Cover

.

IM SCHATTEN DES SANTA JUSTA

 

Auf die Sekunde genau



RANDOLPH KROENING

Copyright © 2015 Randolph Kroening

All rights reserved.

 

Die folgende Geschichte ist durchweg Fiktion. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits auf natürlichem Wege verstorbenen oder ermordeten Personen ist nicht beabsichtigt und rein zufällig – mit einer Ausnahme: die kapverdische Musikgruppe “Mistiçu” gibt es wirklich; ihre Musik ist genauso gut und die Jungs genauso cool wie beschrieben.

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

 



 

 

Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.

- Albert Einstein -

 

ERSTES KAPITEL

 

 

Dienstag, 21:45 Uhr

Elisabete Maria Pinto hatte es satt. Nein, das war nicht richtig. Es kotzte sie an! Es war mal wieder einer dieser Tage, an dem alles zusammen kam. Wie jeden Tag hatte sie gestern noch vor Feierabend in ihrem Computer die Seite „www.hagreve.pt“ aufgerufen, um sicherzugehen, dass die Beschäftigten der Lissabonner Metro heute nicht wieder ihrem Lieblingssport ‚Streik’ nachgingen, was bedeuten würde, dass sie zu nachtschlafender Zeit von ihrer kleinen Wohnung in Estefánia nach Saldanha laufen und erst den Bus 736 bis Praça de Comércio und von da aus den 728er bis Oceanário de Lisboa würde nehmen müssen. Mit anderen Worten, statt bequem mit der Metro in zwanzig Minuten nach Cabo Ruivo zu gleiten, um dann nur noch fünf Minuten bis zur Arbeit zu laufen, würde sie - Wartezeiten und das übliche Wegfahrenlassenmüssen von wenigstens zwei überfüllten Bussen eingerechnet – mehr als eine Stunde brauchen. Für Touristen mochte die Strecke entlang des Tejo und durch das kleine Hafenviertel Poço do Bispo ja noch einen gewissen Unterhaltungswert haben, aber ganz sicher nicht 6:30 Uhr morgens. Und vor allem nicht mit João im Nacken, ihrem Chef, der nicht begreifen wollte (oder konnte), dass man, wenn der erste Bus 5:45 Uhr fuhr und man mit allen Widrigkeiten, den ein Metrostreik nun einmal für den Straßenverkehr so mit sich brachte, optimistisch mindestens eineinhalb Stunden brauchte, nicht 7:00 Uhr am Schreibtisch sitzen konnte. Selbst, wenn man von dem Streik vorher wusste, wohlgemerkt. War natürlich auch nicht zu erwarten von jemandem, der sich mit seinem fetten Gehalt und den Provisionen, die genau genommen andere für ihn verdienten, auch allein eines der riesigen Luxusappartements in der Nähe des ehemaligen Expo-Geländes am Tejo leisten und in fünf Minuten zu dem blau und rot strahlenden Bürokomplex ihrer Versicherung laufen konnte. Was er nicht tat, denn das würde ihn um das erhabene Gefühl bringen, der Security morgens hoheitsvoll aus seinem BMW X3 zuzuwinken, wenn er in die Tiefgarage fuhr.

Wie dem auch war, mit dem sicheren Wissen, heute früh 6:30 Uhr nicht vor den vergitterten Eingängen der Metro in Saldanha zu stehen, war Elisabete nach dem Abstieg über die mal wieder nicht funktionierende Rolltreppe auf dem Bahnsteig in Richtung „Aeroporto“ angelangt, nur um zwischen den diversen Warnungen („Achten Sie auf Ihre Wertsachen, besonders beim Ein- und Aussteigen!“) aus der Laufschrift zu erfahren, dass wegen irgendwelcher Gewerkschaftsversammlungen (die vermutlich nicht vor 10 Uhr beginnen würden) die Züge nicht im Abstand von fünf, sondern 20-30 Minuten fuhren. Bummelstreiks standen halt nicht im Internet. Auf Joãos Bemerkung, als sie erwartungsgemäß eine halbe Stunde zu spät kam, sie möge sich doch endlich mal ein Auto zulegen, hatte sie sich verkniffen, ihm zu empfehlen, etwas Unanständiges mit sich selbst zu tun, und war stattdessen hinter ihrem Computer abgetaucht. João war eben ein Arsch, und sie passte mit ihren einunddreißig Jahren und ihrer sehr weiblichen Figur wahrscheinlich nicht in sein Beuteschema. Wobei sie im Gegensatz zu Ausschnitt-tief-und-bauchfrei-Praktikantin Nadine, die kommen und gehen konnte, wann sie wollte, auch nicht wirklich scharf darauf war, dieses ernsthaft auszutesten.

Aber auch dieser Tag war vergangen, und es hatte Elisabete kein bisschen überrascht, als sie nach den üblichen (aber wenigstens bezahlten) Überstunden vorhin die Stufen zum Bahnsteig der Metrostation Cabo Ruivo heruntergekommen war, nur, um dabei zusehen zu können, wie sich der aus nur drei Wagen bestehende Zug, der natürlich nicht in der Mitte des Bahnsteigs, sondern an dessen Anfang – also an dem dem Zugang entgegen gesetzten Ende – gerade in Bewegung setzte. Etwa eine Minute später verkündete ihr die Anzeige, dass der nächste Zug in etwa neun Minuten zu erwarten wäre. Was an einem Streiktag vermutlich darauf hinauslief, dass die die Ankunftszeit des nächsten Zuges herunterzählende Uhr wahrscheinlich bei 1:20 Minuten für fünfzehn Minuten stehenbleiben würde, bevor dann, wenn man schon gar nicht mehr daran glaubte, ein Jingle die Ankunft des Zuges ankündigte, vermutlich, damit man nicht vor Freude über den doch noch kommenden Zug einen Herzinfarkt bekam.

Zauberhaft. Mit einem schicksalsergebenen Seufzen stopfte sie sich die Kopfhörer ihres Smartphones in die Ohren und drehte die Lautstärke voll auf. Bon Jovi, „Livin’ on a Prayer“. Ja, genau so!

Elisabete bemerkte den Mann erst, als er direkt vor ihr stand. Erschrocken riss sie sich den linken Stöpsel aus dem Ohr. „Ja bitte?“ krächzte sie.

Der Mann lächelte sie an. „Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Verwirrt lächelte sie zurück. Sollte das doch noch der erste Lichtblick dieses Tages werden? Der Mann, offensichtlich Ausländer, sah unglaublich gut aus, hatte freundliche graue Augen, die sie auf eine Art anblickten, die ihr ein leichtes Kribbeln im Nacken verursachte. „Ja bitte?“ wiederholte sie. Im selben Augenblick ärgerte sie sich. Ging es noch dümmer?

„Wie gesagt, ich wollte Sie nicht erschrecken“, fuhr er mit seiner angenehmen, dunklen Stimme fort. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob Sie die genaue Zeit haben.“

„Ich ... äh ... ja, natürlich ...“ Elisabete rückte ihre Tasche auf der Schulter zurecht und schob den Ärmel ihrer Bluse hoch, sodass sie einen Blick auf ihre Armbanduhr werfen konnte. „Es ist zehn nach zehn.“

Er senkte kurz lächelnd den Blick. „Nein, ich meine die genaue Uhrzeit. Bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht ...“

Elisabete stutzte, dann sah sie noch einmal auf ihre Uhr. „22 Uhr 10 Minuten und 21 Sekunden“, sagte sie scherzhaft. Wahrscheinlich Buchhalter oder so etwas ...

Der Mann vor ihr schloss kurz die Augen. Dann hob er den linken Arm. Zögernd, als hätte er vor etwas Angst, schob er nun seinerseits den Jackettärmel hoch.

Unwillig zog Elisabete die Augenbrauen zusammen. Was sollte das denn? Fragte sie nach der Zeit und hatte selbst eine Uhr? Aber gut, vielleicht war die ja stehengeblieben.

„Es mag Ihnen seltsam erscheinen“, sagte der Mann, „aber könnten Sie mir vielleicht bitte noch einmal die Sekunden sagen?“ Wieder dieses Lächeln.

Elisabete war sich nicht sicher, ob sie das Ganze jetzt lustig oder seltsam finden sollte. Aber diese Augen ... Auf einmal hatte sie Angst, dass dieses Gespräch einfach nur aufhören könnte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr. „22 Uhr, inzwischen 11 Minuten und 34 Sekunden Aber wenn Sie hoffen, dass die Bahn ...“

Sie brach ab, als sie sah, dass das Gesicht des Mannes einen traurigen Ausdruck bekam.

„Schade“, sagte er. „Das ist wirklich schade ...“

Elisabete spürte plötzlich ein leichtes Stechen unterhalb ihres Brustkorbes. Als sich der Mann einfach abwandte und wegging, war ihr erster Impuls, ihm hinterher zu gehen, doch schon beim ersten Schritt knickte ihr das rechte Bein ein. Gleichzeitig spürte sie einen kühlen Luftzug an ihrem Bauch. Sie sah nach unten. In demselben Augenblick, als sie den sich schnell ausbreitenden Blutfleck auf ihrer weißen Bluse sah, brach sie auf die Knie zusammen.

Dann kam der Schmerz.

Sie fiel auf die Seite, unfähig zu schreien. In der Ferne sah sie, wie der Mann die Treppe hinaufstieg und schließlich aus ihrem Blick verschwand. Im Hintergrund hörte sie die Durchsage „Zu ihrer eigenen Sicherheit, bitte überqueren sie nicht die gelbe Markierung auf dem Bahnsteig!“ Etwas Heißes stieg in ihrer Kehle auf. Ein letztes Mal versuchte Elisabete, den plötzlich unerträglichen brennenden Schmerz heraus zu schreien.

Dann wurde es dunkel.

 

 

Mittwoch, 7:10 Uhr

Carina Andreia da Cunha sah missmutig in den Spiegel. Ihr gefiel ganz und gar nicht, was sie sah. Tiefliegende Augen, dunkle Schatten darunter, die von einem Leben mit wenig Schlaf und viel Alkohol (und gelegentlich auch anderen, nur bedingt legalen Substanzen aus dem „Kaufhaus Rossio“, eigentlich Praça Dom Pedro IV, wo sich die aus bulgarisch-stämmigen Zigeunern bestehende Drogendealerszene Lissabons tummelt) zeugten. Dazu gelbliche Flecken auf dem weißen T-Shirt, fettige, strähnige Haare von einer Farbe, für die ihr der Name gerade nicht einfiel. Oder doch. Rattig. Genau.

Carina stellte ihre Zahnbürste zurück in die Ladestation und zwang sich, ihre Augen von dem zu lösen, was da hinter ihr vor dem Waschbecken stand. Ganz entfernt war da eine Erinnerung an die Regelung „Ich im Bad – du nicht, und umgekehrt“. Aber vielleicht sollte sie ja auch einfach nur dankbar sein, dass sich ‚das da’ nicht neben ihr auf den Keramikthron hockte, während sie sich die Zähne putzte?

‚Das da’ hinter ihr fuhr sich jetzt mit den Fingern durch die Haare. „Kaffee?“ grunzte es.

Jede Faser ihres Körpers schrie nach einem Kaffee, schwarz, stark, heiß. Doch gerade noch rechtzeitig kam die Erkenntnis, dass sie diesen Kaffee sehr teuer bezahlen würde. Nein, wenn sie diesen Anblick noch weitere zehn Minuten ertragen müsste, würde sie schon hochaggressiv im Büro ankommen, noch bevor sie sich dem Abschaum dieser Stadt widmen konnte.

„Nein, ich bin spät dran“, sagte sie, und drückte sich an Rui, ihrem Freund, vorbei in den Flur. Carina kniete vor der Garderobe nieder, öffnete den kleinen Safe und nahm ihre Dienstwaffe, eine Glock 34, und das Magazin heraus.

Als sie aufstand, um sich die Waffe in das Schulterhalfter zu schieben, hörte sie hinter sich ein Geräusch. Sie fuhr herum. Rui stand in der Tür des Badezimmers, hatte sich eine Hand vorn in die Hose geschoben und kratzte sich am Sack. Dann zog er die Hand wieder aus der Hose, roch an den Fingern und fuhr sich mit derselben Hand erneut durch sein speckiges Haar. „Krieg ich wenigstens noch einen Kuss?“ fragte er.

Carina schloss für einen Moment die Augen. Mit einer gedankenschnellen Bewegung riss sie die Glock heraus und feuerte. Neunzehn Schuss. Das ganze, leicht umgebaute Magazin, das vier Patronen mehr fasste als die Standardausführung, seit sie den Zwischenboden herausgenommen hatte. Sie feuerte so schnell, dass Rui die ersten sieben, acht Kugeln noch aufrecht stehend nahm. Die restlichen trafen ihn, als er von den Einschlägen der schweren Geschosse zurückgeworfen wurde und schließlich mit blutiger, zerfetzter T-Shirt- und Boxershortsvorderseite auf dem Boden zum Liegen kam, sich noch einmal aufbäumte und dann ruhig lag. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte sie. Meu Deus, hatte das gut getan!

Dann öffnete sie die Augen, und der schöne Fünf-Sekunden-Traum war vorbei. Rui stand noch immer an derselben Stelle, in demselben fleckigen Hemd. Der einzige Unterschied war, dass seine Hand jetzt hinten in der Hose steckte und seinem Hintern dieselbe Behandlung angedeihen ließ, wie eben noch seinem Genital.

„Äh ... nein, ich muss los“, murmelte sie, schon in der Bewegung zur Tür.

„Ich sehe dich dann heute Abend“, hörte sie noch, als sie die Tür hastig hinter sich zuzog. Das Bild von Rui mit seiner Hand in der Hose stand ihr wieder vor Augen. Und plötzlich erschien ihr die Aussicht auf ein paar Überstunden im Verhörraum, gemeinsam mit einem abgefuckten bulgarischen Drogendealer, der vielleicht seinen Partner oder Konkurrenten abgestochen hatte, als durchaus attraktive Alternative ...

Vor dem Haus atmete Carina tief durch. Sie zögerte einen Augenblick, dann entschied sie sich gegen das Auto und wandte sich in Richtung Metro. Sollte es heute Abend mit den Überstunden doch nicht klappen, dann gab es immer noch ihre Freundin Sara im „Ginginha do Carmo“, die sich bei reichlich „São Domingos“ ihr Elend anhören würde. Wahrscheinlich würde Sara sie dann wieder im „Estrela do Mondego“ abliefern (einer Pension, deren Inhaber schamlos die Tatsache ausnutzte, dass er aufgrund des Namens einen Stern auf seinem Leuchtschild führen durfte), und ihr ihren „Notfallkoffer“ ins Zimmer stellen, mit Toilettenartikeln und Wechselwäsche, die Carina dann ein paar Tage später Sara gewaschen zurückgeben würde, um den „Notfallkoffer“ wieder zu bestücken. Und natürlich würde Sara auch diesmal wieder keine Fragen stellen. Wie immer. Brauchte sie auch nicht. Ihre Blicke würden – wie immer – alles verraten: ‚Warum tust du dir das an? Du kannst Tausend andere haben!’ Carina war eine schöne Frau, und sie wusste es. 1,65 Meter groß, weibliche Formen (gut, momentan vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu weiblich ...), lange, fast schwarze Haare, ein hübsches Gesicht, für portugiesische Verhältnisse vielleicht etwas breit, aber schließlich war ihr Vater auch Schwede, eine Tatsache, der sie auch ihre strahlenden hellblauen Augen, „Husky-Augen“, wie ihre Kollegen sagten, verdankte.

Ja, sie konnte Tausende haben.

Und warum hatte sie dann Rui?

Metrostation Saldanha. Carina erwachte aus ihren Gedanken. Sie stieg aus und versuchte ruhig zu bleiben, als vor ihr der Teenager in knackig engen (weil wenigstens zwei Nummern zu kleinen) Jeans und Bauchfrei-Top beinahe stehenblieb und hochkonzentriert auf das Display ihres Handys starrte. Carina konnte nicht anders. „Reicht’s nicht für beides?“ fragte sie.

Die auf sechzehn hochgeschminkte, optimistisch höchstens Vierzehnjährige drehte sich um. „Hä?“

„Das Gehirn. Dein Gehirn. Reicht’s nicht zum Laufen UND Simsen?“

Der Teenager starrte sie einen Augenblick ungläubig an. Der offene Mund mit der mit roten und blauen Strasssteinen besetzten Zahnspange ließen Carina einen Moment lang an den Kühlergrill eines 1957er Buick denken.

Dann schien sich die junge Dame gefangen zu haben: „Ja, fick dich doch, du Hure! Was machst du mich jetzt an hier?“

Carina erwog für eine Sekunde, ihre Dienstmarke zu ziehen und die Göre wegen Beamtenbeleidigung festzunehmen, verwarf die Idee jedoch sofort wieder. Den ganzen Papierkrieg, damit eine Minderjährige mal zwei Stunden lang auf einer Wache saß? Niemals! Carina beschränkte sich stattdessen darauf, ihre Schultertasche zurecht zu rücken und dabei – ganz zufällig natürlich – ihre Glock freizulegen. Ein kurzes „Ach du Scheiße, wie abgefahren ist das denn!“, und die Halbstarke wandte sich ab und rannte die Treppe hinauf, nunmehr ihrerseits die vor ihr Laufenden anrempelnd und beiseite schiebend.

Carina verließ die Metro und steuerte als erstes die Delta-Q-Kaffeelounge im Atrium Saldanha an. Beim ersten Schluck Double Shot Power Coffee schloss sie die Augen. Warum konnte zu Hause nicht jeder Tag genau damit beginnen? Nur den Bruchteil einer Sekunde später stand ihr das Bild von Rui mit der Hand in der Hose wieder vor ihrem inneren Auge. Richtig, da war ja noch was ...

Fünf Minuten später erreichte Carina das Gebäude der Polícia Judiciária, ein moderner Neubau, der aus der Ferne eher den Eindruck eines Edelhotels machte, wäre da nicht der stacheldrahtbewehrte seitliche Anbau auf der linken Seite. Aber hier, in dem neuen Gebäude, funktionierte wenigstens der Fahrstuhl. Wobei ... Carina schielte auf die Treppe und dachte dabei wehmütig an die Jeans Größe 27/32, die sie sich Anfang letzten Sommers als Motivationshilfe selbst geschenkt hatte, und die seit genau diesem Tag in den dunklen Tiefen ihres Kleiderschrankes schlummerte und auf ihren großen Auftritt wartete. Andererseits, warum sich nach diesem Einstieg in den Tag auch noch bestrafen?

Noch ein kleiner Moment der Besinnung, dann hatte die disziplinierte Carina in ihr gesiegt. Drei Minuten später stand sie zwar stolz auf sich, aber leicht keuchend und mit sich selbst hadernd vor der Glastür mit der Aufschrift „Brigada de Homicídios“, hinter der sich der lange Flur mit den Bürotüren der einzelnen Einsatzgruppen erstreckte. Nein, so sehr sie ihre Weiblichkeit und deren üppige Formen auch liebte und auslebte, aber so ging es nicht weiter. Sie war gerade einmal einunddreißig, wo sollte das denn noch enden? Wenn sie wenigstens ab und zu mal anständigen Sex ... Der verbrannte ja angeblich auch Kalorien ...

Nach einer weiteren halben Minute atmete sie wieder halbwegs normal, legte die Hand auf die Klinke der Tür ihres Büros und trat ein. Und blieb wie angewurzelt stehen. Auf dem Besprechungstisch stand ein großer Karton Donuts. Natürlich mit Schokoladenüberguss. Genau die Sorte, die Carina problemlos zum Frühstück, Mittag und Abendbrot essen konnte. Danke, liebe Kollegen!

„Und wer von euch hat gestern Abend wieder zu viele amerikanische Polizeiserien geguckt?“ fragte Carina anstelle eines „Guten Morgen“.

Keine Antwort. Luis, Bruno und Carla starrten wie gebannt auf den Monitor auf Carlas Schreibtisch und sahen nicht einmal auf, als Carina direkt neben ihnen stand und in den Donut biss, der ihr wohl auf dem Weg vorbei am Besprechungstisch heimtückisch in die Hand gehüpft sein musste.

„Hallo ...? Erde an Team ...?

„Mord in Cabo Ruivo“, antwortete Bruno, der angolanische Riese mit dem kahl geschorenen Schädel. „In der Metrostation. Eine Frau, einunddreißig, Elisabete Maria Pinto. Angestellte bei einer Versicherung unten am ehemaligen Expo-Gelände. Ein einziger Messerstich in die Brust. Der Täter allem Anschein nach ein Mann, Identität noch unbekannt. Das Ganze direkt auf dem Bahnsteig.“

„Auf dem Bahnsteig?“ fragte Carina überrascht. „Na, der hat Nerven ...“ Sie schüttelte zu sich selbst den Kopf. „Ausgerechnet in Cabo Ruivo. Nur ein Ausgang, Kameras am Anfang und am Ende des Bahnsteigs ... Vielleicht ein Streit, der eskaliert ist?“

„Wir sehen uns gerade die Aufzeichnung an“, kam es von Carla, der jüngsten im Team. Fünfundzwanzig Jahre alt, Nerd-Brille, undefinierbare Frisur, griff jeden Tag im Kleiderschrank daneben und nannte es „ihren ganz eigenen Stil“. Und den dunklen Schatten unter den Augen nach zu urteilen stimmte das Gerücht, dass sie nachts online als supersexy gestylte kriegerische Elfen-Magierin epische Schlachten um einen fiktiven Kontinent namens „Tamriel“ schlug.

„Und?“

„Wie es aussieht, kannten sich Täter und Opfer vorher nicht. Er hat sie scheinbar willkürlich ausgesucht, sie haben ein paar Worte gewechselt, und dann hat er sie abgestochen, und zwar so schnell, dass sie es zunächst wohl selbst kaum bemerkt hat. Aber hier, guck dir das mal an!“ Carla zeigte mit dem Finger auf den Bildschirm und verfolgte den Weg des Täters über den Bahnsteig.

Carina lehnte sich nach vorn, dabei bewusst Luis’ Blick in ihren Ausschnitt ignorierend. Sie pfiff leise durch die Zähne. „Habt ihr schon den Anfang ...?

„Natürlich“, sagte Carla. „Genau das Gleiche. Der Typ bewegt sich über den Bahnsteig, als hätte er die Kameras dort selbst angebracht. Wir haben absolut nichts. Eine Gestalt mit Allerweltsklamotten, einer durchschnittlichen Figur und ohne Gesicht.“

„Hier oben in Saldanha wäre das nicht passiert“, murmelte Carina. „Wäre ja vielleicht mal ein guter Anlass für unsere Verkehrsbetriebe, so eine Rundumkamera in der Mitte des Bahnsteigs wie hier in allen Stationen zu installieren.“

„Wie auch immer“, sagte Bruno. „Im Grunde haben wir wirklich nichts, außer einer Leiche, die zu neunundneunzig Prozent nichts mit ihrem Mörder zu tun hatte, außer, dass er sie offenbar nach der Uhrzeit gefragt hat, so sieht es zumindest auf der Aufzeichnung aus. Ist auf jeden Fall eine unauffällige Methode, sich jemandem zu nähern.“

„Irgendwas hinsichtlich der Mordwaffe?“

Bruno schüttelte den Kopf. „Noch nicht, Gerichtsmedizin ist noch drüber. Und du weißt ja, die ‚Capuchos’ haben’s nicht so mit ‚schnell-schnell!’“

„Und was jetzt?“ fragte Luis, der sich bis dahin zurückgehalten hatte. Er war der Älteste des Teams und litt, obwohl er das nie offen sagen würde, außer unter seiner Größe von nur knapp 1,63 Meter auch darunter, dass er aus verschiedenen Gründen (die nur er kannte) bei mehreren Beförderungen übergangen worden war und nunmehr unter einer Frau arbeiten musste, seit man Carina vor etwa einem Jahr zur Leiterin ihres kleinen Teams gemacht hatte. Dabei war er ein äußerst attraktiver Mann: schlank, sportlich, mit einem interessanten kantigen Gesicht, dunklen Augen, immer gepflegt und nach einem teuren Parfüm duftend. Wenn da nur nicht die Tatsache wäre, dass er stehend nicht größer war, als Bruno im Sitzen ...

„Jetzt?“ Carina richtete sich wieder auf, trat einen Schritt zurück und setzte sich auf den hinter ihr stehenden Schreibtisch. „Jetzt fangen wir an zu puzzeln. Carla, du speicherst das Video bitte auf dem gemeinsamen Laufwerk, und jeder von uns schaut sich die Aufzeichnung wenigstens drei Mal allein und in Ruhe an. Vielleicht haben wir ja etwas übersehen. Ich mache den ‚Capuchos’ Druck, und du, Luis, fährst noch einmal nach Cabo Ruivo und befragst die Mitarbeiter der Metro. Vielleicht hat ja doch jemand etwas gesehen und ist sich nur nicht bewusst darüber, dass es wichtig sein
könnte.“

„Und ich?“ fragte Bruno.

Carina warf ihm einen langen, bedeutsamen Blick zu. „Du schaffst augenblicklich die drei Millionen Kalorien da drüben aus meinem Blickfeld. Oder isst sie selbst. Mir egal. Du hast sie schließlich gekauft.“

„Woher ...?“

„Ich bin deine Chefin und cleverer als du.“

„???“

„Und vielleicht solltest du der kleinen Dunkelhaarigen in der Pastelaria gegenüber sagen, dass sie nicht bei Starbucks arbeitet und daher nicht deinen Namen auf den Karton schreiben muss. Was sie eh’ nur tut, weil sie dich anhimmelt, großer schwarzer Mann.“

„Aber ...“

„Darunter steht übrigens ihre Handynummer. Nur für den Fall, dass es dich interessiert ...“

 

 

Mittwoch, 12:00 Uhr

Er starrte wir hypnotisiert auf den Monitor. 13 Minuten und 45 Sekunden. Noch eine Minute und 15 Sekunden, dann war seine Pinkelpause, hier vornehm „Comfort Break“ genannt, vorbei. Er stülpte sich das abgegriffene Headset über und legte die Hand auf die Mouse. 14 Minuten und 15 Sekunden. Nein, er würde der Firma keine Sekunde seiner freien Zeit schenken. Keine einzige. Natürlich würde er auf die Sekunde genau auf den gelben Button klicken, der daraufhin grün werden und seine Verfügbarkeit anzeigen würde; nur eine Sekunde zu spät, und sein Name würde anfangen, auf dem über dem „Floor“ hängenden riesigen Flatscreen rot zu blinken, als für alle sichtbares Zeichen, dass er seine Pause überzogen hatte. Er konnte es sich nicht leisten, seine „produktive Zeit“ zu verkürzen, das würde ihn seinen Bonus kosten, 50 Euro, bei nicht einmal 760 Euro Nettogehalt ein kleines Vermögen. Diese 50 Euro bezahlten die Monatskarte für die Metro, und die verbleibenden 15 Euro waren immerhin vier Flaschen weißer Portwein der Billigmarke „St. Bart“, Alkohol, den er brauchte, um am Abend im Bett die Gedanken an sein elendes Leben zu verscheuchen. Um wenigstens ein bisschen zu schlafen.

14 Minuten 58 Sekunden. Noch einmal tief durchatmen ... Klick ... Piep ... „Herzlich willkommen bei Ihrer Buchungshotline. Mein Name ist Bertram. Wie darf ich Ihnen helfen?“

Eine Stunde später waren alle Kollegen der 13 Uhr beginnenden Spätschicht online, sodass es die ersten Pausen zwischen den Anrufen gab. Es drängte ihn, die versifften Kopfhörer abzunehmen, er traute sich aber nicht. Vor zwei Wochen hatte der Auftraggeber, ein großes Online-Reisebüro, für das sie hier in Lissabon den Telefonsupport leisteten, beschlossen, dass die auf neudeutsch „Customer Service Representatives“ genannten Telefonisten die Anrufe der Kunden nicht mehr aktiv annehmen sollten, sondern dass die „Auto Answer“ Funktion dafür sorgte, dass der Kunde nach einem kurzen Piepton direkt in der Leitung war. Bertram wusste, dass die Supervisoren ein Programm hatten, mit dem sie sehen konnten, wie viele Anrufe ankamen, wie viele angenommen wurden und wie viele in der Warteschleife hingen. Anrufe durchklingeln zu lassen oder gar per Mouseklick aufzulegen, konnte ernsthafte Konsequenzen haben. Besonders dann, wenn einen der Supervisor (oder „First Line Manager“, wie er hier offiziell hieß) eh’ schon auf dem Kieker hatte.

Bertram war mitten in einem Anruf, bei dem es so aussah, als würde er einen für seine Verkaufsrate so wichtigen Abschluss landen, als ihm ein sonarähnliches Geräusch signalisierte, dass er eine Email erhalten hatte. Fast augenblicklich spürte er, wie er fahrig wurde. Er begann zu stottern, sich zu verhaspeln. In den letzten Wochen hatten Emails nichts Gutes bedeutet. Veränderungen im Gesprächsleitfaden, die natürlich sofort umzusetzen waren (meist unter Androhung von Punkt- und damit Bonusverlust bei Nichtbeachtung), Hinweise auf überzogene Pausen oder zu lange Wrap-Up-, also Nachbearbeitungszeiten, Ankündigungen von Urlaubssperren oder Anordnungen von Überstunden. Wahrscheinlich war Bertram tatsächlich am Rande eines Zusammenbruchs, denn sein Kunde fragte ihn besorgt, ob denn alles in Ordnung wäre. Bertram entschuldigte sich, er wäre für einen Augenblick abgelenkt gewesen. Drei Minuten und zwei falsche Nennungen des Abflughafens des Kunden später war das Gespräch beendet. Bertram änderte seinen Status auf „Extended Wrap-Up“ und öffnete seinen Emaileingang. Es waren sogar zwei neue Emails, eine mit dem Betreff „Employee Monitoring Completed“, und eine von Andreas, seinem Supervisor, mit dem schlichten Betreff „Monitoring“. Er klickte auf die Mail. Ihr Inhalt war genauso schlicht: „Nach dem Call auf ‚Coaching’ und zu mir.“ Das Wort ‚Bitte’ existierte nicht in Andreas’ Wortschatz, und Anreden waren reine Zeitverschwendung. Als Bertram seinen Status von „Extended Wrap-Up“ auf „Coaching“ umstellen wollte, kam in genau dieser Sekunde sein nächster Anruf herein. Noch während der Begrüßung des Kunden drehte er sich zu Andreas und hob bedauernd die Schultern. Sein „First Line Manager“ antwortete mit einem genervten Augenrollen.

Das Telefonat geriet zum Desaster. Bertrams Kunde war ein Typ, der nach seinem ersten Sixpack Bier auf dem Balkon seiner Sozialwohnung in Köln-Kalk offenbar beschlossen hatte, dass man die folgenden Sixpacks – natürlich möglichst ab morgen – auch für einen kleinen Euro all inclusive auf Malle haben konnte, und der nicht verstehen wollte, dass gerade in den Monaten Juli und August durchaus noch mehr Leute auf genau dieselbe Idee gekommen waren, und es daher nur noch wenige Hotelzimmer und noch weniger Sitzplätze im Charterflieger gab. 40 Minuten und gefühlte zehn Dosen Bier (auf Seiten des Kunden) später hatte man einen Kompromiss gefunden. Bertram atmete auf. Er hatte um diesen Abschluss gekämpft. Er hatte ihn verdient. Er hatte fast alle Daten des Kunden in die Buchungsmaske eingegeben und bat den Mann nun um die Angabe der Nummer seiner Kreditkarte, die dieser auf Bertrams vorsorgliche Frage gleich zu Anfang des Gesprächs zu besitzen behauptet hatte. Schon bei den ersten Zahlen wusste Bertram, dass das Ganze unweigerlich in die Hose gehen würde.

„Entschuldigen Sie bitte, Herr Timm, sind Sie sicher, dass Sie mir da gerade die richtige Nummer geben? Es sollte eine 16stellige sein, die mit einer Vier anfängt ...“

„Sach mal, du Luftpumpe, glaubst du etwa, isch kannet lesen?“

„Natürlich nicht, Herr Timm. Von welchem Institut wurde die Karte denn herausgegeben?“

„Wat is? Institut? Sin wir hier bei Si Es Ei oder wat? Red doch mal Deutsch, du Heinz!“

Bertram atmete tief durch. „Welcher Bankname steht denn auf der Karte, Herr Timm?“

„Welcher ... na, die Spaßkasse natürlich! Oder meinst du Warmduscher, isch hab mir die Karte selbst geschnitzt?“

Bertram stöhnte innerlich. Letzter Versuch. „Und da steht wirklich MasterCard drauf? Mit einem großen roten und gelben Punkt als Logo?“ Manchmal brauchten die Kunden es ja auch ganz schlicht.

„Vielleischt bin isch ja farbenblind, bei mir sind die Punkte blau und rot, aber daneben steht ganz deutlich ‚maestro’. Dat is doch fremdländisch für ‚Master’, oder ...?“

Bertram erwog für eine Sekunde, seine Tastatur durch den Saal zu werfen und in die Tischkante zu beißen. „Herr Timm, das ist eine ganz normale Bankkarte. Für die Buchung benötige ich eine Kreditkarte, also VISA, MasterCard, American Express, Diners Club ...“

„Wat seid ihr denn für ein elitärer Scheißverein?!“ kam es vom anderen Ende. Dann war die Leitung tot. Fünfundvierzig Minuten produktive Zeit umsonst. Average Handling Time im Arsch. Herzlichen Glückwunsch!

Das anschließende Gespräch mit Andreas war auch alles andere als geeignet, um seine Stimmung zu heben. ‚Wir vermissen das Lächeln in deiner Stimme’, und ‚Du musst viel aggressiver den Verkauf von Mietwagen und Reiserücktrittsversicherungen angehen.’ Seinen Einwand, dass die Mietwagenbuchungssoftware fast nie funktionierte, beziehungsweise, dass Mietwagen mit einem Vorlauf von zum Teil mehreren Monaten nur auf Anfrage buchbar waren – was sie als Agenten nicht durften – und dass der Kunde im Internet viel günstigere Preise für die Versicherung angezeigt bekam, als er über das Agenturprogramm anbieten konnte, fegte Andreas einfach beiseite. „Wenn sich alles von allein verkaufen würde, bräuchten wir keine Verkäufer, sondern Sachbearbeiter. Zieh den Finger aus dem Arsch und tu was für Dein Geld!“

Bertram verbiss sich den abgegriffenen Spruch ‚Wenn ihr wenigstens so tun würdet, als würdet ihr mich anständig bezahlen, dann würde ich auch so tun, als würde ich anständig arbeiten’, und schlich an seinen Platz zurück.

Die letzten beiden Stunden seiner Schicht verliefen nicht besser, und so pfiff er auf seine guten Vorsätze und stieg auf seinem Heimweg nicht in Bela Vista aus der Metro, wo seine Wohnung lag, die er sich mit drei unsäglichen Italienern teilte, sondern fuhr weiter bis Alameda, stieg dort auf die blaue Linie um, fuhr bis zum Rossio und lief die paar Schritte zu seinem Lieblings-Ginjinha-Shop am Largo de São Domingos, um sich dort ein paar heftige Bagaceira einzuhelfen. Den ersten stürzte er noch in dem winzigen Geschäft herunter; den zweiten nahm er immerhin mit nach draußen.

Er stand vor dem Laden, spürte, wie der Alkohol seinen leeren Magen erreichte und begann, ihn innerlich zu wärmen. Er beobachtete das Treiben auf dem kleinen Platz, die tägliche Versammlung der Moçambiquaner und Angolaner, die Zigeuner, die entweder in der Gestalt von professionellen Bettlerinnen, Sonnenbrillenverkäufern oder Drogendealern (wobei die Grenzen bei den letzteren beiden nicht ganz klar waren) jeden potenziellen Kunden anlaberten. Bertram hätte seinen Bagaceira auch in etwas angenehmerer Gesellschaft nur etwa einhundert Meter weiter in dem anderen kleinen Ginjinha-Shop am Anfang der Rua das Portas Santo Antão trinken können, doch dort kostete er zehn Cent mehr. Bei geplanten drei Bagaceira machte die Differenz fast den Preis eines Kaffees aus dem firmeneigenen Kaffeeautomaten aus.

Nach dem dritten Bagaceira setzte er sich in Bewegung. Er wählte bewusst den langen Weg zur Metrostation Saldanha, der ihn die ganze Touristenfressmeile der Rua das Portas Santo Antão entlang führen würde, wo er den Duft der gegrillten Sardinen oder Lachssteaks einsaugen und mit nach Bela Vista nehmen konnte, um sich dort einzubilden, dass er genau das aß. Auch, wenn es wieder nur Würstchen mit Brot aus dem „Pingo Doce“ sein würden. Oder Nudeln mit Sauce, wenn seine Mitbewohner etwas davon übriggelassen hatten ...

Nach nur wenigen Schritten verkündete ihm ein Ziehen in seinem Unterleib jedoch, dass seine Blase dringend einer Entleerung bedurfte. Er hatte nunmehr drei Möglichkeiten. Erstens. Umdrehen und im Stechschritt etwa einen Kilometer den Boulevard entlang zum Fährhafen Terreiro do Paço laufen, wo man ihn in den öffentlichen, schmuddeligen Toiletten vermutlich nicht einmal wahrnehmen würde. Zweitens. Zum näher gelegenen Praça Martim Moniz abbiegen, wo er sich vom Platz- und Schlüsselwart mit der Schmalzfrisur einen langen misstrauischen Blick einhandeln würde, gefolgt von der Frage, an welchem Kiosk er denn unbemerkt gespeist haben wollte (da die Toiletten nur für Gäste der ansässigen Gastronomie gedacht waren). Drittens. Als Bittsteller in eines der Restaurants direkt am Boulevard zu gehen, um sich dort die überheblichen Kommentare der Kellner anzuhören (die, obwohl eigentlich Portugiesen, natürlich Englisch miteinander sprechen würden, damit er ihre Kommentare auch verstehen konnte), und die ihm dann – vielleicht – gnädigerweise den Zutritt zur Keramikabteilung des Restaurants gestatten würden.

Seine Blase nahm ihm die Entscheidung ab. Fünf Minuten und wenigstens vier Demütigungen später trat er immerhin erleichtert auf die Straße. Just in diesem Moment begann es zu regnen. Bertram hatte keinen Schirm; der wäre bei dieser Art Regen, wie es ihn wohl nur in Lissabon gab, auch sinnlos. Feiner Wasserstaub, der durch den Wind von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien, die Kleidung innerhalb weniger Minuten komplett durchweichte und das Kopfsteinpflaster der Fußwege gefährlich rutschig machte. Jetzt noch stürzen und sich etwas brechen, wäre das nicht ein perfekter Abschluss für diesen Kacktag?

Eine Dreiviertelstunde später stieg Bertram mit vor Nässe quietschenden Schuhen die Treppe der Metrostation Bela Vista hinauf. Was tagsüber noch wie eine unpersönliche, aber immerhin helle und saubere Hochhaussiedlung wirkte, erweckte abends den Eindruck eines Ghettos der übelsten Sorte (obwohl es in Lissabon durchaus schlimmere Gegenden gab, den nebenan gelegenen Stadtteil Chelas zum Beispiel), zumindest auf Leute, die ihre Wurzeln sichtbar nicht in Angola oder Moçambique hatten. Am Fahrstuhl hing das übliche handgekritzelte „Fora de Serviço“ Schild. Bertram beschloss, der Sache wenigstens einen sportlichen Aspekt abzugewinnen, und begann seinen Aufstieg in die – glücklicherweise „nur“ – sechste Etage.

Als er die Tür zu der gemeinschaftlichen Betriebswohnung aufschloss, kam Bertram für einen Augenblick der Gedanke, dass der Sturz auf dem regennassen Pflaster und eine Nacht im Krankenhaus vielleicht nicht unbedingt der schlechteste Tagesabschluss gewesen wären. Aus dem Gemeinschaftszimmer und der Küche drang trunkenes Gegröle von mindestens zehn Landsleuten seiner italienischen Mitbewohner, und die nach Zigaretten stinkende Luft hätte Bertram sehr gut auch in Scheiben geschnitten nach draußen tragen können. Abendbrot vorm Fernseher hatte sich damit erledigt für heute, ebenso Surfen im Internet, da sein Zimmer zu weit vom einzigen Router der WG entfernt lag. Was ihn am meisten störte war, dass er seine nassen Sachen nicht in der dafür vorgesehenen Ecke in der Küche aufhängen konnte und sie so wieder wenigstens bis morgen früh klamm an seiner Schranktür hängen würden. Also, nur noch einmal auf’s Klo, noch was zu essen aus dem Kühlschrank holen, und dann ab ins Bett. War ja vielleicht auch nicht ganz verkehrt, dem Körper mal etwas Ruhe zu gönnen ...

Man konnte sich auch alles schön reden.

Aber vielleicht doch nicht alles.

Als Bertram die Tür des durch die Milchglasscheibe sichtbar unbeleuchteten Badezimmers öffnete, dröhnte ihm ein mit einem schweren italienischen Akzent versetztes „Fuck off!“ entgegen. Die junge Dame, die vor dem stronzo und dessen geöffneter Hose kniete, war aus einem ersichtlichen Grund zu keinem Kommentar in der Lage.

Bertram feuerte die Badtür zu, was ihm einen nicht übermäßig freundlichen italienischen Namen einbrachte. Er riss die Küchentür auf, griff unter den empörten Ausrufen der im Stehen Pizza essenden und dabei rauchenden Gemeinde ohne hinzusehen nach der Packung eingeschweißter Würstchen und warf die Tür wieder hinter sich zu. In seinem Zimmer angekommen, warf er seine Tasche in die Ecke und ließ sich auf sein Bett fallen. Er zog die Schublade seines Ikea-Nachtschranks auf und griff ohne hinzusehen hinein. Einen Augenblick lang wog er sein Messer in der Hand, ein Smith & Wesson Extreme Ops Kampfmesser aus schwarzem Stahl, mit einer kurzen, brutal aussehenden, scharf gezackten, skalpellscharfen Klinge. Er hatte die Würstchenpackung gerade aufgeschnitten, da merkte er, dass er den Senf vergessen hatte. Und eigentlich hatte er ja auch Brot zu den Würsten essen wollen.

War jetzt auch schon egal. Halb im Aufstehen schlang er zwei der Würste herunter, dann ging er zu seiner „Bar“: einer Holzstiege, die er dem Besitzer eines Minimarktes abgeschwatzt hatte, zwei Portweingläsern, die er einmal als Draufgabe beim Kauf einer etwas besseren Sorte bekommen hatte, und zwei Bagaceira-Gläsern, die er in einem Ginjinha-Shop einfach einmal hatte mitgehen lassen. Er griff nach der Portweinflasche und einem Glas, zögerte dann einen Moment, als ihm klar wurde, dass er das Glas heute – zur großen Freude der kleinen Obstfliegen in der Wohnung – nicht mehr würde abwaschen können. Er stellte das Glas wieder ab, entkorkte die Flasche und nahm zwei tiefe Züge. Er stellte die Flasche griffbreit neben sein Bett, zog sich aus, hängte seine nassen Jeans und das durchgeweichte Hemd an die Schranktür, zog sich ein T-Shirt und ein Paar trockene Unterhosen an, legte sich auf’s Bett und starrte an die Decke. Durch die Tür drang der Partylärm, und Bertram wusste, dass es auch heute wieder drei oder vier Uhr werden würde, bis er würde schlafen können. Und dass Andreas auch morgen wieder „das Lächeln in der Stimme“ vermissen würde.

Drauf geschissen. Bertram griff neben sich und nahm einen weiteren tiefen Schluck aus der Portweinflasche. Er spürte, wie es wiederkam, dieses Gefühl, dieser Drang, und ihn mit Verzweiflung erfüllte. Er wusste, dass er es wieder tun musste, so sehr er sich auch dagegen zu wehren versuchte. Er würde sich wieder hassen dafür, weil dem berauschenden Gefühl der Macht wieder der totale Absturz folgen würde. Und dann würde er wieder in seiner Lieblingskirche am Largo de São Domingos sitzen und als Nichtchrist darum betteln, dass es aufhörte.

Wissend, dass es nicht aufhören würde.

Dass es nie aufhören würde.

Dass er wahnsinnig werden würde von der Leere in sich, wenn es aufhörte.

Noch ein Schluck Portwein. Noch zwei Tage, dann hatte er endlich frei.

Mit wilden Bildern in seinem Kopf fiel Bertram in einen unruhigen Schlaf. Mitten in der Nacht meldete sich seine Blase wieder. Schon beim Aufstehen hörte er den Lärm aus dem restlichen Teil der Wohnung. Die Party war offenbar auf alle Zimmer bis auf seines ausgeweitet worden. Bereit, seine letzte Demütigung dieses Tages hinzunehmen, zog sich Bertram stehend die Unterhose herunter, ergriff eine der leeren Wasserflaschen und ließ der Natur freien Lauf. Er verschraubte die Flasche und steckte sie tief in die Mülltüte, die er morgen auf seinem Weg zur Arbeit heimlich in eine der Mülltonnen des Hauses werfen konnte.

War das Leben nicht Scheiße?

 

 

Donnerstag, 1:00 Uhr früh

„Du hattest genug für heute“, sagte Sara, stellte die São Domingos Flasche wieder ins Regal zurück und legte demonstrativ den Wischlappen auf den Tresen.

Mit trunkener Bockigkeit schob Carina ihr Glas über den Tisch. „Ich genug? Niemals! Noch einen!“

„Du solltest nach Hause gehen“, unternahm Sara noch einen letzten Versuch.

Schlechte Idee.

„Nach Hause?!“ heulte Carina laut auf. „Nach Hause?! Wenn du heute Morgen gesehen hättest, was mich da erwartet, würdest du mir als meine beste Freundin den Bagaceira als Infuschion interva ... intereva ...“ Carina holte tief Luft. „In-te-ra-ve-nös geben!“ Sie senkte den Kopf und sah Sara mit Hundeblick von unten herauf an. „Büüütte ...“

Seufzend griff Sara zur Flasche. „Dein Rui, so wenig ich ihn mag, ist doch eigentlich ein ziemlich intelligenter Typ, seinem Job nach zu urteilen. Merkt der nicht, dass er dir wehtut?“ Sie winkte ab als sie sah, wie Carina schweigend auf ihr leeres Glas deutete. „Und dann?“ fragte sie, die Antwort eigentlich schon wissend.

Carinas Kopf lag fast auf dem Tresen, der Blick wurde noch hundiger. „Estrela ...?“

Etwa eine Stunde und vier oder fünf Bagaceira später lag Carina mit weit aufgerissenen Augen auf dem durchgelegenen Bett, hielt sich mit beiden Händen am Bettrahmen fest und starrte an die fleckige Zimmerdecke, die erstaunlich ruhig über ihr schwebte. Ihr war plötzlich zum Heulen. Einunddreißig, Leiterin einer Ermittlungsgruppe, erfolgreich, mit einer legendären Aufklärungsquote, und dann das hier.

In ihrem Kopf war auf einmal der Gedanke, dass die Tote aus der Metro auch gerade einunddreißig Jahre alt war. ‚Die hat’s hinter sich’, dachte Carina, und erschrak vor sich selbst so sehr, dass das Bett plötzlich anfing, unkontrolliert zu rotieren. Gerade noch rechtzeitig warf sie sich zur Seite und ergriff den alten Putzeimer neben dem Bett. Tschüss, Bagaceira, war schön mit dir ...

Aber wenigstens würde morgen früh der Kater nicht ganz so schlimm sein ...

 

 

Freitag, 20:00 Uhr

Bertram spülte den Einwegrasierer sorgfältig ab und verstaute ihn wieder in seiner Waschtasche. Er sah prüfend an sich herunter. Zwei, drei blutige Punkte oberhalb seines Geschlechtsteiles, die empfindliche Haut dort ein wenig gerötet, aber sonst würde die Klinge wohl noch einmal gehen. Bertram langte durch die halbgeöffnete Tür der Duschkabine und stellte das Wasser an. Wie erwartet erwischte es seinen Arm eiskalt. Nach etwa einer Minute wurde das Wasser wärmer, und er stieg in die Dusche. Als das Wasser richtig heiß war, schloss er die Augen und genoss die Hitze, die ihn durchdrang und ihn reinigte. Wenig später stand er vor dem beschlagenen Spiegel, den er mit seinem T-Shirt abwischte, bevor er zum Rasierer griff, um dem Dreitagebart zu Leibe zu rücken. Bei einem zufälligen Blick nach unten sah er an seiner linken Brustwarze ein etwa fünf Millimeter langes schwarzes Haar, das seiner Körperrasur vorhin wohl entgangen war. Unwillig setzte Bertram seine teure, eigentlich nur fürs Gesicht gedachte Gilette-Klinge an. Es ging nicht anders, sein Körper musste makellos sein für heute Nacht. Mit der inneren und äußeren Reinheit wollte er es wieder spüren, dieses Gefühl der Überlegenheit, den Rausch der Macht. Bertrams Gedanken schweiften ab, und er merkte, wie er im Vorgefühl dessen, was diese Nacht bringen würde, eine Erektion bekam. Schnell zog er sich den Bademantel über und ging in sein Zimmer zurück. Erst den Deoroller, dann gab er sich eine großzügige Ladung „Boss Dark Blue“ aus dem Flacon, den er wie einen Schatz hütete; eine Erinnerung an die Tage, an denen es ihm schon mal besser gegangen war. Er zog sich einen weißen Slip, ein neues Paar Socken, frisch gewaschene Jeans und ein eng anliegendes, tailliertes schwarzes Hemd an, das seine Oberarme und Brustmuskeln betonte. Er zögerte einen Augenblick, griff dann aber doch zum Jackett. Draußen waren immer noch gute 27°C (hier drinnen vermutlich eher 35 ...), aber so ein Jackett wirkte einfach vornehm. Selbst dann, wenn man es nur über die Schulter trug.

Als letzten Teil seines Verwandlungsrituals legte Bertram seine Uhr an: eine – zugegebenermaßen gut – gefakte deutsche Markenuhr mit schwarz-silbernem Zifferblatt, die er sich vor Jahren einmal während eines Urlaubs, der nur noch eine ferne Erinnerung war, in einem Geschäft in der Altstadt von Rhodos-City gekauft hatte. Er holte sein Mobiltelefon heraus, ein altes iPhone 4s, dessen Akku inzwischen nur noch etwa zehn Stunden hielt und das in einer edlen Hülle aus Echtholz und Messing in Jules-Verne-Optik steckte, handgefertigt in den USA, inzwischen wahrscheinlich wesentlich wertvoller als das Telefon selbst. Er verglich die Zeit mit der auf seiner Uhr.

Alles stimmte, auf die Sekunde genau.

Er war bereit.

 

 

Freitag, 21:30 Uhr

Sônia Maria da Costa ließ das große Badetuch achtlos auf den Boden fallen und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ihr Körper zeigte dank der zahlreichen Nachmittage in der kleinen Bucht am Strand von Caparica eine naht- und streifenlose Bräune. Ihr Hintern war rund und knackig, vielleicht eine winzige Spur zu groß, aber die Männer standen drauf. Ihre Brüste waren fest und spitz, sodass ihre Nippel fast durch jedes Kleidungsstück hindurch deutlich zu erkennen waren. Ihr hübsches Gesicht mit den fast schwarzen Augen war von einer langen schwarzen Mähne eingerahmt, aus der sie – sehr zum Neid ihrer Kolleginnen – fast jede Frisur zaubern konnte: gouvernantenhaft streng, Lolita- oder Schulmädchenzöpfe, Tochter aus gutem Haus mit bravem Pferdeschwanz, erotisch wild und zerzaust wie nach einer heißen Nummer. Oder noch mitten dabei. Ja, sie war etwas Besseres, und deshalb war es heute auch das letzte Mal, dass sie für Carlos, ihren Zuhälter, ihren Edelkörper auf dem Straßenstrich in Alameda verkaufen würde. Sie war jetzt fünfundzwanzig, ein guter Zeitpunkt für eine Veränderung.

Und heute würde es ihr egal sein, dass die meisten der Vorbeigehenden wieder nur Studenten sein würden, die sie unauffällig angaffen würden, wohl wissend, dass sie sich Sônia nicht einmal für den Preis einer Straßennutte leisten konnten. Einmal noch, und dann würde es heißen ‚Tschüß, Carlos!’ Dieser Scheißkerl, der ihr bei jeder Gelegenheit damit drohte, ihr mal ein paar Schichten am Intendente zu verabreichen, ‚damit sie mal etwas Demut lernte’. Ab morgen war sie frei. Gut, was hieß frei, sicher würde sie Francisco hin und wieder mal ranlassen müssen, um ihm ihre Dankbarkeit zu beweisen, nicht zu oft natürlich, Sex war ihre Währung, ihr Geld, und zuviel Geld verdarb ja bekanntlich den Charakter. Und das Letzte, was Sônia wollte war, dass Francisco auf die Idee käme, er hätte gar ein Recht darauf, von ihr einen geblasen zu bekommen, sobald er nur mit dem Finger schnippte. Aber der Job, den er ihr verschafft hatte, war schon geil. Francisco war Türsteher im „Elefante Branco“, einer der besseren Nachtbars im Rotlichtviertel von Arroios in der Lissabonner Altstadt. Die Männer, die dort hin gingen, wurden schon am Eingang durch ein Messingschild auf den Mindestverzehr im dreistelligen Eurobereich hingewiesen. Sônia würde ab morgen täglich außer sonntags gegen 22 Uhr im klimatisierten Taxi vorfahren, sich beim Aussteigen die Highheels anziehen, hoheitsvoll die Bar betreten und dann bis 4 Uhr früh dafür sorgen, dass sich die Gäste auch an die Mindestverzehrregel hielten (was in der Regel nach Franciscos Aussage wohl kein Problem darstellte, aber Mehrumsatz war natürlich willkommen und würde sich auch für Sônia auszahlen). Sich mit den Gästen außerhalb des „Elefante Branco“ – oder zumindest ohne Wissen und vor allem Beteiligung der Eigentümer – zu treffen, war verboten. Aber wer sagte denn, dass nicht doch mal einer der gut betuchten Herren in Sônia mehr sah als nur die Animierdame an der Bar ...?

Sônia legte etwas Make Up auf. Ein ganz klein wenig Rouge, Smokey Eyes, Cajal, einen dezenten Lippenstift. Sie mochte eine Straßennutte sein, aber sie hatte immer darauf geachtet, nicht so auszusehen. Sie griff zu ihren bereit gelegten roten Dessous, zögerte einen Augenblick und zog die obere Schublade ihrer Kommode auf. Ganz obenauf lagen die Sachen, die sie sich vorgestern geleistet hatte, „Victoria’s Secret“, ein Traum in Weiß. Sônias Hände strichen sehnsüchtig über das edle Material. Dann schob sie die Schublade mit einem Ruck wieder zu. Nein. Diese Sachen waren für morgen, für ihr neues Leben, wie auch der kleine, sündhaft teure Flacon „Midnight Poison“ auf der Ablage unter dem Spiegelschrank.

Sônia stand eine Weile unschlüssig vor dem geöffneten Kleiderschrank. Dann griff sie zu einer schwarzen Bluse. Keine Nippelschau heute. Immerhin ließ sie die obersten Knöpfe so weit offen, dass der rote Spitzen-BH hin und wieder blitzen würde. Dazu kam jetzt ein ebenfalls schwarzer Rock, der immerhin das obere Drittel ihrer Oberschenkel bedeckte. Zum Schluss schlüpfte sie in die einzigen Kleidungsstücke, die ihren Beruf zumindest erahnen ließen: rote Lackschuhe mit Plateauabsatz. Sie hatte auch ein Paar, das aufgrund der Beschaffenheit der Absätze auch durchaus unter die Waffenscheinpflicht fallen würde, aber sollte sie an ihrem letzten Tag auf der Straße tatsächlich riskieren, sich auf dem Lissabonner Katzenkopfpflaster die Knochen zu brechen? Wohl kaum!

Beim Rausgehen griff sie noch ihre Umhängetasche, in der die Utensilien für ihre Nachtschicht steckten: ein Eau de Toilette, eine Packung Feuchttücher für sich (und den Fall, dass ein Freier vor seinem Ausflug in das Lissabonner Nachtleben das Waschen „vergessen“ haben sollte), einen etwas größeren Vorrat an Kondomen und ein Pfefferspray. Das Eau de Toilette würde ab morgen dem teuren Parfüm weichen, während sich an den letzten beiden Einträgen in der Inventarliste wohl erstmal nichts ändern würde.

Als allerletztes legte sie noch ihre Uhr an, eine Reverso Squadra Lady Duetto, natürlich nicht echt, aber gut gemacht und von der unauffälligen Eleganz einer teuren Marke.

Eine Stunde später stand Sônia wie gewohnt an ihrem Platz in der Avenida Rovisco Pais. Und wie nicht anders zu erwarten hatte Sônia mal wieder das Gefühl, im Zoo zu sein, nur leider auf der falschen Seite des Gitters. Warum sich ein Straßenstrich ausgerechnet in einem Studentenviertel angesiedelt hatte, würde ihr ewig ein Rätsel bleiben. Und die Gäste des gegenüberliegenden Hotels „Turim Alameda“ stiegen in der Regel auch eher paarweise ab, sodass immer ein gewisser Ausgleich herrschte zwischen den heimlichen, geilen Blicken der Ehemänner, Lebensabschnittspartnern, Freuden oder was auch immer, und den einheitlich vernichtenden der sie begleitenden Frauen.

Sônia lief ein paar Schritte. Ein ruhiger Abend, worüber sie nicht böse war. Genaugenommen war sie auch nur noch körperlich hier. Geistig saß sie schon an der Bar im „Elefante Branco“, ein Glas Sekt in der Hand, die Blicke der ihr gegenübersitzenden, gut gekleideten Herren über ihre Beine und in ihren Ausschnitt genießend, wissend, dass nur sie ganz allein entscheiden würde, wie diese Nacht verlaufen würde.

Zwei junge Männer, ihren schwarzen, mit vielen bunten Ansteckern und Aufnähern versehenen Umhängen nach zu urteilen Studenten, auf dem Heimweg von einer Verbindungsveranstaltung oder auch nur einem Gesangsauftritt in der Innenstadt, bei dem man versuchte, das Taschengeld etwas aufzubessern, blieben in einiger Entfernung stehen und sahen zu Sônia herüber. Ihr Versuch, dabei möglichst unauffällig auszusehen, scheiterte kläglich. Vor ein paar Tagen hätte sich Sônia noch darüber geärgert, heute fand sie das Ganze einfach nur putzig. Eine Weile tat sie so, als würde sie die Blicke nicht bemerken, dann stemmte sie plötzlich mit einer schnellen Bewegung die Hände in die Seiten und lief mit betont nuttigem Stelzschritt hüftschwingend auf die Beiden zu. Keine drei Schritte vor ihnen blieb sie stehen und zog die Augenbrauen hoch. „Und? Wer will zuerst?“

So hastig, wie die beiden sich umwandten und wegrannten, taten sie ihr fast schon leid. Vielleicht sollte sie sich so einen jungen Kerl später mal nebenher halten. Zum einen war so ein bisschen „Frischfleisch“ gar nicht schlecht, und zum anderen waren diese jungen Typen immer so unglaublich dankbar und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich so eine Frau wie Sônia mit ihnen abgab. Sie hatte das schon einmal erlebt, vor etwa zwei Jahren, als sie sich eine Zeitlang den kleinen Pedro pro bono gegönnt hatte. Gut, Carlos hatte ihn, als er es herausgefunden hatte, krankenhausreif schlagen lassen, aber Deus Meu! war der Junge auf sie abgefahren! Und ehrlicherweise war er bislang der erste und einzige gewesen, der sie tatsächlich hin und wieder zu einem Orgasmus gevögelt hatte. Und sich immer entschuldigt hat, wenn er es mal nicht geschafft hatte. Bei ihr, einer Prostituierten! Süß.

Sônia lief langsam weiter. Es war noch immer nichts los hier in Alameda. Es war Freitagabend, aber noch zu früh. Vor Mitternacht war hier kein Geschäft zu machen. Nicht, dass Sônia heute scharf darauf gewesen wäre ...

So tief, wie sie in Gedanken war, sah sie ihn erst, als er schon fast an ihr vorbei war. Ausländer, blond, irgendwas nordisches, Schwede vielleicht. Oder Däne. Gut gekleidet, Markenjeans, gut sitzendes, tailliertes Hemd, Jackett, guter Haarschnitt, teurer Duft, dabei aber dezent. Nicht wie die portugiesischen Männer, die immer so rochen, als hätten sie gerade in ihrem Eau de Toilette gebadet (gut, die portugiesischen Frauen waren da keine Spur besser ...). Sônia beschloss, dass es den Versuch wert war. Entweder er lehnte dankend ab, oder sie beendete ihre Karriere als Straßennutte mit einem Freier mit Niveau, mit dem man vielleicht auch ganz entspannt etwas Spaß haben konnte. Sie schnalzte mit der Zunge. „Hello ...? English ...?“

Der Mann wurde tatsächlich langsamer, blieb schließlich stehen und drehte sich um. „Eigentlich deutsch, aber wir können auch gern bei ihrer Sprache bleiben“, sagte er mit einem leichten Akzent versetzten Portugiesisch. Seine Stimme klang angenehm dunkel.

„Ja ... gern“, antwortete Sônia leicht verwirrt. Was war das denn? Ausgerechnet an ihrem letzten Tag ließ sie sich durch einen Kunden aus dem Konzept bringen?

Sônia kam nicht dazu, sich zu fangen.

„Ich sehe, dass Sie da ein ganz exklusives Uhrenmodell tragen. Eine Jaeger-LeCoultre, nicht wahr?“

„Äh ... yes ... ja ...“

„Hätten Sie da vielleicht einmal die genaue Zeit für mich? Ich fürchte, meine Uhr ist stehengeblieben, und ich hasse es, nicht zu wissen, in welcher Zeit ich lebe ...“

 

Metrostation Cabo Ruivo



Imprint

Publication Date: 05-09-2015

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /