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FRISEUSEN SIND LEICHT ZU HABEN

(und Frisöre meist schwul)

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

Was solche gewissen Klischees oder Vorurteile betraf, befand ich mich etwas im Zwiespalt, denn ich kannte beide Seiten. -

Seit gut einem Jahr war ich nun Witwe und als Erbin meines Mannes die Inhaberin einer Friseursalonkette. - Zusammen hatten wir das Geschäft aufgebaut. Und alles begann vor beinah 30 Jahren, als ich kleiner verschüchterter Lehrling in dem neuen Friseurladen am Ort bei Gisbert Wunderlich eingestellt wurde.

 

 

***

 

 

Es war keine Liebe auf den 1.Blick, aber tiefe Zuneigung, die wir sofort füreinander empfanden, obwohl Gisbert 15 Jahre älter war als ich.

Nein, ich sah in ihm keinen Vaterersatz! Ich hatte einen sehr lieben Papa, auch eine Mama und einen kleinen Bruder, also eine normale, intakte Familie. - Und meine Gefühle für Gisbert waren tatsächlich die einer Frau für einen Mann; bei ihm war ich mir am Anfang nicht so sicher.

 

Nun konnte man mich nicht gerade als Schönheit bezeichnen. Meine Figur hatte keine Modelmaße, kleiner Busen, kein Arsch in der Buxe, aber jede Menge Speckröllchen an Hüfte und Bauch.Zudem noch meine geringe Größe von 1,65 m, und Gisbert war ein 2 m Mann. - Auch meine Haare entsprachen bestimmt nicht einer Reklame für einen Friseursalon, ich trug sie lang, fast bis zur Hüfte, aber immer zu einem Zopf zusammen gebunden. Die Farbe konnte man als ''Straßenköterblond“ bezeichnen, dazu passten meine schlammfarbenen Augen, eine Mischung aus braun und grau.

Dementsprechend verhielt ich mich immer sehr schüchtern, vor allem dem männlichen Geschlecht gegenüber. Doch Gisbert zollte mir von Anfangan eine gewisse Aufmerksamkeit, als wäre ich für ihn die hübscheste Frau der Welt. -

Sehr zum Ärger der flotten Gesellin Philomena, die wohl ein Auge auf ihn geworfen hatte. Allerdings gehörte sie zu der Sorte von Frauen, die mit allem flirtete, was Hosen trug. Darum schnitt sie auch vorzugsweise den Männern die Haare, während Gisbert sich der Damen annahm, aber immer korrekt und zurückhaltend, dabei von einer so höflich zukommenden Art, dass die Frauen sich sehr gern von ihm bedienen ließen.

Meine Hauptaufgabe im 1.Lehrjahr bestand darin, dass ich die Waschbecken reinigte und den Laden ausfegte. So ergab es sich auch automatisch, dass ich noch etwas länger blieb, während Philomena stets pünktlich Feierabend machte ---

 

An einem dieser Abende, als ich mit Gisbert allein war, bot er mir an, mir eigenhändig eine neue Frisur zu kreieren. Leicht verwundert ließ ich ihn gewähren, und zunächst empfand ich das Abschneiden der langen Haare wie eine kleine Amputation. Bei der ganzen Prozedur hielt ich die Augen krampfhaft geschlossen und wagte erst in den Spiegel zu schauen, als alles vorbei war.

Doch dann staunte ich Bauklötze über die hübsche junge Frau, die mir da entgegen blickte.

Gisbert hatte mir einen gerade sehr modernen Bubikopf verpasst, mit einem pfiffigen Fransenpony, der mich richtig keck aussehen ließ, ich erkannte mich selbst kaum wieder.

Und sogleich lud er mich zum Abendessen ein, um, wie er lächelnd sagte, die neue Frisur auszuführen. Ich nahm die Einladung freudig an, und sie wurde unser erstes richtiges Rendezvous mit allem was dazu gehörte, Komplimente, Flirten, einander etwas von sich erzählen und schließlich ein sehr inniger Kuss vor meiner Haustür, der mich regelrecht von den Füßen riss, denn er musste mich, bei dem Größenunterschied, hoch heben, damit sich unsere Lippen fanden. ---

 

Doch im Geschäft blieb Gisbert weiterhin höflich distanziert – was ich sehr gut verstand – sodass lange Zeit noch nicht einmal Philomena auffiel, was da zwischen uns lief, und sie ihm weiter schöne Augen machte. ---

 

Eine Sache gab mir allerdings zu denken; bis auf leidenschaftliche Umarmungen und sehr intensive Küsse, waren wir uns noch nicht wesentlich näher gekommen. Obwohl ich ihn sogar schon in seiner Wohnung über dem Laden besucht hatte.

Bei einem dieser Besuche erfuhr ich dann, dass Gisbert noch einen weiteren Friseursalon in der nahen Stadt besaß, den ein Freund von ihm, namens Henning Mohr, betrieb. Die Art und Weise wie er über diesen ''Freund“ sprach, machte mich schon ein wenig misstrauisch. Ich war ja trotz meiner Schüchternheit eine aufgeklärte Frau.

 

Dann gestand er mir beim Kaffeetrinken tatsächlich: „Hanna, ich will ehrlich zu dir sein! Gerade zu dir! Henning und ich sind seit 5 Jahren ein Paar. Ich besuche ihn regelmäßig jedes Wochenende. In der Großstadt ist unsre Beziehung kein Thema. Hier auf dem Dorf sieht das schon anders aus.“

Nun, ich war weniger schockiert als erwartet. Trotzdem fragte ich vorsichtig nach: „Und was ist das mit uns?“

Da seufzte er abgrundtief. „Das ist ja mein Dilemma! Dich liebe ich auch!“

Selbst diese Erklärung schreckte mich nicht ab. Ich lächelte sogar und bemerkte: „Ich glaub, das nennt man wohl Bi?“

Er starrte mich verblüfft an und konnte es wohl nicht fassen, dass ich die Sache so locker nahm.

Schließlich schlug er vor: „Begleite mich doch am kommenden Wochenende! Dann könnt ihr euch kennen lernen.“

Ich sah ihn eindringlich an und sagte: „Gisbert, ich will dich aber nicht vor eine Entscheidung stellen! Ich akzeptiere deine Beziehung zu einem Mann. Und mir genügt es, wenn wir nur Freunde bleiben.“

--- Mein heftig pochendes Herz strafte meine Worte Lügen! ---

Plötzlich brauste er auf: „Aber mir genügt es nicht! Im Gegenteil! Ich will, dass wir heiraten!“ - „Ja, und dich nebenbei mit Henning vergnügen.“ stellte ich nüchtern fest. „Ob ihm das aber reicht?“ - „Drum möchte ich ja, dass ihr euch kennen lernt. Damit wir das gemeinsam besprechen können.“ ---

Tatsächlich fuhr ich am nächsten Wochenende mit Gisbert in die Stadt zu seinem Freund.

 

***

 

Henning Mohr war ein recht gutaussehender Mann, etwas jünger als Gisbert und entsprach leider viel zu sehr dem Klischee eines Homosexuellen. Er bewegte sich geschmeidig tänzelnd, seine Stimme war etwas höher als eine normale Männerstimme, und sein Reden begleitete er mit ausgiebigen Gesten, er sprach sozusagen mit den Händen.

Doch entgegen dieses unterschwellige Femininem begrüßte er mich mit einem sehr kräftigen Händedruck, welchen ich ungeniert erwiderte. - Völlig frei und offen gaben die beiden Männer sich zur Begrüßung einen Kuss.

Henning schien schon von mir zu wissen, denn er benahm sich ganz zwanglos, war gleich mit mir per Du und bewirtete uns wie eine eifrige Hausfrau mit Kaffee und selbst gebackenem Kuchen.

Kaum hatten wir uns im Wohnzimmer an den hübsch gedeckten Tisch gesetzt, begann Henning auch schon munter zu plaudern: „Um eins klar zu stellen, ich steh wirklich nur auf Männer! Also nix hier von wegen flotter Dreier!“

Dabei musterte er mich aufmerksam, wohl gespannt auf meine Reaktion. Ich überlegte mir reiflich, was ich erwiderte und ahnte nicht, wie betroffen sich Gisbert über meine Antwort zeigte.

„Ich habe überhaupt nicht die Absicht, in eure Beziehung zu funken! Ich sagte bereits zu Gisbert, dass ich es akzeptiere, und wir es bei einer Freundschaft belassen können.“

Während Gisbert mich traurig ansah, rief Henning verwundert: „Ja, hat er dich denn noch nicht gefragt?“ - „Was gefragt?“ - „Na, ob du ihn heiraten willst!“

Ich schaute regelrecht verdutzt von einem zum anderen, und bei zwei so treuherzigen Hundeblicken musste ich wahrhaftig lachen und konnte nur nicken. -

Da holte Henning eine Flasche Champagner hervor, als ob er mit einer Feier gerechnet hätte, und es wurde ein recht feucht fröhlicher Abend, der damit endete, dass Gisbert mich in dem großen Doppelbett nach allen Regeln der Kunst verführte, während Henning auf der Couch im Wohnzimmer schnarchte,

 

***

 

Diese unsere erste Liebesnacht blieb nicht ohne Folgen, und Gisbert und ich heirateten knapp ein halbes Jahr später, natürlich mit Henning als Trauzeuge und zur großen Enttäuschung von Philomena, die sich selbst gern den Chef geangelt hätte.

Meine Eltern waren überglücklich, dass ich eine ach so gute Partie machte, und sie erfuhren nie von Gisberts Doppelleben; er und Henning waren immer sehr diskret. - Trotzdem führten Gisbert und ich eine gute, ganz normale Ehe, und ich war wirklich glücklich mit ihm und unserer Tochter Annette. -

Und so ganz nebenbei eröffnete Gisbert noch 4 weitere Frisiersalons in verschiedenen Städten. ---

 

 

Einen davon leitete dann später unsere Tochter, die wie selbstverständlich auch eine Friseurlehre machte. Sie entsprach jedoch, ganz im Gegensatz zu mir, dem Klischee der flotten Friseuse und ließ bei den Männern nichts anbrennen.

Schließlich heiratete sie doch einen Berufsschullehrer, aber die Ehe hielt nicht lange, denn Treue war für sie ein Fremdwort.

Gisbert zeigte sich über den Lebenswandel unserer Tochter sehr bestürzt, allerdings nachdem sie zwangsläufig von seiner Beziehung zu Henning erfuhr, verlor sie jeglichen Respekt vor ihm und brach sogar den Kontakt zu uns ab. ---

 

Dann ließ sie sich scheiden und tauchte unverhofft wieder bei uns auf, um sich bei mir, ihrer Mutter, auszuheulen. Doch ihre Trauer dauerte nicht lange, es gab ja so viele interessante Männer, die sie noch erobern wollte.

 

 

***

 

 

Mein Gisbert starb an einem schweren Herzinfarkt, der ganze Stress in der letzten Zeit, das ständige Pendeln zwischen den einzelnen Geschäften, dazu der Ärger über unsere Tochter, das alles war wohl zu viel für sein armes Herz. Und ich machte mir Vorwürfe, dass ich die Vorzeichen nicht rechtzeitig erkannt hatte.

Diese Schuldgefühle redete mir Henning aber ganz schnell wieder aus. - Nachdem er die Nachricht von Gisberts Tod erhalten hatte, kam er sofort, um mich zu trösten, obwohl er selbst ganz erschüttert war. Zusammen regelten wir alles bezüglich der Beerdigung.

Jedoch das Verhalten von Annette gegenüber Henning war mehr als frech. Sie fragte ihn glatt, was er bei uns zu suchen hätte, und er sollte sich gefälligst dahin zurück scheren, woher er gekommen war.

Henning nahm ihren Angriff gelassen hin und blieb auf meinen ausdrücklichen Wunsch auch bis zur Testamentseröffnung. Diese brachte eine kleine Überraschung. In seinem notariell beglaubigten letzten Willen verfügte Gisbert, dass ich zwar nun die Inhaberin der Ladenkette ''Wunderlich“ sein sollte, doch als Geschäftsführer setzte er Henning ein.

So weit verstand ich Gisbert ja noch, aber die Klausel bezüglich unserer Tochter Annette verwunderte mich. Darin hieß es, das Geschäft, welches sie im Augenblick leitete, sollte voll und ganz in ihren alleinigen Besitz übergehen, wenn sie einen Mann aus unserer Branche heiraten und auch bleiben würde. Ansonsten bliebe ich weiter die Eigentümerin, mit Henning als Geschäftsführer, und sie nur eine Angestellte.

Was hatte sich Gisbert nur dabei gedacht? Das klang ja beinah nach Erpressung! - Auch Annette erkannte es als solche und war sehr bestürzt. Sie verschwand einfach von der Bildfläche und brach wieder mal jeglichen Kontakt ab.

Es kostete Henning einige Mühe, so auf die Schnelle einen Ersatz für sie im Laden zu finden.

 

 

***

 

 

Nun, fast genau ein Jahr nach Gisberts Beerdigung erhielt ich plötzlich eine Nachricht von Annette, und sie kündigte ihren Besuch an.

--- Und während ich auf sie wartete, schwelgte ich also in Erinnerungen. ---

Dann stand sie vor der Tür, in ihrer Begleitung ein zwar junger Mann, aber deutlich um einiges älter als sie, von recht distinguiertem Aussehen.

Und dann fiel ich aus allen Wolken, als sie ihn mir vorstellte, und zwar als ihren Ehemann; sie hatten klammheimlich geheiratet.

Begeistert erzählte sie: „Stell dir vor, Mama, wir haben uns kennen gelernt, als ich ihm die Haare geschnitten hab.“

Mein Erstaunen war verständlich, denn der Mann hatte eine Glatze!

Dann stellte ich ihm die Gewissensfrage: „Und was sind Sie von Beruf?“

Er lächelte wissend und erklärte freimütig: „Ich bin gelernter Friseurmeister.“

Als ich erleichtert aufatmete, fügte meine Tochter jedoch fröhlich grinsend hinzu: „Aber nicht mehr als solcher tätig. Jetzt ist er ein sehr erfolgreicher Börsenmakler. Mit Villa und Chauffeur. - Und ich bin schwanger!“

 

 

 

ENDE

Imprint

Text: eigener Text verfasst 2017
Images: selbst gezeichnetes Bild (2017)
Publication Date: 10-12-2017

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