Cover

Leseprobe

Dirty Diary

Mia Kingsley

Dark Romance

Copyright: Mia Kingsley, 2016, Deutschland.

Coverfoto: © Mia Kingsley unter Verwendung von

© tverdohlib - fotolia.com

Korrektorat: http://www.swkorrekturen.eu

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet.

Sämtliche Personen in diesem Text sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig.

Black Umbrella Publishing

www.blackumbrellapublishing.com

Inhalt

Warnung

Dirty Diary Playlist

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Über Mia Kingsley

Warnung

Meine bisher dümmsten1 Lebensentscheidungen lassen sich schnell zusammenfassen:

– Das Tagebuch einer Toten finden und nicht zur Polizei gehen.

– Stattdessen eine Affäre mit ihrem potenziellen Mörder2 beginnen.

– Nicht mehr von ihm loskommen3 …

Erläuterung

1.) Natürlich ist die Protagonistin stark und clever. Meistens jedenfalls.

2.) Er ist übrigens ein Sadist mit allem, was dazu gehört. Empfindlicher Magen? Kein Fan von Dominanzspielen und Blut? Dann ist das hier nicht dein Buch. Letzte Chance, auszusteigen …

3.) Er ist halt ein Bad Boy, wie er im Buche steht: Verboten. Gefährlich. Aber leider unwiderstehlich …

Für meine größte Schwäche.

Dirty Diary Playlist

The Used – The Taste of Ink

Green Day – Still Breathing

Dance Gavin Dance – Exposed

My Chemical Romance – Bulletproof Heart

Troye Sivan – Wild

Bayside – Two Letters

Stone Sour – Say You’ll Haunt Me

AFI – I Hope You Suffer

Awolnation – Sail

Bastille – Get Home

Shawn Mendes – Patience

OneRepublic – Let’s Hurt Tonight

Pierce The Veil – Gold Medal Ribbon

Trash Boat – Eleven

Blink-182 – Los Angeles

Melanie Martinez – Pacify Her

Lana Del Rey – Pretty When You Cry

Andy Black – Put The Gun Down

PVRIS – You And I

Creeper – Misery

Kapitel 1

In der Tür des 24/7-Coffeeshops drängten sich die koffeinhungrigen Studenten. Fast jeden Morgen wunderte ich mich darüber, und auch heute konnte ich mich der Frage nicht entziehen, warum der Besitzer gedacht hatte, es wäre eine gute Idee, den Laden so zu nennen. Denn er hatte keineswegs rund um die Uhr geöffnet.

Erst ab acht Uhr bekam man seinen Fix und um achtzehn Uhr wurde zugeschlossen. Dennoch entstand jeden Morgen eine wahre Menschentraube, da es der einzige Shop auf dem Campus war.

Der Kaffee war nicht einmal sonderlich gut, aber ich bekam ihn umsonst, weil mein fester Freund Joshua hier als Barista arbeitete. Er lächelte mich an, als ich endlich an der Reihe war, und hielt mir den Becher hin.

Am liebsten hätte ich mit den Augen gerollt, da Joshua einfach zu berechenbar war. In der letzten Sekunde hob er den Pappbecher hoch, tippte mit dem Zeigefinger auf seine Lippen und sagte: »Das macht einen Kuss und fünfzig.«

Ich gab ihm den gewünschten Kuss und nahm den Kaffee. »Jeden Morgen, Joshua, jeden Morgen.«

»Rituale sind wichtig.«

»Gut. Dann frage ich jetzt auch wie jeden Morgen: Was sollen die ›und fünfzig‹? Soll das ein halber Kuss sein?« Ich beugte mich weiter vor und raunte: »Oder sparst du sie, bis du einen Blowjob zusammenhast?«

Das Blut schoss in Joshuas Wangen, während er sich hektisch umsah, ob jemand meinen gotteslästerlichen Kommentar gehört hatte.

»Harper!«, flüsterte er leise.

Warum hatte ich nur den Eindruck, dass jeder andere Mann sich über meinen Witz gefreut hätte, während Joshua sich aufführte, als wäre ich noch an Ort und Stelle vor ihm auf die Knie gegangen, um seine Hose zu öffnen.

»Entspann dich«, murmelte ich. »Es war ein Scherz.«

»Hier sind so viele Leute.«

»Niemand achtet auf uns.« Ich nippte an dem Kaffee und zog mein Handy aus der ausgebeulten schwarzen Ledertasche, die ich über der Schulter trug, um nachzusehen, wie spät es war.

»Harper«, rief Melody hinter mir. »Was hast du mit deinen Haaren gemacht?«

Als ich mich umdrehte, zwängte sie sich durch die Menge. Ich erwartete ein Kompliment, denn ich fand das Ergebnis durchaus gelungen, wenn ich bedachte, dass ich sie mir allein gefärbt hatte.

Joshua war es natürlich nicht aufgefallen. Oder er hatte nichts gesagt, weil er mich nicht verärgern wollte. Da war ich mir bei ihm nie ganz sicher.

Melodys Gesichtsausdruck ließ eher darauf schließen, dass sie nicht so begeistert war, wie ich gedacht hatte. Sie zupfte an einer der rosafarbenen Strähnen und rümpfte die Nase.

»Das ist nur eine Phase«, beruhigte Joshua sie, während er den nächsten Kunden abkassierte.

Nur eine Phase? Ich runzelte die Stirn und fragte mich nicht zum ersten Mal, warum ich zu feige war, mit Joshua und seinen Freunden Schluss zu machen.

Irgendwie war ich an ihn und Freundinnen wie Melody geraten und nun kam ich aus der Nummer nicht wieder raus. Dabei war es offensichtlich, dass wir nichts gemeinsam hatten.

Ich strich mir mit beiden Händen durch die Haare, die ich in mühseliger Kleinarbeit petrol- und rosafarben gefärbt hatte. Mein Mittelscheitel teilte die beiden Farben perfekt und ich gefiel mir.

Konnten Joshua und Melody nicht wenigstens zur Abwechslung vorgeben, dass wir Anfang zwanzig waren und verrückte Dinge machen konnten, ohne dass es Konsequenzen hatte?

Hinter Melody schoben sich nun auch Dexter und Rosalie in den Laden, was mein Beklemmungsgefühl verstärkte. Außerdem war ich langsam zu spät dran für meinen ersten Kurs.

»Und?«, fragte Rosalie, als müsste ich wissen, worum es ging.

»Und was?«

»Habt ihr sie noch nicht gefragt? Ihr wisst schon, wegen heute Abend.«

Mein Herz klopfte schneller. Es war Freitag – sollte etwa das Undenkbare geschehen? Wollten sie wirklich ausgehen? Feiern? Es kribbelte in meiner Magengegend.

Joshua schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht. Ich habe es vergessen. Aber Harper hat eh nichts vor, oder? Wir wollten einen Spieleabend veranstalten.«

Ich wollte schreien und mir mit einem dieser Plastikstäbchen, mit denen man den Kaffee umrühren konnte, die Augen ausstechen.

Stattdessen würgte ich hervor: »Klingt toll.«

Scheiße. Ich musste mit ihm Schluss machen und ignorieren, wenn er wieder anfing zu weinen. Wie er es beim letzten und vorletzten Versuch getan hatte, um mich weichzukochen.

Ich würde ihm nachher eine SMS schreiben, dass ich ihn früher sehen wollte, und reinen Tisch machen. Diese Spießer waren nicht zu ertragen.

»Bis später.« Zum Abschied hob ich die Hand und machte mich auf den Weg zum Ausgang. Ich sah genau, wie Melody sich zu Rosalie beugte. Vermutlich lagen ihr die Worte, um über mein Medusapiercing und die bunten Haare zu lästern, schon auf der Zunge.

Joshua holte mich ein, bevor ich den Weg zum Gebäude der Philosophischen Fakultät einschlagen konnte.

»Harper, warte.« Er nahm meine Hand und zog mich zur Seite, damit wir niemandem im Weg standen. »Ich finde deine Haare süß«, sagte er und gab mir einen leichten Kuss auf die Lippen. »Melody ist wahrscheinlich nur stinkig, denn sie würde sich das nie trauen.«

Ein wenig versöhnt zog ich eine Schnute. »Es würde auch nicht zu ihren Twinsets und der Perlenkette passen.«

»Wenn du nicht auf den Spieleabend willst, können wir etwas anderes machen. Nur wir beide.« Er hob meine Hände zu seinem Mund und drückte nacheinander zarte Küsse auf meine Handrücken. »Was immer du willst, Liebling.«

Ich wollte viel. Doch das meiste davon bekam ich nicht, da Joshua verquere Ansichten hatte und mich wie eine Königin behandelte.

Prinzipiell war das nichts Schlechtes, aber manchmal wollte ich …

Ich seufzte. »Nein. Es tut mir leid, ich bin einfach müde und habe schlecht geschlafen. Lass uns heute Abend schön gemütlich mit deinen Freunden Essen kochen und danach ein oder zwei Spiele spielen. Nur nicht schon wieder Monopoly, das kommt mir langsam an den Ohren raus.«

»Einverstanden.« Er lachte, umfasste mein Gesicht und gab mir einen weiteren zärtlichen Kuss. »Bis später, Schönste.«

»Bis später.«

Meine Fingerknöchel waren weiß, als ich endlich zu meinem Hörsaal eilte und den Taschengriff dabei fester als nötig umklammerte. Es war immer das Gleiche. Ich hasste mich, weil ich zu schnell weich wurde. Mein ewiges Dilemma mit Joshua: Er war so nett, gab sich Mühe, war höflich und zuvorkommend und las mir jeden Wunsch von den Augen ab.

Vermutlich wäre er perfekt gewesen, aber da gab es die Sache mit dem Sex.

Das Problem war das Nichtvorhandensein unseres Sexlebens. Alle paar Monate gab Joshua der Versuchung nach, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, komplett bis zur Hochzeit damit zu warten. Manchmal wurde er zu schwach, wir hatten mittelmäßigen Geschlechtsverkehr und danach hasste er sich.

Egal, wie oft ich versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, dass es für mich vollkommen in Ordnung war, Sex zu haben – er stand sich selbst im Weg.

Mehr als einmal hatte ich die Initiative ergriffen, nur um abgewiesen zu werden. Welcher Mann lehnte bitte einen Blowjob mit der Begründung ab, dass man sich für ihn die Mühe nicht zu machen brauchte?

Dadurch kam ich mir oberflächlich und nymphoman vor, wenn ich Joshua drängte oder überlegte, aufgrund dessen mit ihm Schluss zu machen.

Meine Laune hatte sich massiv verschlechtert, als ich mich in die letzte Reihe des vollen Vorlesungssaals setzte. Hoffentlich würde mich »Zwischen Lust und Schmerz: Grenzgänge« ablenken.

Zumindest wurde ich hier nicht angestarrt. Die Philosophie schien etwas an sich zu haben, das die Freaks anzog. Mit meinem Rock, den Kniestrümpfen und der Bluse – alles davon schwarz – fiel ich nicht auf. Im Gegenteil.

Der Großteil der Teilnehmer war weiblich, aber das überraschte mich nicht, denn Professor Douglass war dermaßen attraktiv, dass ich es schon vor Wochen aufgegeben hatte, dem Kurs überhaupt folgen zu wollen.

Ich betrachtete die anwesenden Männer. Sicherlich waren einige von ihnen schwul und hofften ebenso wie die Frauen, dass der Professor sie zur Kenntnis nahm, wenn sie nur aufmerksam und fleißig genug waren.

In der ersten Reihe legte eine junge Frau gerade Parfüm nach, während ihre Sitznachbarin ihren Ausschnitt zurechtrückte.

Für einen Dozenten war Caiden Douglass recht jung, und ich musste ihm hoch anrechnen, dass ich ihn bisher nicht ein Mal dabei erwischt hatte, wie er einen Blick riskierte. Nackte Haut war mehr als genug vorhanden, daran konnte es also nicht liegen.

Er kam herein und stellte seine Tasche auf den Tisch, bevor er sein Jackett auszog und es über die Stuhllehne hängte. »Guten Morgen.«

Die tiefe Stimme sorgte für einen kollektiven Seufzer im Raum und ich unterdrückte ein Grinsen. Nach kurzem Suchen fand ich meinen E-Book-Reader. Momentan verschlang ich Unmengen an Erotikliteratur, die mir gleichzeitig half, meine Libido unter Kontrolle zu halten, und gleichzeitig auf eine gewisse Weise schlimmer machte.

Wenn ich darüber las, hatte ich das Gefühl, nicht ganz so viel zu verpassen. Auf der anderen Seite wühlte es mich unglaublich auf, wenn ich eine richtig gute Sexszene las. Solange ich nicht wusste, wie ich mein Dilemma mit Joshua lösen konnte, musste ich mich allerdings irgendwie ablenken.

Ich löste die Tastensperre und beugte mich über das Display, während der Rest des Hörsaals gebannt an Professor Douglass’ Lippen hing.

Sie lehnte sich ihm entgegen, obwohl sie nicht wollte. Sein fester Griff sorgte dafür, dass sie wie heißes Wachs schmolz und zu seinem Spielzeug wurde. Ihr leises Wimmern erfüllte den Raum, als er ihre Beine mit dem Knie teilte. Ein letztes Mal versuchte sie, sich gegen seine Übermacht zu wehren, doch er hielt sie mühelos gegen die Wand gepresst, pinnte sie mit seinem starken Körper gegen die Wand.

Sein harter Schwanz rieb an ihrem Unterleib, während er ihr Kinn packte und sie zwang, ihn anzusehen. »Ich hatte dir verboten, in den Klub zu gehen, Schlampe.«

»Es tut mir leid, Sir«, rang sie sich ab.

»Ich werde dafür sorgen, dass es dir leidtut. Darauf kannst du dich verlassen.«

Ruckartig löste er sich von ihr und für einen kurzen Moment gaben ihre Beine nach. Sie wäre fast gestolpert, als er ihren Arm packte und sie mit sich zerrte. Vor dem schwarzen Lederbock blieb er stehen. Seine Finger gruben sich tiefer in ihre Haut. Sie verstand und ließ sich langsam über den Bock sinken. Angst tobte in ihrer Magengegend, weil sie nicht wusste, welche Strafe sie zu erwarten hatte, und gleichzeitig lief die Feuchtigkeit bereits an der Innenseite ihrer Schenkel hinab.

Sie …

Atemlos verharrte ich, als mir klar wurde, dass absolute Stille im Hörsaal herrschte. Vorsichtig hob ich den Blick und konnte Professor Douglass nirgendwo sehen. Mein Mund wurde trocken. Er stand bestimmt hinter mir. Großer Gott!

Hastig zog ich meinen Block über den E-Reader und fragte mich, ob auch nur die geringste Chance bestand, dass er nicht gesehen hatte, welchen Schund ich in seinem Seminar las.

»Ah, Miss Goddard, Sie weilen wieder unter uns, wie schön.«

Ein paar der Anwesenden kicherten, während ich meine Schultern straffte. »Ich war nie weg«, gab ich trotzig zurück. Hier saßen fast zweihundert Studenten, was interessierte es ihn, ob ich still und ruhig ein Buch las, solange ich seinen Kurs nicht störte?

Es kostete mich trotz der Tatsache, dass ich nicht schüchtern war, einige Überwindung, ihm direkt in die Augen zu sehen.

Caiden Douglass war ein Schotte, wie er im Buche stand, und sein schwerer Akzent verfehlte den Effekt auf mein Höschen nicht. Er war beinahe zu attraktiv, um ihn lange anzusehen. Ähnlich wie Medusa, nur dass man nicht zu Stein erstarrte, wenn man ihn musterte, sondern sich in eine willenlose Schlampe mit feuchter Unterwäsche verwandelte.

Wenn ich ihn im Geiste beschrieb, fragte ich mich immer, ob ich nicht in einem Lyrikkurs weitaus besser aufgehoben gewesen wäre. Seine Haare waren dunkel wie die Nacht, seine Augen blau wie das Meer, und ich hatte schon oft überlegt, ob seine Nase schon einmal gebrochen gewesen war. Der leichte Knick im Nasenrücken legte die Vermutung nahe.

Seine Ausstrahlung machte es mir schwer, den Blickkontakt zu halten. Er musterte mich, als wüsste er mehr als ich, und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Zum ersten Mal stand er nah genug bei mir, dass ich sein Parfüm erahnen konnte. Da er einen Drei-Tage-Bart trug, über den wahrscheinlich nicht nur ich meine Finger gleiten lassen wollte, war es ausgeschlossen, dass er Aftershave aufgelegt hatte.

Entweder es war Parfüm … oder er selbst roch so göttlich.

»Wenn Sie nicht abwesend waren, Miss Goddard, können Sie mir bestimmt die philosophischste aller Fragen beantworten.«

Mein Puls stieg, und ich wollte nichts lieber, als aus dem Raum zu laufen und mich unter meiner Bettdecke zu verstecken. »Selbstverständlich«, entgegnete ich. Dabei leckte ich mir über die Unterlippe, weil sie sich schrecklich trocken anfühlte.

Er folgte der Bewegung mit den Augen, und ich hätte schwören können, dass seine Pupillen sich für den Bruchteil einer Sekunde verengten.

Das hatte ich mir eingebildet. Oder?

»Ja oder nein?«

Mit einer solch simplen Frage hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte gedacht, er würde mein Wissen über den Kursinhalt testen oder etwas zu dem Thema wissen wollen, über das er gerade doziert hatte. Stattdessen wusste ich nicht, worum es ging.

Gemurmel erhob sich, und eine Handbewegung von Professor Douglass reichte, damit Schweigen sich über den Raum legte.

Scheiß drauf, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte eine fünfzigprozentige Chance, die richtige Antwort abzuliefern.

»Ja.«

Sein Lächeln vertiefte sich, bevor er sich von mir abwandte und die Stufen nach unten stieg. Seine schweren Boots, die er zu der Bluejeans und dem schwarzen Shirt trug, sorgten für laute Schritte, trotzdem war seine Stimme deutlich zu hören: »Da Miss Goddard wieder unter uns ist, können wir ja fortfahren.«

Hinter seinem Tisch blieb er stehen und sah zu der großen Wanduhr. »Oder auch nicht. Sieht aus, als wären Sie alle dem Wochenende ein Stück näher. Bis zur nächsten Vorlesung.«

Hastig warf ich meine Sachen in die Tasche und wollte flüchten.

»Miss Goddard, auf ein Wort.«

Ich erstarrte, drehte mich auf dem Absatz um und ging die Treppe hinab. Heute schien ich wirklich kein Glück zu haben. Er bedeutete mir, mich zu setzen, bis er die anderen Studenten abgefertigt hatte, und ich ließ mich auf einen der Klappstühle in der ersten Reihe sinken.

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir allein. Das Blut rauschte in meinen Ohren, weil ich nicht wusste, womit ich auch noch eine zweite Standpauke verdient hatte.

»Dein Essay, Harper«, sagte er und zog den roten Schnellhefter zu sich.

Seit wann duzte er mich? Ich konnte nicht benennen, woran es lag, aber mein Herz legte weiter an Tempo zu. Die Art, wie er das R in Harper rollte, sorgte dafür, dass ich auch Dinge rollen wollte. Mein Höschen nach unten zum Beispiel.

»Du kannst wesentlich bessere Arbeiten abliefern. Warum gibst du dir nicht mehr Mühe? Willst du unser beider Intellekt beleidigen?« Er stützte seine Hände auf den Tisch und sah mich vorwurfsvoll an.

Es stimmte überhaupt nicht, was er sagte. Mein Essay war gut. Vielleicht nicht herausragend, aber weit davon weg, nach der Stunde dableiben zu müssen. Das machte er sicher nur, um mich zu demütigen, weil ich nicht aufgepasst hatte.

»Hier ist eine Liste mit Quellen, die du dir ansehen solltest, bevor du den Essay neu schreibst.«

»Was?«, fragte ich ungehalten.

Ein Blick von ihm reichte, damit die Worte mir im Hals stecken blieben. »Schreib ihn neu oder ich lasse dich durchfallen. Deine Entscheidung, Harper.«

Schlagartig war meine Erregung wie weggefegt. Wütend stand ich auf und nahm die Liste von seinem Tisch. Er richtete sich auf, schaute mich herausfordernd an, doch ich wandte den Kopf ab und presste die Lippen aufeinander.

Statt jetzt etwas Unbedachtes zu sagen und ihm mehr Munition zu liefern, würde ich den verdammt noch mal besten Essay schreiben, den er je gelesen hatte.

Mit so viel Würde, wie mir möglich war, stieg ich die Treppe nach oben, während ich mir einbildete, seine Augen im Rücken zu spüren.

»Harper?«

Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht um. »Ja?«

»Hübsche Haare.«

Weil ich beim besten Willen nicht wusste, was ich dazu sagen sollte, stürzte ich aus dem Raum.

Kapitel 2

Ich brauchte bis zum frühen Nachmittag, um mich wieder zu beruhigen. Mir war nicht ganz klar, was in Professor Douglass gefahren war, mich dermaßen zu bestrafen.

Es gab keinen Grund, den Essay neu zu schreiben, und trotzdem würde ich mein Wochenende damit verbringen, genau das zu tun. Wütend ballte ich die Fäuste, während ich über den Campus lief und den Glockenturm passierte. Es nieselte leicht, das Wetter schien meine Laune ergänzen zu wollen.

Die Situation ließ mich nicht los, weil ich wusste, dass ich eine gute Arbeit abgeliefert hatte. Vielleicht sogar eine sehr gute, aber keinesfalls eine dermaßen schlechte, sodass sie seine Reaktion gerechtfertigt hätte.

Und dann hatte er mich auch noch mit meinem Vornamen angesprochen. Dadurch fühlte ich mich fast noch belästigter als durch die Unterstellung der mangelhaften Leistung. Natürlich hatte er mir zum Schluss ein Kompliment für meine Haare machen müssen, um mich vollends zu verwirren.

Wenn es sein Ziel gewesen war, den ganzen Tag durch meine Gedanken zu spuken, musste ich ihm beim nächsten Treffen gratulieren, denn das hatte er geschafft.

Ich stieg die Stufen zur Bibliothek hoch und blendete dabei das Geschnatter der Touristen aus, die vor dem großen Globus auf dem Vorplatz posierten und Selfies machten.

Abgestandene Luft schlug mir entgegen, als ich die schwere Tür aufzog. Mit einem Seufzen holte ich mein Handy aus der Tasche, denn ich musste Joshua anrufen und ihm Bescheid geben, dass ich es nicht zum Spieleabend schaffen würde. Darüber war ich zwar nur bedingt traurig, aber mir fielen trotzdem genug Dinge ein, die ich in der Zeit lieber getan hätte, als im Archiv der Bibliothek herumzukriechen.

»Hey, Schönste, was gibt es?«, meldete Joshua sich, und es gelang ihm direkt, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, obwohl ich ausnahmsweise unschuldig war. Er klang so unglaublich erfreut, von mir zu hören, dass es mir in der Seele wehtat.

»Ich werde es heute Abend nicht schaffen.«

»O nein. Möchtest du etwas anderes machen?«, bot er direkt an.

»Nein, das ist es nicht. Mein Philosophie-Professor hat heute offensichtlich seinen Arschlochtag und ist der Meinung, dass ich meinen Essay neu schreiben muss, weil er mich sonst durchfallen lässt.«

»Was? Dein Essay war großartig!«

Ich biss mir auf die Unterlippe und kämpfte mit den Tränen, weil Joshua immer das Richtige sagte, während ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich ihn möglichst schmerzfrei absägen konnte. Es gab wirklich nichts an ihm auszusetzen. Er studierte Biochemie und bestand trotzdem darauf, alle meine Arbeiten zu lesen. Danach lobte er mich für meine Intelligenz.

Ich war ein schrecklicher Mensch.

Aber gerade deswegen sollte ich ihn ziehen lassen, da er eine bessere Freundin verdient hatte, die ihn zu schätzen wusste.

»Danke, dass du das sagst. Ich bin mir auch sicher, dass seine Reaktion völlig ungerechtfertigt ist. Allerdings will ich es nicht riskieren. Er hat mir eine Literaturliste in die Hand gedrückt und darauf sind ausschließlich Titel aus dem Archiv. Während ihr heute Abend gemütlich auf der Couch sitzt, werde ich durch die Untiefen der Bibliothek wandern und mich in alten Pappkartons dumm und dämlich nach Werken wie ›Oeuvres philosophiques de Vanini traduites pour la première fois‹ suchen – ich weiß nicht einmal wozu. Das ist weder das Thema noch kann ich genug Französisch, um irgendetwas mit dem Text anzufangen.«

»Ich komme und helfe dir.«

»Nein«, wehrte ich viel zu schnell ab. Peinlich berührt rieb ich mir über die Stirn und fuhr sanfter fort: »Das ist Unsinn. Es reicht, wenn einer von uns einen doofen Abend hat. Dein Angebot ist lieb, aber du wärst mir keine Hilfe.«

»Verstehe ich. Du Arme. Ich werde dich vermissen.«

»Ich dich auch«, log ich.

»Ich liebe dich.«

Innerlich krümmte ich mich zusammen, als Joshua die drei Worte aussprach, die jede Frau angeblich so gern hören wollte. »Die Bibliothekarin guckt mich ganz böse an. Ich muss aufhören. Bye!«

Ich legte auf und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Niemand interessierte sich für mich, das war nur meine Ausrede gewesen, damit ich den Liebesschwur nicht erwidern musste.

Morgen.

Morgen würde ich mit ihm Schluss machen.

Ich holte meinen Laptop, meinen Block und den Kugelschreiber aus der Tasche und schloss den Rest in einem der Spinde ein. Als ich auf den Eingang der Lesehalle zuging, vibrierte mein Handy in der Hosentasche.

Hi Babe. Heute Abend? K.

Großer Gott. Das war wirklich nicht mein Tag. Jetzt musste ich zusätzlich Killian abwimmeln, weil ich mich noch nicht miserabel genug fühlte.

Killian war ein Fehler, der mir vor zwei Jahren passiert war – und ein paarmal danach. Zuletzt vor einigen Wochen nach einer Party, bei der ich zu viel getrunken hatte.

Das Geständnis schmerzte mich, aber ich war leichte Beute für ihn gewesen.

Beim ersten Mal hatte ich meine Wunden mit zu vielen Erdbeer-Daiquiris geleckt, nachdem Joshua zum wiederholten Mal einen Blowjob von mir verweigert hatte. Nach dem darauffolgenden Streit war ich ausgegangen, fest entschlossen, meinen Frust einfach in einem Klub zu ertränken.

Der Türsteher hatte mich reingelassen, weil ich alleine kam und ein hübsches Kleid trug, mit dem ich meinen Freund – erfolglos – hatte verführen wollen. Wie sich herausstellte, feierten die Spieler des An Cumann Peile Bóithéimeach dort ihren Sieg. Ich kannte mich überhaupt nicht mit Fußball aus, aber wenn man in Dublin wohnte, kam man um die Bohemians kaum herum.

Ich wollte mich nur betrinken und mied deshalb die Spieler und ihre Groupies, indem ich mich in die hinterste Ecke verzog.

Killian spürte mich trotzdem auf. Zu dem Zeitpunkt war ich sehr angeheitert und enorm in meinem Stolz gekränkt gewesen. Es gab eigentlich keine Entschuldigung dafür, doch mein Selbstwertgefühl lag auf dem Boden, und als Killian begann, mit mir zu flirten, obwohl eine hungrige Meute herausgeputzter Weibchen auf ihn wartete, fühlte ich mich plötzlich richtig gut.

Ein attraktiver, reicher Fußballer wollte in mein Höschen, während mein eigener Freund nicht einmal zu übermäßigem Schmusen bereit war. Zusammen mit den Drinks war es eine fatale Kombination, die dafür sorgte, dass Killian mich mit nach Hause nahm.

Tatsächlich habe ich ihm schon in seinem Auto einen geblasen und trotz des übermäßigen Alkoholkonsums bescheinigte er mir einen der besten Blowjobs aller Zeiten – faszinierend, was pure Verzweiflung alles bewirken konnte, oder?

Der Sex war fantastisch. Ich ging nicht davon aus, Killian jemals wiederzusehen, und war fest entschlossen, die Begegnung in allen Zügen zu genießen.

Außerdem war er das absolute Gegenteil von Joshua, was mir das Verdrängen erleichterte. Er fasste mich hart an, kannte keine Scheu und machte meinem nackten Körper mehr Komplimente, als ich zählen konnte.

Am nächsten Tag war ich gleichermaßen entsetzt und berauscht. Zuerst hatte ich es Joshua beichten wollen, bis mir klar wurde, wie seine Reaktion wäre: Er hätte mir selbstlos verziehen.

Damit hätte ich ihm einfach nur unnötigen Schmerz zugefügt und behielt mein Geheimnis für mich. Doch ich hatte vergessen, dass ich Killian meine Nummer schon gegeben hatte, bevor ich eingewilligt hatte, mit zu ihm zu gehen.

Ein paar Wochen später meldete er sich und ich lehnte tapfer ab. Das ging gut, bis meine sexuelle Frustration zu groß wurde. Wenn ich es gar nicht mehr aushielt, rief ich ihn an oder stimmte zu, wenn er sich meldete.

Er wusste, dass ich einen Freund hatte, und verlor nie ein Wort darüber, was ich sehr schätzte.

Mein Daumen kreiste über dem Display, und ich sah zur Uhr, während ich versuchte, eine Entscheidung zu treffen.

Kann leider nicht. Muss einen Essay schreiben. H.

Seine Antworten ließen nie lange auf sich warten.

Langsam fühle ich mich, als wäre ich auf dem Abstellgleis gelandet. Ich mag’s da gar nicht, Babe. Es ist Monate her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe.

Auf eine merkwürdige Art und Weise bestätigte er mich in meinem Vorhaben und ich tippte:

Fünf Wochen – du alter Schauspieler. Morgen mache ich mit meinem Freund Schluss, und danach können wir sehen, wohin das alles führt.

Seine prompte Reaktion zauberte ein Lächeln auf meine Lippen.

Zuallererst in mein Bett. Bis morgen!

Ich steckte das Handy zurück in die Hosentasche und stieg die Treppe ins Archiv hinunter. Morgen würde ich mich überwinden – schon allein, weil ich jetzt dafür gesorgt hatte, dass ich musste.

Drei Stunden später schmerzte mein Rücken, und ich hatte Professor Douglass so oft verflucht, dass ich jetzt ganz sicher in die Hölle kam. Allerdings ging ich davon aus, ohnehin einen Platz in einer der vorderen Reihen reserviert zu haben, weil ich offensichtlich sexbesessen war und ständig fremdging.

Ich klappte das Buch zu und strich es von der Liste, die Douglass mir gegeben hatte. Es war ebenso unnütz wie die zehn Vorgänger. Was dieser Unsinn überhaupt sollte?

Nachdem ich aufgestanden war, wollte ich den schmalen Band zurück in die Kiste stellen, aus der ich ihn auch geholt hatte.

Doch irgendetwas stellte sich quer und ich konnte das Buch nicht ganz hineinschieben. Genervt schob ich meine Finger in den Zwischenraum und tastete nach dem Hindernis.

Ich spürte einen festen, glatten Einband und griff danach. Zuerst musste ich zwei andere Bücher anheben, bevor ich es aus dem Karton nehmen konnte.

»my dirty, dirty diary« stand auf der Vorderseite. Mit gerunzelter Stirn las ich die Inschrift mehrere Male, als würde sie sich dadurch verändern. Die Worte waren in den Umschlag geprägt worden.

Neugierig schlug ich das Buch an einer zufälligen Stelle auf und las ein paar Zeilen. Verwirrt klappte ich es zu, schüttelte den Kopf und tastete nach meinem Stuhl. Sicherheitshalber blickte ich mich um, aber natürlich war ich allein im Archiv. Mein Herz klopfte schneller, als ich es erneut öffnete, dieses Mal auf einer anderen Seite. Der Eintrag war auf den 16. März vor drei Jahren datiert und befand sich relativ in der Mitte des Buches.

C ist sauer, weil ich nicht mit D Schluss machen will. Dabei weiß ich ganz genau, dass es nichts mit Eifersucht zu tun hat. C muss alles kontrollieren und wird wütend, wenn er das Gefühl hat, mich nicht bändigen zu können.

Ich wusste, dass er mich bestrafen würde. Trotzdem habe ich nicht mit D Schluss gemacht. Woher soll ich wissen, wie lange die Affäre mit C noch dauern wird? D muss nichts davon erfahren, dass ich ihm eine Weile untreu war. Wozu auch?

Früher oder später wird

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 05-25-2017
ISBN: 978-3-7438-1492-9

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