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Titel

 

F.W.G. Transchel

 

Das Yang-Kopfgeld

 

Ein Misa Vebiletti-Abenteuer (#3)

 

Bookrix-Edition 

 

Rechtliche Hinweise am Ende des Buches.

 

 

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Gratis-Exemplar von Misa Vebilettis erstem Abenteuer BURST (Teil I)

 

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Prolog

 

Misa Vebiletti kniff die Augen zusammen und starrte der langsam verblassenden Schrift auf dem Tablet nach, bis sie ganz mit der Dunkelheit des Hintergrundes verschmolzen war.

Zwei Millionen stellare Credits?!

Verblüfft wanderte ihr Blick von dem ahnungslosen Ecco-Mann, der das Tablet gebracht hatte, zu dem kleinen Stück Technologie und wieder zurück.

Einen Teufel würde sie tun und weiter Weltenretterin spielen. Mit so viel Geld würde sie nicht einmal mehr für die MSA arbeiten müssen, geschweige denn für den undurchsichtigen Bavaria-Konzern. Nein, sie schuldete ihnen rein gar nichts, und genauso würde sie sie auch behandeln. Gleichgültig.

Noch einmal schüttelte sie den Kopf. So viel Geld. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet.

»Hmm-mhh.«

Sie wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen und begriff auf einmal, dass sie noch immer an der Schwelle der aufgebrachten Rettungskapsel kniete und nur knapp der Strahlenkrankheit entronnen war.

»Ja?«, fragte sie zaghaft.

Der Mann im gelben Ecco-Overall blickte sie mit einer seltsamen Mischung aus Ehrfurcht und Mitleid an. Ein gequältes Lächeln verzerrte sein Oberlippenbärtchen zu einer schmalen, unscharfen Tilde, die die einzelnen Bartstoppeln durch schweres Atmen wie loses Herbstlaub erbeben ließ.

»Der CoB hat mich angewiesen, Ihnen nun Ihr Quartier zu zeigen … das heißt, wenn Sie so weit sind.«

»Ich … denke schon, ja.« Unschlüssig blickte sie auf die Kommunikationspads. Auch auf das zweite, dessen Inhalt ihr erst jetzt wieder einfiel.

 

»Absender: unbekannt.

Laufen Sie weg, Misa Vebiletti. Weit weg. Denn ich werde Sie jagen, bis Sie tot sind.

Y.«

 

Belustigt schüttelte sie den Kopf. Was konnte Henry Yang schon tun? Man würde seine Flotte, deren einzige »Bewaffnung« aus Dieselgeneratoren und Wasseraufbereitern bestand, schließlich aufbringen und ihn festsetzen. Das war das Ende von Millennium.

Nein, sie nahm die Drohung nicht ernst.

Ohne sich die Mühe zu machen, die Nachricht zu löschen, reichte sie sie dem Ecco-Angestellten und nickte. »Gehen wir.«

 

1

 

Die Reise nach Hause, die Misa nun antrat, war so ganz anders als der Hinflug. Während zuvor die wilden Mysterien des äußeren Sonnensystems gelockt hatten, eine ebenso überstürzte wie kopflose Jagd zum Ganymed anzutreten, hatte das Ecco-Raumschiff Illumination, nicht unerheblich beschädigt von den Abwehrbatterien der Burst-Struktur, alle Zeit der Welt, zur Zivilisation zurückzukehren.

Dass erst zwei von sechs projektierten Wochen vergangen waren, störte Misa überhaupt nicht. Dass allerdings der Captain der Illumination zum Abendessen geladen hatte, schon eher.

Mit breitem Grinsen empfing Pedro Marquez sie in der ausladenden Offiziersmesse des Ecco-Flaggschiffs. Misa erhaschte einen Blick auf die Tafel, die für ein halbes Dutzend Leute gedeckt war, direkt vor dem Panorama der Finsternis und Einsamkeit des Asteroidengürtels zwischen Jupiter und Mars, dessen Ausmaße durch die großen Aussichtsfenster zur Bugseite des Schiffes hin grotesk überzeichnet wurden. Halb vermutete sie bereits, dass es nicht die üblichen Trockenrationen geben würde, doch dachte sie hauptsächlich darüber nach, wie sie dem Anlass möglichst elegant und schnell wieder entfliehen konnte. Sie war nicht, was man soziophob nannte, doch auch nicht eloquent genug, um Gesellschaft als uneingeschränkt angenehm zu empfinden. Und dann fiel es ihr wieder ein. Sie war jetzt reich. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Man würde sie schon nicht aus der Luftschleuse werfen.

»Willkommen, meine Teuerste«, sagte Marquez auf Englisch, dem man jedoch einen letzten Rest spanischen Einflusses abgewinnen konnte, wenn man nur genau genug hinhörte.

»Guten Abend«, erwiderte Misa brav. Schon der erste Satz ließ so viele Fragen unbeantwortet, doch sie beschloss, sich dem Prozedere zu ergeben und einfach abzuwarten, was geschah. Eins jedoch stand für sie fest: Sie hatte zu viel erlebt, um noch daran zu glauben, dass irgendetwas im Sonnensystem je ohne Hintergedanken geschah.

»Schön, dass Sie es einrichten konnten.«

»Ich habe momentan nicht eben viel zu tun«, erwiderte sie trocken.

»Die Illumination ist kein Ausflugsdampfer«, sagte Marquez.

»Nein«, sagte Misa. »Es ist ein Kriegsschiff Ihres Konzerns.«

Marquez blickte unzufrieden drein.

»Meine liebe Frau Vebiletti«, sagte er sanft, »Sie müssten doch am besten wissen, dass ohne dieses … Kriegsschiff unser schöner blauer Heimatplanet von einem Gamma-Ray-Burst, der in der Geschichte seinesgleichen gesucht hätte, verheert worden wäre.«

Sie rümpfte die Nase. »Das ist also ihre Version der Ereignisse?«, fragte Misa.

»PR«, sagte Marquez. »Unsere zweite Hauptmission. Und auch die Ihres Arbeitgebers, nicht wahr?«

Ach, Bavaria. Misa verspürte keine große Loyalität mehr, nun, da alles vorbei war. Doch wenn er sie so betrachtete …

»Alles nur Rauch und Spiegel«, antwortete Misa.

»Nun … bei Ecco steckt etwas mehr dahinter«, sagte Marquez vielsagend und machte eine ausladende Handbewegung. »Darf ich Ihnen meinen Führungsstab vorstellen?«

'Nicht nötig', dachte Misa, doch erinnerte sich daran, dass es vielleicht echtes Essen geben würde, und dafür konnte sie schon über die langweiligen Einzelheiten des Protokolls hinweg sehen. Sie nickte so würdevoll, wie ihre neureiche Vorstellung von Anstand es erlaubte, hörte jedoch nur mit halbem Ohr hin.

Da war Lee Huhyn Cha, Erster Offizier. Hochgestochener britischer Akzent. Cissé Lavalle, Ingenieur. Dem Vernehmen nach Mars-Kameruner.

Misa musste ein Gähnen unterdrücken, und so verschluckte das Dröhnen ihrer Ohren die Namen des Navigators und des leitenden Wissenschaftlers. Zum Schluss kam Iyatzinco Navas, wie Marquez Mexikaner. Was er tat, wurde ihr nicht gesagt, doch sie hatte jetzt so viel Erfahrung, dass sie sich denken konnte, einem Special Ops-Commander zu begegnen. Navas sprach kein Wort, setzte sich aber als erster an die gedeckte Tafel und beobachtete sie mit scharfen, dunkelbraunen Augen. Sein Blick erinnerte Misa an Hugo Marcus, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte – ohne Helm und mit verbundenem Schädel hatte er sie so durchdringend angestarrt wie noch niemals ein Mensch zuvor …

»Ich darf die Menüfolge verkünden«, rief Captain Marquez, als sich alle gesetzt hatten.

Misa, zur Rechten des Captains, linste unter die offene Krempe einer bauchigen Karaffe und vermutete echten Wein darin. Umso besser, dachte sie. Davon konnte sie reichlich gebrauchen.

»Es ist angerichtet«, referierte Marquez, »als Aperitif Kräuterlikör der Auvergne an Antipasti Milanese, gefolgt von Rindercarpaccio, einem Trüffelomelette nach Elsässer Art, und schließlich abgerundet von Crème brulée mit Provenzalischen Blaubeernoten.«

Anerkennendes Nicken der Offiziere. Misa hatte bis auf wenige Gelegenheiten nur Marsianische Repliken der versprochenen Speisen probiert und würde einmal mehr ihre kulturelle Emanzipation vom roten Planeten vorantreiben können. Sie bewunderte und verachtete die dekadenten Speisen und jene, die sie sich gönnten, zutiefst und erinnerte sich doch entfernt daran, dass sie mit all dem Bavaria-Geld bald auch leben konnte, wie es ihr gefiel – allein, sie hatte überhaupt keine Idee davon, wie man sich als wohlhabender Bürger des Sonnensystems so geben durfte. Ein ferner Gedanke fragte sie, wo und auf welche Weise sie in Zukunft leben würde, doch wurde dieser umgehend vom Aroma des wahrhaftig himmlisch, anstatt irdisch riechenden und zweifellos unanständig teuren Kräuterlikörs verdrängt.

»Genießen Sie das Bouquet«, sagte Marquez zu seiner Mannschaft. »Auch wir haben das Vergnügen nicht alle Tage. Doch heute haben wir es uns verdient.«

»Ist dies die offizielle Siegesfeier über Millennium?«, fragte Misa.

Pablo Navas zuckte mit den Schultern. »Wie kann man davon sprechen, dass sie jemals endgültig 'besiegt' sein können, solange sich wichtige Funktionäre in den finsteren Ecken des Sonnensystems verstecken können?«

»‘Verstecken‘ ist nicht das gleiche, wie ‚die ganze Erde bedrohen‘«, sagte Misa.

»Nun, wenn man andererseits danach geht, dass der Konzern als monolithisches Gebilde handlungsunfähig geworden ist, dann waren sie das vorher auch schon. Die einzige Frage, die durch diese ganze Operation negiert wurde, war ja, wie viel Schaden man anrichten kann, bevor es jemandem auffällt.«

»Ich verstehe Ihre Sichtweise«, sagte Misa. Sehr gut sogar konnte sie sie verstehen. Traurig dachte sie an jemand anderen, der sie geteilt hätte. Der immer opportunistisch-funktional dachte, nein, gedacht hatte. Misa war jetzt völlig klar, welche Aufgabe Navas an Bord der Illumination innehatte, doch sie äußerte sich nicht weiter.

»Sagen Sie, Frau Vebiletti«, sagte Marquez nun, der zu ihrem kleinen Dialog mit dem Schiffsspion nichts beigetragen hatte, »was haben Sie für Pläne, nun da diese aufregende Episode vorbei ist? Sie sind schließlich nur knapp dem nuklearen Feuer Jupiters entronnen, wenn ich es so pathetisch ausdrücken darf.«

Misa nippte ein weiteres Mal am Likör und lächelte vielsagend. »Auch wenn bereits Zeit ins Land gegangen ist, so muss ich doch ehrlich berichten, dass ich daran noch nicht allzu viele Gedanken verschwendet habe.«

»Ich verstehe«, sagte Captain Marquez. »Sie müssen wohl auf den Mars für irgendeine MSA-Ehrung, nehme ich an?«

»Ich habe nichts dergleichen gehört«, gab Misa an. Sie hätte zwar keine Lust gehabt, ins MSA-Hauptquartier zurückzukehren, doch wenn es beinhaltet hätte, von Winston Grünbaum eine klobige Medaille angesteckt zu bekommen, dann ließe es sich vielleicht einrichten.

»Kein Vergleich mit dem Wunder des Lebens, das Sie sich bewahrt haben, nicht wahr?«, sagte er feixend. »Für manch einen Soldaten an Bord dieses Schiffes verhält es sich zweifellos umgekehrt.«

»Genau das ist der Grund, Captain, warum ich nicht Ihren Beruf gewählt habe.«

Marquez nickte abwesend. »Natürlich.«

Dann ermaß er die Stille des Moments, vergewisserte sich, dass der Kräuterlikör in den Kehlen der Männer versickert war, und hob in seiner ganzen Autorität als Captain die Arme. »Wir wollen jetzt speisen.«

Augenblicklich stand ein Dienstroboter hinter ihm bereit und reichte in vollendeter Garçon-Manier die Rinderstreifen.

»Die irdische Küche ist im gesamten Sonnensystem unübertroffen«, sagte Marquez zufrieden. Dann erhob er sein Glas. »Auf den Sieg.«

Seine Mannschaft tat es ihm gleich, und auch Misa hob schließlich widerwillig den großen Weinkelch, der vor ihr stand.

Die Kombüse der Illumination hatte einen halbtrockenen Burgunder zum Carpaccio gewählt, doch Misa sah sich nicht in der Lage, die Kombination zu würdigen. Zu überwältigend war jeder Geschmack für sich.

»Man muss fairerweise zu bedenken geben«, sagte sie, »dass keineswegs überall gleiche Bedingungen herrschen, was die Haute Cuisine angeht.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Navas, der nach wie vor an ihren Lippen hing und jede einzelne Gemütsäußerung zu kartieren schien.

»Nun, wo außer auf der Erde gibt es überhaupt die Bedingungen, Geschmack zu entwickeln?«, fragte sie.

»Sie tun den Marsianern unrecht«, sagte Navas mit etwas, das sich anhörte wie gekränkter Stolz. »Über einhundert Jahre Erforschungsgeschichte. Da könnte man schon erwarten, dass sich jemand fände, der Gefallen daran findet, etwas Neues auszuprobieren.«

»Geschmack«, sagte Misa und zögerte, als sie begriff, mit welcher Überzeugung sie in Hugo Marcus‘ verblichener Stimme sprach, »lässt sich nicht erzwingen.« Düster erinnerte sie sich an seinen Monolog über die Abhängigkeit des roten Planeten vom blauen und wie das Aufkeimen der Kultur unausweichlich das Ende der einseitigen Beziehung der ungleichen Nachbarn bedeuten musste.

»Wenn ich nicht wüsste«, sagte Navas brüskiert, »dass Sie selbst viele Jahre dort gewesen sind, so müsste man annehmen, dass Sie sich für etwas Besseres halten.«

Misa schüttelte den Kopf. »Keineswegs«, sagte sie. »Doch Sie müssen einsehen, dass der Mars berühmt für seine – zugegeben notwendige – Effizienz bei der Ressourcenverwendung ist, und nicht für Abschweifungen davon, die gehobenen Geschmack erst möglich machen.«

»Ich sehe, worauf Sie hinaus wollen«, sagte Navas. »Dennoch glaube ich, dass Sie das Potential des Mars unterschätzen.«

Nachdenklich wog Misa ihren Kopf hin und her. »Da haben Sie womöglich Recht. Vielleicht kommt auch noch etwas Bitterkeit hinzu, doch das muss ihrer Aufmerksamkeit nicht wert sein.«

»Einverstanden. Doch gehe ich jede Wette ein, dass, sollte es eines Tages Rinder auf dem Mars geben, man aus ihnen genauso gutes oder besseres Carpaccio machen kann als dieses.«

»Das werden wir wohl niemals herausfinden«, lachte Captain Marquez. »Aber Sie dürfen gerne die Trüffel mit dem gleichen Mute inspizieren, denn sie stammen aus der Hydroponie des Mars.«

»Tatsächlich?« Misa riss die Augen auf. »Ich dachte nicht, dass man sie züchten könnte.«

»Sehen Sie«, sagte Navas umgehend, »da haben wir es schon. Sie trauen dem Mars nichts zu, dabei sind wir in einigen Bereichen der Erde längst entwachsen.«

Sie nickte nachdenklich. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht war der Mars genau der Platz, an dem sie sich zur Ruhe setzen sollte. Und doch lockten die endlosen Strände, Berge und Wiesen der Erde … die Natur in ihrer ganzen Pracht. Misa korrigierte sich. Natürlich würde sie ihr Leben in einer mondänen Großstadtwohnung in einem der höchsten Türme verbringen, auf teure Partys gehen und sich einen ebenso wohlhabenden Mann suchen … oder?

»Ich denke«, sagte Captain Marquez, »wir können diese Diskussion zusammenfassend als durchaus interessant betrachten. Der Mars hat uns noch immer wieder überrascht, nicht wahr?«

Die Mannschaft nickte kauend. Widerspruch gab es natürlich keinen, aber das hatte Misa von einem Kriegsschiff der Ecco-Corporation auch nicht wirklich erwartet. Dies war nicht die MSA, wo man ungerührt Widersprüche anbringen … nein. Das durfte man auch in der Marsianischen Weltraumagentur nicht, erinnerte sie sich. Aber es spielte für sie keine Rolle mehr.

»Kommen wir zum Hauptgang«, sagte Marquez und klatschte in die Hände. »Frau Vebiletti, Sie werden zweifellos beeindruckt sein von der kulinarischen Qualität, wie Señor Navas bereits angekündigt hat.«

»Ich bin gespannt«, sagte Misa lustlos. Sie würde nur zu gern ein sprichwörtliches Haar im Omelette finden – und zwar des Triumphs wegen, nicht, um die schnöde, langweilige Wahrheit hervorzubringen, dass der Mars der Erde nicht das Wasser reichen konnte. Wehmut erfasste einmal mehr ihre Brust. Wie hätte Hugo Marcus es ausgedrückt? 'Die kulturelle Überlegenheit ist erdrückend und der Status Quo wird von allen einflussreichen Kräften aus eigenem Interesse aufrecht gehalten.' So vielleicht? Sie würde es niemals erfahren.

Der Dienstroboter stellte nun einen dampfenden Teller voller Eier und Pilze vor ihr ab. Das miefige Odeur stieß ihr beinahe übel auf, doch so plump konnte sie nicht vorgehen.

»Es riecht hervorragend«, sagte sie strahlend an Navas gewandt.

»Ja, nicht wahr?«

Das konnte doch nicht vergiftet sein, oder? Immerhin hatte Ecco auch ein Interesse daran, gegnerische Agenten … Moment mal, hatte sie gerade sich selbst einen 'Agenten' genannt? Misa schüttelte belustigt den Kopf.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Navas sofort, der sie nach wie vor kritisch beäugte.

»Ich …« Misa stockte. »Ich bin offen gesagt aufrichtig überrascht über das geschmackliche Spektrum der Speise.«

»Das … ist ein Ausdruck der Bewunderung, ja?«, fragte Marquez, doch Navas lachte schallend.

»Sie hält sich alle Optionen offen, Captain.«

Misa nickte und rang sich ein Lächeln ab. »Nein, es ist hervorragend.«

»Das sagen Sie nur, weil Sie sich keine Blöße geben möchten«, entgegnete der Ecco-Agent.

»Nein, im Ernst.«

»Meinen Sie je etwas vollkommen ernst?«, lautete seine Gegenfrage.

Misa lachte. Die jähe Erkenntnis fühlte sich rein und frisch und echt an. Und sie kam vollkommen unerwartet. »Nein«, sagte sie voller Überzeugung und sah ein Universum voller Zweifel und Täuschung vor sich, das sie nicht ihr Eigen nennen wollte und das sich doch so vertraut anfühlte wie nichts in dieser Offiziersmesse voller Misstrauen.

»Sehen Sie.« Navas verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust. »Das einzig bedauerliche ist, dass wir so niemals herausfinden werden, wie gut es Ihnen wirklich schmeckt.«

»Wieso ist Ihnen das so wichtig?«, fragte Misa. Sie … nein – das war doch nicht möglich – begann, die Diskussion zu genießen.

»Es ist unbedeutend«, sagte Navas. »Aber die Art, es herauszufinden, ist es nicht.«

»Sehr philosophisch«, spottete Misa.

»Aber bitte«, konterte Navas. »Spotten Sie meiner nicht. Wie heißt es doch so schön: 'Nichts entlarvt die Menschen besser als die Art, wie sie spielen'.«

»Oder der Einsatz, auf den sie wetten«, korrigierte sie ihn.

»Ganz genau«, erklärte Navas.

»Was ist also Ihr Einsatz?«, fragte Misa und stopfte eine weitere Gabel Omelett in sich hinein.

»Wie wäre es mit … Ihnen?«, sagte Navas mit zuckersüßer Stimme.

Empört ließ Misa die Handknöchel auf den Tisch knallen. »Was erlauben Sie sich!«

»Aber, aber …«, sagte Navas und schielte zu Marquez, »ich würde mir natürlich nicht anmaßen, Sie … persönlich zu meinen … sondern Ihre … Fähigkeiten.«

Misa spürte, wie sie rot wurde. Die Stimmung am Tisch war angespannt. Sie würde Navas nicht so leicht vom Haken lassen. Marquez würde ihn wegen der ausgesprochen unpassenden Andeutung rüffeln müssen. Dafür würde sie schon sorgen. Nicht einmal Hugo Marcus hatte sich zu einer so widerlichen Bemerkung hinreißen lassen …

»Welche Fähigkeiten genau meinen Sie denn, wo wir gerade dabei sind?«, fragte sie spitz. Da würde er wohl kaum eine Antwort wissen.

»Natürlich die, die sich mit Täuschung, Tarnung und verdeckten Operationen befassen.«

Was?

»Nun blicken Sie nicht so unverständig drein«, sagte Navas halb empört und halb überrascht. »Es muss Ihnen doch klar sein, dass Ihre Dienste nicht länger nur für Bavaria interessant sind.«

So langsam dämmerte es ihr. Nicht nur, dass Navas sie überschätzt hatte – sie selbst hatte es auch. Deshalb war es umso absurder, dass Ecco sie offenbar abwerben wollte.

»Ich werde nicht wieder für Bavaria arbeiten«, sagte sie und blickte in gespannte Gesichter, die zunehmende Zufriedenheit zeigten. »Doch … fürchte ich«, fügte sie hinzu und bemühte sich, enttäuscht die Mundwinkel hängen zu lassen, »kann ich auch Ihre Offerte, egal, wie … zuvorkommend … sie ausfallen mag, keinesfalls annehmen.«

»Das werden wir ja sehen«, sagte Navas und lächelte. Misa sah, wie er ein kleines Kärtchen aus dem Revers nahm und es verdeckt über den Tisch schob. Zittrig nahm sie es auf. Ihr war bewusst, dass das Ansehen der Karte allein schon eine kleine Niederlage darstellen würde, doch sie war sicher, dass sie ihnen widerstehen konnte. Zu groß war der systematische Hass auf das System der großen Konzerne, die sich gottgleich den stellaren Kuchen teilten und ohne die nichts im Sonnensystem lief.

Ein Schauer lief ihren Rücken hinunter, als sie die Karte endlich umgedreht hatte. Eine Visitenkarte hatte sie erwartet … Und stattdessen las sie: »Dreihunderttausend pro Monat, zuzüglich Material und Spesen.«

Wie zum Hohn war handschriftlich darunter gekritzelt: »Fünfundzwanzig Tage Landurlaub pro Jahr – garantiert.«

Fassungslos ließ sie den Karton auf den Tisch zurück sinken.

»Dafür der ganze Aufzug hier?«, fragte sie.

»Aber nein«, sagte Marquez, der als einziger am Tisch nicht angespannt schien. Die Aufgabe, sie anzuwerben, lag bei Navas. Marquez würde sicher einfach weiterhin Captain des mächtigsten Schiffes des Konzerns bleiben. »Wir, Frau Vebiletti, speisen jede Woche einmal so. Es … wie sagt man … dient nicht nur der Ernährung.«

»Tatsächlich?«, schnaubte sie. Es war kaum zu glauben, doch sie hatten es geschafft, dass sie zumindest darüber nachdenken musste. Dreihunderttausend? Pro Monat?!

Misa war heiß und kalt zugleich. Beinahe wäre es nur angemessen gewesen, wenn eine Stümperin wie sie Ecco um dreihunderttausend pro Monat erleichtern könnte, bevor sie begriffen, was für eine Fehlinvestition es gewesen wäre …

»Nein«, sagte Misa.

»Nein?«

Navas blickte sie ungläubig an. »Wie viel?«, fragte er.

»Ich bin nicht käuflich«, sagte sie.

»Jeder, Frau Vebiletti, hat seinen Preis«, flüsterte Navas kaum hörbar.

Misa hob eine Augenbraue. »Ich muss Sie ja mächtig beeindruckt haben.«

»Sie haben Hugo Marcus überlebt.«

Sie zuckte die Schultern. Egal war es ihr keineswegs, doch tief in ihrem Herzen wusste sie, dass genauso gut sie dort hätte sterben können. »Einer der vielen unergründlichen Zufälle dessen, was man das wahre Leben nennt.«

»Ecco glaubt nicht an Zufälle«, wandte Navas ein, »und ich, nebenbei gesagt, auch nicht. Doch … wenn Sie es so sehen, dann kann man schwerlich dagegen argumentieren.«

»Hervorragend.«

»Denken Sie darüber nach.«

Misa seufzte. »Ich werde wohl oder übel noch vier Wochen auf diesem Schiff verbringen, also schätze ich, Sie werden nicht müde werden, mich daran zu erinnern.«

Navas lächelte. »Aber im Gegenteil. Wir werden Sie noch besser behandeln als zuvor, doch mit keinem Wort jemals mehr dieses Angebot erwähnen. Sie werden sich ganz von selbst daran erinnern.«

Misa lächelte nun ihrerseits. Spürte den Anflug von Spaß an dieser … Diskussion. »Ich bin recht gut darin, irrelevante Informationen herauszufiltern. Sie wissen ja, dass ich Operator bei der MSA war.«

»In der Tat. Und doch wissen wir auch, wieso Sie es nicht mehr sind und ziemlich sicher niemals mehr sein werden«, sagte Navas und erhob sich. »Guten Abend.« Damit nickte er Misa und seinen Offizierskollegen zu und entfernte sich.

Nur zu gern hätte Misa ihm mit offenem Mund nachgestarrt, doch wollte sie sich die Blöße nicht geben. Sie ärgerte sich, dass sie nicht vorhergesehen hatte, dass Ecco so etwas versuchen würde, nachdem bereits Bavaria ihr ein deutliches, wenngleich undotiertes Angebot gemacht hatte. Sie musste sich zwar damit abfinden, eine gefragte Spionin zu sein, aber sie musste nicht danach handeln.

»Ich entschuldige mich für Iyatzinco«, sagte Captain Marquez. »Seine Impulsivität ist nicht immer angemessen.« Mit einem Lächeln fügte er hinzu: »Auch wenn ich zugeben muss, dass sie sich bisweilen als recht effektiv herausstellt.«

»Ich werde Ihnen meine Entscheidung in dem Moment mitteilen, da ich dieses Schiff verlasse«, sagte Misa. »Und bis dahin werden Sie seiner Ankündigung folgen und kein Sterbenswort mehr darüber verlieren, verstanden?«

Marquez nickte höflich. »Selbstverständlich, ja.«

Misa war zufrieden mit sich. So sehr sie sich auch hatte überrumpeln lassen, dieser Zug war elegant und genial, denn immerhin würde sie auf diese Weise den Rest der Reise in Ruhe gelassen werden – zumindest wenn Ecco das Angebot ernst meinte. Nicht, dass sie es in Erwägung zog – doch die Gewissheit darüber zu bekommen schien ihr dennoch … interessant.

»Und jetzt? Kann das Essen dann weitergehen?«, sagte sie gutgelaunt in Richtung Marquez.

Irritiert blickte der Captain der Illumination sie an. »Was? A… aber ja!« Er klatschte in die Hände und augenblicklich erfüllte der süßlich-scharfe Geruch von kandierten Blaubeeren die Luft.

»Ich hoffe, dies kann unser kleines Dinner trotz aller Widrigkeiten noch abrunden«, sagte Marquez, bevor er seinen Löffel in die gelbliche Masse tunkte, die Misa mehr als alles andere eine geschmackliche Explosion verschaffte, die sie herbeigesehnt, doch in ihrer Fülle nicht erwartet hatte.

»Vorzüglich«, brachte sie beinahe atemlos hervor.

»Es ist erstaunlich, was reiner Zucker mit uns anstellen kann, nicht wahr?« Marquez grinste in die Runde, doch fand er einmal mehr keine Zustimmung. Die Offiziere waren noch immer wie versteinert von dem Dialog, der sich zuvor entsponnen hatte. Sie wollten sich offenbar keine Blöße bei dieser Angelegenheit geben und zogen es vor, zu schweigen. 'Spione bei der Arbeit unterbricht man nicht', dachte Misa und nahm sich fest vor, jeden einzelnen Offizier im Verlauf der Reise an seinem Arbeitsplatz zu besuchen, um es ganz und gar auszukosten, dass sie sich um ihre Dienste bemühen mussten, selbst wenn sie überhaupt nichts mit der Rekrutierung von neuen Agenten zu tun hatten – ihre Anwesenheit bei dem Gespräch reichte aus, sie in den Verdacht geraten zu lassen, den Erfolg des Unternehmens in Gefahr zu bringen. Misa genoss den Gedanken und erschrak. Navas hatte Recht. Sie dachte wie ein Spion. Nicht darüber, den Offizieren zu gefallen – oder zumindest nicht negativ in Erinnerung zu bleiben, wie es jeder normale, einfältige Mensch getan hätte, wie sie es Zeit ihres Lebens getan hatte – sondern darüber, wie sie ihre Situation zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

Augenblicklich erschien Hugo Marcus' zufriedene Grimasse vor ihrem inneren Auge und grinste. »Ich habe es immer gewusst«, sagte der Tote voller Selbstsicherheit und zerstob in tausend Sterne.

Misa schüttelte sich unwillkürlich.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Captain Marquez, ganz zurück in seiner Rolle des souveränen Gastgebers.

»Das Dessert ist vorzüglich«, gab Misa vor. Glücklicherweise stimmte es auch noch, sodass sie kein schlechtes Gewissen beim Vorschieben der Aussage hatte. Und überhaupt: Hätte sie eines gehabt, wenn es gelogen gewesen wäre?

Ihr Blick fand die Reflektion ihres eigenen Gesichtes in der Fensterfront der Aussichtslounge. Misa blinzelte. Navas hatte Recht.

Trotzdem würde er nicht bekommen, was er wollte.

 

Zurück in ihrem Quartier blickte Misa durch das gepanzerte Bullauge hinaus in die Unendlichkeit des Universums und versuchte, ihre beißenden Fragen zum Schweigen zu bringen. War sie übergeschnappt? Sie wollte auf keinen Fall weiter täuschen, tarnen und töten. Nein, Misa Vebiletti wollte nur ihre Ruhe haben. Und dennoch – dreihunderttausend im Monat waren mehr, als sie in ihrem ganzen Leben zusammengenommen verdient hatte, abgesehen von den knapp zwei Millionen Credits auf ihrem Marsianischen Konto, überwiesen von Bavaria. Sie würde doch nicht …

Ungläubig über ihr eigenes Verhalten sah sie ihren Fingern dabei zu, wie sie das Kommunikationspad nahmen, Bavaria in die Empfängerzeile setzten und begannen, eine Nachricht zu tippen, die so ungeheuerlich war, dass sie am liebsten jenen Teil von ihr, der dafür verantwortlich war – wenn sie herausfand, welcher Teil es denn war – aus der nächsten Luftschleuse geworfen hätte.

 

»Sehr geehrte Damen und Herren,

 

mit großem Interesse habe ich Ihr Angebot bezüglich meiner Dienste aufgenommen. Mir ist klar, dass die Illumination noch vier Wochen Reise vor sich hat, dennoch würde ich es begrüßen, wenn wir uns vorzeitig Gedanken über die Entlohnung weiterer Abenteuer machen könnten, denn – wenn ich so offen sein darf – meine Dienste sind auch anderswo gefragt.«

 

Zufrieden und verwirrt blickte Misa auf den Text. Wollte sie das absenden? Natürlich nicht. Nicht nur war es arrogant und hochmütig, es war auch unanständig. Sie wollte ja gar nicht für Ecco oder Bavaria oder sonst irgendjemanden arbeiten. Sie wollte nur ihre Ruhe.

Leise surrte es neben Misa. Überrascht nahm sie zur Kenntnis, dass eine Art Stahlabdeckung über das Panzerglas ihres Bullauges fuhr. Sofort war sie hellwach. Die Abdeckung konnte nur dem Schutz des Schiffes, beziehungsweise dem Kabinendruck gelten. Was war los? Stand ein Kampf bevor?

»Misa an … irgendwen«, sagte sie unüberlegt, nachdem sie die Taste für die schiffsinterne Kommunikation gefunden hatte. »Mein Fenster ist zugegangen. Stimmt etwas nicht?«

Der Lautsprecher knackte. »Frau Vebiletti.«

Die Stimme gehörte Navas. War ja klar. »Hören Sie, das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Wir kommen in Kürze durch einen Sonnensturm der Stärke drei und wollen sichergehen, dass keine Strahlungsspitzen in die Quartiere gelangen. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Es gibt wirklich keinen Grund zur Beunruhigung.«

Keinen Grund zur Beunruhigung? Sie waren noch vier Wochen von der Erde entfernt. Wenn so weit draußen ein Sonnensturm vorbeikam, bedeutete das …

»Navas«, sagte sie betont ruhig. »Ich verstehe. Wo kann ich mehr über die astrometrischen Gegebenheiten in Erfahrung bringen?«

»Oh, das interessiert Sie?«

»Ich … ja. Alte Angewohnheit, wissen Sie?«

Misa hätte schwören können, Navas‘ Ungeduld durch den Lautsprecherkanal zu hören, doch es knackte nur von der Hintergrundstrahlung. Ruhe. Nicht einmal ein Seufzen. »Ich schiebe Ihnen die gesamten Daten zu dem Sturm auf Ihr Tablet. Navas Ende.«

Noch einmal knackte der Lautsprecher, dann war es so still, wie es auf einem brummenden interplanetaren Raumschiff sein konnte. Misa wunderte sich. Sie hatte viele Stürme an Erde, Mars und Ganymed vorbeirauschen sehen. Woher stammte ihre Unruhe? War es der biedere Wunsch, an ihrem langweiligen Schreibtisch im MSA-Hauptquartier zu sitzen und die Satelliten einen nach dem anderen auf Strahlungsmodus zu setzen?

Entschlossen wischte sie auf dem Tablet herum. Das würde sie schon herausfinden. Misa bemerkte, wie sie mit den Fingern auf die Stuhllehne trommelte, während sie auf den Datentransfer wartete – beinahe so wie als Operator. Damals. Für sie fühlte es sich plötzlich so an, als läge eine Ewigkeit zwischen der Operator-Misa und der Misa, die sie jetzt war. Und irgendwie, befand sie, stimmte es ja auch. Schließlich hätte sie mehr als einmal den Tod finden können. Sehnte sie sich wirklich zurück zu ihrem miefigen Schreibtischjob?

Der Gedanke wurde jäh von bunten Diagrammen und Datenreihen unterbrochen. Navas hatte anscheinend tatsächlich alles geschickt, was die Illumination dazu hatte. Fasziniert scrollte sie durch Falschfarbenaufnahmen der Sonnenkorona, Partikelmessungen der solaren Überwachungssatelliten. Und dann begriff sie, woher das Kribbeln stammte. Noch einmal scrollte sie durch das Gelesene. Nein, da gab es nichts. Kein Rätsel kosmischen Ausmaßes. Aber … es fühlte sich so an.

'Oh nein', dachte Misa. 'Diesmal nicht.'

Ein normaler Sonnensturm. Und er würde schon gar nicht der Illumination, sieben astronomische Einheiten weit draußen, gefährlich werden können …

Wie ein malediktisches Vorzeichen flackerte kurz die Deckenbeleuchtung. Nur im Schein des Tablets schauderte Misa. Blickte erneut auf die Intensitätsverläufe. In drei Stunden wäre irgendwann die maximale Partikeldichte erreicht.

Belustigt schüttelte sie den Kopf. Wollte sie für den Rest ihres Lebens Gespenster sehen?

Misa Vebiletti entschied sich, es nicht zu tun, und legte sich in die warme, luxuriöse Koje der Illumination. Vier Wochen, dann war sie im Zentrum der Zivilisation und würde weder wie ein Operator noch ein kaum mit der eigenen Haut am Leib davongekommener Geheimagent leben müssen.

 

 

2

 

Heimtücke war ein Wort, das Misa selten auf Naturphänomene anwenden mochte – doch als die Notsirenen ertönten und die Beleuchtung nicht länger nur einmal, sondern durchgehend flackerte, wusste sie, dass es für diesen Sonnensturm angebracht war. Es begann mit dem leisen Gefühl, dass die Antriebsstränge der Illumination nicht ganz synchron, nein, stotterig liefen, doch das war nur ein flüchtiger Eindruck, der ganz und gar von der Vorstellung verdrängt wurde, dass sie mal wieder in großen Schwierigkeiten steckte. Hastig zwängte sie sich in den viel zu eng geschnittenen Overall, den sie von der Illumination-Crew angesichts der Tatsache bekommen hatte, dass sie ohne jegliche Habseligkeiten in einer Rettungskapsel aufgelesen worden war. Sie hatte es vermieden, anhand des recht offenherzigen Schnittmusters auf fortgeschrittenen Zivilisationsentzug der Besatzung zu schließen, sondern stattdessen vorgezogen, sich zu sagen, dass sicher ein Dienstroboter ohne exakte Größenkalibrierung das Stück Stoff angefertigt hatte. Als sie im Dämmerlicht ihrer Kabine stand, stellte sie fest, dass sie wie ein futuristischer Superheld darin aussah. Zugleich fühlte sie sich wie eine ganz und gar unheroische Presswurst, obschon sie sicher viele Blicke auf sich gezogen hätte. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie derartige Überlegungen vielleicht für einen Zeitpunkt aufheben sollte, zu dem sie in Sicherheit war. Was immer das bedeuten mochte – schließlich hatte sie den Rückflug auf der Illumination bis gerade eben für genau das gehalten.

 

Misas Innenohr vermerkte jetzt durch seinen Gleichgewichtssinn ohne jeden noch zuvor geäußerten Zweifel, dass die Illumination schlingerte. Hastig schnappte sie ihr Pad und drückte den Türöffner, doch nichts passierte. Auch das noch. Ohne jede Vorstellung, wie schlimm es war, reichte die verschlossene, störrische Tür, ihr die Vorahnung zu bestärken, dass es vermutlich ziemlich schlimm war. Sie erinnerte sich, wie die manuelle Überbrückung auf der Leopold ausgesehen hatte, doch dann begriff sie erschreckt, dass sie an Bord der Illumination noch kein einziges manuelles Ventil an den Türen gesehen hatte. Misa zuckte mit den Schultern und trat enttäuscht, aber mit voller Kraft gegen den Rahmen unter dem Öffner-Button.

Zack. Mit einem leisen, metallischen Knirschen hatte die Wandabdeckung nachgegeben und zeigte einen matt-orange glühenden Knopf. Misa versuchte sich an der Vorstellung eines gleichgültigen Gesichtsausdruckes, den niemand sehen konnte, und drückte auf den gefundenen Knopf. Was konnte schon …

Im selben Moment zischte es, sodass sie hastig zurückfuhr, doch dann verstand sie, dass in die Tür eine Einmaltreibladung eingebaut worden war. 'Für genau solche Fälle', dachte sie zufrieden und legte sich eine Ausrede dafür zurecht, falls ihr jemand die Tür in Rechnung stellen wollte.

Vorsichtig tastete sie sich in den finsteren, viel zu stillen Korridor. Die Illumination war zwar ein wesentlich größeres Schiff als die, auf denen sie bisher gewesen war, dennoch gab es keinen Grund für den Eindruck, dass es weitläufiger gewesen wäre – auch hier hatte Form der Funktion zu folgen, und da gab es keinen Platz für ineffiziente Vergeudung von Ressourcen. Dementsprechend war die Ruhe ungewöhnlich, schien ihr geradewegs bedrohlich.

Wohin?

Sie kannte den Weg zur Luftschleuse, zum Aussichtsdeck mit der Offiziersmesse und die allgemeine Kombüse. Doch keiner dieser Orte verhieß mehr Information als das klaustrophobisch-dunkle Einpassagier-Quartier, aus dem sie kam. Angestrengt dachte Misa nach, doch sie hatte sich zwei Wochen nach ihrer Ankunft einzugestehen, dass sie wirklich keine Ahnung hatte, wo auf dem Schiff sie sich befand.

Zittrige, aufgeregte Finger fuhren schließlich auf dem Pad umher. Ja, es gab einen Plan. Zwölf Decks, stellte sie ernüchtert fest, und noch immer kein Hinweis darauf, wo sie sich befand. Doch wenn diese geometrischen Angaben stimmten, dann wäre es das Beste gewesen, einfach zur Mitte des Schiffes zu gehen, wo die großen Lift-Schächte sich befanden, die zwar sicher nicht funktionierten, doch immerhin Orientierung bieten konnten.

Misa musste um zwei Ecken gehen und stieß dann auf einen langen Korridor, der sie im Flackern der Notbeleuchtung schon beinahe schmerzhaft an die kilometerlangen Gänge an Bord des Burst-Arrays erinnerte. Doch so schlimm konnte es hier nicht sein – sie wusste genau, dass die Illumination 'nur' wenige hundert Meter im Durchmesser maß.

Schwer atmend erreichte sie schließlich die vier nebeneinander liegenden Lifttüren, auf denen große, piktographische Fünfen angebracht waren, die keinen Zweifel daran ließen, welches Deck es war.

Misa seufzte. Das war schon fast zu komisch, dass sie die einzige auf dem ganzen fünften Deck war. Es sei denn …

Hastig suchte sie den Zugang zu den Umgebungsvariablen. Ja, der Computer hatte genug Saft und die kabellose Verbindung zum Tablet war auch noch da … sie erschrak, denn ihre Vermutung wurde bestätigt. Auf den Decks vier bis neun war die Lebenserhaltung ausgefallen. Deswegen war niemand mehr hier. Vielleicht hatte man sie sogar absichtlich deaktiviert, um Energie zu sparen. Doch niemand hatte ihr Bescheid gesagt … wie witzig. Misa erschrak erneut. Ihr wurde klar, wieso mittlerweile alles so lustig schien. Hätte sie nicht die bitter-süße Erfahrung von interstellarem Sauerstoffentzug schon gemacht, wäre sie vermutlich einfach in ihr Verderben gelallt. Doch so begriff sie gerade noch rechtzeitig, was sie zu tun hatte.

So schnell wie möglich, doch dabei betont ruhig atmend, nahm sie zwei Treppenstufen auf einmal und erreichte schließlich das hoffentlich rettende dritte Deck. Das sah schon mehr nach Raumschiff-Havarie aus, dachte sie: Hektisch umherrennende Menschen versuchten irgendwie, die Strahlungseindämmung in den Griff zu kriegen, doch erkannte Misas geschulter, entlarvender Blick, dass die meisten von ihnen wirklich nur planlos von einer Konsole zur nächsten eilten. Sie selbst sammelte sich und begann erneut, auf ihrem Tablet herum zu wischen. Leider bekam sie keinen Zugriff auf die vitalen Schiffssysteme, sodass sie schließlich auch zu einer der Wand-Konsolen ging und Abfragen hinein tippte.

Zunächst einmal, wie die Abmessungen des Partikelstroms waren, der sie bombardierte. Dann, wie lange das Schiff brauchte, um aus dem Einflussbereich zu kommen. Noch immer hatte sie keine Ahnung, wie der Zustand der Schiffssysteme war. Logisch, dass sie keinen Zugriff hatte. Doch andererseits hämmerte eine Stimme in ihrem Verstand auf sie ein, dass es sicher einen Fusionsreaktor an Bord gab und sie sicherstellen musste, nicht mehr auf dem Schiff zu sein, falls er beschloss, die Eindämmung zu verlieren.

Misa wunderte sich. Dutzende Menschen liefen an ihr vorbei, doch niemand schien es für nötig zu halten, zu stoppen und zumindest zu kommunizieren, was zu tun war. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle einem bestimmten Notfallprotokoll folgten.

Konzentriert dachte sie nach, auf welche Weise sie die Schiffssoftware davon überzeugen konnte, ihr die gewünschte Information zu geben, doch wieder und wieder bekam sie nur ein generisches »Zugriffsstufe zu gering – bitte wenden Sie sich an die Administration«. Dann also auf die altmodische Weise.

Misa flippte einen Plan des Schiffes auf ihr Pad und dachte nach. Der Maschinenraum war weit unter ihr – natürlich. Auf den Decks zehn, elf und zwölf funktionierte die Lebenserhaltung noch, und genau dort musste sie auch hin. Nur, wie sollte sie das anstellen? Zwei Decks nach oben zu gelangen, war eine Sache, doch acht Decks nach unten? Mittlerweile gab es sicher noch weniger Sauerstoff in den Korridoren, und nach und nach würde es unerträglich heiß werden, wenn die Schiffswärme nicht abgestrahlt werden konnte …

Sie hatte eine Idee. Entschlossen tippte sie »Raumanzug« in ihr Pad und wartete.

Sieben Punkte erschienen auf ihrem Lageplan. Deck zwei, Sektion Gamma.

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, rannte sie los. Sektion Gamma war nicht weit entfernt, und da das Haupttreppenhaus direkt neben ihr lag, war es die beste Idee seit Langem.

Prustend erreichte sie die Tür mit der Aufschrift »air lock – authorized personnel only« und einem traurig blinkenden, roten Warnlicht. Misa wusste, dass die Tür nicht aufgehen würde, doch sie war vorbereitet. Präzise visierte sie die Abdeckung unter dem Türöffner an …

Sie blickte sich um. Niemand schien Notiz davon zu nehmen, dass sie sich mittels manueller, nein, pedalischer Überbrückung Zutritt zu dem Luftschleusenvorraum verschaffte.

Drinnen: Flackernde Notbeleuchtung. Auch hier die Stahlabdeckung vor der transparenten Luftschleuse. Zufrieden musterte Misa die an den Wänden hängenden Schutzanzüge, suchte nach einem einigermaßen passenden Exemplar und entschied sich für das schmalere der zwei verfügbaren Unisex-Modelle.

Während sie den Anzug um sich herum zwängte und mittels der charakteristischen, den Anzug viel zu eng zurrenden Magnetverschlüsse zu einer hermetisch abgeriegelten Biosphäre machte, kehrte ein allzu bekanntes Gefühl zurück. Es war nicht Beengung oder Panik angesichts der Situation. Die unmittelbare Erinnerung an den Weltraumausflug im Asteroidengürtel und ihre Trajektorie ins weit aufgerissene, unbarmherzige Nichts …

Misa schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Nichts davon war rational. Es ging darum, den Maschinenraum zu erreichen und zu entscheiden, ob sie von Bord gehen musste. Sollten die anderen doch kopflos durch die Gegend stürzen – sie war nicht Teil der Mannschaft und konnte machen, was sie wollte – erst recht, wenn niemand Notiz von ihr nahm.

Sie zuckte erneut zusammen, als das schmatzend-zischende Geräusch der atmosphärischen Versiegelung an ihr Ohr drang, nachdem sie den Helm aufgesetzt hatte. Kurz fragte sie sich, ob es hilfreich sein würde, komplett verkleidet an der Besatzung vorbeizurennen, doch sie sagte sich, dass noch mehr Panik ohnehin nichts ändern würde.

Zufrieden blickte Misa auf die spiegelnde Abdeckung der Luftschleuse, formte für ihr milchiges Spiegelbild ein Daumen-Hoch und stampfte los.

Mühsam kämpfte sie sich in das für

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 10-16-2016
ISBN: 978-3-7396-7888-7

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Für Leonard Nimoy. In welcher Galaxie Du jetzt auch sein magst: dif-tor heh smusma

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