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NEUES SPIEL, NEUES GLÜCK?


von Martina Hoblitz



Als Bedienung in einem Spielcasino kann man so allerhand erleben und über vielerlei Schicksale erfahren. Ein Erlebnis hat sich mir jedoch besonders eingeprägt, u.z. weil es für mich gewissermaßen zukunftsweisend wurde.


***


Der Mann, der seit 14 Tagen regelmäßig für mehrere Stunden am Rouletttisch saß oder stand, kam mir seltsam bekannt vor. – Er war immer fein gekleidet, mit dunklem Anzug, sogar Weste und Fliege.

 

Zwar herrschte im Casino für die Herren Anzug- und Krawattenzwang, doch er trug diese Kleidung so als wäre es seine Arbeitskluft.

 

Am Anfang hatte ich den Verdacht, er betätigte sich als Oberkellner in einem Nobelrestaurant. Aber wie sollte ich ihn daher kennen? In so feine Lokale ging ich nicht.

 

Dann hielt ich ihn für einen Schauspieler. – Doch wo zum Teufel hatte ich ihn dann schon mal gesehen?


***


Schließlich eines abends, als ich ihn beobachtete, wie er um den Rouletttisch herum tänzelte, weil er keinen Sitzplatz fand, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Bei dem Mann handelte es sich um den Turniertänzer Gottlieb Braunach, Deutscher Meister im Standard, Europameister in den lateinamerikanischen Tänzen und Weltmeister über 10 Tänze – und das alles innerhalb von nur 2 Jahren! – Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, live hatte ich ihn leider noch nicht erlebt, deswegen fiel mir das Erkennen auch erst schwer.

 

Ich interessierte mich sehr für den Tanzsport, denn schließlich hatten mein Mann und ich es vor ein paar Jahren bis in die Amateurliga geschafft. – Mein Ex-Mann, sollte ich wohl besser sagen, denn wir waren seit 2 Jahren geschieden.

 

Und genauso lange hatte ich nicht mehr getanzt, weil ich mich nicht an einen neuen Partner gewöhnen konnte. Beim Tanzen, Partner fürs Bett hatte ich in der Zeit einige, leider nichts Dauerhaftes. ---


Aus diesen Gedanken heraus seufzte ich abgrundtief. Da ich gerade ein Tablett mit leeren Gläsern am Rouletttisch vorbei balancierte, wurde Gottlieb Braunach tatsächlich auf mich aufmerksam, lächelte mich an und sagte mit sonorer Stimme: „Oho, schöne Frau! Welcher Weltschmerz bedrückt Sie denn?“

 

Für einen Moment war ich baff und sprachlos. Dann wagte ich es, zaghaft zurück zu lächeln und erklärte freimütig: „Ich dachte grad an die Zeit, als ich noch getanzt hab. – Sie sind doch Gottlieb Braunach, der Turniertänzer?“

 

Verwundert sah ich, wie er ungehalten die Stirn runzelte, und er wehrte missmutig ab: „Tut mir leid! Sie müssen mich verwechseln!“

 

Oha! Da war ich wohl ins Fettnäpfchen getreten? Der Herr wollte inkognito bleiben. Verständlich, wenn er ein Spieler war! – Rasch entschuldigte ich mich: „Sorry, mein Fehler! Hab Sie wohl wirklich verwechselt.“

 

Ich wollte weiter eilen, da hielt er mich unverhofft am Arm fest und gestand: „Nein, ich muss mich entschuldigen! Sie haben Recht! Ich bin Gottlieb Braunach. Ich bin es nur nicht mehr gewohnt, dass man mich erkennt.“

 

Es stimmte, sein Erfolg bei der Weltmeisterschaft lag auch schon 2 Jahre zurück, und seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört. – Halt, oder doch! – Ich erinnerte mich dumpf an die Schlagzeilen in der Boulevard-Presse, die ich beim Frisör gelesen hatte, kurz nach der Weltmeisterschaft.

 

Da war die Rede von einem schweren Autounfall. Braunachs Ehefrau und Tanzpartnerin war betrunken Auto gefahren und tödlich verunglückt. Zum Glück waren keine weiteren Wagen oder Personen beteiligt. – Kein Wunder, dass er danach das Tanzen aufgegeben hatte, genau wie ich nach der Scheidung. Aber das konnte man wohl kaum miteinander vergleichen?! – War er vielleicht durch diesen schlimmen Verlust spielsüchtig geworden? –


In diesem Augenblick klackte die Roulettkugel in ein Zahlenfach, und der Croupier verkündete: „Die 13 – noir – impair!“

 

Da breitete sich ein strahlendes Lächeln über Herrn Braunachs Gesicht, und er sagte zu mir: „Ich glaub, Sie haben mir Glück gebracht. Der erste Gewinn seit Tagen.“

 

Staunend sah ich, wie der Croupier 4 große Stapel mit Jetons in seine Richtung schob. Als er tatsächlich Anstalten machte, den ganzen Gewinn erneut einzusetzen, rief ich beinah ungewollt: „Nein, tun Sie’s nicht!“

 

Zuerst starrte er mich verdutzt an, dann grinste er, warf dem Croupier einen Jeton als Trinkgeld zu, verstaute den Rest in seinen Anzugtaschen und wandte sich an mich, mit der unverhofften Frage: „Wann haben Sie Feierabend?“

 

Ziemlich verdutzt antwortete ich: „In einer halben Stunde.“ – „Gut, dann machen Sie mir die Freude und gehen Sie mit mir essen!“

 

Ich war perplex, doch schnell fand ich meine Fassung wieder. „Gern. Wollen Sie so lange an der Bar auf mich warten?“

 

Er nickte strahlend und verschwand, um die Jetons gegen Bargeld einzutauschen.


***


Ich hatte schon befürchtet, er würde mich in eins dieser piekfeinen Restaurants einladen, aber er ließ das Taxi, nach einer schweigsamen Fahrt, etwas außerhalb der Stadt vor einer urgemütlichen rustikalen Waldschänke halten.

 

Erst als wir das Lokal betraten, fragte er mich: „Wie heißen Sie eigentlich?“

 

Und ich antwortete knapp: „ Maren. Maren Stüwe.“

 

Es war immer noch mein Ehename, ich konnte mich nicht überwinden, wieder meinen Mädchennamen anzunehmen, denn ich hieß einmal Pott. – Doch die Nachnamen wurden sowieso zur Nebensache, als wir mit einem Glas Wein auf das Du anstießen.

 

Den Unsinn mit dem Bruderschaftskuss sparten wir uns, noch spielten Gefühle keine Rolle. –

 

Unsere Unterhaltung beim Essen drehte sich zwangsläufig ums Tanzen. Wir erzählten uns gegenseitig, wie wir unsere Leidenschaft für diesen Sport entdeckt hatte und stellten beide fest, dass unser Interesse ursprünglich vom jeweiligen Partner geweckt wurde.

 

Gottliebs Frau war schon eine leidenschaftliche Tänzerin, als sie sich das erste Mal begegneten. Nur ihr zuliebe lernte er das Tanzen, ohne zu ahnen, was sich daraus entwickeln würde.

 

Mein Mann und ich trafen uns beim Schülertanzkurs, doch meine Begeisterung hielt sich anfangs in Grenzen. Erst als mein Herz für ihn entflammte, gab ich mir Mühe, mit ihm Schritt zu halten. –

 

Dann stellten Gottlieb und ich fest, dass wir beide wahrhaftig seit 2 Jahren nicht mehr getanzt hatten. So kam er auf die glorreiche Idee, mit mir nach dem Essen noch ein Tanzlokal aufzusuchen. Lachend behauptete er: „Das verlernt man nicht! Ist genau wie mit dem Radfahren.“

 

Und dann guckte er ganz schön verdattert drein, als ich heiter bemerkte: „Ich kann nicht Rad fahren!“

 

Doch dadurch ließ er sich nicht entmutigen!


***


Tatsächlich führte Gottlieb mich in ein ganz seriöses Tanzlokal, nicht in eine profane Disco, wie ich zuerst befürchtet hatte. – Als ich an seinem Arm den – ja man konnte wirklich sagen – SAAL betrat, fühlte ich mich in einen alten amerikanischen Spielfilm versetzt. Das ganze Ambiente war richtig „Old Fashion“ , und es spielte wahrhaftig eine 5-Mann-Band live echte gediegene Tanzmusik.

 

Wir fanden Platz an einem der vielen kleinen Kaffeehaustische, die rund um eine riesige Tanzfläche standen, welche um diese Zeit schon recht bevölkert war.

 

Zunächst nahmen wir einen Drink und beobachteten die tanzenden Paare. Unwillkürlich seufzte ich wehmütig. – Da stand Gottlieb auf, reichte mir mit einer leichten Verbeugung lächelnd die Hand und forderte mich auf: „Komm Maren! Wollen wir es wagen?“

 

Ich erhob mich langsam und meinte schmunzelnd: „Auf deine Verantwortung.“

 

Wir stellten uns ziemlich an den Rand der Tanzfläche, nahmen Haltung ein, pendelten hin und her um den Rhythmus des Wiener Walzers zu finden, und dann pflügten wir mit ausgreifenden Schritten außen um die Tanzfläche herum, um die Paare, die sich vorsichtig auf der Stelle drehten, nicht zu gefährden. Erst rechts herum, dann links herum, und es war wirklich erstaunlich, wie gut wir harmonierten, es klappte ausgezeichnet. Der Schwung hatte uns so gepackt, dass wir uns kaum bremsen konnten, als die Musik kurz aufhörte, für eine kleine Unterbrechung, ehe sie erneut begann.

 

Was dann geschah, war irgendwie magisch! – Wir nahmen wieder Tanzhaltung ein, doch dann versanken unsere Blicke ineinander. Es erklang die Filmmusik „It only happens when I dance with You!“ (Es geschieht nur, wenn ich mit dir tanze) – Das war ein Slowfox, und plötzlich schwebten Gottlieb und ich übers Parkett wie seinerzeit Ginger Rogers und Fred Astaire. Und die anderen Paare machten freiwillig Platz und gafften nur.

 

Als die Musik verklang und wir in einer sehr professionellen Schlusspose verharrten, schauten wir uns ganz verliebt an. – Dann brandete ein Beifall auf, der uns wie aus einem Traum erwachen ließ.

 

Auf einmal wurden wir von Leuten umringt, die Gottlieb um ein Autogramm baten, man hatte ihn wahrhaftig erkannt. Ich fühlte mich ein wenig zur Seite gedrängt, aber ich nahm es gelassen hin. Schließlich war Gottlieb der Star, was ich ohne Neid akzeptierte. –

 

Doch dann horchte ich auf, als mein Name genannt wurde. Gottlieb zog mich energisch an seine Seite und verkündete zur allgemeinen Verwunderung – auch zu meiner eigenen: „Herrschaften, Sie sind grad Zeuge einer Premiere geworden! Mit dieser fabelhaften Frau und Tänzerin werde ich erneut den Meistertitel anstreben!“

 

Leicht empört unterbrach ich ihn: „Und ich werd gar nicht gefragt?“ – „Nein, mein Schatz! Es ist eine Tatsache, dass wir von nun an gemeinsam durchs Leben tanzen!“

 

Und dann küsste er mich einfach, vor allen Leuten, die fröhlich applaudierten, und ich schwebte unverhofft in den 7.Himmel! ---


Tja, was gäbe es da noch zu erzählen? –

 

Ein gutes Jahr später gab Gottlieb mir einen aufmunternden Kuss auf die Nasenspitze, wie er es immer tat vor einem Turnier. Dann liefen wir elegant Hand in Hand auf die Tanzfläche, um den Preisrichtern im Finale der Deutschen Standardmeisterschaft unseren Paradetanz, den Slowfox, darzubieten.



ENDE

Imprint

Text: eigener Text verfasst 2017
Images: selbst gezeichnetes Bild (2017)
Publication Date: 07-18-2017

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