Cover

Prolog

Träge schwebten die Staubkörner durch die stickige Luft und gesellten sich zu ihren Brüdern und Schwestern auf die staubige Schrankwand. Zwischen dem Ramsch auf den überquellenden Regalbrettern war eine Brutstädte an Schmutz und Staub. Hier hatte schon lange niemand mehr einen Lappen zur Hand genommen.

Das unstete Flimmern des Fernsehers war die einzige Lichtquelle in dem abgedunkelten Raum. Sein flackernder Schein erhellte nur schemenhaft das gefurchte Gesicht des alten Mannes in dem durchhängenden Sessel. Müde durch Alter und Sorgen, vielleicht sogar Gewissensbissen, war sein einziger Trost das Cognacglas in seiner Hand. Eine kleine Bewegung reichte aus, um die Pfütze an dunkler Flüssigkeit darin in Bewegung zu versetzen und die Spiegelung seines starren Blickes verschwimmen zu lassen.

„… hat sich das Phänomen der weiter rasant sinkenden Geburtenraten von Europa über weite Teile von Asien ausgebreitet. Mittlerweile melden auch Gebiete von Afrika, sowie Süd- und Nordamerika von dieser Anomalie und es bleib zu befürchten, dass dies erst der Anfang einer bisher nicht näher zu definierenden Epidemie ist. Um einen genaueren Einblick in die Vorkommnisse zu erhalten, haben wir uns mit dem Spezialisten Dr. Thomas E. Cabell unterhalten. Wir schalten nun live zu ihm in die Praxis.“

Fast hätte der alte Mann aufgelacht.

Spezialist.

Wie anmaßend von diesen Wichtigtuern sich einzubilden, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung hatten, worum es hier ging. Keiner von ihnen wusste um die Ursache dieser Abnormität. Und das war der nächste Hohn. Phänomen. Von wegen. Das alles war nichts weiter als eine Katastrophe. Eine riesige Katastrophe von bisher ungeahntem Ausmaßes – und niemand würde es aufhalten können.

Er wusste es nur zu gut, denn er gehörte zu den Leuten, die es versucht hatten. „Und wir haben versagt.“ Die genuschelten, alkoholgeschwängerten Worte wurden von den dunklen Vorhängen und den tiefen Schatten des ungepflegten Zimmers einfach verschluckt.

Unkoordiniert griff der alte Mann nach rechts zum Tisch um die fast leere Cognacflasche am Hals zu fassen. Dabei stieß er einen zerfledderten Stapel aller Zeitungen zu Boden, der so schief stand, dass die kleinste Erschütterung ihn schon lange hätte fallen lassen müssen. Selbst der dumpfe Aufschlag der Papiere schien von dem kleinen Raum einfach geschluckt zu werden. Als würde die Welt das Vergessen an diesen Ort bringen wollen.

Seufzend ließ der alte Mann die müden Augen über das Chaos gleiten. Forschungslabor in Flammen, prangte auf der obersten Titelseite. Darunter war ein schwarzweis gekörntes Bild eines brennenden Gebäudes abgebildet. Die Flammen darauf schienen den Himmel berühren zu wollen, um die Welt in die Hölle zu verwandeln.

Auf der Zeitung daneben war ein kleiner Artikel mit dem Diagramm einer Statistik, das bildlich verdeutlichte wie rapide die Geburtenraten in den letzten dreißig Jahren gesunken waren.

Mutation beim Menschen, lautete die Schlagzeile auf einem anderen Titelbild. Aber dort ging es nicht darum, dass den Menschen plötzlich ein drittes Auge wuchs, oder sie übersinnliche Fähigkeiten entwickelten. Nein, es ging schlicht und ergreifen um das Verkümmern der inneren Fortpflanzungsorgane. Wachsende Unfruchtbarkeit bei Männern und Frauen. Je jünger die Generation, desto schlimmer wurde es.

Aber die schlimmsten Schlagzeilen kamen erst mit den späteren Daten der Zeitungen. Wirtschaftsumbruch, Ausfall von Fleischkonzernen, Massensterben bei der Viehzucht, Nahrungsknappheit.

Die Menschen waren nicht die einzige betroffene Spezies, nein, alle Säugetiere waren von dieser Epidemie betroffen. Schweine und Rinder, Bären und Hirsche. Sogar die Wassersäugetiere. Die Unfruchtbarkeit griff um sich und niemand konnte etwas dagegen unternehmen. Auch nicht diese sogenannten Spezialisten.

Und der Verlauf dieser Katastrophe wirkte sich nicht nur auf die Menschen und Tiere aus, nein, mittlerweile war auch ein Großteil der Wirtschaft davon betroffen. Börsencrashs, rote Zahlen, wohin das Auge auch blickte. Leid, Trauer. Der Beginn des Untergangs.

Die interessanteste Schlagzeile jedoch kam von einem sehr unbekannten Schmierblatt, dass im allgemein nur über den Yeti und Außerirdische in Roswell berichtete. Säugetiere von Kampfvirus befallen. Keiner von diesen gehirnamputierten Fanatikern wusste wie nahe sie damit der Wahrheit kamen. Keiner von ihnen wusste, dass der Brand in dem Forschungslabor vor mehr als einem viertel Jahrhundert für all das verantwortlich war. Und keiner wusste, dass dieser Brand aus purer Berechnung von einem gefeuerten Doktoranten gelegt wurde, um sich an der Firma zu rächen.

Niemand wusste es, außer ihm – denn er war der Letzte.

Der alte Mann starrte auf das gesammelte Werk seiner Zeitschriften und wurde von einer tiefen Hoffnungslosigkeit befallen. „Wir waren Narren“, flüsterte er und schüttete den Rest seines Cognacs direkt aus der Flasche in sich hinein. Das brennen im Hals erinnerte ihn daran, dass er noch lebte. Aber sein Leben war nichts mehr wert, nicht nachdem was er getan hatte, denn er hatte zu den Leuten gehört, die das Virus entwickelt hatten. Es war nie dazu gedacht gewesen, es auch einzusetzen, aber diese Tatsache beutete nichts – nicht nachdem was geschehen war. „Wir waren solche Narren“, wiederholte er leise nuschelnd. „Und nun sind wir alle dem Untergang geweiht.“

 

oOo

Kapitel 01

 

„Schau mich nicht so an, dein Trog ist voll. Wenn du hunger hast, dann bedien doch dort.“

Mein Dromedar Trotzkopf machte seinen Namen alle Ehre, indem er erst das Grünzeug in seinem Trog betrachtete um mich dann trotzig anblöckte. Die heutige Speisekarte entsprach mal wieder nicht seinem Geschmack.

„Dann verhungere halt.“

Natürlich verstand er nicht, was ich sagte, immerhin war er nur ein Tier, doch er konnte die Nuancen in meiner Stimme erkennen und die schienen ihn nicht zufrieden zu stellen. Er begann unruhig in dem kleinen Holzpferch herumzutrampeln, wühlte das Stroh auf, warf sein Wasser um und rempelte immer wieder mit der Brust gegen das Gatter.

„Vergiss es, du bleibst wo du bist.“ Ich hatte nämlich keine Lust ihn nachher wieder stundenlang zu suchen, nur um ihn am Ende in einem Loch zu finden und die halbe Nacht damit zu verbringen, ihn da wieder heraus zu bekommen. Das hatten wir gerade erst gehabt.

Darum ignorierte ich den Tumult, den er dort veranstaltete einfach und widmete mich wieder der undankbaren Aufgabe Rozas blöden Korb zu reparieren. Natürlich musste ich das nur machen, weil ich ihn auch kaputt gemacht hatte. Aber es war nun mal gerade kein anderes Wurfgeschoss in der Nähe gewesen und ankurren ließ ich mich eben nicht. Außerdem konnte die blöde Töle froh sein, dass nur der Korb nach ihr geflogen war und nicht die Machete meiner Eltern, die zu jedem Zeitpunkt meines Lebens an meiner Hüfte baumelte. Sogar jetzt, wo ich nur hier draußen war, um das blöde Loch zu flicken.

Seufzend strich ich mir durch mein krauses, raspelkurzes Haar, nahm mir dann ein weiteres Schilfrohr und begann damit es in den Korb zu flechten.

Es war ein lauer Morgen. Ein recht frisches Lüftchen zog durch den eingestürzten Flugzeughangar und gab dem Wind eine Stimme, der die Ruinen singen ließ. Ich mochte es morgens allein hier draußen zu sitzen und nur den Klang der Natur in den Ohren zu haben. Es hatte etwas Beruhigendes – wenn man Trotzkopfs Blöken ignorierte.

Ja, ich lebte in einem Flugzeughangar. Obwohl ich eigentlich sagen sollte, ich lebte in der alten, halb zerfallenen Boeing, die unter dem eingestürzten Dach des Flugzeughangars begraben war. Das Fahrgestell war bereits vor langer Zeit verschwunden und der rechte Flügel fehlte, wodurch das ganze Flugzeug leicht schief war und nur noch durch das Dach halbwegs gerade gehalten wurde.

Manchmal wenn ich hier alleine saß, überlegte ich, wie dieser Ort ausgesehen hatte, als noch alles neu und belebt gewesen war. Nicht nur dieser Hangar, oder der Flughafen, auf dem er stand. Nein, die ganze Stadt, die heute nichts mehr anderes war, als skelettierte Ruinen alter Hochhäuser, verrostete Autowracks und überwucherten Schutt, so weit das Auge reichte. Der alte Flughafen auf dem wir eine Zuflucht gefunden hatten, machte da kein Unterschied. Der Asphalt war rissig, die meisten Gebäude eingestürzt und die Natur hatte die Herrschaft übernommen.

Dieser alte Hangar war das letzte noch halbwegs intakte Gebäude auf dem Gelände. Zwar gab es keine Tore mehr und die rechte Wand war bereits vor vielen Jahren einfach eingebrochen, doch das große Flugzeug sorgte dafür, dass die Decke nicht bis auf den Boden herunter sank.

Trotzkopfs kleiner Holzpferch stand unter einem niedrigen Teil der Decke, direkt vor dem Flugzeug. Niemand der hier zufällig vorbei kam konnte ihn oder uns entdecken. Ein Streuner in der Alten Welt führte ein sehr einsames Leben, einfach weil es wegen den Folgen der Wende kaum noch Menschen gab. Aber das störte mich nicht. Ich hatte meine Familie, mehr brauchte ich nicht.

Über mir flogen laut krächzend zwei Kakadus vorbei und führten ein kleines Tänzchen in der Luft auf, bevor sie durch ein Loch in der Decke verschwanden.

Auch Trotzkopf meldete sich wieder zu Wort. Nur deswegen wandte ich den Kopf und entdeckte die magere Gestalt, die gerade versuchte unauffällig am Flugzeug entlangzuschleichen. „Du hättest dir ein Loch durch die Rückwand nagen sollen.“

Ertappt hielt die Gestalt inne. Dann war nur ein äußerst genervtes Seufzen zu hören.

„Wo willst du hin?“, fragte ich und griff nach einem neuen Schilfrohr.

„Nirgends“, antwortete mir meine kleine Schwester Nikita und richtete sich auf. Ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren mit dunkler Haut und einem riesigen Wuschelkopf kam zum Vorschein. Ihr grob gewebtes Musselinhemd schlackerte ihr um die dünnen Beine und von ihrem Handgelenk baumelte ihre graue Wolltasche.

„Und warum versuchst du dann dich unbemerkt aus dem Staub zu machen?“

„Ich versuche nicht mich unbemerkt aus dem Staub zu machen.“ Sie kam hinter dem Verschlag hervor und gesellte sich zu mir. Allerdings blieb sie stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hatte nur keine Lust auf eine Begegnung mit dir.“

Nein, das traf mich nicht im Geringsten. „Weil?“

„Weil du wieder nur bis ins kleinste Detail wissen willst, wohin ich gehen, wie lange ich weg bleibe und wie oft ich unterwegs furze.“

Hinter uns beiden ertönte ein leises Lachen.

Ich drehte mich danach um und entdeckte Marshall in der Flugzeugluke stehen. Er war ein großgewachsener Mann mit graumeliertem Haar und einem kantigen Kinn. Genau wie Nikita und ich trug er eines unserer langen, braunen Musselinhemden und sonst nichts. An dem Strick um seine Taille hingen ein paar kleine Beutel und um die dunkelbraunen Augen hatten sich ein paar kleine Fältchen eingegraben.

„Geh, Niki“, sagte er und trat die beiden Kisten hinunter, die uns als Treppe dienten. „Sei wieder da, bevor es dunkel wird.“

Das ließ sich meine kleine Schwester natürlich kein zweites Mal sagen. Er hatte kaum ausgesprochen, da wirbelte sie bereits herum und eilte durch den vorderen Teil des eingesunkenen Flugzeigehangars.

„Hey!“ Ich sprang auf die Beine, doch bevor ich ihr hinterherlaufen konnte, hatte Marshall mich bereits beim Arm gegriffen.

„Lass sie“, sagte er leise und zog mich ein Stück zu sich heran. Marshall war ein stattlich gebauter Mann von einer zeitlosen Schönheit der auch sein Leben in der Alten Welt nichts anhaben konnte. Ich wusste nicht genau wie alt er war, doch seine angegrauten Schläfen und die Lachfältchen um seine Augen ließen nicht allzu viel Spielraum für Spekulationen.

Er und Nikita waren alles was ich in meinem Leben brauchte.

„Aber sie will nur wieder in die Tunnel“, murrte ich. „Und die sind gefährlich.“

„Nicht gefährlicher als dieser Hangar.“ Er hob die Hand und legte sie mir auf die Wange. Weiße gegen schwarze Haut. „Nicht gefährlicher als diese ganze Welt.“

„Und das soll jetzt beruhigend sein?“

Er lächelte und zeigte mir damit einen angeschlagenen Zahn. „Sie ist in den Trümmern dieser Welt aufgewachsen, Kismet. Vertrau ihr doch einfach. Sie weiß schon was sie tut.“

Da war ich mir leider nicht so sicher. Sie war doch noch ein halbes Kind und Kinder waren heutzutage eine Rarität, denn Mutter Erde hatte sich gegen die Menschen verschworen und bereits vor Jahrhunderten damit begonnen die Zivilisation auszulöschen. Ich wollte nicht, dass sie Nikita auch auslöschte, nur weil es meiner kleinen Schwester zu langweilig war im Hangar zu bleiben.

„Du weißt was du tust“, erklärte ich. „Ich weiß was ich tue, sie ist erst fünfzehn.“

Lächelnd zog er mich an sich und strich mit den Lippen über meine. Es kribbelte.

Dieser Mann war zu einer Zeit in mein Leben getreten, in der ich glaubte alles verloren zu haben. Viele Jahre war er nur ein Vater für mich gewesen, ein Mentor. Als ich älter wurde, wurden wir eine Weile mehr als das. Heute waren wir eine Familie, Freunde, Jagdgefährten. Und ja, manchmal teilten wir auch das Bett miteinander.

„Warum nur habe ich das Gefühl, du versuchst mich abzulenken, bis Nikita verschwunden ist?“

„Weil du mich einfach zu gut kennst“, säuselte er.

Seufzend machte ich mich von ihm los und setzte mich wieder zu dem Korb auf den Boden. „Ich weiß ja dass sie auf sich aufpassen kann. Ich mag es nur nicht, wenn sie alleine herumläuft.“

„Das weiß ich.“ Er setzte sich neben mich und reichte mir ein neues Schilfrohr. „Aber du kannst sie nicht kontrollieren. Glaub mir, ich weiß wovon ich spreche. Es gab eine Zeit, da habe ich es bei dir versucht und bin dabei kläglich gescheitert.“

Das zauberte mir ein Lächeln auf meine Lippen. „So schlimm wie Nikita war ich nie.“

„Nein, du warst schlimmer.“

„Oh!“ Ich warf eine Handvoll Schilf nach ihm. „Das ist nicht wahr.“

„Bei unserer ersten Begegnung hast du versucht mir mit deiner Machete den Arm abzuhacken.“

Hm, okay, das entsprach leider der Wahrheit. „Du hast mich erschreckt.“ Ich war schließlich nur ein Kind gewesen, völlig allein mit meiner kleinen Schwester. Ich hatte seit fast einem Jahr keine anderen Menschen mehr gesehen. Wenn dann plötzlich ein so großer Mann vor einem stand, konnte das schon beängstigend sein.

Marshall ließ sich zur Seite kippen und streckte die Beine aus. Kleine Steinchen und Dreck knirschten auf dem Boden. „Ich weiß, dass dir nicht leicht fällt, aber es ist nicht gut, wenn du dich zu sehr an sie klammerst. Sie ist ein kleines Vögelchen, sie braucht ihre Freiheit.“

„Kleine Vögel werden gefressen, wenn sie das Nest verlassen, bevor sie flügge sind.“

Marshall schnaubte. „Was soll ihr denn hier schon passieren, Kismet? Wir sind die einzigen Menschen, die in dieser riesigen Stadt leben.“

„Henry ist immer mal wieder in der Gegend.“ Genaugenommen war er erst vor zwei Tagen bei uns am Flugzeug gewesen, um die neusten Neuigkeiten zu verbreiten.

Eine seiner Augenbrauen wanderte nach oben. „Henry ist ein alter Mann, dessen einziges Interesse es ist, den Schrott den er sammelt, gegen guten Tand einzutauschen.“

Auch dem konnte ich nicht widersprechen. Der alte Henry bezeichnete sich selber gerne als fahrenden Händler und manchmal hatte er wirklich interessante Sachen bei sich. Aber meisten fuhr er nur Schrott umher und erzählte so phantastische Geschichten, dass er damit sogar Roza in den Schatten stellte. „Ich glaube er hat eine Schwäche für Roza.“

„Jeder hat eine Schwäche für unsere Roza.“

Wohl war. Die Frau war uralt und blind wie ein Maulwurf, aber sie hatte so eine Art an sich, die man einfach lieben musste. Selbst der ständig besoffene Leroy, das letzte Mitglied unserer kleinen Gruppe, hatte etwas für sie übrig und das obwohl sie mit ihm schimpfte, wann immer er sich in ihre Nähe wagte.

Dann gab es da noch Marshalls verlotterten Köter, aber der glänzte im Moment durch Abwesenheit. Wahrscheinlich stromerte er genau wie Nikita durch die Ruinen der Stadt.

„Wie sieht es eigentlich mit unseren Vorräten aus?“, fragte ich um das Thema zu wechseln. Die Schlacht um Nikita hatte ich für den Moment verloren, also brauchte ich nicht weiter darauf herumzuhacken.

„Wenig bis noch weniger.“ Marshall seufzte. „Wir werden in den nächsten Tagen auf jeden Fall jagen müssen.“

„Und hoffen, dass wir etwas größeres als eine Eidechse finden?“

Er nickte.

Das war heutzutage leider gar nicht so einfach. Die Menschen waren nicht die einzige Spezies, die am Rand der Ausrottung stand. Vögel und Fische, ja selbst Reptilien entwickelten sich prächtig. Doch alles was ein Fell hatte, nagte am Rand seiner Existenz.

Vor drei Jahren war mir eine erfolgreiche Jagd auf ein Reh gelungen. Wir hatten Tagelang davon essen können. Doch seit dem hatte ich keines mehr gesehen. Selbst Trotzkopf hatte am Anfang auf meiner Speisekarte gestanden. Doch dann hatte er sich als nützlich erwiesen und durfte bleiben.

„Henry hat erzählt, dass er am Stadtrand ein paar Rinder gesehen hat.“

Ich horchte auf. „Rinder? Wirklich?“

„Er behauptet es.“

Dann war es fraglich, wie viel Wahrheit in den Worten steckte.

„Er klang auf jeden Fall sehr überzeugt.“

„Das war auch so, als er uns von den Eseln erzählt hat und als wir dann nach ihnen gesucht haben, haben wir nur ein paar Schlangen gefunden.“ Ich griff mir ein letztes Schilfrohr, um endlich fertig zu werden. „Und das Skelett eines … wie hast du das Ding noch mal genannt?“

„Affe.“

„Affe, genau.“ Noch ein paar Handgriffe, dann war der Korb … naja, nicht unbedingt hübsch, aber fertig. Ich stellte ihn zur Seite. „Und Henrys Augen sind so schlecht, dass es sich bei seiner Beobachtung auch um ein paar Steine gehandelt haben könnte.“

„Nachschauen schadet doch nicht“, erklärte Marshall und setzte sich wieder auf. „Wir müssen doch sowieso auf die Jagd.“

„Aber dann muss ich Trotzkopf mitnehmen.“ Ein Rind würde nämlich keiner von uns nach Hause tragen können, dazu bräuchten wir schon den Karren. Und den samt Dromedar unbeschadet durch die halbe Stadt zu bekommen, würde nicht nur anstrengend, sondern auch Zeitaufwendig werden. „Und Pfeile muss ich auch noch herstellen.“

„Lass dir von Roza helfen, die …“

Ein lautes Scheppern hinter uns ließ uns überrascht herumwirbeln. Nein, es war nicht Trotzkopf, der erneut versuchte aus seinem Pferch zu entkommen, es war Leroy, der bei dem Versuch aus dem Flugzeug zu steigen die Kisten verfehlt hatte und in den Haufen mit Blechmetall gefallen war, das wir immer Zur Reparatur des Flugzeuges sammelten.

Fluchend und schwankend versuchte er zurück auf die Beine zu kommen und stieß dabei noch mehr von Metallschrott um. Doch irgendwann schaffte er es stehen zu bleiben und grinste und dann breit an. „Die Schufen sind su klein.“

„Nein“, widersprach ich sofort. „Du bist einfach nur mal wieder stockbesoffenen.“

„Das auch“, räumte er ein und begann sich dann wankend in Bewegung zu setzten.

Leroy war jünger als Marshall, wirkte aber bei weitem älter. Um den Mund herum hatte er tiefe Falten, das lange Haar war fettig und die Augen schienen immer müde zu sein. Er war so dünn, dass man glauben konnte, der nächste Windstoß würde ihn einfach von den Beinen hauen und der graue Bart war eine einzige unappetitliche Filzmatte. Und auch wenn er wie eine Müllkippe stank, er gehörte zu uns und mit der Zeit gewöhnte man sich an alles.

„Isch mus pinkeln.“

Ja, das waren mal wieder Informationen, die ich unbedingt brauchte. „Dann geh raus. Und wage es ja nicht wieder in die Beete zu pinkeln. Das wollen wir noch essen.“

„Das mach isch nisch“, versprach er und wankte dann auf wackligen Beinen an uns vorbei.

Ich beobachtete ihn dabei skeptisch, bis er den Hangar verlassen hatte und aus meinem Sichtfeld verschwand. Er bog nach rechts ab, die Beete lagen links, das war in Ordnung. „Hab ich ihn nicht erst letzte Woche seine ganzen Falschen weggenommen?“

Marshall schnaubte. „Du hast die Flaschen die im Flugzeug waren weggemacht. Der Turm, wo er das Zeug herstellt, ist noch voll damit.“

„Vielleicht sollte ich den Turm abfackeln“, überlegte ich laut. „So viel Schnaps wie da schon ins Mauerwerk eingesunken ist, brennt der sicher lichterloh.“

Das ließ ihn leise lachen. „Dann haben wir aber auch nichts mehr.“

„Wer sagt denn, dass ich nicht irgendwo auch noch einen kleinen Vorrat habe?“

Im Verschlag wurde es wieder laut, als Trotzkopf erneut damit begann das Gatter anzurempeln. Das hatte noch nie etwas gebracht, aber er versuchte es immer wieder.

„Scheint so als wolle er auch etwas von deinem Vorrat.“

„Nein, er ist nur beleidigt, weil ich ihn nicht rauslasse.“ Ich erhob mich von dem Strohkissen und wollte zu meinem Dromedar hinüber, aber Marshall hatte andere Pläne. Er griff einfach nach meiner Hand und zog mich wieder zu sich herunter.

„Wo willst du den hin?“

„Trotzkopfs Wasser auffüllen. Er hat den Eimer vorhin umgeschmissen.“

Er beugte sich zu mir vor, bis seine Lippen nur noch einen Hauch von meinem entfernt waren. „Ich denke, er kann noch ein wenig warten.“

Trotzkopf röhrte laut, als wollte er dem widersprechen.

„Er scheint das anders zu sehen.“ Grinsend nahm ich zur Kenntnis, dass er versuchte mich näher an sich heran zu ziehen. „Was wird das?“

„Also wenn du das nicht weißt, dann werde ich dir wohl noch einiges beibringen müssen.“ Seine Hand wanderte an meinem Arm empor und gerade als er das letzte Stück überwand, dass uns noch vorn einem Kuss trennte, hallte von draußen ein Schrei zu uns hinein. Überrascht drehten wir die Köpfe.

„Das war Leroy“, erklärte ich überflüssigerweise.

In der nächsten Sekunde hörten wir draußen ein Scheppern, als sei Leroy mal wieder irgendwo gegen gelaufen und dann rannte er auch schon mit weit aufgerissenen Augen panisch in die Halle. „Rauch!“, schrie er. „Am Boden. Nebel! Er läuft durch die Stadt!“

Ähm. „Was?“ Ich runzelte die Stirn. „Rauch kann nicht laufen.“

„Doch! Drau-“ Er stolperte über seine eigenen Beine und krachte einen knappen Meter vor und auf den Boden. Seine dürre Brust hob und senkte sich hektisch und in seinen Augen lag Furcht.

Verwirrt schaute ich von ihm zu Marshall und sprang dann eilig auf die Beine um nachzuschauen, was Leroy da so in Panik versetzt hatte. Ich glaubte zwar nicht, dass da laufender Rauch war, aber der Saufkopf war eigentlich kein ängstlicher Mensch. Also musste da draußen etwas sein, was ihn erschreckt hatte. Die Frage war jetzt nur was.

Ein paar Steinchen gruben sich in meine nackten Füße. Drei Sekunden, mehr brauchte ich nicht um den Hangar zu verlassen. Sofort erstreckte sich das weitläufige Gelände des alten Flughafens vor mir.

Der Beton der Landebahnen war rissig und mit hohem Gras überwuchert, in dem sich Käfer und anderes Kleingetier zuhause fühlte. Am äußeren Rand waren ein paar eingefallene Ruinen, Berge von Schutt und und überwucherten Mauerresten. Dahinter befanden sich die zerklüfteten Überreste einer einst blühenden Zivilisation. Stahlskelette, die weit in den Himmel reichten, eingestürzte Gebäude, karge, unbelebte Weiten in einem Wald voller Gerippe früherer Baukunst.

Ich ließ meinen Blick hektisch von links nach rechts wandern und gerade als Marshall an meine Seite eilte, da entdeckte ich den Rauch. Und Leroy hatte recht, er bewegte sich.

Nein, das war kein Rauch, das war eine riesige Staubwolke, die mit ungeheurer Geschwindigkeit durch die Straßen raste. Einen Moment wurde ich ganz aufgeregt. „Eine Herde!“, rief ich begeistert und wollte schon zurück eilen, um meine Jagdausrüstung zu holen, doch Marshall hielt mich am Arm fest.

„Das ist keine Herde.“ Seine Augen hatten sich misstrauisch verengt. „Kein Tier ist so schnell.“

Das ließ mich inne halten. Er hatte recht, die Staubwolke bewegte sich wirklich zu schnell. Und wenn ich nun genauer darüber nachdachte, war sie auch viel zu groß. Auf der ganzen Welt gab es keine Herde, die groß genug wäre, eine solch enorme Staubwolke zu produzieren. „Aber was ist es dann?“

„Ich weiß nicht.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Das ist …“ Plötzlich erstarrte er. Im gleichen Moment wie ich hatte er das Aufblitzen im Sonnenlicht gesehen und wurde genauso blass wie ich.

„Henry hatte recht“, sagte ich leise. Er hatte uns gewarnt, aber ich hatte es nur als eine seiner Hirngespinste abgetan. Doch nun sah ich sie direkt vor mir.

Das was da quer durch die Stadt preschte, war kein Tier. Es war nicht einmal etwas lebendiges, es war eine Wagenklone der Yards, den Feinden eines jeden Streuners. Ich hatte diese Autos schon mal aus der Ferne gesehen, aber noch nie so nahe, noch nie in dieser Stadt, noch nie vor unserer Haustür.

Erst einmal war ich diesen Leuten so nahe gekommen, eine Begegnung die mein Leben bis heute prägte und mir nichts als Leid gebracht hatte. Selbst heute noch verspürte ich bei dem Anblick dieser Monster die Angst und den Schrecken der Vergangenheit. Ich konnte es nicht abschütteln, es verfolgte mich, krallte sich an mir fest und ließ mein Herz schneller schlagen.

„In den Hangar“, sagte er. „Sofort!“

Als wenn er mir das zweimal sagen müsste. Ich wirbelte herum und wollte mich verkriechen, bis sie wieder verschwunden waren, aber ich kam gerade mal zwei Schritte, bevor ich wieder abrupt stehen blieb. „Nikita“, sagte ich packte Marshalls Ärmel. „Nikita ist noch draußen!“

Auch er schien sie für einen Moment vergessen zu haben. Doch nun richtete er seinen Blick wieder auf die Trümmer der Stadt, durch die die Staubwolke wie ein Messer schnitt. „Weißt du wohin sie wollte?“

„Nein.“ Verzweifelt schaute ich dem aufgewirbelten Staub, der der Kolone auf den Fersen folgte. „Aber wahrscheinlich ist sie wieder in den Tunneln.“

„Die Tunnel sind sicher, dort kann sie sich verstecken.“

Ich schaute ihn an und konnte nicht glauben, was ich da hörte. Er wollte sie einfach sich selber überlassen? Aber sie war doch noch ein Kind. „Wir müssen sie suchen!“

„Wir müssen uns verborgen halten“, widersprach er sofort und schien drauf und dran auf der Stelle in den Hangar zu flüchten. „Oder willst du ihnen in die Hände fallen? Besonders du weißt doch, was sie mit Streunern machen!“

Bilder der Vergangenheit drängten sich in mein Bewusstsein, blutig, grausam. Das höhnische Lachen dreier Männer, die Qualen der schreienden Frau. Die verzweifelte Wut eines kleinen Jungen.

Nein, bitte, lasst sie! Nein! Mama …“

Sieh gut hin“, flüsterte der dicke Mann und packte das Gesicht des Jungen mit seinen grobschlächtigen Händen fester. „Sieh hin, schau was mit Verrätern passiert.“

„… nein! Ich mach euch fertig! Ich mach euch alle kalt!“

Meine Augen schlossen sich von allein, während ich versuchte die aufsteigenden Erinnerungen mit aller Gewalt zu aus meinem Kopf zu bekommen. Ich musste die Schreie verdrängen, die blauen Uniformen ausblenden. Ich durfte mich nicht ablenken lassen. „Ich werde Nikita nicht im Stich lassen.“

„Kismet …“

„Hilfst du mir sie zu finden, oder muss ich alleine gehen?“

Unwillig presste er die Lippen zusammen. Hier waren wir in Sicherheit, die Kolone zog an uns vorbei und würde sicher verschwinden, ohne uns zu bemerken. Doch er wusste, dass ich mich auch ohne ihn auf die Suche begeben würde. Nikita war der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich würde wirklich alles tun, um sie zu beschützen.

Er wollte nicht, ich sah es ihm an. Er fürchtete sich vor den Yards genauso sehr wie ich. Und doch steckte er dann zwei Finger in den Mund uns stieß einen lauten Pfiff aus, der über das gesamte Gelände und die Überbleibsel der Stadt schallte.

 

oOo

Kapitel 02

 

Kleine Geröllbrocken kullerten unter meine Füßen weg, als ich versuchte so schnell wie möglich die Trümmer zur zugewucherten Straße herunterzuklettern. Unser Weg führte uns mitten durch die unwegsamen Ruinen und das nicht nur, weil sie mehr Schutz boten, als die offenen Straßen. Es war Marshalls Köter Buzz, der Nikitas Spur folgte und uns hier entlang führte.

Das schwarze Riesenvieh war freudig angerannt gekommen, sobald sein Herrchen nach ihm gepfiffen hatte und umgehend allen Befehlen nachgekommen. So ein Schleimer.

Ich konnte diesen Hund genauso wenig ausstehen wie er mich, wobei ich darauf hinweisen musste, dass er damit angefangen hatte.

Ein lockeres Bäumchen bot mir bei meinem Abstieg ein wenig Halt. Naja, solange, bis sich die Wurzeln aus dem Geröll lösten und ich mit einem überraschten Ausruf wegrutschte und schmerzhaft auf dem Hintern landete.

„Kismet!“ Sofort eilte Marshall an meine Seite. „Bei allen Abgründen, willst du dir ein Bein brechen?“

„Ich hab alles im Griff.“ Ohne seine helfende Hand in Anspruch zu nehmen, rappelte ich mich wieder auf die Beine und und rutschte das letzte Stück zur Straße hinunter. Dabei lösten sich ein paar weitere Steinchen und brachten den blöden Hund so dazu vor mir zurückzuweichen.

Es war mir egal, ob ich mich verletzte, es war mir egal, ob Buzz deswegen einen Stein an den Kopf bekam, ich musste Nikita finden. Die Staubwolke hatte sich mitten in der Stadt gelegt, was bedeutete, dass die Yards dort eine Pause eingelegt hatten. Durch die zerklüfteten Bauwerke, konnte ich sie nicht sehen, aber ich wusste das sie da waren und wenn ihr ehrlich war, machte mir das Angst.

Ich hasste die Yards, ich fürchtete die Yards und am liebsten wäre ich schreiend in die andere Richtung davon gelaufen. Das würde ich auch tun. Sobald ich Nikita sicher an meiner Seite wusste.

Etwas Spitzes bohrte sich in meinen Fuß, weswegen ich einen Schritt zur Seite machte und dann versuchte mich zu orientieren.

Von der Straße die hier einmal gewesen sein sollte, war nichts mehr zu erkennen. Alles war mit Moosen und Gras überwuchert. Direkt in der Mitte war ein nicht gerade kleiner Baum aus der Erde gebrochen. An der Ruine gegenüber sah ich das Dach eines verrosteten Wagens zwischen den Gräsern hervorschauen. Ein alter Lichtmast stand schief an der Seite. Das Schild daran war von der Zeit völlig unkenntlich gemacht worden. Dort drüben an der Wand, halb verdeckt von Efeu und anderem Rankengewächs, schimmerte rote Farbe und Schriftzeichen hindurch.

„Der Eingang zu den Tunneln ist rechts von hier.“

Marshall folgte meiner Blickrichtaug, schüttelte dann aber den Kopf. „Buzz will nach Links.“

„Buzz ist eine dumme Töle, die keine Ahnung hat.“ Ich wandte mich nach rechts doch sofort trat Marshall mir in den Weg.

„Du hast mich um Hilfe gebeten, dann höre jetzt auch auf mich. Buzz will in die andere Richtung, also ist Nikita nicht zu den Tunneln gegangen.“

Ich biss mir auf die Lippe und schaute zu dem zerfressenden Mottenteppich herüber. „Das ist deine Schuld“, warf ich Marshall vor. „Ich wollte das sie beim Hangar bleibt, du hast sie gehen lassen.“

Er wich einen Schritt vor mir zurück, als hätte ich ihn geschlagen und augenblicklich bereute ich meine Worte. Aber sie stimmten doch. Nur weil er immer der Meinung war, sie sei ein kleines Vögelchen, das seine Freiheit brauchte, standen wir nun hier und mussten Nikita finden, bevor die Yards auf sie Aufmerksam wurden.

„Wir sollten weitergehen“, sagte er leise und wandte sich dann in Buzz' Richtung. Der Ausdruck in seinem Gesicht war praktisch nicht mehr vorhanden und mir wurde klar, dass ich ihn damit wirklich getroffen hatte. Wahrscheinlich weil er wusste, wie recht ich hatte.

Ich blieb still, als ich ihm und dem Hund folgte.

Die Ruinen hier standen dicht an dicht. Mehr als einmal mussten wir klettern, um die Trümmer und den Schutt zu überwinden.

In diesem Teil der Stadt hielt ich mich nur äußerst selten und ungern auf. Der Untergrund war brüchig und immer wieder kam es zu kleineren Einstürzen der maroden Gebäude. Hier war es gefährlich. Was hatte Nikita hier also zu suchen? Da war es mir doch fast lieber, wenn sie sich in den Tunneln herumtrieb.

Einige Minuten später lernte ich, dass man vorsichtig sein sollte, mit dem was man sich wünschte.

Buzz eilte uns schnüffelnd voraus, erklomm einen Schuttberg und verschwand dann dahinter in einer Seitenstraße. Im nächsten Moment begann er zu bellen.

Marshall und ich stoppten für einen Moment, schauten uns kurz an und eilten der Töle dann hinterher. Leider war es jedoch nicht Nikita, die hinter den ganzen Trümmern auf uns wartete. Dort gab es nichts als überwucherte Ruinen und einem großen Loch mitten in der Straße, vor dem Buzz stand und aufgeregt bellte.

Marshall eilte hastig zu ihm, um ihn zum verstummen zu bringen. Dann schaute er in das Loch hinein. „So wie es aussieht, hat Nikita einen weiteren Zugang zu den Tunneln gefunden.“

Wie bereits gesagt, man sollte vorsichtig mit dem sein, was man sich wünschte. Wenn man Pech hatte, könnte es in Erfüllung gehen.

Das Loch sah aus, als wäre es bereits Jahrzehnte alt. Irgendwann war die Straße über den Tunneln einfach eingesackt. Moos, Flechten und Gräser waren mit den Rändern verwachsen. Sogar ein Baum hatte seine krummen Wurzeln in die Umrandung geschlagen und verdeckte leicht das Loch mit seinem Geäst.

Im Inneren konnte ich Wasser hören, das von der Decke tropfte und aufgescheuchte Eidechsen, die über den Boden huschten.

Ich ging in die Hocke, um etwas weiter in de Tunnel blicken zu können. „Nikita?“ Es war ein schwacher Versuch. Ich glaubte nicht wirklich, eine Antwort zu bekommen und leider behielt ich recht.

Ein paar Steinchen fielen nach unten, als Buzz den Rand genauer unter die Lupe nahm.

Marshall schaute sich um, als hätte er etwas gehört. „Wir sollten drinnen nach ihr suchen.“

Wahrscheinlich. Das Problem war nur, dass die Tunnel unter der ganzen Stadt verteilt waren. Ein riesiges Netz, in dem viele Teile mit der Zeit eingestürzt waren. Ich war nicht gerne da unten, ich mochte einfach keine geschlossenen Räume, aber da Nikita nicht auf meinen Ruf reagiert hatte, blieb uns gar keine andere Wahl, als drinnen nach ihr zu suchen. „Sobald wir wieder zu Hause sind, binde ich sie am Flugzeug fest“, beschied ich und machte den Anfang.

Da dies unbekanntes Terrain war, prüfte ich erstmal, ob der Untergrund fest war und mein Gewicht auch tragen konnte, bevor ich mich ein wenig tiefer hinein wagte. Die Wände waren feucht und an den Seiten wuchs spärlich Unkraut. In der Mitte hatte sich ein kleiner Wasserrissall gebildet, an dem zitternd eine fette Spinne hockte. Buzz warf sie fast ins Wasser, als er an ihr vorbeitrottete.

Hier unten gab es kaum Licht und sobald wie der Bereich mit dem Loch verlassen hatten, mussten wir uns an den feuchten Wänden entlang tasten, um uns zu orientieren. Das war nicht schlimm. Schon als kleines Kind hatte ich gelernt mich im dunkeln zurecht zu finden. Wenn man nichts sah, musste man sich eben auf sein Gehör verlassen, auf die Echos und Geräusche der eigenen Schritte. Oder auch auf Geräusche, die eigentlich nicht hier her gehörten.

Immer wieder kratzten Krallen von Eidechsen über das Gestein. Buzz schnüffelte vor uns auf dem Boden herum. Marshalls Schritte konnte ich direkt hinter mir hören.

Der Boden war kalt und die Luft roch modrig. Je tiefer wir gingen, desto kühler wurde es. Ich bekam eine Gänsehaut.

Keine Ahnung wie lange wir durch den dunklen Tunnel wanderten, es konnte ich allzu lange gewesen sein, als es weiter vorne auf einmal etwas heller wurde. „Nikita?“, rief ich sofort und beschleunigte meine Schritte ein wenig.

Marshall blieb mir direkt auf den Fersen.

Der unebene Untergrund brachte mich ins Stolpern und ließ mich leise fluchen.

Auf einmal endete der Tunnel abrupt und ich fand mich in einer unterirdischen Halle wieder. Meine Augen wurden groß vor Staunen. „Bei allen Abgründen“, flüsterte ich. Sowas hatte ich ja noch nie gesehen. Das war ein richtiges Gewölbe und zu meinem Erstaunen auch noch recht gut erhalten. Zwar war an zwei Stellen die Decke eingebrochen, wodurch Licht hier unten eindringen konnte, aber ansonsten schien es mehr oder weniger intakt.

Ein paar der Stützpfeiler waren zerbrochen, an der Wand schien eins ein riesiges Gemälde gewesen zu sein, jetzt jedoch zeugte nur noch ein beschädigter Rahmen davon.

Der Tunnel war ein wenig tiefer gelegt, als der Rest der Halle, darum musste ich mich auf den Absatz hochziehen, um alles in mich aufnehmen zu können. „Was ist das hier?“, fragte ich und drehte mich einmal im Kreis. Körnchen knirschten unter meinen Füßen und Staub tanzte in der Luft.

„Ich bin mir nicht sicher.“ Auch Marshall ergriff die Kante und zog sich hoch. Dabei gab er ein Ächzen von sich. Auch wenn er noch fit war, so war er doch nicht mehr der Jüngste. „Aber ich glaube … das könnte eine von diesem Sammelhallen sein, von denen ich als kleiner Junge gehört habe.“ Tief durchatmend richtete er sich wieder auf und ließ dann selber seinen Blick durch die Halle schweifen.

„Sammelhalle?“ Mein Blick ging hoch zur Decke. „Was haben sie hier denn gesammelt?“

„Menschen.“

„Menschen?“ Ich blinzelte erstaunt. „Aber ich dachte vor dem Umbruch hat es keine Yards gegeben.“

„Nein, du verstehst mich falsch.“ Marshall ging zu einem der Pfeiler und strich bedächtig mit der Hand darüber. Ein paar alte Fliesen klebten noch am Beton, der Rest hatte sich über die Jahrhunderte in alle Himmelsrichtungen verteilt. „Hier wurden keine Menschen gesammelt, die Menschen haben sich hier versammelt. Um zu arbeiten.“ Er zeigte zu den Tunneln. „Weißt du noch was ich dir darüber erzählt habe?“

„Ja, man hat sie für große, fahrende Maschinen benutzt.“

Er nickte. „Genau. Und hier her kamen Menschen, um auf die Maschinen zu steigen. Dann konnten sie arbeiten.“

Sie konnten nur arbeiten, wenn sie auf Maschinen waren? Also entweder hatte Marshall da etwas falsch verstanden, oder die Menschen vor dem Umbruch hatten eine sehr seltsame Lebensweise gehabt. Kein Wunder, das Mutter Natur uns alle auslöschen wollte. Wer ging schon Untertage, wenn er unter freiem Himmel sein konnte. Das war als würde sich ein Parasit in einen hineinbohren.

„Niki?“, rief Marshall und bewegte sich dann auf den hinteren Bereich der Sammelhalle zu. Dort war es ein wenig heller und ich brauchte einen Moment um zu verstehen, warum. Spiegel. Überall in der Halle waren Spiegel, die in den hinteren Bereich gerichtet waren, um doch für mehr Licht zu sorgen. „Kismet, komm und schau dir das an.“

„Hast du sie gefunden?“ Eigentlich eine dumme Frage, aber es war eben der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss. Als ich dann jedoch das kleine Gewölbe durchquert hatte, dachte ich einen Moment gar nichts mehr. „Was zur -“

Da hatte jemand ein kleines Haus gebaut. Aus Holzbalken und Wellblechplatten. Es hatte sogar ein kleines Fenster und eine Tür.

„Niki scheint fleißig gewesen zu sein.“

„Das soll Nikita gewesen sein?“ Das bezweifelte ich doch stark. Nikita schaffte es doch nicht einmal ein Strohbett zu machen, ohne dass es gleich wieder auseinander fiel. Da war es viel wahrscheinlicher, dass jemand anderes diese Hütte gebaut hatte und sie nur zufällig darauf gestoßen war.

„Vielleicht hat ihr ja jemand dabei geholfen“, überlegte Marshall und öffnete vorsichtig die Tür.

Das war ein Gedanke, der mich regelrecht erschreckte. „Das ist nicht möglich, außer uns gibt es hier niemanden.“ Ich trat hinter ihm in die kleine Hütte. Es war ein Raum. Auch er war durch das gespiegelte Licht erhellt und warf die Frage auf, was Nikita hier unten eigentlich getrieben hatte. Im Fokus stand ein sehr wackliger Kamin aus Holz und Bauschutt, der scheinbar nur zum Anschauen gedacht war, denn funktionieren wieder der niemals.

Oben drauf stand ein Bild, ein richtiges Gemälde. Der Rahmen war gesplittert und die Farbe verblasst. Es war beschädigt, hatte Flecken und Risse. Dennoch war erkannte man, was einst darauf gemalt worden war. Ein Raum mit goldenen Möbeln.

Meine Lippen wurden ein wenig dünner, als mir klar wurde, dass ich dieses Bild nicht zum ersten Mal sah. Es musste Monate her sein, dass Henry damals mit seinem Karren durch die Stadt gezogen war und genau dieses Bild mit sich herumgeschleppt hatte.

Was hatte Nikita ihm nur für diesen wertlosen Plunder gegeben?

„Schau dir das an.“

Ich drehte mich herum und entdeckte ein schiefes Regal in der Ecke, das von Tand nur so überquoll. Da war ein gesprungenes Glas und ein Becher voller Federn. Eine kleine Figur ohne Kopf, ein paar Kerzen und eine Schachtel voller bunter Steine. Sogar eine Pflanze in einer Schüssel entdeckte ich.

Er wirkte fast, als hätte Nikita versucht sich ein eigenes zuhause zu schaffen. Da war noch ein Tisch mit zwei Kisten und ein Sitzmöbel, gebunden aus Stroh und Tüchern, das entfernte Ähnlichkeit mit dem Sessel auf dem Bild hatte.

In der Ecke stand sogar ein kleiner Holzkäfig, in dem ein blauer Vogel auf einem Ast hockte und uns beobachtete. Warum nur hatte Nikita einen Vogel gefangen und ihn in einen Käfig gesteckt? Das machte keinen Sinn.

Marshall ließ die Finger über eine kleine Dose wandern. „Es siehst aus, als hätte sie versucht das Bild nachzubauen.“

Ja, das tat es wirklich. „Aber wo ist sie?“

„Nicht hier. Weit kann sie allerdings auch nicht sein, schau.“ Er zeigte auf einen Nagel im Holzbalken, an dem die kleine graue Tasche hing, mit der sie vorhin den Hangar verlassen hatte.

Damit wurde jeder Zweifel beseitigt, Nikita war heute auf jeden Fall hier gewesen und da ihre Tasche hier war, konnte sie auch nicht weit weg sein, nur … warum reagierte sie dann nicht auf unsere Rufe?

Das machte mich unruhig. „Wir müssen sie finden.“ Eilig verließ ich die kleine Hütte und schaute mich um, nicht sicher, wohin ich mich als nächstes wenden sollte. War Nikita in die Tunnel gegangen, oder gab es hier noch eine versteckte Ecke?

Nein, entschied ich. Wenn sie hier irgendwo wäre, hätte sie auf unser Rufen reagiert. Sie musste also tiefer in die Tunnel gegangen sein. „Ich werde sie mit Ketten am Flugzeug festbinden“, murrte ich und wollte gerade wieder zu Buzz nach unten springen, als mir eine verrostete Metalltreppe auffiel, die zu einer geschlossenen Tür führte.

Einem Impuls folgend, ging ich zur Treppe und stellte beim Näherkommen fest, dass auch hier nachgebessert worden war. Holzplanken und Metallplatten lagen über dem Gerüst der Stufen. Er wirkte nicht sonderlich vertrauenerweckend, aber als ich sie vorsichtig hinauf ging, hielt die Konstruktion mein Gewicht.

„Wo willst du hin?“, fragte Marshall.

„Nur schauen, was hier oben ist.“ Einen Griff gab es an der Tür nicht mehr, dafür aber ein kleines Loch, wo die Klinke hätte sitzen müssen. Und durch die drang ein kleiner Lichtstrahl.

Ich steckte den Finger hinein und zog.

Eigentlich hätte es mich nicht mehr überraschen dürfen, wie einfach sich die Tür öffnen ließ, nicht nach allem was ich hier unten gesehen hatte und doch war ich ein wenig erstaunt. Doch es war nicht die offene Tür, oder der verwilderte Hinterhof dahinter, der mich augenblicklich wieder einen Schritt zurückweichen ließ, es waren die ungewohnten Geräusche, die aus einiger Entfernung zu mir herüber drangen. Stimmen und das leise Knattern von Motoren. Die Yards, sie waren ganz in der Nähe.

„Marshall“, flüsterte ich und ließ die Tür wieder zufallen. Die Tunnel schienen uns näher an den Feind geführt zu haben, als mir klar gewesen war.

Marshall war gerade dabei Buzz aus dem Tunnelschacht zu ziehen, schaute nun aber zu mir hoch.

„Sie sind gleich da draußen“, flüsterte ich. Es war albern, da sie mich aus dieser Entfernung niemals würden hören können, aber wenn ich nur an diese Menschenschlächter dachte, war ich kaum noch zu einem klaren Gedanken fähig. „Bitte sag mir, dass Nikitas Fährte tiefer in die Tunnel führt.“ Ich wollte dort nicht hinaus.

Er schaute zu seinem Hund, der mit der Nase am Boden zu der kleinen Hütte lief und dann ein paar Schleifen machte, aber er schien nicht zurück zum Schacht zu wollen. Nein, er kam immer weiter auf mich zu.

„Nein.“

„Kismet.“ Marshall erklomm die notdürftig reparierte Treppe, bis er direkt vor mir stand. „Hör mir zu, Nikita geht es gut, hast du verstanden?“

„Sie sind hinter dieser Tür“, flüsterte ich zurück.

„Aber Niki nicht.“

„Ach nein?“ Ich zeigte auf Buzz. „Und warum schnüffelt er dann hier herum?“

Tja, damit hatten sich alle aufmunternden Worte wohl erledigt. „In Ordnung“, sagte er dann nach einem Moment des Nachdenkens. „In Ordnung, ich werde nachschauen.“

Doch bevor er nach der Tür greifen konnte, hatte ich ihn schon bei der Hand gepackt. „Und wenn dir etwas passiert? Die Gruppe braucht dich.“ Ich brauchte ihn.

Der entschlossene Ausdruck in seinem Gesicht wurde weicher. „Mir passiert nichts, ich bin doch viel zu schlau für ein paar Yards.“

Das hatten schon ganz andere behauptet. „Aber -“

„Wir müssen Nikita finden.“

Bei allen Abgründen, dass tat er doch jetzt nur, weil ich ihm vorhin diesen Vorwurf gemacht hatte. „Marshall.“ Ich wollte ihm am Arm zurückziehen, doch da hatte der bereits die Tür geöffnet und war halb draußen.

„Warte hier, ich bin gleich wieder da.“

Und dann konnte ich ihm nur noch dabei zuschauen, wie er nach draußen verschwand und die Tür mit einem leisen Knarzen leise hinter ihm zu fiel.

Die Zwiespalt überfiel mich so plötzlich wie ein Platzregen. Einerseits war ich einfach nur froh, nicht nach draußen zu müssen. Aber jetzt war nicht nur Nikita verschwunden, jetzt war auch noch Marshall dort draußen wo ich die Geräusche gehört hatte. Geräusche, die mich zurück in eine andere Zeit und an einen anderen Ort brachten. Ein Ort, erfüllt mit Blut und Schreien. Ein Ort der Tränen und das höhnische Gelächter fremder Männer.

Atme, befahl ich mir, als meine Hände zu zittern begannen. „Ich bin nicht mehr hilflos“, machte ich mir selber Mut. „Ich kann mich wehren, es wird nicht noch einmal geschehen.“

Wenn ich das nur glauben könnte. Seit damals war ich ihnen immer aus dem Weg gegangen, versteckte mich wenn ich sie kommen sah und vermied es ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Es war mittlerweile ein intuitives Verhalten, das sich tief in mir verwurzelt hatte. Sah ich die Yards kommen, rannte ich automatisch in die entgegengesetzte Richtung, dass es nur so staubte.

Aber jetzt … jetzt waren sie dort draußen und ich konnte nicht einfach fliehen. Nicht wenn auch Marshall dort draußen war. Und vielleicht auch Nikita.

Zwar lauerten die Yards nicht direkt hinter dieser Tür, aber sie konnten nicht weit entfernt sein. Ich konnte da nicht raus. Aber ich konnte auch nicht tatenlos hier stehen bleiben und nichts tun. „Oh, bei allen Abgründen“, fluchte ich, riss die Tür auf und trat nun doch hindurch.

Hier hinten spross aus allen Ecken und Löchern so viel Grünzeug, dass ich meine Machete von meinem Gürtel nahm und mir einen Weg durch die Trümmer schlug. Ich konnte nicht einmal sehen, wo genau Marshall durchgegangen war, weswegen ich mich nach den Geräuschen richtete.

Meine Hände wurden schwitzig und mein Herzschlag beschleunigte sich. Da war ein Lachen, nur ganz leise, aber ich konnte es über die Geräusche der Motoren hinweg hören.

Menschen, Yards. Ich wollte nicht zu ihnen. Und doch setzte ich einen Fuß vor den anderen und duckte mich hinter einer halben Mauer, als der Schutz der Pflanzen spärlicher wurde. „Bekomm dich in den Griff“, mahnte ich mich selber. „Sie wissen nicht dass ich hier bin.“

Sowas zu sagen war leider viel einfacher, als es zu verinnerlichen. Darum musste ich mir noch ein paar Mal gut zureden, bevor ich es schaffte mich im Schutz zerfallener Gebäude weiter zu bewegen. Meine Schritte waren kaum zu hören. Ich achtete sorgsam darauf nicht ausversehen lose Steine loszutreten und trockene Äste zu meiden. Doch dann hörte ich den Schrei.

Einen Moment erstarrte ich einfach.

Das Echo um mich herum verklang, doch dann hallte ein weiterer Schrei durch die zerstörten Straßen dieser Stadt.

„Nikita.“ Mich hielt nichts mehr auf meinem Platz. Plötzlich war mir meine Deckung völlig egal, oder ob ich Geräusche machte, die unerwünschte Aufmerksamkeit auf mich ziehen konnte, ich rannte einfach den Schreien entgegen.

Ein Stück weiter vorne sah ich Rauch zwischen ein paar alten Wohnhäusern aufsteigen. Meine Beine trugen mich genau dorthin, denn von dort hörte ich auch die panischen Rufe meiner kleinen Schwester.

Ich riss mir den Fuß an einem scharfkantigem Stein auf, aber ich spürte den Schmerz gar nicht. Da war nur die Angst und die Erinnerung, die mit aller Macht an die Oberfläche zu drängen versuchte.

Nicht auch Nikita, dachte ich nur. Nicht auch noch meine Schwester.

Um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, nahm ich die nächste scharfe Kurve, indem ich mich mit einer Hand an einer Stange festhielt.

Mein Atem ging hektisch und in meiner Eile übersah ich einen herausragenden Stein. Ich hatte zu viel Schwung und konnte nicht mehr bremsen und im nächsten Moment schlug ich der Länge nach hin. Ich schürfte mir die Knie auf und zischte, als sich etwas scharfkantiges in meine Hand bohrte, ließ mich davon aber nicht aufhalten. Ich stemmte mich sofort wieder hoch, blieb dann aber mitten in der Bewegung wie angewurzelt hängen.

Da waren sie. Zwei kleine Wagen der Yards und ein Bus, bei dem die Motorhaube offen stand. Ein feiner Rauchfaden kroch daraus hervor. Sie standen auf einem halbwegs intaktem Stück der Straße.

Ein paar Männer und Frauen standen zwischen den Wagen herum und schauten aufmerksam in den Osten, wo weitere Leute auf sie zukamen.

Als ich sah, wer sich da nährte, stellte mein Herz für einen kurzen Moment einfach die Arbeit an, nur um dann mit doppelter Geschwindigkeit weiterzuschlagen.

Nikita.

Da waren vier Yards und in ihrer Mitte hatten sie Nikita, dich sich in ihren Griffen wandte und wehrte. Es schien den Männern einige Schwierigkeiten zu machen sie festzuhalten, doch sie schaffte es auch nicht sich von ihnen zu befreien. Sie konnte nur schreien und um sich treten, während sie immer weiter zu den Autos gezerrt wurde.

Nein.

Beim Himmel und allen Abgründen, nein. Das konnte ich nicht zulassen. Sie würden sie mitnehmen. Sie würden sie verletzten und töten. Das konnte ich nicht zulassen, ich konnte nicht auch noch sie verlieren.

Ohne mir nähere Gedanken über die Folgen zu machen, sprang ich mit erhobener Machete auf die Beine. Wenn es sein müsste, würde ich sie alle töten. Doch ich schaffte es nicht einmal einen Schritt zu machen, bevor mich jemand von hinten packte, mir eine Hand auf den Mund legte und mich dann in die nächste Deckung zerrte.

Einen Moment befürchtete ich schon das Schlimmste, doch dann erkannte ich Marshalls Stimme, die mir immer wieder sagte, dass ich ruhig sein sollte.

Aber ich war nicht ruhig. Ich musste zu Nikita. Ich musste ihr helfen und durfte sie nicht diesen Leuten überlassen, sonst würde ich sie niemals wiedersehen.

„Kismet, bitte“, flüsterte Marshall in der Nähe meines Kopfes und versuchte meine Arme einzufangen. „Es sind zu viele, das schaffen wir nicht. Willst du neben Nikita landen?“

Aber … ich konnte sie auch nicht im Stich lassen!

Ich versuchte den Kopf nach rechts zu drehen, um zu sehen, was unten auf der Straße los war. Drei Männer versuchten gerade sie in einen Wagen zu zwängen. Sie wehrte sich, aber was hatte eine so schmächtige Gestalt schon einem halben Dutzend ausgewachsener Männer entgegenzusetzen? Nichts, rein gar nichts.

Marshall versuchte mich weiter vom Ort des Geschehens wegzuziehen, doch ich machte ihm diese Aufgabe nicht einfach. „Wir werden wiederkommen“, versprach er, während ich versuchte irgendwo Halt zu finden, aber mittlerweile hatte er mir die Arme an den Körper geklemmt. „Wir werden sie ihnen nicht überlassen, aber wir müssen auf die Nacht warten.“

Ich sollte sie Stundenlang bei diesen Menschen lassen? Zur Antwort versuchte ich nach hinten auszutreten und erwischte ihn sogar am Schienbein.

Fluchend wirbelte er mit mir zusammen herum und stieß mich dann in den Dreck. Natürlich wollte ich sofort zurück auf die Beine springen, doch bevor mir das gelang, hatte er sich schon auf mich geschwungen und drückte mich in den Dreck. „Willst du mir jetzt wohl zuhören?!“, fauchte er mir direkt ins Gesicht und drückte mich sehr nachdrücklich an der Schulter herunter. „Da unten sind ein Dutzend Yards, die haben dich ausgeschaltet, bevor du mit deiner Machete überhaupt in ihre Nähe kommst!“

„Aber Nikita -“

„Ist stark genug ein paar Stunden auf sich alleine aufzupassen.“ Ein grimmiges Runzeln erschien auf seiner Stirn. „Wir müssen auf die Nacht warten, dann sind wir im Vorteil. Dies ist unsere Stadt, unser Revier, wir kennen uns hier aus. Sie nicht.“

„Aber -“

„Kein Aber mehr! Du wirst tun was ich sage, oder in den Hangar zurückkehren, hast du das verstanden?“

„Was?“ Versuchte er wirklich gerade mir Befehle zu geben? „Hör auf mit mir zu sprechen, als sei ich ein kleines Kind!“

„Dann hör auf dich wie eines zu benehmen und benutze seinen Kopf! Bei allen Abgründen, Kismet, was glaubst du zu erreichen, wenn du einfach zu ihnen nach unten marschierst? Ist es dein Wunsch nach Eden gebracht zu werden? Hä? Willst du das?“

Dazu musste ich nichts sagen, denn die Antwort kannten wir beide. Kein Streuner ging freiwillig nach Eden, weil es eine Reise ohne Wiederkehr war. „Und was sollen wir dann jetzt machen?“

„Wir werden sie im Auge behalten.“ Marshall musterte mich, nicht sicher, ob er mich wieder loslassen konnte, oder ich mich dann sofort wieder gehen ihn zur Wehr setzten würde. „Sie dürfen nicht merken, dass wir da sind. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, holen wir Nikita zurück.“

„Und wenn sich keine Gelegenheit ergibt?“, wollte ich wissen. „Wenn sie wieder losfahren, bevor die Nach angebrochen ist?“

Seine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. „Dann gibt es niemand mehr der ihr helfen kann.“

Und genau das war es, wovor ich so große Angst hatte. Natürlich hatte Marshall recht, ich konnte die Wahrheit in seinen Worten nicht einfach ignorieren, nur weil sie unbequem waren und gegen all meine Instinkte kämpften. Nein, was ich tun musste. Doch zwei gewöhnliche Streuner konnten gegen ein Dutzend Yards nicht viel ausrichten. „Ich kann sie nicht verlieren, Marshall, nicht sie auch noch.“ Das würde ich nicht verkraften.

„Das wirst du auch nicht“, sagte er mit grimmiger Entschlossenheit und ließ mich endlich los, aber nur, um mein Gesicht zwischen die Hände nehmen zu können und mir die Eindringlichkeit näher zu bringen. „Wir werden alles tun was wir können, um sie zurückzuholen.“

„Und wenn das nicht reicht?“

Dazu sagte er nichts. Er wusste was ich hören wollte, was ich hören musste, aber er würde es nicht sagen. Mir zu helfen Nikita zurückzuholen, was auch immer geschah, das konnte er nicht, das würde kein Streuner, nicht wenn die Yards der Feind waren. „Wir werden tun was in unserer Macht steht“, war alles was er mir versprechen konnte. „Noch geben wir Nikita nicht auf.“

 

oOo

Kapitel 03

 

Erst war es nur ein leichtes Ziehen, das fast unbemerkt unter meiner Haut kribbelte. Es ließ sich mit Leichtigkeit ignorieren. Leider wurde aus dem Ziehen sehr schnell ein stechender Schmerz, der mich dazu zwang meine Position hinter dem Fliederstrauch neu zu überdenken und mein Bein auszustrecken, um den drohenden Krampf zu vermeiden. Dass es nicht schon vorher geschehen war, glich eigentlich einem Wunder, schließlich hockte ich bereits seit Stunden verborgen hinter diesem Busch am oberen Hang der Senke und beobachtete das Lager der Yards unter mir.

Es war nicht nur die Nacht die mich vor Entdeckung bewahrte. Durch meine dunkle, fast schwarze Hautfarbe und den kurzen schwarzen Haaren wurde ich in den Schatten der Büsche so gut wie unsichtbar. Und meine jahrelange Erfahrung als Jägerin tat ihr Übriges.

Wut auf mich selber stieg in mir auf. Es war meine Schuld dass Nikita diesen Bastarden in die Hände gefallen war. Hätte ich doch nur aufs Henrys Warnung gehört. Er hatte mir gesagt die Yards würden in dieser Gegend nach Streunern Ausschau halten, doch Eden befand sich so viele Tagesreisen von hier entfernt, dass ich es als eine seiner phantasievollen Geschichten abgetan hatte. Hätte ich ihm doch nur zugehört und geglaubt, dann wären wir bereits vor Tagen über alle Berge gewesen.

Die Yards besaßen Waffen, doch waren sie vom Reisen müde. Seit Stunden beobachtete ich sie bereits und hatte mehr als einmal ihre Erschöpfung bemerkt. Diese Männer und Frauen dort unten waren nicht für die Alte Welt außerhalb ihrer Mauern geschaffen. Ohne ihre Technologie würden sie dort keine Woche überleben – wir dagegen hatten unser ganzes Leben hier draußen verbracht.

Und doch blieb uns gar nichts anderes übrig als uns vor ihnen zu verbergen, denn ihrer Grausamkeit hatte kein Streuner etwas entgegenzusetzen.

Das leise Geräusch von Schritten weckte meine Aufmerksamkeit. Es war Vorsicht und auch ein kleinen wenig Paranoia, als meine Hand ganz automatisch nach der Machete an meiner Hüfte langte. Meine Muskeln spannten sich an, um sofort losschlagen zu können – wahlweise auch um die Beine in die Hand zu nehmen und abzuhauen.

Leises Rascheln drang an meine Ohren. Die Blätter und Blüten des Fliederstrauchs gerieten in Bewegung. Meine Anspannung wuchs. Dann schob sich eine feuchte Hundenase, gefolgt von einem großen schwarzen Kopf durch das dichte Blattwerk. Zwei dunkle Augen starrten mich ungewandt an. Sie schienen aus einer anderen Welt zu kommen. Finstere Seen die nichts als Unheil versprachen.

Ich atmete erleichtert aus. Das war nur Buzz, Marshalls blöde Töle.

Langsam hob der Hund die Lefzen und zeigte mir sein strahlendes Lächeln. Ich tat es ihm gleich. Eine stumme Verkündung unserer gegenseitigen Wertschätzung.

Das Zähnefletschen verwandelte sich jedoch blitzartig in eine treuherzige Hundeseele, als sich sein Herrchen an ihm vorbei schob und sich neben mich hockte. „Sie machen das Lager für die Nacht fertig“, erklärte Marshall. „Sie verringern die Wachposten auf ein Minimum und schließen die Wagen ab.“

Mein Blick blieb noch einen Moment an diesem unheimlichen Hund hängen, dann richtete ich ihn wieder hinab in die Senke. „Sie glauben nicht dass es jemand wagen würde sich ihnen zu nähern.“

„Dazu haben sie auch keinen Grund.“

Natürlich nicht. Wenn die Streuner die Yards kommen sahen, stoben sie sofort in alle Himmelsrichtungen davon. Sich mit den Yards anzulegen war einfach nur dumm und bedeutete nichts anderes als eine Reise ohne Wiederkehr. „Ihre Arroganz wird ihnen heute Nacht das Genick brechen.“ Das schwor ich mir.

„Keine Racheaktionen, Kismet.“ Marshall bedachte mich mit einem warnenden Blick seiner dunklen Augen. „Du gehst rein, schnappst dir Nikita und dann verschwindet ihr zwei in der Nacht, während ich sie auf eine falsche Fährte locke, verstanden?“

Da ich nicht sofort antwortete, fixierte er mich.

„Kismet?“

„Wenn sie mir nicht in die Quere kommen, haben sie nichts zu befürchten.“ Mehr konnte ich ihm nicht versprechen. Man überlebte hier draußen nämlich nicht, weil man so einnehmend und zuvorkommend war. Man brauchte einen wachen Geist und eine gute Portion Rücksichtslosigkeit. Außerdem noch die Fähigkeit seine Furcht zu verdrängen.

In meinem Leben hatte ich schon öfters Dinge getan, auf die ich nicht stolz war. Einmal hatte ich sogar einen anderen Menschen töten müssen, was mir mehr als nur eine schlaflose Nacht eingebracht hatte. Ich war kein Monster, doch ich wollte überleben. Und wenn das Schicksal es verlangte, würde ich alles noch einmal genauso tun.

Meine Augen folgten einem männlichen Yard, der mit weit ausholenden Schritten in einem der größeren Autos verschwand.

Früher – vor dem Umbruch, der die Menschen in die Vergessenheit trieb – war diese Senke mal ein Bergwerk gewesen. Der riesige Baggersee beherbergte noch immer einen alten Kran. Verrostet und von der Zeit vergessen ragte er als düsterer Schatten in den Himmel hinauf. Ein Mahnmal der Vergangenheit.

„Wann gehen wir runter?“

„Gedulde dich Kismet, es wird nicht mehr lange dauern.“

Der Griff um meine Machete wurde ein wenig fester. Ich hatte mich bereits den ganzen Tag geduldet, jetzt langsam ging mir die Geduld aus. „Warum hetzt du nicht einfach Buzz auf sie? So könnte der Flohzirkus sich wenigstens einmal nützlich machen.“ Oder – ein Vorschlag den Marshall schon mehr als einmal entschieden zurückgewiesen hatte – Buzz schlachten. Der Köter würde zwar nur eine magere Mahlzeit abgeben, aber danach könnte er uns wenigstens nicht mehr unser Essen wegfuttern. In meinen Augen war er einfach nur nutzlos, ganz im Gegenteil zu meinem Trotzkopf. Der konnte wenigstens noch einen Karren ziehen und Lasten tragen.

Diesen Kommentar überging Marshall. Er wusste dass ich seinen schwarzen Hund nicht mochte – ihn sogar unheimlich fand. „Im Bus sind bereits die Lichter ausgegangen. Und ein paar der Yards haben sich in die Kleintransporter zurückgezogen.“

„Hab ich gesehen.“

Insgesamt standen dort unten sieben Fahrzeuge. Drei kleine Autos in die nicht mehr als fünf Leute reinpassten. Drei etwas größere – diese Kleintransporter wie Marshall sie nannte – in denen sie ihre Ausrüstung mitführten. Und dann noch einen großen Bus. Bis heute hatte ich solche Fahrzeuge noch nie in so gutem Zustand gesehen. Nur ausgebrannte und verrottende Rostlauben aus alter Zeit, die am rissigen Straßenrand langsam zu Staub zerfielen.

Ich lebte in einer Welt aus Ruinen. Die Zivilisation der Menschheit war nur noch ein vergessener Traum, der sich langsam ins Nichts auflöste. Doch in dieser Welt gab es einen Ort, an dem man sich ans Leben klammerte, die letzte Zuflucht: Eden.

Ein Ort der Moderne.

Die Heimat der Yards.

Der Schrecken aller Streuner.

Ich war nie dort gewesen, hatte nur Gerüchte gehört, Worte die von Streuner zu Streuner getragen wurden. Doch es waren weniger die Worte und Gerüchte die mich von dort fernhielten, sondern das Erlebnis in meiner Kindheit, das mir sehr deutlich gemacht hatte diesen Ort meiden zu müssen.

Die Dinge die sich hinter den Stadtmauern abspielten waren nicht nur unheimlich, sondern auch unmenschlich. Die Yards waren Menschenfänger. Sie reisten in die Alte Welt um Streuner auch gegen ihren Willen einzukassieren und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Manchmal versuchten sie uns mit schönen Worten zu locken. Ein paar der Menschen dort unten im großen Bus waren solche Streuner, die sich von der Möglichkeit auf ein bequemes sicheres Leben hatten verleiten lassen. Vielleicht waren sie auch einfach nur müde vom Leben und vom ewigen Kampf.

Sie waren leicht von den Yards zu unterscheiden. Nicht nur dass sie viel verhärmter und vom Leben gezeichnet aussahen, sie trugen auch nicht diese hässlichen blauen Uniformen, sondern alte Kleidung, die Teilweise sehr verlottert wirkte. Kleidung wie auch ich sie trug. Lange Woll- oder Pelzhemden. Mache besaßen sogar Hosen, oder hatten sich Lederhäute um die Füße gewickelt.

Aber es gab dort unten auch einen Streuner, der nicht freiwillig bei ihnen war – und hier sprach ich nicht von Nikita. Es war ein Mann. Über die Stunden des Tages hatte ich ihm mehrmals in der Senke vor Wut brüllen gehört, bevor sie ihn ruhiggestellt hatten. Er war von den anderen Streunern getrennt untergebracht worden. Mit Handschellen festgemacht saß er auf der Rückbank in einem der kleinen Wagen, bewacht von zwei Yards.

Genau wie Nikita.

Von meinem Standpunkt aus konnte ich sie in einem der anderen Autos sehen. Ihr Bein hing aus dem Wagen, ihr Blick war starr nach vorne gerichtet. Neben ihr in der offenen Wagentür standen zwei Yards, ein Mann und eine Frau und schienen auf sie einzureden. Das taten sie schon den ganzen Tag.

Ich wusste nicht ob Nikita mit ihnen sprach. Ihr Kopf war im Wageninneren verborgen, aber ich hatte Angst, dass die Yards versuchten ihr eine Gehirnwäsche zu verpassten. Sie war erst fünfzehn Jahre und leicht beeinflussbar. Vielleicht war ich auch einfach nur ein wenig paranoid, wegen all der Geschichten, die mir über die Jahre zu Ohren gekommen waren. Andererseits war es diese Paranoider, die uns all die Jahre am Leben erhalten hatte. Wie dem auch sei, Nikita musste dringend dort weg.

Der Standpunkt des Autos war ein großer Vorteil für uns. Die ganze Kolonne standen um ein paar Zelte gruppiert direkt am See. Dieser Wagen jedoch hatte auf der kleinen Freifläche keinen Platz mehr gehabt und wurde hinter einer Felsnase geparkt, die ihn von den anderen Autos abschnitt. Wenn ich mich Nikitas Wagen nährte, würden die anderen mich nicht sehen können.

„Ich habe die Yards am Lagerfeuer reden hören“, erklärte Marshall leise. „Sie befinden sich bereits auf den Rückweg nach Eden. Dass Nikita ihnen über den Weg gelaufen ist war nichts als reiner Zufall. Auf dieser Tour machen sie keine Jagd mehr.“

„Das macht es nicht wirklich besser.“ Ich verlagerte mein Gewicht leicht. Mit diesen Fahrzeugen würden die Yards nicht mehr als zwei Tage nach Eden brauchen. Und wer diese Stadt einmal betrat, entkam ihren Mauern nie wieder.

Die Streuner sprachen leise flüsternd von einem kollektiven Gehirn, einer Königin, die die Stadt regierte und all ihre kleinen Arbeitsbienchen lenkte. Und wer dem Gesetz von Eden nicht folgte … naja, eigentlich wusste niemand so genau, was dann passierte, denn diese Menschen konnten es nicht mehr erzählen. Niemand kehrte jemals aus Eden zurück.

Allein bei der Vorstellung, dass die Yards Nikita dort hinbrachten, wurde mir speiübel.

„Entspann dich, Kismet.“ Marshall legte mir eine Hand auf die geballte Faust und ließ seinen Blick mit einer effizienten Ruhe durch die Senke gleiten, die mir wohl niemals zu Eigen sein würde. „Nur noch eine Handvoll Wachen laufen herum.“

„Ja, aber die befinden sich alle in der Nähe der Streuner.“

„Dann werden wir sie ausschalten.“ Sein Mund nahm einen entschlossenen Zug an. „Ich werde mich mit Buzz nach Osten schleichen und ein Ablenkungsmanöver starten. Sobald die Yards in meine Richtung gehen, holst du Nikita.“

Ich nickte. Endlich – nach Stundenlanger Warterei – würden wir etwas unternehmen. Nur irgendwie steigerte die bevorstehende Aktion meine Unruhe nur noch. Ich würde nur eine Chance haben. Eine Chance Nikita da rauszuholen. Wenn es mir nicht gelang, würden die Yards gewarnt sein und ich würde meine kleine Schwester nicht wiederbekommen.

Die Aussicht mich diesen Leuten jetzt stellen zu müssen, ließ mein Herz schneller schlagen. Die altbekannte Angst stieg in mir auf und versuchte mich zu lähmen.

„Kismet.“ Marshall legte mir seine Hände ums Gesicht. „Kiss, konzentriere dich.“

Ich starrte ihn mit großen Augen an.

„Es wir alles gut werden, verstehst du mich?“

Alles würde gut werden. Ich nickte.

„Hab keine Angst.“ Er beugte sich leicht vor und streifte meine Lippen mit seinen. Eine Zärtlichkeit mit der er versuchte mich zu beruhigen. „Wir schaffen das, versprochen. Wir holen Nikita da raus und bringen sie nach Hause.“

Wie kam es nur, dass er keine Angst hatte? Die Yards hatten ihm genauso viel genommen wie mir. Und trotzdem war er ein Fels. Nichts konnte ihm etwas anhaben – so jedenfalls kam es mir manchmal vor.

„Schaffst du es?“ Er lehnte seine Stirn gegen meine. Unser Atem vermischte sich, während sein Daumen beruhigend über meinen Wangenknochen strich. „Bekommst du das hin?“

Ich wollte ja sagen, wollte mich von meiner Vergangenheit losreißen und ihm zeigen wie stark ich war. Doch mein Herzschlag wollte sich einfach nicht beruhigen.

„Kismet?“

„Ich denke schon.“ Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich musste es hinbekommen. Versagen war einfach keine Option, dafür stand zu viel auf dem Spiel.

Marshall musterte mich. Sein Blick schien mich durchbohren zu wollen. „Ich würde es dir nicht aufbürden, wenn es einen anderen Weg gäbe.“

„Ich weiß.“

„Gut. Und pass auf dich auf. Ich will nicht dass dir auch noch was passiert.“

Meine Kehle wurde mir eng. Ich schluckte angestrengt und versuchte zu lächeln. „Keine Angst, so schnell wirst du mich nicht mehr los. Und das hast du dir selber zuzuschreiben.“

Er lächelte nicht. „Versprich mir einfach dass du auf dich Acht gibst.“

„Ich verspreche es.“ Und ich hoffte wirklich dass ich dieses Versprechen auch einhalten konnte.

„Gut.“ Ein weiterer federleichter Kuss landete auf meinen Lippen, dann ließ er mich los und wich einen Stück zurück.

Leider verließ mich mit dem Gefühl seiner Nähe auch wieder das bisschen Ruhe, dass er mir vermittelt hatte. Mein Herz beschloss wieder einen Zahn zuzulegen und mich an meine lähmende Panik zu klammern. Ich versuchte dagegen zu atmen.

„Was sage ich dir immer?“, fragte Marshall mich plötzlich.

„Ähm …“ Ja, was sagte er immer? „Hör auf Buzz zu bewerfen.“

Sein Mundwinkel zuckte. „Nein, das andere.“

Ach so, das. „In der Ruhe liegt die Kraft und nur Geduld bringt uns ans Ziel.“

„Genau, Ruhe und Geduld. Das ist der Schlüssel.“ Er drückte mir einen letzten flüchtigen Kuss auf die Schläfe und erhob sich dann. „Ich weiß dass du das schaffst“, flüsterte er noch. Dann schob er sich zusammen mit Buzz aus dem Fliederstrauch und schlich davon.

Wenn ich doch nur seine Zuversicht hätte. Das würde vieles leichter machen. Dann wäre ich nicht so ein Wrack, das Angst vor seinem eigenen Schatten hatte. Okay, so schlimm war es um mich dann doch nicht bestellt. Es gab nur eine einzige Sache in dieser Welt die mir wirklich Angst machen konnte und dieser würde ich mich nun stellen. Drum klammerte ich mich an Marshalls Worte.

Ruhe und Geduld. Ruhe und Geduld. Ruhe und Geduld. Je länger ich dieses Mantra in meinem Kopf aufsagte, desto ruheloser und ungeduldiger wurde ich. Immer wieder verlagerte ich mein Gewicht von einem Bein auf das andere, während ich auf Marshalls Zeichen wartete. Ich wusste dass er sich erstmal in Position bringen musste und das brauchte eben seine Zeit, aber die Nacht würde nicht ewig dauern. Das Warten tat meinen angespannten Nerven auch nicht gerade gut.

Außerdem musste ich mir noch Gedanken darüber machen, wie ich die beiden Yards an Nikitas Wagen loswurde. Schließlich konnte ich nicht sicher sein, dass sie Marshalls Ablenkungsmanöver folgen würden, da sie ja eine Gefangene bewachten.

Egal, redete ich mir selber gut zu. Ich hatte ja immer noch meine Machete und ich wusste sie einzusetzen. Liebevoll tätschelte ich den abgegriffenen Griff um mich damit selber zu beruhigen.

Minuten verstrichen. Nur noch wenige Yards liefen neben dem Baggersee umher. Zwei sah ich in Zelten verschwinden. Ein weiter schwamm todesmutig in dem eiskalten Wasser. Allein vom Zuschauen gefroren mir schon meine Glieder.

Wen ich dagegen nicht mehr sah war Nikita. Und das lag nicht nur an der spärlichen Beleuchtung des Wageninneren. Sie hatte ihr Bein in den Wagen gezogen. Einer der Yards – ein Mann – saß halb auf dem Vordersitz, den Arm auf die Lehne gestützt und unterhielt sich mit der Person auf dem Rücksitz. Der andere Yard – die Frau – hatte sich an die offene Fahrertür gelehnt und nickte immer wieder zustimmend.

Dass diese Leute mit Nikita sprachen, gefiel mir nicht – ganz und gar nicht. Wenn ich sie zwischen die Finger bekam, würde ich sie …

Plötzlich wurde die nächtliche Ruhe durch das langgezogene Heulen eines wilden Hundes durchbrochen. Ich konnte sehen wie die Frau das Gesicht hob um dem Ursprung des Geräuschs zu folgen und auch wie der Mann und Nikita ihre Köpfe aus dem Wagen stecken. Selbst der Mann im See hielt einen Moment inne und lauschte in die Nacht.

Wilde Hunde durfte man nicht unterschätzen. Sie waren selten, aber sie waren immer hungrig und jagten niemals alleine.

Was die Yards nicht wussten: in dieser Gegend gab es keine wilden Hunde, nur Buzz. Sie konnten nicht ahnen, dass dies das Ablenkungsmanöver war, um sie fortzulocken. Das wussten nur Marshall und ich. Und Nikita konnte sich sicher denken, woher das Heulen kam und was es bedeutete. Dieses Heulen war mein Zeichen.

Mein Herz begann schneller zu schlagen. Langsam erhob ich mich, drängte meine Angst beiseite und schob ich mich aus dem Fliederstrauch hinaus in den Schutz der alten Geröllhaufen des Bergwerkes. Ich hatte stunden damit verbracht mir einen geschützten Weg auszuspähen. Ich kannte das Bergwerk gut genug um zu wissen, welche Bereiche ich meiden sollte und wo lose Steine lagen.

Vorsichtig bewegte ich mich von Schatten zu Schatten, immer weiter in die Senke hinein. Jetzt wo es angefangen hatte, konnte ich in den Jägermodus schalten. Mein Herzschlag verlangsamte sich ein wenig, meine Atmung wurde ruhiger.

Es ging nur stockend voran und immer wieder versicherte ich mich über den Aufenthaltsort der einzelnen Yards. Ein paar waren Richtung Buzz und Marshall unterwegs – um ihn machte ich mir keine Sorgen, er war schlau und geschickt genug ihnen aus dem Weg zu gehen – aber die beiden bei Nikita hatten sich nicht vom Fleck bewegt.

Das gefiel mir nicht. Wie nur sollte ich mit zwei von ihnen fertig werden? Wie nur konnte ich verhindern, dass meine Angst mich im falschen Moment überfiel?

Weil Marshall an mich glaubt. Darum würde ich es schaffen, darum würde ich mich von meiner Vergangenheit nicht lähmen lassen.

Ich konnte das.

Entschlossen schlich ich weiter und verbarg mich kurze Zeit später hinter einem aufgestapelten Haufen aus großen Steinen, um die Lage ein weiteres Mal zu sondieren. Auch wenn mir mein Herz bis zu Hals schlug, zwang ich mich zur Ruhe. Ich konnte es mir nicht leisten entdeckt zu werden. Die finstere Nacht bot zwar einen guten Schutz, die Schatten und meine dunkle Hautfarbe halfen mir im Verborgenen zu bleiben, doch jeder Bewegung hafteten Geräusche an, die es unbedingt zu vermeiden galt.

Sehr vorsichtig schob ich mich an dem Steinhaufen entlang – immer auf den Wagen mit meiner Schwester zu – bis die ersten Worte der drei an meine Ohren drangen.

„… habt wirklich warmes Wasser? Immer?“ In Nikitas Stimme klang Ungläubigkeit mit.

Ihre sorglose Stimme zu hören, versetzte mir einen Adrenalinschub, den ich nur schwerlich unter Kontrolle bekam. Am liebsten wäre ich sofort losgestürmt. Gleichzeitig packten mich aber wieder die Klauen der Furcht. Die Yards waren so nahe …

Der Mann auf dem Vordersitz lachte leise über ihre Begeisterung.

„Zu jeder Tages- und Nachtzeit“, erklärte die Frau. „Alle Bäder in der Stadt werden durch einen eigenen Wasserspeicher gespeist. Elektronische Regler sorgen zu jeder Zeit für die optimale Temperatur, die in den Bäder natürlich auch noch manuell eingestellt werden kann.“

„Manche mögen es eben heißer als andere“, fügte der Mann noch munter hinzu.

Ich wagte einen kurzen Blick über die Steine und sah mit Entsetzen die Aufregung in Nikitas Zügen. Ihre Augen glänzten geradezu. Nicht mal von den Handschellen, die sie zu einer Gefangenen machten, schien sie sich bedroht zu fühlen.

Was genau es war wusste ich nicht, aber in diesem Moment blickte meine kleine Schwester auf und entdeckte mich. Ihre braunen Augen weiteten sich ein kleinen wenig und ihre wilde Afromähne wippte, als sie den Blick hastig wieder abwandte. Es war wohl ihrer dunkeln Hautfarbe zu verdanken, dass ihre plötzliche Blässe sie nicht verriet. „Und wenn dieser Speicher irgendwann leer ist?“, fragte sie schnell und klimperte seltsam mit den Augenlidern. Es sah aus als sei ihr etwas ins Auge geflogen.

Die blonde Frau versteifte sich ein kleinen wenig.

Wieder lachte der Mann. Ein tiefer, belustigter Ton. „Die Stadt hat ihren eigenen Staudamm. Wasser haben wir nun wirklich genug. Es ist sehr unwahrscheinlich …“

Ein weiteres Heulen durchdrang die Nacht und wurde dann durch ein weiteres verstärkt. Marshall unterstützte seinen Hund tatkräftig.

Die Yards am Wagen jedoch wurden wieder wachsamer.

„Ich werde mal schauen was da los ist“, verkündete die schlanke Blondine in der blauen Uniform der Yards und stieß sich von der Wagentür ab. Ihr kurzes Haar war zu einem Bob geschnitten, der ihr feinzügiges Gesicht einrahmte. Ihre blauen Augen wirkten zu groß für das Gesicht und ihre Nase ein wenig zu lang. Sie schien um die dreißig zu sein, aber von einer Strenge behaftet, die sie weitaus älter wirken ließ. Und ihr schneller Gang strahlte die Effizienz einer Maschine ab.

Das war es was Eden aus den Menschen machte: Hirnlose Maschinen. Experimente. Genmanipulation. Geistversklavung. Handlungen wider die Natur. Unmenschliche Grausamkeiten.

Ich beobachtete wie die Frau um die Felszunge herum verschwand. Jetzt waren nur noch Nikita und der Mann übrig.

Das war meine Chance.

Mein Puls beschleunigte sich, mein Herz schlug ein kleinen wenig schneller. Es war wie auf der Jagd nach dem Abendessen. Und genauso wie dort zwang ich mich zur Ruhe und Umsicht. Aber ich durfte nicht zögern. Die Frau konnte jeden Moment wiederkommen.

Als ich mich erhob, gerieten ein paar Kiesel in Bewegung und ließen mich sofort wieder erstarren. Ich hielt den Atem an und schaute hastig zum Wagen. Dabei begegnete ich wieder kurz Nikitas Blick, doch der Typ hatte nichts gehört. Seine Stimme blieb einlullend, seine Worte eindringlich, während er über die Vorzüge von Eden schwadronierte.

Und das war der Grund, warum die Menschen aus der Zuflucht hier draußen niemals überleben würden, sie bekamen einfach nichts mit.

Zum Glück für mich. Ich erlaubte mir einen Moment erleichtert zu sein, versicherte mich mit einem weiteren schnellen Blick, dass wir immer noch allein waren und nahm meine Aufgabe wieder in Angriff.

Zwischen dem Steinhaufen und dem Wagen war eine kurze Freifläche, die es zu überbrücken galt. Doch der Kerl war so auf Nikita konzentriert, dass er mich nicht kommen sah. Weder als ich geduckt zum Wagen rannte und mich hinterm selben versteckte, noch als ich tief durchatmete, um mich auf das kommende vorzubereiten.

„… fünf Mauerringe halten sogar dem stärksten Sturm stand. Da kommt niemand rüber, wenn wir es nicht erlauben. Das macht Eden so sicher“, erklärte der Typ. „Und die Stadt wächst jeden Tag, weswegen die Despotin vor einem Jahr den Bau eines sechsten Ringes in die Wege geleitet hat. Wir brauchen mehr Platz um …“

Er bekam nicht mit wie ich hinter die offene Fahrertür kroch. Und auch nicht wie ich noch einmal tief durchatmete und mich dann blitzschnell erhob. Ohne weiter darüber nachzudenken griff ich über die Fahrertür, packte ihm am Kragen und riss ihn nach vorne. Er konnte gerade noch überrascht die Augen aufreißen, dann krachte er mit dem Kopf gegen den Türrahmen und verdrehte die Augen.

Nikita stieß ein erschrockenes Keuchen aus, als der blonde Mann mit den schönen Gesichtszügen auch schon die blauen Augen verdrehte und dann einfach bewusstlos neben dem Wagen zusammen sackte.

Äh … okay. So war das nicht gedacht gewesen. Ich hatte mich schon auf einen harten Kampf gefasst gemacht. Dass er zu groß war, um ihn einfach aus dem Wagen zu zerren, hätte ja keiner ahnen können. Aber ich würde mich sicher nicht beschweren und mich einfach über diesen glücklichen Zufall freuen.

„Kiss.“

Ich warf einen letzten Blick auf den Kerl und eilte zu der kleinen mageren Gestalt meiner Schwester. „Geht es dir gut? Haben sie dir was getan?“ Besorgt griff ich nach ihrer Hand und strich ihr mit der anderen über die Wange, bevor ich sie in meine Arme riss. Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Nikita ächzte. „Lass das, mit mir ist alles in Ordnung.“

Das würde ich erst glauben, wenn ich sie von Kopf bis Fuß untersucht hatte. Aber das hier war weder der beste Ort, noch die beste Zeit dafür. „Du bist so dumm“, schimpfte ich und griff nach ihrem gefesselten Handgelenk.

Die eine Seite der Handschellen war an ihrem rechten Arm befestigt, die andere an einer Metallstange die in der Wagenmitte vom Boden bis zur Decke ging. „Wie konntest du es nur zulassen, dass sie dich einfangen?“ Wie bekam ich sie nur von diesem blöden Ding ab?

„Ich hab sie nicht kommen gesehen“, verteidigte sie sich mit störrischer Miene.

Ich zerrte probeweise an der Metallstange. Die saß bombenfest.

„Du brauchst den Schlüssel“, erklärte Nikita und warf einen schnellen Blick über die Schulter zum Felsvorsprung, als würde sie befürchten, die Frau könnte dort jeden Moment wieder auftauchen. „Kaleb. Seine Hand.“

„Was?“

„Seine Hand. Da ist so ´nen Chip drin. Er hat es mir erklärt. Damit kann man die Handschellen öffnen. Siehst du?“ Sie hob ihren Arm und zeigte mir das blinkende Lämpchen an der Schelle. „Das ist ein elektronisches Schloss. Nur der Chip kann es öffnen.“

Mist. „Wie sieht dieser Kaleb aus?“

„Das ist der Mann den du K.O. geschlagen hast.“

Ich warf einen schnellen Blick auf den bewusstlosen Mann. „Welche Hand?“, fragte ich und griff bereits mein langes Messer von der Taille. Eigentlich hatte das hier nicht blutig werden sollen, aber um meine Schwester zu retten, würde ich dem Kerl noch ganz andere Dinge als die Hand abschlagen.

Nikita riss die Augen auf. „Nein! Zieh ihn einfach her. Der Schmerz könnte ihn sonst aufwecken.“

Und dann würde er das ganze Lager zusammenschreien. Sie hatte Recht. Ich steckte das Messer zurück. „Welche Hand?“

„Die Rechte. Im Handballen.“

Hastig kroch ich wieder aus dem Wagen und griff nach dem Arm von dem hübschen Mann. Ehrlich, dass mir auffiel wie gut der Kerl aussah, gefiel mir gar nicht. Ich sollte wohl mal wieder ein wenig Zeit für mich und Marshall abzweigen.

Entschlossen schob ich diese banalen Gedanken von mir und griff nach seinem Arm. Mit einem Ruck zerrte ich ihn zu Nikita. Mann, war der schwer. Und soweit ich das beurteilen konnte, waren das nichts als Muskeln.

Ich war so beschäftigt mit meiner Aufgabe diesen Kaleb zum Rücksitz zu ziehen, dass ich die Schritte hinter mir nicht hörte. Nichts warnte mich. Da war nur dieses plötzliche Klicken in meinem Rücken, das wie ein Donnerschlag in meinen Ohren hallte.

Ich wirbelte herum und schaute direkt in die Mündung einer Waffe. Eine Frau mit entschlossener Mine hatte sie auf mein Gesicht gerichtet und schien sie in absehbarer Zeit dort nicht wegnehmen zu wollen. Es war die blonde Frau mit den kurzen Haaren. Sie war zurückgekommen und sah ziemlich verärgert aus.

So ein … Scheibenkleister!

 

oOo

Kapitel 04

 

Mein ganzer Körper spannte sich an und auch wenn ich äußerlich versuchte Ruhe zu bewahren, schlug mir mein Herz vor Angst bis zum Hals. Erst einmal in meinem Leben hatte ich eine solche Waffe gesehen. Es war ein paar Jahre her. Damals war Henry, der fahrende Händler mit seinem Karren bei uns vorbeigekommen und hatte eine aus seinem geladenen Ramsch gesucht um sie mir zu zeigen. Henrys Waffe war aus Metall gewesen. Alt, schmutzig und angelaufen. Ich war sogar der Meinung, dass der Waffe ein paar Teile gefehlt hatten. Die hätte in hundert Jahren nicht mehr funktioniert.

Die Waffe dieser Lady dagegen hatte sicher keine Funktionsstörungen. Und es schien ihr gar nicht zu gefallen, dass ich ihren Partner immer noch am Arm festhielt. Vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass er bewusstlos war und sich bereits eine ordentliche Beule am Kopf gebildet hatte.

„Lass ihn los.“ Ihre Stimme war kühl, leise, aber deutlich. In ihren Augen lag nur eine kalte wachsame Berechnung, ohne jegliches Mitgefühl oder Gnade.

Verdammt, so hatte das nicht laufen sollen.

Hastig ging ich in meinem Kopf meine Möglichkeiten durch. Leider kam auf die Schnelle nichts Brauchbares heraus, was vielleicht auch etwas mit meiner anwachsenden Panik zu tun hatte.

Ich konnte wegrennen, natürlich. Ich war flink und schlau genug ihr zu entkommen. Bei Nacht würden sie mich niemals aufspüren können. Aber ich würde Nikita nicht zurücklassen. Niemals. Und mein Messer ziehen? Ich war mir nicht sicher wie schnell ihre Reflexe waren. Wie lange dauerte es eine solche Waffe zu zünden?

„Ich werde mich nicht wiederholen.“

Meine Muskeln vibrierten praktisch vor Anspannung. Das Gefühl von Angst kroch mir in den Nacken. Ich durfte nicht versagen. Wenn doch nur Marshall hier wäre.

Nikita schaute von der Frau zu mir, während ich meine einzige Chance erkannte. Ich musste diese Frau ausschalten, bevor sie mich ausschalten konnte. Mein Entschluss ließ mein Herz langsamer schlagen. Ich musste sie in Sicherheit wiegen.

Abrupt löste ich meine Hand von dem Kerl. Er sackte als Häufchen in sich zusammen. Mir blieb gar keine andere Wahl. Ich wusste was geschehen würde, wenn sie Nikita mitnahmen. Dann wäre meine kleine Schwester verloren und nichts auf der Welt könnte sie dann noch vor ihrem Schicksal bewahren.

„Zurücktreten.“

Nein, das würde ich nicht.

Es war der Mut der Verzweiflung der mich antrieb. Noch bevor sie reagieren konnte, griff ich nach meiner Machete und riss sie hoch. Doch sie war schneller.

Erbarmungslos drückte sie ab. Noch in der gleichen Sekunde traf mich ein Geschoss mitten in die Brust und ließ mich auf der Stelle zusammenbrechen. Der Schmerz war so enorm, dass ich den Aufprall kaum spürte. Selbst Nikitas Schrei nach mir war nichts weiter als ein fernes Geräusch, das nur undeutlich zu mir durchdrang.

Eine grausame Energie jagte in meinen Leib und schüttelte mich, bis mein ganzer Körper krampfte. Es tat so weh, doch das Erbarmen das Bewusstsein zu verlieren wurde mir nicht zugesprochen.

In der kurzen Zeit die es gebraucht hatte den Abzug zu drücken und dem Stechen in meiner Brust, verwandelte ich mich von einem starken Individuum in einen sich windenden Wurm ohne jegliche Kontrolle über seine Körperfunktionen. Ich war zur totalen Hilflosigkeit verdammt, dem Schmerz und den Krämpfen machtlos ausgesetzt.

Ich starb nicht. Ich glaubte nicht einmal dass ich tödlich verletzt war, aber genauso fühlte es sich an. Ein grausamer, erniedrigender Tod, der einem die Macht über seinen eigenen Körper verlieren ließ. Ich konnte wohl von Glück reden, dass es zwischen meinen Beinen nicht nass wurde. Der Kontrollverlust meiner Blase wäre in seinem solchen Moment wohl der Gipfel der Erniedrigung gewesen.

Doch selbst als der Energiefluss langsam abflaute und schlussendlich komplett abriss, wallte der Schmerz noch wie eine Walze durch mich hindurch und ließ meine Gliedmaßen unkontrolliert zucken.

„Kiss!“, schrie Nikita. „Verdammt Kiss! Bei allen Abgründen, Sie haben sie umgebracht! Kiss! Kiss!“

Mir geht’s gut, wollte ich sie beruhigen. Doch um die Lippen zu bewegen, brauchte man auch Kontrolle über seine Muskeln. Und die war mir in diesem Moment leider immer noch nicht vergönnt. Mit was nur hatte sie da auf mich geschossen?

Bedenklich stimmte mich auch, die plötzliche Trägheit meiner Gedanken. War mein Gehirn so durcheinander gebracht worden? Körperlich fühlte ich mich so schwach, als wäre ich erneut vor meiner Vergangenheit geflohen – mit nichts als meiner kleinen Schwester auf dem Arm und der Machete meines Vaters in der Hand. Der Adrenalinschock … er machte mich zittrig. Sehr zittrig. Und doch schien die Realität durch Watte und Nebel irgendwie bei mir anzukommen. Daher bemerkte ich auch, wie die Frau neben mich trat und sich ein meine Seite hockte, bevor sie mich auf den Bauch drehte, meine Arme auf den Rücken zerrte und sie grob mit irgendwas zusammenzurrte. Der Schmerz der dabei entstand ließ meine Muskeln zittern. Doch ich konnte nicht sagen ob er von ihrer groben Behandlung, oder von den Nachwirkungen ihrer seltsamen Waffe kam.

„Kiss. Oh verdammt, was haben sie mit ihr gemacht?! Kismet!“

Ich erkannte nur verschwommen, wie die blonde Frau an ihren Gürtel griff und sich dann etwas an den Mund hielt. Ihren abwertenden Blick jedoch spürte ich sehr deutlich.

„Zwischenfall bei Wagen drei“, sagte sie und hockte sich neben ihren Partner auf den Boden, wo sie vorsichtig aber effizient damit begann, ihn nach möglichen Verletzungen zu untersuchen. „Verletzter Yard. Streuner mit Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und festgenommen. Schickt Verstärkung und einen Arzt.“

Ihre Worte sickerten nur verschwommen an meiner Ohren und was sie bedeuteten, verstand ich erst, als ein ganzer Trupp von Yards um die Felsnase geeilt kam und direkt auf uns zuhielt.

Verstärkung. Nein! Oh verdammte scheiße nein!

Die Panik die durch den Schmerz und den Nebel drang, schickte einen Adrenalinstoß durch meine Adern, der wenigstens einen kleinen Teil meiner Beschwerden vertrieb. Denn plötzlich wurde mir über Nikitas Rufe nach mir etwas sehr deutlich bewusst. Nun war es nicht nur meine kleine Schwester die Hilfe benötigte, auch ich gehörte den Yards. Ich hatte es vermasselt und nun war auch ich ihre Gefangene.

Meine Benommenheit zerriss unter der meiner aufsteigenden Angst. „Nein“, flüsterte ich mit schwerer Zunge und begann mich auf dem Boden zu winden und gegen meine Fesseln anzukämpfen.

„Ruhig“, sagte eine sanfte Frauenstimme. Eine große Gestalt hockte sich neben mir und eine warme Hand legte sich vorsichtig auf meine Schulter. „Wir wollen dir nichts tun, dir wird nichts passieren.“

Die anderen Leute verteilten sich um uns und begannen geschäftig zu Werke zu gehen. Ein paar ließen sich neben dem niedergeschlagenen Yard nieder und kümmerten sich um ihn. Zwei anderen holten Nikita unter ihren Protesten aus dem Wagen und brachten sie weg.

Drei weitere standen bei mir Wache, während die große Gestalt neben mir mich umdrehen wollte.

Doch ich begann mich zu wehren, zerrte mit allem was ich hatte an meinem Fesseln – was in diesem Moment nicht besonders viel war – und warf mich unruhig hin und her. Soweit es mir möglich war, stemmte und bäumte ich mich verzweifelt auf. Ich krümmte mich und begann zu schreien, als da plötzlich noch ein paar Hände waren, die der Frau mit der sanften Stimme helfen wollten. Ein Ruck und ich lag auf dem Rücken. Schutzlos ausgeliefert.

Meine Muskeln waren noch immer kaum mehr als wackliger Glibber, aber ich wehrte mich so gut wie ich konnte, trat um mich, strampelte und schrie. Leider wusste die Gestalt ganz genau wie man eine Gegnerin festhalten musste, damit sie nicht entkam. Wie oft sie das wohl schon getan hatte? Kalte Angst legte sich um meine Brust und klammerte sich an mir fest.

„Ruhig“, sagte sie immer wieder. „Du brauchst keine Angst haben, wie wollen nur helfen.“ Sie strahlte eine solche Geduld aus, dass ich verzweifelte.

Ich konnte nicht entkommen. Sie hatten mich und ich konnte mich ihnen nicht entziehen. Sie waren zu stark, zu viele, zu mächtig.

Die plötzliche Panik verlieh mir neue Kraft. Mit einem Schrei bäumte ich mich auf und schaffte es damit die Tussi von mir zu stoßen. Sie kippte um und knallte mit dem Kopf gegen den Wagen. Aber da waren noch die anderen Hände. Sie packten mich an den Schultern und drückten mich hinunter auf den Boden, während die Frau sich fluchend über den Hinterkopf strich.

„Sediert sie“, ordnete eine weibliche Stimme an.

Ich wusste nicht was dieses Wort bedeutete, aber ich war mir sicher, dass es mir nicht gefallen würde und wehrte mich noch heftiger. Weg, ich musste hier weg! Ich durfte das nicht zulassen. Ich würde das nicht zulassen!

Langsam kehrte meine Kraft zurück. Es war nur ein Bruchteil von dem was ich besaß. Mein ganzer Körper schmerzte und meine Muskeln verweigerten weitestgehend ihren Dienst und doch versuchte ich von ihnen loszukommen. Wenn ich sie nur abschütteln konnte, würde ich in die Nacht verschwinden können.

Aber ich schaffte es nicht. ich kam einfach nicht von ihnen los.

„Haltet sie richtig fest, ich will sie nicht verletzen.“

Als sich die Frau wieder an mir zu schaffen machte und mich auf den Boden drückte, kamen die ersten verzweifelten Tränen. „Nein“, flehte ich und warf mich von einer Seite auf die andere. „Bitte, nein.“

Ich spürte einen Stich an meinem Arm.

Mein Körper krampfte sich zusammen. Eine eisige Kälte breitete sich unter meiner Haut aus und ließ meine Bewegungen beschwerlich und anstrengend werden. Meine Muskeln verweigerten den Gehorsam. Der dicke Wattebausch kehrte in meinen Kopf zurück. Die Stimmen um mich herum klangen nur noch gedämpft durch den Nebel meiner Sinne und wurden immer leiser – als würden die Menschen um mich herum sich entfernen. Meine Glieder wurden schwer. Mein Kopf wurde schwer. Meine Augenlider verloren den Kampf gegen die Schwerkraft.

Die Welt um mich herum versank in Dunkelheit.

 

oOo

Kapitel 05

 

Rumpeln und leise Stimmen zerrten beständig an meinem Geist, als hätten sie eine wichtige Mitteilung für mich. Anfangs wehrte ich mich noch die Benommenheit zu verlassen – hier war es so ruhig und friedlich. Aber da war etwas was mich zwickte und pikte, etwas Wichtiges, das mein Gedächtnis mir unbedingt mitteilen wollte.

Trotzdem dauerte es ein wenig, bis meine zähflüssigen Gedanken soweit wieder in Gang kamen, dass sie mir auf die Sprünge helfen konnten. Als es dann soweit war, riss ich nicht nur die Augen auf, sondern versuchte gleichzeitig auch auf die Beine zu kommen. Ganz schlechte Idee.

Nicht nur das sich alles um mich herum drehte wie auf einem Karussell, meine Beine weigerten sich auch mein Gewicht zu tragen. Außerdem war ich zusätzlich noch irgendwo mit der Hand festgebunden. Es geschah also was geschehen musste. Ich fiel auf einen rumpelnden Boden, verdrehte mir dabei das linke Handgelenk und stieß zusätzlich noch mit dem Kopf gegen eine weiche Fläche.

„Verdammt!“, fluchte eine männliche Stimme ganz in der Nähe. Im Nächsten Moment waren starke Arme da und versuchten mich hochzuhieven – auf einen Sitz wie ich feststellte, einen Autositz.

Das half nicht gerade dabei meine aufkeimende Panik im Ansatz zu ersticken. Warum zum Teufel befand ich mich auf einem vibrierenden Autositz?

Das Polster rieb über meine nackten Beine. Ich zog mich hoch, schlug die helfende Hand fort und griff instinktiv nach dem langen Messer an der Hüfte. Leider befand die sich nicht an ihrem angestammten Platz, was mein Herz gleich noch schneller schlagen ließ. Das war kein gutes Zeichen.

Ich blinzelte und versuchte meinen Blick scharf zu stellen. Da waren Fenster, große Fenster. Die Ruinen der alten Welt zogen an uns vorbei als seien sie auf der Flucht. Zerstörte Häuser und Mauern, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte. Aufgerissene und überwucherte Straßen. Die Leere der alten Welt.

Ich blinzelte erneut und versuchte mit hektischem Atem herauszufinden was um mich herum los war.

Ich befand mich in dem inneren eines der Kleintransporter. Großer Kofferraum, zwei sich gegenüberliegende schwarze Sitzbänke – die Polster waren weich. Vorne zwei einzelne Sitze. Auf einem von ihnen saß die blonde Frau mit der Waffe und hielt das Steuerrad fest. Ihr Blick war auf einen kleinen Spiegel in der Mitte gerichtet, durch den sie mich im Auge behalten konnte.

„Ganz ruhig.“ Mir gegenüber saß der Mann, den ich ausersehen bewusstlos geschlagen hatte. Sein blondes Haar hing ihm etwas zu lang in die blauen Augen. Auf seiner Wange war eine kleine kaum sichtbare Narbe. Volle Lippen, durchtrainierter Körper, ein kantiges Kinn und ein vorsichtigen Lächelnd, das wohl beruhigend wirken sollte. An der Stirn hatte er eine ordentliche Beule mit einem Pflaster drauf. Die Hände hielt er hoch als wolle er mir beweisen, dass er unbewaffnet und damit keine Bedrohung für mich war. „Keine Angst, dir passiert nichts, wir werden dir nichts tun, du bist in Sicherheit.“

Sicherheit?! Ich war in einem verdammten Wagen der Yards! Und dieser Wagen bewegte sich wie ich mit Entsetzen feststellen musste. Sie hatten mich! Nein, nein, nein, nein, nein, das konnte nicht sein! Das durfte nicht wahr sein.

Das Herz raste in meiner Brust, mein Atem wollte sich nicht beruhigen. Die Angst hatte ihre Klauen tief in meinen Körper gerammt und schien nicht vorzuhaben in absehbarer Zeit von mir abzulassen. Doch das schlimmste? Nikita, sie war auch hier. Natürlich war sie auch hier. Sie hatten sie sicher nicht aus reiner Herzensgüte wieder laufen lassen. Die Yard gaben nie jemanden frei, der einmal in ihre Fänge geraten war – niemals.

„Ich möchte nur mit dir reden, okay?“ Der Mann neigte den Kopf leicht zur Seite. „Mit dir und deiner Schwester. Niemand wird euch etwas zuleide tun.“

Als wenn ich nur ein Wort von dem glauben würde, was er von sich gab.

„Als erstes würde ich gerne wissen …“

Ich trat zu. Ohne Vorwarnung streckte ich das Bein durch und hätte er den Kopf nicht so schnell zurückgerissen, dann hätte ich ihn wohl selbst in meinem desorientierten Zustand mit voller Wucht am Kinn getroffen.

„Kiss!“, schrie Nikita entsetzt. Wahrscheinlich hatte sie Angst davor was geschehen könnte, wenn ich die Yards zu sehr provozierte. Doch ich konnte nicht anders. Ich musste uns hier rausholen – sofort!

Als ich ein zweites Mal nach dem Mann trat packte der Kerl blitzschnell meinen Fuß und riss mich in seine Richtung. Ich gab einen überraschten Laut von mir, als ich vom Sitz rutschte und halb in dem Zwischenraum der beiden Sitzbänke fiel.

„Nicht treten. Treten ist sehr unhöflich“, erklärte dieser … verdammt, wie hieß der noch mal? Nikita hatte es doch gesagt. Mein Hirn war immer noch viel zu träge um einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich versuchte mich zurück auf den Sitz zu ziehen, zerrte an meinem Bein, aber er hielt mich noch immer fest und durch meinen festgeketteten Arm war ich in meiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

„Wenn du versprichst das nicht noch mal zu tun, dann lasse ich dich wieder los.“

„Träum weiter!“, spie ich ihm entgegen. Ja ich wusste dass ich seine Gefangene war und dass er hier im Moment alle Hebel in der Hand hielt, aber ich würde mich nicht unterwürfig zeigen. Er durfte nicht merken dass die Angst sich noch immer an mich klammerte und mit jedem verstreichenden Augenblick tiefer in mich hinein drang. Ja, besser ich zeigte mich aggressiv als ängstlich, dann würde er mir wenigstens fern bleiben.

„Dann befinden wir uns wohl in einer Pattsituation.“

„Nimm deine Pfoten von mir du dreckiger …“

„Na na na, keine Ausdrücke.“

„… Bastard!“ Ich zog heftig an meinem Bein, riss ihn damit fast vom Sitz, aber er gab es nicht frei.

„Das war jetzt aber nicht nett gewesen.“

Ich fixierte ihn.

Er fixierte mich.

Wir lieferten uns ein Blickduell, das keiner von uns beiden verlieren wollte.

„In Ordnung“, lenkte er nach ein paar Sekunden des stillen Schweigens ein. „Ich werde dich jetzt loslassen. Du setzt dich wieder zurück auf deinen Platz und dann reden wir ganz in Ruhe. Ist das nicht eine vernünftige Idee?“

Der Teil mit dem loslassen war es auch jeden Fall. Der Rest nicht.

„Kiss“, sagte Nikita wieder und zupfte an meinem Hemd. Sie war wachsam, aber nicht eingeschüchtert. Sie vertraute wohl darauf, dass ich uns aus dieser Situation rausholen würde. „Vielleicht solltest du zuhören.“

Ich sollte was?!

Sie sah mich eindringlich an. Wollte sie vielleicht auf Zeit spielen? Hoffte sie mir würde ein rettender Einfall kommen, der uns rausboxen konnte? Dieser Gedanke war auf jeden Fall besser, als hier hilflos im Innenraum zu hängen.

„Okay“, sagte ich dann nach kurzer Überlegung zögernd und bekam meine Zähne kaum auseinander. Es widerstrebte mir zutiefst diesen Leuten bei irgendwas zuzustimmen. „Lass los.“

„Und du wirst nicht mehr versuchen mich zu treten?“

„Ich werde zuhören.“

„Das war kein Ja gewesen.“

Ich schwieg. Natürlich konnte ich auch einfach ja sagen und ihn hinterher trotzdem treten – ich hatte absolut kein Problem damit ihm mitten ins Gesicht zu lügen – aber es missfiel mir ihm auch nur einen kleinen wenig entgegen zu kommen.

Der Kerl seufzte gespielt übertrieben, als wäre ihm all das einfach nur lästig und ließ mein Bein dann los, wohl in Erwartung, dass ich direkt wieder zutreten würde. Aber ich tat es nicht. Nikita hatte schon Recht. Einfach so würden wir hier nicht rauskommen. Ich brauchte einen Plan und um einen Plan zu entsinnen, brauche ich ein wenig Zeit und keine weiteren Komplikationen.

Als er merkte dass ich wenigstens für den Moment friedlich blieb, entspannte er sich ein wenig und wollte mir zurück auf meinen Sitz helfen. Das wies ich ganz entschieden zurück, indem ich nach ihm schlug.

„In Ordnung“, sagte er ergeben und hob kapitulierend die Hände. „Du hast Recht, ich komme dir nicht zu nahe. Ich wollte nur helfen.“

Aber natürlich. Yards waren ja dafür bekannt völlig harmlose Gutmenschen zu sein, die jedermann hilfsbereit zur Seite standen.

Nikita war es dann, die mir zurück auf meinen Sitz half, während der Kerl es sich mir gegenüber wieder auf seinem Platz bequem machte. Dann musterte er mich für einen Moment. „Ich bin Kaleb Vark. Ich bin der oberste Yard auf dieser Expeditionstour.“

Expeditionstour? Das war wohl eher eine Treibjagd um die abnehmenden Vorräte an menschlichen Sklaven ein wenig aufzustocken.

„Deine Schwester hat mir schon ein wenig von dir erzählt.“

Ich versuchte mich unbeteiligt zu geben und richtete meine Aufmerksamkeit lieber auf die Handschellen, mit denen ich festgemacht war. Sie waren an einer eigens dafür konstruierten Stange an der Wagenwand befestigt worden. Die Schellen hatten Poster, damit ich mir bei möglichen Wehrversuchen nicht die Haut aufreißen konnte. Das war nett, aber nichtsdestoweniger waren es noch immer Fesseln.

Probeweise zog ich daran. Natürlich brachte das nichts. Und das lag nicht nur an dieser körperlichen Schwäche, die ich einfach nicht abschütteln konnte. Waren das noch die Nachwirkungen von der Waffe? Oder hatte das etwas mit diesem Sedieren zu tun, das sie bei mir gemacht hatten?

Dieser Kaleb beobachtete mich aufmerksam, griff aber nicht ein um mich an meinen Versuchen zu hindern. „Du bist Kismet, richtig?“

Als er meinen Namen sagte zuckte ich innerlich zusammen. Ihn aus dem Mund dieses Mannes zu hören war als würde ich in den Rachen einer hungrigen Bestie gucken. Warum hatte Nikita nur mit ihnen gesprochen? Sie wusste es doch besser. Ich hatte ihr oft genug erzählt was diese Leute getan hatten und zu was sie fähig waren.

„Hm, schwerer Fall.“ Er stützte den Ellenbogen auf sein Knie und legte sein Kinn in die Hand. Sein Blick glitt dabei über meine dunkle Haut und das feingemeißelte Gesicht. „Eine Unterhaltung lässt sich leichter führen, wenn beide Parteien sich daran beteiligen.“

„Und noch besser wäre, wenn sie nicht erzwungen wäre!“, fauchte ich und zog erneut an den Handschellen. Aber es brachte nichts. Natürlich nicht. Das Leben machte es einem niemals so einfach.

Mein Gegifte ließ ihn völlig kalt. „Na gut, dann hör eben einfach zu.“

Eine Bodenwelle ließ den Wagen hüpfen. Mir wurde übel. Ich schloss die Augen.

„Kiss?“, fragte Nikita besorgt und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Alles in Ordnung mit dir?“

In Ordnung? Wie konnte sie das fragen? An dieser Situation war absolut nichts in Ordnung. Ich fühlte mich noch immer leicht benommen. Eine seltsame Trägheit ließ meine Glieder schwer an mir herabhängen. Mein Körper fühlte sich falsch an, so schwach. Es war wie damals, ich war hilflos.

„Kismet?“

Ich schluckte und versuchte dem Strudel der Vergangenheit zu entkommen. „Es geht mir gut.“ Was für eine dicke, fette Lüge. Ich fixierte diesen Kaleb. „Lass mich frei.“

„Wie?“ Erstaunt hob er die Augenbrauen. „So ganz ohne das Zauberwort?“

„Kiss“, begann Nikita wieder und legte mir die Hand auf den freien Unterarm, verstummte dann aber. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst das Nikita keine Handschellen trug. Aber warum war sie dann noch hier? Sie hätte doch schon längst fliehen können. Aber das würde sie nicht, nicht solange ich mich noch in der Gewalt der Yards befand. Keiner von uns beiden würde die andere einfach im Stich lassen. Und ich konnte nicht entkommen. Meine Unfähigkeit hatte mich in diese Situation geführt. Ein Kloß unbändiger Wut manifestierte sich unter meinem Brustbein. Ich hatte versagt. Und jetzt …

Als mein Hirn mit einem lauten Stottern wieder seine Funktion aufnahm, riss ich den Kopf herum und starrte durch das Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Ich hatte es nicht geschafft Nikita zu befreien. Ich hatte es nicht geschafft ihnen zu entkommen. Und jetzt waren wir auf dem Weg nach Eden.

„Nein.“ Ich nahm die Stange an die ich gekettet war ins Visier, griff nach ihr und begann daran zu zerren.

„Hey!“ Kaleb erhob sich von seinem Platz um mich nun doch daran zu hindern.

Ich trat wieder nach ihm und dieses Mal erwischte ich ihn am Oberschenkel. Sein Fluch weckte die Wachsamkeit seiner Partnerin. Der Wagen wurde aber nicht langsamer.

Damit hatte ich Kaleb wohl sauer gemacht. Er stürzte vor, packte meinen freien Arm und drückte mich in die Polster. Er war mir so nahe, dass ich seinem Atem im Gesicht spüren konnte und die Verärgerung in seinen Augen entdeckte. Dass ich mich wehrte und versuchte ihn abzuwerfen schien er kaum zu merken. „Weißt du, ich mag es nicht, wenn man mich tritt. Besonders nicht, wenn man mich keine vierundzwanzig Stunden zuvor bewusstlos geschlagen hat.“

Ich bockte wie ein sturer Esel, aber ich konnte weder meine Arme noch meine Beine bewegen. Und als ich dann versuchte ihm eine harte Kopfnuss zu verpassen, zog er seinen Kopf einfach aus meiner Reichweite ohne den Griff dabei auch nur ein wenig zu lockern.

„Es wäre wirklich nett wenn du aufhören könntest handgreiflich zu werden.“

„Ja und ich fände es wirklich nett wenn ihr aufhören würdet Menschen zu entführen!“

„Entführen?“ Er schnaubte belustigt. „Hast du das gehört Nadja? Sie glaub wir entführen sie.“

Die Frau auf dem Fahrersitz blinzelte einmal, enthielt sich aber jeglichen Kommentars.

„Kiss“, sagte Nikita wieder, aber ich brachte sie mit einem Blick zum Schweigen.

Ihre Augen blickten bockig, aber da war auch ein Hauch von Angst. Sie wollte helfen, aber sie fürchtete sich vor den Konsequenzen. Nikita war mir schon lange nicht mehr so jung vorgekommen.

Kaleb atmete einmal tief durch. „Okay, pass auf: Wir wollen dir nichts tun, wir wollen nur reden.“ Seine Stimme klang beinahe aufrichtig. „Nur ein kleines Gespräch.“

„Ich will nicht mit dir sprechen!“, fauchte ich und stemmte mich erneut gegen den Sitz. Es brachte nichts, der Kerl war einfach zu schwer. Was aß der zum Frühstück? Blei?

„Dann hör mir einfach nur einen Moment zu.“ Der Blick seiner blauen Augen war eindringlich. „Das muss nicht so laufen. Wir können uns doch beide zivilisiert verhalten.“

Zivilisiert? Fast hätte ich ihm ins Gesicht gelacht. Streuner galten als vieles, aber niemals als zivilisiert. Und die Menschen aus Eden kannten die Bedeutung dieses Wortes nicht mal.

„Waffenstillstand“, sagte Kaleb, fixierte mich noch einen Moment und ließ mich dann sehr wachsam los. Dennoch schaffte ich es ihn von mir zu stoßen, kaum dass sich die Gelegenheit dazu ergab. Er fluchte.

„Komm mir nie wieder zu nahe“, knurrte ich und zog mich soweit es ging auf meinen Sitz zurück. Kein Mensch durfte mir gegen meinen Willen so nahe kommen, besonders kein Mann. Das war etwas dass ich bei Marshall gelernt hatte.

Der Gedanke an ihn ließ mich schwer schlucken. Wo war er? Suchte er nach uns? Hatten die Yards ihn vielleicht auch geschnappt und in einen anderen Wagen gesteckt? Ich würde nicht nachfragen. Wenn sie ihn nämlich nicht hatten, dann wussten sie vielleicht gar nichts von ihm und ich würde mich hüten den Yards zu verraten, dass es da noch ein paar andere Menschen gab.

Bevor Kaleb sich zurück auf seinen Platz setzte, warf er mir noch einen verärgerten Blick zu. Dieses Gespräch lief wohl nicht so wie er sich das vorgestellt oder gewünscht hatte. „Ich weiß dass diese Situation dich ängstigt und dass du wütend bist, aber wir wollen dir und deiner Schwester nichts Böses“, erklärte er und hoffte damit wohl zu mir durchdringen zu können. „Wir sind nicht eure Feinde, wir wollen euch nur helfen.“

Ich schnaubte. Aber sicher doch. Eine Entführung galt ja bekanntlich als Hilfe.

„Natürlich glaubst du mir nicht, aber alles wird gut werden.“

Zumindest mit dem ersten Teil seiner Worte hatte er mal ins Schwarze getroffen.

Er schwieg einen Moment, als müsste er überlegen, wie er dieses Gespräch fortsetzen sollte. „Du weißt doch wo wir hinfahren, oder?“

Natürlich wusste ich das, aber ich würde es nicht sagen. Das würde diese ganze Situation und die Zukunft die auf mich wartete nur noch realer machen. Meine Hände begannen zu zittern. Um es zu verbergen, schloss ich sie zu Fäusten, bis meine Nägel ins Fleisch stachen. Aber ich fühlte den Schmerz kaum.

„Wir fahren nach Eden.“

Halt den Mund. Halt den Mund, halt deinen verdammten Mund! Ich biss die Zähne zusammen.

„In Eden können wir dir und deiner kleinen Schwester Schutz bieten. Dort braucht ihr niemals mehr vor etwas Angst haben. Wenn ihr krank seid oder verletzt, können unsere Ärzte euch helfen. Krankheitsvorsorge wird bei uns ganz groß geschrieben. Und ihr braucht auch nie wieder zu hungern. Wir haben genug zu essen – für alle. Wasser und Unterkünfte. Arbeit die einen erfüllt und eine Zukunft. Das ist es was wir euch anbieten, eine unbekümmerte Zukunft in der die Menschen nicht nur überleben, sondern auch wirklich leben können.“

Ja genau, Eden war das Paradies und die letzte Rettung der Menschheit. Der Slogan der Städter. Nur leider galt das nicht für Menschen wie Nikita und mir, die außerhalb ihrer riesigen Mauern geboren worden waren. Wir waren der Dreck unter ihren Stiefeln. Sklaven die man herumschubsen konnte, lebendiges Fleisch das man benutzen konnte wie einem der Sinn stand. Und das waren noch die guten Schicksale, die einen Streuner hinter den Mauern von Eden erwarteten. Übel wurde es erst, wenn man nicht mehr gebraucht wurde. Dann führten sie einem zur Schlachtbank, um das Abendessen auf den Tisch bringen zu können.

„Hast du verstanden was ich gesagt habe?“

„Ja. Du sprichst wie ein Händler der seine Ware an den Mann bringen will, obwohl er weiß dass es Schrott ist und all seine Worte nichts weiter sind als Schönreden in der Hoffnung das seine Lüge nicht enttarnt wird, bevor er an sein Ziel angelangt ist.“

Mein Verglich schien ihn zu belustigen. „Und was glaubst du ist das Ziel meiner Worte?“

„Mein Versprechen dass ich artig sein werde und alles tue was ihr verlangt, dass ich mit euch komme ohne mich zu wehren bis wir in Eden angekommen sind, wo ihr weiß-sonst-wer mit uns tun werdet.“

Seufzend lehnte Kaleb sich auf seinem Sitz zurück und musterte mich nachdenklich. „Wie ich die Gerüchte der Streuner verabscheue. Sie stellen uns als Monster hin, die -“

„Ihr seid Monster!“, warf ich ihm vor und merkte kaum wie ich auf meinem Sitz aggressiv ein Stück nach vorne rutschte. „Für euch sind wir nichts als Abfall mit dem ihr machen könnt was ihr wollt! Ihr haltet euch für etwas Besseres und es ist euch gleich was ihr auf dem Weg zu eurem Ziel zerstört!“

„Mir ist bewusst dass du so denkst, aber -“

„Du hast keine Ahnung was ich denke! Ihr Städter seid so verblendet! Die Realität interessiert euch nicht!“ Ich wollte diese Lügen nicht mehr hören. Ich kannte die Wahrheit, hatte sie mit eigenen Augen gesehen. Die Yards, nein, alle Städter waren Monster der schlimmsten Sorte und ich würde mich ihnen niemals ergeben. „Ihr habt euch eure eigene kleine Welt aufgebaut in der ihr Könige seid! Eure Welt, eure Regeln! Unterdrücker, Menschenjäger, Kambialen -“

„Jetzt übertreibst du aber maßlos!“

Seine Unterbrechung machte mich so wütend, dass ich nach vorne stürzte. Damit schaffte ich es ihn zu überraschen und konnte ihm einen gezielten Kinnhaken verpassen. Er gab einen Laut des Schmerzes von sich, als er zur Seite geschleudert wurde.

„Kiss!“

Die Reifen des Wagens quietschten bei der Vollbremsung.

Ich wurde nach vorne geworfen, gleichzeitig aber von den Handschellen zurückgerissen. Es war mir egal. Die Aussicht nach Eden zu müssen machte mir eine solche scheiß Angst, dass ich den Schmerz nicht spürte. Das waren nur der schnelle Schlag meines Herzens, das Adrenalin in meinem Blut und das Rauschen in meinen Ohren.

Vorne stieg Nadja eilig aus und rannte um den Wagen herum.

Als Kaleb versuchte aufzustehen zog ich mein Bein ein und trat mit aller Kraft zu. Der Wageninnenraum war zu klein, als dass er mir hätte ausweichen können und so erwischte ich ihn an der Hüfte und warf ihn damit ein weiteres Mal um.

„Kiss!“, schrie Nikita und versuchte nach mir zu greifen. „Hör auf!“

„Lauf!“, schrie ich sie an. Das war die Beste Gelegenheit. „Verschwinde!“ Sie musste nur den Tür öffnen und rausspringen.

Neben uns kam ein Wagen knirschend zum Stehen. Zwei Yards stiegen eilig aus.

„Nikita raus!“, schrie ich sie an.

Zu spät. Die Seitentür wurde aufgerissen, als ich ein weiteres Mal versuchte nach Kaleb zu treten und Nadja erschien mit gezückter Waffe.

„Nicht!“, rief Kaleb als sie auf mich zielte und griff nach meinem Bein.

Die beiden Yards aus dem andern Auto tauchten auf und zogen Nikita heraus. „Nein!“, rief sie. „Tut ihr nicht weh!“

Hinter uns hörte ich noch mehr Bremsen quietschen. Ein weiterer Wagen der Kolonne hatte angehalten.

Als Kaleb mich am Schenkel zu fassen bekam schrie ich. Er stieß mich zur Seite, sodass ich fast mit der Wagenwand kollidierte, warf sich nach vorn und packte mich an der Schulter.

„Nein!“, schrie ich als ich den festen Griff spürte. „Geh weg! Lass mich los!“

„Hör auf dich zu wehren. Wir wollen dir nichts tun.“ Er drehte mich herum. Mein Schultergelenk wurde dabei verdreht und protestierte, aber ich konnte es auch nicht entlasten, denn ich war ja festgebunden.

„Ich gehe nicht nach Eden!“, schrie ich. Wut und Angst ließen meine Stimme vibrieren. Meine Knie scheuerten über den Boden, als ich strampelte. Die Haut riss auf.

„Kismet“, begann Kaleb. „Wir wollen nur -“

„Ich werde dich töten! Ich werde jeden einzelnen von euch holen!“

„So wird das nichts“, erklärte Nadja von der Wagentür.

Kaleb keuchte bei seinem Versuch mich unten zu halten. „Erzähl mir was das ich noch nicht weiß!“, fauchte er sie an.

„Ich sterbe lieber als mit euch zu kommen!“

„Ich werde Dr. Pirozzi holen.“ Nadja trat zurück und verschwand vom Wagen. Aber da waren in der Zwischenzeit noch andere Yards. Einer davon kroch zu uns in den Transporter und half Kaleb mich auf den Postern zu fixieren.

Ich schrie als sie mir dabei den Arm noch weiter verdrehten.

„Halt sie fest“, ordnete Kaleb an. „Ich muss sie losmachen, sonst brechen wir ihr noch dem Arm.“

Hände zerrten an mir, pressten mich in die Polster. Meine nackten Füße scharten haltlos über den Boden.

Kaleb widmete sich den Handschellen und fluchte als sie nicht gleich beim ersten Versuch aufsprangen. Erst beim zweiten spürte ich wie die Schelle sich von meinem Handgelenk löste und der Druck auf meine Schulter ein wenig nachließ.

„Was ist passiert?“, fragte eine weibliche Stimme von der Wagentür. Ich hatte sie schon einmal gehört, kurz bevor sie mich sediert hatten. Die Frau die mir erzählt hatte, alles würde in Ordnung kommen. Lügnerin.

Mein Herz begann in blanker Panik zu rasen. Sie wollten mich erneut ausschalten.

„Nein!“ Ich bockte und zappelte heftiger.

„Sturer Streuner“, sagte Nadja als sei es eine Diagnose. „Sie hat ein Problem mit ihrer Zukunft.“

Die weibliche Stimmträgerin seufzte. „Armes Ding. Dabei machen wir das doch nur zu ihrem Besten.“

Ich wehrte mich heftiger, warf den Kopf hin und her und erhaschte dabei einen Blick auf eine kleine rundliche Frau neben Nadja. Sie beugte sich zu den beiden Männern in den Wagen hinein und bevor ich protestieren konnte, spürte ich wieder einen kleinen Stich in meinem Arm.

Genau wie beim letzten Mal breitete sich unter meiner Haut eine schleichende Kälte aus, die langsam auf alle meine Glieder überging.

Meine Bewegungen erlahmten langsam. „Nein“, nuschelte ich und konnte noch einen letzten Blick auf Nikitas entsetztes Gesicht erhaschen. Dann schalteten meine Gedanken sich einfach ab.

 

oOo

Kapitel 06

 

Eine Welt voller Nebel und Dunst, so unklar wie der Grund eines verschlammten Tümpels. Die Gedanken träge, als müssten sie sich durch zähflüssigen Sirup bewegen. Ich kämpfte darum von diesem Ort zu fliehen, kämpfte darum das Bewusstsein wiederzuerlangen, wachte weit genug auf um zu wissen dass etwas nicht stimmte, aber mehr schaffte ich nicht – als würde ich tauchen und die Wasseroberfläche über mir sehen, sie aber nicht erreichen können. Jedes Mal wenn ich mich hinaufzustoßen versuchte, zog die Sedierung mich wie eine Strömung wieder hinunter in die Tiefen des Vergessens.

Einmal nahm ich das Rumpelnd des Transporters wahr. Dann hörte ich Stimmen. Nikita, sie war bei mir und sprach. Mit mir? Beim dritten umnebelten Aufwachen war alles still. In der vierten Runde brachte ich es fertig die Augen zu öffnen und sie auch einen Spalt offen zu halten. Ich war mir sicher, wenn ich sie wieder schloss, war ich verloren. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Meine Arme und Beine, sie waren nicht nur schwer, sie waren völlig gefühllos.

Nicht in Panik geraten, sagte ich mir selber. Bleib ruhig.

In der Nähe hörte ich Stimmen, verstand aber nicht was sie sagen. Sie kamen näher und entfernten sich dann wieder. Sie …

Ich riss die Augen auf. War ich wieder eingeschlafen? Verdammt, was war das nur für ein Gift das sie mir eingeflößt hatten?

Mein Schädel pochte. Ich blinzelte und versuchte die Benommenheit abzuschütteln. Klappte nicht ganz so wie ich mir das vorstellte, aber wenigstens blieb ich dieses Mal ruhig und fiel nicht wieder vom Sitz.

„… alt seid ihr?“

Den Drang einfach wieder einzuschlafen niederzukämpfen verlange all meine Willensstärke von mir.

„Ich bin vor ein paar Wochen fünfzehn geworden. Kismet ist zweiundzwanzig.“

Meine Lippe kribbelte, als langsam das Gefühl in sie zurückkehrte. Das war wie eingeschlafene Füße im Gesicht. Ich nahm einen Geruch wahr, etwas Würziges. Mein Magen meldete sich zu Wort. Ich schnitt eine Grimasse. Alle Gesichtsmuskeln funktionierten. Fantastisch.

„Oha, ihr seid jünger als ich angenommen hatte.“

Das Prickeln breitete sich den Hals hinab aus. Hand und Arme ließen sich bewegen, aber sie waren schwer, so schwer.

Sehr vorsichtig drehte ich den Kopf. Ich befand mich noch immer im Transporter, die Welt dort draußen stand jedoch still. Die aufkommende Dämmerung begann die Sonne zu verschlucken. Der Fahrersitz war leer, die Sitzbänke bis auf mich verwaist. Aber ich war nicht allein. Kaleb saß in der offenen Seitentür, die Beine draußen. Und neben ihm Nikita.

„Und du?“, fragte meine kleine Schwester. „Wie alt bist du?“

„Rate mal.“

Während Nikita ihn musterte, bemerkte ich das Gewicht an meinen Fußgelenken und musste feststellen, dass ich jetzt nicht nur mit Handschellen gesichert war, sondern auch Fußfesseln trug. Und irgendjemand hatte eine Decke über mich drapiert, als wäre es ihm wichtig, dass ich es wenigstens ein wenig behaglich hatte. Was für ein Witz.

„Ende Dreißig?“

Kaleb sah sie beinahe entsetzt an. „Sehe ich wirklich sooo alt aus?“

Sie grinste völlig unbefangen. „Es geht.“

Der Bastard von Yard tat so als wäre er schwer beleidigt. „Ich bin gerade mal Anfang dreißig. Einunddreißig wenn ich ganz genau bin. Aber vielen Dank auch für die Kränkung meines Egos.“

Nikita lachte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein dein Ego so schnell kränken kann.“

„Langsam glaube ich dass du einen völlig falschen Eindruck von mir hast.“ Er stieß sie leicht mit der Schulter an. Diese Geste hatte etwas so vertrautes, dass alle Alarmsirenen in meinem Kopf losgingen. Und mir entging natürlich auch nicht, dass Nikita der Geste entgegenkam.

Das war nicht gut.

„Und? Wie haben du und deine Schwester euch durch die Welt geschlagen?“

„So wie die anderen es auch tun. Wir haben getan was wir mussten um zu überleben.“

Er musterte sie. „Ward ihr allein, oder gab es da noch jemanden?“

Mir stellten sich alle Nackenhärchen auf. Das war kein kleines Gespräch zum Zeitvertreib, Kaleb horchte meine Schwester aus!

Nikitas Haltung verkrampfte sich ein wenig. „Unsere Eltern sind tot, falls du das meinst.“

„Oh, das tut mir leid zu hören.“

„Ist nicht so wichtig.“ Nonchalant zuckte sie mit den Schultern, als wäre das nicht weiter von Bedeutung. „Mein Vater starb an einer Krankheit als ich gerade mal ein Jahr war. Ich habe ihn also nie wirklich kennen gelernt.“

„Das ist schlimm. Ich selber kenne meinen Vater zwar nur flüchtig, aber zumindest weis ich wo ich ihn finden kann. Meine Mutter dagegen … naja, das ist ein Thema für sich.“ Er stützte die Arme auf die Knie. „Und deine Mutter? Was ist mir ihr?“

Du Mistkerl!

„Tot“, sagte Nikita kurz angebunden. „So ein paar Gauner haben sie und meinen großen Bruder umgebracht als ich gerade mal vier war.“ Sie senkte den Blick. „Kismet hat es gesehen“, fügte sie sehr leise hinzu.

Ich schloss die Augen und wehrte mich gegen die aufkommenden Erinnerungen. Das konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen.

Nein, bitte, lasst sie! Nein! Mama …“

Sieh gut hin. Sieh hin, schau was mit Verrätern passiert.“

„… nein! Ich mach euch fertig! Ich mach euch alle kalt!“

Nein!

Kaleb richtet seinen Blick in die Ferne. „Wie mir scheint, hat das Leben es mit euch beiden bisher nicht sehr gut gemeint.“

„Was einen nicht umbringt, macht einen stärker.“

„Wahrscheinlich.“ Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. „Wie ging es mit euch danach weiter? Ich meine ihr ward nur zwei kleine Kinder. Wie habt ihr überlebt?“

„Kiss hat getan was getan werden musste“, antwortete Nikita ausweichend.

Na wenigstens besaß sie noch genug Verstand um nicht all unsere Geheimnisse auszuplaudern.

Diese Antwort schien Kaleb nicht zufrieden zu stellen, also bohrte er weiter nach. „Wo habt ihr gelebt?“

„Hier und da. Was sich halt gerade so ergeben hat.“

Das stimmte. Zumindest am Anfang. Dann hatte Marshall uns entdeckt.

„Das heißt ihr ward die ganze Zeit allein? Hab ihr euch keiner Gruppe angeschlossen?“

Nikita zuckte nichtssagend mit den Schultern.

„Warum seid ihr nicht nach Eden gekommen? Dort wärt ihr sicher gewesen.“

„Das musst du wohl Kismet fragen. Ich war damals gerade mal vier, ich hatte keine Ahnung was um mich herum los war.“

Das war nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht direkt eine Lüge.

„Ihr müsst ziemlich einsam gewesen sein.“

„Es geht. Wir sind ja nicht die einzigen Streuner in der Alten Welt.“

„Das heißt ihr beiden kennt noch andere Streuner?“

Nikita zögerte.

Zeit für mich einzuschreiten. „Sie glauben wirklich wir lassen uns entführen und beantworten Ihnen dann auch noch alle ihre Fragen?“ Meine Zunge war schwer, meine Stimme irgendwie falsch, lallend.

Die beiden drehten sich überrascht zu mir herum.

„Kiss!“ Nikita sprang auf, stürzte zu mir auf den Sitz und schlang die Arme um mich. „Du bist wach.“

Ich war versucht die Umarmung zu erwidern, leider hatte ich nur sehr wenig Bewegungsfreiheit. Und auch wenn das Gefühl in meine einzelnen Glieder zurückgekehrt war, so waren sie noch nicht ganz bereit sich meinem Willen zu unterwerfen.

„Wir sind nicht die Bösen, Kismet“, erklärte Kaleb. „Ganz im Gegenteil.“

Ich warf einen auffälligen Blick auf meine Fesseln.

Er zuckte mit den Schultern. „Vorsichtsmaßnahmen. Du hast mich einmal zu oft getreten.“

„Oh Verzeihung. Wenn ich gefesselt und entführt werde, vergesse ich manchmal meine Manieren.“

Nikita löste sich wieder von mir, blieb aber direkt neben mir sitzen. „Kaleb hat mir gerade von Eden erzählt.“

„In meinen Ohren hat es sich danach angehört, als hätte er dich ausgefragt“, lallte ich. Der Vorwurfsvoll Blick galt meinem Kidnapper.

„Wir haben ein Gespräch geführt“, erwiderte Kaleb schlicht und drehte sich zu uns herum. Dabei stellte er ein Bein in den Wagen, das andere ließ er rausbaumeln. „Ich habe von mir erzählt und sie von euch.“

„Geschichten über dich und Eden? Ich hoffe du hat deine Lügen gut ausgeschmückt, um sie dem Kind so schmackhaft wie möglich zu machen.“

Nikita verzog pikiert den Mund. Sie hasste es wenn ich sie als Kind bezeichnete. In ihren Ohren war das schlicht und ergreifend eine Beleidigung, schließlich war sie seit ein paar Wochen fünfzehn.

Kaleb ließ sich nicht unterkriegen. „Ich weiß was du denkst. Ich habe wirklich schon alles gehört. Von, wir fangen Streuner um sie zu versklaven, über, unmenschliche Experimente, bis hin zu satanistischen Ritualen, oder eben einfach nur das wir sie umbringen, weil wir so viel Spaß daran haben. Gestern hat mir sogar eine sehr schlagkräftige Streunerin vorgeworfen wir seien Menschenjäger und Kannibalen.“ Seine Augen glänzten vor Erheiterung. „Alles Blödsinn sag ich euch.“

„Wenn es aber nun doch die Wahrheit wäre, würden sie es uns sicher nicht verraten.“

„Wahrscheinlich nicht.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ihr werdet mir wohl einfach vertrauen müssen.“

Zur Antwort bekam er ein Schnauben von mir.

„Ich kann mir gut vorstellen wie schwer dir das fällt. Du hast dein ganzes Leben lang Geschichten gehört die das Gegenteil von dem behaupten was ich dir jetzt sage. Natürlich -“

„Geschichten?“ Ich lachte auf. Diesem Ton haftete nichts Fröhliches an. „Es sind nicht die Gerüchte der Streuner die mich in meiner Überzeugung bestärken, sondern die Dinge die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.“

„Du meinst Situationen in denen wir Streuner auch gegen ihren Willen einsammeln?“ Er beugte sich ein wenig vor. „Das tun wir nur zu ihrer eigenen Sicherheit – zu deiner Sicherheit und auch zu der deiner Schwester. Wir sind keine Zerstörer, wir retten unsere Zukunft.“

Natürlich. Alles für das Überleben. Darum hatten sie Nikita gefangen genommen und verpassten ihr seitdem eine Gehirnwäsche. Und auch nur deswegen hatten sie mich mit diesem Elektroschocker beschossen. Ich konnte noch immer die Stelle fühlen, an der die Waffe mich getroffen hatte. Es war ein absolut erniedrigendes Erlebnis, einfach umzukippen und auf den dreckigen Boden zu klatschen, ohne sich dagegen wehren zu können. Fast so erniedrigend wie hier sitzen zu müssen und nichts dagegen tun zu können.

Kaleb seufzte. „Ich merke schon, auf diese Art komme ich bei dir nicht weiter.“

„Es gibt einen ganz einfachen Weg mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

Ein wachsamer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Ach ja? Und der wäre?“

„Lass mich und meine Schwester laufen. Zeig mir dass ihr nicht die Monster seid für die ich euch halte in dem du meine Fesseln öffnest, mir meine Machete zurück gibst und uns unbehelligt ziehen lässt.“

Nikita spannte sich an, als bereitete sie sich schon mal auf die Flucht vor.

Er drückte die Lippen zusammen, als hätte er mit sowas bereits gerechnet. „Das werde ich nicht tun. Nicht weil ich böse bin, sondern weil ich es nicht bin.“

Ich schnaubte.

„Du wirst es schon noch verstehen. Wenn wir erst in Eden sind kannst du gar nicht mehr anders als mir zu glauben.“

„Willst du darauf wetten?“

Er schüttelte nur den Kopf über mein Verhalten und erhob sich vom Sitz. „Ich werde mal was zu Essen und Wasser für euch besorgen. Sonst darf ich mir nachher wahrscheinlich noch anhören ich lasse euch mir voller Absicht verhungern.“ Er verschwand vom Wagen. Aber ich war nicht so dumm zu glauben dass wir nun unbewacht waren. Durch die offene Seitentür konnte ich die anderen Autos und den großen Bus der Yards sehen. Die Bastarde selber liefen geschäftig dazwischen herum. Vor dem Bus hatte sich eine kleine Gruppe von Streunern zusammengefunden und schaufelte Essen in sich hinein, als befürchteten sie es würde einfach verschwinden, wenn sie sich nicht beeilten.

Die meisten von ihnen waren alt und ausgezerrt. Die Alte Welt war nicht besonders freundlich zu den Alten und Schwachen. Sie hatten sich den Yards wohl nur angeschlossen, weil sie glaubten es sei immer noch besser in Gefangenschaft zu leben, als einsam und vergessen zu sterben.

Diese Narren.

„Ich glaube du hast ihn beleidigt“, merkte Nikita an.

Ich brauchte einen Moment um mir klar darüber zu werden, dass sie von Kaleb sprach. „Wenn ich nicht gefesselt wäre, hätte ich ganz andere Dinge mit ihm getan.“ Naja, zumindest sobald mein Körper wieder meinen Befehlen gehorchte ohne dass ich darum fürchten musste bei dem kleinsten Versuch aufzustehen auf dem Boden zu landen.

Meine Schwester schaute zu mir auf. „Was machen wir denn jetzt?“

„Als erstes musst du aufhören aus dem Nähkästchen zu plaudern. Die glauben du seist leicht beeinflussbar, deswegen stellen sie dir all diese Fragen. Sie wollen die Aufenthaltsorte von anderen Streunern haben.“

„Die würde ich nie verraten!“

„Du hast ihnen also nichts von Marshall und den anderen erzählt bevor ich aufgewacht bin?“

„Nein.“

Hoffentlich stimmte das. „Dann behalte es auch weiterhin für dich. Sag ihnen nichts. Erzähl ihnen auch nicht wo wir gewohnt haben. Wenn sie dir Fragen stellen lüge sie einfach an, oder noch besser, du redest überhaupt nicht mehr mit ihnen.“

„Und wie lange? Diese Taktik wird nicht ewig funktionieren.“

„Das muss sie auch nicht. Sie muss nur solange funktionieren bis ich einen Weg gefunden habe wie wir ihnen entwischen.“ Und das würde ich. Ich schwor mir, dass ich Nikita und mich aus den Fängen der Yards befreien würde. Koste es was es wolle.

 

oOo

Kapitel 07

 

„Sag mal hast du gar keinen Hunger?“

Einen Moment ließ ich die vorbeifliegende Landschaft aus den Augen und richtete meine Aufmerksamkeit auf Kaleb. Leider fand ich seinen Anblick nicht viel besser als das was ich draußen vor dem Fenster sah und schaute lieber wieder hinaus. Ich wollte keine weitere Betäubung riskieren, aber allein wenn ich ihn anschaute, wurde ich wieder wütend und konnte daher nicht für mein Handeln garantieren. Es war keine richtige Aggression, es war die verzweifelte Angst die sich mit jedem Kilometer den wir uns bewegten stärker in mir festsetzte und nicht gewillt war in nahe Zukunft auch nur ein kleines Stückchen zu weichen.

„Du bist seit Tagen bei uns und hast seit dem kein Bissen zu dir genommen.“ Er zog einen Rucksack zu sich heran und kramte darin herum. „Wo … ach da.“ Eine kleine Tüte kam zum Vorschein. Er öffnet sie knisternd und hielt sie mir dann vor die Nase. „Was ist hiermit? Sowas kennst du doch bestimmt.“

Ein flüchtiger Blick auf den Inhalt offenbarte mir Nüsse und Trockenfrüchte.

Da es mir nicht fremd war, auch mal ein paar Tage hungern zu müssen, fiel es mir nicht schwer das Essen zu ignorieren und meinem Magen klar zu machen, dass er im Moment nichts zu erwarten hatte.

„Komm schon Kiss, iss etwas“, forderte nun auch Nikita. Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Du musst was essen.“

Zwei Tage. Ich befand mich nun schon seit zwei verdammten Tagen in der Gewalt der Yards und es gab nichts was ich dagegen tun konnte. Kilometer um Kilometer musste ich dabei zuschauen, wie die Landschaft an unserem Konvoi vorbei flog. Dunkle Ruinen die wie uralte Geisterschiffe auftauchten und wieder verschwanden. Ausgeweidete Lagerhäuser mit herausragenden Stahlträgern, ausgeschlachtete Autowracks, tückische Höhlen aus Beton, die früher sicher mal einen Sinn hatten, heute jedoch nur noch als Brutstätten wilder Tiere dienten.

Unter dem Wagen knirschte und knackte es auf unserem Weg über die zerbröckelnden Straßen. Überall rebellierte die Natur, angetrieben von der Zeit alles zu überwuchern, was jemals von Menschenhand geschaffen worden war. Bäume so groß, dass ich ihre Spitzen nicht erkennen konnte, Wurzeln, die aus dem Erdboden brachen und uns das Vorankommen manchmal erschwerten. Doch leider schien nichts uns aufhalten zu können – nicht mal die Panne, die wir gestern hatten und uns stundenlang in der Wildnis an ein und denselben Ort fesselte. Das trieb mich langsam aber sicher schier zur Verzweiflung.

Eden war nicht mehr weit entfernt. Ich wusste es, weil Kalebs Partnern Nadja vor nicht allzu langer Zeit verkündet hatte, dass wir bald die Stadt erreichen würden. Sobald wir hinter den Mauern waren würde es beinahe unmöglich werden den Städtern zu entkommen. Verdammt, es war doch jetzt schon beinahe unmöglich! Mein Herz begann in der aufkeimenden Furcht wieder schneller zu schlagen.

Gestern hatte ich einen Versuch gestartet. Bewacht von zwei Frauen hatten sie mich während einer Pause ins Gebüsch begleitet, um mich zu erleichtern. Eine meiner Wachen hatte ich von den Füßen reißen können. Leider war ich dabei selber gestürzt und hatte mich damit praktisch selber aus dem Rennen genommen. Einen Gegner zu überwältigen wären man selbst mit Fußfesseln und Handschellen dekoriert war, war beinahe unmöglich. Eigentlich war es eher ein Akt der Verzweiflung gewesen, ich hatte nicht wirklich große Hoffnung gehegt ihnen entkommen zu können.

Danach hatten sie meine Wachen auf drei erhöht, wenn ich nicht gerade festgebunden im Wagen saß.

„Komm schon Kiss.“ Nikita griff in die Tüte und zog ein paar Nüsse heraus. „Nur ein bisschen.“

„Ich habe keinen Hunger.“ Ich lehnte mich in meinen Sitz zurück und vermied es sie anzusehen. Ich war sauer auf meine kleine Schwester. Heute Morgen hatte sie die perfekte Gelegenheit abzuhauen verstreichen lassen, weil sie mich nicht allein lassen wollte.

Ja, natürlich wusste ich dass wir aufeinander aufpassten und die eine die andere niemals im Stich lassen würde, aber nicht zu gehen wenn sich ihr die Chance bot, war einfach nur dumm gewesen. Jetzt fuhren wir wieder, nun war es zu spät.

„Hier.“ Kaleb drückte Nikita die ganze Tüte in die Hand. „Vielleicht überlegt sie es sich ja nochmal. Und falls nicht, wir sind ja bald in Eden. Da ist das Essen sowieso viel besser.“

In Nikitas Augen blitzte Interesse auf. „Was passiert sobald wir in der Stadt sind?“

„Integration.“

„Hä?“

Kaleb lächelte. „Sobald wir die Stadt erreicht haben werden wir euch und die anderen Streuner als erstes zur Quarantänestation auf der vierten Ebene bringen. Dort könnt ihr euch Waschen, bekommt frische saubere Kleidung und essen und werdet auf Herz und Nieren untersucht.“

Nikita schien ein Augenblick mit sich zu ringen, nicht sicher welche Frage sie zuerst stellen sollte. Dann entschied sie sich für: „Vierte Ebene?“

„Der Stadtteil zwischen der vierten und fünften Mauer.“

Vierte und fünfte? Wie viele Mauern hatte diese Stadt denn bitte?

„Pass auf“, erklärte Kaleb auf Nikitas fragenden Blick hin. „Eden wurde ursprünglich auf deinem Hügel errichtet, groß genug für ein paar hundert Menschen. Das war kurz vor der Wende gewesen.“

Die Wende war der Zeitpunkt als den Menschen klar wurde, dass ihr Leben keinen Pfifferling mehr Wert war und die Welt den Bach runterging.

Alles hatte mit einem Anstieg der Sterberate bei Neugeborenen begonnen. Anfangs waren es nur Tiere, sehr bald jedoch waren auch Menschen betroffen. Was folgte waren unfreiwillige Schwangerschaftsabbrüche gefolgt von Unfruchtbarkeit. Die Menschheit und andere Säugetiere begangen auszusterben und niemand konnte etwas dagegen unternehmen.

Man sprach von Mutter Naturs Rache. Die Menschen hatten die Welt zu sehr ausgebeutet, jetzt fiel es auf uns zurück.

Heute war vielleicht noch ein Prozent der Menschen Fruchtbar – wenn überhaupt so viele. Ich war in meinem ganzen Leben nur zwei fruchtbaren Menschen begegnet und das waren meine eigenen Eltern gewesen.

Das war der Grund warum die Menschen in den letzten paar Jahrhunderten langsam aber sicher ausstarben. Die Wirtschaft brach zusammen, der Fernverkehr kam zum Erliegen. Die einst blühende Zivilisation verwandelte sich in heruntergekommene und verlassene Ruinen. Der Fortschritt starb einfach aus.

Was nach der Wende zurück blieb, waren die Überreste einer einst blühenden Kultur. Meine Heimat, die Alte Welt. Alles was außerhalb von den Stadtmauern von Eden lag gehörte dazu, rottete langsam vor sich hin und wurde von der Natur nach und nach verschluckt, bis es eine ganz andere Welt war – eine Welt in der nur die Stärksten überleben konnten.

„Aber damals waren unruhige Zeiten“, erklärte Kaleb weiter. „Die Menschen kämpften ums Überleben und machten vor nichts und niemanden mehr halt. Darum wurde zum Schutz der Anwohner eine Mauer um Eden errichtet, die schon damals als unüberwindbar galt.“

„Und?“, fragte Nikita. „Ist sie das wirklich?“

„Ich weiß nicht. Ich habe es nie auf einen Versuch ankommen lassen. Aber wenn ich wirklich darauf ankommen lassen würde … sagen wir einfach mal so, ich glaube nichts ist unmöglich.“ Er zwinkerte ihr zu. „Wie dem auch sei. Nachdem der erste Ring errichtet wurde, kamen die Menschen um dort Schutz zu suchen. Natürlich wurde der Platz sehr schnell sehr knapp und so begannen die Leute sich direkt vor der Mauer anzusiedeln und dort ihr Häuser zu errichten. Mit der Zeit wurden es so viele, dass man sich entschloss noch einen weiteren Ring um die neu angesiedelten Menschen vor der Mauer zu bauen, um auch die Leute dort in Sicherheit zu bringen.“ Er lehnte sich auf seinem Sitz zurück. „Aber so viele Menschen müssen natürlich auch versorgt werden, daher entwickelte man ein Konzept um jeden Anwohner gerecht zu werden. Man legte Felder an, baute Unterkünfte, sorgte dafür dass jeder eine Aufgabe hatte und seinen Beitrag leisten konnte. Die Stadt wuchs weiter. Heute verfügt sie über fünf Ringe und der sechste ist gerade mitten im Bau begriffen.“

„Fünf Ringe. Und überall leben Menschen?“

„Leben und arbeiten. In jedem Teil der Stadt sind andere Bereiche des Lebens untergebracht. Auf der vierten Ebene befindet sich die Landwirtschaft. Bis vor kurzen waren dort auch die Truppen der Stadt untergebracht, genau wie das Quartier der Yards, aber die hat man bereits mit ein paar anderen Einrichtungen auf die noch unfertige fünfte Ebene verlegt.“

„Andere Einrichtungen? Zum Beispiel die Quarantänestation?“

„Nein, die noch nicht. Wie du selber weißt gibt es ein paar Streuner die uns nicht ganz freiwillig begleiten.“

Nikita warf mir aus dem Augenwinkel einen kurzen Blick zu.

Kaleb lächelte. „Es wäre einfach nicht sinnvoll sie an einen Ort zu bringen an dem sie nicht sicher verwahrt sind.

„Du meinst wohl, an dem sie leichter entkommen könnten“, murmelte ich vor mich hin und prägte mir seine Information in dem Versuch darauf einen Hinweis zu finden, der mir nützlich sein könnte, ein.

Er lächelte nur. „Die Quarantänestation wird erst auf die fünfte Ebene verlegt, wenn der sechste Ring fertiggestellt wurde. Aber das wir mindestens noch ein Jahr dauern.“

Ah, dann brauchten sie wohl ihre Sklaven um eine weitere unüberwindbare Mauer zu errichten.

„Und die andern Ebenen?“, fragte Nikita. „Was ist da?“

„Hm mal überlegen. Auf der dritten Ebene wird hauptsächlich Handel betrieben. Geschäfte, Märkte, alles was das Herz begehrt. Ein kleiner Teil dort wird bewohnt. Die zweite Ebene ist ein reines Wohnviertel. Hochhäuser, kleine Hütten. Jeder verfügbare Platz dort wurde genutzt um Wohnraum zu schaffen. Auf der ersten Ebene befinden sich die Verwaltungsgebäude der Stadt und die medizinische Versorgung. Außerdem beherbergt diese Ebene den wohl größten Schatz der Menschheit.“

„Schatz?“ Nikita rutschte auf ihrem Platz ein wenig nach vorne. Ihre Augen blitzten begierig. „Was für ein Schatz?“

Kaleb schmunzelte. „Kinder.“

Ich horchte auf. In Eden gab es ein Viertel voller Kinder? Das war nicht möglich. Außerhalb meiner Familie war ich in meinem ganzen Leben bisher nur einem einzigen Kind begegnet. Sie waren so selten, weil es einfach keine fruchtbaren Menschen mehr gab. Kalebs Worte konnten also nur eine Lüge sein.

Nikita wirkte enttäuscht.

„Nicht ganz das was du erwartet hast, was?“ Er schmunzelte.

„Kinder sind okay – denke ich.“

„Ja das sind sie.“ Er beugte sich wieder ein wenig vor. „Der größte Schatz unserer Stadt sind die Kinder, aber das Herz ist das ursprüngliche Eden, der kleine Teil oben auf dem Hügel der schon stand, bevor die erste Mauer errichtet wurde. Der Wohnsitz der Despotin.“

Die Bienenkönigin. Ich hatte von ihr gehört. Sie war das Oberhaupt der Stadt, die Befehlshaberin all ihrer kleinen Arbeitsbienen, der Kopf dieses kollektiven Gehirns. Jeder in Eden beugte sich dem Willen der Despotin. Und wer es nicht tat … ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung was mit demjenigen geschah, aber es war sicher nichts Gutes.

„Es wird vielleicht ein bisschen dauern bis ihr euch zurechtfindet, aber jeder der nach Eden kommt, findet dort seinen Platz.“

„Ob er will oder nicht“, fügte ich bitter hinzu.

„Es geschieht nur zu deinem Besten.“

Ich funkelte ihn an. „Wie kannst du dir die Freiheit herausnehmen zu entscheiden was für mich das Beste ist?“ Ja ich klang zickig und angriffslustig. Na und?

„Es ist die Erfahrung die mir diese Freiheit gibt. Ich habe schon viele Menschen wie dich kennengelernt, Kismet. Auch du wirst einsichtig werden und am Ende dankbar sein.“

Das bezweifelte ich doch stark.

„Wann dürfen wir uns die Stadt anschauen?“, wollte Nikita wissen.

„Sobald man die Freigabe für euch erteilt. Wie bereits gesagt, erst kommen Kleinigkeiten wie duschen und essen. Dann die Untersuchung. Wir können euch nicht zu den andern Menschen lassen wenn ihr eine ansteckende Krankheit habt.“

Ja, weil das sein wertvolles Eden gefährden konnte. „Wie kommst du eigentlich darauf dass wir bei alledem freiwillig mitmachen werden?“, fragte ich gerade heraus. „Ich kann mich verweigern.“

„Das würde ich dir nicht empfehlen.“

Da, das war eine eindeutige Drohung gewesen! Das erste Mal das seine Maske von Unschuld und Hoffnung bröckelte. Ich wollte mich sofort auf diesen Schwachpunkt stürzen, doch in dem Moment sagte Nadja die schlimmsten Worte die mir seit langem zu Ohren gekommen waren.

„Wir sind da.“

Mein Blick ging durch die Windschutzscheibe. Vor uns lagen die Stadttore von Eden.

 

oOo

Kapitel 08

 

Mein Herz begann mit einer Geschwindigkeit zu schlagen, die sicher nicht gesund war. Und zu meinem Leidwesen musste ich gestehen, dass es nicht allein an der Angst lag. Da war noch etwas anderes – Aufregung. Sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Wo kam die bitte plötzlich her?

Direkt vor uns erhoben sich die Tore von Eden. Sie waren groß, geradezu riesig. Zehn, vielleicht zwölf Meter, glatter, tadelloser Stahlbeton. Sauber, ohne Moosflechten, Rissen oder Unreinheiten. Dieser Beton war makellos. Sowas hatte ich noch nie gesehen.

Der Torbogen hatte noch keine Tore. War im Moment auch noch nicht nötig, da die Mauer auf der rechten Seite sich gerade mal im Anfangsstadion befand, ein Einfaches Gerüst das bisher vielleicht fünfzig Meter weit reichte. Auf der linken Seite dagegen hatte man die Mauer bereits hochgezogen. Ich sah sie in der Ferne eine Kurve schlagen und dann hinter Bäumen verschwinden.

Eines allerdings hatten sie bereits fertig gestellt: Die Straße, die durch das Tor führte und die Nadja und der Rest des Konvois nun nahm, um unbehelligt in die Stadt zu gelangen.

Ich rutschte unbehaglich auf meinen Sitz herum, während Nikita aufstand und sich die Nase an der Scheibe plattdrückte. Es war helllichter Tag, keine Wolke am Himmel, die Sonne schien als wolle sie und herzlich willkommen heißen. Beste Voraussetzung dafür sich alles genau anschauen zu können.

Der Sechste Ring war eine riesige Baustelle. Da waren Maschinen mit Rädern, große Baufahrzeuge. Kein Rost, keine abgeblätterte Farbe und zerstörte Teile. Nicht an ihnen zeigte den Verfall, dem ich so oft in der Alten Welt begegnete. Doch das erstaunlichste war nicht der gute Zustand dieser Maschinen, sondern dass sie wirklich funktionierten. Sie fuhren von links nach rechts, schoben Erde von hier nach dort oder hoben schwäre Stahlträger. Aber etwas anderes nahm einen Augenblick meine ganze Aufmerksamkeit gefangen: Die Leute die sich auf dieser Baustelle bewegten.

„Sind das alles Menschen?“, fragte Nikita erstaunt.

Kaleb lächelte. „Es ist ein kleiner Teil der Bevölkerung von Eden.“

Ein kleiner Teil? Das waren mindestens hundert Menschen, wenn nicht sogar noch mehr. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viele Leute auf einem Fleck gesehen. Ich hatte nicht mal gewusst, dass es noch so viel von uns gab!

„Wie viele Menschen leben den in Eden?“, fragte Nikita und drehte sich ein wenig um die Baustelle im Auge behalten zu können, während wir an ihr vorbei fuhren und uns dann immer weiter von ihr entfernten.

„Die Zahlen schwanken immer ein bisschen, aber im Moment beherbergt die Stadt um die fünftausend Bewohner.“

„Fünftausend?!“ Ja das war von mir gekommen und nein, ich hatte mein Erstaunen und Unglauben in diesem Moment nicht verbergen können.

Kaleb lächelte mich an. „Ja, so plus minus ein- zweihundert vielleicht. Die genauen Zahlen sind mir leider nicht bekannt.“

Vorne auf dem Fahrersitz schnaubte Nadja. Etwas in Kalebs Aussage hatte sie dazu veranlasst.

Ich wurde wieder misstrauisch. „So viele Menschen gibt es gar nicht mehr.“

„Oh du würdest dich wundern. Aber wenn man überlegt wie groß die Menschheit einst gewesen ist, dann ist dies nur ein kläglicher Rest.“

Vielleicht. Ich konnte es mir trotzdem nicht vorstellen. Fünftausend Menschen an ein und demselben Fleck? Und ich hatte immer geglaubt Marshalls Gruppe mit fünf Leuten sei schon groß.

Langsam entfernte der Konvoi sich von der Baustelle und rollte über eine gerodete Fläche von vielleicht zwei oder drei Kilometern. Dann ließ Nadja den Wagen langsam ausrollen. Wir befanden uns vor einem weiteren Stadttor, der Eingang zur vierten Ebene. Und dieser Torbogen hatte bereits Tore. Sie waren verschlossen. Links und rechts von ihnen erhob sich der fünfte Ring von Eden. Unendlich hohe Mauern aus einwandfreiem Stahlbeton mit kleinen, schmalen Fenstern. Nein, keine Fenster, Schießscharten. Es war schwer zu erkennen, aber ich glaubte hinter ein paar von ihnen Bewegungen ausmachen zu können. Wachposten.

Nikitas Aufmerksamkeit dagegen lag ganz woanders. Auf dem Tor, dass sich nun langsam öffnete.

Ein paar Leute in grauen Uniformen, die denen der Yards gar nicht unähnlich sahen, kamen mit Geräten in den Händen heraus und traten zu den Fahrzeugen. Eine Kontrolle?

Wir waren der vierte Wagen in der Reihe und es dauerte einen Moment, bis jemand bei uns auftauchte, ein kleiner rundlicher Mann mit Halbglatze und tiefen Lachfältchen um Mund und Augen.

„Nadja!“, rief er begeistert, sobald sie das Fenster heruntergelassen hatte. „Wir haben dich schon vermisst.“ Ungeschickt versuchte er sie durch das Fenster zu umarmen, beließ es dann aber bei einem Tätscheln ihrer Schulter.

„Hallo Monty.“ Ihr Lächeln wirkte etwas gezwungen, als sie ihm die Hand reichte.

Zu meiner Verwunderung nahm er sie aber nicht um sie zur Begrüßung zu schütteln. In der Hand hielt er ein elektronisches Gerät, dass er über ihren Handrücken gleiten ließ, bis es piepte. „Hattet ihr Probleme?“, fragte er.

„Nein, nur das übliche. Zwei Verweigerer.“

„Nur zwei?“

Ihr Blick glitt durch den Rückspiegel zu mir. „Glaub mir, diese beiden reichen.“

Er lachte herzlich.

In dem Moment ging die Seitentür auf und ein zweiter Mann erschien am Wagen. Er war jung, hager und hatte einen ziemlich verkniffenen Gesichtsausdruck. Er musterte mich und Nikita, notierte etwas auf dem Klemmbrett in seiner Hand und zog dann das gleiche Gerät von der Hüfte, das dieser Monty bereits benutzt hatte, während Monty weiter mit Nadja plauderte.

„Hand“, forderte der junge Kerl auf.

Kaleb zog eine Augenbraue hoch. „Weist du Joey, mit einem Bitte kommt man im Leben wirklich weiter.“

Joey machte eine ungeduldige Handbewegung.

Kaleb schnaubte belustigt. „Ist das zu fassen?“, fragte er willkürlich in den Raum hinein, ohne jemand bestimmtes zu meinen und reichte dem Kerl an der offenen Tür seine Hand.

Das Gerät gab ein leises klicken von sich und piepste dann einmal durchdringen.

Ohne ein weiteres Wort schlug Joey die Seitentür wieder zu und verschwand, während Monty noch immer am Fahrerfenster lehnte und versuchte Nadja mit einer kleinen Geschichte zu erheitern.

Mein Blick blieb konzentriert auf Kalebs Hand kleben. Mir fiel wieder ein wie Nikita mir erklärt hatte, dass sie der Schlüssel zu ihren Handschellen sei. Ich hatte auch beobachtet, wie Nadja damit den Wagen zum Laufen brauchte, als sie über ein Feld am Armaturenbrett gestrichen hatte. Ich hatte geglaubt dass es einfach die Berührung brauchte, aber jetzt fragte ich mich ob da vielleicht auch etwas in der Hand drinnen war. Warum sonst sollten diese beiden Männer die Hände der Yards mit irgendwelchen Geräten absuchen?

Vor uns wurde ein Motor gestartet. Durch die Windschutzscheibe konnte ich beobachten, wie der große Bus sich in Bewegung setzte und die Tore passierte. Das Fahrzeug direkt hinter ihnen folgte. Wir waren die nächsten in der Reihe, aber Monty brauchte mehrere Aufforderungen von Nadja, bevor er lachend vom Wagen zurücktrat und uns ziehen ließ. Nadja startete den Motor und fuhr los.

Das war der Moment in dem mein Puls zu rasen begann, auch wenn ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen.

Ja, wir hatten bereits ein Tor durchfahren und auch einen Mauerring hinter uns zurück gelassen, aber diese waren unvollständig. Es wäre kein Problem gewesen sie zu überwinden. Der fünfte Ring dagegen bedeutete in der Falle zu sitzen. Sobald die Tore sich hinter mir schlossen, wäre ich eine Gefangene. Okay, das war ich auch so schon, aber im Moment saß ich nur im Regen. Hinter diesen Mauern wäre ich in der Traufe. Das konnte ich nicht zulassen.

Mit plötzlicher Panik riss ich an meinen Handschellen. Es gab ein lautes Scheppern, als sie gegen die Stange knallten, die mich an Ort und Stelle festhielt. Alle im Wagen zuckten überrascht zusammen.

Ich riss ein weiteres Mal daran.

„Das wird nichts bringen“, erklärte Kaleb ruhig ohne sich gezwungen zu sehen einzuschreiten.

Ich ignorierte ihn und versuchte es ein weiteres Mal. Mir war klar dass es vergebene Liebesmüh war, doch ich konnte das nicht einfach zulassen. Ich musste einfach etwas unternehmen. Und so zerrte und zog ich an meinen Fesseln, während wir das Tor passierten und dem Verlauf der Straße ins Innere der vierten Ebene folgten.

„Kiss.“ Nikita legte mir eine Hand auf den Arm.

Ich starrte sie an, sah ihren ruhigen Blick. Sie hatte keine Angst natürlich nicht, sie hatte schließlich nicht gesehen was ich gesehen hatte. Sie war noch viel zu klein gewesen, kannte nur die Geschichten die ihr ihr erzählt hatte, Gerüchte die durch die Alte Welt gingen. Da war nichts was einen bleibenden Eindruck bei ihr hätte hinterlassen können. Sie sah nur ein neues Abenteuer, so wie sie es jeden Tag suchte, wenn sie durch die Ruinen strich.

Ich kniff die Augen zusammen, klammerte mich mit beiden Händen an die Stange und versuchte meine innere Ruhe wiederzufinden. Hier völlig auszuflippen würde mir nicht helfen. Ich musste einen klaren Kopf bewahren, wach im Verstand und scharf im Blick. Ich durfte mir nichts entgehen lassen, wenn ich jemals einen Weg finden wollte von hier zu entkommen.

Ich rief mir Marshalls Devise in den Kopf. In der Ruhe liegt die Kraft und nur Geduld bringt uns ans Ziel. Daran musste ich mich halten. Ruhe und Geduld. Meine Zeit würde kommen. Aber nicht jetzt. Jetzt musste ich mich erstmal zusammenreißen, damit sie mich nicht wieder in die Bewusstlosigkeit schickten. Dann wäre ich wehrlos, völlig ausgeliefert. Und das mitten in Eden. Soweit durfte ich es nicht kommen lassen.

Reiß dich einfach zusammen, verdammt noch mal!

Während ich versuchte mich zu beruhigen und meinem eigenen Befehl zu folgen, brachte Nadja uns tiefer in die vierte Ebene hinein. Viel gab es nicht zu sehen. Riesige Felder und umzäunte Viehweiden, die Trotzkopfs Pferch wie einen schlechten Witz wirken ließen. Ich hatte noch nie welche gesehen, aber Roza erzählte gerne aus der Zeit vor der Wende. Nicht das sie damals schon gelebt hatte – nein, so alt war sie nun auch wieder nicht – aber in ihrer Familie waren die Geschichten immer weitergegeben worden.

Die Felder reichten von einer Mauer bis an die nächste, nur unterbrochen von Straßen und gelegentlich einem Haus oder einem Stall. Ich glaubte Mais zu erkennen, auch wenn ich noch nie so viel davon auf einem Fleck gesehen hatte und Gerste. Dann waren da Rinder neben einer Weide auf der kleine Wattebäusche grasten. Sie hatten eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Ziege, waren weiß und wollig. Solche Tiere hatte ich noch nie gesehen. Menschen gab es hier jedoch nur wenige. Ein paar auf den Feldern. In der Ferne konnte ich einen Wagen erkennen, der neben einer Viehweide entlangfuhr. Er gehörte nicht zu unserem Konvoi.

Wir fuhren direkt auf die Mauer zu, die die dritte Ebene einschloss. Dieses Mal jedoch passierten wir das Tor nicht, sondern bogen kurz vorher auf der Straße nach rechts zu einer größeren Gebäudegruppe ab, die durch strategisch gepflanzte Bäume das ganze Areal ein wenig von den Feldern und Viehweiden abschnitt – eine rein optische Täuschung, denn es gab keine Zäune.

Vor uns taten sich mehrere Gebäude auf. Ein großes in L-Form, das über drei Etagen verfügte. Daneben ein etwas kleineres, rechteckiges. Dann noch ein langgezogenes, das höher war als die anderen beiden zusammen. Dahinter konnte ich noch ein paar erkennen, doch sie waren von den anderen so weit verborgen, dass ich nichts Genaueres sehen konnte.

Aber sie alle hatten etwas gemeinsam. Stahlbeton, viel Glas und ein praktisch makelloses Äußeres, wenn ich sie mit den zerfallenden Ruinen in der Alten Welt verglich.

Vor uns fuhr der große Bus einen Bogen und hielt dann direkt vor dem L-förmigen Bauwerk. Nadja hielt unseren Wagen direkt daneben an und schaltete den Motor aus. „So, alles aussteigen.“

Kaleb rieb sich erfreut die Hände. „Na dann wollen wir mal.“ Er riss die Seitentür auf und deutete Nikita mit einer Geste, dass sie schon aussteigen könnte.

Unschlüssig schaute sie ins Freie, wo bereits die ersten Streuner unter der Anleitung der Yards den Bus verließen.

„Keine Sorge, hier wird dir nichts passieren“, versicherte Kaleb ihr.

Sie nickte zögernd, drückte dann noch einmal meine Hand und stieg aus dem Wagen. Dort blieb sie dann aber erstmal stehen und schaute nervös von einer Seite zur anderen.

„Ich kümmere mich um das Küken“, verkündete Nadja und stieg dann ihrerseits aus dem Wagen.

Das gefiel mir nicht. Genauso wenig wie es mir gefiel, dass Kaleb über die Sitzbank rutschte, bis er mir direkt gegenüber saß. „So, und nun zu dir. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten“, erklärte er mir und hob einen Finger. „Nummer eins: Ich befreie dich jetzt von deinen Hand- und Fußfesseln und wie beide verlassen diesen Wagen wie zwei gesittete Leute. Dann wirst du uns in die Quarantäneeinrichtung begleiten und tun was man dir sagt.“

Ich schnaubte.

Er hob noch einen Finger. „Nummer zwei: Du kannst dich weiter aufführen wie eine Gefangene und dich nach Leibeskräften wehren, Zeter und Mordio brüllen und deinen unrealistischen Phantasien weiter frönen. Dann bleiben deine Fesseln dran. Du wirst uns dann trotzdem in die Quarantäneeinrichtung begleiten und dort tun müssen was wir dir sagen. Es wird dann nur leider unbequemer für dich werden und deine Bewegungsfreiheit bleibt extrem einschränken.“

Ich kniff die Augen leicht zusammen. Eigentlich gab es da nur eines was ich tun konnte.

„Und wenn du jetzt überlegst dich friedlich zu geben damit ich dir die Fesseln abnehme und dann über uns herzufallen und abzuhauen sobald du deine Chance siehst, sei gewarnt: Nadja und ich sind hier nicht die einzigen Yards. Außerdem treiben sich hier noch sehr viele Stadthüter herum, die für Ordnung sorgen und dich bei einem Fluchtversuch sofort einkassieren und wieder in Fesseln legen würden.“ Er fixierte mich mit einem sehr eindringlichen Blick. „Um ganz deutlich zu werden, wir sind dir hier eins zu zwanzig überlegen – mindestens.“

Und damit hatte sich meine Idee sofort wieder in Luft aufgelöst.

Ein Gefühl der Machtlosigkeit überkam mich. Ich versuchte es nicht zu zeigen, doch ich spürte wie meine Schultern nach vorne sackten und mein Mut sank.

„Wie entscheidest du dich?“

„Als wenn das noch wichtig wäre.“ Wie hatte es nur so weit kommen können? Seit elf Jahren hielt ich mich so weit wie möglich von Eden entfernt. Wir hatten unser Zuhaue extra in einer Gegend gesucht, die schon seit vielen Jahren nicht mehr im Fokus der Yards gelegen hatte. Und doch war ich nun hier und hatte keinen blassen Schimmer, was ich nun tun sollte. Ich konnte mich ihnen nicht ergeben. Das ging einfach nicht.

„Es ist wichtig“, sagte Kaleb leise. „Ich weiß dass du mir nicht glaubst, aber wir möchten dass auch du dich hier wohlfühlst.“

Aber sicher doch. „Solange ich dabei tue was ihr von mir verlangt.“

„Wir verlangen nichts Menschenunwürdiges von dir, nur dass du dich zivilisiert benimmst. Nicht mehr und nicht weniger.“

Es wäre so schön gewesen das glauben zu können, aber ich wusste es besser – viel besser. Ich hatte in die wahren Gesichter dieser Monster geblickt.

Hinter uns brüllte ein Mann vor Wut. Ich sah Nikita einen Schritt zum Wagen zurückweichen, während Nadja nur einen mäßig interessierten Blick für die Ursache übrig hatte. Im nächsten Moment wurde ein Mann an unserem Wagen vorbeigeführt. Breites Kreutz, schmale Hüfte, kleine Augen und wildwucherndes braunes Haar, das ihm verfilzt ins zerfurchte Gesicht hing. Dreißig, vielleicht fünfunddreißig Jahre. So dreckig wie er war, konnte ich das nur schwer einschätzen.

Genau wie die anderen neun Streuner die von den Yards eingesammelt worden waren, hatte ich ihn in den letzten Tagen schon ein paar Mal gesehen. Außer mir war er der einzige Streuner, der sich den Yards nicht freiwillig angeschlossen hatte.

„Er hat sich wohl für die Fesseln entschieden“, sagte Kaleb und drückte die Lippen zusammen.

Wieder brüllte der Mann und versuchte die beiden Yards abzuschütteln, die ihn auf das Gebäude zuführten. Die beiden Uniformierten hatten ordentlich zu kämpfen, aber nicht lange. Aus den gläsernen Flügeltüren des Quarantänezentrums kam ein Dutzend Leute. Sie alle trugen die gleichen grauen Uniformen wie dieser Monty und der andere, Joey. Das mussten dann wohl die erwähnten Stadthüter sein.

Es dauerte vielleicht eine Minute, bis sie den Streuner unter Kontrolle bekommen hatten und ihn ins Gebäude zerrten und damit auch aus unserem SIchtfeld.

„Wie also möchtest du es halten, Kismet?“

Er kannte die Antwort genauso gut wie ich, aber er wollte dass ich es sagte. Dafür hasste ich ihn. „Nimm mir die Fesseln ab.“ Denn solange ich die trug, würde ich es niemals aus Eden hinaus schaffen.

„Und du wirst dich benehmen und tun was wir sagen?“

Oh ja. Das was ich spürte war richtig brennender Hass. „Ja“, quetschte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und verachtete mich dafür selber. Ich hatte nachgegeben. Natürlich nur um eine Chance zu bekommen, doch das zählte wenig.

Lächelnd griff Kaleb nach meinen Händen und strich mit dem Handballen über die Verriegelung. „Du wirst es nicht bereuen, glaub mir.“ Die Schellen summten kurz. Dann klickte es zweimal und Kaleb konnte sie mir abnehmen.

Als er sie an eine Schlaufe an seinem Gürtel hängte, musste ich die Versuchung nach ihm zu schlagen unterdrücken und rieb mir stattdessen die Handgelenke. Ja, die Schellen waren zwar gepolstert, aber die Haut war trotzdem gerötet vom Scheuern.

Auch als Kaleb sich vorbeugte und mit die Fesseln an den Fußknöcheln abnahm, musste ich mich zusammenreißen. Es wäre so einfach gewesen ihn gegen den Kopf zu treten.

Beherrsch dich, befahl ich dir selber. Ruhe und Geduld, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Deine Zeit wird kommen, aber nicht jetzt und nicht hier.

„So.“ Kaleb steckte auch diese Hilfsmittel weg. „Ist doch gleich viel besser, oder?“

Ich sparte mir jede Erwiderung und rutschte auf dem Sitz zur Seitentür. Mein Rücken und meine Beine waren nach der langen Zwangshaltung ein wenig steif und kribbelten unangenehm, als ich aus dem Wagen stieg. Aber wenigstens blieb ich ohne Hilfe stehen.

Doch nun war ich dem Anblick des Gebäudes ausgesetzt. Wenn ich erstmal dort drinnen war, käme ich nicht mehr so leicht hinaus – da war ich mir sicher. Plötzlich fühlte ich mich sehr verwundbar. Dieses Gefühl mochte ich nicht.

Nadja richtete ihre Aufmerksamkeit auf mich. „Sind wir dann soweit?“

„Ich will meine Machete wiederhaben.“ Ich wusste das ich sie nicht bekommen würde, aber … ich weiß auch nicht, ich musste das einfach sagen. Ich wollte meine Sicherheit zurückbekommen, den einzigen Gegenstand, der mir von meinen Eltern noch geblieben war.

Nadja wandte mir den Rücken zu und marschierte Richtung Eingang, wo die anderen Streuner bereits versammelt waren. „Sobald du uns bewiesen hast, dass von dir keine Gefahr mehr ausgeht, können wir darüber reden.“

„Ich will nicht reden, ich will sie wiederhaben.“ Ich folgte Kalebs Aufforderung mich in Bewegung zu setzten. Dabei griff ich nach Nikitas Hand, nicht sicher ob ich sie oder mich selber damit ein wenig beruhigen wollte.

„Um was zu tun?“

Dazu sagte ich besser gar nicht. Aber wahrscheinlich war ihr das bereits Antwort genug.

Kaleb dirigierte uns zu den anderen Streunern, während Nadja ohne Abschiedsworte im Gebäude verschwand. Um die Tür zu öffnen, strich sie mit der Hand über ein eingebautes Panel in der Wand daneben.

Wieder die Hand. Hm.

Mit Nikita und mir standen nun elf Streuner vor den Stufen zur Tür und schienen auf etwas zu warten. Da war ein junger Mann, nur wenig älter als ich. Er hielt sich ein wenig abseits. Vier alte Frauen die dicht gedrängt beieinander standen, als würden sie Schutz suchen. Daneben ein uraltes Pärchen in deren Augen man ihr hartes Leben ablesen konnte. Ganz vorne stand ein alter Mann, die Arme vor Ungeduld vor der mageren Brust verschränkt. Und dann gab es da noch ein kleines Mädchen das kaum älter als sieben Jahre sein konnte. Ihr Haar war dreckig und verfilzt, die Gestalt völlig heruntergekommen und die Augen groß vor Angst. Das einzig auffällige an ihr waren die vielen Sommersprossen, die unter dem Dreck in ihrem Gesicht kaum zu erkennen waren. Sie klammerte sich an eine Frau der Yards, als sei diese ihre letzte Rettung.

Der Anblick gab meiner Wut neue Nahrung. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, was die Yards getan hatten, um an sie heranzukommen. Ich wusste schließlich von Marshall was sie getan hatten um an seine Eltern heranzukommen. Und selbst wenn sie sie einsam und verlassen auf einer leeren Straße gefunden hatten, war es für sie allein dort draußen immer noch besser als hier drinnen.

„Du zitterst.“ Nikita schaute zu mir auf. „Ist dir kalt?“

„Nein“, knurrte ich und versuchte mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, bevor Kaleb auffallen konnte, dass etwas nicht stimmte.

In diesem Moment wurde die Tür der Quarantäneeinrichtung von innen geöffnet. Eine Frau in Begleitung zweier grauuniformierter Stadthüter trat hinaus und blieb oberhalb der Stufen stehen. Sie hatte rotbraunes Haar, das zu einem festen Knoten an den Kopf gebunden war und ihr strenges Gesicht dadurch noch kantiger wirken ließ. Ein bisschen kleiner als ich, dürr. Ihr Körper steckte in einem eleganten olivfarbenen Jumpsuit. An ihren Fingern blitzten mehrere Ringe. In ihrer linken Armbeuge hielt sie ein blaues Klemmbrett, dem sie keine Beachtung schenkte.

Langsam ließ sie den Blick über die Ausbeute der Yards wandern und ließ dabei nicht erkennen in welche Richtung ihre Gedanken glitten.

Brauchte sie auch nicht, ich konnte es mir bereits denken. So nobel und hochaufragend wie sie dort stand, das genaue Gegenteil von den zerlumpten Gestalten zu ihren Füßen. Sie hielt sich garantiert für etwas Besseres als uns niedere Hinterwäldler aus der unzivilisierten Alten Welt. Vielleicht schätzte sie auch ab wer von uns einen guten Sklaven abgeben würde.

Diese Überlegung ließ mich schaudern, doch ich zwang mich ruhig zu bleiben. Meiner Furcht und der unbändigen Wut freien Lauf zu lassen, war im Moment das letzte was ich gebrauchen konnte.

„Hallo alle zusammen“, begann sie mit volltönender Stimme. „Ich freue mich dass sie den Weg zu uns gefunden haben. Daher: Willkommen in der letzten Zuflucht der Menschheit, willkommen in Eden.“ Ihre Lippen verzogen sich leicht nach oben, als hätte sie einen Witz gemacht, den nur sie verstand. Doch dieser Ansatz eines Lächelns wirkte eher gezwungen als ehrlich, so als wäre es ihre Pflicht uns mit einem Lächeln zu begrüßen. „Mein Name ist Annett Gersten. Ich spreche nicht nur für mich selbst, sondern auch im Namen unserer allseits geachteten Agnes Nazarova, wenn ich sage was für eine Freude es ist Sie alle bei uns zu haben.“

Hm, für meinen Geschmack betonte sie ein wenig zu oft, wie sehr sie sich über unseren Anblick freute.

„Heute beginnt für Sie alle ein neuer – und wenn ich das so sagen darf – viel besserer Lebensabschnitt. Von nun an können Sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen und müssen nur offen für Ihre aussichtsreiche Zukunft sein, in der nicht nur wir Ihnen etwas geben können. Ich bin mir sicher, jeder von ihnen wird in der vor uns liegenden Zeit seinen eigenen angemessenen Beitrag zu einem harmonischen Zusammenleben leisten können und sich in das Leben dieser Stadt mit einbringen.“

Und ich war der Meinung das jedes Wort das bisher ihren Mund verlassen hatte eine wohldurchdachte Lüge war. Naja, bis auf den Teil mit dem Namen – vielleicht.

„Als persönliche Assistentin unserer Despotin bin ich dafür verantwortlich, dass bei Ihrer Ankunft alles zur allgemeinen Zufriedenheit verläuft. Um dies zu gewährleisten, werden sie gleich durch diese Tür hinter mir geführt, wo man sie dann in zwei Gruppen aufteilt und ihren vorübergehenden Betreuern übergibt. Die Frauen werden dann bitte der Tür rechts zuwenden, die Männer links. Man wird sie zu den Duschen bringen und ihnen anschießend frische Kleidung aushändigen. Danach wird man sie in den Speisesaal führen, wo sie nach Herzenslust schlemmen können, bis sie zu ihrer Untersuchung abgeholt werden. Während ihrer Wartezeit können sie sich natürlich auch den Unterhaltungsmedien zuwenden. Es werden immer genug Angestellte anwesend sein, an die sich bei einem Anliegen wenden könne, sollten sie bei etwas Hilfe benötigen oder eine Frage haben. Auch ich werde die nächsten Stunden vor Ort sein. Bitte folgen Sie den Anweisungen des Personals und der Betreuer und halten sie sich an die Regeln um Zwischenfälle zu vermeiden. Wir wünschen keine Gewalt in unserem Haus. Im Speisesaal hängen Listen mit den Hausregeln aus. Da wahrscheinlich die wenigstens von ihnen lesen können, wird man sie nachher gemeinsam mit ihnen durchgehen.“ Sie warf einen kurzen Blick auf ihr Klemmbrett, als müsste sie sich versichern, dass sie nichts vergessen hatte. „Nun denn. Folgen sie nun bitte den Betreuern und kommen sie ihren Anweisungen nach.“

„Na dann mal los.“ Kaleb lächelte uns an und versuchte mir die Hand auf den Rücken zu legen, um mich hinein zu begleiten.

Ich wich ihm hastig aus. „Ich kann allein laufen.“

„Okay.“ Er hob die Hände. „Wollte nur helfen.“

Ja, so wie er mir schon seit Tagen helfen wollte. Warum nur wollte der Kerl mich ständig antatschen? Ich warf ihm einen giftigen Blick zu und folgte den anderen Streunern in das Gebäude hinein.

Und so betreten wir die Abgründe der Menschheit.

Hinter den Türen lag ein kleiner Empfangsbereich mit einem Tresen, hinter dem diese Annett Gersten verschwand und sich leise murmelnd an einer Frau wandte, die dort an einer Maschine arbeitete.

Die Eingangszone war hell und schlicht gestaltet. Die Wände in einem solch blendenden Weiß, dass mir die Augen davon tränen wollten. Der halbrunde Tresen aus hellen Holz zog sich fast über die komplette Länge. Links gab es eine kleine Sitzgruppe, mit einem Arrangement aus Blumen. Rechts hinter dem Tresen führte ein Korridor weiter ins Innere des Gebäudes. Strategisch platzierte Bilder an den Wänden ließen ihn freundlich und einladend wirken. Der Raum wurde durch indirektes Licht erhellt. Mehr gab es nicht zu sehen, nur noch die beiden Türen links und rechts.

Okay, so abgründig sah es hier dann doch nicht aus.

Andererseits … vor ein paar Jahren hatte Marshall mir eine Pflanze mitgebracht, er nannte sie Sonnentau. Ich fand sie auf eine exotische Art sehr schön, doch diese Schönheit sollte nur darüber hinwegtäuschen, was sich in ihrem Inneren verbarg. Sie lebte nicht wie andere Pflanzen von Licht und Wasser, ihre Leibspeise waren Fliegen, die sich in den klebrigen Tentakeln ihrer Blätter verfingen.

So kam ich mir in diesem Moment auch vor, wie eine dumme Fliege, die in die klebrigen Sekrete einer Fleischfressenden Pflanze geraten war.

Was hatte ich heute nur wieder für eine blühende Phantasie!

Vor der rechten Tür standen drei Frauen in rosafarbenen ausgebeulten Anzügen, vor der linken drei Männer.

Die Frauen waren alle älter als ich, wobei die Blondine mit dem offenen Haar und dem freundlichen Lächeln die jüngste unter ihnen war. Die anderen beiden Lächelten nicht, sie wirkten eher gelangweilt. Besonders die Alte mit den tiefen Krähenfüßen um die Augen.

Und überall verteilt im Raum befanden sich Stadthüter, die uns mit wachsamen Blicken im Auge behielten. Wen ich dagegen nicht sah, war der Streuner, den sie schon zuvor hereingebracht hatten.

„Na denn, wir sehen uns im Speisesaal“, verabschiedete Kaleb sich und lächelte Nikita noch einmal an.

Ich unterdrückte den Impuls sie hinter mich zu ziehen. Ein böser Blick, der ihn eigentlich aus den Latschen hätte kippen lassen müssen, musste ausreichen. Dieses geheuchelte Interesse mit der Maske der Freundlichkeit gefiel mir mit jedem Mal weniger.

„Bis dann“, sagte meine kleine Schwester leise, dann konnten wir zusehen, wie er am Tresen vorbei im Korridor dahinter verschwand.

„Die Frauen hier her bitte“, rief die alte grauhaarige Frau mit den tausend Krähenfüßen.

Widerwillig wandte ich mich nach rechts zu den drei Betreuerinnen. Der braune Teppich unter meinen Füßen dämpfte jeden meiner Schritte.

Aus dem Augenwinkel beobachtete ich die kleine Sommersprosse. Sie weigerte sich die Hand ihrer betreuenden Yard loszulassen. Die Frau musste sich erst vor die Kleine Hocken und ein paar eindringliche Worte an sie richten, bevor das Mädchen sich an die blonde Betreuerin übergeben ließ. Dann wurde ihr auch noch zum Abschied der Kopf getätschelt. Wie einem Hund.

Mehr waren wir für die doch sowieso nicht.

Der Knoten der Wut in meiner Brust wuchs ein Stück. Wenn das so weiterging, würde er bald platzen und eine riesige Sauerei hinterlassen, die dickflüssig von den Wänden tropfen würde.

Ich konnte es geradezu vor mir sehen.

„Bitte folgen Sie mir alle.“

Die Tür wurde geöffnet. Man scheuchte uns hindurch in einen keinen Raum mit langen Holzbanken an den Wänden. Eine große blaue Tonne stand in der Mitte, auf einer der Bänke ein kleiner Weidenkorb. Daneben ein geschlossener Pappkarton. In der gegenüberliegenden Wand gab es eine weitere Tür. Und es war ziemlich warm in diesem Raum. Allein vom Stehen geriet ich in Versuchung zu schwitzen.

„Bitte ein bisschen Beeilung dahinten“, forderte die grauhaarige Betreuerin uns auf. Als würden wir ihren Zeitplan durcheinander bringen, wenn wir zwei Sekunde zu lange brauchten.

Ich drängte Nikita ein wenig zur Seite, halb hinter mich und versuchte zu ignorieren wie begierig sie alles in sich aufsog, während sie sich schutzsuchend an meinen Arm klammerte.

Die Tür wurde von innen geschlossen. Ein summen. Daneben blinkte ein rotes Lämpchen auf. Ich hatte schon oft Lampen gesehen – alt und zerbrochen, nichts als Schrott in den Trümmern von Jahrhunderten – aber noch nie war mir eine unter die Augen getreten, die wirklich funktionierte – zumindest keine, die nicht mit Feuer funktionierte.

Dieses Licht bannte mich einen Moment so sehr, dass ich die Gefahr die uns drohte kurze Zeit ausblenden konnte.

Die grauhaarige Betreuerin klatschte in die Hände und lächelte jeden einzelnen von uns freundlich an. „So meine Damen, wenn ich nun einen Augenblick um ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte, das wird nun folgendermaßen ablaufen: Sie werden sich entkleiden und all ihre Sachen in die blaue Tonne werfen. Wir werden es für sie entsorgen. Sollten sie Dinge bei sich tragen die sie behalten möchten, dann legen sie sie bitte in den Weidenkorb. Nach einer Überprüfung werden ihnen die Sachen später im Speisesaal wieder ausgehändigt. Wenn sie das soweit erledigt haben, wird Joulia jeden von ihnen ein Waschset aushändigen.“ Sie zeigte auf Blondine, mit dem Permanentlächeln, die gerade dabei war den Pappkarton zu öffnen. Sommersprosse stand in der Zwischenzeit bei der braunhaarigen Betreuerin. „Damit gehen Sie dann bitte durch die Tür zu den Duschen um sich zu waschen. Sollten Sie Hilfe bei der Bedienung der Anlage brauchen, wir stehen ihnen die ganze Zeit zur Verfügung.“

Sie strahlte als hätte sie für ihre kleine Ansprach einen Preis verdient, aber es brauchte noch ein wenig Zeit und weitere Worte, bis sie die erste Frau dazu bekam sich langsam auszuziehen. Es war die Alte, die die draußen mit dem alten Mann gestanden hatte. Erst als sie begann mühselig ihr verdrecktes Hemd über den Körper zu zerren, legten auch die anderen Frauen zögernd ihre Sachen ab.

Nikita warf mir einen unsicheren Blick zu, löste dann aber das Seil an ihrer Taille und warf es in die blaue Tonne, als wollte sie es schnellstmöglich loswerden.

Ich folgte ihrem Beispiel. Kaum hatte ich das Seil an meiner Hüfte gelockert, zog sie sich schon das Musselinhemd über den Kopf und stand dann nackt im Raum. Ich brauchte länger als sie – viel länger. Mein Hemd war eher dünn, doch es vermittelte mir die Illusion von Schutz und daher widerstrebte es mir sehr es abzulegen.

Diese Joulia begann bereits damit Waschsets an die ersten Frauen zu verteilen, als ich mein Hemd unwillig zu den anderen Kleidungsstücken in die blaue Tonne fallen ließ. Mir war klar dass ich es nie wiedersehen würde. Die Städter würden es sicher einfach verbrennen. Ihnen würde egal sein wie lange Roza daran gesessen hatte, um es mir zu machen.

Ich bekam einen kleinen Beutel aus einem dicken Stoff in die Hand gedrückt, der mit drei kleinen bunten Fläschchen gefüllt war. Dann trieb man uns durch die nächste Tür in einen großen weißen Raum. Der Boden und die Wände dort waren seltsam glatt und kühl, obwohl der Raum selber sehr warm war. Ein Muster, wie bei einem Schachbrett, nur das alles weiß war. Auch an den Wänden. Silberne Armaturen waren an den Wänden angebracht, zehn auf jeder Seite. Ich hatte sowas schon gesehen, abgelaufen, fleckig und halb verrostet. Hier jedoch glänzten sie wie am ersten Tag.

Die Armaturen zogen sich von Hüfthöhe bis einen halben Meter über den Kopf. Am anderen Ende des Raumes war wieder eine Tür.

Die Grauhaarige trat vor. „Duschkopf.“ Sie zeigte nach oben. „Da kommt das Wasser raus. Warmes Wasser stellt man hier ein, kaltes hier.“ Sie demonstrierte es.

Als aus dem Duschkopf plötzlich Wasser schoss, machte ich vor Schreck beinahe einen Satz zurück. Nikita dagegen strebte dem halb entgegen.

Dann wurde uns das Duschset erklärt. Der Beutel war ein Lappen, die drei kleinen Fläschchen Waschmittel. Blau für den Körper. Rot und gelb für die Haare, wobei sie mehr als einmal erwähnte, dass wir zuerst die Rote Flasche benutzen mussten. Dann wurden wir wieder aufgefordert uns in Bewegung zu setzten.

Es war Nikita die der Anweisung als erstes nachkam – so schnell, dass ich sie nicht mehr aufhalten konnte. Begierig griff sie nach den Wasserhähnen und gab dann ein Geräusch des Entzückens von sich, als das warme Wasser zu fließen begann.

Die anderen Frauen folgten ihrem Beispiel.

Ich tastete mich zögernd voran, drehte den Wasserhahn und hielt dann vorsichtig eine Hand unter den Duschkopf. Hunderte kleiner Tropfen schossen auf mich zu. Warmes Wasser. Ich hatte bisher noch nie so warmes Wasser gespürt. Höchstens einen See der von der Sonne erwärmt war. Es fühlte sich okay an.

Langsam trat ich darunter und ließ die weichen Tropfen auf mich niederprasseln. Etwas in mir entspannte sich – ein ganz kleinen bisschen.

Nikita seufzte glückselig und seifte sich mit dem Lappen und dem Inhalt des blauen Fläschchens ein. Das Wasser hatte ihr ihre Löwenmähne an den Kopf gedrückt und ließ sie noch viel jünger aussehen.

Die Verzückung in ihrem Gesicht gefiel mir nicht. „Gewöhne dich nicht zu sehr an diesen Luxus, wir werden nicht lange bleiben.“ Sobald sich uns eine Möglichkeit bot, würde ich sie mir über die Schulter werfen und die scheiß Yards würden von mir gerade mal noch eine Staubwolke am Horizont erblicken.

Etwas wie Enttäuschung blitzte in Nikitas Augen auf. Doch sie überspielte es mit einem breiten Lächeln und hielt ihr Gesicht in den warmen Wasserstrahl. „Aber solange es anhält, kann ich es doch genießen. Außerdem, so wie du dich benimmst, werden sie dich vorerst nicht aus den Augen lassen. Ich dagegen werde mich schon bald frei bewegen können.“

Ich nahm sie scharf ins Auge konnte aber nichts dagegen sagen, denn sie hatte Recht. Vielleicht sollte ich den Yards auch ein wenig entgegenkommender sein.

Das Duschen wurde zu einer sehr langen Prozedur. Der längliche Raum fühlte sich nach und nach mit Dunst. Manche von uns waren so dreckig, dass ihnen ein zweites Waschset ausgehändigt wurde. Eine der alten Frauen stand noch immer unter dem heißen Duschstrahl, als ich durch die Tür am Ende der Duschen in einen weiteren Raum trat. Er hatte Ähnlichkeit mit dem in dem wir uns ausgezogen hatten, nur dass es hier noch ein paar Regale gab, voll mit Handtüchern und Kleidung wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Die drei Betreuerinnen geben uns alles Nötige aus. Jeder zwei Handtücher und einen Satz Kleidung.

Ich verzog mich mit Nikita in die Hintere Ecke um mich abzutrocknen. Dabei bemerkte ich einen Spiegel an der Wand, der für einen Moment meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir beide waren darin zu sehen, Nikita und ich. Wir beide hatten die gleiche dunkle Hautfarbe und auch das gleiche krause schwarze Haar. Doch wo ihres wild wuchernd in alle Richtungen abstand, war meines kurz geschoren – ich mochte es nicht, wenn mir die Locken die Sicht versperrten oder Gestrüpp darin hängen blieb. Wir waren beide sehr schmal, sogar dürr. Unsere Rippen waren mehr als nur zu erahnen. Ich war etwas größer als Nikita, mein Gesicht ernster. Vom Leben gezeichnet würde Marshall jetzt sagen. Und wir beide hatten die gleichen dunklen Augen. Sie waren Braun, wie die meiner Mutter.

Nikita war für ihr Alter eher zierlich und klein, schmale Hüfte, schmale Brust. Ich war das genaue Gegenteil. Breite Hüften und große Brust. Marshall mochte das an mir.

Ich drückte die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. Jetzt an ihn zu denken war hinderlich. Ich musste mich auf diese Situation konzentrieren, durfte mich nicht ablenken lassen.

„Das fühlt sich komisch an“, meinte Nikita und hüpfte auf der Stelle zweimal auf und ab. Sie hatte sich bereits die ausgegebene Kleidung übergezogen. Ein weißes Hemd, luftiger Stoff, der locker an ihrer schmalen Gestalt herunterhing. Langärmlig, bis über die Hüften. Dazu gab es eine Hose aus dem gleichen weißen Stoff. Sie war so lang, dass Nikita sie etwas hochkrempeln musste. Der helle Stoff ließ ihre braune Haut noch dunkler wirken. Das Bild einer Krähe im Winter erschien vor meinem inneren Auge. Ich schüttelte es ab und zog meine eigenen Sachen über.

Nikita hatte Recht, es fühlte sich wirklich seltsam an. Nicht unangenehm, einfach nur ungewohnt. Während ich noch dran arbeitete mich an den Stoff auf meiner Haut zu gewöhnen, ging Joulia herum und gab aus einer Kisten etwas aus dass sie Hauslatschen nannte. Sie drückte Nikita und mir je ein paar in die Hand und ging dann weiter zur nächsten.

„Schuhe!“, sagte meine kleine Schwester verzückt und fiel in dem Versuch sie sofort anzuziehen beinahe um.

Ich war zu verblüfft um etwas zu sagen. Ich hatte noch nie Schuhe besessen. Ich brauchte sie nicht und unsere mageren Ressourcen konnten wir anderswo besser nutzen. Doch jetzt hielt ich sie in der Hand und man erwartete von mir dass ich sie anzog. Aber ich konnte nicht. Es war albern, denn es waren nur Schuhe und dennoch sträubte sich alles in mir sie über die Füße zu ziehen. Als würde ich mich und alles woran ich glaubte verraten, wenn ich in ein Stück Stoff schlüpfte.

„Das ist mal ein wirklich seltsames Gefühl“, erklärte Nikita während sie ihre Füße hin und her drehte und probeweise ein paar Schritte damit lief. „Daran muss ich mich wohl erstmal gewöhnen.“

Warum? Warum wollte sie sich daran gewöhnen? Wir brauchten keine Schuhe, hatten sie noch nie gebraucht.

Nikita schaute zu den Latschen in meinen Händen. „Willst du deine den gar nicht anziehen?“

„Nein.“ Ich ließ sie an Ort und Stelle einfach fallen.

Etwas wie Bestürzung flackerte in Nikitas Augen. „Aber Kiss -“

Ein lautes Klatschen ließ uns beide zusammenzucken, doch es war nur die grauhaarige Betreuerin, die ihre Hände zusammengeschlagen hatte, um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. „Wenn die Damen dann soweit fertig sind, würde ich sie bitten sich bei mir an der Tür zu versammeln.“

Bitten. Fast hätte ich geschnaubt. Und wenn ich dieser Bitte nun nicht nachkam? Wenn ich mich nun sträubte? Dann würden sie mich wieder in Fesseln legen und zwingen das zu tun was sie wollten. Obwohl sie wahrscheinlich weiterhin behaupten würden, das alles wäre nur zu unserem Besten.

Warum eigentlich? Warum taten sie überhaupt so, als wären sie die netten Leute von nebenan? Was sollte diese ganze Show? Glaubten sie damit unser Wohlwollen zu gewinnen? Unser Vertrauen? Hofften sie dass wir auf diese Art leichter zu manipulieren waren?

Wenn ich mir Nikita anschaute, dann musste ich mir eingestehen, dass es wirklich das sein konnte. Alle waren freundlich zu meiner kleinen Schwester und sie ließ sich um den kleinen Finger wickeln. Naiv wie sie war ließ sie sich von der Stadt beeindrucken, genoss es sogar. Ja, es war mir nicht entgangen. Dabei waren wir gerade mal eine Stunde hier. Wie würde es erst nach einem Tag sein? Oder wenn Nikita aufging, dass das alles nichts weiter als eine Maske war?

Ich hatte sie doch gewarnt – so oft. Ich musste mit ihr reden, so schnell wie möglich. So lange wir unter Beobachtung standen, ging das nur leider nicht.

Später.

„So, wenn nun bitte alle herkommen würden.“ Die grauhaarige Betreuerin wartete bis wir alle uns um sie versammelt hatten. Die kleine Sommersprosse klammerte sich an ihr Bein. „Bevor wir jetzt in den Speisesaal gehen, noch ein paar Worte zum weiteren Ablauf. Wir werden jetzt in die Mensa gehen, wo sie sich frei an unserem Büffet bedienen dürfen. Aber ein Wort der Warnung. Es kommt nicht selten vor, dass sich unsere Neuzugänge zu viel zumuten. Viele von ihnen sind übermäßige Nahrungszufuhr nicht gewohnt, deswegen übertreiben sie es beim ersten Mal bitte nicht. Bei uns gibt es genug essen, um jeden von ihnen den Rest seines Lebens problemlos zu versorgen.“

Da kam man nicht umhin sich zu fragen, wie lange dauerte der Rest unseres Lebens?

Die Grauhaarige wartete einen Moment, bis sie der Meinung war, alle hätten verstanden. „Nach dem Essen bleiben sie bitte im Saal oder gehen in den angrenzenden Gemeinschaftsraum. Ich und meine beiden Kolleginnen werden zu ihnen stoßen und sie nacheinander dann zu einem Interview aufsuchen. Anschließend wird man sie für eine Erstuntersuchung zum Arzt bringen.“

Wir glücklichen.

„Im Anschluss werden sie zurück in den Gemeinschaftsraum gebracht, wo sie dann bis zum Abend frei über ihre Zeit verfügen können. Haben das alle soweit verstanden?“

Ein paar murmelten zustimmend, die meisten jedoch blieben einfach stumm. Selbst die Frauen die freiwillig hier waren, schienen noch ein wenig unsicher zu sein, wie sie sich in der neuen Situation verhalten sollten.

„Nun denn, folgen sie mir bitte meine Damen, das Essen erwartet uns bereits.“

Die letzte Tür wurde geöffnet. Dieses Mal gelangten wir nicht in ein weiteres Zimmer, sondern in einen langen weißen Korridor mit einem dünnen Teppich, der unsere Schritte dämpfte. Hin und wieder ging links oder rechts eine Tür ab, aber uns wurde nicht gesagt, was sich dahinter befand.

Das Grüppchen der vier alten Frauen hatte sich wieder dicht zusammengedrängt. Ihre Blicke gingen neugierig hin und her und ihr leises Geflüster erfüllte die Luft. Das kleine Mädchen klammerte sich an die Hand von dieser Joulia, das nun saubere Haar war noch etwas feucht, die Augen groß und rund.

Ich hielt mich mit Nikita ein wenig an der Seite und prägte mir den Weg ein. Keine offenen Türen, keine Fenster. Keine Möglichkeit schnell zu verschwinden. Meine Lippen wurden zu einem dünnen Strich.

Na was hast du denn erwartet? Eine Tür mit einem Schild: Hier winkt die Freiheit?

Fast hätte ich geschnaubt.

Weiter vorne war eine offene Flügeltür aus Glas. Geräusche von Stimmen und das Klirren von Geschirr kamen uns entgegen. Unsere drei Betreuerinnen führten uns hinein.

Ein kleiner Saal. Im ganzen Raum verteilt standen Tische mit Stühlen. Die rechte Wand hatte große Fenster – vergittert. Unter den Fenstern standen lange Tafeln voller Speisen. Meine Augen wurden groß. Sogar mein Mund öffnete sich vor Unglauben.

„Siehst du das?“, fragte Nikita leise und zupfte dabei aufgeregt an meiner Kleidung. Der Anblick schien sie beinahe zu überwältigen.

In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viel Essen auf einem Fleck gesehen – niemals. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich in meinem Leben so viel schon gegessen hatte. Töpfe und Pfannen waren zusammen mit dekorierten Tellern arrangiert worden. Warme und kalte Speisen.

Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

„So“, sagte die grauhaarige Betreuerin. „Bedienen sie sich meine Damen. Nehmen sie sich was sie wollen und setzten sie sich. Wenn sie -“

„Alice!“, rief das kleine Mädchen plötzlich. Sie riss sich von Joulia los, rannte quer durch den Raum und warf sich einer Frau in die Arme, die ich als den Yard wiedererkannte, die bereits draußen vor dem Gebäude bei ihr gewesen war.

Diese Alice war einen Moment überrascht, aber dann lächelte sie. Sie sagte etwas. Auf die Entfernung konnte ich nicht verstehen was es war, aber dann nickte sie unseren Betreuerinnen zu, nahm die Kleine an die Hand und führte sie zu den aufgetragenen Essen unter den Fenstern, wo das Mädchen sich zögernd etwas aussuchte.

Unsere Betreuerinnen lächelten und dann schickten sie uns es der Kleinen gleich zu tun.

Die vier Frauen traten nur zögernd an das Buffet, die ganz Alte dagegen nahm sich einen Teller vom Stapel an der Seite und begann sofort damit sich einen Berg Essen darauf zu häufen, den sie schlürfend zum nächsten Tisch brachte.

Ich hielt mich noch etwas zurück. Das alles gefiel mir einfach nicht. Ich verstand nicht warum die Yards das machen. Was bezweckten sie mit ihrer Freundlichkeit?

„Komm schon Kiss.“ Nikita machte sich von mir los und stürzte zu dem Essen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Hinter der Tafel standen zwei Männer, die bereitwillig Auskunft erteilten, als Nikita sie nach den einzelnen Speisen befragte. Überwiegend Fingerfood, wie sie es nannten. Möhren-Streifen, dampfender Blumenkohl, aufgeschnittene Tomaten, grüner Salat und etwas das sie als Zucchini bezeichneten. Es gab Obst wie Äpfel, Birnen und Schalen voller Beeren. Brot, Grieß, Kartoffeln und kleine weise Körner, die sie als Reis nannten. Fettarmer Joghurt und Käse wie ich ihn noch nie gesehen hatte.

In mehreren Kannen boten sie uns Fencheltee, Milch und Wasser an.

Nikita nahm sich von allem etwas und häufte sich einen ganzen Berg auf ihren Teller.

Ich verkniff es mir meine Hand auch nur nach einer einzigen Sache auszustrecken. Mein Magen konnte noch so sehr darauf bestehen gefüllt zu werden, ich konnte nichts von diesen Speisen nehmen. Ich konnte einfach nicht. Selbst den Becher mit Wasser musste Nikita mir aufschwatzen, bevor ich meine Finger dazu überreden konnte, sich darum zu schließen. Sie selbst nahm sich Milch und trug ihre Beute dann zu einem Tisch in der Nähe der hinteren Wand.

Erst als ich ihr folgte bemerkte ich den Türbogen an der Seite. Kleine Gruppen von Menschen befanden sich in dem Raum dahinter und starten auf bewegte Bilder.

Ich beugte mich zur Seite. Ja wirklich, die Bilder bewegten sich.

„Komm schon Kiss“, drängte Nikita und setzte sich auf ihren Stuhl. Ich nahm ihr mit meinem Wasserglas in der Hand gegenüber Platz und schaute mich wachsam im Raum um.

Die männlichen Yards die mit uns zusammen nach Eden gekommen waren, befanden sich bereits im Saal. Aber da waren noch viel mehr Menschen. Ein paar erkannte ich als die Yards die uns auf der Reise hier her begleitet hatten – ja auch Kaleb und Nadja. Dann waren da Stadthüter und ein paar Streuner die nicht zusammen mit uns gekommen waren. Zumindest glaubte ich dass es Streuner waren, denn sie trugen die gleiche weiße Kleidung, die wir bekommen hatten.

„Das ist doch verrückt, oder?“ Nikitas Finger schwebten über ihrem Teller, als könnte sie sich nicht entscheiden, was sie zuerst essen sollte. Dann viel ihre Wahl auf dieses Zucchinigemüse. „So viele Menschen an einem Ort. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sowas jemals sehen würde.“ Sie ließ das Essen in ihrem Mund verschwinden und verdrehte glücklich seufzend die Augen. „Das ist echt lecker.“

„Hmh.“ Ich achtete kaum auf sie. Ständig klebten meine Augen an diesem kleinen Mädchen. Aber es war nicht sie die ich sah, sondern ein anderes kleines Mädchen, eines dass ihre Mutter hatte sterben sehen.

„Du solltest das wirklich mal probieren.“ Nikita hielt mir einen Löffel mit diesen weißen Körnern unter die Nase.

„Nein danke, ich hab keinen Hunger.“ Wie waren die Yards nur an dieses kleine Mädchen gekommen? Was hatten sie jetzt mit ihr vor?

„Du hast seit Tagen nichts gegessen. Du wirst bald einfach umfallen.“

Ich schloss einen Moment die Augen. Sie für ihr Verhalten anzufahren würde sie nur kränken und ansonsten gar nichts bringen. Nikita lebte für ein Abenteuer, das hatte sie schon immer. Und Eden war wohl das größte Abenteuer ihres bisherigen Lebens. Vielleicht waren es gerade die ganzen Schauergeschichten die ihr erzählt hatte, die es anziehend auf sie wirken ließen. Die Faszination des Makabren sozusagen. Ich konnte nur hoffen, dass sie ihr Misstrauen nicht verlor und vorsichtig blieb, denn Eden war nicht das was es zu sein schien.

„Na los, iss was.“

Sie stierte mir solange ins Gesicht bis ich ergeben seufzte und die kleinen weißen Körner in den Mund nahm. Das Zeug war weich und schien mehr oder weniger Geschmacksneutral zu sein. Es war leicht gewürzt, aber was genau es war konnte ich nicht sagen. Sowas hatte ich jedenfalls noch nie gegessen.

„Schmeckt es?“

Bei der fremden Stimme zuckte mein Gesicht zur Seite.

Neben uns stand einer der Betreuerinnen. Joulia. Sie lächelte. Irgendwie lächelten hier alle. Das musste eine Epidemie sein.

Sie musterte den leeren Platz vor mir auf dem Tisch. „Haben Sie keinen Hunger?“

„Sie isst nie viel“, antwortete Nikita an meiner Stelle und schob sich noch einen Berg vom Reis in den Mund.

„Das ist schade. Aber vielleicht bekommen Sie ja später noch Hunger.“

„Vielleicht“, murmelte ich sehr unverbindlich und hoffte dass sie damit wieder verschwinden würde.

Natürlich tat sie mir diesen Gefallen nicht – wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Stattdessen zog sie sich einen der leeren Stühle unter dem Tisch hervor und legte ihr Klemmbrett vor sich auf den Tisch. „Wenn sie beide nichts dagegen haben, würde ich jetzt gerne das Interview mit ihnen führen. Für die Akten.“

„Und wenn ich etwas dagegen habe?“

Joulia zögerte, versuchte aber tapfer ihr Lächeln beizubehalten. „Ich störe wirklich nicht lange.“

Als ich den Mund erneut öffnen wollte, warf Nikita mir einen tadelnden Blick zu. Fehlte nur noch das sie mir unterm Tisch gegen mein Schienbein trat. Ich klappte den Mund wieder zu.

Super, jetzt musste ich mich schon von einem pubertierenden Teenager tadeln lassen.

„Also.“ Nikita ließ ihre Finger über ihrem Teller rotieren und entschied sich dann für einen Möhrenstick. „Was wollen Sie wissen?“

„Nur ein paar kleine Fragen, dann bin ich gleich wieder weg.“ Sie nahm ein paar Zettel aus ihrem Stapel und blätterte sie durch. Als sie das Gesuchte fand, legte sie es oben drauf. „Am besten wir fangen erstmal mit etwas einfachem an.“ Aus der Brusttasche zog sie einen Stift. „Name und Alter.“ Und da war es wieder, das strahlende Lächeln.

„Mein Name ist Nikita.“ Sie biss von ihrem Stick ab und wedelte dann damit herum. „Ich bin fünfzehn“, führte sie mit vollem Mund fort.

Sofort begann Joulia auf ihre Papiere zu kritzeln.

Ich konnte nicht lesen was sie dort schrieb. Nicht weil sie versuchte es vor mir zu verbergen, sondern weil ich nicht lesen konnte. Ich hatte es nie gelernt, aber so viel wie sie dort schrieb bekam ich den Eindruck, dass sie weit mehr aufschrieb, als nur ihren Namen und ihr Alter.

„Und Sie sind?“

„Meine Schwester ist Zweiundzwanzig“, beantwortete Nikita die Frage, bevor ich überhaupt die Chance dazu bekam.

Joulia stutzte. „Ihre Schwester?“

„Kismet.“ Sie zeigte mit ihrer Möhre auf mich, bevor sie den Rest in ihrem Mund verschwinden ließ. „Kismet, zweiundzwanzig“, wiederholte sie, weil Joulia sich nicht sofort Notizen machte.

Die schaute erstaunt zwischen uns beiden hin und her. „Sind sie zusammen aufgewachsen, oder …“

„Wir haben die gleichen Eltern. Wir sind echte Schwestern“, erklärte ich.

Na bitte, ich hatte etwas zu diesem Interview beigetragen, ganz ohne Feindseligkeiten. Dafür sollte man mir einen Orden verleihen.

„Also nicht nur gleiche Generation, sondern wirklich von derselben Mutter und demselben Vater?“

„Das habe ich doch gerade gesagt.“ Freundlichkeit ade, bye bye Orden.

Ich konnte sie schon verstehen. Die Streuner starben aus, weil es einfach keine fortpflanzungsfähigen Menschen mehr gab. Trafen dann doch mal zwei aufeinander, passierte es selten, dass sie mehr als ein Kind hatten, da es nicht einfach war eine große Familie zu ernähren. Es war also schon eine Kuriosität, wenn man auf jemanden wie uns traf.

„Jetzt haben sie beide mich wirklich sprachlos gemacht.“ Was sie allerdings nicht daran hinderte, auf einem zweiten Blatt weitere Notizen zu machen und die auf dem ersten zu ergänzen. „In meiner ganzen Laufbahn als Betreuerin, habe ich noch nie mit leibhaftigen Geschwistern zu tun gehabt.“

Oh ja, wir haben es verstanden, wir waren einen Abnormität.

„Also gut.“ Sie schaute wieder auf, direkt zu mir, überlegte es sich dann aber anders und konzentrierte sich lieber au Nikita. „Und ihre Eltern? Geht es ihnen gut?“

„Wie man es nimmt“, sagte ich kalt und zog die Aufmerksamkeit damit wieder auf mich. „Sie sind tot.“

Joulia versuchte ihr Lächeln beizubehalten. Es gestaltete sich als schwierig. „Das tut mir sehr leid.“

„Das glaube ich ihnen nicht.“

Nun schien sie sich definitiv unwohl in ihrer Haut zu fühlen. „Kismet, ich bin nicht ihr Feind.“

„Mein Freund sind Sie aber auch nicht.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Ein deutliches Zeichen von Abwehr. Sie bemerkte es.

„Nun gut.“ Sie atmete einmal tief durch, als müsste sie sich selber Mut machen. „Diese Frage wird jetzt vielleicht unangenehm sein, aber wie genau sind ihre Eltern gestorben?“

Das hatte sie jetzt nicht gefragt!

Nikita öffnete den Mund, schloss ihn aber sofort wieder, als sie meinen Blick sah.

Die Wut die ich schon den ganzen Tag so gut wie es ging unterdrückte, loderte mit all ihrer vernichtenden Kraft wieder auf. „Wollen sie Einzelheiten zu den Monstern, die sie geschlagen haben bis sie blutend und schreiend am Boden lag, oder reicht es Ihnen, wenn ich Ihnen sage, dass ihre Todesschreie mich noch heute im Schlaf verfolgen?“ Ich hatte versucht nett zu sein, aber bei diesem Thema richteten sich all meine Stacheln auf. Schließlich war ihr Volk daran schuld, dass ich ohne Mutter aufwachsen musste.

Damit hatte ich Joulia mundtot gemacht. Sie schaute mich einfach nur an.

„Mein Vater starb an einer Lungenentzündung, als ich gerade mal eins war“, erklärte Nikita schnell, als hätte sie Angst, dass ich mit meinen Worten unsere Aufnahmeprüfung gefährden würde. So eine gute kleine Streunerin. „Meine Mutter wurde ein paar Jahre später von drei Männern getötet.“

Erzähl ihnen doch auch gleich was für Männer das gewesen sind!

Nikita wich meinem Blick aus.

„Das muss sehr schwer für sie gewesen sein.“ Joulias Stimme war mitfühlend und ich konnte nicht sagen, ob es ehrlich war oder nur gespielt. Doch als sie ihre Hand auf die von meiner kleinen Schwester legte, hätte ich sie am liebsten von Stuhl geschubst.

Nikita zuckte nur mit den Schultern. „Ich war noch sehr klein und kann mich nicht an sie erinnern. Kiss hat es schwerer getroffen.“

Als Joulia sich mit zuwandte, kniff ich meine Augen leicht zusammen.

„Versuchen sie ja nicht ihre mitfühlende Nummer bei mir auszuprobieren, das wäre ihrer Gesundheit nicht förderlich.“

Wieder zögerte sie, beließ es dann aber wortlos dabei und schrieb weitere Zeilen auf die beiden Papierbögen vor ihrer Nase. „Wahrscheinlich glauben Sie mir das nicht, Kismet, aber es tut mir wirklich leid für Sie. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es für zwei kleine Mädchen ohne Eltern in der Alten Welt sein muss.“

Nein das konnte sie sich nicht. Aber wenn sie nur noch ein Wort zu diesem Thema verlauten ließ, konnte es wirklich passieren, dass sie gleich mit der Nase voran auf den Boden klatschte. Dabei war es mir völlig egal, ob ich wieder nette kleine Armreife als Accessoire bekäme.

„Aber ich glaube es ist besser, dieses Thema erstmal fallen zu lassen.“

Gedankenleser?

Joulia schaute wieder von ihren Papieren auf. „Haben Sie beide einen Nachnamen?“

Nachnamen? „Ich bin ein Streuner. Wozu sollte ich einen Nachnamen brauchen?“

„Brauchen tuen Sie ihn vielleicht nicht, aber bei manchen Streunern ist es Tradition ihn trotzdem an ihre Nachkommen weiterzugeben. Wenn wir ihn haben, können wir nachsehen, ob Sie entfernte Verwandte in der Stadt haben.“

Verwandte? In dieser Stadt? Das war ausgeschlossen. Wir lebten seit Generationen in der Alten Welt. „Ich lege keinen Wert auf irgendwelche Verwandte die Sie aus was-weiß-ich für Gründen aus dem Hut zaubern.“

Sie versuchte nicht einmal mehr zu Lächeln, ein Seufzen reichte.

Die Gabel klickte, als Nikita gegen ihren Teller kam. „Unsere Mutter hatte einen Nachnamen“, sagte sie leise.

„Und er ist mit ihr gestorben“, fügte ich kühl hinzu. Als wenn ich diesen Bastarden irgendetwas über meine Familiengeschichte erzählen würde.

Eine stille Musterung, dann huschte Joulias Stift wieder über das Papier. „In Ordnung, kein Nachname. Ist nicht so schlimm. Ihren Verwandtschaftsgrad können wir auch mit der DNA-Analyse klären.“

„Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass wir hier Verwandtschaft haben?“, wollte Nikita wissen und führte dann einen weiteren Bissen Reis zu ihrem Mund.

„Das ist eine ganz einfache mathematische Rechnung. Es gibt nicht mehr viele Menschen und noch weniger die sich fortpflanzen können. Vielleicht sind ja bereits früher Streuner die entfernt mit ihnen verwandt sind nach Eden gekommen. Für unsere Forschung und die Erhaltung brauchen wir diese Daten. Wir wollen den Genpool doch sauber halten.“

Ich verstand die Worte die sie da von sich gab nur zum Teil, der Sinn entzog sich mir aber völlig. Was war ein Genpool?

„Okay, dann gehen wir doch zur nächsten Frage über. Kennen Sie ihr genaues Geburtsdatum?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Das war uns nie wichtig.“

„Dann vielleicht den Monat?“

„Ich wurde im Frühling geboren“, warf Nikita ein. „Kiss hat immer erzählt, als ich auf die Welt kam, begannen die ersten Blumen des Jahrs zu blühen.“

„Frühling, ja?“ Joulia wühlte wieder in ihrem Papierstapel herum und zog ein weiteres Blatt hervor. Ihr Stift kratzte übers Papier, als sie eilig etwas darauf notierte. „Und Sie?“, fragte sie mich dann. „Wissen Sie in welcher Jahreszeit Sie zur Welt gekommen sind?“

„Winter“, antwortete Nikita für mich. „Es war wohl einer der kältesten Tage des Jahres gewesen.“

Ich warf meiner kleinen Schwester einen warnenden Blick zu. Sie schien es nicht mal zu merken. Oder sie ignorierte es einfach. Diesen Gedanken fand ich sehr besorgniserregend.

„Einer der kältesten Tage sagst du? Dann können wir vielleicht sogar das genaue Datum ermitteln. Unserer Daten sind sehr umfangreich. Wir zeichnen alles auf, auch das Wetter und die Temperaturen.“

Aha.

„In Ordnung, dann weiter. Geburtsort?“

„Die Alte Welt.“

Joulia verzog gequält da Gesicht. „Vielleicht ein wenig genauer?“

Dieses Mal schwieg auch Nikita.

„Okay, also nicht. Dann … wo haben sie die letzten Jahre gelebt?“

Ich gab ihr die gleiche Antwort wie vorher: „In der Alten Welt.“

„Und wo genau?“

Auch dieses Mal schwiegen wir beide.

„Naja, ist ja nicht so wichtig. Ich werde einfach die Yards fragen, wo genau man euch gefunden hat, dann …“

„Nicht gefunden“, unterbrach ich sie. „Entführt. Die Yards haben uns entführt, gefesselt und dann gegen unseren Willen hergebracht.“

Mit jedem meiner Worte schien Joulias Unbehagen zu wachsen. „Wir entführen keine Menschen.“

„Dann habe ich mir die letzten Tage in Ketten an ein Auto gefesselt also nur eingebildet und das alles ist nichts weiter als ein böser Traum. Ich muss also nur noch aufwachen und alles ist wieder so wie es sein sollte.“

Joulia legte die Hände flach auf den Tisch und atmete einmal tief durch. „Wir sind eine Zuflucht, Kismet, kein Gefängnis. Ich weiß nicht unter welchen Umständen man Sie hergebracht hat, aber ich kann Ihnen versichern, dass alles was unternommen wurde nur zu Ihrem besten war.“

Ich schnaubte und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Irgendwie sagen hier alle das gleiche.“

„Weil es stimmt.“

Aber sicher. Hier war alles in bester Ordnung und meine Alpträume entsprangen allen meiner lebhaften Einbildungskraft. Was da doch für verdorbene Abgründe in meinem Geist lauerten.

Nikita schaute zwischen uns hin und her. Sie schien sich sorgen zu machen. Wahrscheinlich missfiel ihr mein Verhalten. Ich verstand sie ja, aber ich schaffte es einfach nicht etwas daran zu ändern. Diese Leute, dieser Ort, meine Machtlosigkeit gegenüber diesen Menschen … das alles machte mich so wütend.

„Warum fragen Sie uns das eigentlich alles?“, wollte Nikita dann wissen. Wahrscheinlich hoffte sie uns damit zu unverfänglicheren Themen lotsen zu können.

Joulia versuchte es wieder mit ihrem tapferen Lächeln. „Zur Registrierung und Zuteilung. Wir wissen gerne wer und wie viele Menschen sich in Eden aufhalten. Und außerdem müssen wir noch entscheiden, was genau mit Ihnen beiden geschehen soll.“

Wie entschieden sie das? Warfen sie eine Münze?

Manchmal war es wirklich gut, dass mich keiner denken hören konnte. „Was genau verstehen sie unter Zuteilung?“

„Eure Zukunft.“ Sie rutschte etwas auf ihrem Stuhl herum und lehnte sich dann mit den Unterarmen auf den Tisch. „Jeder Mensch in Eden hat eine Aufgabe. Wir machen Test und entscheiden nach den Fähigkeiten, für welchen Bereich jemand geeignet ist. Darin wird er dann ausgebildet um ein nützliches und anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu werden.“

„Das heißt, sie werden uns vorschreiben was wir zu tun haben.“

„Nun ja … ja.“

Ich beugte mich vor und imitierte ihre Halten. Das hatte ich als Kind sehr oft getan um Marshall zu irritieren. Und da Joulia sich nun zurücklehnte funktionierte das wohl auch bei anderen Menschen. „Und wenn wir mit dieser Zuteilung nicht einverstanden sind?“

„Die Wünsche der Menschen werden natürlich berücksichtigt. Leider können wir sie nicht immer bedenken, aber wir geben uns Mühe.“

Mühe. Alles klar. „Und wenn uns die Zuteilung so wenig gefällt, dass wir uns weigern?“

„Wenn es wirklich nicht geht, dann muss die betreffende Person anders eingesetzt werden, aber es ist wichtig, erstmal alles auszuprobieren.“

Ein paar Tische weiter gab es einen kleinen Tumult. Eine der alten Frauen übergab sich lautstark und scheuchte die anderen damit von ihren Stühlen. Da hatte wohl jemand die Warnung der grauhaarigen Frau in den Wind geschossen und sich maßlos überfressen.

Nikita nahm dieses Beispiel anschaulicher Maßlosigkeit als Warnung und schob ihren Teller von sich.

„Damit haben Sie meine Frage nicht beantwortet.“ Ich neigte den Kopf leicht zu Seite. „Was wird geschehen, wenn wir die uns aufgezwungene ach-so-wichtige Aufgabe verweigern?“

„Sowas passiert wirklich sehr selten.“

„Hören Sie auf mir auszuweichen und beantworten Sie meine Frage.“ Ja mir war bewusst, wer hier eigentlich die Zügel in der Hand hielt, aber Joulia schien ein schwaches Glied in der Eden-Kette zu sein und ich hatte absolut kein schlechtes Gewissen, das ich meine Wut deswegen ausgerechnet an ihr ausließ.

Sie seufzte. „Man wird eine andere Aufgabe bekommen.“

„Und wenn man auch diese verweigert. Und jede andere die einem gegeben wird?“

Für einen Moment blieb unsere Betreuerin stumm. „Es werden Mittel und Wege gesucht, die einen dazu bringen die Anforderungen zu erfüllen. Jeder in Eden muss sich nützlich mache, so funktioniert diese Gesellschaft nun einmal.“

Hatte ich es mir doch gedacht. „Deutlich gesagt bedeutet das friss oder stirb.“

Joulia und ich starrten uns an.

„Was keine neunmalkluge Erwiderung?“ Nein ich konnte es mir nicht verkneifen noch ein wenig tiefer zu sticheln.

Joulia schüttelte den Kopf. „Nun gut, ich denke so bringt das nichts.“

Das erste Mal das wir einer Meinung waren.

„Wir werden ein anderes Mal weitermachen.“

„Ich kann es kaum erwarten.“

Joulia versuchte ihr Lächeln wiederzufinden, als sie ihre Papiere zusammenschob und wieder im Klemmbrett verstaute. „Sie sollten sich etwas zu Essen holen, Kismet, es ist nicht gesund zu hungern und wir haben reichlich.“ Sie nickte Nikita zu, erhob sich von ihrem Platz und lief gemächlichen Schritts zu einem anderen Tisch um dort ein Interview zu führen.

„Du solltest netter sein“, tadelte mich meine kleine Schwester, kaum dass sie außer Hörweite war.

Ich funkelte sie an. „Nett? Das hier war kein Vorstellungsgespräch, Nikita, das war ein Verhör in dem es allein darum ging so viele Informationen wie möglich aus uns herauszuquetschen, um sich noch weitere Streuner in die Stadt zu holen. Du solltest langsam mal besser überlegen hin und wieder deinen Mund zu halten oder wenigstens darüber nachdenken was du sagst bevor du sprichst.“

Sie schallte sofort in ihren Trotzmodus. „Ich habe nachgedacht. Ich habe nichts Wichtiges verraten. Keine Sorge, Marshall, Roza und Leroy sind in Sicherheit.“

„Sei still!“ Hastig schaute ich mich um, aber niemand schenkte uns seine Aufmerksamkeit. Ich beugte mich leicht über den Tisch. „Ich will nicht dass du auch nur einen dieser Namen aussprichst, solange wir hier sind, hast du das verstanden?“

„Keine Sorge, ich …“

„Das ist mein ernst.“ Ich schaute nach links, dorthin wo Joulia nun saß und scheinbar mit einem viel kooperativeren Streuner sprach. „Und du wirst niemanden gegenüber erwähnen, wer die Männer waren die unsere Mutter getötet haben, okay?“

„Ich bin ja nicht dumm.“

Nein, das war sie nicht, aber sie war von dieser ganzen Stadt so fasziniert, dass ich befürchtete sie würde in einem unbedachten Moment einfach nicht darauf achten, was sie von sich gab. Es war jedoch wichtig, dass sie den Mund hielt. Wir wussten etwas über Eden von dem ich mir sicher war, dass die Städter es nicht gutheißen würden, denn die dunkelsten und dreckigsten Geheimnisse blieben lieber im Verborgenen. Wer wusste schon was die Menschen aus Eden tun würden wenn sie herausfanden dass wir wussten welche Abgründe unter ihrer Fassade lauerten.

„Aber du hast dich dumm verhalten“, erklärte Nikita im Brustton der Überzeugung. „Wenn du so weitermachst, werden sie dir niemals vertrauen und wir sitzen hier bis in alle Ewigkeiten fest!“

Ich hasste Besserwisser – besonders dann, wenn sie auch noch Recht hatten.

 

oOo

Kapitel 09

 

Der anliegende Gemeinschaftsraum, oder auch Aufenthaltsraum, war von der Größe her ein Spiegelbild des Speisesaals. Das war aber auch die einzige Gemeinsamkeit, die beide Räume miteinander verband. Wo die Kantine hell und lichtdurchflutet war, herrschten hier vor alle Dingen dunkle Töne vor. Holzpaneele an den Wänden, Parkettfußboden – wenn auch etwas abgetreten – indirekte Wandbeleuchtung. Mehrere halbhohe Zierwände mit einer üppigen Bepflanzung obendrauf sorgten in ein paar Ecken für ein wenig Privatsphäre. Und genauso eine Ecke hatte ich mir mit Nikita ausgesucht. Nicht das ich glaubte man würde uns wirklich so etwas wie Privatsphäre gönnen, es sollte nur den Anschein erwecken.

Die meisten der anderen Streuner aus dem Speisesaal hatten sich zu einer großen Gruppe vor einem sogenannten großen Wandscreen versammelt und verfolgten mit Argusaugen die bewegten Bilder darauf. Ein Film. Ein uralter Film aus der Zeit vor der Wende.

Ich saß vielleicht abseits von den anderen Streunern, aber meine Ohren funktionierten und wenn die Betreuer etwas erklärten, dann hörte ich auch zu.

Nikita neben mir seufzte. Sie hatte sich in einen der gemütlichen Sessel neben mir gekuschelt und starrte gelangweilt an die Decke. „Warum können wir uns nicht zu den anderen setzten?“

„Gegenfrage: Warum willst du sich zu den anderen setzten?“ Das Essen hatten wir vor einer guten halben Stunde beendet und seitdem saßen wir hier halbwegs versteckt in der Ecke und ich beobachtete die Menschen die sich hier aufhielten. Bis jetzt konnte ich keinen anderen entdecken, der nicht ganz freiwillig hier war. Wahrscheinlich versteckten sie die.

Würde ja auch einen schlechten Eindruck machen, wenn lauter Leute hier mit Handschellen und Fußfesseln durch die Gegend schlichen.

Dann wäre der Ruf der barmherzigen Samariter ganz schnell dahin.

„Weil ich hier sonst noch vor Langeweile sterbe.“

Andererseits, konnten sie es wirklich schaffen die Maske der Täuschung die ganze Zeit aufzubehalten? Irgendwann musste diesen Leuten doch klar werden, dass sie einer Lüge auf den Leim gegangen waren. Und was dann?

Willst du das wirklich wissen?

Da war ich mir nicht so sicher.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Als ich nicht reagierte, setzte Nikita sich auf. „Kismet!“

„Hm?“

Wer sich aber von der Gruppe fernhielt, war die kleine Sommersprosse. Sie hatte sich zusammen mit der Yard in einen der Sessel gekuschelt und lauschte der Frau, die ihr aus dem Buch auf ihrem Schoß vorlas. Alle Städter konnten lesen.

„Ach vergiss es einfach.“ Sie erhob sich von ihrem Platz, doch bevor sie auch nur einen Schritt gegangen war, hatte ich sie am Handgelenk ergriffen.

„Was glaubst du wo du hingehst?“

„Ich will mich nur mal ein wenig umschauen.“

Umschauen? Gleich würde mich der Schlag treffen. Einfach so und dann wäre es vorbei. „Setzt dich Nikita.“

„Aber -“

„Setzten.“ O-kay, so trotzig wie sie den Mund verzog, war das wohl ein wenig heftig gewesen. „Bitte“, fügte ich deswegen ein wenig sanfter hinzu.

Einen Moment schien sie sich schon aus Prinzip weigern zu wollen, doch dann seufzte sie ergeben und ließ sich wieder in den Sessel sinken. Allerdings entzog sie mir ihren Arm und verschränkte ihn starrköpfig vor der Brust.

Tief einatmen. „Wo sind wir hier?“

„Was?“

„Beantworte mir die Frage. Wo sind wir hier?“

„In Eden.“

Und noch einmal von Anfang an bitte. „Nein, wir sind hier in der Gewalt des Feindes.“

Fast hätte sie die Augen verdreht, ich sah es genau.

„Ich verstehe dass dich das freundliche Getue und der ganze Luxus blenden. Ich verstehe auch deine Neugierde, doch du darfst niemals vergessen …“

„Pssst!“ Sie schlug mir die Hand auf den Mund.

Ich starrte sie an wie ein Frosch eine Fliege und zog ihre Hand weg. „Was soll das?“

„Wir bekommen Besuch.“

Um herauszufinden was sie meinte, musste ich mich um hundertachtzig Grad auf meinem Sessel drehen. Kaleb und Nadja hatten den Raum betreten, ja sie standen praktisch schon bei uns.

Wo kommen die den so plötzlich her?

Gut das wenigstens Nikita sie bemerkt hatte, bevor ich mich um Kopf und Kragen redete.

Kaleb ließ ein strahlendes Lächeln aufblitzen, schaute von Nikita zu mir, entschied sich dann aber dafür, sich lieber auf meine kleine Schwester zu konzentrieren – ich glaube er nahm mir die Tritte immer noch übel. „Na, habt ihr euch schon ein wenig eingewöhnt?“

„Nicht wirklich.“ Nikita rutschte an die vorderste Kante ihres Sessels und gab das strahlende Lächeln zurück, „Aber das kommt ganz sicher noch.“

„Bestimmt“, stimmte er ihr zu.

Nadja hielt ein paar Papiere in der Hand. Ich erkannte sie als jene, auf denen Joulia ihre Notizen zu uns gemacht hatte. Nicht das ich plötzlich lesen könnte, was darauf geschrieben stand, aber ich erkannte die Handschrift wieder.

„Aber bevor es dazu kommt, müssen wir noch ein paar Sachen erledigen.“ Er rieb sich die Hände, als sei er ganz aufgeregt. „Wenn du bereit bist, können wir gleich loslegen.“

Meine Alarmsirenen schrillten los. „Bereit?“, fragte ich bevor Nikita auch nur einen Muskel bewegen konnte. „Bereit wofür?“

Äußerst widerwillig richtete Kaleb seine Aufmerksamkeit mit zu. „Bereit für ihren Termin bei Dr. Pirozzi.“

Moment, Pirozzi? Mir stellten sich die Nackenhärchen auf. Das war doch die Frau die mich zwei Mal sediert hatte. Und die wollte jetzt Nikita sehen? „Ein Termin?“, fragte ich misstrauisch. „Was will die Frau von meiner Schwester?“

„Die ärztliche Untersuchung“, erklärte Nadja. „Du musst sie anschließend auch noch machen.“

„Keine Soge“, fügte Kaleb schnell hinzu, wahrscheinlich um Nikita zu beruhigen. „Es ist nur eine einfache Untersuchung. Ein Routinecheck, damit wir sicher gehen können dass mit ihr alles in Ordnung ist.“

„Dann gehe ich zuerst.“ Nicht das ich scharf darauf war – überhaupt nicht – aber ich würde Nikita nicht diesen Leuten aussetzen.

„Das geht nicht“, erklärte Kaleb. „Das Protokoll verlangt genaue Einhaltung. Wir beginnen mit den jüngsten und Nikita ist jünger als du.“

Mein Blick flackerte zu der kleinen Sommersprosse. Sie verschwand gerade mit ihrer Yard aus dem Saal.

„Machen die keine Sorgen Kismet.“ Kaleb streckte die Hand aus, als wollte er mir die Schulter tätscheln, überlegte es sich auf halben Wege aber nochmal anders und ließ sie einfach wieder an seine Seite fallen. „Du bis wahrscheinlich die Nächste in der Reihe.“

„Wie beruhigend.“

Nikita nahm meine Hand und drückte sie leicht. „Es ist schon in Ordnung Kiss, mir passiert nichts.“

Und das schlimmste an dieser Aussage? Sie schien es wirklich zu glauben. Ich konnte es in ihren Augen sehen. Sie war wachsam, aber sie hatte keine Angst. Ihre Neugierde überwog alles andere – auch ihren Instinkt, der in der Alten Welt für uns alle so überlebenswichtig war.

„Ich komme mit“, entschied ich.

„Nein, das ist …“, begann Kaleb.

„Ich werde sie nicht allein lassen.“ Ich fixierte ihn. Ich musste gehorchen? Den Anweisungen folgen? Das war nicht in Ordnung, aber vorerst würde ich mich fügen. In diesem Punkt allerdings würde ich nicht mit mir reden lassen. Wenn sie versuchen sollten mich von meiner Schwester zu trennen, würden sie Gewalt anwenden müssen. Nicht das ich glaubte sie wären dazu nicht in der Lage – diese Lektion hatte ich bereits gelernt.

Als zwei eindringliche Blicke mich anstarrten, spannten sich meine Muskeln, in der Erwartung einer deutlichen Abfuhr, an. Aber wenn es sein musste, würde ich darum kämpfen bei Nikita bleiben zu können. Dann jedoch hörte ich die Worte.

„Lass sie doch mitkommen.“ Und das kam ausgerechnet von Nadja – da sagte doch noch mal einer, es geschahen keine Wunder. „Dann kann sie sich selber davon überzeugen, dass die Untersuchung völlig harmlos ist.“

„Aber das Protokoll …“, begann der Kaleb.

„Sind eher Richtlinien“, unterbrach Nadja ihn. „Wir nehmen sie beide mit. Wenn es Probleme geben sollte, werde mich dann darum kümmern.“

Nach einem Moment des Nachdenkens, zuckte er gleichgültig mit den Schultern. „Na wenn du meinst.“ Sein Blick richtete sich wieder auf mich. „Aber eine Sache müssen wir vorher noch klarstellen. Du tust was wir sagen. Keine Tritte.“

Jup, er nahm mir das immer noch übel. „Ich werde mich wohl gerade so beherrschen können.“

Er schien nicht überzeugt, was mich dazu veranlasste ihm ein leicht irres Lächeln zuzuwerfen.

„Abmarsch“, befahl Nadja und machte auf dem Absatz kehrt. Dabei hielt sie den Rücken so grade, dass ich überlegte, wer ihr wohl den Stock in den Arsch geschoben hatte.

„Ihr habt es gehört, lasst und gehen.“

Und genau das geschah dann auch. Nikita und ich wurden von den Beiden samt Joulias Unterlagen durch den Speisesaal hinaus in den Korridor und damit tief in die Eingeweide des Gebäudes geführt. Es ging eine Treppe hoch, zweimal nach links und dann durch eine gläserne Doppeltür in einen Vorraum, der mich unten an den Eingangsbereich erinnerte, nur das hier zu beiden Seiten zwei Sitzgruppen arrangiert worden waren.

Alles war so sauber und … steril. Allein durch die Umgebung fühlte ich mich unwohl und rieb mir über die Arme. Das hier war alles so ganz anders als das was mir lieb war.

Nadja meldete uns bei der Frau hinter dem Tresen an, überreichte ihr die Papiere von Joulia und wies uns dann an noch einen Moment im Wartebereich Platz zu nehmen.

Aus dem Moment wurde bald eine halbe Stunde, die zusehends an meinen Nerven zerrte und die Nikita damit verbrachte unsere beiden Begleiter mit Fragen über die Stadt zu löchern. Kaleb versuchte auch mich mehrmals in das Gespräch mit einzubinden, gab es dann aber auf, als ich ihm weiterhin die kalte Schulter zeigte. Das hieß aber noch lange nicht dass ich ihnen nicht zuhörte. Leider erklärten sie nur sehr allgemeine Dinge. Nichts von dem was sie sagten würde mir bei einer Flucht helfen.

Eine Sache jedoch fiel mir auf, während ich lauschte und dabei die Frau hinter dem Tresen beobachtete. Genau wie Kaleb und Nadja hatte auch sie einen kleinen Knubbel an der Hand. Ich musste schon sehr genau hinsehen, um ihn zu finden, aber ich sah ihn. Jeder Städter schien dieses Merkmal zu besitzen. Interessant.

„- wird bei uns als Kulturerbe bezeichnet“, erklärte Kaleb, als sich die Tür an der Seite öffnete und eine rothaarige Frau mit strengen Gesichtszügen und einer weißen Schwesterntracht heraustrat. „In den Musen gibt es allerlei Objekte aus der Zeit vor der Wende, die teilweise sogar noch funktionieren. Da ist zum Beispiel eine Skulptur, die bereits in -“

„Die Frau Doktor wäre dann soweit“, unterbrach die Rothaarige uns und trat zum Tresen um die Unterlagen von der Frau dort entgegen zu nehmen.

Diese wenigen Worte bescherten mir ein extrem mulmiges Gefühl. Nach allem was ich die letzten Tage ertragen hatte, sollte man nicht glauben dass dieser kurze Satz noch groß ins Gewicht fallen würde, aber es war so. Eine Untersuchung durch einen Arzt konnte etwas sehr persönliches sein. Ich würde mich anfassen lassen müssen. Freiwillig. Ich wollte das nicht. Und dennoch erhob ich mich als Nikita praktisch vom Stuhl hüpfte und lächelnd auf die Frau zuging.

Unsere beiden Aufpasser erklärten kurz, dass ich der Untersuchung beiwohnen wolle, und so wurden wir alle zusammen in einen sterilen weißen Raum geschoben.

Vor ein paar Jahren hatte Marshall mich mal zu einem Arzt zwei Tagesreisen von uns entfernt bringen müssen. Ich hatte mich bei der Jagd auf eine Herde Rinder am Oberschenkel verletzt. Eine rostige Stange hatte mir im Vorbeirennen die Haut aufgerissen. Die Folge war eine Entzündung und die Befürchtung, dass ich mein Bein verlieren würde. Ich hatte mein Bein behalten, aber etwas von meinem Muskelgewebe eingebüßt.

Dieser Arzt zu dem Marshall mich damals brachte, hatte mich in seinem eigenen Schlafzimmer behandelt. Ein kleiner schäbiger Raum voller Gerümpel. Ein Bett aus Stroh und ein schiefes Regalbrett mit selbstgemachten Arzneien. Dazu etwas das wie ein scharfkantiger Löffel mit angelaufenen Rotflecken aussah, mit dem er meine Wunde ausgekratzt hatte. So arbeiteten die Ärzte und Heiler der Alten Welt.

Das hier war nicht nur etwas anderes, es war aus einer ganz anderen Welt.

Der Raum war quadratisch, große milchige Fenster, kalte Wände und Böden. Die Wände wurden von Schränken und Anrichten aus Edelstahl dekoriert. Eine bequeme Liege stand an der Wand, daneben ein seltsamer mechanischer Stuhl mit komischen Halterungen. Tiegel und Gläser. Instrumente die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Alles blitzblank. Staub, Dreck und Unordnung hatten hier Hausverbot.

Neben der Tür standen zwei Stühle. Vor dem Fenster ein großer Schreibtisch mit einer Maschine, Papieren und Stiften darauf.

Hinter dem Schreibtisch saß eine Frau. Die gleiche Frau die mich bereits zwei Mal sediert hatte. Klein, rundlich, braunhaarig. Nur trug sie heute nicht die graue Uniform der Yards, sondern einen weißen Kittel mit einem Schildchen an der Brust.

Außer ihr war noch ein Mann mit im Raum. Er saß mit einem Bein auf der Kante des Schreibtisches und blickte auf, als wir den Raum betraten.

Im ersten Moment verstand ich nicht was meine Augen mir da zu vermitteln versuchten. Dieser Mann, er trug auch einen weißen Kittel. Und er sah haargenau so aus wie Kaleb – von den Haaren abgesehen, die waren ein wenig länger.

Und dann schrie Nikita: „Ein Klon!“, und bei mir machte es Klick.

Die rothaarige Krankenschwester, die gerade an uns vorbei wollte, machte vor Schreck einen Satz zur Seite.

Meine Instinkte übernahmen die Kontrolle. Ich riss Nikita hinter mich, schnappte mir einen der Stühle und hielt ihn wie eine Waffe vor mich, bereit ihn jeden über den Kopf zu ziehen, der uns zu nahe kam.

Na kommt doch, mein Stuhl wird euch schon umhauen!

Adrenalin jagte in meinen Blutkreislauf und mein Herz trommelte wie wild. „Keine unmenschlichen Experimente, ja?“, spie ich in Kalebs Richtung und manövrierte Nikita und mich in die Ecke, damit wir die Wand im Rücken hatten. Zur Tür konnten wir nicht, da standen Nadja und die Rothaarige.

Dr. Pirozzi zog bei meinem Worten erstaunt eine Augenbraue hoch.

Die anderen Augenpaare richteten sich verwirrt und belustigt auf mich.

Der Kaleb-Klon dagegen schien sich zusammenreißen zu müssen um keinen Lachanfall zu bekommen. „Klon? Ich bin doch viel Hübscher als Kaleb. Und auch viel Intelligenter.“

Der Witz fruchtete weder bei mir noch bei Nikita. Wir behielten sie weiter wachsam im Auge.

„Nun gut, ich denke ich habe für genug Unruhen gesorgt. Wir sehen uns morgen Magarete.“ Der Kaleb-Klone klopfte zum Abschied auf ihren Tisch und erhob sich.

Die Frau hinter dem Schreibtisch nickte, als er sich eine Akte unter den Arm klemmte und mit einem verdammt viel zu intensiven Blick auf mich aus dem Raum schlenderte. Es war fast, als versuchte er mich zu durchleuchten. Dabei zuckte sein Mundwinkel.

Der macht sich doch wirklich über mich lustig!

„Ich bin ein Teil einer Zwillingspartei“, erklärte Kaleb.

Meine Aufmerksamkeit kehrte ruckartig zu der akuten Gefahr zurück.

„Zwillinge?“ Nikita warf einen Blick zur Tür, die gerade hinter dem Klon zufiel.

„Zwillinge.“ Auch Kalebs Augen lachten mich aus. „Das war mein Bruder Killian. Er ist Gynäkologe. Sein Spezialgebiet ist die Tokologie.“

„In Eden gibt es sehr viele Mehrlingsgeburten“, erklärte Dr. Pirozzi und erhob sich von ihrem Stuhl. „Wir haben uns die Erhaltung der Menschheit zur Aufgabe gemacht und nutzen dazu alle Möglichkeiten die wir haben. Die künstliche Befruchtung ist dabei eine unserer gängigsten Methoden, denn sie ermöglicht es uns mehrere befruchtete Eizellen in die Gebärmutter einzubetten. Wir haben auch noch andere Verfahren. Sie alle zielen darauf ab, möglichst viele Säuglinge zur Welt zu bringen.“

Ich schaute unsicher zwischen ihr und Kaleb hin und her.

„Dr. Pirozzi hat noch einen Zwillingsbruder, wenn ich mich recht erinnere“, erklärte Kaleb. „Nadja hat zwei Zwillingsbrüder.“

Ich schaute zu der Rothaarigen.

„Ich bin Einzelkind.“ Sie lächelte.

Okay, das war … ich war mir nicht ganz sicher wie das war. Vielleicht seltsam? Oder doch eher Bizarr?

„Also ist der Mann, dieser Killian, nicht dein Klon?“, fragte Nikita vorsichtig.

Lächelnd schüttelte Kaleb den Kopf. „Nein ist er nicht. Genaugenommen ist er mein kleiner Bruder. Er kam dreizehn Minuten nach mir auf die Welt. Er ist das kleine verhätschelte Nesthäkchen.“

„Du kannst den Stuhl also wieder runternehmen“, erklärte Nadja kühl. „Wobei das eigentlich keinen Unterschied macht. Als Waffe taugt der nicht wirklich etwas.“

Danke Miss Neumalklug, dass Sie mich an ihrer Weisheit teilhaben lassen.

Als wüsste ich das nicht selber. Aber es hatte sich nichts andere in Griffreichweite befunden. Ein Stuhl war besser als gar nichts. Nicht viel besser, aber besser. Deswegen fiel es mir auch so schwer ihn einfach sinken zu lassen.

Nikita legte mir eine Hand auf den Arm. „Ist schon gut Kiss. Du hast sie doch gehört, alles ist in Ordnung.“

In Ordnung?! Am liebsten hätte ich sie angeschrien und gefragt was mit ihr los war. Nichts an dieser Situation war in Ordnung.

Frau Dr. Pirozzi richtete ihren Blick auf Kaleb und Nadja. „Ich denke Sie beide können dann gehen.“

Nadja nickte. „Falls was sein sollte, wir warten vor der Tür.“

Das hätte sie der Frau Doktor nicht sagen müssen, die wusste das. Das war eine unterschwellige Nachricht für mich. Benimm dich, wir sind überall und behalten dich im Auge.

Ich biss die Zähne zusammen.

„Bis gleich.“ Kaleb hob zum Abschied die Hand und verschwand durch die Tür.

Nadja warf mir noch einen strengen Blick zu, dann war auch sie weg und die Aufmerksamkeit der Frau Doktor lag auf uns.

„Wir wurden uns bisher noch nicht offiziell vorgestellt. Ich bin Dr. Magarete Pirozzi und zuständig für die Erstuntersuchung.“ Sie tat einfach so als wäre der Stuhl in meiner Hand nicht vorhanden, als sie die Unterlagen von der Rothaarigen entgegennahm und einen Blick hinein warf. Es waren die Zettel die Joulia bereits in den Händen gehalten hatte. „Ich werde nun eine körperliche Untersuchung vornehmen. Harn- und Blutproben nehmen und da es sich bei Ihnen beiden um Frauen handelt zusätzlich noch eine kurze gynäkologische Untersuchung machen.“ Ihr Blick richtete sich auf uns. „Wer von Ihnen möchte zuerst?“

Von möchten konnte hier ja wohl keine Rede sein. Ich wage es nicht mich abzuwenden, fixierte die Frau und hielt den Stuhl noch immer schützten vor mir, obwohl er durch sein Eigengewicht langsam herabsank.

„Ich“, sagte dann Nikita und drängte sich dann an mir vorbei. „Ich mach den Anfang.“

Ich griff nach ihr und zog sie zurück. Dabei krachte der Stuhl auf den Boden – mit einer Hand konnte ich den nicht oben halten. „Bist du verrückt?“, fragte ich.

„Wir müssen das tun“, sagte sie leise und sehr eindringlich. „Wir müssen das Spiel mitspielen, bis wir die Flucht ergreifen können.“

Ja, je kooperativer wir waren, desto schneller würde die Bewachung nachlassen. So zumindest war die Theorie.

„Lass mich das machen“, fuhr Nikita fort. „Du passt solange auf.“

Aufpassen. Wie sollte ich das machen? Zwar hatte man mir die Handschellen abgenommen, dennoch waren mir die Hände gebunden. Ich konnte gar nichts tun. Aber ich konnte meiner kleinen Schwester wenigstens das Gefühl von Sicherheit geben. Sie vertraute darauf, dass ich sie schützen würde, komme was da wolle. Und ich würde sie nicht enttäuschen. „In Ordnung.“ Ich ließ den Stuhl an Ort und Stelle zu Boden uns setzte mich mit verschränkten Armen darauf. Dabei fixierte ich die Frau Doktor mit einem wie ich hoffte tödlichen Blick – nein, sie fiel leider nicht einfach tot um. Ich musste wirklich an meine Ausstrahlung arbeiten, so ging das ja mal gar nicht. „Machen Sie ihre Untersuchung.“

Sie lächelte auf eine Art die mir deutlich sagte, dass ich es so oder so nicht hätte verhindern können, einfach weil es nicht meine Entscheidung war und eskortierte Nikita zu der sterilen Liege an der Wand.

Das Papier mit dem es belegt war riss, als sie sich drauf schwang.

„Das ist meine Arzthelferinnen Amelie“ – Fingerzeig auf die Rothaarige – „Sie wird mir bei der Untersuchung assistieren.“

Nikita nickte, sie hatte verstanden. Glaubte sie zumindest.

Ich hatte verstanden. Zwei Frauen gegen ein junges Mädchen. Selbst wenn sie wollte, konnte sie sich nicht wehren, die anderen waren in der Überzahl. Mistige Weiber.

Die Untersuchung begann mit einer Inspektion von Nikitas Haut. Dr. Pirozzi erklärte, dass sie nach Auffälligkeiten und Veränderungen suchte, die auf eine Krankheit hinweisen könnte. Dann befasste sie sich mit der Beweglichkeit ihres Halses und tastete ihn ab. Tastuntersuchung der Lymphknoten. Untersuchung des Herzens. Pulsmessung. Abhören der Lunge. Abtasten des Bauches. Prüfung der Gelenke auf Beweglichkeit. Beurteilung der Wirbelsäule. Untersuchung der Zähne und des Zahnfleisches. Rauf auf eine Waage, Größe ausmessen. Untersuchung der Augen. Dr. Pirozzi erklärte jeden Schritt und Nikita nahm es mit einem Lächeln hin, während sie von einer Seite zur anderen gescheucht wurde.

Die rothaarige Amelie saß währenddessen am Schreibtisch und schrieb alles was gesagt wurde fleißig mit. Davon zumindest ging ich aus.

„So, ich werde dir dann jetzt noch ein wenig Blut für das Labor abnehmen und dir eine Vitaminspritze geben.“ Sie griff auf ein bereits vorbereitetes Tablett und nahm einige der Utensilien davon an sich.

Dann begann die Blutabnahme.

Ich wäre fast aufgesprungen, als ich sah wie man Nikita eine Nadel in den Arm rammte, aber meine Schwester gab keinen Ton von sich. Auch nicht als man eine weitere Spritze an ihrer Haut ansetzte und ihr eine klare Flüssigkeit injizierte.

„Das hätten wir damit auch erledigt.“ Dr. Pirozzi legte ihre Hilfsmittel neben das Röhrchen mit dem Blut aufs Tablett und griff dann nach einem Stäbchen, mit dem sie Nikita im Mund herumstocherte. Dieses Stäbchen landete in einer weiteren Röhre und die Röhre auf dem Tablett.

Amelie stand in der Zwischenzeit schon bereit und begann sofort damit die Proben zu Beschriften.

Was für kleine fleißige Bienchen. So süß wie sie die ganze Zeit schleimten, würde es mich nicht wundern, wenn bald Honig von den Wänden lief.

„So.“ Die Frau Doktor trat dann einen Schritt zurück. „Jetzt würde ich dich bitten dich untenrum frei zu machen und dich auf den Untersuchungsstuhl zu setzten.“

Dieses Mal zögerte Nikita.

„Keine Angst.“ Pirozzi legte meiner Schwester beruhigend eine Hand auf Bein – ganz die nette und einfühlsame Schlächterin. „Ich weiß dass es beim ersten Mal sehr unangenehm sein kann, aber es ist nur eine einfache Untersuchung.“

Ich zwang mich dazu auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, als Nikita sich erhob und den Anweisungen der Ärztin folgte.

Nikita zog die Hose aus und setzte sich auf den Stuhl. Als die Frau Doktor jedoch verlangte, dass sie ihre Beine gespreizt in die Vorrichtung stellte, warf sie einen Blick auf mich.

„Wir können deine Schwester auch rausschicken, wenn du -“

„Nein!“, rief Nikita, noch bevor die Frau ausgesprochen hatte. „Nein, das ist es nicht.“ Sie biss ich auf die Lippe.

„Keine Sorge, wir sind alle Frauen.“

Ich konnte mich nicht länger zurück halten. „Sie will nicht!“, fauchte ich. „Es ist ihr unangenehm.“

„Wenn Sie nicht still sind, werde ich Sie draußen im Wartezimmer Platz nehmen lassen.“ Sie warf mir einen strengen Blick zu. „Mir ist durchaus bewusst, dass es ihr unangenehm ist, aber wir kommen um diese Untersuchung nicht herum.“ Sie schaute wieder zu Nikita. „Am einfachsten ist immer: Augen zu und durch. Je eher Sie es machen, desto eher haben Sie es hinter sich.“

Dem war vielleicht so. Aber in Nikitas Augen stand der Widerwille.

Jetzt verstand sie es vielleicht doch endlich. Es war gemein das zu denken, aber Nikita brauchte dringend etwas die sie aufweckte.

„Es geht ganz schnell“, erklärte Pirozzi.

Nikita biss sich auf die Unterlippe, lehnte sich dann aber zurück und stellte die Beine in die seitlichen Vorrichtungen. Sie starrte die Decke an während die Frau Doktor die Untersuchung durchführte und schlüpfe anschließend ganz schnell zurück in ihre Hose. Wäre sie nicht dunkelhäutig, wären ihre Wangen wohl feuerrot.

Anschließend schickte Dr. Pirozzi Nikita dann auf die Toilette für eine Harnprobe. Genaugenommen wollte die Frau dass Nikita in einen Becher pinkelte. Sowas hatte ich noch nie erlebt. Wozu sollte das gut sein?

Fremde Leute, fremde Sitten.

Als sie wieder zurück kam und den Becher abgab, setzte die Frau Doktor sich an ihren Schreibtisch und widmete sich den ganzen Papieren dort. „Dein Allgemeinzustand ist in Ordnung“, erklärte sie und wies Nikita auf den Platz vor ihr. „Du bist unterernährt und ich werde empfehlen dich zu einem Zahnarzt zu schicken. Ansonsten hast du nichts was nicht mit ein wenig Pflege und Ruhe kuriert werden kann. Natürlich müssen wir noch die Laborergebnisse abwarten.“ Sie blickte auf. „Gab es in deiner Familiengeschichte Erbkrankheiten von denen du weißt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

Es wurden noch ein paar andere Fragen wie Kinderkrankheiten gestellt und ob sie schon mal schwere Verletzungen erlitten hatte. Dann erhob sie sich und steuerte einen verschlossenen Glasschrank in der Ecke an. „Hat man Sie bereits über den Keychip aufgeklärt?“

Nikita schüttelte den Kopf. „Nein.“

Magarete Pirozzi nahm zwei kleine weiße Schachteln aus dem Glasschrank und verschloss ihn dann wieder, indem sie mit ihrer Hand über das Schloss strich. Die beiden Schachteln landeten auf einem silbernen Tablett, zusammen mit anderen Utensilien. Eine durchsichtige Lösung in einer kleinen Flasche, Wattebäusche, Pflaster. Daneben legte sie noch ein kleines Gerät, wie das, das die Stadthüter am Tor benutzt hatten. „Vieles in dieser Stadt funktioniert elektronisch“, erklärte sie, während sie die Sachen nebeneinander arrangierte und dass Tablett dann zu ihrem Schreibtisch trug. „Es ist ein sehr ausgeklügeltes System, auf das jeder Mensch in dieser Stadt durch den sogenannten Schlüssel Zugriff hat.“ Sie öffnete eine der kleinen Schachteln und entnahm ihr etwas, dass mich an die Spritzen denken ließ, die sie vorher verwendet hatte. Nur schien man in dieser hier nichts einfüllen zu können. „Dieser Schlüssel erlaubt es uns die für uns freigegebenen Daten und auch Gegenstände zu nutzen. Du kannst damit beispielsweise Türen öffnen und schließen. Licht an und ausschalten, oder deinen Wohnraum gestalten.“

„Jede Tür?“ Nein ich konnte mich nicht zurück halten das zu fragen. Mist.

Pirozzis Mundwinkel zuckte. „Natürlich nicht. Nur Türen die für Sie freigegeben wurden. Außerdem kann man sich mit dem Keychip über ein Terminal in der Stadt verbinden, oder Daten auf seinem Screen hoch und runter laden, Informationen abrufen. Sie beide werden darin noch geschult und mit all dem vertraut gemacht, damit sie auf das System zugreifen können.“ Sie hielt die seltsame Spritze hoch, entfernte die Kappe und zeigte sie Nikita. „Hier drinnen ist ein kleiner Chip enthalten, der Keychip. Ich werde ihn Ihnen unter der Haut in deiner Hand injizieren. Er wird dich nicht stören und in keiner Weise beeinträchtigen. Dafür wird er dir das Leben hier einfacher machen.“

Meine Muskeln spannten sich an. Sie wollten uns ihre Technologie einpflanzen?

„Haben Sie das auch?“, fragte Nikita und untersuchte die Hand der Ärztin mit den Augen.

„Ja. Jeder Mensch in Eden besitzt seinen Keychip und ist damit im System.“ Sie legte die Spritzte zurück in die offene Schachtel, nahm einen Wattebausch und tränkte ihn mit der klaren Flüssigkeit aus dem Fläschchen. Dann nahm sie Nikitas Hand und wischte damit auf ihrem Handballen herum. „Am Anfang wirst du ihn vielleicht noch merken, aber das geht schnell vorbei.“ Sie nahm die Spritzte wieder in die Hand und setzte sich an dem fleischigen Teil zwischen Daumen und Zeigefinger an.

Nikita hielt ganz still. „Was kann das Teil noch?“

„Das jetzt alles auszuführen würde ein paar Stunden in Anspruch nehmen, besonders da weder du noch deine Schwester bisher ein Verständnis für unsere Technik entwickeln konnten.“ Sie stach die Spritze in Nikitas Hand, drückte den Kolben hinunter und versorgte das Ganze dann geübt mit einem weiteren Wattebausch und einem Pflaster. „Alles was du wissen musst, wirst in den nächsten Tagen erfahren. Sie werden beide einen Einführungskurs machen, in dem man Sie auch mit unserer Technologie vertraut macht und Ihnen zeigt wie man sie nutzt.“

Als Nikita die Hand zu sich zog, schloss und öffnete sie immer wieder die Faust, als wollte sie testen wie gut sie funktionierte. „Ich spüre ihn kaum.“

„Dann habe ich alles richtig gemacht.“ Dr. Pirozzi griff nach dem kleinen Apparat und strich damit über Nikitas Handrücken, bis er piepste.

„Was machen Sie da?“, fragte Nikita neugierig.

„Ich Scanne deine Daten, damit wir sie in das System einspeisen können.“ Sie reichte das Gerät an Amelie weiter, die sofort damit begann irgendwas davon abzulesen und es in die Unterlagen einzutragen.

Die Frau Doktor bereitete währenddessen einen weiteren Wattebausch vor und wandte sich mit ihm zu mir um.

Mein ganzer Körper spannte sich an, doch ich zwang mich sitzen zu bleiben, als sie nach meiner Hand griff und meinen Handballen reinigte. Dieser Chip, er war ein Schlüssel. Mit ihm würde ich Türen öffnen können, Türen die meine Freiheit bedeuten konnten. Ich musste nur stillhalten und ihn mir einpflanzen lassen.

Als sie dann jedoch nach der zweiten Schachtel griff, sprang ich auf und begann vor ihr zurückzuweichen. Das war wie ein Reflex. Sie wollten mir etwas einzupflanzen. Damit würde Eden in meinem Körper eindringen. Das ging nicht. Ich konnte das nicht.

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, erklärte Pirozzi. „Es tut nicht weh. Fragen Sie ihre Schwester, wenn sie mir nicht glauben.“

Ich schnaubte und begann unruhig im Raum auf und ab zu laufen. Als wenn der Schmerz das Problem wäre.

„Sie hat Recht.“ Nikita nickte eifrig. „Das ist nur ein kleiner Picks, mehr nicht.“

Ich blieb stehen und starrte die Spritzte an. Ich musste kooperieren. Ich musste Vertrauen erringen um Freiheit zu erlangen. „Was macht das Teil mit mir?“

„Gar nichts. Wie ich bereits sagte, es ist nichts weiter als ein einfacher Schlüssel, der ihre Zugangsdaten für das System speichert.“

Wenn ich das nur glauben könnte.

„Kismet, mit Ihrer Verzögerung machen Sie es uns allen nur unnötig schwer.“

„Ich mache es Ihnen schwer?“ Fast hätte ich gelacht. „Sie sind es doch die mich gegen meinen Willen zu Dingen bringen will, für die ich nicht bereit bin.“

„Ich folge nur dem Protokoll“, war ihre schlichte Erwiderung. Die hatten hier wohl immer etwas parat, was ihr Handeln in ihren Augen rechtfertigte.

„Komm schon“, sagte Nikita. „Weist du noch? Vertrauen.“

Ja, Vertrauen. Nicht ich musste ihnen vertrauen, sondern sie mir. Ich musste das tun. Daran führte kein Weg vorbei. Sonst würde ich mich bald in Handschellen wiederfinden und meine Freiheit damit noch weiter in die Ferne rücken.

Du kannst das, du schaffst das! Es tut nicht mal weh!

Dabei hätte ich lieber ein paar Schmerzen, als mich darauf einzulassen.

Widerwillig streckte ich die Hand aus, wandte aber den Blick ab, als sie danach griff. Der Wattebausch war kühl. Gleich darauf spürte ich einen Stich in meiner Hand und hörte dann das Piepsen des kleinen Apparats.

„So, war doch gar nicht so schlimm“, erklärte die Frau Doktor und räumte die Utensilien zur Seite, während ich meine Faust an meine Brust drückte und versuchte den kleinen Fremdkörper zu ignorieren.

Nun war Eden in mir drin.

Und vorläufig konnte ich nichts dagegen tun.

 

oOo

Kapitel 10

 

„Es ist zwar nur für eine Nacht, aber fühlt euch ganz wie zuhause.“

Mein finsterer Blick war meine einzige Erwiderung. Nikita aber stieß einen Freudenschrei aus und stürzte sich in das Zimmer, das unsere beiden Aufpasser soeben für uns geöffnet hatten.

„Wow, wow, wow! Kiss, das muss du dir anschauen! Betten, das sind richtige Betten!“

Ich machte einen vorsichtigen Schritt hinein.

Das Zimmer war klein. Wände, Boden und Decke, alles weiß. Links und rechts an den Wänden war jeweils ein Bett. Das weiße Gestellt schien aus Plastik oder einem anderen harten Kunststoff zu sein. Dicke Matratzen, weiche Decken und flauschige Kissen. An den Fußenden der Betten standen zwei Kommoden aus dem gleichen Material wie die Bettgestelle. Direkt gegenüber lag eine weitere Tür. Alles wurde von einem indirekten künstlichen Licht beleuchtet, das von den Wänden selber auszugehen schien. Sonst gab es hier nichts, nicht mal Fenster. Aber die brauchte ich auch gar nicht um zu wissen, dass es mittlerweile später Abend war.

„Dort drüben ist das Bad“, erklärte Kaleb und zeigte auf die geschlossene Tür. „In den Kommoden findet ihr Nachtwäsche und frisch Sachen für morgen. Zahnbürste, Haarbürste und Duschzeug liegen auch darin.“

Nikita machte sich bereits über die linke Kommode her und zog eine Schublade nach der anderen raus. Sie wühlte in jedem Fach herum und zog dann etwas heraus, das wie Schuhe aus dünnem Stoff aussah. Fragend drehte sie sich zu den Männern um. „Was ist das?“

„Socken.“ Nadja lupfte ihr Hosenbein, um uns ihren Fuß zu zeigen. Sie trug Socken. Sie steckten mit dem Fuß zusammen in seinem festen Schuhwerk. „So ist das angenehmer zu tragen.“

Sofort ließ Nikita sich auf das linke Bett fallen und zog die Socken über.

„Wenn ihr noch etwas braucht“, erklärte Kaleb weiter, „dann haltet euren Keychip über diese Konsole.“ Er zeigte auf einen viereckigen Rahmen, der direkt neben der Tür in der Wand eingelassen war. Ein Plastikgehäuse mit Glasfläche. Daneben hing ein längliches Teil für das ich keinen Namen hatte. „Ihr aktiviert die Konsole einfach indem ihr einmal über den Bildschirm streicht.“ Er führte es vor. Das Glas erwachte mit einem sanften Leuchten zum Leben.

Hallo, wie kann ich behilflich sein?“, fragte eine blecherne Frauenstimme.

„Das ist Skye, System Key for your Eden. Die Stimme vom Edensystem.“ Er sagte das so, als wollte er uns damit jemand ganz besonderen vorstellen.

Auf dem Bildschirm erschienen sechs kleine Bildchen. Sie alle schienen gemalt zu sein.

Das erste zeigte eine grobe Darstellung von einer Gabel und einem Messer. Daneben waren zwei Masken, eine lachend, eine traurig. Das letzte Zeichen in dieser Reihe war ein Bett mit drei Zickzacklinien darüber. Das erste in der nächsten Reihe war ein Kreuz. Dann ein Fragezeichen und als letztes ein Strich mit einem Punkt darüber.

„Da viele der Streuner Analphabeten sind, wurden die Icons im Quarantänezentrum vereinfacht“, erklärte er. „Das erste bedeutet essen. Wenn ihr Hunger habt, einfach mit dem Finger drauftippen und dann diesen Höher abnehmen, sobald er klingelt.“ Er nahm das längliche Teil neben dem Bildschirm von der Wand und hielt es sich zu Vorführungszwecken ans Ohr. „Über den Hörer könnt ihr euch mit anderen Menschen unterhalten, auch wenn sie sich nicht bei euch im Raum befinden.“

Von so einer Technologie hatte mir Roza einmal erzählt. Früher, vor der Wende, hatte wohl jeder Mensch diese Hörer benutzt. Aber Roza hatte sie anders genannt, nur wusste ich nicht mehr wie.

Kaleb hing den Hörer wieder zurück an die Wand. „Das Symbol mit den Masken dient der Unterhaltung.“ Er tippte darauf.

Sie haben Unterhaltung gewählt.“

Hinter mir erklang ein leises Summen. Als ich mich umdrehte sah ich gerade noch, wie aus den Fußenden der Betten rechteckige Platten herausfuhren. Flackernde Bilder bewegten sich darüber.

„Wow“, sagte Nikita beinahe ehrfürchtig und trat vorsichtig darauf zu.

„Fernsehen.“ Kaleb schmunzelte über Nikitas Begeisterung. „Ihr könnt die Screens durch tippen auf den oberen Rand wieder einfahren lassen.“ Er führte es vor, indem er einen oben antippte. „Oder indem ihr das Icon auf dem Bildschirm berührt. Dann verschwinden beide wieder in der Versenkung.“

„Das Bettsymbol ist für das Licht“, sagte Nadja und tippte darauf.

Gute Nacht, ich wünsche angenehme Träume.“

Augenblicklich wurde es dunkel im Raum. Nur ein schwacher Schimmer vom Bildschirm einzig mit dem Bett-Icon blieb zurück. „Und wenn ihr wieder Licht wollt, dann tippt ihr einfach noch mal darauf.“ Sie führte es vor und es wurde wieder hell.

Guten Morgen. Ich hoffe Sie haben gut geschlafen.“

„Das Kreuz“, erklärte Kaleb, „ist für den Notfall. Wenn ihr Hilfe braucht, drückt einfach darauf und augenblicklich wird jemand bei euch sein. Das Fragezeichen daneben ist für andere Anliegen und natürlich für fragen. Wenn euch etwas beschäftigt einfach rauftippen und sobald der Hörer klingelt, abnehmen.“ Er zeigte auf das letzte Zeichen. „Das ist das Symbol für Informationen. Falls es euch interessiert, könnt ihr hier alles über Eden und seine Geschichte erfahren. Es sind viele Bilder dabei die man sich ansehen kann, aber auch reichlich Text. Wenn ihr also nicht lesen könnt, dann solltest ihr besser auf das Unterhaltung-Icon zurückgreifen.“

Nikita nickte dass sie alles verstanden hatte. Kaleb wartete einen Augenblick auf eine Reaktion von mir, gab es dann jedoch sehr schnell wieder auf.

„Um Türen zu öffnen, wie zum Beispiel die Badezimmertür, einfach eure Hand auf das Touchscreen legen, dann entriegelt sie sich.“ Er legte seinen Finger ans Kinn. „Ich glaube das war erstmal alles. Oder hast du noch was?“, wandte er sich an Nadja.

Diese schüttelte den Kopf und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Nikita. „Von eurer Seite aus noch Fragen?“

Ja, wo ist der Notausstieg?

Grinsend schüttelte Nikita den Kopf. „Nein, im Moment nicht. Ich glaube das waren für den Anfang erstmal genug Informationen.“

Kaleb lächelte. „Wenn das so ist, dann werden wir beide uns nun verabschieden. Morgen früh wird jemand kommen und euch zum Frühstück bringen. Nach dem Frühstück werdet ihr alles weitere erfahren.“

„Alles weitere?“, fragte ich misstrauisch.

„Die Auswertung eurer Unterlagen. Ihr werdet erfahren was genau mit euch geschehen wird.“

Bei diesen Worten richteten sich die Härchen auf meinen Armen auf.

„Nun denn, ich wünsche den beiden Damen einen gute Nacht. Versucht ein wenig zu schlafen.“ Kaleb ließ Nadja den Vortritt aus dem Raum hinaus. Dann nickte er uns noch einmal zu, trat auf den Flur und schloss die Tür von außen.

„Wow, das ist einfach …“

„Schhht!“, machte ich und ließ Nikita damit augenblicklich wieder verstummen. Ich horchte auf Schritte die sich von uns entfernten, aber da war nichts. Kein Geräusch drang durch die Tür. Wahrscheinlich war sie genau wie die Wände einfach zu dick.

Ich wartete noch ein bisschen, dann trat ich an die Tür und sah mir das kleine Touchscreen darauf an. Um die Tür zu öffnen, musste ich einfach die Hand darauf legen. Das hatte Kaleb gesagt.

Ich öffnete und schloss ungeduldig meine Faust. Den kleinen Keychip konnte ich bei jeder Bewegung spüren. Es war nicht schmerzhaft oder unangenehm, ich spürte einfach dass er da war. Dann wagte ich einen Versuch, legte meine Hand auf die glatte Oberfläche.

Nichts passierte.

Ich drückte gegen die Tür. Sie blieb geschlossen. „Wir sind eingesperrt.“

„Das war doch klar gewesen.“ Nikita ging zu der andren Tür und versuchte sie auf die gleiche Art zu öffnen, wie ich es eben getan hatte. Sie ging problemlos auf. „Das musst du dir anschauen, Kiss.“

Ich musste vieles, aber das gehörte sicher nicht dazu. Stattdessen nahm ich den Bildschirm neben der Tür näher in Augenschein.

Das ist das Symbol für Informationen. Falls es euch interessiert, könnt ihr hier alles über Eden und seine Geschichte erfahren.

Und das würde mir vielleicht einen Weg hier raus zeigen. Während ich dieses Icon berührte, verschwand Nikita im Bad ums sich dort alles anzuschauen.

Der Bildschirm flackerte. Dann war er erfüllt von einer Liste mit vielen Worten.

Mist. Der Kerl hatte uns ja schon gewarnt, dass ich würde lesen müssen. Aber das konnte ich nicht. Genau wie Nikita hatte ich es nie gelernt. Um in der Alten Welt zu überleben, brauchte ich es nicht.

Aber vielleicht musste ich gar nicht wissen was da stand. Der Mann hatte gesagt es gäbe auch viele Bilder. Wenn ich nun eines der Wörter berührte, würde ich vielleicht ein Bild bekommen, das mir helfen konnte.

Nachdenklich strich ich mit dem Finger über die Liste, versuchte zu erraten, welches davon das Beste war.

Die Liste bewegte sich.

Überrascht riss ich die Hand zurück. Jetzt standen dort andere Worte. Ich strich nochmal darüber. Wieder bewegte sich die Liste. Nach oben oder nach unten, je nachdem wohin in meinen Finger bewegte. Mir wurde schnell klar, wie unendlich lang diese Liste war. Wie sollte ich da nur das richtige Wort herausfinden?

Los komm schon, vertrau auf deine Intuition.

Ich schaute mir die Worte an und tippte dann versuchsweise auf eines.

Wieder flackerte der Bildschirm. Neue Worte, ein großes Bild und oben in der Ecke ein kleiner roter Pfeil. War der vorher auch schon da gewesen?

Ich bewegte meinen Finger über den Bildschirm, bis ich das ganze Bild sehen konnte. Es zeigte eine Gruppe von Menschen vor einem Gebäude. Im Hintergrund konnte ich einen der Mauerringe erkennen. Ansonsten war das Bild nichtssagend. Nur ein paar lächelnde Gesichter von ein paar Fremden.

Weiter unten fand ich ein weiteres Bild. Eine kleine Stadt an den Klippen des endlosen Ozeans unter einem bewölkten Himmel. Ein Mauerring war um die Stadt gezogen, davor nur ein paar vereinzelte Hütten und kleine Verschläge. Das musste ein altes Foto von Eden sein, bevor sie mit ihren ganzen Abscheulichkeiten angefangen hatten.

„Kiss!“ Nikita kam zurück ins Zimmer gestürzt, eine kleine Flasche zwischen den Fingern, die sie mir in die Hand drückte. „Hier, das musst du mal riechen. Das duftet phantastisch!“ Ohne darauf zu warten ob ich ihrer Anweisung folgte, stürzte sie sich wieder begeistert auf die Kommode. „Ich kann immer noch nicht glauben dass wir hier sind.“ Sie schlug eine Schublade zu und riss die nächste auf. Darin lag Papier. Und Stifte. Ich hatte noch nie solche Stifte gesehen.

„Dir ist klar dass wir nicht lange bleiben werden?“, fragte ich leise. Ihr Verhalten ängstigte mich langsam wirklich. Die Begeisterung in ihrer Stimme und ihrem Handeln sollte nicht da sein.

„Umso wichtiger dass ich jetzt alles auskoste.“ Sie schlug die Schublade zu und ließ sich auf das linke Bett fallen. „Das ist sooo weich und das duftet so gut.“ Sie vergrub ihre Nase im Kissen. „Das reinste Paradies.“

„Ein Paradies das wir teuer bezahlen müssen.“

Nikita lachte auf. „Bezahlen? Das alles hier ist umsonst! Sie wollen nichts von uns – gar nichts. Das ist ja das Tolle!“

„Sie wollen uns. Wir bezahlen mit unserer Freiheit, mit unserem Leben.“

„Hier haben wir auch Freiheit. Und Sicherheit. Und jede Menge Essen. Hier müssen wir keine Angst mehr haben. Hier …“ Sie verstummte plötzlich, als würde ihr aufgehen, was sie da sagte.

Ich fixierte sie und konnte mich des kalten Gefühls in meiner Brust nicht erwehren. Natürlich gefiel ihr der Luxus an diesem Ort. Es war ganz anders als alles was sie in ihrem Leben bisher kennengelernt hatte. Hier war das Leben leichter. Aber der Preis war zu hoch. Eden nahm einem den Willen, die Würde und die Freiheit. „Ist es das was du willst?“, fragte ich sie leise. „Unterwerfung?“

Nikita zog eine Augenbraue hoch. „Niemand unterwirft uns hier.“

„Wie kannst du nur so blind sein?“ Ich ließ die kleine Flasche fallen und kniete mich vor meine Schwester. „Wie kannst du nur glauben dass all dies nicht seinem Preis haben wird? Ist es das was du willst? Das andere dir sagen was du zu tun hast? Jeden deiner Schritte überwachen? Mit dir tun was immer sie wollen?“

Sie öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder schnell.

„Genau das wird passieren, Nikita.“ Meine Worte waren sehr eindringlich. Ihre Begeisterung von diesem Ort besorgte mich. So hatte ich sie noch nie sprechen hören. Es war als hätte man bei ihr mit einer Gehirnwäsche begonnen und diese zeigte bereits die ersten Erfolge. Ich musste sie daran erinnern, was wirklich hinter diesen Mauern lauerte. „Die Menschen sind nicht nett, niemand tut etwas ohne etwas dafür zu wollen. Das weißt du.“

Sie schwieg.

„Erinnerst du dich noch an all die Geschichten die ich dir erzählt habe? Weißt du noch was Marshall passiert ist?“ Ich griff nach ihrer Hand und sah ihr fest in die Augen. „Hast du vergessen wer Mama und Akiim getötet hat?“

Ihre Hand verkrampfte sich.

Ich wollte sie nicht quälen, aber ich durfte nicht zulassen, dass sie sich in all diesen Täuschungen verlor. Ich durfte sie nicht vergessen lassen, sie musste sich erinnern. „Hast du vergessen was sie getan haben?“ Als sie nicht antwortete, schlug ich neben ihr aufs Bett und ließ sie damit zusammenzucken. „Hast du es vergessen?!“

„Nein.“ Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern.

„Und das darfst du auch nicht. Du darfst niemals vergessen was Eden uns angetan hat.“

Sie drückte ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Ich war damals doch so klein gewesen, ich kann mich gar nicht mehr erinnern.“

„Aber ich!“ Ich fuhr auf und wandte mich von ihr ab. „Ich danke dem Schicksal, dass ihre Taten dich nachts nicht wachhalten, aber ich höre noch heute ihre Schreie.“

„Aber die Männer von damals …“

„Sie könnten hier sein!“ Ich kniff mir mit den Fingern in den Nasenrücken.

„Es ist elf Jahre her.“

„Soll ich es deswegen vergessen? Soll ich unsere Familie vergessen? Und was ist mit unseren Leuten? Was ist mit Marshall? Sollen wir auch sie einfach vergessen und uns dieser Farce der Menschheit ergeben?“

Nikita zögerte. Sie wich meinem Blick aus. Ihre Finger bohrten sich in den weichen Stoff der Decke. „Nein“, sagte sie dann leise.

„Nein“, wiederholte ich zustimmend. „Eden ist der Feind, das darfst du niemals vergessen.“

„Ich weiß.“

In diesem Augenblick war ich mir nicht sicher ob sie es wirklich wusste. Ihr ganzes Leben lang war sie beschützt worden. Niemand hatte jemals ein Unheil an sie herankommen lassen. Und sie war noch so jung, naiv und leicht beeinflussbar.

Sie sah so verloren aus wie sie da auf diesem Bett saß.

Ich musste uns hier rausholen. Egal wie, ich musste sie schnellstmöglich hier wegbringen, denn mit jedem Moment der Verzögerung würde sie dem Einfluss dieses Ortes mehr erliegen. Die Verlockungen waren einfach zu groß. Sie würde sich Eden ergeben. Die Wahrheit würde im Verborgenen bleiben, solange bis es zu spät war sich diesem Ort zu entziehen.

Meine Mutter war gestorben in dem Versuch uns von hier fern zu halten und ich würde ihr Andenken nun nicht beschmutzen, indem ich Nikita an eine Lüge verlor. Ich würde sie beschützen.

 

oOo

Kapitel 11

 

Der Morgenappell bestand aus einem farbenfrohen Frühstück, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht zu wagen vorstellte. Alle nur erdenklichen Früchte liebevoll arrangiert. Etwas das sich Müsli nannte und in verschiedenen Varianten angerichtet worden war. Brotaufstriche, Käse. Marmelade hatte ich schon einmal gegessen, doch das braune Zeug war mir völlig unbekannt und Honig gab es bei uns nur zu besonderen Anlässen. Verschiedene Teesorten, Säfte und einfaches Wasser.

Aber es war etwas ganz anderes, was meine Augen auf die Größe von Untertassen aufblühen ließ: Servierplatten voller Aufschnitt. Wurst und Speck – das war Fleisch, echtes Fleisch, und zwar Unmengen davon! Ich brauchte einen Moment, um mich von diesem Anblick zu erholen.

Natürlich kannte ich Fleisch. Ich war nicht selten in der Alten Welt unterwegs um welches zu beschaffen. Doch diese Mengen … das war beinahe unglaublich. Wie viele Jäger hatten ausrücken müssen, damit sich unter der Menge an Essen sogar der Tisch durchbog? Und wie lange könnte ich Marshalls Gruppe wohl damit ernähren? Wahrscheinlich nicht so lange, wenn ich genau darüber nachdachte. Das meiste von diesem Zeug war verderblich und würde schon schimmeln, lange bevor wir auch nur einen Teil davon verputzt hatten.

„Willst du wieder nichts essen?“ Nikita schaute auf den Haufen an Essen, der sich bereits auf ihrem Teller stapelte, zuckte dann nichtssagend mit den Schultern und häufte sich noch mehr auf.

Mein Magen knurrte. Diese verdammten Gerüche in der Luft waren aber auch verlockend. „Nicht wirklich.“ Denn damit würde ich etwas von Eden annehmen. Ich würde in ihrer Schuld stehen und das wollte ich auf gar keinen Fall. Eher würden Schweine fliegen lernen.

Andererseits, wie lange würde ich noch bei Kräften bleiben, wenn ich mich weiterhin weigerte etwas zu mir zu nehmen? Es konnte noch Tage dauern, bis ich einen Weg aus dieser Falle fand, da würde es mir nicht helfen schwach und Wehrlos zu sein. Ich brauchte meine ganze Energie um uns hier rauszubringen.

Zwiespältig stand ich da und starrte die Lebensmittel an, als würden sie mir jeden Moment ins Gesicht springen und auch gegen meinen Willen in meinen Mund kriechen. Es passte mir nicht – ganz und gar nicht. Und trotzdem gewannen die Vernunft und mein Überlebenswille.

Schau, fliegende Schweine!

Wie lustig.

Es war fast, als würde ich neben mir stehen und mich selber dabei beobachten, wie ich zögernd einen der Teller von dem Stapel nahm und die Speisen etwas genauer unter die Lupe nahm. Was nur sollte ich davon nehmen? Eine so große Auswahl war ich einfach nicht gewohnt. Genaugenommen fand ich es irritierend. Nach welchen Kriterien sollte man sich hier nur entscheiden?

„Hier, probiere das.“ Ohne auf meinen Zuspruch zu warten, legte Nikita mir eine orangene Frucht mit rotem Fruchtfleisch auf den Teller, die ich nicht kannte. Und als ich weiter zögerte, gesellten sich dank ihrer Hilfe noch Brot, Wurst und Rührei dazu. Als sie mir dann auch noch einen Becher mit weißem zähflüssigem Inhalt auftun wollte, musste ich sie stoppen. Ich wusste schon jetzt kaum wie ich das alles in mich hinein bekommen sollte.

Als wir uns von dem Büffet abwandten und einen Tisch weiter hinten ansteuerten, stellte ich fest dass die Menge an Essen auf meinem Teller noch lange nicht mit dem Berg auf Nikitas mithalten konnte. Er war so voll, dass die speisen links und rechts drohten Bekanntschaft mit dem Boden zu machen. Sie bemerkte es nicht mal, als sie sich einen Platz ganz hinten an der Wand suchte.

Stirnrunzelnd stellte ich meinen Teller zu ihrem auf den Tisch und ließ mich zeitgleich mit ihr auf den Stuhl sinken. Es gefiel mir nicht dass sie so verschwenderisch war. Sie hatte gelernt sparsam zu sein. Essen war immer knapp und so eine Völlerei passte gar nicht zu ihr.

Und es war nicht nur das Essen, auch die Art wie sie sich darauf stürzte. Als hätte sie seit Tagen nichts mehr zu sich genommen. Es erinnerte mich an die Zeit, als wir noch ganz klein waren und wir uns mehrere Monate hatten ganz alleine durchschlagen müssen. Die Zeit nachdem unsere Mutter …

„Was ist?“, fragte sie mit vollem Mund und blickte von ihrem Berg auf.

Ich zögerte einen Moment, winkte dann aber einfach ab. „Nur Gedanken“, sagte ich leise, nahm mir aber vor sie später noch einmal darauf anzusprechen, wenn nicht so viele fremde Menschen dabei waren. Wir waren noch nicht mal einen Tag hier und sie nahm das alles schon wie selbstverständlich. Das beunruhigte mich doch ein wenig.

Naja, mehr als nur ein wenig, wenn du Ehrlich bist.

Seufz.

Der Speisesaal war ziemlich voll. Alle die gestern mit uns hier angekommen waren, saßen bereits beim Essen. Aber es waren auch viele dabei, die ich nicht von der Reise hier her kannte. Manche von ihnen konnte ich als Streuner ausmachen. Die Überzahl allerdings bestand aus Städtern – leicht zu erkennen an ihrer Kleidung. Oder auch daran, dass sie nicht so ausgemergelt waren. Die wenigstes von den Leuten hier waren gestern mit dem Bus gekommen.

Die Geräusche von gemurmelten Unterhaltungen und klapperndem Besteck, erfüllten zusammen mit den Gerüchen nach essen den ganzen Saal. Es war eine seltsame Atmosphäre. Fremd. Ich fühlte mich hier nicht sehr wohl.

Unseren Reisebegleitern schien diese Umstellung keinerlei Probleme zu bereiten. Mittlerweile sahen sie ganz anders aus als bei unserer Ankunft. Sauber, gepflegt, nicht mehr ganz so ausgezerrt. Und das nach nur einer Nacht. Einer unruhigen Nacht – zumindest in meinem Fall.

In den dunklen Stunden hatte ich nicht ein Auge zugetan. Nikita war schon kurz nach unserem Gespräch eingeschlafen, während ich wieder vor dem Monitor gestanden hatte, und anhand von Bildern versucht hatte einen Ausweg aus unserer Situation zu finden. Es war mir nicht gelungen. All die Aufnahmen hatten im Grunde nichts weiter als die Geschichte der Stadt und deren Aufbau gezeigt. Nichts davon hatte mir auch nur den geringsten Anhaltspunkt geliefert, wie ich dieser ganzen Farce hier ganz schnell entkommen konnte. Ganz im Gegenteil, dieser Ort war eine Festung.

Die Erkenntnis dass ich vorerst zum Nichtstun verdammt war, hatte mich ins Bett getrieben, doch an Schlaf war nicht zu denken gewesen.

„Der Typ starrt dich die ganze Zeit an.“

Ich folgte Nikitas Blickrichtung und entdeckte einen breitschultrigen Mann. Der Kleidung zu urteilen war er auch ein Streuner, ein Streuner mit Handschellen und Fußfesseln. Ich musste sehr genau hinsehen, um ihn als den wehrhaften Mann von gestern zu erkennen. Man hatte ihm den Bart und die Haare abrasiert. So wirkte er viel jünger. Sein Blick wirkte leicht benebelt. Drei Stadthüter standen bei ihm. Wachposten.

Das waren nicht die einzigen Aufpasser in diesem Raum. Da waren auch Yards, andere Stadthüter und Ärzte. Dann noch ein paar Leute deren Aufgabe ich nicht näher definieren konnte. Hinten am Fenster entdecke ich das kleine Mädchen.

Doch keiner dieser Leute hatte die gleiche Ausstrahlung wie dieser Kerl. Es war Aggression, Wut, die Bereitschaft zur Gewalt – jederzeit. Ein Mann den man in der Alten Welt gerne zum Freund hatte, aber niemals zum Feind.

Er erwiderte meinen Blick mit einer Intensität, die mich schaudern ließ – und das nicht auf die angenehme Weise.

Auch Nikita fiel das auf. „Der Mann ist gefährlich.“

„Keine Angst, hier kann dir nichts passieren.“

Bei der weiblichen Stimme stellten sich mir die Nackenhärchen auf. Es war Joulia. Genau wie gestern trug sie auch heute diese rosafarbene Schwesternuniform. Dafür war ihr Haar dieses Mal nicht offen, sondern zu einem Pferdeschwanz am Hinterkopf gebunden.

Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Ich hoffe ich störe nicht.“

Aber Großmutter, was hast du nur für große und glänzend Zähne?

Ich behielt meinen Kommentar im Stillen für mich und konzentrierte mich lieber wieder auf den Mann. Er wirkte stark. So wie er bewacht wurde, wollte man hier wohl nichts riskieren. Vielleicht konnte ich ihn für mich gewinnen. Ganz offensichtlich war er nicht freiwillig hier. Wenn wir uns zusammen taten, würden wir vielleicht von hier abhauen können.

„Ich wollte nur fragen ob es euch gut geht“, begann Joulia tapfer – ich glaub sie fühlte sich in meiner Gegenwart nicht besonders wohl. „Ich weiß die erste Nacht ist immer ein wenig Nervenaufreibend, aber wir möchten trotzdem -“

„Wer ist das?“, unterbrach ich sie.

Einen Moment aus dem Konzept gebracht stutzte sie, folgte dann aber meiner Blickrichtung. „Er hat uns seinen Namen nicht verraten.“

„Vermutlich ist er von seiner Behandlung hier auch nicht sehr angetan.“

Das strahlende Lächeln verrutschte ein wenig. „Nein, er kann nicht sprechen. Er hat keine Zunge.“

Nun ja, das würde man allgemein wohl als Komplikation bezeichnen. „Und was hat man jetzt mit ihm vor?“ Ich nahm meine Gabel und schaufelte etwas von dem Rührei auf das trockene Brot. Ein Biss hinein ließ das Ganze zu einem geschmacklosen, breiigen Masse zwischen meinen Zähnen werden, die ich nur mit einem Schluck Wasser meine Speiseröhre hinunter bekam. Nein, ich wollte wirklich nichts essen, aber ich musste und deswegen nahm ich sogleich tapfer einen weiteren Bissen zu mir.

„Vorerst wird er hier im Quarantänezentrum bleiben. Er muss sich eingewöhnen. Wir werden versuchen ihn zu unterrichten, damit wir uns mit ihm verständigen können. Dann werden wir schauen wo seine Talente liegen und ihn dementsprechend zuteilen.“

Der zähflüssige Klumpen in meinem Mund, schien mir in der Kehle stecken bleiben zu wollen. Das letzte Gespräch über dieses Thema klingelte noch immer in meinen Ohren und nur weil eine Nacht vergangen war, gefiel es mir nicht plötzlich besser.

Nikita dagegen aß völlig entspannt weiter. Sie schien dieses Frühstück sorgenlos genießen zu können.

„Hier in Eden muss sich jeder nützlich machen“, erklärte Joulia, als wären wir dement und würden alles innerhalb von Sekunden wieder vergessen, wenn sie es nicht alle paar Minuten wiederholte. „Jeder hat seine besonderen Fähigkeiten und es liegt an uns diese herauszufinden und sie dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden. Darum …“ Sie unterbrach sich, als eine große Gruppe von Stadthütern und Yards den Saal betraten. Nadja war unter ihnen. Kaleb dagegen konnte ich nicht entdecken. „Ach da sind sie ja schon. Heute sind sie aber früh dran.“ Ein scheues Lächeln in unsere Richtung. „Entschuldigt mich bitte.“ Joulia entfernte sich von unserem Tisch und lief der Gruppe von Männern und Frauen entgegen. Sie wandte sich direkt an den Rädelsführer ganz vorne, begann ein kurzes Gespräch mit ihnen, aber da sie praktisch am anderen Ende des Raumes waren, konnte ich natürlich kein Wort verstehen.

Bist du dir sicher, dass du überhaupt hören möchtest, was sie zu sagen haben?

Wahrscheinlich nicht.

„Was meinst du was die wollen?“, fragte Nikita.

„Keine Ahnung.“ Während ich einen weiteren Bissen nahm und ihn lustlos von einer Backe in die andere schob, beobachtete ich wie einer der Stadthüter einen kleinen Screen an Joulia überreichte, dem sie einen Moment ihre Aufmerksamkeit schenkte. Ein paar Worte wurden gewechselt, dann trennte ich Joulia mit zwei der Stadthüter von der Gruppe und hielt auf das kleine Mädchen mit den vielen Sommersprossen zu. Sie wechselten ein paar Worte mit der Yard, die sie schon vor ihrer Ankunft betreut hatte. Dann erhoben sich alle und marschierten ohne Joulia aus dem Raum. Die kam nun wieder lächelnd auf uns zu.

Ein ungutes Gefühl überkam mich, das sich noch verstärkte, als sich die restlichen Neuankömmlinge im Raum zu verteilen begannen. Fünf von ihnen steuerten direkt auf unseren Tisch zu.

Meine Muskeln spannten sich an. Der Griff um meine Gabel wurde fester, als unsere Betreuerin vor mir zum Stehen kam und mich wie die Sonne an einem herrlichen Sommertag anstrahlte. „Eure Ergebnisse sind da und sie sind einfach phantastisch!“

Wenn sie etwas für phantastisch befand, würde es mir ganz sicher nicht gefallen. Das war ein ganz einfaches Gleichnis.

Nikita jedoch lächelte zurück, doch ich wurde misstrauisch. Und das lag nicht nur an den Männern samt Nadja die sich hinter ihr aufbauten und mich so wachsam begutachteten, als rechneten sie mit Problemen meinerseits.

„Was genau willst du damit sagen?“, wollte ich wissen.

„Das bedeutet ihr habt nun einen Platz in Eden.“ Als wäre das ein Grund zur Freude, klatschte sie begeistert die Hände zusammen. Dabei schaffte sie es den Screen nicht fallenzulassen.

Die Zuteilung. Der Gedanke ließ mich innerlich verkrampfen. Meine Schultern versteiften sich. Das waren keine guten Nachrichten – nicht für mich. Egal was sie sich für mich ausgedacht hatten, es würde mir sicher nicht gefallen.

„Los, steht auf.“ Joulia machte mit der Hand eine fordernde Bewegung, die sowohl mich als auch Nikita einschloss. Die nächsten Worte waren allein für mich bestimmt. „Da ist schon jemand sehr neugierig Sie kennenzulernen.“ Sie wandte sich Nikita zu. „Und keine Angst, auch für dich wird gesorgt sein.“

Meine Alarmieren schrillten los. „Das hört sich fast so an als würde man uns trennen wollen.“

„Es gibt für jeden in Eden seinen Platz“, erwiderte sie ausweichend. „Und jetzt kommt.“

Ich umklammerte die Gabel fester. „Nicht bevor du mir gesagt hast –“

„Ach komm schon Kiss“, unterbrach Nikita mich und erhob sich von ihrem Platz. „Das wird aufregend!“

„Nikita“, sagte ich warnend, doch sie tat einfach so als würde sie das halb geknurrte Wort nicht hören.

„Kommen Sie Kismet.“ Joulia griff nach meinem Arm, als wollte sie mir beim Aufstehen helfen.

Ich schlug nach ihr. Gleichzeitig sprang ich auf die Füße. Mein Stuhl kippte mit einem Knall um. Die Stadthüter rückten ein Stück nach vorne und ein paar neugierige ließen ihr Essen für einen Moment ruhen, um zu schauen, was der Trubel sollte.

„Ich habe gesagt du sollst mich nicht anfassen!“

„Ja, tut mir leid.“ Sie wich einen Schritt zurück. „Wird nicht wieder vorkommen.“

Ein etwas untersetzter Stadthüter kniff die Augen leicht zusammen. „Warum entschuldigst du dich bei ihr?“, wollte er von Joulia wissen. „Sie ist hier schließlich das undankbare Weib, das …“

„Genug.“ Joulias Blick ließ ihn schweigen. „Das ist für alle Beteiligten eine schwierige Situation und wir müssen sie nicht noch schwieriger machen.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Bitte Kismet, machen Sie es sich nicht noch schwerer, kommen Sie einfach mit. Es wird Ihnen gefallen, das kann ich Ihnen versprechen.“

„Du solltest mit deinen Versprechen nicht so freigiebig sein“, erwiderte ich kühl. „Besonders wenn du sie nicht halten kannst.“

Sie schaute mich an und einen kurzen Moment schien ihr etwas auf der Zunge zu liegen, aber dann wandte sie sich einfach schweigend von mir ab. „Agnes erwartet sie in einer halben Stunde, also trödelt nicht.“

Nadja nickte. „Ich sorge schon dafür, dass sie pünktlich ankommt.“

Agnes? Den Namen hatte ich doch schon mal gehört. Nur wo?

Eigentlich war das gar nicht wichtig, denn vor mir offenbarte sich nun ein ganz anderes Problem. Sie hatten etwas für mich geplant und ich wusste nicht was. Natürlich konnte ich einfach mit ihnen mitgehen und würde es erfahren, doch ich musste ehrlich gestehen, ich fürchtete mich vor diesem Schritt. Darum blieb ich auch wie festgewachsen stehen, als Joulia mich mit einer auffordernden Handbewegung zur Gruppe winkte. Ich wich sogar einen Schritt zurück und überlegte ob mir wohl ein Sprung durch die Fenster gelingen würde.

Mit den Gittern davor vermutlich nicht.

Ach sei still.

„Kismet, bitte“, versuchte Joulia es noch einmal. „Es wird Zeit für Sie einen Einblick in ihre Zukunft zu bekommen und ich möchte Sie nicht dazu zwingen müssen.“

„Aber du wirst es tun wenn ich mich weigere.“

Eine Antwort brauchte sie mir nicht geben, denn wir kannten sie beide.

„Es wird schon nicht so schlimm werden“, erklärte Nikita und nahm meine Hand. „Sieh es einfach als Abenteuer, ein weiterer Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel.“

Unser Ziel Eden zu verlassen. Ich durfte mich nicht sträuben. Ich musste ihr Vertrauen gewinnen, denn nur darüber führte unser Weg in die Freiheit. Es widerstrebte mir zutiefst, aber da ich im Moment keinen anderen Ausweg sah, müsste ich mich für den Moment fügen. Darum drückte ich Nikitas Hand und folgte den Stadthütern wachsam aus dem Gebäude hinaus ins grelle Sonnenlicht des Morgens.

Der Herbst würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, doch noch wollte der Sommer nicht weichen. So spürte ich schon die bevorstehende Hitze des Tages, kaum dass ich durch die gläserne Eingangstür des Gebäudes trat.

Die Fahrzeuge die bei unserer gestrigen Ankunft hier gehalten hatten, waren verschwunden. Stattdessen standen dort nun mehrere Wagen, die viel moderner wirkten. Auf den ersten Blick hatten sie vier Reifen, aber keine Weg ins Innere. Man musste schon sehr genau hinschauen, um die Türen zu erkennen, so nahtlos verschmolzen sie mit dem Rest des dynamischen Gefährts.

In dem Fahrzeug ganz rechts saß bereits eine kleine Gestalt auf dem Rücksitz – vermutlich das kleine Sommersprossenmädchen. Das schloss ich zumindest aus der Yard die in der offenen Tür stand. Am Heck stand Kaleb und unterhielt sich mit der Frau.

Unsere Stadtwächter führten uns direkt auf das Fahrzeug zu.

„Ah, da seid ihr ja.“ Kaleb stieß sich vom Wagen ab und trat zu uns. „Na, schon aufgeregt?“

Nikita nickte, während ich ihn nur misstrauisch musterte. Er wirkte energiegeladener als die letzten Tage. Seine blonden Haare fielen um luftig um den Kopf und seine blaue Uniform sah aus wie geleckt.

„Na dann kann es ja losgehen. Du kannst schon mal zu Noor in den Wagen steigen.“ Er zeigte auf das Fahrzeug mit dem kleinen Mädchen. „Über ein bisschen Gesellschaft freut sie sich sicher.“

„Ich?“ Nikita warf mir einen unsicheren Blick zu. „Und was ist mit Kiss?“

„Kismets Ziel ist ein anderes. Du und Noor gehen ins HdK, Kismet muss -“

„Nein!“ Ich riss meine Schwester hinter mich. „Ihr trennt uns nicht!“ Ich hatte es doch gewusst, aber das würde ich nicht zulassen! Wenn ich sie Nikita fortbringen ließe, würde ich sie vermutlich nicht wiedersehen. Das konnte ich nicht riskieren.

„Kismet“, begann Joulia. „Seien Sie doch vernünftig. Niemand hier will ihnen oder -“

„Vernünftig?!“ Ich lachte scharf auf und drängte Nikita gleichzeitig rückwärts. „Ich habe diesen ganzen Mist mitgemacht, aber das geht zu weit. Ich werde nicht zulassen das sie uns trennen!“

„Es ist doch nur für ein paar Stunden“, versuchte Joulia mich zu beschwichtigen. Dabei bemerkte ich sehr wohl, wie die Stadthüter bedrohlich näher rückten. „Sie können Nikita im Haus der Kinder jederzeit besuchen gehen; schon heute Nachmittag wenn Sie wollen.“

Mein Blick huschte von einem zum anderen. Neun gegen zwei. Da brauchte ich mir erst gar keine Chancen ausrechnen, nicht solange ich keine Waffe hatte. Selbst mit Waffe sahen meine Chancen nicht sehr gut aus. Trotzdem, ich konnte das nicht erlauben.

„Kiss“, sagte Nikita. „Hör auf damit, die wollen uns nichts Böses.“

„Du kannst nicht wissen was sie wollen.“

Hinter uns kam gerade eine weitere Gruppe von Stadthütern aus dem Gebäude. In ihrer Mitte eskortierten sie den jungen Mann, der sich bei unserer Ankunft ein wenig abseits gehalten hatte. Noch mehr Gegner, die sicher eingreifen würden, sollte ich etwas Dummes tun.

Ich überlegte wie weit wir kommen würden, wenn wir einfach losrannten. Nikita und ich waren schnell. In der Alten Welt musste man schnell sein, wenn man überleben wollte. Wir befanden uns innerhalb des fünften Ringes und den zu überwinden würde schwer werden – wenn nicht sogar unmöglich sein. Hier gab es so viele Feinde. Unsere Chance war praktisch nicht vorhanden, aber was hatten wir schon zu verlieren?

Meine Muskeln spannten sich an, bereit jederzeit loszulegen. Mein Atem wurde ruhiger, während Adrenalin begann durch meine Adern zu jagen.

„Kismet. Ich bitte Sie, machen Sie -“

„Lauf!“, brüllte ich Nikita an. Gleichzeitig wirbelte ich herum und versetzte ihr einen Stoß.

Nikita war von der Aktion so überrascht, dass sie über ihre eigenen Füße stolperte, noch während ich den ersten Schritt machte. Sie landete auf dem Hintern und riss mich mit sich zu Boden. Schon in der nächsten Sekunde spürte ich Hände die mich an den Armen packten und von ihr fort rissen.

„Nein!“, schrie ich und versuchte mich aus ihrem Griff zu befreien. Einem trat ich so fest gegen das Schienbein, dass er fluchte und zurücktaumelte. Dem anderen versetzte ich mit dem Ellenbogen einen Hieb in die Magengegend.

Leider half das nicht. Man verdrehte mir einfach den Arm auf den Rücken, wirbelte mich herum und dann wurde ich mit dem Gesicht voran gegen einen Wagen gedrückt.

Ich zischte vor Schmerz.

„Lasst sie!“, rief Nikita. Zwei weitere Stadthüter hatten sich ihrer angenommen und versuchten sie nun zu dem anderen Auto zu zerren. „Hey, ihr tut ihr weh!“

Ich trat blind nach hinten aus und stöhnte, als mir der Arm noch höher gedrückt wurde und man mich damit zwang auf die Zehenspitzen zu gehen, damit er nicht aus dem Gelenk sprang. Ich spürte wie sie meine Sehnen überspannten und mein Knochen sich bedrohlich bog. Als ich nicht länger gegen den Schmerz atmen konnte, kroch ein Schrei über meine Lippen.

„Nehmt eure dreckigen Pfoten von ihr!“, fauchte Nikita und wehrte sich heftiger gegen ihre Peiniger. „Lasst sie los!“

„Ja“, sagte Kaleb. „Lasst sie los.“

Der Druck auf meinen Arm verringerte sich, aber der Griff blieb.

„Ich soll sie loslassen?“, fragte eine männliche Stimme nahe bei meinem Ohr. „Bist du noch ganz dicht?“

„Dichter als du mein Freund. Und jetzt lasst sie beide los.“

Ich spürte den Mann hinter mir zögern, aber dann nahm er tatsächlich die Hände von mir.

Noch in der Sekunde in der er den Griff löste, drehte ich mich schwungvoll herum und stieß ihn von mir. Er hatte wohl damit gerechnet, aber nicht damit wie schnell ich war. Darum verlor das Gleichgewicht und knallte schmerzhaft auf den Rücken. Ich holte mit dem Fuß aus, wollte nach ihm treten, aber da hörte ich ein vertrautes Klicken. Drei Leute richteten ihre Elektroschocker auf mich.

Nadja stand mir mit ihrer am nächsten. „Genug jetzt.“

Schwer atmend drückte ich mich mit dem Rücken an den Wagen, versuchte einen Ausweg zu finden. Es gab keinen, sie waren einfach zu viele.

„Kiss“, sagte Nikita leise. Sie trat vor mich, sodass sie mir den Blick auf den Feind verstellte. „Hör auf zu kämpfen, bitte.“ Sie schlang ihre Arme um mich. Für die anderen musste es wie eine ganz normale Umarmung aussehen, doch so brachte sie unbemerkt ihren Mund an mein Ohr, um Worte zu flüstern, die nicht für neugierige Zuschauer bestimmt waren. „Vergiss nicht unseren Plan. Lass mich gehen.“

Ich schloss die Augen und versuchte mein Herz zur Ruhe zu zwingen. Ihm gefielen Nikitas Worte genauso wenig wie mir.

„Nur so gewinnen wir ihr Vertrauen.“

Sie hat recht.

„Und wenn dir etwas passiert?“, fragte ich leise. Das würde ich mir niemals verzeihen können.

„Ich kann eine Weile auf mich allein aufpassen. Es ist ja nicht für lange. Außerdem hatte ich eine gute Lehrmeistern.“

Nur leider hatte ich sie auf eine solche Situation niemals vorbereitet, einfach weil ich nie im Leben damit gerechnet hätte, dass wir uns einmal in den Klauen von Eden befinden würden. Die Welt war ohne diesen Gedanken schon grausam genug.

Als Nikita sich wieder von mir löste, schlug ich die Augen auf und blickte direkt in ihre.

„Okay?“

Woher nahm sie nur ihr maßloses Vertrauen?

Vielleicht könnte sie dir ja etwas davon abgeben.

„Kiss?“

Ich nickte. Widerwillig. Und mit einem sehr beklemmenden Gefühl. Mein mageres Frühstück verwandelte sich dabei in harte Klumpen, die mir schwer im Magen lagen. „Pass auf dich auf.“

„Natürlich tu ich das. Und wenn wir uns nachher sehen, haben wir beide sicher tolle Geschichten, die wir uns erzählen können.“ Sie lächelte schief und trat dann rückwärts von mir zurück. „Bis später dann. Und denk immer daran, Vertrauen.“

Während ich dastand und tatenlos dabei zusah wie sich Nikita zu der kleinen Noor in den Wagen setzte, wurden die harten Klumpen in meinem Magen zu Granitbrocken.

Fast jeden Tag hatte ich zugesehen wie Nikita ging. Durch die Ruinen der Alten Welt zu stromern liebte sie. Als sie noch klein gewesen war, hatte ich sie immer begleitet, aber mit den Jahren brauchte sie meine Gesellschaft bei ihren Streifzügen nicht mehr. Nein, sie wollte sie nicht mehr. Sie wollte unabhängig sein und zeigen dass sie alt genug war um auf sich allein aufzupassen.

Nur widerwillig hatte ich gelernt das zuzulassen und nichts zu tun, wenn sie unsere Zuflucht verließ. Aber in meinem ganzen Leben war es mir noch nie so schwer gefallen wie in diesem Moment sie ziehen zu lassen. Ich konnte mich einfach nicht des Gefühls erwehren damit einen großen Fehler zu begehen. Die Angst sie vielleicht nie wieder zu sehen, fraß sich durch meinen ganzen Körper und ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht einen weiteren törichten Rettungsversuch zu unternehmen, denn Nikita hatte Recht. Der einzige Weg hier raus führe über das Vertrauen der Städter. Oder wenigsten einen sehr viel besseren Plan als einfach kopflos loszurennen. Daher tat ich auch nichts als Kaleb und zwei weitere Leute sich verabschiedeten und zu den beiden Mädchen in den Wagen stiegen. Selbst als der Motor startete, blieb ich einfach ungerührt stehen und sah zu, wie das Fahrzeug wendete und dann durch die gepflegten Baumreihen aus meinem Blickfeld verschwand.

Dann war sie einfach weg. Und ich hatte es nicht verhindert.

Ein Gefühl der Leere machte sich in mir breit und ließ mein Herz schwer werden.

Du tust das richtige.

Da war ich mir nicht so sicher.

Als Joulia näher kam, wich ich zur Seite. Ich hatte sehr wohl bemerkt, dass die Elektroschocker wieder weggesteckt worden waren, aber ich wusste nur zu gut, wie schnell sie wieder auf mich gerichtet sein konnten.

„Das war die richtige Entscheidung“, lobte Joulia mich, als sei ich ein kleiner Hund den man bei richtigem Verhalten eine Belohnung zukommen ließ. „Sie werden es nicht bereuen.“

Oh, wenn Blicke doch nur töten konnten. „Wohin werde ich gebracht?“

„In das Herz von Eden.“

„Das Herz?“ Das hörte sich ja erstmal gar nicht so schlimm an. Schließlich war das Herz ein Symbol für das Gute im Menschen.

„Der innere Kreis ist das Herz von Eden, das Herz dieser Stadt und das Herz der Menschheit.“

Das wiederum hörte sich in meinen Ohren sehr seltsam an.

„Und jetzt kommen Sie, es ist höchste Zeit, man erwartet Sie bereits.“ Mit der Hand drückte sie gegen den Wagen und eine grifflose Tür schwang auf. „Steigen sie einfach in den E-Wagen.“

Ich wollte nicht. Ich wollte mich wehren, um mich schlagen und sie alle genauso verletzen wie sie mich verletzt hatten. Ich wollte dass sie das Leid spürten, dass sie über mich und eine Familie gebracht hatten. Und dennoch fügte ich mich in mein Schicksal und setzte mich ohne Widerstand auf die Rückbank des Fahrzeuges.

Das Zuschlagen der Tür hatte etwas Endgültiges an sich und das beklemmende Gefühl drückte mir die Brust zusammen. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meine Atmung. Wenn ich jetzt ausrastete, wäre damit niemanden geholfen. Ganz im Gegenteil, es würde meine beschissene Situation nur noch viel schwieriger machen. Ich musste mir immer wieder vor Augen führen, dass ich für den Moment das richtige tat. Sie konnten mich schließlich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag im Auge behalten. Meine Gelegenheit würde kommen, ich musste mich nur zusammenreißen und in Geduld üben.

Weil das ja immer so gut funktioniert.

Klappe.

Außer Nadja stiegen noch zwei Stadthüter zu mir in den Wagen. Joulia und die anderen verschwanden wieder in das Gebäude. Der Motor wurde gestartet und dann fuhren wir.

Wir folgten der gleichen Straße die auch Nikita zuvor genommen hatte, doch von ihrem Wagen war weit und breit nichts mehr zu sehen.

Hoffentlich hatte ich keinen Fehler begangen.

An dem Mauerring entlang ging es zu dem Tor, das tiefer nach Eden hinein führte. Ein Tor, noch ein Tor. Und noch eines. An jedem wurden wir kontrolliert und ich musste meine Hand für den Scanner bereithalten. Wir kamen an Häusern vorbei, große und kleine Gebäude, belebte Straßen voller Menschen die ihrem Alltag nachgingen.

So viele Menschen.

Ich hatte nicht mal gewusst, dass es von uns noch so viele gab. Männer und Frauen, Alte und Junge, doch Kinder sah ich keine. Doch was ich sah, waren Autos, solche wie das in dem ich saß. Ich entdeckte sogar ein paar Leute mit Hunden. Diese jedoch sahen ganz anders aus als die Wildhunde die ich aus der Alten Welt kannte, kleiner mit hängenden Ohren. Manche besaßen ein langes Fell.

Die Gebäude waren alle genauso wie das Quarantänezentrum. Sauber, gepflegt, neu. Da war kein rissiger Putz, keine Fassaden von der Zeit gezeichnet, keine überwucherten Türmer und rostigen Stahlskelette wie in der Alten Welt. Alles sauber und ordentlich mit einer gut durchdachten Struktur, der sich nicht mal ein kleines Grasbüschel in die Quere zu stellen wagte.

Ich fühlte mich mit jeder Sekunde unwohler. Hier passte ich nicht rein. Dieser Stadt wirkte unwirklich, völlig anders als alles was ich kannte, wie aus einem Traum – oder einen Alptraum.

Während der Fahrt wurde kaum gesprochen. Die Leute tauschten ein paar Worte miteinander, ich wurde weitestgehend ignoriert. Niemand erklärte mir wo genau ich mich befand, oder was mich an meinem Ziel erwarten würde und ich fragte auch nicht. Aber ich erkannte ein paar der Orte anhand der Bilder wieder, die ich in der Nacht auf dem Bildschirm in unserem Zimmer gesehen hatte.

Eine Straße folgte der anderen. Eine endlose Abfolge des immer gleichen Bildes. Wie groß war diese Stadt nur?

Als wir das vierte Tor erreichten, änderte sich etwas. Dieses Tor war nicht nur größer als die anderen, es wirkte auch massiver und der Kreiswall war höher. Am Tor und in den beiden Pförtnerhäuschen zu beiden Seiten befand sich auch ein doppeltes Aufgebot an Stadthütern. Der Anblick ließ meine sowieso schon angespannten Muskeln beinahe vibrieren, so sehr spannte ich sie an. Doch auch hier verlief die Kontrolle genauso wie an den vorherigen Schleusen.

Was sich hinter diesem Tor verbarg unterschied sich allerdings so gründlich vom Rest der Stadt, dass ich auch in einer anderen Welt hätte gelandet sein können. Die sauberen Straßen und gepflegten Gebäude aus Stahl, Beton und Glas wichen hier einer Oase der Natur. Grün, wohin das Auge auch reichte. Aber das hier war nicht wie die Alte Welt, dies war ein richtig saftiges Grün. Die Pflanzen wucherten auch nicht wild wo sie wollten, dies hier folgte einer sauberen Ordnung. Ordentlich angelegte Wege und Straßen, kleine Haine aus Bäumen, gestutzte Büsche und systematisch angelegte Blumenbeete. Dies war eine riesige Parkanlage.

Die Bäume zu beiden Seiten der Straßen zauberten ein Spiel aus Licht und Schatten auf den Wagen. Zwischen den ganzen Grün entdeckte ich immer wieder vereinzelte Häuser. Aber nicht so wie im Rest der Stadt. Die hier waren viel kleiner und auch vom Aufbau her ganz anders. Menschen dagegen sah ich kaum welche.

Bald schon wichen die Schatten der Bäume einem strahlend blauen Himmel. Und dann sah ich ihn. Er erschien ganz plötzlich. Ein Turm.

Zuerst glaubte ich wir hielten auf einen zerstörten Wolkenkratzer zu wie es sie in der alten Welt zu tausenden gab, doch je näher wir kamen, desto deutlicher wurde, dass dieses Gebäude völlig unversehrt war. Zwanzig, vielleicht auch fünfundzwanzig Etagen. Hohe Fenster, gehalten von einem massiven Stahlgerüst. Es sah fast so aus, als bestünde dieses Gebäude ab der Mitte nur noch aus Glas. Der untere Teil war ein wenig breiter als die aufgesetzte Spitze. Ein großer Vorplatz mit einer Kreisauffahrt. Alles hübsch verpackt in einem Meer aus bunten Blumen in fest angeordneten Beeten.

Nadja lenkte den Wagen die kreisrunde Auffahrt hinauf und hielt ihn direkt vor der massiven Betontreppe, die zur Eingangstür führte. „Aussteigen“, forderte sie, noch bevor da leise Summen des Motors erstarb. Links und rechts gingen die Türen auf. Ich brauchte ein wenig länger um ihrer Anordnung zu folgen.

Im Wagen war es angenehm kühl gewesen, hier draußen spürte ich sofort wieder die Hitze des Tages. Ich legte meinen Kopf in den Nacken um an dem Gebäude emporzuschauen und musste meine Einschätzung von vorhin noch mal revidieren. So hoch wie dieser Turm war, musste ich auf dreißig Etagen erhöhen.

Links von mir hörte ich das klingende Lachen einer Frau. Es gehörte zu einer älteren Brünetten in einem kurzen Kleid, die mit drei weiteren Frauen zwischen den Beeten an einem Tisch saß. Weiter hinten lief eine blonde Frau mit einem abwesenden Ausdruck im Gesicht. Sie hatte sich in dem Arm eines Mannes eingeharkt und schien eher über den Rasen zu schweben als zu laufen. Und ihr Bauch … er war kugelrund.

Einen Moment stand ich da, beobachtete sie und fragte mich ob sie krank war, oder zu viel gegessen hatte. Ich hatte noch nie einem Menschen mit einem solch dicken Bauch gesehen. Erst die schützende Geste ihrer Hand, die sie auf ihren Leib legte, macht mir klar, dass ich völlig falsch lag. Die Frau war nicht krank, sie war schwanger.

Der Anblick nahm mich im Moment der Erkenntnis so gefangen, dass ich die Augen nicht abwenden konnte. Ich hatte noch nie eine Frau gesehen, die ein Kind erwartete. Das hatte etwas Faszinierendes. Obwohl, nein, das stimmte nicht. Ich hatte meine Mutter gesehen, als sie mit Nikita schwanger war. Doch das war mittlerweile so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte.

„Das ist nicht Kaleb falls du dich das fragst, das ist Killian.“

Etwas verwirrt von Nadjas Worten brauchte ich einen Moment um zu verstehen, dass sie den Mann meinte, bei dem die Schwangere sich eingeharkt hatte und sie lächelnd über die Wiese führte. „Der Klon.“

„Nein, der unausstehliche Bruder von Kaleb. Und jetzt komm.“ Mit einer Geste zum Turm machte sie sehr deutlich, wohin ich mich zu wenden hatte.

Noch ein letzter Blick auf die Frau, dann trat ich neben Nadja die Treppe hinauf.

Neben der Tür befand sich wieder so ein elektronisches Wandpaneel. Nadja hielt ihre Hand davor, gab dann eine Zahlenfolge auf den Tasten ein und drückte die Tür auf.

Das innere war kühl, hell und offen. In jeder Ecke Pflanzen in Töpfen. Wie auch im Quarantänezentrum gab es hier einen großen geschwundenen Tresen mit drei Leuten dahinter. Aber sie beachteten uns gar nicht als Nadja mich und unsere beiden Anhängsel quer durch den Eingangsbereich zu zwei metallenen Türen führte. Dort waren in der Wand zwei übereinanderliegende Knöpfe, von denen sie auf den oberen drückte.

Ich erwartete dass sich daraufhin eine der Türen öffnen würde, aber nichts geschah. Stattdessen standen wir einfach nur da und schienen auf etwas zu warten. Vielleicht auf jemand der die Tür von innen öffnete. Aber auch das geschah nicht. Es dauerte noch einen Moment, dann glitten die linken Türen von alleine auf und verschwanden in der Wand. Dahinter offenbarte sich ein sehr kleiner Raum aus Metall. Und darin stand ein dunkelhaariger Mann mit einem schmalen Unterlippenbart und einem kleinen Mädchen an der Hand, dass etwas Weißes an ihre Brust drückte.

Der Mann hatte nur einen äußerst abwertenden Blick für uns übrig. „Was glotzt du so blöd?“

Meinte er mich? Ich kniff die Augen leicht zusammen.

Nadja neigte den Kopf leicht zur Seite. „Deine Umgangsformen waren auch schon mal besser, Sawyer.“

Er machte eine Geste mit seinen Fingern, deren Bedeutung sich mir nicht erschloss und marschierte dann mit dem kleinen Mädchen an der Hand zügig an uns vorbei.

„Immer wieder nett dich zu treffen“, murmelte Nadja und trat in den kleinen Raum hinein.

Als ich ihr nicht sofort folgte, spürte ich eine Hand in meinem Rücken. Ich reagierte rein instinktiv, drehte mich blitzschnell herum und schlug sie weg. Es war der kleine untersetzte Mann. Und er sah ziemlich sauer aus.

„Kismet, komm hier rein“, befahl Nadja und tat so als hätte es den kleinen Zwischenfall eben nicht gegeben.

Ich warf dem Kerl noch einen warnenden Blick zu, dann trat auch ich in den kleinen Raum. Und als die beiden Männer mir folgten, wich ich bis ganz an die hintere Wand zurück. Das war für meinen Geschmack nicht nur ein wenig eng, sondern auch viel zu nahe. Dass die Tür sich dann auch noch schloss, nachdem Nadja einen der vielen Knöpfe an der Wand gedrückt hatte, machte die Sache auch nicht unbedingt besser. Von irgendwo her drang leise Musik an mein Ohr.

Und plötzlich bewegte sich der Raum. Automatisch griff ich links und rechts nach den Haltegriffen an der Wand, während mein Blick hektisch von einer Seite zur anderen flog. Ich konnte nichts sehen, der Raum hatte keine Fenster. Aber ich konnte spüren, dass hier etwas passierte.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Nadja. „Das ist ein Fahrstuhl. Er bringt uns in die oberste Etage.“

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte ruhig zu atmen. Ein kleiner Raum der fahren konnte? Das musste nach dem Prinzip eines Flaschenzugs funktionieren. Irgendwo stand also jemand und zog uns hinauf. Bis ganz nach oben? Hoffentlich stürzten wir nicht ab.

Die Fahrt in diesem Fahrstuhl dauerte nicht lange und fand mit einem Pling ein abruptes Ende. Die Türen glitten wieder auf und gaben den Blick auf einen hellen Korridor preis.

Dieses Mal wartete ich nicht erst auf Nadjas Aufforderug, nein, ich war sogar die erste die aus dem kleinen Raum floh.

„Du wirst dich schon noch daran gewöhnen“, erklärte Nadja, als sie an mir vorbei trat und wieder die Spitze unserer kleinen Gruppe übernahm.

Welchen Grund sollte ich haben mich daran zu gewöhnen? Ich hatte nicht vor lange zu bleiben. Aber das behielt ich besser für mich. Obwohl das ja nicht wirklich ein Geheimnis war, wenn man genauer darüber nachdachte.

Nadja hielt auf eine Tür schräg gegenüber zu. Ein goldenes Schild mit eingravierten Schriftzeichen prangte darauf, aber ich hätte beim besten Willen nicht sagen können, was die Worte und Zeichen besagten.

Sie hob die Hand, doch bevor sie dagegen schlug, hielt sie noch mal inne. „Ein gut gemeinter Rat für dich: Benimm dich und zeig dich von deiner besten Seite. Es ist nicht klug die Frau auf der anderen Seite dieser Tür zu verärgern.“ Damit ließ sie ihre Fingerknöchel gegen das Holz klopfen.

 

oOo

Kapitel 12

 

Es gab kein Signal oder anderes Zeichen dass uns dazu veranlasste die Tür zu öffnen, Nadja tat es einfach und trat ein.

Ich folgte ihr etwas zögernd in den großen Raum dahinter. Mir stockte der Atem. Der Boden war hell, fast weis mit einem unsteten schwarzen Muster, das das Gestein wie Adern durchzog. Die Wände waren nichts als große Fenster, die einen Ausblick über die ganze Stadt und das Land dahinter boten. Von hier oben konnte ich jeden der Mauerringe sehen und auch meine Heimat die ausgesperrt dahinter lag. Der Anblick war atemberaubend.

Die Alte Welt. Eine zerklüftete Landschaft aus bröckelnden Stahlgerüsten und überwucherten Ruinen. Kaputte und eingestürzte Gebäude, die dem Zahn der Zeit nicht hatten standhalten können. Völlig verrostete Autos, überwuchert von der Natur, die sich immer zurückholte, was man ihr einst nahm. Schutt und Geröll. In der Ferne erblickte ich das angelaufene Skelett eine Brücke, fast verborgen von riesigen Bäumen. Kletterpflanzen überwucherten das was einst eine blühende Zivilisation gewesen war und machten die Ruinen der Vergangenheit damit zu etwas Einzigartigen und in meinen Augen wunderschönen – viel schöner als diese makellose Aufmachung hier in Eden.

Oder dieses Büro hier.

Die Wand zum Korridor war mir Regalen voller Bücher zugestellt. Das mussten hunderte von Büchern sein. Jede Menge Brennmaterial, das uns im Winter wärmen konnte.

Rechts und links in dem Raum waren hohe halbrunde Glasbehälter von jeweils drei Metern Länge. Sie reichten mir bis knapp zum Kinn. Das Wasser darin war kristallklar. Steine und Pflanzen dekorierten es. Dazwischen tummelten sich schwärme von kleinen bunten Fischen.

Warum holte sich jemand lebendige Fische ins Haus? Und dann auch noch so kleine? Die würden nicht einmal einen Bissen abgeben.

Das Prunkstück dieses Raumes war jedoch der große Schreibtisch. Er war nicht aus Holz, und auch nicht aus Metall. Ich konnte das Material nicht bestimmen. Tief schwarz, ohne die kleinste Naht. Massiv mit einer polierten Oberfläche. Schwache Lichter leuchteten auf der Oberfläche. Sie schienen aus dem Inneren des Tisches zu kommen.

Doch was mich in diesem Raum wirklich gefangen nahm, war das riesige Bild an der Wand dahinter. Es zeigte einen wunderschönen Baum im Sonnenlicht, inmitten eines farbenfrohen Gartens. Zwei Menschen knieten zwischen den Wurzeln und schauten hinauf in die Baumkrone, die voller saftiger Äpfel war – ein Mann und eine Frau. Sie waren nackt und wunderschön mit ihrer Alabasterhaut. Um den Baumstamm wand sich elegant eine Schlange

Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Büste, die ein ganz ähnliches Szenario spiegelte.

„Adam und Eva im Garten Eden unter dem Baum des Lebens.“ Eine alte – wirklich alte – und vertrocknete Frau trat hinter einem der Glasbehälter hervor. Trotz der vielen Jahre die sie schon auf dem Buckel haben musste, war ihre Haltung aufrecht und selbstischer. Ihr langes Haar war schlohweiß und fiel ihr in einem geflochtenen Zopf über die Schulter. Krähenfüße umgaben die alten Augen und das ausgezehrte Gesicht. Ihre Haut war faltig und fleckig, die Hand mit der sie sich auf ihren Gehstock stützte knochig und vom Alter gezeichnet. Ihre Ausstrahlung war mächtig, unbeugsam – wie ein Berg inmitten eines tobenden Sturmes. Ein enger faltenloser Rock fiel ihr bis zu den Knöcheln. Der Rest war in eine helle Bluse gehüllt. „Ich habe dieses Bild immer sehr passend gefunden.“ Sie schaute zu dem Gemälde hinauf, wandte sich dann zum Schreibtisch herum und ließ sich auf dem Stuhl dahinter nieder.

„Hallo Mutter“, begrüßte Nadja die uralte Frau mit der kratzigen Stimme und beugte vor ihr respektvoll ihr Haupt. „Ich hoffe es geht dir gut.“

Mutter? Die Frau war so alt, die könnte Nadjas Urgroßmutter sein.

„Ich bin noch nicht tot, falls es das ist was du meinst.“ Sie lehnte ihren Gehstock an den Schreibtisch und verschränkte dann die Hände auf der Platte. „Es wird noch ein Weilchen dauern, bis du meine Grabrede halten kannst.“

Nadja drückte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und senkte den Blick. „Das habe ich nicht gemeint.“

„Natürlich nicht. Und jetzt genug davon, ich habe einen straffen Zeitplan.“ Sie machte mit der Hand eine Bewegung, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Dann richteten sich ihre Augen auf mich. Der Blick darin gefiel mir nicht. „Du bist wohl Kismet.“

Etwas an dem wie sie meinen Namen aussprach, ließ mir die Härchen im Nacken zu Berge stehen. Instinktiv wollte ich zurück weichen, aber da standen noch immer die beiden Stadthüter und blockierten mir den Weg.

„Es ist nicht sehr höflich stumm dazustehen, wenn man angesprochen wurde. Aber nun gut, dies alles ist noch sehr neu für dich, daher werde ich ausnahmsweise dein Verhalten verzeihen. Bitte setz dich.“ Sie zeigte auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch.

Ich rührte mich nicht vom Fleck.

Die Frau tippte einmal ungeduldig mit dem Finger auf die Platte, da bekam ich auch schon einen Stoß in den Rücken.

„Dir wurde gerade ein Platz angeboten“, erklärte der untersetzte Hüter.

Am liebsten hätte ich ihm einen Kinnhaken verpasst, aber etwas an dieser alten Frau war so irritierend, dass ich nicht glaubte damit durchkommen zu können. Wenn ich mich bei ihr verweigerte, war ein Stoß in den Rücken wohl noch das kleinste Übel, dass mir widerfahren konnte.

Daher trat ich unter ihrem prüfenden und wachsamen Blicken der Anwesenden zu dem angebotenen Stuhl und ließ mich mit verschränkten Armen darauf nieder.

Dabei entdeckte ich zu meiner rechten eine ausladende Sitzgruppe aus schwarzen Polstermöbeln, die zuvor von den großen halbrunden Wasserbecken von mir verborgen gewesen waren. Drei Frauen hatten es sich darauf bequem gemacht. Zwei von ihnen waren Stadthüterinnen die etwas steif auf ihren Plätzen saßen. Die dritte Frau mit den blonden Haaren war etwas älter. Genüsslich trank sie aus ihrem Becher und musterte mich dabei neugierig.

„So ist schon besser.“ Die Frau hinter dem Schreibtisch richtete ihren Blick auf die Tischplatte und begann auf den Lichtern herumzutippen. Vor ihr fuhr ein Rechteck schräg aus der Oberfläche. Ein Bildschirm. Und die Lichter waren Tasten – glaubte ich.

„Mein Name ist Agnes Nazarova und ich bin die Despotin von Eden, die höchste Instanz dieser Stadt“, erklärte sie ohne ihre Finger von den Tasten zu nehmen. „Weist du was diesen Ort zu so etwas Besonderem macht?“

„Ihr seid die einzigen, die Leute von den Straßen entführen können und sich dann hinter einer Mauer verstecken, wo man sie nicht zur Rechenschaft ziehen kann?“

Nadja warf mir einen warnenden Blick zu. Ich ignorierte sie.

Die Mundwinkel der Despotin verzogen sich zu der Maske eines Lächelns. „Wir verstecken uns nicht. Die Mauern dieser Stadt sind dazu gedacht das Leben zu schützen, das wir erschaffen. Eden ist ein Ort an dem die Menschheit gedeiht. Im Rest der Welt sterben wir aus. Es ist sowohl ein Segen für dich, als auch für alle anderen Streuner der Alten Welt, dass wir uns die Mühe machen euch zu finden und hier her zu bringen.“ Ihre Finger verharrten an Ort und Stelle, als sie zu mir aufblickte. „In deinem speziellen Fall ist es sogar ein Segen für die Stadt und die ganze Menschheit, dass wir dich gefunden haben. Du bist wertvoller als du wahrscheinlich ahnst.“

Ein Segen? Ich? Wollte die mich verarschen? „Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst.“

„Natürlich nicht. In den Augen der Streuner sind wir ja nur Barbaren. Für die wahren Ziele von Eden seid ihr Blind. Aber dieser Ort ist nicht das Tor zur Hölle, wie viele von euch behaupten. Wir haben eine sehr wichtige Aufgabe.“

Ich konnte es mich gerade noch so verkneifen zu schnauben. Doch meine Augen spiegelten meine Gedanken.

„Du glaubst mir nicht.“ Wieder zupfte dieses groteske Lächeln an ihren Mundwinkeln. „Nun gut, dann werde ich dir nun erzählen was Eden zu so etwas besonderem macht. Diese Stadt existierte schon lange vor der Wende. Damals war es nur ein kleiner Ort am Meer, den kaum jemand kannte. Nach der Wende jedoch wurde er zu einer Zuflucht der Menschen. Sie kamen hier her um Ihresgleichen und Schutz zu suchen. Über viele Jahrzehnte hinweg wuchsen wir, doch auch vor uns hat der Virus keinen Halt gemacht.“

Virus?

„Doch es dauerte weitere zwanzig Jahre, bis den Menschen dieser Stadt das klar wurde. So blühend dieser Ort nach der Wende auch war, so leise und kriechend fiel nun der Tod über sie her. Vor nun knapp siebzig Jahren entwickelten ein paar Ärzte ein Konzept zur Replikation der Menschen. Nicht mehr viele Frauen und Männer waren fruchtbar, aber es gab sie noch und gibt sie auch heute noch. Mit ihrer Hilfe wurde das Projekt Eden geschaffen, ein Konzept das das Aussterben der Menschen verhindert. Weißt du was künstliche Befruchtung ist?“

Ich zögerte weil ich eigentlich nicht reagieren wollte, schüttelte dann aber widerstrebend den Kopf.

„Das ist nicht schlimm, dein Arzt wird dir das alles noch genauer erklären. Was ich eigentlich sagen will: Die Aufgabe Edens ist es die Menschheit zu erhalten.“

„Indem ihr die Leute von den Straßen entführt?“

„Nein, indem wir sie züchten.“

Moment, hatte ich gerade richtig gehört? Die züchteten hier Menschen?

„Wir haben viele Ärzte und Wissenschaftler in Eden. Über die Hälfte von ihnen sind damit beschäftigt ein Heilmittel gegen das Virus zu finden – wenn bislang auch noch ohne Erfolg. Alle anderen haben sich der Aufgabe der Stadt verschrieben. Die wenigen fruchtbaren Menschen die es noch gibt, sind die Adams und Evas der heutigen Zeit. Sie gebären ihr Leben lang Kinder zur Rettung unserer -“

„Moment. Willst du damit sagen, dass die Leute in dieser Stadt ununterbrochen Kinder bekommen? Wie Zuchtvieh?“

„Ich mag es nicht wenn man mich duzt, merkte dir das, aber ja, genau das tun die Evas in Eden. Und damit erhalten sie uns alle.“

Dazu fiel mir wirklich nichts mehr ein. Die Leute hier hatten doch einen Sprung in der Schüssel. Das war ja noch schlimmer als die Sache mit dem Klonen, sie beuteten die Menschen aus. Ich hatte keine Kinder und kannte auch niemanden der welche besaß, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es gut für eine Frau war jedes Jahr einen Wurf Welpen in die Welt zu setzten.

„Und nun bist auch du eine Eva.“

Diese Worte brauchten einen Moment, bis ihre Bedeutung in mein Hirn drang. Aber als sie kam, war das wie ein Schlag mitten ins Gesicht. „Ich?! Ich soll eine Zuchtstute werden?!“

„Schrei nicht so, es gibt keinen Grund die Stimme zu erheben.“ Sie begann wieder auf der Schreibtischplatte zu tippen. „Deine Ergebnisse sind eindeutig. Genau wie jeder andere Mensch auf dieser Welt trägst du den Mortiferus-Virus in dir, doch du bist einer der äußerst seltenen Fälle, in denen er sich nicht an auf deine Fortpflanzungsorgane auswirkt. Du bist gewissermaßen immun dagegen. Du bist etwas Besonderes Kismet.“

Ich konnte kaum glauben was diese Hexe da von sich gab. „Du spinnst wohl!“ Das konnte nur ein schlechter Scherz sein.

Ihre Mundwinkel sanken herab. „Ich verbitte mir diesen Ton und außerdem habe ich dir gesagt, dass du mich nicht duzen sollst. Falls du dir sorgen darum machst, wie du all diese Kinder großziehen sollst, dann kann ich dich beruhigen. Deine Aufgabe besteht ausschließlich darin sie zu gebären. Danach kommen sie in geschulte Hände, die sich um unsere Schätzte kümmern.“

„Du glaubst das ist mein Problem?!“ Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und lachte auf. Das war einfach zu lächerlich. „Selbst wenn es stimmen sollte was deine komischen Test sagen und ich Kinder kriegen könnte, so werde ich mich sicher nicht von einem Haufen Kerle begatten lassen und deren Brut in diese Welt setzen!“

„Das ist auch gar nicht nötig.“ Sie begann wieder zu tippen. „Wir haben alternative Methoden zur Befruchtung, die sogar viel bessere Ergebnis erzielen und -“

Ich sprang so schnell vom Stuhl auf, dass er umkippte und auf den Boden knallte. Es war mir egal, genauso egal wie der warnende Blick von dieser selbsternannten Menschenretterin. „Da mache ich nicht mit!“

„Ob du nun willst oder nicht, du wirst dich fügen.“

Sie würden mich zwingen. Wenn ich mich weigerte, würden sie alles in ihrer Macht stehende tun um mich zu zwingen ihren Vorstellungen zu folgen. Vor meinem inneren Auge erschienen Bilder wie ich eingesperrt in einem Raum saß und Männer über mich herfielen. Ich sah wie sie mich zwangen ein Kind nach dem anderen zu bekommen, damit ihre abscheuliche Vorstellung von der Zukunft gesichert war. „Das könnt ihr nicht machen.“ Ich wich vom Schreibtisch zurück und sah mich nach einem Fluchtweg um. Das war viel schlimmer, als alles was ich mir bisher ausgemalt hatte.

Ich hatte nie darüber nachgedacht Kinder zu bekommen, einfach weil ich davon ausgegangen war, dass ich es nicht konnte. Aber der Gedanke daran dazu gezwungen zu werden und sie dann auch noch hergeben zu müssen um neue zu machen … das war ein Bild das mein Herz zu zerquetschen drohte.

Das war das Schicksal, das Eden sich für mich ausgedacht hatte. Mein Herz begann immer schneller zu schlagen. Was ich spürte war keine Angst, es war eine Mischung aus Panik und ohnmächtiger Wut.

„Setzt dich wieder hin, Kismet“, verlangte Agnes.

Ich schüttelte den Kopf und wich noch weiter vor ihr zurück. „Das kannst du vergessen!“

„Setz dich.“ In ihre kratzige Stimme hatte sich ein leises knurren geschlichen.

„Nein!“ Ich wirbelte herum und rannte direkt in den größeren der beiden Stadthüter. Als ich versuchte nach ihm zu treten, schlang er die Arme um mich und hob mich einfach vom Boden hoch. „Nein!“, schrie ich und wand mich in seinem Griff. „Das könnt ihr nicht machen! Ich lasse mich nicht zwingen!“

„Du solltest dankbar sein“, grollte der Mann mir ins Ohr und trug mich zurück zum Schreibtisch.

„Dankbar?! Seid ihr hier alle verrückt?!“

Nadja trat vor um meinen Stuhl wieder aufzustellen.

Ich strampelte und wand mich, als der Mann versuchte mich zurück auf ihn zu setzten, trat ich den Stuhl dabei sogar ein weiteres Mal um, sodass Nadja ihn noch einmal aufstellen musste. Der andere Mann musste sich auch noch einschalten. Erst gemeinsam schafften sie es mich zurück auf den Stuhl zu drücken.

„Wenn du dich nicht zu zusammenreißen weißt, dann werde ich anordnen dir ein Beruhigungsmittel zu geben.“

Beruhigungsmittel? „Sedieren?“

„Sowas in der Art.“

Dann wäre ich unfähig mich zu wehren, ihnen völlig ausgeliefert. Nun verwandelte sich meine Wut in Angst, denn ich wusste sie würden es tun. Hier gab es niemanden der sie daran hindern könnte, niemanden der sie daran hindern würde. Ich war ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

In meinen Augen stieg ein lange verlorenes Gefühl auf, ein leichtes brennen, die Vorboten von Tränen. Meine Wehrversuche erschlaffen. Ich schlang die Arme um mich selbst. Doch das trügerische Gefühl von Sicherheit wollte sich nicht einstellen.

„So ist es schon besser.“ Die Despotin begann wieder zu tippen. „Wo war ich stehen geblieben, bevor ich so rüde unterbrochen wurde?“, fragte sie keinen bestimmten im Raum.

„Du wolltest gerade von alternativen Befruchtungsmethoden erzählen“, half Nadja ihr aus.

„Ach ja. Eigentlich wollte ich damit nur deutlich machen, dass Männer für den Akt der Fortpflanzung nicht mehr nötig sind. Wenn du also eine Abneigung gegen das Zusammensein mit dem anderen Geschlecht hegst, wird das kein Problem darstellen. Was genau das bedeutet, wirst du in nachher bei deinem Arzt erfahren. Ich habe mir bereits erlaubt einen Termin für dich zu machen. Dein Arzt wird dich nicht nur in allen Fragen betreuen, er wird außerdem ein wichtiger Bestandteil deines Lebens werden, also solltest du dich mit ihm gutstellen. “

Ich musste schlucken.

„Deine Aufgabe hier ist ziemlich einfacher Natur. Deine Einzige Pflicht wird es sein dich der Aufgabe zu widmen. Das bedeutete dass du deine Termine wahrnimmst und es dir ansonsten gutgehen lässt. Das Herz von Eden bietet den Adams und Evas eine breite Palette von Freizeitgestaltung. Das ist ein Ausgleich dafür, dass es euch aus Sicherheitsgründen verboten ist diesen Teil der Stadt zu verlassen und unters gemeine Volk zu gehen.“

Verboten. Das heißt ich war hier eingesperrt. „Du bist ein schrecklicher Mensch.“

„Ich habe bereits mehrfach erwähnt, dass ich nicht geduzt werden möchte und langsam verliere ich die Geduld.“

„Du hast keine Ahnung was du mir damit antust.“

Ihre Finger verharrten schwebend über den Tasten. „Du täuschst dich. Bevor ich das Amt der Despotin antrat, war ich selber eine Eva gewesen. Ich habe mein Leben dieser Aufgabe verschrieben und während meiner Zeit siebenunddreißig Kindern das Leben geschenkt, von denen eines ein Adam wurde und der Rest ein wichtiger Bestandteil der Menschheit.“

Sie züchteten Kinder, damit sie mit ihnen neue Kinder züchten konnten. Ich bekam eine Gänsehaut.

„Du siehst also ich weiß sehr wohl wovon ich spreche. Und du brauchst jetzt auch nicht so tun, als würde ich etwas Menschenunwürdiges von dir Verlangen. Das Leben ist dazu gedacht sich fortzupflanzen und zu vermehren, so hat die Natur uns geschaffen.“

„Aber nichts auf diese erniedrigende Art.“

„Wenn du diese Ehre als erniedrigend empfindest, kannst du mir nur leidtun. Es ist nichts Erniedrigendes daran Leben zu schenken.“ Sie begann wieder zu tippen. „Du musst verstehen Kismet, die Menschheit braucht Leute wie dich um fortbestehen zu können. Das Konzept Eden unterstützt nur den natürlichen Weg und gibt uns eine klare Linie, nach der wir handeln können.“

„Aber wer gibt euch das Recht so zu handeln?“

Sie schaute mich einen Moment an, überging diese Frage dann jedoch. „Dir wurde ein Zimmer im Turm der Evas zugeteilt. Meine Tochter wird dich gleich dorthin bringen. Dort kannst du dich frisch machen und umziehen, bevor man dich später zu deinem Arzttermin bringt. Um dich in deiner Anfangszeit zu unterstützen, haben wir dir außerdem eine Betreuerin ausgesucht.“ Sie zeigte auf die blonde Frau mit der Tasse in der Hand. „Das ist Frau Capps. Sie wird dir bei deiner Eingewöhnung hier helfen und dich mit unserer Kultur und der Stadt vertraut machen. Im Grunde wird sie dich und dein Leben hier managen, solange bis du dazu alleine in der Lage bist.“

Die Blonde nickte mir lächelnd zu. „Du kannst mich Carrie nennen, Liebes, das machen hier alle.“

Ein Wachhund mit einem mütterlichen Lächeln. Da war aber jemand sehr darauf bedacht aufzupassen, dass ich auch keinen Moment aus der Reihe tanzte.

„Du darfst dich im Herz von Eden frei bewegen“, fuhr Agnes fort. „Besuche der Adams im Turm der Evas sind ausdrücklich erwünscht. Wahlweise kannst du dich natürlich bei ihnen einfinden. Sie stehen dir jederzeit nach deinen Wünschen zur Verfügung.“

Als mir die Bedeutung ihrer Worte aufging, wurde mir schlecht.

„In deinem Zimmer findest du außerdem einen Katalog der Adams, mit ihren Stammbäumen, Steckbriefen und Vorzügen. Wenn du vor deinem Arzttermin noch Zeit dazu hast, studieren ihn, wenn nicht, schaue ihn dir später an. Außerdem wirst du einem Schulungskurs zugeteilt werden, in dem du alles über das Leben in Eden lernen wirst. Kannst du lesen?“

Ich hatte kaum noch die Kraft den Kopf zu schütteln.

„Wenn das so ist, werden wir dir statt einem Schulungskurs wohl besser einen Hauslehrer zur Verfügung stellen. Es ist nicht schlimm, dass du Analphabet bist, doch wenn du des Wortes mächtig bist, hast du es viel leichter.“

Was vermutlich so viel hieß, wie das ich es lernen musste, ob ich nun wollte oder nicht. Ich stand kurz davor in Tränen auszubrechen.

„Hast du vielleicht noch Fragen oder Wünsche, die du jetzt geklärt haben möchtest?“

„Ich will zu meiner Schwester“, sagte ich leise.

„Das kannst du, sobald du deinem Arzt einen Besuch abgestattet hast.“

 

oOo

Kapitel 13

 

Das Zimmer das man mir im Turm der Evas zugeteilt hatte war ein einziger Traum. Ich hasste es von ersten Moment an. Ich hasste die großen Fenster mit den langen Vorhängen, ich hasste das butterweiche Bett mit der kuscheligen Decke, ich hasste die ganzen seltsamen Geräte an den Wänden und in den Schränken, die laut Nadja zu meiner Unterhaltung gedacht waren und auch die bequeme Sitzecke unter den Fenstern. Und das schöne Bad, das hasste ich erst recht.

Das war nicht mein Zuhause, ich wollte hier nicht sein. Und doch stand ich nun vor dem großen Schrank und schaute mir die Kleidung darin an. Röcke, Kleider, Hosen und Blusen aus den feinsten Stoffen. Alles in verschiedenen Farben. Die Sachen aus dem Quarantänezentrum die ich noch immer trug, waren bereits von einer Qualität, wie ich sie vorher noch nicht gesehen hatte, aber dies hier übertraf alles was ich kannte.

Ich zog eine Schublade auf und entnahm ihr etwas, bei dem ich zuerst nicht wusste wohin damit. Nach einiger Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass man es sich wohl über die Brüste zog. Doch der Sinn erschloss sich mir nicht ganz, denn es verdeckte kaum etwas. Würde ich damit hinaus in die Sonne gehen, böte es meiner Haut keinen Schutz. Und in Winter würde es mich sicher nicht warm halten.

Allerdings war es hübsch, fein gearbeitet. In einem tiefen Rot. Einen Moment überlegte ich dieses Kleidungsstück anzuziehen, doch dann fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat. Das war ein Teil aus Eden, es sollte mir nicht gefallen. Nichts von den Dingen hier sollte das.

Wütend auf mich und diesen Ort schleuderte ich das Teil von mir und ließ mich dann schwer auf die Kante meines Bettes sinken. Nein, nicht mein Bett, das Bett. Ich ließ mich auf die Kante des Bettes sinken. Das war nicht meines. Nicht von den Dingen hier gehörte mir.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Was nur hatte ich verbrochen um so ein Schicksal zu verdienen? Ich sollte wie am Band Kinder kriegen? Das war doch krank! Wie konnten die Menschen in dieser Stadt nur glauben, dass darin die Rettung der Menschheit lag? Diese Idee war völlig absurd. Uns gegenseitig auszunutzen war doch nicht die Lösung der Probleme. Genaugenommen verdienten wir es auszusterben, wenn wir uns nicht mal gegenseitig respektieren konnten, von der Natur ganz zu schweigen.

Ich musste hier raus. Die einzige Möglichkeit diesem Schicksal zu entkommen war so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Aber ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung wie ich das anstellen sollte. Und dann war Nikita auch noch verschwunden. Ohne sie konnte ich nicht gehen, ich würde sie niemals in diesem Loch zurücklassen. „Komm schon, denk nach, es muss eine Lösung geben.“ Vielleicht sollte ich mir eine Waffe besorgen, das sollte nicht allzu schwierig sein. Dann könnte ich jemanden als Geisel nehmen und ihn zwingen mich erst zu Nikita zu bringen und uns dann hier raus zu holen.

Nur hör sich doch einer mal den Mist an den mein Hirn da fabrizierte. Eine Geisel. Als ob eine Geisel ausreichen würde mich aus dem Herzen der Stadt zu bringen. Dazu war ich nach Agnes‘ Aussage viel zu wertvoll. Auch mit zehn Geiseln würden sie mich und Nikita nicht ziehen lassen.

Frustriert erhob ich mich und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen. Ich war noch nie der große Denker oder ein außergewöhnlicher Stratege gewesen. Marshall hatte bei uns immer den Ton angegeben und ich war seinem Wort gefolgt. Das hatte uns beiden gereicht. Jetzt war ich auf mich allein Gestellt. Und bis jetzt hatte ich das nicht sehr gut hinbekommen.

Hätte ich doch nur besser aufgepasst, nachdem ich Kaleb niedergeschlagen hatte. Wenn ich doch nur …

Ein Klopfen an meiner Zimmertür riss mich aus meinen Gedanken.

Ich blieb ganz still und lauschte auf Geräusche aus dem Korridor, doch ich hörte nichts. Einen Moment war ich unsicher was ich tun sollte. Die Tür konnte ich nicht öffnen, sie war verschlossen – ich hatte es gleich nachdem Nadja mich hier abgeliefert hatte überprüft. Aber ein Klopfen bedeutete um Eintritt zu bitten. Ich wollte niemanden bei mir haben.

Wieder klopfte es. „Hier ist Carrie, darf ich reinkommen?“

Ich wurde wirklich um Erlaubnis gefragt? Fast hätte ich darüber gelacht.

Als ich wieder nicht reagierte, wurde zögernd am Türknauf gedreht. Dann steckte eine Frau mittleren Alters ihren Kopf durch den entstandenen Spalt. Schlank, schulterlanges, blondes Haar, Grübchen im Kinn. Ihr Leib steckte in einem grauen Hosenanzug. Es war die Frau aus Agnes‘ Büro, meine Betreuerin.

„Kismet?“

Ich starrte sie nur stumm an.

„Ich hatte geklopft und als keine Antwort kam, dachte ich es wäre besser nachzuschauen, ob auch alles in Ordnung ist.“

„Du meinst wohl du wolltest schauen, ob ich nicht doch einen Weg gefunden habe abzuhauen.“

„Abzuhauen?“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Tut mir leid dir das sagen zu müssen Liebes, aber das ist völlig ausgeschlossen.“ Sie wartete nicht weiter auf eine Einladung meinerseits, sondern kam einfach hinein. Dabei musterte sie mich gründlich. „Aber Menschen wie du tun manchmal unüberlegte Dinge, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen.“

Unüberlegte Dinge? „Was? Angst das ich mir selber etwas antue?“

„Solche Dinge sind schon geschehen.“ Sie bemerkte das Kleidungsstück für die Brust auf den Boden und hob es auf. „Hast du versucht es anzuziehen?“

„Nein. Es erfüllt keinen Nutzen.“

„Oh doch, das tut es sehr wohl.“ Wieder musterte sie mich. „Das ist Unterwäsche, ein Büstenhalter, oder auch BH. Er sorgt für besseren Halt.“

Ihre Worte ließen mich schnauben. „Kein Interesse.“

„Da du immer noch die Kleidung aus der Quarantänestation trägst, scheinst du an keinem der Kleider ein Interesse zu haben.“ Sie räumte diesen BH zurück in die Schublade im Schrank. „Dabei hast du dein so exquisites Sortiment erhalten. Du solltest es nutzen.“

Ich blieb still.

„Ich entnehme deinem Schweigen, dass du dich vor deinem Arztbesuch nicht noch einmal umziehen möchtest?“

„Ich war gestern bereits bei einem Arzt gewesen.“

Sie winkte ab. „Das war nur eine Allgemeinuntersuchung. Du wirst in den nächsten Tagen viel Zeit bei deinem Arzt verbringen, und das nicht nur beim Gynäkologen. Wie ich meinen Terminplaner entnommen habe, sind bei dir auch Zahnbehandlungen nötig.“

„Mit meinen Zähnen ist alles in Ordnung.“

„Ich halte mich nur an meine Anweisungen.“ Sie holte ein kleines Gerät aus ihrer Brusttasche und begann mit dem Finger darauf herumzutippen. „Es wurde sogar schon ein Termin für dich gemacht, dein Ernährungsplan wird allerdings noch bis morgen warten.“ Sie schnaubte und ließ das Gerät wieder in ihrer Brusttasche verschwinden. „Falsche Prioritäten, wenn du mich fragst. Deinen Körper gesunden zu lassen ist meiner Meinung nach wichtiger, als dich zu schwängern. Aber meine Meinung ist hier nicht gefragt. Wollen wir dann Liebes?“

Die Frage brachte mich aus dem Konzept. „Was wollen wir?“

„Losgehen.“ Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht und ließ sie um Jahre jünger wirken. „Wir müssen uns langsam auf dem Weg machen, sonst kommen wir zu spät zu deinem Termin.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und bewegte mich nicht vom Fleck. Mir war klar dass meine Verweigerung nicht viel bringen würde, aber ich konnte trotzdem nicht einfach mit ihr gehen. Das wäre als würde ich mich ihrem Willen unterwerfen.

Einen Moment dachte sie nach, dann holte sie wieder das kleine Gerät aus der Tasche. „Ich kann mir vorstellen, dass deine Situation nicht ganz einfach für dich ist. Ich bin über die Umstände deines Aufenthalts hier informiert und weis dass du nicht freiwillig nach Eden gekommen bist. Daher möchte ich dir deine Eingewöhnung hier so leicht wie möglich machen. Wenn dein Verhalten jedoch meinen Anweisungen zuwider läuft, habe ich die Befugnis Schritte einzuleiten, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.“

„Du meinst du wirst mich zwingen, notfalls auch mit Gewalt.“

Sie lächelte nur – das war irgendwie gruselig. „Dein Arzt erwartet dich.“ Sie öffnete die Tür und hielt sie mir einladend auf. „Die Entscheidung liegt bei dir.“

Die Entscheidung meine Prinzipien über Bord zu werfen oder mich unter Zwang zu meinem ach so wichtigen Termin bringen zu lassen – wahrscheinlich auch noch in Fesseln. Ich wusste nicht welche der beiden Optionen demütiger war. Allein die Vernunft brachte mich dazu mich selbständig in Bewegung zu setzten. Um mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen, musste ich ihr Vertrauen gewinnen und das würde ich nicht, wenn ich mich gegen alles mit Händen und Füßen wehrte.

„Stur und dennoch einsichtig, das zeugt von Intelligenz.“

Als ich an ihr vorbei aus dem Zimmer trat, fiel ihr Blick auf meine Füße.

„Willst du gar keine Schuhe anziehen?“

„Schuhe sind unnötiger Tand.“

„Aber nein Liebes, sie können ein sehr modisches Accessoire sein.“ Sie zog meine Zimmertür zu und führte mich dann zu den Fahrstühlen. Da ich mich an das unangenehme Gefühl von vorhin nur zu gut erinnerte, blieb ich ein paar Schritte entfernt stehen.

„Gibt es keinen anderen Weg nach unten?“ Ich wollte da wirklich nicht noch mal rein.

„Wir sind hier in der siebenten Etage.“

„Das heißt nein?“

„Naja.“ Sie schaute zum Ende des Ganges. „Wir können auch die Treppen nehmen.“

„Treppen hört sich gut an.“

Carrie warf einen sehnsüchtigen Blick auf die geschlossenen Türen des Fahrstuhls, seufzte dann und führte mich zur Treppe.

Sieben Etagen waren nicht viel, besonders nicht wenn es nach unten ging, doch meine Begleiterin schien nicht oft oder sogar freiwillig Treppen zu steigen. Sie bewegte sich langsam und ich hielt sich die ganze Zeit am Handlauf fest. Das konnte nur an ihren seltsamen, hochhackigen Schuhen liegen. Modisches Accessoire? Von wegen. So wie sie sich bewegte hatte ich Recht, das war nichts weiter als unnötiger Tand, der einem das Leben schwer machte.

Aus dem Treppenhaus ging es hinaus in den Empfangsbereich. Ich staunte nicht schlecht als ich sah was sich dort vor dem Tresen tummelte. Zwei Frauen mit fünf Kindern – fünf! Keines von den Kleinen schien älter als ein oder zwei Jahre zu sein. Dieser Anblick war mir unbegreiflich.

Carrie grüßte die beiden Frauen mit Namen und deutete mir dann Richtung Tür vorzugehen. Da ich sie ja nicht enttäuschen wollte, folgte ich ihren Anweisungen. Doch gerade als ich nach der Klinke greifen wollte, wurde die große Doppeltür von außen geöffnet und sieben seltsame Gestalten betraten an mir vorbei das Gebäude.

Sie trugen dicke, schwarze Hosen in einem Camouflagemuster. Unter ihren Jacken hatten sie enge Hemden an. Die Füße steckten in festen Schuhwerk und die Hände in Handschuhen. An ihren Gürteln hatten sie alle Halterungen in denen Waffen und Handschellen steckten und ein paar von ihnen trugen seltsame Ovale mit sich herum. Das waren … Helme?

Genauso schnell wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie auch in den Fahrstühlen und damit aus mein Sichtfeld.

„Beachte sie nicht“, forderte Carrie mich auf. „Die sind nur zu ihrer wöchentlichen Besprechung mit der Despotin im Gebäude. Von ihnen droht dir keine Gefahr.“

Ja, solange ich nach ihren Regeln spielte.

Erneut hielt Carrie mich dazu an mich endlich in Bewegung zu setzten und brachte mich aus dem Turm der Evas hinaus. Dieses Mal jedoch wurde ich nicht wie erwartete in einen Wagen verfrachtet. Stattdessen schlug meine Begleiterin den Weg nach links ein, mitten hinein ins Grüne.

„Es ist nicht weit“, erklärte sie. „Und bei der Gelegenheit kann ich dich auch ein wenig im Herzen herumführen.“

Dies hier war kein Herz, das war ein Gefängnis. Nicht mal die freundliche Gestaltung konnte mich über diese Tatsache hinwegtäuschen.

Carrie führte mich durch die Weltläufige Parkanlage und erzählte mir ein wenig von der Geschichte dieses Ortes. Früher war das Herz genauso wie der Rest der Stadt gewesen. Wohnhäuser, Amtsgebäude, Einkaufsläden. Doch mit der Entstehung des Projekts Eden hatte man sich dazu entschlossen diesen Teil der Stadt komplett umzugestalten um eine Oase für die wichtigsten Menschen dieser Welt zu erschaffen.

„Natürlich hat die Fertigstellung viele Jahre gedauert, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen, meinst du nicht auch?“

Mein Blick fiel auf ein kleines Haus mitten in dem ganzen Grün.

„Dort wohnt Valentin, einer der Adams. Hast du dir bereits den Katalog der Adams angesehen?“

„Nein.“

„Dafür ist ja auch noch ein wenig Zeit.“ Sie schlug den Weg ein, der direkt an dem kleinen Haus vorbei führte. „Die Adams wohnen nicht im Turm. Man kam zu dem Schluss dass die Evas einen Rückzugsort vor ihrem männlichen Antithese brauchen.“

Anti-was?

„Gleichzeitig hatten die Männer sich aber auch dafür ausgesprochen nicht wie die Hühner in einem Stall zusammengepfercht zu werden, daher wurden überall im inneren Ring diese Häuser für sie errichtet. Wie du siehst, berücksichtigen wir die Wünsche unserer Bewohner.“

„Außer den Wunsch nach Freiheit“, gab ich bitter zu bedenken.

„Es gibt viele Arten von Freiheit. Auch hier kannst du sie finden, du musst dich nur darauf einlassen.“

Das bezweifelte ich doch stark. Es gab nur eine einzige wahre Freiheit und die lag außerhalb dieser Mauern.

„Wenn du deinen Screen das Mal zu Hand nimmst, dann solltest du dir bei der Gelegenheit vielleicht auch die Kleider anschauen. Das Fest ist nicht mehr lange hin und die Schneider haben schon jetzt viel zu tun. Es wäre nicht ratsam das bis zum letzten Moment hinauszuzögern.“

„Fest?“

Ihre Stirn runzelte sich, aber dann schien ihr ein Licht aufzugehen. „Entschuldigung, das kannst du ja alles noch gar nicht wissen. Ich spreche vom Elysium-Fest, eine Parade quer durch die Stadt, zu Ehren unserer Evas und Adams.“

Was war eine Parade? Und was sollte hier zu Ehren bedeuten? Hieß das die Menschen hier huldigten ihr verqueres Treiben auch noch mit einem großen Fest, auf dem sie die Leute die sie ausbeuteten auch noch zur Schau stellten? Das war geradezu abartig.

„Schau nicht so“, verlangte Carrie, die meinen Ekel wohl meinem Gesicht ansehen konnte „Es wird dir Spaß machen, du wirst schon sehen.“

Das bezweifle ich.

Wir liefen in die Schatten eines kleinen Baumhains und einen kurzen Moment konnte ich mir einbilden draußen in der Alten Welt zu sein. Ich verdrängte all die fremden Geräusche und lauschte auf das Rascheln des Windes in den Baumkronen. Irgendwo zwischen den Blättern konnte ich einen Kakadu krächzen hören. Ein anderer erwiderte seinen Ruf.

Carrie führte uns einen ausgetretenen Pfad entlang und deutete mir nach rechts zu gehen. Ich achtete nicht wirklich darauf wohin ich trat, versuchte all das Fremde auszublenden und lief beim Abbiegen prompt in eine harte Fläche hinein. Ich prallte ab, taumelte einen Schritt zurück und sah mich Auge in Auge mit einem finster dreinblickenden Mann gegenüber – der dunkelhaarige Mann aus dem Fahrstuhl.

„Kannst du nicht aufpassen wo du hinläufst, Schnepfe?“

Ich konnte genauso finster zurückschauen. „Scheinbar genauso wenig wie du.“

Seine Mundwinkel sanken noch eine Etage tiefer. „Blind wie ein Maulwurf und dann auch noch frech werden.“ Er schnaubte und drängte sich an mir vorbei. „Scheiß Weiber.“

„Bastard.“

Carrie schaute ihm nach, als hätte sie es mit einem trotzigen Kind zu tun. „Sei Sawyer nicht böse. Er kommt nicht gut mit anderen Menschen klar.“

Das Gefühl kannte ich nur zu gut. Ich lebte zwar in einer Gruppe aus fünf Leuten, doch wirklich wichtig waren mir nur Nikita und Marshall. Die anderen waren in Ordnung, aber ich würde auch gut ohne sie leben können.

„Und nun komm, wir sind schon spät dran und es ist unhöflich jemanden warten zu lassen.“

Nein ich würde ihr jetzt nicht erklären, was meiner Meinung nach alles unhöflich war. Stillschweigen und fügsam war jetzt angebracht, denn schließlich galt es noch immer Vertrauen aufzubauen.

Unser Weg führte uns noch an den Rand des Marktplatzes vorbei, der laut Carrie alles bot was das Herz begehrte. Ein Bistro, ein vorzügliches Restaurant und eine große Auswahl von Einkaufsmöglichkeiten – alles was man zum Leben brauchte. Kurz darauf standen wir vor einem großen Gebäude in der Nähe des Ringwalls, das mich von der Baukonstruktion sehr stark an das Quarantänezentrum erinnerte. Dieser Eindruck verflüchtigte sich auch nicht, als wir in den Empfangsbereich traten. Individualität und Vielfalt waren hier wohl fehl am Platz. Genau wie alle anderen Gebäude war es erstklassig in Schuss gehalten, sauber und elegant. Aber bar jeder Kreativität. Klinik nannte meine Begleiterin dieses Bauwerk.

Carrie brachte mich zum Empfangstresen, wo sie den Mann dahinter mit einem Lächeln auf uns aufmerksam machte. „Hallo Julian.“

„Carrie!“ Er erwiderte das Lächeln. „Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr hier gesehen.“

„Ja ich war die letzten drei Jahre einem Jungen im HdK zugeteilt gewesen.“

„Schwieriger Junge?“

„Eigensinnig, stur. Das übliche eben. Er hatte starke Probleme gehabt sich einzugliedern.“

Sein Grinsen wurde nichtssagend. „Diese Streuner wissen einfach nicht was sie an uns haben.“

Bitte?

„Nein, sie kennen es nur einfach nicht besser“, widersprach Carrie ihm. „Manchen von ihnen fällt es einfach schwer sich auf etwas Neues einzulassen.“

Und noch mal: Bitte?! Den beiden ging es doch wohl zu gut!

„Das hier ist wohl auch wieder so ein Fall.“ Er musterte mich. „Zu wem soll sie?“

„Moment.“ Carrie kramte wieder das kleine Gerät aus ihrer Brusttasche, tippte dann ein paar Mal mit dem Finger darauf und hielt es diesem Julian dann vor die Nase.

„Ah.“ Julian begann auf der Oberfläche des Tresens herumzutippen. Der Untergrund glomm schwach auf, genau wie bei Agnes im Büro. Daneben leuchtete ein Bildschirm in der Platte. „Er hat gerade noch eine Patientin bei sich, müsste aber gleich fertig sein. Fahrt einfach hoch in die zweite Etage und nehmt rechts im Warteraum Platz. Ihr werdet dann aufgerufen.“

Das mit dem fahren erledigte sich von selbst, sobald mir aufging, dass damit eine weitere Fahrt in diesem Fahrstuhl gemeint war. Zu Carries Leidwesen bestand ich darauf die Treppe zu nehmen und stellte mit Genugtuung fest, dass ihre Schuhe ihr den Aufstieg nicht ganz einfach machten.

Durch das Treppenhaus ging es in einem belebten Korridor. Auf unserem Weg zum Warteraum zählte ich siebzehn Menschen und musste wieder staunen wie viele es von ihnen hier gab. Die meisten von ihnen schienen hier zu arbeiten. Eine jedoch war schwanger und eine andere trug ein neugeborenes Baby in den Armen. Es war mir noch immer unverständlich, wie das möglich war.

Der Warteraum in dem wir Platz nahmen, war bis auf uns leer. Carrie setzte sich in einen der bequemen Sessel und beschäftigte sich mit dem kleinen Gerät. Ich verlegte mich darauf am Fenster zu stehen und hinaus zu schauen. Eines musste ich leider zugeben, die Parkanlage war wirklich wunderschön. Trotzdem gefiel mir die wilde Natur der Alten Welt besser.

Es dauerte nicht lange, bis die Tür zur Praxis geöffnet wurde. Eine ältere Frau mit einer kleinen Bauchkugel trat heraus. „Bis nächste Woche“, sagte sie zu der Person in Raum, nickte mir und Carrie dann lächelnd zu und verschwand aus dem Wartebereich.

Ihren Platz im Türrahmen zur Praxis nahm ein großgewachsener blonder Mann ein, der bei meinem Anblick breit lächelte. Das war Kaleb!

„Ah, hallo, da seid ihr ja schon. Carrie.“ Er nickte meiner Begleiterin zu.

Nein, die Stimme war falsch. Das war nicht Kaleb, das war der Klon.

„Wenn ich dich dann hereinbitten dürfte“, wandte er sich an mich.

Ich zögerte.

„Nun geh schon Liebes. Killian ist nicht nur ein sehr guter Arzt, er ist auch einer der nettesten Männer, die ich in meinem Leben kennenlernen dürfte.“

Als wenn es das besser machen würde.

„Ich werde so lange hier draußen auf dich warten.“

Auch das machte diese Situation nicht angenehmer. Wenn ich nur an die letzte Untersuchung dachte, graute es mich bereits vor dem was mich in dem Raum erwartete. Um mich in Bewegung zu setzten, musste ich mir einen Ruck geben und mich daran erinnern, warum ich das hier tat. Vertrauten, vertrauen, vertrauen. Wie ein Mantra wiederholte ich dieses Wort geistlich immer wieder, als ich in den Behandlungsraum trat.

„Nur keine Scheu.“ Der Klon schloss die Tür und wies dann zu dem Platz vor seinem Schreibtisch. „Setzt dich doch, dann können wir uns besser unterhalten.“

Unterhalten? Mehr wollte er nicht? Bei dieser Einrichtung konnte ich mir das nicht wirklich vorstellen. Es sah ähnlich aus wie bei Dr. Pirozzi, gleichzeitig aber moderner. Es gab auch weitaus mehr Geräte als im Quarantänezentrum.

„Ich bin Dr. Killian Vark“, stellte der Klon sich vor, als er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. „Und ich werde ab heute dein Arzt sein. Es ist dir doch recht wenn ich dich duze, oder?“

Als wenn es zählt was ich will. Ich verkniff mir den Kommentar und setzte mich einfach schweigend ihm gegenüber.

Er wartete einen Augenblick. „Ich kann dich auch siezen, wenn dir das lieber ist.“

Was, er erwartete wirklich eine Antwort von mir? Mir drängte sich die Frage auf, was er damit bezweckte. „Es ist mir egal“, erklärte ich ausweichend und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich fühlte mich hier absolut unwohl.

Der Klon schien das zu bemerken. „Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?“

Wieder wartete er solange, bis ich mit einem Kopfschütteln verneinte.

„Nun gut.“ Er verschränkte die Hände vor sich auf der Tischplatte. „Deine Unterlagen wurden mir bereits heute Morgen zugespielt, um mich mit deinem Fall vertraut zu machen. Es ist ein großes Glück für uns dich gefunden zu haben.“

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu.

„Wahrscheinlich ist das hier nicht ganz einfach für dich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie du dich fühlen musst, aber ich kann dein abneigendes Verhalten verstehen. Es muss schwer sein aus allem herausgerissen zu werden, was einem vertraut und lieb ist.“

Was sollte das werden?

Killian wartete einen Moment ob ich etwas dazu zu sagen hatte. Als dem nicht so war, fuhr er fort. „Unter diesen Umständen ist es nicht ganz einfach eine Vertrauensbasis zwischen uns beiden zu finden, aber genau das ist sehr wichtig. Nicht nur für mich, auch für dich – besonders für dich. Deswegen halte ich für den Anfang ein Gespräch für unsere beste Option. Wir können einander ein wenig kennenlernen.“

Ich lachte auf. „Was soll das bringen?“

„Es könnte dir helfen zu verstehen, dass ich weder dein Feind bin, noch ein schlechter Kerl.“

Aber sicher doch.

Er wartete auf eine Reaktion, die jedoch ausblieb und setzte dann erneut an. „Hat man dir in der Zwischenzeit erklärt, warum du hier bist?“

„Ich soll ein Haufen Babys produzieren, die mir dann auch noch direkt nach der Geburt weggenommen werden.“

„Das ist nur zum Teil richtig. Niemand wird dir deine Babys wegnehmen. Alle Evas haben Zugang zu ihren Kindern und nehmen an ihrem Leben Teil. Da die Erziehung jedoch sehr anstrengend sein kann – besonders bei so einer Vielzahl an Nachwuchs – wird man dir Unterstützung zur Seite stellen um dir die Arbeit abzunehmen. Aber niemand wird dich von deinem Babys trennen.“

Das hatte sich bei Agnes aber noch ganz anders angehört.

„Vielleicht sollten wir anders beginnen. Weißt du warum wir das tun?“

„Ihr glaubt damit die Menschheit erhalten zu können.“

„Ja, wir bekämpfen damit die Ausrottung durch das Mortiferus-Virus. Das ist doch ein Nobler Gedanke, oder?“

Da war es wieder, das gleiche hatte auch schon Agnes gesagt. „Was für ein Virus?“

Erstaunt hob er eine Augenbraue. „Du weißt nichts von dem Mortiferus-Virus?“

„Hätte ich sonst gefragt?“

Er musterte mich. „Warum glaubst du stirbt die Menschheit aus?“

Das wusste ja wohl jedes Kind. „Weil die Menschen die Natur zu sehr ausgebeutet hat. In der Zwischenzeit sieht sie uns als Parasiten an und das ist ihre Art sich von uns zu befreien.“

Killians Mundwinkel zuckte. „Ich habe zwar schon eine Vielzahl von Theorien der Streuner gehört, aber die ist mir neu. Und was du da sagst ist außerdem falsch. Das Aussterben unserer Rasse hat nichts mit der Natur zu tun, es ist das Ergebnis menschlicher Arroganz. Wir haben uns der Welt so überlegen gefühlt, sie so sehr manipuliert, dass es nun auf uns zurück fällt.“

In meinem Gesicht standen drei große Fragezeichen.

„Pass auf. 2018 wurde in einem Forschungslabor an der Küste von Shanghai ein Virus entwickelt, das die Überpopulation von Wild eindämmen sollte. Dieses Virus befand sich noch im Forschungsstadion, als es einen Anschlag auf das Labor gegeben hat, der das Virus freisetzte. Daraufhin befiel es jede Art von Säugetieren – auch den Menschen – und führte zu Missbildungen der inneren Fortpflanzungsorgane.“

Was?

„Ich versuche es dir mal vereinfacht zu erklären. Der Mortiferus-Virus befällt Zellen, indem er sein Genmaterial in den Kern der Wirtszelle einfügt. Seine bevorzugten Wirtszellen sind Stammzellen. Bei einer Meiose sorgt dies dafür, dass neue Geschlechtszellen – also Eizellen und Samenzellen – mit zu hohen Chromosomensätzen entstehen. Wenn eine solche Geschlechtszelle eine andere befruchtet oder von einer anderen Geschlechtszelle befruchtet wird, kommt es zu Missbildungen der Geschlechtsorgane, sowohl primär, als auch sekundär, was dazu führt, dass unfruchtbare Kinder geboren werden. Da der Virus in der Regel jedoch nicht jede Zelle im Wirtskörper befällt, gibt es geringfügige Ausnahmen, in den auch gesunde Babys von infizierten Personen geboren werden. Leider verfügen sie über keine Immunität und auch wenn sie selber nicht befallen sind, so tragen sie das Mortiferus-Virus in sich und geben es so mit sehr begrenzten Ausnahmen an die nächste Generation weiter, die zu neunundneunzig Prozent auch unfruchtbar sein wird.“

Ich sagte das nicht gerne, aber: Hä?!

„Bei fruchtbaren Menschen setzt sich der Mortiferus-Virus normalerweise nur an gesunden Zellen fest, zum Beispiel Blutzellen, bleibt jedoch inaktiv. Außer im eben genannten Fall, wenn er sich an eine Stamm- beziungsweise. Geschlechtszelle gesetzt hat. Somit wird er durch das Blut der Mutter an den Embryo übertragen werden, wo er sich wie ein normaler Virus verhält und sich dort seiner Natur entsprechend ganz normal vermehrt.“

Nein, diese zusätzliche Erklärung half mir auch nicht dabei die Erleuchtung zu erringen.

„Du hast kein Wort von dem verstanden, was ich gesagt habe, oder?“

„Doch. Das Virus ist böse und rottet uns aus.“

Killian verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. „Ein Virus ist nicht böse, es folgt nur seiner Natur.“ Einen Moment senkte er nachdenklich das Gesicht. „Das Virus sorgt für Missbildungen der inneren Fortpflanzungsorgane von Säugetieren, weswegen eine Schwangerschaft oder Trächtigkeit bei neunundneunzig Prozent ausgeschlossen ist. Es gibt jedoch einige wenige Frauen und Männer, die von dem Mortiferus-Virus verschont geblieben sind. Durch die Erbanlagen der Eltern tragen sie es zwar trotzdem in sich und vererben es selber auch weiter, werden davon aber nicht selber befallen. Diese Menschen können Kinder bekommen, von denen die Meisten zwar unfruchtbar sind, jedoch auch sie Ausnahmen zur Welt bringen.“

„Ausnahmen wie mich.“

Er nickte und schien erfreut, dass ich ihn nun verstanden hatte. „Deswegen bist du so etwas Besonderes.“

Ich schnaubte. „Meine Theorie klingt einleuchtender.“

Killian gluckste leise. „Am besten lassen wir das einfach. Es gibt sowieso wichtigere Dinge, über die wir uns unterhalten sollten.“

Erst als er das sagte, bemerkte ich wie sehr ich mich bei dem kurzen Gespräch entspannt hatte, denn nun verkrampfte sich wieder alles in mir. Ich wollte mir ich nicht über wichtigere Dinge sprechen, das konnte nur zu meinem Nachteil sein. Und erst recht wollte ich mich nicht entspannen.

„Ich denke wir sollten mit ein paar einfachen Fragen beginnen. Dr. Pirozzi hat dir zwar schon einige gestellt, aber ich würde mir gerne ein eigenes Bild von dir machen. In Ordnung?“

„Warum fragst du? Ich habe ja sowieso keine Wahl.“

„Da ich um deine Situation weis, hast du bei mir einen gewissen Spielraum. Es war mein ernst gewesen als ich sagte, dass wir zwischen uns eine Vertrauensbasis schaffen müssen und die werde ich nicht gefährden, indem ich dich zu etwas dränge, dass du nicht möchtest.“

Ich schnaubte. „Aber sicher doch.“

„Versuchen wir es doch einfach mal.“ Er begann auf seiner Tischplatte zu tippen. Wie schon bei Agnes für ein Monitor schräg hoch. „Fangen wir erstmal mit einer einfachen Frage an. Weißt du etwas über Erbkrankheiten in deiner Familie? Morbus Wilson? Engelmann-Syndrom? Oder auch MPS?“

Hä? „Ich kenne keinen dieser Begriffe.“

„Ist deine Familie dann besonders anfällig für irgendwelche Krankheiten? Demenz zum Beispiel, oder auch Diabetes?“

„Das weiß ich nicht. Bis auf meine Schwester ist meine ganze Familie tot.“

Killian nickte verstehend und tippte etwas auf seinem Bildschirm ein. „Leider ist dieses Unwissen bei Streunern sehr weit verbreitet. Daher werden wir dich auf alles testen müssen, was bedeutete, dass ich dir nachher ein bisschen Blut abnehmen muss.“

„Das hat die Ärztin gestern schon gemacht.“

„Das war nur für den kleinen Test. Wir brauchen noch ein großes Blutbild. Sollte es Auffälligkeiten geben, werde wir uns gegebenenfalls auch noch mit deinem Gewebe beschäftigen müssen.“ Er schaute wieder von seinem Bildschirm auf. „Aber das machen wir später. Jetzt würde ich gerne noch ein paar andere Dinge von dir in Erfahrung bringen. Warst du in deinem Leben schon einmal ernstlich erkrankt gewesen?“

„Nichts das sich nicht mit einer Mütze voll Schlaf hat heilen lassen.“ Naja, abgesehen von der Entzündung an meinem Bein.

Killians Mundwinkel zuckte. „Die guten alten Hausmittelchen helfen manchmal einfach am besten. Aber weiter im Text: Hattest du schon einmal Geschlechtsverkehr?“

„Du meinst Sex.“

Er nickte.

Bei dieser Frage würde ich unruhig. „Wozu willst du das wissen?“

„Ich brauche diese Informationen, damit ich weiß womit ich arbeiten muss. Bis du noch völlig unerfahren, oder weißt du bereits erste Erfahrungen sammeln können. Du bist noch sehr jung, ich kann also nicht ausschließen, dass Männer dir in dieser Beziehung noch fremd sind. Den Unterlagen deiner Untersuchung kann ich nur entnehmen, dass du medizinisch gesehen keine Jungfrau mehr bist, aber dafür kann es eine Vielzahl von gründen geben.“ Er wartete einen Moment und fügte dann hinzu. „Es ist wichtig für mich das zu wissen.“

Verdammt. Ich wollte ihm das nicht sagen, es ging ihn nichts an. Andererseits was konnte er mit dieser Information schon groß anfangen? „Ja, ich hatte schon Sex.“

„Freiwillig?“

Diese Frage brachte mich ins Stocken.

„In der Alten Welt geht es nicht immer gesittet zu, das ist mir wohl bekannt. Ich kenne einige Frauen, bei denen es zu ungewollten Übergriffen kam und -“

„Marshall hat mich nie gegen meinen Willen angefasst!“, fauchte ich ihn an. Das er es auch nur wagte sowas zu denken. Als wenn -

Ich stockte.

Bei allen Abgründen, ich war doch gerade nicht wirklich so dumm gewesen, seinen Namen zu nennen, oder? Das konnte einfach nicht sein.

„Das sollte kein Angriff sein, ich versuche mir nur ein Bild von dir zu machen.“ Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hände. „Deinen Worten entnehme ich dass du fest liiert bist?“

Was sollte ich darauf jetzt antworten? „War das jetzt eine Frage?“

Er nickte.

Ich biss mir auf die Unterlippe und wandte den Blick ab. Dieses Gespräch war mir unangenehm, aber ich musste mich kooperativ zeigen. Und das kotzte mich ehrlich gesagt ziemlich an. Und warum zum Teufel ging er nicht darauf ein, was ich ihm gerade verraten hatte? Glaubte er mich so noch weiter aushorchen zu können? Verdammt. „Ich war sechzehn, als … als er das erste Mal mit mir schlief. Wir waren nie ein Paar, aber wir haben einander oft genossen.“

„Du hast ihn sehr gerne.“

Dafür bekam er einen giftigen Blick. „Er war es der mich und Nikita gerettet hat, nachdem Eden mein Leben zerstört hatte.“

Ein kleines Runzeln erschien auf seiner Stirn. „Eden zerstört keine Leben, wir schaffen es.“

„Erzähl das mal meiner toten Mutter.“

„Ich weiß nicht was dir widerfahren ist, Kismet, aber ich kann dir versprechen, dass Eden damit nicht zu tun hatte.“

Also das glaubte ich jetzt nicht. „Willst du behauten dass ich lüge?!“

„Nein, nur dass du vielleicht etwas durcheinander bringst, oder falsch verstanden hast. In deiner Akte steht dass du deine Mutter in sehr jungen Jahren verloren hast. Damals hattest du sicher Angst und warst von dem Erlebten verstört. In einem solchen Zustand kann es leicht passieren, Tatsachen falsch zu interpretieren.“

Falsch interpretieren? Du Bastard! „Ich weiß sehr genau was ich gesehen habe. Es waren Männer in den Uniformen der Yards. Diese Uniformen sind unverkennbar!“

„Die Yards sind keine Menschenschlechter.“

„Das behauptet ihr!“

Das brachte Killian einen Moment zum Nachdenken. „Ich weiß ehrlich nicht was damals geschehen ist, aber vielleicht solltest du die Möglichkeit in Betracht ziehen, dich getäuscht zu haben. Wenn es nur die Uniformen sind, die deinen Hass auf diesen Ort schüren, solltest du mal überlegen, ob es nicht Streuner waren, die sich Uniformen der Yards angeeignet haben. Ich weiß von mehreren Fällen, in denen das schon vorgekommen ist.“

Ich funkelte ihn an. Dieses Thema weiter mit ihm zu besprechen war Sinnlos. Ich wusste genau was ich gesehen hatte, aber dieser Kerl war von Eden so verblendet, dass er die Wahrheit nicht mal erkennen würde, wenn sie ihm ins Gesicht schlug. „Dieses Gespräch ist Sinnlos.“

„Dann sollten wir uns vielleicht wieder auf den wesentlichen Teil konzentrieren. In Ordnung?“

Als wenn ich eine Wahl hätte.

„Kismet?“

„Frag.“ Je schneller ich das hier hinter mich brachte, desto schneller konnte ich zu Nikita. Das hatte Agnes versprochen. Nach dem Termin durfte ich meine Schwester sehen.

„Gut, dann machen wir doch einfach weiter. Du hattest also regelmäßig Geschlechtsverkehr?“

Ich nickte unwillig.

„Wann das letzte Mal?“

„Das ist schon ein paar Wochen her.“ Ich schlang meine Arme fester um mich. „Keine Ahnung wann genau.“

Killian löste die Hände unter seinem Kinn und begann wieder zu tippen. „Macht der Koitus dir manchmal zu schaffen?“

„Was?“

„Hast du manchmal Schmerzen beim Geschlechtsverkehr?“

Ach so. „Nur einmal und das war -“ Wäre ich so hellhäutig wie er, würde ich nun feuerrot anlaufen. So spürte ich einfach nur, wie meine Wangen heiß wurden.

Der Herr Doktor hörte mit dem Tippen auf und musterte mich. „Das war was?“

Das war so demütigend. „Das möchte ich nicht sagen.“

„Das ist in Ordnung, aber du solltest wissen, dass du mit mir über alles reden kannst, was in diesen Bereich fällt. Ich werde dich nicht verurteilen.“

Glaubte er wirklich dass ich ihm jetzt erzähle dass Marshall einmal zu stürmisch gewesen war und sein Ziel verfehlt hatte? Der Kerl lebte in einer Märchenwelt.

Er seufzte, als würde es ihn belasten, dass ich nicht absolut offen zu ihm war. „War dieser Marshall dein einziger Geschlechtspartner?“

Ein Nicken reichte hier als Antwort.

„Hast du mit ihm ein Kind?“

Ob ich … ich lachte auf. „Bis vor ein paar Stunden war mir nicht einmal klar, dass ich fähig bin Kinder zu bekommen.“

„Also nicht.“ Wieder begann er zu tippen.

Was nur schrieben diese Leute ständig auf ihren Maschinen?

„Kannst du mit dem Begriff Frauenzyklus etwas anfangen?“

„Ja.“

„Das ist gut.“ Er lächelte mich kurz an. „Dann kannst du mir auch sicher sagen, wie regelmäßig dein Zyklus ist.“

Würden diese Erniedrigungen irgendwann ein Ende finden? „Regelmäßig.“

„Monatlich?“

„Ja.“

Er nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. „Wann hattest du deine letzte Periode?“

„Ist schon ein paar Tage her.“

„Du weißt es also nicht genau?“

„Nein.“

„Nun gut, dann werden wir deinen nächsten Eisprung auf andere Weise klären müssen.“ Wieder verschränkte er die Hände auf den Tisch und lächelte mich an. „Na siehst du, war doch gar nicht so schlimm gewesen.“

Das vielleicht nicht, aber entwürdigend. „Heißt das die Fragestunde ist jetzt beendet?“

„Vorläufig.“

Dem Himmel sei Dank. „Dann kann ich jetzt gehen?“

„Nun mal nicht so schnell.“ Sein perlweißes Lächeln blitzte auf. „Jetzt kommen wir zu der eigentlichen Untersuchung. Ultraschall, Vaginaluntersuchung und -“

„Aber das habe ich gestern doch schon machen müssen!“

Ein Lächeln verrutschte ein wenig. „Ich weiß dass es ungewohnt und unangenehm für dich ist, doch regelmäßige Untersuchungen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.“

Unserer Arbeit. Das triefte doch nur so vor Hohn.

„Daher möchte ich dich bitten dich untenrum frei zu machen.“

„Nein.“ Das Wort war raus, bevor ich näher darüber nachdenken konnte. Aber ich wollte das nicht, nicht schon wieder.

„Kismet, es wäre wirklich -“

„Bitte“, unterbrach ich ihn und hasste mich selber dafür, dass ich so weinerlich klang. „Ich will das nicht.“

„Solange du mich als deinen Feind ansiehst, wird es dir nicht leichtfallen dich mir zu öffnen.“ Killian musterte mich einen Augenblick und seufzte dann ergeben. „Nun gut. Für diese Art der Behandlung ist Vertrauen zwischen Arzt und Patient sehr wichtig. Ich werde niemand zu etwas zwingen, dass er nicht möchte. Aber nicht jeder Tokologe hier denkt so wie ich, daher sei gewarnt: Wenn die Despotin die Geduld mit dir verliert, dann wird sie befehlen die notwendige Behandlung an dir durchzuführen – notfalls auch gegen deinen Willen. Darum solltest du dir schnell im Klaren darüber werden, wie dein Leben hier verlaufen soll.“

„Ich will hier nicht leben. Ich will nach Hause.“

Mitleid trat in seine Augen. „Es tut mir leid dass du so empfindest, aber das hier ist nun dein Zuhause und es führt kein Weg an deiner Zukunft vorbei.“

Zumindest nicht solange ich keinen Ausweg gefunden hatte. Aber da würde ich noch, darauf konnte er Gift nehmen. „Sind wir dann fertig?“

„Noch nicht ganz. Ich werde die gynäkologische Untersuchung für heute ausfallen lassen, weil du mir sehr deutlich zeigst, dass du dich dabei nicht wohlfühlen wirst, aber dafür wirst du morgen wiederkommen müssen, damit wir das dann vielleicht nachholen können.“

„Vielleicht?“

„Naja, ich kann nur hoffen, dass du dich dann dazu bereit fühlst.“

Wohl kaum, aber das behielt ich lieber für mich. „Dann sind wir jetzt also doch fertig?“

„Du kannst es wohl kaum erwarten mich zu verlassen.“

„Ich will zu meiner Schwester.“

„Ich fürchte die wird noch ein kleinen wenig warten müssen, weil wir noch ein paar Dinge besprechen müssen.“

Noch mehr reden? Diese Quallen würden wohl niemals ein Ende nehmen. „Was jetzt noch?“

Er lächelte wieder. „Was Eden für dich geplant hat, ist dir ja nun schon bekannt, doch ich gehe nicht davon aus, dass man dir in der Zwischenzeit deine Möglichkeiten aufgezeigt hat, oder?“

„Möglichkeiten?“ Hieß das ich konnte mich dem Ganzen doch noch entziehen? Ich richtete mich ein wenig gerade auf.

„Ja Möglichkeiten. Hast du dir bereits den Katalog der Adams angesehen?“

Was hatte das mit meinen Möglichkeiten zu tun? „Nein.“ Aber so wie alle darauf drängten, wurde ich langsam neugierig darauf – eine ungesunde Neugierde.

„Hm, in Ordnung. Hat man dich bereits über das System aufgeklärt?“

„Nein.“

„Okay, pass auf. In deinem Zimmer findest du einen Katalog in dem alle Adams vertreten sind, die zu einer Fortpflanzung mit dir zugelassen sind. Da du nicht aus Enden stammst und damit kein Blutverhältnis zu den ansässigen Adams hast, kannst du wahrscheinlich aus dem ganzen Pool wählen.“

„Das sind meine Möglichkeiten?“ Aus vielen Kerlen einen auszuwählen?

„Nein, dazu komme ich gleich. Was ich dir jetzt sage hat mit dem Edensystem zu tun. Die Wahl eines Partners kannst du anhand deiner Vorlieben auswählen. In seltenen Fällen werden dir geeignete Partner zugeteilt. Das ergibt sich aus der Kompatibilität eures gemeinsamen Erbguts. Erfolgreiche Kopulation können zu Wiederholungen des Koitus mit einem bestimmten Partner führen.“

„Erfolgreiche Kopulation wie in fruchtbares Baby?“

Er nickte. „Ganz genau. Wir sind immer auf der Suche nach dem besten Genmaterial. Aber ich schweife gerade zu sehr vom Thema ab. Das Edensystem gibt vor, dass du dir deinen Partner selber aussuchen kannst. Du kannst ihn aufsuchen, oder auch zu dir bitten, um den Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Und hier kommen deinen Möglichkeiten. Nicht alle Frauen wünschen den normalen Koitus. Wir haben da zum Beispiel Mila. In der Zwischenzeit ist sie eine der älteren Evas, doch in ihren jungen Jahren hat sie sich verliebt. Nicht in einen Adam, sondern in den Besitzer der kleinen Bistros am Marktplatz. Danach konnte sie den Geschlechtsverkehr mit keinem Mann mehr vollziehen – naja, mit keinem außer Finn. Darum lässt sie sich seit dem nur noch künstlich befruchten. Das macht es für beide einfacher.“

„Das heißt dieser Finn ist nicht fruchtbar?“

„Nein, er ist kein Adam. Unsere Adams und Evas haben bereits eine sehr wichtige Aufgabe, sie dürfen nicht auch noch arbeiten. Das könnte zu Stress führen und Stress ist Gift für unser Konzept.“

„Und diese künstliche Befruchtung? Was ist das?“

„Die künstliche Befruchtung ist ein kleiner Eingriff, bei dem dir Eizellen entnommen werden, die wir künstlich in einer Petrischale befruchten. Die erfolgreich befruchteten Eier setzten wir dann in deiner Gebärmutter ein, wo sie heranreifen können. Diese Methode wird im Edensystem sogar vorgezogen, da sie zusammen mit Hormontherapien eine weitaus höhere Geburtenrate erzielt.“

Höhere Geburtenrate. Mehrlingsgeburten. Darum rannten hier also so viele Klone herum. „Das heißt meine Möglichkeiten sind die Wahl zwischen der Befruchtung durch einen Mann und der einer Maschine?“

„Die künstliche Befruchtung wird nicht von einer Maschine durchgeführt, aber ja.“

Ich legte den Kopf in den Nacken und blinzelte hinauf zur Decke. Plötzlich war mir nach Heulen zumute. Das waren keine Möglichkeiten – nicht wirklich. Aber es passte deutlich zu dem was ich hier bisher erlebt hatte. Alles musste unter Kontrolle gehalten werden, selbst die einfachsten Vorgänge des Lebens.

„Das war jetzt ziemlich viel auf einmal, hm? Ich kann mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen wie das alles hier auf dich wirken muss und wie du dich jetzt fühlst.“

Ich schloss die Augen. „War es das jetzt?“

„Für heute ja, aber morgen musst du wiederkommen. Ich werde deinen Termin an Carrie schicken, du musst dich also um nichts weiter kümmern.“

Als wenn das eine Erleichterung für mich wäre. „Darf ich gehen?“

„Vorausgesetzt du hast keine Fragen mehr an mich, ja.“

Ohne mich von ihm zu verabschieden, sprang ich vom Stuhl aus und stürmte das Wartezimmer. „Ich will jetzt zu meiner Schwester.“

Carrie hob den Blick von ihrem kleinen Gerät. „Ist du Untersuchung gut gelaufen?“

„Würde ich sonst hier stehen?“

„Wahrscheinlich nicht.“ Sie erhob sich von dem Sessel. „Na dann komm. Nikita hat auch schon eine Anfrage schicken lassen. Du siehst also, du wirst bereits erwartet.“

 

oOo

Kapitel 14

 

Das Gebäude vor mir war hoch, flach und eckig. Ein Betonklotz, der fast von der einen Mauer zur anderen reichte. Und er war so bunt angemalt, dass es mir in den Augen wehtat. Regenbögen, Pferde, Autos die Glitzerspuren hinter sich herzogen.

Als Kind hätte ich viel gegeben eine solche Zauberlandschaft einmal vor Augen zu haben. Jetzt erinnerte es mich nur wieder daran, dass dies nicht meine Welt war. Meine Welt war niemals bunt gewesen.

An der Frontseite gab es mehrere Türen in Innere des Gebäudes. Sie alle lagen sehr weit auseinander, als könnte man durch sie verschiedene Bereiche im Inneren Betreten.

Carrie brachte mich zu der letzten Tür einer langen Reihe, strich mit der Hand über einen sogenannten Scanner und ließ uns dadurch hinein. Dahinter lag nicht wie erwartet ein weiterer nichtssagender Empfangsbereich, sondern ein ganz normaler Korridor. Die Wände hier waren nicht so grellbunt wie die draußen, doch wesentlich farbenfroher als alles andere, was mir in Eden bisher untergekommen war. Das lag nicht an der Farbe der Wände, die genauso nichtssagend war, wir überall sonst, sondern an dem was daran hing. Hunderte von gerahmten Fotos, die Kinder zeigten. Kleine Kinder, große Kinder, lächelnde Kinder, Gruppen von Kindern. Und jeder freie Platz dazwischen war von kunterbunten Kinderzeichnungen gefüllt.

Dieser Anblick hatte etwas Faszinierendes. Allein der Gedanke an so viel Nachwuchs an einem einzigen Ort fühlte sich irreal an. Aber die Beweise lagen direkt vor mir. In Eden blühte das Leben.

Aus den Gängen und Türen die vom Korridor abgingen, erklang das Lachen und Schreien von kleinen Menschen. Ich hörte Stimmen, sah ein paar Halbwüchsige durch den Flur rennen und ältere Leute, die geschäftig durch die Anlage wuselten.

So faszinierend es auch war, dieser Ort bereitete mir Unbehagen.

„Hier lang.“ Carrie führte mich in einen seitlichen Korridor, weg von den ganzen Stimmen, zu einem vollgestopften, leicht chaotischen Raum. Schränke mit vielen Schubladen, Regale, ein halbes Dutzend Schreibtische die mit einem Haufen Akten beladen waren. An einem der Tische saß ein junger Mann, tief über seine Arbeit gebeugt, bekam er von der Welt um sich herum nicht viel mit. An einem anderen unterhielten sich zwei Frauen mit einem älteren Kerl und lachten herzlich. Eine weitere Frau machte sich an den Aktenschränken zu schaffen. Keiner bemerkte unsere Ankunft. Meine Begleiterin musste erst gegen den Türrahmen klopfen, bevor die Aufmerksamkeit auf uns fiel.

„Carrie!“ Der ältere Mann erhob sich von seinem Platz und nahm meinen Schatten in den Arm. „Was tust du denn hier? Dein Auftrag hier ist meines Wissens nach zufriedenstellend Abgeschlossen.“

Carrie lächelte nichtssagend. „Das ist richtig, Phil, und doch verschlägt es mich durch meine Schützlinge immer wieder in dein Refugium. Darf ich dir vorstellen? Das ist Kismet.“

Mustern glitt der Blick des alten Mannes von meinem schwarzen Haar, über meine braune Haut bis zu meinen nackten Füßen. Dabei lag etwas Berechnendes in seinen Augen. „Hm, ich finde sie ist ein wenig alt für das HdK.“

„Sie soll ja auch nicht hier aufgenommen werden.“

Er wandte sich Carrie zu. „Dann soll sie hier arbeiten?“

„Nein, sie will ihre Schwester Nikita besuchen.“

„Ah.“ Er nickte verstehend. „Dann gehörst du also zu unserem Neuankömmling. Hätte ich eigentlich schon an deiner Hautfarbe erkennen müssen. Wobei das die einzige Ähnlichkeit zwischen euch beiden ist.“ Erneut musterte er mich, dieses Mal viel intensiver. So in Augenschein genommen zu werden gefiel mir nicht. Es fühlte sich an als würde er in meine Intimsphäre eindringen. „Sag mir, seid ihr wirklich blutsverwandt, oder nennt ihr euch einfach nur Schwestern?“

Was sollte denn diese dumme Frage?

„Sie sind richtige Schwestern“, erklärte Carrie, bevor mein finsterer Blick zu finsteren Worten werden konnte. „Die Tests bestätigen das.“

Phil schien diese Antwort nicht wirklich zufrieden zu stellen. „Richtige Geschwister unter den Streunern sind sehr selten. Es gleich sowieso schon einem Wunder, wenn es zwischen ihnen mal Kinder gibt.“ Diese Worte kamen in einem überaus abfälligen Ton aus seinem Mund.

Was war eigentlich sein verdammtes Problem?! „Wir müssen halt nicht die Natur manipulieren, um zufrieden zu sein.“

Er schnaubte. „Oh, da haben wir ja einen kleinen Klugscheißer. Vielleicht -“

„Wir haben nicht so viel Zeit“, unterbrach Carrie ihn hastig. „Würdest du uns bitte sagen wo Nikita untergebracht ist? Ich konnte sie noch nicht im System finden.“

Seine Augen verengten sich leicht. Er mochte es wohl nicht wenn man ihm das Wort abschnitt. „Die Besuchszeit ist seit einer halben Stunde vorbei. Ihr müsst morgen noch einmal wieder kommen.“

Was?!

„Wir haben die Genehmigung der Despotin.“ Carrie begann wieder auf ihrem Gerät herum zu tippen. „Sie hat ausdrücklich erlaubt, dass Kismet ihre Schwester heute noch sehen darf, sobald ihre Termine das zulassen.“ Sie drehte das Gerät herum, sodass Phil einen Blick darauf werfen konnte. Und egal was er darauf sah, der Ausdruck in seinem Gesicht verfinsterte sich.

„Ein paar der Teens haben sie vorhin mit in den Aufenthaltsraum genommen. Ich weiß nicht ob sie noch da ist.“

„Zimmernummer?“

„C 37.“

„Danke.“ Das Gerät verschwand wieder in ihrer Brusttasche. „Na dann wollen wir sie mal suchen gehen.“ Mit einem Nicken verabschiedete sie sich von den verstimmten Mann und scheuchte mich dann aus dem vollgerümpelten Raum. Ich konnte Phils Blick noch eine ganze Weile in meinem Nacken spüren.

„Du solltest dich mit Phil gut stellen, sonst kann er dir das Leben sehr schwer machen“, erklärte Carrie, sobald wir außer Sichtweite waren.

„Das geht noch schwerer?“

„Er könnte dich von Nikita fernhalten. Dazu muss er nur ein Gutachten erstellen, das besagt du würdest einer positiven Entwicklung deiner Schwester im Weg stehen. Da du dich bisher so sehr gegen Eden gestellt hast, wäre das nicht weiter schwer. Niemand würde ihm widersprechen.“

„Was?!“ Das war doch wohl ein schlechter Scherz. „Aber ich habe doch gar nichts gemacht. Ich habe kaum zwei Worte gesagt!“

„Das ist richtig, aber du warst aufmüpfig und das mag er nicht.“ Sie führte mich nach rechts, der Geräuschkulisse von vielen Stimmen entgegen.

„Aufmüpfig? Sollte ich mich etwa beleidigen lassen?“

„Ja, genau das wäre das Beste gewesen.“ Sie warf mir einen kurzen Blick zu. „Phil hat sein eigenes Weltbild von Ordnung und mag es gar nicht, wenn man ihn das durcheinander bringt. Dies hier ist seine Domäne, seine Regeln. Die Despotin hört auf ihn, deswegen solltest du auf meinen Rat hören. Ich versuche dir zu helfen, und nicht dir das Leben noch schwerer zu machen.“

Aber natürlich. „Niemand versucht mir hier irgendwas einfach zu machen“, erwiderte ich bitter.

„Das kommt dir nur so vor, weil du dich nicht auf Eden einlassen kannst. Etwas in dir sperrt sich dagegen. Deswegen bin ich da. Ich werde dir helfen.“

Auf diese Art der Hilfe konnte ich dankend verzichten. Sie wollte mich nur zu einer weiteren Marionette dieser Stadt machen. Eine hirnlose Figur, die man nach Belieben lenken konnte, ohne dass sie einen Gedanken an die Richtigkeit ihrer Taten verschwendete. Leider würden sie bei mir da auf Granit beißen. Ich würde einen Weg finden diesen Ort zu verlassen und mich dabei von niemanden aufhalten lassen.

Jetzt allerdings wollte ich nichts sehnlicher als meine kleine Schwester zu sehen und ließ mich daher wortlos von Carrie durch die Anlage führen.

Die Geräuschkulisse nahm zu. Die Vielzahl von Stimmen wurde lauter. Es mischten sich nie gehörte Geräusche hinzu. Piepsen und Pfeifen. Das klang nicht wie Tiere, der blecherne Unterton störte diesen Eindruck. Und immer wieder ertönte das Lachen von Kindern.

Noch ein paar Meter den Korridor hinunter, dann traten wir in einen riesigen von Säulen gestützten Raum – einen grell bunten Raum, der mich im ersten Moment fast erschlug. Links waren kunterbunte Geräte aufgestellt worden. Ein großes Becken, gefüllt mit Bällen. Gerüste an den denen Kinder herumhangelten. Rutschen, Tunnel und Schaukeln. Ein bunt bemaltes Schiff das zum Spielen einlud, eine Kletterbug in abstrakter Form. Hängematten, Sitzkissen. Und überall darauf waren Kinder, die von wenigen Erwachsenen beaufsichtigt wurden.

Der rechte Bereich war durch eine Glaswand von den schreienden Kindern abgetrennt, aber nicht weniger belebt. Tische mit Stühlen teilten sich den hinteren Bereich mit ausgedehnten Wohnlandschaften. Überall verteilt standen große Bildschirme, vor denen Jugendliche es sich auf bequemen Sitzkissen gemütlich gemacht hatten. Ihre Aufmerksamkeit galt dabei allein dem Screen vor sich.

Dazwischen standen immer wieder klotzige Tische, von denen mehr als die Hälfte von den Halbwüchsigen umringt waren. Ich konnte nicht genau sehen was sie dort taten, aber es schienen Spiele zu sein. Regale und Schränke voller Bücher, bunter Schachteln und seltsame Geräte.

„Das ist der Indoorspielplatz, damit die Kinder genug Bewegung bekommen“, erklärte Carrie und steuerte die offene Tür in der Glaswand an. „Das dort ist der Aufenthaltsbereich. Dort können sie sich ausruhen und beschäftigen, wenn sie gerade nichts zu tun haben, oder einfach mal eine Pause brauchen.“

„Pause wovon?“ Ich folgte Carrie durch die Tür und sah mich nach Nikita um. Laut diesem Phil musste sie hier sein.

„Hauptsächlich vom Lernen, oder außerschulischen Aktivitäten. Jeder brauch mal eine Auszeit, auch Kinder.“

Im schnellen Schritt durchquerten wir den Raum. Ein paar der Teens warfen uns neugierige Blicke zu, aber die meisten beachteten uns nicht mal. Mir fiel sehr schnell auf, dass es hier weitaus weniger Aufsichtspersonen gab, als im vorderen Bereich. Vermutlich weil sich hier hauptsächlich ältere Kinder aufhielten.

Wir hatten den Raum zur Hälfte durchquert, als mir ein vertrautes Lachen ins Ohr drang. Ich musste mich nur halb herumdrehen, um den Ursprung zu finden.

Nikita saß mit einer Gruppe von Gleichaltrigen vor einem der großen Bildschirme in einem Sitzkissen und schlug dem Jungen neben sich spielerisch gegen die Schulter. Ihre Kleidung aus dem Quarantänezentrum hatte sie gegen einen einteiligen schulterfreien Hosenanzug in einem satten Rotton ausgetauscht. Ein goldener Gürtel hing locker um ihre Hüfte und das kleine Gerät in ihrer Hand wirkte völlig fehl am Platz. In diesem Moment sah sie so sehr nach eine von ihnen aus, so integriert, dass es mir eiskalt den Rücken runterlief. Das einzige was noch an meine Schwester erinnerte, war ihr wilder Afro.

„Sie scheint sich hier wohlzufühlen“, bemerkte Carrie lächelnd.

Ich verkniff es mir sie wütend anzufunkeln, schluckte meinen Kommentar hinunter und bewegte mich entschlossen auf meine kleine Schwester zu. „Nikita!“

Der kleine Wildfang blickte auf, sah mich und begann zu strahlen. „Kiss!“ Sie ließ das Gerät in ihrer Hand einfach fallen, sprang auf und fiel mir für eine kurze Umarmung um den Hals. „Es ist unglaublich hier. Komm mit, das musst du dir anschauen!“ Sie packte mich an der Hand, zog mich zu dem Bildschirm, von wo mich die drei anderen Jugendlichen neugierig musterten und hob das Gerät auf, das sie eben auf das Sitzkissen hatte fallen lassen. „Das ist ein Kontroller, damit kann man Spiele spielen.“ Ein kurzer Handgriff später und das Teil lag in meiner Hand. „Versuch es mal.“

Ich musterte das Ding widerwillig, und legte es dann zurück auf das Sitzkissen. „Ich glaub nicht dass das etwas für mich ist.“

„Wahrscheinlich nicht, aber schau mal hier.“ Sie hielt mir ihr Handgelenk vor die Nase und präsentierte mir einen … hm, es hatte Ähnlichkeit mit einem Zeitmesser. „Das ist eine Universal-Uhr. Damit kann ich Musik hören und -“

„Die Zeit ablesen?“

Ein breites Grinsen. „Das ist auch eine Funktion.“ Sie tippte auf einen der Knöpfe und die Uhr wechselte ihre Farbe von Schwarz zu rot. „Sie ändert nicht wirklich ihre Farbe, das machen die Leuchtioden darin. Caspar hat es mir erklärt.“

Ein blasser Typ mit schlaksigem Körperbau und kurzen roten Haaren winkte mir scheu zu. Er hatte so viele Sommersprossen im Gesicht, dass die Haut darunter beinahe verschwand. Neben ihm saß eine Junge, der ihm bis aufs Haar glich und daneben ein Mädchen, das auch eine auffallende Ähnlichkeit zu ihm aufwies. Die jedoch war mindestens zwei Jahre jünger.

„Und hier.“ Sie drückte einen weiteren Knopf, woraufhin irgendeine Scheußlichkeit aus dem Teil plärrte. „Das ist der neueste Hit von der Gruppe Nemesis One. Alle lieben diese Band.“

Oh Himmel, was nur redete sie da für ein dummes Zeug? „Kann ich dich mal kurz sprechen?“ Ich warf unseren neugierigen Zuschauern einen bösen blick zu. „Allein?“

„Klar. Wir können in mein Zimmer gehen, dann kann ich es dir auch gleich zeigen. Das ist der Wahnsinn.“

„Wir warten hier auf dich“, erklärte dieser Caspar und wandte sich dann wieder dem Bildschirm zu.

Nikita winkte ihm zum Abschied und nahm mich dann an die Hand. „Das alles hier ist so unglaublich aufregend, findest du nicht auch? Sie werden mit mir Test machen um herauszufinden, für welchen Bereich ich am besten geeignet bin. Ich werde lesen und schreiben lernen und dann bekomme ich ein Ausbildung entsprechend meiner Fähigkeiten.“

Einen Moment glaubte ich mich täuschen zu müssen. Das konnte nicht wirklich Freude sein, die ich da in ihrer Stimme hörte.

„Ich bin so gespannt darauf zu erfahren, für was ich mich am besten eigne. Ich hab heute so viel erfahren. Das alles ist so -“

„Nikita.“

„Ja? Ach so, äh, ja. Was hast du heute so gemacht? Sie wollten mir nicht sagen wo sie dich hingebracht haben, nur dass es sehr bedeutend ist.“

„Nichts an diesem Ort ist von Bedeutung.“ Erst als wir die Tür zum Indoorspielplatz erreichten, bemerkte ich, dass Carrie uns mit einigem Abstand folgte – so als wollte sie unsere Privatsphäre nicht stören, mich aber auch nicht aus den Augen lassen.

Nikita wich einem kleinen Jungen aus, der haarscharf an ihr vorbei rannte. „Natürlich nicht, aber du weißt schon was ich meine.“

„Sie haben mich ins Herz von Eden gebracht.“

„Zu den Evas?“ Nikita blieb abrupt stehen und schaute mich mit großen Augen an. „Aber dort dürfen doch nur ausgebildete Angestellte hinein. Und -“ Sie unterbrach sich selber und schien mich plötzlich mit neuen Augen zu sehen. „Du bist fruchtbar.“

„So scheint es, ja.“ Ich schob sie weiter bis sie wieder die Führung übernahm, bevor Carrie uns erreichen konnte. Die Frau musste ja nicht alles mitbekommen. „Und deswegen müssen wir hier auch so schnell wie möglich verschwinden.“

„Aber Caspar hat gesagt, dass die Evas und Adams die Könige dieser Stadt sind. Ihnen wird jeder Wunsch von den Lippen abgelesen und sie bekommen alles was sie wollen.“

„Nein, nicht alles.“ Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte mir, dass wir wieder ein bisschen Abstand zu Carrie hatten. „Und deswegen ist es umso wichtiger, hier schnell zu verschwinden. Hast du eine Möglichkeit gefunden?“

„Nein.“ Ihr Blick senkte sich auf ihre Uhr. Sie drückte ein paar Knöpfe, bis sie blinkte und schien dafür ihre volle Konzentration zu brauchen. „Ich glaub nicht, dass man hier ohne Genehmigung rauskommt.“

„Das versuchen sie dir zumindest einzureden.“

Immer noch mit abgewandtem Blick, steuerte Nikita eine Treppe im rechten Gang an. „Wäre es denn wirklich so schlimm hier zu leben?“

Entsetzt packte ich sie am Arm und wirbelte sie zu mir herum. „Sag mir dass das ein Scherz war.“

„Ich meine ja nur. So schlimm ist es doch gar nicht und bisher waren alle nett zu uns. Sie -“

„Nett?!“ Ich war fassungslos. „Sie haben mich verschnürt wie ein Paket hier her gebracht und jetzt wollen sie mich zwingen einen Haufen Babys in die Welt zu setzten. Das findest du nett?“

„Nein, ich -“ Sie biss sich auf die Unterlippe und wich wieder meinem Blick aus.

„Niki.“ Ich nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und zwang sie mich anzusehen. „Diese Leute hier sind nur solange nett zu dir, wie sie bekommen was sie wollen. Sobald du anfängst aus der Reihe zu tanzen, werden sie dir ihr wahres Gesicht zeigen. Willst du wirklich den Rest deines Lebens unter der Kontrolle anderer Menschen stehen?“

Da war ein Zögern, aber dann schüttelte sie den Kopf. Doch dieser kurze Moment der Unschlüssigkeit löse ein kaum gekanntes Entsetzen in mir aus. Sie war noch so jung und so leicht beeinflussbar und Eden tat alles, um sie hier zu behalten.

„Gut“, sagte ich leise und schob sie wieder auf die Treppe zu. „Dann zeig mir jetzt dein Zimmer.“ Solange ich noch keinen Ausweg gefunden hatte, mussten wir uns natürlich verhalten. Doch die Angst fraß sich in meine Seele. Wenn es zu lange dauerte, würde ich Nikita an die Städter verlieren, das wusste ich mit Gewissheit. Natürlich konnte ich mich auch täuschen, aber mein Gefühl trug mich selten und im Augenblick hatte ich schreckliche Angst sie zu verlieren. Diese Welt war bunt, schillernd und neu. Doch der Preis hier zu bleiben war einfach zu hoch.

 

oOo

Kapitel 15

 

Als wäre ein Regenbogen explodiert und hätte die Fetzen seines Gewebes über mein ganzes Zimmer verteilt, so sah es hier aus. Der komplette Inhalt meines Kleiderschrankes lag verstreut auf meinem Fußboden, meinem Bett, dem Schreibtisch … ja eines hing sogar halb über den Spiegel. Manche von den Stücken hatte ich zerrissen, andere nur mit aller Kraft durch die Gegend gefeuert. Ich hatte mich nicht beherrschen können. Das Gefühl mit dem ich heute aufgewacht war hatte gedroht mich zu zerdrücken und das war der einzige Weg gewesen meinem Frust und der Machtlosigkeit Ausdruck zu verleihen, bevor ich einfach platzte und als ekliger Schmierfleck an den Wänden endete. Der wäre mit Sicherheit nicht so farbenprächtig, wie dieses Chaos hier.

Nun jedoch saß ich kraftlos inmitten von diesem Durcheinander aus Röcken und Spitzenunterwäsche und wusste einfach nicht wohin mit mir. Die Kraft war einfach aus meinen Gliedern gewichen. Ich schaffte es nicht einmal den Kopf zu heben, als es an der Tür klopfte.

„Was?!“, fauchte ich. Unerwünschter Besuch war im Augenblick das Letzte das ich brauchte.

So wie Carrie die Tür öffnete und über das farbenfrohe Chaos in meinem Zimmer missbilligen schnalzte, war ihr das allerdings völlig egal. „Also wirklich Kismet, du bist doch kein kleines Kind mehr.“ Resolut trat sie in den Raum und begann damit die einzelnen Stücke vom Boden aufzuklauben. Dabei war es ihr völlig egal, dass sie von mir angefunkelt wurde. „Es gibt bessere Strategien überflüssige Energie abzubauen. Ein Wutanfall ist nun wirklich keine Lösung. Und du komm rein Cameron, sie beißt schon nicht.“

Erst jetzt bemerkte ich den jungen Mann, der sich in meiner Tür rumdrückte und offensichtlich nicht wusste ob er einen Schritt vortreten oder doch lieber zurückweichen sollte.

Ich ignorierte ihn. „Ich hatte keinen Wutanfall.“

„Nenn es wie du willst. Diese Unordnung zu veranstalten ist jedenfalls keine Lösung.“ Sie hob eine Hose auf und wollte sie zusammenlegen. Dabei bemerkte sie jedoch den eingerissenen Schritt. Obwohl beinahe-durchgerissen hier besser passte. Das brachte mir ein weiteres missbilligendes Schnalzen ein.

Der junge Cameron versuchte unterdessen klammheimlich in mein Zimmer zu kommen. Er schloss die Tür so leise, als würde er befürchten ein wildes Tier stürzt sich auf ihn, sollte er zu viel Lärm machen. Wahrscheinlich war ich in seinen Augen dieses wilde Tier.

Der Gedanke ließ auf meinen Lippen den Schatten eines Lächelns entstehen.

Zeig noch ein paar Zähne, dann rennt er vielleicht schreiend vor dir davon.

„Das ist Cameron Suorsa“, stellte Carrie ihn mir vor, ohne ihre Tätigkeit auch nur für einen Augenblick zu unterbrechen. „Er wird ab heute dein Hauslehrer sein. Sag Hallo, Cameron.“

Ob er etwas sagte hörte ich nicht. Ich sah wie sich seine Lippen bewegten und er schüchtern eine Hand hob.

„Sei nett zu ihm.“ Carrie bedachte mich für einen Moment mit einem mahnenden Blick und widmete sich dann der Aufgabe den Rock vom Spiegel zu hohlen. „Cameron ist Referendar an unserer Schule und hat sich breiterklärt dir sowohl schreiben und lesen, als auch den Umgang mit dem Eden-System beizubringen. Hör ihm gut zu, von ihm kannst du viel lernen.“

„Ich habe kein Interesse daran irgendwas zu lernen. Alles was ich wissen muss, weiß ich bereits.“

Carrie hielt inne. „Kannst du deinen Namen schreiben.“

Das konnte ich nicht und das wusste sie sehr wohl. „Schreiben hilft mir auch nicht wenn ich da draußen bin und versuche das Abendessen zu beschaffen.“

„Dort draußen hilft es dir vielleicht nicht, aber hier drinnen schon.“ Sie legte den zusammengefalteten Rock in den Schrank. „Und vergiss bitte nicht, Begünstigungen sind ein Privileg und kein Recht.“

Im Klartext: Tu was man dir sagt, oder lebe mit den Konsequenzen.

Ich funkelte den Kerl an meiner Tür an, als sei er schuld an meiner Situation. Dabei bemerkte ich erst wie jung er noch aussah. Sein Körperbau war eher schmächtig, das Gesicht länglich und an den Wangen erkannte man noch ein wenig Babyspeck. Das dunkle Haar stand ihm vom Kopf ab und schimmerte in blau und violett, wenn er den Kopf bewegte. Seine braunen Augen waren ein Stück weit zu groß für sein Gesicht und gaben einen Ausdruck von ständigem Erstaunen. Auf der Nase trug er eine dicke Brille.

Über seiner Schulter hing eine Tasche mit einem langen Schulterriemen, der das weiße Hemd an seinem Arm zerknitterte.

„Wie alt bist du?“, wollte ich von ihm wissen.

„Ähm … ich … ich bin neunzehn.“

„Cameron stottere hier nicht so rum“, befahl Carrie. „Du bist hier der Lehrer und damit die höchste Autorität im Raum. Benimm dich auch so.“

Ein nervöses Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. „Ja Frau Capps.“

Dafür bekam nun er ein missbilligendes Schnalzen.

Ha, ich war also nicht die einzige bei der sie das tat.

Neunzehn. „Er ist junger als ich.“

„Und dennoch scheint er mir viel Intelligenter zu sein. Sein Zimmer sieht sicher nicht so aus, als hätte darin ein Tornado gewütet.“

Heute hatte sie es aber wirklich auf mich abgesehen. „Nur weil jemand lesen und schreiben kann, zeugt das noch lange nicht von einer höheren Intelligenz.“

„Spar dir deine Seitenhiebe und mach dich lieber an die Arbeit. Wir haben später noch einen Termin bei Dr. Vark, denn du nicht verpassen darfst.“

Ja, weil dann die Welt untergehen würde. Aber sie hatte leider Recht. Ich durfte nicht widerborstig sein, genauso wenig wie ich mein Ziel aus den Augen verlieren durfte. Darum blieb mir gar nichts anderes übrig als die Stacheln anzulegen und mich vom Boden zu erheben. „Na dann, womit fangen wir an?“

Aufgeschreckt davon dass ich ihn direkt ansprach, schaute er schnell zu Carrie, als bräuchte er jemand, der ihm das Händchen hielt. „Ähm … ich denke es ist am besten … wir sollten damit anfangen dir die Handhabung von deinem Screen und deinem Computer beizubringen.“ Wieder ein kurzer Blick zu Carrie, als erhoffte er sich von ich Unterstützung, oder wenigstens Bestätigung. Doch die fuhr mit ihrer Tätigkeit ungerührt fort. „Da sind die Lernprogramme drauf mit denen du … naja, lesen und schreiben lernen sollst“, endete er ein wenig lahm.

Oh je, langsam bekam ich das Gefühl er hätte Angst vor mir. Oder einfach nur Panik davor etwas falsch zu machen. Toller Lehrer. „Ich habe weder einen Screen noch einen Computer.“

„Doch hast du“, unterbrach Carrie uns sofort. „In deinem Schreibtisch.“ Dann hielt sie einen Moment inne und fixierte mich. „Heißt das du hast noch immer nicht in den Katalog der Adams geschaut?“

„Nein“, sagte ich völlig ungerührt, warf den BH vom Stuhl, der sich während meiner Klamottenschlacht wohl dahin verirrt hatte und begann damit die Schubladen in meinem Schreibtisch nacheinander herauszuziehen. Und da, tatsächlich, das musste der Screen sein.

Es war eine ungeöffnete, flache Pappschachtel, mit dem Bild eines in Szene gesetzten, eingeschalteten Screens darauf. Ich holte sie raus und hielt sie hoch. „Ist er das?“

Cameron nickte, trat einen Schritt vor und stoppte sofort wieder. Vor ihm lag verstreut einiges an Unterwäsche auf dem Boden. Seine Ohren wurden rot.

Ich legte die Schachtel auf meinen Schreibtisch, nahm den Deckel ab und holte das kleine, flache Gerät heraus. Es sah ziemlich schlicht aus, unscheinbar, ganz anders als das von Carrie, das mit grünen Schmucksteinen auf der Rückseite verziert war. Dann blickte ich wieder auf.

Cameron hatte es in der Zwischenzeit halb durch den Raum geschafft. Er schaute sich um, als suchte er etwas, nahm sich dann den Stuhl von der Wand und stellte ihn zögernd neben mich an den Schreibtisch. Dabei schenkte er mir ein unsicheres Lächeln. „Also ich mache das hier zum ersten Mal. Es … es gehört zu meiner Ausbildung. Also … ich will nur sagen, sei mir nicht böse, wenn nicht gleich alles klappt.“

Wortlos schob ich ihm meinen Screen vor die Nase. „Dann zeig mal was du kannst, Herr Hauslehrer.“

„Okay … ähm.“ Er griff danach, überlegte es sich dann aber anders und schob ihn zurück zu mir. „Nein, wir machen es anders. Ich mache es dir an meinem Screen vor und du machst es einfach nach, in Ordnung?“

Ein nichtssagendes Schulterzucken.

Cameron zog seine Tasche auf den Schoß und holte dort seinen Screen heraus. Er war blau mit einem abstrakten Muster darauf. Es sah aus als würden sich da tausende von Spagetti umeinander kringeln.

„Also pass auf.“ Er legte den Screen vor sich auf den Tisch, genau neben meinen. „Hier ist der Knopf zum Einschalten. Da drückst du einfach drauf.“ Er machte es vor.

Der kleine Computer erwachte zum Leben und begrüßte ihn mit Skyes Stimme.

Willkommen zurück, Meister. Kann ich dir behilflich sein?“

Camerons Ohren wurden Puterrot. „Könnten wir bitte so tun, als hättest du das nicht gehört?“

Und in diesem Moment kam es einfach über mich. Trotz der ganzen Scheiße in der ich steckte, trotzt der Schwierigkeiten die mit jedem neuen Tag größer wurden und trotz dem Knoten in meiner Brust der sich einfach nicht lockern wollte. Ich lachte auf. Es kam aus tiefstem Herzen.

Grinsend drückte ich bei meinem eigenen Gerät auf den Startknopf. Es dauerte ein wenig länger bis es hochgefahren war, doch auch ich wurde von Skye begrüßt.

Willkommen. Wie kann ich behilflich sein?“

„Hm, deine Begrüßung hat mir besser gefallen.“

„Das lässt sich einstellen“, nuschelte er immer noch verlegen und beugt sich ein wenig zu mir rüber. „Dein Bildschirm sieht anders aus als meiner. Das liegt unter anderem daran, dass du deinen Screen gerade zum ersten Mal gestartet hast, was bedeutet wir müssen bei dir erst noch ein paar Sachen einstellen, bevor du damit arbeiten kannst.“

Und das tat er dann. Er erklärte jeden Schritt den er vornahm, und dass ich davon auch noch die Hälfte verstand, machte mich sehr stolz. Die Einstellungen die er vornahm hatten mit Energiesparmodus, Standby, Sicherheit und Layout zu tun. Dann begann er damit die Lernprogramme zu installieren und mir ihre Funktionen vorzuführen.

Nach einer Stunde wusste ich wie man das Gerät an- und ausschaltete, oder in den Standby-Modus wechselte. Auch wie ich das Gerät neu starten konnte, sollte es einmal abstürzen. Er zeigte mir wie ich Zugriff auf das Internet von Eden nehmen konnte – eine riesige Datenbank – und auch wie ich über den kleinen Scanner am unten Rand auf meine eigenen Daten zugreifen konnte – dafür brauchte ich nur meinen Keychip.

Nach zwei Stunden hatte er mir die Grundprinzipien der Lernprogramme gezeigt und mir den Buchstaben A beigebracht – sowohl in groß als auch in klein. Nebenbei erklärte er mir noch kleine Funktionen, wie Skyes Stimme. Durch die Berührung eines Icons konnte ich sie aktivieren, oder eben auch deaktivieren. Ich konnte sie dazu benutzen mir Texte vorlesen zu lassen, oder einfache Anfragen zu bearbeiten.

Jäh mehr Zeit verstrich, desto mehr fand er sich in seinem Element ein und ich musste zugeben, dass er gar kein so schlechter Lehrer war. Er war ausdauernd und erklärte mir auch alles fünfmal, wenn es sein musste, ohne dabei seine Geduld mit mir zu verlieren. Er erklärte mir das Alphabet und auch dass Skye mir die Buchstaben ansagte, wenn ich darauf tippte.

Es gab dann noch mal einen kurzen kritischen Moment, als Carrie mit ihrer Aufräumaktion fertig war und verkündete sie würde nun verschwinden, da sie hier eh nicht gebraucht wurde und erst nachher wiederkommen, um mich zu meinem Termin abzuholen.

Als die Tür hinter ihr zufiel, stieß er beinahe die kleine Lampe vom Tisch nur um sich beim Auffangen das Knie am Tisch zu stoßen und seine Brille zu verlieren. Die nächsten Minuten stotterte er herum und verhaspelte sich ein paar Mal. Aber nur solange bis er feststellte, dass es keinen Unterschied machte, ob Carrie anwesend war oder nicht.

In der dritten Stunde wollte er mir meinen Namen beibringen. „Ich werde ihn dir aufschreiben und abspeichern, dann kannst du ihn auch üben, wenn ich nicht dabei bin.“

„Vorausgesetzt ich möchte ihn üben.“

„Ähm … ja … ich meine -“

„Warum hast du dir diesen Job ausgesucht?“, unterbrach ich ihn. „Du scheinst dich in deiner Haut nicht wirklich wohl zu fühlen.“

Er schwieg einen Moment. „Naja, ich muss noch meine praktische Zeit voll bekommen. Mir wurde diese Stelle hier angeboten und ich dachte mir es ist einfacher mit einem erwachsenen zu arbeiten, als mit kleinen Kindern.“

Ich hatte keine Ahnung was er mit praktischer Zeit meinte aber das war es auch gar nicht gewesen, was ich wissen wollte. „Nein, ich meine, warum willst du Lehrer werden?“

Er machte den Mund auf, schloss ihn aber genauso schnell wieder und runzelte die Stirn. Beim zweiten Versuch klappte es besser. „Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe wie jeder andere mit sechzehn einen Berufstest gemacht und der hat ergeben, dass ich mich mit meinen Fähigkeiten am besten als Lehrer eigne.“

Nun war es an mir die Stirn zu runzeln. „Das heißt du willst das eigentlich gar nicht?“

„Ich mache das was ich am besten kann.“

Da war nicht wirklich eine Antwort und doch sagte es mir genug um meine eigentliche Frage zu beantworten. Selbst Einheimischen wurde gesagt was sie zu tun hatten. Aber im Gegensatz zu mir akzeptierten sie es einfach ohne noch einmal nachzufragen. Warum nur? Wollte von diesen Menschen hier denn niemand eigene Entscheidungen treffen? Es konnte doch wirklich nicht so viel besser sein, sich sein ganzes Leben diktieren lassen zu müssen.

„Und deswegen sollten wir jetzt auch besser weiter machen. Ich will dir nämlich noch erklären wie du deinen Computer bedienst und Carrie müsste auch bald zurück sein.“

Super, noch mehr Verpflichtungen. Ich Glückliche.

 

oOo

Kapitel 16

 

Konzentriert wanderten Killians Augen über die Zeilen in der Akte vor seiner Nase. Da ich nicht lesen konnte, hatte ich keine Ahnung was an diesen Buchstaben so interessant sein konnte, dass es seine volle Aufmerksamkeit verlangte. Dem einzigen was ich heute meine volle Aufmerksamkeit geschenkt hatte, waren die Mauern des Kreises gewesen.

Die Erinnerung daran ließ wieder dieses frustrierende Gefühl in mir aufsteigen. Die Mauern waren hoch, dick und scheinbar unüberwindbar. Oben drauf patrouillierten Stadthüter und die Tore waren schwer bewacht. Ich hatte den ganzen Vormittag damit verbracht den Wall abzulaufen – natürlich mit meinem ständigen Schatten im Nacken. Carrie hatte es sich scheinbar zu Aufgabe gemacht mir alles genauestens zu erklären. So wusste ich nun, dass ich nicht nur Stadthüter und Mauern überwinden musste, um aus Eden rauszukommen, sondern auch noch Sicherheitscodes und elektronische Zugangsgenehmigungen brauchte, um durch die Tore zu kommen.

Ich glaube sie hatte mir das nur erzählt, um meinen Kampfgeist zu zermalmen. Wenn ich keine Hoffnung auf Flucht hatte, würde ich mich eher fügen. Aber da hatte sie auf die Falsche gesetzt. Seit ich gestern Nikita verlassen hatte, war ich entschlossener den je von hier zu verschwinden. Und deswegen galt jetzt auch die Devise der fügsamen Eva. Solange ich auf Schritt und Tritt verfolgt wurde und man mir kein Vertrauen entgegen brachte, würde ich es sehr schwer haben hier weg zu kommen. Meine einzige Chance war mehr Freiraum zu bekommen. Und genau deswegen würde ich nun das Undenkbare tun. Ich würde ihnen erlauben mit mir zu machen was sie wollten. Wenn sie glaubten, dass ich mich mit meinem Schicksal abfand, würden sie die fesseln lockern; darauf setzte ich, egal wie erniedrigend es werden würde. Solange ich nur verhindern konnte, dass ich befruchtet wurde, würde ich alles andere in Kauf nehmen – ich tat es für Nikita, für unsere Freiheit.

„Du warst gestern so schnell verschwunden, dass ich vergessen habe dir Blut abzunehmen.“

„Dann sollten wir das heute wohl nachholen.“

Killian hob erstaunt den Blick von der Akte. Dann zuckte sein Mundwinkel nach oben. „Ich freue mich das von dir zu hören.“

„Es hat ja doch keinen Zweck sich gegen all das zu wehren. Und Vielleicht -“ Ich atmete gespielt tief ein. „Vielleicht ist es hier ja auch gar nicht so schlecht. Nikita jedenfalls scheint es hier zu gefallen.“ Die letzten Worte waren sehr leise und ich konnte den bitten Ton darin nicht ganz verhindern.

„Es freut mich dass du zu dieser Einsicht gelangt bist. Kann ich dann davon ausgehen, dass ich heute die notwendige Untersuchung vornehmen darf?“

Das Nein lag mir schon auf den Lippen. Ein Blick auf den gynäkologischen Stuhl verstärkte es sogar noch, doch ich verbot mir es auszusprechen und nickte stattdessen. „Ich denke schon.“

Kritisch musterte Killian mich. „Ich möchte dir nichts unterstellen, aber woher kommt der plötzliche Sinneswandel? Ich meine, es ist gerade mal ein Tag vergangen, seit wir uns gesehen haben und gestern hast du dich noch mit Händen und Füßen gewehrt.“

„Ich hab mich nicht gewehrt.“

„Ich hab den Widerwillen die ganze Zeit in deinen Augen gesehen und auch jetzt ist er nicht verschwunden. Und doch sagst du nun, dass du mit uns zusammenarbeiten möchtest. Das ist unlogisch.“

Mit dieser Frage hatte ich bereits gerechnet. Zwar nicht von ihm, aber ich hatte mir eine ganz einfache Antwort zurecht gelegt – eine glaubwürdige Antwort, die sie einfach nicht anzweifeln konnten. „Nikita“, sagte ich leise. „Sie fühlt sich hier wohl, sie möchte hier leben.“ Die Furcht um die Wahrheit in meinem Worten, ließ mich schlucken. „Ich würde niemals etwas tun, was sie unglücklich macht und ich könnte sie nie im Stich lassen.“

„Dann tust du das also für deine Schwester.“

„Sie ist alle was ich habe.“

Ein Schatten von Mitleid legte sich über sein Gesicht. „So denkst du vielleicht jetzt noch, aber solltest du es wirklich schaffen dich zu öffnen und dein neues Leben zu akzeptieren, dann wirst du sehr schnell feststellen, dass es auch hier Menschen gibt, die dich mit offenen Armen empfangen.“

Ich verkniff mir mein abfälliges Schnauben und murmelte stattdessen: „Ich werde es mir merken.“

„Nun gut, dann wollen wir mal zum eigentlichen Thema kommen.“ Er klappte die Akte zusammen und schob sie zur Seite. „Da ich es gestern nun leider versäumt habe dir Blut abzunehmen, werde ich dir heute nur ein paar Vitaminpräparate mitgeben, alles andere kann ich erst nach der Blutuntersuchung machen.“

Ich runzelte die Stirn. „Das heißt ich muss nicht auf den Stuhl?“

„Doch. Natürlich nur sofern du dich dazu bereit erklärst. Nach wie vor gilt, ich werde dich zu nichts zwingen – darauf hast du mein Wort.“

Das Seltsame? Ich glaubte ihn. Er war ein Fremder, ja sogar der Feind. Und doch gab es da einen kleinen Teil in mir der seinen Worten Glauben schenkte. Das war absurd und noch dazu gefährlich. Ich durfte ihm nicht vertrauen – keinem Städter. „In Ordnung.“ Unbehaglich glitt mein Blick wieder zu dem Stuhl. „Willst du es jetzt machen?“

„Wenn du dich dafür bereit fühlst, sehr gerne.“

Das war ein merkwürdiges Gespräch. „Also gut.“ Etwas unsicher erhob ich mich von meinem Platz, blieb dann aber einfach stehen.

„Du kannst hinter den Raumteiler gehen und dich dort unten herum frei machen. Dann setzt du dich einfach auf den Stuhl.“

„So wie bei Dr. Pirozzi.“ Mein Unwohlsein stieg, als ich mich hinter den zusammenklappbaren Raumteiler stelle und den langen grünen Rock abstreifte, den ich heute Morgen angezogen hatte. Bei meinem Griff in den Kleiderschrank hatte ich einfach irgendwas herausgezogen und wenn ich ehrlich war, mochte ich Hosen auch nicht besonders. Ich hatte mein Leben lang immer nur lange Hemden getragen, es fühlte sich komisch an meine Beine zu bedecken. Jetzt allerdings stieg das mulmige Gefühl, als ich den Rock fallen ließ und hüllenlos zu dem Stuhl ging. Ich war nicht scheu oder schamhaft, aber … naja, ich würde mich in eine offenen und mehr oder weniger schutzlosen Lage begeben. Das behagte mir nicht.

Etwas unsicher setzte ich mich in den Stuhl und wartete dann.

„Leg deine Beine bitte in die Halterungen.“ Dr. Vark legte ein paar Dinge auf einem Beistelltisch bereit, zog sich Handschuhe über und setzte sich dann auf den Hocker vor mich. „Nur keine Scheu, du hast nichts was ich nicht schon gesehen habe. Und ich werde vorsichtig sein.“

Ich kam seiner Aufforderung nur zögernd nach. Diese Position war mir unangenehm, ich fand es einfach demütigend. Hab dich nicht so, du musst da jetzt durch! Ich sollte dringend üben mir selber Mut zu machen.

Killian begann mit der Untersuchung. „Was hast du heute gemacht?“

Wollte er mich jetzt aushorchen? „Nichts Besonderes.“

„Noch niemanden kennengelernt?“

Ich schloss die Augen wünschte mich ganz weit weg. „Ich kenne Carrie.“

Er schnalzte mir der Zunge. „Ich meinte eigentlich ob du jemanden kennengelernt hast, mit dem du dich gut verstehen könntest.“

Ich dachte an den dunkelhaarigen Mann mit dem Unterlippenbart und auch an Phil und Agnes. „Nein, niemanden.“

Er griff nach einem kleinen Instrument. Gleich darauf spürte ich es an meinem Körper. „Und die Adams, hast du dich schon mit einem von ihnen bekannt gemacht?“

„Ich habe ihre Häuser gesehen.“

Ein leises Lachen. „Das ist schon mal ein Anfang. Ich hoffe dir ist bewusst, dass du bei ihnen auch an die Tür klopfen kannst.“

„Ja ich weiß.“

„Aber du bist noch nicht so weit. Das wird jetzt einen Moment unangenehm werden.“

Und das wurde es dann auch. Er drückte da herum, dann drückte er auch noch auf meinem Bauch herum und dann zog er eine Maschine mit einem langen Starb an den Untersuchungsstuhl ran. Den kannte ich schon von Dr. Pirozzi und ich mochte ihn nicht. „Du machst das sehr gut.“

Diese Mal konnte ich das Schnauben nicht zurückhalten. „Ich mache gar nichts, ich liege hier einfach nur rum und starre die Decke an.“

„Aber das machst du sehr gut.“ Ein kurzes Lächeln, dann konzentrierte er sich wieder auf seine Arbeit.

Ich versuchte auszublenden, was auch immer er da tat. „Du bist hier geboren, oder?“

„Ja.“ Er schaute kurz zu mir auf. „Meine Mutter ist noch immer eine aktive Eva. Sie liebt all ihre Kinder.“

Ich zögerte, weil ich mir nicht sicher war, ob ich das wirklich wissen wollte. „Wie viele Kinder hat sie den?“

„Bis jetzt habe ich achtundzwanzig Geschwister. Naja, die meisten davon sind nur Halbgeschwister.“

„Achtundzwanzig?!“ Das war doch wohl ein Scherz!

„Meine Mutter ist seit dreißig Jahren eine Eva. Sie hatte öfters Mehrlingsgeburten gehabt. Aber das ist bald vorbei. Sie ist nun zum letzten Mal schwanger, dann ist sie dafür zu alt.“

Oh Himmel, dreißig Jahre lang Kinder kriegen. „Und das hat sie freiwillig gemacht?“

Killian zögerte und senkte den Kopf so, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. „Meine Mutter ist ein Sonderfall. Kurz bevor sie zur Eva wurde hatte sie einen Badeunfall, bei dem sie fast ertrunken ist. Die Ärzte schafften es sie wieder ins Leben zurück zu holen, aber ihr Hirn hatte Schaden genommen. Die meiste Zeit ihres Lebens weiß sie gar nicht so genau was um sie herum vor sich geht.“ Er entfernte dieses komische Gerät und begann wieder mit seiner Tastuntersuchung. „Aber sie ist nur eine Eva. In Edens Herz leben im Moment achtunddreißig Evas. Mit dir zusammen jetzt sogar neununddreißig und sie alle gehen ihrer Aufgabe freiwillig nach. Kein Zwang.“

Ich wusste nicht ob ich das wirklich beruhigender fand. „Aber mich würde man zwingen, wenn ich mich weigere.“ Es war vielleicht nicht sonderlich schlau das zu sagen, aber ich konnte einfach nicht anders.

„Die Welt ist leider nicht immer das was wir uns wünschten.“ Er blickte auf und rutschte auf seinem Stuhl zurück. „So, du kannst dich jetzt wieder anziehen.“

„Danke.“ Ich sprang so eilig von dem Stuhl, dass ich wegrutschte und mich hastig an der Halterung festhielt, um nicht mit dem Gesicht voran auf den Boden zu klatschen. Leider stellte ich mich dabei so ungeschickt an, dass ich mir den kleinen Finger umknickte. Ich zischte.

Dr. Vark griff in meine Richtung, als wollte er mich vor dem Sturz bewahren, merkte dann aber, dass seine Hilfe nicht benötigt wurde und zog die Hände wieder zurück. „Alles in Ordnung?“

„Mir geht es gut.“ Ich schüttelte meine Hand aus um den Schmerz zu vertreiben, verschwand hastig hinter dem Raumteiler und schlüpfte zügig zurück in meinen Rock. Mein Finger pochte. Mist, und er schwoll auch schon an. Das war so typisch, das Glück war im Moment wirklich nicht auf meiner Seite.

„Soweit sieht alles in Ordnung aus“, erklärte Killian, als ich wieder hervor kam. „Du musst nur noch ein wenig zunehmen, dann bist du die perfekte Kandidatin für das Eden-Projekt.“

Wie bereits gesagt, das Glück machte einen weiten Bogen um mich. Mit schmerzendem Finger ließ ich mich wieder Killian gegenüber auf den Stuhl vor dem Schreibtisch plumpsen. „Und was bedeutet das jetzt für mich?“

„Das Bedeutet, dass deiner Laufbahn als Eva soweit nichts im Wege steht und wir vielleicht sogar schon deinen nächsten Eisprung nutzen können, um -“ Er stutzte, als er bemerkte wie ich meinen schmerzenden Finger massierte. „Alles in Ordnung?“

„Hab ihn mir umgeknickt.“ Ich ließ ihn die leichte Schwellung sehen. „Nicht so schlimm.“

„Aber auch nicht so gut.“ Er erhob sich von seinem Platz und holte eine kleine Tube aus einem der Hängeschränke. Dann lehnte er sich neben mir an die Tischkante. „Gib mir deine Hand.“

Ich zögerte, erinnerte mich aber sehr schnell wieder daran, dass ich kooperativ sein musste.

„Das ist eine einfache Sportsalbe.“ Er drückte einen Streifen auf seine Hand und verrieb sie dann vorsichtig auf meinem kleinen Finger. „Sie kühlt und lässt die Schwellung zurückgehen.“

„Marshall hat mir bei sowas immer einen Kräuterumschlag gemacht.“

„Dieser Marshall scheint dir viel zu bedeuten?“

Daraufhin drückte ich meine Lippen fest zusammen.

Er ließ sich nicht anmerken, dass es er bemerkte, massierte die Salbe nur weiter ein. „Weißt du was ärztliche Schweigepflicht ist?“

Ich zögerte, schüttelte dann aber dann doch den Kopf. So oft wie ich seine Fragen verneinen musste, kam ich mir langsam ganz schön dumm vor.

„Es bedeutet dass alles was während unserer Termine besprochen wird unter uns bleibt. Das Gesetz verbietet es mir Dritten davon zu berichten.“

Mein Misstrauen konnte ich nicht abschütteln. „Und du hältst dich natürlich daran.“

„Würde ich es nicht tun, könnte ich meine Zulassung verlieren.“ Er gab meine Hand wieder frei, schraubte die Tube zu und ließ seinen Blick auf mir ruhen. „Im Allgemein wende ich dieses Gesetz auf alles an, was ich im Rahmen meiner Berufsausübung erfahre. Wie man das nun auslegt ist eine Sache der Interpretation. Manche Ärzte beschränken es nur auf Behandlungen und Krankheiten des Patienten. Ich erweitere es immer auf die ganze Sitzung. Das heißt, ganz egal was du mir anvertraust, es wird diesen Raum nicht verlassen.“

Das konnte ich nicht glauben. „Warum?“

Er musterte mich noch einen langen Moment mit seinen strahlenden blauen Augen, dann erhob er sich und verstaute die Salbe wieder an ihrem Platz im Schrank. „Ich weiß um die Notwendigkeit unserer Arbeit und ich verstehe auch warum wir manches so handhaben, wie wir es tun, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mit allem einverstanden sein muss.“ Er zog ein Tablett heran, auf der er die Ausrüstung für die Blutabnahme bereit legte. Dann trug er es zu mir an den Schreibtisch. „Deine Lage ist außergewöhnlich schwierig. Es ist richtig dass sie dich dazu bewegen wollen eine Eva zu sein, doch ihre Handhabung der Situation ist falsch.“

„Du findest also ich sollte eine Eva sein?“

„Ja.“ Er griff nach einem Wattebausch, tränkte es mit einer Flüssigkeit und wischte mir dann über die Armbeuge. „Aber ich finde auch es sollte deine eigene Entscheidung sein. Unter Zwang ist noch nie etwas Gutes rausgekommen.“

Nun war es an mir ihn zu mustern. Ich kam nicht umhin mich zu fragen ob seine Worte ehrlich gemeint waren, oder es doch nur ein Trick war, mit dem er mein Vertrauen gewinnen wollte. Andererseits hatte er bis jetzt noch nichts getan, dass diesen Eindruck verstärken würde.

Aber eigentlich war es auch völlig egal ob er es ehrlich meinte oder nicht. Ich durfte weder ihm noch einem anderen Städter vertrauen. Der Feind verbarg sein finsteres Gesicht gerne hinter einer freundlichen Maske. Das hatte ich bitter lernen müssen. Trotzdem sagte ich: „Danke“, und meinte es zu meiner Überraschung auch so. Außer mir war er der erste Mensch hier, der die Fehler in diesem dummen System sah. Und auch wenn er sich ihm nicht widersetzte, so dehnte er es im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Als er mir die Spritze in den Arm bohrte, fiel ihm sein blondes Haar in die Augen. Es war ein wenig länger als das von seinem Bruder Kaleb und er war auch nicht ganz so durchtrainiert. Seine Züge wirkten weicher. Ja, die beiden sahen sich zum Verwechseln ähnlich, aber bei genauerer Betrachtung, konnte ich die Unterschiede zwischen ihnen erkennen.

Ich war vielleicht nie der Stratege gewesen, der die Führung brauchte, aber eine gute Beobachtungsgabe hatte ich schon immer gehabt. Und Killian hatte etwas an sich, was Kaleb entschieden fehlte.

Als er mir die Nadel aus dem Arm zog und mich anlächelte, bemerkte ich erst, wie ich ihn anstarrte – und auch das mir gefiel, was ich hier vor mir sah. Verärgert über mich selber und meinen Moment der Schwäche, schaltete ich sofort wieder in Abwehrmodus um. „Sind wir dann fertig? Kann ich gehen?“

„Wenn du möchtest.“

Ich sprang sofort vom Stuhl auf. „Gut, dann -“

„Ich werde deinen nächsten Termin an Carrie weiterleiten. Sie wird dich ja noch eine Weile betreuen, also kann sie solche Sachen auch für dich regeln.“

„Nächster Termin? Aber ich dachte wir sind dann fertig.“

„Für Heute ja.“ Er verpackte das Röhrchen mit meinem Blut in einer kleinen Tüte und beschriftete sie. „Aber ich habe dir bereits gestern gesagt, dass wir uns regelmäßig sehen werden. So verlangt es das Protokoll.“

Natürlich, wie hatte mir das nur entfallen können. Mit meiner Bereitschaft mitzuarbeiten, hatte ich mich freiwillig zu einem Teil des Projekts gemacht. Und bis ich einen Ausweg fand, würde ich das durchziehen müssen. „Na dann bis zum nächsten Mal.“

„Ich freue mich darauf.“

Wenigstens einer von uns beiden.

 

oOo

Kapitel 17

 

Rechteckig, handlich, unscheinbar. Seit geschlagenen zehn Minuten starrte ich nun schon auf das Tablet. Das blinkende Icon in der Mitte schien mir zuzuzwinkern und mich verlocken zu wollen meinen Finger darauf zu legen, um es endlich zu aktivieren.

Carrie hatte sich vor gut einer viertel Stunde nach meinen Fortschritten bei Cameron erkundigt, das Screen aus meinem Schreibtisch geholt und es mit den Worten „das solltest du dir langsam mal anschauen“ auf mein Bett gelegt. „Du brauchst dafür auch nicht lesen können, es reagiert auf deine Stimme.“

Das wusste ich bereits, denn auch wenn ich heute bei Cameron nichts weiter als meinen Namen geschrieben hatte, war es doch bereits unsere vierte Lerneinheit gewesen, die ich mit ihm verbringen musste.

Die Lektion zur Einführung in die gängige Datenverarbeitung in Eden hatte ich bereits in unserer ersten Stunde bekommen und auch wenn ich alles andere als ein Genie auf diesem Gebiet war, so fand ich mich in der Zwischenzeit doch damit zurecht.

Der Gedanke bereitete mir Magenschmerzen. Ich wollte mich nicht damit zurechtfinden müssen, ich wollte einfach von hier weg, aber jetzt war ich mittlerweile schon sechs Tage in Eden und auf Flucht noch immer keine Aussicht. Sie behielten mich viel zu genau im Auge.

Und jetzt auch noch das: Carrie wollte, dass ich mich mit dem Katalog der Adams beschäftigte.

Nun saß ich im Schneidersitz auf meinem Bett, das Screen vor mir auf der Decke und schaute es an als sei es giftig und würde mir jeden Moment ins Gesicht springen. Ich wusste nicht recht was ich tun sollte. Was würde es bringen, wenn ich mir das anschaute? Andererseits, was konnte schon schlimmes passieren, wenn ich einen Blick darauf warf? Das war es schließlich was man von mir erwartete. Und vorerst musste ich tun was die Städter wollten.

Ach, scheiß drauf. Bevor ich es mir noch einmal anders überlegen konnte, drückte ich das Icon in der Mitte. Sofort erwachte das Gerät zum Leben.

Willkommen im Hauptmenü von Projekt Eden“, begrüßte mich das Gerät mit der blechernen Frauenstimme von Skye und zeigte mir eine Liste von Worten an. „Was möchten Sie wählen?“

„Äh …“ Wie unterhielt man sich mit einer Maschine?

Begriff Äh ist in der Datenbank nicht enthalten. Was möchten Sie wählen?“

Das ging ja mal voll in die Hose. „Ich soll mir den Katalog der Adams anschauen. Kannst du mir den zeigen?“

Suchbegriff zu lang. Definieren Sie ihn. Was möchten Sie wählen?“

Okay, das war langsam frustrierend. Aber bitte, wenn es zu lang war. „Katalog der Adams.“

Sie haben Katalog der Adams gewählt.“ Der Screen flackerte und änderte dann sein Bild. Anstatt der Liste an Worten, war dort nun eine Liste von kleinen Fotos zu sehen, hinter denen Worte standen. Vermutlich die Namen. „Katalog der Adams. Nennen Sie ihren Namen um Zugriff auf die für Sie geeigneten Kandidaten zu bekommen.“

Geeignete Kandidaten. Diese beiden Worte trieben mir glatt die Galle in die Kehle. „Kismet“, sagte ich leise.

Kismet. Eva Nummer Hundertsiebenunddreißig. Status: Inaktiv.“

Inaktiv? Und warum Hundertsiebenunddreißig? Killian hatte mir doch erst heute erzählt, dass es gerade mal knapp vierzig Evas gab. Vielleicht zählte das System ja auch die mit, die bereits ausgeschieden waren. Oder die Mädchen, die noch zu jung für den aktiven Dienst waren. Oh Himmel, wie sich das anhörte.

Bitte wählen Sie.“

Das Bild hatte sich nicht geändert. Wahrscheinlich weil all diese Männer dort für mich geeignet waren.

Ich strich über den Screen und schüttelte gleichzeitig den Kopf über mich selber. Noch vor ein paar Tagen hatte ich nicht mal gewusst, dass das Wort Screen eine Bedeutung hatte, und jetzt benutzte ich es schon ganz selbstverständlich. Eden begann jetzt schon mich zu verändern, und das gefiel mir nicht.

Bitte wählen Sie.“

„Ja ja.“ Man, jetzt wurde das Gerät schon ungeduldig. Das wurde immer verrückter.

Da ich im Prinzip kleinen Plan von dem hatte was ich hier tat, scrollte ich die Liste einmal hoch und runter und tippte dann einfach auf irgendein Bild.

Alexander Fenton“, erklärte mir das Tablet und zeigte mir eine Großaufnahme von einem älteren Mann mit olivfarbener Haut und schrägen Augen. Er hatte eine Glatze, Lachfältchen und ein wenig Speck auf den Hüften. „Neunundvierzig Jahre. Sieben fruchtbare Nachkommen. Blutgruppe AB Positiv. Berechnete. Kompatibilität liegt bei 76 Prozent.“

Das war … ich war mir nicht ganz sicher wie das war, noch was ich mit diesen Informationen anfangen sollte.

An der Seite blinkte ein Pfeil. Ich drückte einfach mal rauf und gelangte wieder zurück in das Menü mit den kleinen Bildern. Das hatte ich zwar nicht gewollt, aber nun gut.

Bitte wählen Sie.“

Auf gut Glück – wobei ich nicht sagen konnte, worin in diesem Fall das Glück lag – wählte ich ein weiteres Bild nach dem Zufallsprinzip aus. Was bedeutete: ich schloss die Augen und tippte blind einfach irgendwo auf den Screen.

Dieses Mal lächelte mir ein blonder Mann mit leicht schiefen Zähnen entgegen.

Joshua Soor“, erklärte Skye. „Dreißig Jahre. Zwei fruchtbare Nachkommen. Blutgruppe A Negativ. Berechne. Kompatibilität liegt bei 89 Prozent.“

Aha. Was sollte ich auch sonst dazu sagen.

Wieder blinkte der Pfeil in der Ecke, doch dieses Mal scrollte ich noch ein wenig herunter und tippte auf ein Wort, das dicker geschrieben war, als die anderen.

Entwicklungsgang“, las Skye mir vor.

Entwicklungsgang. Was ich mir wohl darunter vorstellen konnte? Das herauszufinden war nicht weiter schwer, nicht mal mit meinem begrenzten Wissen. Ich markierte einfach einen kleinen Teil des nachfolgenden Textes und ließ ihn mir von Skye vorlesen.

Joshua ist einer der wenigen Adams unserer Geschichte, die aus der Alten Welt in den Schutz der Stadt Eden traten.“

Was? Der Kerl war ein Streuner? Ich hörte mit neuem Interesse zu.

Im Alter von sechzehn Jahren wurde er von eine Gruppe Yards in den entlegenen Teilen des Ostens in einem schwer apathischen Zustand aufgefunden. Dehydriert und mit schweren Blessuren brachten die Yards den Jungen in die Obhut der Ärzte, wo er über ein Jahr verbleiben musste, um sich von dem Übergriff der ihn in diesen Zustand brachte wieder zu erholen. Mit achtzehn Jahren trat er seinen Dienst als -“

Skyes Stimme verstummte und ich brauchte einen Moment um herauszufinden, warum. Der von mir markierte Text war zu ende. Also markierte ich noch die letzten drei Zeilen dieses Abschnitts.

Mit achtzehn Jahren trat er seinen Dienst als Adam zum Wohle der Stadt an. Bis heute verzeichnet er zwei fruchtbare Nachkommen. Jean McClanahan brachte mit Hilfe seines Erbguts den zukünftigen Adam Raoul McClanahan zur Welt. Olive Vark brachte mit Hilfe seines Erbguts den zukünftigen Adam Domenico Vark zur Welt.“

Mir wurde klar, dass ich aus diesem Text eigentlich nichts weiter über diesen Mann in Erfahrung bringen würde. Das hier waren nur Fakten, vermischt mit ein wenig Lebensgeschichte. Eben das, was die Städter für interessant hielten. Mich allerdings interessierte etwas völlig anderes. War dieser Mann freiwillig hier, oder würde er sich vielleicht als Verbündeter zur Flucht eignen?

Um das zu erfahren, musst du ihn wohl aufsuchen.

Ja ja, schon klar.

Ich scrollte noch ein wenig weiter im Text, ließ mir trotz meiner Überlegung noch ein paar andere Textstellen vorlesen, die nicht wirklich interessanter waren, als der Rest, schaute mir Bilder von dem Mann an und verließ letztendlich mithilfe des Pfeils seine Datei.

Joshua Soor, den Namen würde ich mir auf jeden Fall merken, genau wie das Gesicht dazu. Aber bis ich in dieser Hinsicht etwas tat, musste ich erstmal hier weiter machen.

Gleichgültig fuhr ich mit den Fingern wieder über die Liste, bis mir ein Bild ins Auge stach. Ich zögerte einen Moment, drückte dann aber doch.

Sawyer Bennett. Achtundzwanzig Jahre. Ein fruchtbarer Nachkomme. Blutgruppe Null Negativ. Kompatibilität liegt bei 82 Prozent.“

Ein finster dreinschauendes Gesicht blickte mir entgegen. Kleiner Unterlippenbart. Sein Haar war von einem so dunklen braun, dass es fast schwarz wirkte. Seine braunen Augen wirkten hart, so als hätte es das Leben nicht gut mit ihm gemeint und um seinen vollen Lippen spielte ein arroganter und abweisender Zug.

Er sah nicht im klassischen Sinne gut aus. Dafür war seine Nase ein wenig zu spitz und der Kiefer eine Spur zu markant.

Na sieh mal einer an, dieser Sawyer war ein Adam. Ob die Frauen freiwillig zu ihm gingen? Allein schon das Bild strahlte eine Düsternis aus, die mich schaudern ließ. Nicht mal zehn Pferde würden es schaffen mich in sein Haus zu bekommen.

Ich scrollte ein wenig durch sein Profil. Neben viel Text entdeckte ich mehrere Bilder. Fotos von Veranstaltungen. Frauen, Männer und Kinder. Sawyer war auf jedem einzelnen zu finden, aber er saß immer abseits von den anderen.

Ich tippte auf die Bildunterschrift zu einem Foto, wo der Mann mit einem kleinen braunhaarigen Mädchen auf einer Decke saß.

Kinderfest im Jahr 2273. Sawyer Bennett und mit seiner zweijährigen Tochter Willow Vark.“

Vark? Hatte das Teil wirklich gerade Vark gesagt? Wie in Dr. Killian Vark? Oder auch Kaleb Vark? Ich tippte noch einmal drauf um sicher zu gehen.

Kinderfest im Jahr 2273. Sawyer Bennett und mit seiner zweijährigen Tochter Willow Vark.“

Tatsächlich. Hieß das dieses Mädchen war mit den beiden Männern verwandt?

Warum wunderte mich das überhaupt? So wie die sich hier paarten, sollte es mich eher wundern, dass nicht alle Städter miteinander verwandt waren.

Das brachte doch nichts. Missgelaunt verließ ich den Katalog und sprang wieder zurück ins Hauptmenü. Ich konnte ja noch ein bisschen schreiben üben, das würde Cameron sicher freuen. Aber … wozu eigentlich?

Während ich noch unentschlossen auf den Bildschirm starrte, sprang mir ein Icon ins Auge, dass ich bisher noch nicht kannte. Ein Apfel auf einem grünen Hintergrund. Ich tippte einfach mal rauf.

Der Bildschirm veränderte sich. Ein großer Baum erschien, an dessen Ästen wie Äpfel Wörter hingen. Ich markierte die Überschrift und ließ sie mir von Skye vorlesen.

Elysium“, sagte sie nur und in meinem Magen zog sich wieder alles zusammen. Das Fest von dem Carrie erzählt hatte.

Ich wusste nicht genau wann es stattfand, doch so wie die Tyrannen dieser Stadt kannte, würde ich auf jeden Fall daran teilnehmen müssen. Ein Fest, auf dem ich zur Schau gestellt werden sollte.

Ich wollte hier weg. Ich wollte hier so dringend weg, dass es beinahe wegtat. Ich wollte zu Marshall und meinem alten Leben zurückkehren. Ich wollte wieder durch die Wildnis streifen, Jagen gehen, oder Fische fangen. Ich wollte dass das alles endlich ein Ende hatte.

Als mich plötzlich ein Klopfen an meiner Tür aus meinen Überlegungen riss, griff ich instinktiv nach dem Messer an meiner Hüfte, nur um festzustellen, dass es nicht an seinem Platz war. Natürlich nicht. Sie hatten es mir ja weggenommen und so wie es aussah, würde ich es so schnell auch nicht wieder zurückbekommen.

Ein weiteres Klopfen ließ mich die Augen misstrauisch verengen.

„Kismet?“

Die feste Stimme die durch die Tür drang, war mir wohl bekannt. Nadja.

Diese Frau gehörte an die obere Spitze der Liste an Leuten, die ich im Moment am wenigsten sehen wollte. Nein, streicht das. Außer Nikita wollte ich heute überhaupt niemanden sehen. Aber meinen Besuch heute bei ihr hatte ich bereits hinter mir und in den Abendstunden waren Unbefugte im HdK nicht mehr erwünscht.

Als es ein drittes Mal klopfte, erinnerte ich mich daran, dass ich ja entgegenkommend sein musste und erhob mich vom Bett. Das Zimmer war schnell durchquert und als ich die Tür öffnete, erwartete mich die nächste Überraschung – und zwar keine von der Guten Sorte. Nadja war nicht allein gekommen. Hinter ihr Stand Agnes und wartete ungeduldig auf Einlass.

„Wenn du gerade nichts zu tun hast, würde meine Mutter sich gerne mit dir unterhalten.“

Auch wenn ich etwas zu tun hätte, würde das sicher keinen Unterschied machen. Im Grunde blieb mir gar keine andere Wahl als zur Seite zu treten und die beiden hinein zu lassen.

Agnes betrat den Raum, als wäre es ihrer. Sie wartete gar nicht erst auf mich, rauschte einfach auf ihrem Gehstock an mir vorbei, ließ ihren Blick einmal durchs Zimmer gleiten und setzte sich dann auf die Couchgarnitur unter dem Fenster. Ihr Gehstock machte bei jedem Schritt ein dumpfes Geräusch. „Setz dich zu mir Kismet, ich habe nicht viel Zeit.“

Dann verschwende sie doch nicht an mich. Ich hielt den Mund und kam ihrer Aufforderung nach. Heute trug sie ganz ähnliche Kleidung wie gestern, nur war ihr weißes Haar dieses Mal zu einem strengen Knoten nach hinten gebunden worden, was sie noch kantiger wirken ließ.

„Ich habe heute mit Carrie gesprochen.“

War das jetzt gut oder schlecht? Ich hielt weiterhin den Mund.

„Sie hat mir erzählt du willst dich uns nun doch anschließen.“

Diese Tatsache schien sich ja schnell rumzusprechen. Aber ich war nicht dumm, ich wusste dass ich auf der Hut sein musste – bei Agnes noch mehr als bei den anderen. Besonders so wie sie mich mit ihrem Blick zu durchleuchten schien. „Ich möchte es versuchen.“

„Versuchen?“

Jetzt musste ich wohl wieder meine einstudierte Geschichte zum Besten geben. „Mir gefällt es noch immer nicht dass ich hier praktisch eingesperrt bin und auch nicht auf welche Art man mich hergebracht hat, aber Nikita möchte hier bleiben und um ihretwillen werde ich versuchen mich mit meiner Situation arrangieren.“ Das klang doch glaubwürdig. Hoffte ich.

„Deine kleine Schwester, du machst das also für sie.“

„Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich will, dass sie glücklich ist.“

„Oh ja, die Bande der Familie. Sie können doch recht hinderlich sein.“

Bitte?

Nadja, die neben der Tür stehen geblieben war, drückte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.

„In deinem Fall jedoch scheinen sie sich als hilfreich zu erweisen. Dann kann ich davon ausgehen, dass du es ehrlich meinst und nicht versuchst uns hereinzulegen?“

„Ich kann nicht versprechen dass mir alles auf Anhieb gelingen wird, aber ich werde mich bemühen.“

„Zumindest solange deine Schwester sich sicher in unserer Obhut befindet.“

Wie sie das sagte gefiel mir ganz und gar nicht. Es war nicht allein ihr Ton, sondern die Bedeutung hinter den Worten. In meinen Ohren klang das nach einer Drohung. Tu was wir sagen, denn wir haben deine Schwester und wir können dafür sorgen, dass du sie nie wiedersiehst.

Ich zwang mich dazu auf meinem Platz sitzen zu bleiben, den Handgreiflichkeiten und Todesdrohungen waren sicher nicht hilfreich. Trotzdem war es mit der Entspannung nun vorbei.

„Ich beglückwünsche dich jedenfalls zu deiner Entscheidung. Wir brauchen Frauen wie dich.“

„Evas.“

Sie nickte. „Das ist auch der Grund meines Besuchs. Als Despotin und einer der ältesten Evas dieser Stadt obliegt es mir den Nachwuchs einzuweisen.“

„Dr. Vark hat mir schon einiges erklärt.“

„Aber wahrscheinlich nur den medizinischen Unsinn.“ Sie winkte ab, als sei das völlig unbedeutend. „Eine Eva zu sein bedeutet viel mehr als alle zwei Jahre Kinder in die Welt zu setzen. Auch die Einstellung ist sehr wichtig. Kinder wünschen sich eine Beziehung zu ihren Eltern und einer Mutter fällt es nie leicht sich von ihrem Kind zu trennen. Deswegen dürfen wir niemals das Ziel unserer Arbeit aus den Augen verlieren.“

„Aber … Dr. Vark hat gesagt, dass ich meine Babys behalten darf.“ Hatte er etwa gelogen? Ein kleiner fester Knoten bildete sich in meinem Magen

„Niemand kann dir deine Kinder wegnehmen, du bist die Mutter und hast das Vorrecht auf sie, aber bei so viel Nachwuchs wirst du Hilfe brauchen. Wir hatten schon Mütter die haben acht Kinder in nur einer Schwangerschaft zur Welt gebracht.“

Acht?!

„Natürlich sind das nur ausnahmen – meisten werden ein bis drei Kinder geboren – aber durch die Hormontherapie und der künstlichen Befruchtung kann das durchaus geschehen. Sagen wir du bekommst bei deiner ersten Schwangerschaft drei Babys, bei der zweiten zwei und bei der dritten wieder drei. Innerhalb von sechs Jahren hättest du also sieben Kleinkinder, die alle um deine Aufmerksamkeit buhlen. Glaubst du das würdest du schaffen? Besonders wenn du zusätzlich auch noch zum vierten Mal schwanger bist?“

„Ich … ich weiß nicht.“

„Nein würdest du nicht. Deswegen haben wir das Pflegepersonal. Sie helfen nicht nur dir, sie unterstützen auch die Erziehung und nehmen dir einen Großteil der Arbeit ab. Die Kinder wachsen in dem Wissen auf, dass sie mit vier Jahren ins HdK ziehen um dort betreut werden zu können. Natürlich steht es dir trotzdem frei sie jederzeit zu sehen. Nur ein Anruf und man wird sie dir bringen. Aber da es deine eigentliche Aufgabe sein wird neue Kinder in die Welt zu setzen, wirst du nicht immer Zeit für sie haben, auch wenn du das möchtest.“

Das hörte sich schrecklich an. „Und wenn ich es allein versuchen möchte?“

„Du kannst es gerne versuchen, aber ich verspreche dir du wirst scheitern.“

Na das waren doch mal aufmunternde Worte.

„Jedes Jahr erblicken bei uns durchschnittlich achtzig Babys das Licht der Welt. Wenn man das mit den Daten aus der alten Welt vergleicht, ist das nichts, doch für uns ist es ein Anfang, den mit jedem Jahre werden neue fruchtbare Menschen geboren. Als dieses Projekt vor knapp siebzig Jahren startete, haben wir mit einem Dutzend Adams und Evas begonnen. In der Zwischenzeit ist die Zahl auf knapp hundert angestiegen. Natürlich sind ein paar von ihnen Streunern, doch durch uns haben sie eine Zukunft bekommen – sie und ihre Nachkommen. Das ist etwas das die Alte Welt ihnen nicht bieten konnte.“

„Das heißt unter den Evas gibt es außer mir noch mehr Streuner?“

„Nein.“ Sie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Die letzte fruchtbare Frau unter den Streunern wurde lange vor dem Projekt entdeckt. Du bist seit vielen Jahren die erste die zu uns gefunden hat. Allerdings gibt es unter den Adams vier Männer, die in der Alten Welt geboren wurden.“

„Und sie sind alle freiwillig hergekommen?“

„Einer von ihnen wurde als Baby vor unseren Toren abgelegt. Zwei andere wurden gefunden, als sie noch Kinder waren. Und Jósa Nyék suchte Zuflucht bei uns.“

Jósa Nyék. Diesen Namen sollte ich mir merken. Wenn er wirklich auch ein Streuner war, dann konnte er mir vielleicht helfen. Andererseits war er freiwillig herkommen.

Damit war er sofort wieder von meiner Liste potentieller Verbündeter gestrichen.

„Sie alle sind seit dem sehr oft Vater geworden.“

Ja von Kindern die man ihnen mehr oder weniger weggenommen hatte. Agnes und Killian konnten das formulieren wie sie wollten, unterm Strich waren Evas nur Brutmaschinen die jede Menge Babys in die Welt setzen sollten.

„Es gefällt dir nicht was ich sage.“

Erschrocken blickte ich auf.

„Vielleicht hast du dir vorgenommen dich uns anzuschließen, doch du bist noch nicht davon überzeugt.“

„Ich werde mir Mühe geben. Das verspreche ich.“ Oh ja, diese Lüge kam mir sehr leicht über die Lippen.

„Weiß du eigentlich wie besonders wir beide sind, Kismet? Wir leben nicht nur im Herzen von Eden, wir sind das Herz von Eden. Ohne uns wäre all das nicht möglich, ohne uns könnte man die Menschheit nicht retten.“

„Ohne uns und die Adams.“

Sie schnaubte. „Die Adams sind entbehrlich. Um hundert Frauen zu befruchten bedarf es nur eines Mannes. Doch was würden die Menschen tun, wenn es hundert Männer geben würde, aber nur eine Frau?“

„Aussterben.“ So wie die Natur es mittlerweile für uns vorgesehen hatte. „Es tut mir leid. Ich verstehe was du sagst und auch was es bedeutet, aber ich muss das erst noch … ich weiß nicht, verinnerlichen? Das ist alles noch so neu. Ich kenne das einfach nicht, dass alles so kontrolliert abläuft. Ich finde das … merkwürdig.“

„Du sollst mich nicht duzten und nein es ist nicht merkwürdig, es ist das was der Mensch seit je her getan hat, die absolute Kontrolle. Wir müssen sie immer haben. Wir können es nicht erlauben, dass sie uns entzieht, denn das wäre unser Untergang.“

„Ja wahrscheinlich, aber -“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach mich.

Nadja wartete auf ein kurzes Nicken ihrer Mutter und ließ dann einen hochgewachsenen Mann mit hellbrauner Haut hinein. Er trug die graue Uniform der Stadthüter.

„Entschuldigen Sie die Störung Despotin Nazarova, aber einer der Spähtrupps wurde wieder überfallen.“

Spähtrupps? Ich horchte auf. Und was hieß hier wieder überfallen? „Was für Späher?“

Agnes musterte mich einen Moment Kühl. „Eine Gruppe der Yards.“

Ah, die Menschenfänger. Mein Mitleid hielt sich sofort in Grenzen.

Die Despotin wandte sich wieder dem Mann zu. „Gab es Verletzte?“

„Nur geringfügig.“

„In Ordnung. Warte in meinem Büro, ich komme gleich nach.“

Er nickte und verabschiedete sich dann wieder.

Mich jedoch hatte sein auftauchen Nachdenklich gemacht. Es gab nur zwei Sorten von Streunern. Die Einen hielten sich von den Yards und Eden möglichst weit fern und die anderen kamen auf der Suche nach Hilfe zu ihnen. Keine der beiden Gruppen würde auf die Idee kommen sie anzugreifen. Darum stellte sich mir jetzt die Frage: „Wer überfällt denn Späher von Eden?“

„Wer schon. Unbedeutende Streuner.“

Nein, das kaufte ich ihr nicht ab. Natürlich konnte ich mich auch irren, aber … irgendwas passte bei dieser Aussage nicht ins Bild.

„Du solltest dir darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen, Kismet, diese Angelegenheit geht dich nichts an.“

Jetzt wurde ich erst recht misstrauisch. Trotzdem sage ich „In Ordnung“, denn ich musste ja noch immer den Schein wahren.

„Da sich nun dringende Angelegenheiten aufgetan haben, sollten wir schnellstens fortfahren. Hast du dich schon über deine Möglichkeiten dich in die Gesellschaft einzugliedern kundig gemacht?“

Das konnte ich ruhigen Gewissens verneinen.

„Im Herz von Eden werden verschiedene soziale Gruppen angeboten. Der Bücherclub, Kunst, das Mediennetz oder auch Kurse zur Bildung. Viele der Anwohner nehmen diese Angebote wahr. Sie fördern nicht nur deine Eingliederung, sie bieten dir auch soziale Kontakte, die du unbedingt aufbauen solltest. Der Beruf der Eva kann sehr auslaugend sein, da ist es wichtig immer zu wissen, dass da andere Menschen sind, die einen unterstützen.“

Und noch schneller dafür sorgen konnten, dass man mir eine Gehirnwäsche verpasste. Natürlich sagte ich das nicht, sondern nickte nur ganz artig.

„Eigentlich wollte ich noch ein paar andere Dinge mit dir besprechen. Aber die Zeit drängt.“ Sie warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk, griff dann nach ihrem Gehstock und erhob sich von der Couch. „Wegen der Gruppen und Kurse kannst du mit Frau Capps sprechen.“

„Mit wem?“

„Carrie.“

Ach so.

„Sie wird dir alles Wichtige -“

Erneut klopfte es an meiner Tür.

Agnes warf ihr einen gereizten Blick zu. Sie mochte es wohl nicht unterbrochen zu werden. Wahrscheinlich öffnete ihre Tochter die Tür deswegen so schnell, gerade als der Ankömmling die freie Hand hob, um erneut zu klopfen. Es war Killian.

„Dr. Vark“, sagte Agnes und musterte ihn mit einem hochmütigen Blick. „Wie kommen wir zu der Ehre?“

Mit einem lausbubigen Lächeln auf den Lippen, ließ Killian seine Hand wieder sinken. „Ich wollte nur kurz nach Kismet schauen.“

„Warum?“ Sie musterte mich misstrauisch.

„Wegen ihrem Finger.“ Er grinste etwas verlegen. „Die Putzkolonne hat den Boden in meiner Praxis wohl etwas zu gut gebohnert. Sie ist ausgerutscht und hat sich den Finger umgeknickt.“ Ohne zu zögern trat er in den Raum und stellte seine Tasche auf den Kaffeetisch. „Ich war gerade im Haus, da dachte ich es könnte nicht schaden kurz vorbeizuschauen.“

„Du warst bei Olive.“

Er nickte, wobei mir der verkniffene Zug um seinen Mund nicht entging. „Es ging ihr nicht gut.“

„Dann können wir ja dankbar dafür sein dass es dich gibt. Wenn ihr mich nun entschuldigt, es warten dringende Angelegenheiten auf mich.“ Entschlossen wandte sie uns den Rücken zu und marschierte eilends aus dem Raum. Nadja folgte ihr auf dem Fuße. Dann fiel die Tür hinter ihnen zu.

Killian wartete einen Augenblick, dann beugte er sich leicht zu mir hin, ohne die Tür aus den Augen zu lassen und flüsterte. „Also irgendwie finde ich sie ja gruselig.“

Ich konnte es nicht verhindern. Mein Mundwinkel zuckte und dann lächelte ich. Als ich es bemerkte, hörte ich damit sofort wieder auf. Oh Himmel, wie war das denn gerade passiert?

„Früher als ich noch klein war habe ich immer geglaubt sie trinkt das Blut von kleinen Kindern. Kaleb hatte mir das erzählt.“ Er grinste verschmitzt. „Ich hatte immer schreckliche Angst vor ihr.“

Ich lachte. Es kam so plötzlich über meine Lippen, dass ich halb erschrak und es mir gerade noch so verkneifen konnte mir die Hände auf den Mund zu klatschen. Was war bloß in mich gefahren?

Kilian lächelte, parkte seinen Hintern auf meinem Tisch und streckte mir die Hand entgegen. „Gib mir deine Hand.“

Ich zögerte. Nicht nur weil ich mich über mein eigenes Verhalten wunderte, sondern auch weil er so tat, als hätte er jedes Recht das zu verlangen.

Dass er hier war fand ich irgendwie seltsam. Er trug nicht mal seinen weißen Arztkittel, nur normale Kleidung. Das ließ ihn irgendwie zugänglicher wirken, nicht so autoritär, sondern ganz normal.

„Bitte“, fügte er noch hinzu, ohne den Augenkontakt zwischen uns zu brechen.

Oh Himmel, was war nur mit mir los, dass ich ihn nicht sofort vor die Tür setzten wollte? „Es ist Tage her. Meiner Hand geht es gut“, sagte ich ausweichend und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Da ich hier der Arzt bin, solltest du es mir wohl überlassen das zu beurteilen. Meinst du nicht auch?“

„Aber wenn es nicht schmerzt kann ich doch wohl davon ausgehen, dass alle in Ordnung ist.“

„Aber was machst du wenn es morgen wieder schmerzt? Da bin ich dann nicht da um dir zu helfen. Jetzt allerdings sitze ich direkt vor dir und es macht überhaupt keine Mühe.“

Wahrscheinlich nicht. Und außerdem war das für mich die Gelegenheit die brave Eva zu spielen. Agnes wollte, dass ich mich eingliederte? Da konnte ich genauso gut mit meinem Arzt beginnen. Sicher würde auch er ihr von meinem Betragen berichten. Es konnte auf jeden Fall nicht schaden. Daher gab ich mich mit einem übertriebenen Seufzer geschlagen und legte meine Hand in seine.

„Danke.“ Sein Griff war sanft und als er meinen kleinen Finger unter die Lupe nahm, ging er sehr vorsichtig dabei um. „Tut das weh?“ Er bog meinen Finger vorsichtig hin und her.

Ich schüttelte den Kopf. „Nö, alles Bestens, hab ich doch gesagt.“

„Gutes Heilfleisch.“ Es dauerte einen Moment bis er meine Hand wieder freigab. „Trotzdem, falls du noch Beschwerden haben solltest, komm einfach bei mir in der Praxis vorbei. Meine Tür steht dir jederzeit offen.“

Ein sehr abfälliger Spruch lag mir bereits auf den Lippen, als ich mich erinnerte artig zu sein. „Jederzeit? Dieses Angebot könntest du noch bereuen.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Ich stehe zu meinem Wort.“ Er deutete auf den Platz neben mich. „Darf ich?“

Es brauchte eine paar Sekunden, bis mir klar wurde, dass er sich neben mich setzten wollte. Ich zögerte. Hatte er etwa vor länger zu bleiben? Warum? „Klar“, sagte ich und versuchte dabei mein Misstrauen aus meiner Stimme rauszuhalten. Immer nett, immer freundlich. Ich war so ein richtig positives Menschenkind.

Killian erhob sich vom Tisch und ließ sich dann mit einem erleichterten Seufzen neben mich plumpsen. „Ah, das ist schon besser.“

„Anstrengender Tag?“

„Wahrscheinlich nicht so anstrengend wie deiner.“

Dieses Mal musste ich das Lächeln auf meine Lippen zwingen. „Es war in Ordnung.“

„So siehst du aber nicht aus“, sagte er leise.

Ich schwieg. Was sollte ich darauf auch antworten? Die Wahrheit konnte ich ihm nicht sagen, und eine Lüge hätte er mir im Moment wohl nicht abgekauft.

Der Moment der Stille zog sich hin. Killian schien nach Worten zu suchen. Warum nur ging er nicht einfach wieder?

„Und?“, fragte er dann und nickte zur Tür. „Was hat die Schreckschraube von dir gewollt?“

„Du meinst abgesehen davon sich wichtig zu machen?“ Meine Schultern zuckten gleichgültig. „Ich glaube sie wollte mir beibringen was es bedeutet eine Eva zu sein und mir erklären dass ich mich in die Gesellschaft eingliedern soll.“ Der letzte Teil kam ein wenig abfälliger rüber, als er eigentlich sollte. Vorsichtig spähte ich zu Killian. War mein Spiel jetzt aufgeflogen?

„Ja, bei er Frau muss immer alles sofort passieren. Sie versteht einfach nicht dass es Dinge gibt die Zeit brauchen.“ Er legte den Kopf auf die Lehne und grinste mich an. „Dabei sollte man doch meinen, in ihrem alter wüsste sie was Geduld ist.“

„Wie alt ist sie eigentlich?“

„Keine Ahnung. Für mich war sie schon immer alt.“

Ich zog die Beine an die Brust und legte mein Kinn darauf. Dabei versuchte ich das Schmunzeln meiner Lippen zu verbergen. Es fiel mir viel zu einfach mich mit ihm zu unterhalten. Aber viel schlimmer fand ich das seine Anwesenheit gar nicht so abstoßen war wie sie sollte. Es war jetzt nicht so dass ich seine Gesellschaft genoss, doch wenn er noch ein paar Minuten bliebe, würde ich das ohne zu murren akzeptieren können.

Oh Himmel, was dachte ich da nur? Seine Anwesenheit war absolut nicht erwünscht, das durfte ich nicht vergessen. Aber wo er schon mal hier, konnte ich doch versuchen ihn ein wenig auszuhorchen. Scheinbar war er ja gewillt sich mit mir zu unterhalten. Ich musste das Gespräch nur unbemerkt in die richtige Richtung lenken. „Eden ist so ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte.“

„So? Wie war den deine Vorstellung?“

„Weißt du was die Hölle ist?“

„Natürlich, das weiß doch jeder.“

Ach wirklich? Ich hatte davon erst vor ein paar Jahren erfahren, als Roza zu uns gestoßen war. Sie trug ein Kreuz an einer Kette um den Hals. Es war sehr filigran und uralt. Ein Relikt aus der Zeit vor der Wende. Sie erzählte immer wieder die Geschichte ihres Glaubens, von Gott im Himmel und Luzifer in der Hölle. In ihrer Schürze trug sie immer ein völlig zerlesenes Buch mit sich herum. Es enthielt keine Worte, nur Bilder. Sie hatte nie erzählt, woher sie es hatte. „Ich habe mal ein Bild gesehen. Ein Meer aus Feuer in dem leidvoll geplagte Seelen in Schmerz und Kummer schrien. Um sie herum tanzen Schatten, böse Wesen mit hässlichen Fratzen, die sich an dem Leid der anderen erfreuten.“

Killian zog eine Augenbraue hoch. „Und du hast geglaubt Eden ist genauso wie dieses Bild?“ Er grinste.

„Natürlich nicht“, sagte ich beleidigt. Ich war nicht dumm. „Nur wenn ich an Eden gedacht habe, hatte ich immer dieses Bild im Kopf. Ein Ort voll Kummer und Leid, an dem sich andere ergötzen.“

„Du hattest wohl wirklich nicht den besten Eindruck von uns.“

„Leider habe ich das immer noch nicht“, sagte ich leise und blickte dann gespielt erschrocken auf. „Tut mir leid, das war nicht so gemeint.“

„Schon gut. Ich verstehe schon.“

„Es ist nur so -“ Pause einlegen. Noch ein Moment warten, um Worte ringen. Okay, das war genug. „Ich konnte immer gehen wohin ich wollte. Es gab nichts und niemanden der mich aufhalten konnte. Endlose Horizonte und Freiheit soweit das Auge reichte. Aber hier … überall sind Türen, Mauern und Schlösser. Ich komme mir vor wie in einer Falle.“

„Das muss hart sein.“

„Wenn ich nur hin und wieder rauskönnte.“ Komm schon, beiß an. „Aber Agnes hat gesagt, dass es Evas untersagt ist die Herz der Stadt zu verlassen.“

„Ja, diese Regel ist zu eurer Sicherheit.“

Sicherheit, gutes Stichwort. „Aber jede Sicherheit weißt Lücken auf.“

Killians Mundwinkel zuckte. „Versuchst du mich auszuhorchen?“

„Was?!“ Streite alles ab! „Natürlich nicht.“

„Doch, ich glaube genau das versuchst du gerade.“

Musste er bei dieser Feststellung so belustigt aussehen? „Worüber sollte ich dich den ausfragen wollen. Einen ärztlichen Rat bekomme ich ja auch so.“

Er gab ein leises Lachen von sich. „Okay, ich werde es dir einfach machen.“

„Was einfach machen?“

„Ah, die Ahnungslose. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, Kismet. Und mir ist durchaus bewusst, dass du noch immer einen Weg suchst von hier zu entkommen. Natürlich glaube ich dir dass du nichts tun würdest was deine Schwester unglücklich machen würde, aber ich kenne deine Schwester nicht und weiß nicht ob sie sich hier wirklich wohlfühlt, oder ob du das nur erfunden hast.“

Nein, dieser Teil entsprach der Wahrheit – leider. „Sie fühlt sich hier wohl“, erklärte ich leise. „Für sie ist das alles ein großes Abenteuer.“

„Und das gefällt dir nicht.“

Ich überlegte einen Moment, was ich darauf antworten sollte. Im Prinzip hatte er mich ja schon durchschaut, was mir ganz und gar nicht gefiel. Ich konnte alles auf eine Karte setzen und hoffen. Schlimmer konnte es ja kaum noch werden, oder? Andererseits konnten sie mir Nikita wegnehmen. Daher sagte ich: „Ich komme zurecht.“

„Nun gut, ich verstehe dass du nicht offen zu mir sein kannst. Ich bin ein Fremder und noch dazu der Feind, aber bitte vergiss nicht, ich meine es gut mit dir.“

„Ich weiß.“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“

Wahrscheinlich weil ich es auch nicht so meinte.

Killian streckte mir seine Hand entgegen. „Gib mir mal deine Hand.“

„Du hast dir meinen Finger doch schon angesehen.“

„Nicht die Hand, die andere. Ich will dir etwas erklären. Bitte.“

Ich wollte nicht. Und trotzdem tat ich es, schließlich musste ich noch immer die artige Eva spielen, denn es konnte ja durchaus sein, dass er nur so tat, als hätte er mich durchschaut, in Wirklichkeit aber gar keine Ahnung hatte. Man, das wurde langsam kompliziert.

Die Finger seiner anderen Hand strichen über meinen Handballen, bis sie den kleinen Knubbel unter der Haut fanden. „Dein Keychip.“

„Dr. Pirozzi hat ihn mir eingesetzt.“

Er nickte wissend. „Er ist dein Zugang zu allem wofür du berechtigt bist.“

„Ich weiß, sie hat es mir erklärt.“ Ich zog meine Hand zurück und versteckte zwischen meinen Knien. Wie er mir über die Haut gestrichen hatte konnte ich noch immer fühlen. Das gefiel mir nicht. „Ich kann Türen öffnen und Daten abrufen.“

„Der Keychip ist viel mehr als das. Er ist dein Schlüssel zur Stadt, doch welches Schloss du damit öffnen kannst, entscheidest nicht du, sondern die Despotin.“ Er lehnte sich auf dem Sitzt wieder zurück. „Alle Menschen in Eden sind einer Kategorie zugeteilt und je nach Kategorie erhältst du den Zugriff auf das System. Die Despotin erteilt die Zugangsberechtigungen, sowohl für Türen, als auch für Daten. Eine Eva kann nur Türen innerhalb der City öffnen.“

„City?“

„Das Herz von Eden. Versuchst du eine Tür zu öffnen, für die du keine Berechtigung hast passiert im besten Fall gar nichts. Im schlimmsten löst du mit deinem Versuch einen Alarm aus, woraufhin es passieren kann, dass du festgenommen wirst. Und was dann geschieht, kannst du dir sicherlich vorstellen.“

„Zwang.“ Ja ich klang verbittert.

„Ich erzähle dir das nicht weil ich dich verunsichern will, es ist einfach eine Warnung. Ich möchte nicht dass du unnötig in Schwierigkeiten gerätst.“

Ich schnaubte. „Ach nein? Warum nicht?“

„Vielleicht mag ich dich ja.“

Das bezweifelte ich doch sehr.

„Schau mich nicht so an. Trotz deiner Stacheln bist du ein nettes Mädchen.“

Ein abfälliges Lachen kam mir über die Lippen. „Da sieht man mal wie fremd ich dir bin. Niemand der mich kennt würde mich als nett bezeichnet.“

Seine Mundwinkel zuckten. „So wie du das aussprichst, könnte man glatt glauben ich hätte dich beleidigt.“

„Vielleicht ist das ja auch so.“ Ein kleines Lächeln spielte um mein Mundwinkel. Sofort verbot ich es mir wieder. Verdammt, warum nur lächelte ich den ganzen Abend immer wieder? Er war verflucht noch mal der Feind! Das konnte ich doch nicht ständig vergessen. Ich musste aufhören die Nette zu spielen und ihn in seine Schranken weisen. Nein, natürlich durfte ich nicht damit aufhören, doch ich durfte nicht erlauben, dass … naja, das hier halt. Diese Nettigkeiten. Ich durfte mir nicht erlauben, auch nur einen Hauch von Zuneigung für ihn zuzulassen. Das wäre sonst mein Untergang.

„Mir würde nicht im Traum einfallen dich zu beleidigen“, erklärte Killian, ohne den Umschwung meiner Laune zu bemerken. „Kaleb hat mir erzählt was für einen kräftigen Tritt du hast. Dieser Erfahrung würde ich doch gerne entgehen.“

„Ja, viele Männer können es nicht ertragen von einer Frau fertiggemacht zu werden.“

Von meinem scharfen Ton überrascht, legte sich seine Stirn in Falten. „Ja, wahrscheinlich, immerhin sind wir doch das starke Geschlecht.“

„Ja, so sagt man.“

Die kalte Distanziertheit die plötzlich von mir ausging, verwirrte ihn. „Hab ich etwas Falsches gesagt?“

„Du solltest gehen, ich bin müde.“

Killian bewegte sich nicht vom Fleck, stattdessen musterte er mich und schien in Gedanken unser Gespräch noch einmal durchzugehen. „Weißt du Kismet, es ist nicht schlimm, wenn du eine gewisse Sympathie für mich entwickelst. Menschliche Bindungen sind wichtig und -“

Damit dass ich mich erhob, schnitt ich ihm das Wort ab. „Geh jetzt. Und komm nicht wieder.“

Wir lieferten uns ein stummes Blickduell, das Killian mit einem Seufzen beendete und sich erhob. „Ich danke dir für den Abend. Vielleicht können wir das ja mal wieder machen.“

„Das glaub ich nicht.“ Um meine Worte zu unterstreichen verschränkte ich noch die Arme vor der Brust.

Killian schien noch etwas sagen zu wollen, nahm dann aber einfach still seine Tasche und ging zur Tür. „Gute Nacht, Kismet“, sagte er noch, dann war ich alleine.

Und ich blieb zurück und verfluchte mich innerlich dafür, wie ich mit ihm umgegangen war. Es war nicht richtig. Ich durfte ihn nicht so an mich heran lassen, nicht mal während meines Spieles. Es war viel zu einfach sich mit ihm zu unterhalten und sich in seiner Gesellschaft wohl zu fühlen. Das erste Mal seit meiner Ankunft hier war ich halbwegs entspannt gewesen. Das war nicht gut. Es war gefährlich zu vergessen, wer Killian war. Ein Kind von Eden, auch wenn er nicht mit allen Ansichten übereinstimmte und … verdammt noch mal, was tat ich da? Ich sollte keine Entschuldigungen suchen, die ihn gleich wieder sympathetischer wirken ließen. Ich sollte gar nicht über ihn nachdenken. Aus den Augen, aus dem Sinn, so hieß es doch.

Na dann beschäftige dich doch einfach mit wichtigeren Dingen.

Gute Idee. Eine Wichtig Information hatte Killian mir nämlich geliefert. In seinen Worten war es eine Warnung gewesen, doch mich könnte es auf meinem Weg zur Lösung meines Problems ein Stück weiter bringen. Die Keychips konnten mich durch jede Tür bringen – immer vorausgesetzt man besaß die Zugangsberechtigung und die erhielt man von einer einzigen Person in Eden.

Ein vager Plan nahm in meinem Kopf Gestalt an. Der Schlüssel zu allem war Agnes.

 

oOo

Kapitel 18

 

Die Faust zum Klopfen erhoben, atmete ich noch einmal tief durch und versuchte meinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen. Leider weigerte dieser sich beständig meinem Willen zu gehorchen. Mit jedem Schritt dem ich der Tür nähergekommen war, hatte er sich sogar noch ein wenig beschleunigt. Sehr ärgerlich. Zum Glück sah man mir meine Aufregung äußerlich nicht an – das hoffte ich zumindest.

Ich hatte mich aus meinem Zimmer gestohlen, noch bevor Carrie auftauchen konnte. Wahrscheinlich suchte sie jetzt überall nach mir, aber das war mir völlig egal. Hierbei konnte ich sie und ihre Kommentare nicht gebrauchen. Der Versuch Agnes auf meine Seite zu ziehen, oblag mir ganz alleine.

Noch ein letzter tiefer Atemzug, dann ließ ich meine Faust zwei Mal gegen das Holz klacken. Bis das „Herein“ kam, musste ich nicht lange warten.

Na dann mal los. Als ich durch die Tür in das Büro trat, versuchte ich mich selbstbewusst, aber auch ein wenig unterwürfig zu geben. Leider geriet mein Plan augenblicklich ins Trudeln, denn Agnes war nicht allein, wie ich gehofft hatte.

Die Despotin saß hinter ihrem Schreibtisch. Links und rechts von ihr standen Nadja und die weibliche Yard, die sich um das kleine Mädchen Noor gekümmert hatte. Daneben auf der Couch lümmelte Sawyer sichtlich gelangweilt. Sein Blick auf mich war nur von mäßigem Interesse, dann legte er den Kopf zurück in den Nacken und starrte zur Decke hinauf.

„Kismet.“ Agnes richtete sich ein wenig auf. „Was möchtest du?“

„Ähm … ich würde gerne etwas mit dir – ich meine mit Ihnen – besprechen.“ Ohne Zuhörer.

„Ist es dringend?“

„Naja, nein, nicht wirklich.“ Jedenfalls nicht nach ihrer Auffassung. Für mich war es das durchaus.

„Dann musst du dich ein wenig gedulden. Setz dich.“

Ich schaute von der Sitzecke zu dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch und entschied mich dann für den ledernen Sessel. Zwar war warten nicht das was mir vorgeschwebt hatte, aber das ließ darauf schließen, dass ich doch mit ihr alleine sprechen konnte, sobald sie mit Sawyer fertig war. Und falls die beiden Yards dann verschwanden.

„Und nun wieder zu dir.“ Sie tippte auf der Oberfläche ihres Schreibtisches herum, den Blick starr auf den eingebauten Screen gerichtet. „Es geht einfach nicht dass du Celeste die Tür vor der Nase zuschlägst. Du bist verpflichtet ihr zu dienen.“

Er winkte so gelangweilt ab, als hätte er es mit einer lästigen Fliege zu tun.

„Es ist mir ernst, Sawyer.“

„Es ist Ihnen immer ernst, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sie nicht empfänglich war. Ich bin verpflichtet sie zu schwängern und nicht ihrem tristen Dasein ein wenig Farbe zu verleihen.“ Er ließ den Kopf zur Seite rollen. „Wenn sie nur ´nen bisschen vögeln will, soll sie zu jemand anderem gehen.“

„Aber du bist ihr Favorit und -“

„Ist mir egal.“

Agnes Lippen wurden zu einer dünnen Linie. „Du kennst die Regeln, Sawyer. Nicht du entscheidest das. Wenn Celeste das nächste Mal zu dir kommt, wirst du die Tür öffnen und sie wie ein Gentleman in dein Haus bitten.“

„Bekomme ich dann auch wieder eine Strafpredigt wenn ich keinen hoch bekomme? Sie ist nämlich nicht gerade der Bringer.“

Ihre Augen verengten sich leicht. Gleich würde sie damit Pfeile schießen. „Du bist erfahren genug um auch für einen solchen Fall eine Lösung zu haben.“

„Ja klar, ich bin voll der Hecht.“

Das überhörte sie einfach. „Außerdem erwarte ich von dir, dich bei ihr für dein Verhalten zu entschuldigen.“

Er schnaubte. „Sonst noch etwas?“

„Ja. Shae hat dir wohl schon mehrere Anfragen für einen Termin gesandt, die du allesamt ignoriert hast.“

„Ich habe keine Anfrage erhalten.“

„Doch hast du. Ich habe dein Konto überprüft. Vielleicht solltest du das hin und wieder auch mal tun.“

„Wenn sie etwas will, soll sie einfach zu mir kommen.“

Oh ja, ich glaube da kam bereits der erste Pfeil geflogen.

„Kümmere dich darum“, verlangte Agnes streng. „Eine weitere Beschwerde wird weitaus unangenehmere Konsequenzen nach sich ziehen.“

„Was? Wollen sie mich etwa kastrieren lassen? Ich kann mir weitaus schlimmeres vorstellen.“

Wenn ich mir das so anhörte, war ich hier wohl nicht die einzige, die mit ihrem ob nicht ganz so zufrieden war, wie die Despotin es gerne hätte.

„Ich werde mich nicht wiederholen, Sawyer.“

„Ja ja, schon klar.“

Sichtlich verärgert beugte Agnes sich ein wenig vor. „Du kannst dann gehen.“

„Na endlich.“ Er erhob sich schwungvoll von der Couch und machte dann eine übertrieben gestenreiche Verbeugung. „Es war mir wie immer eine Ehre hier zu sein.“

„Übertreibe es nicht, Sawyer, meine Geduld mit dir hat auch Mal ein Ende.“

„Vielleicht ist es genau das worauf ich hoffe“, murrte er und drehte sich herum. Dabei bemerkte er, wie ich ihn beobachtete. „Na, genug geglotzt, oder brauchst du noch ein Foto?“

„Von dir?“ Ich hob eine Augenbraue. „Klar, dann habe ich etwas womit ich mir den Hintern abwischen kann.“

Ein Blinzeln, ein Schnauben, dann verließ er wortlos das Büro, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Agnes seufzte. „Würdest du bitte?“

Nein, eigentlich wollte ich nicht ihr Laufbursche sein, aber da ich mich gut mit ihr stellen musste, erhob ich mich und schloss die Bürotür, bevor ich mich ihr gegenüber auf den Stuhl setzte. Dabei ärgerte ich mich darüber, dass sie sich die Freiheit herausnahm mich zu duzen, während sie selber darauf bestand gesiezt zu werden.

Die beiden Yards schienen sich nicht von der Stelle bewegen zu wollen. Mist.

„Ich habe nicht viel Zeit, also komm bitte gleich zum Punkt“, erklärte Agnes, ohne ihre Finger von der Tastatur zu heben.

„Ja, in Ordnung.“ Ich hatte mir ganz genau überlegt, wie ich das am besten beginnen sollte. Agnes bevorzugte wahrscheinlich tüchtige Menschen, Leute die ihr nie widersprachen und den Boden küssten, auf dem sie sich bewegte. Ob ich das alles hinbekam, wusste ich nicht, aber ich würde es versuchen, denn davon hing alles ab. Nur unsere beiden Zuhörer machten mich ein wenig nervös. Ignorier sie! „Ich weiß ich bin noch nicht so lange hier, aber ich spüre deutlich wie ruhelos ich bin, einfach weil ich kaum etwas zu tun habe. Draußen in der Alten Welt hat mein Tag früh begonnen und erst spät geendet. Ich war praktisch jede Minute beschäftigt gewesen. Aber hier … hier kann ich nichts tun.“

„Ich habe dir gestern Möglichkeiten aufgezeigt, wie du dich beschäftigen kannst.“

„Ja ich weiß, aber ich denke nicht dass etwas davon das Richtige für mich wäre. Deswegen habe ich gehofft du könntet – ich meine, Sie könnten mir vielleicht Arbeit geben.“

„Dir wurde bereits eine Arbeit zugeteilt. Du bist eine Eva.“

„Ich meine Zusätzlich, etwas das mich beschäftigt hält.“

Agnes stellte das Tippen ein und blickt mich aus ihren alten Augen scharf an. „Evas arbeiten nicht. Ihr einziger Daseinszweck ist die Erhaltung der Menschheit.“

„Es muss ja auch keine große Arbeit sein, nur was Kleines. Ich könnte – was weiß ich – ich könnte Ihnen ja im Büro helfen.“

Ein abfälliger Zug erschien um ihren Mundwinkel. „Das bezweifle ich. Du kannst nicht lesen.“ Sie wandte sich wieder ihrer Tastatur zu. „Das wäre die Mindestanforderung für einen Job im Büro.“

Mist, das hatte ich nicht bedacht. Lesen war nie wichtig für mich gewesen. So schnell konnte sich das ändern. „Gibt es dann vielleicht etwas anderes das ich tun könnte? Man muss doch sicher nicht bei jeder Aufgabe lesen und schreiben können, oder?“

Erst reagierte sie nicht, doch dann hob sie langsam den Blick und nahm mich ins Visier. „Es gibt da vielleicht wirklich eine Aufgabe, die du übernehmen könntest. Vorausgesetzt du kannst zählen.“

„Ja, zählen kann ich.“

„Nun gut.“ Sie griff zur Seite und drückte auf einem Knopf. Ein Summen ertönte.

Ja?“, erklang es direkt aus dem Schreibtisch heraus, nein, sie kam aus einem eingebauten Lautsprecher.

Agnes drückte noch mal auf den Knopf. „Annett, würden Sie einen Augenblick in mein Büro kommen?“

„Natürlich.“

Die Despotin verschränkte ihre Finger miteinander und legte sie auf den Tisch. „Ich werde dich meiner persönlichen Assistentin Annett Gersten unterstellen. Sie wird dir zeigen was du zu tun hast.“

Was?! Aber nein, so war das nicht geplant gewesen! Ich wollte direkt mit Agnes zusammen arbeiten, nur so konnte es funktionieren.

Mein Mund war bereits dabei sich zu öffnen um ihr zu widersprechen, als ich es mir anders überlegte. Ich musste fügsam sein und gehorchen. Wiederworte waren sicher nichts was sie gutheißen würde. Als persönliche Assistentin würde diese Annett sicher oft in Agnes Nähe sein und damit hoffentlich auch ich. Noch war also nicht alles verloren, ich musste mich nur ruhig verhalten.

Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende geführt, als eine dürre Frau im Büro erschien. Mittlere Jahre würde ich schätzen. Rotbraunes Haar, strenges Gesicht, ein wenig kleiner als ich. Ich kannte sie. Das war die Frau die uns vor drei Tagen am Quarantänezentrum begrüßt hatte.

„Annett. Darf ich Ihnen vorstellen, das ist Kismet.“

Die Frau mit dem festen Knoten am Hinterkopf nickte mir zu.

„Kismet hat um eine Anstellung bei uns gebeten und da ist mir eingefallen, dass Sie ja noch jemanden für die Akten suchen. Sie kann nicht lesen, aber zählen. Das dürfte für Ihre Anforderungen genügen.“

„In Ordnung, dann werde ich sie gleich nach unten bringen.“

„Tun Sie das.“ Und sofort galt Agnes‘ ganze Konzentration wieder ihrem Screen.

Nach unten? Was hieß nach unten? Ich wollte hier oben bleiben, in Agnes Nähe. Sie war es schließlich die die Zugangsdaten zuteilte.

„Kommen Sie Kismet, ich werde Ihnen zeigen was Sie tun müssen.“

Ich zögerte. Das hier lief ganz und gar nicht nach Plan. Aber eine Verweigerung würden meine bisherigen Erfolge zu kalter Asche werden lassen. Ich durfte das hier jetzt nicht in den Sand setzten. Vielleicht bot sich ja später noch eine Gelegenheit, jetzt musste ich erstmal weiter mitspielen. Agnes‘ Vertrauen konnte ich mir auf diese Art vielleicht immer noch erschleichen. Mit diesen Gedanken blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich zu erheben und Annett hinaus in den Korridor zu folgen.

Dort stoppte ich einen kurzen Moment. Sawyer lehnte an der Wand gegenüber und fixierte mich mit einem seltsam eindringlichen Blick. Er sagte nichts. Der Ausdruck in seinem Gesicht hatte etwas Arrogantes und Herablassendes. Als hielte er sich für etwas Besseres.

Als ich seinem Blick nicht auswich, verzogen seine Lippen sich zu einem verächtlichen Lächeln.

Annett Gersten bemerkte erst nach ein paar Schritten, dass ich stehen geblieben war. „Kismet, kommen Sie, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Ja, natürlich.“

„Ja, lauf nur kleine Sklavin“, murmelte Sawyer so leise, dass nur ich ihn verstehen konnte.

Bevor ich ihm den Rücken kehrte, bekam er noch einen giftigen Blick von mir.

Die Frau hatte einen zügigen Schritt und ich musste mich beeilen, um hinterher zu kommen, stockte jedoch als mir aufging, auf was sie da zuhielt.

„Könnten wir vielleicht die Treppe nehmen? Ich mag Fahrstühle nicht so besonders.“

„Wir sind hier in der fünfunddreißigsten Etage“, war ihre Antwort. Damit war wohl alles gesagt, denn sie rief das schreckliche Gefährt.

Wenn ich es schaffte hier hoch zu laufen, dürfte sie es doch wohl schaffen hinunter zu gehen. Ich verkniff mir die bissige Erwiderung und wartete schweigend neben ihr.

Die Fahrt nach unten war genauso schlimm, wie ich sie in Erinnerung hatte. Meinem Magen gefiel dieser kleine Kasten überhaupt nicht. Als die Anzeige für das Erdgeschoss aufleuchtete, wollte ich schon erleichtert aufatmen, aber es ging noch eine Etage tiefer. Der Keller.

Na super, wo nur hatte ich mich da hineinmanövriert?

Aus dem Fahrstuhl hinaus wurde ich in einen tristen Betongang geführt und von dort aus durch eine Tür in ein kleines Gewölbe, in dem sich ein Regal an das andere Reihte. In allen Fächern reihten sich Kartons über Kartons – bis unter die Decke. Die Luft roch muffig und abgestanden, und die Beleuchtung war mehr als mies.

„Ihre Aufgabe ist ganz einfach“, erklärte Annett, wandte sich dem nächsten Regal zu, zog eine Kiste heraus und stellte sie sich vor sich auf den Boden ab. „All diese Kisten haben eine Nummer, eine Jahreszahl. Darin sind Akten mit einer Zuordnungsnummer enthalten. Ihre Aufgabe ist es nun, sich eine Kiste nach der anderen vorzunehmen, sie -“

„Alle?!“ Es sollte nicht so entsetzt klingen, aber genau das tat es.

„Natürlich alle“, erklärte sie etwas abfällig. „Mit ein oder zwei Kisten ist uns nicht geholfen.“ Sie zog eine alte Akte aus der Kiste, legte sie oben auf und zeigte auf die Nummer. „Das ist die Kennung. Und hier vorne steht die Jahreszahl drauf. Das ist bei allen Kisten gleich.“

Aha. Das war sehr … uninteressant. „Und was mache ich mit diesen Nummern?“

„Als erstes nehmen Sie sich eine Kiste.“ Sie steckte die alte, verblichene Akte zurück in den Karton, machte den Deckel wieder darauf und schob sie mir zu. „Nehmen Sie sie und kommen Sie mit.“

Sie wartete nicht darauf ob ich ihr Folge leistete, sondern verschwand sofort wieder Richtung Fahrstuhl.

Oh Mann, wo hatte ich mich da nur wieder hineinmanövriert. Es half alles nichts, vorerst musste ich das Spielchen mitspielen, also nahm ich die Kiste und über den Fahrstuhl ging es wieder hinauf in die fünfunddreißigste Etage.

„Das ist mein Büro“, erklärte sie und deutete auf eine Tür links. „Sie werden direkt nebenan arbeiten.

Direkt nebenan entpuppte ich als ein kleiner Raum mit einem noch viel kleineren Fenster, in den gerade mal ein Schreibtisch und ein Stuhl passten. Darauf standen mehrere Geräte.

Der Ausblick durch das kleine Fenster bot mir die Sicht auf den endlosen Ozean, an deren Klippen Eden einst entstanden war.

„Dieser Computer ist ein sehr altes Model, aber es wird reichen.“ Sie drückte einen Knopf an der Maschine und es erwachte zum Leben. Entgegen meiner Erwartungen und bisherigen Erfahrungen, wurde ich nicht von einer blechernen Frauenstimme begrüßt. Das Ding ging einfach nur an.

Aus einer Schublade zog Annett dann noch einen Stapel Etikettierbögen, wie sie mir erklärte und dann musste ich aufpassen.

Sie nahm einen kleinen Aufkleber mit einem Strichcode von den Bögen, klebte ihn auf die Kiste und scannte dann den Strichkode mit einem sogenannten Handscanner. Daraufhin öffnete sich auf dem Bildschirm eine leere Liste, in die ich Jahreszahlen und Aktennummern eintragen musste. Wenn ich eine Kiste durchgearbeitet hatte, sollte ich sie wieder hinunter in den Keller bringen und mir die nächste holen. Solange bis ich jede Kiste im System hatte.

„Mit Ihren ganzen anderen Terminen wird das sicher ein paar Wochen dauern, aber es hat ja auch keine Eile. Und wenn Sie wirklich jede Kiste im System haben, dann sind Sie mit ihrer Schulung vielleicht schon so weit lesen und schreiben zu können. Wenn wir an diesem Punkt angekommen sind, werde ich Ihnen zeigen, wie es weitergehen wird, denn das einscannen allein reicht nicht, wir müssen ja auch die Dokumente alle dem System zuführen.“

Alle. Jedes einzelne Blatt, aus jeder einzelnen Akte. Ein Gefühl von Trostlosigkeit breitete sich in mir aus. Wenn ich das wirklich alles tun musste, dann wäre ich eine alte Frau, bevor ich mit allem fertig war. „Was sind das alles für Akten?“

„Das wissen wir nicht so genau. Wir haben sie vor ein paar Jahren gefunden und eine schnelle Durchsicht hat kein klares Ergebnis erbracht, deswegen wird es auch langsam Zeit, dass wir uns darum kümmern.“

„Gefunden?“

„Wir vermuten dass sie aus der Zeit kurz nach der Wende stammen.“

Dann könnten sie schon ein oder zwei Jahrhunderte auf dem Buckel haben. „Und welchen Sinn hat es sich jetzt noch mit ihnen zu befassen? Was damals war hat heute keine Bedeutung mehr.“

„Oh Sie dummes Mädchen.“ Annett stieß ein perlendes Lächeln aus. „Die Geschichte lehrt uns. Was in der Vergangenheit gewesen ist, kann durchaus wichtig für die Zukunft sein.“

Vielleicht für einen Städter. Mir war das, was einmal gewesen war, völlig gleich. Es war vorbei, schon lange vergangen und hatte keinen Einfluss mehr auf das heutige Leben. „Gibt es für mich nicht vielleicht eine Arbeit die, naja, die mich mehr fordert?“

Annett schaute mich beinahe pikiert an. „Sie sind eine Eva. Sie werden schon noch genug körperliche Arbeit leisten. Für Sie ist das hier genau das Richtige.“

Das sah ich anders. „Geistige Sachen liegen mir nicht so.“

„Dann werden Sie es lernen müssen.“

Super. Das war einfach nur super. Ich konnte mir ein Grummeln nicht verkneifen. „Agnes hat etwas gegen mich“, murmelte ich leise. Aber scheinbar nicht leise genug, den Annett Gersten hörte es.

„Ich verbitte mir, dass Sie so von unserer Despotin sprechen. Diese Aufgabe ist für Sie sehr weise gewählt.“

Aber sicher doch. „Das ist einfach nur eine Aufgabe, um mich aus dem Weg zu haben, damit ich sie nicht weiter behelligen kann.“ Das genaue Gegenteil von dem was ich geplant hatte.

„Nun hören Sie mir mal zu. Jeder Mensch hat seine Aufgabe, seinen Zweck in der Gemeinschaft. Körperliche Arbeit ist nicht weniger wert als geistige. Darum ist auch keiner besser oder schlechter als der andere. Alle verdienen das Gleiche, ob nun finanziell oder ethisch. Unsere Despotin weiß das und handelt danach.“

Da musste ich widersprechen. „Die Despotin ist besser gestellt. Und auch die Evas sind besser gestellt. Und die Adams und Kinder.“ So viel hatte ich bereits gelernt.

„Adams sind nicht besser gestellt. Sie sind wie alle anderen, eben nur … mit einem Zusatz.“

Aha, Zusatz. So nannte man Fruchtbarkeit neuerdings also.

„Und Kinder und Evas … sie sind unser größter Schatz, unsere Zukunft, die Zukunft der Menschheit. Sie sind das Herz das uns alle zusammenhält.“

Ach, und deswegen durften Evas in Gold baden und der Rest im Dreck schlafen? Sehr logisch. „Und die Despotin?“ Mit dieser Frage begab ich mich auf dünnes Eis, das war mir sehr wohl bewusst. Trotzdem musste ich sie stellen.

Annette schürzte ihre Lippen leicht. „Die Despotin war selber einmal eine Eva. Sie ist nicht nur unser Vorstand und die Frau die all das möglich gemacht hat, sie ist eine Pionierin, eine Frau mit Zukunftsvisionen.“

Oh ha, wie ihre Augen leuchteten. Das nannte man dann wohl Heldenverehrung. „Aber ein Streuner ist weniger wert als ein Städter“, fügte ich wachsam hinzu. „Man würde keiner anderen Eva eine solche Aufgabe übertragen.“

Daraufhin bekam ich eine scharfen Blick, aber sie widersprach wenigsten nicht. Genaugenommen sagte sie überhaupt nichts dazu. „Machen Sie sich an die Arbeit, Sie haben eine Menge zu tun.“ Damit ließ sie mich alleine mit den Akten.

Da sah man es mal wieder, planen war absolut nicht mein Ding.

 

oOo

Kapitel 19

 

Fröstelnd zog ich die Strickjacke enger um meine Schultern und ließ meinen Blick hinauf in den nächtlichen Himmel wandern. Es waren die gleichen Sterne, die auch zuhause des Nachts immer über mir gefunkelt hatten, doch hier, an diesem fremdem Ort wirkten auch sie wie Fremde.

„Also Liebes, ich werde mich dann jetzt verabschieden. Den Weg hinein findet du ja sicher allein.“

„Das werde ich wohl gerade noch so schaffen.“

Carrie schnalzte missbilligend über meine altklugen Worte. Sie war schon den ganzen Tag nicht wirklich gut auf mich zu sprechen. Naja, eher den halben Tag. Sie hatte es nämlich erst gegen Mittag geschafft, mich in meinem neuen Büro, bei meiner überaus wichtigen Arbeit, aufzuspüren. Dass ich ohne sie zu Agnes gegangen war, nahm sie mir wirklich übel. Wäre mir das nicht so egal, hätte ich vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen.

„Und denk dran, morgen früh auf mich zu warten, sonst werde ich dich an die Kette legen lassen müssen.“

Als sie mir den Rücken kehrte und den Weg zurückging, den sie gerade erst gekommen war, musste ich wirklich überlegen, ob sie wörtlich gemeint hatte. Zutrauen würde ich es ihr. Zutrauen würde ich ihr, genau wie jedem anderen Städter, sogar noch eine Menge mehr.

Langsam spürte ich wie das Gewicht der Last mich niederdrücken zu drohte. Es waren nicht nur Carrie und Agnes, es war vor allem Nikita. Bis vor zwanzig Minuten war ich bei ihr gewesen und jeder Moment mit ihr zusammen hatte meine Sorge um sie nur wachsen lassen. Dieser Ort begann sie zu verändern. Es war nicht nur ihr Äußeres, die Kleidung die sie trug, oder auch die neue Frisur die sie sich hatte machen lassen, es war vor allen Dingen ihr Verhalten. All die Maschinen und elektronischen Geräte wirkten unglaublich anziehend auf sie. Es verging kaum eine Minute in der sie nicht an ihrer Universal-Uhr herumspielte oder sich eine andere technische Spielerei zur Hand nahm. Ihre Weltansicht schien sich von Minute zu Minute weiter zu verändern. Doch wirklich schockiert hatte mich ein Satz, den sie völlig nebenbei von sich gegeben hatte.

„Die Streuner wissen gar nicht was sie hier alles verpassen.“ Nur dieser kleine Satz, dem man im Normalfall kaum eine Bedeutung beimessen würde. Aber mir war es sofort aufgefallen. Sie hatte „die Streuner“ gesagt, nicht „wir Streuner“. Sie begann sich selber als Städter zu sehen. Und ich schaffte es einfach nicht einen Ausweg aus dieser vertrackten Situation zu finden.

Mutlos ließ ich mich auf die Stufen vor dem Turm sinken. Ich hatte noch keine Ambitionen hinein zu gehen. Wenn Marshall nur hier wäre, er wüsste nicht nur Rat, er könnte mir auch ganz genau sagen, was ich zu tun hatte. Alles was ich bisher allein in Angriff genommen hatte, war nicht nur am Ziel vorbei geschossen, sondern praktisch in die entgegengesetzte Richtig gegangen.

Ich war einfach nicht gut in sowas.

Hinter mir ging die Tür zum Turm auf. Ich hörte es, genau wie die schweren Schritte die folgten, achtete aber nicht weiter darauf. Das Problem das vor mir lag, war einfach zu wichtig. Ich musste eine Lösung dafür finden, eine vernünftige und auch durchführbare. Etwas das mich nicht noch tiefer in die Scheiße zog und -

„Hallo Kismet.“

Bei der Stimme spannten sich meine Schultern an. Killian, natürlich. Dass jetzt auch noch mein selbsternannter bester Freund auftauchte passte perfekt.

„Hab ich dich so sehr verärgert, dass du nicht einmal mehr mit mir sprechen möchtest?“

„Ich wüsste nicht was es zwischen uns zu besprechen gibt.“

„Für den Anfang könntest du mir einen guten Abend wünschen.“ Als ich darauf nichts sagte, setzte er sich schweigend neben mich.

Ich brachte sofort einen Meter Abstand zwischen uns.

Killian lachte leise. „Ich bin nicht ansteckend Kismet.“

Aber gesund bist du für mich auch nicht. „Ich habe dir nichts zu sagen.“

„Das finde ich schade, wo wir uns bisher doch so gut verstanden hatten.“ Er wartete auf eine Reaktion meinerseits, die ich ihm natürlich verwehrte. „Darf ich mir deine Hand noch einmal anschauen? Ich will nur sichergehen, dass mit ihr alles in Ordnung ist.“

„Mit geht es bestens.“

„Ich sollte trotzdem -“

„Geh Killian. Ich will mit dir nichts weiter zu tun haben.“

„Da ich dein Arzt bin, wird das schwer umzusetzen sein.“ Seine Kleidung raschelte. „Warum sitzt du hier so allein auf den kalten Stufen?“ Warten. „Drinnen ist es doch viel angenehmer.“

Oh Himmel, warum ließ er mich nicht einfach in Ruhe?

Als ich darauf nichts erwiderte, ergriff er erneut das Wort: „Ich war gerade bei meiner Mutter. Ich schaue jeden Abend nach ihr. Sie brauch das und da Kaleb nie Zeit für sie hat, muss ich das machen.“

Muss. Bei diesem Wort stellten sich mir die Stacheln auf. „Sei froh dass du noch eine Mutter hast nach der du schauen kannst! Ich konnte meine nicht mal zu Grabe tragen! Selbst das hat mir Eden genommen!“

Für einen Moment blieb Killian ruhig. „Es tut mir leid, es war taktlos von mir das so auszudrücken. Natürlich liebe ich meine Mutter, aber manchmal ist sie halt einfach anstrengend. Heute war wieder so ein Tag.“

Wollte er jetzt Mitleid von mir haben? Da konnte er aber lange warten.

„Erzählst du es mir?“, fragte er einen Augenblick später leise. „Was mit deiner Mutter passiert ist?“

„Das habe ich bereits. Die Yards aus Eden haben sie getötet und nun werden meine Schwester und ich von dieser Stadt im Namen der Menschheit versklavt!“

Killian seufzte. „Kismet, ich -“

„Erzähl mir nicht wieder dass ich mir da was einbilde! Ich weiß genau was ich gesehen habe!“ Ich stand auf und funkelte ihn an. „Eden tötete meine Mutter und meinen Bruder, weil er ihr helfen wollte! Ich sehe es noch heute ganz genau vor mir! Nichts was du sagst -“

Das Kacken eines Zweiges ließ mich herumfahren. Dort, gerade noch so im Lichtkegel der Straßenlaterne lehnte eine Gestalt am Baum, den Blick ungewandt auf mich gerichtet. Sawyer. Klar. Jetzt fehlte eigentlich nur noch Agnes, dann wäre unsere illustre Runde perfekt. „Was glotzt du so blöd?!“, fauchte ich ihn an.

Er antwortete nicht, starrte nur stumm weiter.

„Verpiss dich!“

„Kismet“, versuchte Killian mich zu beruhigen. „Vielleicht solltest du dich wieder setzten und -“

„Zu dir?“ Ich gab ein sehr abwertendes Geräusch von mir. „Es gibt nichts was ich dir noch zu sagen hätte, also lass mich endlich in Ruhe!“

Da keiner der beiden Männer den Anschein erweckte sich in der nächsten Minute zu verkrümeln, war ich es die sie einfach stehen ließ und in den Turm verschwand. Das Spiel der braven Eva war heute einfach nicht mehr drinnen. Nichts hatte geklappt – gar nichts.

Plötzlich überkam mich ein solches Heimweh, dass ich am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Ich wollte nach Hause, ich wollte mein Leben zurück haben. Scheinheilige Feindlichkeit von irgendwelchen wichtigtuerischen Ärzten, oder seltsamen Blicke von kleinen arroganten Bastarden brauchte ich nicht. Genauso wenig wie eine alte Frau die sich als Schöpfer aufspielte und mein Leben bestimmen wollte.

Hätte ich Nikita an diesem Morgen nur nicht erlaubt durch die Ruinen zu streifen, oder wenn ich doch nur auf die Warnung des fahrenden Händlers Henry gehört hätte. Alles wäre anders gekommen. Aber nun war ich hier, völlig auf mich allein gestellt. Ich wusste dass niemand kommen würde um mich zu retten. Nicht weil ich allen egal war, sondern weil es viel zu gefährlich war. Würde Marshall bei dem Versuch mich hier rauszuholen etwas passieren, könnte ich das weder ihm noch mir selber verzeihen. Um zu überleben mussten wir stark sein, schwäche konnten wir uns nicht leisten.

Aber dies hier war ein Moment der Schwäche, ein Augenblick des Selbstmitleids, den ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte. Ich musste stark bleiben, das Trugbild aufrechterhalten, denn nur dann würde es mir gelingen dieser Falle zu entkommen.

Morgen. Morgen würde ich wieder stark sein und allen das Bild zeigen dass sie sehen wollten. Heute wollte ich mich nur noch in meinem Zimmer verstecken und alles und jeden ausblenden. Ich schaffte es eben nicht immer stark zu sein – dafür war ich zu schwach.

 

oOo

Kapitel 20

 

„Du bist heute ziemlich unkonzentriert.“

„Hm“, machte ich nur und zog mit dem Touchpen einen Strich auf den Screen, auf den ich dann einen Punkt setzte. Na bitte, das war doch ein perfektes I.

„Alles in Ordnung?“

Als ich mich ihm zuwandte, schaute er erschrocken drein.

„Ich meine, es geht mich natürlich nichts an und wenn du es mir nicht sagen willst … das ist okay. Ich dachte nur … ich … also wenn etwas ist … ich höre dir zu.“ Die letzten Worte fügte er so leise hinzu, als befürchtete er, sonst könnte ich sie vielleicht wirklich hören.

Seufzend legte ich den Pen zur Seite. „Wärst du nicht wer du bist, könnte ich dich glatt mögen.“

Das ließ ein schüchternes Lächeln auf seinen Lippen entstehen.

Es war meine … ich weiß nicht mehr wievielte Stunde mit Cameron. Ich lag auf dem Bauch in meinem Bett und versuchte mich schon wie die letzten Male an meinem Namen. Genaugenommen, wie ich meinen Namen in einen Satz einfügte. Kismet kann laufen. Schau da steht Kismet. Solche Sachen. Ich kam mir ziemlich lächerlich dabei vor. Allerdings musste ich mir eingestehen, Spaß daran zu haben. Lesen und schreiben fand ich nach wie vor für eine unnütze Fähigkeit, aber sie war ein netter Zeitvertreib.

Cameron saß an meinem Schreibtisch und installierte irgendwelche Lernprogramme an meinem Computer, die ich später mit meinem Screen abrufen konnte. Jup, ich war was die Technik anging zwar immer noch kein Genie, aber so langsam fand ich mich damit zurecht.

„Vielleicht magst du mich ja auch irgendwann obwohl ich bin wer ich bin.“

Ein Welpe, daran erinnerten mich seine großen braunen Augen hinter der Brille. Genau den gleichen unschuldigen Blick hatte Buzz gehabt, als Marshall ihn vor Jahren mit nach Hause gebracht hatte. Cameron war ein kleiner tollpatschiger Welpe. Jetzt blieb nur die Frage, würde er genauso wie Buzz ein hinterhältigen Biest werden, sobald er erwachsen war, oder konnte er sich seine Unschuld bewahren?

Oh Himmel noch mal, was dachte ich denn da? Was interessierte es mich überhaupt. Er war ein Städter.

Seufzend wälzte ich mich auf die Seite. „Wärst du ein Streuner in der Alten Welt, würde ich dich glatt adoptieren. Aber so -“ Ich machte eine wage Handbewegung.

„Erzählst du mir davon?“ Er schaute vorsichtig zu mir, nur um sich ganz schnell wieder dem Bildschirm des Computers zu widmen. „Von deinem Leben in der Alten Welt?“

Mit einem Schlag war mein ganzes Misstrauen zur Stelle und baute sich wie ein schützender Kokon um mich herum auf. „Warum willst du etwas darüber wissen?“

Von meinem scharfen Ton alarmiert, duckte er sich, als erwartete er einen Kugelhagel. „Ich wollte nicht … ich meine … ich war nur neugierig.“

Wenn er das sagte, glaubte ich ihm sogar. „Frag mich nicht danach, ich werde dir darüber nichts erzählen.“

Einen Moment blieb er still. Dann sagte er sehr leise. „Weil du glaubst ich will dich aushorchen.“

„Was sollte ich denn sonst glauben? Jeder in dieser Stadt hat mir genau die gleiche Frage gestellt und zwar nicht weil er an meinem Leben oder an mir interessiert war. Es geht immer nur darum mehr Informationen zu sammeln um sie gegen die Streuner einsetzen zu können.“ Ich war ein heldenhaftes Beispiel dafür.

„Aber ich bin nicht wie meine Großmutter.“

Hä? „Großmutter?“

Ertappt schaute er auf. „Ich wollte nicht … ich -“ Sein Mund schlug mit einem hörbaren Klacken zu.

Ich kniff die Augen leicht zusammen. Warum reagierte er auf einmal wie ein in die Ecke gedrängtes Tier? „Cameron, wer ist deine Großmutter.“

Seine Zunge fuhr nervös über seine Lippen.

„Cameron?“

Ein Seufzen. „Agnes Nazarova.“

Ich schaute ihn nur an.

„Bevor du jetzt auf komische Gedanken kommst, ich kenne mein Großmutter kaum. Früher, als ich noch klein war, hab ich sie hin und wieder getroffen, aber jetzt sehe ich sie nur noch auf Großveranstaltungen, auf den auch jeder andere Bürger von Eden anwesend ist. Also … ich kann nichts dafür dass wir miteinander verwandt sind. Ich bin nicht deswegen hier, sondern weil mir dieser Job angeboten wurde.“

Versuchte er mich oder sich selbst von seinen Worten zu überzeugen?

„Ich meine, ich verstehe schon wie das für dich aussehen muss, aber ich bin nicht hier um dein Vertrauen zu gewinnen und dir irgendwelche Geheimnisse zu entlocken. Das hier gehört einfach zu meiner Ausbildung und ich will nicht dass du jetzt schlecht von mir denkst, oder dass ich dich ausnützen will. Ich -“

„Cameron?“

„Ja?“

„Halt mal die Luft an.“

Er klappte seinen Mund zu.

Ich nahm meinen Touchpen wieder zur Hand und machte mich daran ein S zu schreiben.

„Glaubst du mir?“, fragte er zögerlich.

„Es ist egal was ich glaube“, antwortet ich ihm ehrlich, ohne von meiner Arbeit aufzublicken. „Du bist hier, ich muss tun was du sagst.“ Außerdem konnte ich mir wünschen, dass er an seinen Lügen erstickte. Er war Agnes Enkelsohn, war das zu fassen?! Und dann wollte er mir auch noch weiß machen seine Anwesenheit hatte nichts mir seiner lieben Großmama zu tun? Für wie einfältig hielt er mich eigentlich? Wahrscheinlich war auch sein ganzes schüchternes Welpenverhalten nichts weiter als eine große Show. Und das schlimmste daran war, ich war wirklich darauf reingefallen. Fast hätte ich ihm vertraut – fast.

„Ja schon.“ Unsicher rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. „Aber es ist ja nun nicht so das ich – was weiß ich – gemein oder sowas zu dir wäre.“

Aber sicher doch. „Was würde passieren, sollte ich mich weigern lesen du schreiben zu lernen?“

„Ähm … dass du es nicht lernen würdest.“

„Von dem offensichtlichen Mal abgesehen.“ Ich legte den Pen wieder zur Seite und schaute ihn an. „Was würdest du tun, sollte ich mich verweigern?“

Hinter seiner Brille wirkten seine Augen riesig. „Ich weiß nicht.“

„Ich kann es dir sagen. Du würdest zu Agnes gehen und mich verpetzen. Du würdest dafür sorgen, dass sie mir Nikita endgültig wegnehmen und mir auch noch das letzte bisschen Freiheit entziehen.“

Er wirkte ehrlich geschockt über meine unverblümten Worte. „Nein, das würde ich nicht tun!“

„Ach nein?“ Ich neigte den Kopf leicht zur Seite. „Was dann? Zu einem Vorgensetzen rennen, der mich dann an Agnes verrät?“

„Nein!“ Sein Kopf flog vehement von einer Seite zur anderen. „Für was für einen Unmensch hältst du mich?“

Die Antwort war einfach. „Für einen Städter und wie du gerade eben selber gesagt hast, für Agnes Enkel.“

Sein Mund klappte auf, ging aber gleich darauf wieder zu. Auf seiner Stirn erschienen nachdenkliche Runzeln. Dann schüttelte er wie den Kopf, weniger nachdrücklich. „Ich weiß was du von Städtern hältst, besonders von meiner Großmutter, aber ich bin nicht wie sie. Keiner ist wie sie.“

„Mag sein“, räumte ich ein. „Aber jeder folgt ihr. Anstandslos.“

„Nein, das stimmt nicht. Es gibt viele Dinge die sie tut, die ich nicht gut finde. Und ich kenne auch andere, die nicht alles gut finden.“

Er fand es nicht gut? Genau wie Killian. „Und doch tut ihr genau das was sie verlangt.“

„Na was sollen wir denn sonst tun?“

Auch darauf gab es eine ganz einfache Antwort. „Euch wehren.“

Er lachte auf, als hätte ich einen schlechten Witz gemacht. „Es klingt so einfach, wenn du das sagt.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es einfach wäre.“ Ich stützte die Arme auf und zog mich in die Hocke. „Aller Anfang ist schwer, aber irgendwo muss es beginnen. Was ihr macht ist einfach nicht richtig. Was sie macht ist nicht richtig.“

„Ich weis.“ Er seufzte und schaute mich dabei an wie ein geschlagener Hund. „Sie war nicht immer so, weißt du? Das ist … es ist keine Entschuldigung für ihr Verhalten, es ist nur … sie war nicht immer so“, endete er schwach.

„Ach nein? War sie noch schlimmer? Hat sie kleine Babys verspeist?“

„Nein.“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei zog er die Schultern so hoch, als wolle er sich dahinter verstecken. „Agnes soll früher ein richtig netter Mensch gewesen sein.“

Na das konnte ich auf keinen Fall glauben.

„Das sagt mein Vater zumindest“, fügte er noch hinzu.

„Wahrscheinlich fühlt er sich dazu verpflichtet, so als Sohn.“

Ein kleines, selbstironisches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Wenn du mein Vater kennen würdest, würdest du das nicht sagen.“

War der etwa auch so ein netter Zeitgenosse? „Hört sich nach einer Familienkrankheit an. Dann weist du ja schon wie du einmal enden wirst.“

„Nein, mein Vater ist einfach so. Aber Agnes … sie hat mal jemanden verloren, damals, als sie selber noch eine Eva war. Ihre beste Freundin. Nach ihrem Tod ist sie … ich weis nicht … anders geworden. Und dann war da noch etwas mit einem verschwundenen Kind. Sie hat ein Kind verloren. Darüber ist sie wohl nie richtig weggekommen. Und deswegen … naja, deswegen ist sie wohl so wie sie ist.“

Nette Geschichte. „Wenn das ein Versuch sein soll mich für sie einzunehmen, dann kannst du dir die Mühe auch sparen.“

Cameron schüttelte bereits den Kopf bevor ich geendet hatte. „Nichts auf der Welt könnte dich dazu bringen Agnes zu mögen. Ich glaube das würde nicht mal deine Schwester schaffen.“

Warum bitte brachte er sie jetzt zur Sprache? Im Moment wollte ich nicht an Nikita denken, dann würde ich mir nur wieder Sorgen machen.

Abrupt ließ er die Arme sinken und beugte sich auf seinem Stuhl ein wenig vor. „Hör zu, ich weis dass diese Situation für dich echt beknackt ist, aber wir … wir sollten das Beste daraus machen. Und … ich weis nicht … nicht nur für dich hängt viel davon ab. Wenn ich das hier versaue, dann bekomme auch ich ärger. Wahrscheinlich nicht so großen wie du aber -“ Er unterbrach sich. Dabei zogen seine Augenbrauen sich so weit zusammen, dass sie sich in der Mitte fast berührten. „Wir sollten einfach versuchen das Beste aus der Situation zu machen.“ Ein Vorsichtiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Und vielleicht … also irgendwann … vielleicht kannst du mich ja irgendwann doch ein bisschen leiden.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen.“

Diese wenigen, ja eigentlich sogar bedeutungslosen Worte, schienen ihn in eine tiefe Depression zu schicken. Okay, das war dann vielleicht doch ein wenig übertrieben, doch sie ließen ihn auf jeden Fall geknickt in sich zusammensacken.

Er öffnete den Mund, als wollte er einen weiteren Vorstoß wagen, besann sich dann aber eines Besseren und wandte sich einfach von mir ab, um seine Arbeit an meinem Computer fortzuführen.

Wie er da so entmutigt saß, tat er mir schon ein bisschen leid. Ich hatte in der Zwischenzeit genug Zeit mit ihm verbracht um zu wissen dass er im Grunde kein schlechter Mensch war. Er versuchte mir zu helfen, wo er nur konnte und brachte dabei eine Geduld auf, die ich in meinem Leben bisher nur bei Marshall kennengelernt hatte. Aber er war und blieb nun einmal ein Städter. Und dass er auch noch der Enkel von Agnes war, sprach nicht grade zu seinem Vorteil.

Allerdings, wie er da saß, die Schultern hochgezogen, als wollte er sich dahinter verstecken … er wirkte unglaublich jung – viel jünger noch als Nikita. Das lag wahrscheinlich an dem sorglosen und behüteten Leben, in dem er aufgewachsen war. Er war schwach.

Es war vielleicht nicht besonders nett das zu denken, aber es entsprach der Wahrheit. Die Städter waren schwach und verweichlicht. Selbst jede die sich aus den Mauern ihrer Stadt hinauswagten, würden ohne Hilfe draußen nicht lange überleben können.

Leider erlaubte ihre Technologie und auch ihre schiere Anzahl es ihnen, dass sie uns überlegen waren. Und nicht nur das, sie hielten sich auch für etwas Besseres. Cameron machte da keinen Unterschied. Warum also empfand ich bei dem Häufchen Elend an meinem Schreibtisch leichtes Bedauern und sogar einen Hauch von Mitgefühl? Das war nicht nur unangebracht, sondern auch unerwünscht.

Konzerntrier dich einfach auf etwas anderes.

Das war wohl die beste Idee, die ich seit langem hatte. Darum ließ ich mich auf meinem Hosenboden sinken, ergriff erneut Screen und Pen und machte mich wieder an meine überaus wichtige Aufgabe. Leider bemerkte ich dabei aus dem Augenwinkel trotzdem, wie Cameron immer weiter in sich zusammensackte. Wenn er gekonnt hätte, wäre er vermutlich einfach gegangen. Aber wie er bereits so schön gesagt hatte, das hier war nicht nur für mich eine Verpflichtung, sondern auch für ihn.

Na dann erzähl ihm halt etwas, dieses Elend kann sich ja niemand mit ansehen.

Seufz. „Als ich noch klein war und der Winter gerade hinter uns lag, entdeckten Nikita und ich ein kleines Wäldchen, in dem die Bäume durch ihre grünen Kronen den Frühling ankündigten.“

Cameron schaute auf, bliebe aber still. Vermutlich hatte er Angst, ich würde ihn wieder anpflaumen, sollte er etwas Falsches sagen.

„Zu dieser Zeit schlugen wir beide uns bereits seit einem guten Jahr allein durch die Alte Welt. Und sie war nicht nett zu uns gewesen.“ Das war noch untertrieben. In diesem ersten Winter ohne meine Eltern hatte ich mehr als einmal geglaubt, wir würden den nächsten Frühling nicht mehr erleben. „Wir waren hungrig. Unsere Mägen knurrten schon seit Tagen, da entdeckte Nikita in den Zweigen eines Baumes ein Nest. Eigentlich war es noch viel zu früh für diese Jahreszeit, doch in dem Nest lagen Eier. Also setzte ich Nikita auf den Boden, befahl ihr sich nicht von der Stelle zu rühren und kletterte den Baum hinauf.“ Meine Finger strichen gedankenverloren über den Rand des Screens. Damals war wirklich einen schwere Zeit gewesen und es hatte noch ein halbes Jahr gedauert, bis wir Marshall begegnet waren.

„Leider hatte ich nicht bedacht, dass da eine Vogelmama in der Nähe sein würde, aber so war es und die fand es nicht besonders lustig, dass ich ihre Eier klauen wollte. Sie griff mich an.“

„Du wurdest von einem Vogel angegriffen?“

Wie er das fragte, als sei das eine völlig absurde Vorstellung. In seiner Welt war das wohl auch so.

„Ja.“ Ich drehte meinen Kopf zur Seite und tippte auf eine kleine Narbe direkt neben meinem Ohr. „Eine kleine Erinnerung an diesen Angriff.“ Es hatte damals geblutet wie Sau, aber das war mir egal gewesen. Ich wollte diese Eier haben.

„Oh ha.“

„Danach bin ich vom Baum gefallen.“ Und auch das hatte ziemlich wehgetan. „Allerdings war ich dem Nest wohl trotzdem noch zu nahe. Der Vogel griff weiter an und wollte mich verscheuchen.“

„Was ist dann passiert?“

„Ich habe einen dicken Ast zu fassen bekommen und damit solange um mich geschlagen, bis ich ihn ausversehen getroffen habe. Genickbruch.“ Ich lehnte mich in die Kissen zurück und erinnerte mich dabei genau an das Hochgefühl, das mich bei dieser Leistung erfüllt hatte. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich etwas gejagt – so mehr oder weniger – und es auch erlegt. „Daraufhin hatten Nikita und ich nicht nur Eier zu essen, sondern gleich auch noch den Vogel.“ Es war ein Festmahl gewesen. Das erste Mal seit dem Tod unserer Familie hatte Nikita wieder gelacht.

Cameron schaute seltsam „Das muss doch schrecklich gewesen sein. Ich meine … warum willst du in ein solches Leben zurück, wenn du es hier doch so viel einfacher hast?“

„Weil das Leben in dieser Stadt eine Lüge ist.“

In seinen Zügen las ich nur Unverständnis.

„Das Leben in der Alten Welt kann grausam und unbarmherzig sein, aber wenigstens ist es ehrlich. Dort draußen erkennst du den Wert eines Menschen, einfach indem du ihn ansiehst, mit ihm sprichst und erfährst, was er schon erlebt hat. Wenn ein Tag sich dem Ende zuneigt, weißt du wie stark du bist und auch was du geleistet hast. Du musst stark sein. Um zu essen, um zu überleben. Und wenn das Glück dir hold ist, hast du dabei auch noch Menschen um dich, die dir wichtig sind und denen du etwas bedeutest. Aber hier, innerhalb dieser Mauern -“ Ich machte eine Handbewegung, die alles um uns herum mit einschloss. „- hier ist alles so falsch. Um stark zu wirken, werden andere Menschen unterdrückt. Den Städtern ist egal welche Wünsche der Einzelne hat, es zählt nur das große Ganze, nicht das Individuum. Das ist nicht richtig. Es ist nicht richtig anderen seinen Willen aufzuzwingen um glücklich zu sein, oder sich selber zu beweisen, dass man es kann. Man muss andere nicht klein machen um selber groß zu wirken. Dort wo ich herkomme gibt es sowas gar nicht. Intrigen und Machtspielchen … für sowas haben wir gar keine Zeit und auch gar kein Interesse daran. Wozu auch? Es bringt niemanden etwas.“

Cameron musterte mich einen Moment, dann schlich sich ein schüchternes Lächeln auf seine Lippen. „Ich glaube ich verstehe was du mir sagen willst. Egal wie schwer das Leben dort draußen ist, es ist es wert gelebt zu werden.“

Daraufhin erschien wohl das erste wirklich aufrichtige Lächeln seit langer Zeit auf meinen Lippen. „Ja, das ist es.“ Und deswegen würde ich Nikita und mich hier wegbringen. Und zwar bevor es zu spät war und ich sie an die Stadt verlor.

 

oOo

Kapitel 21

 

„Nein!“

Der panische Schrei riss mich bei meinem Spaziergang durch den Garten nicht nur aus meinen Gedanken, er ließ mich auch alarmiert aufblicken. Rein instinktiv glitt meine Hand sofort zu dem Messer an meiner Hüfte, doch natürlich war der Platz leer. In der Zwischenzeit waren drei weitere Tage vergangen, in denen ich die Wogen hatte weiter glätten können. Mittlerweile vertrauten sie mir zumindest insoweit, dass Carrie nicht mehr jede Minute des Tages an mir dran klebte. Aber bis sie mir meine Waffe freiwillig wiedergaben, würde noch ein sehr langer Weg vor mir liegen – falls es überhaupt jemals dazu kommen würde.

„Nein, nein, nein!“

Die Arme schützend um den kugelrunden Bauch geschlungen, stürzte eine ältere Blondine die Stufen zum Turm hinunter und schrie dabei, als wäre jemand mit einem sehr langen und sehr scharfen Gegenstand hinter ihr her. Sie war so schnell, dass ihre blonde Mähne wie ein Schweif hinter ihr her flog. Sie schien fast zu fliegen, so schnell war sie. Und dann, genau in dem Augenblick als die Tür zum Turm ein weiteres Mal aufschlug und zwei Pfleger entließen, entdeckte sie mich.

Sofort änderte sie ihren Kurs und hielt direkt auf mich zu.

Ich war so überrumpelt, dass ich einfach stehen blieb, als sie mich erreichte und ihre Hände klauenartig in meine Arme bohrte. „Bitte“, weinte sie. „Hilf mir, lass es nicht zu. Mein Baby, bitte mein Baby.“ Die blauen Augen waren panisch aufgerissen und irgendwie unstet. Diese Frau hatte ich schon mal gesehen. An dem Tag als sie mich ins Herz brachten, da war sie an Killians Arm durch die Anlage spaziert.

„Olive!“, rief einer der Pfleger. Sie hatten uns fast erreicht.

„Nein!“ Sie bohrte ihre Nägel in meine Haut, ließ dann los und versteckte sich hinter mir, als würde man sie dort nicht finden. „Sie dürfen es mir nicht wegnehmen“, murmelte sie dabei. „Ich träume. Das Kind kommt, sie nehmen es. Immer wieder.“

Die Pflegerin näherte sich mir vorsichtig und wies mich mit einer Geste an einfach an Ort und Stelle stehen zu bleiben. „Olive“, sagte sie leise. „Beruhige dich, alles ist in Ordnung.“

„Baby da, Baby weg.“ Sie schluchzte auf. „Baby da, Baby weg.“

Mit etwas Abstand näherte sich der andere Pfleger von der anderen Seite. Er kam in ihrem Rücken auf sie zu, sie konnte ihn nicht sehen.

„Lass uns wieder hinein gehen“, sprach die Pflegerin mit sanfter Stimme weiter auf sie ein. „Drinnen ist es besser. Da kann dir nicht passieren.“

„Nein!“, schrie sie und schlug die Hände über den Kopf. „Ihr nehmt es fort!“

„Niemand nimmt dir dein Kind weg, das weißt du doch. Ich habe es dir schon oft erklärt.“

Der Pfleger kam näher.

Ich drehte mich ein Stück um ihm im Auge behalten zu können. Was sie hier taten war klar, aber es gefiel mir nicht.

Durch die Bewegung alarmiert, fuhr die blonde Frau herum, sah den Mann und stürzte bei dem Versuch vor ihm zurück zu weichen.

Alles in mir schrie ihr zur Hilfe zu eilen und sie vor diesen Leuten zu beschützen, doch ich war eine brave Eva und durfte mich nicht einmischen, als die Pflegerin zu Olive stürzte und sie am Oberarm packte.

Die Blondine schrie auf. Dann war auch der Mann zur Stelle. Gemeinsam drückten sie die schreiende Frau auf dem Boden. Sie weinte und wehrte sich nach Leibeskräften. Dabei flehte sie immer wieder um Hilfe.

Meine Hände ballten sich zu Fäusten, mein Mund wurde zu einer dünnen Linie. Ich musste mich wirklich zusammenreißen einfach still stehen zu bleiben.

Der Mann zog eine Spritze aus der Hose und jagte sie ihr ihn den Arm.

Olive gab ein herzzerreißendes Schluchzen von sich, doch schon in den Sekunden darauf wurde es zu einem schwachen Schniefen. Ihre Gefühle schienen langsam aus ihr herauszufließen, genau wie jede Bewegung. Sie erlahmten einfach, bis sie ganz aufhörten und sie still dalag.

Die Pflegerin atmete erleichtert auf. „Ruf ihren Arzt an, ich bringe sie wieder hinauf in ihr Zimmer.“ Das war alles was sie sagten, während sie die Frau zurück auf die Beine stellten und sie langsam Richtung Turm führten. Für mich gab es keine Erklärung. Und die Blondine schien nicht mehr die geringsten Ambitionen zu haben sich gegen ihre Peiniger zu wehren.

Ihr Gang war etwas wackelig und ihr Blick konnte sich auf nichts fokussieren. Sie schien völlig orientierungslos zu sein.

Ich schaute den dreien nach bis sie im Turm verschwunden waren. Olive hatten sie sie genannt. Olive war Killians und Kalebs Mutter.

„Sie ist nicht ganz richtig im Kopf“, erklärte eine Stimme.

Einen halben Meter hinter mir stand Sawyer. Auch er hatte seinen Blick auf die bereits geschlossene Tür gerichtet.

„Das passiert alle zwei Jahre, jedes Mal kurz bevor sie wieder ein Kind auf die Welt bringt. Sie befruchten sie künstlich, lassen ihr die Babys aber nicht, weil sie nicht in der Lage ist sich um sie zu kümmern. Ihr ist nicht bewusst, dass sie bereits ein Arsch voll Kinder in die Welt gesetzt hat, sie denkt jedes Mal wieder, dass es ein und das Selbe ist.“ Sein Blick richtete sich auf mich. „Du wolltest ihr helfen.“

„Ich?“ Ich schnaubte. „Wohl kaum. Das wäre gegen die Regeln.“ Warum bitte unterhielt der Kerl sich mit mir, wo er sonst nur einen abfälligen Blick für mich übrig hatte?

„Nicht gegen deine Regeln.“ Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite. „Du bist ein Streuner. Ich sehe es in deinen Augen. Die Wildheit, das Verlagen nach Freiheit.“ Er trat einen Schritt auf mich zu, was mich unwillkürlich zurückweichen ließ. „Dein ungebrochener Widerstand.“

Hä? „Das siehst du alles in meinen Augen?“

„Nö. Agnes hat mir gesagt dass du ein Streuner bist. Aber es war interessant deinen blöden Gesichtsausdruck zu sehen.“ Er kehrte mir den Rücken. „Komm mit.“

Aber sicher doch, nach nichts anderem stand mir der Sinn – hallo Sarkasmus. „Aus welchem Grund sollte ich irgendwo mit dir hingehen?“

„Weil ich mich mit dir unterhalten will und hier draußen gibt es einfach zu viele Augen und Ohren die uns belauschen können.“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist noch immer kein Grund für mich irgendwo mit dir hinzugehen.“

Er musterte mich. Dann verzogen seine Lippen sich wieder zu diesem arroganten Lächeln. „Du hast doch nicht etwa Angst vor mir?“

Das ließ mich auflachen. „Ich soll Angst vor einem Städter haben? Träum weiter.“

„Ich bin kein Städter.“

Kein Städter. Aber wenn er nicht hier in Eden geboren worden war, dann bedeutete das … „Du bist ein Streuner.“ Oder zumindest war er einmal einer gewesen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer glomm in mir auf. Vielleicht konnte er mir helfen zu entkommen.

Nun mal langsam. Nur weil du unfreiwillig hier bist, muss das noch lange nicht für ihn gelten. Es war traurig mir das eingestehen zu müssen, doch es war die Wahrheit. Nicht alle von uns waren unter Zwang in die Stadt gebracht worden.

„Komm mit.“

Ich rang mit mir. Ein anderer Streuner. Es war schon verlockend mit ihm zu gehen, endlich einen Gleichgesinnten zu finden, aber es war dieser Sawyer – ausgerechnet er! Und über was bitte wollte er sich mit mir unterhalten was niemand anderes mitkriegen sollte? Vielleicht sollte ich das ganze völlig anders anfangen. „Wohin soll ich mit dir gehen?“

Er verdrehte tatsächlich die Augen, als wäre das eine äußerst dumme Frage. „Wohin wohl? In mein Haus. Außer natürlich du bittest mich auf dein Zimmer.“

Auf mein Zimmer? „Wohl kaum.“ Auch wenn ich diesen Raum nicht mochte, war es der einzige Platz an diesem Ort der mir allein gehörte und über den ich bis zu einem gewissen Grad bestimmen konnte. Jemanden wie ihn wollte ich dort nicht haben.

„Dann komm endlich.“

Ich wollte. Und dann wollte ich wieder nicht. Das nannte man dann wohl einen derben Zwiespalt.

„Mein Gott, ich beiße schon nicht.“ Eine kurze Pause. „Außer wenn ich darum gebeten werde.“

„Wie beruhigend.“

„Viele Frauen finden das wirklich beruhigend.“ Er kehrte mir erneut den Rücken. Dieses Mal forderte er mich nicht noch mal auf ihm zu folgen, sondern marschierte einfach den Weg hinunter.

Ich zögerte noch, wog einen Moment die die Pro und Kontras ab und kam zu dem Ergebnis, dass mir eigentlich keine Gefahr von ihm drohte. Egal was er tun würde, ich war durchaus in der Lage mich gegen ihn zu wehren, schließlich war er nur ein einziger Mann und keine ganze Rotte von Yards.

Na hoffentlich würde ich diese Entscheidung nicht bereuen.

 

oOo

Kapitel 22

 

Wachsam stand ich im Rahmen seiner Haustür und konnte mich nicht recht überwinden die Schwelle zu übertreten. Warum mussten wir uns in seinem Haus miteinander unterhalten? Warum konnten wir das nicht hier draußen machen? Frische Luft hatte schließlich bekanntlich noch niemanden geschadet.

„Drückst du dich immer in den Türen fremder Leute herum, oder hast du einfach nur Angst vor mir?“

Ich kniff meine Augen leicht zusammen. „Ich habe vor niemanden Angst.“

„Nein, natürlich nicht.“ Sawyer schnaubte. „Deswegen sind deine Augen auch sooo groß.“ Er riss nicht nur seine Augen auf, sondern nahm dafür auch noch seine Hände zur Hilfe um das Ganze zu untermalen.

Ich ignorierte ihn einfach und ließ meinen Blick stattdessen durch die kleine Hütte schweifen. Von der Tür aus gelangte man direkt in einen großen Raum – wobei groß hier relativ war, denn das ganze Haus war ziemlich klein.

Ein Raum mit dunkler Holzverkleidung, Schreibtisch und vollgestellten Bücherregalen. In der Mitte gruppierten sich zwei braune Ledersofas um einen flachen Tisch.

Die kleine Küche war nur durch einen Tresen mit Barhockern vom Rest des Raumes abgetrennt und genauso dunkel gehalten wie der Rest des Raumes. Ein Kamin mit einem flauschigen Fell davor. An der Wand hing ein großer Screen.

Gegenüber des Eingangs gab es zwei weitere Türen. Durch die linke konnte ich ein großes zerwühltes Bett ausmachen. Die andere Tür war geschlossen, doch ich vermutete, dass sie ins Badezimmer führte.

Das ganze Haus wirkte seltsam aufgeräumt. Nur hier und da lagen ein paar Spielsachen herum, die nicht recht ins Bild passen wollten.

Es wirkte ein wenig beengt, aber auch gemütlich.

„Komm jetzt endlich rein.“ Es war mehr ein Befehl als eine Bitte.

Mir sträubte sich das Fell. Vom logischen Standpunkt aus gesehen, hätte ich mich einfach umdrehen und gehen sollen, aber etwas bewog mich in das Haus zu treten und die Tür hinter mir zu schließen. Er war ein Streuner, genau wie ich. Und das wenige was ich bisher mitbekommen hatte deutete darauf hin, dass auch er sein Leben hier nicht mochte. Zumindest interpretierte ich das aus dem Gespräch, das er mit Agnes geführt hatte.

Sawyer stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Er wirkte entspannt, aber auch wachsam. „Du bist nicht freiwillig hier.“

Diese Feststellung bedarf keiner Erwiderung.

„Erzähl mir wie du in ihre Fänge geraten bist.“

Wow, da war aber jemand herrisch. „Ich reagiere allergisch auf Befehle.“

„Ja, deswegen tust du auch genau das was sie von dir verlangen. Ganz die kleine brave Sklavin.“

Oh dieser miese Bastard. „Wenn du mich nur hergeholt hast um mich zu beleidigen, dann sollte ich wohl besser wieder gehen.“

„Setzt dich.“

Ich warf ihm einen giftigen Blick zu.

Er merkte es nicht, denn seine Aufmerksamkeit war aus dem Fenster gerichtet. „Sechzehn Jahre ist es nun her. Damals war ich gerade mal zwölf“, sagte er dann. „Ich war sauer auf meinen Vater und wollte ihm eine Lehre erteilen. Er hatte nie Zeit für mich, deswegen wollte ich ihm zeigen wie es ist, wenn ich nicht mehr da bin, also lief ich weg.“ Er schnaubte. „Was für eine Ironie. Ich wollte nur zwei oder drei Tage verschwinden, doch schon nach einem lief ich den Yards in die Arme. Sie brachten mich nach Eden, machten ihre ganzen Tests und stellten fest dass ich fruchtbar bin. Damit war mein Schicksal beschlossene Sache. Ich war neunzehn, als ich das erste Mal Vater wurde.“ Die letzten Worte stieß er sehr bitter aus und schwieg dann.

Sechzehn Jahre in Eden gefangen, den Gesetzen einer herrschsüchtigen Hexe unterworfen. Es hörte sich nicht so an als wäre er freiwillig geblieben. Das würde auch ein wenig seine abwehrende Art erklären. Aber … sechzehn Jahre?

War es das was mich erwartete? Jagte ich nur einem hoffnungslosem Traum von der Freiheit hinterher, weil es einfach kein Entrinnen gab?

Nein.

Nein, das konnte nicht sein. Es gab immer eine Lösung. Vielleicht hatte Sawyer ja einfach nie versucht zu entkommen. Oder vielleicht hatte er zu schnell aufgegeben. So genau konnte ich das nicht wissen, schließlich kannte ich ihn ja gar nicht.

„Jetzt du.“

Ich zögerte, noch immer nicht sicher, was genau er eigentlich von mir wollte. „Warum interessiert es dich wie ich hergekommen bin?“

„Ich bin neugierig.“

Aber sicher doch. „Das kaufe ich dir nicht ab.“

„Musst du auch nicht, solange du es mir erzählst.“

Was sollte das nun wieder?

Obwohl ich nicht recht wusste was diese Situation zu bedeuten hatte, war da ein kleiner Teil in mir der mit ihm reden wollte. Er war ein Streuner, genau wie ich. Das verband. „Ich habe eine kleine Schwester“, begann ich zögernd. „Nikita. Sie stromert gerne durch die Ruinen.“ Ich ließ mich auf die Lehne des rechten Sessels sinken. Keine Ahnung warum ich mich nicht richtig hinsetzte, aber irgendwie kam es mir falsch vor, es mir hier bequem zu machen. „Die Yards fanden sie bei einem ihrer Streifzüge. Ich hab versucht sie zu befreien und bin dabei selber eingesackt worden. Jetzt sind wir beide hier.“

Sawyer horchte auf. „Du hast hier eine Schwester?“

„Sie ist im HdK.“

Ein kurzer Blick über die Schulter. Der Glanz in seinen Augen gefiel mir nicht. „Wie alt?“

Ich wurde misstrauisch. „Warum willst du das wissen?“

„Neugierde.“ Er schaute wieder hinaus.

Ich kniff die Augen leicht zusammen. „Du scheinst mir nicht der neugierige Typ zu sein.“

„Lass dich nicht täuschen.“ Er schwieg einen Moment. „Erzähl mir von der Alten Welt. Wie ist es da draußen?“

„Groß, weit, alt.“ All das was es hier nicht war.

„Offen.“ In diesem einen Wort schwang so viel Sehnsucht mit, dass auch mich das Heimweh wieder zu überwältigen drohte.

„Ja, auch das.“ Neben mir auf dem Sessel entdeckte ich ein weißes, flauschiges Wollknäuel. Ein Kuscheltier. Es fiel mir wohl nur deswegen auf, weil es hier völlig fehl am Platz wirkte. Runder Körper, vier Beine, kleiner Kopf. Das Ding erinnerte mich an etwas.

„Ich habe eine kleine Tochter. Sie ist erst sieben Jahre alt und das einzige meiner Kinder das fruchtbar ist. In elf Jahren soll auch sie eine Eva werden. Schon jetzt drillen die Pfleger sie darauf, erklären ihr, dass es ihre einzig wahre Aufgabe sein wird selber Kinder zu bekommen und sie damit etwas Großes vollbringen wird.“ Er schnaubte. „Gequirlte Scheiße. Ich selber wollte nie ein menschlicher Samenspender werden, aber die haben hier Mittel und Wege ihren Willen zu bekommen. Das habe ich sehr schnell gelernt.“

„Ich weiß was du meinst.“

„Sie wird das werden was du bist, eine Sklavin der Gesellschaft ohne jede Entscheidungsfreiheit, nur da um den großen Ganzen zu dienen.“

Wollte er mich sauer machen, oder warum ließ er das so abfällig klingen? Es war ja schließlich nicht so als würde ich das freiwillig machen.

„Hast du versucht zu entkommen?“

Was? Von der Geschwindigkeit seiner Themenwechsel konnte man ja ein Schleudertrauma bekommen. Noch dazu ließ mich diese Direktheit misstrauisch werden. „Es gibt keinen Weg Eden zu entkommen.“

„Das war es nicht was ich gefragt habe.“ Er drehte sich zu mir herum und fixierte mich mit seinen dunklen Augen. „Du willst nicht hier sein, du hasst Eden. Und versuch jetzt nicht es zu bestreiten, ich habe gehört was du zu unserem Sonnentropfen gesagt hast.“

Hä? „Sonnentropfen?“

„Groß, blond, zu allen freundlich und immer ein Lächeln auf den Lippen.“

„Meinst du Killian?“

„Ja Killian, der allseits geliebte Doktor und Sonnenstrahl an einem noch so düsteren Tag.“

Hm, so abfällig wie er über ihn sprach bekam ich den leisen Verdacht, das Sawyer meinen Arzt nicht leiden konnte. Aber mit seiner Einschätzung lag er schon richtig. „Du hast uns belauscht.“

„Du hast mitten auf einer Treppe gestanden und hysterisch herumgeschrien. Ich brauchte nicht lauschen um zu hören, was du zu sagen hattest.“

An dieser Stelle wollen wir mal eines klarstellen, ich hatte nicht hysterisch herumgeschrien!

„Also.“ Langsam bewegte er sich durch den Raum, umkreiste den Sessel, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Die Bewegung hatte etwas Lauerndes. „Hast du versucht zu entkommen?“

Vorsicht, das ist eine Falle! Ich brauchte meine innere Stimme nicht um mir dieser Tatsache bewusst zu sein. „Natürlich nicht.“

„Wirklich nicht?“ Er blieb nicht nur vor mir stehen, er beugte sich auch noch so nahe zu mir vor, dass ich mir mehr als nur bedrängt vorkam. „Los, sag schon.“

„Wenn du nicht zurück weichst, werde ich dir wehtun.“

„Das will ich sehen.“ Er beugte sich sogar noch weiter vor, so nahe, dass unsere Nasenspitzen sich fast berührten, obwohl ich mich schon zurück lehnte. Sein Geruch stieg mir in die Nase, herb, männlich. „Wenn du dich ihnen wirklich fügst, hast du gar nicht den Mumm zuzuschlagen.“

Wollte er mich herausfordern? „Geh weg.“

„Zwing mich doch.“

Okay, das war es. Ich schlug zu. Leider hatte er wohl damit gerechnet, denn er fing mich am Handgelenk ab und hielt mich fest. „Also doch nicht so brav“, murmelte er.

Plötzlich wurde mir bewusst wer er war und auch was ich war. Aber vor allen Dingen wo ich war und was man von mir wollte. Zwei fruchtbare Menschen, allein in einem Haus. Wie hatte ich nur so dumm sein können?! „Lass mich sofort los.“ Meine Stimme klang eisig.

„Du hast das Zauberwort vergessen.“

Bastard! „Glaubst du so bekommst du mich dazu mit dir zu schlafen?“

Einen Moment wirkte er verdutzt, dann schnaubte er abfällig. „Du glaubst ich will dich ins Bett bekommen? Tut mir leid Täubchen, ich ficke keine kleinen Mädchen.“ Endlich ließ er meinen Arm los und gab mich wieder Raum.

Ich sprang sofort auf und wich vor ihm zurück. Was sollte denn dieser blöde Spruch gerade? So viel älter als ich war er ja nun auch nicht.

„Und wenn ich dich wirklich ins Bett bekommen wollte, würde ich das sicher anders anfangen.“ Sawyer ließ sich auf den Sessel fallen, auf dem ich gerade noch gesessen hatte. Dabei merkte er, dass er sich auf etwas draufgesetzt hatte und kramte es unter sich hervor. Es war das weiße Kuscheltier, von dem ich immer noch nicht genau wusste, an was es mich erinnerte. „Aber deswegen habe ich dich sicher nicht hergeholt.“

Langsam verstand ich gar nichts mehr. Ich wusste nur, dass ich wachsam bleiben sollte. „Warum dann?“

„Langweile?“ Er spielte mit dem Kuscheltier herum, betrachtete es nachdenklich und warf es dann achtlos in den Nebensessel – genau, es sah genauso aus wie die wollenden Tiere, die ich bei meiner Ankunft auf der Weide gesehen hatte. „Hier hat man nicht viel Abwechslung.“

Das war doch wohl ein schlechter Witz.

„Du hast mir noch immer noch geantwortet.“ Sein Blick war durchdringend. „Hast du versucht Eden zu entkommen? Oder bist du eine artige Eva, die für alle ihre Beine breit macht?“

Dieses ganze Gespräch war völlige Zeitverschwendung. Er war auch ein Streuner? Drauf geschissen! Mit so einem arroganten Bastard würde ich nichts anfangen können.

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, kehrte ich ihm den Rücken und verließ das Haus.

Was nur hatte ich mir dabei gedacht mit ihm mit zu gehen? Die vage Hoffnung dass er mir helfen konnte zu entkommen, war sowieso nichts weiter als ein blasser Wunsch. Der Kerl war immerhin schon wie lange hier? Sechzehn Jahre? Es war bloßes Wunschdenken zu hoffen, dass er ausgerechnet jetzt eine Idee hatte, wie er mich hier raushauen konnte. Ich hatte mich von meinen eigenen Wünschen blenden lassen.

Dumm!

Dumm!

Dumm!

Um hier rauszukommen durfte ich mich auf niemanden verlassen. Ich war die einzige Person die mir helfen konnte und ich allein würde einen Weg finden diesen Ort der Verdammnis zu entkommen. Genau. Ich brauchte niemanden, nur mich.

Entschlossen stampfte ich durch die Parkanlage zurück zum Turm, doch mit jedem weiteren Schritt fragte ich mich, wie ich meinen Entschluss zustande bringen sollte. Es war ja nicht so, dass ich es bisher noch nicht versucht hatte. Ich hatte nur einfach keinen Weg gefunden.

„Hör auf dir Zweifel einzureden“, mahnte ich mich selber. „Es gibt einen Weg, ich weiß es.“ Und nun lag es an mir ihn zu finden.

 

oOo

Kapitel 23

 

„Heute möchte ich dir etwas zeigen“, erklärte Killian und zog aus einer Schublade seines Schreibtisches eine dicke braune Mappe. Das Leder war alt und abgegriffen und mit einer kleinen goldenen Borte am Rand verziert, ansonsten jedoch eher unauffällig. Er schob mir die Mappe zu und nickte auffordernd. „Na los, schau schon rein.“

Ich fragte besser nicht, was das jetzt wieder zu bedeuten hatte. Besser ich war einfach nur dankbar dafür, dass ich meine Kleidung heute mal anbehalten durfte und in keinen Becher pinken musste – man muss eben auch die kleinen Dinge zu schätzen wissen. Und ein kleinen wenig neugierige war ich ja auch – natürlich würde ich das niemals freiwillig zugeben. Aber es war eher so eine ängstliche Neugierde. Die Furcht davor was nun wieder kommen würde.

Als ich die Mappe zu mir zog, ließ ich mir meine Unsicherheit nicht anmerken. Ich versuchte einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, als ich sie aufschlug und prompt ein DIN A4 großes Foto eines Mannes vor mir hatte. Kein Text, kein gar nichts, nur das Bild eines lächelnden Mannes.

Dieses Gesicht kannte ich. Nicht persönlich, aber ich hatte es schon gesehen. Im Katalog der Adams. Es war sogar genau das gleiche Foto.

Ich blätterte um und erblickte ein weiteres bekanntes Gesicht. Noch ein Adam. Das tat ich noch ein paar Mal, solange bis ich auf das Gesicht von Sawyer stieß. Dort verharrte ich einen Moment. Unser seltsames Gespräch war nun zwei Tage her und noch immer kochte die Wut hoch, wenn ich nur an ihn dachte. Nicht weil er so ein Idiot war, sondern weil ich mich selber zum Idioten gemacht hatte, in der falschen Hoffnung, er könnte mir helfen. Dabei war es ganz egal ob er mal ein Streuner gewesen war oder nicht. Uns verband rein gar nichts und etwas anderes zu glauben war einfach nur töricht.

Mit einem „Gefällt er dir?“, holte Killian mich aus meinen Gedanken.

Ich blickte auf, schlug die Mappe zu und schob sie ihm über den Schreibtisch. „Ich kenne diese Bilder. Ich hab den Katalog der Adams bereits durchgesehen.“

Er lächelte zufrieden. „Konntest du dich auch schon für jemand entscheiden?“

Wie ein Sonnentropfen, ging es mir durch den Kopf. Gleich darauf ärgerte ich mich über mich selber. Das mir ausgerechnet Sawyers Spitzname durch den Kopf schießen musste, passte einfach wie die Faust aufs Auge. Der Kerl beschäftigte mich doch mehr als ich mir selber eingestehen wollte.

Aber noch viel schlimmer fand ich Killian. Es war das zweite Mal dass ich ihn seit meinem kleinen Anfall vor dem Turm sah und weder vorgestern noch heute ließ er sich irgendwas anmerken. Er behandelte mich wie immer. Das fand ich irritierend. Wenn er mir die kalte Schulter zeigen würde, oder wenigstens grob und verärgert wäre könnte ich damit problemlos umgehen. Aber er war freundlich und zuvorkommend. Damit konnte ich nicht anfangen. Ich fand das … unheimlich.

„Kismet?“

Wie war noch mal die Frage gewesen? Ach ja. „Nein.“

„Dann solltest du das bald tun. Es wäre für die weitere Behandlung wichtig.“ Er warf einen kurzen Blick auf den Screen und verschränkte dann die Hände auf der Tischplatte. „Und du musst dich entscheiden ob du einen normalen Koitus wünscht, oder doch lieber eine künstliche Befruchtung vorziehen würdest.“

Künstliche Befruchtung. Aha. „Du meinst wie bei deiner Mutter?“

Einen Moment schwieg Killian und musterte mich. Dann seufzte er. „Ich habe schon gehört dass sie dich belästigt hat.“

„Belästigt?“ Was hatte er den bitte für ein Weltbild? „Die Frau ist in panischer Angst zu mir gerannt, weil sie befürchtete man würde ihr ihr Baby wegnehmen.“

„Wir müssen das tun“, sagte er leise und wich einen kurzen Moment meinem Blick aus. „Du verstehst das nicht. Meine Mutter kann nicht für ein Kind sorgen, dazu ist sie geistig einfach nicht in der Lage. Aber sie ist fruchtbar, bringt gesunde Kinder zur Welt und ist deswegen auch in ihrem Zustand sehr wertvoll.“

Wie bitte? Das war seine Rechtfertigung? „Das ist abscheulich.“

„Nein, es ist in Ordnung. Meine Mutter steht vierundzwanzig Stunden am Tag unter strenger Beobachtung – besonders wenn sie wieder schwanger ist. Das muss so sein, weil sie manchmal äußerst seltsame Dinge tut. Aber sie wird gut versorgt. Alle kümmern sich um sie. Sie hat ein gutes Leben.“

Vielleicht täuschte ich mich, aber ich glaubte in seinen Worten deutliche Zweifel zu hören. „Sind das deine Worte, oder hat man dir diesen Blödsinn in den Mund gelegt?“

„Das ist kein Blödsinn.“

„Und ob es das ist. Diese Stadt beutet Olive aus und schürt immer wieder aufs Neue ihre größte Angst. Was man mit ihr tut ist widerwärtig und verabscheuungswürdig.“ Ich fixierte ihn. „Und du weißt das, oder?“

Die sonstige Offenheit und Freundlichkeit verschwand hinter einer eisernen Maske. „Du solltest nicht über Dinge urteilen, die du nicht verstehst.“

„Oh, ich verstehe sehr gut.“ Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Und ich glaube, auch du verstehst.“ Aber er würde es niemals offen zugeben. Er war ein Städter, aufgewachsen mit dieser menschenunwürdigen Moral. Er konnte sich nicht gegen sie aussprechen. Nicht nur weil das üble Konsequenzen für ihn haben könnte, sondern auch weil er damit seine ganze Existenz in Frage stellen würde. Er arbeite und lebte schließlich für dieses ganze Konzept. Das hier war alles was er kannte.

Und doch hatten sich bei ihm Zweifel festgesetzt. Das hatte er schon in unserem ersten Gespräch sehr deutlich gemacht.

„Ich denke wir sollten dieses Thema jetzt fallen lassen. Es gibt wichtigere Dinge die wir klären müssen.“

Ah, ein Themenwechsel. Und das nicht mal besonders geschickt. „Du kannst die Tatsachen verleugnen und verdrängen, aber das ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Und das ist dir sehr wohl bewusst. Was ihr mit ihr macht ist falsch.“

Killian ignorierte diesen Seitenhieb und konzentrierte sich stattdessen auf den Screen. Er tat so als würde er etwas nachlesen. Nur bewegten seine Augen sich dabei nicht. Das verriet sehr deutlich, dass er mit den Gedanken eigentlich ganz woanders war. „Gestern habe ich die Auswertungen deines Tests erhalten, deswegen müssen wir uns dringend über die Wahl deines ersten Adams unterhalten. Solltest du Schwierigkeiten bei der Entscheidung haben, können wir dir auch einen passenden Partner zuweisen.“

„Oh, ich bin mir sicher dass ihr das könnt. Ihr habt ja für jede Situation ein Notfallplan.“

Killian blickte vom Bildschirm auf. „Es ist mir ernst, Kismet. Die Tests besagen dass dein Eisprung bereits in fünf Tagen stattfinden wird.“

Diese kurze Aussage überfuhr mich so sehr, dass in meinem Kopf für ein paar Sekunden völliger Leerlauf herrschte. Es war als würde mein Hirn sich weigern diese Worte zu verstehen. Aber ich verstand sie. Und ich konnte es nicht glauben.

„Deswegen muss ich auch wissen, ob du einen normalen Koitus, oder doch die künstliche Befruchtung vorziehst.“

Das konnte nicht sein ernst sein. Sicher war das nur ein riesiger dummer Witz auf meine Kosten. Aber er sah nicht aus als würde er Witze machen. Er schaute mich völlig ernst an.

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. Natürlich, ich musste das Spielchen weiterspielen, bis sich mir endlich eine Lösung bot, aber das ging zu weit. „Nein, das mache ich nicht.“

„Kismet-“

„Nein!“ Ich sprang so schnell vom Stuhl auf, dass er umkippte und auf den Boden knallte. „Das geht zu schnell. Ich bin noch nicht so weit. Ich meine, fünf Tage? Das ist nicht einmal mehr eine Woche!“ Ja okay ich gebe es zu, ich geriet ein wenig in Panik. Das konnte die Aussicht darauf was mich bei meinem nächsten Eisprung erwartete schon mal verursachen.

„Kismet, ich weiß dass das jetzt sehr viel für dich ist, aber -“

Mit einem wütenden Schlag auf den Schreibtisch brachte ich ihn zum Verstummen. „Einen Dreck weißt du!“, fuhr ich ihn an. „Wurdest du schon mal so etwas gezwungen? Wenn nicht, halt die Klappe Killian, denn du hast keine Ahnung was das für eine Gefühl ist oder was das für mich bedeutet!“

„Ich weiß dass du Angst hast. Das ist verständlich, aber du musst dich beruhigen.“

„Warum sollte ich?! Es ist doch egal was ich tue, das Ergebnis wird immer das gleiche sein!“ Meine eigenen Worte bereiteten mir eine Heidenangst, denn es war die Wahrheit. Egal was ich tat, ich war ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ich musste tun was sie verlangten, sonst würden sie mich dazu zwingen. Und es gab keine Möglichkeit mich dem Ganzen zu entziehen, denn Eden war eine Festung. Nein, keine Festung, ein Gefängnis.

„Kismet, setz dich bitte. Es hilft niemanden wenn du doch jetzt aufregst.“

„Setzen?!“ Ich lachte ihm ins Gesicht. „Träum weiter.“ Damit drehte ich mich um und marschierte zur Tür.

„Kismet, bitte warte.“

Tat ich nicht. Stattdessen riss ich die Tür mit so viel Schwung auf, dass sie mir aus der Hand rutschte und gegen die Wand knallte.

Im Warteraum schaute Carrie erschrocken auf, während Killian hastig um seinen Schreibtisch herumlief um mir zu folgen.

„Kismet -“

„Nein! Das mache ich nicht!“ Das konnte ich einfach nicht. Ich spielte mit, ich tat was sie wollten, aber es gab eine Grenze die ich nicht übertreten würde – weder jetzt noch in fünf Tagen.

„Was -“, begann Carrie als ich an ihr vorbeistürmte. Den Rest hörte ich nicht mehr, denn ich war so schnell weg, dass man von mir wohl nur noch eine Staubwolke sehen konnte. Ja ich gab es gerne zu, ich lief davon, denn was er da von mir verlangte machte mir eine scheißangst. Ich und ein Kind? Und dann auch noch unter diesen Umständen? In was für einer Welt lebten diese Menschen hier eigentlich?

Das konnten sie nicht mit mir machen, ich würde es nicht zulassen.

Fünf Tage! Fünf verflucht kurze Tage! Das entbehrte jeder Menschenwürde!

Verdammt, warum sahen die Leute hier das nur nicht? Warum folgten sie alle stur lächelnd und völlig Hirnlos einer Gesellschaft, die so etwas tat? Ich verstand es nicht.

Ich schaffte es kaum mich zu beruhigen. Und dabei war es nicht nur die Wut darüber was sie von mir und auch von den anderen Frauen verlangten. Es war viel mehr als das. Dass die Gesellschaft es guthieß, ja sogar forcierte, dass niemand sah, was es wirklich bedeutete.

Wie hatte Killian mir verdammt noch mal diese Mappe vor die Augen halten können?!

Ich war so aufgebracht und … ja, auch irgendwie ängstlich, dass ich gar nicht darauf achtete, wohin meine Beine mich trugen. Ich wusste nur eines: Ich musste hier weg, bevor es zum Äußersten kam. Weg vom Ärztecenter, weg von Eden.

Blind eilte ich durch die Parkanlage. Ich wusste eigentlich gar nicht wohin ich wollte. Ich wusste nur … „Uff!“

Ein stabiles Hindernis schnitt mir den Weg ab, packte mich an den Armen, damit ich beim Abprall nicht stürzte und hielt mich dann fest.

„Wird das jetzt ein Running-gag mit uns, oder bekommst du einfach nicht genug von mir?“

Sawyer, natürlich. Wenn es schlimm kam, dann konnte es auch noch schlimmer kommen.

Er musterte mich einen Augenblick. Was er wohl sah? „Oh Mann, sag mir nicht dass du eine von den Weibern bist, die bei jeder Kleinigkeit anfangen zu heulen.“

Und dann wurde mir mit aller Deutlichkeit klar, dass auch er zu diesem Menschen hier gehörte. Er war ein Adam, einer von denen, die mir das antun wollten. „Geh weg!“ Ich stieß ihn von mir und brachte ihn damit ins Stolpern.

„Hey!“ Er fand sein Gleichgewicht wieder. „Komm mal klar, ich hab dir nichts getan.“

„Aber du könntest.“ Ich wich vor ihm zurück. „Du bist einer von denen.“

„Von denen?“

„Ein Adam!“ Ich schlang meine Arme um mich selber. Diese schützende Geste brachte mir rein gar nichts.

„Hä? Geht das auch etwas deutlicher? Irgendwie wird mir dein Problem nicht so ganz klar.“

„Sie wollen dass ich ein Baby bekomme!“, fauchte ich. „In fünf Tagen!“

„Du sollst in fünf Tagen ein Baby bekommen?“ Abschätzend begutachtete er meinen flachen Bauch. „Nichts gegen die Ärzte und ihre Fähigkeiten, aber das wird mit Sicherheit nicht passieren.“

„Nein, kein Baby bekommen, ein Baby zeugen! Sie wollen dass ich mir einen Mann aussuche und mit ihm ins Bett steige, um ein Baby zu bekommen!“ Ich konnte das nicht. Ich konnte das auf keinen Fall. Wie sollte ich das machen? „Ich will hier weg“, flüsterte ich. „Ich will mir Nikita schnappen und einfach hier verschwinden.“

Sawyer beobachtete mich nur schweigend. Keine Ahnung ob er meine geflüsterten Worte überhaupt verstanden hatte.

Weiter hinter mir hörte ich hastige Schritte und als ich mich umsah, entdeckte ich Carrie die gehetzt auf mich zueilte. „Nein, nicht auch noch die.“

Seine Augen folgten meiner Blickrichtung. „Ah, man hat dir einen Aufseher aufgehalst.“

Ich schüttelte den Kopf und drängte mich an ihm vorbei. „Lass mich in Ruhe.“ Im Augenblick wollte ich nur allein sein. Langsam ging mir die Kraft aus dieses Spiel noch weiter zu spielen.

 

oOo

Kapitel 24

 

Laut kreischen rannten drei Kinder an mir vorbei und stürmten die Tür ins HdK. Sie knallte heftig gegen die Wand, Putz bröckelte. Wenn die Kinder so weiter machten, würde wegen dieser kleinen Delle hinter der Tür bald das ganze Gebäude zusammenbrechen.

Als dann zwei weitere Kinder durch den Garten stürmten und mich fast über den Haufen rannten, weil sie schnell ins Haus wollten, wich ich sicherheitshalber einen Schritt vor ihnen zurück.

Nikita kicherte. „Du müsstest mal dein Gesicht sehen.“

„Ich finde Kinder eben … seltsam.“ Das war doch mal eine nette Umschreibung. Doch viel beunruhigender fand ich die Aussicht, dass hier bald meine eigenen Kinder rumlaufen würden. Sie würden mit den Werten von Eden aufwachsen, kein Blick für die Welt außerhalb der Mauern haben. Küken in einem goldenen Käfig, der nur in den Abgrund führen konnte.

Die Panik die ich schon den ganzen Nachmittag verspürt hatte, kehrte mit all ihrer Macht zurück. Weder der laue Abend, der Spaziergang durch den Garten des HdK, noch Nikitas aufgeregtes Geschnatter konnten dieses Gefühl dämpfen. Es gab keine Lösung, keinen Ausweg, nur diese Einbahnstraße, die in einer ausweglosen Gasse endete.

„Die anderen finden den Unterricht bei Frau Lange langweilig“, erzählte Nikita und spielte dabei wieder an ihrer Universal-Uhr herum. „Aber ich finde es echt interessant. Die Geschichte der Wende habe ich so noch nie gehört. Sie klingt ganz anders als in Rozas Erzählungen.“

Ja, weil Rozas Erzählungen schon immer eher in die Welt der Sagen und Mythen gehört hatten. Sie schmückte ihre Geschichten immer gerne aus, oder ließ Dinge weg, die in ihren Ohren uninteressant klangen, oder nach ihrer Meinung einfach nicht in die Geschichte hinein passten.

„Hast du gewusst, dass es vor der Wende so viele Menschen gab, dass man vielerorts sogar von Überbevölkerung gesprochen hatte? Oder die Probleme mit Kriegen, Flüchtlingen und Wirtschaft. Das Leben früher war so vielfältig, ganz anders als heute.“

Wie begeistert sie darüber sprach, mit so viel Energie und Elan. So hatte ich sie schon lange nicht mehr gesehen. Und ich musste mir wieder einmal eingestehen, es machte mir Angst.

„Und dann waren da auch noch … ah, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt.“ Sie hüpfte direkt vor mich und grinste mich breit an. Ihr Anblick war noch immer ungewohnt. Ihre wilde Lockenmähne war gebändigt worden. Rasterzöpfe nannte man dieser Friseur. Sie wirkte damit ganz anders, beinahe wie eine Fremde. „Ich habe heute den Termin für meinen Test bekommen.“

„Test?“

Nikita verdrehte die Augen, hakte sich bei mir ein und führte mich an der Mauer entlang. „Hörst du mir eigentlich nie zu? Der Eignungstest. Ich habe dir schon ein paar Mal davon erzählt. Damit können sie herausfinden für welche Bereiche ich mich eigne. Arbeitstechnisch meine ich. Die meisten Leute hier beginnen ihre Ausbildung mit sechzehn Jahren, aber ich habe dafür noch nicht die nötigen Grundvoraussetzungen, deswegen wird das bei mir alles ein wenig später losgehen.“

Oh Himmel, war das alles ihr ernst? Sie redete darüber als würde sie für die Zukunft planen. Die Angst um sie, die mich schon an meinem ersten Tag hier überfallen hatte, verstärkte sich noch und ich kam nicht umhin ihr eine Frage zu stellen. „Möchtest du bleiben?“ Ich sprach leise, aber Nikita verstand mich sehr wohl. „Willst du dir hier ein Leben aufbauen?“ Sag nein. Oh bitte sag nein.

Nikita antwortete nicht sofort. Dann erklärte sie ausweichend: „Solange du bei mir bist, bin ich glücklich. Wir sind schließlich eine Familie und wir müssen zusammenhalten.“

Ich blieb abrupt stehen. Sie hatte gezögert. Sie hatte verdammt noch mal gezögert! Ich würde Nikita an Eden verlieren. Mit einem Mal schlug die ganze Last der letzten Zeit über mir zusammen. Hatte ich geglaubt am Nachmittag ein Panikanfall gehabt zu haben, so war das kein Vergleich zu der Furcht die mich nun überfiel. Ich schaffte es kaum einen Fuß vor den Andren zu setzten, während Nikita munter weiter schnatterte und von meinem Gemütszustand nicht das Geringste bemerkte. Vielleicht wollte sie es aber auch nicht sehen. Vielleicht war Eden schon so tief in sie eingedrungen, dass sie es nicht mehr sehen konnte.

Dieser Ort veränderte sie. Sie musste hier weg. Wir mussten hier weg.

Auf der verzweifelten Suchen nach einem Fluchtweg, ließ ich meinen Blick hin und her schweifen. Ich wusste dass es aussichtslos war. Diese Mauern waren unüberwindbar. Es gab kein Entkommen. Solange sie uns nicht freiwillig gehen lassen würden, blieben wir Gefangene in ihrer Gewalt.

Nikita erklärte mir gerade irgendwas über die „Infrastruktur vor der Wende“ und dem „Zusammenbruch der sozialen Ordnung“, als ich das Geräusch auffing. Ein leises Brummen, durchsetzt mit einem Tuckern. Das Geräusch kannte ich. Ein Lieferwagen. Ich hatte sie schon ein paar Mal im Herz gesehen. Sie brachten Dinge für die Leute, die ihre Zone nicht verlassen durften. Mit offener Ladeluke stand er direkt vor dem Gebäude.

Aber Moment mal, dieser Lieferwagen brachte gar nichts, er holte etwas ab. Wäschekörbe. Große Körbe voller dreckiger Kinderwäsche – vermutete ich mal. Bei so vielen Kindern fiel bestimmt sehr viel Dreck an. „Schau mal“, unterbrach ich Nikitas Redefluss.

Sie stutzte, schaute den Lieferwagen an und runzelte die Stirn. „Meinst du den Wäschereitransporter?“

„Ja.“ Ich warf einen schnellen Blick in die Runde, denn plötzlich hatte ich eine total verrückte Idee. In Ordnung, es war weniger eine Idee, sondern vielmehr eine verzweifelte Kurzschlussreaktion, ausgelöst durch meine wachsende Panik. „Weißt du wohin der fährt?“

„Nicht genau.“ Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich. „Aber das müsste die Handelsebene sein.“

Handelsebene. Läden und Geschäfte aller Art. Der dritte Ring. Zwei Tore von der Freiheit entfernt. Das hieß, vorausgesetzt, dass wir unentdeckt blieben.

„Was hast du vor?“

Mit einem hastigen Blick in die Runde versicherte ich mich, dass niemand auf uns achtete. Da waren ein paar Kinder die miteinander Fangen spielten. Eine Aufsichtsperson die sie im Auge behielt und ein paar Halbstarke, die sich in den letzten Sonnenstrahlen des Tages auf der Wiese rekelten.

Am Führerhäuschen des Lieferwagens waren zwei Männer die sich miteinander unterhielten, aber keiner der beiden achtete auf die offene Ladeluke. Ein dritter Mann schob einen Wäschecontainer aus dem Haus und verfrachtete ihn in den Lieferwagen.

„Kiss?“

„Pssst.“ Ich wartete bis der Mann verschwunden war um den nächsten Wäschewagen zu holen. Dann war die Zeit des Zögerns vorbei. Ich schnappte mir Nikitas Hand und eilte mit ihr auf den Wagen zu.

„Was machst du?“

„Wir verschwinden hier jetzt.“ Wir würden all das hinter uns lassen und nie wieder zurückblicken. Das war unsere Chance.

„Was?“

„Sei leise.“ Ich eilte am Wagen entlang, schaute mich noch einmal schnell um und versicherte mich mit einem Blick auf die Tür zum HdK, dass von dem Mann noch nichts zu sehen war. Dann schob ich Nikita auf die offene Ladeluke zu.

„Aber –“

„Mach schon.“ Noch ein hastiger Blick über die Schulter. „Klettere in einen Korb und versteck dich zwischen der Wäsche.“

Nikita zögerte.

„Sofort!“

Diesen Ton kannte sie. Ich wendete ihn nicht oft an, denn er bedeutete, dass ich keine Wiederworte dulden würde und so fügte Nikita sich mit zusammengepressten Lippen. Sie kletterte hastig auf die Ladefläche, blickte sich einmal um und stieg dann ganz hinten in einen der Wäschecontainer, während auch ich mich beeilte in das Fahrzeug zu kommen. Bevor ich mir allerdings selber einen Wäschekorb suchte, überprüfte ich noch eilig, dass Nikita auch wirklich nicht zu sehen war. Dann kletterte ich den Container daneben. Ein Korb voller muffiger Laken.

Während ich noch dabei war mich zwischen der Dreckwäsche einzugraben, kam der Mann wieder aus dem HdK – dieses Mal ohne Korb. Was mein Herz für einen Moment stillstehen ließ war nicht die Tatsache dass er wieder da war, sondern dass sein Blick direkt in das Innerste des Wagens gerichtet war.

Ich ging schnell in Deckung. Verdammt, hatte er mich noch gesehen? Das durfte jetzt doch einfach nicht wahr sein, nicht so kurz vor dem Ziel.

Meines Instinkts zum Trotz vermied ich es mich nachträglich noch zuzudecken und dadurch besser zu verbergen. Einfach still verharren und abwarten war im Augenblick die beste Option.

Mein Herz hämmerte so heftig gegen meine Rippen, dass sie beinahe vibrierte. Ich hielt den Atem an, bis mir fast schwarz vor Augen wurde, einfach weil ich es nicht wagte auch nur das kleinste Geräusch von mir zu geben.

Der Mann trat an die Heckklappe. Er schaute nicht mal ins Innere, als er sie zuknallte und dann von außen verriegelte.

Noch immer wagte ich es nicht mich zu bewegen. Eine Minute verging, noch eine. Draußen hörte ich die Stimmen der Kinder. Die beiden Männer am Führerhaus unterhielten sich immer noch. Schritte. Eine dritte Stimme erklang.

„Kiss?“

„Pssst!“ Ich schaute kurz zu Nikita rüber. Sie schaute zurück. „Bleib in Deckung“, flüsterte ich eindringlich und lauschte weiter auf die Geräusche außerhalb. Eine leise Diskussion, kurze Verabschiedung. Dann wurde die Fahrertür geöffnet. Als sie wieder zuschlug, machte mein Herz vor Freude einen Hüpfer. Sie hatten uns nicht bemerkt. Als dann auch noch der Motor gestartet wurde, hätte ich vor Freude fast gejubelt. Es funktionierte, es funktionierte wirklich! Nikita und ich würden hier raus kommen – heute noch – und dann würden wir alles hinter uns lassen können. Endlich.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Mein Herz schlug wie verrückt. Ich musste mich zwingen ruhig zu bleiben, doch die Gefühle die ich in diesem Moment empfand, überwältigten mich beinahe. Angst, Aufregung, Hoffnung, bangen. Es war alles auf einmal.

Jetzt krieg dich mal wieder ein, noch sitzt du zwischen dreckigen Laken. Aber das würde sich bald ändern.

Der Wagen ging in die Kurve, hielt dann einen Moment, fuhr wieder langsam an und gewann dann zügig an Geschwindigkeit, nur um kurz darauf wieder zu halten. Die Kontrolle am Tor.

Mein ganzer Körper spannte sich an, aber egal was sie da taten, keiner schaute sich die Ladefläche an. Trotzdem ging ich in Deckung. Dann waren wir durchs Tor durch und fuhren durch die Straßen von Ebene zwei. Wir fuhren Kurven und Geraden, wurden mal langsamer und mal schneller. Ich bemerkte jede Veränderung im Fahrverhalten.

Die Wäschekörbe wackelten und schepperten immer wieder. Nikitas Augen waren riesig, aber auch aufmerksam. Sie wusste, dass ich uns hier raus bringen würde.

Dann kam das nächste Tor. Die Leute hier nahmen ihre Arbeit ein wenig genauer und öffneten zur Kontrolle die Ladeluke. Nikita und ich waren jedoch zu tief in den Wäschehaufen vergraben, als dass sie uns durch einen kurzen Blick hinein hätten entdecken können. Nach einem prüfenden Schweifen der Augen, wurde der Wagen wieder geschlossen und wir fuhren weiter. Ebene drei. Wenn es stimmte was wir glaubten, würde hier erstmal Endstation sein. Aber davon ließ ich mich nicht unterkriegen. Nach der ganzen Zeit hatte ich endlich einen Weg gefunden aus dem Herz Edens zu entkommen. Wenn es ein musste, würde ich mich auf die Suche nach weiteren Fahrzeugen machen, in denen ich mich verstecken konnte. Irgendwann würde schon einer aus der Stadt rausfahren, und dann wären wir endlich wieder frei.

Doch zuerst mussten wir diesen Wagen hinter uns bringen. „Nikita?“

„Ja?“

„Du bleibst in diesem Korb, bis ich dir etwas anderes sage, verstanden?“

„Ja, aber -“

„Ein Aber, tu was ich sage.“ Und nicht was ich tue. Deswegen kletterte ich aus dem Wäschekorb und versteckte mich dahinter. Wenn nun jemand die Klappe öffnete, könnte ich die Situation von dort aus besser beurteilen.

Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis der Wagen langsamer wurde. Er ging in eine Kurve, die mich fast umwarf. Ich spürte wie der Untergrund sich änderte, aus Beton wurde Kies. Der Wagen wurde noch langsamer. Ein kleiner Schlenker. Dann hielt der Wagen und der Lärm des Motors erstarb. Dennoch war von draußen ein lautes Dröhnen wie von großen Maschinen zu hören.

Ich hielt die Luft an, und horchte. Eine Autotür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Schritte, unverständliches Stimmengemurmel und eine laute Hintergrundkulisse.

Die Minuten verstrichen. Immer mal wieder hörte ich Stimmen und Schritte, aber niemand der sich um den Wagen kümmerte. Nach einigen Minuten, die mir wie eine endlos erschien, wollte ich schon aus meinem Versteck huschen und nachschauen was da los war. In dem Moment drang ein lautes Männerlachen an meine Ohren. Zeitgleich wurde die Ladeluke geöffnet und trieb mich so wieder zurück in die Deckung.

Okay, ruhig bleiben. Was sagte Marshall immer? In der Ruhe liegt die Kraft und nur Geduld bringt uns ans Ziel. Oh Marshall, bald würde ich ihn wiedersehen. Aber auch nur wenn ich seinen Ratschlag besser beherzigte als beim letzten Mal. Deswegen blieb ich hinter dem Container verborgen, auch wenn ich nichts lieber getan hätte als vorzustürmen und diese Männer anzugreifen. Es war besser, als auf meine Gelegenheit zu warten.

Mehrere Stimmen und Schritte. Der Mann lachte wieder. Da hatte wohl jemand Spaß bei seiner Arbeit. Klappern, das Quietschen von Rädern.

Leise, um auch niemanden auf mich aufmerksam zu machen, legte ich mich flach hin und spähte auf Bodenhöhe um die Wäschekarre herum. Vier Männer. Sie begannen damit die vorderen Wäschecontainer aus dem Lieferwagen zu laden. Immer einer nach dem anderen. Dann verschwanden sie mit ihrer Beute nacheinander in dem großen Gebäude, vor dem der Wagen gehalten hatte. Das laute Dröhnen der Maschinen schien aus dem Inneren zu kommen.

Jetzt wäre die Gelegenheit gewesen abzuhauen, aber da ich nicht wusste, wie lange sie weg blieben, hielt ich mich weiterhin ruhig. Es waren noch genug Wäschekörbe da, die sie wegschaffen mussten, bevor sie mein Versteck mitnehmen konnten oder sich an Nikitas Korb vergriffen. Wenn ich abwartete, bis sie wieder heraus kamen, konnte ich besser abschätzen wie viel Zeit uns blieb, wenn sie mit der zweiten Fuhre verschwanden. Und so übte ich mich in Geduld, auch wenn jede Faser meines Körpers schrie, dass ich endlich in Bewegung kommen sollte, bevor meine Chance vertan war.

Sekunden verstrichen, dehnten sich zu endlosen Minuten, die beständig an meinen Nerven zerrten. Dann als ich schon glaubte die Männer würden nie wieder rauskommen, schwang die Tür auf und entließ die schwatzende und lachende Gruppe ins Freie.

Wie schon vorher schnappten sie sich einer nach dem anderen einen Wäschecontainer und brachten sie ins Innere des Gebäudes. Die Tür war hinter den Männern kaum ins Schloss gefallen, als ich schon auf den Beinen war und zu Nikita eilte. „Los, jetzt. Wir haben nicht viel Zeit.“ Ich half ihr hinauszuklettern, ignorierte dabei die Wäschestücke die bei der Aktion auf dem Boden landeten und eilte mit Nikita an der Hand zur Ladeluke.

Mit einem schnellen Blick sondierte ich die Umgebung. Keine Menschen, ein großer Parkplatz. Und bis auf ein paar vereinzelte Fahrzeuge auch keine Deckung. Die nächsten Häuser standen erst in einiger Entfernung. Dorthin mussten wir es schaffen, dann konnte ich mir überlegen, wie unser nächster Schritt aussehen würde.

„Komm“, raunte ich meiner Schwester zu und sprang aus dem Wagen. Nikita folgte zögerlich. Ich versicherte mich nicht noch mal, ob wir noch unentdeckt waren, schnappte mir einfach wieder ihre Hand und rannte mir ihr zusammen in den Schutz eines nicht weit entfernten Autos. Dort duckte ich mich und wartete wieder.

Wahrscheinlich hatten wir noch genug Zeit um uns weiter von dem Lieferwagen zu entfernen, aber ich wollte auf Nummer sicher gehen. Dieses Mal musste es einfach gelingen. So eine Pleite wie am Baggersee konnte ich mir kein zweites Mal leisten – nicht mit den Konsequenzen im Nacken.

Es dauerte seine Zeit, bis die Männer erneut rauskamen und damit begannen die nächste Fuhre aus dem Auto zu holen. Ihre fröhlichen Stimmen wehten dabei zu uns hinüber und kratzen mit ihren Klauen an meinen Nerven.

Dieses Mal brauchten sie länger. Und dann ging die Tür zu dem Gebäude auch noch auf und ein weiterer Mann kam heraus. Es sah anders aus als die anderen, geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle, in einem knitterfreien Anzug und einer überaus wichtigen Miene.

Er nickte den vier Männern am Lieferwagen zu und steuerte dann den Wagen an, hinter dem Nikita und ich Deckung gesucht hatten.

„Mist“, murmelte ich und wich zurück.

„Was ist los?“

„Wir müssen weg.“ Und zwar dringend. Diese Komplikation konnte ich nämlich nicht gebrauchen. Ein schneller Rundblick jedoch ergab, dass es in der näheren Umgebung nichts gab das uns Deckung bot, nicht wenn wir nicht plötzlich auf Armeisengröße schrumpften.

Nikita spähte an mir vorbei und ging dann schnell wieder in Deckung. „Und was machen wir jetzt?“

Das war eine ausgezeichnete Frage, auf die ich so schnell keine Antwort fand.

Der Mann kam näher.

Ich schob Nikita geduckt zum Heck des Wagens und lauschte auf die Schritte. Eine Tür wurde entriegelt. Das Fahrzeug wackelte leicht, als der Mann einstieg und damit begann seine Sachen zu verstauen.

Die Männer am Lieferwagen hatten es endlich geschafft die nächste Fuhre auszuladen und schoben sie auf das Gebäude zu.

Ein verzweifelter Gedanke nahm in meinem Kopf Gestalt an. Entweder es klappte, oder wir waren geliefert. „Zum Lieferwagen“, ordnete ich an und hoffte das der Mann im Auto nicht genau in dem Moment hinten aus dem Rückfenster schaute.

„Aber -“

„Los jetzt!“ Als ich aufsprang und geduckt über den Parkplatz hechtete, zerrte ich sie einfach hinter mir her. Der Weg war nicht weit, vielleicht zehn Meter, aber es war eine völlig offene Fläche. Mein Herz hämmerte mir gegen das Brustbein. Dann drückte ich mich im Schutz des Fahrerhäuschens an den Lieferwagen und wartete darauf das jemand schrie: „Da ist sie, schnappt sie euch!“

Das passierte nicht, genaugenommen geschah gar nichts Weltbewegendes.

Der Mann am Steuer brauchte noch ein paar Minuten bis er es auf die Reihe bekam samt seines Autos vom Parkplatz zu verschwinden. In der Zwischenzeit kam die kleine Arbeitertruppe erneut heraus, um eine weitere Ladung schmutziger Wäsche in das Gebäude zu verfrachten. Alles Zeit die mich unnötig Nerven kostete. Wenn das hier vorbei war, würde ich vermutlich ganz weiße Haare haben.

Und dann war die Luft endlich rein.

Ich fackelte nicht lange. Mit Nikita an der Hand rannte ich los, immer Richtung Häuser und ließ den Parkplatz sehr schnell hinter mir.

Das Dröhnen der Maschinen wurde leiser, bis es ganz verschwand.

Kurz bevor wir das erste Haus erreichten, ging mir auf, dass es ziemlich auffällig war, wenn wir hier rumrannten und zwang mich langsamer, ja fast gemächlich zu gehen. Zwei rennende Frauen würden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zwei Spaziergänger dagegen würde man kaum eines zweiten Blickes würdigen – das zumindest hoffte ich.

Ich zog Nikita in eine kleine Seitenstraße, versuchte die wenigen Menschen die unterwegs waren zu ignorieren und verschwand mit meiner kleinen Schwester in die erstbeste Gasse, die sich mir eröffnete. Dann erst erlaubte ich es mir einen Moment durchzuatmen.

Geschafft. Die erste Hürde war überwunden. Ebene drei. Noch zwei Tore die mich von der Freiheit trennten. Nicht unbedingt gut, aber weitaus besser als fünf. Zwei Mauern zu überwinden war einfacher, wobei das sicherlich auch kein Klacks werden würde. Nur gut, dass der sechste Ring noch nicht fertiggestellt war. Das würde also nicht wirklich ein Hindernis werden.

Nikita nestelte nervös an ihrem Handgelenk herum. „Und jetzt?“

„Gib mir einen Moment.“ Ich drückte mich an der Wand entlang und spähte vorsichtig hinaus auf die Straße.

Der Abend war freundlich und warm, doch das schien die Leute nicht nach draußen locken zu können. Es liefen nur wenige herum. Ein älterer Mann, den Blick auf das kleine Gerät in seiner Hand gerichtet hatte. Zwei junge Frauen, die eilig in einem Geschäft auf der anderen Straßenseite verschwanden. Ein paar Stadthüter die gewissenhaft durch die Straßen patrouillierten. Nichts davon war besonders auffällig, oder bedeutete eine allzu große Gefahr. Trotzdem schaffte ich es einfach nicht meinen Herzschlag zu beruhigen.

Irgendwann schien Nikita es nicht mehr auszuhalten still auf meinen Geistesblitz zu warten. „Wir werden nie durch die Tore kommen.“

Da hatte sie vermutlich Recht. Ich schaute hoch, über die Dächer der Häuser und entdeckte den Turm der Evas in einiger Entfernung. In die andere Richtung lag die Mauer die es als nächstes zu überwinden galt. „Komm“, befahl ich und reichte ihr die Hand.

„Wohin?“

„Erstmal zu Mauer.“ Da sie mir ihre Hand nicht reichte, griff ich einfach danach und zog sie hinter mir her.

„Und dann?“

„Das werden wir sehen, wenn wir da sind.“

Ihre Augen spiegelten ihre Unsicherheit und ihr unsteter Blick verriet mir, wie nervös diese Situation sie machte.

„Hab keine Angst, ich werde uns hier rausbringen. Versprochen.“ Meine Stimme und meine Worte sollten beruhigend klingen, doch Nikita brauchte einen langen Moment, bis sie zustimmend nickte und mir hinaus aus der Gasse folgte.

Dieses Zögern versetzte mir einen Stich. Hatte ich sie mit meiner vermasselten Rettungsaktion am Baggersee so sehr enttäuscht, dass sie nun kein Vertrauen mehr in meine Fähigkeiten hatte?

Ich verbot mir näher darüber nachzudenken, als ich versuchte unauffällig mit ihr durch die Straßen zu schlendern und nicht so zu wirken, als wäre ich auf der Flucht vor der größten Instanz dieser Stadt. Obwohl es weniger ein Schlendern war, als vielmehr ein Krampf, weil ich mich die ganze Zeit zwingen musste nicht zu schnell zu laufen – besonders wenn uns jemand entgegen kam. Aber ich würde sie nicht noch einmal enttäuschen. Sie nicht, mich nicht und auch Marshall nicht. Ich würde uns hier rausbringen, heute noch.

Auf den Straßen sah ich immer wieder Menschen und auch wenn viele davon gehetzt zwischen den Häusern umhereilten, schien keiner von ihnen wirklich unglücklich mit seinem Los als geistloser Sklave in dieser Gesellschaft zu sein. Das konnte ich nicht verstehen. Wahrscheinlich lag das einfach nur daran, dass sie es nicht anders kannten.

Nikita schaute sich ständig nervös über die Schulter. Ich musste sie in paar Mal ermahnen, damit sie damit aufhörte. Wir mussten jegliches Verhalten das auf uns aufmerksam machen konnte vermeiden. Das war es nicht besonders praktisch auszusehen, als wäre man gerade auf der Flucht vor seinem Schicksal.

Auch wenn es eine gefühlte Ewigkeit dauerte, so erreichten wir den vierten Mauerring ohne weitere Zwischenfälle. Ihn trotz nicht vorhandener Ortskenntnisse und den hohen Gebäuden zu finden war nicht weiter schwer. Ich musste mich nur immer wieder versichern, dass der Turm der Evas in meinem Rücken aufragte, dann konnte ich mir sicher sein mich in die richtige Richtung zu bewegen. Und dann standen wir davor.

Naja, genaugenommen hielten wir uns noch zwischen den Häusern am Ring verborgen und spähten nach links und rechts. Hier war keine Menschenseele zu sehen, doch links entlang konnte ich das Tor entdecken. Das Tor zu Ebene vier. Landwirtschaft, Weiden und Farmen. Ich erinnerte mich gut daran, wie der Wagen mich durch diese Zone gebracht hatte. Und auch an das Quarantänezentrum.

„Wir sollten uns nach rechts wenden“, erklärte ich. „Weg vom Tor.“ Es war schwer bewacht. Viele Stadthüter. Auf diesem Wege würden wir auf keinen Fall hinaus kommen – nicht so ohne weiteres.

Nikita schien nicht überzeugt. „Aber über die Mauer kommen wir niemals hinüber.“

Auch ich ließ meinen Blick daran hinauf gleiten. Aus dieser Perspektive wirkten zehn Meter verdammt hoch. Hinaufklettern war auch nicht drin. Keine Vorsprünge an denen man sich festhalten konnte, keine grob gehauenen Steine, die leicht hervorstanden. Einfach nur glatter Beton.

Ich konnte ziemlich hoch springen, besonders wenn ich Anlauf hatte und sehr motiviert war. An Motivation fehlte es mir definitiv nicht, aber zehn Meter waren einfach nicht machbar. Das würde nicht mal Marshall schaffen und der war besser als ich. „Lass uns nach rechts gehen. Vielleicht ergibt sich etwas.“

„Und wenn nicht?“ Nikita schaute sich unbehaglich über die Schulter und begann auf ihrer Unterlippe herumzukauen.

„Dann werde ich einen anderen Weg finden.“ Notfalls würde ich mir einen Weg unter der Mauer durchgraben, denn ich war fest entschlossen diese Stadt noch heute zu verlassen und würde mich von nichts und niemand davon abhalten lassen. „Komm.“

Dicht an den Hauswänden entlang, eilten wir nach rechts. Aus einem offenen Fenster konnte ich laute Musik hören, die mich an ein sterbendes Tier erinnerte. Ein Stück weiter stritt ein Pärchen lautstark und noch etwas weiter entdeckte ich einen jungen Mann, der gedankenverloren durch sein Fenster auf die Mauer starrte.

Die Gebäude waren voller Leben. Ich konnte sie hören. Ihre Energie pulsierte geradezu in der Luft. Aber sie folgten alle einem unnatürlichen Pfad und waren zu blind es zu erkennen. Sie lebten in der Lüge dieser Gesellschaft und fühlten sich auch noch gut darin. Das konnte ich nicht verstehen.

Immer wieder schaute ich mich um und auch wenn ich das Treiben der Stadt hörte und die Menschen in der Umgebung wahrnehmen konnte, hier hinten blieben Nikita und ich alleine.

Nach kurzer Zeit veränderte sich die Luft. Es kam eine Brise auf, die mich stark an den Stall von meinem Trotzkopf erinnerte. Hinter der Mauer waren Tiere. Natürlich konnte ich sie nicht sehen, aber der Geruch war unverkennbar.

Eine unbändige Sehnsucht brachte mein Herz zum Klopfen. Das roch nach Heimat. Bald, versprach ich mir, bald ist das alles vorbei.

Ich war so in meinen eigenen Gedanken gefangen, dass ich die Sirenen zuerst gar nicht wahrnahm. Doch sie kamen beständig näher und das ließ meine eigenen Alarmanlagen schrillen. Ich blieb abrupt stehen, wirbelte herum und lauschte. Hatten sie bemerkt, dass wir verschwunden waren? So schnell? Aber warum waren die Sirenen dann auf dieser Ebene? Jeder wusste dass sie Mauern unüberwindbar waren. Bevor sie nur auf die Idee kommen konnten hier nach uns zu suchen, müssten sie logisch gesehen erstmal stunden damit beschäftigt sein Ebene Eins zu durchkämmen.

Auch Nikita lauschte. Sie wirkte auf einmal ruhiger, ja fast gelassen. Vielleicht hatte sie ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten doch nicht aufgegeben.

„Wir müssen hier weg.“ Hektisch begann ich nach einer Möglichkeit zu suchen über diese verdammte Mauer zu kommen, aber natürlich eröffnete sie sich mit nicht plötzlich, nur weil das Geräusch mich in leichte Panik versetzte.

„Aber wie?“ Nikita schaute mich nicht an, ihr Blick war immer noch in die Ferne gerichtet, voll konzentriert auf das näherkommen Geräusch.

„Ich weiß noch nicht.“ Eilig zerrte ich sie weiter, immer weg von dem Geräusch. Dabei flitzte mein Blick wild hin und her. Und dann eröffnete sich mir wirklich eine Möglichkeit. Ich war so überrascht, dass meine Beine einfach den Dienst einstellten und Nikita voll in mich hinein lief.

Da waren hohe Masten mit Kabeln die über die Mauer hinüber ragten. „Das ist es“, flüsterte ich.

Nikitas Kopf wirbelte so schnell zu mir herum, dass ich ihre Wirbel knacken hörte. „W-was?“

„Ich weiß wie wir hier rauskommen!“ Entschlossen griff ich sie fester und rannte auf das Stahlgerüst zu. Es war geradezu unglaublich, wie sehr dieser Turm sich als Fluchtweg anbot. Das war fast, als hätten sie uns eine Leiter vor die Wand gestellt, wir mussten sie nur noch erklimmen.

Als wir ihn erreichten, schob ich Nikita direkt davor. „Kletter“, wies ich sie an.

Unsicher schaute sie den Mast hinauf. Der war wirklich verdammt hoch.

„Nun mach schon“, drängte ich.

Sie zögerte einen Moment, legte dann ihre Hände auf die Stahlverstrebungen und begann zu klettern.

Die Sirenen waren jetzt verdammt nahe. Meine letzten Zweifel waren damit dann auch vom Tisch, nun war ich mir sicher, sie galten uns. Unser einziger Vorteil war jetzt noch, dass sie keine Ahnung hatten wo genau wir uns befanden und blind durch die Straßen kurven mussten. Leider würden sie sich jedoch denken können, dass wir uns in der Nähe der Mauer aufhielten, also durfte ich keine weitere Zeit verlieren.

Mit einem letzten Blick versicherte ich mich, dass Nikita keine Probleme hatte, dann begann auch ich den Mast zu erklimmen. Sobald ich das Metall unter meinen Händen spürte, erinnerten meine Muskeln sich daran wie man kletterte. In der Alten Welt gab es viele unzugängliche Gelände. Körperliche Anstrengungen gehörten schon seit ich noch ein kleines Mädchen war zu meinem täglichen Brot. Daher machte es mir überhaupt keine Probleme zügig an dem Gerüst hinaufzukommen. Es war wohl das erste Mal seit dem Betreten dieser Stadt, dass ich mich ein kleinen wenig wie zuhause fühlte.

Was für eine Ironie.

Wind zerrte an meiner Haut. Die Sirenen wurden lauter. Dann bekam ich die oberen Querverstrebungen zu fassen und und hievte mich auf den schmalen Balken, der die Kabel hielt, hinauf.

Nikita hockte bereits oben drauf und versuchte das Gleichgewicht zu halten. „Und jetzt?“

„Jetzt bewegen wir unseren Hintern über die Mauer.“ Sorgsam überprüfte ich die Verankerungen der Kabel, darauf bedacht, nicht einfach wegzurutschen. Ich hatte wirklich kein Interesse daran, jetzt noch in die Tiefe zu stürzen.

In der Alten Welt waren Kabel kein Problem. Sie waren tot, nutzlos. Von ihnen ging keinerlei Gefahr aus. Die Kabel in der Stadt jedoch führten Strom. Ich hatte selber noch nicht die Erfahrung gemacht was genau das bedeutete, doch bei einer unserer Spaziergänge durch das Herz hatte Carrie mir erklärt, dass es tödlich sein konnte so ein Kabel anzufassen.

Keine Ahnung ob sie gelogen hatte. Ich wollte es auf jeden Fall nicht darauf ankommen lassen. Deswegen brauchte ich etwas, dass ich über das Kabel werfen konnte, damit wir endlich hier weg kamen.

„Das sieht man auch nicht alle Tage.“

Die Stimme ließ mich nicht nur erstarren, sie verursachte mir beinahe einen Herzinfarkt. Panisch schnellte mein Kopf herum.

Im Haus hinter uns hatte sich ein Fenster geöffnet und in diesem Fenster stand ein älterer Mann. Die Arme auf das Brett gelehnt, musterte er uns beide neugierig. „Das ist ein bisschen gefährlich Kindchen, meinst du nicht auch?“

„Ähm …“ Ich wechselte mit Nikita einen schnellen Blick. Er sah nicht aus als könnte er uns Probleme bereten, einfach nur als hätte er gähnende Langeweile und unser Auftauchen konnte ihn ein wenig aus unserem Alltagstrott ziehen.

„Wir kommen klar“, erklärte ich ihm dann und balancierte ein Stück nach vorne. Das würde nicht so einfach werden, wie ich gehofft hatte.

„Aber pass auf dass du nicht runterfällst“, erklärte mir der Mann. „Das ist tief.“

Oh Himmel, die Leute in dieser Stadt waren wirklich verrückt.

Das Geheul der Sirenen war in der Zwischenzeit beständig nahe. Sie konnten nicht mehr weit entfernt sein. Und dann hörte ich das Quietschen der Reifen. Ein Blick in die Tiefe zeigte mir nur zu deutlich, wie nahe die Sirenen waren. Und auch dass meine Befürchtung stimmte und sie uns galten.

„Was für ein Lärm“, kommentierte der alte Mann. „Dabei ist das hier sonst so eine ruhige Gegend.“

Als plötzlich ein halbes Dutzend Wagen in der Gasse zwischen Mauer und Haus auftauchten und praktisch direkt unter uns hielten, schlug mein Herz schneller. Nicht nur vor Panik, sondern auch vor Entschlossenheit. Sie würden uns kein zweites Mal bekommen. „Nikita, gib mir deinen Gürtel.“

Sie schaute mich an, als würde ich eine andere Sprache sprechen.

„Nikita!“

Nur zögernd kam sie der Aufforderung nach. Der Wind hier oben machte die Angelegenheit noch zusätzlich wacklig. Darum dauerte es schon eine halbe Ewigkeit, bis sie nur die Schnalle geöffnet hatte.

Der alte Mann reckte den Hals, um besser sehen zu können. „Schaut euch nur das Aufgebot an. Was habt ihr angestellt?“

„Gar nichts“, knurrte ich und half Nikita dabei, den Gürtel aus den Schlaufen zu ziehen. Sobald ich ihn in der Hand hielt, reckte ich mich nach den Kabeln an dem Balken über uns und warf ihn darüber.

„Da sind sie!“, rief jemand in meinem Rücken.

Bei allen Abgründen, sie standen auf dem Dach und damit auf unserer Höhe.

Auch wenn meine Herz schneller schlug, ließ ich mich nicht ablenken. Ich prüfte nur den Halt, flehte zum Himmel dass es klappen würde und hielt mich fest.

„Wir haben Sichtkontakt“, erklärte eine Stimme in meinem Rücken. „Sie sind auf dem Mast.“

Verstanden.“

Ich blickte nach unten, von wo aus ich von sehr vielen Augen beobachtet wurde. Auch Nadja war dabei. Sie sah sehr unzufrieden aus.

„Kismet, das ist verrückt. Bitte, klettern sie wieder herunter. Das kann ich nicht funktionieren, die Kabel können ihr Gewicht nicht tragen.“

Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte mir drei Stadthüter. Sie sahen aus, als wollten sie gleich zu einem kleinen Plausch zu uns herüberhüpfen.

„Bitte, tun Sie das nicht.“

Als wenn ich mich jetzt noch davon abhalten lassen würde. Obwohl das was ich vorhatte, wirklich keine gute Idee war. Aber diese Leute ließen mir keine Wahl. Sie wollten, dass ich mich in fünf Tagen von irgendeinem Adam schwängern ließ und das konnte ich einfach nicht, das war zu viel verlangt. „Nikita“, flüsterte ich. „Halt dich an mir fest.“

Ihre Augen weiteten sich als ihr klar wurde, was ich vorhatte. „Kiss, ich weiß nicht -“

„Sofort!“

„Kismet“, versuchte der vordere Stadthüter es noch mal – woher wusste der Mistkerl nur meinen Namen? – und ging nervös in die Hocke. Dabei hatte er die Hände vorgestreckt, als wollte er mir zeigen dass er unbewaffnet war. „Ihr Vorhaben ist Wahnsinn. Sie können sterben.“

„Nikita!“, fauchte ich, als sie noch immer zögerte.

Als ich plötzlich unter mir ein Geräusch hörte, bemerkte ich erst, dass die Stadthüter damit begonnen hatten an dem Mast hochzuklettern.

„Jetzt!“

Hastig klammerte Nikita sich an mich.

„Nein!“, rief der Mann vom Dach noch, doch da war es bereits zu spät. Ich sprang.

Unter dem Ruck und dem plötzlichen Gewicht protestierten meine Arme. Nikita stieß einen kleinen Schrei aus und klammerte sich noch fester an mich, als die Schwerkraft versuchte ihre Aufgabe zu vollziehen.

Geplant hatte ich an dem Kabel entlangzurutschen, direkt über die Mauer hinweg und auf der anderen Seite dann am Mast hinab zu klettern. Leider bogen sich die Kabel unter unserem Gewicht sehr stark. Die Mauer war nur wenige Meter entfernt und kam schnell näher … und dann entdeckte ich Kaleb. Zusammen mit einem Dutzend Yards stand er oben auf der Mauer und wartete angespannt darauf mich abzufangen.

Ich konnte nicht bremsen. Das Kabel hatte sich so tief gebogen, dass wir es knapp hinüberschaffen konnten, aber nicht mit diesen Leuten im Weg.

Ich würde nicht aufgeben.

Eine Sekunde, mehr hatte ich für diese Eindrücke nicht gebraucht. Dann streckte ich die Beine vor, bereit sie wie einen Rammbock einzusetzen und den Feind notfalls von der Mauer herunterzustoßen.

Die Männer schienen sofort zu verstehen was ich vorhatte. Sie gingen in die Knie und machten sich bereit.

Doch dann kam alles ganz anders.

Ich raste auf sie zu.

Ein Mann sprang zur Seite um nicht von meinen Beinen erwischt zu werden.

Die Mauer direkt unter mir.

Alle Hände griffen nach mir.

Über die Mauer rüber

Niemand hatte mich erwischt.

Ich wollte schon erleichtert aufatmen, als sich plötzlich ein weiteres Gewicht an mich hängte. Es passierte so schnell, dass ich keine Zeit zu regieren hatte.

Nikita schrie auf, der Gürtel rutschte aus meinen Händen und dann fielen wir …

Und krachten auf etwas Hartes. Ein Stöhnen. Ich rutschte noch ein Stück, bevor ich Halt fand. Hinter mir hörte ich einen Schrei. Einen Rums. Dann waren nur noch die aufgeregten Stimmen von der Mauer zu hören.

Ich blinzelte und brauchte einen Moment um zu verstehen was geschehen. Meine Hüfte und meine Schulter taten weh. Ich war darauf gestützt, aber es war nur ein leichter pochender Schmerz. Bei einem solchen Sturz hätte ich mich viel mehr verletzen müssen.

Ich drehte den Kopf und brauchte noch einen weiteren Augenblick, bis mir klar wurde, dass ich nicht auf den Boden geknallt war. Ich lag auf dem Dach eines kleinen Farmhäuschens. Nikita ein Stück neben mir. Sie hielt sich den Kopf. Von unten hörte ich ein Stöhnen.

Vorsichtig kroch ich an die Dachkante uns spähte in die Tiefe. Unten lag Kaleb und versuchte gerade mühsam wieder auf die Beine zu kommen.

Dieser Mistkerl. Er war der Grund warum wir gestürzt waren. Er hatte uns angesprungen, als wir über die Mauer rüber waren und uns mit seinem zusätzlichen Gewicht in die Tiefe gezerrt. Doch während Nikita und ich auf diesem Dach gelandet waren, war er weiter gerutscht und vom Haus gefallen. „Geschieht dir recht.“

„Kismet, sie kommen.“

Ich wirbelte herum und entdeckte die Autos die direkt auf uns zurasten.

Das Haus stand sehr einsam, umgeben von Viehweiden und Feldern war es nicht schwer die Staubwolke zu erkennen, die sich da auf uns zubewegte.

„Weiter“, knurrte ich und rappelte mich mühselig auf die Beine. Das hatte doch mehr wehgetan, als ich dachte, doch das Adrenalin in meinen Adern blockierte im Moment den gröbsten Schmerz. „Los, steh auf.“ Ich wartete nicht bis sie der Aufforderung nachkam, sondern zog sie selber auf die Beine. Dann zerrte ich sie über das Schrägdach. „Bist du verletzt?“

„Nur ein paar Schrammen. Und mein Bein tut weh. Ich bin draufgefallen.“

Ich drehte mich um, konnte zu meiner Erleichterung aber feststellen, dass sie nicht humpelte. „Wir müssen vom Dach runter.“

Das war zum Glück nicht weiter schwer. Dieses Haus hatte zwei Etagen. Die obere war kleiner als die untere, deswegen konnten wir uns Stück für Stück runterhangeln. Erst auf das Vordach, dann auf die Veranda.

Mittlerweile stand ich auf dem Boden, während Nikita noch am letzten Dachvorsprung hing und sich bereit machte sich das letzte Stück fallen zu lassen, als eine Frau – aufgescheucht von dem Lärm auf ihrem Dach – aus dem Haus kam. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Kartoffel, in der linken ein Messer, als hätten wir sie gerade beim Kartoffelschälen unterbrochen.

Sie sah mich, sah Nikita an ihrem Dach hängen und wusste offensichtlich nicht was sie dazu sagen sollte.

„Ähm … hey“, sagte Nikita.

Die Frau starrte sie an, dann mich.

Mein Interesse jedoch lag auf dem Messer in ihrer Hand. Es war nicht wirklich groß und wirkte auch nicht sehr stabil, aber es war immer noch ein Messer. Kurzentschlossen machte ich einen schnellen Schritt nach vorne und riss es ihr aus der Hand.

Sie schrie auf, wich bis an die Hauswand zurück und legte sich die nun freie Hand auf die Brust, als müsste sie um ihr Leben fürchten. Die Kartoffel allerdings hielt sie noch immer fest.

„Danke“, sagte ich und trat wieder zurück. Eine Waffe in der Hand zu halten fühlte sich in diesem Moment unheimlich gut an. „Hinter ihrem Haus liegt ein Mann“, fügte ich noch hinzu, um sie abzulenken und nicht auf falsche Gedanken zu bringen, während Nikita sich endlich fallen ließ und mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden ankam. „Er ist von Ihrem Dach gefallen. Vielleicht braucht er Hilfe.“ Hoffentlich brauchte er Hilfe. Das würde ihm nur gerecht geschehen.

Die Frau drehte sich herum, als könnte sie durch ihre Wände hinter das Haus sehen.

Ich nutzte die Gunst der Stunde, packte Nikita am Handgelenk und rannte zusammen mit ihr los – direkt hinein in das nächste Feld.

 

oOo

Kapitel 25

 

Die Blätter des Baumes raschelten, als ich mein Gewicht ein wenig verlagerte um besseren halt zu finden. Schon als kleines Kind war ich auf jeden Baum geklettert, den ich hatte finden können. Als mein Vater noch lebte, hatte er mich oft von den Ästen pflücken müssen, weil ich nicht mehr wusste, wie ich runterkommen sollte. Das war sehr lange her. Damals, noch vor der Krankheit, die ihn aus seinem Leben gerissen hatte.

Aber ich war kein kleines Kind mehr. Heute wusste ich nicht nur wie man auf einen Baum hinauf kam, sondern auch hinunter. Und ich wusste wie man ihn als erhöhten Aussichtspunkt nutzte. So war es auch nicht weiter schwer die Wagenkolonne der Städter trotz der anbrechenden Abenddämmerung zu beobachten.

Wie nicht anders zu erwarten fuhren sie an dem ersten Mauerring entlang und verteilten sich dort um eine weitere Barriere zu errichten, die mich und Nikita aufhalten sollte. Aber wenn sie glaubten mich damit aufhalten zu können, dann wussten sie scheinbar nicht mit wem sie es zu tun hatten.

Leider war dies nicht der erste Baum in den ich geklettert war, um unsere Lage sondieren zu können, es war der Dritte.

Nachdem Nikita und ich vom Dach runter waren, hatten wir uns direkt durch die Felder mit dem hohen Mais Richtung Mauer durchgeschlagen. Natürlich war ich nicht so dumm gewesen direkt aus der Deckung zu treten, denn kaum einen Moment später waren die Fahrzeuge vor uns aufgetaucht, um uns den Weg zu versperren. Das war zwar ärgerlich, aber trotz unserer Situation nicht weiter Problematisch – jedenfalls nicht mehr als vorher. Ich hatte mir einfach Nikita geschnappt und war mit ihr quer durchs Feld geeilt, um mich weiter von unseren Verfolgern zu entfernen.

Das hatte uns eine halbe Stunde gekostet, und wenigstens die Hälfte meiner Nerven, denn die Städter hatten natürlich nicht friedlich an der Mauer darauf gewartete, dass wir aus unserer Deckung kamen, sondern damit begonnen das Feld zu durchsuchen, in dem sie uns vermuteten.

Als ich dann gerade dabei gewesen war zu überlegen, wie wir die Mauer überwinden konnten, hatte die ganze Kolonne sich wieder in Bewegung gesetzt und die Barriere wieder zwischen und unserer Freiheit aufgebaut, während die Suchmannschaft immer weiter in unsere Richtung kam. Von zwei Seiten eingekesselt. Den Wagen waren neue Leute entstiegen und hatten damit begonnen das Feld rechts von uns zu durchkämmen – genau auf die andere Mannschaft zu.

In dem Moment als mir das klar geworden war, hatte ich mich zum erste Mal gefragt, ob sie vielleicht wussten wo wir waren und nicht nur versuchten uns blind zu finden, den Gedanken aber gleich wieder abgetan, weil dieses Gebiet einfach so groß war. Die Wahrscheinlichkeit lag viel höher, dass es sich einfach um einen Zufall handelte. Darum hatte ich mich auf eine ziemlich waghalsige Idee eingelassen.

Mein Instinkt sagte mir, dass sie dem Gebiet, das sie bereits nach uns durchkämmt hatten, vorerst nicht wieder beachten würden. Das war einfach logisch. Immerhin hatten sie es bereits erfolglos nach uns durchsucht.

Nikita und ich hatten uns so leise wie möglich durch ein Feld voller Maispflanzen gekämpft, knapp an der Suchmannschaft vorbei und waren so praktisch wieder an unserem Ausgangspunkt gelandet. Doch als wir uns dann erneut der Mauer genährt hatten, näherten sich zu meinem Entsetzen die Fahrzeuge wieder und versperrten uns erneut unseren Fluchtweg.

Und nun hockte ich in diesem einsamen Baum, beobachtete sie und konnte mich nicht gegen diesen einen Gedanken wehren: Sie wussten wo wir waren. Ich hatte keine Ahnung wie das möglich war, aber so gezielt wie sie immer wieder auftauchten und uns den Weg abschnitten, konnte es gar nicht anders sein. Irgendwie war es ihnen möglich herauszufinden wie wir und bewegten.

Meine Gedanken rotierten, während es zunehmend dunkler wurde. Es war nicht nur das. Auf der anderen Seite der Mauer hatten sie sich genauso verhalten. Die Logik sagte mir, selbst wenn sie sofort mitbekommen hätten, dass Nikita und ich vom HdK verschwunden waren, hätten sie zuerst die erste Ebene nach uns durchkämmen müssen und nichts sofort die Dritte. Wie auch immer sie das konnten, sie hatten gewusst, dass wir uns dort befanden. So zielsicher wie sie zu uns gekommen waren, schlossen sich alle anderen Möglichkeiten damit aus.

Nur wie war das möglich?

Ohne diese Gedanken loszulassen, kletterte ich den Baum hinunter, und schlüpfte schnell wieder in das Maisfeld.

Zwischen den ganzen Pflanzen brauchten meine Augen bei der Dunkelheit einen Moment, bis ich Nikita zwischen den ganzen Stängeln entdeckte. Sie hockte zusammengekauert auf dem Boden, die großen Augen fragend auf mich gerichtet und verschmolz beinahe mit der Nacht. Dabei sah sie nicht weniger geschunden aus, als ich mich fühlte.

Meine Arme und Beine waren übersät mit Schnitten von diesem blöden Gewächs. Die Wunden brannten. Meine Lunge brannte, ja praktisch mein ganzer Körper brannte. Durch dein Feld voller Mais zu rennen, gehörte ab sofort zu den Dingen, die ich in Zukunft nach Möglichkeit vermeiden würde.

Ich griff nach ihrer Hand und zog sie zurück auf die Beine. „Sie versperren uns schon wieder den Weg.“

„Und jetzt?“

„Ich weiß nicht.“ Wir mussten hier weg, soviel war sicher. Nicht nur wegen den Dingen die sie mir antun wollten. Dieser Ort veränderte Nikita – und das nicht gerade zu ihrem Vorteil. „Sie scheinen immer genau zu wissen wo wir sind.“

Schweigend wartete sie auf meine Entscheidung. „Wir können nicht entkommen“, flüsterte sie leise.

„Doch.“ Ich griff ihre Hände und drückte sie ganz fest. „Ich verspreche dir, dass ich uns hier rausbringen werde. Wir werden nicht zurück in die Gefangenschaft gehen. Hast du das verstanden?“

Sie biss sich auf die Unterlippe und wandte den Blick ab. „Vielleicht sollten wir einfach aufgeben. Das -“

„Sag sowas nicht!“ Ich drückte ihre Hände fester. „Wir kommen hier weg, ich muss nur herausfinden, woher die immer wissen wo wir sind.“

Nikita riss erschrocken die Augen auf. „Du meinst sie können uns orten?“

„Es hat den Anschein, nur weiß ich nicht wie sie das machen.“

Während Nikita ihr Gewicht nervös von einem Bein auf das andere verlagerte, glitt mein Blick auf den kleinen Knubbel an ihrer Hand und in diesem Moment machte es in meinem Kopf Klick. „Aber natürlich.“ Ich ließ Nikita los und starrte auf meine eigene Hand. Auch ich hatte diesen kleinen Knubbel. Der Keychip. Damit hatten wir Zugang zum Edensystem. „Und das System zu uns“, flüsterte ich. „Das ist es.“

„W-was?!“

„Die Keychips in unseren Händen.“ Ich kramte das Messer das ich der Frau abgenommen hatte aus der Tasche meines Kleides. „Ich hab keine Ahnung wie genau das funktioniert, aber das muss es sein, deswegen finden sie uns immer. Deswegen wussten sie auch dass wir bereits auf der dritten Ebene sind und nicht mehr auf der ersten.“ Ich griff nach ihrer Hand und drehte sie herum, doch in dem Moment als ich das Messer ansetzte, riss sie sie erschrocken weg.

„Was macht du da?“

„Ich sorge dafür dass wir von ihrem Radar verschwinden, und jetzt gib deine Hand wieder her.“

Sie machte große Augen. „Du willst ihn rausschneiden?“

„Hast du eine bessere Idee? Wir müssen sie abhängen und das ist die einzige Möglichkeit. Oder willst du etwa dass sie dich zurück in das Haus der Kinder stecken?“

Sie zögerte. Ich konnte sie verstehen. Die Aussicht darauf mir etwas aus der Haut schneiden zu müssen war nicht sonderlich reizvoll, aber es würde nur ein kurzer Schmerz sein und dann wartete die Freiheit auf uns.

„Komm schon Nikita, wir haben nicht so viel Zeit.“

Sie biss sich wieder auf die Unterlippe, wandte dann aber den Blick ab und streckte mir ihre Hand entgegen. Dabei kniff sie die Augen ganz fest zusammen.

„Du musst stillhalten.“ Ich wollte etwas hinzufügen, sie beruhigen, oder auf andere Gedanken bringen, aber dann entschloss ich mich dazu es einfach schnell hinter mich zu bringen.

Mit Daumen und Zeigefinder tastete ich nach dem kleinen Chip unter der Haut, dann setzte ich einfach das Messer an und stach zu. Natürlich zuckte Nikita und versuchte reflexartig mir die Hand zu entziehen, aber ich hielt sie fest.

Blut trat aus der Wunde und lief warm über meine Finger. Das Messer kratzte über den Chip.

Nikita gab ein Wimmern von sich.

Ich schob die Messerspitze unter den Chip und hebelte ihn aus der Wunde. Im nächsten Moment lag er in meiner Hand und ich erlaubte Nikita endlich den Arm wegzuziehen. In ihren Augenwinkeln standen Tränen.

Wieder wollte ich etwas beruhigendes sagen, sie sogar tröstend in meine Arme ziehen, aber die Zeit drängte und mit Worten war ich sowieso noch nie so gut gewesen. Deswegen hockte ich mich auch auf den Boden, legte meine Hand offen aufs Knie und setzte das Messer ein zweites Mal an. Leider musste ich dabei feststellen, dass es viel einfacher war sowas bei jemand anderem zu machen, als bei mir selber.

Komm schon, tu es einfach!

Ich atmete noch einmal tief durch, dann stach ich ein weiteres Mal zu. Trotz der Tatsache, dass ich wusste was auf mich zukam, tat es verdammt noch mal scheiße weh! Ich biss die Zähne zusammen und versuchte die Messerspitze wie bei Nikita unter den Chip zu schieben, aber meine Finger zitterten, sodass ich mehr als einmal abrutschte.

Fluchend hob ich das Messer und starrte auf meine blutende Handfläche und konnte mich nicht dazu überwinden es ein zweites Mal anzusetzen. „Nun komm schon“, feuerte ich mich selber an, aber bevor ich mich noch einmal dazu überwinden konnte, hockte Nikita sich mit verschlossener Mine vor mich und nahm mir das Messer aus der zitternden Hand. Sie sah mir auch nicht in die Augen, als sie das Messer wieder in die Wunde tauchte.

Ich zwang mich ganz still zu halten, während sie in dem Schnitt herumstocherte. Es dauerte fast zwei Minuten, erst dann lag auch der zweite Chip in meiner Hand. Sie waren klein und länglich und erinnerten mich an die Reiskörner, die ich an meinem ersten Tag hier in Eden gegessen hatte.

Das so etwas kleines so viel Ärger anrichten konnte.

Meine Lippen drückten sich fest aufeinander. Aber jetzt nicht mehr. Entschlossen richtete ich mich auf, holte aus und warf sie so weit wie möglich von mir. Dann nahm ich Nikita das Messer wieder aus der Hand, schnitt damit den unteren Saum meines Rockes und riss einen langen Streifen ab. Die eine Hälfte des Stofffetzens gab ich Nikita, mit dem anderen verband ich meine eigene Hand. Dann ließ ich das Messer wieder in meiner Rocktasche verschwinden und wandte der Wagenkolonne den Rücken zu.

Jetzt würden sie und nicht mehr so leicht aufspüren können.

„Und was machen wir jetzt?“, wollte Nikita wissen.

„Wir gehen zurück.“ Entschlossen machte ich mich auf den Weg.

„Zurück? Was meinst du mit zurück?“

„Wir werden uns direkt vor ihrer Nase verstecken, bis sie es aufgeben und woanders nach uns suchen.“ Ich warf ihr einen kurzen Blick über die Schulter zu, doch mittlerweile war es so dunkel, dass sie gerade noch als Schatten wahrnehmen konnte. „Wir gehen zu dem Haus auf das wir gefallen sind. Da gibt es einen Stall, ich hab ihn gesehen. Darin werden wir uns erstmal verschanzen.“

Nikita schwieg einen Moment. „Hältst du das für eine gute Idee?“

„Es ist jedenfalls besser als hier ziellos herumzuirren. Sie werden sicher nicht damit rechnen, dass wir dorthin zurückkehren.“ Das zumindest hoffte ich und mehr als Hoffnung blieb mir gerade nicht. Zwar drängte alles in mir dazu sofort die Mauer anzusteuern und nach einen Ausweg zu suchen, aber ich wollte nicht erneut so überstürzt handeln. Nein, es war besser erst einmal abzuwarten und auf eine passende Gelegenheit zu lauern. Die Städter würden früher oder später weiterziehen und uns den Weg damit frei machen. Wir mussten nur noch ein kleinen wenig Geduld haben

Die Maispflanzen um uns herum raschelten. Wir versuchten uns vorsichtig und vor allen Dingen leise einen Weg durch sie hindurch zu bahnen, aber sie standen so dicht, dass es unmöglich war an ihnen vorbei zu kommen, ohne sie zu streifen. Das war sowohl Vor- als auch Nachteil. In der Dunkelheit machten uns die Pflanzen beinahe unsichtbar, aber leider erzeugten sie für meinen Geschmack auch viel zu viele Geräusche. Da half es auch kaum sich leise zu bewegen.

Trotzdem schafften wir es unbehelligt zu dem Haus zurückzukehren. Natürlich waren wir nicht so dumm direkt auf der Deckung der Pflanzen zu treten. Zuerst sondierte ich die Umgebung mit den Augen.

Das Haus lag ruhig da. Weit und breit keine Yards oder Stadthüter. Die Fenster waren hell erleuchtet und ich konnte die Schatten der Anwohner dahinter erkennen, aber keiner machte Anstalten das Haus zu verlassen und draußen nach uns zu suchen. Warum auch? Niemand würde damit rechnen, dass wir wieder hier auftauchen könnten. Alle gingen davon aus, dass wir sofort die letzte Mauer in Angriff nehmen würden. Das hier war das perfekte Versteck – vorerst.

„Scheint alles ruhig zu sein“, murmelte ich, griff Nikitas Hand und erhob mich. „Komm.“

Geduckt rannten wir über die kurze Freifläche zwischen Haus und Maisfeld und suchten dann Deckung in den Schatten vor der Veranda. Der Stall den ich vorhin entdeckt hatte, lag ungefähr hundert Meter weiter – ein Katzensprung. Trotzdem blieb ich wachsam und schaute mich ein weiteres Mal um, bevor ich mit Nikita im Schlepptau zu der Scheune aus Holz eilte.

Aus dem Inneren hörte ich das Blöcken und Scharren von Tieren. Es erinnerte mich an die drei Ziegen, die meine Familie besessen hatte, als ich noch ganz klein gewesen war – damals, noch bevor Nikita das Licht der Welt erblickt hatte.

Das Tor war groß genug um einen Elefanten hindurch zu lassen. Und es war nicht verschlossen. „Glück muss man haben“, murmelte ich, stemmte es einen Spalt breit auf, schob Nikita hindurch und schlüpfte mit deinem letzten wachsamen Blick über den Hof hinter ihr her.

Der vertraute Geruch von Stall empfing mich, zusammen mit einer kleinen Herde von Wollknäueln auf vier staksigen Beinen. Ich musterte die blökende Menge, die uns neugierig aus ihren strohbedeckten Verschlägen begaffte.

Kleine Steinchen und Dreck knirschten auf dem Boden, als Nikita sicher weiter ins Innerste bewegte.

Ich jedoch konnte meinen Blick nicht von den Tieren abwenden. Sie erinnerten mich entfernt an Ziegen, sahen aber doch ganz anders aus. Mutationen? Experimente von Eden? „Was sind das für Viecher?“

„Schafe.“ Nikita schaute mich nicht mal an. Stattdessen inspizierte sie eine alte Holzleiter, die hinauf zu dem Heuboden führte. „Sie bieten den Menschen Wolle, Milch und Fleisch. Früher gab es tausende von ihnen, aber der Mortiferus-Virus hat auch sie stark dezimiert. Heute gibt es sie nur noch, weil sie gezielt gezüchtet werden.“

Ich verengte die Augen leicht. „Woher weißt du das?“

„Aus dem Unterricht.“ Sie warf mir einen kurzen Blick zu, griff dann nach der den Streben der Leiter und überprüfte sie auf ihre Festigkeit. „Wie nehmen gerade Landwirtschaft durch. Was vor der Wende anders war als heute. Auswirkungen, Nutztiere und Ertrag. Wir haben auch über Tiere wie diese Schafe gesprochen. Außerhalb von Eden sind sie völlig ausgestorben. Nur das Zuchtprogramm hält sie noch am Leben.“

Ihre Worte ließen mich frösteln. Nicht nur das sie bewiesen wie sehr Eden sich der natürlich Ordnung widersetzte, es war einfach wie sie es sagte, wie ihre Augen leuchteten, bei der Aussicht die Natur manipulieren zu können. Dieser Ort bot ihr die Möglichkeit die Welt nach ihren Wünschen zu formen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Eden war bereits viel tiefer in sie eingedrungen, als ich die ganze Zeit befürchtet hatte. „Eden ist der Feind.“

Bei meinen harschen Worten drehte sie überrascht den Kopf. „Was?“

„Ich habe gesagt: Eden ist der Feind!“

Betroffen ließ sie von der Leiter ab und senkte den Blick. „Das weiß ich, du musst es mir nicht ständig sagen.“

„Weißt du es wirklich?“ Meine Frage war sehr leise, aber sie hatte mich trotzdem gehört. „Seit wir hier angekommen sind erkenne ich dich kaum wieder. Ja ich verstehe, es ist eine ganz andere Welt, ein Abenteuer dem du nicht widerstehen kannst, aber du bemerkst gar nicht wie sehr du dich auf all das einlässt, wie du all das genießt. Du vergisst einfach was in der Vergangenheit geschehen ist, was sie getan haben! Sie haben unsere Mutter getötet, genau wie Akiim!“ Ohne es zu merken war ich immer lauter geworden. „Sie haben uns entführt und uns gegen unseren Willen hergebracht!“

Nikitas Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengedrückt. „Vielleicht ist es an der Zeit die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich auf etwas Neues einzulassen.“

Diese Worte machten mich sprachlos. Ich konnte nur dastehen und sie anstarren als wäre sie von einem anderen Planeten. Auf einmal schien sie eine ganz andere Sprache zu sprechen als ich.

„Mann Kiss, ich weiß doch was alles geschehen ist, aber diese Stadt eröffnet uns so viele Möglichkeiten. Vielleicht sollten wir … vielleicht … vielleicht ist es an der Zeit ihnen eine Chance zu geben.“

„Eine Chance?!“ Ich war Fassungslos. „Ist dir eigentlich bewusst was sie mit mir vorhaben?! Dass sie mich zwingen werden, wenn ich nicht kooperiere?!“

Sie zögerte einen Moment. Dann sagte sie leise: „Kinder sind doch etwas Schönes. Und die Kinder im HdK scheinen mit ihrem Los nicht unglücklich.“

Ich konnte es nicht glauben was sie da sagte. Ihre Worte entsetzten mich einfach nur. Wie konnte sie plötzlich so blind sein? Wie konnte sie alles was sie gelernt hatte einfach hinter sich lassen und diesen Weg beschreiten?

„Kiss -“

„Willst du hier bleiben?“, fragte ich. „Ist es das was du willst? Dass man dich ausbeutet und wegwirft, wenn man dich nicht mehr braucht? Willst du ein Städter sein? Eine hirnlose Marionette, die alles tut was man ihr sagt, ohne irgendetwas in Frage zu stellen?“

Der Trotz in ihren Augen verblasste langsam und ließ nichts als Unruhe und Angst zurück. „Ich weiß nicht. Ich … ja … nein … keine Ahnung.“ Sie schlang ihre Arme um sich selber, als müsste sie sich wärmen. „Ich weiß nicht mehr was ich denken soll.“

Und da wurde es mir klar. Eden hatte sie mir nicht genommen, Nikita hatte einfach Angst. Sie glaubte nicht daran dass wir entkommen konnten und versuchte sich mit dem was die Zukunft für sie bereit hielt zu arrangieren. Der Weg des geringsten Wiederstandes.

Nikita war noch nie eine Kämpferin gewesen. Ja, sie liebte das Abenteuer, aber nun fraß sich die Angst einen Weg in ihr Innerstes und klammerte sich an ihr fest. Sie wusste einfach nicht mehr was sie tun sollte.

„Niki.“ Ihr Name kam sanft über meine Lippen und doch zuckte sie bei dem Klang zusammen. Ich trat zu ihr, nahm sie in die Arme und drückte sie ganz fest an mich. „Ich bin bei dir, ich werde immer bei dir sein. Und ich verspreche dir uns hier rauszubringen. Hast du das verstanden?“

Sie nickte, schaute mich aber noch immer nicht an.

„Du vertraust mir doch, oder?“

„Natürlich vertraue ich dir.“ Das sagte sie ohne auch nur einen Moment zu zögern.

Ein Gewicht, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es auf mir lastete, fiel einfach so von mir ob. Ich konnte geradezu hören wie es auf den Boden krachte und doch in tausend Splitter zersprang. Ich hatte sie noch nicht verloren, ich musste sie nur schnell von hier fortbringen. „Ich werde immer auf die aufpassen“, versprach ich ihr leise. „Ich werde einen Weg finden uns von hier wegzubringen. Wir -“

Plötzlich krachte die Stalltür auf und schlug gegen die Gitter der Gehege. Die Schafe blökten panisch, sprangen durcheinander und drängten sich gegen die Außenwand, während ich herumwirbelte und meine Augen sich vor Schock weiteten.

Eine ganze Truppe an Stadthütern stürmte in die Scheune hinein, direkt auf uns zu.

Einen Moment war ich wie erstarrt und konnte nicht glauben dass sie uns gefunden hatten. Da war einfach nicht möglich, sie konnten nicht wissen wo wir waren, wir hatten die Chips schließlich entfernt. Und dennoch strömten gerade mindestens drei Dutzend von ihnen entschlossen auf uns zu.

„Lauf!“, schrie ich und stieß Nikita zurück zur Leiter. Doch es war bereits zu spät. Sie hatte die Sprossen kaum berührt, als uns die Städter auch schon überrannten. Mehrere Hände griffen nach mir und drängten mich von Nikita weg.

„Kiss!“

Ich versuchte nach hinten auszuweichen, schlug die Hände fort, die nach mir griffen und gab mir dabei alle Mühe Nikita nicht aus den Augen zu verlieren. Aber es waren so viele und ich konnte nirgendwo hin.

Irgendwo in dem Gedränge rief Nikita erneut nach mir. Die Leute pflückten sie einfach von der Leiter, nahmen sie in ihre Mitte und brachten sie aus der Scheune, während ich noch immer gehen den Zugriff ankämpfte.

„Nein!“, schrie ich, als sie meine kleine Schwester aus der Scheune brachten. Irgendwer erwischte meinen Arm. Ohne hinzuschauen trat ich einfach nach ihm. Mein Fuß traf etwas, jemand fluchte lautstark, aber gleichzeitig packte ein anderer Stadthüter mein ausgestrecktes Bein und riss einfach daran.

Mein Gleichgewicht verpuffte einfach und im nächsten Moment fand ich mich auf dem Rücken wieder, während drei Männer gleichzeitig nach mir griffen.

„Nein, ich will nicht! Lass mich los!“

Ich trat und schlug um mich.

Jemand bekam meine Beine zu fassen, warf sich über mich und drückte sie nach unten. Zwei andere packten mich an den Handgelenken und hielten sie auf dem Boden fest.

„Nein! Nein! Ihr könnt mich nicht zwingen.“ Ich bockte, riss meinen Kopf zur Seite und biss zu. Meine Zähne bohrten sich in warmes Fleisch, bis ich Blut schmeckte. Ein wütendes Brüllen, ein deftiger Fluch. Mein Handgelenk wurde freigegeben, doch bevor ich das nutzen konnte, wurde griff um meinen anderen Handgelenk fester. Der Mann der mich festhielt riss an meinem Arm, wirbelte mich herum und drückte mich mit dem Gesicht voran in das alte Stroh.

„Schluss jetzt“, knurrte eine unbekannte Stimme an meinem Ohr und verdrehte mir den Arm so weit nach oben, dass ich vor Schmerz einen Zischen ausstieß.

Ich versuchte weiterhin mich zu wehren, konnte es einfach nicht glauben, dass sie mich wieder in ihrer Gewalt hatten, aber es war unmöglich diesem Griff zu entkommen. „Bitte“, flehte ich. „Lass mich doch einfach gehen, ich will das nicht!“

„Das hast du nicht zu entscheiden.“

Die allzu bekannte Stimme ließ mich erstarren. Ich schaffte es den Kopf weit genug zu drehen um Nadja ins Auge zu fassen. In ihrem Blick lag nicht das kleinste bisschen Mitgefühl, nur eiskalte Effizienz.

„Sven, geh und lass dir den Arm verbinden“, sagte sie zu dem Mann den ich gebissen hatte. Die Wunde die meine Zähne geschlagen hatte, blutete stark und hatte schon einen guten Teil seiner grauen Uniform ruiniert. Und so wie er das Gesicht verzog, musste es auch gut wehtun.

Leider wollte sich bei mir kein Gefühl der Befriedigung einstellen, was zu Teil wohl auch daran lag, dass ich zu Boden gedrückt wurde und den Dreck fraß. Aber der viel größere Teil war die Angst die sich in mir festsetzte. Nadjas Anblick machte es so real. Sie hatten mich – sie hatten mich erneut gefangen, und ich konnte nichts dagegen tun.

Was würde nun mit mir passieren? Was hatten sie vor?

Als hätte Nadja die Fragen in meinem Kopf gehört, sagte sie: „Und du kommst jetzt mit mir. Meine Mutter möchte dich sprechen.“

Und das war der Moment in dem mein Kampfgeist ganz einfach erlosch. Ich wusste nicht warum die Erwähnung von Agnes diese Situation so viel schlimmer machte, aber ich sackte ganz einfach in mich zusammen und ergab mich, denn ich konnte nichts mehr tun.

Ich hatte es versucht. Die ganzen Zeit hatte ich mich gewehrt und nach einem Ausweg gesucht. Heute hatte ich es sogar geschafft einen Teil ihrer Mauern zu überwinden. Und doch lag ich nun hier, umringt vom Feind und unfähig meinem Schicksal zu entrinnen.

Eine Träne trat mir in die Augen, als sie mich auf die Beine zerrten und mir die Hände mit Handschellen auf den Rücken banden. Grobe Hände packten mich, damit ich nicht einfach weglaufen konnte. Und dann wurde es mir klar. Es gab kein Entrinnen. Niemand entkam Enden, wenn die Stadt erst einmal die Klauen in einem versenkt hatte. Das einzige was ich noch tun konnte war mich zu ergeben und mich in mein Schicksal zu fügen.

Oder daran zugrunde gehen.

 

oOo

Kapitel 26

 

Nadja sprach mit dem Wachposten an Tor eins. Dazu musste sie den Wagen nicht einmal verlassen, der diensthabende Ordner trat einfach zu ihr ans Fenster.

Ich presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, während ich Nikitas Hand zwischen meinen Fingern fast zerquetschte. Sie hatte kein Wort gesagt, seit man uns in den Wagen gesetzt hatte. Dass ich in diesem Moment nicht völlig ausrastete, war wohl alleine ihrer Ruhe zu verdanken. Und mit der schwarzen Wolke über meinem Kopf, die mit jedem Meter den wir tiefer in die Stadt vordrangen dunkler und größer wurde.

Aber … wie konnte sie nur so ruhig bleiben? Und wie hatte unser Fluchtversuch nur so in die Hose gehen können? Ich verstand es nicht. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, wie sie uns gefunden hatten. Und dann auch noch so schnell. Aber das Schlimmste war das, was nun folgen würde. Ich würde mich den Konsequenzen meines Handels stellen müssen, daran führte kein Weg vorbei.

Der Ordner am Tor gab über ein Funkgerät den Befehl das Tor zu öffnen. Im nächsten Moment schon legte Nadja den Gang ein und rollte mit uns in das Herz der Stadt hinein, direkt auf den Turm der Evas zu. Agnes‘ Machtzentrum.

Einen kurzen Moment hatte ich geglaubt dieses Gebäude nie wiedersehen zu müssen. Ich hatte die Hoffnung gehabt, in mein Leben zurückkehren zu können, dass alles wieder so werden konnte wie es sein sollte.

Vergebens.

Oder vielleicht hatte ich mich auch geirrt. Vielleicht war es nie vorgesehen gewesen, diesen Ort jemals wieder zu verlassen.

„Hey.“ Nikita drückte meine Hand ein wenig fester. „Mach dir keine Sorgen, es wird schon alles gut werden.“

Einen solchen Glauben wie sie, wünschte ich mir auch für mich. Für sie war es so einfach das Grauen der Realität auszublenden und sich nur auf die schönen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Das war eine gute Eigenschaft von ihr. Und damit sie daran festhalten konnte, musste ich mich um das kümmern, was außerhalb ihres Blickes lag. Aber im Moment … ich wusste einfach nicht mehr was ich tun sollte.

Der Wagen rollte in der runden Auffahrt und hielt direkt vor dem Eingang.

Außer Nadja waren noch zwei weitere Yards in dem Wagen, einen davon erkannte ich vom Baggersee. Aber es war nicht Kaleb. Den hatte ich nicht mehr gesehen, seit er uns von der Stromleitung gerissen hatte. Vielleicht hatte er sich ja das Genick gebrochen. Doch bei meinem Glück hatte er sich wohl einfach nur den kleinen Zeh verstaucht.

„Alles aussteigen.“ Nadja zog die Handbremse an. „Und ich warne dich Kismet, kein Aufstand mehr.“

Ich presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und wich ihrem Blick im Rückspiegel aus. Warum sollte ich auch noch einen Aufstand machen? Es würde doch eh nichts bringen. Egal was ich tat, am Ende würde ich nur wieder hier landen.

Die Yards öffneten die Türen. Nikita stieg hinter dem Mann aus, der die ganze Zeit bei uns auf der Rückbank gesessen hatte. Um mich kümmerte Nadja sich höchstpersönlich. Sie öffnete die hintere Wagentür, zerrte mich vom Rücksitz und beachtete mein Zischen nicht. Meine Arme waren noch immer auf den Rücken gefesselt und es tat verdammt noch mal weh, wenn sie so daran herumzerrte.

„Los jetzt.“ Sie gab mir einen kleinen Stoß Richtung Treppe. Nikita war mit einem der Yards bereits oben an der Tür, der andere schloss sich Nadja an. Eine extra Wache für mich. Wie zuvorkommend.

Meine Beine fühlten sich schwer an. Die Hoffnungslosigkeit zog mich so sehr nach unten, dass ich es kaum schaffte ein Bein vor das andere zu setzen.

Nicht weit entfernt von mir hörte ich das überschwängliche Lachen einer Frau. Ich drehte den Kopf weit genug um ein Pärchen unweit vom Turm unter einer Laterne zu sehen. Die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren kannte ich nicht, doch der Mann, der mehr als genervt davon wirkte, dass sie ihre Hand auf seine Brust gelegt hatte und langsam den Ausschnitt seines Kragens nachzog, war Sawyer.

Sein Blick war ungewandt auf mich gerichtet. Er schien kein Gefallen an den Berührungen der Frau zu finden, sondern erduldete sie einfach nur, weil es das war, was man von ihm erwartete.

Einen Moment schaute ich ihm direkt in seine Augen, fand dieses Mal jedoch nicht den Hohn und den Spott unserer anderen Begegnungen, nur einen fragenden Blick unter dem Stirnrunzeln.

Ich wandte mich von ihm ab, als mein Fuß gegen die unterste Stufe stieß und folgte dem Weg, der mich ins Gebäude führte. Nicht mal die unangenehme Fahrt im Fahrstuhl ließ mich aufbegehren. Ich setzte einfach nur einen Fuß vor den anderen und ignorierte sowohl die besorgten Blicke von Nikita, als auch die Befehle von Nadja, während ich aus dem Fahrstuhl auf den Korridor in der fünfunddreißigsten Etage trat.

Der Flur war still, noch stiller als am Tage. Normalerweise war es hier nie laut, aber nun hatte ich das Gefühl einen Friedhof zu betreten. Vielleicht lag das aber auch an dem was mir bevor stand.

Nadja übernahm wieder die Führung, klopfte an Agnes‘ Bürotür und öffnete sie, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie blieb einen Moment stehen, trat dann zur Seite und gab mir mit einem Blick zu verstehen an ihr vorbei zu gehen. Aber ich konnte nicht. Plötzlich war ich wie festgewachsen und konnte spüren, wie mein Herzschlag sich wieder beschleunigte. Meine Hand pochte. Ich musste schlucken. Vielleicht würde ich nun endlich erfahren, warum man einen Streuner der Eden einmal betreten hatte, nie wieder sah.

Der Gedanke war nicht gerade hilfreich.

„Na los.“ Nadja griff nach meinem Arm und zog mich grob in das Büro.

Ich stolperte, konnte mich aber fangen, bevor ich zu Boden ging.

Der Raum wurde nur von dem Licht des großen Aquariums erhellt. Diffuse Schatten und seltsame Gestalten zeichneten sich in den Ecken ab.

Abgesehen von den Fischen befanden sich noch vier andere Leute im Raum. Zum einen Agnes. Das lange weiße Haar fiel der alten Nebelkrähe lang und offen über den Rücken. Sie trug einen langen Morgenrock und sah nicht allzu zufrieden aus.

Hinter ihr an der Wand standen zwei weibliche Yards, die ich schon vom Sehen kannte. Überraschen tat mich aber der alte Mann auf der Couch links von ihr. Phil. Aber wahrscheinlich sollte ich gar nicht so überrascht sein, schließlich war der grauhaarige Mann der Leiter des HdK und damit für Nikita zuständig. Und im Moment schien er nicht sehr glücklich zu sein.

Für einen Augenblick blieb es still. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Dann sagte Agnes völlig ausdruckslos: „Dummes Mädchen.“

Mir stellten sich die Nackenhaare auf.

Agnes erhob sich hinter ihrem Schreibtisch, griff nach ihrem Gehstock und humpelte steif auf mich zu. Das war das erste Mal, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden und zum ersten Mal fiel mir auf dass sie nicht nur einen Kopf kleiner war als ich, sondern auch ziemlich gebrechlich wirkte. Naja, abgesehen von dem stählernen Ausdruck in ihren Augen.

„Nadja, schließ die Tür. Nikita soll noch einen Moment auf dem Korridor warten.“

Unwillkürlich spannten sich meine Schultern an. Sie sperrten uns auseinander? Das wollte ich nicht. Aber ich wagte es auch nicht die Despotin aus den Augen zu lassen und konnte so nichts tun, als Nadja sich von mir entfernte und Nikita mit den beiden anderen Yards aussperrte.

Währenddessen starrte mich Agnes die ganze Zeit an, als wollte sie mich allein mit ihrem Blick in die Knie zwingen. Dabei entging mir weder die Wut in ihren Augen, noch die Geringschätzung, oder das kurze Aufflackern von Hass.

Nein. Nein, das bildete ich mir sicher nur ein. Die Frau hatte keinen Grund mich zu hassen. Es musste etwas anderes sein.

Agnes stand völlig ruhig vor mir und musterte mich. „Der Fluchtinstinkt liegt bei euch wohl in der Familie“, flüsterte sie so leise, dass ich es kaum verstehen konnte. Doch die Wut in ihrer Stimme war kaum zu überhören. „Hast du wirklich geglaubt es sei so einfach von hier zu verschwinden?“, fragte sie beinahe spöttisch. „Du gehörst nun zu uns, Kismet, du gehörst mir und solange ich es nicht erlaube, wirst du nicht gehen. Du wirst ab jetzt nur noch tun was ich sage.“

Ich gehörte ihr?! Ein aggressiver Widerwille regte sich in mir und verdrängte die lähmende Angst ein wenig. Was bildete diese Frau sich eigentlich ein wer sie war? „Ich gehöre niemanden außer mir selber“, gab ich genauso leise zurück.

Plötzlich hob sie die knochige Hand und schlug sie mir laut klatschend ins Gesicht. Mein Kopf wurde herumgewirbelt. Als der Schmerz sich an meinem Wangenknochen manifestierte, stieg mir eine Träne ins Auge. Scheiße, das tat weh!

„Nadja, öffne ihre Handschellen. Wir sind hier nicht im Mittelalter.“

Ihr Gehstock gab ein rhythmisches klong klong klong von sich, als sie mir den Rücken kehrte und steifbeinig zurück zu ihrem Schreibtisch marschierte.

Ich kniff die Augen einen Moment zusammen, während Nadja sich an meinen Handgelenken zu schaffen machen. Aber selbst als ich wieder frei war, griff ich nicht nach meinem scherzenden Gesicht, sondern richtete mich nur wieder gerade auf. Die Genugtuung ihr zu zeigen dass sie mich unvorbereitet erwischt und verletzt hatte, würde ich ihr nicht geben.

Agnes jedoch schien meine Halsstarrigkeit nicht mal zu bemerken. Oder es interessierte sie einfach nicht genug um darauf einzugehen. „Ist dir eigentlich bewusst, was du heute Abend angerichtet hast?“

Ich schwieg. Das war im Moment wohl am besten. Doch die aufkommende Wut köchelte weiter in mir.

„Du hast einen hochrangigen Yard verletzt und einem Stadthüter eine schwere Bissverletzung beigebracht.“ Sie fixierte mich unnachgiebig. „Wegen dir musste ich Leute von ihren Posten abziehen um eine große Suchaktion nach dir in die Wege zu leiten. Das bedeutet nicht nur zusätzliche Arbeit von diesen Leuten, sie müssen die liegengebliebene Arbeit auch nachholen. Außerdem hast du noch ein Kind aus dem HdK entführt und es damit in eine gefährliche Lage gebracht. Du hast vielen Leuten heute Nacht viele Schwierigkeiten gemacht. Und dass alles nur weil du ein kleines, dummes Mädchen bist, dass sich unverstanden fühlt und glaubt etwas Besseres zu sein, nur weil du zu egoistisch bist um zu verstehen, was für ein Geschenk du für uns bist.“

Ich biss die Zähne zusammen und weigerte mich etwas dazu zu sagen.

„Aber damit ist jetzt Schluss.“ Ihre Stimme wurde gefährlich leise. „Ich habe dich lange genug deinen Trotz gewähren lassen, nun wirst du dich einfügen, oder es wird schwerwiegende Konsequenzen haben.“

Trotz?! Ich biss mir auf die Zunge.

Agnes wartete. Sie schien zu wollen dass ich ihr widersprach, aber das würde ich nicht tun. Dabei bemerkte sie den blutigen Stofffetzen an meiner Hand. „Hast du dich verletzt?“

Ich presste meine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.

„Du wirst mir antworten, Kismet, das ist nur höflich.“

Höflich. Diese Frau wüsste doch nicht mal was Höflichkeit war, wenn man sie ihr ins Gesicht klatschen würde.

„Ich glaube“, schaltet Nadja sich ein, „dass sie ihren Keychip entfernt hat.“

„Den Keychip.“ Agnes zog eine Augenbraue nach oben. „Warum?“

Als ich wieder nicht antwortete, verfinsterte sich ihr Gesicht.

„Kismet, es gibt zwei Möglichkeiten, wie das hier jetzt ablaufen kann. Die erste ist Kooperation um eine schlimme Situation nicht noch schlimmer zu machen. Die zweite ist Verweigerung. Wenn du damit weiter machst, wirst du die Konsequenzen tragen müssen. Und die werden nicht schön werden.“

Meine Wange begann wieder stärker zu pochen und die Angst kehrte zurück. Bilder aus der Vergangenheit drängten sich mir auf.

Jetzt trägst du die Konsequenzen.“

Mama, nein!“

Meine Hände begannen zu zittern und ich musste sie zu einer Faust schließen, um es zu verbergen. „Damit uns niemand findet“, sagte ich leise und zitterte vor Wut. „Ich weiß, dass wir über die Keychips geortet wurden. Nur so konnten sie uns finden.“

Agnes ließ sich nicht anmerken, was sie über meine Entdeckung dachte. „Nun gut“, sagte sie nur und verschränkte die die Hände auf dem Tisch. „Nadja, ruf Doktor Vark an. Er soll ihr einen neuen Keychip geben und sie untersuchen, um sicher zu gehen, dass ihrer Befruchtung in fünf Tagen nichts im Weg steht.“

Die Worte ließen mich zusammenzucken.

Nadja nickte. „Und was ist mit Nikita? Auch ihr Keychip wurde entfernt.“

Verärgert verzog die Despotin den Mund. „Dann lass ihn zwei Keychips bringen, so schwer ist diese Rechnung ja wohl nicht. Außerdem will ich das Kismet eine EF-Fessel angelegt wird.“ Sie wandte sich wieder an mich. „Ab sofort ist es dir untersagt den Kreis zu verlassen und dich auf dem Gelände frei zu bewegen, solange keine Aufsichtsperson bei dir ist. Zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens wird dein Zimmer von nun an verschlossen. Außerhalb dieser Zeiten wirst du dich nur mit Carrie Capps an deiner Seite außerhalb des Turms der Evas bewegen. Du wirst ihr immer sagen wo du bist, oder wo du hingehst.“

Ich biss die Zähne zusammen.

„Dir ist es weiterhin erlaubt dich der Gemeinschaft anzuschließen und deiner Arbeit nachzukommen – sowohl der als Eva, als auch der bei Frau Gersten. Besuche außerhalb des Kreises sind dir von nun an nicht mehr gestattet.“

„Was?!“ Mir entglitt jeder Gesichtsmuskel. „Aber Nikita …“ Die restlichen Worte verschwanden einfach in dem Kloß in meiner Kehle. Sie wollten mich von meiner Schwester fern halten?

„Nikita wird es erlaubt sein dich zu besuchen, aber du wirst nicht mehr zu ihr gehen.“ Ihre Augen blitzten unheimlich. „Genaugenommen wird dir das gar nicht mehr möglich sein.“

Was genau sie damit meinte erklärte sie nicht und ich konnte auch nicht nachfragen, da Phil sich zum ersten Mal in das Gespräch einmischte.

„Mutter, ich halte das für keine gute Idee.“

Mutter?

„Wir sollten für Nikita erst einmal ein stabiles Umfeld schaffen. Kismets Einfluss auf sie ist gegenwärtig noch sehr nachteilig. Sie stört die positive Entwicklung, indem sie jeden Vorschritt schlechtredet. Ich möchte nicht dass ihre Einstellung auf Nikita abfärbt.“

Agnes hatte für ihren Sohn nur einen kurzen Blick übrig. „Erstelle mir eine Expertise, dann werden wir weiter drüber sprechen.“

Er nickte zufrieden und lehnte sich zurück, während ich mich fragte, was hier eigentlich gerade passierte. Und was verdammt noch mal sollte ein Ex-irgendwas sein? Ich konnte dieses Wort nicht mal aussprechen, doch der zufriedene Ausdruck in Phils Gesicht ließ mich bis auf die Knochen frieren. Sie wollten mir Nikita wegnehmen. Nein, sie würden sie mir wegnehmen, wenn ich nicht ganz genau tat was sie von mir wollten.

„Nadja, bring Kismet auf ihr Zimmer, setzt dich Mit Frau Capps in Verbindung und veranlasse alles.“ Ihr Blick richtete sich auf mich. „Das ist deine letzte Chance. In weiteres Mal werde ich mir deine Ausfälle nicht bieten lassen. Hast du das verstanden?“

Mein Blick war flammend vor Hass. Und doch schaffte ich es ein „Ja“ zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen herauszubringen.

„Gut.“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Ansonsten werde ich bei dir das gleiche Verfahren anwenden, das auch Olive Vark erfährt.“ Wieder blitzten ihre Augen. „Haben wir uns verstanden?“

„Ja“, wiederholte ich widerwillig. Doch erst als Nadja mich aus dem Büro dirigierte und Nikita aufforderte nun in das Büro zu gehen, wurden mir ihre Worte wirklich bewusst. Sie würde mich zwingen schwanger zu werden, mir meine Kinder nach der Geburt wegnehmen und mich vierundzwanzig Stunden am Tag bewachen lassen. Das hatte sie doch gemeint, oder?

Ein kleiner Zweifel in mir schüttelte entschieden den Kopf, doch ich verdrängte ihn. Denn wenn sie das nicht gemeint hatte, waren die Methoden dieser Frau noch erbarmungsloser, als ich bisher angenommen hatte.

 

oOo

Kapitel 27

 

Meine Hände krallten sich in den weichen Stoff der Couch, als der Yard mit den braunen Haaren sich vor mich kniete und meinen Fuß ohne meiner Erlaubnis auf sein Knie stellte. Geübt legte er die schwarze Fußfessel um meinen Knöchel. Das Schloss rastete ein und verkündete mit einem lauten Piepton die Funktionstüchtigkeit.

„Die EF-Fessel ist Wasserdicht“, erklärte der Yard zu meinen Füßen, der von Nadja vor zehn Minuten in mein Zimmer gelassen worden war. „Sie können damit also problemlos duschen, oder auch baden. Auch Erschütterungen sind kein Problem. Es wird Sie in ihrem Alltag nicht weiter beeinträchtigen.“ Er zog einen kleinen Screen aus seiner Tasche, schloss in mit seinem Kabel an meine Fußfessel und strich mit seinem Keychip über den Monitor, um Zugang zu bekommen. Dann begann er darauf rumzutippen. „Sollten Sie allerdings versuchen die Fessel zu entfernen, dann wird sie einen elektrischen Impuls in Ihren Körper senden, der Sie vorübergehend ausschaltet. Zeitgleich wird das Gerät ein Signal schicken, dass uns ruft. Haben Sie das verstanden?“

Mein Kopf bewegte sich einmal hoch und runter. Das musste als Antwort genügen, denn ich traute meiner Stimme im Moment nicht.

Alles war so schief gegangen. Ich hatte nicht entkommen können. Ich hatte Nikita nicht retten können. Und wenn ich nicht extrem aufpasste, würden sie sie mir wegnehmen. Ob ich sie in Zukunft sah oder nicht hing allein von ihrem Wohlwollen ab.

Die Flucht, die ganzen Anstrengungen, alles war umsonst gewesen. Nun musste ich bleiben und tun was sie sagten. Ich hatte keine Wahl mehr. Wahrscheinlich hatte ich sie auch nie gehabt und mir die ganze Zeit nur etwas vorgemacht.

„Die EF-Fessel arbeitet mit Sensoren, die auf Dioden im Mauerring reagieren. Sie können sich der Mauer bis zu drei Metern nähern, dann gibt die EF-Fessel ein Warnsignal von sich, das Sie beachten sollten. Nähern Sie sich der Mauer trotzdem weiter, wird ein elektrischer Impuls in Sie geleitet, der Sie ausschaltet und das Wachpersonal auf den Plan ruft.“

Meine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. Ich wusste genau was er mir damit sagen wollte. Von nun an war ich mehr denn je eine Gefangene von Eden. Sie engten mich ein, wollten mich brechen. Ich gehörte ihnen und es gab nichts mehr was ich dagegen tun konnte.

Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer. Selbst durch angestrengtes Schlucken bekam ich ihn nicht hinunter.

Der Yard zu meinen Füßen stöpselte das Kabel wieder aus und räumte seine kleinen Helfer zurück in seine Tasche. „Von nun an ist es nur noch der Despotin möglich Ihre Fessel zu lösen. Es wird regelmäßig jemand kommen, der die elektronische Fußfessel kontrolliert, damit es keine Funktionsstörungen gibt.“ Er stellte meinen Fuß zurück auf den Boden und sah zu mir auf. „Haben Sie noch Fragen?“

Ich konnte nur den Kopf schütteln. Meine Kehle war so zugeschnürt, dass ich vermutlich einfach in Tränen ausbrechen würde, sollte ich auch nur versuchen den Mund zu öffnen. Ich hatte versagt und meine Freiheit erneut verloren. Und es gab nichts mehr was ich dagegen tun konnte. Sie hatten mich in der Hand.

„Nun gut, dann -“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn in seinen weiteren Ausführungen.

Ich drehte nicht einmal den Kopf. Wozu auch? Wenn mich jemand sehen wollte, konnte ich es sowieso nicht verhindern. Sie hatten mir alles genommen. Ich war machtlos.

Schritte hinter mir zeugten davon wie Nadja sich bewegte. Die Tür wurde geöffnet.

„Hallo. Tut mir leid dass es so lange gedauert hat.“

Bei Killians Stimme krallte ich meine Finger noch fester in Polster. Dabei beachtete ich den dumpfen Schmerz in meiner rechten Hand nicht weiter.

„Sie sitzt auf der Couch.“

Weitere Schritte.

Der Mann vor mir erhob sich und machte Platz für meinen ganz persönlichen Sonnentropfen, der sich mir gegenüber auf dem Tisch nieder ließ. „Hallo Kismet“, begrüßte er mich mit sanfter Stimme.

Ich schaute nicht zu ihm auf oder nahm seine Anwesenheit anders zu Kenntnis. Warum auch? Er würde so oder so tun weswegen er gekommen war. Ich hatte da kein Mitspracherecht.

„Wie ich gehört habe, hast du heute ein paar Leute ganz schön bei Laune gehalten.“

Nadja schnaubte abfällig.

Killian ignorierte sie einfach. „Kaleb ist wegen deiner Aktion ziemlich schlecht gelaunt. Er hat sich den Knöchel verstaucht, falls es dich interessiert.“

Wieder bekam er keine Reaktion.

Er seufzte leise. „In Ordnung, dann wollen wir uns mal anschauen, was wir hier haben.“

Es war nur eine Bewegung im Augenwinkel, doch als ich bemerkte, wie seine Finger auf mein Gesicht zukamen, zuckte ich instinktiv davor zurück – meine Wange tat von dem Schlag immer noch weh.

Sofort verharrte er. „Hey, du brauchst keine Angst vor mir haben, das weißt du doch. Ich tue dir nichts, Kismet.“

„Sie hat keine Angst“, erklärte Nadja selbstgefällig. „Sie ist einfach nur trotzig.“

Meine Schultern versteiften sich. Trotzig? Du mieses Stück Scheiße!

Als Killian sich Nadja zuwandte, wirkte der freundliche Ausdruck in seinem Gesicht plötzlich sehr aufgesetzt. „Was machst du noch hier? Du wirst hier nicht mehr gebraucht und ich würde meine Patientin jetzt gerne untersuchen. Ungestört, wenn sich das machen lässt.“

Einen Moment sagte sie gar nichts. „Natürlich“, war dann ihre einzige Antwort, bevor sie zusammen mit dem anderen Yard aus meinem Zimmer verschwand. Leider ließ sie nicht nur die drückende Atmosphäre zurück, sondern auch die Hoffnungslosigkeit, die sich mit jedem verstreichenden Moment tiefer an meinem Herzen einzunisten versuchte.

„So, jetzt sind wir alleine.“ Killian beugte sich ein wenig vor. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

Nein, nichts ist in Ordnung!, hätte ich am liebsten geschrien. Ich bin eine verfluchte Gefangene und jetzt drohen sie mir auch noch damit mir Nikita wegzunehmen! Und ich war machtlos etwas dagegen zu unternehmen.

Als ich weiterhin nur still und verkrampft vor ihm saß, seufzte er wieder leise. „Ich schaue mir jetzt mal deine Hand an und dann kümmern wir uns um deine ganzen Kratzer.“

Dieses Mal war ich darauf vorbereitet, dass er nach mir griff und meine verkrallten Finger vorsichtig aus der Polsterung löste. Trotzdem zuckte meine Hand, als er sich vorsichtig in seine nahm und den blutigen Stofffetzen entfernte. Das geronnene Blut ziepte an der Haut und der wenige Schorf ging wieder auf.

Killian untersuchte die Wunde mit sanften Finger und begann sie dann mit verschiedenen Utensilien aus seiner Tasche zu säubern. „Nikitas Schnitt sah nicht so schlimm aus.“

Ich horchte auf, zögerte, schaffte es dann aber doch meine Lippen voneinander zu trennen und mit rauer Stimme zu fragen: „Du hast Nikita gesehen?“

„Ja.“ Er legte den Tupfer zur Seite, nahm eine Spritzte aus seiner Tasche und befüllte sie mir einer klaren Flüssigkeit aus einem kleinen Fläschchen. „Ich war bei ihr bevor ich hergekommen bin – oben bei Agnes im Büro. Ich dachte du wärst auch da. Ich habe erst sie behandelt, deswegen hat es auch so lange gedauert bis ich hier war.“

Er hatte sie behandelt. „Wie … wie geht es ihr?“

„Soweit ganz gut. Ich habe ihr für die Kratzer vom Maisfeld eine Salbe gegeben und ihr einen neuen Keychip eingesetzt. Der Schnitt an ihrer Hand war nicht halb so schlimm wie bei dir.“

Vermutlich weil nicht zwei Leute versucht haben ihn rauszuholen und in ihrer Wunde nicht so viel herumgestochert wurde.

„Sie macht sich Sorgen um dich, Kismet“, fügte er noch leise hinzu, während er mit der Spritze die Wunde ausspülte. Es brannte ein bisschen. „Sie fürchtet dass du etwas Unbedachtes tust um zu ihr zu kommen. Ich soll dir von ihr ausrichten, dass es ihr gut geht und du keine Angst um sie haben brauchst.“

Der Kloß in meinem Hals gewann an Größe. Ich schaffte es kaum die Tränen herunterzuschlucken, die in meinen Augen brannten. „Ich habe versagt“, flüsterte ich leise und zog die Beine an die Brust. Dabei schabte die EF-Fessel mahnend über das Polster. „Ich konnte sie nicht retten. Ich kann nicht mal mich selber retten.“

Killian hielt inne und schien einen Moment versucht mir tröstend die Schulter zu tätscheln, ließ es dann aber doch und kümmerte sich lieber weiter um meine Hand.

Eine weitere Spritze kam zum Einsatz, die mir nicht nur den Schmerz nahm, sondern meine ganze Hand taub werden ließ – das war ein seltsames Gefühl. Gleich darauf suchte er aus seiner Tasche Nadel und Faden und begann die Wunde zu nähen.

„Ich glaube du bist stärker als du denkst.“ Er schaute mich nicht an, während der das sagte. „Du bist es nur nicht gewohnt dich nach anderen zu richten. Das gibt dir ein Gefühl der Machtlosigkeit. Aber du bist nicht machtlos, Kismet. Du bist eine starke Frau und du wirst dich mit deine Situation arrangieren können. Es braucht eben nur ein bisschen Zeit.“

Arrangieren. Fast hätte ich geschnaubt. „Ich werde tun was sie mir sagen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.“ Die Worte laut auszusprechen tat so weh, denn sie waren die Wahrheit. Wie Agnes bereits gesagt hatte, ich gehörte nicht länger mir selber, ich war nun Teil des Systems und es war einfach nur dumm noch auf etwas anderes zu hoffen.

Ja klar, heute war mir die Flucht fast gelungen, aber der Preis den ich dafür hatte zahlen müssen, war hoch gewesen. Sollte ich es noch einmal versuchen und es gelang mir wieder nicht, würde ich das wenige was mir noch geblieben war auch noch verlieren.

Meine Haut ziepte leicht, als Killian den letzten Stich mit einem Knoten verschloss und den Faden abschnitt.

„Der Faden muss nicht gezogen werden, er löst sich nach ein paar Tagen von alleine auf.“

Genauso war es bei mir. Ich musste mich von meinem alten Leben lösen, es von mir abtrennen, um mich auf das besinnen was übrig blieb. Und dann würde ich mich langsam darin auflösen. Unwiderruflich. „Ich will das nicht“, sagte ich leise. „Warum darf ich nicht einfach gehen?“

„Weil du zu wertvoll bist, als dass wir dich an die Alte Welt verlieren können.“

„Ich wünschte ich wäre nichts wert“, flüsterte ich mit erstickter Stimme und hasste es, wie sehr man mir meinen Kummer anhören konnte.

„Der Wert eines Menschen wird nicht an seiner Fruchtbarkeit gemessen, Kismet. Selbst wenn du keine Eva wärst, würden wir dich hier brauchen. Wir brauchen jeden Menschen.“

„Aber ich brauche euch nicht.“ Ich zog die Knie an meine Brust und schlang meinen freien Arm darum, während Killian eine vertraute Spritz mit einem Keychip herausholte.

„Ich weiß dass du den Zwang hier verabscheust und auch ich bin kein Anhänger davon, aber wir arbeiten für eine gute Sache und ich glaube es ist Zeit, dass du dich an den Gedanken deiner Zukunft gewöhnst. Versuch dich wenigstens ein bisschen dafür zu öffnen. Wir sind alles nur Menschen und wir haben alle die gleichen Bedürfnisse.“

Als er die Nadel an meiner Hand ansetzte, schaute ich weg. Ich wollte nicht sehen wie Eden erneut in mich eindrang.

„Wir brauchen einander“, fügte er noch leise hinzu. Das vertraute Piepen des Scanners war zu hören, als er ihn über meine Hand zog, um den Chip im System zu speichern. „Gemeinsam sind wir stark.“

Ich war auch stark gewesen. Bevor sie mich hier her gebracht hatten, konnte mich kaum etwas aus der Fassung bringen. Aber jetzt fühlte ich mich einfach nur noch leer. Ich war schwach. Ich ließ mich von meiner Niederlage niederdrücken und konnte nichts dagegen tun. Es war so aussichtslos.

Das Brennen in meinen Augen wurde stärker und die erste Träne fand ihren Weg über meine Wange. Alles war verloren. Ich war verloren und auch Nikita. Ich würde Marshall nie wieder sehen, nie wieder Rozas Geschichten lauschen oder Nachts durch Leroys lauten Schnarchen in den Schlaf begleitet werden. Selbst Buzz und mein Trotzkopf würde ich nie wieder sehen. Sie alle gehörten zu einem Leben, dass ich nicht mehr haben konnte.

Die nächste Träne fand ihren Weg über mein Gesicht. Und noch eine.

„Kismet.“ Killian streckte seine Hand nach mir aus, doch bevor er mein Gesicht berühren konnte, sprang ich hastig auf die Beine und wich vor ihm zurück.

„Geh jetzt“, verlangte ich mit brüchiger Stimme und schlang die Arme um mich selber. Doch das Gefühl einfach auseinander zu fallen, bis nichts mehr von mir übrig blieb, wollte nicht weichen. „Bitte geh.“ Ich wollte einfach nur alleine sein. Mit etwas Glück würde ich in meinem eigenen Kummer ersaufen und wäre dann von diesem ganzen Drama erlöst.

„Kismet -“

„Bitte.“ Bevor ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ich wollte nicht dass er sah wie ich mich in ein heulendes Wrack verwandelte. Wenigstens diese Demütigung konnten die Städter mir doch ersparen.

Er schien nicht willig mich allein zu lassen. Seine Lippen waren zusammengepresst und zwischen all dem Mitgefühl in seinen Augen lag ein Funke Wut. Doch sie galt nicht mir.

Er schien etwas sagen zu wollen, doch ich schüttelte nur stumm den Kopf und hoffte dass er einfach gehen würde, während ich weiter versuchte diese dummen Tränen zurückzuhalten.

Ergeben griff er nach seiner Tasche, erhob sich von meinem Tisch und wandte sich ohne ein weiteres Wort der Tür zu.

Ich kniff die Augen zusammen um nicht sehen zu müssen wie er nach dem Türknauf griff, denn ich wollte nur noch allein sein. Gleichzeitig fürchtete ich mich aber plötzlich davor, weil mir klar wurde wie einsam ich wirklich war. Es war nichts mehr übrig. Ich war ganz alleine. Alles weg. Alles verloren.

Ein leises Schluchzen entwischte mir und als hätte das den Damm gebrochen, konnte ich meine Tränen nun nicht länger zurück halten. Sie flossen einfach über und bahnten sich ihren Weg über mein Gesicht. Ihren salzigen Geschmack konnte ich auf meinen Lippen schmecken.

Killian blieb mit der Hand am Knauf vor der Tür stehen. In seinem Gesicht stand Zwiespalt, bevor er seine Tasche wieder auf meinen Boden stellte und zu mir zurückkam. Als er jedoch die Hand hob um … was-weiß-ich zu tun, wich ich mit einem schnellen Schritt vor ihm zurück.

„Nicht“, schniefte ich und versuchte die Tränen in meinem Gesicht mit meinem Handrücken wegzuwischen, doch es wurden immer mehr. „Geh.“ Und lass mich mit meiner Demütigung alleine.

„Ich werde es keinem sagen“, flüsterte er und trat direkt vor mich. Seine Hand legte sich auf meine Wange und – der Himmel möge mir helfen – ich schlug sie nicht weg. „Jeder darf einen schwachen Moment haben, selbst jemand der so stark ist wie du.“

Ich versuchte es zu unterdrücken, aber da nächste Schluchzen bahnte sich seinen Weg und brachte einen neuen Schwall von Tränen mit sich. Mein Herz tat so weh. Ich fühlte mich so allein und völlig machtlos.

„Vertrau mir einfach.“

Als er noch näher trat und meinen Kopf an seine Brust drückte, verschwand auch der letzte Rest meiner Fassung und ich brach in seinen Armen einfach zusammen. Weinend krallte ich mich in sein Hemd und vergrub das Gesicht an seiner Brust, während er vorsichtig seine Arme um mich schlang und versuchte mit dieser einfachen Geste Trost zu spenden.

„Es ist in Ordnung“, flüsterte er dabei und ließ eine Hand zu meinem Kopf wandern, um vorsichtig durch das kurze, krause Haar zu streichen. „Niemand wird es erfahren.“

 

oOo

Kapitel 28

 

Es war kurz nach sechs am Morgen, als ich es satt hatte mich von einer Seite auf die andere zu drehen und die Beine aus dem Bett schwang. Ich fühlte mich wie gerädert und mein Kopf teilte mir sehr deutlich mit, wie wenig er von dem wenigen Schlaf hielt, dem ich meinem Körper aufgezwungen hatte. Es war wie damals als ich mit Marshall Leroys Selbsgebrannten getrunken hatte. Okay, ganz so schlimm war es zum Glück nicht – aber nahe dran.

Seufzend erhob ich mich und schlurfte durch mein Zimmer ins Bad für die Morgenwäsche. Nach der Dusche ging es mir schon ein wenig besser, auch wenn die dunklen Ringe unter meinen Augen etwas anderes behaupteten.

Sie erzählten von einer tränenreichen Nacht voller Hoffnungslosigkeit, die mich auch jetzt wieder zu überwältigen drohte. Alles hatte sich geändert. Nicht nur weil sie jetzt offen zugaben, dass ich eine Gefangene war, die ihrem Wohlwollen völlig ausgeliefert war. Viel schlimmer war Nikita. Carrie hatte mich gewarnt, aber ich hatte trotzdem nicht anders handeln können. Und nun bestand die Gefahr, dass sie sie mir ganz vorenthalten würden, wenn ich nicht mein bestes Benehmen an den Tag legte.

Wenn ich ein Problem hatte, hatte meine Mutter früher immer gesagt ich solle eine Nacht darüber schlafen. Im Hellen war es meist nicht so schlimm. Sie hatte sich getäuscht. Im hellen betrachtet, fand ich das alles noch viel schlimmer – besonders meinen Zusammenbruch.

Es war nicht so das Killian sich darüber lustig gemacht hatte, oder mich für meine Schwäche verhöhnte. Hätte er das getan, könnte ich problemlos damit leben. Aber er hatte Verständnis gezeigt. Nicht Mitleid, einfach nur Mitgefühl. Er hatte mich lange einfach nur im Arm gehalten und versucht Trost zu spenden. Selbst nachdem ich meine Schwäche endlich hatte zurückdrängen können und die Tränen getrocknet waren, hatte er mich nicht losgelassen – nicht bevor ich bereitgewesen war mich von ihm zu lösen. Und dann war er mit einem leise geflüsterten Abschied gegangen. Einfach so.

Wahrscheinlich sollte ich mich dafür schämen in seiner Anwesenheit so die Fassung verloren zu haben. Aber eigentlich war es mir völlig egal. Ich war einfach nur müde.

Mein Kleiderschrank gab an diesem Morgen auch nicht viel her. Nicht das Eden mir nicht genug Kleidung zu Verfügung stellte, aber … es waren nicht meine. Sie mochten sauber, weich und bequem sein, aber sie gehörten mir nicht. Nichts an diesem Ort gehörte mir. Bei Marshall hatte ich vielleicht nicht viel besessen, doch wenigstens wusste ich dort, dass ich mir die wenigen Sachen verdient hatte.

In nichts als einem Handtuch gehüllt starrte ich mit dünnen Lippen in den Schrank, bis ich den Anblick einfach nicht mehr aushielt und das Gesicht abwandte. Mir war zum Heulen zumute. Wenn ich doch nur schneller gewesen wäre, oder in eine andere Richtung gerannt. Wenn ich mich doch nur stärker gewehrt hätte. Wenn ich doch einfach nur nicht so dumm gewesen wäre mich erwischen zu lassen, als ich Nikita aus dem Wagen am Baggersee holen wollte.

Als um kurz nach sieben Carrie gut gelaunt mit meinem Frühstück erschien, und mir einen Stuhl an die Backe quatschte, stand ich immer noch mit nichts als einem Handtuch am Leib mitten im Zimmer. Natürlich machte sie es sich sofort zur Aufgabe mein passendes Outfit für den Tag zusammenzustellen, während sie gleichzeitig meinen mangelnden Appetit kritisierte und anfing die Vorzuge der einzelnen Adams aufzuzählen. Selbst meine einsilbigen Erwiderungen konnten sie von ihren Enthusiasmus nicht abbringen. Schließlich hatte ich nur noch vier Tage Zeit mich zu entscheiden. Oder besser gesagt drei, weil in vier Tagen würde ich ja bereits zu ihm müssen – wer auch immer der Erwählte sein würde.

Sie redete so lange ununterbrochen, bis es Zeit wurde nach oben in die fünfunddreißigste Etage zu fahren, um meiner stumpfinnigen Arbeit nachzukommen.

„Du könntest dich ja mal mit einigen von ihnen treffen, einfach um sie kennenzulernen“, erklärte Carrie, während sie mich in den Flur schob und meine Zimmertür hinter mir verschloss.

Die EF-Fessel gab einen leisen Piepton von sich, als ich über die Türschwelle trat.

Carrie stockte einen Moment, machte dann aber einfach weiter, als sei nichts gewesen. „Ich könnte die Termine organisieren, wenn du möchtest. Rein zufällig weiß ich sogar, dass Valentin und Alexander heute Mittag Zeit hätten. Jósa leider nicht, der ist noch mit Luana in seinem Haus – aber nur noch bis morgen.“ Sie lenkte mich Richtung Fahrstuhl, nicht gewillt, mich zur Treppe zu lassen.

Ich verzog das Gesicht.

„Du könntest ihn also morgen treffen. Am Besten in deiner Mittagspause. Obwohl ein Abendessen ja auch ganz nett wäre. Er würde sich sicher freuen dich zu treffen.“

„Warum? Weil wir beide Streuner sind, denen der Dreck der Alten Welt immer noch in allen möglichen Körperöffnungen steckt?“

Carrie schnalzte missbilligend, nickte aber, als wir am Fahrstuhl ankamen und sie den Rufknopf drückte. „Gemeinsame Interessen oder Ergebnisse können eine Verbindung schaffen. Vielleicht wäre er für den Anfang gar nicht schlecht für dich. Weißt du was, ich werde morgen einfach einen Termin zwischen euch beiden vereinbaren. Ich schicke ihm mal eine Anfrage. Und wenn ich schon dabei bin, frage ich Valentin und Alexander ob sie in deiner Mittagspause heute schon etwas vorhaben.“ Gesagt getan. Sie zog ihren Screen aus der Tasche und widmete ihm die nächste Minute ihre ganze Aufmerksamkeit.

Himmlische Ruhe erfüllte den Korridor. Leider entstand diese Ruhe nur, weil Carrie es sich heute offensichtlich in den Kopf gesetzt hatte, mich an den Mann zu bringen. Das machte mich nicht nur nervös, sondern auch unruhig. Ihr aber zu sagen wohin sie sich ihre Ideen stecken konnte, würde meine Position nicht gerade verbessern. Ich sah es geradezu vor mir, wie ich ihr ganz sachlich erklärte das jeder Mann der mir zu nahem kam von mir einen operativen Eingriff bekommen würde, der ihn umgehend zur Frau machen würde.

Ja genau, Gewalt Androhungen waren im Moment genau das was ich brauchte.

Ungeduldig verschränkte ich die Arme vor der Brust und starrte auf die Fahrstuhlanzeige. Er steckte irgendwo in der neunten Etage fest und schien nicht gewillt, sich dort in der nächsten Zeit wegzubewegen. Vielleicht sollte ich einfach zur Treppe gehen. Carrie konnte sicher auch alleine auf den Fahrstuhl warten.

„So, erledigt. Wenn -“ Sie wollte ihren Screen gerade wieder in ihre Tasche stecken, als er einen Signalton von sich gab. „Moment.“ Sofort begann sie wieder darauf herumzutippen.

Zeitgleich hörte ich im Korridor rechts von uns, wie eine Tür geschossen wurde.

Der Fahrstuhl setzte sich endlich in Bewegung.

„Ah, Valentin hätte heute Abend für dich Zeit. Möchtest du lieber zu ihm gehen, oder soll er zu dir kommen.“

Ich starrte sie an wie ein Dromedar, das kurz davor war seine Körpergase zu reduzieren. Ich musste wissen wie das aussah, schließlich war das eine der Lieblingsbeschäftigungen von meinem Trotzkopf.

„Wahlweise könntet ihr euch auch in einem Lokal, oder auf der Terrasse treffen.“

Wieder piepte ihr Screen, genau Zeitgleich mit dem Fahrstuhl, der nun doch der Meinung war, endlich unserem Ruf zu folgen und seine Pforten für uns öffnete. Das gab mir einen Moment Zeit um darüber nachzudenken wie ich möglichst unauffällig aus der Sache wieder rauskam. Meine Gedanken stockten jedoch, als ich Sawyer aus dem rechten Korridor kommen sah und mir unsere letzte Begegnung wieder in den Sinn kam. Auch da war es um Babys gegangen. Immer ging es nur um Babys.

Natürlich bemerkte auch er mich sofort, ließ sich aber nicht anmerken, dass ich mehr war als ein Mensch der rein zufällig den gleichen Planeten wie er bewohnte. Er gesellte sich einfach zu uns, als Carrie mich in den Fahrstuhl scheuchte, schaute mich einen Moment an und schaute dann wieder weg.

„Valentin macht den Vorschlag heute Abend um acht in Finns Bistro zu speisen. Was sagst du dazu?“

„Meine ehrliche Meinung? Ich halte das für eine schlechte Idee. Er ist schließlich kein dreckiger Streuner wie ich, sondern ein porentief reiner Städter.“ Das war doch mal diplomatisch.

„Also um acht im Bistro.“ Carrie widmete sich erneut ihrem Screen.

Fast hätte ich aus lauter Verzweiflung die Hände ich die Luft geworfen. Warum fragte sie mich eigentlich, wenn sie die Entscheidung doch über meinen Kopf hinweg traf?

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass Sawyer mich beobachtete. Ich fuhr zu ihm herum und funkelte ihn an. „Was?“

Sein Blick huschte kurz zu Carrie, bevor er sich wieder der Fahrstuhlanzeige zuwandte. „Nichts.“

Bildete ich mir das nur ein, oder wollte er mit mir sprechen, konnte es aber nicht, weil Carrie anwesend war.

Klar doch und heute wird der Mond zur Mittagszeit aufgehen.

Wahrscheinlich überlegte er sich nur ob es im Beisein meiner Betreuerin eine so gute Idee wäre mich wieder mit Hohn und Spott zu überhäufen.

Wieder piepte der Screen.

„Valentin sagt dass er sich schon darauf freut dich kennenzulernen“, erklärte Carrie und ließ das tückische Teil, dass es sich wohl zu Lebensaufgabe gemachte hatte mein Leben zu ruinieren, endlich wieder in ihrer Tasche verschwinden.

„Das ist dann wohl der Moment, in dem ich vor Freude an die Decke springen sollte“, murrte ich und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust.

Carries missbilligendes Schnalzen kam nicht wirklich unerwartet, das Lächeln das an Sawyers Lippen zupfte dagegen schon.

Ach, der macht sich doch eh nur über mich lustig.

Es dauerte noch eine gefühlte Ewigkeit, bis der Fahrstuhl endlich in der obersten Etage ankam und ich der Enge dieser Todesfalle entkommen konnte. Dabei bemerkte ich sehr wohl, wie Sawyer mich schon wieder beobachtete. Und auch wie er die Lippen unzufrieden zusammendrückte.

Wahrscheinlich hat er etwas Falsches gegessen und jetzt plagten ihn Verdauungsbeschwerden.

Über den Tag versuchte ich mich von meinem bevorstehenden Stelldichein mit Valentin abzulenken. Ich hatte nicht nur keine Lust darauf, allein bei dem Gedanken daran stellten sich mir an allen möglichen Stellen die Härchen auf und gaben meinem Fluchtreflex neue Nahrung. Leider war das Einscannen von Akten nicht sehr fordernd und auch Carrie, die scheinbar nichts anderes mehr im Kopf hatte, erinnerte mich ununterbrochen mit ihren Ratschlägen über Konversation, Verhalten und die passende Kleidung an das bevorstehende Treffen, das mein Zukunft besiegeln konnte. Sie pochte mehr als einmal darauf mich ganz natürlich zu geben. Es gebe keinen Grund mich zu verstellen, betonte aber gleichzeitig, dass ich doch vielleicht ein paar Eigenarten ablegen sollte – wie meine nur allzu offensichtliche Feindseligkeit gegen Eden und alles was damit zu tun hatte.

Außerdem betonte sie die ganze Zeit, dass ich mit dieser Verabredung kein festes Arrangement einging und mich jederzeit auch für jemand anderes entscheiden konnte. Es war schließlich nur ein Treffen um ihn ein bisschen kennen zu lernen. Leider war das gar nicht das Problem und das wussten wir beide.

Um ihren endlosen Reden zu entkommen, verschwand ich zu einer frühen Mittagspause zum Essen in meinem Zimmer. Sie blieb an meinen Fersen bis ich ihr die Tür vor der Nase zuknallte und stand sofort wieder auf der Matte, als ich sie eine halbe Stunde später wieder öffnete.

Auf dem Weg zurück nach oben in mein Büro erzählte sie mir überschwänglich, dass auch Alexander sich nun gemeldet hatte. „Er meint er würde dich gerne kennenlernen, aber an deinem Stichtag kann er leider nicht teilhaben, weil er sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt bereits mit Roxanna in der Fekundation befindet.“

„In der was?!“ Konnte man das essen?

„So nennen wir die Zeit in der sich ein Adam und eine Eva zurückziehen um ein Kind zu zeugen.“

Also konnte man das nicht essen. „So ein Pech aber auch.“

Ich wartete auf das missbilligende Schnalzen, wurde dieses Mal aber enttäuscht. Sie beließ es bei einem einfachen Blick.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und ich rannte beim meinem Versuch diesem Abgrund des menschlichen Genies so schnell wie möglich zu entkommen fast in Sawyer rein, der direkt davor wartete.

Er schaute mich einen Moment überrascht an, machte den Mund auf, schloss ihn aber sofort wieder, als er Carrie erblickte.

„Darf ich mal?“, fragte ich nicht sehr höflich und drängte mich an ihm vorbei, bevor er antworten konnte oder auch nur die Gelegenheit bekam mir aus dem Weg zu treten.

Erst eine halbe Stunde später, als ich bereits wieder damit beschäftigt war Akten zu scannen, wunderte ich mich darüber, Sawyer heute schon zum zweiten Mal im Turm der Evas gesehen zu haben. Doch erst als ich wenig später auf der Toilette gewesen war und ihn erneut dabei entdeckte, wie er sich auf dem Korridor herumdrückte, wurde ich wirklich misstrauisch. Hatte er nicht vorhin vor dem Fahrstuhl gestanden, um nach unten zu fahren? Ich kam jedoch nicht dazu ihn darauf anzusprechen, da mein ständiger Schatten neben mir auftauche, weil ich wohl zu lange geraucht hatte, um mir die Hände zu waschen. Nur eine Minute über mein Zeitlimit und ich würde die geballte Macht von Eden heraufbeschwören, die mich zurück an meinen Schreibtisch verfrachten würde.

Hatte ich gestern Morgen noch gedacht ich sei eine Gefangene ohne Freiheiten, so wusste ich nun, was diese Worte wirklich bedeuteten.

Kaum waren diese Gedanken wieder da, bekam ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Immer und immer wieder spielte sich der gestrige Tag in meinem vor meinem inneren Auge ab und aus der ausweglosen Hoffnungslosigkeit wurde langsam aber sicher eine brennende Wut, die ich kaum noch bändigen konnte. Als die habgierigen Worte von Agnes zum bestimmt tausendsten Mal durch meine Gedankenwelt geisterten, knallte ich die aktuelle Akte mit so viel Wucht auf den Schreibtisch, dass Carrie vor Schreck einen Satz auf ihrem Stuhl machte und mich vorwurfsvoll anfunkelte.

„Ich weiß dass du schlechte Laune hast, aber deswegen musst du deine Wut noch lange nicht an der Einrichtung auslassen.“

Ich biss mir auf die Zunge. Das war immer noch besser als sie anzufahren und damit weitere Konsequenzen auf mich zu nehmen.

Du gehörst mir und solange ich es nicht erlaube, wirst du nicht gehen.

Die nächste Akte knallte ich mit genauso viel Wucht neben den Handscanner und ignorierte Carries Schnalzen.

„Also wirklich“, murrte sie nur und wandte sich wieder dem tragbaren Screen auf ihrem Schoß zu. „Auf diese Art wirst du es niemals schaffen deine Probleme in den Griff zu bekommen.“

Ich verkniff es mir ihr zu sagen, dass ein Großteil meiner Probleme sich einfach in Luft auflösen würde, wenn ich auf-nimmer-Widerehen durch diese beschissenen Tore Spazieren dürfte. Stattdessen stopfte ich die Akten auf meinem Schreibtisch grob zurück in die Kiste und klemmte mir die dann unter den Arm. „Ich bin mal eben im Keller.“

„In Ordnung, Liebes.“

Auch darauf verkniff ich mir einen Kommentar.

„Du hast fünfzehn Minuten. Wenn du dann nicht wieder hier bist, gebe ich den Stadthütern Bescheid“, fügte sie noch leichthin hinzu. Dabei hielt sie es nicht einmal für nötig ihren Kopf von dem blöden Tablet zu heben.

Zähneknirschend verließ ich das Büro und nahm die Treppe hinunter in den Keller. Sollte sie doch die Stadthüter rufen. Sie würde schon sehen wie lächerlich sie sich damit machte die Leute völlig umsonst auf den Plan zu bringen. Schließlich hatte sie noch immer ein hervorragendes Druckmittel, das verhinderte, dass ich mich aus dem Staub machte.

Mittlerweile war der Nachmittag angebrochen und ich hatte Nikita noch nicht gesehen, obwohl ich vor einer guten Stunde darauf gedrängt hatte, zu ihr zu gehen. Dieser Vorschlag wurde natürlich sofort im Keim erstickt. Wenn überhaupt, dann durfte Nikita nur noch zu mir kommen und das auch erst wenn Phil seinen Bericht abgegeben hatte. Vorher würde ich sie nicht zu Gesicht bekommen.

Vielleicht kam daher auch meine absteigende Laune.

Zwischen meiner beißenden Wut schlich sich die Hoffnungslosigkeit wieder ein und machte es sich dort bequem. Es war aussichtslos. Die ganze verdammte Situation war aussichtslos. Sie hatten mich in der Hand und ich wusste nicht mehr was ich noch dagegen unternehmen sollte.

Die Mischung meiner Gefühle ließ meinen Körper vor Anspannung zittern. Im Keller angekommen bebten meine Hände so stark, dass ich mehrmals tief einatmen musste, um mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich konnte nicht vermeiden, dass meine Gedanken zu Marshall drifteten. Insgeheim wollte ich noch immer sein kleines Mädchen sein. Beschützt und behütet durch seine Stärke. Ich wollte dass er herkam und mich nach Hause holte. Ich wollte dass meine Welt mit seiner Hilfe wieder in Ordnung kam.

Aber er würde nicht kommen. Ein Streuner wie er würde niemals freiwillig in die Nähe von Eden gehen – nicht mal für mich. Angst und Überlebenswille hielt ihn fern. Und er konnte auch gar nicht kommen. Er hatte noch zwei andere Leute in seiner Gruppe, um die er sich kümmern musste. Ohne ihn wären sie aufgeschmissen.

„Oh Marshall“, murmelte ich, während ich mich gegen die schwere Tür lehnte, die mich in das Kellergewölbe einließ. Sie quietschte leicht und bockte ein wenig, aber das wusste ich in der Zwischenzeit bereits.

Mit der Kiste unter meinem Arm zählte ich die Regalreihen ab, bis sich die Richtige vor mir auftat. Gerade als ich in sie einbiegen wollte, vernahm ich ein leises Geräusch, dass hier überhaupt nicht hinein passte. Ein Schaben wie von Schuhen, die über den Betonboden scheuerten. Es war nur kurz und leicht zu überhören, dann war alles wieder still. Aber ich hatte es gehört.

In der Alten Welt war es wichtig auch auf die kleinsten Geräusche zu achten. Es war eine antrainierte Fähigkeit, die mir schon mehr als einmal den Arsch gerettet hatte und so ins Blut übergegangen war, dass ich sofort unbewusst reagierte. Also ignorierte ich die plötzlichen Warnsignale in meinem Kopf nicht, sondern lauschte in die Stille hinein.

Etwas stimmte nicht.

Eine Minute, in der ich mich keinen Millimeter bewegte, verstrich. Und dann noch eine. Mein Atem war ruhig, auch wenn mein Herz ein wenig schneller schlug und meine Muskeln beinahe vor Anspannung vibrierten.

Ich wartete darauf dass sich das Geräusch wiederholte, oder ich etwas anderes hörte, das nicht hier her passte, aber selbst nach mehreren Minuten blieb alles still. Vielleicht hatte ich mich ja doch getäuscht. Ich glaubte es zwar nicht, aber es war durchaus möglich, besonders im Moment, wo meine Gedanken sowieso das reinste Chaos waren.

Wachsam setzte ich mich wieder in Bewegung und suchte die Lücke zwischen den Kisten in den labyrinthartigen Regalen, damit ich meine dort unterbringen konnte. Die Belastung der letzten Tage und Wochen machte sich langsam bemerkbar, genau wie die Angst vor meiner bevorstehenden Zukunft. Wahrscheinlich hatte ich mich wirklich getäuscht. Wie lächerlich, jetzt hörte ich schon Gespenster.

Da ich mich von Oben nach unten arbeitete, musste ich auf Zehenspitzen gehen, um die Kiste zurück auf ihren Platz zu stellen. Ich hatte die Kante gerade auf das Regalbrett gesetzt, als das Geräusch sich wiederholte – direkt hinter mir. Ich hörte nur noch ein verärgertes „Na endlich“, bevor meine Schulter mit einem festen Griff gepackt wurde.

 

oOo

Kapitel 29

 

Ich handelte rein instinktiv, wirbelte herum und holte aus. Die Kiste rutschte vom Regalbrett und knallte zu Boden. Die Akten verstreuten sich wie Schnee im Winter und noch bevor ich den überraschten Blick registrierte, oder in welchem Gesicht er klebte, traf meine Faust bereits ihr Ziel – direkt gegen eine männliche Brust.

Ein Keuchen. Der Mann der es ausstieß, taumelte rückwärts und knallte mit dem Rücke gegen das Regal hinter sich. Es wackelte, aber die Aktenkisten blieben wo sie waren. „Hölle noch mal“, knurrte er und rieb sich luftschnappend die schmerzende Stelle, während er mich böse anfunkelte. „Was stimmt nicht mit dir?“

Verflucht noch mal, das gab es doch nicht. „Sawyer?“

„Na was hast du denn geglaubt, wem du hier unten begegnen könntest? Vielleicht einer gute Fee, die dir drei Wünsche erfüllt?“ Die Verärgerung war ihm deutlich anzuhören.

„Was verdammt noch mal machst du hier? Du hast mich erschreckt!“

„Das habe ich bemerkt“, erwiderte er trocken und richtete sich auf. Dabei rieb er sich erneut vorsichtig über die Brust. „Himmel hast du einen heftigen Schlag.“

Es klang nicht wirklich wie ein Kompliment – wahrscheinlich weil es keines war – aber ich hieß das leichte Gefühl der Befriedigung willkommen. „Du hättest dich eben nicht so anschleichen sollen.“

„Anschleichen?“ Er gab ein höhnisches Schnauben von sich. „Ich bin einfach hinter dich getreten. Konnte ja keiner ahnen, dass du schreckhaft wie eine Maus bist.“

Schreckhaft? Ich war nicht schreckhaft.

Trotzdem war es seltsam, dass er sich hier unten herumtrieb, das war schließlich kein öffentlicher Ort, an dem man sich rein zufällig über den Weg lief. Vorsichtshalber wich ich einen Schritt vor ihm zurück, ohne dabei auf die verstreuten Akte zu treten. Das war das vierte Mal dass ich ihm heute begegnete und langsam wurde ich wirklich misstrauisch. „Was machst du hier unten?“

Sawyer, der noch immer prüfend seine Brust betastete, schaute verärgert auf. „Dich abpassen, was sonst? Aber da das kleine Mäuschen die ganze Zeit von einen sehr anhänglichen Schatten verfolgt wird, ist es gar nicht so einfach dich alleine zu erwischen.“

Dieser großspurige Ton in seiner Stimme ließ ich auf der Stelle finster das Gesicht verziehen. Kleines Mäuschen. Dem ging es ja wohl zu gut. „Also hab ich mir das nicht eingebildet und du hast mich wirklich den ganzen Tag verfolgt.“

„Bilde dir bloß keine Schwachheiten ein.“ Er strich sich noch ein letztes Mal verstimmt über die Brust und ließ die Arme dann sinken. „Ich habe wirklich besseres zu tun, als dir den ganzen Tag hinterherzuschleichen.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, murmelte ich so leise, dass er es eigentlich nicht hören dürfte. Da seine Augen aber ein paar Grad kälter wurden, hatte er wohl bessere Ohren als ich angenommen hatte.

„Ich muss mir dir sprechen, okay? Allein.“

Das waren ja ganz neue Töne. Und sie machten mich erst recht misstrauisch. „Warum willst ausgerechnet du mit mir sprechen?“

„Von wollen kann keine Rede sein. Viel lieber hätte ich dir einen Zettel geschrieben und ihn dir unter der Tür durchgeschoben, aber du kannst ja nicht lesen.“

Warum nur klang das aus seinem Mund wie eine Beleidigung? „Die Worte Streuner und Lesen vertragen ich halt nur in den seltenste fällen.“ Ob er den Schlag unter die Gütelinie verstanden hatte?

„Dafür dass du im Moment richtig schön in der Scheiße sitzt, hast du aber eine ganz schön große Klappe.“

Bastard. „Weist du was? Lass mich in Ruhe.“ Ich kehrte ihm den Rücken zu und begann damit die blöden Akten vom Boden aufzuklauben und zurück in dir runtergefallene Kiste zu stopften. Dabei war es mir völlig gleichgültig wie durcheinander sie waren.

Ein paar Minuten beobachtete der Idiot mich schweigen. Er versuchte weder mir zu helfen, noch verschwand er. Einfach nur die Arme vor der Brust verschränkt stand er da und schaute mir zu.

Das nervte. Ich mochte es nicht wenn mir jemand im Nacken saß und über die Schulter schaute. „Kannst du nicht weggehen?“

Er ignorierte die Frage. Aber da ich die Stille gebrochen hatte, hielt er es wohl nicht mehr nötig zu schweigen. „Es wird nicht funktionieren“, sagte er leise. „Du schaffst es niemals allein hier rauszukommen. Und schon gar nicht mit deiner Schwester im Anhang.“

Meine Schultern versteiften sich. „Wer sagt, dass ich noch hier weg will?“ Obwohl von wollen hier nicht die Rede sein konnte. Mein Problem war das Können. Ich konnte nicht weg, ich schaffte es einfach nicht, denn sie wollten mich absolut nicht gehen lassen.

„Verkauf mich bitte nicht für blöd.“ Endlich stieß er sich von dem Regal ab und trat in mein Sichtfeld. Allerdings ließ er sich noch immer nicht dazu herab mir zu helfen. Blödmann. „Dein gestriger Fluchtversuch ist noch in aller Munde. Das sie dich aus den Augen lassen – auch wenn nur für eine kurze Zeit – grenzt nahezu an ein Wunder.“

Ich biss die Zähne zusammen. Seine Worte fachten meine Wut nur wieder an. „Bist du hier um dich an meinem Leid zu laben?“ Ich stieß die Akte so heftig zurück in die Kiste, dass sie völlig zerknickte. „Oder macht es dir einfach Spaß dich über mich lustig zu machen?“

Sein arrogantes Lächeln ließ seinen rechten Mundwinkel nach oben klettern. „Es macht schon Spaß, aber deswegen wollte ich nicht mit dir reden.“

„Also hat dein Auftauchen hier wirklich einen Sinn?“ Den Deckel des Kartons haute ich mit so viel Wucht auf die Kiste, dass die Ecke einriss. Es war mir egal. Leider tat mir danach meine verbundene Hand weh. Das war nicht so super.

„Ja, denn auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, es zählt nicht zu meinen Hobbys Frauen zu stalken.“

Ich schnaubte, während ich die Kiste vom Boden stemmte und auf ihren angestammten Platz in das Regal schob. „Ja, ich weis, du lauerst lieber Frauen in dunklen Kellern auf.“

Seine Augenbraue wanderte ein Stück nach oben. „Du bist ziemlich von dir überzeugt, was?“

Als würde ich darauf auch noch antworten. „Wenn du unbedingt mit mir sprechen wolltest, warum dann diese Heimlichtuerei? Noch ist es schließlich kein Verbrechen sich mit mir zu unterhalten.“ Aber so wie ich Agnes bisher kennengelernt hatte, traute ich ihr durchaus zu, dass irgendwann zu einer Straftat zu erheben.

Schnaubend wies ich diesen Gedanken von mir und griff nach der Kiste neben der lädierten, um sie mit nach oben zu nehmen.

„Weil ich eine Idee habe wie wir hier rauskommen können und deswegen ist es besser, wenn man uns vorläufig nicht mehr zusammen sieht. Wir wollen ja nicht, dass irgendwer auf den Gedanken kommt wir würden etwas zusammen aushecken.“

Schon bei dem Wort „rauskommen“ hatte er meine vollste Aufmerksamkeit. Auch wenn ich mich nicht mehr bewegte, oder ihn gar ansah, so war da plötzlich wieder ein kleiner dummer Schimmer er Hoffnung in mir. Dafür hätte ich ihm am liebsten verflucht. „Eine Idee?“

„Ja. Sie ist zwar noch nicht ganz ausgereift, aber um ein vielfaches besser als dein kleiner Ausflug gestern durch die Stadt.“

Ausflug. Wie er das sagte. Für den Hohn in seiner Stimme hätte ich ihm am liebsten noch mal gegen die Brut geboxt. Meine Lippen wurden zu einem dünnen wütenden Strich. „Ich habe es bis zur letzten Mauer geschafft.“

„Das Glück der Dummen und Naiven.“

In Ordnung, jetzt reichte es mir. Wüten fuhr ich zu ihm herum und funkelt ihn an. „Weist du was Sawyer? Ich habe es nicht nötig mich von einem Bastard wie dir verhöhnen zu lassen. Du willst mir zur Flucht verhelfen? Du bist seit sechzehn Jahren hier und hast es nicht einen Schritt aus dieser Stadt herausgeschafft. Noch dazu bist du durch deine eigene Dummheit hier gelandet. Da hat der Papi mal keine Zeit für das kleine Sawyer-Baby und da rennt er aufmerksamkeitlechzend davon um ihm eine Lehre zu erteilen. Buh-hu. Ich presse mir nachher eine Träne für dich aus dem Augenwinkel, in Ordnung? Aber jetzt muss ich wieder nach oben, bevor Carrie die Stadthüter auf eine Hetzjagd nach mir schickt.“

Mit jedem weiteren Wort war Sawyers Arroganz zu einer emotionslosen Maske geworden. Irgendwas davon hatte ihn getroffen. Leider besänftigte das meine Wut nicht, sondern fachte sie nur noch weiter an. Seine Kälte war wie Zunder für das Monster das langsam in meinem Inneren heranreifte. Deswegen kehrte ich ihm den Rücken zu und marschierte einfach davon, bevor ich noch etwas Unüberlegtes tat.

Doch bevor ich das Ende der Regalreihe erreichen konnte, erklang seine Stimme wieder – viel kälter als vorher. „Du wirst es niemals schaffen hier rauszukommen – nicht alleine. Und auch ich werde Eden niemals alleine verlassen können. Zusammen allerdings haben wir eine Chance.“

Gegen meinen Willen ließen seine Worte mich anhalten. Auch wenn ich mich nicht zu ihm umdrehte, ich hörte zu.

„Wir müssen uns nicht mögen, aber wir müssen zusammenarbeiten, dann können wir es schaffen.“

Schaffen. Natürlich. Ich glaubte ihm nicht. Und trotzdem musste ich einfach nachfragen. „Und wie?“

„Ich habe einen Plan, an dem ich schon eine ganze Weile feile. Aber ich brauche dafür eine Frau die mir hilft – das ist entscheidend.“

Die Überzeugung in seiner Stimme war so stark, dass ich mich nun doch zu ihm umdrehte. „Eine Frau?“

Er nickte lediglich, ohne das näher zu erläutern. „Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Flucht, die nicht damit endet von den Yards mit viel Tamtam zum Turm zurückkutschiert zu werden, sind eine Frau und Willow.“

Natürlich musste er es mir auch noch unter die Nase reiben, dass ich versagt hatte. Arrogantes Arschloch. „Wer ist Willow?“ Irgendwo hatte ich diesen Namen schon gehört.

„Meine Tochter.“

Nun verstand ich gar nichts mehr. „Deine Tochter ist der Schlüssel von hier zu entkommen?“

Eine Antwort blieb er mir schuldig. Stattdessen neigte er den Kopf leicht zur Seite und musterte mich auffallend von oben bis unten. „Hast du dich schon für deinen ersten Adam entschieden? Du hast nur noch vier Tage.“

Mein ganzer Körper versteifte sich. Dass er mich ausgerechnet jetzt daran erinnern musste, war wirklich eine miese Nummer. „Was geht dich das an?!“, fauchte ich Am liebsten hätte ich die Kiste nach ihm geworfen.

Mein kleiner Ausbruch beeindruckte ihn nur leider nicht. Sie verhalf ihm lediglich zu einem Hauch seines arroganten Lächelns. Ich verabscheute dieses Lächeln langsam. „Also nicht.“ Selbstsicher und völlig von sich überzeugt trat er mit einer raubtierhaften Eleganz auf mich zu, bis er vor mir stand und mir direkt in die Augen schauen konnte. Dass ich dabei ein kleinen wenig zu ihm aufblicken musste, ärgerte mich. Dennoch wich ich kein Stück zurück, auch wenn er mir für meinen Geschmack viel zu nahe war.

„Wenn du erfahren willst, wie wir dieses Loch verlassen können, dann bestimme mich zu deinem Adam.“

Ich schnaubte. Das war völlig absurd.

Aber Sawyer war noch nicht fertig. „Wir werden kein Baby machen, ich werde dich nicht anfassen solange du es nicht willst, aber wir haben dann vier Tage Zeit um den Plan auszuarbeiten, ohne dass uns jemand stören oder belauschen kann.“ Er trat provozierend ein Stück näher. „Nur du und ich ganz allein. Und anschließend winkt die Freiheit.“

Wäre da nicht diese Anzüglichkeit in seiner Stimme gewesen, die mich zu meiner eigenen Verärgerung leicht verunsicherte, hätte ich vielleicht sofort ja gesagt. Aber ich tat es nicht. Davon abgesehen war er ein Adam. Es war gut möglich dass Agnes ihn darauf angesetzt hatte, mich in sein Haus zu locken. Ich konnte ihm nicht trauen. Ich konnte hier niemanden trauen.

„Du musst dich nicht sofort entscheiden“, erklärte er gönnerhaft und trat endlich von mir zurück. „Aber du solltest dir nicht zu viel Zeit lassen, sonst läufst du hier bald mit einem dicken Bauch herum. Und eines kannst du mir glauben. Je länger du hier bist, desto schwerer wird es ihnen zu entkommen, denn du wirst mit jedem Jahr mehr zu verlieren haben.“

Mit diesen Worten ließ er mich einfach stehen und verschwand aus dem Keller.

 

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Kapitel 30

 

Sobald ich einen Fuß über die Schwelle des Bistros setzte, wurde ich von dem fröhlichen Klingeln eines kleinen Glöckchens begrüßt. Die Räumlichkeiten die sich mir eröffneten, waren hell gehalten. Gerüche von Speisen lagen in der Luft und kitzelten meine Nase. Fetzen gemurmelter Gespräche drangen an meine Ohren, genau wie das Klappern von Besteck.

Es war nur ein kleines Geschäft, in denen neben der Theke gerade mal ein Dutzend Tische Platz hatten. Draußen auf der Sommerterrasse standen noch einmal doppelt so viele und waren bis auf den letzten Platz besetzt. Hier drinnen dagegen war noch die Hälfte frei. Die Städter schienen sich noch in den letzten warmen Strahlen des Tages auskosten zu wollen, bevor die Nacht über sie hineinbrach.

Links von mir saß eine Gruppe von drei Frauen in ein Gespräch vertieft. Eine von ihnen hielt einen Säugling im Arm.

Der Anblick setzte mir zu. Am liebsten hätte ich sofort die Flucht ergriffen. Aber das ging nicht.

„Ich werde mich dezent im Hintergrund halten, um euch ein wenig Privatsphäre zu geben.“

Und genau das war der Grund. Mein Wachhund klebte mir noch immer an den Fersen. „Wie wäre es, wenn ich mich stattdessen dezent im Hintergrund halte und du dich mit ihm triffst.“

Das missbilligende Schnalzen überraschte mich nicht. „Ich kenne Valentin bereits.“

Natürlich kannte sie ihn. Carrie schien jeden in dieser Stadt samt Wohnort, Alter und all ihrer dunklen Geheimnisse zu kennen. „Dann weißt du sicher auch, über was ihr beide sprechen könnt.“

„Nun komm schon.“ Carrie schob mich ohne Rücksicht auf Verluste in den Laden und zeigte dann auf einen Tisch am Fenster, wo ein Mann in den mittleren Jahren ganz alleine saß und mich sehr interessiert beobachtete. „Es ist unhöflich jemanden warten zu lassen.“

„Fangen wir besser nicht mit der Definition von Unhöflich an.“

Dieser kleine Seitenhieb wurde von ihr rigoros ignoriert. „Und vergiss nicht: Du hast morgen früh zum Frühstück einen Termin auf der Terrasse.“

„Wie könnte ich das vergessen?“, grummelte ich. Dank Carries Bemühungen durfte ich morgen früh Jósa treffen. Ich war nicht mal gefragt worden. Aber warum wunderte mich das überhaupt noch, hier gab sowieso niemand etwas auf meine Meinung.

„Sei nicht so undankbar“, mahnte sie. „Und sei nett zu Valentin, er ist ein netter Mann.“

„Juhu.“ Mehr als halbherzig hob ich die Faust mit dem Verband in die Luft. Der Schnitt tat noch immer ein wenig weh.

Carrie ignorierte auch das einfach. „Ich wünsche dir viel Spaß. Und keine Sorge, sollte etwas sein, ich bin in der Nähe.“

Genau das befürchtete ich ja.

Noch ein ermutigendes Lächeln für mich, dann stöckelte sie auf ihren hohen Absätzen zur Theke und ließ sich dort auf einem Barhocker nieder, nur um den Mann dahinter direkt in ein Gespräch zu verwickeln. Aber mich konnte sie nicht tuschen, ich wusste ganz genau, dass sie mich im Auge behalten würde.

Na dann mal los.

Langsam setzte ich mich in Bewegung. Es waren nur wenige Meter die ich überwinden musste, doch leider schien meine Beine mit jedem Schritt schwerer zu werden. Ich wollte das hier nicht – ganz und gar nicht – aber aus der Nummer kam ich nicht mehr raus. Ich musste es wissen, schließlich hatte ich es versucht.

Insgesamt waren in dem Raum vier Tische besetzt. Von den drei Frauen abgesehen, gab es da noch zwei Männer, die viel zu sehr in ihr Gespräch vertieft waren um irgendwas um sich herum wahrzunehmen. Ganz anders das ältere Pärchen, das sich mir drei kleinen Kindern um einen Tisch in der Mitte gescharrt hatte. Die Frau bemerkte mich sofort, zeigte mit dem Finger auf mich und machte so auch noch ihren Begleiter auf mich aufmerksam.

Ich ignorierte sowohl ihre Blicke, als auch ihre aufdringliche Neugierde und konzentrierte mich mit aller Macht auf mein Ziel. Naja, genaugenommen konzentrierte ich mich darauf meine Beine in die richtige Richtung zu bewegen, nicht dass sie sich plötzlich in selbständig machen und mich ganz ohne mein Zutun einfach aus dem Laden trugen.

Und dann stand ich vor ihm. Ein Mann in den mittleren Jahren. Sein blaues Hemd spannte ein wenig über dem Ansatz eines Bäuchleins. Hohe Geheimratsecken zeigten wo sein Haar bereits einen strategischen Rückzug plante. Seine Nase war ein wenig zu lang und zu spitz für das Gesicht. Seine Haut war sehr blass, doch sein Lächeln war … nett. Nett war ein gutes Wort, völlig unverbindlich.

„Hallo“, begrüßte er mich und musterte mich genauso, wie ich ihn zuvor. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht über mein fliederfarbenes Sommerkleid mit den weißen Punkten am Saum, bis hin zu meinen nackten Füßen. Mit einem etwas breiteren Lächeln schaute er mir wieder ins Gesicht.

„Du bist Valentin?“

Er nickte und zeigte auf den Stuhl ihm gegenüber. „Setz dich doch.“

Ich schaute auf den Platz, schaute dann auf ihn und wollte mich einfach nur davon machen. Und hätte ich gewusst wohin ich rennen konnte um all dem zu entgehen, hätte ich das vielleicht auch gemacht. Doch wie die Dinge nun mal standen, ließ ich mich einfach schweigend auf den Stuhl sinken und starrte ihn an.

Er nahm sein Glas und nippte an dem Getränk ohne mich aus den Augen zu lassen. Ein Ring aus Kondenswasser blieb auf dem Tisch zurück. „Als ich die Anfrage zu diesem Treffen bekam, war ich ein wenig überrascht – positiv überrascht.“ Die letzten beiden Worte betonte er als ob sie sehr wichtig wären.

Ich zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. Was hätte ich darauf auch erwidern sollen?

Nachdenklich drehte er sein Glas in der Hand und erwartete offensichtlich eine Erwiderung. Als diese ausblieb, musterte er mich einfach ein weiteres Mal.

Bei diesem Blick wurde mir schlecht. Es war nichts Anzügliches oder gieriges daran, es war einfach die Bedeutung die dahinter stand.

Am Nebentisch wurde das Getuschel etwas lauter. Aber nur bis ich einen Blick in die Richtung warf, dann wurde es ganz schnell ganz still.

Valentin lachte leise über die beiden Männer. „Sei ihnen nicht böse, wir sind alle einfach furchtbar neugierig auf dich. Es gibt hier so selten ein neues Gesicht zu sehen.“

„Da ihr Babys wie am laufenden Band produziert, habt ihr doch ständig neue Gesichter vor Augen.“

„Es ist aber etwas anderes ein Baby kennenzulernen, als eine junge Frau. Noch dazu eine von solch exotischer Schönheit.“

Ich starrte in wortlos an.

„Ach wo bleiben nur meine Manieren. Möchtest du etwas trinken?“ Ohne auf meine Antwort zu warten, hob er die Hand und machte damit den Mann hinter der Theke auf uns aufmerksam. Dieser nickte, beendete sein Gespräch mit Carrie und umrundete samt eines Screens den Tresen. Hinter ihm erklang ein klimpern wie von alten Münzen die gegeneinander schlugen.

Mit einem Lächeln trat er an unseren Tisch, doch als ich sah, was ihm da folgte, spannten sich all meine Muskeln an.

„Wie ich sehe ist deine Begleitung eingetroffen.“

„Eine ganz bezaubernde Begleitung“, stimmte Valentin ihm zu.

Der Mann streckte mir mit einem „Ich bin Finn“ die Hand entgegen, doch meine ganze Aufmerksamkeit galt dem großen Hund hinter ihm. Ein riesiges, langhaariges Ding mit Schlappohren, dem der Sabber von den Lefzen tropfte. Im Gesicht hatte das Vieh so viel Haut, dass seine Augen dadurch ganz klein wirkten.

Als Finn meine Missachtung seiner Hand erfasste, drehte er sich herum um herauszufinden, was da meinem Todesblick ausgesetzt war und lächelte. „Das ist der dicke Doolittle. Keine Angst, der alte Knabe ist ganz harmlos und tut keiner Fliege etwas zu leide.“

Als der Hund seinen Namen hörte, richteten sich seine haarigen Ohren auf und schien eine extra Portion Sabber zu produzieren, die er schmatzend auf dem Boden verteilte.

Igitt. „Ich habe keine Angst vor Hunden“, teilte ich ihm mit. „Ich weiß genau wie man sie schnellstmöglich ausschaltet.“ Und auch wie man sie häutete und anschließend zubereitete. Mit diesem Vieh könnte ich die ganze Gruppe versorgen. Leider haperte es mir im Augenblick an einem Messer. Doch da dieses Vieh nicht im Rudel unterwegs war, könnte ich wahrscheinlich problemlos auf seinen Rücken springen und ihm eine Würgegriff um den Hals legen. Durch das dicke Fell würde es vermutlich ein wenig dauern, aber am Ende könnte ich ihm die Luftzufuhr abschnüren.

Finn schien nicht recht zu wissen, ob er sein Lächeln beibehalten sollte, oder es besser wäre es einfach fallen zu lassen. Deswegen konzentrierte er sich lieber auf ein anderes Thema. „Was kann ich euch bringen.“

„Ich hätte gerne noch eine Apfelschorle“, erklärte Valentin. „Und du?“

Ich brauchte einen Moment um zu kapieren, dass ich gemeint war. „Ähm … keine Ahnung. Ich will nichts.“

„Okay.“ Finn hob sein Screen und tippte darauf. „Und was kann ich euch zu essen bringen?“

„Ich nehme das Tagesmenü.“

Wieder richteten sich alle Blicke auf mich.

Ich zuckte mit den Schultern. „Nichts.“

Valentin blinzelte. „Hast du bereits gegessen?“

„Nein, aber ich hab keinen Hunger.“

Er musterte mich einen Moment und wandte sich dann wieder an Finn. „Weist du was, bring der Lady doch bitte das gleiche wie mir. Vielleicht überlegt sie es sich ja noch einmal.“

Nickend notierte Finn noch etwas auf seinem Screen. „In Ordnung, also zwei Mal Apfelschorle und zwei Mal das Tagesmenü. Komm Little.“ Er wandte sich ab und der Monsterhund mit den kleinen triefenden Augen folgte ihm schwanzwedelnd.

„Magst du keine Hunde?“, fragte Valentin.

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Doch, sie schmecken sehr gut. Aber sie sind gefährlich. Zum Glück gibt es nicht mehr viele von ihnen.“

Valentin blinzelte und lachte dann leise. „Ich glaub du hast meine Frage nicht ganz verstanden. Egal.“ Er beugte sich vor, stellte sein fast leeres Glas auf den Tisch und legte die Unterarme daneben. „Erzähl mir etwas von dir.“

„Ich bin Kismet.“

Er wartete uns seufzte dann, als nichts weiter kam.

Was bitte erwartete er?

Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, eine anregende und aufschlussreiche Konversation.

Ja, als wenn ich all meine Geheimnisse vor ihm ausbreiten würde, nur weil er ein nettes Lächeln hatte.

„Du redest wohl nicht gerne über dich.“

„Nein, das siehst du falsch. Ich rede nicht gerne mit Adams.“

Diese direkte Ablehnung verblüffte ihn für einen Moment, ja er schien geradezu betroffen. „Warum? Was haben wir dir getan?“

„Nichts. Es geht nicht darum was du und die anderen getan habt, es geht darum wofür ihr steht und was ihr tun könntet.“

Das ließ er sich einen Moment durch den Kopf gehen. „Das heißt du hast kein Problem mit mir als Mensch, sondern mit meiner Arbeit.“

Diese Tätigkeit bezeichnete er als Arbeit? Bisher hatte ich immer angenommen sie alle würden es als heilige Lebensaufgabe sehen mein Leben zu ruinieren. Aber nein, es war rein beruflich. „Ich kenne dich nicht genug um mit dir ein Problem haben zu können. Doch das wenige was ich von dir weis, spricht nicht zu deinen Gunsten.“

Nun war er interessiert. „Was weist du denn alles über mich?“

„Du bist ein Adam, du bist ein Städter und du triffst dich nur mit mir um mir einen Braten in die Röhre zu schieben.“

Er blinzelte, blinzelte noch mal und fing dann lauthals an zu lachen.

Eines der Kinder am Nebentisch schaute neugierig zu uns hinüber.

„Du bist sehr ehrlich und direkt, das muss ich dir lassen.“ Immer noch schmunzelnd wischte er sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Aber ich muss dich leider enttäuschen, ich bin nicht hier um dir einen Braten in die Röhre zu schieben, wie du sich so schön ausgedrückt hast.“

Das brachte ihm meine Skepsis ein. „Natürlich nicht. Du bist nur hier um ein nettes Abendessen mit irgendeiner Streunerin zu dir zu nehmen.“

„Um ehrlich zu sein, ja.“ Mein abschätzendes Schnauben ließ ihn gleich noch mehr schmunzeln. „Du magst es vielleicht nicht glauben, aber ich war sehr neugierig auf dich. Und nebenbei erwähnt, nicht nur ich.“ Er nickte zu den anderen Tischen, von denen uns immer wieder verstohlene Blicke zugeworfen wurden. „Es geschieht nicht oft, dass fruchtbare Streuner nach Eden kommen, deswegen bekommen wir selten neue Gesichter zu sehen. Die Menschen die uns im Herz von Eden begegnen sind wir selber, unsere Kinder und unsere Eltern.“

„Beschwerst du dich etwa darüber so eine große Familie zu haben?“

Er schüttelte den Kopf. „Darum geht es gar nicht. Es ist einfach so, dass hier selten etwas Neues passiert. Die ganze Zeit einfach in den Tag hineinzuleben kann mit den Jahren recht langweilig werden. Aber dann kamst du daher.“

Aha. „Und jetzt ist es nicht mehr langweilig?“

„Im Moment ist es vor allen Dingen äußerst spannend.“

„Spannend?“

Er beugte sich mir ein kleinen Wenig entgegen. „Was wird die Eva Kismet als nächstes tun?“

Und da wurde mir klar wovon er sprach. Mein missglückter Fluchtversuch. Jeglicher Ausdruck verschwand aus meinem Gesicht. „Dieses Abendessen hinter mich bringen. Und dann wahrscheinlich zu Bett gehen“, sagte ich mit so viel Kälte in der Stimme, dass er eigentlich zu Eis hätte erstarren müssen.

Mein abwehrendes Verhalten kümmerte ihn offensichtlich nicht. Das Schmunzeln wollte seine Lippen einfach nicht verlassen und langsam fand ich es gar nicht mehr so nett. „Ich hatte ja auf ein paar Insiderinformationen gehofft. Du musst wissen, wir sind alle furchtbare Klatschmäuler.“

Phantastisch. Konnte mich bitte wer erstechen? Dann hatte ich wenigstens eine Entschuldigung, warum ich dieses Treffen verließ.

„Nimm es uns nicht übel, Kismet, so sind wir halt.“

„Aber ich bin nicht so“, knurrte ich. „Und ich werde auch niemals so sein.“

„Du solltest niemals nie sagen, denn du weist nicht was die Zukunft noch für dich bereithält.“

„Doch“, widersprach ich ihm. „Ein Haufen Kinder.“

Sein Lächeln wurde etwas breiter. „Kinder sind etwas Wundervolles. Ich selber habe zweiundvierzig.“

Bei dieser Zahl wurde mir schlecht.

„Meine älteste Tochter nimmt sogar am Fest Elysium Teil, obwohl sie keine Eva ist. Sie ist die Paradeführerin und sehr stolz darauf. Sie hat hart dafür gearbeitet.“

Warum erzählte er mir das? „Dann sollte ich sie wohl beglückwünschen.“

„Das wäre eine angebrachte Reaktion.“

Langsam verstand ich was Carrie an dem Kerl so toll fand. Er war genau wie sie, nur in männlich.

„Du nimmst doch mit Sicherheit auch am Fest teil, oder?“

„Wenn ich wählen dürfte, würde ich nein sagen. Aber man lässt mir hier keine Wahl darum werde ich dabei sein.“

Am Nebentisch versuchte ein kleines Mädchen mit einem braunen Pferdeschwanz am Hinterkopf ganz alleine von ihrem Stuhl zu steigen. Leider war er höher als ihre Beine. Zusätzlich verhakte sich auch noch ihr gelbes Kleid. Doch bevor sie noch fallen konnte, half ihr der Mann neben ihr herunter, zupfte ihr Kleid zurecht und schaute ihr nach, wie sie durch den Laden nach hinten auf die Frauentoilette verschwand.

„Du bist ziemlich feindselig.“

„Bisher hat mir halt niemand einen Grund geliefert freundlich zu sein.“

„Du übertreibst maßlos. Wir sind keine Unmenschen.“ Er griff nach seinem Glas, nur um festzustellen dass er es bereits geleert hatte. Doch da Finn bereits wieder auf dem Weg zu uns war, musste er nicht lange auf Nachschub warten.

Mit einem „Hier“ und „Bitte schön“ stellte er sowohl mir als auch Valentin jeweils ein volles Glas hin. Außerdem bekam jeder von uns ein Satz Besteck, eingewickelt in einer weißen Serviette. „Das Essen dauert noch einen kurzen Moment.“ Damit überließ er uns wieder unserem Gespräch.

„Weist du denn schon wer dein Partner auf der Parade sein wird?“

„Bietest du dich an?“

„So reizend es auch wäre an deiner Seite durch die Stadt zu marschieren, ich muss leider ablehnen, da ich bereits Shae an meiner Seite haben werde.“

Ich konnte meine Enttäuschung gerade noch so zügeln. „Wenn ich Glück habe, werden alle anderen Männer auch bereits vergeben sein.“

Über so viel Feindseligkeit konnte Valentin nur den Kopf schütteln. „Du bist wirklich nicht einfach.“

Wie vorhin bereits, erklang wieder das leise Klimpern von alten Münzen. Gleich darauf tauchte Doolittle hinter der Theke auf und trottete an den Tisch mit den drei Frauen und dem Baby.

„Es macht wohl keinen Sinn dich zu fragen, wie die Stadt dir gefällt.“

„Ach, meinst du?“ Ich griff nach meiner Serviette und rollte das Besteck aus. Wie von selbst begannen meine Finger mit dem Messer zu spielen. Ich vermisste meine Machete.

Er seufzte. „Weißt du -“ Er stockte. Dann: „Hallo Mäuschen.“

Einen Moment war ich etwas irritiert, weil ich glaubte er meinte mich, doch wie ich feststellen musste, war dem nicht so – ein Glück aber auch. Neben mir stand das kleine Mädchen, dass ich eben noch hatte zur Toilette gehen sehen, und schaute mich mit großen unschuldigen Augen neugierig an.

„Können wir dir helfen?“

Die Kleine gönnte Valentin nur einen kurzen Blick, dann war ihre ganze Faszination wieder auf mich gerichtet. In ihrer Hand hielt sie ganz vergessen einen Keks. „Wer bist du?“

Ähm … okay. „Kismet.“

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich kenne dich nicht. Bist du neu?“

„Kismet ist erst seit kurzem in der Stadt“, erklärte Valentin rasch. Vermutlich hatte er Angst vor dem was ich einem kleinen Kind sonst sagen würde. Blödmann.

„Wo war sie denn vorher?“

„Bis vor kurzem lebte sie in der Alten Welt.“

Ihre Augen wurden kreisrund. „In der Alten Welt?“ Ihre Stimme war fast nur ein Hauch. „Aber da ist es doch gefährlich.“

Dieses Mal kam ich Valentin zuvor. „Nicht wenn man weiß wie man sich verhalten muss.“

„Und das weißt du?“

„Ich bin dort draußen aufgewachsen. Ich habe es schon gewusst, als ich noch so klein war wie du.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich wie das schwarze Ungetüm von einem Hund sich in Bewegung setzte und zu dem Tisch mit den zwei Männern trottete. Da er von ihnen aber ignoriert wurde, schaute er sich um, als suchte er eine andere Beschäftigung.

„Ich mag nicht raus in die Alte Welt“, erklärte die Kleine im Brustton der Überzeugung. „Da kenne ich ja niemanden.“

„In der Alten Welt gibt es sowieso nur Dreck und Unkraut“, stimmte Valentin ihr lächelnd zu. „Hier in der Stadt ist es doch viel schöner.“

Fast hätte ich was dazu gesagt, aber genau in diesem Moment stellte Doolittle die Ohren auf und fixierte die Kleine, als sei sie ein ganz Besonderer Leckerbissen. Und dann, schneller als ich es ihm zugetraut hätte, sprang er mit einem Bellen auf das Mädchen zu.

Ich reagierte einfach ohne näher darüber nachzudenken. Packte das Messer fester, stieß die Kleine genau in dem Moment zur Seite als das Monster nach ihrer Hand schnappte und schnitt dem Ungetüm mit einer geübten Bewegung die Klinge quer durchs Auge und das Gesicht.

Blut spritzte, mein Stuhl knallte auf den Boden, der Hund jaulte auf und rannte wimmernd hinter die Theke und die Kleine fing an zu heulen, als hätte man sie aufgespießt.

Für einen kurzen Moment waren alle Blicke im Raum auf mich gerichtet. Dann bückte Finn sich fluchend nach seinem wimmernden Monster, während Valentin aufsprang um nach dem Kind zu schauen. Doch die Frau vom Nebentisch war schneller. Sie hatte das Mädchen schon auf ihre Arme gerissen, bevor er auch nur einen Schritt gemacht hatte und starrte mich mit großen Augen an. Dabei drückte sie das weinende Kind schützend und drehte sich so, als wolle sie es vor mir abschirmen.

„Was verdammt noch mal sollte das?!“, fuhr Valentin mich an.

Der Mann am Nebentisch brachte die anderen beiden Kinder, die scheinbar aus reiner Sympathie auch angefangen haben zu weinen, aus meiner Reichweite.

„Was?“ Das war nicht die Reaktion die ich erwartet hatte. Schließlich hatte ich das Kind vor dem Hund gerettet und jetzt schauten mich alle an, als hätte ich versucht die Kleine zu beißen. „Ich habe sie beschützt.“

Carrie schien ihren ersten Schrecken verdaut zu haben, sage etwas zu Finn, der noch immer hinter der Theke kniete und machte sich dann mit entschlossener Miene auf dem Weg zu mir.

„Beschützt?“ Valentin sah aus als würde ihn der Schlag treffen. Das ganze freundliche Getue war verschwunden. „Du hast das Kind verletzt und dem Hund mit einem Messer angegriffen.“

„Der Hund hätte sie gebissen!“ Warum bitte musste ich mich hier eigentlich verteidigen?

„Nein hätte er nicht.“ Carrie griff nach meiner Hand um mir sehr nachdrücklich das blutige Messer abzunehmen. „Das Mädchen hatte einen Hundekeks in der Hand, den wollte Doolittle haben. Die Kinder hier im Bistro füttern ihn immer mit Hundekeksen.“

Ich schaute auf den zerkrümelten Haufen neben den Blutstropfen auf dem Boden. Irgendjemand musste auf den Keks getreten sein.

„Er hat nach ihr geschnappt!“, beharrte ich auf meinem Standpunkt.

„Nein ich fürchte du hast die Situation falsch eingeschätzt. Die einzige Gefahr für die Leute in diesem Laden bist im Augenblick du.“

Nach Carries Worten ließ ich meinen Blick über die Gesichter um mich herum gleiten. Misstrauen und Abneigung schlugen mir entgegen.

Na ganz klasse. Da versuchte ich schon mal mich einzugliedern und etwas für die Städter zu tun und dann kam so etwas dabei raus. Woher sollte ich denn auch wissen, dass der blöde Hund den blöden Keks haben wollte? Es hatte ausgesehen, als wenn er sie beißen wollte.

„Ich glaube es ist besser, wenn wir jetzt gehen.“ Sie wandte sich Valentin zu. „Ich danke dir für deine Zeit und entschuldige mich für diesen -“ Sie warf mir einen kurzen Blick zu und beendete ihren Satz dann mit dem Wort „Zwischenfall.“

Plötzlich wurde mir bewusst was ich hier eigentlich getan hatte. Ich hatte jemand mit einem Messer angegriffen. Dabei waren meine Absichten dahinter völlig egal. Wenn Agnes davon erfuhr … sie würde der Grund gar nicht interessieren, nur das ich es getan hatte.

„Komm“, sagte Carrie und schob mich Richtung Ausgang, währen die Leute immer noch versuchten die Kinder zu beruhigen und Finn mittlerweile mit ernstem Ausdruck am Telefon hing. Auch bei ihm war alle Freundlichkeit verschwunden.

„Ich wollte ihr helfen.“ In meiner Stimme schwang ein Hauch von Verzweiflung mit. Agnes würde mir Nikita wegnehmen – endgültig. Ich würde niemals wieder auch nur einen Hauch Freiheit bekommen.

Sobald Carrie mich vor die Tür geschoben hatte, packte sie meinen Arm mit festem Griff, als sei ich ein ungezogenes Kind und sie wollte sie mich damit bestrafen.

Ich riss mich sofort von ihr los und sah mich ihrem Funkeln ausgesetzt.

„Dass du das Treffen auf diese Art beendest, nur weil du keine Lust darauf hast, ist … ich kann nicht mal in Worte fassen wie das ist.“

„Bitte?“ Hatte ich mich gerade verhört?

„Dir muss doch klar sein, dass dir ein solches Verhalten nichts als Schwierigkeiten bringt. Du bist doch nicht dumm, Kismet.“

„Jetzt mal stopp, ich habe gar nichts versucht. Ich wollte dem Kind helfen.“

Sie drückte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Auch wenn sie es nicht aussprach, sie glaubte mir nicht. Natürlich nicht.

Sieh es ein, du bist hier die Böse.

Und nichts was ich sagen würde oder tun könnte würde daran noch etwas ändern.

Beinahe geschlagen schüttelte sie den Kopf über mich und wandte sich dann mit einer abrupten Bewegung von mir an. „Komm“, befahl sie wieder und kramte gleichzeitig ihren Screen aus der Tasche. „Ich werde versuchen den Schaden für dich so gering wie möglich zu halten, aber Agnes wird davon erfahren.“

Natürlich würde sie das. Ich schwor mir dass ich niemals wieder einem Städter helfen würde.

„Und dein Treffen mit Jósa morgen werde ich verlegen. Ein Treffen in der Öffentlichkeit scheint mir im Moment nicht ratsam. Aber eines lass dir gesagt sein!“ Sie wirbelte zu mir herum und brachte mich damit sehr wirksam zum Stehen. „Noch so ein Fall und ich kann nichts mehr für dich tun.“

„Du meinst du willst nicht.“

Sie überging das einfach und marschierte wieder los. „Wenigstens hast du nicht Valentin, oder einen der anderen Adams und Evas angegriffen, sondern nur einen Hund. Ich will mir gar nicht ausmalen, was jetzt sonst los wäre.“

Ich sparte mir darauf jeglichen Kommentar. Brachte doch sowieso nichts.

„Und ich hoffe wenn du Jósa morgen in deinem Zimmer empfängst, wird das nicht wieder in so einem Desaster enden.“

In meinem Zimmer? Klar, warum wunderte es mich eigentlich nicht? Selbst in so einer Situation hatte Carrie immer noch ein Ass im Ärmel, mit dem sie mir ordentlich eins reinwürgen konnte. „Wie oft soll ich denn noch sagen -“

„Am besten du sagst im Augenblick gar nichts mehr.“ Beim Laufen tippte sie auf ihrem Screen herum. „Wahrscheinlich wäre es sogar gut, wenn ich eine ganze Weile nichts mehr von dir hören würde, während ich versuche dieses Chaos wieder in Ordnung zu bringen.“

 

oOo

Kapitel 31

 

Das Messer klickte leise auf den Teller, als Jósa seine Frucht in Mundgerechte Stücke zerteilte. Dabei ließ er mich keinen Moment aus dem Auge – ja, Einzahl. Nur noch das linke war funktionstüchtig. Das Rechte zeigte einen fast beklemmenden milchigen Glanz. Langsam fand ich das wirklich unheimlich.

„Es war nicht dein Wunsch mit mir zusammen zu frühstücken, oder?“ Seine Stimme klang rau, so als würde er sie selten benutzen, oder hätte sie schon vor Jahren überstrapaziert. Vielleicht hing es aber auch mir der langen Narbe zusammen, die quer über seinen Hals verlief.

Meine Schultern zuckten nichtssagend nach oben. „Es ist egal was ich möchte, oder mir wünsche. Ich mache was man mir sagt.“ Denn vorläufig konnte ich nichts anderes tun.

Jósa wirkte aufrichtig erstaunt. „Egal? Du bist eine Eva.“ Er spießte ein Stück Frucht auf seine Gabel und inspizierte es, als berge es ein Geheimnis das für ihn allein bestimmt war. „Jeder in dieser Stadt möchte erfahren was du dir wünschst, um es dir erfüllen zu können.“

Na klar doch. „Aber nur solange meine Wünsche nicht ihren eigenen Wünschen zuwider laufen.“

Langsam ließ er das Fruchtstück in seinem Mund verschwinden, kaute es langsam und genüsslich, als wolle er es voll auskosten. „Ich habe schon gehört, dass du nicht freiwillig nach Eden gekommen bist.“

„Ganz im Gegenteil zu dir.“ Mein eigener Teller war bis auf ein paar Krümel leer. Ich hatte nicht viel gegessen. Es war mir immer noch ein Graus etwas von den Städtern anzunehmen – selbst wenn ich es zum Überleben brauchte.

Das nächste Stück landete auf seiner Gabel. „Verurteile mich nicht. Die Alte Welt war nie gut zu mir gewesen.“

„Die Alte Welt ist zu niemanden gut, man muss sich seinen Platz in ihr verdienen.“ Und zwar jeden Tag aufs Neue.

„Nur der Stärkste überlebt.“ Ein äußerst selbstironisches Lächeln zierte seine Lippen. Es hatte nichts Glückliches an sich. „Aber ich war nie stark genug für die Welt dort draußen vor diesen Toren gewesen.“

„Das kann ich nicht beurteilen.“

Er schaute mich einen Moment an, als glaubte er ich wollte ihn mit meinen Worten verhöhnen. Dann hob er seine rechte Hand so dass ich sie sehen konnte. Drehte sie nach rechts, drehte sie nach links. Sie wirkte irgendwie … falsch, verkrüppelt. Als sei jeder einzelne Finger mehrmals gebrochen gewesen und falsch zusammengewachsen. „Meine Mutter war eine sehr zornige Frau gewesen. Und wenn sie keinen anderes Ventil für ihren Zorn fand, dann ließ sie ihn an mir aus.“ Er hob die Hand zu seinem Hals und lenkte meine Aufmerksamkeit damit auf die lange Narbe. „Ein Fremder wurde eines Abends auf mich aufmerksam. Er war verlottert und halb verhungert. Sein Ziel war mein Essen.“ Er ließ die Hand wieder sinken. „Ich bot ihm an mit ihm zu teilen, doch er wollte alles für sich haben. Als ich ihm erklärte, dass ich auch etwas brauchte um zu überleben, zog er sein Messer und schnitt mir damit über die Kehle. Jetzt würde ich sterben und hätte damit keine Verwendung mehr für das Essen – so seine Worte.“

Jósa nahm eine weitere Frucht und begann sie sorgfältig auf seinem Teller zu zerteilen. „Ich weiß bis heute nicht genau wie ich diesen Angriff überlebt habe. Vermutlich war er selber bereits so geschwächt, dass er nicht mehr genug Kraft aufbrachte um allzu tief in mein Fleisch zu schneiden.“

Wie ruhig er davon sprach. Als würde nichts davon noch eine Bedeutung haben, als wäre das einem anderem Menschen passiert. Einem anderen Menschen in einem anderen Leben.

„An einem sonnigen Nachmittag ging ich hinunter zum Fluss um mich und meine Kleidung zu waschen. Aus dem Wald kamen zwei wilde Hunde und stürzten sich auf mich. Einer verbiss sich in meinen Kopf, rutschte mit den Zähnen ab und zerstörte dabei mein Augenlicht. Ich rettete mich, indem ich mich in den Fluss stürzte und mich Flussabwärts treiben ließ. Es war knapp gewesen.“

Das konnte ich mir vorstellen. Mit wilden Hunden war nicht zu spaßen. Er konnte von Glück reden davon gekommen zu sein. Wahrscheinlich verbargen sich von diesem Angriff sogar noch weitere Narben an seinem Körper. Sowas überstand niemand unbeschadet.

„Der folgende Winter war eisig. So etwas war mir bis dahin noch nie untergekommen. Es gab kaum Nahrung und meine wenigen Vorräte waren schnell aufgebraucht. Sogar die Tiere verhungerten und erfroren in diesem Winter.“

Daran konnte ich mich erinnern. Es war vielleicht sechs oder sieben Jahre her. Ich hatte ein verendetes Reh gefunden, die Beine eingefroren im See. In diesem Winter hätte wir Roza fast verloren, weil wir nur selten und wenn doch, nur wenig Nahrung nach Hause bringen konnten.

„Ich war dem Tode nahe, als ich dieses Geräusch hörte, eine Kolone der Yards.“ Er legte sein Messer beiseite, betrachtete die Stücken auf seinem Teller und wählte eines in der Mitte aus. „Sie übersahen mich, aber in dem Moment fällte ich den Entschluss ihnen zu folgen. Ich war viele Tage unterwegs und erreichte die Tore der Stadt halb verhungert und völlig entkräftet. Ich muss ein Bild des Schreckens abgegeben haben und trotzdem hießen sie mich mit weit geöffneten Armen willkommen.“

„Weil du ein Adam bist und damit sehr wertvoll.“

Mit einer Ruhe die ich nicht verstand kaute er ein weites Fruchtstück. Er schien wirklich jeden einzelnen Bissen in seiner Gänze genießen zu wollen. „Als sie mich bei sich aufnahmen, wussten sie noch nicht welchen Wert ich für sie barg. Sie sahen nur einen Menschen der Hilfe brauchte und sie gewähren diese Hilfe ohne etwas dafür zu verlangen.“

Nichts? Was hatte er nur für ein Weltbild? „Sie verlangten deine Freiheit, deine Fügsamkeit und deinen blinden Gehorsam.“

„Meine Freiheit hat mir fast den Tod gebracht“, erklärte er. „Dieser Ort bietet mir Sicherheit und ein sehr angenehmes Leben. In dieser Welt gibt es nichts was mich dazu verlocken könnte den Schutz dieser Stadt zu verlassen, denn dort draußen lauert nur der Tod.“

„Nicht für mich.“

In meinen Worten lag eine Herausforderung, auf die er nicht einging. Stattdessen widmete er sich wieder sehr intensiv seinem Frühstück.

Ich brach das Schwiegen nicht, sehnte mich nur nach dem Ende dieses Essens. Es dauerte schon viel länger als das gestrige Treffen mit Valentin in dem Bistro. Gut, das hatte auch ein sehr abruptes Ende genommen, nachdem ich die Bestie ausgeschaltet hatte. Aber nach meinem Geschmack hatte es trotzdem lange genug gedauert. Und hier in diesem Moment war einfach kein Ende in Sicht. Jósa fühlte sich weder durch meine feindliche Ader noch durch mein abweisendes Verhalten dazu gedrängt diese Rendezvous schnell zu beenden.

„Ich habe noch nie eine Eva eingeführt.“

„Bitte?“ Wie kam er vom eigentlichen Thema plötzlich darauf?

„Du bist noch sehr jung. Hattest du schon Sex?“

Seine unverblümten Worte verschlugen mir für einen Moment einfach die Sprache. Doch dann stellten sich mir auch sofort die Stacheln auf. „Das geht dich ja wohl überhaupt nichts an!“, schnappte ich.

Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Völlig gelassen aß die Frucht weiter, die ich ihm am liebsten in den Hals gestopft hätte, damit er endlich verschwand und ich diese bedrückende Odyssee beenden konnte. „Ich habe mich informiert. Dein Eisprung steht kurz bevor, du musst einen Adam wählen.“

„Und du bietest dich dafür an.“

„Natürlich.“

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein.

„Ich kann dir versprechen, es wird angenehm für dich wird. Noch keine Frau die mich aufgesucht hat, bereute es hinterher. Viele von ihnen suchten mich sogar immer und immer wieder auf.“

Versuchte er etwa gerade sich an mich zu verkaufen?! Das war … direkt. So direkt war noch keine der andern Männer zu mir gewesen. Nicht mal Sawyer – und den fand ich schon sehr aufdringlich.

„Dazu verbindet uns etwas, was viele der anderen Adams dir nicht bieten können.“

Mir war sofort klar, worauf er hinaus wollte. „Du bist hier nicht der einzige Streuner.“

„Das nicht, aber ich bin der Netteste.“

Und so bescheiden. „Nein.“

Er schaute mich an.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Dich nehme ich auf keinen Fall.“

Auch das schien ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Das machte mich langsam wirklich verrückt. Zeigte dieser Kerl überhaupt irgendwann mal eine Gefühlsregung?

„Schreckt mein Anblick dich ab?“

Nicht auf die Art die er vermutete. „Nein. Ich mag deine Art nicht.“

„Das ist schade.“ Er legte seine Gabel auf den Teller und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Ich werde dennoch ein Gesuch an die Despotin schicken und darum bitten dich einführen zu dürfen.“

Ich hörte ja wohl nicht richtig. „Das kannst du vergessen!“

Er musterte mich einen Moment auf seine beinahe gleichgültige Art. „Ich mache das nicht um dich zu verstimmen, ich glaube einfach wir ergänzen uns beide gut. Unsere Kompatibilität liegt bei 97 Prozent. Das ist sehr hoch.“

Mir fehlten die Worte. Das war doch einfach nicht zu fassen. Am liebsten wäre ich einfach aus der Haut gefahren und hätte ihn geschlagen. Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein wer er war? „Bevor ich dich in mein Bett lasse, schlafe ich lieber mit einem Hund!“

„Ein Hund wird dir nicht das bieten können, was ich dir bieten kann.“

Eine passende Erwiderung lag mir bereits auf den Lippen und hätte es in diesem Moment nicht an der Tür geklopft, hätte ich sie ihm wohl auch trotz aller Konsequenzen einfach um die Ohren gehauen. So jedoch wirbelte ich auf meinem Stuhl einfach herum und fauchte: „Was?!“

Ein Augenblick der Stille folgte, dann erklang gedämpft Camerons zögernde Stimme durch die Tür. „Ich bin es.“

Meine nächste Lehrstunde stand an. Natürlich. „Komm rein“, rief ich und wandte mich dann wieder Jósa zu. „Das Frühstück ist beendet. Du solltest gehen.“

Er blieb sitzen und gab sich völlig unbeeindruckt von meinem Rausschmiss.

Die Tür ging auf uns Cameron schlüpfte in den Raum, blieb aber sofort stehen, als er meinen Gast sah. „Ähm … komme ich ungelegen? Ich dachte … also … in meinem Terminplan steht -“

„Mit deinem Terminplan ist alle völlig in Ordnung. Jósa wollte gerade gehen.“

„Nein, wollte ich nicht.“

Der Kerl verarschte mich doch. Ich kniff die Augen drohend zusammen. „Wie war das noch mit: einer Eva alle Wünsche erfüllen?“

Zum ersten Mal seit seinem Auftauchen zeigte sich der Ansatz eines Lächelns in seinem Gesicht. „Ich glaube das war das erste Mal, dass du dich selber als eine Eva bezeichnet hast.“

Er erhob sich von seinem Platz, doch mit seinen Worten hatte er mir einen derart grausigen Schrecken eingejagt, dass ich für einen Moment einfach erstarrt war.

„Ich hoffe wir sehen uns bald wieder und auch dass die Despotin meinem Gesuch statt gibt.“ Mit diesen Worten verließ er mein Zimmer und ließ mich Wutbebend zurück.

Die Tür schloss sich mit einem sehr leisen Klicken.

Cameron schaute von der Tür zu mir, zögerte. „Was meinte er damit? Was will er von Agnes?“

„Das sie mich zwingt mit ihm ins Bett zu steigen.“ Ich stand so abrupt auf, dass nicht nur mein Stuhl umkippte und mit einem Knall auf dem Boden landete. Cameron erschreckte sich dabei so sehr, dass er leicht zusammenzuckte.

Ich ignorierte es. Ich war so wütend dass ich nicht nur die Hände zu Fäusten geballt hatte, sondern am ganzen Körper zitterte. Wie konnte dieser Bastard sich nur erdreisten so etwas zu versuchen? Wenn hier so viele andere willige Weiber herumliefen, sollte er sich doch an die halten. Nichts in der Welt konnte mich dazu bringen ihn an mich heran zu lassen. Er war viel schlimmer als die ganzen Städter, denn er stammte aus der Alten Welt. Dieser Mann hatte alles verraten woran ich glaubte. Und dennoch glaubte er mir an die Wäsche gehen zu dürfen? Oh, das sollte er nur versuchen. Der würde sein blaues Wunder erleben.

„Kismet.“ Cameron machte einen vorsichtigen Schritt auf mich zu. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Sehe ich so aus, als wäre alles in Ordnung mit mir?!“ Schon in dem Moment als ich es aussprach, schämte ich mich dafür ihn so angefahren zu haben, doch ich entschuldigte mich nicht – ich konnte einfach nicht. Irgendwie musste ich meiner Wut Luft machen und das war besser als um mich zu schlagen.

„Ich … tut mir leid, ich -“

„Hatten wir nicht etwa zu tun?“ Ohne auf seine Antwort zu warten, marschierte ich zu meinem Schreibtisch und griff nach meinem Screen. Irgendwann würde ich mich bei ihm entschuldigen, einfach weil ich wusste dass meine Wut den Falschen traf, aber im Moment gingt es nicht.

 

oOo

Kapitel 32

 

Wie etwas Hochexplosives starrte ich auf die ledergebundene Mappe. Wie konnte etwas so einfaches nur solchen Schaden nach sich ziehen? Ich schaffte es nicht den Blick davon abzuwenden. Doch genauso wenig schaffte ich es danach zu greifen. Dieses Ding konnte mir gefährlich werden.

„Ich will dich nicht drängen Kismet, aber wenn du dich für keinen Kandidaten entscheidest, wird dir diese Entscheidung von Agnes abgenommen.“

Natürlich würde diese Hexe genau das tun. Wahrscheinlich hoffte sie sogar darauf, dass ich mich verweigerte, damit sie die Zügel in die Hand nehmen konnte – wahlweise auch die Peitsche.

„Kismet.“ Killian griff über seinen Schreibtisch nach meiner Hand, doch ich entzog mich, bevor er mich berühren konnte. Er ließ es unkommentiert geschehen. „Du weist dass du nicht zu diesen Männern gehen musst. Wir können das ganze auch hier bei mir in der Praxis durchführen. Unter Narkose. Du wirst nichts spüren.“

„Aber ich werde schwanger werden.“

„Das ist Sinn und Zweck des Ganzen.“

Nicht wenn ich mich auf Sawyer einließ. Aber das hieße ich müsste mich auf sein Wort verlassen. Anderseits bot er mir die Chance von hier zu entkommen – immer vorausgesetzt natürlich, seine Aussage entsprach der Wahrheit. Doch ich hatte ein dummes Gefühl dabei. Etwas in mir sperrte sich gegen ihn.

Seit unserem Zusammentreffen im Keller waren drei Tage vergangen. Drei Tage, in denen sich meine Gedanken allein um dieses Thema drehten. Schuld daran war dieser kleine Funke an Hoffnung den er in mir hinterlassen hatte. Dieser kleine Funke der immer wieder auftauchte, egal wie oft man ihm die Luft zum Atmen nahm. Und die Angst davor tun zu müssen was sie von mir verlangten.

Ich wollte nicht. Oh Himmel, ich wollte einfach nur hier weg.

Killian beobachtete mich mit ruhigem Blick und wartete geduldig, doch egal wie lange er sich ausharrte, eine Antwort hatte ich deswegen noch lange nicht für ihn.

„Wir können auch das System entscheiden lassen, wenn du das möchtest. Es wird dir den perfekten Partner zuteilen.“

„Den perfekten Partner“, murmelte ich und schnaubte dann sehr abfällig. „Ich will Marshall.“ Sonst niemanden.

„Das wird sich nicht machen lassen, das weist du. Außer du verrätst uns wo wir ihn finden können, dann bringen wir ihn zu dir. Wir erfüllen unseren Evas jeden Wunsch, wenn es sich machen lässt. Auf diese Art ehren wir ihre Taten.“

Marshall den Yards ausliefern? Das würdigte ich nicht mal mit einer Erwiderung. Ich wollte zu ihm und nicht dass er das gleiche Schicksal erlitt wie ich.

„Nun gut, dann versuchen wir es doch einfach mal.“ Beinahe beiläufig begann Killian auf die Tasten seines Computers zu tippen und drehte den Monitor dann so, dass ich das Bild eines lächelnden Mannes vor Augen hatte.

Er war etwa doppelt so alt wie ich, hatte hohe Geheimratsecken, viele Lachfältchen um die Augen und einen gepflegten Bart. Er wirkte … nett. „Wer ist das?“

Killian sagte nichts dazu, dass ich mich noch immer nicht mit den ganzen Adams bekannt gemacht hatte, sondern drehte nur den Monitor wieder zurück. „David Penn. 96%. Er ist … in Ordnung.“

Das kurze Zögern in seiner Stimme ließ mich vor diesem Mann noch mehr zurück schrecken, als die Aussicht darauf, was ich mit ihm tun müsste, wenn ich zu ihm ginge. „Nein, nicht der.“

„Gut. Dann -“ Er verstummte kurz, schaute mich nachdenklich an und begann dann wieder auf der Tastatur zu tippen. „Was hältst du von diesem Mann?“ Wieder drehte er mir den Monitor zu.

Dieses Mal bekam ich das Bild von einem grauhaarigen Mann, der etwa genauso alt wie dieser David Penn war. Mit einem Lächeln strahlte er mir vom Bildschirm entgegen. Er sah nett aus. Und irgendwie kam er mir bekannt vor. Seine Gesichtszüge, das Lächeln und auch die Körperstatur wirkten vertraut, aber ich konnte ich nicht recht zuordnen, da ich mir sicher war ihm noch nicht begegnet zu sein. Das gefiel mir nicht. „Irgendwo her kenne ich ihn.“

„Du bist ihm wahrscheinlich schon begegnet, oder hast ihn hier im Herz gesehen. Er ist sehr offen und viel mit Menschen zusammen. Er liebt die Gesellschaft von anderen. Und er ist gut zu den Evas. Er hat schon viele von ihnen eingeführt.“

Eingeführt. Auch eine nette Umschreibung dafür mir verständlich zu machen, dass er vielen Evas den ersten Braten in die Röhre geschoben hatte. „Nein, das ist es nicht.“ Ich musterte das Bild erneut, kam aber einfach nicht darauf. „Wer ist der Kerl? Sag mir seinen Namen.“

Killian schwieg einen Moment in dem er mich nicht aus den Augen ließ. „Jesper Dahl.“ Er verstummte einen kurzen Moment. „Das ist mein Vater.“

Sein Vater?! „Du bietest mir deinen Vater an?!“ In diesem Moment schaute ich ihn wohl genauso an wie mein Trotzkopf mich, wenn ich versuchte ihm etwas in seinen sturen Schädel einzubläuen.

Mein kleiner Ausbruch zauberte nur ein kleines Lächeln auf Killians Lippen. „Wir alle sind die Kinder eines Adams und einer Eva von Eden. Es ist nicht ungewöhnlich das verschiedene Generationen aufeinander treffen, um eine neue entstehen zu lassen.“

Nein, ich war kein Kind dieses Ortes. „Das heißt du möchtest, dass ich mit deinem Vater ins Bett steige?“

Sein Lächeln wirkte plötzlich etwas gezwungen und es dauerte einen Moment bis er sagte: „Er ist ein Adam, das ist sein Job.“

„Dann findest du es also okay wenn ich mit deinem Vater ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen für dich mache?“

Dieses Mal schien er seine Antwort sehr sorgfältig zu wählen. „Das ist unsere Aufgabe“, war dann jedoch alles was er sagte. Doch seine Körpersprache verriet viel mehr. Die Schultern waren leicht angespannt und er tippte immer wieder mit dem rechten Zeigefinger auf die Tischplatte.

Nein. Nein er wollte das nicht, doch es war seine Pflicht es mir anzubieten und es zu arrangieren, sollte ich zustimmen.

Mit einem Gefühl der Erleichterung – wobei ich nicht wusste woher die so plötzlich kam – ergriff ich die ledergebundene Mappe und zog sie zu mir heran. Den eines stand fest: Künstlich befruchten würde ich mich nicht lassen, denn damit war die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft höher. Wenn ich mir einen Mann suchte, konnte ich vielleicht immer noch einen Ausweg finden.

Oder ich nahm direkt Sawyer. Schließlich hatte er mir gesagt, dass er mich nicht anfassen würde. Aber ihm konnte ich nicht vertrauen. Da war einfach dieses Gefühl in mir, wie ein warnendes Signal, das immer ertönte, wenn er mir mal wieder auflauerte. Denn genau das war es was er immer wieder tat: er lauerte mir immer wieder aus den seltsamsten Gründen auf. Warum eigentlich?

„Ich werde deinen Vater nicht nehmen“, erklärte ich laut um mich von meinen Gedanken abzubringen.

Meine Entscheidung schien Killian seine leichte Anspannung wieder zu nehmen. Auch wenn er sagte, dass es kein Problem für ihn wäre – vielleicht glaubte er das ja auch wirklich – so als gab es da einen Teil in ihm, dem das nicht gefiel. Und das wiederum gefiel mir. Was mich verärgerte. Mir sollte das nicht gefallen.

Vor mich hinbrütend schlug ich die erste Seite des Ordners auf.

Das Bild des Mannes kannte ich schon von meiner früheren Recherche und es interessierte mich heute genauso wenig wie die letzten Male die ich es gesehen hatte.

Killian beobachtete mich schweigend und geduldig, während ich mich durch die Mappe blätterte.

Die wenigsten Männer dort waren in meinem Alter, zwei oder drei sogar noch jünger als ich. Einer hatte sogar erst vor ein paar Wochen seinen Dienst angetreten und laut Informationen zwar schon zwei Frauen geschwängert, aber noch keine eigenen Kinder. Er war so jung, dass seine Wagen noch die kindlichen Gesichtszüge besaßen und das bisschen Babyspeck die Reife die er einmal erreichen würde verbargen. Achtzehn, älter konnte er auf keinen Fall sein.

Die anderen Männer waren alle älter. Manche noch in den Zwanzigern oder Dreißigern. Der älteste Mann war sogar schon über sechzig und würde wohl bald den Ruhestand antreten. Wie viele Kinder er wohl unterm Strich gezeugt hatte?

Ich schüttelte den Kopf. Das war doch völlig egal.

Langsam blätterte ich von einer Seite auf die andere. Es sollte nur so aussehen als würde ich mir Gedanken über die Männer auf den Bildern machen. In Wirklichkeit aber versuchte ich einen Ausweg zu finden, der nicht damit endete bei Sawyer zu laden. Doch als ich dann auf die Seite mit seinem Bild kam, verharrte ich bei ihr.

Es war nicht sein Anblick der mich zögern ließ, sondern das was er mir geboten hatte. Würde er Wort halten und seine Finger bei sich behalten? Er wollte diese Tage nutzen um seinen Plan richtig auszuarbeiten. Ein Plan in dem seine Tochter der Schlüssel zu unserer Freiheit war.

Willow.

Wie konnte ein kleines Mädchen uns zu unserer Freiheit verhelfen? Wie alt war sie überhaupt? Sehr alt konnte sie auf jeden Fall noch nicht sein. Also was war an ihr so besonders? Und wozu brauchte Sawyer in seinem Plan eine Frau?

„Hast du jemanden gefunden, der dir gefällt?“, fragte Killian, als ich nicht weiterblätterte.

Ich zögerte, immer noch unentschlossen, drehte die Mappe dann aber so, dass Killian das Gesicht des finster dreinblickenden Mannes sehen konnte.

„Sawyer?“, fragte er überrascht. Seine Lippen verzogen sich leicht vor Unmut. „Du möchtest wirklich zu Sawyer?“

Interessante Reaktion. „Stimmt mit ihm etwas nicht?“

„Nein das nicht, aber … er ist … nennen wir es, schwierig.“

Schwierig. So wurde sein arrogantes und überhebliches Verhalten hier also interpretiert. „Er wird mir wenigstens nicht vorspielen und so tun als wäre das alles völlig in Ordnung.“

„Keiner der Adams wird dir etwas vorspielen. Sie stehen alle zu deiner Verfügung und werden sich deinen Wünschen beugen. Sawyer jedoch ist selten kooperativ. Er sieht seine Aufgabe als Bürde und ist in seinen Umgangsformen oftmals sehr grob.“

Da erzählte er mir nichts Neues. „Das heißt er wird nicht tun was man von ihm verlangt?“

„Doch das wird er. Er kennt und akzeptiert seine Aufgabe. Aber er ist ein sehr schwieriger Charakter. Und viele Evas haben den Eindruck dass er Frauen nicht mag. Außer Celeste suchen sie ihn nur auf, wenn sie müssen.“

Das muss dann wohl an seinen einnehmenden Charme liegen, dem ich selber auch schon verfallen war.

Ich schaute auf das Bild, immer noch nicht sicher, was ich tun sollte. Killian bot mir hier die Gelegenheit für einen sofortigen Rückzug. Er würde keine Fragen stellen. Genaugenommen hatte ich den Eindruck, er würde es sogar begrüßen wenn ich einen Rückzug machen würde. Aber was blieb dann übrig? Andere Adams, unbekannte Männer deren Ziel es sein würde, mir die Frucht ihrer Lenden einzupflanzen.

Natürlich war es denkbar – sogar sehr wahrscheinlich – dass die anderen Adams sehr viel … netter sein würden. Aber es war zweifelhaft, ob sie es ehrlich meinen würden. Die Menschen an diesem Ort neigten dazu einem das Gesicht zu zeigen, von dem sie glaubten, man wolle es sehen. Sawyer war nicht so. Er zeigte sehr deutlich wer er war und was man von ihm zu erwarten hatte.

„Ist es nicht besser jemanden zu nehmen der nicht so tut als würde er mich mögen?“ Und Sawyer mochte mich ganz sicher nicht. Er brauchte mich, aber von mögen konnte hier keine Rede sein. Und so lange er mich brauchte, würde er zumindest an seinen Worten festhalten. Oder?

„Und was bringt dich auf den Gedanken, dass die anderen Adams dich nicht mögen könnten?“

„Was bringt dich auf den Gedanken, dass es anders ist?“

„Oh, das ist ganz einfach. Ich durfte dich kennenlernen und ich hab dich trotz deiner Stacheln sehr gerne.“ Lächelnd verschränkte er die Hände auf dem Tisch. Dabei beachtete er mein Misstrauen nicht weiter. „Und ich denke genau das ist es wovor du Angst hast.“

Angst? „Ich habe vor gar nichts Angst.“

„Jeder von uns hat Ängste, auch du, das ist nur menschlich. Im Moment jedoch fürchtest du dich einfach nur davor dass es hier jemanden gibt, den du mögen könntest und dir damit einen Grund liefert, dich an diesen Ort zu fesseln. Darum hältst du dich von allen fern und neigst dazu einen Adam wie Sawyer zu wählen, denn bei ihm läufst du nicht Gefahr eine Bindung einzugehen.“

Meine Mundwinkel zuckten auf sehr sarkastische Art. Wenn er glaubte das sei der Grund warum ich zu Sawyer tendierte, war ich auf der sicheren Seite. „Hier gibt es niemanden der es wert wäre gemocht zu werden.“

Killians Augenbraue wanderte ein Stück seine Stirn hinauf. „Niemanden?“

Naja, dich vielleicht. Oh Himmel, wo kam dieser Gedanke auf einmal her?! Zum Glück hatte ich das nicht laut ausgesprochen. Diese Worte in meinem Kopf waren bereits beunruhigend genug. „Nein, niemanden“, sagte ich mit fester Stimme und übertönte damit meine Gedanken. „Ihr alle seid nichts weiter als kleine Arbeiterbienen, die einer gefühlskalten und skrupellosen Königin folgen, ohne dabei ihren eigenen Verstand einzusetzen oder Rücksicht auf andere zu nehmen.“

Irgendwas an diesen Worten ließ ihn schmunzeln.

„Was?“, fauchte ich. Das Lächeln auf seinen Lippen gefiel mir nicht.

„Du wirst weich Kismet. Die absolute Unnachgiebigkeit in deinen Worten hat nachgelassen.“

Das ließ mich stutzen, aber dann musste ich einsehen, dass er durchaus recht haben könnte. „Ich bin es einfach nur müde mich immer und immer wieder zu wiederholen.“

„Das ist schade, ich mag deinen Kampfgeist.“

Seine Worte waren so leise, dass ich einen Moment glaubte mich verhört zu haben. Aber nein, er hatte das wirklich gesagt. Und irgendwie machte mich das verlegen. Ich versuchte nicht mal seinem Blick standzuhalten. Seine Tischplatte war auf einmal viel interessanter.

Als würde Killian spüren, dass er sich zu weit vorgewagt hatte, räusperte er sich und wischte mit der Handfläche nicht-vorhandenen Staub von der Tischplatte. „Ich glaube wir sind ein wenig vom Thema abgekommen.“

„Ein wenig“, stimmte ich ihm zu.

„Damit steht immer nicht die Frage im Raum wie du dich entscheidest. Die künstliche Befruchtung scheinst du ja rigoros abzulehnen. Liege ich damit richtig?“

Ich nickte. „Keine künstliche Befruchtung.“

„Also ein Adam.“ Nachdenklich tippte er wieder auf die Tischplatte. „Der Name Joshua Soor sag dir bestimmt nichts, oder?“

„Doch“, erwiderte ich entgegen seiner Vermutung. Diesen Namen hatte ich mir eingeprägt, nachdem ich von ihm im Katalog der Adams gelesen hatte, bisher aber keine Anstalten unternommen ihn aufzusuchen – nicht nach dem Reinfall mit Sawyer. „Er war mal ein Streuner und kam bereits als Kind nach Eden.“

„Die Alte Welt hat es nicht gut mit ihm gemeint. Als er zu uns kam hatte er alles verloren. Heute kann er wieder lachen.“

„Was ist mit ihm passiert?“

„Finde es doch heraus.“ Killian drehte seinen Monitor wieder herum und zeigte mir das Bild von einem Anfang Dreißiger mit blondem Haar. Seine Zähne waren schief. Die Nase ein wenig zu lang für das Gesicht. Doch auf seinen Lippen lag ein schüchternes Lächeln, das sehr ehrlich wirkte.

Aber da mir klar war was Killian mit seinem „finde es doch heraus“ meinte, war meine einzige Antwort: „Nein.“ Ich würde den Mann sicher nicht aufsuchen, ihn nach seiner Lebensgeschichte ausfragen und anschließen mit ihm ein Baby machen.

„In Ordnung. Wie wäre es dann mit Costa.“ Er tippe den Namen auf seiner Tastatur ein, sparte es sich aber dieses Mal den Monitor hin und her zu drehen, so dass ich gleich das lächelnde Gesicht eines Jungen sah. Es war mir nicht unbekannt. Im Katalog hatte ich es schon öfter gesehen. Er war der jüngste Adam von Eden. „Er ist zwar noch recht unerfahren, aber kommt deinem Alter wohl am nächsten. Er ist ein netter junge und …“

„Hör auf damit“, bat ich ihn und Killian verstummte sofort. „Ich weiß was du vorhast, aber egal was du sagst, du wirst es nicht schaffen mir einen dieser Männer schmackhaft zu machen. Mir ist es egal wie sie aussehen, wie alt sie sind, oder was für Talente sie haben. Selbst wenn sie ihren eigenen Namen furzen könnten, werde ich nicht zu ihnen gehen.“

Killian war meinen Worten aufmerksam gefolgt und verschränkte nun wieder die Hände vor sich auf der Tischplatte. „Nun gut, dann werde ich dich damit nicht weiter belästigen. Dennoch brauchen wir eine Lösung. Die Frage, was du nun tun wirst, bleibt also weiter bestehen.“

Ich hatte eine Lösung. Lasst mich einfach gehen. Aber dieser Satz war in der Zwischenzeit einfach nur ausgeleiert. Man würde mir nicht einmal mehr zuhören.

Und die bestehende Frage konnte ich eigentlich nur noch nach dem Ausschlussverfahren klären. Die Künstliche Befruchtung kam für mich auf keinen Fall in Frage, genau wie die Idee zu einem Adam zu gehen der nichts lieber tun würde als mich einzuführen.

Da blieb eigentlich nur eine einzige Möglichkeit. Sie würde nicht nur verhindern dass ich schwanger wurde, sondern mir auch noch zur Flucht verhelfen. Immer vorausgesetzt er hatte die Wahrheit gesagt.

Wenn es doch nur nicht Sawyer wäre. Ich konnte ihm einfach nicht vertrauen.

„Also was tun wir jetzt Kismet?“

Gute Frage. Ich kaute auf meiner Unterlippe herum, schob meine Zweifel und Hoffnungen durch meine Gedanken hin und her und fand keine Lösung für mein Problem. Das war alles so verkorkst. „Ich glaube ich gehe zu Sawyer.“

So wie Killian schaute, hatte er wohl immer noch gehofft, dass ich diese Idee aufgab. „Bist du dir sicher?“

Ob ich mir sicher war? Nein, ich war mir ganz und gar nicht sicher. Ich wusste nicht ob ich diesem Kerl vertrauen konnte, noch was er genau geplant hatte, oder welche Rolle er mir in diesem Stück zuwies. Ich wusste nur, er war im Moment das kleinste von vielen Übeln. Deswegen gab es auf Killians Frage nur eine einzige Antwort: „Ja, ich bin mir sicher. Ich wähle Sawyer.“

 

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Kapitel 33

 

Ich würde es bereuen, da war ich mir ganz sicher. Eigentlich bereute ich es bereits jetzt, dabei lagen noch ein ganzer Nachmittag und eine komplette Nacht vor mir, bevor ich mich Sawyer und seinen Plänen stellen musste.

Morgen. Morgen würde ich zu ihm gehen und dann würde sich zeigen ob ich einen riesigen Fehler begangen hatte, oder dies wirklich der Weg zu meiner Freiheit war.

Willow war der Schlüssel.

Dieser Satz ließ mir auf meinem Weg durch die weitläufige Parkanlage des Eden-Herz keine Ruhe. Ich verstand ihn einfach nicht. Wie konnte ein kleines Kind uns alle hier rausbringen und ein System überlisten, an dem selbst erwachsene scheiterten? Das ergab keinen Sinn. Vielleicht war es ja doch nur eine Falle und ich war voll in sie hinein getappt. Nur was sollte diese Falle bezwecken? Mich zu brechen? Das würden sie wahrscheinlich viel unkomplizierter hinbekommen. Und mein Vertrauen konnten sie sich auf diesem Weg auch nicht erschleichen. Also was für Vorzüge konnte dieses Vorhaben für Eden haben?

Mir fielen keine ein.

Seufz.

Ich verschränkte die Arme locker vor dem Bauch und genoss das kühle Gras an meinen Füßen. Die Sonne brannte heute heiß vom Himmel und wärmte meine Schultern. Es war ein schöner Tag. Wenn nur nicht all diese Mauern um mich herum wären. Und diese Menschen. Oder Carrie, die zwar Abstand hielt, mich aber trotzdem die ganze Zeit wie ein aufdringlicher Schatten verfolgte. Ich schaffte es einfach nicht ihre Gegenwart auszublenden, dabei waren knapp zehn Meter zwischen uns.

Ohne weiter auf sie zu achten, ließ ich mich von meinen Füßen durch die Anlage tragen, hing meinen Gedanken nach und merkte erst auf, als Stimmen und Lachen an mein Ohr drangen. Männer, Frauen und Kinder. Einen Moment war ich versucht es einfach zu ignorieren, doch dann lief ich den Geräuschen einfach entgegen. Ich wusste selbst nicht warum, aber ich tat es und stieß dabei auf die hintere Terrasse des Turms, ein weitläufiger mit Fliesen ausgelegter Bereich, an dem die Adams und Evas sich nachmittags gerne zum Schwatzen versammelten.

Es war nicht das erste Mal dass ich das sah. Genaugenommen hatte Carrie schon mehrmals darauf gedrängt mich zu ihnen zu gesellen. Doch genau wie jetzt hatte mir bisher nicht der Sinn danach gestanden. Ich meine, was sollte ich bei diesen Leuten?

Ich hatte weder etwas mit den schwangeren Frauen dort, noch mit denen die Babys im Arm hielten gemeinsam. Auch mit den kleinen Kindern, die dort auf ihren stämmigen Beinen durch die Gegend watschelten, oder auf allen Vieren krabbelten, konnte ich nichts anfangen. Und mit den Adams dieser illustren Runde wollte ich nichts zu tun haben. Da blieb ich doch lieber hier im Schutz der Bäume und beobachtete das Personal, wie es von einem Tisch zum anderen Flatterte, oder sich selbst zu den Auserwählten dieser Stadt setzte.

Sie schienen alle so glücklich unter der ihnen auferlegten Isolation. Wie konnten sie nur? Strebten sie denn gar nicht nach anderem? Dies hier konnte doch nicht alles sein, was sie sich wünschten.

Das freudige Lachen eines kleinen Mädchens zog meine Aufmerksamkeit auf sich. So entdeckte ich Sawyer. Er saß etwas abseits von den anderen, hatte sich bequem auf einer Decke im Gras neben der Terrasse ausgestreckt und kitzelte gerade den Bauch von dem kleinen Mädchen neben sich. Sie kreischte freudig, strampelte mit den Beinen und versuchte Sawyers Kitzelattacke mit ihrem weißen Stofftier abzuwehren. Sie schaffte es sich von ihm zu befreien und ließ sich dann bäuchlings auf den Mann fallen und versuchte ihn ihrerseits zu kitzeln.

Das kleine Mädchen musste Sawyers Tochter Williow sein. Ich erkannte sie von den Fotos aus dem Katalog der Adams. Sie war in der Zwischenzeit zwar älter, doch die Farbton ihrer langen braunen Haare und auch die Züge des Gesichts ließen mich an ihrem Vater denken.

Doch was mich bei diesem Anblick wirklich faszinierte war Sawyer. Er lächelte. Nicht auf diese arrogante und überhebliche Art wie er es bei mir immer tat, das hier war ein ehrliches Lächeln, das von Herzen kam.

Dieses Lächeln bezauberte mich für einen Moment so sehr, dass ich gar nicht mitbekam wie Carrie neben mich trat, bis sie mich ansprach.

„Gesell dich doch einfach mal zu ihnen. Das würde sie bestimmt freuen.“

Ich konnte es gerade noch so verhindert vor Schreck einen Satz zur Seite zu machen. Doch mein Zucken entging ihr bestimmt nicht. Genauso wenig wie mein böser Blick.

„Sie sind neugierig auf dich, doch sie wollen sich nicht aufdrängen und dich damit verschrecken.“

Ah, sie sprach gar nicht von Sawyer, sie sprach von den Adams und Evas im Allgemein. „Ich kann mir schon gut vorstellen, was sie wollen.“

„Manchmal glaube ich du hast ein völlig falsches Bild von uns.“

Nein, ich hatte das richtige Bild und genau das war es, was den Städtern zuwider lief. Sie wollten dass ich ihre Lügen glaubte und mich einfügte. Aber genau das würde niemals geschehen – nicht solange ich es verhindern konnte.

„Nun geh schon.“ Carrie hob die Hand, als wollte sie mir einen Stoß Richtung Terrasse geben, doch bevor sie mich berühren konnte, war ich ihr bereits ausgewichen. Leider war ich dadurch auch unter den Bäumen hervorgetreten und stand nun im Freien.

Das war eigentlich nicht weiter schlimm. Nicht bis zu dem Moment als eine der Evas mich entdeckte und die anderen drei Frauen an ihrem Tisch mit einem Fingerzeig auf mich aufmerksam machte. Durch das folgende Getuschel und die überraschten Laute wurden auch die anderen Leute auf der Terrasse auf mich aufmerksam und plötzlich befand ich mich im Mittelpunkt.

Das gefiel mir nicht.

Ein Mann ziemlich in der Mitte, winkte mich sogar einladend zu ihrer Zusammenkunft dazu. Ich wusste nicht mehr wie er hieß, aber ich kannte ihn aus dem Katalog der Adams.

Das gefiel mir immer weniger.

Jetzt blieben mir zwei Möglichkeiten: Zum einen konnte ich ihrer Einladung folgen und schauen was passierte. Zum anderen konnte ich sie ignorieren, mich umdrehen und sie einfach stehen lassen. Und da es mich nicht interessierte was diese Leute von mir dachten, oder sie meinen Rückzug vielleicht sogar als feige ansehen würden, wollte ich ihnen den Rücken kehren. Doch dann entdeckte ich mitten unter ihnen Olive.

Sie saß ganz alleine an einem großen Tisch. Auf ihren gerundeten Bauch hatte sie einen Screen zu liegen, auf den sie immer wieder völlig weltvergessen drauftippte.

Wie sie dort so saß, wirkte sie als würde sie nicht dazu gehören, als hätte man sie nur dort hingesetzt, um etwas sehr skurriles vorzuführen. Sie wirkte wie eine zarte Blume aus einer anderen Welt, die beim kleinsten Windhauch brechen würde.

Oh Himmel, woher kamen nur diese seltsamen Gedanken? Das konnte ich mir nicht beantworten, genauso wenig wie die Frage, warum ich mich in Bewegung setzte und auf sie zuhielt. Ich hatte nie an Schicksal und den ganzen Mist geglaubt, doch in diesem Moment schien mich eine fremde Kraft zu ihr zu ziehen und ich wusste nicht mal warum.

Mein Blick war so auf sie konzentriert, dass ich fast in einen großgewachsenen Mann hineinlief, als er plötzlich von seinem Stuhl aufstand und sich mir in den Weg stellte. Sein Lächeln war offen und freundlich, die Hand die er mir entgegenstreckte, einladend. „Hallo, ich bin Jesper.“

Killians Vater. Ein Adam. Ich hatte ihn schon auf den ersten Blick erkannt. Bis auf die Haarfarbe sah er seinem Sohn unglaublich ähnlich.

Als ich keine Anstalten machte seine Hand zu nehmen, oder gar sein Lächeln zu erwidern, rutschten seine Mundwinkel leicht nach unten. „Ja, ähm, magst du dich vielleicht zu uns setzten?“ Die immer noch erhobene Hand schwang leicht herum und zeigte auf den Tisch neben sich, an dem noch drei Frauen saßen. Eine von ihnen hielt ein Neugeborenes im Arm. Die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren daneben, schaute mich böse – ja fast feindselig – an und musterte mich so abwertend, dass ich ihr am liebsten das Gesicht in ihren Salat gedrückt hätte. Ich hatte sie erst einmal gesehen – als sie zusammen mit Sawyer unter der Laterne gestanden hatte – und konnte sie jetzt schon nicht leiden. Eigentlich war das keine große Kunst. Sie war ein Städter und ich mochte sowieso keinen von diesen Leuten. Daher ließ ich sie einfach kommentarlos stehen, umrundete den Tisch und hielt weiter auf Olive zu. Sie war noch immer in ihren Screen vertieft.

Die Sonne ließ ihr blondes Haar beinahe golden wirken. Eine schwache Brise zupfte an ihrem grünen Sommerkleid. Ein Geheimnis schien sie zu umgeben, eine unerklärliche Aura.

Ich stand einfach nur vor ihrem Tisch und fragte mich was ich hier eigentlich trieb. Warum war ich zu ihr gegangen?

„Die Sonne brennt heute fürchterlich, findest du nicht auch?“

Zuerst glaubte ich die leisen Worte seien an jemand anderes gerichtet, aber außer mir war hier niemand. Und dann fiel mir auch die leichte Rötung auf ihren Schultern auf. „Vielleicht solltest du dich dann in den Schatten setzten.“

„Aber ich liebe die Sonne so sehr. Schon bald wird sie sich wieder von uns zurückziehen. Die Tage werden kürzer und kühler. Und dann ist auch schon wieder Winter.“

Ähm … okay. In ein paar Wochen würde gerade Mal der Herbst beginnen, wie kam sie da jetzt schon auf den Winter? Ich überlegte ob ich diese Frage mit ihr erörtern sollte, entschied mich dann aber einfach dafür den Sonnenschirm vom Nachbartisch zu klauen und ihn über ihr aufzuspannen.

Als der Schatten über sie fiel, blickte sie zum ersten Mal auf und lächelte mich leicht entrückt an. „Danke.“

„Kein Problem.“ Da ich sonst nicht so recht wusste, was ich tun sollte, setzte ich mich anschließend zu ihr an den Tisch. Doch sie war schon wieder in ihren Screen vertieft und schien es gar nicht zu bemerken.

Ein paar Minuten beobachtete ich sie einfach schweigend und fragte mich immer wieder was ich hier überhaupt machte. Ich sollte einfach gehen. Ich hatte hier nichts zu suchen. Das hier war nicht mein -

„Es ist so schwer den Richtigen zu finden.“

Verwirrt merkte ich auf. „Den Richtigen?“

„Namen.“ Gedankenverloren strich sie über ihren runden Bauch. „Es gibt so viele schönen Namen für Jungen, aber welcher ist der Richtige? Das ist eine schwere Entscheidung, schließlich muss er sein ganzes Leben damit leben. Sein Name wird in prägen.“

Da war schon irgendwie etwas Wahres dran. „Es wird also ein Junge?“

Überrascht schaute sie auf, als wäre ihr dieser Gedanke noch gar nicht gekommen. Und ihre Augen. Sie hatte so strahlen blaue Augen, wie ein wolkenloser Himmel. Zeitlos, vom Alter völlig vergessen. „Ich weis nicht.“

„Hast du denn schon einen Namen für ein Mädchen?“ Himmel, was laberte ich hier eigentlich?

Plötzlich begann Olive zu lächeln und wirkte damit zum ersten Mal seit ich sie kannte als Teil dieser Welt. „Das weist du doch.“

Hä? „Was weis ich?“

„Hast du es etwa vergessen?“ Sie beugte sich vor und bemerkte dabei nicht einmal, dass ihr Screen herunterrutschte und auf den Boden knallte. „Nia und Lia?“

„Ähm -“

Ohne zu blinzeln starrte sie mich an. Das fand ich ausgesprochen irritierend.

„Unsere Puppen, Hannah, das kannst du doch nicht vergessen haben. Unsere Töchter …“

Mein Ganzer Körper erstarrte einfach. Ich hörte nicht mehr was sie sagte, während sie die feinen Härchen in meinem Nacken aufrichteten und meine Gedanken einfach zum Stillstand kamen. Da war nur ein Wort was immer und immer wieder in meinem Kopf rotierte. „Wie hast du mich gerade genannt?“, fragte ich leise, nicht sicher ob ich mir das eingebildet hatte und ob ich die Antwort wirklich hören wollte.

Olive stockte, blinzelte und neigte den Kopf verwirrt zur Seite. „Ich … ich weis nicht.“

Aber ich wusste es. Sie hatte mich Hannah genannt. Sie hatte eindeutig Hannah gesagt. „Woher kennst du diesen Namen?“

„Namen?“ Sie blinzelte wieder. „Ich suche gerade einen Namen. Ein schöner Name für einen Jungen. Der Name für ein Kind ist äußerst wichtig. Er wird ihn sein Leben lang begleiten.“

„Das hast du eben schon gesagt.“

Plötzlich wirkte sie verunsichert. „Wirklich?“

„Ja. Und jetzt will ich wissen, warum du mich so genannt hast.“

„Ich … wie habe ich dich genannt?“, fragte sie nervös. Ihre Finger begannen zu zitterten. „Ich kann mich nicht erinnern. Warum kann ich mich nicht erinnern?“

„Hannah“, sagte ich leise. „Du hast mich Hannah genannt.“ Und der Name Hannah war mir nicht unbekannt. Er gehörte meiner Mutter.

„Ich … ich brauche einen Namen.“ Fahrig tastete sie den Tisch, dann ihren Bauch ab, bis sie den Screen auf dem Boden entdeckte. „Ein Name ist wichtig.“ Sie bückte sich schwerfällig danach, doch bevor sie ihn berühren konnte, hatte ich ihre Hand ergriffen und hielt sie fest.

„Olive, konzentriere dich. Was ist mit Hannah?“ Woher kannte sie den Namen meiner Mutter? Wieso hatte sie mich mit ihr verwechselt? Ich sah ihr nicht mal ähnlich. Meine Mutter hatte helle Hautfarbe und braune Haare. Ich dagegen, genau wie Nikita und Akiim waren nach unserem Vater gekommen. Wir alle hatten seine dunkle Hautfarbe und die schwarzen Haare.

„Hannah“, flüsterte Olive.

„Ja, Hannah, woher kennst du diesen Namen?“ Und warum nannte sie mich so. Kannte sie meine Mutter? Aber das würde ja bedeuten, dass meine Mutter irgendwann mal etwas mit Eden zu tun gehabt haben musste. Aber selbst wenn es so war, wie kam es dass sie mich so nannte? Wie bereits erwähnt, ich sah meiner Mutter in keinster Weise auch nur ein bisschen ähnlich.

„Wer ist Hannah?“ Olive bemerkte wie verkrampft ich ihre Hand festhielt. „Wer bist du?“

Oh nein, bitte nicht. „Ich bin Kismet. Und jetzt sag mir bitte, was du von Hannah weist.“ Bitte.

„Ich … ich weis nichts.“ Sie zog an ihrer Hand. „Lass mich los, nimm deine Finger weg.“

„Olive -“

„Ich will nicht dass du mich festhältst!“

Um uns herum wurden die Leute an den anderen Tischen aufmerksam. Ich bemerkte sogar, wie Sawyer sein Interesse halb von seiner Tochter auf mich übertrug. Also ließ ich Olive widerwillig los.

Sofort erhob sie sich eilig von ihrem Stuhl und stolperte ein paar Schritte von mir fort. Dabei trat sie auch noch auf dem Screen, der mit einem langen Riss in seinem Display seinen Dienst einstellte. „Du bist nicht nett.“

Aus dem Hintergrund nährten sich die beiden Pfleger, die Olive immer wie zwei Schatten belauerten und auch Carrie kam langsam näher.

„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte ich leise. „Aber warum hast du mich so genannt?“

„Ich weis nicht.“ Sie wich nicht ein Stück vor mir zurück. „Ich weis nicht was du von mir willst.“

„Ich will wissen -“

„Bleib weg von mir.“ In ihren Augenwinkeln schimmerten Tränen, als sie sich hastig abwandte, den Pflegern auswich und die Terrasse verließ.

Die Blicke der anderen verschwanden aber leider nicht mit ihr, nein, die blieben auf mir liegen und beobachteten, wie ich regungslos auf dem Stuhl sitzen blieb und mich fragte, was hier gerade passiert war. Hatte ich mich vielleicht getäuscht? Hatte ich sie falsch verstanden?

Eigentlich war es doch unmöglich. Nicht nur das sie meine Mutter kannte, sondern auch dass sie mich mit ihrem Namen ansprach. Sie konnte nicht wissen, dass ich mir ihr verwand war. Niemand an diesem Ort konnte etwas über mich oder meine Familie wissen.

Aber … die Yards. Es waren die Yards gewesen, die meine Kindheit zerstört hatten.

Nein, bitte, lasst sie! Nein! Mama …“

Sieh gut hin. Sieh hin, schau was mit Verrätern passiert.“

„… nein! Ich mach euch fertig! Ich mach euch alle kalt!“

Und die Yards gehörten zu Eden.

Schau was mit Verrätern passiert.

Sie hatten es auf uns abgesehen.

Verräter.

Das konnte unmöglich wahr sein. Meine Familie hatte nichts mit Eden zu tun.

Der Stuhl auf dem eben noch Olive gesessen hatte, wurde zurückgezogen und von Carrie besetzt. Sie musterte mich einmal von oben bis unten, blieb dann an meinem Gesicht hängen und sagte: „Na das ist ja dann mal nicht so gut gelaufen.“

Ich hielt ihrem Blick in stummer Erwiderung stand, erhob mich dann von meinem Platz und tat es Olive gleich. Ohne mich und die Leute und Blicke um mich herum zu scheren, verließ ich die Terrasse.

Nein, das war wirklich nicht gut gelaufen.

 

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Kapitel 34

 

Hier saß ich nun in Killians Praxis, um die letzten Vorbereitungen über mich ergehen zu lassen und war so nervös, dass ich die Arme vor der Brust verschränkt hatte, um meine Hände ruhig halten zu können. Zu allem Überfluss war auch noch Agnes mit zwei weiblichen Yards anwesend und draußen vor der Tür standen Nadja und Kaleb – meine ganz persönliche Eskorte.

Da wollte wohl jemand ganz sicher gehen, dass ich auch wirklich in Sawyers Klauen landete.

„Nervös?“, fragte Killian mich, während er meinen Blutdruck kontrollierte.

Die Antwort darauf konnte ich mir sparen. Ein einfacher Blick reichte aus.

Killian lachte leise. „Das brauchst du nicht sein. Sawyer ist gut zu den Evas.“

„Warst nicht du es gewesen der mir erklärt hatte, Sawyer sei nicht unbedingt der umgängliche Typ?“

„Ist er auch nicht.“ Nach einem Kontrollblick auf die Anzeige, löste er die Manschette von meinem Arm und legte sie achtlos auf seinen Schreibtisch. „Aber ich weiß aus verlässlichen Quellen, dass er sich auf die Frauen einstellen kann. Er wird gut zu dir sein und auf dich eingehen.“

Nein, würde er nicht. Darin lag zumindest meine Hoffnung. Ich brauchte niemanden der sich auf mich einstellte und gut zu mir war. Ich brauchte jemanden der mir aus diesem Sumpf heraushalf.

Bleib beim Thema, lass dir nichts anmerken! „Diese sichere Quelle ist nicht zufällig eine Eva?“

„Celeste.“

Ah, die Frau die ihn aus was-weis-ich für Gründen immer wieder aufsucht. Aber da sie das tat, musste sie wohl wirklich etwas an ihm gefunden haben, was allen anderen entging. „Also kann ich mich auf ihre Aussage nicht verlassen und muss das Schlimmste annehmen.“

Killian schmunzelte. „Du nimmst von jeder Situation automatisch das Schlimmste an. Deswegen -“

„Ich habe noch einen dringenden Termin“, unterbrach Agnes Killians Versuch mich aufzuheitern, mit ihrer kratzigen reibeisenstimme. „Ich würde es also begrüßen, wenn wir hier ein wenig vorankommen könnten.“

Ich würde auch so einiges Begrüßen, dachte ich biestig, verschaffte ihr aber nicht mal die Genugtuung den Kopf zu drehen.

Killians Lächeln jedoch verrutschte ein wenig. „Es dauert so lange es eben dauert, Despotin Nazarova.“

War das Spott, was ich da in seinen Worten hörte?

Agnes ließ sich nicht anmerken, ob sie es auch vernommen hatte. Ihr Blick jedoch brannte sich in meinen Rücken, als versuchte sie allein damit die ganze Prozedur zu beschleunigen. „Bitte zögern Sie es nur nicht unnötig heraus.“

„Natürlich nicht.“ Killian war eindeutig unzufrieden. Es passte ihm nicht die alte Vettel hier zu haben. Wahrscheinlich gehörte das normalerweise nicht zum Standardprogramm und war somit wieder Mal allein für mich arrangiert worden.

Was hatte ich nur immer für ein Glück.

Nach dieser unterschwelligen Rüge der Despotin wurde Killian ein wenig Wortkarger. Er versenkte mehrere Spritzen voller Vitamine und Hormonen in meinen Armen, blieb mit seiner Erklärungen wofür sie gedacht waren eher einsilbig. Auch sein Lächeln wirkte unter Agnes‘ ungeduldigem Blick gezwungen.

Damit machte er auch mich immer nervöser. Ja, ich wollte zu Sawyer, um das ganze endlich hinter mich zu bringen und zu erfahren, wann und wie ich von hier entkommen konnte. Gleichzeitig fürchtete ich mich davor. Dann war da noch Nikita, die ich seit unserem Ausbruchsversuch nicht mehr gesehen hatte. Carrie holte zwar immer wieder Informationen über sie ein – ihre Worte, nicht meine – aber das war nicht das Gleiche.

Und zu allem Überfluss musste ich seit gestern immer wieder an Olive denken. In der Zwischenzeit war ich mir nicht mehr sicher, ob sie das wirklich gesagt hatte, oder ich mir das nur eingebildet hatte, aber es ließ mir einfach keine Ruhe. Denn wenn das nicht nur meiner Phantasie entsprungen war, dann gab es eine Verbindung zwischen Eden und mir, die ich nicht kannte.

„So, dann nur noch eines, dann ist es so weit.“

Halbherzig streckte ich die Faust in die Luft. „Juhu“, machte ich nicht sehr begeistert.

Da kehrte endlich Killians echtes Lächeln zurück, das das auch seine Augen erreichte und sie immer leicht glänzen ließ. „Wir brauchen das zur Aufnahme und Auswertung deiner Daten. Es ist eine Standardprozedur und beeinträchtigt dich nicht im Geringsten.“

Oh oh, wie er das sagte. Egal was da jetzt kam, ich wusste schon jetzt dass es mir nicht gefallen würde. Daher wurde ich äußerst misstrauisch, als er aus einem der unteren Schränke eine kleine weiße Schachtel herausholte. Das letzte Mal als ich so eine Schachtel gesehen hatte, wurde mir ein Chip unter die Haut gepflanzt. Dieser kleine Behälter war jedoch etwas länger und breiter. Also konnte ich wohl davon ausgehen, dass es kein weiterer Chip sein würde. „Was ist das?“

„Ein Pulsmesser.“ Killian ließ sich mir gegenüber auf der Schreibtischkante nieder, hob den Deckel ab und reichte mir den Unterboden der kleinen Schachtel. Darin lag eine Art Armbanduhr, nur würde man von ihr niemals die Zeit ablesen können, denn sie hatte weder ein Ziffernblatt noch Zeiger. Nur ein leeres Uhrenglas, das mit dem Armband zu verschmelzen schien.

„Der Pulsmesser birgt einen kleinen Sender, der deine Daten die nächsten vier Tage aufzeichnet und zur Auswertung an den Hauptrechner schicken wird.“

„Aha“, machte ich nicht sehr gescheit. Vielleicht weil mir der Sinn des Ganzen entging. Warum wollten sie den vier Tage lang meinen Puls messen? Ausgerechnet wenn ich bei Sawyer war um -

Die Erkenntnis ließ meine Schultern mit einem Schlag steif werden und der Pulsmesser fiel mir fast aus der Hand. „Ihr wollt mich kontrollieren.“ Denn anhand meines Pulses ließen sich meine Aktivitäten nachvollziehen. Körperliche Anstrengung bedeutete einen höheren Puls.

„Keine Angst“, versuchte Killian mich zu beruhigen. „Es hat nichts mit deiner Person zu tun, das ist eine Standardprozedur bei den Evas. Es dient unserer Forschung.“

Anhand dieses kleinen Geräts wollten sie feststellen, wie sich mein Puls in Sawyers Haus verhielt. „Ihr wollte sogar kontrollieren, wie oft ich gefickt werde?“ Ich war fassungslos. Nicht wirklich entsetzt, dass sie mich sogar in solch intimen Momenten unter die Lupe nehmen wollten, aber bestürzt darüber was das für meinen Plan bedeutete.

„Ich verbitte mir eine solche Ausdrucksweise“, mokierte Agnes sich. „Wir sind doch alle zivilisierten Menschen. Und der Pulsmesser hat sich oft als sehr nützlich erwiesen. Die Werte brauchen wir für statistische Zwecke. Es ist nichts Menschenunwürdiges daran.“

Das konnte sie aber auch nur sagen, weil sie nicht in meiner Haut steckte. Ein Pulsmesser. Das konnte alle ruinieren. Was sollte ich tun? In Rückzieher wäre zu auffällig. Außerdem würde das mein Problem nicht lösen, sondern nur verschlimmern.

Die einzige Möglichkeit den Plan noch erfolgreich zu Ende zu bringen wäre … oh Himmel, die einzige Möglichkeit wäre mit Sawyer zu schlafen.

Nervös begann ich mit an der Ecke der Schachtel herumzuknibbeln. Bleib ruhig, forderte ich mich selber auf. Zeig ihnen nicht dass sie gerade alles ruinieren. Ich schaffte es nicht. Dieses keine Gerät bedeutete mich den Forderungen Edens zu unterwerfen. Sawyer war der einzige der mich hier rausschaffen konnte, ich musste also zu ihm. Doch wenn ich zu ihm ginge -

Meine Hände krampften sich um die Schachtel, als das Gefühl der Hoffnungslosigkeit in mich zurückkehrte.

„Kismet?“ Killian beugte sich ein wenig vor, um mir ins Gesicht sehen zu können. „Stimmt etwas nicht?“

Ob etwas nicht stimmte? Am liebsten hätte ich aufgelacht, doch nach Lachen war mir gerade absolut nicht zumute. „Nein“ flüsterte ich, wagte es dabei aber nicht ihm ins Gesicht zu schauen. „Nein, alles okay.“

Leider stimmte meine Körpersprache nicht mit meinen Worten überein. Die steife Haltung und die hochgezogenen Schultern wurden von Killian sehr wohl bemerkt. „Despotin, würden Sie uns bitte ein paar Minuten zugestehen?“

Ich sah es nicht, aber ich konnte es mir geradezu vorstellen, wie sie unwillig die Lippen spitzte. „Doktor Vark, ich denke nicht -“

„Despotin Nazarova“, unterbrach er sie mit fester Stimme, ohne sich von ihrer Stellung einschüchtern zu lassen. „Dies hier ist eine ärztliche Angelegenheit. Ich habe bereits zugestimmt, dass Sie bei den Vorbereitungen anwesend sein dürfen, obwohl dies alles der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt – und das ohne der Zustimmung der Patientin. Nun aber bitte ich Sie die Praxis einen Moment zu verlassen und draußen im Wartezimmer Platz zu nehmen, da ich mit der Patientin unter vier Augen sprechen muss. Sollten Sie sich weigern, werde ich für diese Eva ein vorübergehendes Fortpflanzungsverbot aussprechen, da sie dann nicht ordnungsgemäß vorbereitet ist.“

Nun schaffte ich es nicht länger die alte Vettel zu ignorieren und beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Sie sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

„Sie überschreiten ihre Kompetenzen, Doktor Vark.“

„Nein Despotin Nazarova, das tue ich nicht. Sie allerdings schon, denn in diesem Bereich haben Sie nichts zu sagen. Hier sind sie nichts weiter als ein stiller Teilnehmer, der sich meinem Urteil unterwerfen muss.“

Die beiden lieferten sich ein Blickduell, in dem niemand nachgeben wollte. Agnes‘ Augen glitzerten dabei gefährlich, aber Killian gab einfach nicht klein bei. Und da die Despotin sich in eisernes Schweigen hüllte, sagte er schlussendlich. „Nun gut, dann bleibt mir nichts anderes übrig als ein Verbot auszusprechen.“ Er setzte sich in Bewegung und begann damit in seinen Schubladen nach Dokumenten zu kramen. „Mein hypokritischer Eid lässt keine andere Handlung zu und zwingt mich zu diesem Maßnahmen, damit -“

Steif erhob Agnes sich von ihrem Stuhl und wandte sich der Tür zu. „Ich werde draußen warten.“

„Mein verbindlichsten Dank.“

Auch die beiden Yards hinter Agnes setzten sich in Bewegung, blieben aber noch mal stehen, als die Despotin an der Tür anhielt. „Und Doktor, das wird für sie Konsequenzen haben.“

„Ich tue nur meine Arbeit“, hielt er dagegen, ohne auch nur in kleinen wenig von ihr eingeschüchtert zu sein. „Der Schutz und das Wohlergehen meiner Patienten steht immer an erster Stelle.“

„Eine angemessene Einstellung“, erklärte Agnes trocken und verschwand dann mit den beiden weiblichen Yards aus der Praxis.

Mit dem zufallen der Tür schien Killian in sich zusammen zu sacken.

„Du findest sie wohl immer noch gruselig“, sagte ich leise.

Ein kleines Zucken seines Mundwinkels.

„Du hast dich ziemlich weit vor gewagt“, bemerkte ich. Es gefiel mir nicht sonderlich, aber ich war beeindruckt. Ich hatte noch nie gesehen, dass sich jemand so stark gegen Agnes aufgelehnt hatte.

„Ich bin mir sicher dass ich dafür später noch büßen werde, aber das soll nicht deine Sorge sein.“ Er lehnte sich mir gegenüber wieder an die Schreibtischkante, nicht mal einen halben Meter von mir entfernt. „Und nun sprich bitte mit mir.“

Ich sollte mit ihm sprechen? „Aber ich spreche doch mit dir.“

„Nein, nicht wirklich. Als du heute hier herein kamst, konnte ich dir deinen Zwiespalt ansehen. Du bist noch immer nicht überzeugt von dem was wir hier tun, aber du hast dich darauf eingelassen. Doch als ich den Pulsmesser herausgeholt habe, ging es augenblicklich steil bergab. Sag mir was dich daran so bedrückt.“

„Bedrückt?“ Meine Lippen wurden zu der Parodie eines Lächelns. „Missfällt trifft es hier wohl besser.“ Denn dieses kleine unscheinbare Ding zerstörte das ganze Vorhaben.

„Du siehst es als Eingriff in deine Privatsphäre.“

„Wie sollte ich das nicht so sehen?!“, brauste ich auf und konnte mich kaum noch ruhig auf meinem Stuhl halten. „Diese Stadt, die Menschen hier – du! – ihr seid immer da! Ganz egal was ich tue. Und jetzt wollt ihr selbst das überwachen! Wozu, frage ich mich. Wozu müsst ihr wissen, wie oft ich mich von Sawyer ficken lassen werde?!“

„Quotenauswertung, Statistiken. Wir brauchen diese Daten zu Forschungszwecken.“

Er sagte das so ruhig, dass ich ihm am liebsten den blöden Pulsmesser an den Kopf geworfen hätte, nur um ihm eine menschliche Reaktion zu entlocken. Ich wollte dass er sauer wurde, damit auch ich richtig sauer werden konnte. Dabei brauchte ich eigentlich nicht noch einen weiteren Grund, die hatte ich schließlich zu genüge.

„In Ordnung“, sagte er plötzlich, rutschte von der Schreibtischkante und hockte sich direkt vor mich, um mit mir auf Augenhöhe sprechen zu können. „Es ist mir klar dass du das nicht verstehen kannst. Diese Lebensweise ist für dich nicht leicht zu akzeptieren und vielleicht … Kismet.“ Er legte seine Hand auf meine verletzte, die sich noch immer um den kleinen Karton krampfte und ich kam nicht mal auf die Idee ihn abzuschütteln. „Du weist dass du das nicht tun musst. Wir können deinen Termin bei Sawyer noch immer absagen und die Prozedur stattdessen hier in meiner Praxis durchführen. Eine künstliche Befruchtung wird für dich auch viel Stressfreier vonstattengehen. Ich glaube das ist in deinem Falle die beste Lösung.“

Wenn es überhaupt möglich war, dann versteifte ich mich noch mehr. Allein der Gedanke mich bei Killian auf diesen Stuhl zu setzen, während er auf medizinischem Wege dafür Sorgte, dass ich schwanger wurde, machte mir eine scheiß Angst. Nicht nur wegen dem Ergebnis, sondern auch weil es in meinen Ohren gar nicht so schlimm anhörte.

Wenn Sawyer doch nur ein wenig wie Killian wäre, dann wäre das alles vielleicht gar nicht so schwer.

Bei der zerstörten Welt, was dachte ich da eigentlich?!

„Nein.“ Ich versuchte meine Stimme fest klingen zu lassen. „Nein, das möchte ich nicht.“ Nicht nur, weil ich absolut kein Kind wollte, sondern auch weil meine Chance hier zu entkommen damit praktisch auf nicht-mehr-messbar sanken.

Mein Weg in die Freiheit war und blieb Sawyer. Es führte kein Weg daran vorbei. Ich musste zu ihm, damit ich endlich erfuhr, wie der Plan lautete. Nur dieser Pulsmesser …

„Du möchtest aber auch nicht zu Sawyer“, sagte er leise.

Meine Lippen wurden zu einem dünnen Strich. „Ich möchte dass alles nicht, doch das ist vollkommen egal. Aber dieser Uhr -“ Ich drückte die Schachtel ein wenig fester. „Das ist das Schlimmste, was ihr mir bis jetzt angetan habt.“ Das war es nicht, aber dieses kleine Ding konnte alles zunichtemachen.

Killian betrachtete mich sehr eindringlich, sodass ich mich gezwungen sah den Blick abzuwenden. „Der Pulsmesser wird dich in keiner Weise beeinträchtigen. Du wirst noch immer mit Sawyer allein sein. Er wird der einzige sein der dich sehen kann, der einzige der dir nahe ist. Diese Tage gehören allein euch beiden, daran ändert auch dieses kleine Gerät nichts.“

Das stimmte vielleicht, wenn ich das tat was sie von mir erwarteten, aber das war gar nicht vorgesehen.

„Niemand wird deine Intimsphäre verletzen, das schwöre ich dir.“

Er brachte seine Worte so überzeugend hervor, dass ich sie glauben wollte. Wäre die Situation eine andere, würde ich das vielleicht sogar tun, doch so wie die Dinge standen, konnte ich es nicht. Ich begann ihm zu vertrauen, und das war nicht klug. Killian war der Feind.

„Kismet, sieh mich an.“

Der Feind. Ich musste es mir immer wieder sagen. Killian war der Feind. Aber … wenn er mein Gegner war, was war dann Sawyer? Sicher kein Freund. Wäre er ein Freund gewesen, dann hätte er mich vor diesem Pulsmesser gewarnt. Killian hatte gesagt, dass es zum Standartverfahren gehörte, sie den Evas anzulegen. Das es immer -

Aber Moment Mal! Sawyer wusste von den Pulsmessern. Er wusste dass man mir einen anlegen würde, wenn man mich zu ihm schickte. Hieß das, er hatte es in seinem Vorhaben berücksichtigt? Sawyer hatte mir versichert, er würde mich nicht anfassen. Das hieß doch dass er eine Lösung für dieses Problem parat hatte, oder?

Nun ja, wahrscheinlich. Zumindest wenn ich seinen Worten glauben konnte – was ja immer noch fraglich war.

Verdammt noch mal, dieses Grübeln brachte mich nicht weiter. Bei all den Wenn‘s und Aber‘s blieb mir eigentlich nur eine Möglichkeit, die mir eine Chance auf Freiheit einräumte.

„Kismet -“

„In Ordnung.“ Diese Worte waren fast ein Flüstern, ein Flüstern das mein Leben bestimmte und ich konnte nur hoffen, damit keinen gewaltigen Fehler begangen zu haben. „In Ordnung“, wiederholte ich mich festerer Stimme und zwang mich meinen Klammergriff um den Pulsmesser zu lockern. Und auch ihm in die Augen zu schauen. „Ich werde tun was ihr von mir verlangt.“

Das schien Killian nicht nur zu überraschen, sondern auch zu bestürzen. „Gut“, sagte er langsam. „Das ist … gut.“

„Ich will es einfach nur noch hinter mich bringen“, fügte ich noch hinzu, da ich nicht riskieren wollte, dass meine plötzliche Zustimmung ihn misstrauisch machte.

„Du wirst sehen, es wird nicht annähernd so schlimm werden, wie du es dir jetzt noch vorstellst.“

Seine Versuche mich zu beruhigen in allen Ehren, aber sie waren wirkungslos. Trotzdem sagte ich: „Ja, wahrscheinlich hast du recht.“

Nun schlich sich wieder ein kleines Lächeln auf seine Lippen. „Ich weis dass du mir nicht glaubst, aber das wirst du noch. Und jetzt zum Pulsmesser.“ Vorsichtig entfernte er meine Finger von der kleinen Schachtel, nahm die Uhr heraus und legte sie mir an. Der Verschluss schloss sich mit einem so endgültigem Klicken, dass ich schlucken musste. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, denn ich hatte mich entschieden.

„Und, ist doch gar nicht so schlimm, oder?“

Ich verkniff es mir im etwas Passendes an den Kopf zu werfen und beließ es einfach bei einem bösen Blick, der ihn seltsamerweise leise Lachen ließ, während er sich von Boden erhob und an seinem Schreibtisch zurückkehrte, um etwas in seinem Computer einzugeben.

„So“, sagte er dann. „Nun bist du an das System angeschlossen.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte mich unergründlich. „Nun steht dir nichts mehr im Weg.“

„Ich Glückliche.“ Ich wusste dass ich jetzt aufstehen und gehen sollte, aber etwas hielt mich auf meinem Stuhl.

„Du musst nicht gehen.“ Killians Stimme war leise, aber auch sehr eindringlich. „Du kannst dich immer noch umentscheiden, es ist noch nicht zu spät.“

Ja, das konnte ich, aber das würde es nicht besser machen. „Es scheint mir fast so, als wolltest du nicht dass ich zu einem Adam gehe.“ Ich versuchte es mit einem scherzhaften Unterton, doch in Killians Gesicht stand ein ungewohnter Ernst.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, dass eine künstliche Befruchtung in deinem Fall diese beste Option ist.“

Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und musterte ihn nun meinerseits. „Also möchtest du mich selber befruchten?“, neckte ich ihn und fragte mich gleichzeitig was plötzlich in mich gefahren war. Doch es brachte endlich sein richtiges Lächeln zurück.

„In dem Rahmen meiner Möglichkeiten, ja.“

Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit, dass ich sogleich wieder erstickte, indem ich hastig vom Stuhl aufsprang. „Das wird nicht passieren.“ Das kam unfreundlicher als beabsichtigt aus meinem Mund, doch ich verbot mir mich zu revidieren. „Ich muss jetzt gehen.“

„Wahrscheinlich.“

„Gut. Dann … dann sehen wir uns.“

„In vier Tagen.“

Vier Tage in denen ich zusammen mit Sawyer in sein Haus eingeschlossen sein würde. Mit einem letzten Blick zu Killian, eilte ich zur Tür, hinter der die Despotin und vier Yards samt meiner sogenannten Übernachtungtasche auf mich warteten. Gerade als ich die Klinke berührte, sagte Killian noch leise: „Viel Glück, Kismet.“

Glück. Ja, das konnte ich wirklich gebrauchen, denn ich wusste nicht genau, was jetzt auf mich zukommen würde. „Danke“, war das einzige was noch von mir kam, dann war ich zur Tür heraus.

 

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Kapitel 35

 

Ein paar Wattewolken zogen geisterhaft über den ansonsten strahlend blauen Himmel und malten Bilder aus Schatten und Licht auf die Landschaft unter ihnen.

Der Kies unter meinen bloßen Füßen knirschte leise bei jedem Schritt, doch war es leise im Gegensatz zu dem Lärm den meine Begleiter veranstalteten. In Ordnung, eigentlich liefen sie nur neben und hinter mir her, doch in meinen Ohren hörte es sich unheimlich laut an – trotz des rasenden Pulses, der mich schon den ganzen Weg über begleitete.

Das Haus von Sawyer war nur noch ein paar Meter von uns entfernt. Ich konnte bereits die Beschaffenheit der Fassade erkennen. Eingebettet stand es zwischen Turmhohen Bäumen, die ihren Schatten auf das kleine Gebäude warfen, als wollten sie es vor der Welt verstecken. Gepflegte Büsche und Beete drumherum verliehen dem Bild etwas Idyllisches.

Abgeschieden und friedlich.

Wie konnte etwas so unschuldiges wie ein einfaches Haus im Sonnenlicht nur so gefährlich wirken?

Ich wollte nicht hier sein. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre in die andere Richtung davongelaufen. Aber meine Aufpasser würden das sicher nicht zulassen. Wunderte mich nur, dass Carry sich uns nicht angeschlossen hatte. Aber bei so vielen Aufsehern für meine Person, hatte sie es wohl nicht für nötig gehalten, uns auch noch zu begleiten.

Angeführt wurde unsere kleine Prozession von Agnes. Sie hatte noch kein Wort zu mir gesagt, seit wir Killians Praxi verlassen hatten und langsam begann ich mich zu fragen, warum sie unbedingt dabei sein musste. Wahrscheinlich wollte sie sich nur persönlich darüber versichern, dass ich auch an meinem Ziel ankam.

Noch immer blieben alle still, als Agnes vor der Haustür zum Stehen kam und sehr nachdrücklich anklopfte. Klonk klonk. Dann warteten wir.

Wahrscheinlich waren es nur ein paar Sekunden, maximal eine Minute, doch mir schien es als zöge sich die Zeit endlos in die Länge. Nicht das ich unbedingt in das Haus hinein wollte. Naja, nicht wirklich zumindest. Dann aber doch irgendwie.

Oh Himmel, ich war so sehr im Zwiespalt dass ich selber nicht mehr genau wusste, was ich eigentlich wollte. Diese ganze Situation setzte mir langsam schlimmer zu, als ich bisher geglaubt hatte. Und dieser dumme Pulsmesser an meinem Handgelenk machte das Ganze auch nicht viel besser.

Ich wollte hier einfach nur noch weg.

Als die Tür dann geöffnet wurde, schlich sich ein Stirnrunzeln auf meine Stirn. Sawyer trug eine legere Hose aus einem dunkelblauen Stoff, den sie hier in der Stadt Jeans nannten. Dazu ein langärmliges schwarzes Hemd, bei dem er sich nicht die Mühe gemacht hatte auch nur einen einzigen Knopf zu schließen.

Was mich allerdings ein wenig irritierte, war nicht seine Kleidung, oder der Anblick seiner nackten wohlgeformten Brust, sondern das zerzauste und auf der rechten Seite plattgedrückte Haar. Er verbarg sein gewaltiges Gähnen hinter seiner Hand und lehnte sich dann lässig mit verschränkten Armen an den Türrahmen. „Na, auch schon da?“

Agnes spitze missmutig die Lippen, während ich es kaum glauben konnte. Er hatte geschlafen. Ich stand hier praktisch Todesängste aus und er hielt mitten am Tag ein Nickerchen.

„Ich darf doch sehr bitten“, ereiferte sich Agnes.

„Sie können tun und lassen was sie wollen, immerhin sind Sie ja unsere allseits geschätzte Despotin und ihre Macht ist wie wir alle wissen, unantastbar.“ Der Spott triefte nur aus seinen Worten.

Agnes bemerkte das sehr wohl, doch sie ignorierte es einfach und ich kam nicht umhin mich zu fragen, wie er es schaffte damit bei ihr durchzukommen, wo ich doch nicht mal in richtig Mauer schauen konnte, ohne das mir das als Verbrechen ausgelegt wurde.

„Wie schön dass Sie das auch endlich einsehen“, bemerkte die Despotin genauso spöttisch und trat dann einen Schritt zur Seite um den Blick auf mich freizugeben. „Ich bin heute in Begleitung ihres Termins vor Ort und möchte -“

„Tut mir leid, aber ich schiebe keine Dreier. Sie müssen wohl ein anderes Mal wiederkommen.“

An Agnes‘ Schläfe begann eine Ader zu pochen. „Meine Zeiten als Eva sind lange vorbei. Und selbst damals hätte ich wohl kein Wert auf die Gesellschaft eines Mannes wie Ihnen gelegt.“

„Ich Glücklicher.“

Das Pochen wurde intensiver, doch auch diesen Kommentar tat Agnes ab, als hätte er niemals seinen Mund verlassen. „Es ist das erste Mal dass Sie eine Eva einführen werden – noch dazu eine widerspenstige Dame, die sich ihnen wahrscheinlich verweigern wird.“

Hallo? Ich bin anwesend du dumme Ziege! Ich funkelte sie böse an und verbot mir den Mund zu öffnen. Es würde sicher nicht gut ankommen, wenn ich begann sie zu beschimpfen und meinen Gefühlen einmal freien Lauf ließ.

Sawyer jedoch zog einfach nur eine Augenbraue nach oben. „Und jetzt sind sie hier um mir zu sagen wie ich mit ihr umgehen soll? Bei allem nicht vorhandenen Respekt, ich glaube ich bin sehr gut in der Lage auch eine widerwillige Frau ins Bett zu bekommen, wenn ich es darauf anlege.“

War ich plötzlich unsichtbar?

„Hüten Sie ihre Zunge, Herr Bennett. Wäre ich nicht überzeugt, Sie könnten mit ihr umgehen, dann hätte ich diese Verbindung mit Sicherheit nicht zugelassen. Der Grund für mein Erscheinen ist ein ganz anderer. Ich gebe Ihnen hiermit die ausdrückliche Erlaubnis sich die Frau gefügig zu machen, sollte sie sich ihnen verweigern.“

Danach herrschte ein Moment Stille, in der Sawyer langsam seine Arme sinken ließ.

Während ich noch versuchte den Sinn in diesen Worten zu verstehen, machte sich auf Sawyers Gesicht ein Ausdruck des Ekels breit. „Haben Sie mir gerade erlaubt eine Eva zu vergewaltigen?“

Bitte was?!

„Ich habe Ihnen nur nahegelegt Kismet mit angebrachten Mitteln einzuführen.“

Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Meine Hände ballten sich zu Fäusten und ich war kurz davor auszuholen, um dieser alten Schabrake einen gepfefferten Schlag zu verpassen.

„Angebrachte Mittel.“ Sawyer schnaubte.

„Und nun zu dir.“ Sie drehte sich zu mir herum. „Ich hoffe doch sehr du versuchst uns nicht zum Narren zu halten.“

„Ich bin hier, oder?“, pflaumte ich sie an und weigerte mich ihrem Blick auszuweichen.

„Und solange Nikita in unserer Obhut ist, wirst du es wohl auch bleiben.“

Dieser versteckte Drohung machte mich so wüten, dass ich wirklich einen Schritt auf sie zumachte, bevor ich mich am Riemen reißen konnte. „Drohen Sie mir nicht“, flüsterte ich unheilverkündend und war mir dabei sehr bewusst, dass sie mich in der Hand hatte und ich gar nichts tun konnte.

„Du scheinst dein Lage zu missverstehen. Ich -“

„Was ist denn hier los?“, fragte eine sehr schlaftrunkene Frauenstimme. Im nächsten Moment trat aus dem inneren des Hauses eine verschlafene Frau mit schwarzen zerwühlten Haaren an Sawyers Seite, in nichts weiter als eines seiner Hemden gekleidet. Ich hatte sie schon ein paar Mal gesehen. Mit Sawyer unter der Laterne und vor ein paar Tagen auf der Terrasse.

Beim Anblick von Agnes begann sie zu lächeln und grüßte sie mit einem leichten Kopfnicken. „Despotin Nazarova.“

„Celeste“, grüßte die Despotin zurück und nahm Sawyer scharf ins Auge.

„Schauen Sie mich nicht so an, ich habe sie sicher nicht eingeladen.“

Celeste schien sich davon nicht beleidigt zu fühlen. Ganz im Gegenteil, sie hakte sich sogar noch bei Sawyer ein und schmiegte sich an ihn. Dabei warf sie mir einen bösen Blick zu und merkte gar nicht wie Sawyer sich versteifte und jeglicher Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. „Sawyer war wieder sooo gut zu mir.“

Sie schien es niemand bestimmten zu sagen, doch ich wusste dass die Worte für mich bestimmt waren. Warum? Glaubte sie ich wollte ihn ihr wegnehmen? Aber sicher doch. Von mir aus konnte sie in gerne behalten. Ich wollte nur eines von ihm, und das hatte sicher nichts mit Körperkontakt oder ähnlichem zu tun.

„Ich bin entzückt“, kam es äußerst sarkastisch von Agnes. „Aber nun hat Sawyer einen dringenden Termin. Du solltest ihn dabei nicht stören.“

„Natürlich nicht.“ Missgelaunt warf Celeste mir noch einen unergründlichen Blick zu und verschwand dann wieder ins Innere des Hauses.

Ich jedoch begann mich zu fragen, ob diese Komödie normal war, oder extra für mich arrangiert wurde. Auf jeden Fall fand ich es einfach nur abartig. Sie schickten mich zu einem Mann, der gerade noch mit seiner Gespielin im Bett gelegen hatte – wenn auch nicht freiwillig. So wie er dreinschaute, als Celeste – dieses Mal angezogen – wieder herauskam und sich mit einem Kuss auf seine Wange von ihm verabschiedete, schien er fast ein wenig aufzuatmen. Er wollte sie wohl einfach nur loswerden.

Als sie mit schwingenden Hüften in ihrem kurzen Kleid davonschlenderte, kam Kaleb nicht umhin ihr nachzuschauen, anstatt sich auf seine eigentliche Arbeit zu besinnen.

„Na dann kommen wir mal zum geschäftlichen Teil.“ Sawyer stieß sich vom Rahmen ab und verschwand im Haus ohne die Tür zu schließen.

Plötzlich schienen meine Beine aus Glibber zu bestehen. Es war wie damals, als Marshall mir beigebracht hatte bröckelnde und halb zerfallene Hauswände empor zu klettern und ich mich auf einmal in zwanzig Metern Höhe wiedergefunden hatte – nur schien dieses hier viel gefährlicher zu sein.

„Du solltest nun zu ihm gehen“, sagte Agnes ungeduldig, ohne mich auch nur den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu lassen.

Ich schluckte und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Wenn du nicht freiwillig gehst, werde ich dich hineinbringen lassen. Und du brauchst auch gar nicht auf falsche Gedanken zu kommen. Sobald die Tür geschlossen ist, wird sie verriegelt und kann erst in vier Tagen wieder geöffnet werden.“ Ihre Augen blitzten listig. „Wir wollen doch nicht dass euch jemand stört.“

Natürlich nicht. Doch viel mehr beunruhigten mich die Yards. Besonders Nadja schien nur darauf zu warten, sich auf mich stürzen zu dürfen. Kein Wunder dass sie gleich vier Yards mitgebracht hatten. Doch diese Genugtuung würde ich ihnen nicht geben.

„Wir sehen uns dann in vier Tagen.“ Meine Stimme klang selbstsicherer als ich war. Dann zwang ich mich das Kinn zu heben, meine Übernachtungstasche auf Kalebs Hand zu nehmen und an ihnen vorbei ins Haus zu stolzieren. Jedoch als Kaleb die Tür hinter mir zudrückte und das Schloss sehr vernehmlich einrastete, zuckte ich trotzdem kaum merklich zusammen.

Eingesperrt.

Sie hatten mich wirklich zusammen mit Sawyer in sein Haus eingesperrt.

Ich schluckte und versuchte mich von dieser Tatsache abzulenken, indem ich meine Umgebung in mich aufnahm. Alles wirkte genau wie bei meinem letzten und bisher einzigen Besuch in diesem Haus. Die dunklen, holzverkleideten Wände, der ordentliche Schreibtisch unter dem Fenster, die vollgestellten Bücherregale zu seinen Seiten.

Der flache Tisch mit den braunen Ledersofas war leer, die Küchenzeile hinter dem Tresen sauber. Und genau wie beim letzten Mal stand die Schlafzimmertür speerangelweit offen und gab den Blick auf das zerwühlte Bett preis, in dem er eben vermutlich noch mit Celeste gelegen hatte. Die Frage war nur hatten die beiden geschlafen oder sich vergnügt.

Es interessierte mich nicht wirklich. Was mich allerdings störte war die Tatsache, dass man von mir erwartete mich mit Sawyer in genau diesem Bett zu vergnügen – ein Bett, das wohl schon viele Frauen beherbergt hatte. Das war einfach nur widerlich.

Verunsichert blieb mein Blick an diesem Bett hängen. Mein Herzschlag wollte sich einfach nicht beruhigen und das hatte absolut nichts damit zu tun, dass ich mit dem potentiellen Vater meiner zukünftigen Kinder eingesperrt war. Okay, vielleicht doch ein kleines bisschen. Aber Hauptsächlich lag es an diesem verdammten Pulsmesser um meinem Handgelenk. Er ruinierte einfach alles.

„Willst du dort den ganzen Tag stehen bleiben?“ Es schien Sawyer nicht wirklich zu interessieren. So lässig wie er auf dem linken Sofa fläzte schien er sich für überhaupt nichts wirklich zu interessieren.

„Wir haben ein Problem“, sagte ich ohne auf seine Frage einzugehen und stellte meine Tasche direkt neben der Tür auf dem Boden ab. „Das hier.“ Ich hielt mein rechtes Handgelenk mit dem Pulsmesser in die Höhe. Er konnte ihn nicht übersehen, doch auf seinem Gesicht zeigte ich nur mäßiges Interesse.

„Warum sollte der Pulsmesser ein Problem sein?“

War das eine ernsthafte Frage? „Weil sie damit meinen Puls messen! Sie werden merken, dass hier drinnen nichts passiert!“ Denn das hier drinnen nicht passieren würde, dafür konnte ich garantieren.

Sawyer jedoch blieb unbesorgt. Doch der Blick den plötzlich drauf hatte, wollte mir gar nicht gefallen. Da war ein Funkeln, das vorher nicht da gewesen war. „Wie kommst du denn darauf, dass hier drinnen nichts passieren wird?“, fragte er sehr leise.

Augenblicklich schossen mir Agnes Worte durch den Kopf.

Ich gebe Ihnen hiermit die ausdrückliche Erlaubnis sich die Frau gefügig zu machen, sollte sie sich ihnen verweigern.

„Nein.“ Das Entsetzen schwang unüberhörbar in meiner Stimmte mit. Ich schüttelte den Kopf und wich zurück, bis ich mit dem Rücken an der Tür stand und nicht mehr weiter konnte. Mein Herzschlag beschleunigte sich und meine Ohren begannen zu rauschen. Die Gedanken in meinem Kopf wirbelten durcheinander. „Du hast gesagt dass du mich nicht anfassen würdest“, brachte ich hervor und war selber überrascht, wie ruhig meine Stimme doch klang „Du hast versprochen, dass du -“

Meine Worte blieben mir im Halse stecken, den Sawyer erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung und pirschte sich lässig durch den Raum auf mich zu – anders konnte man es nicht beschreiben. Dabei hatte er einen Raubtierblick mit dem er mich nicht aus den Augen ließ. „Ich hab versprochen dich nicht anzufassen, solange du es nicht willst“, sagte er mit leiser Stimme. Dabei schlich er sich so an mich heran, dass er mir den Fluchtweg abschnitt.

„Ich will es nicht“, sagte ich eilig und ballte meine Hände zu Fäusten. Sollte er mir zu nahe kommen, würde ich ihn notfalls auch mit Gewalt abwehren. Niemand an diesem Ort würde jemals Hand an mich legen.

„Wie kannst du das wissen? Du hast es doch noch gar nicht ausprobiert.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Er war kaum noch einen Meter von mir entfernt. Nur noch ein Stück, dann würde ich zuschlagen.

„Und das werde ich auch nicht.“ Wie hatte ich nur so dumm sein können hier her zu kommen? Nach allem was ich bisher erlebt hatte, hätte ich es doch besser wissen müssen. Spätestens als Agnes ihre Aussage getroffen hatte, hätte ich das Weite suchen müssen – egal wie aussichtslos dieses Unterfangen gewesen wäre.

„Das sagst du jetzt noch.“ Seine Worte waren nicht mehr als ein Flüstern. Er trat einen weiteren Schritt auf mich zu, drängte mich damit in die Ecke.

„Komm nicht näher.“ Warnend hob ich die Fäuste, doch das beeindruckte Sawyer nicht.

Ein weiterer Schritt.

Ich holte aus, bereit ihm die Nase zu brechen, doch er fing meine Hand in der Luft ab. Ich schrie auf als er sich plötzlich gegen mich drängte und mich mit seinem ganzen Körper zwischen sich und der Wand gefangen nahm. Seine Reflexe waren so schnell, dass er auch meine andere Hand abfing, bevor ich ihn treffen konnte und sie dann über meinem Kopf an die Wand pinnte.

Nein, dachte ich nur. Mein Herz pumpte mein Blut in aufkommender Panik durch meinen Körper. Ich versuchte mich zur Ruhe zu zwingen. „Lass mich los, oder ich schreie“, forderte ich, doch Sawyer lächelte nur.

„Schrei so viel du willst, es wird niemand kommen. Wir sind ganz allein.“

Und selbst wenn wir es nicht gewesen wären, Agnes hatte ihm die Erlaubnis gegeben genau das mit mir zu tun. Niemand würde mir hier zur Hilfe kommen. „Ich werde dich umbringen“ drohte ich ihm und begann mich in dem nutzlosen Versuch ihm zu entkommen zu winden. Doch er war stärker als ich und schaffte es mühelos mich festzuhalten.

„Kannst du es fühlen?“, flüsterte er beinahe zärtlich und schob sein Bein sehr nachdrücklich zwischen meine Schenkel, um mich auch noch den Rest meines Bewegungsspielraumes zu nehmen. Dabei beugte er sich so weit vor, dass ich seinem Atem an meinem Ohr spüren konnte.

Langsam bekam ich Panik. Ich schaffte es nicht mich von ihm zu befreien.

„Spürst du wie dein Puls ansteigt, wie er in deinen Adern pocht und dem Gerät an deinem Handgelenk etwas vorspielt, was gar nicht geschieht?“

„Was?“ Ich drehte meinen Kopf so schnell, dass ich mit seinem zusammengekracht wäre, wenn er ihn nicht rechtzeitig zurückgezogen hätte. Hatte ich das gerade richtig verstanden?

Bei Sawyers hinterlistigem Lächeln lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. „Du hast mich schon verstanden.“ Und dann, ganz unvermittelt ließ er mich los und trat schnell aus meiner Reichweite, sodass ich ihn nicht mal mehr mit der Faust getroffen hätte, wenn ich versucht hätte nach ihm zu schlagen. „Es gibt viele Möglichkeiten den Puls in die Höhe zu treiben, ohne es … naja, miteinander zu treiben.“ Als würden wir uns über etwas Banales wie das Wetter unterhalten, warf er sich zurück auf sein Sofa und fläzte sich wieder lässig darauf. „Das war nur eine davon.“

Die Worte brauchten einen Moment um in mein Hirn einzusickern und einen Sinn darin zu finden. Und dann packte mich die Wut. „Du hast das grade gemacht, nur um meinen Puls zu beschleunigen?!“

Er zog eine Augenbraue nach oben. „Wäre es dir lieber gewesen, ich wäre Agnes‘ Auftrag nachgekommen?“

Oh, dieser missratene kleine Bastard! „Und dir ist natürlich nicht in den Sinn gekommen es mir einfach zu sagen?!“, fauchte ich ihn an. Für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt, er würde sein Versprechen brechen und das tun weswegen ich hier war.

„Es war einfacher dir zu zeigen wie man den Pulsmesser manipuliert, als es zu erörtern.“ Wie er es aussprach, als sei es ein unanständiges Schimpfwort. „Ich wollte dir nur die Angst davor nehmen, dass hier etwas passieren würde, was du nicht willst.“

„Das wollte ich aber auch nicht!“ Aber ich konnte nicht umhin festzustellen, wie sehr mein Puls in die Höhe geschnellt war.

„Glaubst du etwa mir hat das Spaß gemacht?“ Er schnaubte, griff nach einem Kissen uns stopft es sich in den Nacken. „Aber ich werde tun was nötig ist um hier rauszukommen. Also entweder nimmst du das was du kriegst, oder wir vergnügen uns in den nächsten Tagen auf meiner Spielwiese. So oder so, ich werde deinen Puls in den nächsten vier Tagen immer wieder hochtreiben.“

Ich war gerade dazu bereit ein Stück aus meiner Ecke hervorzukommen, doch diese Worte ließen mich auf der Stelle wieder verharren. „Ich glaube ich habe mich gerade verhört. Heißt das du wirst diese Nummer immer wieder mit mir abziehen?“

„Natürlich nicht.“ Er schaute mich an, als glaubte er ich sei zu dumm zum Atmen. „Nun weist du ja was es zu bedeuten hat. Es wird also nicht mehr zum erwünschten Ergebnis führen.“

Da hatte er Recht. „Und das bedeutet?“

„Das Bedeutet, ich werde mir ein paar Sachen einfallen lassen müssen. Vielleicht schlüpfe ich mal zu dir unter die Dusche, oder überrasche dich von Hinten, wenn du es am wenigsten erwartest. Vielleicht Küsse ich dich auch einfach mal in einem unerwarteten Moment.“

Wie nonchalant er das von sich gab. Als wäre das irgendeine uninteressante Kleinigkeit der man sich leider widmen musste.

„Du wirst sicher nicht zu mir in die Dusche schlüpfen!“ Ich hoffte der drohende Unterton in meiner Stimme war ihm Warnung genug. „Und das andere lässt du auch bleiben!“

Er seufzte, als hätte er es mit einem besonders sturen Kleinkind zu tun. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, wenn wir nicht auffliegen wollen. Du kannst natürlich auch hier im Wohnzimmer im Kreis rennen, einen Hampelmann machen, bis dein Puls hoch genug ist oder dich erschrecken lassen – das funktioniert sicher alles.“ Seine Lippen zuckten. „Oder du verziehst dich ins Bett und fasst dich selber an, das ist auch eine Möglichkeit.“

Dazu sagte ich einfach mal gar nichts. Mit Marshall konnte ich über solche Sachen sprechen. Mit Marshall konnte ich auch solche Sachen tun, aber mit Sawyer … „Bleib einfach weg von mir.“

Dieser arrogante, selbstgefällige Ausdruck erschien wieder in seinem Gesicht. „Bist du etwa schüchtern? Ist dir das peinlich?“

Oh, wenn Blicke töten könnten.

„Komm mal wieder runter. Wir sind jetzt hier und müssen das durchziehen, ob es dir gefällt oder nicht. Von diesem Punkt an gibt es kein Zurück mehr.“

Ein Zurück hatte es schon vorher nicht gegeben, nur deswegen befand ich mich ja nun in dieser Situation. Und das Gefühl schon wieder einen Fehler begangen zu haben, nahm mit jedem Moment weiter zu.

Er seufzte wieder theatralisch. „Egal, lassen wir das jetzt. Komm einfach her und setzt dich.“

Ich bewegte mich nicht von der Stelle.

„Gut, dann sage ich dir eben nicht was ich mir überlegt habe. Obwohl ich bisher ja davon ausgegangen bin, dass du deswegen hergekommen bist. Oder täusche ich mich da und du bist aus einem ganz anderen Grund hier?“

Wie konnte ein Mensch nur so provozierend sein? Und dabei auch noch so irritierend? „Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?“, murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und schlug missmutig mit einem großen Bogen um Sawyer, den Weg zum zweiten Sofa ein. Zwar war ich ihm so näher, was mir nicht sonderlich gefiel, aber wenigstens war da noch der Tisch zwischen uns.

Das Leder fühlte sich weich und kühl an meinen nackten Beinen an. „Na dann erzähl mir mal von deinem tollen Plan.“

„Gleich zum Punkt, wie?“ Er streckte sich nach einem flauschigen Kuscheltier, das unter dem Tisch lag und warf es mir zu.

Dass es mir erst an den Kopf knallte, bevor ich es auffing, hatte sicher nichts damit zu tun, dass sein Hemd bei dem Manöver verrutscht war und mir ein einwandfreien Blick auf den muskulösen Bauch bescherte. Nein, wirklich nicht, er hatte mich einfach überrascht, das war alles.

„Das ist mein Plan.“

Ich starrte das weiße Kuscheltier in meinen Händen an. Es war ein Scharf, wenn ich es richtig erkannte. Eine Spielzugversion dieser wollenden Ziegen. „Ich verstehe nicht. Wie soll uns ein Spielzeug helfen hier rauszukommen?“

„Es geht nicht um das Kuscheltier, sondern darum wofür es steht.“ Schwungvoll richtete er sich auf und stellte seine Beine auf den Boden. Die lässige Haltung war von ihm abgefallen. Er war nur noch begierig auf das was er vorhatte. „Schafe. Willow ist fasziniert von Wolken. Soweit ich mich zurückerinnern kann, hat sie immer in den Himmel gestarrt und darauf gewartet, was er als nächstes tun wird. Gewitter und Blitze. Donnergrollen. Zuckerwattewolken die Bedächtig über den Himmel ziehen. Sie ist das einzige Kind das ich kenne, das traurig ist, wenn wir einen wolkenfreien Tag haben.“

Da blieb nur eines zu sagen. „Hä?“ Erst Schafe und jetzt Wolken. „Was hat das mit deinem Fluchtplan zu tun?“

„Das ist ganz einfach. Für sie sind Schafe Wolken auf Erden. Und wenn wir das richtig einsetzten, wird es uns hier raus bringen.“

Von dem was er behauptete mal abgesehen, musste ich eines ganz dringend loswerden. „Sie denkt Schafe sind Wolken?“

Da ich wohl den Teil angesprochen hatte, der in seinen Augen am unwichtigsten war, trat ein überaus genervter Ausdruck in sein Gesicht. „Sie ist sieben, sie hat eine blühende Phantasie und lebt wie jedes andere kleine Mädchen in einer Märchenwelt. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist nur, dass sie eine Vorliebe für diese stinkenden Wollköpfe hat.“

„Wenn du es sagst.“ Ich stellte das Kuscheltier auf den Tisch und lehnte mich auf dem Sofa zurück. „Dann erklär mir, wie Wolkenschafe und eine siebenjährige die in einer Traumwelt lebt uns hier raus bringen können.“

„Da ist ganz einfach. Willow feiert in genau zwei Wochen ihren siebten Geburtstag. Ich -“

„Hast du nicht gerade gesagt sie ist schon sieben?“

„Es sind nur noch vierzehn Tage, also ist sie so gut wie sieben“, erklärte er, als sei ich hier geistig nicht ganz auf der Höhe. Blödmann. „Darf ich jetzt weiter erklären, oder hast du noch ein paar sinnlose Fragen, die wir vorher erörtern sollten?“

Und noch mal: Blödmann. „Die hebe ich mir für das Ende deines grandiosen Vortrags auf.“

Er musterte mich einen Moment kühl, lehnt sich dann zurück und nahm auf dem Sofa die gleiche Position ein wie ich. Das irritierte mich so sehr, dass ich den Arm von der Lehne nahm und ihn vor der Brust verschränkte.

„Gut dann weiter. Willow feiert also ihren siebenten Geburtstag und sie wünscht sich nichts sehnlicher als die Schafe zu besuchen, die in ihren Koppeln auf der vierten Ebene stehen.“

Vierte Ebene. Das bedeutete nur Tor fünf auf dem Weg zur Freiheit.

„Sobald man uns hier wieder rauslässt, werde ich zu Agnes gehen, mich damit rühmen dir höchstwahrscheinlich einen Braten in die Röhre geschoben zu haben, um sie wohlzustimmen und im gleichen Zug darum bitten meiner Willow ihren Herzenswunsch zum Geburtstag zu erfüllen.“

Ich runzelte die Stirn. „Und du glaubst sie wird sich darauf einlassen?“

Sawyer schaute mich an, als würden mir Hörner aus dem Kopf wachsen. „Auf keinen Fall. Willow ist eine zukünftige Eva. Niemals wird Agnes sie einfach so in einen der äußeren Kreise lassen.“

„Was?“ Verwirrte er mich mit Absicht? „Warum erzählst du mir das dann?“

„Oh Himmel, hör doch einfach mal zu ohne ständig dazwischen zu plappern. Ich werde natürlich nicht alleine zu Agnes gehen, ich werde Willow mitnehmen. Ich werde sie vorher noch ein wenig anheizen, sie dazu bringen sich auf einen Ausflug auf die vierte Ebene zu freuen – als Geburtstagsgeschenk versteht sich. Ich werde ihr erklären, dass sie Agnes überzeugen muss, damit wir das machen können.“

„Eine Siebenjährige soll sie überzeugen?“

Sawyer funkelte mich böse an, weil ich ihn schon wieder unterbrochen hatte.

„‘tschuldigung.“

„Eines von Willows Talenten ist es auf Kommando loszuheulen. Das ganze Programm, dicke unschuldige Tränen, ein Schluchzen, dass es einem das Herz zerreißt und dabei noch kläglich aussehen. Hat mich viele Nerven gekostet bis ich kapiert habe, dass sie das auf Knopfdruck kann. Aber das kommt uns nun zugute. Ich werde also mit ihr zu Agnes gehen, sie fragen und mir die Ablehnung abholen. Dann wird Willow anfangen bitterlich zu weinen und sich nicht beruhigen lassen, bis Agnes ihre Meinung ändert und ihr verspricht, dass sie an ihrem Geburtstag die Schafe sehen kann.“

Das war der Plan? Ich sah das ganze ja eher skeptisch. „Und du glaubst das funktioniert?“

„Mit ein wenig Zuspruch von mir, ja. Ich werde irgendwie einwerfen, dass wir das Ganze als Schulausflug tarnen können, um die Gefahr von außen für eine zukünftige Eva zu minimieren.“

Wie er das aussprach, als wäre das völlig absurd.

„Damit würden wir auch deine Schwester auf die vierte Ebene bekommen.“

Das ließ mich zum ersten Mal aufhorchen. „Wie meinst du das?“

„Sie geht in die Schule, oder? Ich werde versuchen Agnes dazu zu bringen einen großen Schulausflug mit allen Kindern im Rahmen eines Landwirtschaftsprojekts zu organisieren. Bei so vielen Kindern würde eine kleine Eva dazwischen einfach untergehen.“

„Und du glaubst das klappt?“

„Agnes kann einem kleinen Mädchen nicht widerstehen. Das ist ihre einzige Schwäche. Und da ich ihr Vater bin – der einzige Verwandte der sich um sie kümmert und den sie von ganzem Herzen liebt – und es ihr Geburtstag ist, werde ich auch da sein. Damit hätten wir mich, Willow und deine kleine Schwester dort.“

Nikita auf der vierten Ebene … nur ein Katzensprung zur Freiheit. „Und wie komme ich da hin?“

„Tja.“ Er zuckte fast gleichgültig die Schultern. „Das weis ich noch nicht, das müssen wir uns noch überlegen.“

„Toll, einfach phantastisch.“ Für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt er wüsste was er da tat. Jetzt war dieser Moment geistiger Umnachtung wieder von mir gewichen. „Und das wo du mich doch angeblich so dringend brauchst.“

„Das tue ich auch.“ Seine Augen blitzten verschlagen und langsam bekam ich das Gefühl, dass er nicht nur seine kleine Tochter für seine Zwecke ausnutzen wollte. „Wir müssen schließlich immer noch durch Tor fünf. Und da kommst du ins Spiel.“

Dieses Mal war ich es die ein Schnauben hören ließ. „Du glaubst ich kann uns durch Tor fünf bringen? Hast du meinen Fluchtversuch vergessen?“

„Nein. Und ich halte ihn nach wie vor für das Dämlichste, was ich seit langem gehört habe.“

Oh vielen Dank auch. Idiot.

„Aber es gibt einen Weg und der kann nur von einer Frau ausgeführt werden.“

„Na da bin ich ja mal gespannt.“

Sawyer beugte sich vor uns stützte seine Ellenbogen auf die Knie. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass Agnes immer zwei weibliche Yards an ihrer Seite hat? Egal wo sie hingeht? Selbst wenn sie in ihrem Büro arbeitet, sind sie da.“

Schon wieder so ein seltsamer Themenwechsel. Aber da er das bisher immer getan hatte, weil er auf etwa bestimmtes hinaus wollte, fragte ich dieses Mal nicht weiter nach. „Nein, eigentlich nicht.“ Aber jetzt, wenn ich so darüber nachdachte, dann musste ich ihm recht geben. Agnes war wirklich nie alleine anzutreffen. Die beiden Frauen in den Yard- Uniformen waren immer in ihrer Nähe.

„So ist es aber und das kommt daher, weil sie sich vor Männern fürchtet.“

„Bitte?“ Agnes sollte sich fürchten? „Du spinnst doch. Sie ist die Despotin, sie steht über allem.“ Ob er den Sarkasmus in meiner Stimme gehört hatte?

„Nein, es ist wahr. Ich weis nicht warum, aber Agnes fürchtet sich davor mit einem Mann alleine zu sein.“

„Aha. Sehr interessant.“ Und sehr unglaubwürdig. Ich meine, ich hatte diese Frau kennengelernt und es schien mir nicht, als würde sie sich vor irgendwas fürchten – schon gar nicht vor Männern.

„Ich wollte diesen Plan schon vor zwei Jahren durchziehen, aber genau deswegen ist es gescheitert.“

„Weil sie Angst vor Männern hat“, erwiderte ich spöttisch.

„Ja, und deswegen brauche ich dich. Weist du wie das Sicherheitssystem funktioniert?“

Und schon wieder ein Themenwechsel. „Ungefähr.“

„Jeder Keychip ist im System und das System steuert, wer welche Tür öffnen kann. Das wird in Gruppen, Nummern und Farben unterteilt. Du zum Beispiel bist genau wie ich Farbe Rot, du kannst dich nur innerhalb deiner Ebene Bewegen und dort auch nur Türen öffnen, die deiner Gruppe zugeordnet sind.“

Wahrscheinlich sogar weniger, wenn ich an meiner überaus ansehnliche Fußfessel dachte.

„Was wir nun brauchen ist ein Keychip der Zuordnung grün, denn mit Grün kannst du in Eden jede Tür und jedes Tor öffnen – ganz wie es dir beliebt. Und da kommst du ins Spiel.“

Oh je, mir schwante böses.

„Die einzige Person in dieser Stadt die einen Keychip in Grün hat, ist unsere allseits beliebte Despotin Agnes Nazarova. Und die einzige Zeit in der Agnes ihre Yards nicht bei sich hat, ist, wenn sie sich in ihrem Zimmer aufhölt. Aber dort lässt sie nur Frauen herein.“

Das konnte doch nicht sein ernst sein. „Du erwartest von mir doch nicht wirklich, dass ich Agnes in ihrem Zimmer aufsuche und ihr den Keychip abnehme.“

„Doch, genau das tue ich.“

Natürlich tat er das. Was sonst. „Und wie bitte soll ich das bewerkstelligen?“

„Sei kreativ.“

Toll, einfach fantastisch. Ich hatte auf einen ausführbaren Pan gehofft und was bekam ich stattdessen? Wahnsinn ihn Form von Wölkchen.

„Es ist ganz einfach“, fügte er noch hinzu.

„Das ist nicht einfach, das ist einfach nur verrückt! Wenn die mich erwischen, dann bin ich geliefert. Ich stehe bei ihr doch jetzt schon auf einer Stufe mit einer Kakerlake, wenn ich mir noch irgendetwas leiste, dann zerquetscht sie mich einfach. Und wie soll ich das machen? Ich kann ihr doch nicht einfach die Hand abhaken.“

„Warum nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht? Sie würde es mit mir schließlich nicht anders machen, wenn ich ihr nur einen Grund lieferte. Und ein schlechtes Gewissen hätte ich deswegen sicherlich auch nicht. „In Ordnung, also fassen wir zusammen. Du wirst dafür sorgen, dass wir an Willows Geburtstag auf der vierten Ebene Wölkchen gucken können und auch dass Nikita anwesend sein wird. Ich werde Agnes die Hand abhaken und sie zum fünften Tor bringen, um uns alle hinaus zu lassen.“

„So ungefähr.“ Er lehnte sich auf dem Sofa wieder zurück. „Wichtig ist dabei nur der Zeitpunkt. Du darfst nicht zu früh zu Agnes gehen, aber doch rechtzeitig. Am besten macht du es am Morgen von Willows Geburtstag.“

„Und was mache ich dann mit Agnes? Sie wird mich dann wohl kaum in aller Ruhe abziehen lassen.“ Von ihren Schmerzensschreien mal ganz abgesehen.

„Tu was nötig ist.“ Seine Stimme war eiskalt. „Keiner von uns schuldet dieser Frau etwas und sie hat es mit Sicherheit nicht besser verdient. Erinnere dich nur daran, was sie mir an der Tür gerade eben erlaubt hat.“

Er hatte Recht, sie hatte es nicht besser verdient. Aber eine alte wehrlose Frau zu überfallen – darauf lief es nämlich hinaus – ich war mir nicht sicher ob ich das konnte. Vielleicht müsste ich sie sogar töten. Das hatte ich zwar schon einmal getan, das hieß aber noch lange nicht, dass ich Gefallen daran gefunden hatte. „Gibt es keine andere Möglichkeit?“

„Nur wenn du mit einem Computer umgehen kannst und es schaffst das Programm umzuschreiben.“

Nein, das konnte ich natürlich nicht. Bis auf meinen Namen konnte ich ja noch nicht mal lesen. „In Ordnung. Ich besorge also ihren Keychip und du sorgst dafür, dass in zwei Wochen dieser Schulausflug stattfindet.“

Er nickte.

„Da bleibt aber immer noch die Frage, wie ich auf die vierte Ebene komme. Denn das alles wird nichts nützen, wenn der Chip bei mir im Herz von Eden ist.“

„Dich auf die vierte Ebene zu bekommen ist nicht das einzige Problem, das wir lösen müssen. Selbst wenn wir den alle dort sind und den Keychip haben, so wird man uns ihn nicht einfach benutzen lassen, damit wir durch Tor spazieren können.“

War ja klar, dass da noch mehr kam. „Und was schlägst du vor was wir machen sollen?“

„Wir brauchen ein Ablenkungsmanöver. Wir müssen unauffällig so viel Unruhe stiften, dass niemand mehr auf uns achtet.“

„Das sollte nicht weiter schwer sein.“ Ich ließ meine Arme sinken und schlug die Beine übereinander. „Aber um zu entscheiden was genau wir tun können, müssen wir vor Ort sein um zu sehen mit was wir arbeiten können.“

„So sehe ich das auch.“

„Aber mich auf die vierte Ebene zu bringen wird problematisch werden.“ Ich biss mir auf die Lippe und überlegte. Ich würde Agnes Vertrauen gewinnen müssen und mich in ihrem Ansehen steigern. Nur leider hatte ich dafür nur vierzehn Tage. Naja, eigentlich nur acht, den die nächsten Tage saß ich ja mit Sawyer in diesem Haus fest. Aber davon mal abgesehen, hatte das in der Vergangenheit auch nicht besonders gut funktioniert.

Vielleicht wenn der Ausflug stand. Nikita würde dann auch mitgehen. Vielleicht konnte ich etwas deichseln, wenn ich sie mit einbrachte. Sie war immerhin meine kleine Schwester. Vielleicht konnte ich ja darauf pochen eine Belohnung verdient zu haben, nachdem ich artig in Sawyers Haus gewesen war.

Oh Himmel, das waren viel zu viele Vielleichts. „Wenn ich nicht auf die vierte Ebene komme, dann ist dieses ganze Unterfangen sinnlos“, murmelte ich.

„Du bist doch ein schlaues Mädchen.“ Sawyer erhob sich von dem Sofa und schlenderte zur Küchenzeile hinüber. „Zu gegebener Zeit wird dir sicher etwas einfallen.“

Musste er schon wieder so einen herablassenden Ton anschlagen? „Du bist ein Arsch, Sawyer.“

„Ja, das bin ich“, sagte er ohne mich zu beachten und kramte in einer Schublade herum. „Hab mich bisher aber noch nicht daran gestört.“

„Da bist du aber wahrscheinlich der einzige“, murmelte ich. „Du und die schwarzhaarige Frau.“

Jetzt bekam ich doch einen bösen Blick. „Diese Frau ist die Pest. Nur weil sie eine Eva ist glaubt sie sich alles rausnehmen zu dürfen.“

Die Bitternis in seiner Stimme hätte mich eigentlich nicht überraschen dürfen.

Seine Faust schloss sich um das Messer, bis die Knöchel weiß hervorstachen. „Am liebsten würde sie mich ganz für sich beanspruchen und mich zu ihrem kleinen Liebessklaven machen. Nur leider ist ihr das ja verboten, weil ich ja für alle Evas zu haben sein muss.“

Und das war der Moment in dem zum ersten Mal etwas durch seine Schale aus Arroganz und Selbstgefälligkeit schimmerte, dass ich nicht verabscheuungswürdig fand. Er war mir ähnlicher als ich glauben konnte, denn auch er wollte unter allen Umständen den unmenschlichen Werten von Eden entkommen.

Denn dies war nicht die Zukunft der Menschheit, es war ein verschleiertes Abbild der Hölle, wie ich sie einst in dem kleinen Bilderbuch von Roza gesehen hatte.

Sawyer riss sich sichtlich wieder zusammen, bevor er gleichgültig fragte: „Willst du auch was zu essen?“

„Nein Danke, ich hab keinen Hunger.“

„Ja, bei der Aussicht darauf vielleicht einen Mord begehen zu müssen, würde mich auch der Appetit vergehen.“

 

oOo

Kapitel 36

 

Die Nacht draußen war bereits angebrochen, doch ich konnte die Sterne nicht erkennen. Das Zimmerlicht war zu hell. Mehr als mein dunkles Spiegelbild gab das Fenster kaum preis. Da waren nur die dunkle Grünanlage in den tiefen Schatten und ein paar erhellte Fenster drüben im Turm.

Seufzend ließ ich den Kopf hängen und stellte mir zum bestimmt tausendsten Mal die Frage, wie ich es deichseln konnte in zwei Wochen auf die vierte Ebene zu kommen. Im Moment schien es mir unmöglich, weil ich einfach einen plausiblen Grund finden konnte. Vielleicht sollte ich auch so tun, als würde ich Schäfchenwolken lieben. Aber selbst dann würde die alte Vettel mich sicher nicht gehen lassen.

„Von zu viel nachdenken bekommt man Falten“, erklärte Sawyer mir. Er lag ausgestreckt auf dem linken Sofa und hatte seine Nase in einem Buch vergraben. Es war ziemlich dick und alt. Der Ledereinband war nicht sehr aussagekräftig und verriet mir über genau wie der Titel rein gar nichts über den Inhalt – was auch daran liegen konnte, dass ich ihn nicht lesen konnte.

„Die Lösung des Problems kommt sicher nicht einfach so auf mich zugeflogen.“ Ja ich war gereizt. Aber bei den ganzen Gedanken die in meinem Kopf herumwirbeln, war das wohl auch kein Wunder. Es war nicht nur die Sache mit Willows Geburtstag, oder was ich wegen dem Keychip würde tun müssen. Da war immer noch Nikita, die ich seit Ewigkeiten, wie es mir vorkam, nicht mehr gesehen hatte. Oder auch was geschehen würde, wenn der Plan nicht funktionierte. Wenn ich nicht entkam, würde ich früher oder später schwanger werden, dass wusste ich. Auch die Sache mit Olive und meiner Mutter ließ mir keine Ruhe. Zwar war ich mir in der Zwischenzeit sicher mich verhört haben zu müssen, doch ein klitzekleiner Teil von mir widersprach der Logik und wollte sich einfach nicht zum Verstummen bringen lassen.

Vielleicht sollte ich Killian mal nach meiner Mutter fragen. Nicht das ich glaubte es würde etwas bringen, oder mir etwas davon versprach. Es war einfach nur dieses kleine hartnäckige Gefühl das mir sagte es steckt mehr hinter allem, als ich bis jetzt verstand.

Oh Himmel, was dachte ich denn da? Als wenn Killian mir in irgendeiner Weise helfen würde. Er war immer noch ein Städter und es war seine Aufgabe sich als mein Arzt um mich zu kümmern. Das hatte sicher nichts mit Zuneigung zu tun. Warum vergaß ich das nur immer?

„Du kannst die Lösung eines Problems aber auch nicht erzwingen“, erklärte Sawyer und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Sie kommt wenn sie kommt.“

„Sehr weise“, spottete ich und krallte die Hände in das Fensterbrett. Nichts geschah, nur weil man es sich erhoffte. Hinter allem steckten harte Arbeit und kluge Köpfe. Leider gehörte ich nicht dazu, sonst wäre ich sicher nicht hier.

Einmal mehr vermisste ich Marshall. Er hätte bestimmt gewusst, was zu tun war. Er hatte immer Antworten für mich gehabt. Aber es war nicht nur das. Mir fehlte seine Nähe, seine Aufmerksamkeit, einfach nur dass er da war und mir das Gefühl von Sicherheit gab, das ich hier so schrecklich vermisste.

Selbst die Zankereien von Roza und Leroys fehlte mir. Mir fehlte die Freiheit hinzugehen wohin ich nur wollte und meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Mir fehlte -

Als ich aus dem Nichts ein Arm um mich schlang, versuchte ich reflexartig auszuschlagen, doch meine Arme wurden dicht an meinen Körper gepresst, während sich ein harter, warmer Leib fest gegen meinen Rücken drückte. „Verdammt Sawyer!“, fauchte ich und versuchte mich ihm zu entwinden. „Lass das!“

Er jedoch säuselte nur „entspann dich“ in mein Ohr und ließ seine freie Hand über meine Hüfte abwärts gleiten.

Am liebsten hätte ich ihm eine geklatscht. Das war jetzt das vierte Mal heute, dass er mich auf diese Art überraschte und wieder hatte er es geschafft meinen Puls damit nach oben zu drücken. „Nimm deine Finger von mir“, verlangte ich mit drohendem Unterton und wand mich ein wenig in seinem Griff.

Er jedoch drückte mich daraufhin einfach nach vorne gegen das Fensterbrett und keilte mich so zwischen der Wand und sich selber ein. Dabei ließ er seine Hand zum Saum meines kurzen Kleides wandern. „Geht nicht, wir müssen mal wieder etwas für unsere kleine Scharade tun, schließlich wollen wir doch nicht auffliegen, oder?“

Von wegen Scharade. Es machte ihm Spaß mich unter Druck zu setzen und zuzusehen wie unangenehm mir das war. Seine Art von Humor, wie ich leider festgestellt hatte. „Wir haben das heute schon vier Mal getan, das reicht!“

„Ich glaube das kann ich besser beurteilen als du.“ Sein Finger berührte die Haut meines Schenkels und zog nun langsam wieder eine Linie nach oben, wobei er den hinderlichen Stoff einfach mit hoch schob.

Das ging mir zu weit. Außer Marshall hatte mich noch nie ein Mann auf diese Weise berührt und auch wenn ich ein wohliges kribbele dabei spürte, wollte ich nur weg von ihm. Ich wollte mich von ihm nicht anfassen lassen – in keiner Art und Weise, und schon gar nicht so – darum begann ich mich stärker zu wehren. „Hör auf!“

Er jedoch lachte nur leise und blies mir dann mit zartem Atem über den Nacken, bis ich eine Gänsehaut bekam und mein Puls nochmal in die Höhe schnellte. Sein Finger wanderte dabei immer höher.

„Sawyer!“, knurrte ich.

In dem Moment biss er mir zärtlich in den Nacken und schickte damit eine Kribbelnde Welle durch meinen ganzen Körper. Was dann passierte, geschah rein instinktiv. Ich zog mein Bein an und trat kräftig nach hinten aus. Zwar stieß ich mir bei diesem Manöver das Knie an der Wand unter dem Fenster, doch ich spürte auch befriedigend wie ich auf Widerstand traf.

Sofort ließ Sawyer von mir ab und humpelte fluchend ein Stück von mir zurück.

Ich wirbelte herum, die Fäuste erhoben, jederzeit bereit, ihn erneut zurückzuschlagen. „Was sollte das denn?!“

Sawyer funkelte mich verärgert an. Dabei rieb er immer wieder über sein Schienbein. Ich musste ihn voll erwischt haben. „Hin und wieder muss ich deinen Puls ein wenig in die Höhe treiben, sonst fällt unsere kleine Inszenierung noch auf.“

„Aber doch nicht so!“ Nicht so dass ich etwas fühlte, was ich gar nicht fühlen wollte. Das Stück Haut an meinem Bein das er berührt hatte, kribbelte immer noch, genau wie mein Nacken. Aber das wollte ich nicht!

„Entweder so, oder wir amüsieren uns regelmäßig in meinem Bett.“ Er richtete sich wieder auf und fixierte mich. „Was davon ist dir lieber?“

„Ich will beides nicht!“

„Tja, wir sind hier in Eden und hier interessiert es niemanden was du willst, wenn es nicht das ist was sie wollen“, erwiderte er kalt. „Langsam solltest du dich doch daran gewöhnt haben.“

Ich biss mir auf die Unterlippe um nicht laut aufzuschreien. Ich hasste diesen Ort. Hasste, hasste, hasste!

„Auch ich habe mich daran gewöhnen müssen“, fügte er noch leise hinzu.

Am liebsten hätte ich ihn angeschrien dass es mich nicht interessierte, dass er deswegen noch lange nicht das recht hatte so mit mir umzugehen und dass ich ihn mit bloßen Händen kastrieren würde, sollte er mir noch mal auf die Pelle rücken. Aber er hatte Recht. Und die Wut die in mir blühte kam weniger durch seine Handlungen, als vielmehr wegen dem was ich gefühlt hatte. Einen Moment … ein ganz kurzen Moment hatte mir gefallen was er getan hatte, das Gefühl das dabei entstanden war. Und das machte mich so wütend, dass ich ihn am liebsten noch einmal getreten hätte.

„Bleib mir einfach vom Leib“, knurrte ich und verschwand mit knallender Tür im Bad.

Danach wurde es … naja, nicht unbedingt besser. Anders war wohl der passende Ausdruck. Ich brauchte eine ganze Weile bis ich mich soweit beruhigt hatte, dass ich ihm nicht sofort den Kopf abreißen würde. Und auch bis ich mir glaubwürdig eingeredet hatte, dass das gar nichts zu bedeuten hatte – ich war einfach nur überrascht gewesen.

Ob nun als Friedensangebot, oder weil wir die nächsten Tage aufeinander fest saßen, auf jeden Fall erwartete mich eine kleine Überraschung, als ich schließlich das Badezimmer wieder verließ. Sawyer hatte gekocht und wartete mit dem Essen sogar auf mich.

Er entschuldigte sich nicht – natürlich nicht, schließlich hatte er in seinen Augen nichts falsch gemacht – doch das Essen verlief seltsam friedlich. Zwar gab er ein paar bissige Kommentare von sich, doch die wirkten eher halbherzig, als müsste er sich dazu zwingen, um seinem Ruf gerecht zu werden. Und danach … redeten wir. Wir führten ein ganz normales Gespräch. Stundenlang wie es mir schien fragte er mich nach der Alten Welt aus. Er versuchte dabei möglichst gleichgültig zu bleiben, doch in seinen Augen sah ich nicht zum ersten Mal die Sehnsucht nach der Freiheit und kam nicht umhin mich zu fragen wie es sein musste er zu sein.

Sechzehn Jahre Gefangenschaft, zehn davon als Adam, ausgeliefert an die Frauen dieser Stadt, die ihn ausnutzten, wie es ihnen gerade beliebte. „Hast du es freiwillig getan?“

„Was?“ wieder einmal lag er ausgestreckt auf dem Sofa, die Hände über den Bauch verschränkt.

„Deinen Job als Adam.“ Ich saß auf dem anderen Sofa, die Bein angezogen und mit den Armen umschlungen, das Kinn auf den Knien. „Hast du damit freiwillig angefangen?“

Ein äußerst dreckiges Lächeln begann seine Mundwinkel zu umspielen. „Klar“, gab er grinsend zu und drehte den Kopf auf der Lehne, um mich anzusehen. „Ich war ein Bengel voller Hormone und mir war es erlaubt jede Frau die ich nur wollte mit in mein Bett zu nehmen. Zeig mir einen achtzehnjährigen, der da nein sagen würde und ich kann der versichern, dass er lügt.“

Da ich mich mit den Gewohnheiten von achtzehnjährigen nicht auskannte, musste ich ihn in diesem Punkt wohl einfach glauben. „Aber heute tust du es nicht mehr gerne.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Immer wenn ich ihn mit einer Frau gesehen hatte, oder auch in Agnes Büro, war außerordentlich abweisend gewesen, was dieses Thema betraf.

„Wenn man mit der Realität konfrontiert wird, lässt die Verlockung ziemlich schnell nach.“ Er dreht sein Kopf wieder zurück und starrte weiter an die Decke. „Denn als Adam geht es weniger um das was man will, sondern um das was man muss. Selbst wenn ich keine Lust habe die Damen zu empfangen, muss ich es tun. Und dann muss ich mich natürlich auch nach ihrem Willen richten. In der Hinsicht habe ich keine Freiheit. Und dann kommt auch noch die ständige Samenspende an die Klinik dazu. Schließlich zeugt man hier Babys lieber im Reagenzglas als beim Sex.“

„Ist den keine von ihnen … nett zu dir?“

Und da war es wieder das dreckige Grinsen. „Du meinst ob sie es mir so besorgen, wie ich es will?“

Ich spürte wie meine Wangen warm wurden. Musste er immer so ordinär sein? „Nein, ich meine … es muss doch auch Frauen gegeben haben, die du magst.“

„Ja, ein paar. Shae ist okay, genau wie Luana. Doch auch wenn sie nett sind, ich bin und bleib für sie nichts weiter als ein Mittel zum Zweck. Außerhalb ihrer Bestäubungszeit interessieren sie sich nicht für mich.“

Ich wusste es war unangebracht, doch ich konnte mir ein kleines Kichern nicht verkneifen. Als er mich dann böse anfunkelte, sagte ich nur: „Bestäubungszeit“, und musste wieder kichern. Und dieses Mal lächelte auch er – wenn auch nur ein kleinen bisschen.

„Ich könnte auch Fekundation dazu sagen.“ Er verzog das Gesicht. „Aber das hört sich immer gleich wie ein medizinischer Eingriff an, bei dem man dir irgendwelche Sachen in irgendwelche Körperöffnungen schiebt.“

Hm, eigentlich lag er mit dieser Beschreibung gar nicht so falsch. „Und sonst gibt es da niemanden? Kein Mensch, dem du dich anvertrauen kannst?“

Das kleine Lächeln verschwand. Da blieb nur der starre Blick und das Schweigen. Entweder hatte er darauf keine Antwort, oder er wollte nicht darauf antworten. „Ich habe Willow“, sagte er dann doch noch leise. „Und außerdem bin ich nicht unbedingt die Art Gesellschaft, die man gerne um sich hat.“

Glückspilz. „Ich werde immer angestarrt, sobald ich mein Zimmer verlasse.“

„Ja, weil hier alle so unglaublich neugierig sind.“

Die seltsame Quietschestimme, die er dabei machte, ließ mich schmunzeln. „Schauen sie dir etwa auch immer hinterher, nur weil du außerhalb der Mauern geboren wurdest?“

„Näh“, machte er und schüttelte den Kopf. Einmal hin und einmal her. „Das war früher mal so gewesen, aber mittlerweile haben sich alle an meine Marotten gewöhnt und finden mich langweilig. Du dagegen bist noch Neuland für sie und bietest beinahe jede Tag eine weitere Verrücktheit, über die man sich das Maul zerreißen kann.“

Wie nett.

Er drehte sich auf die Seite. „Daran solltest du auch dringend arbeiten“, sagte er ernsthaft. „Wenn du willst, dass sie dich aus den Augen lassen, musst du in der Menge untergehen. Attacken auf dicke, wehrlose Hunde, sind da nicht gerade von Vorteil.“

Ach, er hatte davon gehört? Warum wunderte mich das eigentlich? War ja nicht so, als könnte man hier irgendwas geheim halten. „Er hat versucht das Kind zu beißen.“

Sawyer schnaubte. „Der dicke Doolittle? Wohl kaum.“

„Es hat für mich so ausgesehen“, verteidigte ich mich. „Hunde sind Raubtiere.“

„Aber nicht innerhalb der Stadtmauern“, widersprach er sofort. „Das einzige was dir hier gefährlich werden kann, ist die alte Hexe in ihrem Turm. Und genau deswegen solltest du die nächsten zwei Wochen auch versuchen von ihrem Radar zu verschwinden. Füge dich ein, bleib unauffällig, sei einfach eine gute kleine Eva, die alles anstandslos tut, was man von ihr verlangt.“

„Tu ich das nicht bereits?“ Ich befand mich schließlich in diesem Haus und trug diesen verdammten Pulsmesser. Und den Keychip hatte ich mir auch kein zweites Mal aus der Hand geholt, obwohl ich bereits mehr als einmal in Versuchung gewesen war. Und das lag nicht nur daran, dass die alte Wunde gerade mal damit begann zu verheilen.

Wieder schüttelte Sawyer den Kopf. „Du hast ein ganz schon verqueres Weltbild.“

Was sollte das jetzt wieder heißen? „Kann ja nicht jeder so ein arroganter Psychopath sein wie du.“

Das ließ ihn grinsen. „Na Gott sei dank. Stell dir nur mal vor, es gebe noch einen von meiner Sorte.“

Oh je, besser nicht. „Dann müsste ich wahrscheinlich Amok laufen.“

„Ach, ich dachte das wärst du bereits, als du versucht hast dich wie Tarzan über die Mauern zu schwingen.“

„Wie wer?“

Er schaute mich an, schüttelte dann den Kopf und erhob sich von der Couch. „Egal. Ich hole mir einen Wein, willst du auch einen?“

Ich lehnte ab und schaute stattdessen dabei zu, wie er in den Küchenbereich ging und eine bereits angefangene Flasche aus dem Kühlschrank holte. Noch während er ein Glas aus einem der Hängeschränke nahm, setzte er die Falsche einmal an den Mund und nahm einen tiefen Schluck daraus.

Das erinnerte mich einen Moment so sehr an Leroy, dass mir ein Kloß in den Hals stieg. Ich vermisste den Saufkopf. Ich vermisste mein ganzes Leben. Aber so wie die Dinge jetzt gerade lagen, bestand eine kleine unwahrscheinliche Chance, diese Mauern hinter mir lassen zu können.

Ich wollte mir keine zu großen Hoffnungen machen. Bisher war jeder Versuch etwas auf die Reihe zu bekommen, fehlgeschlagen. Ich wollte dass das hier klappte. Und Sawyer war mein Schlüssel dazu. Nur musste ich mich fragen, wie vertrauenswürdig er wirklich war.

Als Sawyer sich mit seinem vollen Glas zu mir herumdrehte, bemerkte er, dass ich ihn beobachtete. „Gibt es einen Grund, warum du mich so anglotzt?“

Nur den, dass ich versuchte aus ihm schlau zu werden. Fast hätte ich geschnaubt. Bevor mir das gelänge, würde mein Hirn einen Krampf bekommen und die Arbeit einstellen. „Ich glaube ich will doch ein Glas.“

„Dann hol dir eines. Ich bin nicht dein Dienstmädchen.“

Soviel zum Thema Gastfreundschaft.

Aber wie hatte er gesagt? Wir waren eine Zweckgemeinschaft, wir mussten uns nicht mögen. Also holte ich mir mein Glas selber.

Der Abend wurde zur Nacht und als wir beschlossen schlafen zu gehen, tat sich ein Problem auf, an das ich bisher noch nicht gedacht hatte. Wo sollte ich schlafen? Sawyer verwies natürlich auf sein Bett, mit dem Argument, die Evas schliefen während ihrer fruchtbaren Zeit immer dort bei ihm.

Ich ließ das unkommentiert, schnappte mir eine von den Decken und bereitete mir mein Lager auf dem rechten Sofa, während er kopfschüttelnd in sein Bett verschwand. Doch schlafen konnte ich nicht, denn obwohl ich fürchterlich müde war, so wollten die Gedanken in meinem Kopf einfach keine Ruhe geben. Erst als es draußen bereits wieder hell wurde, schaffte ich es endlich in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Er war wenig erholsam und wurde dann auch noch jäh unterbrochen, weil Sawyer am späten Vormittag der Meinung war, es sei an der Zeit meinen Puls mal wieder hochzutreiben. Allerdings tat er das nicht, indem er sich zu mir legte und mich wieder befummelte, nein, er jagte mir einen ordentlichen Schrecken ein.

Das Teil das er dazu benutzte, nannte er Tröte. Und während ich also da schlief und an nichts Böses dachte, hielt er mir das Teil ans Ohr und blies kräftig hinein. Leider ging das für ihn nach hinten los. Zwar wachte ich mit einem pulsaufpeitschenden Schrecken auf, doch dass ich dabei mit meinem Kopf gegen seinen knallte, hatte er so wohl nicht geplant. Danach hatte er zu dem blauen Fleck an seinem Schienbein auch noch eine ordentliche Beule an dem Kopf.

„Wenn wir hier in ein paar Tagen rauskommen, werden alle denken du hast mich zusammengeschlagen“, grummelte er und rieb sich die schmerzende Stirn. Als er die Hand wieder sinken ließ, bekam er für den blöden Spruch auch noch mein Kissen an den Kopf geworfen.

Und das soll ich noch weitere 72 Stunden aushalten? Am Ende dieser Tage würde er sich keine Gedanken darüber machen müssen, wie lädiert er aussah, denn vermutlich hatte ich ihn bis dahin umgebracht.

Als er danach unter die Dusche verschwand, bekam ich die Gelegenheit mich ein wenig näher in seinem Haus umzusehen und ich begann damit die Schränke in der Küche zu durchstöbern. Dabei stieß ich immer wieder auf Gegenstände, die ich so nicht kannte, oder mir gänzlich unbekannt warn.

Gerade, als er mit nichts anderem als einem Handtuch um die Hüften wieder herauskam, hatte ich in seinem Regal ein Bild von einer glücklichen Olive mit einem Säugling auf dem Arm gefunden.

„Sie ist Willows Mutter.“

Dann war das Baby wohl Willow. Doch etwas an diesem Gedanken widerte mich an. „Du hast mit Olive geschlafen?“ Nicht das sie hässlich wäre, oder mich der enorme Altersunterschied störte, sondern die Tatsache, dass sie diese verstörte Frau zwangen an diesem ganzen makaberen Spiel teilzunehmen. Und das Sawyer auch seinen Teil dazu beigetragen hatte.

Er jedoch schnaubte nur angewidert. „Kein Mann steigt mit Olive ins Bett. Sie wird immer in der Klinik künstlich befruchtet.“ Er trat neben mich und schaute sich das Bild selber an. „Und in diesem einen Jahr hatte ich das Glück ihr mein Sperma stiften zu dürfen.“

Aus seiner Stimme konnte ich nicht heraushören ob er das ernst meinte, oder ob das nur wieder eine spöttische Bemerkung war. Auch sein Gesichtsausdruck gab nichts preis.

Da drängte sich mir eine andere Frage auf. „Wie viele Kinder hast du in der Zwischenzeit eigentlich?“

Er schaute mich nicht an, als er sagte: „Zu viele.“ Das schien ein Thema zu sein, das ihm nicht behagte. „Doch nur Willow ist wichtig.“

Nur Willow? Klar, bei so vielen Kindern hatte man sicher seinen Liebling, aber das? „Wie kannst du das sagen?“ Mein Vater hatte auch drei Kinder gehabt, aber er hätte sich niemals zu einer solchen Aussage hinreißen lassen – unter keinen Umständen.

„Weil ich die anderen kaum kenne.“ Er hob die Hand und fuhr mit dem Finger über das Abbild des kleinen Säuglings. „Man legt hier keinen Wert darauf, dass sich die Väter um ihre Kinder kümmern, oder gar viel Kontakt zu ihnen haben. Wieder eine glorreiche Regel unserer Despotin. Wahrscheinlich will sie sie damit vor den bitterbösen Männern beschützen.“

Das ergab Sinn, wenn man bedachte, dass Agnes Angst vor Männern hatte – immer vorausgesetzt es stimmte auch wirklich. „Aber mit Willow hast du doch Kontakt. Ich habe dich schon öfter mit ihr gesehen.“

„Willow ist etwas Besonderes, und zwar nicht nur weil sie eine zukünftige Eva ist.“ Er ließ die Hand wieder sinken. „Die Babys in Eden haben alle eine Mutter und die Mütter kümmern sich um ihre Kinder, soweit sie können. Es ist wichtig, dass die Kinder wenigstens zu einem Familienmitglied engen Kontakt haben. Nur darf Olive sich nicht um ihre Kinder kümmern.“

„Und da du ihr Vater bist -“

„Ja, deswegen durfte ich mein kleines Mädchen kennenlernen.“ In seiner Stimme schwang eine Warmherzigkeit mit, die mich überraschte. Diese Sanftmut kannte ich von ihm gar nicht.

Wahrscheinlich fiel ihm das selber auf, denn plötzlich wandte er sich brüsk von mir ab und verkündete, er würde sich anziehen gehen. „Du kannst ja schon mal was zu essen machen, denn du brauchst nicht glauben, dass ich dich die ganze Zeit bedienen werde.“

Als wenn er daran jemals einen Zweifel gelassen hätte. Zu sein Pech allerdings hatte ich auch kein Interesse daran ihn zu bedienen. Ich beschäftigte mich lieber weiterhin damit mich gründlich in seinem Haus umzusehen und bemerkte so nicht, wie er wieder aus seinem Schlafzimmer herauskam. Die Gelegenheit nutzte er natürlich gleich, um mein Puls in die Höhe schießen zu lassen, indem er mir zum zweiten Mal an diesem Tag mit dieser Tröte einen Schrecken einjagte.

Meine anschließende Todesdrohung beeindruckte ihm nicht im Geringsten. Sie schienen seine Kreativität sogar noch anzuheizen. Besonders gern schien er es auf mich abgesehen zu haben, wenn ich tief in Gedanken versunken war und nicht weiter auf ihn achtete. Vielleicht konnte er es aber auch einfach nicht leiden ignoriert zu werden, doch wie schon am Tag zuvor, war mein Kopf ein riesiger Strudel aus Gedanken. Immer wieder musste ich mich fragen, ob Sawyers Plan wirklich gelingen konnte und wie ich es am besten anstellte an den Chip zu kommen. Es konnte so viel schief gehen. Was wenn Nikita nicht auf der vierten Ebene auftauchte? Ich konnte nicht ohne sie gehen. Aber ich konnte auch nicht länger bleiben – irgendwann würde ich daran einfach zerbrechen. Schon jetzt hatte ich das Gefühl langsam aber sicher zu ersticken, denn Agnes tat alles um mir die Luft zum Atmen zu nehmen. Aber meine Schwester zurück lassen … sie war alles was mir von meiner Familie noch geblieben war.

Wenn ich so tief in Gedanken versunken war, erklärte Sawyer mir, dass ich einen leicht depressiven Eindruck auf ihn machte. Ob er mich damit ärgern wollte oder ablenken, es zeigte mir jedenfalls, dass das Zusammenleben mit Sawyer nicht nur seine schlechten Seiten hatte. Besonders wenn es ruhig wurde und meine Probleme drohten mich unter ihrem Gewicht zu erdrücken, weil ich einfach zu viel Zeit hatte nachzudenken, war er immer da um mich mit einem Gespräch abzulenken. Manchmal waren es völlig banale Dinge. Meistens aber ging es um mein Leben draußen in der Alten Welt. Die Sehnsucht die er nach seiner Freiheit empfand, war fast mit Händen zu greifen.

„Es ist nicht immer einfach“, erklärte ich ihm am Nachmittag, zusammengerollt auf dem Sofa mit einem Kissen an der Brust. „Aber es gibt nichts auf der Welt, was ich dagegen eintauschen möchte.“

„Nicht mal einen goldenen Käfig.“ Er lag auf dem Boden zwischen Couch und Tisch, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte die Decke an. Warum er das tat? Ich hatte nicht nachgefragt. Vielleicht gefiel ihm die Aussicht von dort unten.

„Er mag noch so golden sein, es ist immer noch ein Käfig. Niemand meiner Familie würde sich freiwillig einsperren lassen.“ Und davon abgesehen, war dieser Käfig nicht golden, denn sobald man nur ein wenig an der Oberfläche kratzte, drangen die düsteren Schatten aus dem Inneren heraus und versuchten einen zu verschlingen.

„Aber deine Familie ist jetzt hier. Nikita ist hier, deine einzige Blutsverwandte.“ Er hielt einen Moment inne und schaute mich dann an. „Oder gibt es draußen noch jemand?“

„Nein.“ Dank Eden war mir niemand außer meiner kleinen Schwester geblieben. Und selbst sie begann ich bereits an diesen Ort zu verlieren. „Nein, es gibt niemanden mehr.“

„Aber es gab mal jemanden“, reimte er sich ganz richtig zusammen. „Du bist schließlich nicht einfach vom Himmel gefallen. Obwohl das vielleicht einiges erklären würde.“

„Ja, es gab sie.“ Den anderen Kommentar ignorierte ich einfach. Mir war schon mehrmals aufgefallen, dass es besser war ihm nicht noch mehr Munition zu geben. „Meine Eltern und … mein Bruder.“

„Drei Kinder, und das in der Alten Welt. Deine Eltern schienen fleißig gewesen zu sein.“

Nicht so fleißig wie er, wenn man es genau betrachtete. Doch die Standards in Eden konnte man wohl kaum mit denen in der Alten Welt vergleichen, wo schon ein Kind beinahe einem Wunder glich. „Sie haben sich sehr geliebt. Wir waren eine glückliche Familie. Besonders als dann auch noch unser Nesthäkchen Nikita kam. Meine Eltern haben den ganzen Tag gelächelt. Aber dann -“ Einen kurzen Moment war ich versucht das Gespräch an diesem Punkt abzubrechen. Zum einen glaubte ich nicht dass er an meiner Familiengeschichte interessiert war. Und zum anderen war ich mir nicht sicher, ob ich darüber reden wollte. So lange hatte ich keinem Außenstehenden mehr davon berichtet. „Mein Vater wurde krank“, sagte ich trotz allem leise. „Lungenentzündung. Die Heiler der Alten Welt konnte ihm nicht helfen. Er starb als ich gerade mal acht war. Danach war meine Mutter mit zwei Kindern und einen Baby alleine.“ Ich drückte das Kissen fester an meine Brust.

„Wenigstens konntest du ihn kennenlernen. Meine Mutter starb bei meiner Geburt.“

Einen Moment zögerte ich mit meiner Erwiderung aus Angst, er könnte sie in den Falschen Hals bekommen. Doch dann sagte ich: „Ich weis nicht ob es schlimmer ist, jemanden kennenzulernen und zu verlieren, oder ihn zu verlieren, bevor man ihn kennenlernen kann.“

„Das kommt wahrscheinlich ganz darauf an, wenn man verliert und wie.“ Pause. „Und auch wen du fragst.“

Da konnte ich ihm nur zustimmen.

„Und deine Mutter und dein Bruder? Wie hast du sie verloren?“

Nein, bitte, lasst sie! Nein! Mama …“

Sieh gut hin. Sieh hin, schau was mit Verrätern passiert.“

„… nein! Ich mach euch fertig! Ich mach euch alle kalt!“

„Die Yards haben sie getötet.“ Mein ganzer Hass schwang in meiner Stimmer mit.

Damit schien ich Sawyer zum ersten Mal überrascht zu haben. Er sah mich nicht nur direkt an, er richtete sich auch auf den Ellenbogen auf. „Was?“, fragte er ungläubig.

„Meine Mutter und mein Bruder … sie wurden von Yards aus Eden getötet.“ Ich schloss die Augen um die aufkommende Erinnerung auszusperren, doch sie ließ sich nicht aufhalten.

Bitte“, flehte sie. „Bitte nicht.“

Jetzt trägst du die Konsequenzen.“

Mama, nein!“

Bitte.“

„Sie kamen als wir Beeren pflücken waren. Akiim – er hat mich immer Myth-Kiss genannt – war ganz verrückt nach Himbeeren. Aber ich mochte sie nicht. Die Sträucher zerkratzen mir immer die ganze Haut, also habe ich mit Nikita im Schatten unter den Bäumen gesessen. Und dann kamen sie.“

Es war ein Rascheln, nur ganz leise. Drei Männer, die aus den Schatten der Bäume hervortraten, bewaffnet mit Schlagstöcken. Sie blieben nur wenige Meter vor ihnen stehen, beobachteten die Frau und das Kind, lauerten.

Es ist an der Zeit nach Hause zu kommen.“

„Sie wollten sie mitnehmen, aber meine Mutter hat sich geweigert. Und dann -“ Ich verstummte. Selbst nach so langer Zeit tat es noch unglaublich weh darüber zu sprechen. Ich hatte im Unterholz gesessen, Nikita an meiner Brust gerückt und gehofft dass sie uns nicht auch entdeckten. „Als meine Mutter starb, rannte ich einfach weg. Noch heute träume ich manchmal von den gellenden Schreien meines Bruders, während ich mich mit Nikita in Sicherheit brachte.“ Er war noch nicht tot gewesen, als ich mich davon machte. Ich hatte ihn schreien gehört, wie noch nie in meinem Leben. Und dann … dann waren die Schreie auf einmal einfach abgebrochen.

„Und du sagst die Yards waren das?“

Der Unglaube mit dem er das sagte, brachte mich nicht nur wieder zur Besinnung, sondern erinnerte mich auch daran, mit wem ich hier eigentlich gerade sprach. „Vergiss es einfach“, grollte ich, und erhob mich eilig von der Couch. Was war nur in mich gefahren, dass ich ihm davon berichtet hatte?

„Kiss -“ begann Sawyer, doch da rauschte ich bereits an ihm vorbei in das kleine Badezimmer und schlug die Tür lautstark hinter mir zu – zwar nur weil sie mir aus der Hand rutschte, aber ich würde sicher nicht rausgehen und ich bei ihm dafür entschuldigen.

Dumm, sagte ich mir und starrte mein Spiegelbild im Spiegel über dem Waschbecken an. Das war einfach nur dumm. Ein Moment der Schwäche, ausgelöst durch all die Last die auf mir lag. Ich hatte noch nie mit jemand anderem als Marshall darüber gesprochen, hatte nie das Bedürfnis danach verspürt. Selbst Nikita kannte die Geschichte nur oberflächlich, weil ich es nie über mich gebracht hatte, ihr alles in allen Einzelheiten zu berichten. Doch nun war ich kurz davor gewesen. „Das passiert mir nicht noch einmal“, schwor ich mir. „Nie wieder.“

Danach war die Stimmung zwischen uns gedrückt vor Misstrauen und Anspannung.

Sawyer erwähnte unser Gespräch mit keinem Wort, doch ich erwischte ihn mehrmals, wie er mich nachdenklich musterte. Nicht dass es ihn störte. Er überspielte es jedes Mal mit seiner arroganten Haltung und dummen Kommentaren. Aber er war nicht der einzige, der hier beobachten konnte. Mehr als einmal ertappte ich ihn Gedankenverloren, wenn er glaubte unbeobachtet zu sein. In diesen kurzen und auch seltenen Momenten wirkte er immer irgendwie verloren und auch unglücklich. Jedes Mal fragte ich mich insgeheim, an was er wohl gerade dachte, doch ich wagte es nie die Frage laut auszusprechen. Nicht weil ich Angst vor ihm hatte, sondern weil ich ganz genau wusste, er würde mir eh keine vernünftige Antwort geben.

In anderen Moment konnte ich seinen Hass auf Eden und das System nicht nur spüren, sondern deutlich hören. „Diese ganze Stadt ist nichts weiter als ein kollektives Gehirn“, erklärte er mir am Abend des dritten Tages, während er den Teller abspülte, den er zum Essen benutzt hatte. „Niemand hier interessiert sich hier für den Einzelnen. Es geht hier nur um das Ergebnis – koste es was es wolle.“

„Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weis.“ Ich saß auf einem der hohen Stühle am Tresen und drehte mein Wasserglas zwischen den Handflächen hin und her. Mein Puls war gerade dabei wieder abzuklingen. Dieses Mal war ich Sawyers Versuchen zuvorgekommen, indem ich immer wieder im Wohnraum hin und her gerannt war, mit dem Ergebnis mit zum Abschluss den kleinen Zeh am Tisch zu stoßen. Jetzt tat mein Zeh weh. Aber ich würde mich hüten etwas zu sagen.

„Zum Beispiel dass sie ihre Zwei-Jahres-Regel selten einhalten?“

Stirnrunzelnd schob ich das Glas von mir. „Was meinst du damit?“

„Die Evas. Offiziell dürfen sie nur alle zwei Jahre Babys bekommen. In der Praxis sieht das häufig ganz anders aus.“ Er stellte seinen abgewaschenen Teller zum Trocknen zur Seite und drehte sich zu mir um. „Oder das sie teilweise auch Inzest betreiben, weil das passende Genmaterial fehlt.“

Dazu fiel mir nichts mehr ein.

„Deswegen sind wie beide auch so begehrt.“ Er stützte seine Unterarme auf den Tresen. „Wir bringen neues Blut in die Linie.“

Ja, zumindest für eine Generation.

Nach solchen Gesprächen kam mir Sawyer immer mal wieder wie ein ganz normaler Mensch vor. Naja, zumindest bis er das nächste Mal versuchte meine Puls durch seine abstrakten Spielchen auf Touren zu bringen. Und jedes Mal war ich wieder kurz davor ihm eine runterzuhauen. Einmal rutschte mir sogar wirklich reflexartig die Hand aus – leider fing er sie ab bevor ich ihn treffen konnte. Wie schade.

Doch dann gab es wieder solche Momente, in denen seine arrogante und überhebliche Haltung mich beinahe die Wände hochgehen ließ. Besonders wenn es um sogenanntes Schulwissen ging – lesen, schreiben, rechen – oder Geschichtsdramen, konnte ziemlich herablassend werden.

Einmal trieb er es so weit, dass ich mich mit knallender Tür in sein Schlafzimmer verzog und über meinen Groll hinaus in seinem Bett einschlief.

Als ich dann am nächsten Morgen erwachte, lag er schlafend neben mir.

Im ersten Moment war ich versucht ihm das Kissen an den Kopf zu werfen und ihn auf den Boden zu schubsen – klar, es war sein Bett, aber ich lag nun mal darin – doch dann betrachtete ich die geschlossenen Augen und den entspannten Zug um einen Mund. Im Schlaf, ohne seine herablassende Ader und den immer gegenwärtigen Spott, wirkte er friedlich, ja sogar zugänglich. Wie er da lag, mit halb geöffnetem Mund, eine Hand unter das Gesicht geschoben kam er mir beinahe unschuldig vor.

Doch dieser Anschein verflüchtigte sich recht rasch als er erwachte und die Gelegenheit nutzte, meinen Puls wieder in höheren Spähern zu führen, indem er mich festhielt und sich auf mich rollte. Es gab ziemlich viel Geschrei, einen Kratzer an seiner Wange und mich, wie ich schlussendlich ziemlich wütend aus seinem Schlafzimmer rauschte.

Nur noch bis morgen, sagte ich mir köchelnd. Morgen um zwölf war es endlich vorbei.

 

oOo

Kapitel 37

 

Vorsichtig strich ich mit dem Finger über die vergilbten Bücherrücken im Regal. Manche von ihnen waren mit goldenen Lettern verziert. Andere waren graviert, oder einfach nur farbenfroh bedruckt. Doch die Buchstaben waren für mich nicht mehr als verschlüsselte Hieroglyphen, die Worte Zeichnungen, die sich mir niemals erschließen würden, auch wenn ich glaubte ein Paar der Buchstaben aus meinem Unterricht zu wiederzuerkennen. Ein Rätsel, für das ich keine Lösung hatte.

Seufzend wandte ich mich ab und nippte an meinem halbvollen Weinglas. Lesen wurde völlig überbewertet. Kein Buch konnte mir sagen, was ich tun sollte, wenn wir wieder einmal Hunger litten, oder die Nacht so kalt war, dass der Atem zu weißen Wölkchen gefror. Bücher waren nur zum verbrennen geeignet – damit konnte man sich dann wenigstens warm halten.

Und doch -

Wieder wanderte mein Blick zu den Buchrücken. Die Geheimnisse dieser Zeilen … Wissen, direkt vor meinen Augen, doch verborgen für meinen Geist.

Als im Bad die Dusche zu rauschen begann, stürzte ich mir den letzten Rest Wein in die Kehle und hoffte dabei nicht mit einem solchen Kater wie bei Leroys Selbstgebrannten beim Aufwachen belohnt zu werden. Das würde mir den morgigen Tag so richtig vermiesen – trotz der Tatsache, dass ich dann endlich hier raus konnte.

Da Sawyer mit seiner Körperpflege beschäftigt war und ich dringend etwas zu tun brauchte, bevor ich noch anfing die Wände hochzugehen, begann ich damit die Reste vom Abendessen zu beseitigen. Nach den Standards von Eden war es nur ein klägliches Mal gewesen, Reste von den letzten Tagen. Doch mein Magen war gut gefüllt und mein Körper von einer angenehmen Trägheit beseelt, die ich in der Alten Welt nur selten verspürt hatte.

Während ich mich daran machte das Waschbecken volllaufen zu lassen – zu meiner Befriedigung schrie Sawyer erschrocken auf, als ich den Wasserhahn betätigte – musste ich allerdings zugeben, dass meine Zeit in Eden wenigstens ein Gutes hatte. Ich hatte zugenommen. Nur ein wenig. Doch nun waren mein Knochen verhüllt von den Kurven meines Körpers und stachen nicht mehr grotesk aus der Haut hinaus. Allgemein war ich viel gepflegter. Nicht das ich das in der Alten Welt brauchen würde, doch ein paar Pfunde mehr auf den Hüften waren sehr gut. Zwar hatten wir noch Spätsommer, doch der Herbst und der Winter würden auch nicht ewig auf sich warten lassen.

Genau wie ich es bei Sawyer gesehen hatte, schüttete ich einen Spritzer aus der farbenfrohen Flasche in das Wasser und tauchte dann die Teller hinein. Ich war gerade beim zweiten angekommen, als die Tür zum Bad sich öffnete.

„Das hast du mit Absicht getan“, warf er mir vor.

„Ich weis nicht wovon du sprichst.“

„Das mit dem Wasser.“ Missmutig rieb er sich den Kopf mit einem Handtuch trocken und ließ es dann achtlos auf den Küchentresen fallen. Um die Hüfte hatte er sich ein weiteres Handtuch gewickelt. Wassertropfen vom Duschen perlten über seine nackte Brust.

Ich wandte schnell wieder den Blick ab. „Ich habe nichts mit dem Wasser gemacht, nur den Abwasch.“ Das du dich dabei verbrüht hast, war nur ein Nebeneffekt. Nein, das kleine Lächeln auf meinen Lippen konnte ich mir nicht verkneifen. Leider hielt es nur bis zu dem Moment, als ich ihn hinter mir spürte. Er berührte mich nicht, doch er war so nahe genug, dass ich seine Körperwärme durch mein geblümtes Kleid fühlen konnte. „Geh weg, Sawyer.“ Mit dem Ellenbogen versuchte ich ihn wegzuschieben.

„Ich mach doch gar nichts“, hauchte er mir ins Ohr. „Genau wie du nichts gemacht hast.“

„Du rückst mir schon wieder auf die Pelle.“

„Gehört alles zu unserer kleinen Scharade. Schon vergessen?“

Nein, natürlich nicht. Wie konnte ich auch? Aber seine gespielten Annäherungsversuche nervten mich mittlerweile nur noch. Da ich mich nicht darauf einließ und er mich schon seit gestern nicht mehr damit erschrecken konnte, half es kein bisschen meinen Puls auf Trapp zu bringen. „Das machst du doch nur um mich zu ärgern.“ Etwas zu heftig ließ ich die Pfanne ins Wasser fallen und spritzte mich selber damit voll. Toll.

Morgen, sagte ich mir. Ich musste nur noch bis morgen Mittag durchhalten, dann würde ich zumindest dieses Haus verlassen können.

„Dich zu ärgern ist mein neuer Lebensinhalt.“ Er schlang die Arme von hinten um meinen Bauch, ignorierte dabei wie mein Körper sich anspannte und hauchte einen Federleichten Kuss auf meinen Nacken, der eine Gänsehaut über meine Haut jagte.

Mit resignierter Missbilligung ließ ich es einfach geschehen. Doch außer ein leichtes Kribbeln und das meine ohnehin schon schlechte Laune weiter in den Keller sank, passierte rein gar nichts. „Das funktioniert nicht mehr“, teilte ich ihm ungerührt mit. Den Abwasch machte ich dabei stoisch weiter. Ich würde mich hüten und ihm auch nur ein Tick mehr Aufmerksamkeit geben, als er verlangte.

„Du gewöhnst dich langsam daran“, meine er nachdenklich. Sein warmer Atem kitzelte auf meiner Haut.

„Das wundert dich?“ Ich stellte die Pfanne ins Abtropfgitter und entließ das Wasser aus dem Waschbecken. „Du machst seit Tagen nichts anderes. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass ich … huch!“

Ohne Vorwarnung riss er mich herum und drängte mich mit seinem ganzen Körper gegen die Anrichte. Die Arme links und rechts von mir am Waschbecken, kesselten mich ein. Ich konnte seinen festen Bauch an meinem spüren, seine Brust, die gegen meine drückte, die Wärme die von seinem Körper ausging, genau wie den Hauch seines Atems in meinem Gesicht.

Tief einatmen, lass dich nicht schon wieder auf seine Spielchen ein, das will es doch nur. Ich ignorierte seine Nähe so gut wie ich konnte und erwiderte seinen eindringlichen Blick, nicht bereit auch nur einen Millimeter nachzugeben. „Auch das wird nichts bringen. Du solltest mal etwas anderes versuchen, denn das hast du auch schon gemacht.“

„Aber das noch nicht.“ Plötzlich lagen seine Hände an meinem Gesicht und im nächsten Moment befanden sich seine Lippen auf meinem Mund.

Viel zu überrascht um zu reagieren, schnappte ich nach Luft. Mein Herz machte einen Satz in meine Kehle und als er meinen leicht geöffneten Mund dann auch noch für seine Zwecke ausnutzte, schoss ein Gefühl wie ein Blitz durch mich hindurch, dass ich so nur von Marshall kannte.

Ich erstarrte. Mein ganzer Körper verweigerte den Dienst.

Sein Geruch war überall. Ein herber Geruch, der meine Sinne überflutete und mein Herz schneller schlagen ließ. Es war ein Rausch, der mich in eine andere Welt trug, fort von diesem schrecklichen Ort und seinen Regeln, in ein fernes Land, wo die Freiheit winkte und mich willkommen hieß.

Und dann begangen meine Lippen sich von ganz allein zu bewegen, erwiderten den Kuss wie ich es bisher nur bei einen Mann getan hatte.

Marshall.

Sein Bild blitzte vor meinem inneren Auge auf – wann hatte ich die Augen geschlossen?! Ruckartig riss ich meinen Kopf zurück und starrte ihn an. So nahe -

Minze. Sein Atem roch nach Minze. Das zu bemerken war sehr einfach, denn er ließ mich nicht los. Sein Gesicht war direkt vor meinem. Jeder Hauch der von seinen Lippen fiel, traf auf die meinen und ließ meine Haut prickeln.

Seine Augen hatten sich verdunkelt. „Du hast doch gesagt ich soll etwas anderes versuchen.“

„Aber doch nicht das.“ Himmel, warum flüsterte ich denn jetzt auch noch? Und warum ließ er nicht endlich von mir ab? Konnte er nicht mal damit aufhören mich so anzustarren? Das machte mich nervös.

Resolut drängte ich meine Arme zwischen uns und schob ihn von mir weg. Natürlich wusste ich, dass mir das nur gelang, weil er es erlaubte. „Und du weist genau, dass ich das so nicht gemeint hatte.“

„Ach nicht?“ Selbstgefällig verschränkte er die Arme vor der Brust, und lehnte sich an den Küchentresen. „Aber es hat dir gefallen.“ Seine Augen verspotteten mich.

„Nein, hat es nicht.“ Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, wischte ich mir demonstrativ über den Mund, versuchte dabei aber gleichzeitig nicht an seine Lippen auf meinen zu denken. Ich konnte das Prickeln immer noch spüren. Nicht nur da wo er mich berührt hatte.

„Du hast den Kuss erwidert. Ich hab genau gespürt, wie du überwältigt nach Luft geschnappt hast.“ Seine Worte verhöhnten mich. „Einen Moment lang hättest du mich am liebsten mit Haut und Haaren verschlungen.“

Wie ich dieses selbstgefällige Lächeln verabscheute. „Muss schön sein in einer Phantasiewelt zu leben, in der das echte Leben kein Zutritt hat.“ Ich stieß mich vom Waschbecken ab, und rauschte an ihm vorbei.

„Wo willst du hin?“

„Weg von dir.“ Die Badezimmertür knallte laut hinter mir zu. Einen Moment lehnte ich von dagegen, dann rutschte ich langsam auf den Boden und schlag die Arme um meine Beine. Was bei allen Abgründen war da gerade passiert?! Ich hatte reagiert. Oh Himmel noch mal, für einen kurzen Moment hatte ich der Versuchung nachgegeben und ich konnte mir absolut nicht erklären, wie das geschehen konnte.

Klar, er war nicht unattraktiv, aber er war ein Mistkerl. In den letzten Tagen hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen ich ganz gut mit ihm klar gekommen war, doch unterm Strich war das nur ein kleiner Teil des Ganzen gewesen. Und nicht einmal in all den Tagen, hatte ich auch nur einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, wenn ich nachgeben würde. Nicht einen.

Lag es vielleicht am Wein? So war es auch damals mit Marshall gewesen. Das erste Mal als wir uns so nahe gekommen waren, hatten wir vorher die die selbstgebrannten Vorräte von Leroy geleert. Danach war mir alles federleicht vorgekommen.

Aber so viel Wein hatte ich doch gar nicht getrunken.

Er hatte mich einfach überrumpelt. Er hatte mich kalt erwischt, denn damit hätte ich niemals gerechnet. Und jetzt konnte ich nicht mehr aufhören daran zu denken.

Wie von selbst hob ich die Hand und strich damit über meine Lippen. Für einen kurzen – sehr kurzen – Moment hatte es mir gefallen. Für einen Augenblick hatte dieser Kuss mich aus meiner Gefangenschaft getragen, hinweg von den Mauern und dem Regime, weg von all den Problemen die auf mir lasteten und weg von einer ungewissen Zukunft.

Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut. Ich wollte das nicht. Ich -

Ein Schlag gegen die Badezimmertür ließ mich vor Schreck fast aus der Haut fahren.

„Mach nicht zu lange“, hörte ich Sawyers Stimme durch das Holz. „Wir müssen noch immer darüber nachdenken, wie wir dich auf die vierte Ebene bekommen.“

„Geh weg!“

„Ich hatte auch nicht vor hier vor der Tür Wurzeln zu schlagen.“

Ich lauschte darauf wie seine Schritte sich entfernten und er ins Schlafzimmer verschwand. Wahrscheinlich um sich anzuziehen. Wenigstens war bei der Aktion sein Handtuch da geblieben, wo es hingehörte. Obwohl, wenn ich so darüber nachdachte, dann würde mich ja schon interessieren, was sich darunter verbargt.

Oh Himmel, nun höre sich einer meine Gedanken an. Ich musste schleunigst von hier weg. Weg aus diesem Haus, weg von Sawyer, weg aus dieser Stadt, sonst würde ich mich irgendwann selber nicht mehr wiedererkennen.

 

oOo

Kapitel 38

 

Nervös trommelte ich mit den Fingern meiner rechten Hand auf meinem linken Arm herum und starrte die Haustür mit einer solchen Intensität an, dass sie allein durch meine Willenskraft eigentlich sofort aufspringen müsste. Aber das tat sie nicht. Sie hielt meinem eisernen Willen problemlos stand und weigerte sich mir zu gehorchen.

„Du kannst es wohl kaum erwarten hier rauszukommen.“ Sawyer lachte leise in sich hinein. Ihn schien diese Situation sehr zu amüsieren.

Ich drückte meine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Natürlich wollte ich hier unbedingt heraus. Es war ja nicht so dass ich mich freiwillig mit ihm einschließen ließ, oder dass die letzten vier Tage besonders toll gewesen waren. Und dann erst gestern Abend. Ich wusste nicht genau warum, aber ich konnte ihm kaum noch in die Augen schauen und ein Wortwechsel fand nur noch statt, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Dieser Kuss. Ich bekam diesen verdammten Kuss einfach nicht aus meinem Kopf. Lag es daran dass er außer Marshall der einzige war, der mir jemals so nahe gekommen war? Was für eine Erklärung sollte es denn sonst noch dafür geben?

Sawyer jedoch ließ mein Verhalten völlig kalt. Wahrscheinlich war er es gewohnt, dass Frauen sein Haus fluchtartig verlassen wollten. „Ach, da fällt mir noch was ein. Wenn dich jemand über deine Zeit hier befragt, denk dran, du bist freiwillig mit mir ins Bett gestiegen.“

Damit schaffte er es nun doch meine Aufmerksamkeit von der Tür abzulenken. Er hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt, ein Arm auf dem Bauch, der andere hinter dem Kopf, einen beinahe schläfrigen Ausdruck in den Augen. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte er es heute noch nicht für nötig gehalten, seinen Oberkörper zu bedecken. Das fand ich irritierend.

„Wenn du nicht aufhörst so biestig zu schauen, bleibt der Ausdruck irgendwann in deinem Gesicht kleben.“

Ich schnaubte nur und begann damit unruhig vor der Tür auf und ab zu laufen. „Dass ich freiwillig mit dir ins Bett gestiegen bin, würde mir doch niemand glauben.“

„Ich denke du verkennst meine Fähigkeiten.“ Er grinste auf sehr laszive Weise. „Wenn ich will, kann ich sehr überzeugend sein.“

„Aufdringlich trifft es wohl eher.“

„Stell mich besser nicht auf die Probe, Kiss.“

Wollte er mir drohen? „Nenn mich nicht so.“ Das machte sonst nur Nikita. Plötzlich brannte der Schmerz über ihren Verlust wieder tief in mir. Wenn wir hier erstmal raus waren, würde ich sie nie wieder aus den Augen lassen – niemals wieder.

Sawyer wedelte mit der Hand, als wollte er meine Worte einfach wegwedeln. „Es ist doch so, hätte ich dich gezwungen, wären wir beide mit erheblichen Blessuren daraus hervorgegangen. Aber bis auf einen überaus eindrucksvollen Bluterguss am Bein und eine bewundernswerte Beule am Kopf bin ich erstaunlich unbeschadet davongekommen. Wie willst du das erklären, wenn du nicht freiwillig mit mir geschlafen hast?“

Allein der Gedanke … wieder blitzte der Kuss glasklar vor meinem inneren Auge auf. „Ich glaub mir wird schlecht.“

„Und das obwohl du nicht schwanger sein kannst.“ Sein Mundwinkel zuckte. „Zumindest nicht von mir.“

Ich kehrte ihm den Rücken zu und schaute stur aus dem Fenster. Doch es dauerte noch eine Weile, bis ich in der Entfernung eine kleine Gruppe von Leuten ausmachen konnte, die auf Sawyers Haus zuhielten. Ich erkannte Kaleb und Nadja, genau wie Carrie. Aber sie waren nicht die einzigen auf dem Weg hierher. Hinter ihnen lief noch eine ältere Dame mit einem kleinen Mädchen, das munter an ihrer Hand auf und ab hüpfte. „Mein Empfangskomitee ist da.“

„Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“

„Was?“

„Das ist ein Zitat. Nelson Mandela hat das mal gesagt.“

„Kenne ich nicht.“

Sawyer gab ein Geräusch von sich, als würde er sich an seinem eigenen Lachen verschlucken. „Das hätte mich auch gewundert, schließlich ist der Mann seit ein paar Jahrhunderten tot.“

„Warum erzählst du mir das?“

„Ich fand es passend.“

„Ist es aber nicht.“ Denn meinen Hass auf diesen Ort steckte zu tief in mir drin, als dass ich irgendwann davon loskommen konnte. „Hinter dieser Tür wartet keine Freiheit, nur Knechtschaft.“

„Nicht mehr lange.“

Einen kurzen Moment schauten wir uns in die Augen, ein Moment des Verständnisses und der Einigung.

Als draußen vor dem Eingang Schritte gemischt mit Stimmen aufkamen, richtete sich Sawyer auf. „Vergiss nicht -“

„Ja ja, freiwillig, ich werde es schon nicht vergessen.“ Und so schnell war der Moment dann auch schon wieder vorbei.

„Eigentlich meinte ich ja, du sollst nicht vergessen dir etwas zu überlegen, wie du auf die vierte Ebene kommst, aber gut zu wissen.“

Ja, denn diese Angelegenheit hatten wir auch nicht lösen können. Es gab einfach keinen einleuchtenden Grund, warum ich das Herz verlassen sollte. Das war ein wirklich großes Problem.

Die Stimmen waren nun direkt vor der Tür. Ich konnte Carries Lachen hören und das aufgeregte Geplapper eines Kindes. Die Tür gab ein leises Summen von sich und öffnete sich dann mit einem durchdringenden Klicken. Doch bevor ich die Chance bekam mich meinem Gegenüber bewusst zu werden, wurde ich von einem kleinen Mädchen freudestrahlend fast über den Haufen gerannt. „Papa!“, rief sie, eilte durch das Zimmer und warf sich Sawyer in die Arme. Er bekam gar nicht erst die Chance sich von der Couch zu erheben. Dabei drückte sie ihr leicht ergrautes Kuscheltier zwischen ihnen beiden Platt und grinste mit einer entzückenden Zahnlücke zu ihm hinauf. „Hast du mich vermisst?“

Willow.

„Ein Tag ohne dich, ist ein trauriger Tag“, erklärte er ihr ernst und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann setzte er sie neben sich und richtete sich selber auf.

„Hast du auch Wölkchen vermisst?“ Sie schälte das Kuscheltier aus ihren Armen und hielt es Sawyer direkt vor die Nase.

„Fast so sehr wie dich“, versicherte er ihr ernsthaft.

Die Kleine kicherte vergnügt, bemerkte dann jedoch mich und begann mich sehr eindringlich zu mustern. „Die Frau kenne ich nicht“, flüsterte sie so laut, dass alle sie sehr deutlich hören konnten.

Carrie schmunzelte.

„Das ist Kismet“, erklärte Sawyer ihr, erhob sich von dem Sofa und trat mit ihr an der Hand auf mich zu. „Sag hallo.“

Doch das tat sie nicht. Stattdessen erklärte sie mir direkt ins Gesicht. „Du hast aber einen komischen Namen.“

Etwa hilflos schaute ich von ihr zu Sawyer, der die Angelegenheit aber scheinbar nur komisch fand. Ich hatte keine wirkliche Erfahrung mit Kindern. Natürlich, da war Nikita, aber als die so klein gewesen war, war ich selber noch ein Kind. Und außerdem war das schon Jahre her. Und Nikita war mir auch nicht fremd gewesen.

Willow jedoch schien meine Unsicherheit nicht mal zu bemerken. „Wirst du jetzt auch eine Mami?“

„Ähm -“

„Ja“, sagte Sawyer, bevor mir eine Antwort einfallen konnte und hockte sich vor die Kleine. „Deswegen war Kismet hier. Sie wird sicher eine tolle Mami, sie ist ja auch eine tolle Frau. Und wir mögen tolle Frauen, nicht wahr?“

Die Kleine begann mich so kritisch und intensiv zu mustern, dass es schon beinahe einer Beleidigung glich. Einen Moment verharrte ihr Blick an meiner EF-Fessel, glitt dann aber weiter zu meinen Füßen. „Du hast gar keine Schuhe an.“

Der kurze Blick hinunter auf meine Füße war nach diesen Worten schon beinahe ein Zwang. „Ich brauche keine Schuhe.“

„Warum?“

Wie sollte ich das am besten erklären? Oder besser noch, warum hatte ich das Bedürfnis es zu erklären? „Da wo ich herkomme, trägt niemand Schuhe. Wir brauchen sie nicht, wir sind es gewohnt barfuß zu sein. Schuhe zu tragen, fühlt sich seltsam an.“

„Wo kommst du denn her?“

Durfte ich ihr das sagen? Warum sollte ich es ihr nicht sagen dürfen, es war ja nun mal kein großes Geheimnis woher ich kam. „Aus der Alten Welt.“

Willow machte große Augen, beugte sich dann ein Stück zu mir und flüsterte als sei es ein großes Geheimnis. „Papa kommt auch aus der Alten Welt.“

Ja ich musste es mir eingestehen, irgendwie war sie schon süß. „Ich weis, er hat es mir erzählt.“

Auf einmal schien sie mich mit neuen Augen zu mustern. Nicht mehr ganz so kritisch wie zuvor, eher neugierig, als sei ich eine seltene Pflanze. „Du bist hübsch.“

„Äh … danke.“ Ein kurzer Blick zu Sawyer. „Ich finde dich auch sehr hübsch.“

Ein strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war als würde man direkt in die Sonne sehen. Sie machte sich von der Hand ihres Vaters los, schlang ihre Arme um meine Beine und grinste zu mir nach hinauf. „Magst du Wolken?“

Verblüfft und Überrumpelt durch die Sprunghaftigkeit ihrer Gedanken kam mir ganz automatisch ein „Ja“ über die Lippen. Doch es schien das richtige gewesen zu sein, denn Freude schien sich noch zu steigern.

„Ich auch. Wolken sind toll. Es gibt ganz viele Arten von Wolken, wusstest du das? Federwolken und Haufenwolken und Schäfchenwolken und Gewitterwolken. Manchmal sind sie weiß und manchmal grau und ich habe auch schon schwarze Wolken gesehen. Und morgens färben sie sich manchmal rot und abends blau. Sie machen Regen und Hagel und Schnee, und dann ist alles genauso weiß wie die Wolken. Und sie können fliegen. Und Malen. Sie verändern nämlich ihre Form musst du wissen, je nachdem welche Laune sie haben.“ Den letzten Teil erklärte sie mir so erst, als wollte sie mich herausfordern ihr zu widersprechen. „Papa und ich spielen dann immer ein Spiel, Wolkenraten. Da musst du sagen, was du in den Wolken siehst. Ich hab da schon mal ein Pferd gesehen – mit Flügeln!“

Von der Fülle ihrer Informationen etwas überrumpelt, tat ich das einzige was ich tun konnte. Ich blieb stumm und nickte artig.

„Aber weist du, es gibt nicht nur Wolken im Himmel, sondern auch hier bei uns in Eden. Aber hier nennt sie niemand Wolken, sondern Schafe. So wie Wölkchen.“ Sie hielt mir ihr kleines flauschiges Kuscheltier vor die Nase. Es wirkte schon sehr abgegriffen. Wie viele von diesen Kuscheltieren besaß die Kleine eigentlich? Allein hier bei Sawyer hatte ich in den letzten Tagen ein halbes Dutzend davon entdeckt. „Aber Wölkchen ist nicht echt. Ich will mal echte Schafe sehen. Du auch?“

„Äh, ja, klar. Das würde ich gerne.“ Etwas hilflos schaute ich zu Sawyer, der mir kaum merklich zunickte, so als sei er mit meiner Antwort zufrieden. „Ja“, wiederholte ich darum. „Ich würde sehr gerne einmal echte Schafe sehen. Das wäre sicher toll.“

Willow strahlte mich so freudig an, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam. Es gab kaum etwas das mich weniger interessierte als Schafe.

„Vielleicht können wir sie uns ja zusammen anschauen“, erklärte sie mir und drehte sich wider zu ihrem Vater um. „Geht dass Papa? Die Frau mag Wolken nämlich auch.“

„Wir werden sehen. Aber jetzt sag tschüss und geh dir die Hände waschen, ich mache gleich Essen.“

„Ich will Nudeln!“, rief sie und rannte dann ohne sich zu verabschieden ins Bad.

Ich schaute ihr etwas perplex hinterher. Waren alle Kinder so? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Nikita jemals so aufgeschlossen und offen war – zumindest keinem Fremden gegenüber.

Das war dann wohl der Unterschied zwischen den Kindern der Alten Welt und jenen, die in Eden geboren waren. Ein unbekümmertes Leben, fernab jeglicher Gefahr. Doch nicht fähig alleine zu überleben – nicht mal für wenige Tage. Ich wusste nicht was schlimmer war.

„Sowas wirst du auch bald haben“, erklärte Carrie mir Augenzwinkernd.

Ich starrte sie nur ausdruckslos an. Zumindest in dem nächsten Monat war das völlig ausgeschlossen. Und danach würde ich schon nicht mehr hier sein – hoffentlich.

„Wir sollten uns dann auch langsam auf den Weg machen“, erklärte Kaleb mit einem Blick auf seine Uhr. Als er einen Schritt zur Seite machte, humpelte er leicht. Das war wohl noch wegen dem Sturz von der Mauer.

Was, schon wieder ein Termin? „Wohin?“

„In die Klinik, um dir den Pulsmesser abzunehmen.“

„Das geht ganz schnell“, erklärte Carrie. „Und danach bist du für den Rest des Tages Vogelfrei.“

„Solange ich nur den Käfig nicht verlasse“, murmelte ich in Erinnerung an ein Gespräch, dass ich mit Sawyer vor ein paar Tagen geführt hatte und wandte mich dann zu ihm um. „Tja, ich denke das war es dann wohl.“

„Du kannst gerne mal wieder vorbei kommen.“ Er zwinkerte mir lasziv zu. „Für etwas … Abwechslung, bin ich immer zu haben.“

Die Anstößigkeit in seinem Ton ließ mich wieder an gestern Abend denken, dieser überraschende Kuss, der sich immer wieder in meine Gedanken schlich, so oft ich ihn auch daraus verbannte. „Das wird mit Sicherheit nicht passieren.“ Nie wieder würde ich ein Fuß in dieses Haus setzten.

„Dann werde ich mich wohl einfach mit meiner Erinnerung begnügen müssen.“

Musste der Idiot das so anzüglich klingen lassen? „Tu was du nicht lassen kannst.“ Ich kehrte ihm den Rücken, doch seinen Blick konnte ich noch eine ganze Weile wie eine sanfte Berührung auf mir spüren.

Hoffentlich waren diese Tage nicht umsonst gewesen. Hoffentlich funktionierte der Plan. Und hoffentlich fand ich einen Weg mich an Willows Geburtstag auf die vierte Ebene schicken zu lassen.

 

oOo

Kapitel 39

 

„Bitte nicht bewegen.“

Bereits seit Stunden stand ich auf einem kleinen Podest inmitten hunderter von Kleidern auf Kleiderständern, die Arme links und rechts ausgestreckt und versuchte nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, während die Schneiderin Victorine Brisebois und ihre beiden Assistentinnen mich in mein Elysium-Kleid einnähten. Ich konnte meine Freude kaum im Zaum halten.

„Bitte hör auf mit den Zähnen zu knirschen“, sagte Carrie ohne den Blick von ihrem Screen zu nehmen. „Stummel im Mund sind nicht besonders attraktiv.“

„Das hier oder das hier?“ Die kleinere der beiden Helferinnen hielt zwei Stoffproben aus Spitze an mein mintgrünes Gewand. Grün war die Farbe der Fruchtbarkeit, wie mir Carrie erklärt hatte, deswegen würden alle Evas und Adams auf dem Fest grüne Kleidung tragen.

Victorine musterte die beiden Angebote und winkte dann ab. „Keines von beiden. Ich möchte es schlicht halten, nicht aufgedonnert. Sie ist schließlich eine Eva und kein Showgirl.“

„Wann sind wir denn endlich fertig?“ Ja ich quengelte. Nach drei Stunden in denen mir immer wieder mitgeteilt wurde dass ich gefälligst still stehen, mich gerade halten und die Schultern nicht hängen lassen sollte, war das mein gutes Recht.

„Gute Arbeit brauch eben seine Zeit“, erwiderte Victorine ohne auf meine eigentliche Frage einzugehen.

Eine Nadel pikte mich in die Hüfte.

„Au!“

„Entschuldigung“, murmelte die füllige Helferin und pikte mich gleich noch einmal.

Ich knirschte mir den Zähnen und sah zu Carrie, die schmunzelnd in der Ecke auf einem Stuhl saß und so tat, als würde sie das alles gar nichts angehen. Sobald ich aus dem Kleid raus war, würde ich sie mit diesem Stofffetzen erwürgen. Oder einfach weiter still mit den Zähnen knirschen.

Die Füllige zog am Stoff und brachte mich damit fast zum Stolpern.

„Nicht bewegen hab ich gesagt“, kam es sofort von Victorine.

Ich stand kurz davor ihr ein paar zu scheuern, einfach weil ich es konnte und mich danach sicher besser fühlen würde. Oh ja, das wäre äußerst befriedigend. Weitaus befriedigender als alles was ich seit meiner Ankunft in der Stadt getan hatte.

Obwohl, da war dieser Kuss …

Oh nein, warum musste ich plötzlich daran denken?

Verschwinde aus meinem Kopf!

Aber er verschwand nicht. So absurd es auch klang, in diesem Moment, oben auf dem kleinen Podest, umrundet von diesen Frauen die mich piksten, drapierten und rumschupsten wie es ihnen gerade gefiel, überkam mich das gleiche Kribbeln, das Sawyers Kuss bereits bei mir ausgelöst hatte. Ein Ziehen in der Magengegend, das Versprechen auf Freiheit, ein Moment in dem mich niemand kontrolliert hatte. Nur ich selber, nur -

„Au!“

„‘tschuldigung.“

So, jetzt reichte es mir aber.

Ohne auf die Protestlaute zu achten, raffte ich mein Kleid, stieg vom Podest und brachte mehrere Meter Sicherheitsabstand zwischen mich und diese Folterknechte.

„Wir sind noch nicht fertig“, echauffierte Victorine sich sofort und zeigte auf das Podest. Dabei bekam sie auf den Wangen rote Pusteln, die nicht gesund aussahen. „Sofort wieder rauf da!“

„Nein.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Nicht solange dieses Scheusal da mich weiter mit Nadeln malträtiert.“

Nun sah Carrie sich wohl gezwungen einzuschreiten. Sie stand auf und platzierten ihren Screen statt ihrer auf dem Stuhl. „Sei vernünftig Kismet, du hast es doch fast hinter dir.“

Vernünftig?! „Und bis dahin sehe ich aus wie ein verdammtes Nadelkissen!“

Der eigentliche Übeltäter hier im Raum verfolgte die Diskussion völlig gleichgültig. Ihr war es wohl egal, ob sie mit ihrer Arbeit fortfahren konnte oder nicht.

„Ich kann doch einfach eines von diesen Kleidern anziehen.“ Damit meinte ich die grüne Farbpalette, die bereits fertig und verpackt auf den Kleiderständern links neben mir hingen.

„Die gehören den anderen Evas“, erklärte Carrie. „Den Evas, die auf diesem Podest standen und geduldig gewartet haben, bis die Schneider mit ihnen fertig sind.“

„Die wurden wahrscheinlich auch nicht ständig ins Bein gestochen.“

Carries missbilligendes Schnalzen hätte mich nicht überraschen sollen. „Du benimmst dich wie ein verwöhntes Kind, das einen Trotzanfall hat.“

„Und wenn schon!“

Victorine warf völlig entnervt die Arme in die Luft. Dann zeigte sie auf den Missetäter. „Du, nach hinter mit dir und mach dich da nützlich. Shelly, du machst den Rest. Und jetzt wieder rauf auf das Podest, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“

Während die Mollige nach hinten verschwand, sträubte ich mich rein pro forma noch ein wenig, bevor ich mich dazu herabließ wieder auf das Podest zu steigen. Dabei überhörte ich einfach die Versicherung der zierlichen Shelly, vorsichtiger als ihre Kollegin zu sein.

Wenigstens hat dieses ganze Drama etwas Gutes, überlegte ich, während ich wieder mit gespreizten Armen da oben stand und diese Tortur über mich ergehen ließ. Der Kuss von Sawyer ist endlich aus meinen Gedanken verschwunden.

Na toll.

Am liebsten wäre ich einfach in mich zusammen gesackt. Warum nur musste ich jetzt schon wieder daran denken? So gut war er auch nicht gewesen. Da hatte ich schon viel bessere von Marshall erfahren. Warum also bekam ich ihn nicht aus dem Kopf?

Eigentlich war die Antwort ganz einfach, auch wenn sie mir absolut nicht gefiel. Weil ich ihn erwidert hatte. Zwar nur für einen kurzen und überwältigenden Moment, aber ich hatte es getan. Und es hatte ich gut angefühlt. Das erste Mal in dieser Stadt hatte ich für einen kleinen unbeschwerten Moment so etwas wie Glück empfunden. Und das belastete mich jetzt. Ich wollte hier nichts Gutes erfahren, nicht das kleinste bisschen Glück. Ich wollte einfach nur hier weg und all das hinter mir lassen.

Darauf arbeitest du ja gerade hin.

Theoretisch zumindest. Bisher war mir noch immer nicht der rettende Einfall gekommen, der mich an Willows Geburtstag auf die vierte Ebene bringen würde. Und ich hatte mir bereits stundenlang den Kopf zerbrochen. Doch so schnell wie die Ideen gekommen waren, hatte ich sie auch wieder verworfen. Keine davon war auch nur ansatzweise ausführbar gewesen.

Das Klingeln der Ladenglocke riss mich aus meinen Gedanken.

„Nicht bewegen.“ Victorine war eindeutig gereizt, aber ich ignorierte sie, denn der Mann der gerade mit einem Lächeln den Laden betrat, ließ mich mehrmals blinzeln. Das war Killian. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick und doch sah er ganz anders aus, als bei unseren bisherigen Begegnungen.

Sein Hintern steckte in einer dunkelblauen Hose, die so hauteng saß … ich konnte jede Kontur erkennen – wirklich jede. Normalerweise trug er weite, lockere Kleidung, aber nicht dieses Mal. Vermutlich war mir deswegen auch niemals aufgefallen, wie muskulös er war. An Marshall kam er nicht heran, aber seine Beinmuskeln waren wirklich überaus gut definiert.

Und dann erst die Jacke. Sie saß nicht ganz so eng, hatte dafür aber einen hohen Kragen. Seine Füße steckten in hohen Stiefeln, die ihm fast bis an die Knie reichten. Sie waren glatt und leicht verdreckt. Und nirgends gab es auch nur die kleinste Naht zu sehen. Weder bei der Jacke, noch bei der wirklich engen Hose oder bei den Schuhen, von denen ein vertrauter Geruch ausging – etwas das ich in seiner Nähe noch nicht gerochen hatte.

Er ließ den Blick einmal durch den Laden gleiten, und blieb dann bei mir hängen.

„Ah, Dr. Vark.“ Victorine erhob sich, rümpfte dann aber die Nase.

„Tut mir leid“, sagte er, bevor sie erneut den Mund öffnen konnte. „Ich komme gerade aus dem Stall. Ich hoffe das stört sie nicht.“

So wie sie das Gesicht verzog, störte es sie, aber sie war professionell genug, das für sich zu behalten. „Sie sind zur Anprobe da?“

„Ja. Und auch um den Termin meiner Mutter zu besprechen.“ Er schenkte mir ein Lächeln. „Hallo Kismet. Carrie.“ Er nickte meiner Betreuerin zu.

Ich war von seiner Aufmachung noch immer so verblüfft, dass ich es gerade mal schaffte die Hand zu Gruß zu erheben. Nach der Flucht aus Sawyers Haus, hatte ich ihn noch nicht gesehen, denn wie sich herausgestellt hatte, musste man in der Klinik nur an den Tresen treten, um den Pulsmesser wieder los zu werden.

„Bitte bleiben sie still stehen“, bat Shelly mich. Wenigstens war sie geschickter als die Andere. Mein Bein blieb von weiteren Attacken verschont.

Ich schaffte es trotzdem nicht mir mein Augenrollen zu verkneifen.

Killian lachte leise.

„Kommen Sie“, verlangte Victorine. „Gehen sie nach hinten Jaqueline ist da, sie wird ihnen bei der Anprobe behilflich sein.“

„Ich freue mich schon.“

Sein falscher Enthusiasmus ließ mich schmunzeln. Dann konnte ich dabei zuschauen, wie er durch den blauen Vorhang verschwand, der den vorderen Teil des Geschäfts von dem Hinteren abschnitt.

„Siehst du“, sagte Carrie nun wieder von ihrem Platz. „Nicht alle stellen sich so an wie du.“

Das würdigte ich nicht mal mit einer Erwiderung.

Da ich sowieso nichts Besseres zu tun hatte, lauschte ich und versuchte herauszufinden, was auf der anderen Seite des Vorhangs vor sich ging. Das war besser als hier doof rumzustehen und darauf zu warten, endlich entlassen zu werden. Leider wurde dort nur sehr wenig gesprochen und das so leise, dass ich kaum mehr als ein Murmeln wahrnehmen konnte.

Damit blieb mir wieder nichts anderes zu tun, als nutzlos in der Gegend rumzustehen.

Das tat ich immer noch, als Killian eine halbe Stunde später wieder hinter dem Vorhang auftauchte, sich zu Carrie gesellte und mich beobachtete.

„Wie macht sie sich?“

„Sie ist nicht sehr kooperativ.“ Carrie schenkte mir einen überaus missbilligenden Blick.

„Kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Killian schmunzelte.

„Ich stehe hier und kann euch hören.“

Das ließ seine Mundwinkel breiter werden. „Das Kleid steht dir.“

Ich murrte etwas Unverständliches und ging nicht weiter darauf ein. Viel interessanter fand ich seinen Aufzug. „Was ist das für komische Kleidung?“

Er schaute an ich herab, als hätte er vergessen, was er am Leibe trug. „Meine Reitkleidung.“

Die hatten hier spezielle Kleidung fürs reiten? „Auf was reitest du denn?“

„Auf meinem Clydesdale Geysir.“

„Was?“ Was sollte das denn sein?

„Clydesdale. Das ist eine Pferderasse.“

Meine Augen wurden groß. „Du hast ein Pferd? Die sind doch ausgestorben.“ Außer auf uralten Bildern hatte ich jedenfalls noch nie eines gesehen. Das waren wunderschöne Tiere, wild und frei, mit jeder Faser ihres Körpers. So jedenfalls stellte ich sie mir vor.

„Nein, hier in Eden gibt es noch welche. Und mir gehört eines der schönsten Exemplare dieser Stadt.“

Wäre er nicht er, würde ich behaupten, dass da jemand mächtig eingebildet war. So jedoch sagte ich nur: „Ich habe ein Dromedar auf dem ich reiten kann.“

Alle Blicke im Raum richteten sich auf mich.

Mist.

„Du reitest auf einem Dromedar?“ Das war für Carrie wohl genauso unglaubwürdig, wie für mich die Tatsache, dass es hier in Eden Pferde geben sollte.

„Sein Name ist Trotzkopf. Ich fand ihn, als er noch ein Baby war. Er kann ziemlich dickköpfig sein.“ Das waren Informationen die ich ihnen geben konnte, damit würden sie nichts anfangen können, nicht solange ich ihnen nicht sagte, wo er sich befand.

„Dann passt er ja sehr gut zu dir“, kommentierte Carrie.

Dafür bekam sie einen giftigen Blick.

Killian lachte leise in sich hinein.

„So, das war es für heute“, verkündete Victorine.

Vor Erleichterung sackte ich beinahe in mich zusammen.

„Den Rest können wir ohne Sie machen. Trotzdem möchte ich Sie in zwei Tagen noch mal zur Anprobe hier haben, damit die letzten Änderungen rechtzeitig fertig werden.“

„Ich kann es kaum erwarten.“ Ja, der Sarkasmus in meiner Stimme war mehr als deutlich und brachte mir wieder einmal ein tadelndes Schnalzen von Carrie ein.

„Aber das trifft sich gut“, fügte Carrie noch hinzu. „Der Muttertreff findet in einer halben Stunde statt, dann kannst du noch daran teilnehmen.“

Ich war schon dabei vom Podest zu steigen, doch diese Worte ließen mich gleich wieder inne halten. Ich sollte mich der Mutterherde anschließen, und das obwohl ich nicht mal selber eine war? Die Ablehnung lag mir bereits auf der Zunge, doch genau in dem Moment kamen mir völlig ungebeten wieder Sawyers Worte in den Sinn. Füge dich ein, bleib unauffällig. Ich musste mitspielen. Sie mussten glauben dass ich mich einfügte. Und leider gehörten Treffen mit dem Volk auch dazu.

„Du wirst schon sehen, die Damen sind alle sehr nett. Und sie freuen sich sicherlich, dich endlich einmal persönlich kennen zu lernen.“

Das beruhte allerdings nicht auf Gegenseitigkeit. Nicht das ich was gegen sie hatte – nicht wirklich – aber sie interessierten mich nicht. Sie waren das, was ich niemals sein wollte.

Aber im Augenblick war es wohl besser das für mich zu behalten.

„Aber!“ sagte sie und hielt mir einen Finger gefährlich nahe vor mein Gesicht. Ganz ehrlich, sie stach mir fast das Auge aus. „Ich möchte nicht noch einmal so eine Geschichte wie mit Doolittle in Finns Bistro erleben. Messer sind nur zum Schneiden für die Lebensmittel gedacht.“

Als wenn ich so dumm wäre den glichen Fehler ein zweites Mal zu machen. „Lasst einfach kein Hunde in meine Nähe“, erwiderte ich patzig, stieg vom Podest und umrundete sie.

Gemeinsam halfen mir die beiden Assistentinnen hinter dem Vorhang dann aus diesem Folterinstrument namens Kleid. Es war wirklich eine Erleichterung für mich, wieder in meine normale Kleidung zu schlüpfen und endlich aus diesem Laden zu entkommen.

 

oOo

Kapitel 40

 

„Nein Schatz, steck das nicht in den Mund, das ist dreckig.“

Der kleine Junge schaute nur mit großen leicht degenerierten Blick in den Augen zu seiner Mutter hinauf, den Kiesel immer noch halb auf der Zunge und schien sich zu fragen, was an einem dreckigen Stein so schlimm sein sollte, schließlich waren seine Hände auch nicht viel sauberer.

Die jedoch war bereits dabei die Beute ihrer Brut an sich zu nehmen und sie schwungvoll von ich zu werfen. Zwei Handgriffe später hatte sie ein Tuch aus ihrer Tasche gezogen, ihrem quengelndem Bengel den Mund und Hände abgewischt, ihn an die Hand genommen und lief nun wieder ihrer Wege. Zurück blieb nur ein halb abgelutschter Kiesel im Rinnstein.

„Hach, manchmal wünschte ich, ich hätte auch eines.“

Ein Blick aus dem Augenwinkel, mehr bekam Carrie nicht von mir. Wie sie nach dieser Szene denn Wunsch nach einem eigenen Kind verspüren konnte, war mir schleierhaft.

„Leider sollte es nicht so sein“, sagte sie mit einem wehmütigen Ton in der Stimme, versuchte aber sofort ihr Lächeln wiederzufinden. „Komm, es ist gleich um die Ecke im Gemeinschaftshaus.“

Nur zu gerne hätte ich sie in die Abgründe gewünscht, doch im Moment galt mehr denn jäh mich einzugliedern. Weiter auf die Vertrauenskarte zu setzten würde nichts bringen, dafür stand ich bereits zu weit oben auf Edens Abschussliste und die Zeit reichte einfach nicht mich davon zu streichen. Doch ich konnte zurückhaltend und unscheinbar agieren, einfach keine unnötige Aufmerksamkeit auf mich ziehen – oder zumindest keine negative. Sie sollten ruhig denken, dass die Tage bei Sawyer mir gut getan hatten, dass ich jetzt offener für ihre Werte und Vorstellungen war. Natürlich war mir bewusst, dass sie dem misstrauisch und wachsam gegenüber stehen würden, doch es war immer noch besser, als mich weiterhin offen gegen sie zu wehren.

„Du hast keine Lust zu diesem Treffen zu gehen“, stellte Killian ganz richtig fest.

Carrie war bereits ein paar Meter weiter gegangen und winkte mich zu sich.

„Ich habe keine Wahl.“ Nicht mehr nach meinem Fluchtversuch. Die Augen aller waren jetzt noch intensiver auf mich gerichtet, als sie es am Anfang waren.

Die Ladenstraße war gut besucht. Ich war zwar schon ein paar Mal in Entfernung an ihr vorbei gegangen, hatte sie bisher jedoch noch nie betreten. Vielleicht war mir deswegen bisher noch nie aufgefallen, wie viele Leute es im Herz von Eden eigentlich gab.

Das war eine Gruppe von Müttern und älteren Frauen, die mit einer Horde von kleinen Kindern vor einem Schaufenster mit einer großen Auswahl an Backwaren halt gemacht hatten. Mehrstöckige Torten und Kuchen standen in der Auslage. Gebäckteilich wie ich sie noch nie gesehen hatte, waren kunstvoll zwischen künstlichen Blumen arrangiert worden. Lange Brote und kleine Schrippen in Körben und auf verzierten Tellern, kleine Männchen aus Lebkuchen, wie die eine Frau dem kleinen Mädchen neben sich erklärte.

Was bei den Abgründen war Lebkuchen?

„Wir hatten noch gar keine Zeit uns zu unterhalten. Ich hoffe deine Zeit bei Sawyer war … angenehm.“ Das letzte Wort kam mit leichtem Widerwillen über seine Lippen.

„Du meinst ob ich die Tage gut überstanden habe?“ Und das trotz Agnes Erlaubnis mich gefügig zu machen? „Sieht so aus oder?“ Es klang angriffslustiger, als ich beabsichtigt hatte, aber ich würde mich hüten mich zu entschudligen.

„Du scheinst auf jeden Fall noch deine Stacheln zu besitzen.“ In seiner Stimme schwang ein überaus zufriedener Ton mit sich, der sich auf das amüsierte funkeln in seinen Augen ausbreitete.

Da sollt doch noch mal einer aus diesem Mann schlau werden. „Was hast du denn geglaubt? Das ich gebrochen und unterwürfig wieder auf der Bildfläche erscheine?“ So wie Agnes es sich wahrscheinlich erhofft hatte.

„Nein“, sagte er leise. „Nicht du. Dafür bist du viel zu stur.“

Es war schon eine Kunst jemanden zu beleidigen und ihm gleichzeitig ein Kompliment zu machen. Das musste ich ihm lassen.

„Dann solltest du dich jetzt wohl dem Muttertreff anschließen“, bemerkte er.

„Ja.“ Ich seufzte wehleidig. „Carrie meinte es wäre eine gute Idee, wenn ich mit Gleichgesinnten zusammen komme. Du weißt schon, ein bisschen in die Gesellschaft reinschnüffeln.“

„Genau dein Ding.“ Oh ja, der Sarkasmus in seiner Stimmer war absolut nicht zu überhören.

Mein Mundwinkel zuckte. „Absolut.“

Wir grinsten uns an, bis ich bemerkte was ich da tat. Da wandte ich mich schnell ab und nahm lieber die Geschäfte auf der anderen Straßenseite in Augenschein.

Da waren Läden, die wunderschöne Kleider und fein geschnittene Anzüge für den Herren ausgestellt hatten. Klassisch, anmutig und gewagt. Ein Spielzeugladen, durch den lachende Kinder und gestresste Mütter liefen – das reinste Chaos.

Überall pochte das Leben. Die Farbvielfalt die mich umgab erschlug mich fast. Dieser Ort hatte etwas Faszinierendes, etwas Lebhaftes. Doch er wirkte auch künstlich und eintönig. Es war nicht zu vergleichen mit der Alten Welt und den fahrenden Händlern. Nicht mal mit dem kleinen Markt und den ramponierten Ständen, auf den Marshall uns vor ein paar Jahren einmal gebracht hatte. Dort hatte alles ein wenig trüb gewirkt, dafür aber echt.

Ein schmerzhaftes ziehen in meiner Brust ließ die Sehnsucht nach diesem Leben in mir aufflammen.

„Tja, ich sollte mich dann wohl auch auf den Weg machen. Ich will noch etwas für meine Mutter besorgen Und vielleicht sollte ich mich auch mal umziehen gehen. Ich will ja niemand mit meinem Geruch belästigen.“

„Ich mag den Geruch.“

Warum bei allen Abgründen der Alten Welt hab ich das gerade gesagt?!

Mir war doch wirklich nicht mehr zu helfen.

Er musterte mich einen Moment, schien mit den Worten die ihm auf der Zunge lagen zu zögern. „Hast du vielleicht Lust mich zu begleiten? Ein bisschen weibliche Unterstützung wäre nicht schlecht. Anschließend könnten wir noch etwas essen gehen wenn du möchtest. Vielleicht ein Eis?“

Erstaunt blickte ich zu ihm auf. Er wollte, dass ich ihn begleitete? „Ich muss zur Mutterherde.“

„Ja schon.“ Er schaute kurz über die Schulter zu Carrie, die ihm stumm mit finsteren Blicken taxierte. „Aber Treffen ist wöchentlich. Du kannst nächste Woche noch dort hingehen.“

„Ich glaub ich hab mich gerade verhört.“ Sehr nachdrücklich pulte ich mich dem Finger im Ohr und tat so als würde ich einen Klumpen Dreck wegschnipsen. „Es klang doch gerade wirklich so, als würdest du mich davon abhalten wollen, Kontakte mit der Gemeinschaft zu knüpfen.“

Das Lächeln das ich daraufhin bekam, war einfach nur entwaffnend. „Ja, vermutlich sollte ich das nicht tun.“

„Nein, solltest du nicht.“ Das kam von Carrie. „Kismet muss sich endlich eingliedern.“

Ich verengte meine Augen leicht. Zwar sprach es nicht gerade für mich, doch es widerstrebte mir in diesem Augenblick mich von ihr bevormunde zu lassen. „Sinn und Zweck diese Ausfluges ist es doch, dass ich mit den Menschen von Eden zusammen komme, oder?“

Carrie musterte mich schlecht gelaunt. „Ja“, sagte sie äußerst widerwillig.

„Dann haben wir das ja geklärt“, erwiderte Killian anstatt meiner und reichte mir den Arm. „Wollen wir?“

Ähm … hatte ich gerade irgendwas verpasst? Zum Beispiel den Teil in dem ich zugestimmt hatte ihn zu begleiten? Wenn mein Erinnerungsvermögen mich nicht trog – und davon ging ich jetzt einfach mal aus – dann hatte ich Carrie doch nur gerade klar machen wollen, dass ich mich von ihr nicht herumkommandieren lassen wollte. Doch für Killian schien das meine Einwilligung in seine Pläne zu bedeuten.

Wollte ich das? Es ist auf jeden Fall besser als zur Mutterherde zu gehen, musste ich mir eingestehen. Aber warum wollte er überhaupt, dass ich ihn begleitete?

Als ich seinen Arm nur anstarrte, ließ er ihn leicht verunsichert wieder sinken. „Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht möchtest.“

Er ließ mir die Wahl, so wie ich sie immer bei ihm hatte. Natürlich war mir klar, dass er mich nicht zwingen konnte, aber viel wichtiger war auch, dass er es nicht wollte. „Was willst du denn für deine Mutter besorgen?“ Genau, erstmal hinauszögern.

„Konfekt. Sie liebt Konfekt. Und in den letzten Tagen -“ Seine Züge nahmen einen leicht gequälten Ausdruck an. „Sie ist so traurig, darum wollte ich ihr eine Freude machen.“

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Dies war die Chance für mich ihn ein wenig über seine Mutter auszuhorchen. So könnte ich herausbekommen, was hinter Olives Worten steckte, oder ob ich mir den Namen aus ihrem Mund nur eingebildet hatte. Das wäre vielleicht meine letzte Gelegenheit, denn wenn alles nach Plan lief, würde ich schließlich bald nicht mehr hier sein. Immer vorausgesetzt du findest eine Möglichkeit auf die vierte Ebene zu gelangen.

Manchmal konnte meine innere Stimme wirklich lästig sein.

„Okay“, hörte ich mich sagen, bevor ich noch länger darum nachgrübeln konnte. „Lass uns gehen.“

Die Unsicherheit schwand aus seinem Blick, jetzt war er nur wieder er selbst. Carrie dagegen schien äußerst unzufrieden. Nicht nur mit mir, sondern auch mit meinem ganz persönlichen Arzt. „Dann lass uns gehen.“ Er reichte mir wieder seinen Arm, doch ich zog nur eine Augenbraue hoch. „Ich wollte nur freundlich sein.“ Lächelnd deutete er nach rechts. „Wir müssen da entlang.“

Als er die vorgeschlagene Richtung in Angriff nahm, trat ich an seine Seite, achtete aber darauf, einen gewissen Abstand zwischen uns zu wahren.

Carrie folgte uns wie ein düsterer Schatten.

Jetzt stand nur die Frage im Raum, wie ich das Thema am besten anschnitt. „Was hat deine Mutter denn?“ Na, war doch gar nicht so schwer.

Er zog eine Brille aus seiner Jackentasche und schob sie sich ins Gesicht, als wollte er seine Augen vor mir verbergen, „Kannst du dir das nicht denken?“

Rechts von uns war ein großes Kleidergeschäft, in dem eine Frau im Schaufenster fleißig an einer Nähmaschine arbeitete.

„Ich weis nicht.“ Doch dann fiel mir wieder mein erster Zusammenstoß mit ihr ein. Der Tag an dem sie vor ihren Pflegern davongelaufen war, schien ewig her zu sein. „Sie hat Angst um ihr Baby.“

„Ja. Sie hat vergessen was mit ihren anderen Kindern geschehen ist, aber irgendwo in ihrem Unterbewusstsein weiß sie es noch.“

„Weil ihr jedes Mal ein Teil von ihr selber genommen wird.“

Durch die Brille konnte ich den Ausdruck in seinem Gesicht nicht richtig entziffern, doch ich glaubte Überraschung zu erkennen. „Das ist wohl das schlimmste was man einer Mutter antun kann“, sagte er leise.

„Und doch glaubt ihr es sei nötig, weil sie sich nicht um ihren Nachwuchs kümmern kann.“

„Man hat es versucht.“ Es klang nicht wie eine Rechtfertigung, sondern wie eine schlichte Tatsache. „Man hat ihr die Kinder gelassen. Ich selber habe die ersten Wochen meines Lebens bei ihr gelebt. Aber sie kam selbst mit der Hilfe der Pfleger nicht mit uns zurecht. Ihr Verständnis um ein Kind aufzuziehen reicht nicht aus, da sie selber wie ein Kind ist.“

„Ich fand sie eigentlich sehr reif.“

Er wandte mir da Gesicht zu.

„Bevor ich bei Sawyer war, hab ich mit mich mit ihr unterhalten. Sie kam mir zwar etwas verwirrt vor, aber nicht unzurechnungsfähig.“

„Sie hat gute und schlechte Tage.“ Er blieb vor einem großen Schaufenster mit Schmuck stehen. Ketten und Ringe auf eleganten Halterungen. Armbänder mit glitzernden Steinen. „Meinst du davon würde ihr etwas gefallen?“

Nein, nein, nein, nicht das Thema wechseln. Nicht jetzt wo ich so nahe dran war. „Ich kenne sie nicht gut genug, um das zu beurteilen. Wie gesagt, ich hab mich nur einmal mit ihr unterhalten und da haben wir drüber geredet, wie sie ihr Kind nennen will. Und über Nia, Lia und Hanna.“ Bei den letzten Worten behielt ich ihn ganz genau im Auge. Doch er beugte sich nur vor um eine zierliche Kette mit einem Schwanenanhänger genauer zu betrachten.

„Sie findet Namen äußerst wichtig.“

Verdammt, warum ging er nicht auf den anderen Teil der Aussage ein? „Ja, das hat sie auch gesagt. Und sie sprach über diese drei Frauen, als würde sie sie kennen.“ Komm schon, beiß an!

„Meine Mutter kennt viele Frauen.“ Er richte sich wieder auf, schaute mich an und stutzte dann. „Alles okay mit dir? Du wirkt ein bisschen angespannt.“

Beim Himmel und den Abgründen, war das sein ernst?! „Mir geht es gut.“

„Sicher?“ Er hob die Hand, als wollte er mich berühren, besann sich dann aber eines besseren und steckte sie stattdessen in die Tasche seiner Jacke.

Tief einatmen, nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Sie hat mich Hannah genannt.“

Er runzelte die Stirn. „Bitte?“

„Deine Mutter, sie hat mich Hannah genannt.“ Direkter ging es jetzt nicht mehr.

„Das passiert manchmal. Sie kann sich Namen und Gesichter nicht besonders gut merken.“

Ich schüttelte schon den Kopf, bevor er geendet hatte. „Nein, du verstehst nicht. Sie hat mich nicht so genannt, weil sie sich nicht mehr an meinen Namen erinnert. Es kam mir viel mehr vor, als würde sie glauben ich sei Hannah.“

„Das ist nicht so ungewöhnlich bei ihr. Sie verwechselt Menschen sehr Häufig. Vielleicht hast du sie einfach an jemanden mit dem Namen Hannah erinnert.“

Erinnert. Das würde bedeuten, Olive kannte jemanden mit dem Namen Hannah, jemanden er mir ähnlich sah. Aber meine Mutter sah mir nicht ähnlich, ich kam eher nach meinem Vater. Und doch begann mein Herz schneller zu schlagen. „Gibt es den in ihrem Bekanntenkreis jemanden der so heißt?“

„Nicht das ich wüsste.“ Er setzte sich leichtfüßig und schlenderte er neben mir her. „Ich selber jedenfalls kenne niemanden mit diesem Namen.“

Natürlich nicht. Es war dumm gewesen sich etwas anderes zu erhoffen. Wobei … was hatte ich mir eigentlich genau erhofft? Mehr über die Frau zu erfahren, die mich zur Welt gebracht hatte? Hier an diesem Ort? Meine Mutter hatte Eden gemieden wie die Pest. Der Gedanke, dass es zwischen ihr und Enden eine Verbindung geben könnte, war einfach nur lächerlich.

„Wahrscheinlich hast du Recht und ich sollte mir gar nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen.“

„Nein, solltest du nicht“, stimmte er mir zu. „Aber ich möchte dir danken. Es gibt nicht viele, die sich einfach mal so mit ihr unterhalten.“

„Weil die Leute sie für seltsam halten.“

Dem gab es nichts hinzuzufügen.

„Komm“, sagte er nur. „Es ist gleich um die Ecke.“

Gleich um die Ecke stellte sich als ein farbenfrohes Geschäft voller Naschereien heraus.

„Eine Confiserie“, erklärte Killian, während er mir die Tür offen hielt und mich damit in Regenbogenland einlud.

Carrie huschte wie ein düsterer Schatten hinter uns in den Laden.

Bunte Glasregale, vom Boden bis zur Decke gefüllt mit Zuckerwerk, Pralinen und Figuren komplett aus Schokolade. Zuckerdrops, Honigbonbons, Kekse und … Konfekt – was im Grunde nichts anderes war, als kleine süße Happen.

Fein säuberlich in edlen Hüllen ausgestellt, lagen sie in einer Vitrine, die zeitgleich auch als Tresen diente. Eine füllige Frau, deren Haare genauso bunt waren sie die Vielfalt ihres Angebots lächelte uns freundlich entgegen.

„Killian!“ Für so eine Frau, klang ihre Stimme ziemlich quietschig. „Dich habe ich ja ewig nicht gesehen.“

„Wenn ich hier zu oft auftauche“, schäkerte er und tätschelte seinen Bauch, „dann schlägt mir das nur auf die Hüften.“

„Ach du nun wieder“, lachte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Ich ignorierte die Plänkeleien zwischen den beiden und auch wie Killian begann eine Bestellung für seine Mutter aufzugeben, der die füllige Frau gerne nachkam. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das Angebot in der Glasvitrine. Da waren unförmige kleine Klumpen mit hellen Verzierungen und Streuseln. Kleine Waffeln mit einem Schokoladenhut und runde Kugeln mit einer Nuss als Zierde. Doch mein Interesse galt einem kleinen Kunstwerk ganz m Ende der Vitrine. Dort lagen mehrere weiße Pralinen, die mit geschwungenen Blüten aus dunkler Schokolade verziert waren. Und in der Seite jeder Praline steckte noch ein kleines Schokoladenblatt. Sie sahen hübsch aus.

„Möchtest du auch etwas haben?“

Ich zuckte nicht nur zusammen, nein, es war schon ein kleiner Hüpfer, so dicht war Killians Stimme plötzlich an meinem Ohr.

Ich funkelte ihn vorwurfsvoll an.

Er lächelte nur. „Und, gefällt dir etwas davon?“

Mein Blick glitt wieder zu den sechs kleinen Pralinen, aber ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich will nichts.“ Wirklich nicht. Diese Pralinen fand ich überhaupt nicht faszinierend. Es war mir auch egal, dass sie wunderschön waren. Und das sie wahrscheinlich toll schmecken würden.

Killian schmunzelte und wandte sich wieder der Verkäuferin zu. „Gib mir auch noch deine Sonderkreation. Aber bitte in einer separaten Schachtel.“

Die Verkäuferin kam seinem Wunsch sofort nach und ich musste zusehen, wie die Pralinen, die mich überhaupt nicht interessierten in einer kleinen goldenen Schachtel verschwanden. Ich verbot mir meine Enttäuschung – besonders da ich sie nicht einmal verstand. Wenn ich sie nicht haben wollte, dann stand es Killian schließlich frei sie seiner Mutter zu kaufen. Olive würde sich sicher darüber freuen.

Plötzlich schlecht gelaunt, wandte ich mich von Tresen ab, nur um Carries Blick zu begegnen. Eine düstere Wolke schien über ihr zu hängen, in jedem Atemzug Missbilligung über ihre gescheiterten Pläne. Ab sofort gehörte Killian wohl nicht mehr zu ihren Lieblingen. Er würde es wohl verkraften.

Mit einem „Hier“ riss Killian mich aus meinen Gedanken. Die kleine goldene Schachtel tauchte direkt vor meiner Nase auf. „Als Dankeschön für deine Begleitung.“

Überrascht schaute ich die Schachtel an. Er hatte sie für mich gekauft, nicht für seine Mutter. Er hatte gesehen, dass ich sie haben wollte.

Meine Hand zuckte zu der kleinen Box, doch ich riss mich zusammen und trat einen Schritt von ihm zurück. „Ich hab dir doch gesagt, ich will sie nicht.“

„Ich weiß.“ Er nahm meine Hand und als ich sie wegziehen wollte, hielt er sie einfach etwas fester. Dann legte er die Schachtel hinein und schloss meine Finger darum. „Aber ich möchte mich bei dir bedanken und es sehr unhöflich ein Geschenk abzulehnen, nur weil man ein kleiner Sturschädel ist.“ Er ließ meine Hand wieder los. Die Schachtel blieb darin liegen.

Mir lag sofort etwas auf der Zunge, etwas über Höflichkeit und Gefangenschaft, aber irgendwie wollten diese Worte einfach nicht über meine Lippen. Stattdessen schlossen meine Finger sich fester um das Geschenk. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte diese Pralinen wirklich. Auf ein Danke konnte er allerdings lange warten und das schien er auch zu wissen.

Er lächelte nur und wich ein Stück vor mir zurück. „Wollen wir dann?“

Irritiert riss ich mein Blick von der Schachte los und schaute stattdessen ihn an. „Wollen?“

„Ich habe doch gesagt, wir können danach noch ein Eis essen gehen.“ Er hielt mir den Arm hin, als verspürte ich den Wunsch, mich bei ihm einzuhaken. „Oder auch etwas anderes, wenn dir das lieber ist.“

Von der Bitte an ich verunsichert, fragte ich das erste, was mir in den Sinn kam, ohne seinen Arm zu auch nur eines Blickes zu würdigen. „Warum sollte ich Eis essen wollen?“ Das war kalt und völlig geschmacklos. „Davon klirren mir doch nur die Zähne.“

Eine kleine Falte bildete sich auf seiner Stirn, bevor sich sein ganzes Gesicht aufhellte. „Kein normales Eis, Speiseeis. Es ist lecker und man isst es an warmen Tagen.“

Ich schaute zu Carrie, doch von ihrer Seite würde ich im Moment keine Hilfe bekommen.

„Versuch es doch einfach mal, manchmal ist es gar nicht so schlecht mal etwas Neues auszuprobieren.“ Er musterte mich nachdenklich. „Oder hast du etwa Angst davor?“

„Natürlich habe ich keine Angst davor.“ Ich drehte ihm den Rücken zu und marschierte zur Tür hinaus „Lass und gehen, ich will jetzt ein Eis.“ Angst vor einer Speise. Ich hatte nicht mal Angst vor lebender Beute, bevor sie auf meinem Teller landete. Warum sollte ich da Angst vor ein bisschen Eis haben?

Erst als wir uns mit meinem Wachhund auf den Fersen ein paar Meter von dem Laden entfernt hatten, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich blieb abrupt stehen und funkelte ihn an. „Du hast mich manipuliert.“

Ein breites Lächeln. „Und du hast bereits zugestimmt mit mir etwas essen zu gehen. Also komm, es ist nicht weit.“

Einfach aus Prinzip hätte ich ihn jetzt stehen lassen sollen und meiner Wege ziehen, doch irgendwie konnte ich ihm nicht böse sein – nicht wirklich. Und das fand ich äußerst seltsam. Warum störte es mich nicht von ihm reingelegt worden zu sein? Weil keine boshafte Absicht dahinter gelegen hatte? Weil ich ihn … mochte? Nein, dieser Gedanke war viel zu abwegig, deswegen schob ich ihn auch ganz schnell von mir. Killian war ein Städter und auch wenn er irgendwie nett war, würde er immer ein Städter bleiben.

Auf unserem Weg kamen wir an ein paar weiteren Geschäften vorbei. Ein Restaurant mit gestreifter Palisade, ein Schönheitssalon mit goldenen Veredelungen an dem Schriftzug und ein Friseur in dem reger Betrieb herrschte. Weiter hinten konnte ich sogar das Bistro von Finn sehen. Zm Glück kamen wir jedoch nicht daran vorbei, denn unser Ziel erreichten wir ein Stück vorher.

Vor uns ragte ein blaues Geschäft mit großen Schaufenstern auf, die mit Bildern von … nein, das konnte nicht stimmen. In meinen Augen sah es sah aus wie bunte Häufchen in Waffelröllchen. Aber nicht mal die Städter konnten so widerlich sein, dass sie Exkremente verspeisten.

„Komm.“ Wie schon in dem anderen Geschäft hielt Killian mir die Tür auf und wartete bis ich eingetreten war, bevor er mir folgte. Carrie dagegen überließ er sich selber. Im Grunde tat er schon die ganze Zeit so, als wäre sie gar nicht anwesend.

Ich wurde empfangen von einer Geräuschkulisse aus lauten Gesprächen, freudigen Kindern und herzhaften Lachen. Überall saßen Gruppen und Pärchen, Kinder und Mütter herum und schienen alle ein und dieselbe Speise in verschiedenen Ausführungen zu essen.

Während Killian mich zum Tresen führte, an dem mehrere Angestellte die Kunden bedienten, glitt mein Blick neugierig von einem Tisch zum anderen. Das war also Eis. Mit einem zugefrorenen See im Winter, oder Eiszapfen hatte es nicht zu tun.

„Es gibt verschiedene Geschmacksrichtungen“, erklärte Killian und reihte sich mit mir hinter einer älteren Frau mit krummen Rücken ein. „Standard sind Schoko, Erdbeere und Vanille. Aber es gibt auch Banane, Zitrone oder Orange – und noch ein paar andere. Gibt es denn etwas dass du besonders gerne ist?“

Ja gab es, und er hatte es bereits aufgezählt, doch wie immer wenn ich etwas von mir preisgeben sollte – und sei es auch nur so eine Kleinigkeit – dann sträubte sich tief in mir drinnen etwas dagegen.

„Also ich mag ja Stracciatella am liebsten.“

„Ähm … ich habe absolut keine Ahnung, was das sein könnte.“

„Keine Sorge, du wirst es gleich sehen. Und wenn du nett zu mir bist, dann darfst du vielleicht auch mal probieren.“

Dafür bekam er ein Schnauben. Trotzdem konnte ich spüren, wie meine Mundwinkel zuckten.

Was war heute nur mit mir los?

Da die alte Frau vor uns nun fertig war und sich schwerfällig aus der Reihe entfernte, musste ich diese Frage nicht sofort klären.

„Hallo“, sagte ein junger Mann mit Schürze zu und. „Was darf es sein?“

Vor mir eröffnete sich eine lange Vitrine mit silbernen Behältern, die alle mir einer cremigen Substanz in diversen Farben gefüllt war. Rosa, gelb, weiß, weiß mit Punkten.

„Kismet?“

Ich schaute ratlos von der Auswahl zu ihm.

„Was magst du am liebsten? Deine Lieblingsfrucht.“

Ach, was konnte er mit dieser Information schon groß anfangen. „Ich liebe Erdbeeren.“ Ich zog sie sogar selber. Jeden Frühling setzte ich kleine Zöglinge und pflegte sie bis wie große reife Früchte trugen. Diese Süße, mit dem leicht säuerlichen Nachgeschmack … und die Farbe. Ich liebte Erdbeeren einfach.

„In Ordnung.“ Lächelnd wandte Killian sich dem Verkäufer zu. „Dann für die Dame ein Erdbeerbecher mit allen Schikanen und ich nehme einen Krokant-Becher mit Stracciatella.“

„Kommt sofort.“

Der Mann begann damit zwei große Glasbecher hervorzuholen und dann konnte ich dabei zusehen, wie er das Eis mit einem seltsamen Löffel aus den Behältern kratzte und die Kugeln in die Becher gab. Darüber wurde ein riesiger Turm Sahne aufgehäuft. Der eine Becher wurde mit Erdbeeren, roter Soße, ein paar Schockostreueln und einer kleinen Waffel ergänzt. Der andere mit Nussstreuseln, einer hellbraunen Soße und … einer kleinen Waffel.

Killian erledigte den Geschäftlichen Teil und drückte mir meine Becher zusammen mit einem Löffel in die Hand, der auch fast noch herunterfiel, weil ich ja noch immer die Schachtel mit dem Konfekt in der Hand hielt. Dann nahm er sich sein eigenes Eis und führte mich in der Nähe der Tür zu einem freien Tisch am Fenster. Carrie saß nicht weit von uns entfernt und hatte die Nase wieder tief in ihrem Screen vergraben.

Was nur war an diesem Gerät so interessant, dass sie es nie aus den Händen legte?

Sobald wir saßen, steckte Killian seinen Löffel in das Eis und nahm ein kleines Häufchen Sahne auf. „Ich hoffe es schmeckt dir.“

Das hoffte ich auch, aber im Moment irritierte mich der Löffel ein wenig. Wozu war der so lang?

Als Hätte Killian meine Gedanken gelesen, sagte er: „Damit du bis unten an den Becher kommst, ohne dir die Hände schmutzig zu machen.“

Das ergab natürlich Sinn. „Ihr habt wohl für jedes Problem eine Lösung parat.“

„Nein, leider nicht für jedes, aber wir arbeiten daran.“ Er ließ seinen ersten Löffel in seinem Mund verschwinden und verzog genießerisch das Gesicht. „Hmm, lecker.“

Nein, so wie er das sagte, schaffte ich es einfach nicht mir mein kleines Lächeln zu verkneifen. Und leider musste ich mir auch eingestehen, dass ich den Nachmittag mit ihm genoss. Killian hatte etwas an sich, dem man nicht widerstehen konnte. Es war seine freundliche und ungezwungene Art, die Tatsache, dass er mich wie eine Gleichgestellte behandelte und nicht versuchte mir etwas aufzuzwingen. Und auch das Lächeln, das ihm kleine Grübchen in die Mundwinkel zauberte. Diese Grübchen waren wirklich niedlich.

Ich hatte bisher gar nicht gewusst, wie niedlich Grübchen sein konnten und vor allen Dingen nicht, dass sie mir gefielen.

„Hab ich was an der Nase?“

Vor Schreck ließ ich fast meinen Löffel fallen. „Was?“

„Du starrt mich seit einer geschlagenen Minute an.“

Ich hatte ihn doch nicht … oh Himmel, ich hatte doch! „Ich … ich hab nur was überlegt.“ Hastig machte ich mich über mein Eis her und trat mir innerlich in den Hintern. Warum bei allen Abgründen der Alten Welt hatte ich das getan. Und nicht nur das, ich hatte auch noch darüber nachgedacht, was mir an ihm gefiel.

Er ist ein Städter!, rief ich mich zur Ordnung, also reiß dich gefälligst zusammen.

Wenn ich wüsste wie das ginge, wäre ich mit Sicherheit nicht hier.

Seufz.

Ich klaubte mir eine Erdbeere vom Eis und schob sie mir mit ein wenig Sahne in den Mund. Lecker.

„Und, schmeckt es dir?“

„Ja, sehr.“

„Das freut mich.“ Und er schien seine Worte auch wirklich so zu meinen.

Lass dich nicht einwickeln, er ist der Feind!

Ja ja, schon gut.

„Weist du bereits, mit wem du nächste Woche zum Elysium-Fest gehst?“

Diese Frage ließ das Eis schwer in meinen Magen sacken. Das war wieder einer der Dinge, an die ich nicht erinnert werden wollte. „Nein, keine Ahnung.“

„Ich würde mich ja anbieten, aber leider habe ich in der Parade bereits einen Posten.“

„So?“, fragte ich wenig begeistert.

„Ja, ich werde mit Geysir die Kutschen anführen. So hab ich auch einen Blick auf meine Mutter.“

„Dein Pferd.“ Der Gedanke, dass es hier Pferde geben sollte faszinierte mich noch immer.

„Ich werde dich mal mitnehmen, dann kannst du auch auf ihm reiten. Das ist sicher etwas ganz anderes, als sich auf den Rücken eines Dromedars zu schwingen.“ Er zögerte einen Moment, als hätte er sich mit seinen Worten zu weit vorgewagt. „Natürlich nur wenn du auch möchtest.“

Es war eine nette Geste, aber schon als er es sagte, glaubte ich nicht daran, dass es geschehen würde. Für mich gab es nur einen Grund auf die vorderen Ebenen zu gelangen und der hatte ganz sicher nichts mit dem Reiten eines Pferdes zu tun. Deswegen sagte ich nur: „Wir werden sehen.“

Vorerst schien ihm das als Zusage zu reichen. „Wir könnten auch mal etwas anderes unternehmen, wenn du möchtest.“ Er steckte seinen Löffel ganz tief in den Becher hinein. „Hier im Herz gibt es ein großartiges Unterhaltungsprogramm.“

„Aha.“ Was sollte ich auch sonst dazu sagen. Da widmete ich mich doch lieber wieder meinem Eis.

„In drei Wochen startet im Theater ein neues Stück.“ Auf einmal klang seine Stimme sehr vorsichtig. „Wir könnten es uns anschauen.“

Nicht wenn alles nach Plan liefe. Darum sagte ich nur: „Wir werden sehen.“ Denn in drei Wochen so hoffte ich, hätte ich Eden schon lange hinter mir gelassen.

„Du musst natürlich nicht mitgehen.“ Er stocherte in seinem Eis herum, als sei es ihm plötzlich peinlich mich gefragt zu haben. „Es war nur eine Idee.“

„Ich denke es wäre ratsam, sich nach einer anderen Begleitung umzusehen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Sein Lächeln wirkte auf einmal nicht mehr ganz so fröhlich. „Egal. Lass uns von etwas anderem sprechen.“ Ein kurzes Zögern. „Darf ich fragen, wie … nein, lassen wir das lieber. Erzähl mir von deinem Trotzkopf.“

„Du möchtest etwas über Trotzkopf erfahren?“

„Nur wenn du mir etwas darüber erzählen möchtest.“

Was sollte ich da groß erzählen? „Ich habe ihn gefunden, als er noch ein Baby war. Seine Mutter war von irgendeinem Raubtier gerissen worden. Er stand schreiend an ihrem Leichnam. Zuerst wollte ich ihn schlachten, aber dann hat Marshall mich davon abgehalten, da er als Reit- und Zugtier viel nützlicher ist.“

„Marshall.“ Sein Mund verzog sich auf eine sehr seltsame Weise. „Du hängst sehr an ihm.“

„Er hat mich aufgenommen und mir viel beigebracht.“ Ich ließ eine weitere Erdbeere in meinen Mund verschwinden. Hmm.

Killian machte den Mund auf, als läge ihm etwas auf der Zunge, schloss ihn aber sofort wieder.

„Was?“, fragte ich.

Er lächelte schwach. „Ich muss gestehen, ich bin furchtbar neugierig auf den Mann, der dich so beeindruckt hat, dass dein Leben so von ihm geprägt ist, aber ich fürchte, wenn ich dir Fragen über ihn stelle, wirst du sie mir einerseits nicht beantworten und mir andererseits Dinge unterstellen, die nicht der Wahrheit entsprechen.“

„Du meinst Dinge wie, dass du seinen Aufenthaltsort herausbekommen willst, um ihn nach Eden zu bringen.“

„Genau.“ Sein Löffel kratzte über den Boden seines Bechers. „Aus deiner Perspektive betrachtet, würde ich vermutlich auch hinter jedem freundlichen Wort eine List vermuten und genauso reagieren wie du, aber – naja – ich bin eben neugierig.“

Killian sollte so reagieren wie ich? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Andererseits, wäre seine Heimat die Alte Welt, wäre er auch ein ganz anderer Mensch geworden – oder schon längst tot. „Was genau möchtest du denn wissen?“ Die Frage klang beinahe unbeteiligt, aber ich war mir sehr bewusst, was sie für Folgen haben konnte. Außerdem konnte ich ja über Marshall sprechen, ohne allzu viel preis zu geben. Und es tat gut seinen Namen zu hören. Ich vermisste ihn furchtbar.

Killian betrachte mich nachdenklich. „In Ordnung, ich mache dir einen Vorschlag. Ich stelle dir Fragen unter zwei Bedingungen.“

Sein ernst? Er wollte etwas von mir wissen und stellte dann auch noch Bedingungen? „Und die wären?“

„Erstens, egal was ich frage, sei nichts sauer deswegen.“

„Hm, ich glaube nicht, dass ich dir das versprechen kann.“

„Versuch es wenigstens. Und zweitens: Wenn du eine Frage nicht beantworten willst, dann schweig einfach und lüg mich nicht an.“

Ihn nicht anlügen? Wie käme ich denn dazu? „Ich werde dir nichts dergleichen versprechen. Wenn du etwas wissen möchtest, dann frag. Du wirst ja sehen, ob ich dir darauf antworte.“

Das war nicht unbedingt das was er hatte hören wollen, weswegen er wohl auch zögerte, oder einfach gründlich überlegte. Aber dann stellte er doch seine Frage. „Wie hast du ihn kennengelernt?“

Da war alles was er wissen wollte? Nun gut, eigentlich war allein das Wissen darum, dass er existierte schon zu viel. Aber Killian hatte diese Information schon sehr lange und sie war die ganze Zeit zwischen uns geblieben. „Er war in den Ruinen unterwegs, um nach Metall zu suchen, damit er sein … seine Hütte ausbessern konnte.“ Beinahe hätte ich Flugzeug gesagt. Das hätte dann doch zu viel verraten. „Da entdeckte er Nikita versteckt in einem alten Keller. Ich war nicht da, weil ich gerade unterwegs war um essen zu besorgen. Wurzeln, Kräuter, ein paar Käfer. Ich hab Nikita in dem Keller gelassen, weil es zu anstrengend war sie immer mitzunehmen. Sie war damals gerade mal fünf und ich selber erst zwölf.“ Ich stocherte in meinem Eis herum, bis sich daraus langsam eine sämige Creme bildete. „Als ich vom Sammeln zurückkam, hockte Marshall direkt vor Nikita und gab ihr gerade Wasser aus seiner Flasche. Sein Anblick hat mich so sehr erschreckt, dass ich direkt mit meiner Machete auf ihn losgegangen bin.“

Killian versuchte sich sein Grinsen zu verkneifen, doch es gelang ihm nicht recht. „Du bist wohl die einzige Person die ich kenne, die, anstatt das Weite zu suchen, wenn sie Angst hat, auf Konfrontation geht,.“

Ich funkelte ihn böse an. „Er war ein fremder Mann und Nikita die einzige die ich noch hatte. Natürlich bin ich auf ihn losgegangen.“

„Aber nicht sehr erfolgreich, möchte ich meinen.“ Wieder versuchte er angestrengt sein Schmunzeln unter Kontrolle zu bekommen – ohne Erfolg. „Tut mir leid“, sagte er dann hastig. „Ich stelle es mir nur lustig vor, wie du als kleines Kind mit einem Kriegerschrei auf einen erwachsenen Mann losgehst.“

Wenn er es so ausdrückte, dann musste ich selber schmunzeln, obwohl ich mich mit fast Dreizehn nicht mehr unbedingt als kleines Kind bezeichnen würde. „Marshall fand das nicht so lustig, denn ich hätte ihm mit meiner Machete fast den Arm abgekackt.“

Jetzt schaute er verblüfft. „Hoffentlich komme ich niemals in den Genuss dich zu verärgern.“

Ich konnte gar nicht anders als zu grinsen. „Das hoffe ich auch.“

Einen Moment schaute er mich nur an, dann erwiderte er mein Lächeln vorsichtig. „Und was ist weiter passiert? Das war sicher noch nicht das Ende der Geschichte.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn angeschrienen, dass er von Nikita weggehen soll, während ich mit erhobener Waffe auf ihn zugerannt bin. Ich denke, deswegen wurde er so schnell auf mich aufmerksam. Kurz bevor ich bei ihm war, schlug er mir meine Machete aus der Hand und versetzte mir eine Ohrfeige die mich zu Boden warf. Dann nahm er meine Machete an sich und sagte, dass ich sie erst wiederbekommen würde, wenn ich wüsste, wie man richtig damit umgeht.“

Das Lächeln war aus Killians Gesicht gewichen. „Er hat dich geschlagen?“

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Zwar hatte es damals unheimlich wehgetan, aber ernstlich verletzt war nur mein Ego gewesen. „Was hätte er denn sonst tun sollen um mich schnell und möglichst in einem Stück auszuschalten, ohne dabei ein Körperteil einzubüßen, das er vielleicht noch mal gebrauchen könnte?“

„Da hätte es sicher noch andere Möglichkeiten gegeben.“

„Vielleicht“, erwiderte ich ein wenig verdrossen. Es gefiel mit nicht, dass er Marshall kritisierte, dazu hatte er kein Recht. „Auf jeden Fall fragte er mich dann nach meinen Eltern, oder anderen Erwachsenen, mit denen wir unterwegs waren und ich dachte mir schnell eine Geschichte aus, von wegen, die sind nur essen holen gegangen und wir sind eine riesige Gruppe, weswegen er schnellstmöglich das Weite suchen sollte. Er hat es mir nicht abgekauft.“

„Weil du so eine ausgesprochen gute Lügnerin bist.“

„Unter anderem.“ Ich lächelte und ließ einen Löffel meines fast flüssigen Eises in meinen Mund verschwinden, bevor ich weiter sprach. „Aber ich denke eher unsere Kleidung war das Problem. Nikitas Hemd war so löchrig, dass es praktisch nicht mehr vorhanden war und meine Kleidung bestand aus einem Tuch in das ich mich gewickelt hatte. Also entschloss Marshall sich zu uns zu setzten und auf unsere Eltern zu warten.“ Der Gedanke wie dieser bärige Mann damals neben Nikita in diesem kleinen Keller gekauert hatte, belustigte mich heute. Damals nicht, da hatte es mich fuchsteufelswild gemacht. „Ich habe ihn immer wieder dazu angehalten schnellst möglich zu verschwinden, bevor meine Eltern kommen und ihn töten würden, aber er blieb stundenlang mit uns in diesem Keller. Irgendwann bin ich einfach eingeschlafen und als ich wieder aufwachte, war es bereits morgen gewesen.“

„Und er war immer noch da.“

Ich nickte. „Und nicht nur das, er gab uns sogar etwas zu essen. Danach nahm er Nikita auf den Arm und trug sie aus dem Keller. Natürlich bin ich sofort hinter ihm her und habe ihn beschimpft, damit er sie wieder loslässt, aber er sagte nur, er werde sie nun mitnehmen und sich um sie kümmern. Er würde sich auch freuen, wenn ich ihn begleiten würde, aber mich könne er nicht zwingen. Dann kehrte er mir den Rücken und mir blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er hatte nicht nur meine Schwester, er hatte auch die einzige Waffe die ich besaß.“ Die Machete meines Vaters, das einzige Andenken an meine Eltern, das ich noch besaß und die jetzt irgendwo im Besitz der Yards war und die ich wahrscheinlich nie wieder sehen würde.

„Also bist du sowohl widerwillig als auch freiwillig mit ihm gegangen.“ Er schmunzelte. „Interessant.“

„Ja, aber dieses widerwillig hat ihm zu Anfang ziemlich große Probleme bereitet. Ich wollte nicht bei ihm und seinen Leuten bleiben, auch wenn ich Roza nett fand und Leroy auch irgendwie -“ Vor Schreck unterbrach ich meinen Redefluss so abrupt, dass ich mich beinahe an meinen eigenen Worten verschluckte. Das hatte ich jetzt nicht gesagt. Ich konnte doch wirklich nicht so unglaublich dumm gewesen sein einem Städter zu erzählen, dass es außer Nikita, Marshall und mir noch andere Menschen gab, mit denen ich zusammen lebte. Bei allen Abgründen der Alten Welt, nein, so blöd war ich einfach nicht.

Und doch hingen diese Worte nun zwischen uns. Ich sah es an der Art wie er meinem Blick begegnete. Ruhig, aufmerksam, wissend. Dass ich ihm gerade etwas verraten hatte, was ich unbedingt für mich behalten wollte, war ihm klar, denn er war nicht so dumm wie ich. In diesem Moment glaubte ich sogar, dass es auf der ganzen Welt kein anderes Wesen gab, das so dumm wie ich war.

„Wie hat sich dieses widerwillig den ausgedrückt?“, fragte er ganz gelassen, so als hätte ich ihm nicht gerade eine äußerst brisante Information gegeben.

„Ich glaube ich habe für heute genug gesagt.“ Ich ließ meinen Löffel sinken und erhob mich von meinem Stuhl. Dabei fiel mein Blick auf die goldene Schachtel mit den Pralinen. Am besten ließ ich sie einfach liegen. „Wir sehen uns.“

„Kismet.“ Auch Killian erhob sich eilig von seinem Platz. Er streckte die Hand nach mir aus, doch bevor er mich berühren konnte, überlegte er es sich anders und verstellte mir stattdessen lieber den Weg. Seine Beine waren länger als meine, es fiel ihm also nicht weiter schwer. „Bitte, du musst nicht die Flucht ergreifen, nicht deswegen.“

Ich biss mir auf die Lippe und wich seinem Blick aus. Warum nur wollte ich seinen Worten Glauben schenken?

Weil du dumm bist, nur deswegen!

„Erinnerst du dich daran, was ich während unserer ersten Sitzung zu dir gesagt habe?“

„Du hast ziemlich viel gesagt.“

„Ich spreche von der ärztlichen Schweigepflicht.“ Er beugte sich ein wenig vor, um mir in die Augen schauen zu können. „Das hier ist zwar nicht meine Praxis, aber ich denke es ist das Beste, wenn wir dieses Abkommen auf all unsere Gespräche ausdehnen.“

Naja, Abkommen konnte man das nun wirklich nicht nennen.

„Ich werde nichts von dem sagen, was du mir erzählst. Niemals.“

Wenn ich das doch nur glauben könnte. Wenn ich doch nur sicher wäre, dass ich mich auf sein Wort verlassen konnte. Oder wenn ich diesem Ort nur endlich entfliehen könnte.

„Verstehst du? Deine Geheimnisse sind bei mir sicher.“

Himmel, was war nur mit mir los? Warum ließ ich ihn nicht einfach stehen und suchte das Weite?

Als er eine Hand nach mir ausstreckte, wich ich vor ihm zurück und stieß gegen unseren Tisch.

Killian wollte etwas sagen, doch dann schloss er den Mund wieder und fixierte einen Punkt hinter mir.

Ich drehte mich herum und schaute direkt in das grinsende Gesicht von Nikita.

„Na, hast du mich vermisst?“

Mit einem Schlag vergaß ich was um mich herum los war, warf einfach nur die Arme um meine kleine Schwester und drückte sie so fest an mich, dass ihre Knochen knirschten.

„Keine … Luft“, beschwerte sie sich und versuchte sich von mir zu befreien.

Meine Augen begannen zu brennen, als ich ihren vertrauten Duft einatmete. „Du bist hier“, murmelte ich ihn ihr Haar und konnte es gar nicht fassen. „Du bist wirklich hier.“

„Ja.“

„Was machst du denn hier? Woher wusstest du dass ich hier bin?“

„Wegen Carrie. Sie schickt schon seit Tagen Anfragen, ob ich dich besuchen dürfte, doch erst heute habe ich die Erlaubnis bekommen. Sie hat mir auch gesagt wo ich dich finden kann.“

Ich schaute zu der Frau in der Ecke, die uns beide sehr zufrieden musterte und drückte meine kleine Schwester noch ein wenig fester an mich.

„Du ruinierst meine Frisur“, schimpfte sie und machte sich nun nachdrücklicher von mir los, aber auch in ihren Augen konnte ich Tränen glänzen sehen.

Erst dann nahm ich sie wirklich wahr und das war ein Schock. Ihre Haare hatte sie ja schon vor einer ganzen Weile zu vielen anliegenden Zöpfen flechten lassen, aber nun … sie waren nicht mehr schwarz, sie waren rot. Zumindest am Ansatz. Zu den Spitzen hin wurden sie immer heller, bis sie sich in einem Violett verloren, das bei jeder Bewegung auffällig schillerte. Und erst ihre Kleidung. Sie trug eine gestreifte Hose, die sogar noch enger war als die von Killian. Und das weiße Oberteil war nichts mehr als ein Fetzen Stoff, der ihre Brust bedeckte. Da war sogar ihr Gürtel breiter – und nein, ich übertrieb nicht.

Sie sah aus wie … wie ein Städter. „Was ist mit dir passiert?“

„Toll, oder?“ Lächelnd drehte sie sich einmal im Kreis, damit ich sie auch von jeder Seite bewundern konnte. Dabei fiel mir erst der Schmuck auf, der ihre Ohren zierte, genau wie die beiden großen Pflaster an ihren Schultern.

Bevor sie mit ihrer Drehung fertig war, hielt ich sie fest und berührte vorsichtig das eine Pflaster.

„Nicht anfassen“, sagte sie sofort. „Das muss erst noch verheilen.“

„Verheilen?“ Meine Stimme wurde gefährlich leise. Was hatten diese Tyrannen von Eden ihr angetan?

„Ja.“ Sie befreite sich aus meinem Griff. „Ich habe mir gestern zwei Sternenimplantate einsetzen lassen. Hier siehst du?“ Vorsichtig pflückte sie die Ecke des Pflasters ab. Darunter kam eine Erhebung in der Form eines Sterns zutage.

Bei allen Abgründen, sie hatte ich etwas unter die Haut schieben lassen. Freiwillig!

„Das ist momentan der letzte Renner.“

Ich wusste nicht genau warum, aber ich schaute zu Killian, als könnte er mir diesen Anblick erklären.

Dadurch wurde nun auch Nikita auf ihn aufmerksam. „Hallo Kaleb.“

„Ich glaube ich muss dich enttäuschen, aber ich bin nicht Kaleb, ich bin Killian.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, die sie sofort ergriff.

„Der Klon.“

Er verzog das Gesicht, als würde ihm diese Bezeichnung Schmerzen bereiten. „Belassen wir es doch lieber bei der Zwilling.“

„Okay.“ Sie ließ ihre Hand wieder sinken und schaute mich an als wolle sie fragen, was seine Anwesenheit zu bedeuten hatte, doch ich ignorierte sie so gut es ging, weil ich sonst … keine Ahnung, wahrscheinlich würde ich einfach ausrasten. Was hatte Eden nur aus meiner kleinen Schwester gemacht?

„Ich glaube es ist dann jetzt auch an der Zeit für mich zu gehen.“ Killian nickte Nikita zu und wandte sich dann an mich. „Danke für den schönen Nachmittag, es hat mir wirklich viel Spaß gemacht.“ Und dann tat er etwas, auf das ich nie im Leben vorbereitet gewesen wäre und das ich wohl auch nur zuließ, weil Nikita mich so sehr geschockt hatte. Er beugte sich vor und gab mir einen federleichten Kuss auf die Wange. Die Berührung war kaum mehr als ein warmer Hauch und doch begann meine Haut an dieser Stelle zu kribbeln. „Bis bald Kismet.“

Ich stand stocksteif da und konnte nichts anderes tun als zuzusehen, wie er den Laden verließ.

„Was war das denn gerade?“, fragte Nikita mit einem äußerst dreckigen Lächeln im Gesicht.

Ja, das wüsste ich auch gerne.

 

oOo

Kapitel 41

 

„… und dann hat Herr Ritter Trockeneis in das Wasser getan und es hat zu brodeln und zu nebeln angefangen. Das war wie Rauch.“

Ich versuchte Begeisterung für ihre Erzählung aufzubringen – wirklich – doch mit jedem weiteren Wort das ihren Mund verließ, merkte ich nur umso mehr, wie sehr sie sich von mir entfernt hatte. Nikita liebte Eden und seine Annehmlichkeiten. Alles was ihr geboten wurde, empfing sie mir offenen Armen und merkte dabei gar nicht, wie sehr sie sich veränderte. Das war doch nicht meine kleine Schwester. Nikita entwickelte sich zu … etwas Fremden und das machte mir eine scheußliche Angst.

„Und dann haben wir … Kiss? Hörst du mir überhaupt zu?“ Nikita beugte sich vor und geriet so in mein Gesichtsfeld. Sie schnipste vor meiner Nase herum, bis ich den Kopf hob. „Hallo-ho, jemand zuhause?“

„Ja, alles okay. Ich war nur in Gedanken.“

Wir schlenderten durch das Herz von Eden, weit weg von den Geschäften und den ganzen Menschen. Außer uns war hier nur mein permanenter Schatten Carrie, die uns in respektvollem Abstand folgte.

„Vielleicht kannst du deine Depression auf später verschieben, ich darf schließlich nicht ewig bleiben.“

Nein, das durfte sie nicht. Aber viel schlimmer als diesen Gedanken fand ich einen ganz anderen. Was wäre aus ihr geworden, wenn ich sie das nächste Mal sah? Konnte sie sich noch mehr verändern? Seit meiner Flucht waren gerade mal zehn Tage vergangen – waren das wirklich nur zehn Tage gewesen? – aber schon allein diese kurze Zeit hatte ausgereicht, um aus ihr einen ganz anderen Menschen zu machen, einen den ich nicht mehr erkannte.

Als ich immer noch nichts sagte, musterte sie mich. „Scheint dich nicht wirklich zu interessieren.“

„Natürlich interessiert es mich“, widersprach ich sofort und lenkte unsere Schritte weg von den hinteren Terrassen. Auf Schaulustige hatte ich im Moment keine Lust.

„Was ist dann los?“

Abgesehen von ihrem Aussehen und den Sorgen, die mir das bereitete? „Nichts weiter, nur -“ Einen Moment war ich versucht, ihr von Sawyers Plan zu erzählen, doch etwas in mir sträubte sich plötzlich dagegen. Ich hatte noch nie etwas wichtiges vor meiner kleinen Schwester verborgen gehalten, aber auf einmal hatte ich Angst davor sie einzuweihen. Nicht weil ich glaubte sie würde mich verraten. Ich fürchtete eher, ihr würde ausversehen etwas herausrutschen und damit selbst diese geringe Chance ruinieren. „Ach nicht so wichtig“, wiegelte ich eilig ab. Nikita würde noch früh genug von dem Plan erfahren.

Allerdings wollte meine kleine Schwester sich mit so belanglosen Plattitüden nicht abwimmeln lassen. „Warum sagst du es mir nicht?“

Weil ich nicht darauf vertraute, dass sie es für sich behalten würde. Diese Erkenntnis schmerzte.

„Ist es wegen der Schwangerschaft und dem Baby?“

Ich wandte ihr das Gesicht zu.

„Das ist es, oder?“, fragte sie vorsichtig. „Phil hat mir erzählt, dass du bei einem der Adams warst.“ Sie zögerte kurz. „Weißt du, ich glaube, dass Marshall es verstehen würde, du musst dir deswegen also kleine Vorwürfe machen.“

Dieser Gedankengang überraschte mich so sehr, dass ich einen Moment aus dem Tritt geriet. Wenn ich ehrlich war, hatte ich in den letzten Tagen viel und oft an Marshall gedacht, aber mir nie überlegt, was er von dieser ganzen Situation halten würde.

Doch was Nikita gemeint hatte, war etwas ganz anderes. Sie wusste schließlich nicht, dass der Besuch bei Sawyer nur Fassade gewesen war. Sie glaubte ich hätte das getan, wozu man mich zu ihm geschickt hatte. Und sie schien sich kein bisschen daran zu stören. Das fand ich entsetzlich. „Ich mache mir keine Vorwürfe“, sagte ich leise. Es gab schließlich nichts, dass ich mir vorzuwerfen hatte.

„Das ist nur richtig so.“ Sie hakte sich bei mir unter und legte ihren Kopf an meiner Schulter. „Es ist nichts schlimmes dabei. Ganz im Gegenteil, es ist ein Geschenk, ein Geschenk an die Menschheit.“

Bei allen Abgründen … das hatte sie jetzt nicht gesagt. Eden konnte noch nicht so tief in sie eingedrungen sein. Sie klang ja schon wie … wie ein Städter.

Ich presste die Lippen fest aufeinander. „Ein Geschenk, so sagt man.“

Von meinem seltsamen Ton aufgescheucht, schaute sie zu mir hoch und musterte mein Gesicht. „Freust du dich denn nicht?“, fragte sie vorsichtig.

War das ihr ernst? Langsam erkannte ich sie wirklich nicht wieder.

„Kiss?“

„Was glaubst du?“, stellte ich die Gegenfrage.

„Ich weiß nicht.“ Sie zuckte unbeholfen mit den Schultern. „Also mir gefällt der Gedanke eigentlich. Du wirst bestimmt eine tolle Mutter sein.“

Meine Schultern spannten sich an. „So, glaubst du?“

„Na klar. Und dann können wir endlich wieder eine richtige Familie sein.“

Das bezweifelte ich doch stark. Davon abgesehen, dass man hier seine Kinder hier im HdK abgab, um die Nächsten in die Welt zu setzen, bekamen manche der Frauen so viele auf einmal, dass sie sich gar nicht alleine um sie kümmern konnten. Ich musste nur daran denken, wie Killian mir von den Achtlingen erzählt hatte und schon schauderte es mich. Acht Kinder auf einmal! Ich wusste nicht mal ob ich mit einem einzigen klar kommen würde.

Allein der Gedanke daran lehrte mich das Fürchten.

Moment, was dachte ich da eigentlich? Ich würde überhaupt kein Kind bekommen! Darauf zielte diese ganze Aktion mit Sawyer doch ab. Ich wollte mein Leben wieder, meine Freiheit und keine Ketten in Form einer Zuchtstute.

„Das wird sicher Großartig.“ Nikita grinste mich an. „Dann werde ich eine Tante sein und deinen Kleinen so viel Mist beibringen, dass dir graue Haare wachsen.“

Meine Begeisterung über ihre Zukunftspläne hielten sich in Grenzen. „Ich kann es kaum erwarten“, murmelte ich.

„Wann erfährst du denn, ob du nun schwanger bist?“ Sie zog mich nach rechts zu einer grünen Parkbank, die einsam und verlassen unter ein paar Eichen stand. „Kann man das jetzt schon sehen?“

„Ich weiß nicht.“ Das war nicht direkt eine Lüge, schließlich wusste ich nicht, ab wann die Städter eine Schwangerschaft feststellen konnte. Das ich gar nicht schwanger war, war eine ganz andere Angelegenheit. „Egal, lass uns von etwas anderem Sprechen.“ Das war kein Thema, dass ich näher erörtern wollte. Besonders nicht mit ihr. „Erzähl mir vom Haus der Kinder. Geht es dir dort gut?“

„Aber so was von.“ Schwungvoll wirbelte sie herum und hüpfte dann praktisch auf die Parkbank. „Vormittags ist es manchmal ein wenig anstrengend, aber später, wenn wir Freizeit haben, können wir machen was wir wollen. Caspar hat mir schon so viel gezeigt.“

„Caspar? Der rothaarige Troll mit den vielen Sommersprossen?“

Oh je, dafür bekam ich einen wirklich bösen Blick. „Er ist kein Troll, er ist ein netter Junge und ich mag ihn.“ Der Ausdruck in ihrem Gesicht war herausfordernd. Aber ich weigerte mich etwas dazu zu sagen, denn wenn ich erstmal anfing, würde ich nicht mehr aufhören können. „Und ich glaub er mag mich auch.“

Meine Hand ballte sich zu einer Faust, doch erst als ich den Schmerz spürte, würde mir klar, das es die verletzte Hand war. Wenn ich so weitermachte, würde die Schnittwunde wohl nie richtig verheilen. „Das ist … toll.“

„Finde ich auch.“ Nikita lehnte sich auf der Band zurück und beobachtete Carrie, die unweit von uns stehen geblieben war und sich nach einem Sitzplatz umsah. Da hier aber nur die Band war, seufzte sie nur und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen einen Baum. „Freunde sind wichtig“, erklärte sie. „Das sagen sowohl die Betreuer, als auch die Lehrer.“

„Aha.“

„Hast du denn schon jemand gefunden, den du magst?“

„Ich hab eine Spinne in meinem Zimmer. Die ist ganz nett.“ Die belästigte mich nicht und fing auch noch lästige Fliegen ein.

Nikita schaute mich an, als versuchte sie herauszufinden, ob das mein ernst war. „Sonst niemanden? Was ist mit dem Klon? Er scheint dich zu mögen, oder?“ Sie hielt die Hand mit dem Keychip hoch. „Er war auf jeden Fall ganz vorsichtig, als er mir den neuen Chip eingesetzt hat.“

„Er ist mein Arzt.“ Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

„Und der Adam bei dem du warst? Wenigstens den musst du doch mögen. Ich meine … du weißt schon.“ Sie wedelte mit der Hand herum, als würde das alles erklären. „Sowas macht man doch nur mit jemanden, den man mag, oder?“

Nicht hier in Eden, den hier zählte nur das Ergebnis. „Es gibt niemanden, Nikita. Die Menschen hier … sie sind so anders.“ Den letzten Teil fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen. Nicht nur weil Carrie in der Nähe war, auch der Blick meiner Schwester trieb mich dazu.

„Aber das ist nichts Schlechtes“, erklärte Nikita. „Man muss offen für neue Dinge sein, dann klappt das auch. Du wirst schon sehen, Freunde finden ist gar nicht so schwer.“

Oh Himmel, was sollte ich denn mit Freunden? Ich hatte Marshall und Roza und Leroy. Und sobald ich hier raus war, würde ich auch niemand anderen brauchen. Aber sie schien überhaupt keinen Gedanken mehr an Flucht zu verlieren. Das war nicht gut.

„Caspar sagt, man muss nur offen sein, verstehst du?“

„Hmh“, machte ich. „Caspar ist ein ganz Schlauer.“

Also entweder fiel ihr der Sarkasmus in meine Stimme nicht auf, oder sie ignorierte ihn mit voller Absicht. „Er ist sogar Klassenbester. Sein Bruder … naja, der ist auch ganz nett. Nur seine kleine Schwester, die kann ich nicht leiden, die ist so ein richtiges Biest.“

Also doch nicht alles so rosig im Paradies Eden. „Macht sie dir Probleme?“

„Ach Quatsch.“ Sie winkte ab, als wäre die kleine Miss völlig belanglos. „Sie versucht halt immer zu stänkern, weil ich aus der Altern Welt komme, aber das hab ich im Griff. Und wenn sie nicht aufhört, dann schubse ich sie in einen Kuhfladen.“

Hä? „Kuhfladen?“ War das eine Anspielung auf etwas, das ich nicht verstand, oder meinte sie das wörtlich?

„Na bei dem Ausflug in einer knappen Woche.“ Als ich sie nur verständnislos anschaute, richtete sie sich ein wenig gerader auf. „Ach das hab ich dir ja noch gar nicht erzählt. Wir nehmen im Moment doch Landwirtschaft durch. Agrar und Ernährung. Und im Rahmen dieses Themas, machen wir ende nächster Woche einen Ausflug auf Ebene vier. Du weißt schon, um das alles live und in Farbe zu lernen und zu erleben.“

„Live?“

„Das sagt man hier so. Wir schauen uns die Felder und Viehweiden an und reden mit den Bauern. Das wird bestimmt toll.“

Moment, konnte es sein … war das der Ausflug, den Sawyer hatte in die Wege leiten wollen? Sie hatte nichts von dem Geburtstag einer Siebenjährigen gesagt, aber so wie der Blödmann es ausgedrückt hatte, würde man Willow eher im Geheimen dort hinlassen, schließlich würde sie mal eine Eva sein.

Bei allen Abgründen und dem Himmel, bedeutete das, dass Sawyer die alte Hexe wirklich dazu bekommen hatte, der Kleinen ihren Geburtstagswunsch zu erfüllen?

Erst jetzt bemerkte ich, wie groß meine Zweifel die ganze Zeit doch gewesen waren. Aber wenn dieser Ausflug wirklich das bedeutete, was ich glaubte, dann war es jetzt sicher, dass Nikita, Sawyer und seine Tochter ende nächster Woche auf der vierten Ebene sein würden. Das bedeutete, ich würde wirklich zu Agnes müssen. Allerdings muss ich noch immer einen Weg finden, selber dorthin zu gelangen. Zwar schien die Despotin in den letzten Tagen einigermaßen friedlich gestimmt, aber ich bezweifelte, dass sie mich ohne einleuchtenden Grund auf die vierte Ebene lassen würde.

Ich musste schleunigst eine Lösung finden. Und das nicht nur, weil ich den Schlüssel haben würde. Eine so gute Chance würde ich vermutlich nie wieder bekommen. Aber wie verdammt noch mal sollte ich das machen?

„- überhaupt zu?“

Ich könnte laufen. Mit dem Keychip der Despotin kam ich doch schließlich durch jede Tür. Allerdings waren das einige Kilometer, die ich würde zurücklegen müssen. Dabei war die Strecke nicht das Problem, sondern die Zeit, die ich dafür aufbringen müsste. Einmal durch die komplette Stadt laufen zu müssen bedeutet jede Menge Zeit für die Stadthüter nach mir zu suchen.

Das wäre nicht so gut. Es wäre besser zu verschwinden, bevor sie überhaupt bemerkten, dass ich nicht mehr da war, wo ich sein sollte.

„Hallo-ho.“ Nikita winkte mit der Hand vor meiner Nase herum.

„Hm?“

„Alles okay?“, fragte sie. „Du warst gerade irgendwie weggetreten.“

„Nicht weggetreten, ich habe nur über etwas nachgedacht.“ Allerdings würde ich ihr nicht erläutern, über was genau. Das blieb vorerst mein Geheimnis.

„Kannst du das nicht machen, wenn ich wieder weg bin?“, fragte sie ein wenig missmutig. „Ist ja nicht so, als hätten wir alle Zeit der Welt.“

Das entsprach leider der Wahrheit. „Ich arbeite daran, dass es besser wird.“

„Ja, ich hab schon gehört, dass du mittlerweile versuchst dich einzugliedern.“

Wo bitte hatte sie das gehört?

„Und ich finde das gut. Wirklich.“ Sie beugte sich nach vorne und stützte ihre Ellenbogen auf die Knie. „Weißt du Kiss, vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn wir einfach hier bleiben. In der Alten Welt hatten wir es nie so gut.“

Oh nein, nicht schon wieder. „In der Alten Welt hatten wir unsere Freiheit.“

„Aber was ist unsere Freiheit bei einem solchen Leben schon wert?“ Sie warf mir einen kurten Seitenblick zu, bevor sie sich auf ihre Stiefelspitzen konzentrierte. „Ich weiß du möchtest das nicht hören, aber … Kiss, ich möchte gerne hier bleiben.“

Meine Augen weiteten sich kaum merklich. Genau das waren die Worte, vor denen ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte.

Ich wollte ihr sofort ins Gewissen reden und ihr notfalls auch diese Wahnvorstellung vom gesegneten Eden aus dem Kopf prügeln, aber Carrie war so nahe, dass sie jedes Wort verstehen konnte. Wahrscheinlich wollte man es nicht riskieren, dass ich meiner kleinen Schwester weitere Flausen in den Kopf setzte.

„Du scheinst von der Vorstellung noch immer nicht sehr begeistert zu sein.“

Welch weise Erkenntnis. „Ich brauche halt ein wenig länger“, sagte ich leise und war plötzlich heilfroh, dass ich bisher nichts von meinen Plänen erzählt hatte.

Dieser Gedanke war wie ein Schlag ins Gesicht. Jetzt hatte Eden mich so weit gebracht, dass ich Geheimnisse vor meiner kleinen Schwester haben musste.

„Das wird schon.“ Sie tätschelte mir das Knie. „Du musst dich nur ein wenig öffnen.“

Wie sie das sagte … es klang, als hätte ihr ein Fremder die Worte in den Mund gelegt. Eden steckte bereits in ihr drin und bis zu Willows Geburtstag waren es noch neun Tage. Mir graute es davor zu erfahren, was diese Stadt meiner kleinen Schwester in einer weiteren Woche antun konnte.

 

oOo

Kapitel 42

 

„Es ist an den Schultern zu eng.“

Carrie zupfte an meinem Rocksaum. „Es ist nicht eng, es ist anliegend.“

„Nenn es wie du willst, aber wenn ich die Arme kaum anheben kann, ist es eindeutig zu eng.“

Für diese Wiederworte, bekam ich einen tadelnden Blick. „Du wirst auf einer Parade laufen. Dort gibt es für dich keinen Grund deine Arme hochzuheben.“

„Und atmen muss ich wohl auch nicht.“ Ich zupfte an dem hohen Kragen, der meinen kompletten Hals einschloss. Das war ein komisches Gefühl.

„Nun übertreibst du aber. Und jetzt setz dich endlich auf den Stuhl, damit Sue dir die Haare und das Gesicht machen kann.“ Ihr Finger zeigte sehr nachdrücklich auf den Frisiertisch in meinem Badezimmer, an dem eine Brünette so viele Pflegeprodukte aufgebaut hatte, dass man den Tisch darunter gar nicht mehr sah. Und das wollte die mir alles ins Gesicht schmieren? Da könnte ich mir auch gleich einen Kissenbezug über den Kopf ziehen, das hätte wohl den selben Effekt.

„Heute noch, Kismet Wir haben einen strengen Zeitplan.“

„Ja, wäre auch ein Verbrechen, die Kuriositätenshow warten zu lassen.“ Missmutig setzte ich mich auf den Stuhl und stellte dabei ein weiteres Mal fest, wie eng dieses verflixte Kleid war. Wozu hatte ich den stundenlang auf dem kleinen Podest gestanden, wenn sie dann doch etwas schneiderten, was mir nicht passte?

„Das ist keine Kuriositätenshow, das ist das Elysiumfest, mit dem wir die Taten der Evas und Adams ehren. Und da du eine Eva bist -“

„Ja ja, ich muss da hin, um mich wie eine Kuriosität anstarren zu lassen.“

Carrie schnalzte mit der Zunge. „Ich seid keine Kuriosität, ihr seid Wunder, für die wir dankbar sind. Und darum wollen wir euch feiern. Das ist hier eine jährliche Tradition.“

„Wunder ist einfach nur ein anderes Wort dafür“, grummelte ich. Ich würde auf der Parade mitlaufen müssen und mich von allen anstarren lassen. Es würde sein wie damals, als Marshall mit mir zu seiner alten Gruppe gefahren war. Ich wusste gar nicht mehr, warum wie diese lange Reise auf uns genommen hatten, nur dass die beiden Frauen, bei denen wir am Ende gelandet waren einen Raum voller Merkwürdigkeiten besessen hatten. Dinge aus der Zeit vor der Wende, die zwar faszinierend aussahen, deren Sinn sich uns aber entzogen hatte. Sie waren auch nur noch dazu gedacht, angestarrt zu werden.

Bereits den ganzen Vormittag hatte Carrie ein Tänzchen um mich herum veranstaltet. Erst war da eine Frau gewesen, die sich mit meiner Haut beschäftigte, während eine andere sich meinen Fingernägeln widmete. Gesicht, Augenbrauen, ja selbst mein Dekolletee war gepudert worden und ich wusste nicht einmal warum. Von der verdammten Enthaarung wollte ich gar nicht erst anfangen.

Dann war ein Bote mit meinem grünen Kleid gekommen und ich wurde auch direkt hineingestopft. Der Stoff fühlte sich wie Wasser auf meiner Haut an, aber leider war es so verdammt eng. Nicht mal der Schlitz an der Seite konnte daran etwas ändern.

Als diese Sue sich jetzt auch noch über mein Gesicht hermachte, konnte ich mich nicht mal richtig gegen sie wehren. Nicht das ich es versuchte. Zwar hatte ich kein Interesse daran auf diese Parade zu gehen und mich von den Städtern wie eine Skurrilität für etwas feiern zu lassen, dass ich nicht mal wollte, aber um unseren Plan nicht zu gefährden, musste ich im Moment alles anstandslos über mich ergehen lassen.

Darum hob ich auf Befehl den Kopf und schloss die Augen. Und dann musste ich auch noch die Lippen spitzen, bevor Sue begann, mit einem Stift an meinen Augen rumzumalen – nicht sehr angenehm.

Als sie dann jedoch eine Sprühflasche in die Hand nahm und damit auf meinem Kopf zielte, wich ich ein wenig zurück. „Nein.“

Die kleine Brünette mit dem Überbiss, zögerte einen Moment. „Das ist nur für die Haare.“

„Ich weiß.“ Und ich wusste auch, dass in diesen komischen Flaschen Farbe drinnen war und ich würde mich auf keinen Fall so kunterbunt einfärben lassen, wie es unter den Städtern Mode war.

Carrie nahm das natürlich wieder zum Anlass zu schnalzen. „Jetzt stell dich nicht so an, dass ist doch nur ein wenig Glitter.“

„Ist mir egal, wie ihr diese Farbe nennt, ich will das nicht in meinen Haaren.“

„Das ist keine Farbe und du kannst es dir Problemlos wieder rauswaschen.“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen, doch in dem Moment klopfte es an meiner Zimmertür. „Also benimm dich jetzt“, fügte sie noch hinzu, bevor sie aus dem Badezimmer eilte.

Da sie nun nicht mehr da war, funkelte ich diese Sue an, hielt aber ansonsten still, als sie sich zögernd über meine raspelkurzen Haare her machte.

Glitter. Wozu bei allen Abgründen brauchte ich Glitter? Reichte es denn nicht schon, dass ich in diesem Kleid steckte?

Als Sue dann auch noch den Sprühknopf drückte, wäre ich am liebsten aufgesprungen und weggerannt. Nicht wegen dem Glitter, sondern wegen dem Geruch. Das stank ja bestialisch. Ich hatte das Gefühl, sie würde mir die Nasenschleimhäute wegätzen.

„Oh Himmel“, fluchte ich und begann mit der Hand vor meiner Nase herumzuwedeln.

Aus dem Nebenraum hörte ich Stimmen von mehreren Personen. Es war nur ein gemurmeltes Gespräch, sodass ich kein Wort verstehen konnte und als die Badezimmertür dann aufging, kam Carrie allein herein. Sie hatte sogar super Neuigkeiten für mich – zumindest aus ihrer Perspektive.

„Deine Begleitung ist gerade eingetroffen“, erklärte sie und stellte sich neben Sue, um ihre Arbeit an meinem Gesicht zu mustern. „Das sieht ziemlich gut aus.“

Sue warf ihr einen beinahe pikierten Blick zu. „Danke“, kam es sehr beißend von ihr.

Natürlich ließ Carrie das wieder mal schnalzen. „Nun fühl dich doch nicht gleich angegriffen, nur weil mir gefällt, was du machst.“

„Dann lass es nicht so klingen, als sei ich eine Anfängerin, die sonst nichts auf die Reihe bekommt.“ Sie drückte mein Kinn ein wenig hoch und begann dann damit mir mit dünnen Pinseln auf den Lippen herumzumalen.

Würden diese Qualen jemals enden?

„Wir sind heute aber mal wieder eine kleine Diva“, murmelte sie und trat dann wieder zur Tür. „Wenn ihr fertig seid, schick Kismet heraus. Wir müssen bald los.“

„Auch das ist mir bewusst.“

Oh je, da war wohl jemand ziemlich gereizt.

Es dauerte noch fast zehn Minuten, bis ich endlich aufstehen durfte und von Sue vor einen Spiegel gestellt wurde. Und dann konnte ich nur noch staunen. Die Frau die mir entgegenblickte, war wunderschön. Das lange Kleid mit dem Ovalen Ausschnitt über dem Dekolletee, lag wie eine zweite Haut an ihrem Körper und ließ ihre Haut nicht nur dunkler erscheinen, sondern auch strahlen. Der leichte Glitterfilm auf ihrem Haar wirkte nicht aufdringlich, doch das wirklich faszinierende war ihr Gesicht.

Die Augen waren dunkel umrandet und die Haut schien aus feinstem Samt. Die Frau in dem Spiegel, war trotz ihrer Narben eine exotische Schönheit, doch leider erkannte ich mich in ihr überhaupt nicht wieder. Das war nicht ich, das war eine Städterin.

„Und?“, fragte Sue. „Was sagst du? Gefällt es dir?“

„Nein.“ Es kam gar nicht mal unfreundlich über meine Lippen, es war schlicht eine Antwort. Kismet die Streunerin nicht der strahlendste Stern am Himmel, aber sie wirkte nicht so künstlich.

„Nicht?“ Verwundert begann Sue damit an meinem Kleid zu zupfen. „Warum? Du bist doch eine Augenweide.“

„Aber ich bin nicht mehr ich“, sagte ich leise und wich vor ihren Fummel-Fingern zurück. Sie hatte wirklich lange genug an mir herumgezupft. „Egal, es lässt sich nicht ändern.“

Dass ich wegen meines Aussehens nicht in Begeisterungsstürme ausbrach, schien Sue ein wenig zu verstimmen, aber das war ihr Problem, nicht meines. Wenn sie mit meiner ehrlichen Antwort nicht umgehen konnte, hätte sie nicht fragen dürfen.

Mit einem letzten Blick auf die Fremde im Spiegel, wandte ich mich ab und ging ins Nebenzimmer, wo Carrie es sich mit zwei Yards in der kleinen Sitzecke bequem gemacht hatte. Den einen kannte ich nicht. Der andere war Kaleb – Kaleb in einem grünen, maßgeschneiderten Anzug. Mir schwante böses.

„Na endlich“, schimpfte Carrie. „Was hat denn da so lange gedauert?“

„Oh, ich bin bereits seit einer halben Stunde fertig, ich wollte dich nur ärgern.“

Das ich daraufhin kein Schnalzen von ihr bekam, wunderte mich wirklich. Stattdessen beließ sie es bei einem genervten Blick und deutete dann auf den Sessel. „Setz dich, wir haben nicht viel Zeit.“

Da ich hier sowieso kein Mitspracherecht hatte, tat ich einfach was sie wollte. Dabei entging mir Kalebs intensiver Blick nicht. Er musterte mich so gründlich, als hätte er noch nie im Leben eine Frau gesehen. „Gibst es einen Grund, warum du mich so anglotzt?“, fragte ich ihn ganz direkt und ließ mich in den Sessel fallen. Dabei spannte das Kleid an den Schultern.

Sein Blick schnellte von meinem Beinschlitz zu meinem Gesicht. „Ich bin nur ein wenig erstaunt. Ich hätte nicht gedacht, dass du so … hinreißend sein könntest.“

„Hinreißend? Du meinst wohl unnatürlich.“

Kaleb öffnete den Mund für eine Erwiderung, doch da mischte Carrie sich ein.

„Wenn ihr beide das bitte auf später verschieben könntet, ihr werdet nicht genug Zeit haben, euch zu unterhalten. Jetzt haben wir Wichtigeres zu tun.“

„Genug Zeit?“, fragte ich lauernd und befürchtete, ihre Antwort zu kennen.

„Auf der Parade. Herr Vark ist deine Begleitung.“

Oh, wie ich es doch manchmal hasste recht zu behalten. „Kann ich nicht lieber den anderen haben?“

Der Mann neben Kaleb schaute aufgeschreckt nach allen Seiten, als hoffte er, ich würde jemand anderes meinen, während Kalb nur belustigt schnaubte.

Carrie jedoch ließ mal wieder ihr Schnalzen hören. „Genug jetzt mit deinen Scherzen, wir müssen uns noch um deine EF-Fessel kümmern, damit du für die Parade das Herz verlassen kannst.“

„Ich glückliche“, murmelte ich und lehnte mich in meinem Sitz zurück.

Das überhörte sie einfach und wies den zweiten Yard an, endlich anzufangen. Was genau sie damit meinte, erfuhr ich bereits in der nächsten Minute, als der Mann sich von seinem Platz erhob und dann aus seiner Tasche einen Screen zog, mit dem er sich direkt vor mich Kniete.

„Ich werde die Fessel umstellen“, erklärte er und stellte meinen nackten Fuß auf sein Knie. Aus seiner Jackentasche zog er ein Kabel, durch das er meine Fessel und seinen Screnn miteinander verband. Er zog seinen Keychip erst über die Fessel, dann über einen Sensor an seinem Screnn und dann begann er darauf herumzutippen. „Kaleb trägt einen Empfänger an seinem Handgelenk, der Sie für die nächsten Stunden an ihn binden wird. Sie können sich dann in einem Umkreis von zehn Metern um ihn herum bewegen. Überschreiten Sie diese zehn Meter, wird ein Warnton ausgestoßen. Hören Sie den, sollten Sie sich umgehend wieder in seine Reichweite begeben. Entfernen sich sich noch weiter von ihm -“

„Lassen Sie mich raten. Dann wird ein elektrischer Impuls in mich geleitet, der mich einfach niederstreckt.“

„Das ist korrekt.“ Er sagte das ohne jede Reue. Diese Städter waren doch wirklich das Letzte.

Jetzt wurde mir auch bewusst, warum man Kaleb als meinen Begleiter ausgewählt hatte, anstatt mir einen Adam an die Seite zu stellen, wie es bei den anderen Evas Sitte war. Er war ein Yard, ein Menschenfänger und war damit wahrscheinlich besser qualifiziert auf mich aufzupassen, als all die anderen Bastarde in dieser Stadt.

„Jetzt will ich erst recht einen anderen Begleiter“, murmelte ich missmutig. Mehrere Stunden mit Kaleb an meiner Seite? Da bekam ich doch nur wieder das Bedürfnis ihn zu treten.

 

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Kapitel 43

 

Es war ein heilloses Durcheinander. Stimmen von unzähligen Personen prasselten auf mein Trommelfeld ein und die Leute standen zum Teil so dicht beieinander, dass sie sich praktisch gegenseitig auf die Füße trampelten, wenn sie sich auch nur einen Schritt bewegten.

Wieder einmal konnte ich nur staunen, wie viele Menschen es hier gab. Allerdings waren weder Kinder, noch alte Leute dabei. Wenn ich genau darüber nachdachte, hatte ich hier in Eden bis auf Agnes eigentlich noch nie alte Menschen gesehen – von den Streunern im Quarantänezentrum einmal abgesehen. Das war schon merkwürdig, wenn ich daran dachte, dass es hauptsächlich die Alten waren, denen man in der Alten Welt begegnete.

Und wieder einmal zeigte sich, wie anderes Eden doch war.

Da ich kein Interesse daran hatte mich ins Getümmel zu werfen, stand ich ein wenig Abseits von der Menge im Schatten eine Hauswand und beobachtete das Chaos aus sicherer Entfernung.

Kaleb stand rechts von mir bei einer kleinen Gruppe von Yards und Stadthütter, die ihm Gegensatz zu ihm ihre Uniformen trugen. Aber sie waren hier nicht die einzigen Aufpasser. Da war auch noch eine hohe Anzahl von diesen Leuten, in der schwarzen Camouflagekleidung. Ihre Gesichter hatten sie hinter Sturmmasken verborgen.

Ich hatte sie bereits ein paar Mal gesehen, aber noch nie in einer so großen Anzahl. Und noch immer war mir nicht ganz klar, welchen Zweck sie erfüllten. Eden besaß schließlich schon die Yards und die Stadthüter, doch auch diese Leute schienen eine Art Ordner zu sein.

Ein lautes Lachen lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine andere Gruppe von Leuten. Ein Stück entfernt, bei einer Gruppe von nichtssagenden Gebäuden, standen mehrere Evas mit ihren Begleitungen. Sie alle trugen grüne Kleider und Anzüge. Eine von ihnen war Celeste. Sie hatte sich bei Sawyer untergehakt. Er schien das einfach nur mit einer genervten Resignation über sich ergehen zu lassen, während sie mit ein paar der anderen Evas schwatzte.

Aber das war nicht die einzige Gruppe von Evas und Adams. Überall auf dem Sammelplatz der ersten Ebene standen sie verteilt zusammen. Bisher hatte ich gar nicht bemerkt, wie viele es von ihnen eigentlich gab. Wozu brauchten sie mich da überhaupt?

Auch Olive sah ich. Sie saß in einem offenen Wagen, schaute gedankenverloren in den Himmel und summte eine leise Melodie vor sich hin. Ihre beiden Pfleger waren ganz in ihrer Nähe, aber eine Begleitung sah ich nicht bei ihr. Das musste aber nichts bedeuteten, denn hier war so viel los, das er im Moment auch gut irgendwo anders sein konnte.

Es gab noch ein paar bunt dekorierte Festwagen und eine Gruppe von jungen Frauen in seltsamen Kostümen, die immer wieder von links nach rechts hüpften und die Beine hochrissen. Es wirkte fast wie ein Tanz.

In einer anderen Ecke standen ein paar Leute mit großen … hm, ich war mir nicht ganz sicher, was das für Geräte waren, die sie bei sich trugen. Die großen Teile erinnerten mich an Trollen und diese verknoteten Metalldinger mit den trichterförmigen Öffnungen … naja, keine Ahnung, was das sein sollte.

Zwischen dem Gedränge liefen die ganze Zeit die Organisatoren herum, machten sich Notizen, riefen Anweisungen und -

„Hallo Kismet.“

Oh nein. Diese raue Stimme kannte ich und sie rief nicht gerade Euphorie in mir wach. Jósa. Na der hatte mir gerade noch gefehlt. „Lass mich in Ruhe.“

„Aber ich würde mich gerne mit dir unterhalten.“ Ein Mann mit einem blinden Auge und einer langen Narbe über dem Hals trat in mein Sichtfeld. Er trug einen Anzug, in einem dunkel Olivgrün. Am Kragen waren ein paar Knöpfe offen, wodurch ich sehen konnte, dass er unter dem Hemd irgendeine Körperbemalung verbarg.

Seine Augen glitten mit großen Interesse über mein Kleid und blieben für meinen Geschmack einen Moment zu lange an meinem Dekolletee hängen. „Mein Kompliment, du siehst heute spektakulär aus.“

„Ich hoffe du erwartest jetzt nicht, dass ich mich dafür bei dir bedanke.“ Besonders wo ich nichts lieber täte, als mir diesen Fetzen vom Leib zu reißen.

„Nein, aber du könntest wenigstens so viel Anstand besitzen, mich anzuschauen.“

Ich schaffte es nicht mein genervtes Schnauben zu unterdrücken, als ich mich zu ihm herum drehte. „Was willst du Jósa? Ich brauche keinen Adam.“ Genaugenommen würde ich niemals einen brauchen.

„Nur wenn deine Fekundation erfolgreich war. Falls nicht, werden wir in ungefähr drei Wochen ein paar Tage miteinander verbringen.“

Wie bitte? „Was meinst du damit?“ Nicht dass ich in drei Wochen noch hier sein würde. Zumindest nicht, wenn alles nach Plan verlief. Leider fehlte mir noch immer die zündende Idee, die mich auf die vierte Ebene brachte.

„Despotin Nazarova hat meinem Gesuch stattgegeben.“

Ich brauchte ein paar Sekunden, um meine Lippen auseinander zu bekommen. „Was soll das heißen?“ Meine Stimme war ein halbes Knurren.

„Es heißt, solltest du nicht schwanger sein, werden wir deine nächste fruchtbare Phase zusammen verbringen.“ Er sagte das, als wäre das völlig unbedeutend, doch in seinem Auge war ein Funkeln, das mich nicht gefiel.

Bevor ich reagieren konnte, erklang hinter mir eine weitere vertraute Stimme.

„Fahr dein Pheromonspiegel runter, Jósa. Deine Dienste werden vorläufig nicht gebraucht, schließlich war sie bei mir gewesen.“ Mit einem überaus selbstgefälligem Lächeln, baute Sawyer sich neben mir auf. Der grüne Anzug den er trug war so dunkel, dass er fast schwarz wirkte. „Darum wirst du dem Genuss dieser Eva wohl niemals näher kommen, als bis hier her.“

Ähm … ja. Ich machte einen großen Schritt zur Seite. Nur weg von den beiden.

Jósa musterte ihn mit einem milden Lächeln. „Wie kommt es, dass du an deiner Arroganz bis heute noch nicht erstickt bist?“

„Gutes Verdauungssystem.“

„Wenn du nur halb so viel Energie in andere Dinge investieren würdest, als in deine dummen Sprüche, könntest du sogar ein angenehmer Mensch sein.“

„Oh, ich investiere viel Energie in andere Dinge. Frag Kismet.“ Er setzte sich langsam in Bewegung und begann damit Jósa zu umrunden. „Und glaub mir mein Freund, sie hat es als überaus angenehm empfunden.“ Seine Augen lachten mich an, aber ich war mir nicht ganz sicher, wo der Witz in dieser Situation lag.

Jósa schnaubte. „So wie sie eben vor dir zurückgewichen ist, kann ich mir das nur sehr schwer vorstellen.“

„Sie ist nur etwas schüchtern.“ Sawyer blieb rechts von ihm stehen und stand damit direkt zwischen mit und Jósa. „Aber das ändert sich, sobald die Hüllen fallen.“ Er beugte sich zu Jósas Ohr, als wollte er ihm ein Geheimnis anvertrauen. „Dann ist sie eine richtige, kleine Wildkatze.“

Jósas Mund drückte sich kaum merklich zusammen.

„Miau.“ Sawyer lachte.

Ähm … hallo? War ich plötzlich unsichtbar? Vielleicht sollte ich einfach gehen und die beiden allein lassen. Leider war da immer noch diese verdammte Fußfessel, die es mir leider nicht erlaubte, mich allzu weit von hier zu entfernen und ich hatte noch weniger Lust mich zu den Yards zu stellen, als mich hier mit diesen beiden abzugeben.

„Ein Glück für dich, dass schlechte Charakterzüge nicht vererbbar sind“, kam es leise von Jósa.

„Ich finde nicht, dass eine ehrliche Meinung ein schlechter Charakterzug ist.“ Sawyer verschränkte die Arme vor der Brust. „Jedoch eine Frau dazu zwingen zu wollen mit einem ins Bett zu steigen, egal ob mit oder ohne Zustimmung der Despotin, ist nicht nur eine schlechte Charaktereigenschaft, es ist auch äußerst armselig. Befürchtest du ohne Zwang keine Abzubekommen?“

Sawyer schien dieses Gespräch einen Heidenspaß zu machen. Jósas Lippen dagegen waren mittlerweile zu einem unwilligen Strich geworden.

„Ich habe noch nie eine Frau zu irgendetwas gezwungen und habe nicht vor, daran etwas zu ändern.“

„Und doch versuchst du Kismet in dein Haus zu holen, obwohl sie dir bereits deutlich gemacht hat, dass sie nicht das kleinste bisschen Interesse an dir hat.“

„Kismet hat an keinem Mann Interesse.“ Jósa richtete sein Aufmerksamkeit auf mich. „Aber mit ein wenig Geduld, lässt sich das ändern.“

Meine Augenbraue wanderte ein Stück nach oben. „Ich denke da täuschst du dich.“

„Und ich denke, du unterschätzt mich.“ Seine Stimme hatten einen Unterton, der mich nicht recht gefallen wollte. Es war nicht nur das was er sagte, sondern, wie er es sagte. Keine Ahnung was genau es war, aber auf einmal wollte ich die Stadt noch dringender hinter mir lassen, als es sowieso schon mein Wunsch war.

Leider war das im Moment nicht möglich, also tat ich das einzige, was ich tun konnte. Ich wich demonstrativ vor ihm zurück.

„Das war deutlich.“ Sawyer lachte leise. „Vielleicht solltest du dich doch besser an Frauen halten, die sich an deiner Gegenwart erfreuen, ohne dass eine alte Schabracke sie dafür unter Druck setzten muss.“

Jósas Augen verengten sich ein kleinen wenig. „Du meinst, so wie sie es letzte Woche bei dir getan hat?“, fragte er leise. „Ja, es ist kein Geheimnis, warum die Despotin Kismet persönlich bei dir abgegeben hat.“

Falls Jósa glaubte Sawyer damit zu überrunden, hatte er sich getäuscht. „Weißt du mein Lieber, du kannst sagen was du willst, du wirst trotzdem in Nachteil bleiben. Es ist völlig egal was die Nazarova getan oder gesagt hat. Kismet ist freiwillig zu mir gekommen. Sie hat mich ausgesucht und zwar ohne, dass sich ein Außenstehender eingemischt hat. Und sie hat ihre Zeit bei mir genossen.“

Dem konnte ich ganz klar widersprechen. Besonders seine Spielchen hätten mich fast in den Wahnsinn getrieben. Und dann der Kuss … Mist, jetzt musste ich wieder daran denken. Dabei hatte ich ihn die letzten Tage doch so gut verdrängt.

„Das wird sich ändern, sobald sie ihre Alternativen kennenlernt“, erklärte Jósa und wandte sich dann wieder mir zu. „Ich wünsche dir viel Spaß auf der Parade. Wir werden uns sicher bald wiedersehen.“ Damit kehrte er uns den Rücken und bewegte sich auf eine Gruppe von mehreren Adams zu, die sich in der nähe der geparkten Autos versammelt hatten.

Das nannte man dann wohl einen gekonnten Rückzug.

„Wenn man nicht gewinnen kann, sollte man wenigstens ein guter Verlierer sein.“

Ich drehte mich zu zu Sawyer herum und musterte ihn kritisch. „Was treibst du hier schon wieder für ein Spielchen?“

„Kein Spielchen. Ich amüsiere mich nur ein wenig. Irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben.“ Er musterte ich einmal kritisch. „Warum haben sie dir ein Kleid gegeben? So wie du aussiehst, hättest du auch nackt gehen können. Kein Wunder das Jósa gleich die Hose platzt.“

Was bei allen Abgründen solle das nun wieder? „Musst du nicht zu deiner Begleitung zurück?“

„Und mir damit deine charmante Gesellschaft entgehen lassen?“ Mit einem Zahnpastalächeln streckte er die Hand aus und tätschelte meinen Bauch. „Außerdem muss ich doch schauen, wie es dem kleinen Sawyer geht.“

Rein instinktiv wollte ich seine Hand wegschlagen, einfach weil ich mich nicht von ihn anfassen lassen wollte, doch Sawyer fing mein Handgelenk nicht nur ab, er riss mich auch noch zu sich heran, sodass ich gegen seine Brust fiel. Als ich dann versuchte mich von ihm wegzudrücken, schlang er einen Arm um meinen Rücken und presste mich an sich.

Natürlich versuchte ich trotzdem von ihm loszukommen, doch er lachte nur mit diesem arroganten Zug um die Lippen.

Ich funkelte ihn an. „Was soll das? Lass mich los.“ Sonst würde ich hier gleich einen Aufstand machen, an dessen Ende er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegen würde. Das einzige was mich bis jetzt daran hinderte, war die große Menge an Zuschauern die ich haben würde und die Tatsache, dass ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen sollte. Aber das würde mich nicht mehr lange aufhalten.

„Entspann dich.“ Sawyer drehte sich mit mir herum, als wollte er tanzen.

„Bei allen Abgründen, Sawyer!“

„Ganz ruhig.“ Er beugte sich zu meinem Ohr. „Ich brauche nur einen kleinen Moment deiner ungeteilten Aufmerksamkeit.“

„Warst du des nicht der gesagt hat, es wäre besser, wenn man uns nicht zusammen sieht?“, zischte ich und versetzte ihn einen Schlag gegen die Brust. Sein Glück, dass es nur eine Warnung war.

„Ja.“ Er beugte sich noch weiter vor und ließ seine Hand auf meinen Unterrücken wandern. Das löste ein komisches Gefühl in mir aus. Leider nicht unangenehm, wie ich zu einer Bestürzung feststellen musste. „Aber ich muss dir etwas Wichtiges sagen.“

„Sag es jemand anderes.“

Seine Augenbrauen hoben sich ein wenig. „Ich soll jemand anderem erzählen, dass ich weiß wie du auf die vierte Ebene kommst?“

„Was?“ Damit hatte er mich nun überrascht. „Wie?“

„Ganz einfach.“ Er drängte sich ein wenig näher an mich und legte sein Kinn auf meine Schulter, was mich nicht besonders begeisterte. Ich hatte absolut nicht da Bedürfnis mit Sawyer zu kuscheln und doch hielt ich einfach still und ignorierte die Gefühle, die seine Nähe auslösten. Die Erinnerung an den Kuss, sein Geruch, seine Wärme.

Beim Himmel und den Abgründen der Alten Welt, warum konnte ich das nicht einfach vergessen?

„Siehst du die vermummten Leute in den schwarzen Uniformen hinter mir?“, fragte er so leise, dass ich es nur hören konnte, weil seine Lippen direkt an meinem Ohr waren.

Der warme Hauch seines Atems jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Nicht gut. Kontenzier dich! „Ja.“

„Sie gehören der Garde an, die Elite-Kämpfer von Eden. Ihr Aufgabenbereich sind Personenschutz und Überwachung auf Großveranstaltungen – unter anderem. Hauptsächlich sind sie dazu gedacht auf die Zuchtproduktion der Stadt Acht zu geben.“

„Du meinst Adams und Evas?“

Er nickte und biss mir dann plötzlich aus einem unerfindlichen Grund vorsichtig ins Ohrlämpchen, was nicht nur dafür sorgte, dass sich mein ganzer Körper anspannte.

„Lass das!“ Es gab schließlich keinen Grund mehr meinen Puls hochzutreiben, aber leider geschah genau das gerade.

„Nicht aus der Rolle fallen“, raunte er. „Und nun hör gut zu. Da eine kleine Eva von sieben Jahren Schutz braucht, wenn sie sich ihre geliebten Schafe anschaut, wird die Garde an ihrem Geburtstag auf der vierten Ebene vertreten sein. Sie müssen schließlich in allen Lebenslagen für Sicherheit sorgen.“

Ich riss den Kopf zurück. „Noch mehr Wächter?“ Aber da würden doch sicher auch noch Stadthüter vertreten sein.

„Hör zu.“ Er wirbelte mich herum, bis ich mit dem Rücken zur Wand stand. Leider rückte er mir dabei nicht von der Pelle. „Siehst du die Gebäudegruppe da hinten?“ Mit einer leichten Kopfbewegung deutete er nach rechts.

„Du meinst, wo du vorhin gestanden hast?“

Seine Lippen verzogen sich zu einem selbstgefälligem Lächeln. „Du hast mich also beobachtet.“

„Ich habe alle beobachtet.“ Er sollte sich bloß keine Schwachheiten einbilden.

„Rede dir das nur ein und bevor du jetzt anfängst mit mir zu diskutieren, ja, genau dieses Gebäude meine ich. Dort wo das Schild mit der roten Schrift hängt, ist der Eingang. Er liegt ein wenig zurückgesetzt. Nein, schau nicht so auffällig hinüber.“

Wenn ich unauffällig schaute, sah ich aber kein Schild. „Was ist mit dem Eingang?“

„Dort musst du hin.“

Mein verständnisloser Blick ließ ihn wieder einmal überheblich lächeln. Irgendwann würde ich ihm einfach ein paar scheuern.

„Benutze dein Kopf, Kismet, du bist doch nicht dumm. Du musst dir eine Uniform der Garde besorgen. Nächste Woche ziehst du sie dann an und kommst hier her, dann fährst du mit dem Rest der Garde auf die vierte Ebene. Verstanden?“

Eindeutig, er hatte den Verstand verloren. „Du willst das ich mich der Garde anschließe?“

„Hinter der Maske wird dich niemand erkennen.“

Das war ja schön und gut, aber - „Wie soll ich den bitte hier her kommen? Ich komme doch nicht aus dem Herz raus.“

„Doch, denn mit Agnes Keychip kann man jede Tür in Eden öffnen.“ Er rückte wieder ein wenig näher. „Weißt du wo das Kulturhaus steht?“

„Meinst du dieses alte Gebäude an der Südmauer?“

Er nickte. „Dahinter ist eine Tür, durch die du auf die erste Ebene gelangen kannst. Von dort aus ist es zwar ein kleines Stück bis hier her, aber das lässt sich nicht ändern.“

Das bedeutete, ich würde mir den Keychip von Agnes besorgen, eine Uniform der Garde und dann ganz schnell hier her kommen, damit ich inmitten der Elite-Kämpfer der Stadt auf die vierte Ebene kam. Was sollte da schon schief gehen? Nur gab es da ein klitzekleines Problem. „Wo bei allen Abgründen soll ich so eine Uniform der Garde herbekommen?“

Seine Antwort war ein Schulterzucken. „Überlegt dir auch mal etwas, ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern.“

Super. Einfach nur super. Noch etwas auf meiner Liste der Dinge, die ich besorgen musste.

„Und jetzt stoß mich weg.“

Ich schaute ihn wohl an wie ein Frosch.

„Die Leute sollen doch nicht auf den Gedanken kommen, dass wir beide etwas aushecken und so neugierig wie die hier sind, werden wir beide gerade sicher von allen möglichen Augen beobachtet.“

Ein kurzer Blick über seine Schulter bestätigte seine Vermutung. Wir waren zwar nicht der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber da waren unter anderem Celest und und Jósa, die ein wenig zu genau in unsere Richtung schauten. Genau wie ein paar Stadthüter und die Frau mit dem Klemmbrett, die hier schon die ganze Zeit wie ein aufgescheuchtes Hühnchen hin und her rannte.

„Na los“, forderte er mich erneut auf. „Außer natürlich du möchtest noch ein wenig knutschen. Das letzte Mal war ausgesprochen ansprechend und ich hätte nichts gegen eine -“

Ich stieß ihn so plötzlich von mir, dass er nicht nur ins Stolpern geriet, sondern fast noch auf dem Hintern landete. Nicht wegen dem was er gesagt hatte, oder weil ich ihm zutraute, mich wirklich zu küssen, sondern weil ich mich vor dem fürchtete, was ich dann tun würde, sollte er seinen Worten Taten folgen lassen.

So vergnügt wie seine Augen funkelten, als er sich wieder gerade aufrichtete und seinen Anzug glattstrich, ahnte er zumindest, was in mir vorging. Oder er war einfach nur ein Bastard.

„Wage es nie wieder mir so nahe zu kommen.“ Nein, das war nicht nur eine Show, für unsere neugierigen Zuschauer. Ich spürte noch immer das Klopfen meines Herzens und das mochte ich nicht. Um seinen Geruch wieder loszuwerden, würde ich vermutlich mindestens dreimal heiß duschen müssen.

Sawyer machte eine spöttische Verbeugung. „Der Wunsch einer Eva ist mir natürlich Befehl.“

„Wenn das so wäre, wärst du mir gar nicht erst so nahe gekommen.“ Ich funkelte ihn an. „Und wenn du noch einmal das Bedürfnis verspürst, mir -“ Ich verstummte mitten im Satz. Nicht wegen Sawyer oder seinem blöden Grinsen, nein, der Grund waren die Tiere, die mit lautem Hufklappern auf den Platz eintrafen. Pferde. Da waren sechs wunderschöne Pferde, die vor drei geschmückten Kutschen gespannt waren und gar nicht weit von mir entfernt anhielten.

Sawyer drehte sich herum, um nachzuschauen was da plötzlich so interessant war.

Ich beachtete ihn nicht weiter. Genaugenommen beachtete ich überhaupt nichts mehr, als ich mich langsam auf diese prachtvollen Tiere zubewegte.

Sie waren groß, mit seidigen Fellen und langem Haar auf dem Kopf und am Hintern. Ihre Muskeln zuckten. Eine braunes warf den Kopf zurück und wieherte, während ein schwarzes auf dem Boden scharrte. Es war wohl das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Tier sah und nicht sofort darüber nachdachte, wie man es am besten erlegte und anschließend ausnahm.

Diese Tiere waren viel zu schön um geschlachtet zu werden und als Mahlzeit zu enden. Sie waren -

Ein durchdringendes Piepen riss mich nicht nur aus meinen Gedanken, es brachte mich auch dazu sofort stehen zu bleiben. Das war von meiner Fußfessel gekommen. Bei allen Abgründen, die hatte ich ja völlig vergessen.

Sofort machte ich einen Schritt zurück. Leider ließ das Bedürfnis mir die Pferde näher anzuschauen nicht nach. Aber wenn ich weiter ging, würde ich das mit Sicherheit bereuen. Da gab es nur eines, was ich tun konnte. Ich ging zurück.

Vorbei an Sawyer und dann zu Kaleb, der gerade in einem angeregten Gespräch mit zwei anderen Yards steckte. Es war mir egal. Wie sagten sie hier immer? Einer Eva wurde jeder Wunsch erfüllt, also würde Kaleb jetzt tun, was ich wollte.

Ohne etwas zu sagen griff ich ihn am Ärmel und zog ihm einfach aus seinem Gespräch heraus.

„Hey!“, beschwerte er sich. „Was wird das?“

„Du musst mitkommen“, sagte ich nur und zog Kaleb an dem schmunzelnden Sawyer vorbei – musste der nicht irgendwann mal zurück zu seiner Begleitung? Erst als ich vielleicht noch drei Meter von der vordersten Pferdekutsche entfernt war, ließ ich ihn wieder los und nährte mich vorsichtig dem schnaubenden Tier.

Es war bildschön. Hellbraunes Fell mit fast weißem Haar, dass in der Sonne glänzend schimmerte. Es hatte große, wunderschöne von langen Wimpern umrahmte Augen. Als es mir den großen Kopf zudrehte, stellte es neugierig die Ohren auf.

Ich wollte es anfassen, aber ich hatte keine Ahnung wie das Tier dann reagierte. So groß wie das Maul war, konnte es mir sicher die Hand abbeißen. Also blieb ich einfach nur stehen und schaute es mir an.

„Du hast wohl noch nie ein Pferd gesehen“, sagte Kaleb und kam an meine Seite. Im Gegensatz zu mir, traute er sich die Hand auszustrecken und ließ das Tier daran schnuppern.

„Nur einmal, auf einem sehr alten Bild.“

Weiter hinten, von wo bereits die Kutschen gekommen waren, kam noch eine Gruppe von Reitern näher. Das Klappern der Hufe konnte ich bis hier her hören.

„Tja, hier in Eden gibt es halt viele Wunder, die die Alter Welt nicht bieten kann.“

Das mochte schon stimmen, aber - „Die Alte Welt bietet mehr Wunder, als es diese Stadt jemals könnte.“

„Immer so negativ.“ Kaleb trat näher an das Tier heran und streichelte seinen Kopf.

Die vier Reiter waren in der Zwischenzeit so nahe, dass ich nicht nur die Pferde, sondern auch die Männer darauf erkennen konnte. Killian saß auf einem riesigen schwarzen Pferd mit weißem Behang an den Beinen und einer weißen Blesse auf der Stirn.

Er selber trug etwas, das aussah wie eine grüne Uniform, mit ein paar langen Federn am Hut. Und als er mich entdeckte, trappte er mit dem Pferd direkt durch die Menge lächelnd auf mich zu. Jedoch wurde das Pferd immer größer und größer.

Beim Himmel und den Abgründen, wie groß konnten Pferde eigentlich werden?

Als er fast vor mir stand, machte ich vorsichtshalber einen Schritt zurück. Bisher hatte ich mich eigentlich nie für besonders klein gehalten, doch neben diesem Tier kam ich mir geradezu winzig vor.

„Hallo Kismet.“ Das ich noch ein Stück zurück wich, ließ Killian lächeln. „Du brauchst keine Angst haben, Geysir ist ein netter Bursche.“ Er tätschelte dem Pferd den Hals, woraufhin es den Kopf nach hinten drehte und mit dem Maul an Killians Hosenbein zupfte. „Er ist ganz harmlos.“

„Er versucht gerade dich zu fressen.“

Das ließ ihn herzlich auflachen. Er tätschelte dem Tier noch mal den Hals, schwang dann ein Bein gekonnt über den Rücken und ließ sich dann auf den Boden gleiten. Dabei behielt er die Zügel fest im Griff. Dann hielt er mir lächelnd die offene Handfläche entgegen. „Komm her.“

Es juckte mich ja in den Fingern, genau das zu tun. Ich wollte dieses Pferd anfassen, aber ich zögerte. Der Bursche war wirklich groß. Trotzkopf war zwar nicht unbedingt kleiner, aber nicht so massig.

„Vertrau mir, dir wird nichts passieren.“

Das mit dem Vertrauen konnte er vergessen, aber meine Hand gab ich ihm trotzdem und ließ mich dann von ihm langsam an das Tier heranführen. Als er dann jedoch meine Hand zum Maul von dem Vieh heben wollte, zuckte ich zurück.

„Keine Sorge, ich will euch nur miteinander bekannt machen.“

„Wenn er mich beißt -“

„Das wird er nicht.“ Killian hielt meine Hand hoch genug, dass Geysir bequem daran schnüffeln konnte. Dann legte er sie ihm dann einfach auf die Nase und trat einen Schritt zurück. Und ich? Ich konnte nur staunen. Das Pferdemaul war so weich, ganz anders als bei Trotzkopf.

Langsam strich ich mit der Hand seinen seinem Maul hinauf. Als er dann jedoch den Kopf drehte, riss ich den Arm zurück.

„Keine Angst.“ Killian trat neben mich und übernahm es nun selber Geysir zu streicheln. „Er ist nur neugierig.“

„Wie alt ist er?“ Auch ich hob wieder vorsichtig die Hand.

„Zwölf.“ Er griff in seine Hosentasche und zog etwas heraus, das wie zu kleingeratene Kekse aussah. Geysir fraß es ihm schon aus der Hand, bevor Killian so weit war. „Ich hab ihn bekommen, als er noch ein Fohlen war. Ich mochte Pferde schon als kleiner Junge.“

„Er ist traumhaft.“

„Er ist ein kleiner Witzbold.“ Killian lächelte mich an. „Möchtest du dich vielleicht mal auf ihn setzen?“

Überrascht schaute ich ihn an. „Erlaubt er das denn?“ Mein Trotzkopf ließ sich nämlich ausschließlich von mir reiten.

„Sicher.“ Erneut hielt Killian mir die Hand hin. „Er kennt das.“

Was aber noch lange nicht bedeutete, dass er es mochte. Doch einmal auf so einem wunderschönen Tier zu sitzen, hatte schon etwas Verlockendes. Es wäre wie ein bisschen wilder Natur in dieser sonst so trostlosen Stadt.

„Ich helfe dir auch“, versicherte Killian mir, als würde mich das etwas Sicherheit geben. Und wenn ihr ehrlich war, tat es das wirklich.

Es war irgendwie verrückt, aber ich wollte das und ich störte mich auch nicht daran, dass Killian mir helfen wollte. Wer in dieser Welt konnte schließlich schon behaupten, einmal auf einem so wundervollem Tier gesessen zu haben. „In Ordnung“, sagte ich daher. „Ja, ich will auf ihm reiten.“

In Killians Gesicht schien die Sonne aufzugehen. „Dann komm her. Hier, in den Steigbügel musst du deinen Fuß stellen und dich dann einfach raufschwingen.“

„Raufschwingen? Geht er denn nicht in die Knie?“

Das ließ ihn wieder auflachen. „Er ist ein Pferd, kein Dromedar. Du musst schon aus eigener Kraft auf seinen Rücken kommen. Hier, halt dich am Sattelknauf fest, dann ist es einfacher.“

Na dann. Ich griff nach oben zu diesem Knauf, aber da machte sich bereits das erste Problem bemerkbar. In diesem Kleid bekam ich die Arme nicht hoch genug. Und der lange Rock würde es mir wohl auch schwer machen, mein Bein problemlos über den Rücken zu schwingen.

Dieses dämliche Fest. Aber nun gut, dieses Problem ließ sich mit Leichtigkeit lösen. Ich griff einfach den Stoff an meiner linken Schulter und riss ihn mit einem Ruck herunter. Die Fäden waren leider ein wenig stabil, weswegen ich mehr als einen versuch brauchte, aber dann war der Ärmel runter.

„Was machst du da?“, fragte Kaleb fast schon schockiert, während Killian scheinbar gar nicht wusste, was er dazu sagen sollte.

„Ich sorge für mehr Bewegungsfreiheit.“ Auch der zweite Ärmel musste daran glauben und dann konnte ich endlich wieder richtig die Arme heben. Aber damit war ich noch nicht fertig. Mit einem „Hier“ drückte ich Kaleb die abgerissenen Ärmel in die Hand, schnappte mir dann den Saum meines Kleides und verpasste der geschlossenen Seite auch einen Beinschlitz. „So, das ist besser.“

Kaleb konnte mich nur mit großen Augen anstarren, während Killian leise lachte.

„Du bist wohl die einzige Frau, die ihr Kleid zerreißen würde, um auf ein Pferd steigen zu können“, schmunzelte mein Arzt.

„Ich mag dieses Kleid sowieso nicht.“ Jetzt wo alle Hindernisse aus dem Weg geräumt waren, griff ich erneut nach dem Sattelknauf und stellte mein Bein in diesen Steigbügel, wie Killian es gesagt hatte. Dann nahm ich ein wenig Schwung und im nächsten Moment saß ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Rücken eines Pferdes.

Geysir hielt dabei ganz still. Die anderen Pferde schienen ihn viel mehr zu interessieren, als eine Frau, die da auf seinen Rücken kletterte.

Auf Geysir zu sitzen, war anders als auf Trotzkopf. Nicht nur wegen dem Sattel, Trotzkopf hatte auch nicht so einen breiten Rücken. Vorsichtig rutschte ich zurecht und traute mich dann sogar das lange Fell am Kopf anzufassen. Es war viel rauer als der Rest.

„Setz dich gerade hin“, wies Killian mich an und trat neben mich. „Lass die Füße in den Steigbügeln.“ Er nahm meinen nackten Fuß und platzierte ihn eigenhändig in dem Bügel. Die Berührung ließ meine Haut angenehm kribbeln, aber er streifte auch die EF-Fessel und verharrte mit den Fingergenspitzen einen Moment darauf. Seine Lippen verzogen sich missbilligend. „Bleib locker im Sattel sitzen“, fügte er noch hinzu und versuchte sein Lächeln wieder zu finden.

Ich wich seinem Blick nicht aus. Natürlich hatte er von der Fessel gewusst, doch das war wohl das erste Mal, dass ihm der Zwang dieser Stadt so deutlich vor Augen geführt wurde. „Ich reite nicht zum ersten Mal“, sagte ich leise.

„Ja, aber ein Dromedar ist schon etwas anders, als ein Pferd.“ Er legte mir noch mal kurz die Hand aufs Bein, als wollte er überprüfen, ob ich auch wirklich richtig im Sattel saß und machte dann einen Schritt zurück. „Halt dich einfach am Sattelknauf fest.“

„Warte“, schritt Kaleb da ein und legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. Die beiden nebeneinander zu sehen, war irgendwie seltsam. Wenn man von der Kleidung einmal absah, waren sie wirklich genau das Spiegelbild des anderen. Als würde es Killian zweimal geben. Dass seine Haare etwas kürzer waren, als die seines Bruders, fiel auch nur auf, wenn sie zusammen standen. „Sie kann sich nur zehn Meter von mir entfernen.“ Er schob seinen Jackenärmel ein wenig nach oben und zeigte Killian die Uhr an seinem Handgelenk.

Dieser Anblick schien Killian genauso wenig zu gefallen, wie die Fessel an meinem Bein.

„Pass auf, dass ihr euch nicht zu weit von mir entfernt“, mahnte Kaleb. „Wir wollen doch nicht, dass sie vom Pferd kippt.“ Als er die Hand ausstreckte und mein Bein tätscheln wollte, trat ich nach ihm, was ihn aus irgendeinem Grund lächeln ließ.

Ohne seinen Bruder weiter zu beachten, schon Killian ihn zu Seite und schaute wieder zu mir hoch. „So festhalten da oben.“ Und dann ging es los. Er schnalzte mit der Zunge, um Geysirs Aufmerksamkeit zu bekommen und führte ihn dann am Zaumzeug über den Platz. Er nur langsam, aber als er merkte wie sicher ich im Sattel saß, trieb er das Pferd zu etwas mehr Geschwindigkeit an.

Es war herrlich. Zwar trabten wir nur in einem großen Kreis um Kaleb herum, doch allein das Gefühl von diesem tollen Wesen getragen zu werden war so berauschend, dass ich lächelte. Der Klang der Hufe, das Muskelspiel des Pferdes und das Zusammenspiel zwischen Killian und seinem Tier.

Selbst Geysir schien es Spaß zu machen, so viel Spaß, dass Killian ihn zwischendurch ein wenig ausbremsen musste. Das lange Fell an seinem Kopf wehte genauso wie die Federn auf Killians Hut – der übrigens ziemlich albern aussah.

Wie toll es sein musste mit diesem Pferd durch die offenen Weiten der Alten Welt zu reiten. Ob er wohl so schnell laufen konnte wie Trotzkopf? Mein Dromedar hatte auf jeden Fall längere Beine und bewegte sich auch ganz anders.

Als auf einmal jemand aus der Menge nach einem Doktor Vark rief, bremste Killian sein Muskelpaket aus. Das gefiel Geysir offensichtlich nicht. Er zog den Kopf weg, als wollte er alleine weiterlaufen und als das nicht klappte, schubst er Killian.

„Hey!“, beschwerte er sich. „Hör auf damit, du Rabauke.“

Geysir schnaubte verstimmt und begann mit dem Huf zu scharren.

Von links kam eine Frau mit einem dicken Klemmbrett herangeeilt. Ihre Haare wirkten ein wenig zerzaust und auf den Wangen hatte sie hektische Flecken. „Dorktor Vark“, rief sie schon, bevor sie bei uns stand. „Sie müssen sich aufstellen und -“ Als ihr Blick auf mich fiel, verstummte sie einfach und bekam große Augen. „Was haben sie mir ihrem Kleid gemacht?“, fragte sie beinahe schon entsetzt und starrte auf den neuen Beinschlitz, der fast bis hinauf zur Hüfte ging.

Kaleb gesellte sich zu uns, während ich nur mit den Schultern zuckte. „Es war zu eng.“

So wie die Frau aussah, würde sie gleich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. „Aber Sie können dich nicht … tragen sie überhaupt Unterwäsche?“

Nach diesem Satz beugte Kaleb sich interessiert zur Seite, um mich zu mustern, was ihm von Killian einen Klaps auf den Hinterkopf einbrachte.

„Wozu?“, fragte ich. „Sowas habe ich noch nie gebraucht.“

„Oh Himmel!“ Für einen Moment sah die Frau wirklich aus, als wäre das ein Weltuntergang. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und schaute sich dann um, als hoffte sie auf jemand anderem der sich mit diesem Problem befassen konnte. „Wir haben keine Zeit mehr ein neues Kleid zu besorgen, aber so kann ich Sie nicht mitlaufen lassen.“

Nein, das störte mich überhaupt nicht.

„So schlimm ist es doch gar nicht“, versuchte Kaleb sie zu beruhigen. Und ja, ich merkte sehr wohl, wie er schon wieder auf den Beinschlitz schielte. „Man sieht doch gar nichts.“

„Aber man könnte und … okay, ganz ruhig. Doktor Vark, würden Sie bitte ihre Position einnehmen? Und sie beide, sie werden sich in die mittlere Kutsche setzten. Jetzt.“

Ich bewegte mich nicht von der Stelle, aber Killian trat an mich heran und hielt mir auffordernd die Hand entgegen. Das hieß dann wohl, dass der vergnügliche Teil nun beendet war.

Mit einem Seufzen schwang ich das Bein über Geysirs Rücken und ließ mir von Killian aus dem Sattel helfen. Und auf einmal stellte ich fest, dass er direkt vor mir stand und mich anlächelte.

„Du bist doch immer für eine neue Überraschung gut“, sagte er so leise, dass nur ich es verstehen konnte.

Das ließ mich lächeln.

„Doktor Vark, bitte“, sagte die Frau sehr nachdrücklich und schob Kaleb dann in meine Richtung. „Und sie beide, auf die Kutsche. Jetzt.“

Wie ich feststellen musste, wurden nicht nur wir drei dazu angehalten unsere Plätze einzusetzen. Auf dem ganzen Platz kam Bewegung in die Leute. Man brachte Olive nach vorne zur ersten Kutsche. Adams und Evas reiten sich in Viererlinien hintereinander ein. Die Musiker bezogen Position und die jungen Frauen in den kurzen Röcken reihten sich noch vor den Kutschen ein. Weiter vorne setzten die Ersten Leute sich sogar schon in Bewegung.

„Na dann komm.“

Kaleb wollte mir eine Hand auf den Rücken legen, doch ich wich ihm aus. Das ich es Killian hin und wieder erlaubte, bedeutete noch lange nicht, dass auch er das Recht dazu hatte. Wobei ich mich allerdings fragen musste, warum ich es ihm überhaupt erlaubte.

„Dann lauf eben alleine“, sagte Kaleb und schaute etwas genervt zu der Frau, die uns erneut aufforderte endlich in die offenen Kutsche zu klettern.

Killian hob zum Abschied noch kurz die Hand und bewegte sich dann auf seine Position, während ich gezwungen war Kaleb zu folgen. Viel lieber wäre ich ja auf Geysir sitzen geblieben, aber ich war nun einmal eine artige Eva und als solche tat ich genau das, was man von mir verlangte.

Die Kutsche sah ganz anders aus, als der Karren, den ich zuhause hatte. Nicht nur das dieses Gefährt vier statt zwei Rädern hatte, es besaß sogar zwei gegenüberliegende Sitzbänke. Der Typ der die Pferde lenkte, hatte seinen eigenen Sitz ganz vorne.

Die eine Sitzbank war bereits von einem Paar belegt.

Als ich hinter Kaleb auf die Kutsche kletterte, begrüßte der Mann mich mit einem Lächeln und ich musste feststellen, dass es sich bei ihm um Jasper handelte, Killians und auch Kalebs Vater. Die Frau mit den roten Haaren neben ihm hatte ich schon im Herz gesehen, kannte ihren Namen aber nicht.

„Kaleb mein Junge“, begrüßte der ältere Mann seinen Sohn. „Dich hätte ich hier ja nicht erwartet. Und dann auch noch in so reizender Begleitung.“

Kaleb ließ sich neben mir auf die schwarze Lederbank fallen. „Hallo Jasper. Luana.“ Er nickte auch der Frau zu.

Das war Luana? Sawyer hatte doch von ihr erzählt. Laut ihm war sie eine der wenigen Evas, die er mochte. Ich musterte sie mit neuem Interesse. Sie war fülliger als ich. Das grüne Kleid stand ihr, doch die großen Augen gaben ihr den Ausdruck ständigen Erstaunens. Sie war nicht direkt hübsch, aber sie hatte eine umwerfende Ausstrahlung.

Auf einmal begann sie ihre Hände ganz komisch zu bewegen, woraufhin Jasper ein lautes Lachen ausstieß. „Vielleicht war ihr ja zu warm“, schmunzelte er.

Verständnislos schaute ich ihn an. Wem war was zu warm?

„Luana ist stumm“, erklärte Kaleb auf meine Verwunderung hin. „Sie redet mit ihren Händen. Zeichensprache.“

„Und sie hat sich gerade über deine Aufmachung gewundert“, fügte Jasper noch hinzu. „Sie ist sehr … hm, dürftig.“

Wieder bewegte Luana ihre Hände.

Jasper nickte lächelnd. „Sie sagt, dass sie dich verstehen kann, sie mag ihr Kleid auch nicht.“

Das sie mich verstand, bezweifelte ich doch stark. Darum wandte ich mich einfach wortlos ab und wartete still darauf, dass die Kutsche sich in Bewegung setzte. Nur weil ich mit diesen Leuten gezwungenermaßen hier saß, hieß das noch lange nicht, dass ich mich mit ihnen unterhalten musste.

Stattdessen schaute ich nach vorne zu Killian, der sich gerade an der Spitze von vier Reitern in Bewegung setzte. Was nur sollte dieser hässliche Hut?

Die erste Kutsche mit Olive folgte direkt danach. Dann kamen ein Haufen Evas und Adams. Alle fein säuerlich in Reih und Glied.

Irgendwie sah es schon beeindruckend aus, wenn so viele Leute sich mehr oder weniger synchrone bewegten, wenn auch sehr unnatürlich.

Als unsere Kutsche sich dann in Bewegung setzte, gab Jasper einen überraschten Laut von sich und lachte dann. Und damit begann die Parade für mich. Allerdings wusste ich nicht was daran so festlich sein sollte, dass hier alle aufgedonnert durch die Gegend liefen. Wenn ich mit Nikita und den anderen etwas feierte, saßen wir eigentlich immer bei einem üppigen Essen ums Lagerfeuer herum und erzählten Geschichten. Wir tanzten und alberten herum, wobei Leroy sich einmal ausversehen selber angezündet hatte, weil er besoffen durchs Lagerfeuer gestolpert war. Das war ein Geschrei gewesen. Aber zum Glück hatte Marshall damals geistesgegenwärtig reagiert und ihn einfach in die große Wassertonne geschubst. Seit dem passte Leroy immer auf, wenn Feuer in den Nähe war.

Hier jedoch wanderten wir einfach über die erste Ebene auf das Haus der Kinder zu, um sie mit der Parade zu erfreuen, bevor wir auf die zweite Ebene wechseln würden. Ja, entgegen dem was Carrie dachte, hörte ich ihr zu, wenn sie etwas erzählte. Nur bedeutete das noch lange nicht, dass ich es beachtete.

Luana und Jasper unterhielten sich, aber da Kaleb diese Handzeichen scheinbar nicht deuten konnte, musste sein Vater ihm die Worte seiner Begleitung immer wieder übersetzten.

Die beiden zusammen zu sehen, war irgendwie merkwürdig. Sie kamen mir gar nicht wie eine Familie vor, eher wie entfernte Bekannte. Wenn ich da nur an meinen Vater zurück dachte, oder auch an Marshall. Wir waren ganz anderes miteinander umgegangen. Nicht so … distanziert.

Gerade als das Haus der Kinder in Sicht kam, sprach Jasper mich an. „Luana fragt, was du da an der Hand gemacht hast.“

Ich schaute auf meine bandagierte Rechte. Mein Fluchtversuch lag nun zwei Wochen zurück und die Wunde die ich mir selber zugefügt hatte, war schon ganz gut verheilt, aber irgendwie wollte ich mir den Verband nicht abmachen. „Ich habe mir meine Keychip herausgeschnitten.“

Die beiden schauten mich an, als sei ich vom Mond.

„Bei meinen Vorvätern, warum machst du sowas?“

Diese Frage ließ mich Augenblicklich bereuen, dass ich überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Also funkelte ich Jasper nur an und konzentrierte mich dann wieder auf das Haus der Kinder. Ich hoffte einen Blick auf Nikita erhaschen zu können. Seit ihrem Besuch vor vier Tagen hatte ich sie nicht mehr gesehen, aber schon von Weitem musste ich feststellen, das er hier mehr Kinder gab, als ich mir vorgestellt hatte.

Ich meine, ich wusste ja dass es viele waren, aber das! Das mussten ein paar Hundert sein. Wie bei allen Abgründen hatten die Evas der Stadt das hinbekommen? Selbst mit Mehrlingsgeburten war das kaum zu glauben.

Nun gut, sie waren so gut wie alle in einem anderen Alter, aber trotzdem. Und wenn ich hierbleiben musste, würden sich auch meine Kinder zu ihnen gesellen.

So weit wird es nicht kommen.

Immerhin wusste ich ja nun, wie ich auf die vierte Ebene gelangen konnte. Allerdings musste ich mir nun überlegen, wie ich an so eine Uniform herankam – oder mir alternativ etwas anderes einfallen lassen. Keine besonders erbaulichen Aussichten.

Als wir dem Haus näher kamen, drang Musik an meine Ohren. Nicht dieses schreckliche Zeug was Nikita mir vorgespielt hatte, das hier klang irgendwie lustig. Und als ich mich vorbeugte um herauszufinden woher es kam, musste ich feststellen, dass die Musiker nun ihre Instrumente benutzen. Aber nicht nur das. Die jungen Frauen hatten zu tanzen angefangen. Ich konnte nicht viel sehen, weil da einfach zu viele Leute zwischen uns waren, aber ich sah immer mal wieder eine von ihnen springen.

Der Zug zog langsam am Haus vorbei.

Ich konnte das Jubeln und Rufen der Kinder hören. Ein paar der Evas hoben ihre Hände und winkten ihnen zu. Ein kleiner Junge rannte direkt in die Parade hinein und musste dann von einem Betreuer wieder herausgeholt werden.

Ich versuchte währenddessen Nikita zu entdecken, aber da waren so viele Gören – auch mit gefärbten Haaren – dass ich sie einfach nicht finden konnte. War sie überhaupt bei ihnen? Wo sollte sie denn sonst sein? So wie sie sich im Moment gab, glaubte ich auch nicht, dass sie sich dieses Ereignis entgehen lassen würde und doch blieb sie vor meinen Augen verborgen.

Die Parade zog am Haus der Kinder vorbei, ohne dass ich sie entdeckte und damit war mein einziger Lichtblick des Tages dahin.

Enttäuscht, lehnte ich mich wieder zurück und schlug die Beine übereinander. War ja irgendwie klar gewesen. In dieser Stadt funktionierte ja nie etwas so wie ich das wollte. Nicht mal dieses kleine bisschen wurde mir gegönnt.

Mit einem letzten Hoffnungsschimmer, warf ich noch mal einen Blick zurück. Nikita sah ich natürlich nicht, aber dafür bemerkte ich wie Kaleb mein Bein ein wenig zu genau musterte. Sehr nachdrücklich zog ich das Kleid darüber und funkelte ihn dann böse an.

Er grinste nur schelmisch. „Hey, ich bin auch nur ein Mann.“

„Dann halt dich an deine Nadja und hör auf mich so anzuschauen.“

„Nadja?“ Er lachte leise. „Nadja ist nur eine Freundin. Sie würde mich wahrscheinlich erschießen, wenn ich versuchen sollte ihr an die Wäsche zu gehen.“

„Warum?“ Nicht das es mich wirklich interessierte.

„Weil sie nach ihrer Mutter kommt.“ Als ich ihn mal wieder nur verständnislos anschauen konnte, lachte er erneut. „Nadja ist lesbisch, genau wie Agnes.“

Das Wort kannte ich nicht. „Was soll das sein?“

Kaleb zog eine Augenbraue nach oben. „Du weißt nicht was lesbisch heißt?“

Musste er das so herablassend sagen?

„Schwul? Homo? Gleichgeschlechtliche Liebe?“

Ich neigte den Kopf zur Seite. „Gleichgeschlechtliche Liebe? Du meinst zwei Frauen?“

„Oder zwei Männer.“

Wie sollte das denn funktionieren? Ich versuchte es mir bildlich vorzustellen, aber irgendwie wollte mir das nicht gelingen. Bei zwei Männern … nun gut, es gab da zwar