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Prolog

Und dann begann es zu regnen. Sie hob ihren Kopf und sah in die Wolken. Der prasselnde Regen wusch das Blut von ihrer Rüstung und von der Ebene. Es kam ihr fast so vor, als beweine der Himmel die schweren Verluste, die sie alle soeben erlitten hatten. Seufzend wischte sie das Schwert an den Gewändern eines gefallenen Gegners ab, ohne auf ihn herab zu blicken. Seine toten Augen brachen ihr fast das Herz. Sie hatte es nicht gern getan, aber es musste sein. Diese sinnlose Gewalt hatte sie noch nie gut heißen können. Wo war nur der Pazifismus geblieben, den sie vor ein paar Jahrzehnten noch so groß geschrieben hatten? Wenn er doch nur mit sich reden hätte lassen. Alles wäre anders verlaufen, wäre er nicht so ein Sturkopf gewesen. Wie ein dämliches Kleinkind, das etwas haben wollte und nicht sofort bekam. Die Mittel und Wege, die er eingeschlagen hatte, um seinen Willen durchzusetzen waren einfach nur grauenhaft und machten sie traurig. Von ihrer jetzigen Position aus konnte sie gut das Land überblicken, auf dem bis vor kurzem noch eine erbitterte Schlacht stattgefunden hatte. Es war ein furchtbarer und grausamer Anblick. Der Boden war übersät mit Leichen der Gefallenen. Ob Freund oder Feind war bei manchen kaum noch zu erkennen. Dreck und Blut hatten sich vermischt und sie unkenntlich gemacht. Gut, dass es nun regnete, somit würde die Erde wenigstens zum Teil wieder gesäubert werden, auch wenn sie nie wieder so rein werden würde, wie sie einst war. Ihren Blick von dem Grauen abwendend, wandte sie sich um und senkte den Kopf.

Das was einst als Ebene des Friedens und Lichts angesehen ward, sollte von nun an als Ebene des Kampfes und Todes benannt werden. Als Andenken der Gefallenen würde sie dafür sorgen, dass ein Denkmal errichtet werden würde. Die Zeiten änderten sich, und hiermit war es hoffentlich getan.

 

„Meine Königin, seid Ihr verletzt?“ Einer ihrer Wachen kam auf sie zu geeilt. Unfähig etwas zu sagen schüttelte sie bloß den Kopf um eine Antwort zu geben. Ihre brünetten Haare klebten nass in ihrem Gesicht. Ein weiterer Vorteil des Regens war es, dass man ihre salzigen Tränen nicht wahrnehmen konnte. Sie musste stark sein, denn schließlich war sie die Herrscherin dieses Landes.

„Wie groß ist der Verlust?“, fragte sie schließlich mit belegter Stimme und räusperte sich. Der Soldat antwortete Stolz erhobenen Hauptes. „Unsere Männer haben sich wacker geschlagen! Nur wenige unserer Seite sind gefallen. Den größten Verlust haben unsere Feinde zu verzeichnen, daher haben sie sich auch geschlagen gegeben, my Lady!“ Es erfreute ein wenig sie das zu hören, auch wenn sie das Morden hasste. „Es war ein hervorragender Schachzug von Euch gewesen, die Dunkelwesen auf eure Seite zu holen und sie unter eurem Banner kämpfen zu lassen.“

 

Die Dunkelwesen waren schon lange vor ihrer Geburt aus dem Land verstoßen worden. Ihre Idee war es gewesen, mit ihnen einen Vertrag auszuhandeln. Adrian, der Herrscher der Dunkelwesen, war damit einverstanden gewesen. Anfangs konnte sich keiner ihrer Untertanen an diesen Gedanken gewöhnen, da es einen Grund hatte, wieso die Dunklen verstoßen wurden, doch jetzt, wo sie sich im Kampf bewährt hatten, zweifelte keiner mehr an ihrer Idee und auch keiner mehr an den Sinn fürs Gute in den ehemaligen Feinden.

Nun gut, vielleicht war es nicht ganz allein ihre Idee. Ein kleiner Helfer war schon dabei gewesen, oder sollte sie sagen, mehrere kleine Helfer. Wunderbare Helfer, die ihr nicht nur mit Rat und Tat zur Seite standen. Ihr Blick hing noch immer über dem Gelände und sie sah, dass die Lebenden nach Verletzten suchten, egal welcher Seite. Frieden sollte wieder einkehren und nachdem ER tot war, würde das bestimmt funktionieren.

Eine alte Bestimmung

 

Hanna seufzte. Wie langweilig war das denn bitte? 3 Stunden Religionsunterricht und das durchgehend an einem Stück! Da konnte man sie gleich in der Kirche einsperren und hoffen, dass sie keinen Schaden anrichtete, was natürlich kaum der Fall sein würde. Auch Luke schien es nicht besser zu gehen. Der Junge hing über seinem Buch, tat als würde er lesen und schien zu schlafen. Das Mädchen lachte leise und fuhr sich durch ihre langen braunen Locken. Ihr bester Freund schaffte es nicht einmal wach zu bleiben, dabei waren doch gerade seine Eltern so gottesfürchtig.

Mit einem gerade erst frisch gespitzten Bleistift piekste sie ihm einfach so in die Seite. Wie ein Schwein quickte er und sprang plötzlich auf. Hanna konnte sich nur schwer das Lachen verkneifen und drückte sich die Hand auf den Mund, während der Religionslehrer sich nun Luke vorknüpfte, der erschrocken keuchte. „Lukas Theodore Standman! Was ist denn an der Darstellung der Engel so seltsam, dass Sie so aufspringen müssen?“ Der Braunhaarige lief rot an und begann zusammenhanglos zu stottern. Er hatte ja nicht einmal eine Ahnung davon, welcher Stoff gerade durchgenommen wurde.

Ganz in der Nähe hing Silvia lässig in ihrem Stuhl und gab stattdessen die Antwort: „Vielleicht die Tatsache, dass es fette kleine Kinder sind und sie mit diesen mickrigen Flügeln sicher nie fliegen werden können. So wie Hummeln! Und diese Windeln erst!“ Die ganze Klasse begann zu lachen und der Lehrer schüttelte verständnislos den Kopf. Er hatte schon seinen berüchtigten roten Stift gezückt und schrieb Luke und Silvi ins Klassenbuch. Ihren Namen konnte er schon fast blind schreiben. Das Mädchen schien das nicht zu stören. Die Glocke läutete in genau diesem Moment und die Schüler flüchteten aus der Klasse.

 

„Oh mein Gott! War das witzig!“, lachte Hanna nun endlich und wuschelte ihrem besten Freund durchs Haar. Dieser fand es alles andere als witzig. Vermutlich hatte er Angst, dass er zu Hause mal wieder Ärger bekam, wenn seine Eltern davon erfuhren. Silvia hingegen schien sich keine Sorgen zu machen. Das tat sie ja nie.

Sie war Hannas Cousine und lebte seit dem Tod ihrer Eltern bei ihr. Sie waren wie Schwestern. Silvia fuhr sich durch ihre Schulterlangen tief schwarzen Haare. Schwarz war ihre einzige Farbe, zumindest hatte es den Anschein. Immerhin war alles, was sie besaß irgendwie schwarz oder zumindest dunkelfarben. Aber das störte weder Hanna noch Luke. Dazu hatten sie sich alle drei viel zu gern.

Sie waren endlich auf dem Heimweg. Heute würde Mrs. Müller für die drei 17-Jährigen kochen. Das war bei ihnen immer so: einmal aßen sie bei Luke, einmal bei Hanna und Silvi und wieder an anderen Tagen tat es ein einfacher Besuch bei McDonalds oder in einem anderen Imbiss. Aber heute sollte es mal wieder Pizza geben und die konnte Hannas Mutter nun mal am allerbesten. Sie zauberte die Pizzen praktisch auf den Tisch. Daher dachten sie nicht einmal an etwas anderes.

„Unheimlich witzig! Wegen dir werden meine Eltern mich töten! Schön, dass nächste Woche auch noch Elternsprechtag ist. Vielen Dank!“, schmollte Lukas und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war nicht wirklich sauer auf seine beste Freundin, da er selber schuld daran gewesen war, weil er eingeschlafen ist, aber er machte ihr gerne Schuldgefühle. Ihre Freundschaft lebte von kleinen Sticheleien, was Silvia oft nicht so ganz verstehen konnte. Ihrer Meinung nach, benahmen sich die beiden einfach viel zu oft nicht ihrem Alter entsprechend. Und das kam gerade von ihr, der Meisterin des Sarkasmus, die fließend irgendjemanden mit ihrer spitzen Zunge nieder machen konnte.

Hanna grinste schief und streckte dem Jungen schließlich die Zunge raus. „Du alter Schmollkopf! Wärst du eben nicht eingepennt! Du weißt ganz genau, dass man neben mir nicht einschläft, wenn mir langweilig ist.“ Langsam sollte er es echt schon besser wissen und vor allem sie schon besser kennen. „Komm schon, sonst wird Mum noch sauer, wenn wir zu lange rumtrödeln.“ Ihre Schritte beschleunigten sich. Es waren ja nur mehr einige Meter bis zu dem Haus der Müllers. Bei dieser Entfernung begann an Tagen wie diesen meist ein Wettlauf, den Hanna schon so oft gewonnen hatte, so auch dieses Mal.

 

~*~

 

Das Essen verlief wie immer wenn es Pizza gab: Um das letzte Stück wurde immer bitterlich gekämpft. Meistens gewann hier immer Silvia, weil sie sich einfach das letzte Stück stibitzte, während die anderen beiden damit beschäftigt waren zu diskutieren, wie man denn nun auslosen oder darum kämpfen sollte, wer das Stück bekommen sollte.

Dieses Mal waren sie jedoch nicht zu dritt am Tisch, sondern auch Hannas und Silvias Oma hatte sich entschlossen, mit den dreien zu speisen. Agatha war eine alte freundliche Frau, die immer eine seltsame, aber stets spannende Geschichte auf den Lippen hatte. Heute jedoch schien sie aufgeregt mit Joseph, ihrem Sohn und Hannas Vater, zu diskutieren. Den Jugendlichen war nicht ganz klar worum es ging. Eigentlich interessierte es sie auch kaum. Wieso sollte es auch? Sie hatten im Moment andere Sorgen und eigentlich ging sie das Gespräch der Erwachsenen auch wenig an. Daher entging ihnen auch, worüber die beiden so wild diskutierten und Joseph teilweise sogar heftig gestikulierte, dass man meinen könnte, er will seiner Mutter eine verpassen. Es endete mit einem lautstarken „Dann sieh eben selbst zu, wie du es machst, aber lass mich endlich dabei raus!“ seitens Hannas Vater und einer zuknallenden Tür.

Verwirrt sahen die drei sich an und dann zu der alten Frau, die sich schnell ein paar Tränen wegwischte, nachdem sie die Blicke der Jugendlichen bemerkt hatte. „Ach Kinder, werdet nie so verbittert und respektlos gegenüber älteren Menschen!“, erklärte sie mit leicht brüchiger Stimme und wandte sich dann ebenso ab, um in ihre Räume zu gehen.

Die drei Jugendlich sahen der alten Frau noch eine Weile nach, ehe sie sich wieder ihren Angelegenheiten zuwandten. „Und du wirst meinen Eltern erklären, dass es deine Schuld war, kapiert?“, fasste Luke das Gespräch wieder auf und piekte Hanna in die Seite, die daraufhin nur grinste. Wie versessen er darauf war, keinen Ärger zu bekommen. „Ach, wieso sollte ich?“, fragte sie und streckte ihm die Zunge raus, ehe sie ihn ebenso piekte.

„Nehmt euch ein Zimmer!“, ertönte es genervt von Silvia, woraufhin die beiden aufhörten und Hanna etwas rot anlief. „Du bist so dämlich! Lass uns unsren Spaß, alte Frau!“ Lukas konnte es nicht wirklich leiden, wenn Silvia so erwachsen tat und dann auch noch so einen Blödsinn behauptete.

 

 

~*~

 

Vorsichtig, darauf bedacht keinen Lärm zu machen, schloss Agatha die Türe hinter sich und ließ sich auf ihrem Bett nieder. Ein Seufzer, der von einem Schluchzen unterbrochen wurde, entfuhr ihr. Wieso konnte Joseph es nicht endlich vergeben und vergessen. Wieso musste er immer wieder darauf herumreiten, Salz in die Wunde streuen und konnte nicht einfach das Gute daran sehen? Immerhin waren sie alle außerwählt und sonst niemand. Der gesamten Familie stand noch Großes und so viel Schönes bevor. Aber das konnte anscheinend niemand sehen, außer ihr selbst. Joseph war zu engstirnig um seine Tochter und seine Nichte einzuweihen. Soeben hatte er auch seiner eigenen Mutter verboten jemals auch nur wieder in Erwägung zu ziehen, die Kinder da hinein zu ziehen. Aber sie musste es tun. Es war soweit, das spürte sie. Sie müsste es ebenso drehen, dass sie es von alleine rausfinden würden, rein zufällig. Sie waren klug genug, um Rätsel zu lösen und verdeckte Botschaften zu finden. Zumindest hatte Agatha seit der Geburt der beiden Mädchen dafür gesorgt, dass der Verstand beider geschärft blieb und dass sie für alles offen waren. Hoffentlich hatte es etwas gebracht und ihre Anstrengungen waren nicht vergebens gewesen.

Die alte Frau erhob sich und schritt mit lautem Herzklopfen zu ihrem Schrank. Dabei kam sie an einem Spiegel vorbei, an dem sie kurz inne hielt. Ihre Haut wies bereits unzählige Falten auf. Das wäre ihr nie passiert, wenn sie in der anderen Welt geblieben wäre. Dort verlieh ihr ihre Bestimmung eine überaus lange Lebensdauer, die hier, im Reich der engstirnigen normalen Sterblichen, leider keine Wirkung hatte. Hier waren sie nur Menschen. Wertlos und so normal wie die anderen. So gewöhnlich. Nur ihr Wissen hob sie ab, doch nicht einmal diese Besonderheit durfte sie an die Mädchen weitergeben. Sie fühlte sich hintergangen, und das von ihrem eigenen Fleisch und Blut. Sie strich eine graue Strähne ihres Haares, welche sich aus dem strengen Zopf gelöst hatte, hinter ihr Ohr. Sie war alt, gebrechlich und grau geworden. Irgendwann würde sie weiter verkümmern und nicht einmal mehr herum gehen können oder schlimmeres.

Von dem Gedanken bestärkt, wieder dorthin zurückkehren zu können, wo ihr Körper nicht verfiel, wenn ihre Enkelinnen informiert waren, ließ sie wieder Mut fassen und zum Schrank weiter gehen, zu dem sie ja eigentlich vorhin gehen wollte. Die alten Türen öffneten sich knarzend und ihrer Meinung nach viel zu laut, als Agatha diese öffnete. Darin lag ein großes Buch, schön gebettet auf einem roten Samttuch. Ihre Hände zitterten leicht als sie die Arme danach ausstreckte um es aus dem Schrank zu nehmen. Der Schrecken und der Zorn nach dem Streit mit Joseph steckten noch in ihren Knochen. Es stimmte ihn unheimlich traurig, dass er nicht wollte, dass Hanna und Silvia hiervon erfuhren. Dabei war das Buch ihr Erbe, ein altes Geheimnis. Das Buch und die Geschichte, die es beinhaltete, oder eher behütete.

Denn das war die geheime Bestimmung der Müllers. Sie waren die Beschützer dieser magischen Chronik einer Welt. Hoch geschätzt wurden sie in dieser anderen Welt, die das Buch beinhaltete, weil sie die großen Erretter damals waren. Seit Jahrhunderten war es in Familienbesitz und vermutlich irgendwann von einem Urahn verfasst worden. Was natürlich keiner mehr so genau wusste, war die Tatsache, wie und wann dieses Buch sein Eigenleben entwickeln konnte.

Es war Agatha egal, dass ihr diese Information verschleiert blieb und auch auf ewig verloren gegangen war. Für sie zählte nur die Existenz des wunderbaren Werkes, welches sie bereits seit ihrem 17. Lebensjahr behütete. So wie es nun einmal sein sollte und bisher auch war.

An einem Vollmond, nach dem 17. Geburtstag, sollte das Buch weitergegeben werden. Dieser Tag wäre sowohl für Silvia als auch für Hanna nächste Woche. Doch Joseph wehrte sich vehement die beiden einzuweihen. Ob es an der Tatsache lag, dass es immer nur an die Mädchen weitergegeben wurde, oder daran, dass er das Buch dafür schuldig machte seinen Bruder einst verloren zu haben, wusste die alte Frau nicht. Beide Dinge jedoch stimmten sie nur noch trauriger und die ersten Tränen begannen still über ihre Wangen zu laufen. Wie sollte diese Familie nur ihrer Bestimmung folgen, wenn es einen Feind und Gegner in den eigenen Reihen gab?

Mit langsamen Schritten kehrte sie zu ihrer Schlafstätte zurück, mit dem Buch in den Händen. Wie sollte sie es am besten machen? Früher hätte sie keine Probleme damit gehabt ihren Enkelinnen verdeckte Botschaften zukommen zu lassen. Aber nun war sie alt und langsam geworden. Gebrechlich. Sie wusste gut, dass es nichts half, im Selbstmitleid zu zerfließen. Sie brauchte dringend einen Plan. Doch ehe sie dazu kam, verspürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust und das Atmen viel ihr schwer. Ein eisiger Griff legte sich um ihr Herz.

Ein leises „Nein!“ entkam ihren Lippen, während das Buch von ihrem Schoß rutschte und ihre rechte Hand zu ihrem Herzen fuhr. Es war zu früh. Hatte sie denn nicht gerade noch darüber nachgedacht endlich wieder in die andere Welt, nach Hause, zurück zu kehren um das Alter von sich zu werfen und auf ewig jung zu sein? Nun war es zu spät. Für immer. Nicht einmal Hanna und Silvia würden nun von der anderen wunderbaren Welt erfahren, die sie nur aus Gute-Nachtgeschichten aus ihrer Kindheit kannten. Joseph bekam also doch seinen Willen. Mit ihrem Tod würde nun die Linie der Custodi erlöschen. Es dauerte nicht lange und die Welt um sie wurde schwarz, ehe sie vom Bett stürzte und neben dem Buch zum Liegen kam. Ihr letzter Gedanke in dieser Welt galt nur der Chronik der anderen Welt und der Hilflosigkeit, die diese nun umfangen würde.

 

 

~*~

 

Silvia schloss seufzend die Tür hinter Luke ab. Es war bereits dunkel geworden und der Junge musste nun endlich nach Hause. Seine Eltern hatten schon dreimal auf seiner Mailbox eine Nachricht hinterlassen und klangen nicht sonderlich erfreut, dass man ihn so oft bitten musste. Beim vierten Mal, das wussten sie alle schon gut genug, würde er Hausarrest erwarten. Also war er bereits auf dem raschen Weg nach Hause. Hoffentlich würde er keinen Ärgern bekommen, wegen der Unterrichtsstörung heute. Silvia fühlte sich schuldig. Ein Umstand, denn sie niemals laut zugeben würde und der nicht oft vorkam. Warum auch. Sie war allzu gut bekannt als das harte Mädchen, dass keine Eltern mehr hatte. Da war es leicht diesem Weg weiter zu folgen und nichts für eine andere Meinung zu tun. Außerdem würden ihr die Menschen, um sie herum nicht glauben, dass sie auch anders konnte und das war auch gut so. Diese Gefühlsduselei war noch nie ihres gewesen und würde es auch nie werden.

Schweigend stand die Schwarzhaarige ein Weilchen beim Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus, in der Hoffnung noch ein wenig erblicken zu können. Doch es war kein Fünkchen Licht mehr draußen zu erkennen. Anscheinend waren die Straßenbeleuchtungen wieder einmal ausgefallen, wie es schon so oft passiert war. Hoffentlich würde Lukas auch im Dunkeln nach Hause finden und passierte ihm nichts. Vielleicht hätte sie ihren Onkel bitten sollen, ihn nach Hause zu bringen. Nun war es jedoch zu spät und sie wandte sich seufzend vom Fenster ab. Nun machte sie sich auf die Suche nach Hanna. Vermutlich saß diese in ihrem Zimmer und hing schon über der heutigen Hausaufgabe oder las ein Buch. Als die 17-jährige an der Tür ihrer Großmutter vorbeikam hielt sie kurz inne. Seit dem Streit zwischen Joseph und Agatha hatte sie ihre Oma nicht mehr gesehen. Vielleicht sollte sie mit ihr reden und sie fragen, warum die beiden überhaupt schon wieder gestritten hatten. Hoffentlich würde sie dann nicht in den Streit reingezogen. Kurz sah sie sich um, ob Onkel Joseph auch nicht in ihrer Nähe war.

Vorsichtig klopfte sie an die Türe, doch es kam keine Antwort. Kurz wartete sie noch, ehe sie sich erdreistete einfach einzutreten. „Oma Aggy?“, fragte sie, nachdem das Mädchen die Tür einen Spalt breit geöffnet hatte und lauschte. Es war dunkel in diesem Raum und auch etwas muffig. Ob sie sich schon schlafen gelegt hatte? Dann wäre es doch unhöflich sie nun zu wecken. Doch Silvia riskierte es, nach kurzem Überlegen, und schubste die Tür weiter auf. Der Lichtstrahl des Ganges fiel in das Zimmer und beleuchtete den Raum spärlich. Dennoch konnte sie kaum etwas erkennen, nur ein Buch, das scheinbar auf den Boden gefallen zu sein schien. Daher tastete das Mädchen an der Wand blind nach dem Lichtschalter und machte die Lampe an, nachdem sie ihn nach langem Tasten endlich entdeckt hatte. Was das Licht dann preisgab, entlockte ihr einen schrillen Schrei und würde sie nie wieder vergessen lassen, was sie da erblickt hatte.

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Publication Date: 11-08-2014

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