kellner, den er sah. Sagte ihm, daß er René Depart heiße und daß für ihn und Mr. Jack Spearbow ein Tisch reserviert wär. Der Restaurantangestellte mit breiter Fliege vorne am Kragen seines weißen Hemdes wußte Bescheid, ohne viel bei wem nachfragen zu müssen. Der blonde Bursche führte René Depart an einen Rundtisch hinter grünen Trennwänden. Weil Jack Spearbow noch nicht anwesend war, bestellte René Depart erst mal eine Flasche griechisches Sprudelwasser. Im "Greece No. III" war alles griechisch; nichts, das von woanders herkam. Auch nicht aus den Staaten. Zumindest nicht offiziell. Kaum hatte René Depart den ersten Schluck Mineralwasser aus Griechenland probiert, stand da Jack Spearbow bei ihm vor der Rundtischfläche. Jack Spearbow wollte René Depart nicht lange auf sich warten lassen, erschien ebenfalls ziemlich frühzeitig. Über das ganze schwarze Gesicht grinste Jack Spearbow, als hätten er und René Depart auch die Frauen miteinander gemein, wechselten sich bei ihnen ab.
 
* Der Kellner kam, fragte, ob das Essen geschmeckt hätte. Jack Spearbow und René Depart bejahten das. Dann räumte der Angestellte des "Greece No. III" die Teller ab, verzog sich wieder. Umständlich zündete Jack Spearbow sich eine von René Departs Zigarren an. Zum wiederholten Male wichen René Departs Augen dem Blick Jack Spearbows aus. Man wäre sich mit den Jahren nicht sympathischer geworden, konstatierte Jack Spearbow. Daraufhin nickte René Depart. Jack Spearbow meinte, daß er immer ein beliebter Mann gewesen wär, nie eine "Etappenratte". René Depart zuckte die Schulter, erklärte, daß die Abneigung mit der Vergangenheit zu tun hätte; die Erinnerung an damals wäre nicht eben erfreulich. Ein lässiges Schulterzucken präsentierte Jack Spearbow René Depart, René Depart, der sich fragte, ob er sich bei Jack Spearbow erkundigen sollte, ob er einen Schlagring hätte. Wenn ja, dann sollte er ihm, René Depart, das Ding doch mal kurz geben.
 
* Willens, festeren Boden bei Jack Spearbow unter die Füße zu bekommen, erzählte René Depart davon, wie sich alle auf der "Peter" sich damals in die Hosen gemacht hätten, als die kleine Kriegsschifflottilie am Horizont aufgetaucht war. Allesamt waren sie der Meinung, das wäre das Ende, daß sie an Bord der "Peter" immer noch zu nahe der verfluchten Trauminsel sich befänden. Tatsächlich näherte sich das kleinste Schiff der Kriegsschiffe, zeigte in einer halben Seemeile Entfernung die Breitseite. Zwei, drei Leute in Uniformen schauten durch Ferngläser nach der "Peter". Auch auf der "Peter" hatte man ein Fernglas. Jeden Augenblick eröffnete der Amerikaner das Feuer, dachten sie alle, die auf der "Peter" übriggeblieben waren, die "Peter", der Mäste fehlten, die am Meer schwamm, von einem Dieselmotor vorangetrieben. Die von der "Peter" sendeten einen SOS-Ruf nach dem anderen. Die von der Kriegsflottilie mußten die Rufe lange empfangen haben. Der Kreuzer, der seine Breitseite zeigte, bei dem sich Geschütze ausgerichtet hatten, nahm dann die Fahrt unvermittelt wieder auf. Ohne daß es Geschützfeuer gegeben hätte.  In das Bugwasser der drei größeren Kriegsschiffe kehrte das Kleine zurück, während sie von der "Peter" immer noch SOS-Rufe schickten.
 
* Da hätte man aber mal verdammtes Glück gehabt, versetzte Jack Spearbow; mehr Glück als Verstand. Da konnte René Depart nicht mehr behaupten, er hätte im Leben nie Glück gehabt. Helmut und Markus Unger hätten dieses Glück nicht gehabt. Helmut und Markus Unger hätten die Suchtrupps auf der Insel aufgegriffen. Kurz wurden Helmut und Markus Unger vorgeführt und befragt und anschließend unverzüglich vor ein Exekutionskommando gebracht und erschossen. Drei "Piraten"-Typen aus Jaques' Mannschaft waren ebenfalls übrig, verlassen auf der Insel geblieben; denen erging es nicht anders. Langwaffen rauchten. Sie kosteten ein paar Kugeln. Ja, die Liebe, die war ein heißer Gewehrlauf, meinte René Depart, rieb sich die Nase. Eine innere Unruhe hatte René Depart in sich, guckte herum, blickte jedoch nichts als die grünen Trennwände. Wegen ihnen konnte man die anderen Restaurantgäste auch nicht sehen. Allerdings die Frage: Hätte er, René Depart, einem Mann, einer Frau, die nebenbei hockte, irgendwas angekannt? So oder so, Amerika war voller schwarzer Löcher, in denen man verschwinden konnte. Wie vielleicht Sibirien. Nur, über Sibirien wußte jeder Bescheid.
 
 
 
4. Spuren im Sand der Zeit
 
 
* Zwei Tage nach ihrem Wiedersehen erschien Jack Spearbow René Depart wieder pünktlich zur Verabredung. Mit ein paar Getränken aus dem nächsten Supermarkt in der Papiertüte begab René Depart sich zusammen mit Jack Spearbow in ein Billig-Hotel, das den Namen "Hotel Serenade" hatte. An der Rezeption bezahlte René Depart das Zimmer für die Nacht. Schließlich saßen René Depart und Jack Spearbow sich in dem Zimmer mit der "No. 30" auf Holzstühlen an einem mit Plastiktisch gegenüber. Jack Spearbow riß zwei Dosen Bier auf, schob René Depart die zweite Dose rüber.
 
* Über die Abenteuer auf der Insel, die Insel, die kein Mensch kannte, habe er all die Jahre über geschwiegen, eröffnete René Depart die Gesprächsrunde mit Jack Spearbow. Seine Freunde, die damals am Schluß mit ihm an Bord der "Peter" von der Insel fort waren, habe er, René Depart, alle aus den Augen verloren; von seiner Frau Ruth habe er sich vor kurzem erst scheiden lassen. Außerdem wäre das eine Tatsache: alle hätten sie sie, die auf dem Schoner "Peter" waren, bloß für verrückt erklärt, hätten sie der Öffentlichkeit die Insel-Geschichte größer ausbreiten wollen. Was von Dinosauriern und Riesenaffen auf einer mysteriösen Insel mitten im Ozean zu berichten, von der nie jemand irgendwas gehört hatte, wo jedes Kind wußte, daß es Dinosaurier seit Jahrmillionen nicht mehr gab, von den Vögeln abgesehen - wäre total verrückt gewesen, so was zu palavern. Ohne lange erst lange zu fragen, griff sich Jack Spearbow eine von René Departs langen Zigarillos, roch an dem Teil und nickte.
 
* Was für Geld man machen könnte, wenn man den Längen- und den Breitengrad wüßte, wo die Insel lag, sprach Jack Spearbow aus, was in seinem Kopf vorging. Den Sicherheitsgürtel rund um die Insel zu überwinden und mit einer Horde Journalisten an Land zu gehen, die sofort mit der Live-Berichterstattung anfing. Jaques und Jaques' Hintermänner müßten eine Seekarte mit dem Insel-Eintrag gehabt haben, meinte René Depart dazu. Obwohl die um Jaques die Karte hätten, erfuhr die Menschenwelt trotzdem nichts von der Insel, erklärte Jack Spearbow, worüber er sich wunderte. Immer hätte er gehofft, mal was von diesem Jaques zu hören, irgendwie, irgendwo, meinte René Depart; aber: nichts. Irene meldete sich ebenfalls nicht daheim. Nicht mit einer Silbe oder einem Zeichen unterrichtete Irene ihre Familie darüber, daß sie noch am Leben war. Aus diesem Grund wäre er, René Depart, jetzt auch in die Staaten gereist: Er wollte wissen, was aus seiner Tochter Irene geworden wäre. Er, Jack Spearbow, wäre eine heiße Spur. Endlich wieder ein Faden, den Irenes Vater aufnehmen konnte, um ihn weiterzuverfolgen.
 
* Jack Spearbow erkundigte sich, ob da wirklich nichts gewesen wäre, all die Jahre. Nichts von Irene Depart, der Tochter, nichts von irgendwem, der Drohungen ausgesprochen hätte? Keine Autos gesehen, die öfters hinterhergefahren wären? Keine Probleme auf Arbeit gehabt? Ein bißchen was sei schon gewesen, antwortete René Depart. Einige Mitarbeiter seiner Hauptkanzlei in Paris, die er auf die Sache angesetzt hatte, hätten herausgefunden, daß eine Firma, die als Logo zwei diagonal sich gegenüberliegenden Kreuze hatte, tatsächlich existierte. Ihren Sitz hatte sie auf den Bahamas. Nachdem er, René Depart, auf die Bahamas gereist war, entdeckte er, daß die angegebene Adresse zwar die richtige, "Tech.-Adv.Internatinal" jedoch nichts weiter als eine Briefkastenfirma war. Trotzdem war das mit "Tech.-Adv.International" groß. Im Handelsregister auf den Bahamas war "Tech.-Adv.International, Firma zur Erforschung der Weltmeere und des Genoms von Meeresbewohnern" mit einem freien Grundkapital von zwei Milliarden Dollar eingetragen. Schrill pfiff Jack Spearbow durch die Zähne.
 
* Interessant wäre noch eine andere Geschichte, setzte René Depart fort. Vor zwei Jahren hätten seine Mitarbeiter, als sie an einem anderen Fall arbeiteten, im Netzwerk von "Pharmakika", "Pharmakika", ein weltweit operierendes Pharma-Unternehmen, unter anderem den Namen "Tech.-Adv.International" gefunden, total versteckt. Der genaue Link lautete: "dele-gate.org/tech.-adv.international.org/inhabitent.org.com/". Das hätten sie dann eingegeben. Darauf erschien eine Seite. Der Text drehte sich darum, daß "Tech.-Adv.International" eine Firma in Privatbesitz wäre, die sich verpflichtet hätte, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit ausschließlich dem Wohle der Menschheit zu dienen. Jack Spearbow lachte.
 
* Ein Doppelklick auf das Firmenlogo: das Bild einer braunen Holztüre erschien. Das Türschloß entstand: übergroß abgebildet. Nach doppeltem Klick auf das Schloß: zwei Zeilen. Die Worte sagten, daß der Besucher keine brauchbare Identität sowie keinen Schlüssel hätte. Wenn der Besucher durch die Türe hineingehen wolle, müßte er dreihunderttausend Dollar bezahlen; Zahlungsart, Bank und Kontonummer in Klammern. Dreihunderttausend Dollar, das war ein ordentlicher Preis. In Ordnung, beschied er, René Depart, seinen Leuten, einmal zahlte die Kanzlei das. Die Überweisung an die Bank auf den Bahamas wurde ausgeschrieben. Ein paar Tage drauf erhielt die Kanzlei Post, normale Post, die ein Postbote brachte, ein Einschreiben von dem Bahamas-Bankhaus. Drinnen fand sich ein Dokument, mit dem die Bank den Erhalt des Geldes bestätigte, unten im Text: einige Erklärungen zu dem Nummern-Code. Der müßte im Internet eingegeben werden. Als seine, René Departs, Mitarbeiter, die Zugangsnummer und alles, wie es in der Gebrauchsanweisung stand, eingegeben hatten, entstand ein goldener Schlüssel, "Schlüssel 92900". Weitermachen konnte man, bis man sah, wie der Schlüssel sich ins Schloß steckte. Aber, der Schlüssel paßte trotzdem nicht; "keine brauchbare Identität" stand zu lesen. Bei jedem neuen Versuch paßte der Schlüssel nicht, blieb die Identität unbrauchbar. Das hieß, jeder durfte dreihunderttausend Dollar zahlen. Bloß bedeutete das am Schluß nicht, daß dann jeder tatsächlich durch die "Türe" hineingehen durfte. Allem Anschein nach hatten die Leute der Gegenseite die Informationen, die aus René Departs Kanzlei mitgeteilt wurden, gegengeprüft, und die Daten wurden nicht für opportun befunden.
 
 
 
5. Die Tochter des Zirkusdirektors
 
 
* René Depart tigerte im Motelzimmer auf und ab. Wieder hielt er vor dem Fenster an, schaute hinaus. Außerhalb sah er nichts als gelbliches Neonlicht aus der Nebelsuppe leuchten. Er würde sich jetzt erst mal eine Zigarre anzünden, verkündete Jack Spearbow, der auf dem schäbigen Sofa lümmelte, Bier trank; die Braut würde sicher kommen, wär schließlich bestellt. Es klopfte. Auf der Stelle sprang René Depart zur Tür, drehte am Knauf, öffnete. Draußen befand sich eine Frau. Sie war es, Rebecca Sponti, war René Depart sich sicher. Rebecca Sponti, die da auf der Schwelle stand, Sonnenbrille vor den Augen, den Kragen des grauen Männertrenchcoats hochgestellt, einen roten Schal vor den Lippen.
 
* Lächelnd bat René Depart Rebecca Sponti, in die gute Stube hereinzukommen. Die weibliche Person trat ein. Natürlich käme sie gerne überallhin, wenn der Mann, der dem Zirkus Sponti dreihunderttausend Dollar spendete, sie persönlich kennenlernen wolle, meinte Rebecca Sponti, nachdem sie die Sonnenbrille abnahm, sich von Schal und Trenchcoat befreit hatte. Zwar nicht wirklich für sie, Rebecca Sponti, zu verstehen, warum sie, als die Direktorin des Zirkus Sponti, den Gönner, der dem Zirkus Sponti eine stattliche Summe überwiesen hatte, die dem Zirkus half, unmittelbar über eine schwere Zeit hinwegzukommen, nicht in einem besseren, feierlicheren Rahmen der breiten Öffentlichkeit präsentieren dürfte. Warum daraus ein Geheimnis gemacht werden müßte, daß jemand dem Zirkus Sponti half. Aber der, der zahlte, der hätte das Sagen. Da käme sie, Rebecca Sponti, auch in ein finsteres Loch von einem einem billigen Motelzimmer, statt in einem noblem Restaurant zusammen mit Zirkusmitarbeitern und Freunden, der Presse das Glück des Zirkus Sponti zu feiern.
 
* Was er nötig hätte, wären Informationen, raunte René Depart Rebecca Sponti hin, die auf dem einzigen Stuhl in dem kargen Motelzimmer Platz genommen hatte. Rebecca Sponti, rotblonde Haare, hübsch, nickte, erwiderte, daß, wenn sie René Depart, dem Gönner des Zirkus Sponti, was sagen könnte, würde sie das René Depart sagen. Wie sie, Rebecca Sponti, wisse, hieße der Mann, hinter dem er, René Depart, her wäre, Jaques, redete René Depart; Jaques, das wäre der Mann. Einer, der ihm an einem mysteriösen Ort begegnet wäre; die Tochter hätte Jaques ihm, René Depart, genommen. Wenn ihr Vater Dominik nicht spurlos verschwunden wäre, wäre der gewiß der bessere Ansprechpartner, meinte Rebecca Sponti, die Stirn gerunzelt. Seltsam wäre das, daß bloß die Zugwaggons total ausbrannten, in denen sich die präparierten Dinosaurier befunden hätten, die der Zirkus Sponti in seiner "Dschungel-Schau" ausstellte, wechselte René Depart das Thema. Kopfnicken Rebecca Spontis. Rebecca Sponti informierte, daß die Polizeibehörden jetzt davon sprachen, daß sich ihr Vater Dominik in sich mit Sicherheit in keinem der Waggons befunden hätte. Die Sachverständigen, die der Zirkus zuzog, bestätigten außerdem die Tatsache, daß es mehrere Kurzschlüsse in einem gewesen wären, der zu den Bränden geführt hatte. Unzufrieden schüttelte René Depart den Kopf, blaffte, daß die ganze Geschichte zum Himmel stank. Ein Blinder müßte das sehen, daß es die, die das Feuerwerk an Kurzschlüssen verursacht hatten, nur darauf abgesehen hatten, die "Dinosaurier"-Ausstellung abzufackeln.
 
* René Depart stellte fest, daß er seinem "Freund" Jaques schon ein Stückchen näher wäre, wenn er wüßte, woher der Zirkus Sponti die Sammlung der präparierten Dinosaurier hätte. Ihr Vater hätte die großen Kisten einfach von seiner letzten Reise nach Südamerika mitgebracht, gab Rebecca Sponti zurück. Es wäre für sie alle unfaßlich gewesen, als ihr Vater die Kisten hatte öffnen lassen. So was hatte die Welt noch nicht gesehen: Dinosaurier, die aussahen, als könnten sie jeden Moment lebendig auf einen zuspringen. Wenn sie am Ende einer Schau die letzte war, die das Licht ausmachte, hätte sie, Rebecca Sponti, öfters voller herumgeschaut, ob nicht eines der Monster zu ihr hingehüpft käme. Unglaublich echt, plastisch, lebendig, diese Kreaturen. Daher auch der Erfolg, den der Zirkus Sponti damit hatte. Ihr Vater Dominik hätte einmal so nebenbei bei einem Abendessen gemeint, er hätte die Dinosaurier für einen Sonderpreis gekriegt; wieviel genau das an Geld trotzdem war, hätte ihr Vater nie preisgegeben. Außerdem hätte Vater Dominik, weil die Schau solch ein Publikumserfolg war, richtig Geld in die Kasse des Zirkus spülte, in kürzester Zeit sämtliche Schulden des Zirkus Sponti getilgt.
 
* Woher die Tierpräparate genau kämen, da wüßte sie trotz der Geheinniskrämerei ihres Vaters Dominiks was, versetzte Rebecca Sponti, blickte in irgendwelche unbestimmten Fernen. Sie könnte sich erinnern, daß ihr Vater Dominik von einem General gesprochen hätte. Ihr Vater Dominik war in den verschiedensten Ländern Südamerikas unterwegs, um Tiere für den Zirkus einzukaufen. Auf einer seiner Fahrten durch die Lande hatte Vater Dominik diesen General getroffen. Ihr Vater hätte bei dem General zu Abend gespeist. Nach dem Essen hätte der Mann zu ihrem Vater gesagt, daß er da vielleicht etwas Nettes hätte, etwas, wofür Vater Dominik sich brennend interessieren könnte. Am nächsten Nachmittag erschienen zwei Unteroffiziere aus dem Regiment des besagten Generals im Hotel ihres Vaters. Zu dritt stiegen sie in einen großen Wagen. Vater Dominik durfte nicht mitbekommen, wohin die Fahrt ging, also verband man ihm die Augen; keine angenehme Sache, weil in dem Land ständig Menschen ohne Grund spurlos verschwanden, wenn sie eine Meinung geäußert hatten. Als Vater Dominik die Augenbinde wieder abgenommen wurde, befand man sich in einer Lagerhalle, in der große Dinge dicht an dicht herumstanden, alles mit weißem Tuch abgedeckt. Nachdem eines der Laken heruntergezogen wurde, stand dort eine Echse Vater Dominik gegenüber. Ein übermannshoher Echse, die jedoch wie etwas aus einem Dinosaurier-Film aussah. So echt, das Tier, wie im Sprung, daß Vater Dominik vor Angst am liebsten davongerannt wäre. Das war es; Vater Dominik zahlte den verlangten Preis für die "Dinosaurier". Wegen dem Geld handelte Vater Dominik nicht lange. Vater Dominik war überzeugt, etwas Wahrhaftes vor sich zu sehen; entweder die Arbeit eines hochbegabten Künstlers und Präparators. Oder die Realität. Klar könnte sie, Rebecca Sponti, die Sachen ihres Vaters Dominik auf den Kopf stellen, nachschauen, ob sie nicht doch genaure Hinweise darauf fände, in welchem Land sich Vater Dominik aufgehalten hatte.
 
 
 
6. Der freundliche General
 
 
* Hernandez Zilla gebot René Depart und Jack Spearbow, sie beide sollten in den teuren Ledersesseln seines Rauchzimmers Platz nehmen. Jack Spearbow und René Depart machten das, plazierten sich in den edlen Sesseln. Noch einmal lobte René Depart das ausgezeichnete Mahl, das der Hauskoch Zillas zubereitet hatte. Dann holte René Depart sein Scheckbuch aus der inneren Jackettasche. Mit einem massiv goldenen Kugelschreiber schrieb René Depart einen Scheck über neunzigtausend Dollar aus. Der Betrag von neunzigtausend Dollar wäre doch gewiß ausreichend, ihm, General Zilla, bei seinem Kampf um die Wählergunst von Nutzen zu sein, meinte René Depart. General Hernandez Zilla nickte, schaute freundlich auf René Depart. Es käme ganz drauf an, legte René Depart nach; vielleicht ließe er mit sich reden, demnächst weitere sechzigtausend Dollar der Wahlkampfkasse General Zillas zukommen zu lassen. Ein Wink General Zillas, und der Diener, der eine große Zigarrenkiste in beiden Händen hielt, kam herbei. Der Mann in Livree öffnete die Kiste, präsentierte den verehrten Gästen des Generals den Inhalt: dicke, teure Havannazigarren. Verschiedene kubanische Tabaksorten. Nicht viele Sorten hatte René Depart bisher in seinem Leben geraucht.
 
* Wenn er hier in diesem Bezirk zum Gouverneur gewählt werden wollte, bräuchte er alle Unterstützung, die er nur kriegen könnte, kehrte General Zilla zum Thema Politik zurück. Ein klein wenig wäre ihm, dem General, nun auch von ihm, René Depart, in Sachen Wahl geholfen, gab René Depart zurück, grüßte mit dem Cognacschwenker zu General Zilla hin. Eifrig sprach General Zilla einen Toast auf seinen freigiebigen Gast aus Frankreich aus. Der General, der selber drei hübsche, noch ziemlich kleine Kinder hätte, würde das sicherlich verstehen, daß die Sorge um ein Kind einen Vater rasend machen könnte, umschrieb René Depart die Geschichte seines Anliegens. Zustimmend nickte General Hernandez Zilla mit dem Kopf, sprach, daß Kinder das Salz des Lebens wären; es gäbe auf Erden keine Speise, die gelänge, könnte man sie nicht mit einer Prise Salz abschmecken.
 
* Nachdem die Runde eine Weile mit dem Rauchen beschäftigt war, strich General Zilla sich über den feisten Bauch, eröffnete, daß er nicht das allergeringste Problem hätte, das zu erzählen, wovon Herr Depart und sein lieber Freund Jack, der "Americano" etwas hören wollten. Das wäre sogar sehr nett, mal wieder mit jemandem darüber zu sprechen, mit jemand, der etwas von der Materie verstünde. Worum es sich damals gehandelt hätte, wäre eine geheime Kommandosache gewesen. Ziel: "Up-Genetics", eine Biotechnikfirma in Besitz eines internationalen Konsortiums. Seit längerem hieß es, daß auf dem Gelände von "Up-Genetics" seltsame Dinge vor sich gingen, und dann bekam die örtliche Generalität, infolge einiger Vorfälle bei "Up-Genetics", eine Handhabe, sich die Örtlichkeit einmal näher anzuschauen.
 
* Alles leitende Personal von "Up-Genetics" bestand zu dem Zeitpunkt, als das Problem gelöst wurde, aus nordamerikanischen Herrschaften. Die Nordamerikaner hatten den Laden quasi übernommen; anscheinend durch geschickte Personalpolitik. Bloß schienen sich die Damen und Herren, die den Betrieb leiteten, untereinander nicht grün zu sein. Obwohl sie alle doch die gleiche ungefähre Herkunft hatten. Eines Nachmittags erschien ein soeben frisch bei "Up-Genetics" entlassener "Yankee-Cowboy" auf der örtlichen Polizeistation. Was der Kerl den Polizisten dort mitteilte, klang total hanebüchen, richtiggehend der Wahnsinn. Aber der Cowboy mit Sporen an den Stiefeln hatte seine Telefonie, eine mit Fotos und Filmchen drauf. Jede Menge Fotos und Filmchen, klasse Gerät. Außerdem waren kopierte Computerfestplatten in seinem Besitz. So viel Zeug, das man sich nur auf dem Bildschirm anzuschauen brauchte. Damit untermauerte der "Amercano" in aller Seelenruhe all seine irren Behauptungen. Er machte darauf aufmerksam, daß es die mittlere, die größte der Lagerhallen, mehrere abgegrenzte Abteile gäbe, in denen die gräßlichsten, fürchterlichsten der Monster gehalten würden. Es wären "Raptoren". Grün beschuppte "Raptoren", keine Warane oder so. "Raptoren". Die "Grünschuppenraptoren", mit denen würde gezüchtet. Um die Viecher zu "domestizieren". Praktisch, um Haustiere für jedermann aus ihnen zu machen. Total unglaubliches Zeugs, das der "Cowboy" auftischte.
 
* Wie dem auch war, "Up-Genetics" hatte sich lange einen Ruf erworben, daß der Staat sich auf dem Gelände umschauen sollte. Bestechungsgelder waren nicht so an die lokalen Behörden geflossen, wie sie fließen hätten sollen, unter diesen Voraussetzungen. Das hieß, jetzt bekam er, Hernandez Zilla, die Order, gegen "Up-Genetics" vorzugehen. Er, General Zilla, sollte das Kommando führen,auf dem Gelände von "Up-Genetics" nach dem Rechten zu schauen. Sollte der Polizei, die die Vorhut bildete, der Zutritt auf das "Up-Genetics"-Firmengelände verwehrt werden, hatte General Zilla alle Befugnisse, sich mit seinen Soldaten auch mit Gewalt Zutritt zu verschaffen. Tatsächlich weigerten sich die Pförtner hinten und vorne, den normalen Polizisten die Tore zu öffnen; die Gestalten riefen sogar den Werkschutz, Leute, die Waffen trugen. Also war das die Gelegenheit, gab er, General Zilla, den Befehl, mit Panzerfahrzeugen die geschlossenen Tore zu durchbrechen. Im Schutz der beräderten Panzer stürmten einzelne Trupps mit verschiedenen Aufgabenstellungen das Firmengelände. Schnell waren die Bewaffneten des Werkschutzes bereit, sich zu ergeben, befanden sich die Soldaten in den Büro- und Laborräumen von "Up-Genetics", in denen nicht gearbeitet wurde. Vielmehr beschäftigten sich die anwesenden einheimischen Firmenmitarbeiter damit, Papier durch Reißwölfe zu schicken, Festplatten zu zertrümmern, dies und das sogar mit Benzin zu übergießen. Alles zerstörerische Treiben wurde unverzüglich mit Waffeneinsatz unterbunden. Ein paar Feuer mußten trotzdem eilig gelöscht werden. Irgendwer hatte die "Americanos", die bei "Up-Genetics" das Sagen hatten, gewarnt, dafür gesorgt, daß die Rednecks alle zehn Minuten vor dem Zugriff in ihren Limousinen abgefahren waren. Zum Flughafen. Wo ein Düsenjet für solche Gelegenheiten gewartet wurde, bereitstand. Geflogen wurde von einem von "Up-Genetics" selber.
 
* Das gesamte Betriebsgelände von "Up-Genetics" hatte man übernommen. Trotzdem klang unvermittelt Schießen aus automatischen Waffen auf. Die dafür vorgesehene Kohorte, bis an die Zähne bewaffnet, hatte das Doppeltor der größten Lagerhalle aufgebrochen; die Halle, in der sich die Abteile mit den "Raptoren" befinden sollten. Das mit den grünen Monstern war kein bloßes Schauermärchen, sondern brutale Realität. Die grünlichen Ungeheuer waren aus ihren Käfigen freigelassen. Monster sprangen den eindringenden Männern aus dunklen Ecken entgegen, als hätten sie dort zusammengekauert gewartet. Die urzeitlichen Ungeheuerlichkeiten schafften es, ein fürchterliches Blutbad anzurichten; das dauerte, bis eines von ihnen im Kugelhagel niedersank. Am darauffolgenden Tag war in den lokalen Nachrichtenmedien zu hören und lesen, es hätte mehrere Schießereien zwischen Soldaten und dem Werkschutz von "Up-Genetics" gegeben; der Werkschutz von "Up-Genetics", der nicht hätte aufgeben wollen. Um jede einzelne Lagerhalle hätte man Krieg führen müssen. Hinten und vorne eine Falschmeldung, die er, General Zilla, eigenhändig bei den Presseleuten lanciert hatte.
 
* Noch etwas müßte er, Zilla, gestehen: Als er die Dinge gesehen hatte, die in der "Osthalle" von "Up-Genetics" herumstanden, hätte er sofort den Befehl gegeben, das Tor da zu versiegeln. Von dem Schönen, das in der "Osthalle" wartete, brauchte offiziell niemand zu wissen. Die Soldaten, die drinnen waren, alles sahen, bekamen für ihr Schweigen Sonderurlaub, einen Zuschlag auf ihren Sold und das Versprechen, bei nächster passender Gelegenheit befördert zu werden. Das, was in dieser Lagerhalle dastand, das waren die präparierten Dinosaurier, die, die er, Hernandez Zilla, an Dominik Sponti verkaufte. Die Viecher, die standen dort, wie auf den Abtransport wartend. Vielleicht sollten sie auch wirklich bald abgeholt werden, um auf Schiffsreise in einem Container zu gehen, nach Europa, in die Vereinigten Staaten. Tote Saurier, die aussahen, als würden sie leben. Keine Rechner-Animation, die an solche Lebendigkeit heranreichte.  Zu guter Letzt war er, Zilla, der Mann, der die Chance nutzte, mit den Monstern ein Geschäft zu machen. Dominik Sponti, der einen Zirkus besaß, zahlte den verlangten Preis. Dominik Sponti unternahm gar nicht erst den Versuch, den Betrag runterhandeln zu wollen.
 
 
 
7. lokale Zeitung - Lokalradio ...
 
 
* Langsam hing Jack Spearbow René Depart aus dem Hals. Wo immer man war, auf jeder Speisekarte wählte Jack Spearbow immer das teuerste Menü. Außerdem hatte René Depart gedacht, Jack Spearbow hätte in New York irgendwo eine Frau und zwei süße Kinder. Was die treu liebende Gattin wohl dazu zu sagen hätte, wüßte sie, daß ihr Jack es jeden Tag nötig hatte und daß er für die Huren seinen Kumpel René Depart zahlen ließ? Und nicht eben die billigsten Flittchen. Nein, das Puff-Ambiente mußte schon stimmen. Wie für René Depart. Warum er, René Depart, mit Jack Spearbow an seiner Seite die Zeit weiter in dieser Gegend vertrödelte, keine Ahnung. Vielleicht, damit's Jack Spearbow gut ging, sein Stecker glühte.
 
* Sämtliche ausländische Mitarbeiter von "Up-Genetics" waren in der Gegenwart vor Jahrtausenden abgereist. Auf Nimmerwiedersehen. Die einheimischen Befehlsempfänger hatten kaum irgendwas mitzuteilen. Die wirkten entweder eingeschüchtert, dumm oder störrisch, wenn man sie auf ihre Tätigkeit bei "Up-Genetics" ansprach. Das Ergebnis der bemühten Unterredungen: gleich der Null. Am deutlichsten sprach das José Mullo, dreißig Jahre, ehemals Laborant bei "Up-Genetics", aus, was los war. Mullo jammerte, wenn er hier viel Sachen erzählen würde, kämen vielleicht bald mal Attentäter zu ihm, Leute, die nicht nur ihn, José, umbrachten, sondern ihm die gesamte Familie wegballerten. Entweder waren die Mörder "Americanos" oder einheimische Agenten; Polizei war im Land auch gut für jeden Mord. War man tot, war sicher egal, wer schoß.
 
* Der Schweiß lief René Depart in Strömen überall runter. Die Hitze war drückend; die Klimaanlage im ganzen Hotel funktionierte nicht richtig. Vom Ausgehen, Bier und Schnaps saufen wurde das nicht besser. Die Frage der Fragen: Was sollte René Depart als nächstes unternehmen? Praktisch jede Spur hatte sich bisher ins Nirgendwo verloren. Nach Zilla, den überfreundlichen General, jetzt: wieder nichts. Wenn er und Jack Spearbow in die Scheiß-Staaten zurückreisten, wäre das möglicherweise das beste. Mochte sein, daß Rebecca Sponti doch noch etwas auf Lager hatte. Ein weiteres Geheimnis ihres Vaters Dominik. Oder Vater Dominik war wieder da, lebendig in den Schoß der Zirkusfamilie zurückgekehrt.
 
* Es klopfte an der Holztüre des Hotelzimmers. Es wäre leider nicht abgesperrt, bellte René Depart. Jack Spearbow kam in die Räumlichkeit hereingelaufen, wedelte aufgeregt mit einer papiernen Zeitung, schrie, das müßte er, René Depart, auf der Stelle lesen; den Artikel auf Seite drei. Auf Seite drei, hatte da eine besondere Titten, fragte René Depart, starrte Jack Spearbow freudlos an. Jack Spearbow hielt René Depart die Zeitung hin. Sich überlegend, daß er mit der Zeitung auch auf Jack Spearbow einschlagen könnte, faßte René Depart nach dem Käseblatt. Der Artikel auf Seite drei, wiederholte Jack Spearbow. In Ordnung, wehrte René Depärt ab, schlug Seite zwei und drei auf.
 
* Tatsächlich war der Text, auf den Jack Spearbows Finger gezeigt hatte, höchst interessant: Im Nachbarland war ein Kommando Soldaten hinter linken Guerilleros her. Statt auf Guerilleros stieß der Trupp auf etwas anderes: eine Horde grüner Monster auf zwei Laufbeinen. Erst Maschinengewehrsalven schlugen die angreifenden Ungeheuer in die Flucht. Sieben Soldaten überlebten den Überfall nicht; ein Dutzend mußte in ein Krankenhaus in der Stadt gefahren werden. Das miserabel abgedruckte Schwarzweißbild links auf Seite drei präsentierte zwei der Soldateska, die lange Gewehre in Jubelpose hochhielten, vor irgendwas, was die Strecke der Monstrositäten sein sollte, die man getötet hatte. Jack Spearbow bellte, daß es in den Ohren wehtat, daß er, wenn das grüne Schuppen-"Raptoren" von der Insel wären, seinen Hut ohne Salz verspeisen würde.
 
* Für René Depart und Jack Spearbow hieß das eins: sofortige Abreise. In einem von René Depart als fahrbarer Untersatz bar bezahlten Jeep fuhren sie Richtung Grenze. Jack Spearbow steuerte den Geländewagen, entdeckte beim Hantieren mit dem Sendersuchlauf des Autoradios einen Radiosender aus dem Nachbarland. Nicht nur Musiktitel wurden gespielt, sondern zwischen den Liedern in Portionen eine interessante Geschichten aufgetischt. Als die zweite Stunde anfing, horchten René Depart und Jack Spearbow besonders auf. Es begann mit der erst mal nichtssagenden Meldung, daß ein Unteroffizier namens Fernandez Diaz festgenommen worden wäre. Begründung: Vertuschung einer Schießerei unter Untergebenen, Täuschung höherer Dienststellen und der Öffentlichkeit, Aufruhr. Es wäre Unteroffizier Fernandez Diaz' Pech, daß zwei europäische Archäologen vor Ort waren und genauer hinschauten. Die riesige Kreatur, die Unteroffizier Diaz zusammen mit seinen Männern getötet haben wollte, wäre kein Stegosaurus, wie das Unteroffizier Diaz weis machen wollte, sondern wären lediglich zwei Dschungelelefanten, die im Erdloch bereits stark in Verwesung übergegangen waren, als die Europäer, Dr. Meyer und Dr. Hefthand, sich den Spaß anschauten. Das Gehörn: angespitztes, mit weißer Farbe angemaltes Holz; von einem Dinosaurier könnte wirklich nicht die Rede sein ... Wenn das, was er, Jack Spearbow, gesehen hätte, immer alles nur Elefanten gewesen wären, wäre ja alles gut, meinte Jack Spearbow zu René Depart auf dem Beifahrersitz hinüber, hieb mit beiden Handflächen auf das Lenkrad. Jetzt hätten sie beide wieder ein Ziel, sprach René Depart es aus.
 
 
 
8. Rochos Ansage
 
 
* Chiulana hieß die kleine Stadt; nach Chiulana ging für René Depart und Jack Spearbow die nächste Reise. In der Umgebung von Chiulana hatte Unteroffizier Fernandez Diaz den Stegosaurus präpariert, hatte es der Radiomoderator ausgedrückt. Natürlich war es René Departs und Jack Spearbows Wunsch, einen Blick auf den Dino zu werfen, auch wenn der nichts als eine Fälschung sein sollte. Auf der Polizeistation von Chiulana erfuhren René Depart und Jack Spearbow, daß die europäischen Wissenschaftler namens Meyer und Hefthand Leuten Geld dafür gezahlt hatten, den "Fälscher-Fleischhaufen", wie die zwei Europäer das im Erdloch nannten, mit Benzin zu übergießen und anzuzünden; anschließend wurde das Loch zugeschüttet. Weil die Europäer eigentlich keine staatliche Legitimation für ihr Handeln hatten, war das was Illegales, dessen sich Meyer und Hefthand schuldig machten, weswegen jetzt sämtliche polizeilichen Behörden des Landes überall auf der Suche nach den "Wissenschaftlern" waren. Bei ihren Ermittlungen hatte die Polizei herausgefunden, daß die Archäologen "Meyer" und "Hefthand" nicht zu dem Ausgrabungsteam gehörten, dem es erlaubt war, in der Umgebung Chiulanas Ausgrabungsarbeiten durchzuführen. Vor der Presse würde man das jedoch gerne weiterhin geheimhalten, daß man keine Ahnung hatte, woher "Meyer" und "Hefthand" mit ihren Ausweisen eigentlich kamen.
 
* Es war René Departs Begehr, Unteroffizier Diaz, den Mann, der Elefanten präpariert hätte, um sie wie Dinosaurier aussehen zu lassen, im Gefängnis zu sprechen. Glücklicherweise für René Depart war Diaz noch nicht ins Militärgefängnis in der Hauptstadt, in der er seine Militärgerichtsverhandlung zu erwarten hatte, überführt worden. Jedoch wurde René Departs Anliegen eines Besuches bei Diaz negativ beschieden. Auch mit keinem des Soldatenhaufens, den Diaz befohlen hatte, durfte René Depart reden. Kein Geldangebot half, René Depart bei seinem Wunsch vorwärts zu bringen. Der General, der die Diaz-Sache über hatte, war unerbittlich, stur, um nicht zu sagen: Der Mann war nicht das bißchen korrupt. Zum Frusttrinken begaben René Depart und Jack Spearbow sich ins "Diabolo", einem Saloon, wie er in alten nordamerikanischen Wildwestfilmen hätte vorkommen können. Im "Diabolo" saßen René Depart und Jack Spearbow bei Whiskey und Bier, ließen die Stunden vorübergehen. Jack Spearbow meinte zu Jack Spearbow, daß er rausgekriegt hätte, daß es hinten Räume gab und Mädchen, die dort in fünf Minuten für einen dasein könnten.
 
* Eine abgerissene Type stellte sich unvermittelt vor dem Tisch René Depart und Jack Spearbows auf, fragte, ob er sich zu René Depart und Jack Spearbow an den Tisch hocken dürfte. Schlecht gelaunt, weil sich René Depart nicht sofort für die Idee mit den Mädels begeisterte, meinte Jack Spearbow zu dem Mann hinauf, daß der blöde Penner sich verziehen sollte. Der schlau blickende Kerl, der einen staubig schäbigen, an manchen Stellen geflickten schwarzen Anzug anhatte, setzte sich trotzdem zu René Depart und Jack Spearbow dazu. Er würde Rocho heißen, unterrichtete der Fremde; zwanzig Dollar auf die Hand, dann würde er, Rocho, ihnen was sagen. Neuigkeiten wären immer gut, lallte René Depart, der das dritte volle Whiskey-Glas hintereinander gekippt hatte, legte zwei Zehn-Dollar-Scheine mitten auf die Tischfläche. Rocho wollte sich die Scheine augenblicklich greifen, aber Jack Spearbow wischte Rocho die Hand vom Tisch, schnauzte, erst mal wolle man hier die gute Nachricht hören. Zu Jack Spearbow nickte Rocho hin. Drauflos erzählte Rocho, daß im "Horizonte", im Hotel "Horizonte" am anderen Ende des Städtchens, ein Journalist ein Zimmer hätte. Der Journalist wäre der, den Diaz im Dschungel getroffen hätte; der hätte von Diaz und seinem ganzen Trupp Fotos gemacht, jede Menge Fotos.
 
* Gegen Mittag des darauffolgenden Tages fanden René Depart und Jack Spearbow sich im "Horizonte" ein. Für ein paar Dollar mehr: der Pegel an Freundlichkeit steigerte sich im "Horizonte" sofort ins Unermeßliche. "Zimmer neunzehn" im ersten Stock, da wohne der Gesuchte, informierte der ältliche Mann an der Rezeption, buckelte bei jeder Silbe dienstbeflissen. Immer noch von dem Trinkgelage des Vorabends angeschlagen, stiegen René Depart und Jack Spearbow die hölzernen Stufen in das erste Stockwerk hoch. "Zimmer neunzehn" entdeckten René Depart und Jack Spearbow am Ende des langen Ganges linker Hand. Jack Spearbow klopfte. Nichts und niemand regte sich. Neuerliches Klopfen. Keine Reaktion. Der Mensch am Hotelempfang hatte mitgeteilt, daß Herr Rial im Haus wäre. Laut schrie Jack Spearbow, daß niemand hier von der Polizei wäre. Jetzt drehte sich plötzlich der Schlüssel im Schloß, öffnete sich die Holztür ein Stückchen ins Zimmerinnere. Das nicht eben sympathische Gesicht eines schwitzigen kleinen Mannes präsentierte sich; braune Schweinsäuglein glotzten ängstlich neugierig.
 
* Sie wären wirklich nicht von der Polizei, versicherte René Depart, stellte sich und Jack Spearbow vor. Sie wollten nichts als sich ein bißchen unterhalten, ein paar Auskünfte, wenn möglich; dafür würden sie sehr gut zahlen. Darauf zuckte Rial die Schulter, wischte sich über die verquollenen Augen, die aussahen, als hätte Rial erst vor kurzem eine längere Runde geweint. Rial trat zurück, ließ die Zimmertüre ganz aufschwingen. René Depart und Jack Spearbow spazierten zu Rial hinein. Als erstes fiel die teure Informationstechnik auf, die auf einem Rundtisch mit weißer Tischdecke herumstand, aufgeklappt. Auf dem Bildschirm blinkte bei weißem Hintergrund ein fingernagelgroßer schwarzer Punkt in der Mitte. Nachdem er draußen von seinem Hotelzimmer kurz den Flur hinauf und hinunter überblickt hatte, machte Rial die Türe hinter sich zu, sperrte ab. Rial meinte zu René Depart und Jack Spearbow, daß er sich sehr darüber wundern würde, daß nun schon seit Tagen kein Polizist mehr etwas von ihm, Rial, wollte. Er dürfe die Stadt und auch sein Hotelzimmer nicht mehr verlassen, hätte man ihm gesagt. Aber sonst wollte keiner mehr was von ihm. Auf dem Zimmer zu hocken, Däumchen zu drehen, das wäre eine sehr langweilige Angelegenheit.
 
* Mit ganzem Namen hieß der kleingewachsene Journalist Ignatio Rial. Plötzlich war dieser Ignatio Rial, Journalist, das Schweigen in Person. Um diesem Ignatio Rial, der bei Diaz gewesen war, einen Brocken hinzuschmeißen, erzählte René Depart ihm ausführlich von Dominik Sponti, Dominik Spontis Zirkus, der "Dschungel-Schau" des Zirkus Sponti und von General Hernandez Zilla. Der Spur Spontis, des Zirkusdirektors, wäre er gefolgt, schloß René Depart seine Geschichte. Ignatio Rial kratzte sich ausgiebig hinterm Ohr, nickte, meinte, daß Herr René Depart und Herr Jack Spearbow sich nicht an den Falschen gewandt hätten. Lächelnd begab Ignatio Rial sich vor sein elektronisches Arbeitsgerät, drückte Leertaste. Der Bildschirmschoner verschwand. Schnell tippte Ignatio Rial aus dem Kopf ein paar Codes in hintereinander auftauchende Zugangsfelder, öffnete am Schluß mit Doppelklick eines der vielen "Fenster". Anschließend wandte Ignatio Rial sich grinsend René Depart und Jack Spearbow zu, während sich in Rials Rücken auf dem Laptop-Bildschirm ein Farbfoto aufbaute. Das Foto zeigte einen "Grünschuppenraptor", wie in den Zeilen unter dem Bild zu lesen dastand. Der Raptor lag auf einer saftig grünen Wiese, das Schreckensmaul offen, daß die gefährlichen Zahnreihen bestens im Blick waren; Blut war die Schmiere, das, was aus dem Maul herausgelaufen war. Der Raptor war getötet worden.
 
* Es klopfte bei Ignatio Rial an der Zimmertür. Mit gerunzelter Stirn wollte Rial wissen, wer draußen wäre. Der Zimmerdienst, klang die Antwort eines Mannes. Ehe die ihm die Türe eintreten würden, würde er ihnen lieber mal aufmachen, sagte Ignatio Rial ruhig zu René Depart und Jack Spearbow, klappte sein Rechnerteil zu. Ignation Rial begab sich zur Tür, drehte den Schlüssel im Schluß, machte die Tür auf. Drei vermummte Kerle drängten hintereinander herein, Pistolen im Anschlag, bellten, kein Mensch sollte sich bewegen. Gedämpfte Schußlaute. An den Pistolen waren Schalldämpfer aufgesetzt. Eine Handgranate flog, landete René Depart vor den Füßen, explodierte. Im Nu war René Depart in weißen Nebel eingehüllt. Dann wußte René Depart nichts mehr.
 
 
 
9. Jaques gibt auf
 
 
* Kaum wach, riß René Depart die Augen auf. Er blickte auf eine rotfarbene Raumdecke; gedämpfte Geigenmusik erfüllte die Räumlichkeit. Unwillkürlich dachte René Depart, er wäre irgendwo in einem Puff, auch wenn das Debussy war. Auf der Stelle verlangte René Depart von sich, sich aufzusetzen. Erfreulicherweise gelang René Depart das, sich in die Sitzposition zu schaffen. Die hochkommende Übelkeit zwang René Depart allerdings, sich augenblicklich wieder zurücksinken zu lassen.
 
* Am liebsten würde er den lieben René für immer in die ewigen Jagdgründe schicken, zischte eine Männerstimme gepreßt. Irgendwie kam der Klang des Männersoprans René Depart bekannt vor. Nur leider, so einfach ginge das alles nicht, setzte die Stimme fort; leider müßte er sich beherrschen, war es angesagt, jeden Unsinn zu unterlassen. Eine beschissene Zeit wäre das gerade; wirklich eine beschissene Zeit. Einige Minuten vergingen René Depart, den der Schwindel zwang, liegen zu bleiben, bis der Mann sich wieder vernehmen ließ. Im Moment würde alles zusammenkommen, säuselte der Unbekannte. Er, René Depart, hier bei ihm in der guten Stube und mit auf dem Pulverfaß. Endlich brachte es René Depart, sich aufs neue hochzuschaffen. René Depart gaffte in eine grinsende Visage, einem Mann mit angegrauten Schläfen, dicke Sonnenbrille vor den Augen. Sofort wußte René Depart, wer das war: Jaques. Das war niemand anders als Jaques. Das füllig und breit gewordene Antlitz von Jaques.
 
* Mehrere Schluck Wasser hatte Jaques René Depart aus dem Wasserglas trinken lassen. Jetzt hockte Jaques wieder René Depart gegenüber in einem braunen Ledersessel, spielte mit einem modernen Revolver herum, drehte die Trommel, schwang die heraus, ließ sie zurückschnappen. Zwischen René Depart und Jaques war ein schwerer, breiter Art grauer Keramiktisch. Jaques trug eine grüne Uniform behangen mit goldenen Orden, Kordeln und allem. Sicher eine Phantasie-Uniform. Um die Nasenlöcher herum sah Jaques aus, als hätte er erst vor kurzem Nasenbluten gehabt, hätte sich bloß nirgendwo frisch machen können.
 
* Das wäre keine gute Nacht heute, fing Jaques, weinerlich fast, wieder das Gesäusel an. Jedermann wollte heute nacht nur eins: ihn, Jaques, fertigmachen. Es gäbe einfach keine Dankbarkeit auf der Welt. Für die Dinge, die abliefen, müßten sich die Idioten dann schon selber verantwortlich machen, Vollidioten, die ihr bißchen Hirn nicht im Kopf, sondern zwischen den Beinen hätten; dort würden die das herumtragen, was sie "Hirn" nannten. Die grünen Raptoren, das wären Biester, das könnte er, René, sich überhaupt nicht vorstellen. Aber die Bosse, die hätten mit allem rechnen müssen, weil er, Jaques, es ihnen gesagt hätte. Nur Scheißdreck wäre allerdings jetzt rausgekommen, nichts als Scheißdreck. Weil man Idioten mit Raptoren zusammenbringen hätte müssen; Gehirnschwämme der Marke "Homo Sapiens": dümmer ging's immer.
 
* Jaques schwieg ausgiebig. René Depart zögerte, Jaques, der in mieser Stimmung war, eine Pistole bei der Hand hatte, aus seinen Gedanken zu reißen. Obwohl ihn, René Depart, die eine Frage ihn bedrängte. Die Frage der Fragen, weswegen René Depart überhaupt sich auf die Suche nach der Vergangenheit gemacht hatte. Die Frage, die lautete, was Jaques mit Irene gemacht hätte. Unvermittelt lachte Jaques los. Als ob er Gedanken gelesen hätte, erkundigte Jaques sich bei René Depart, ob er, René, nicht gerne was Genaures wissen wollte. Nämlich das, was aus seinem Töchterchen Irene geworden wär. Schweigen bei René Depart.
 
* Erst mal müßte er, Jaques, ihm, René, mitteilen, daß Irene und er vor vier Jahren geheiratet hätten; seit vier Jahren wären sie Mann und Frau, er und Irene. Und er, René, wäre der Schwiegerpapi. Der Schwiegerpapi. Der Mund stand René Depart weit offen. Spöttisches Gelächter von Jaques. Jaques setzte fort, daß Irene sich von ganzem Herzen nichts mehr gewünscht hätte als eine Hochzeit in Weiß, eine kirchliche Trauung; so richtig mit einem Pfarrer, einer Kutsche, die vorfuhr, Mutti, Papi und allem Drum und Dran. Das hätte nun leider nicht geklappt. Vati und Mutti hatten nicht kommen können. Dafür waren ja genügend andere da.
 
* Er möchte Irene sehen, auf der Stelle, konnte René Depart nicht mehr an sich halten. Lässig winkte Jaques ab. Er wolle seine Tochter Irene sehen, und zwar sofort, schrie René Depart, bekam einen Hustenanfall. Es täte ihm sehr leid, das könnte er im Moment nicht anbieten; schlecht gelaufen alles, lehnte Jaques ab, den Wunsch René Departs zu sofort zu erfüllen. Nachdem René Depart sich anschickte, sich aufzurappeln, um sich auf die Füße zu stellen, präsentierte Jaques eine Pistole, die er auf dem Sessel zwischen den Beinen liegen gehabt hatte, und den Revolver. Es täte ihm alles sehr, sehr leid, plapperte Jaques; die Pistole auf den eigenen Schwiegerpapi zu richten, das würde ihm, Jaques, nun doch nicht so leichtfallen. Anderseits, gute Lust hätte er schon, ihn, René Depart, eine Kugel durch die Schädeldecke zu jagen, ergäbe sich die Gelegenheit dazu. Schwiegerpapi René sollte aber besser zuhören, darauf lauschen, was sein Schwiegersohn Jaques zu sagen hatte. Weil die nette Unterhaltung jeden Sekunde vorbeisein konnte: Er, Jaques, hätte Irene gewiß nichts getan. Alles, was er vorhin getan hätte, wäre gewesen, draußen den Elektrozaun abzuschalten. Damit hätte Irene in den Dschungel entkommen können. So sicher wie Irene wäre im Moment niemand. Um Irene müßte keiner Sorgen machen. Er würde ihn, Jaques, eigenhändig umbringen, wäre etwas mit Irene, schwor René Depart. Die Augen zur Raumdecke verdrehend, zuckte Jaques die Schulter.
 
* Da, die "Freunde" wären endlich oben angekommen, rief Jaques aus, deutete mit dem Zeigefinger; lange genug hätten die Brüder sich dazu Zeit gelassen, in diesen Flügel zu gelangen, überraschend lange. Langsam drehte René Depart sich um, das zu sehen, was in seinem Rücken sein sollte. Dreimal vier metergroße Bildschirme waren dort, in die Wand eingelassen, alle an, aber der Ton ausgeschaltet. Alle Fernsehbildschirme zeigten dasselbe Bild: Uniformierte, die in einem teuer ausgestatteten Salon die Szenerie überblickten. Ein Offizier und drei Soldaten, ihre Gewehre schußbereit. Nun wollte er die amerikanischen Kriegshunde mal nicht länger warten lassen, sprach Jaques, erhob sich, müde seufzend; das wäre sicherlich auch in seinem, Renés, Interesse. Daß Schwiegerpapi René nicht auf dumme Gedanken verfiele, bloß weil er, Jaques, der Gatte von Irene, seine Pistole und seinen kleinen Revolver nicht mehr in den Händen hätte.
 
* René Depart hielt den Mund, erhob sich jedoch mit Bedacht auf die Beine, während er auf die Bildschirmreihen starrte. Der blonde Offizier mit den unmilitärisch langen Koteletten holte ein handgroßes Gerät aus der Hüfttasche. Das Ding richtete der Mann auf die Wand gegenüber, schwang den Arm von links nach rechts und zurück. Das Arschloch würde bloß die Mauern scannen, kommentierte Jaques, Jaques, der weiterhin anwesend war; technisch bestens ausgerüstet, die CIA-Bastarde. Trotz ihrer Technik nichts als hohle Köpfe und Ignoranten, etwas anderes wären die nicht, überall auf der Welt. Und hier, in dem Scheiß-Verräterland würde sich mit Sicherheit jetzt nicht mehr viel tun. Weil kein Mensch Verträge einhalten könnte, jeder Verträge brechen könnte, wie er das wollte. Alles hätte die Rattenbande abgeknallt, Frauen, Männer, die jungen Anatotitans, Toros, Ankylos. Alles und jedes: tot. Obwohl die Tiere voll harmlos wären. Auf der anderen Seite hätte er, Jaques, mit eigenen Augen beobachtet, daß jede Menge kleiner Raptoren mit drei der Erwachsenen aus der Grünschuppenbande, die den Kleinen viel lernen konnten, in den Dschungel entkommen wären. Der "CIA"-Mann zielte mit seinem Scanner auf den Fußboden. Jetzt wäre es allerhöchste Zeit für ihn, den "Freunden" aufzumachen, sagte Jaques, und Jaques entfernte sich.
 
 
 
10. Der erste Gruß von Irene
 
 
* Zornig kehrte René Depart auf sein Hotelzimmer zurück, schleuderte den Aktenkoffer auf das Doppelbett. Erst mal fluchte René Depart ausgiebig, ehe er zur Flasche griff. Teurer Whiskey; diese Sorte Whiskey sollte jedermann Schlückchen für Schlückchen genießen, den Whiskey am Gaumen rollen lassen, nicht ein Viertel der Flasche ex und hopp in sich hineinschütten, um tierisch loszuhusten. Als die Husterei vorbei war, warf René Depart sich auf das große Bett, legte sich den Arm über die Augen.
 
* Weiterhin ließen die Behörden niemand zu Jaques vor. Nur Souza, Landesansässiger und der einzige Anwalt, der sich bereitgefunden hatte, sich von René Depart bezahlen zu lassen, war es erlaubt, Jaques aufzusuchen. Jaques, den die Amerikaner an die lokale Regierung ausgeliefert hatten. Grund: Die Todesstrafe drohte Jaques. Jaques, der kaum ein Wort mit Souza von der Anwaltskanzlei redete, obwohl Souza Jaques klarmachen konnte, daß René Depart ihn bezahlte, René Depart, dem man nicht gestattet hatte, die Verteidigung Jaques' selber zu übernehmen. Ellenlang war die Anklage, die die oberste Strafbehörde für Jaques vorbereitet hatte: vielfacher Mord, räuberische Erpressung, Bestechung staatlicher Institutionen, Anstiftung zu aufrührerischen Handlungen, illegale Bodennahme, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Bandenbildung, unerlaubte wissenschaftliche Experimente in einem Privatlabor, Landesverrat nach Einbürgerung ...
 
* So gut könnte er, René Depart, es haben in Frankreich. Ein sorgloses Leben führen. Nach Frankreich hatte René Depart jedoch nicht zurückfliegen können. René Depart, der um die halbe Welt geflogen war, seine mißratene Tochter Irene aufzufinden, eine, deren Launen bis hin zum Mord reichten. Konnte er, René Depart, sich bestens dran erinnern, an den Schuß, den Irene auf einen namens Henry abgefeuert hatte. Zu allem Überfluß heutzutage mit diesem Jaques verheiratet, Irene. Irene und Jaques waren jahrelang ein trautes Paar, hatten dann mal geheiratet. Wenn es die letzten Jahre Eheprobleme bei Irene und Jaques gab, hatten die nicht zu einer Scheidung Irenes von Jaques geführt. Irene, heute eine Endzwanzigerin, eine, total ihrem Vater René Depart entfremdet. Noch dazu eine, die selber auf sich aufpassen konnte. Das mit Jaques, voll Irenes Wahl; kein Mensch mußte Jaques heiraten, nirgendwo auf der Welt, und vor allem eins nicht: mit Jaques verheiratet bleiben. Schließlich hatte Jaques Irene nicht kaserniert, hätte Irene immer eine Fluchtmöglichkeit gehabt. Statt jedoch vor Jaques zu fliehen, hatte Irene sich prächtig mit Jaques verstanden, und Irene würde sich weiter prächtig mit Jaques verstehen. Also: Was sollte der Unsinn, den er, René Depart, hier trieb? Abenteuerlust? Ein Selbstmordversuch?
 
* Drei Tage war er, René Depart, im Stadtgefängnis gesessen. Die Aussagen Rials und Spearbows und die Zeitungsartikel Rials, der einen Lungendurchschuß und zwei Schultertreffer überlebt hatte, hatten ihm geholfen, rauszukommen. Dank Ignatio Rial glaubte die Welt, er, René Depart, wäre zum Opfer einer Entführung geworden. Eine Entführung, um Lösegeld zu erpressen. Denn René Depart war ein reicher, angesehener Anwalt, vertrat in Frankreich zumeist Leute mit Geld; ein vom Glück verwöhnter französischer Staranwalt. Das meinte anscheinend auch der amerikanische Offizier "Kirk Douglas", der Typ mit den langen Koteletten. Dreimal war "Kirk Douglas" bei ihm, René Depart, auf der Zelle, fragte nach den Grunddaten von René Departs Leben und ließ sich von René Depart Geschichten erzählen. Nach dem dritten Gefängnisbesuch war "Kirk Douglas" nicht wiedergekommen. "Kirk Douglas" schien die Zusammenhänge nicht zu kennen. Daß das, was René Depart widerfahren war, die Vortäuschung einer Entführung war. Weil das, was Jaques eigentlich beabsichtigt hatte, Familienzusammenführung war. Er, René Depart, hätte seine Tochter Irene wiedersehen können; Tochter Irene ihn, ihren Vater. Vereitelt hatten die amerikanischen Agenten und lokales Militär das Treffen. Unter der Anleitung der Amerikaner griffen Soldaten das Firmengelände an, auf dem Jaques der Direktor war.
 
* Gerne hätte René Depart eine Dschungelexpedition unternommen. Die einheimischen Leute, die mit in den Dschungel gehen hätten wollen, hatte Jack Spearbow längst bezahlt. Nur leider, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Behörden. Die Regionalverwaltung wollte dem Antrag nicht stattgeben: wegen der Guerilleros. Das wären keine Schlagzeilen, die das südamerikanische Land nötig bräuchte, meinte der zuständige Bezirksgouverneur, wenn die PTH solch eine Berühmtheit wie ihn, René Depart, gefangensetzen und Lösegeld erpressen könnte. Auf die mediale Propaganda der PTH, dieser Mörderbande, konnte man gut verzichten, blieb die Ansage gegenüber René Depart. Demnach war es ihm, René Depart, unmöglich gemacht, der Dschungelstraße entlang die Orte aufzusuchen, wo man eine blonde Frau auf dem Rücken eines monströsen Gorillas gesehen haben wollte.
 
* Jack Spearbow kam durch die Trenntüre in René Departs Hotelsuite zu René Depart hereingelaufen, ohne vorher bei René Depart anzuklopfen. Seit der Attacke von Jaques' Leuten, die aus ihren Gewehren Geschosse abgefeuert hatten, die ein starkes Betäubungsmittel auf Schlangengiftbasis enthielten, sah Jack Spearbow alles anderwe als sonderlich gesund aus. René Depart fand, er hatte das viel besser überstanden, obwohl er einige Jahre älter war als Jack Spearbow. Jack Spearbow war zum Fernsehgerät geeilt, hatte das Ding eingeschaltet, griff sich die Fernbedienung, die oben auf der Stellfläche des knapp mannshohen, meterbreiten Schaubfachkastens herumlag. In ein paar Minuten würde eine neue Nachrichtensendung auf TV3 laufen, erklärte Jack Spearbow. Das Fernsehbild von Kanal acht brauchte bei dem Flachbildschirm an der Zimmerwand ewig, aus dem Dunkel zum Vorschein zu kommen. Der Ton war von René Depart weggeschaltet, entdeckte Jack Spearbow, der an Fernbedienung herumfingerte.
 
* Der Sender behauptete, er hätte Fotos der blonden Frau, die mit dem Gorillariesen zusammen unterwegs war, unterrichtete Jack Spearbow. Auf TV3 fing jetzt die Nachrichtensendung an, erschien nach der dramatischen Musik ein Nachrichtensprecher, der überall auf der Welt üblicher Pose hinter dem Schreibtisch hockte. Tatsächlich war Irene der Aufmacher, hatte Jack Spearbow recht. Der Nachrichtenmensch redete davon, daß man eigene Bilder von der Frau hätte, die die wäre, die mit einem monsterhaften Gorilla im Dschungel unterwegs wäre. Die erste Fotografie erschien, und René Depart erkannte sie auf der Stelle. Das war sie, Irene. Irene, die breit grinste, grüßend in die Kamera winkte; ein Cowboyhut drückte auf Irenes struppiges Haar. Die Jahre waren an Irene nicht spurlos vorbeigegangen, fand René Depart. Irene wirkte älter als eine Endzwanzigerin. War fast eine reife Frau geworden, die Wangen ein bißchen eingefallen. Nichtsdestotrotz hatte Irene gewiß für Männer ihren Reiz, konnte einigermaßen hübsch genannt werden. Die vollen Kußlippen waren bei Irene die gleichen geblieben. Sechs Bilder Irenes, die auf Holzplanken herumstand, präsentierte der Sender. Eigentlich hätte eine Polizeieinheit die Frau festnehmen wollen, ließ der Nachrichtenmann vernehmen. Von diesem polizeilichen Vorhaben dürfte der Sender leider keine Aufnahmen zeigen. Informierend dürfte man allerdings, daß die Frau plötzlich eine Blendgranate aus der Hüfttasche gezogen und gezündet hatte. Mit dem Blitz, daß die Blonde spurlos verschwand, als hätte es sie überhaupt nicht gegeben.
 
 
 
***
 
He, ob's mit dem da oben weitergeht?
 
 
Vielleicht, wenn jemand Münzen einwirft ...
Bei Münzeinwurf, daß das TeddeMehr-Püppchen für die Fortsetzung tanzt.
 
 
Das ist wirklich keine Idee, die ich entwickelt hätte. Das ist das, was man in der Musik ein "Cover" nennt.
Damit beschäftige ich mich nur noch mal, wenn jemand ausreichend Münzen in den Schlitz einwirft.
 
 
 

Imprint

Text: TeddeMehr
Images: 'Bookrix'-Vorlage
Publication Date: 01-07-2014

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