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TOI! TOI! TOI!

 

 

von Martina Hoblitz

 

 

 

Mir war speiübel vor lauter Lampenfieber! Eigentlich ein gewohnter Zustand, gegen den ich nicht das Geringste tun konnte. Und ich hatte schon alles Mögliche ausprobiert, von Beruhigungstabletten bis zum Schnaps. Aber nichts half, wenn es denn so weit war. Schon damals bei meinem ersten großen Auftritt.

 

***

 

Dabei handelte es sich lediglich um eine Aufführung der Theater-AG zum Schulabschluss.

Gut, das ausgewählte Stück war nicht gerade leichte Kost. Es hieß ''Der Widerspenstigen Zähmung“, und ich spielte die Hauptrolle, die widerspenstige Katharina.

Sinnigerweise war das auch im echten Leben mein Name, was mir das Schlüpfen in diese Rolle eigentlich erleichtern sollte. – Doch das Gegenteil war der Fall, denn der Charakter dieser Frau entsprach überhaupt nicht meinem Naturell. Vom Typ her zeigte ich mich eher schüchtern, zurückhaltend, ja bei gewissen Respektspersonen sogar regelrecht unterwürfig. Aber auf der Bühne wurde ich zu einem völlig anderen Menschen!

Obendrein war mein Schulkollege und Bühnenpartner noch mein Freund. Nein, wir gingen nicht miteinander, wie es damals landläufig hieß, wir waren nur gute Freunde. Doch wir zeigten beide großes schauspielerisches Talent, wenn wir zusammen agierten, sodass tatsächlich der Eindruck entstand, wir wären wahrhaftig ein Paar.

Nur ich als seine beste Freundin kannte sein Geheimnis, Gregor war schwul! Zur damaligen Zeit war diese Neigung noch verpönt, und man outete sich nicht so schnell wie heute. ---

 

--- Jedenfalls wurde diese Schulaufführung ein großer Erfolg, und sowohl Gregor als auch ich beschlossen, die Schauspielerei zum Beruf zu machen.

Seine Eltern sahen das lockerer als meine. Nun war er ja auch der jüngste von 5 Söhnen und ich Einzelkind. – Doch gemeinsam konnten wir meine Eltern von unseren Plänen überzeugen, sie mochten Gregor und dachten genau wie alle Anderen in die falsche Richtung. ---

 

--- So zogen Gregor und ich in die nächst gelegene Großstadt und meldeten uns an der dortigen Schauspielschule an. ''nächst gelegen“ bedeutete in unserem Fall 300 km weit entfernt!

 

***

 

Unser Zusammenleben in der kleinen und doch ziemlich geräumigen Mansardenwohnung in einem alten Mietshaus ohne Fahrstuhl mitten im Stadtkern gestaltete sich recht harmonisch.

Hier in der Großstadt hatte Gregor endlich keine Probleme mehr mit seiner Homosexualität. Nur nutzte er das auch weitgehend aus, keine seiner Affären dauerte länger als 14 Tage.

Ich hingegen hatte noch keinen Mann gefunden, der mich irgendwie reizen konnte, allerdings war ich auch nicht der Typ für lockere Beziehungen. Im Grunde genommen wartete ich mit großer Naivität auf den einzig Richtigen, die wahre Liebe, den Traumprinzen schlechthin!

Gregor, der meine diesbezügliche Einstellung kannte, lachte mich immer wieder herzlich deswegen aus.

Prinzessin, träum weiter! Die einzig wahre Liebe gibt es nicht! Und schaut man bei den sogenannten Traummännern hinter die Fassade, sind es doch nur alles Schwachköpfe. Viel Muskeln, wenig Hirn!“

Darauf erwiderte ich immer ganz trocken: „Ich mag aber keine Muskelprotze!“ –

 

Und dann verguckten wir uns beide in denselben Typ!

 

***

 

Er hieß Ansgar Weber, war Mitte 30 und von der äußeren Erscheinung eher unauffällig, weder besonders attraktiv noch direkt hässlich, eben Durchschnitt.

Und er war eindeutig hetero, was einen Pluspunkt für mich bedeutete, aber sofort mein Mitleid weckte, als ich bemerkte wie Gregor ihn anhimmelte.

Ansgar – wir duzten uns alle von Anfang an – unterrichtete uns in Rhetorik, womit ich so gar nicht klar kam, denn das hieß frei sprechen und improvisieren. Ich konnte besser mit einem vorgeschriebenen Text arbeiten.

Er gab uns ein Thema, über welches wir 5 Minuten lang frei referieren sollten. Ausgerechnet bei mir stellte er das Thema: Liebe auf den 1.Blick! – Ob das vielleicht Absicht war? Denn er sah mich schon die ganze Zeit so seltsam an.

Jedenfalls geriet ich ins Stottern und brachte nur unzusammenhängende Sätze zustande. Hinzu kam noch das schadenfrohe Grinsen von Gregor, was mich innerlich vor Wut kochen ließ.

Doch Ansgar reagierte unerwartet positiv. Er lächelte mich warm an und erklärte: „Also Kathi, eins ist jetzt mal klar. Für Standup-Theater bist du nicht geeignet! Ich hörte jedoch von Kollege Heiko, in Interpretation bist du klasse. Du kannst dich wohl in jede Rolle rein versetzen und deinen Text schnell auswendig lernen?“ – Ich konnte nur verdutzt nicken. – „Trotzdem solltest du weiter an meinem Unterricht teilnehmen. Nicht gleich aufgeben! Vielleicht wird’s ja noch?“

Da warf Gregor ein: „Vielleicht liegt's aber auch nur am Thema?“

Damit hatte er sich selbst ein Ei gelegt, denn prompt forderte Ansgar ihn auf: „Dann versuch du doch mal dein Glück!“

Der gute Gregor ließ sich nicht aus der Fassung bringen und bot uns eine regelrechte Liebeserklärung. – Nun stand Ansgar neben mir, und Gregor sprach in unsere Richtung, aber es war nicht ersichtlich, wen von uns beiden er meinte. Ich wusste allerdings, dass ich nicht gemeint sein konnte, doch für alle Anderen – einschließlich Ansgar – wurden wir sogleich als Paar ''erkannt“. – Dieser Schlawiner! Mit voller Absicht hatte er diesen Eindruck erweckt, um mich auszutricksen. ---

 

--- Nun, ich wartete, bis wir abends in unserer Wohnung allein waren und stellte ihn empört zur Rede: „Dein kleines Intrigenspiel heut Nachmittag nutzt dir gar nix! Auch wenn du mich vor Ansgar in ein falsches Licht gerückt hast, sind deine Chancen damit nicht gestiegen. Erstens ist Ansgar eindeutig nicht von deinem Ufer, und zweitens hast du dich selbst ausgekickt. Denn jetzt gelten wir Zwei ja als Paar.“

Statt beleidigt zu sein, grinste Gregor nur und erklärte: „Für wie doof hältst du mich? Natürlich ist Ansgar nicht schwul.Aber für dich ist er auch nix! Oder ist dir sein Ruf als Hallodri noch nicht zu Ohren gekommen? Ich will dich lediglich vor einer Dummheit bewahren, Prinzessin. Dieser Typ ist alles Andere als dein Traummann!“

Das fand ich ja nun wieder richtig rührend von ihm! – Tatsächlich hatte ich auch schon gehört, dass Ansgar in punkto Frauen nichts anbrennen ließ, vor allem bei seinen Schülerinnen. Und neidvoll musste ich mir eingestehen, dass es unter ihnen ein paar sehr attraktive Exemplare gab, mit denen ich in keiner Weise konkurrieren konnte.

Obwohl, so ganz unansehnlich war ich auch nicht, nur eben etwas hausbacken, weil ich nichts aus meinem Äußeren machte.

Als hätte Gregor meine Gedanken gelesen, schlug er plötzlich vor: „Du kannst ja mal versuchen, dich ein wenig aufzustylen. Eine neue Frisur und etwas Make-up könnte da schon helfen. Und vielleicht mal ein Kleid oder Rock, statt ständig nur Hosen?“

Etwas ungehalten entgegnete ich: „Ach, bist du jetzt mein neuer Stilberater? Ich hab mich mit meinem Aussehen bisher ganz wohl gefühlt. Meiner Meinung nach kommt es sowieso mehr auf die inneren Werte an.“

Da lachte er mich herzlich aus.“Aber auf das Äußere fällt der 1.Blick!“

Diese Bemerkung, die sich eindeutig auf mein Unterrichtsthema bezog, brachte mich schließlich auch zum Lachen. ---

 

--- Tatsächlich versuchte ich es zunächst mit einer neuen Frisur. Doch während Gregor von den kurzen Haaren begeistert war, äußerte sich Ansgar nur: „Schade, deine langen Haare haben mir besser gefallen!“ –

Also überlegte ich mir, meinen Klamottenstil zu ändern und kaufte mir einen Rock. Ich achtete extra darauf, dass er nicht zu kurz war, aber trotzdem mokierte Gregor nach einem kritischen Blick: „Nee, Kathi! Für Rock oder Kleid sind deine Beine nicht schön genug. Bleib lieber bei den Hosen!“

So nahm ich mir seinen Rat zu Herzen und verbannte den Rock in den hintersten Winkel meines Kleiderschranks und trug weiterhin meine heißgeliebten Hosen. –

Mit Make-up probierte ich mich gar nicht erst aus, sondern gab es schließlich ganz auf, Ansgars Aufmerksamkeit zu gewinnen. Worüber Gregor im Stillen erleichtert schien.

 

***

 

Nach ungefähr einem halben Jahr wurden wir Neulinge einer ersten Prüfung unterzogen. Unsere Lehrer stellten ein kleines Bühnenprogramm auf die Beine, worin sich jeder von uns recht individuell beweisen sollte.

War es Zufall oder Absicht, dass ausgerechnet Gregor und mir die berühmt berüchtigte Balkonszene aus ''Romeo und Julia“ aufs Auge gedrückt wurde?

Wir waren jedenfalls so überzeugend, dass uns ein anwesender Theaterintendant vom Fleck weg engagieren wollte, obwohl wir unsere Ausbildung doch noch gar nicht abgeschlossen hatten.

Einer der sich vehement dagegen aussprach, war Ansgar. Er nahm uns Zwei zu einem ernsten Gespräch beiseite und warnte uns davor, die Ausbildung jetzt abzubrechen.

Es ist noch zu früh für euch, sich Flausen in den Kopf setzen zu lassen. Ich hab schon ganz andre Talente an zu frühem Ruhm zugrunde gehen sehn.“

Gregor und ich wechselten einen verblüfften Blick, und mein Freund äußerte sich unwillig: „Du tust grad so, als handle es sich um ein unmoralisches Angebot!“

Ansgar nickte und behauptete ernsthaft: „Im Grunde genommen ist es das auch. Kein seriöser Intendant engagiert Neulinge!“

Er warf mir einen seltsamen Blick zu und bemerkte noch: „Außerdem braucht ihr euch auf eure Leistung nicht besonders viel einbilden. Ihr als Paar konntet die Szene sehr überzeugend rüber bringen.“

Ehe ich den Mund auf bekam, stellte Gregor nach einem kurzen Räuspern richtig: „Kathi und ich sind kein Paar, sondern nur gute Freunde!“

Als Ansgar ungläubig lachte, fügte er hinzu: „Ich bin nämlich schwul!“

Worauf Ansgar ihn sprachlos anstarrte. Dann fing er an zu stottern: „Aber … aber damals … im Unterricht. Da hast du ihr doch eindeutig eine Liebeserklärung gemacht.“

Nach einem kurzen Moment der Verlegenheit gestand Gregor frei heraus: „Die war eigentlich an dich gerichtet!“

Als Ansgar entsetzt nach Luft schnappte, winkte Gregor lässig ab. „Keine Angst! Ich hab schnell erkannt, dass wir nicht in derselben Liga spielen.“

Plötzlich warf Ansgar mir einen waidwunden Blick zu und murmelte fast wie zu sich selbst: „Wenn ich das gewusst hätte!“

Und ich wagte es wahrhaftig nachzuhaken: „Was wäre dann?“

Gregor, mein bester Kumpel, erkannte die Situation sofort und ließ uns taktvoll allein. Und Ansgar fackelte nicht lange, mir meine Frage in eindrucksvoller Weise zu beantworten, indem er mich sanft in seine Arme zog und mich innig küsste. ---

 

--- Ein Jahr später brach Gregor seine Ausbildung ab und ging zum Film, allerdings nicht als Schauspieler, sondern als Regisseur.

Wir gaben unsere Mansarde auf, und ich zog zu Ansgar in sein feudales Eigentumsappartement.

 

***

 

Und wie ein Regisseur gebärdete sich Gregor auch, als er in den kleinen Vorraum wirbelte, in welchem ich mich vorbereitete. Er tänzelte um mich herum, zupfte hier und da an meinem Kleid und bombardierte mich mit Fragen.

Wie fühlst du dich? Bist du bereit? Deinen Text kannst du?“

Ich nickte nur stumm, denn ich musste heftig schlucken an einem gewaltigen Kloß in meinem Hals.

Gregor klopfte 3x auf den kleinen Holztisch, der da stand, rief: „Toi! Toi! Toi!“ - und bot mir seine Armbeuge, in welche ich mich seufzend einhakte. –

 

So führte er mich schließlich den Mittelgang der kleinen Kirche entlang, bis zum Altar, wo Ansgar in einem fabelhaft sitzenden nachtblauen Smoking auf mich – seine Braut! – wartete!

 

 

ENDE

Imprint

Text: eigener Text verfasst 2018
Cover: by pixabay
Publication Date: 02-03-2018

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