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"Casey!", rief meine Mom, als sie einen vollen Karton im Hausflur abstellte. Ich stand an unserem Auto und schaute mir die Umgebung an. "Was ist denn, Mom?", rief ich zurück und drehte mich in Richtung Haus. "Würdest du mir jetzt mal bitte helfen, die Kisten rein zubringen? Ich mühe mich hier nicht alleine ab!", keifte sie. Ich verdrehte die Augen und schnappte mir eine der schweren Umzugskartons, die ich in den Hausflur brachte. Es war das erste Mal, dass ich das Haus betrat. Vorher war meine Mom schon mal hier mit den Möbelpackern, die uns die gröbsten Möbel aufgebaut hatten. Das Haus war schön von innen. Die Wände im Flur waren in hellem orange gestrichen worden. Und durch die Türen der angrenzenden Räume strahle das helle Sonnenlicht. Bevor ich meiner Mom weiter half, schaute ich mich etwas um. Die Räume waren alle sehr hell gestrichen, mit großen Fenstern. Generell waren die Räume sehr groß. Doch ehe ich mich weiter umschauen konnte, befahl meine Mutter mich wieder zu sich, um die Kisten aus dem Auto zu holen. Eigentlich hätten wir nicht umziehen brauchen. Wir hatten ein schönes Haus in Madera. Es war auch groß, immer sonnendurchflutet. Wir hatten einen großen Garten, in dem meine kleine Schwester Trish spielen konnte. Doch nach dem Unfall, bei dem mein Vater ums Leben kam und Trish dem Tod nur knapp entronnen war, konnte meine Mutter es nicht ertragen, in dem Haus zu leben. Zu viel erinnerte sie an Dad. Also suchte Mom so schnell wie möglich ein neues Zuhause für uns. Und dieses Zuhause war nun in Santa Barbara. Fast fünf Stunden von Madera entfernt. Nach knapp einer halben Stunde hatten wir beide das Auto ausgeladen. Die Kartons standen nun alle im Flur und ließen ihn erdrückend klein wirken. „Mom? Kann ich mir ein bisschen die Gegend anschauen?“, fragte ich meine Mutter, die auf einem Plastikstuhl auf der Veranda saß und einen Schluck Wasser aus der Flasche nahm. „Natürlich kannst du das…aber sei bitte wieder zuhause, bevor es dunkel wird!“, antwortete sie. Sie lächelte mich an und nickte bekräftigend. Doch ich merkte ihr an, dass sie das nur tat, damit ich mir keine Sorgen machte. Sie wollte mich denken lassen, dass sie das mit Dads Tod schon hinbekommt. Ich schnappte mir mein Skateboard, das ich im Auto hatte liegen lassen, und rollte über die Gehwege. Santa Barbara war schön. Es lag direkt am Pazifik. Auf meiner Erkundungstour entdeckte ich gleich einen Imbissstand, der mich auch sogleich mit seinem Duft von Pommes und Burgern anlockte. Der Mann hinter dem Tresen war korpulent, wusste also wohl nicht viel von Sport. Doch er wirkte ziemlich nett. Hatte ein freundliches Lächeln. „Na, Junge?! Bist neu hier, oder was? Hab dich noch nie hier gesehen!“, plauderte er gleich munter drauf los. Ich schaute zu ihm auf, nickte und antwortete: „Ja, ich bin grade erst hergezogen, mit meiner Mom und meiner Schwester!“ Der Mann nickte und fragte mich, was ich denn gern hätte. Im Stillen dachte ich, ich hätte gern meinen Dad zurück, doch meine Antwort belief sich auf eine Portion Pommes, einen Hamburger und eine Cola. Während ich aß, hatte ich mein Board auf die Bank neben mir gelegt. Hinter mir hörte ich Stimmen. Ich drehte mich um und sah zwei Jungs, die direkt auf den Imbissstand zusteuerten. Beide hatten Skateboards unter den Armen, also erschienen sie mir sehr sympathisch. „Hey Jeff!“, rief der eine und begrüßte den Mann vom Imbiss mit einem Handschlag. Der andere schien Jeff nur stillschweigend zu begrüßen. Jeff und der eine Junge wechselten kurz ein paar Worte. Beide mussten die Jungs wohl auf ihre Bestellung warten, denn sie drehten sich zu mir um und kamen zu mir rüber. „Hey, cooles Board! Wo hast du das Deck her?“, sprach mich der eine, der vorhin schon mit Jeff gesprochen hatte, an. Ich schaute von meinem Essen auf und antwortete: „Danke! Das hab ich selbst entworfen und drauf gezeichnet.“ Die zwei setzten sich mir gegenüber und schauten sich interessiert mein Board an. „Das ist wirklich echt cool! Ach übrigens, ich bin Jeremiah, kurz Jerry und mein Kumpel hier ist Dillon!“, stellte der Sprechende, Jerry, sich und den Stummen, Dillon, vor. „Ich bin Casey!“, gab ich zurück. Dann brüllte Jeff, dass die Bestellung fertig sei. Dillon sprang auf und lief zu Jeff rüber. „Du bist neu hier, oder? Ein Board wie deines wäre mir sonst schon längst aufgefallen!“, meinte Jerry, während er auf sein Essen wartete. Ich nickte nur und stopfte mir die letzten Pommes in den Mund. „Wenn du Bock hast, zeigen Dillon und ich dir den Skateplatz hier. Ich wette, du wirst da noch einige finden, die über dein Board staunen!“ Jerry schien einer der Menschen zu sein, die wirklich gern sprachen. „Ich würde echt gern mitkommen, aber ich sollte lieber nach Hause und nach meiner Mom schauen. Ich mach mir etwas Sorgen um sie.“ Während ich antwortete schaute ich auf den leeren Teller vor meiner Nase und griff nach meinem Glas Cola. Einen momentlang schwieg Jerry, doch dann fragte er mich nach meiner Adresse und meinte, er würde mich morgen mit Dillon abholen. Ich stimmte ihm zu und machte mich auf den Heimweg. Ich machte mir nun langsam wirklich Sorgen um meine Mutter. Seit der schrecklichen Nachricht hatte ich sie nie allzu lange allein gelassen. Doch als ich zuhause ankam, musste ich erleichtert feststellen, dass sie den Umständen entsprechend guter Laune war. Sie hatte schon einen Großteil der Kartons ausgepackt und richtete so langsam unser neues Leben ein. „Ah, Casey! Ich hatte dich nicht so früh zurück erwartet. Jetzt hab ich es nicht mehr geschafft, deine Kartons in dein Zimmer zu bringen!“, murmelte sie mir zur, während sie einen Karton mit Büchern im Wohnzimmer auspackte. „Ich wollte nicht so lange weg bleiben. Warte, ich helfe dich!“, gab ich zurück und holte vier Bücher gleichzeitig aus der großen Kiste. Dankend lächelte mich Mom an und verschnaufte kurz. Nachdem ich alle Bücher aus den Kisten geholt hatte, brachte ich meine eigenen Sachen in mein neues Zimmer. Es war ein etwas kleineres Zimmer, aber dafür hatte ich mein eigenes Bad. Ich denke, Mom hat es mir nur gegeben, damit sie meine dreckige Wäsche nicht immer sehen muss, wenn sie ins Bad geht. Ich persönlich war damit vollends einverstanden. Ein eigenes Bad zu haben hatte eindeutige Vorteile. Ich musste dann zum Beispiel nicht sofort meine Sachen aufräumen, oder das Waschbecken nach dem rasieren putzen. In meinem Zimmer standen schon mein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch. Alles Weitere sollte später noch kommen. Und so musste ich auch nicht alle meine Kartons auspacken. Lediglich die, mit meinen Klamotten und meiner Bettwäsche. Und die, in dem mein ganzes Zeug fürs Badezimmer drin war. Das erste, was ich machte, war meine Anlage anschließen. Die Arbeit ging mir deutlich leichter von der Hand, wenn ich Musik dabei hörte. Ich suchte mir aus meiner CD-Sammlung eine CD von Jack Johnson raus und drehte die Anlage auf. Während mein Zimmer mit sommerlichen Klängen gefüllt wurde, räumte ich gemächlich eine Kiste nach der anderen aus. Ich merkte nicht, wie oft ich die CD von neuem abspielte und wie die Zeit verging. Erst, als meine Mom anklopfte und mir sagte, dass ich doch so langsam ins Bett gehen sollte, stellte ich fest, dass es schon ein Uhr nachts war. Ich nickte meiner Mom zu und drehte die Musik leiser. Sie verließ mein Zimmer wieder und ich zog mir ein altes T-Shirt und eine Jogginghose an. Auch weihte ich mein neues Badezimmer ein, indem ich mir noch schnell die Zähne putzte und meine dunkelbraunen Haare bürstete. Eigentlich hätte ich auch duschen müssen, aber dazu hatte ich heute einfach keinen Bock mehr. Ich lief runter zu meiner Mom um ihr gute Nacht zu sagen. Sie saß draußen auf der Terrasse und trank einen Tee. Ich umarmte sie noch mal und schlurfte dann zurück in mein Zimmer. Immer noch klang Jack Johnson aus meiner Player. Ich legte mich in mein Bett und versuchte einzuschlafen. Einige Zeit lag ich noch wach. Ich merkte sogar noch, wie meine Mutter einige Zeit später in mein Zimmer kam. Sie war im festen Glauben, dass ich schon schlief, weshalb sie mir über den Kopf streichelte und mir einen Kuss auf die Wange drückte. Das letzte Mal, als sie das gemacht hat, war ich 11 Jahre alt gewesen. Das war nun schon 6 Jahre her. Ihre Geste rührte mich total. „Ich hab dich lieb, Mom!“, flüsterte ich, als sie wieder aus meinem Zimmer rausgegangen war. Kurze Zeit später fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Seit Dads Tod konnte ich nicht mehr ruhig schlafen.
Verschlafen und noch sehr müde wachte ich am nächsten Morgen auf. Im Haus war es absolut still. Nicht einmal das Radio lief. Verwundert ging ich die Treppe runter und schaute mich nach meiner Mom um. Doch sie war nirgends zu sehen. Auch in ihrem Schlafzimmer fand ich sie nicht. Als ich mich dann in der Küche genauer umschaute, entdeckte ich einen kleinen Zettel, auf dem drauf stand, dass sie bei Trish im Krankenhaus war. Ich ärgerte mich ein wenig darüber, da ich eigentlich immer mit wollte, wenn sie zu Trish fährt. Ein wenig verärgert suchte ich mir etwas zu essen und überlegte, was ich jetzt machen sollte. Während ich meine matschigen Cornflakes aß, setzte ich mich nach draußen auf die Terrasse. Die Sonne schien schon um 10 Uhr hoch am Himmel und wärmte die Umgebung. Mir wurde langweilig und ich entschied mich dazu, meine Gitarre zu suchen. Mom hatte sie irgendwie in die Abstellkammer gepackt, während sie die Umzugskartons auspackte. Doch zum Glück fand ich sie relativ schnell, da sie direkt neben der Tür stand, an der Wand gelehnt. Ich schleppte den Gitarrenkoffer plus Gitarre raus in den Garten und holte mir von drinnen noch schnell eine Cola. Mit allem zusammen setzte ich mich auf den Rasen und überlegte, was ich spielen sollte. Ich entschied mich dazu, einfach drauf los zuspielen und hoffte darauf, dass mir dann etwas Vernünftiges einfallen würde. Komplett in die Akkorde vertieft, bemerkte ich nicht, dass jemand hinter mir stand. Erst, als ich ein Räuspern hörte, bemerkte ich, dass jemand hinter mir war. Verwundert drehte ich mich um und sah, dass dort ein Mädchen stand. Das erste, was mir an ihr auffiel, war ihr Rock. Er ging ihr etwas über die Knie und war dunkelblau. Dazu trug sie ein weißes T-Shirt, das in den Rock gesteckt war. Ihre Schuhe waren rot, genauso, wie die kleine Schleife in ihren karamellfarbenen Haaren, die sie zu einem Zopf zusammen genommen hatte. „Das hörte sich sehr gut an!“, sagte sie. Ihre Stimme klang angenehm weich. Da ich in die Sonne schauen musste, um sie anzusehen, konnte ich ihr Gesicht nicht erkennen. „Ähm, danke!“, murmelte ich und wusste nicht genau, was ich noch weiter sagen sollte. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte sich mich dann ganz offen heraus und wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern ließ sich gleich neben mich auf den Boden sinken. „Ich hab dich von der Straße aus spielen hören. Ich war einfach so neugierig, wer da so gut Gitarre spielt, da musste ich einfach nachschauen! Ach ja, ich heiße Lisa!“, erklärte sie und lächelte mich an. Jetzt konnte ich ihr Gesicht sehen und erkannte die weichen Rundungen ihrer Wangenknochen und die schon geschwungenen Lippen. Sie sah etwas jünger aus, als die Mädchen in meinem Alter. Ich schätzte sie auf 15, oder höchstens auf 16. „Ich bin Casey, schön, dass es dir gefallen hat!“, gab ich zurück. Ich wusste nicht, wie ich mit ihr umgehen sollte. In Madera hatte ich nur mit Mädchen zu tun gehabt, mit denen ich schon seit der Kindheit zusammen war. Und auch hatte ich erst eine feste Freundin. Lisa lächelte mich an und fragte schließlich: „Spielst du noch was? Bitte!“ Ihre süße Art brachte mich zum Lächeln. Ich überlegte kurz, was ich spielen konnte und fing dann langsam an, über die Saiten zu streichen. Ich spielte eines der Lieder, die ich sogar mitsingen konnte. Doch traute ich mich nicht, zu singen. Aber dies ließ ich Lisa nicht merken, sonst würde sie mich noch dazu auffordern, dass ich das Lied auch sang. So spielte ich eine Zeit vor mich hin, bis sie aufsprang und sagte: „Oh, es tut mir leid, aber ich muss jetzt los. Ich muss noch einkaufen gehen!“ Und schon war sie aus unserem Garten verschwunden. Einige Minuten saß ich noch auf dem Rasen und dachte über dieses Mädchen nach. „Eine sehr verrücke Person, diese Lisa!“, murmelte ich schließlich und stand auf. Meine Beine taten ein wenig weh, da ich die ganze Zeit im Schneidersitz saß. Ich packte meine Gitarre wieder in ihren Koffer und ging zurück ins Haus. Ich wollte noch schnell unter die Dusche springen, bevor Jerry und Dillon kamen um mich abzuholen. Nach dem ich geduscht hatte und mir frische Kleidung angezogen hatte, begutachtete ich mich im Spiegel. Ich war stolz auf meinen Körper. Ich war durchtrainiert und ein guter Skater. Eine Weile schaute ich mir mein Spiegelbild noch an, doch dann griff ich nach dem Haarspray und tüftelte an meiner Frisur. Nach wenigen Minuten saß sie so, wie ich sie haben wollte. Nun fehlte zum letzten Schliff nur noch eine Mütze oder eine Cap und dann war mein Outfit für heute perfekt. Die Kiste mir meinen Caps hatte ich noch nicht ausgepackt, also wühlte ich in dem Karton, bis ich eine schwarze Cap, mit hellgrünem Aufdruck fand.

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Publication Date: 05-08-2011

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