Cover

Fremder, warum?

 

von Martina Hoblitz

(damals Melanie v.Stein)

 

Statt brav zuhause das Abendbrot vorzubereiten, saß sie schon seit dem frühen Abend in der Kneipe und trank ein Bier nach dem anderen, rauchte Zigarette um Zigarette. Der ständige Alltagstrott hing ihr zum Halse raus. Ihren Mann sah sie nur noch zu den Mahlzeiten, und auch die Kinder waren selten zuhause; sie wurden schon so furchtbar selbständig.

 

Sie schaute sich ein wenig gelangweilt in dem Lokal um. Ein junger Mann saß an der Theke, er warf ihr ein paar Mal interessierte Blicke zu. – Solche Blicke war sie gar nicht mehr gewohnt, schon gar nicht von ihrem Mann.

 

Jeden Morgen betrachtete sie sich besorgt im Spiegel und fragte sich, ob sie schon alt und unattraktiv wurde, und das mit 38 Jahren.

 

Sie überlegte sich schon, ob sie nicht lieber heimgehen sollte, bevor sie völlig betrunken war und nicht mehr klar denken konnte, als der junge Mann plötzlich vor ihrem Tisch stand und lächelte. Er hatte ein bezauberndes Lächeln. Sie nickte ihm zu, und er setzte sich.

 

„Ich trinke nicht gern allein.“ sagte er.

 

Und sie erwiderte: „Ich eigentlich auch nicht.“ und prostete ihm zu.

 

Als sie ihr Glas in einem Zug geleert hatte, meinte sie: „Ich brauch frische Luft!“ und erhob sich.

 

Er stützte sie, denn sie taumelte ein wenig. Sie verließen gemeinsam das verrauchte Lokal. Die Straßen waren hell erleuchtet. Wie zufällig ergriff er ihre Hand, zog sie durch seine Armbeuge und führte sie. –

 

„Soll ich Sie nach Hause bringen?“

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

„Sie müssen sich ausruhen. Sie können kaum noch gehen.“ – „Gut, gehen wir zu Ihnen!“ schlug sie vor, und sie merkte, wie schwer ihre Zunge schon wurde.

 

Er war von ihrem Vorschlag nicht sonderlich begeistert, aber er erwiderte nichts. – Sie gelangten an ein altes Fachwerkhaus, er öffnete ihr die Tür und ließ sie vorgehen. Durch einen dunklen Flur erreichten sie eine weißlackierte Tür, die er aufschloss. Sie betrat den Raum und ließ sich, nachdem er das Licht angeknipst hatte, in den erstbesten Sessel fallen.

 

„Ich mach Ihnen einen Kaffee!“ schlug er vor.

 

„Bemühen Sie sich nicht! Ich geh gleich.“ erwiderte sie mit müder Stimme.

 

„Wohin? Sie wollten doch nicht nach Hause.“ lächelte er.

 

„Ach, irgendwohin! Wird sich schon was finden.“ – „Vermißt Sie Ihr Mann eigentlich nicht?“ wollte der Fremde mit einem Blick auf den glatten Goldring an ihrer rechten Hand wissen.

 

„Mich vermisst niemand. Höchstens als Köchin und Putzfrau.“ – „Sind Sie mitgekommen, um sich bei mir auszuweinen?“ meinte er unwillig.

 

„Nein, ich geh auch gleich. Geben Sie mir eine Zigarette!“

 

Er kam ihrem Wunsch nach und schaltete nebenbei Musik an. Dann verzog er sich doch in die Küche, um ihr einen starken Kaffee zu kochen.

 

Als er zurück kam, hatte sie die Schuhe ausgezogen und lag auf dem Sofa.

 

„Sind Sie müde?“ – „Im Gegenteil!“

 

Da zog er sie in das Zimmer nebenan. ---

 

 

--- Als sie nebeneinander lagen und eine Zigarette rauchten, fragte er: „Ich bin deine Rache, nicht wahr?“ – „Und wenn? Was ändert es?“

 

Sie stand auf und zog sich an. –

 

„Bis zum nächsten Mal!“ rief er ihr noch zu, als sie das Zimmer verließ.

 

„Nein, lebe wohl!“ antwortete sie und kehrte heim zu ihrer Familie. ---

 

Einmal noch sah sie ihn wieder. Ihrem Mann kam plötzlich die Idee, mit ihr kurz auszugehen. Sie gingen auf ein Bier in das kleine Lokal.

 

Sie entdeckte ihn sofort, er stand vor einem Tisch und lächelte einer Dame mittleren Alters zu. Dann setzte er sich zu ihr. Diese Dame schien traurig zu sein, und sie, in Begleitung ihres Mannes, brachte es fertig, dem Fremden grüßend zuzulächeln.

 

ENDE

Imprint

Text: eigener Text verfasst 1978
Images: selbst gezeichnetes Bild 2016
Publication Date: 12-30-2016

All Rights Reserved

Dedication:
Meinem lieben Mann, der mich nie so weit getrieben hat!

Next Page
Page 1 /