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Kommissar am Abgrund

 

 

Kommissar am Abgrund

Der dritte Fall für Kommissar Z.

 

 

Ein Hamburg-Krimi von

Roland Blümel

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliographie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Impressum

© Copyright by Roland Blümel

Grandweg 100

22529 Hamburg

 

Coverdesign: Jasmin Braun

Lektorat: Petra Bülow

Herstellung und Verlag:

Bookrix GmbH & Co. KG

80331 München

 

Prolog

Die junge Frau kam mit Britta im Schlepptau völlig außer Atem ins Büro der Kommissare gestürmt. Erstaunt blickte Rainer auf, als die Tür aufgerissen wurde und sie sofort aufgeregt loslegte.

»Ich möchte Anzeige erstatten. Da bin ich hier richtig, oder? Sie sind doch von der Kriminalpolizei? Ist das hier die richtige Stelle?«.

Rainer Zufall musterte die Frau. Er schätzte sie auf vielleicht Mitte bis Ende zwanzig. Sie hatte brünette Haare, eine schlanke Figur und eine große Oberweite, die durch ein tief ausgeschnittenes T-Shirt nur leidlich bedeckt wurde. Am auffälligsten an ihr aber waren die Augen. Zum einen hatten sie ein tiefes Blau, zum anderen wurde ihre linke Gesichtshälfte von einem Veilchen dominiert.

»Nun mal langsam, junge Dame«, erwiderte Britta Papadopoulos, die Rainer hinter dem Rücken der Frau einen entnervten Blick zuwarf und erklärend hinzufügte: »Ich habe sie zufällig unten beim Empfang aufgelesen und gleich mit hochgebracht, weil sie so aufgeregt war. Was ist passiert und wen wollen Sie anzeigen?«

Die junge Frau blickte von Rainer zu Britta, dann wieder zu Rainer.

»Meinen Ex-Freund, diesen brutalen Kerl.«

»War er das?«, fragte Rainer und deutete auf das Veilchen.

Die Augen der Brünetten blitzten kurz auf, als Rainer sie angesprochen hatte. Dann nickte sie.

»Ja.«

»Ist das zum ersten Mal passiert?«, fragte er sanft.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das erste Mal war vor drei Wochen.« Tränen traten ihr in die Augen.

»Und warum?«, hakte Britta nach.

»Klaus ist tierisch eifersüchtig. Ohne Grund«, fügte sie hinzu und probierte ein Lächeln in Rainers Richtung.

»Aber damals haben Sie ihn nicht angezeigt?«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

»Warum nicht?« Brittas Ton war eine Spur schärfer geworden.

»Er hat sich sofort entschuldigt und gesagt, dass ihm die Hand ausgerutscht wäre.«

»Aha«, sagte Rainer. »Und seitdem hat er sie wieder geschlagen?«

Sie nickte.

»Okay, und jetzt möchten Sie ihn anzeigen?«, fragte Britta.

Wieder ein Nicken.

»Und Ihnen ist es ernst damit, ja?«

»Auf jeden Fall«, antwortete sie bestimmt und lächelte Rainer an.

»Das ist zwar eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber gut, dann brauchen wir ein paar Informationen. Zunächst Ihren Namen und Ihr Alter.«

»Sophie, Sophie Albers«, begann sie und lächelte Rainer an. »Ich bin 28 Jahre alt.«

»Okay, wie heißt Ihr Freund?«

»Ex-Freund«, betonte sie in Rainers Richtung. »Klaus Bartels.«

Die beiden Kommissare nahmen die Anzeige auf.

»So, das wär`s«, beschloss Britta die Befragung.

»Und was passiert jetzt?«, fragte Sophie leicht irritiert.

»Wir werden Ihren Freund …«.

»Ex-Freund«, unterbrach sie die junge Frau.

»Also gut. Wir werden Ihren Ex-Freund vorladen und ihn mit den Vorwürfen konfrontieren.«

»Aber«, stotterte Sophie. »Aber was ist, wenn er mir jetzt auflauert? Kann ich nicht so etwas wie Polizeischutz bekommen?«

Britta schüttelte mit dem Kopf. »Es besteht ja keine Gefahr für Ihr Leben.«

»Aber ich habe Angst.« Panik schwang in ihrer Stimme mit. »Was ist, wenn er mir zuhause auflauert?«

»Hat er denn einen Wohnungsschlüssel?«

»Das nicht, aber wenn er vor meiner Tür steht, wenn ich nach Hause komme?«

»Dann verständigen Sie die Polizei.« Britta wandte sich ab, um ihr zu zeigen, dass das Gespräch für sie beendet war.

»Können Sie mich vielleicht nach Hause bringen? Dann würde ich mich sicherer fühlen.« Sie warf Rainer einen flehenden Blick zu.

Eigentlich fiel das nun wirklich nicht in Rainers Aufgabengebiet, aber der verzweifelte Blick der jungen Frau bewegte ihn.

»Das kann ein Kollege von uns übernehmen, Frau Albers.«

Die Frau sah ihn bittend an, sodass Rainer weich wurde.

»Okay, kann ich machen, aber mehr kann ich nicht für Sie tun.«

Britta warf ihm einen genervten Blick zu, den er versuchte zu ignorieren.

Sophie atmete dankbar auf. »Vielen Dank, Herr Kommissar.«

Sie fuhren zur Wohnung der jungen Frau im Hamburger Stadtteil Borgfelde. Rainer hielt direkt vor der Haustür und machte Anstalten, sich zu verabschieden.

»Können Sie vielleicht noch mit hineinkommen und sicherstellen, dass er nicht vor der Tür lauert?«, fragte Sophie und legte eine Hand auf seinen Arm. Rainer blickte sich genervt um und fuhr weiter, um einen Parkplatz zu suchen. Neben ihm seufzte die junge Frau und ein Lächeln überzog ihr Gesicht.

Nachdem er einen Parkplatz gefunden hatte, stiegen sie aus und betraten das Haus. Der Hausflur war leer. Als sie im zweiten Stock angekommen waren, suchte Sophie nach ihrem Schlüssel. Bevor sie öffnete, drehte sie sich zu Rainer um und fragte ihn: »Darf ich Ihnen noch etwas anbieten? Als kleine Entschädigung für Ihre Mühe?«

Rainer schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank. Ich muss wirklich wieder zurück. Hier scheint ja alles in Ordnung zu sein.«

Man sah der Frau die Enttäuschung an. »Schade. Aber wenn ich noch mal Hilfe brauche, kann ich Sie dann anrufen?« Sie schenkte ihm einen hilflosen Blick.

»Wir werden Ihre Anzeige an die zuständigen Kollegen übergeben, die sich bei Ihnen melden werden. Bis dahin können Sie im Notfall bei mir anrufen.« Er reichte ihr eine Visitenkarte.

»Vielen Dank. Nun fühle ich mich schon viel besser.«

»Und kühlen Sie Ihr Veilchen«, warf er ihr noch zu, bevor er sich auf den Weg machte. Sophie Albers lächelte.

Als sie die Tür geöffnet und wieder hinter sich geschlossen hatte, blickte sie versonnen auf die Visitenkarte in ihrer Hand. Gab es Liebe auf den ersten Blick? Ab heute war sie überzeugt: Ja! Dieser gutaussehende Kommissar hatte es ihr angetan. Und der Begriff "Notfall" ließ sich doch sehr weit dehnen. Sie war entschlossen, bei ihm aufs Ganze zu gehen.

Rainer war mit seinen Gedanken schon wieder bei ihrem gerade abgeschlossenen Fall, als er sich auf den Weg zurück ins Präsidium machte. Die Sache mit dem selbsternannten Rächer, der Selbstjustiz geübt und mehrere Jugendliche misshandelt und schließlich sogar Menschen ermordet hatte, beschäftigte ihn immer noch. Er ahnte nicht, dass sein eigener Albtraum gerade seinen Anfang genommen hatte.

- 1 -

»Na, hast du deine neue Freundin erfolgreich nach Hause gebracht«, begrüßte Britta ihren Kollegen.

Rainer schaute sie fragend an. »Was meinst du?«

»Hast du nicht gemerkt, wie sie dich angehimmelt hat?«

»Quatsch!« Rainer schüttelte den Kopf. »Die Frau war einfach durcheinander und hatte Angst.«

Er setzte sich und goss sich ein Glas Apfelschorle ein.

Britta grinste. »Das denkst du. Ihre Blicke sprachen Bände. Aber sie setzt ihr Vertrauen in uns. Daher habe ich mit den Kollegen geklärt, dass wir ausnahmsweise diesen Klaus Bartels vernehmen werden.«

Rainer versuchte, sich die Situation noch einmal vor Augen zu führen. Hatte Sophie Albers tatsächlich versucht, ihn anzubaggern? Okay, sie war schon sehr anhänglich gewesen und ihren Versuch, ihn zu sich einzuladen, hatte er nur mit Mühe abwimmeln können. Und sie war ganz offensichtlich enttäuscht gewesen, dass er nicht mit hineinkommen wollte. Aber gut, für ihn war das Thema erledigt und bis auf die Befragung ihres Ex-Freundes hätte er mit der Geschichte dann nichts weiter zu tun.

»Sie sucht vermutlich einen Beschützer«, versuchte er, Brittas Einlassung abzutun. »Dann lass uns jetzt diesen Typen vorladen und danach ist hoffentlich Ruhe im Karton.« Rainer widmete sich seinem Bildschirm, wo er das Vorstrafenregister von Klaus Bartels aufgerufen hatte. Anscheinend neigte er wirklich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Es gab diverse Einträge zu Schlägereien. Rainer suchte die Meldeadresse heraus und ließ den Mann vorladen.

»So, ich mach dann mal Feierabend«, verkündete er, fuhr seinen Rechner herunter und machte sich auf den Weg. Heute Abend wollte er ins Fitnessstudio.

Nachdem er sich zwei Stunden fitgemacht und ausgiebig geduscht hatte, war er nach Hause gefahren und hatte es sich zuhause auf dem Sofa mit einem alkoholfreien Bier gemütlich gemacht. Er warf einen flüchtigen Blick auf sein Smartphone: Fünf Anrufe in Abwesenheit von einer unbekannten Nummer. Wer da wohl mehrfach versucht hatte, ihn zu erreichen? Auf seiner Mailbox war aber nichts gespeichert. War dann wohl nicht so wichtig, dachte er sich und streckte sich müde und zufrieden aus.

Fünf Minuten später klingelte sein Telefon erneut. Wieder diese unbekannte Nummer. Zögernd nahm er das Gespräch an, meldete sich aber nicht mit seinem Namen.

»Hallo, ist da Kommissar Zufall?«, vernahm er eine weibliche Stimme.

»Ja, wer ist denn da?« Ihm kam die Stimme bekannt vor.

»Entschuldigen Sie die späte Störung. Hier ist Sophie Albers. Ich wollte mich nur noch mal bei Ihnen bedanken.«

Pause. Rainer überlegte, ob sie noch etwas sagen wollte, blieb aber zunächst stumm. Die Sekunden zogen sich hin.

»Ja, gerne, aber das ist mein Job«, antwortete er dann. Warum rief sie ihn zu dieser späten Stunde an, um sich zu bedanken? Hatte Britta doch recht und die junge Frau versuchte, ihn anzubaggern?

Sie räusperte sich. »In Ihrer Gegenwart habe ich mich so sicher gefühlt«, begann sie zögerlich. Pause.

»Das freut mich«, erwiderte er artig. »Dann auf Wiederhören«, versuchte er, das Gespräch zu beenden.

»Ich wollte noch fragen«, hakte sie ein, »falls mein Ex-Freund noch einmal auftauchen sollte, kann ich Sie dann noch mal anrufen?«

»Sie sollten lieber die 110 anrufen, da erreichen Sie immer jemanden.« Allmählich wurde sie lästig.

»Aber Sie könnten doch …« Sie ließ den Satz unvollendet.

»Auf Wiederhören, Frau Albers.« Das war zwar unhöflich, aber er wollte ihr keinen weiteren Anlass geben, den Kontakt zu ihm zu intensivieren.

Gereizt stand er vom Sofa aus. Irgendwie hatte diese Frau ihm den Feierabend verdorben. Er zog sich aus und legte sich aufs Bett. Seine Gedanken wanderten zu Yvonne, seiner großen, aber unerfüllten Liebe. Wie es ihr wohl jetzt ging? Erst war sie verschwunden, dann hatte sie überraschend doch noch einmal versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen und ihm eine SMS geschrieben. Zu seinem Bedauern startete gerade sein Flugzeug auf dem Weg nach New York, sodass er nicht sofort reagieren konnte. Carmen, seine Ex-Freundin lebte mittlerweile in New York und sie beide hatten ihre Beziehung in eine Freundschaft gerettet. Nachdem er in Paris zwischengelandet war, hatte er gleich versucht, Yvonne zu erreichen. Leider ohne Erfolg. Da sie keinen Anrufbeantworter angeschaltet hatte, konnte er auch keine Nachricht hinterlassen. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Der Gedanke schmerzte noch heute, an diesem Abend ganz besonders. Er lag lange wach. Den Anruf von Sophie Albers hatte er inzwischen wieder vergessen.

- 2 -

Er hatte sich gestern beim Sport anscheinend etwas viel zugemutet. Als Rainer aufwachte und sich mühsam aus dem Bett schob, spürte er reichlich Muskelkater in den Oberschenkeln. Die Nacht war auch nicht besonders erholsam gewesen. Mit trüben Gedanken war er nach einer langen Wachphase eingeschlafen und viel besser fühlte er sich jetzt auch nicht.

Er stand lange unter der heißen Dusche, um seine müden Glieder zu wärmen. Mit Überwindung hatte er dann auf kaltes Wasser umgestellt, um ein wenig wacher zu werden. Danach hatte er sich einen Kaffee gekocht, schön stark und schwarz, quasi seine tägliche Ration, denn tagsüber trank er normalerweise nur Apfelschorle.

Lustlos zog er sich an und machte sich auf den Weg ins Büro. Dort angekommen wartete eine Überraschung auf ihn.

»Sieht so aus, als hättest du einen Fan«, begrüßte ihn seine Kollegin Britta und deutete auf einen Blumenstrauß, der einen großen Teil seines Schreibtisches einnahm.

»Von wem ist der denn?«, fragte Rainer und betrachtete die Blumen.

»Keine Ahnung.« Britta zuckte mit den Schultern. »Wurde hier abgegeben. Ist da keine Karte dabei?«

Rainer schaute prüfend, dann entdeckte er die Karte, die in dem üppigen Strauß steckte. Der Umschlag war über und über mit Herzchen verziert. In ihm steckte eine Karte, auf der nur "Danke" stand, ebenfalls mit zahlreichen Herzen verziert.

»Und?« Britta stand plötzlich hinter ihm und schaute ihm über die Schulter.

»Keine Ahnung«, brummte Rainer. »Da steht kein Name drauf.«

Britta stand plötzlich neben ihm. »Oh weia, so viele Herzchen. Hast du eine Neue?« Sie grinste breit und klopfte ihm auf die Schulter.

»Nicht, dass ich wüsste.« Plötzlich fiel ihm wieder der späte Anruf von Sophie Albers ein. Sie würde doch nicht …

»Oh, hoffentlich ist der nicht von dieser Albers«, stöhnte er.

»Wie kommst du darauf? Als Dankeschön dafür, dass du sie nach Hause gebracht hast?«, fragte Britta und musterte ihren Kollegen intensiv.

»Naja, sie hat gestern mehrfach angerufen als ich beim Sport war, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und als ich gerade wieder zuhause ankam, klingelte es wieder. Ich hab das Gespräch dann angenommen. Hätte ja auch was Wichtiges sein können«, erzählte Rainer beinahe entschuldigend.

»Und?«

»Sie wollte sich nur noch mal bedanken«, erklärte Rainer, wobei er das "noch mal" besonders betonte.

»Ach du Schande«, platzte es aus Britta heraus. »Diese Frau lässt so schnell nicht locker, fürchte ich.«

»Na, ich werde sie auf Abstand halten.«

Rainer nahm die Karte, zerriss sie und warf sie in den Papierkorb.

»Und was ist mit den Blumen?«, fragte Britta und zeigte auf den großen Strauß.

Rainer zuckte mit den Schultern. »Willst du sie haben? Die nehmen ja meinen ganzen Schreibtisch ein.«

»Lieber nicht.« Britta schüttelte mit dem Kopf. »Nachher bekommt sie noch mit, dass ich den Strauß nach Hause schleppe«, erklärte sie lachend.

»Na, die wird mich ja wohl nicht observieren.«

»Wer weiß?« Britta lachte, ohne zu ahnen, wie recht sie hatte.

- 3 -

Momentan hatten die beiden Kommissare nur mit Routinearbeit zu tun. Das war einerseits etwas öde, andererseits hatten sie nach dem letzten aufregenden Fall, in dem ein selbst ernannter Rächer eine Blutspur durch Hamburg gezogen hatte, für ihren eigenen Geschmack genug Aufregung gehabt.

Nachdem der Fall gelöst war, hatte Rainer seinen langersehnten Urlaub angetreten und Carmen in den Vereinigten Staaten besucht. Beinahe hätte er sogar noch Yvonne getroffen, aber es war wie verhext. Irgendetwas kam immer dazwischen.

Trotz der Enttäuschung, Yvonne knapp verpasst zu haben, hatte er dennoch drei erholsame Wochen mit Carmen verbracht und dabei die Stadt, die niemals schläft, New York, ausgiebig erkundet. Es war ihm richtig schwergefallen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. So war er froh, erst einmal einen etwas ruhigeren Einstieg in seinen Job zu haben. Britta hatte den Laden "geschmissen" und außer kleineren Delikten, um die sie sich kümmern mussten, war es in den letzten Wochen regelrecht gemächlich zugegangen. Rainer hatte es sogar geschafft, pünktlich Feierabend zu machen und mehrfach seinen inneren Schweinehund zu besiegen und Sport zu treiben.

Die Routine war nun durch diese junge Frau unterbrochen worden.

Britta hatte den Mann zur Befragung ins Präsidium bestellt, was dieser mehrere Tage ignoriert hatte. Irgendwann war es der Kommissarin zu dumm geworden und sie hatte den Mann abholen lassen.

Als Rainer zum Dienst erschien, saß Klaus Bartels bereits im Vernehmungszimmer und wartete auf die beiden Kommissare.

»Guten Morgen, Herr Zufall. Ich wünsche, wohl geruht zu haben«, begrüßte Britta ihren Kollegen als dieser gegen 8.30 Uhr das Büro betrat.

»Was ist mir dir denn los?« Rainer sah seine Kollegin zweifelnd an.

»Du machst den Anschein, als seiest du noch im Urlaub. Hier wartet Arbeit auf uns. Also dalli, dalli.«

»Arbeit?« Er runzelte die Stirn. »Was ist das?« Dann machte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breit.

»Ein gewisser Klaus Bartels möchte von uns befragt werden.«

»Wer ist das?« Rainer hatte den Namen bereits wieder vergessen.

»Der Typ deines Groupies.«

»Hä?«

»Na der Ex der jungen Frau, die dich so angehimmelt hat.«

»Ach die.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

Britta grinste. »Dann wollen wir dem Mann mal auf den Zahn fühlen.«

Sie verließ den Raum, Rainer folgte ihr lustlos.

Als die beiden Kommissare eintraten, blickte ihnen ein Mann entgegen, der Rainer vom ersten Moment an unsympathisch war. Er musste sich selbst zur Ordnung rufen, um ihm unbefangen entgegen zu treten. Doch so recht wollte ihm das nicht gelingen.

Klaus Bartels sah sie gelangweilt an. Seine gesamte Haltung drückte aus, wie sehr es ihm gegen den Strich ging, hier zu sitzen und sich ihren Fragen stellen zu müssen. Seine langen Haare waren fettig, das Gesicht unrasiert und beim Blick auf die Hände stellte Rainer fest, dass die Fingernägel schmutzig waren und die Haut an einigen Stellen rissig und teilweise blutig. Wie passte dieser Typ zu einer Frau wie Sophie Albers? Oder war er erst nach der Trennung von ihr so heruntergekommen?

»Guten Morgen«, begrüßte Britta den Mann, verzichtete aber darauf, ihm die Hand zu geben. »Papadopoulos, das ist mein Kollege Zufall.« Sie zeigte auf Rainer, der dem Besucher nur kurz zunickte.

»Kannst du mir sagen, was ich hier soll, Süße?« Klaus Bartels sah die Kommissarin herausfordernd an, Rainer ignorierte er bewusst.

»Hier ist nichts mit Süße«, konterte Britta, »und ich wüsste nicht, dass wir per Du sind, Herr Bartels.«

Ihr Gegenüber grinste sie an und leckte sich betont über die Lippen.

»Also, eine Sophie Albers hat sie angezeigt, weil Sie sie geschlagen haben sollen. Was sagen Sie dazu?«

»Was hat das Mäuschen gesagt?« Bartels erhob sich entrüstet, woraufhin Rainer ihn an der Schulter packte und auf den Stuhl zurückdrückte.

»Sitzen bleiben!«, befahl er.

Bartels schlug nach Rainers Hand. »Nicht anfassen, du Wichser.«

Rainer schluckte die Provokation und wiederholte Brittas Frage: »Dafür könnten wir Sie wegen Beamtenbeleidigung anklagen. Aber zurück zu unserer Frage: Was sagen Sie dazu?«

»Bullshit!«, platzte es aus Klaus Bartels heraus. »Ich habe der Tussi nichts getan. Die ist nur sauer, weil sie nicht mehr bei mir landen kann.«

»Das heißt, Sie haben mit Frau Albers Schluss gemacht und nun hat sie das erfunden?« Britta übernahm das Gespräch wieder.

»Genau, Sü…« Gerade noch rechtzeitig schluckte er das Wort herunter.

»Wie erklären Sie sich dann das Veilchen, das Frau Albers uns gezeigt hat?«

»Was weiß ich. Die Kuh ist vermutlich zu blöd, um durch die Gegend zu laufen. Ist bestimmt in einen Schrank gerannt.«

»Na klar«, ereiferte sich Rainer, dem das Auftreten dieses Mannes immer mehr auf die Nerven ging. »Sie erzählen hier Mist. Wann haben Sie Ihre Ex-Freundin zuletzt gesehen?«

»Was weiß ich. Ich hab so viele Mäuse am Start, da führ ich kein Buch drüber.«

»Ich glaube, das war vor ein paar Tagen und da sind Sie handgreiflich geworden, weil sie Sie abserviert hat. Richtig?«

»Beweise, Meister? Wo sind deine Beweise?«

»Die werden wir bekommen. Und bis auf Weiteres rate ich Ihnen, sich von Ihrer Ex fernzuhalten!«

Rainer blitzte ihn an. Klaus Bartels grinste.

»Und wenn nicht? Die Tussi rennt mir eh hinterher. Oder willst du sie haben?« Er griff sich selbst in den Schritt und lachte laut auf.

»Raus hier, bevor ich mich vergesse.«

Rainer zeigte zur Tür. Provozierend grinsend erhob sich Klaus Bartels, formte mit seinem Mund einen Kuss in Richtung Britta. »Heute Abend schon was vor, Frau Kommissar?«

Britta warf ihm einen genervten Blick zu, sagte aber nichts. Triumphierend verließ Bartels den Raum.

»Boah, was für ein Ekelpaket«, stöhnte Rainer auf, als sich die Tür geschlossen hatte.

»Mann, du hast dich ja ganz schön provozieren lassen«, bemerkte Britta. »So kenne ich dich gar nicht.«

Rainer seufzte. »Ja, ich habe versucht, ruhig zu bleiben, aber bei dem Typen ging das irgendwann nicht mehr.« Er schüttelte den Kopf. »Was finden Frauen wie Sophie Albers an so einem Kerl? Ich verstehe es nicht.«

»Erwacht dein Beschützerinstinkt?«

»Quatsch!«, antwortete Rainer heftig.

»Na ja, zumindest sucht sie Schutz bei dir.«

»Hör bloß auf. Ich hoffe, dass wir mit den beiden nichts mehr zu tun haben.«

»Ich auch.«

Doch die Hoffnung platzte, sobald sie zurück im Büro waren. Kaum hatten sie an ihren Schreibtischen Platz genommen, da klingelte Rainers Telefon.

»Herr Zufall, hier ist Sophie Albers. Haben Sie schon mit Klaus gesprochen? Was hat er gesagt?«

Rainer blickte genervt zu Britta, schlug dann die Augen nieder und antwortete: »Er streitet alles ab, sodass wir momentan leider nichts gegen ihn unternehmen können. Tut mir leid.«

»Aber …«, vernahm er am anderen Ende gefolgt von einem kurzen Aufschluchzen. »Kann man denn gar nichts tun?«

»Ich fürchte, im Moment nicht.«

»Können wir uns nicht irgendwo treffen und sie geben mir Tipps, wie ich mich verhalten kann?«

Rainer schüttelte den Kopf, obwohl ihm klar war, dass seine Gesprächspartnerin das nicht sehen konnte.

»Das ist keine gute Idee. Am besten, Sie gehen Ihrem Freund, Ex-Freund aus dem Weg.«

»Und wenn er mich belästigt? Kann ich Sie dann anrufen?«

»Rufen Sie die 110 an, da erreichen Sie immer jemanden.«

»Aber …«, versuchte sie noch einmal nachzuhaken.

»Tut mir leid, Frau Albers, ich habe jetzt einen Termin. Auf Wiederhören!« Er beendete das Gespräch eilig.

»Termin?« Britta runzelte die Stirn. »Was und wo denn?«

»Apfelschorlentermin mit meiner Lieblingskollegin!« Rainer grinste. »Irgendwie musste ich diese anstrengende Frau loswerden.«

Britta lächelte. »Hat geklappt!« Sie sollten sich ziemlich täuschen.

- 4 -

Als Rainer am nächsten Abend nach Hause kam, fand er vor seiner Tür ein Paket. Er nahm es in die Hand und stutzte. Offensichtlich war es nicht von einem Paketdienst gebracht worden, sondern es musste jemand so vor seine Wohnungstür gelegt haben.

Kopfschüttelnd nahm er es mit in die Wohnung und stellte es auf seinen Esszimmertisch. Er konnte sich nicht erinnern, irgendetwas bestellt zu haben. Zwar war er neugierig, was sich darin befinden könnte, andererseits überlegte er, ob es eine gute Idee wäre, das Paket zu öffnen.

Unschlüssig goss er sich erst einmal eine Apfelschorle ein und betrachtete den Karton. Sollte er das Paket am nächsten Tag mit ins Büro nehmen und es erst einmal durchleuchten lassen? Vielleicht würden ihn seine Kollegen für verrückt erklären. Andererseits gab es genügend Geschichten mit Paketen, in denen sich verdächtige Gegenstände befanden. Er nahm das Paket in die Hand und schüttelte es vorsichtig. Dann horchte er. Zumindest kein Ticken. Ein dezenter Geruch stieg ihm in die Nase. Parfum?

Seine Neugier gewann die Oberhand und langsam riss er das Papier auf. Der Karton eines Versandhauses kam zum Vorschein. Er öffnete ihn und der Geruch des Parfums wurde stärker. Als Erstes fiel ihm eine Flasche mit After Shave auf. Außerdem bemerkte er eine Karte und etwas Schwarzes, das in Folie eingeschweißt war. Er nahm die Karte in die Hand, drehte sie um und las:

»Wie wäre es, wenn wir uns hiermit einen schönen Abend machen würden? Würde ich dir so gefallen? Liebe Grüße S.A.«

Rainer runzelte die Stirn. S.A.? Wer war das? Ihm schwante plötzlich Fürchterliches. Er riss die Folie auf und nahm den Inhalt heraus. Ein Spitzen-BH und zwei Stringtangas, einer für Frauen, einer für Männer.

Kopfschüttelnd setzte er sich auf einen Stuhl. Die Frau hatte sich anscheinend wirklich in ihn verguckt. Aber selbst wenn, wie sie vorging wirkte nicht normal. Hatte er es mit einer Stalkerin zu tun? Hätte er sich bloß nicht darauf eingelassen, sie nach Hause zu bringen. Aber … Plötzlich stand ihm eine Frage vor Augen. Woher wusste sie, wo er wohnte? Das war nun eine echte Katastrophe. Wenn sie so aufdringlich wurde, dann wäre er nicht einmal zuhause vor ihr sicher.

In seine Überlegungen hinein klingelte sein Smartphone. Die Nummer kam ihm bekannt vor. Sophie Albers! Er starrte auf das Display und überlegte, ob er das Gespräch annehmen sollte, doch er war wie erstarrt. Wäre es besser, sie zu ignorieren, oder sollte er ihr noch einmal klipp und klar sagen, dass er nichts von ihr wollte? Irgendwann wurde der Anruf an seine Mailbox weitergeleitet.

Rainer brauchte ein paar Minuten, um auf sein Smartphone zu schauen. Sie hatte nicht auf die Mailbox gesprochen. Vielleicht war ignorieren das Beste, dachte er, als das Telefon erneut klingelte. Die Frau war hartnäckig. Seufzend nahm er nach dem sechsten Anruf doch das Gespräch an.

»Ich weiß doch, dass du zuhause bist«, eröffnete seine Anruferin das Gespräch fröhlich.

»Frau Albers, bitte, was wollen Sie?«

»Ach, sag doch bitte Sophie zu mir. Hast du mein kleines Präsent schon aufgemacht?«

»Ja, was soll das?«

»Ich habe vom ersten Moment gespürt, dass da etwas zwischen uns ist. Ich stelle mir vor, wie wir beide nebeneinanderliegen und du sanft über meine Brüste …«

»Frau Albers, hören Sie auf. Das wird nichts mit uns«, unterbrach er sie.

»Doch, ich bin mir ganz sicher. Du musst es einfach zulassen. Kannst du dir vorstellen, wie ich die schwarzen Dessous trage, die ich dir geschickt habe?«

Die Frau ist verrückt, ging es Rainer durch den Kopf. Wie werde ich sie bloß wieder los?

»Lassen Sie mich in Frieden«, antwortete er und beendete das Gespräch.

Rainer hatte schon viel über Stalking gelesen, aber nie hätte er geahnt, dass es ihn selbst treffen würde. Jetzt konnte er nur hoffen, dass Sophie Albers die Abfuhr verstanden hatte, aber sicher war er sich da nicht.

Er nahm das Paket, das immer noch auf dem Tisch stand, packte alles ein, verließ die Wohnung und warf es in den Müllcontainer. Von der gegenüberliegenden Straßenseite wurde er beobachtet, ohne es zu merken. Als er

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 11-07-2018
ISBN: 978-3-7438-8568-4

All Rights Reserved

Dedication:
Ich danke insbesondere meiner Frau, meiner Tochter und meinen Testlesern für das kritische Durcharbeiten meines Manuskripts und die konstruktiven Anmerkungen. Und natürlich gilt der Dank auch der lieben Jasmin Braun, die wieder ein tolles Cover erstellt hat. Außerdem natürlich jedem Leser, der meinen Kommissar durch das schöne Hamburg begleitet.

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